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Links der Woche 16/13: Who put the little baby swastika on the wall?

Unsere Links der Woche, Ausgabe 16/2013:

 

Ein neues Comic-Label: Egmont Graphic Novel
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Die Egmont Verlagsgesellschaften führen ein neues Label ein: Ab Oktober erscheinen diverse neue Einzelbände unter dem Signet „Egmont Graphic Novel“. Gleichzeitig wird aus der bisherigen „Ehapa Comic Collection“ die „Egmont Comic Collection“. Im Interview nennt Verlegerin Alexandra Germann die ersten sieben Titel des neuen Graphic-Novel-Programms und erklärt die Beweggründe: „Wir hatten immer schon vereinzelt Graphic Novels in unserem existierenden Comic-Programm, neu ist nun, dass wir dem Segment mit einer eigenen Bühne noch mehr Raum geben möchten.“ Die Starttitel sind eine bunte Mischung von Comics aus Spanien, Frankreich und den USA. Außerdem gibt es mit Antoinette kehrt zurück von Olivia Vieweg, der Gewinnerin des Comic-Stipendiums 2012, eine erste Eigenproduktion, verbunden mit einer Einladung des Verlags an einheimische Zeichner und Autoren: „Schickt uns Eure Graphic Novel Projekte – sie finden gesteigerte Beachtung.“

Über Kreuz mit der Geschichte
Oliver Ristau, tagesspiegel.de
Anlässlich des eben veröffentlichten Comics WW 2.2 aus dem neuen Verlag Diábolo Ediciones beschäftigt sich dieser Artikel mit dem Thema „Hakenkreuze in Comics“ und wann und warum diese in deutschen Ausgaben retuschiert werden, angereichert mit interessanten Beispielen aus der Zensurgeschichte.

„Nichts für ungut, Supie, alles Gute zum Geburtstag!“
tagesspiegel.de
Deutsche Comiczeichner gratulieren Superman, der am 18. April 1938 zum ersten Mal in einem Comicheft auftauchte, zum 75. Geburtstag. Der Tagesspiegel sammelte Statements zum Urvater aller Superhelden – zu Wort kommen Flix, Sarah Burrini, Bela Sobottke, Nicolas Mahler, Gerhard Seyfried, Ralf König, Tomppa, Mawil und Reinhard Kleist. Das Comicportal des Tagesspiegel veröffentlichte in dieser Woche noch ein paar weitere Artikel zum Superman-Jubiläum (siehe Kasten „Mehr zum Thema“).

Will Eisner Comic Industry Awards 2013 Nominations Announced
Comic-Con International
Die Nominierungen für die Eisner Awards 2013, den „Oscar“ der amerikanischen Comicbranche, sind da: Die meisten Nennungen gab es für die Serie Fatale von Ed Brubaker und Sean Phillips, gefolgt von Chris Wares Buliding Stories und die Marvel-Reihe Hawkeye von Matt Fraction und David Aja. Zählt man die Nominierungen nach Verlagen, führt der Indie-Verlag Fantagraphics mit 24 Nennungen vor Image Comics mit 17. DC Comics kommt lediglich auf zwei Nominierungen (für die Cover von Batwoman und The Unwritten), Marvel auf sieben (für Hawkeye und Road to Oz). Einige Kommentatoren (wie Corey Blake bei Robot 6) werten dies als eine Abkehr der Eisner-Juroren von den Superheldencomics, die bei diesem Preis bislang keine unwichtige Rolle spielten. Etwas Aufregung gab es um ein Tumblr-Posting von Frank Santoro, einem der sechs Jurymitglieder. In dieser „Before Watchmen Blacklist“ (veröffentlicht im Februar oder März 2013) zählte er alle Künstler auf, die an DCs moralisch sehr umstrittenem Before Watchmen-Projekt beteiligt waren und schrieb, er würde sich weigern, etwas von diesen Leuten zu lesen oder zu kaufen. Mehr dazu bei iFanboy.

Gute Nacht, Punpun 1

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Cover Gute Nacht, Punpun 1Inio Asano ist gar keine so neue Erscheinung in Deutschland. Bereits 2006/7 erschien das zweibändige What a Wonderful World bei Egmont Manga. Die wenigen Kritiker, die sich damals schon mit Manga befassten, lobten den Titel überschwänglich. Kaufen wollte ihn aber so gut wie niemand, und das Thema Asano war für Egmont damit erledigt. 2010 legte Schreiber & Leser unter seinem Shodoku-Imprint mit Sun Village nach, einem Einzelband, der sich lose an die episodischen Handlungen in What a Wonderful World anlehnte. Auch hier waren die Wenigen, die sich den Band anschafften, überschwänglich des Lobes, was sich in der deutschen Comic-Landschaft aber weiterhin kaum in ökonomische Gewichtung umrechnete. Sun Village ist derzeit noch erhältlich, What a Wonderful World wurde von Egmont bereits vor einiger Zeit aus dem Programm genommen.

Aller guten Dinge sind drei, dachte man sich ausgerechnet bei Tokyopop, die sich an eher anspruchsvollen und experimentellen Manga-Veröffentlichungen bisher kaum versucht hatten, und startet dieses Frühjahr gleich eine ganze Asano-Offensive: Das zweibändige, hochgelobte Meisterwerk Solanin erscheint ab April. Bereits erhältlich ist der erste Band von Asanos opus magnum Gute Nacht, Punpun, das in Japan bereits elf Bände umfasst und noch nicht abgeschlossen ist. Für Herbst 2013 sind noch weitere Asano-Einzelbände geplant, sodass Tokyopop hier bereits von einer Werkausgabe spricht.

Szene aus Gute Nacht, Punpun 1Dass man mit Gute Nacht, Punpun etwas ganz Besonderes vor sich hat, merkt man spätestens, wenn man versucht zu beschreiben, was dieser Manga eigentlich ist. Ein Jugenddrama? Irgendwie schon. Schließlich sind die Hauptfiguren Kinder, allesamt kurz vor der Pubertät stehend. Das erste Interesse am anderen Geschlecht, die Unerfahrenheit im Umgang mit sexuellen Themen sind wichtige Bestandteile der Geschichte. Auch die Gefühlswelt der titelgebenden Hauptfigur gerät aus den Fugen, als sich der schüchterne Junge in seine neue Mitschülerin Aiko verliebt – ein Mädchen mit Zahnlücke, das überzeugt ist, dass die Menschheit bald aussterben wird, von der Flucht aus ihrem öden Leben träumt und in dem naiven Punpun einen Mitstreiter sucht und findet.

Doch – und hier wird es seltsam – Punpun ist, wie alle Mitglieder seiner Familie, kein Mensch, sondern ein kleiner Strichmännchenvogel, extrem simpel gezeichnet, eigentlich nur ein halbes Oval mit Schnabelspitze und einem Punkt als Auge. Damit fällt Punpun schon ästhetisch völlig aus dem Rahmen, denn ansonsten ist der Manga hochdetailliert und realistisch gehalten. Asano-Kenner fühlen sich Dank seiner typischen Figurendesigns mit den runden Gesichtern und breiten Mündern von Anfang an gleich heimisch. Asano bricht hier die Wahrnehmungsgewohnheiten der Leser, denn während die Punpuns auf dem Papier wie Fremdkörper wirken, behandeln alle Figuren in der Geschichte sie wie ganz normale Mitbürger. Selbst die restlichen Punpuns benehmen sich nicht weniger absonderlich als die meisten anderen Figuren in Gute Nacht, Punpun: Als Punpun-Papa im Suff Punpun-Mama niederknüppelt, befördert er damit seine Frau dauerhaft ins Krankenhaus und sich selbst ins Gefängnis, und von nun an kümmert sich Punpuns soziopathischer Onkel Yuichi um den Jungen.

Panel aus Gute Nacht, Punpun 1Ist Punpun dann eine Satire? Auch das, sicherlich: Der Manga zieht insbesondere die Reaktionen der erwachsenen Figuren oft ins Groteske, verzerrt ihre Gesichter zu extremen, entstellten Grimassen und lässt sie Dinge sagen, die unter der gesellschaftlichen Maske der japanischen Umgangsformen in der Regel ungesagt bleiben. Damit inszeniert Asano den Wahnsinn des Alltags mit rabenschwarzer, bitterböser Konsequenz. Dennoch ist Punpun als dramatische Figur nicht Mittel zum Zweck irgendeiner Agenda, sondern wird von Asano mit all seinen Hoffnungen und Ängsten durchaus genommen.

Doch selbst damit hat sich Gute Nacht, Punpun noch lange nicht kreativ erschöpft. Asano streut immer wieder aus dem Nichts schräge Visionen, Halluzinationen und psychedelische Sequenzen dazwischen, windet sich in haarsträubenden Absurditäten und taucht hin und wieder selbst per Fotomontage als dauergrinsender nackter Gott auf, der Punpun Ratschläge erteilt. Die vielen Absonderlichkeiten des Manga sind teils zum Schreien komisch. Dann bricht wieder die für Asano typische bedrückende, tragische, mitunter apokalyptische Grundstimmung hervor, die sich in den kommenden Bänden noch verstärken wird.

Szene aus Gute Nacht, Punpun 1In Sachen Ausstattung kann die Tokyopop-Ausgabe glänzen: Das grellgelbe Cover kommt mit Punpun-Prägedruck und Klappbroschur. Der deutsche Übersetzung liest sich flüssig und lebendig. Die japanischen Soundwords blieben erhalten und wurden durch grafisch angepasste deutsche Soundwords ergänzt. Und bei gut 220 Seiten für gerade mal 6,95€ sollte hier wirklich jeder zugreifen, der auch nur rudimentäres Interesse an hochwertigen Manga-Publikationen hat. Es ist Tokyopop wirklich zu wünschen, dass sie mit ihren Asano-Veröffentlichungen mehr Glück haben als die anderen deutschen Verlage vor ihnen, denn hier ist ein Ausnahmekünstler am Werk, dessen Publikationen den deutschen Manga-Markt aufwerten wie kaum etwas anderes.

Fazit: Ein wunderschön gezeichnetes, eigenwilliges, ebenso absurd komisches wie ergreifendes Manga-Meisterwerk. Definitiv einer der besten Titel auf dem deutschen Markt, an dem angesichts von Ausstattung und Preis eigentlich kein Weg vorbei führen sollte. Kaufen!

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Wunderschön gezeichnetes, eigenwilliges, ebenso absurd komisches wie ergreifendes Manga-Meisterwerk

 

Gute Nacht, Punpun 1
Tokyopop, März 2013
Text und Zeichnungen: Inio Asano
Übersetzung: Sakura Ilgert
224 Seiten, schwarz-weiß, Softcover, broschiert, japanische Leserichtung
Preis: 6,95 Euro
ISBN: 978-3-8420-0687-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Tokyopop

Nemi – Band 3

Cover Nemi 3Nemi ist eine Stripreihe über ein aufgewecktes Goth-Girl und seine Freunde, gezeichnet von der Norwegerin Lise Myhre. Wie ich gehört habe, ist die Reihe in ihrem Heimatland ein Riesending. Auch in Frankreich, England und den USA liegen bereits Bücher vor, die US-Ausgabe sogar mit einem Vorwort von Tori Amos. Bei uns erscheinen die Strips in der Musikzeitschrift Orkus, außerdem liegt inzwischen das dritte Buch bei Ubooks vor, einem Nischenverlag für Bücher etwas abseits der Norm.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass die Figur Nemi ausgerechnet aus Norwegen kommt und dort auch die meisten Anhänger hat, gibt es doch gerade dort eine besonders große – teilweise auch recht durchgeknallte – (Black) Metal-Szene. Wirklich durchgeknallt ist Nemi allerdings nicht, und Musik spielt auch keine allzu große Rolle in der Reihe, nur ab und zu fallen Namen und Zitate von bekannten und beliebten Oldschool-Typen wie Glenn Danzig oder Alice Cooper.

Strip aus Nemi 3Wichtiger als der Musikbezug ist aber zweifelsohne Nemis ausgeprägtes und sehr verschrobenes Weltbild und ihre sprühende Fantasie. Sie ist das Idealbild einer jungen Rebellin, intelligent und unangepasst und ohne Interesse daran, jemals ernsthaft berufstätig zu werden. Ihr Geld verdient sie mit Gelegenheitsjobs, unter anderem in einer Videothek. Sie ist nonkonformistisch aus Überzeugung und skeptisch gegenüber allem, was gerade Mainstream ist. So ist sie zum Beispiel eine große Tolkien-Verehrerin, kann aber mit den Filmen wenig anfangen.

Es ist Lisa Myhre sehr wichtig, dass Nemi ihre schrägen Ansichten unverblümt der Welt mitteilt, und das kann in der Tat manchmal etwas belehrend wirken. Öfter allerdings freut man sich als Leser, in pointierter Form zu lesen, was man selbst vielleicht ganz ähnlich sieht. Beeindruckend ist in diesem Zusammenhang auch die zweiseitige Adaption des Monologs Daughter der Goth-Poetin Nicole Blackman. Der Text ist ohnehin gut, aber als Grundlage zur Charakterisierung der Figur Nemi ist er äußerst passend und aufschlussreich. Nemi erhält dadurch Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Strip aus Nemi 3Aber eine Figur alleine macht noch keinen Comic. Für einen Ausgleich in der Figurenkonstellation sorgt vor allem Nemis beste Freundin Cyan, die einer geregelten Büroarbeit nachgeht und oft auch Arbeit mit nach Hause nimmt. Sie holt Nemi stets aufs Neue auf den Boden der Realität zurück, wenn ihre Fantasie mal wieder vollends zu galoppieren beginnt.

Die Figuren sind prima dazu geeignet, sich mit ihnen zu identifizieren. Ein gewisses Verständnis für Nemis Verweigerungshaltung und ihren durchaus erkennbaren Hang zur Selbstzerstörung (Saufen, Rauchen) sollte man allerdings schon haben. Größtenteils handeln die Strips von typischen Alltagssituationen und oft wirkt die Reihe wie Zuckerfisch von Naomi Fearn, nur etwas schwärzer – in der Kleidung, nicht im Humor. Nicht jeder Gag zündet, aber Lise Myhre verschont uns dankenswerterweise mit blöden Witzen. Tatsächlich ist es eine große Stärke der Reihe, dass sie nicht auf Biegen und Brechen witzig sein möchte. Die Episoden sind immer nah am witzigen Alltag.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Nemi überzeugt mit hintergründigem Witz, der sich oft weniger in Pointen ausdrückt als vielmehr in der versponnenen Gedankenwelt der Figuren.

 

Nemi – Band 3
UBooks, Februar 2013
Text und Zeichnungen: Lise Myhre
Übersetzung: Maren Kanopka
144 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-939239-49-9

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: UBooks

Geschichten aus dem Viertel

Cover Geschichten aus dem ViertelIn seinem äußerst gelungenen Vorwort weist der spanische Comickritiker Óscar Palmer darauf hin, dass Rotlichtviertel immer schon eine gewisse Faszination auf Künstler ausgeübt haben. Sie spielten oftmals mit dem Feuer, ließen sich in moralische Niederungen hinab und suhlten sich oft genüsslich im Elend. Dabei hatten sie immer die Möglichkeit, zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren. Gabi Beltrán hatte diese nicht. Denn er wuchs mit seinen Freunden in einem solchen verrufenen Viertel auf. Und eine einzige Sache rettet ihn: die Liebe zum Comic. Schließlich wurde er selber ein in Spanien gefeierter Zeichner, aber die Zeichnungen zu seinen autobiografischen Geschichten aus dem Viertel überließ er lieber seinem Kollegen und Landsmann Bartolomé Seguí. Vielleicht gingen ihm die Erinnerungen zu nah.

Der junge Gabi wächst in den 1980ern auf Mallorca auf. Aber Palma de Mallorca ist noch längst nicht das Touristenparadies wie man es heute kennt, sondern hat auch sehr zwielichtige Ecken zu bieten. In einer davon wohnen Gabi und seine Freunde. Umgeben von Elend und Hoffnungslosigkeit versuchen sie ihren Weg zu finden, der sie möglichst weit von der Umgebung wegbringen soll. Das ist aber nicht so leicht. Schließlich ist es schwer, in einer Gegend Geld zu verdienen, wo viele arbeitslos sind. So verkaufen sie Zeitungen, begehen kleine Diebstähle oder machen Botengänge. Am liebsten verkuppeln sie aber Seeleute, die im Hafen anlanden, an Bordelle oder Restaurants. Was letztlich zum Zusammenhalt der Familie beiträgt, da nicht wenige Mütter von Freunden anschaffen gehen. Dieser Umstand macht es allerdings auch nicht leicht, seine eigene Unschuld zu verlieren.

Mit das Erstaunlichste an diesen Geschichten aus dem Viertel ist ihr Tonfall. Die hier erzählten Anekdoten und Episoden sind alle autobiographisch und drücken oft eine gewisse Wehmut aus. Eine Melancholie, die bei dem Gedanken an alte Bekannte und Freunde entsteht, was dafür spricht, dass man sie vermisst. Gleichzeitig macht Beltrán immer die Trostlosigkeit dieses Lebens deutlich und verherrlicht nicht. So eine Haltung kann schnell zum Gehabe eines Bohémiens führen: „Seht dieses Elend, aber ich fühle mich wohl darin und es hat seinen eigenen Charme.“ Nein, das hat es nicht.

Seite aus Geschichten aus dem ViertelDie Zeichnungen zeigen zwar kein Ghettobild mit Mülltonnen und menschlichen Wracks am Straßenrand, aber die Perspektivlosigkeit zieht sich durch jedes Bild. Segui verzichtet dabei auf knallige Effekte und Gewalt wird beispielsweise nie gezeigt. Es ist davon die Rede, ja, aber abgesehen von einer einzigen Szene steht sie nie im Mittelpunkt. Es geht viel eher um die psychischen Auswirkungen des Aufwachsens in einem solchen Viertel. Da merkt man als Leser deutlich die gegenseitigen Sympathien und erfreut sich an den Freundschaften der Figuren, obwohl man denen wahrscheinlich nicht gerne im Dunkeln begegnen würde. Die Melancholie bezieht sich dann auch nicht auf die Umgebung, sondern auf die Personen, die von der Trostlosigkeit und dem Mangel an Perspektiven zerstört wurden. Sie konnten nicht entrinnen und vielleicht fühlt Beltrán eine gewisse Schuld darüber, die mit Erleichterung gemischt ist. Es muss ihn geschmerzt haben, diese Geschichten zu erzählen.

Und die Tonlage spiegelt diesen Widerspruch der Gefühle sehr gut wieder. Man fühlt die Ausweglosigkeit, ist aber dennoch auf gewisse Weise fasziniert und es macht einen traurig, wenn man sieht, wie manche Kinder aufwachsen müssen. Und zwar nicht nur in Ländern der sogenannten Dritten Welt, sondern bei nahen Nachbarn wie Spanien, was so gar nicht zum Image des sonnigen Urlaubslandes, besonders nicht zu dem von Mallorca, passen will. Der leichte Strich von Seguí enthält sich großer Symbole und setzt stattdessen ganz auf das Lokalkolorit, wobei er auf jegliche Polarisierung verzichtet. Es wird nicht nur das Triste oder das Schöne gezeigt, sondern beides. Auch in verrufenen Vierteln gibt es schöne Gassen und der Weg zum erholsamen Strand ist nah. Idylle und Elend liegen nahe beieinander. Gerade dieses Unscheinbare des Viertels macht alles noch trostloser, bietet dem Leser aber hervorragende Projektionsflächen.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Einzigartige Autobiographie, die durch ihren Tonfall überrascht, der Trostlosigkeit mit Wehmut verknüpft.

 

Geschichten aus dem Viertel
Avant-Verlag, Februar 2013
Text und Kolorierung: Gabi Beltrán
Zeichnungen: Bartolomé Seguí
Übersetzung: André Höchemer
152 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-76-3

Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Avant-Verlag

Das Buch der Offenbarung

Cover Das Buch der OffenbarungDie Offenbarung des Johannes ist das letzte Buch der kanonischen Bibel. Auch wenn sein Inhalt heute so rätselhaft ist wie eh, liefert die Schrift doch viele der bekanntesten Sinnbilder des Christentums: Das Buch mit den sieben Siegeln, die vier apokalyptischen Reiter, die Hure Babylon und natürlich die berüchtigte 666 als Zahl des Tieres – sie alle finden sich in der Johannes-Offenbarung.

Ende des ersten Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der Christenverfolgung, schrieb der Prophet Johannes seine apokalyptischen Visionen von der christlichen Endzeit in ebenso drastischen wie symbolisch verschlüsselten Versen nieder. Seine Anklagen gegen das römische Kaisertum versteckte er hinter komplizierter Zahlenmystik und metaphorischer Bildsprache, um sich und seine Glaubensgenossen vor Repressalien zu schützen. Eine Adaption in Form einer Graphic Novel klingt da nach einer gar nicht so schlechten Idee. Zum einen bietet der Text viel bildgewaltiges Material, das wie für eine grafische Umsetzung geschaffen ist. Zum anderen verspricht diese auch eine gewisse Konkretisierung der überwiegend kryptischen Visionen. Spannende Voraussetzungen also für das Projekt der beiden Amerikaner Matt Dorff und Chris Koelle.

Bild aus Das Buch der OffenbarungVon einer Graphic Novel zu reden, ist hier allerdings etwas irreführend. Im Wesentlichen handelt es sich hierbei um den ungekürzten Bibeltext, der dann in Illustrationen umgesetzt wurde. Kein Panel bleibt dabei ohne eingeschriebenen Text. Das Primat des Textes soll also unangetastet bleiben, was natürlich ein anderer Ansatz ist, als ihn Comics in der Regel verfolgen. Dementsprechend werden Dorff und Koelle auch nicht als Autor und Zeichner genannt, sondern als Art Director (Dorff) und Illustrator (Koelle). Die amerikanische Originalversion basiert dabei auf einer modernisierten Neuübersetzung der Offenbarung. Die deutsche Ausgabe hingegen stützt sich weitestgehend auf die klassische Luther-Übersetzung, was schade ist, denn eine kleine Auffrischung wie in der US-Ausgabe hätte dem sperrigen Text durchaus gut getan.

Letztendlich ist der interessantere Aspekt des Projekts natürlich die illustrative Umsetzung. Und hier haben Dorff und besonders Koelle wirklich ganze Arbeit geleistet. Koelle, selbst gläubiger Christ und als freier Illustrator für die verschiedensten Projekte und Medien tätig, vom Plattencover bis zur Filmanimation, erarbeitet die Darstellungen aus expressiven Linearts und intensiven Hell-Dunkel-Kontrasten heraus. Eine flirrende Leuchtkraft beherrscht die Bilder. Vor dem schwarzen Seitengrund wirken die Panels oft wie mit Licht gezeichnet. Farbe wird sparsam eingesetzt. Warme, monochrome Orange- und Brauntöne herrschen vor. Nur selten setzt das Artwork gezielte, aber dann meist sehr wirkungsvolle Farbakzente. Unabhängig davon, wie man zu der biblischen Vorlage steht – das Buch ist einfach unbeschreiblich schön anzusehen. Koelle setzt das ehrfürchtige Staunen, das Johannes beim Empfang der Visionen empfindet, gekonnt um. Seine Illustrationen erzeugen ein intensiv spürbares Bild des schieren Ausmaßes des apokalyptischen Szenarios, ohne durch zu wörtliche und zu konkrete Umsetzung der Vorlage ihre irreale Wirkung zu nehmen. Dennoch sind die Darstellung, entsprechend des Bibeltextes, teils recht drastisch und erschreckend. Für Fans von Horror- oder Endzeitszenerien könnte Das Buch der Offenbarung auch ohne persönlichen Bibelbezug durchaus einen Blick wert sein.

Bild aus Das Buch der OffenbarungDorff, laut Selbstbezeichnung ein weltoffener Skeptiker mit Hang zu guten Geschichten und hauptberuflich Drehbuchschreiber und Produzent zahlreicher TV-Filme, bringt auch einen ganz eigenen Ansatz mit ins Projekt. Im Erzählstil der Offenbarung, die als einziger Bibeltext aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, sieht er, wie im Anhang beschrieben, einen Vorläufer der „reaction shots“ des Kinos, der direkten Gegenüberstellung von Ereignis und Sehendem. Erst die Bildsprache des 20. Jahrhundert ermögliche so das, woran sich zuvor schon Großmeister der Kunst wie Michelangelo, Bosch oder Dürer die Zähne ausgebissen haben: Die getreue Umsetzung des Bibeltextes als Visionen eines sehenden Subjekts. „Dann sah ich, und siehe“ ist die immer wiederkehrende Sprachformel, mit der Johannes seine Offenbarungen einleitet. Das Buch der Offenbarung stellt den überwältigenden Vorgängen immer wieder den teils erschrockenen, teils ehrfürchtigen, dann wieder staunenden Blick des Johannes gegenüber und nimmt so gänzlich die Perspektive des vor fast 2000 Jahren lebenden Propheten ein.

Folgerichtig verweigern sich Dorff und Koelle einer modernisierten Interpretation der Visionen. Hinter den mythischen Bildern wie der Hure Babylon oder dem Widersacher der Christen in Gestalt des Tieres geben sich, im Einklang mit modernen theologischen Überzeugungen, das römische Kaiserreich und seine Herrscher zu erkennen. Viele andere der Metaphern und Bilder werden weitestgehend wörtlich umgesetzt, was es besonders bibelunkundigen Lesern schwer macht, das Geschehen zu deuten. Dass sich hinter dem geschlachteten Lamm Jesus verbirgt, kann man sich noch denken. Bei der eigenwilligen Zahlenmystik und den symbolisch verschachtelten Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse und Personen wäre ein ergänzender Kommentar allerdings wünschenswert gewesen. Aber womöglich wäre das auch dem Konzept des Buches entgegengelaufen, die Deutung des Bibeltextes mit rein visuellen Mitteln umzusetzen.

Bild aus Das Buch der OffenbarungFazit: Ein Bildgewaltiger, betörend schöner Einblick in eines der rätselhaftesten Kapitel der Bibel, der sowohl als respektvolle, werkgetreue Illustration der Vorlage wie auch als phantastisch bebilderte Schreckensvision überzeugt. Ob man sich angesichts der Thematik auf das Buch einlassen will, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Im Genre der grafischen Bibelumsetzungen haben Dorff und Koelle hier aber allemal einen Meilenstein geschaffen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

 

Das Buch der Offenbarung
Atrium Verlag, April 2013
Art Director: Matt Dorff
Illustration: Chris Koelle
deutscher Text nach: Martin Luther
192 Seiten, Farbe, Softcover, broschiert
Preis: 24,95 Euro
ISBN: 978-3-85535-072-8

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Atrium Verlag

Khaal 1 – Erstes Buch

Cover Khaal 1Einst herrschte das Reich Empyreon über die Galaxie. Doch nach dem großen Krieg haben sich die unterschiedlichen Völker nahezu selbst ausgelöscht. Einige der letzten Überlebenden befinden sich abgeschirmt von der Außenwelt in E.T.H.E.R., einem von der Außenwelt abgeriegelten Gefängnis, das ziellos durch das Weltall treibt.

Dessen Insassen sind die Nachkommen der ursprünglich lebenslang eingesperrten Kriminellen. Aufgeteilt in drei Distrikte, bevölkern die Spezies der Menschen, der Psis (telepathische Echsenwesen) und der Geistigen (die durch Wände gehen können) das Gefängnis. Die drei Gruppen können sich per se nicht leiden, sind aber aufeinander angewiesen. Denn die Erbauer der Einrichtung haben diese so konstruiert, dass wichtige Maschinen, die die Selbstversorgung garantieren, nur dann funktionieren, wenn alle drei Lager miteinander kooperieren.

Doch der mächtige und machthungrige Anführer der Menschen, Khaal, gefährdet den Frieden. Er bezieht seine übernatürlichen Kräfte aus geheimnisvollen Quellen und wäre damit imstande, die Kontrolle über E.T.H.E.R. ganz zu übernehmen. Auf lange Sicht möchte Khaal gar ein neues galaktisches Imperium begründen. Grund genug für Psis und Geistige also, zu versuchen, dem Übermächtigen gemeinsam Einhalt zu gebieten.

Seite aus Khaal 1Autor Stéphane Louis erweckt mit dieser neuen Sci-Fi-Serie ein stimmungsvolles Szenario zum Leben. Wie er das Gefängnis als eigenen Mikrokomos, abgeschottet von der Außenwelt, beschreibt, wie die verschiedenen Bewohnergruppen dargestellt werden, das ist schon große Klasse. Mit Khaal hat man zudem eine denkbar furchteinflössende und unsympathische Hauptfigur gewählt. Gerade das Ende des ersten Bandes ist in dieser Hinsicht sehr anschaulich geraten. Da muss man für die beiden noch folgenden Ausgaben das Schlimmste befürchten.

Nicht zuletzt profitiert die Serie aber auch von den brillanten Zeichnungen von Valentin Sécher: Kalte Weltraumstimmung in den ruhigen Momenten, detailreiche und realistische Bewegungsabfolgen in den Kampfszenen. Bei der aufwändigen, fast schon gemäldeartigen Kolorierung ist man für das große Albenformat wirklich dankbar. So ist mit dem Ersten Buch von Khaal ein hervorragender Serienstart gelungen, der mit packender Story und tollen Zeichnungen aufwartet.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Archaischer Machtkampf im Weltall, starker Serienauftakt

 

Khaal. Chronik eines galaktischen Herrschers – Erstes Buch
Splitter Verlag, März 2013
Text: Stéphane Louis
Zeichnungen: Valentin Sécher
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
ISBN: 978-3-86869-573-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 15/13: Walkin‘ on the railroad tracks

Unsere Links der Woche, Ausgabe 15/2013:

 

Izneo Removes 40% of Their Catalog After Receiving Censorship Threats From Apple
The Digital Reader, Nate Hoffelder
Zahlreiche französische Comicverlage (darunter Größen wie Dargaud, Casterman und Dupuis) bieten auf der gemeinsamen Plattform Izneo digitale Comics an, unter anderem auch mit einer eigenen App für iPhone und iPad. Die innerhalb dieser App angebotenen Comics unterliegen der Kontrolle des Apple-Konzerns, dem letzte Woche ein großer Teil der über 4.000 Comics ein Dorn im Auge war, weil sie ihm mehr oder weniger „pornografisch“ erschienen. Izneo wurde von Apple aufgefordert, innerhalb von 30 Stunden alle „problematischen“ Comics (z.B. Alben aus den Serien XIII oder Blake und Mortimer) aus dem Angebot zu entfernen. Izneo löschte zunächst 2.800 Comics, in denen nackte Brüste oder ähnlich schlimme Unbotmäßigkeiten zu sehen waren. Später machte die Firma einen Teil dieser Löschungen rückgängig, das Angebot ist nun aber deutlich kleiner als zuvor.

ComiXology played itself, and its audience, over Saga #12
4th letter!, David Brothers
Auch in den USA sorgte das strenge Auge der Apple-Zensoren und dessen Folgen für große Aufregung: Das letzte Woche erschienene Heft Nummer 12 der Erfolgsserie Saga von Brian K. Vaughan und Fiona Staples war nicht in der iPad/iPhone-App von Comixology (dem wichtigsten Anbieter digitaler Comics) zu finden. Auf einer Seite ist ein schwules Paar beim Sex zu sehen und Vaughan und Staples gaben bekannt, dass Apple den Comic wegen dieser Szene nicht zugelassen habe. Einen Tag später, der unvermeidliche Anti-Apple-Shitstorm war längst im Gange, folgte eine offizielle Mitteilung von Comixology: Nicht Apple habe den Comic zurückgewiesen, Comixology selbst habe den Comic gar nicht erst in die App eingestellt, weil sie angenommen hätten, dieser würde den Richtlinien von Apple widersprechen. Da man das Thema inzwischen geklärt habe, sei Saga #12 ab sofort verfügbar. Der hier verlinkte Beitrag zeigt eine Chronologie der Ereignisse und wirft ein paar Fragen auf, die man sich nun stellen sollte. Eine weitere Zusammenfassung mit vielen Links gibt es bei The Beat.

Zum aktuellen Stand des Marvel Cinematic Universe – Real Virtuality Podcast #4
real virtuality, Alexander Gajic
Filmjournalist Alecander Gajic (ZDF, 3sat) beschäftigt sich in einem einstündigen Podcast mit dem „Marvel Cinematic Universe“, also der Tatsache, dass Marvel in seinen Kinofilmen genau wie in seinen Comics Figuren aus verschiedenen Filmen in einem Universum zusammenführt: „Ich hatte das dringende Bedürfnis, über dieses filmische Experiment mitten im Mainstream mit Leuten zu reden.“ Zu Gast sind ein Fan der Marvel-Comics, eine Medienwissenschaftlerin und ein Experte für Filmmarketing (MP3, ca. 60 Minuten).

Luther: Erklärungsbedarf
demotapecomix, Moritz Stetter
Moritz Stetter, Autor und Zeichner des kürzlich beim Gütersloher Verlagshaus erschienen biografischen Comics Luther, reagiert auf Reaktionen auf sein Werk – und zwar wiederum in Comicform. Hauptprotagonist: der nagende Zweifel.

Manga 2013: A Smaller, More Sustainable Market
Publishers Weekly, Brigid Alverson
Ein ausführlicher Blick auf die aktuelle Lage des Mangamarktes in den USA, für den auch diverse Verlagsvertreter befragt wurden. Nach einer Boomphase ab Anfang der Nuller Jahre waren die Verkaufszahlen zuletzt deutlich zurückgegangen. Doch inzwischen sei die Lage des Marktes nicht mehr so negativ, wie sie Anfang des Jahres von manchen Experten gezeichnet wurde, schreibt Brigid Alverson: „Der Markt mag kleiner sein als noch vor fünf Jahren, aber es gibt noch immer eine genügend große Fanbase und die von uns befragten Verlage zeigen sich optimistisch, dass der Abwärtstrend an sein Ende gelangt, dass langerwartete Digital-Projekte neue Leser anziehen und dass sich der Mangamarkt auf einem neuen, nachhaltigen Niveau stabilisiert.“

KublaComics
kublacomics.com
Eine neue Website, die versucht, eine Art „Rotten Tomatoes“ für Comics zu werden. Also ein Dienst, der Rezensionen aus verschiedenen Quellen sammelt und zu einer Punktewertung für einzelne Comics aggregiert. Im Moment liegt der Schwerpunkt auf Heften aus dem US-Mainstream, es gibt aber auch eine Kategorie für „Graphic Novels“.

Garfield GA 16 & Hägar der Schreckliche GA 13&14

Cover Garfield Gesamtausgabe 16Ein konfliktreiches Gespräch zwischen Garfield und Hägar über Inhalte und Formate. Was passiert, wenn der Interviewer nicht pünktlich erscheint …

Hägar: Warum hat man mich in diesen kleinen Raum gesperrt?

Garfield: Für ein Interview, aber der Interviewer verspätet sich.

Hägar (erstaunt): Sonderbar! Die fette Katze kann sprechen!

Garfield (gelangweilt): Ja, ein bisschen Diät könnte nicht schaden, aber erst mal habe ich die Lasagnekur in Italien gebucht.

 

Cover Hägar Gesamtausgabe 14Hägar: In meinen Comicstrips geht es gesittet zu, da sprechen die Tiere nicht.

Garfield: Kwak! (denkt: Wenn du wüsstest, was dein Hund Snert über dich denkt!)

Garfield (laut): Warum bringst du nicht deinen ollen Hund mit? Dann haben meine Krallen etwas zu wetzen.

Hägar: Ich finde, ich sollte mit der Hauptperson zusammen ein Interview führen und nicht mit dem Haustier.

Garfield (zückt die Krallen): Unterschätz mich nicht, dicker Behörnter!

Seite aus Hägar Gesamtausgabe 14Hägar (zückt das Schwert): Kampferprobt bin ich wohl. Damit verdiene ich den Lebensunterhalt meiner Familie.

Garfield: Dafür halte ich mir einen Typen wie dich. Und nur zum Verstehen von wohlproportionierten Katern: Krallen zücken ist eine Drohgebärde, die keinesfalls in Bewegung ausarten sollte (zieht Krallen wieder ein).

Hägar (steckt Schwert weg): Was hast Du überhaupt vorzuweisen? Also hier: mein Haus, mein Boot, meine Mannschaft, meine Köchin … äh … meine Frau.

Garfield: Also, ich habe eine stolze Reihe vorzuweisen, schon der 16. Band erschienen und gerade der 17. Eine Gesamtausgabe bei Ehapa Comic Collection, Köln, auf die die Welt gewartet hat und immer mehr will. Darin mein 30. Geburtstag, neue amouröse Abenteuer mit dem verliebten Jon und meine genau getaktete Zuneigung zu meiner Zweitlieblingskatze Arlene. Niedliche Kätzchen werden standesgemäß durch die Tür geworfen, es gibt Geschmackvolles und Geschmacklosigkeiten.

Hägar: Hier stellen wir Band 13 und 14 meiner Gesamtausgabe vor. Darin wird Sven Glückspilz fast gehenkt, es gibt Schweiz- und Liechtenstein-freundliche Einblicke in das Leben von Steuervermeidern, einen Partyknigge der besonderen Art, Ratschläge im Umgang mit Untergebenen in Beruf und Familie und leider immer noch keine Lösung, wie Honi Beruf und Familie miteinander unter einen Wikingerhut bekommt. Aber erschienen ist inzwischen schon der 19. Band und angekündigt sind noch ganz viele.

Garfield: Du schummelst ja.

Hägar: Ich schummle nicht.

Garfield (zückt einen Laptop): Mein Gehilfe Jon hat das für mich mal ausgerechnet. Unsere Bücher sind gleich groß und schwer, gleiche Aufmachung, aber meine sind viel lustiger.

Hägar: Lustiger? So eine Frechheit.

Seite aus Garfield Gesamtausgabe 16Garfield (immer noch wild am Tippen): Wer über was lacht, da mische ich mich nicht ein. Ob über delikate Witze übers Essen (zeigt mit der dicken Kralle auf sich) oder Rülpswitze beim Büffet (zeigt zu Hägar), …

Hägar: Du meinst wohl, ob Witze aus dem harten und genussvollen Leben eines selbständigen Wikingerunternehmers oder aus dem Lotterleben im Maßstab römischer Dekadenz eines bewegungsfaulen Haustiers.

Garfield: Bewegungsfaul? Sag mir, wie viele Spinnen hast du zuletzt zerdrückt? Wie viele Hunde den Tisch hinunter gestoßen?

Hägar: Wie viele Burgen hast du erobert? Wie viele Länder bereist und durch das Entwenden von Schätzen bleibenden Eindruck hinterlassen?

Garfield: Ich bin geliebt seit 1978.

Hägar: Gefürchtet seit 1973, seit 1988 vom Sohn meines Erfinders Dik Browne weitergeführt. Einen wunderbaren Zeichentrickfilm (1989) gibt es von mir, und Bier hab ich erfolgreich verkauft.

Garfield: Mich gibt es in Hörspielen, als Zeichentrickserie und in drei Realfilmen, als Lied („CoolCat“) und Computerspiel – und ich hab ein Auto verkauft.

Hägar: Übersetzungen in 13 Sprachen, gedruckt in mehr als 1900 Zeitungen.

Garfield: Übersetzungen in 27 Sprachen, gedruckt in 2570 Zeitungen, seit 1999 in Farbe. Wie oft hast du ein und den selben Gag variiert?

Hägar: –

Garfield: Nun?

Hägar: Moment! Ich zähle noch. Aber wo sonst findest du Gags über Selbständigkeit und gegen Steuereintreiber, über Immobilienmakler und andere Gewerbe?

Garfield: Darum ging es mir gar nicht. Nimm einfach mal an, man lacht pro Strip einmal, Sonntagsstrips etwas klangvoller, aber auch nur ein Mal. Dann habe ich rechnen lassen. Jon hat ja sonst nichts zu tun … (tippt immer noch wild, schreit:) Nächstes Level erreicht!

Hägar (rasselt ungeduldig mit Schild und Schwert): Räusper!

Cover Hägar Gesamtausgabe 13Garfield: Ach ja, die Ergebnisse: In deinen Bänden mit Sonntagsstrips hast Du 312 Strips, in den Bänden mit Tagesstrips 624. Bei mir, Garfield höchstselbst dagegen, gibt es 728 Tages- und Sonntagsstrips pro Band. Bei dir im Schnitt pro Buch 520 Strips, Tages- und Sonntagsstrips miteinander verrechnet.

Hägar: Wie kann das sein? (Blättert in Hägar Band 14 und Garfield Band 16). Aha! Jetzt weiß ich, woran das liegt. Meine Strips sind größer gedruckt, es gehen 2 auf eine Seite, bei Dir dagegen 3 Tagesstrips.

Garfield: Wo lacht der Leser also 200-mal öfter?

Hägar: Was ist schon Quantität? Ich habe halt das größere Format von uns beiden …

Garfield (fährt wieder die Krallen aus): Dafür büßt du! Ich habe nichts mit dir gemeinsam!

Hägar: Komm nur, wenn du dich traust. Mein Schwert trennt, was uns verbinden könnte.

*jaul* *kratz* *knuff*

Die Tür geht auf. Ein Rezensent kommt herein.

Rezensent: Hallo, da bin ich endlich. Meine erste Frage in diesem Interview … (sieht, wie zerzaust die beiden sind) … äh … Vielleicht passt es gerade nicht mit dem Interview. Darf ich Euch zum Essen einladen?


Wertung Hägar
:  6 von 10 Punkten

Wertung Garfield:  7 von 10 Punkten

Nette Lektüre zum Abschalten!

 

Hägar der Schreckliche Gesamtausgabe
Ehapa Comic Collection
Text und Zeichnungen: Dik Browne / Chris Browne
Übersetzung: Michael Bregel
je 320 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: je 29,90 Euro

Band 13 (Tagesstrips 1991-1993)
ISBN: 978-3770433896

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Band 14 (Tagesstrips 1993-1995)
ISBN: 978-3770434435

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Garfield Gesamtausgabe 16
Ehapa Comic Collection
Text und Zeichnungen: Jim Davis
Übersetzung: Wolfgang J. Fuchs
Seiten, Farben, Umschlag: 320 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 29,90 Euro
ISBN: 978-3770434022

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

„Oblivion“ und seine nicht existierende Comicvorlage

oblivion posterQuer durch die Presse wird diese Woche der neue Film mit Tom Cruise, Oblivion, vorgestellt. Die meisten Texte erwähnen dabei, dass der Film auf einer Graphic Novel basiere. Bild spricht sogar von einer „überzeugenden Graphic-Novel“. Dabei existiert die vermeintliche Comicvorlage dieses Films überhaupt nicht.

Oblivion ist das Projekt von Joseph Kosinski, der als Regisseur von Tron: Legacy bekannt wurde. Tatsächlich sollte die Science-Fiction-Story mal in Form eines Comics erscheinen, und zwar beim US-Verlag Radical Publishing. Das ist einer jener Comicverlage, die sich in den letzten Jahren im Umfeld von Hollywood gegründet haben, und deren Hauptzweck darin besteht, Comics in der Hoffnung zu veröffentlichen, dass sie irgendwann einmal verfilmt werden (das bekannteste Beispiel dürfte Cowboys and Aliens von Platinum Studios sein). Diese Comics dienen in erster Linie zum „pitchen“ von Filmprojekten und man kann sich durchaus vorstellen, dass ein Comic für vielbeschäftigte Chefs von Filmstudios eine attraktive Variante zu mühsam zu lesenden Drehbüchern ist. Liest man die Comics jedoch als Comics, merkt man ihnen leider meistens auch an, dass sie nicht von Leuten stammen, die gerne in dieser Kunstform erzählen, sondern eigentlich etwas ganz anderes wollen (ein paar Comics aus dem Hause Radical sind auf Deutsch bei Splitter erschienen).

Sehr aufschlussreich ist ein Artikel von Heidi MacDonald auf dem Blog The Beat, der sich genauer auf die Suche nach der angeblichen Oblivion-Graphic-Novel begibt. Demnach war Oblivion eigentlich von Anfang an ein Filmprojekt, doch als Kosinski aus seinem Treatment ein Drehbuch machen wollte, streikten in Hollywood gerade die Drehbuchautoren. So kam es zu der Idee, bei Radical eine Comicvariante zu machen, zusammen mit dem Zeichner Andree Wallin und dem Comicautor Arvid Nelson (Rex Mundi). Es entstand zunächst eine „Ashcan“-Ausgabe, ein dünnes Heft mit gerade mal acht Bildern, das nicht verkauft und nur zu Promozwecken auf der San Diego Comic-Con verteilt wurde. Das reichte dann auch, um das Interesse von Tom Cruise zu wecken, der daraufhin den Film gerne machen wollte.

Und offensichtlich war damit auch für Radical das Ziel bereits erreicht. Wozu noch einen aufwendigen Comic produzieren, wenn man die Filmrechte schon vorher verkauft hat? In einem aktuellen Interview bei Empire gibt das Kosinski auch ganz offen zu: „It was just a stage in the project.“ Er habe nicht die Absicht, jetzt, wo der Film fertig ist, sich noch einmal dem immer noch unfertigen Comic zu widmen. Er wird also wohl niemals erscheinen.

Schlimm ist das alles nicht – aber zumindest zwei Dinge kann man aus diesem Fall lernen: Zum einen, dass manche Filmjournalisten gerne ungeprüft angebliche Fakten aus Pressetexten abschreiben („der Film basiert auf einer Graphic Novel“), zum anderen, dass es tatsächlich Comics gibt, die eigentlich niemals Comics sein wollten, sondern eher ein gezeichnetes Drehbuch als Vorstufe zu einem Film. Und dass das dann meist keine besonders guten Comics sind, dürfte auf der Hand liegen.

„Der Hamlet kommt auch ganz gut ohne Comic aus“: Interview mit Simon Schwartz

Schon mit seinem Debüt drüben! war der Hamburger Zeichner Simon Schwartz sehr erfolgreich. Sein zweiter Comic Packeis sorgte für noch mehr mediale Resonanz und wurde 2012 als „Bester deutschsprachiger Comic“ mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet.

Das folgende Interview führte Stefan Svik während der Buchlust 2012 in Hannover, wo Schwartz Packeis in einer Lesung vorstellte. Der Comic erzählt die wenig bekannte, wahre Geschichte des schwarzen Polarforschers Matthew Henson, der im Team von Robert E. Peary im Jahr 1909 als erster Mensch den Nordpol erreichte.

 

Simon SchwartzComicgate: Ich beginne mal mit einer total platten, möglicherweise dämlichen Frage: In Packeis fällt mir sofort ins Auge, dass ein schwarzer Mann in einer rundum weißenWelt, nämlich dem Nordpol, zu sehen ist. War das so beabsichtigt, um Rassismus besonders plakativ darzustellen?

Simon Schwartz: Das habe ich mir ja so nicht ausgesucht. Er ist eben dorthin gereist. Ich dachte dabei auch nicht an ein Symbol für das Buch. Das wäre wohl auch etwas zu einfach gewesen.

 

Es hat sich also einfach so ergeben, weil dich die Geschichte angesprochen hat?

Die Geschichte hat mich angesprochen. Und vor allem dieses Unwissen über diesen Menschen. Nachdem ich seine komplette Lebensgeschichte gelesen hatte, wusste ich immer noch nicht: Was war das für ein Typ, wie tickte der? Es war spannend für mich, das zu füllen. Oder Deutungsansätze zu bieten, warum er so ist, wie er ist.

 

Ich denke, es gibt eine Parallele zwischen drüben! und Packeis: Die Hauptfiguren sind Außenseiter, sehr einsame und traurige Menschen. Von Franquin ist bekannt, dass er zwar für seine Funny-Comics berühmt ist, aber streckenweise stark unter Depressionen litt. Lucky Luke-Zeicher Achdé sagte dazu, dass Zeichner extrem einsam seien. Findest du dich als Künstler in deinen Figuren aus deinen bisherigen Comics wieder?

Offensichtlich ja, sonst würde ich es nicht machen. Obwohl ich mich nicht als „einsam und verloren“ fühle. Die Geschichten sind natürlich auch nicht so die Gute-Laune-Stories. Aber ich glaube, ich bin nicht der depressive Typ (lacht).

Einsamkeit gibt es dahingehend, dass das Arbeiten einsam ist. Man ist alleine mit dem Blatt. Man verbringt viel Zeit mit sich selbst. Man reflektiert viel, auch über sich oder über die Geschichte. Ganz automatisch. Insofern würde ich nicht „einsam“, aber „allein“ sagen. Aber ich habe eine Beziehung, ich habe meinen Freundeskreis (lacht), ich bin nicht nur im Atelier.

 

Also betrachtest du dich nicht als jemand, der anders ist als die anderen? Ein Künstler hat ja, vielleicht ein Klischee, immer einen etwas weiteren Horizont, oder?

Na ja, einen größeren Horizont wohl nicht, eher einen anderen (lacht). Ich habe keine Ahnung von Gehirnchirurgie. Nö, das sehe ich so nicht. Ich glaube, dass ich auf einige Dinge vielleicht anders reagiere. Aber als Außenseiter empfinde ich mich nicht.

 

Dein Debüt drüben! beschreibt die Ausreise deiner Eltern und dir aus der DDR. Dort hast du ja gar nicht lange gelebt. Hattest du denn später noch Kontakt zur DDR?

Ich war anderthalb, als wir ausgereist sind. Als wir in West-Berlin wohnten, bin ich dann immer mal wieder die Eltern meiner Mutter in der DDR besuchen gefahren. Jedes Jahr mehrfach. drüben! basiert viel auf den Erinnerungen meiner Eltern. Das Kennenlernen, der Beschluss zur Ausreise – das habe ich nicht selbst bewusst mitbekommen, weil ich zu klein war.

 

Seite aus PackeisAber die Bilder aus drüben! sind dir sicher vertrauter als die aus Packeis, wie der Nordpol oder Nordamerika, wo die Geschichte zum Großteil spielt. Oder sind das Orte, an denen du bereits selbst warst, etwa in New York?

Jein. Ich war tatsächlich Anfang Oktober in dem Naturkundemuseum, das im Comic zu sehen ist. Endlich mal. Ich war dort mal als Kind, aber daran habe ich keine Erinnerung mehr, auch nicht an die Meteoriten oder so (lacht). Ich war also schon in New York, aber noch nicht am Nordpol oder so. Ich finde Orte und Raum ganz wichtig in einer Zeichnung, auch um Stimmung zu schaffen. Ein Gefühl. Wie steht die Figur emotional da? Es gibt die Szene im Buch, in dem Henson am Nordpol ankommt. Dort ist nichts Besonderes. Es sieht aus wie überall anders auch, wie ganz Grönland oder im Eis oder in der Arktis. Er steht völlig verloren da und wir haben sofort, durch das Bild, eine Aussage darüber, wie sich die Figur fühlt. Insofern finde ich Orte wichtig. Aber ich muss nicht unbedingt selbst dort gewesen sein.

 

Besteht dann nicht die Gefahr, dass du das Bild überträgst, das du aus Literatur und Film kennst und das Bild darauf projizierst, was andere vorgegeben haben?  

Das kann sein. Aber ich versuche immer möglichst viel Recherche zu haben, um auch ganz sicher im Stoff zu sein. Ich habe mir für Packeis auch durchaus einige historische Freiheiten erlaubt. Den Cook etwa führe ich bereits in Nicaragua in die Handlung ein. Tatsächlich ist er erst viel später zum Team dazugestoßen. Oder aus zwei Frauen von Henson mache ich eine, weil es einfach flüssiger zu erzählen ist. Ich finde diese Sachen kann man sich leisten, wenn man sich sonst absolut sicher ist. Denn dann wirken diese Abänderungen auch glaubhaft. Genau so ist es auch mit Orten. Diese Hütte, in der die Forscher waren, da kann ich dir wirklich jede Ecke sagen, die es davon gab. Zumindest kenne ich jedes Bild, das es davon noch gibt, glaube ich.

 

Als du die Biographien der Forscher gelesen hast, hast du da schon beim Lesen Bilder vor dir gesehen oder brauchtest du noch weitere Fotos als Vorlagen?

Teilweise. Etwa dieses Bild, wo er vor dieser großen, weißen Fläche steht, war ziemlich schnell klar. Ein Bild hatte ich auch recht früh im Kopf, das im Comic ist: wie Henson in einem Waschraum steht. Wie der Raum genau aussieht, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber das Symbol des Bildes war mir schon klar.

 

Du hattest in deinem Vortrag vor unserem Interview erzählt, dass du eher sprunghaft arbeitest und nicht gradlinig: Mal hast du spontan Lust, etwas aus der Mitte der Geschichte zu zeichnen, dann springst du zum Anfang und wieder hin und her. Davon lasse ich mich jetzt mal beim Interview inspirieren und springe ebenfalls hin und her, also noch einmal zurück zu drüben! und zum Thema DDR: Du bist gebürtiger Erfurter. Es gibt den Verlag Die Biblyothek aus Leipzig, David Füleki aus dem Erzgebirge. Aber so viel mehr ostdeutsche Stimmen sind im Comic gar nicht zu hören, oder?

Es gibt Schwarwel aus Leipzig, der macht Comics für Die Ärzte und verlegt auch selbst. Ich selbst betrachte mich nicht als ostdeutschen Comic-Zeichner. Aber ja, es scheint da wenig Comics aus dem Osten zu geben.

 

Und ist das schade?

Es ist wohl eine Kultur, die es in der DDR nicht so stark gab wie im Westen. Es gab letzten Endes nur das Mosaik. Und alles, was daraus hervorgegangen ist, bezieht sich immer nur auf das Mosaik. Aber viele Comickünstler, die in den Neunzigern bekannt wurden und aus dem Osten stammen, etwa Anke Feuchtenberger oder Atak, hatten kein Vorwissen über Comics und haben völlig unabhängig für sich das Medium neu erfunden. Das ging dann schon sehr in Richtung freie Kunst. Teils sehr schräge, ganz eigene Bilder. Aus Mangel an Wissen, sozusagen. Aber das war nur diese Gruppe in den Neunzigern. Der Rest bezog sich dann wieder auf das Mosaik und das finde ich eher etwas langweilig.

 

Ich hatte mich auch mit Felix Pestemer unterhalten [Interview demnächst bei Comicgate], der wie du beim avant-Verlag ist. Er sagt, dass er von der Bildenden Kunst kommt und auch noch wenig mit Comics zu tun hatte. Um seinen eigenen Stil zu behalten, vermeidet er es sogar eher, andere Comics zu lesen. Wie ist es bei dir mit Einflüssen, guckst du, wo du noch etwas lernen könntest oder vermeidest du das eher?

Ich vermeide das nicht. Aber ich lese tatsächlich eher wenig Comics. Ich besitze viele Comics, aber ich lese primär andere Sachen. Für Packeis etwa habe ich keinen Comic als Vorlage gelesen. Es gibt Comics über Henson. Ganz schreckliche, so Schul-Comics. Der erste Comic über ihn erschien 1947, in einem Magazin namens „Negro Heroes“. Die habe ich aber alle nicht gelesen, weil mich das nicht interessiert hat.

 

Gibt es zu wenig Comics, die dich ansprechen?

Nö. Es gibt Sachen. Aber … Ich glaube, ich bin sehr kritisch als Leser, weil ich dann sofort die Schere im Kopf habe und mir überlege: Wie hätte ich das denn jetzt gemacht? Wenn etwas toll gelöst wurde, freut mich das! Aber wenn etwas nicht so gut gelöst wurde, glaube ich, merke ich das viel früher als ein Nicht-Comiczeichner. Genau wie andere Comiczeichner vielleicht meine Comics lesen und sagen „Ach nee, das hätte ich anders gemacht“, oder „Das hätte man besser machen können“.

 

Seite aus PackeisAuf einer Veranstaltung wie der Buchlust steht das Medium Buch im Mittelpunkt. Comics und Graphic Novels sind ein wenig die Exoten. Während deines Vortrags gab es von einem Zuschauer Anmerkungen zu deinen Zeichnungen. Fühlst dich als Zeichner mitunter zu wenig gewürdigt, weil deine Arbeit möglicherweise unterschätzt wird? Künstler wie der Peanuts-Erfinder Charles Schulz scheinen sehr unter so einer Unterschätzung ihrer Arbeit gelitten zu haben, geht dir das auch so?

Ich habe diese Erfahrungen nicht gemacht. Ich glaube aber, dass es bei Schulz noch der Unterschied ist, dass er Amerikaner war. Und in den USA hat der Comic, nach wie vor, ein schlechteres Image als in Europa.

 

Trotz Will Eisner und Art Spiegelman?

Ja. Doch. Wenn du mal an einen Kiosk gehst, kriegst du nicht mal ein Superheldenheft. Als ich in New York war, hätte ich erwartet, mit Spider-Man-Heften zugeknallt zu werden, aber es gab gar nichts. Und der Begriff „comic book“ gilt ja auch als sehr abwertend. Deshalb hat sich Will Eisner ja auch den Ausdruck Graphic Novel erfunden, als er endlich mal ein Buch gemacht hat.

 

Du hast vorhin das Thema schreckliche Schul-Comics erwähnt. Wie würdest du auf Packeis als Unterrichtsstoff reagieren, wäre das eher befremdlich für dich?

Nein. Mein Debüt drüben! steht in einigen Bundesländern auf dem Lehrplan, in Thüringen etwa. Zumindest wird es empfohlen. Ob es Lehrer dann wirklich nutzen, weiß ich nicht. Etwas befremdlich wäre es vielleicht dahingehend, weil ich keinen didaktischen Anspruch an meine Comics habe. Ich will der Welt nichts erklären. Aber ich kann mir vorstellen, dass es funktioniert. Ich mache auch öfter Lesungen in Schulen. Vor kurzem habe ich erfahren, dass es eine Lehrerin in Honkong für den Deutschunterricht verwendet, was aufgrund des Inhalts natürlich sehr spannend ist. Was ich allerdings mit „schlimmen“ Comics meinte, war so etwas wie: „Hamlet – der Comic“ oder ähnliches. Dahinter steckt dann der Gedanke, dass die Kinder mal den echten Hamlet lesen sollen. Die Wertschätzung des Comics ist dann diese: Der Comic ist das geringst mögliche Level, auf dem man die Kinder so halbwegs abholen kann. Und das ist beleidigend gegenüber dem Hamlet und gegenüber den Comics (lacht). Ich denke, der Hamlet kommt auch ganz gut ohne Comic aus. Manche Literatur-Umsetzungen als Comics sind gut gemeint, aber nicht immer gut gemacht.

 

Da schmückt man sich dann mit fremden Federn, wie es auch Denis Scheck in unserem Comicgate-Interview sagte?

Gut, naja. Manchmal hat man aber auch eine Liebe für einen Text. Ich wollte etwa mal ein Theaterstück als Comic umsetzen, wo ich auch dachte, dass es eine Berechtigung für so eine Adaption gibt. Ein Regisseur kann ja ein Theaterstück auch frei interpretieren. Und in diesem Fall wäre ich eben der Regisseur. Bei einem Roman ginge das nicht so leicht. Ich habe aber gemerkt, dass ich dem nicht Herr geworden bin und dass das nicht so meine Sache ist.

 

Cover Packeis Was sind drüben! und Packeis, Comics oder Graphic Novels? Oder ist das ohnehin dasselbe?

Das ist für mich ein und dasselbe. Das Problem vom Comic ist immer, dass er als Genre wahrgenommen wird und nicht als Medium. Somit denken viele sofort an lustige Geschichten oder an Superhelden. Bei meinen Vorträgen sagen ich immer ganz gerne, das wäre so, als würde man sagen, dass Filme immer Western seien. Weil der erste Film 1913 ein Western war: The Great Train Robbery. Und die ersten Comics waren Funnies und Abenteuergeschichten. Beim Film ist bei den Leuten diese Schere im Kopf irgendwann weggegangen. Das dürfte beim Comic aber auch daran gelegen haben, dass in den ersten Jahren Quantität und Qualität nicht besonders ausgewogen waren. Jahrzehnte, muss man sagen (lacht trocken).

Der Begriff Graphic Novel ist nun aber ein weiterer Genrebegriff. Und er ist total schwammig. Ich kann nicht mal genau sagen was eine Graphic Novel genau ist. Ich bin da sehr zwiespältig. Einerseits profitiere ich davon, denn meine Bücher stehen als Graphic Novels auch in den Buchhandlungen und erhalten dadurch eine besondere Aufmerksamkeit. Andererseits sehe ich den Begriff kritisch und denke: Warum kann man nicht einfach Comic sagen? Dazu fällt mir Nicolas Mahler ein. In einer Geschichte von ihm sagt ein Kunstprofessor zu ihm: „Sie verwenden ja … erzählende Bildfolgen …“ – „Sie können ruhig COMIC sagen.“ – „Ich wollte Sie nicht beleidigen.“ (lacht)

 

drüben! und Packeis sind ernste Geschichten. Wird dein nächster Comic wieder ein ernstes Thema behandeln?

Das wird, glaube ich, eine sehr ernsthafte, abgründige Geschichte (lacht).

 

Weil du so ein ernsthafter Mensch bist?

Nein, ich glaube, die Geschichte verlangt das einfach so.

 

Vita Obscura (aus der Zeitung Der Freitag)Also könntest du dir auch mal was Lustiges vorstellen?

Ja, schon. Ich glaube, der Comic im Freitag, den ich mache, Vita Obscura, der ist durchaus lustig.

 

Was ist denn das Thema von deinem nächsten Buch?

Darüber rede ich nicht (lacht).

 

Ist die Arbeit als Illustrator und als Comiczeichner sehr unterschiedlich oder sehr ähnlich?

Es ist schon unterschiedlich. Denn am Comic sitze ich wirklich jahrelang dran. Muss mir Figuren überlegen, ausdenken, wie die ticken. Eine Illustration ist eine sehr schnelle Sache. Man hat zwei, drei Tage Zeit, sich einen Text anzueignen und dann die Essenz davon in ein Bild zu fassen. Das ist ein ganz anderes Arbeiten. Aber ich mache das tatsächlich sehr gerne. Ich lebe primär von der Illustration und betrachte das nicht als Broterwerb, der es mir ermöglicht, Comics zu machen. Es ist auch ganz gut, mal den Kopf freizukriegen. Manchmal sind auch Texte dabei, die einem was bringen. Ich hab mal eine Zeichnung für die FAS gemacht über Schamanismus, mit dem ich mich sonst nie beschäftigt hätte. Das war unheimlich interessant! Vielleicht hat das sogar indirekt einen Einfluss auf Packeis gehabt. Ich weiß es nicht.

 

In deinem Vortrag sagtest du, dass du ein politischer Mensch bist. Wie äußert sich das?

Politischer Mensch trifft es vielleicht nicht ganz. Mit dem Begriff tue ich mich immer etwas schwer. Das ist für mich jemand, der wirklich losgeht und etwas ändern will. Jemand, der in einer Partei ist. Das bin ich nicht. Ich denke, bei mir ist es eher eine Art Aufmerksamkeit. Auch ein Reagieren-müssen. Wenn jemand Unsinn redet, dann rede ich dazwischen (lacht).

 

Ein Klischee über die DDR ist, dass die Bildung dort besser, der Zusammenhalt größer und das politische Interesse höher war – du selbst betrachtest dich nicht als Ex-DDR Bürger. Was meinst du dazu?

Ich glaube, das ist ein Mythos. So wie es viele Mythen über BRD und DDR gibt. Ich behaupte einfach mal, das ist Quatsch (lacht).

 

Mich hat überrascht, dass du während deiner Lesung tatsächlich aus Packeis vorgelesen hast. Wäre das ein Thema: ein digitaler Comic, ein Hörbuch?

Ich hatte dazu tatsächlich mal ein Gespräch mit einem Radio-Redakteur. Aber es ist nichts daraus geworden. So ein Hörspiel fände ich spannend. Christian Möller, der einige Rezensionen zu meinen Büchern fürs Radio produziert hat hat, ließ Schauspieler einige Passagen aus meinen Comics sprechen – ich finde das ganz reizvoll.

 

In deinem Vortrag hast du dich dazu geäußert, dass es in Packeis einige Passagen ganz ohne Text gibt. Begründet hast du das damit, dass du nicht genau wusstest, was die Figuren in den gezeigten Situationen wohl gedacht haben mögen.

Das stimmt so nicht . Ich wollte es für den Leser offen lassen, damit er gezwungen ist, zu partizipieren und durch das Handeln der Personen ihre Motivation selbst mit seinen Gedanken füllt.

 

Ist in Packeis für dein Empfinden eher noch zu viel Text vorhanden?

Nö, das ist so, wie ich es haben will. Ich habe aber auch durchaus gestrichen. Und manchmal musste auch ein Bild rausgenommen werden, weil es nicht funktioniert hat. Ich streiche allerdings eher Text als Bild.

 

Seite aus PackeisSind dir persönlich die Themen USA und Rassismus sehr wichtig, beides ja zentrale Themen in Packeis?

Nicht unbedingt. Ich bin ein großer Blues-Fan. Mich hat vor allem die Biographie von Henson sehr interessiert. Rassismus ist bei dieser Geschichte natürlich eine wichtige Komponente, aber für mich ist es nicht die Hauptsache. Es ging mir primär um die unterschiedlichen Geschichtswahrnehmungen, von denen am Ende nur eine überlebt hat.

 

Henson geriet in Vergessenheit. In deinem Vortrag nanntest du Zeichner der 1950er Jahre als deine Einflüsse. In dieser Zeit war es nicht üblich, die Namen von Autoren und Zeichnern überhaupt zu nennen. Disney-Comics wurden als Werke von Walt Disney vermarktet usw. Ist das auch etwas, worüber du für Packeis nachgedacht hast: Wie werde ich wohl in 50 Jahren noch wahrgenommen werden?

Nee. Ich freue mich immer über alle positiven Reaktionen auf meine Bücher, aber ich sehe es auch ambivalent und sage mir: Na ja, das ist eben jetzt so. Das nächste Buch kann auch voll gegen die Wand gehen. Das drüben! kam sehr gut an. Als ich an Packeis saß, war ich fest davon überzeugt: Das wird ein Mega-Flop! Das will niemand lesen. Und dann lief es sogar besser als drüben!. Nun sitze ich am dritten Buch. Vielleicht wird’s besser, vielleicht auch nicht. Es muss ja nicht unbedingt verrissen werden, vielleicht produziere ich auch einfach Mist (lacht). Es gibt z. B. bei drüben! Seiten, da würde ich heute sagen, das würde ich anders zeichnen und besser machen. Das hätte ich sogar schon damals besser machen können. Aber in dem Moment, an dem Tag, war es das Beste, was ging! Das kann ich dann gut akzeptieren. Es ist dann abgeschlossen.

 

War die Arbeit an drüben! und Packeis unterschiedlich?

Die war bei beiden gleich.

 

Hast du Ambitionen, mal ganz anders zu zeichnen als bisher?

Ja, ich versuch‘s (lacht). Für das neue Buch wird man schon noch meinen Stil erkennen. Den kann ich auch nicht ablegen. Aber ich glaube, es wird schon ein bisschen … anders. Wie, kann ich noch nicht sagen. Das ist auch ein Entwicklungsprozess. Ich bin gerade erst an den ersten Seiten. Da sie stilistisch etwas anders sind, kann ich mir auch vorstellen, dass die am Ende in der Tonne landen und ich das neu machen muss, bis es so ist, wie ich es haben möchte.

 

Ich war kürzlich bei einer Signierstunde von Tyler Kirkham. Bei einigen der US-Zeichner fällt auf, dass sie bereits bei den Terminen Zeichnungen verkaufen. Kirkham etwa verkauft zusätzlich im Internet Originale. Wäre das auch für dich denkbar?

Mich hat noch nie jemand gefragt. Wenn mich jemand fragen würde, klar, könnte man drüber reden.

 

Gehst du auch auf Signier- und Zeichentour?

Das mache ich sehr oft. Ich halte viele Vorträge und da signiere ich dann auch.

 

Cover der französischen AUsgabe von drüben!Packeis wird auch in Frankreich erscheinen. Welche Länder sind noch interessiert?

In Frankreich ist bereits drüben! erschienen und Packeis wird im Herbst dort veröffentlicht. Zu anderen Ländern laufen noch Gespräche. Das zu verkünden, überlasse ich meinem Verleger.

 

Wie ist es für dich, Teil der deutschen Comicszene zu sein? Dein avant-Kollege Felix Pestemer meinte, dass er durchaus Kontakte zu anderen Comickünstlern hat. Eine besonders starke Zusammenarbeit sei allerdings nicht angedacht. Wie ist das bei dir, tauschst du dich viel mit anderen Künstlern aus?

Das ist bei mir auch nicht so ausgeprägt. In Hamburg gibt es natürlich sehr viele Comickünstler. Alles zum Thema Graphic Novels sind ja fast nur Hamburger: Sascha Hommer, Arne Bellstorf, Isabel Kreitz usw. Man kennt sich, aber ich bin nicht so eng mit ihnen befreundet. Ich habe viele Freunde aus dem Studium, die als Illustratoren arbeiten, aber nicht an Comics.

 

Was meinst du zum Thema Computer als Hilfsmittel? Ich hatte darüber mit Achdé geredet und er lobte Zeichner wie Franquin oder Jean Giraud/Mœbius für ihre Zeichnungen von Hand, auch und gerade weil darin Fehler sind …

… aber Mœbius hat zum Schluss nur noch am Computer gezeichnet.

 

Bei den frühen Blueberry-Comics aber wohl nicht. Jedenfalls könnten durch zu viel Computereinsatz manche Zeichnungen kalt wirken. Was meinst du dazu?

Nach der Optik kann ich das nicht beurteilen. Als Illustrator bin ich manchmal aufgrund von Zeitdruck gezwungen, den Computer zu benutzen, weil es einfach schneller geht. Aber das macht mir einfach nicht so viel Spaß. Ich mag es, mir mit Kohle oder Pinsel die Finger dreckig zu machen.

 

Ist die Wirkung einer Zeichnung anders, wenn man sie am Computer erstellt?

Ja. Wie soll ich das sagen? Man merkt das ja schon, wenn man schreibt. Man schreibt heute viel weniger von Hand als dass man tippt. Man merkt schon, dass man eine ganz starke Bindung an das Papier hat. Einen konkreten Kontakt. Das fällt mir beim Zeichnen natürlich noch leichter als von Hand zu schreiben. Aber es ist unmittelbarer. Ich kann das ganz schlecht beschreiben, habe es aber auch schon von vielen anderen gehört. Diese Glasscheibe sorgt irgendwie für eine Distanz.

 

Hast du eine Hemmschwelle, sei es als Autor oder als Leser, dich mit E-Books zu beschäftigen?

Das interessiert mich nicht so, weil ich das Buch als Objekt mag. Papier hat einen Geruch. Es hat auch ein Gewicht. Das gesamte Programm von avant ist auch darauf angelegt, etwa, dass gutes Papier verwendet wird. Das ist mir sehr wichtig! Bei Superhelden-Heften und Mangas, die wie eine Daily Soap sind, funktionieren E-Comics aber, denke ich. Etwas, das man sich dann in zwei Jahren auch nicht noch mal durchliest.

Ich glaube, es gibt eine digitale Version von Cash von Reinhard Kleist, in dem auch die Songs von Johnny Cash eingepflegt sind. Aber ich würde lieber das Buch haben wollen, denn sonst müsste ich ja lesen und die Musik hören … das ist mir irgendwie zu … (lacht). Ich bin vielleicht nicht so gut im Multitasking. Anders wäre das bei reinem Text, bei einem Buch als E-Book hätte ich, glaube ich, gar keine Probleme.

 

Nun kann man auch Comics und andere Medien miteinander verknüpfen, so wie etwa bei Atlantic 12 von Francois Schuiten. Wäre das für dich interessant? Du interessierst dich für Blues, wäre das ein Ansatz? Vielleicht auch das Medium Film?

Müsste man gucken, was sich ergibt.

 

Hast du bei Packeis über eine Verfilmung nachgedacht?

Wenn ich so etwas mache, dann denke ich nicht über einen Film nach.

 

Benjamin Schreuder, der Autor von Steam Noir, widmet sich inzwischen mehr dem Medium Film, auch weil es dafür gute Möglichkeiten gibt, Fördergelder zu bekommen und es somit vielleicht mehr Sicherheit bietet als Comics. Bei dir scheint es mit den Comics allerdings sehr gut zu laufen?

Das kann sein. Ich kann mich allerdings überhaupt nicht beschweren. Da habe ich echt viel Glück. Ich denke allerdings mehr in Sequenzen und nicht in den bewegten Bildern eines Films. Mich interessiert, was zwischen den Panels passiert.

 

Seite aus drüben!Warum ist drüben! so ein Erfolg? War das ein Zufall oder hattest du da ein besonders gutes Gespür dafür, was gerade in der Luft lag?

Einerseits war das meine Diplomarbeit 2009. Dafür galt die Richtlinie: Man darf nichts als Diplomarbeit verwenden, was bereits vorher veröffentlicht wurde. Deshalb kam es zwangsweise erst 2009 raus. Das war glücklicherweise gerade das 20. Jubiläum der Maueröffnung von 1989. Dadurch hat es, denke ich, eine große Aufmerksamkeit bekommen. Außerdem wurden bereits vorher die Bücher von Sascha Hommer und Arne Bellstorf in der FAZ besprochen. Die Feuilletons waren schon etwas offener damals. Es gab einen Nährboden. Und durch das Thema DDR haben es sicher auch noch Medien aufgegriffen, die sonst nicht über Comics berichten würden. Das war sicher auch Glück. Mehr kann ich dazu nicht sagen, denn drüben! läuft ja seitdem weiterhin gut. Es ist jetzt in der fünften Auflage erschienen. Der Witz ist: Ich kenne meine Leser nicht. Ich weiß nicht, wer meine Bücher liest.

 

Und soziale Netzwerke oder so bringen dir darüber auch keine Erkenntnisse, ist das kein Thema für dich?

Nein, bis auf meine Homepage bin ich eher analog.

 

Die Buchlust bietet ja Kontakt zu Lesern …

Ja. Ich weiss gar nicht, ob das meine typischen Leser sind. Hier sind es sicher überwiegend, ich sag mal so, klassische Bildungsbürger. Oder ist mein typischer Leser der klassische Comicnerd? Oder jemand, der sonst nie einen Comic anrühren würde? Keine Ahnung! Aber zumindest gibt es ja wohl Leser (lacht).

 

Kommt denn Feedback dazu von deinen Verlag?

Eigentlich nur auf Messen. Es gibt keine Fanpost oder so.

 

Also nutzt du Facebook und solche Dienste nicht?

Nein. Ich habe eine Homepage. Und ich müsste das eigentlich auch mal machen … (lacht)

Ich produziere meine Bücher aber auch nicht für einen bestimmten Markt oder eine genaue Zielgruppe. Deshalb ist es vielleicht auch gut, dass ich meine Leser nicht kenne. Denn so mache ich Comics, die ich auch selbst lesen würde. Da greife ich dann vielleicht auch mal voll daneben, aber ich mache was, das mich überzeugt.

 

Dann biederst du dich nicht bei den Lesern an.

Ja, genau. Und das macht die Arbeit für mich reizvoller, an dem zu arbeiten, was mich interessiert. Und wenn ein Buch nicht gut läuft, dann lebe ich immer noch von meinen Illustrationen.

 

Bald, nämlich 2014, nähert sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Wäre das auch ein interessantes Thema für dich? Nicht, dass ich dir etwas einreden möchte, aber es wäre ja ein düsteres, ernstes und spannendes Thema.

(überlegt) Ich will noch nichts über das neue Buch verraten. Ich sag mal: jein. Also, der Comic handelt nicht vom Ersten Weltkrieg. Vielleicht kommt es ja darin vor, aber das ist kein Thema, das mich persönlich besonders interessiert.

 

Du magst Blues und spielst Saxofon – böte sich das als Thema an?

Darüber habe ich schon nachgedacht, als ich dieses Theaterstück umsetzen wollte, weil es da auch viel Musik gibt. Das ist spannend. Im Comic gibt es alles, außer Musik und Ton. Und wie stelle ich Ton dar? Aber da ist mir noch nicht die passende Geschichte gekommen. Über Blues und Jazz gibt es Comics. Das ist aber meist super-klischeebeladen. Das ist oft so idealisiert. Und ich habe Angst, in diese Falle zu tappen, weil es sehr bequem ist, dahin zu gehen. Ich mache gerne Geschichten, wie über Henson bei Packeis, wo ich weiß: da kommt auch kein anderer drauf. Ich weiß nicht, ob das andere Zeichner auch haben, aber ich lebe immer zweieinhalb Jahre in der Panik „Hoffentlich macht nicht gerade jemand anders was zum gleichen Thema!“ (lacht)

 

Zum Thema Klischee und dem Zwang, im Comic mitunter vereinfachen zu müssen und in Schwarz und Weiss zu denken, fällt mir ein, was mir Colin Wilson im Interview erzählte: Im Mainstream wird das oft so vorgegeben. Von solchen Zwängen bist du frei, oder?

Das mag ich auch. Die Figur des Peary etwa ist ein Unsympath im Comic. Aber er hat auch Seiten, in denen er einem sympathisch ist. Der hat auch seine Zweifel. Er ist auch am Jammern. Dadurch werden Figuren ja auch erst glaubwürdig. Guck mal, mich muss eine Geschichte zweieinhalb Jahre lang interessieren! Wenn ich dann nicht dahinterstehe, würde das Buch nie fertig werden. Etwas Kommerzielles? Eine Auftragsarbeit machen? Das müsste schon sehr gut bezahlt sein, damit ich das mache (lacht).

 

Spielst du denn live mit deiner Band?

Zur Zeit nicht. Aber es gibt das komplette Album auf Facebook … da gibt es dann mal Facebook (lacht)! Wir sind seit gut einem Jahr nicht mehr gemeinsam aufgetreten. Ich glaube das stirbt gerade so etwas. [Anm. d. Red.: Laut Simon Schwartz hat sich die Band mittlerweile aufgelöst.]

 

Simon Schwartz beim Signieren seiner ComicsZu dem Thema, seine Leser nicht zu kennen, fällt mir ein, was Lutz Mathesdorf mir sagte: Das Schönste für ihn sei es, auf Menschen zu treffen, die seine Comics lesen! Dir ist das weniger wichtig?

Oh, doch, sehr. Es ist nur oft so: Die meisten Leute, die ich treffe, kaufen das Buch gerade erst. Ich erfahre also eher selten wie sie es fanden. Ich hatte mal ein tolles Erlebnis in Erlangen. Da kam ein kleines Mädchen, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt und wollte drüben! signiert haben. Ganz schön komplex für das Alter! Sie meinte aber, das hat sie in der Buchhandlung gesehen, es hat sie interessiert und sie hat es gelesen. Die war total fit in dem Buch! Das war toll! Und 2012 war sie dann wieder ein Erlangen! Und jetzt hatte sie schon Packeis, war schon etwas älter, hatte einen Freund. Ich bin schon gespannt, sie in zwei Jahren wiederzusehen …

 

… da ist sie dann vielleicht Comiczeichnerin.

Ja, vielleicht (lacht). Das war so was von schön!

 

Ich behaupte mal, Frauen sind im Comic gewaltig auf dem Vormarsch. Lutz Mathesdorf hatte erzählt, dass zu einem Zeichenkurs von ihm fast ausnahmslos Mädchen erschienen sind. Kannst du diesen Eindruck bestätigen?

Ich habe mit sehr vielen Frauen studiert! Auf jeden Fall. Frauen haben eher Comics gemacht als die Typen. Begründen kann ich das nicht. In Hamburg etwa unterrichtet Anke Feuchtenberger. Sie hat in den Neunzigern sehr frauenbewegte Sachen gemacht. Aber ihre Studentinnen machen das nicht unbedingt. Die machen völlig andere Sachen. Aber sie ist sehr charismatisch und das wirkt dann vielleicht auch anziehend. Vielleicht nimmt das Frauen die Hemmschwelle vor der vermeintlichen Männerdomäne Comic, wenn es eine weibliche Professorin gibt, die Comics macht. Und es gibt richtig gute deutsche Comiczeichnerinnen: Isabel Kreitz, Anke Feuchtenberger, Line Hoven, Marijpol, Birgit Weyhe, die letzten beiden sind auch beim avant-Verlag. Da gibt es noch viel mehr, die ich kenne, die aber noch bei keinem Verlag untergekommen sind. Da sage ich, das wird Zeit! Ich find’s auch tatsächlich oft spannender, als das, was die Typen machen. Aus dem gleichen Grund, aus dem ich vorhin Atak und andere gelobt hatte, weil sie nämlich kein Comic-Vorwissen hatten. Sie wuchsen nicht damit auf. Comics sind eher ein Jungs-Medium. Wir haben alle Batman oder Asterix gelesen. Und das haben die Mädchen nicht unbedingt. Somit fangen sie quasi bei Null an und somit etwas frischer und unbelasteter von Klischees und Stereotypen. Allerdings gibt’s auch wieder einen Wechsel. Ich unterrichte ja auch. Da merke ich, dass jetzt viele Mädchen aus dieser Mangaecke kommen. Das ist eine Generation die nochmal um eins jünger ist als ich. Da merke ich dann, wie sehr sie Mega-Scheuklappen haben. Jetzt wiederum kippt es und die Jungs machen die interessanteren Comics, denn in ihrer Kindheit gab es keine Comics, sondern nur Mangas für Mädchen, die sie nicht interessiert haben.

 

Es gibt natürlich auch immer andere Arten von Mangas.

Ja, aber diese Sorte Mangas war dominierend, während bei meiner Generation Asterix oder so dominiert hat. Bei diesen Mangazeichnern erinnert mich das an Ikonenmalerei. Es muss immer alles exakt gleich aussehen. In den Handlungen finden sich viele Stereotypen. Weil die Mangas, die sie früher gelesen haben … das waren die Mädchen, die früher Wendy gelesen haben. Oder die Gartenlaube. Die richtig innovativen Meister haben sie nicht unbedingt gelesen. Was auch hängengeblieben ist: Was zählt, ist eher die Optik und weniger die Handlung. Bei der Frauengeneration Mitte 20 bis Anfang 30 gibt es aber viele tolle Künstlerinnen und ich hoffe, dass da noch viele Bücher kommen!

 

Manga ist für dich etwas, das du ablehnst?

Das nicht, aber das meiste interessiert mich einfach nicht. Das meiste, was in Deutschland an Mangas veröffentlicht wird, ist wie eine Daily Soap.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Homepage von Simon Schwartz
drüben! beim Avant-Verlag
Packeis beim Avant-Verlag
Comicgate-Rezension von drüben!
Mehr Eindrücke von Stefan Svik zur Buchlust 2012 im Artikel beim Comic-Report

 

Abbildungen: © Simon Schwartz
Fotos: © Stefan Svik