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Cancer Woman

Cover Cancer Woman Der Titel verspricht einen Superhelden-Comic über Krebs. Das mag einen schaudern oder sofort interessieren, neu ist das nicht, aber viele andere Ideen schaffen einen originellen Zugang zu diesem schwierigen Thema. Schon in Mutter hat Krebs von Brian Fies wurde das Verfremdungsmittel „Superhelden“ sinnvoll (und nur auf wenigen Seiten) eingesetzt. Erfrischend originell ist „Cancer Woman“ durch zig andere gute Einfälle, Krankheit und Krebs im Comic zu fassen: Marisa Acoella Marchetto arbeitet in New York/USA als selbständige Zeichnerin und geht in den gehobenen Kreisen der Kulturszene ein und aus.

Wichtige Themen im Buch sind daher: Wie erobere ich den Mann meines Lebens angesichts der harten Konkurrenz von dünnen Models? Was brauche ich, um gut auszusehen? Welches ist mein nächstes berufliches Projekt, um mich zu profilieren? Was muss ich noch mit meiner Mutter bequatschen? Gerade diese Verquickung von Frauenthemen mit dem Todesthema „Krebs“ macht den Einbruch der Erkrankung in das glitzernde Leben so greifbar und erschreckend. Und gerade diese kluge Kombination schafft eine Unzahl von vielen humorigen, einigen romantischen und wenigen schaurigen Begebenheiten: Humorig etwa die stete Sorge, welche Schuhe Marisa zur Chemotherapie anzieht, die nur „Bad Hair Day“ heißt, ein genuin weiblicher Zugang. Romantisch, wenn der neu gewonnene Bald-Ehemann Silvano auch in dieser fundamentalen Krise („Hochzeitskrebs“) und inmitten einer Glamourwelt, für die das Äußere so wertvoll ist, zu ihr hält. Und schaurig, wenn ein konkurrierendes Model mit Arschgeweih im Kampf um die gute Partie Silvano im Lokal vor aller Augen und in Gegenwart von Marisa schonungslos ihre Gesundheit als Argument vorbringt: „Hier ist meine Karte. Ich bin nicht krank … Ruf mich an, falls du eine gesunde Beziehung haben willst.“ Gerade diese Verknüpfung lockt meines Erachtens auch neue Zielgruppen zum Thema. Und die witzigen Einsprengsel sind nicht bloß Showeinlagen, um die schwere Materie besser verdauen zu können, sondern zeugen effektvoll von der Kraft und dem Lebensmut, der bei Marisa letztlich ungebrochen bleibt.

Seite aus Cancer WomanDie Zeichnungen sind knallbunt, großflächig gefüllt und etwas gewöhnungsbedürftig, doch in die Lebensgeschichte von Marisa findet man gut hinein. Und selbstverständlich bietet das Comicformat (wie immer!?) exzellente Möglichkeiten, Unmögliches bildlich auszudrücken, etwa wenn dem Tod „in den Arsch“ (Zitat) getreten wird, denn der Kampf der CancerVixen (so der Originaltitel des Buches) richtet sich natürlich gegen die Krankheit und den damit drohenden Tod. Und manche medizinischen Zusammenhänge lassen sich mit kleinen Männchen eben besser veranschaulichen als durch Prosa, nicht umsonst ist Mutter hat Krebs in der Ärzte- und Ärztinnen-Ausbildung angekommen (wenn auch eher wegen der dort eingefangenen Perspektive der Patienten). Die widersprüchlichen und extremen Gefühle sind in Zeichnungen und Analogien besser aufgehoben als in abgegriffenen Floskeln, die dieses originelle Buch kaum kennt.

Cancer Woman reiht sich in eine Linie mit guten Comics, die sich mit dem Thema „Krankheit, insbesondere Krebs“ seriös und ausschließlich (auto-) biografisch auseinandersetzen. Zu denken wäre an das bereits genannte Mutter hat Krebs (Brian Fies), Our Cancer Year (Harvey Pekar/Joyce Brabner/Frank Stack) sowie zu anderen Krankheiten Blaue Pillen (HIV/AIDS) von Frederik Peeters und Der Fotograf (medizinische Versorgung in Afghanistan) von Emmanuel Guibert, Didier Lefèvre und Frédéric Lemercier. Doch Cancer Woman addiert nicht einfach einen weiteren Comic hinzu, sondern schafft einen weiteren eigenständigen Zugang zu diesem Thema, vorrangig für Frauen und die High Society. Ungewollt politisch wird es dann, wenn Marisa feststellt, dass sie – wie so viele in den USA 2004 – keine Krankenversicherung hat. Marisa Marchetto hat nach Überwindung des Krebs‘ übrigens einen Fonds ins Leben gerufen, der Mammografien finanziert; nach eigenen Erfahrungen entdecken Wohlhabende ja öfter ihr Herz für andere Betroffene …

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Erfrischend originell durch zig gute Einfälle, Krankheit und Krebs im Comic zu fassen

 

Cancer Woman. Eine wahre Geschichte …
Atrium Verlag, März 2012
Text: Marisa Acocella Marchetto
Zeichnungen: Marisa Acocella Marchetto
Übersetzung: Janina Joffe
220 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 22,95 Euro
ISBN: 978-3-85535-507-5

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Abbildungen © Marisa Acocella Marchetto, der dt. Ausgabe: Atrium Verlag

Links der Woche 14/13: Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man dir das nicht erklärt?

Unsere Links der Woche, Ausgabe 14/2013:

 

Aufs Maul – in die Fresse – Artbattle
Comicforum, Künstler-Café
Im Comicforum bekämpfen sich wieder zahlreiche Zeichner – nicht verbal oder mit den Fäusten, sondern indem sie von ihnen gezeichnete Figuren aufeinander losgehen lassen. Im Moment läuft die erste Runde mit acht Duellen, bis zum 12.4. können alle Comicforum-Mitglieder abstimmen, wer ins Viertelfinale kommt. Leider gibt’s keine praktische Übersicht, auf die wir verlinken könnten, die einzelnen Battles findet man am leichtesten über das PuK-Forum unter dem Stichwort „Artbattle Runde 1“.

Retter der Superhelden
tagesspiegel.de, Chris Melzer
Am 4. April verstarb im Alter von 87 Jahren Carmine Infantino. Er gilt als einer der Väter des „Silver Age“, da er es als Zeichner und Cover-Designer bei DC Comics in den Fünfziger und Sechziger Jahren schaffte, den langsam unpopulär werdenden Superhelden neuen Schwung zu verschaffen. Am berühmtesten ist er wohl für die von ihm gezeichnete neue Version des Flash (ab 1956). Später wechselte er in die Chefetage von DC. Auf Deutsch gibt es bislang nur den oben verlinkten Nachruf der DPA. Empfehlenswerte englische Texte gibt es z.B. beim Comics Reporter, und bei Mark Evanier (Teil 1, Teil 2). Beim Comics Journal kann man ein langes Interview mit Infantino lesen, in dem er auf seine Karriere zurückblickt.

Tödlicher Windhauch
ZDF, Bernd Kissel
Beim ZDF scheint man auf den Geschmack zu kommen und begleitet eigene TV-Produktionen gerne mit passenden Comics. Nach dem Motion Comic zu Unsere Mütter, unsere Väter (siehe Links der Woche 11/13) steht nun ein neuer interaktiver, mit Soundeffekten und etwas Animation garnierter Comic zur Krimireihe um den Privatdetektiv Finn Zehender auf der ZDF-Website. Dieser ist schon der zweite Zehender-Comic von Bernd Kissel – der erste wurde im Sommer 2012 veröffentlicht und ist nach wie vor verfügbar.

Calvin and Hobbes: The Movie (Trailer)
YouTube, Gritty Reboots
Wie würde es aussehen, wenn Hollywood Calvin und Hobbes verfilmen würde? Und zwar nicht als familienfreundlicher Trickfilm, sondern als düsterer Action-Blockbuster? So vielleicht:

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Die falschen Gesichter

Cover Die falschen GesichterDavid B. gilt als einer der größten Neuerer des Comics. Nicht zuletzt mit seiner schon klassisch gewordenen Erzählung Die heilige Krankheit hat er sowohl inhaltlich als auch formal neue Wege beschritten und damit viele andere Künstler der letzten Jahre maßgeblich beeinflusst. Nicht zu vergessen der kommerzielle Erfolg, der auch bei den etablierten Verlagen den Weg für solch ambitionierte Projekte ebnete und damit zu einem breiteren Publikum dafür führte. Nicht zuletzt durch ihn und seine Mitstreiter der L’Association wurde der moderne Comic geschaffen und nachhaltig das bunte Bild der Landschaft verändert. Auch der Zeichner Hervé Tanquerelle ist mit diesen Künstlern verbunden, wenngleich noch nicht so bekannt. Immerhin verdiente er seine Sporen bei der Serie Professor Bell, welche niemand geringeres als Joann Sfar textete. Letztere konnte durch viele skurrile Einfälle punkten, nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern eben auch auf der graphischen. Jetzt liegt mit Die falschen Gesichter ein Band vor, der schon rein konzeptuell etwas überrascht. Schließlich ist er eine reine Kriminalgeschichte, ein „Neo Noir“, wie auf der Buchrückseite behauptet wird. Das schürt natürlich die Neugier, denn ein Erneuerer, der sich eines klassischen Genres annimmt, zusammen mit einem Zeichner, der gerne absurde Ideen einbringt, verspricht einen etwas anderen Zugang. Den jedoch wählen David B. und Tanquerelle nicht.

Stattdessen wird hier ganz klassisch und geradlinig erzählt. Inspiriert von wahren Fällen, berichtet David B. von einer Bande von Bankräubern. Dabei geht er ganz chronologisch vor, indem er Aufstieg und Fall der Gang darstellt. Es handelt sich also auch nicht um eine Heist-Erzählung, in der es immer um einen speziellen Raub geht, dessen Vorbereitung, die Bandenzusammensetzung, Konflikte innerhalb der Gruppe, Widrigkeiten und wie sie damit klar kommen. Stattdessen steht eine nüchterne Chronologie im Fokus: Nach einem blutigen Banküberfall mit anschließender Geiselnahme nehmen sich zwei Ganoven vor, sich auf Banken zu spezialisieren. Mit einer ausgewählten Gruppe verkleiden sich die Gangster, um sich unter die Kunden zu mischen, bis sie zuschlagen. In einer überschwänglichen Stimmung überfallen sie sogar einmal drei Banken an einem Tag. Doch Leichtsinn droht die Bande zu sprengen und auch so manche Nerven machen nicht mehr lange mit.

Seite aus Die falschen GesichterInhaltlich also ein sehr klassischer Krimi und die Neugier, wie wohl David B. sich einem reinen Genrestück nähert, wird etwas enttäuscht. Gut, wenn man sich auf reale Fälle bezieht, bleibt einem nicht unbedingt viel Raum für Änderungen, aber es überrascht doch sehr, wie konventionell der Band aufgebaut ist. Zwar ist der Comic weit davon entfernt, die Banditen zu glorifizieren, aber eine Neuerung findet nicht statt. Doch es gibt einige auffällige Elemente: So stehen merkwürdigerweise die Figuren nicht unbedingt im Vordergrund, was es dem Leser manchmal schwer macht, die einzelnen Banditen auseinanderzuhalten. Vielleicht ging es David B. mehr um die Stimmung und so hat man den Eindruck, dass es sich hier eher um eine kleine Fingerübung für zwischendurch handelt. Offensichtlich hatten der Autor und sein Zeichner einfach Spaß an der Sache. Man spürt die Affinität der beiden zum Genre und das überträgt sich auf den Leser. Wobei es schon erstaunlich und durchaus von Nachteil ist, dass diesem Genrestück die einzelnen Charaktere offenbar nicht sonderlich wichtig waren.

Ein klassicher Noir-Krimi ist Die falschen Gesichter auch nicht. Dieses Genre macht die Ausweglosigkeit des Protagonisten aus. Er sieht sich stets in einer Situation gefangen, aus der er nicht ohne weiteres entkommen kann. Das ist hier nicht der Fall, denn die Banditen könnten ja aufhören und sich ins Ausland absetzen, sie wollen nur nicht.

Trotz mancher Schwächen ist der Band spannend und damit unterhaltsam. Der Blick auf die Geschehnisse ist recht nüchtern, was zwar keine Glorifizierung zulässt, aber auch keine Empathie ermöglicht. So wird jede Sehnsucht negiert. Vielleicht macht gerade dies den Reiz aus. Und auch Zeichner Tanquerelle beugt sich der Objektivität, hält sich mit Eskapaden zurück und liefert hochwertige, solide Zeichnungen ab.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein reines Genrestück vom großen Neuerer David B., das recht konventionell ausfällt aber dennoch zu unterhalten weiß.

 

Die falschen Gesichter
Avant-Verlag, Dezember 2012
Text: David B.
Zeichnungen: Hervé Tanquerelle
Übersetzung: Uli Pröfrock
152 Seiten, zweifarbig, Softcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-66-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: avant-Verlag

Adler ohne Krallen

Cover Adler ohne KrallenChristian Lax (Hot Rock) verbindet viele positive Erinnerungen mit dem Radsport im Allgemeinen und der Tour de France im Speziellen. So berichtet er auch im Vorwort seines neuen Comics Adler ohne Krallen von den Helden seiner Jugend. Danach nimmt er uns mit zu den Anfängen der Tour, die 1903 geboren wurde.

Wer jetzt aber denkt, es werden die Umstände und Hintergründe dieses allerersten Rennens thematisiert, liegt falsch. Christian Lax setzt ein paar Jahre später ein und erzählt das Schicksal des (fiktiven) Antoine Fario, dessen großer Traum es ist, an der Tour de France teilzunehmen.

Aus dem Militärdienst frisch entlassen verdingt sich der einfache Mann, der am Pic du Midi in den Pyrenäen lebt, als Lastenträger und beliefert ein Observatorium hoch oben auf dem Berg. Mit diesem Knochenjob versucht er sich das Rad zusammen zu sparen, mit dem er für die Tour trainieren und schließlich antreten will.

Unterstützt vom im Observatorium arbeitenden Camille verfolgt er verbissen sein Ziel und findet im Astronomen einen echten Freund. Antoine hat nur zwei Probleme: Geld, das er nicht besitzt, und das Schicksal, das es nicht gut mit ihm meint. Um genug zu verdienen, schleppt er sich zur Erschöpfung, auch dann noch, als seine Kollegen im harten Winter den Berg meiden. Prompt stürzt er auf dem Rückweg nachts im Schnee und muss in einer Hütte Zuflucht suchen. Die Kälte lässt seine Zehen absterben, es bleibt nur noch die Amputation.

Antoine gibt nicht auf, nimmt auf den Fußballen und mit Holzprothesen in den Schuhen (unbemerkt von der Öffentlichkeit und der Konkurrenz) sogar an Rennen teil. Als Nobody und Einzelfahrer, den zunächst keiner auf der Rechnung hat, erwirbt er sich schnell den Ruf als „Adler von Esponne“.

Seite aus Adler ohne KrallenLax verknüpft hier ein fiktives Einzelschicksal mit realem, historischem Hintergrund. Es ist eine exemplarische Geschichte, die der Liebe des Autors zum Radsport Ausdruck verleiht. Tatsächlich bekommt man einen Eindruck, wie mühselig es zur damaligen Zeit war, es sich zum einen leisten zu können, an der Tour teilzunehmen, zum anderen diese auch durchzustehen. Viel mehr als heute, wo es auch auf die technischen [und medizinischen, Anm. d. Chefred.] Voraussetzungen ankommt, stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts die pure Muskelkraft und der Siegeswille im Vordergrund. Die Figur des Antoine ist Abbild genau davon. Trotz aller Widrigkeiten wurde er zu einem jener Helden, die er selbst verehrte.

Als zum Schluss des Comics der Erste Weltkrieg heranrückt, wird dem Leser schmerzlich bewusst, dass weder Antoines Erzählung, noch der der anderen prominenten Fahrer im Feld ein Happy End vergönnt ist. Christian Lax stellt damit seinen Comic nochmal in einen unmissverständlichen historischen Bezug.

Die Seiten sind in nüchternen Farben gehalten, das braun-ockerne Ambiente ist so schlicht wie das Leben der Menschen vor Ort in den Bergen. Bezeichnenderweise sind der klare, dunkelblaue Nachthimmel und die schneebedeckten Gipfel am hellsten geraten. Insgesamt unterstützt der Zeichenstil von Lax die ergreifende Story perfekt.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Comic über die Anfänge der Tour de France mit einem überzeugenden Protagonisten

 

Adler ohne Krallen
Schreiber & Leser, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Christian Lax
Übersetzung: Resel Rebiersch
80 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 18,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-89-0
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser

Hauteville House 3&4

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Cover Hauteville House 3Zurück ins Steampunk-Universum von Hauteville House, in dem Geschichte neu geschrieben wird: Im fiktiven 19. Jahrhundert strebt Kaiser Napoleon III. die Eroberung aller Kontinente an und entsendet seine Armee auf okkultistische Expeditionen. Als Ergebnis einer solchen wird in Mexiko ein geisterhaftes Wesen geborgen, das als Waffe dienen und als entscheidender Faktor im amerikanischen Bürgerkrieg fungieren soll. Transportiert wird diese Waffe auf der Chlodwig, einem riesigen kaiserlichen Schiff. Vom Hauteville House aus, dem Sitz der republikanischen Widerständler, werden die Agenten Gabriel und Zelda auf die Mission geschickt, die Chlodwig rechtzeitig vor der Ankunft in Amerika zu zerstören. Parallel dazu schleust sich Èglantine unter falschem Namen in den engeren Beraterstab des Kaisers ein. Ihr Ziel ist es, herauszufinden, worüber Napoleon mit den Südstaaten verhandeln will.

Cover Hauteville House 4Mit Band 3 nimmt die Serie von Fred Duval (Texte) und Christophe Quet (Storyboard) richtig Fahrt auf, bevor Band 4 schließlich das Ende des ersten Zyklus markiert. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der amerikanische Bürgerkrieg 1864, den der französische Kaiser für seine eigene Zwecke nutzen möchte: Indem er sich mit der einen Seite verbündet und den Sieg mit seiner übernatürlichen Waffe garantiert, kann er in Übereinkunft mit dem Gewinner anschließend Gebiete auf dem Kontinent für sich beanspruchen. So lautet zumindest sein Vorhaben. Doch die republikanischen Soldaten tun alles dafür, es soweit nicht kommen zu lassen.

Kriegsschiffe, U-Boote, Zeppeline, Panzerzüge marschieren neben dampfbetriebenen Motorrädern, Soldaten auf Pferden und gigantischen Metallspinnen auf. Und mittendrin eine ektoplasmische Kreatur, die sich durch die Menschenhorden metzelt. In Band 3 und 4 ist einiges geboten. Es wird jetzt etwas weniger geredet als noch in den beiden ersten Alben, denn schließlich herrscht Krieg. Die Verquickung aus Horror, Steampunk, Agententhriller und Historiencomic gelingt hervorragend.

Seite aus Hauteville House 4Zur Authentizität dieser sehr eigenwilligen Welt gehört auch die „Hauteville House Tribune“, eine Zeitung von 1864, von der zu Beginn von Band 4 eine illustrierte Beilage abgedruckt ist. Die Seiten reflektieren und rekapitulieren die bisherigen Geschehnisse für das Volk und stellen die neuesten Errungenschaften der Technik vor, darunter der „Ektoplasmator“, mit dem man Geister aufsaugen kann, kohlenbetriebene Kutschen oder ein über Pedale angetriebener Rammbock, mit dem man buchstäblich Berge versetzen können soll.

„Hat die zahnradbasierte Übersetzungstechnik damit ihren Höhepunkt erreicht?“, fragen die Redakteure des Tribune schließlich. Eine Frage, die sich nach vier Ausgaben auch die realen Leser der Comicserie Hauteville House stellen dürften. Was hier an spektakulären Vehikeln und retro-technologischem Fortschritt aufgefahren wird, ist an Fantasiereichtum kaum zu überbieten.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Amerikanischer Bürgerkieg mal anders, der zweite Zyklus darf kommen

 

Hauteville House 3&4
Finix Comics, 2012/2013
Text: Fred Duval, Christophe Quet
Zeichnungen: Thierry Gioux
Übersetzung: Tobias Haßdenteufel
je 48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 13,80 Euro

Band 3: Der Geisterdampfer
ISBN: 9783941236691
Leseprobe

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Band 4: Atlanta
ISBN: 9783941236707
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics

Links der Woche 13/13: Stay on the scene

Unsere Links der Woche, Ausgabe 13/2013:

 

Aus für Fachmagazin „Comixene“
tagesspiegel.de, Lars von Törne
Die im letzten Herbst erschienene Ausgabe 115 des Fachmagazins Comixene wird die letzte sein, wie Chefredakteur und Herausgeber Martin Jurgeit am Wochenende bekanntgab. Parallel wird die im gleichen Verlag erscheinende monatliche Comiczeitung Comix ab sofort mehr redaktionelles Material enthalten. Mehr Details direkt von Martin Jurgeit gibt es in diesem Diskussionsthread im Comicforum.
[Disclosure: Auch ich habe zwei- oder dreimal für die Comixene geschrieben, habe sie immer gerne gelesen und werde sie durchaus vermissen.]

Roundtable zum Unzuverlässigen Erzählen im Comic
Gesellschaft für Comicforschung, Felix Giesa
Eine Reihe von fünf interessanten Essays zur Frage „Wer ist eigentlich der Erzähler in einem Comic“? Lohnende Lektüre für alle, die sich genauer mit theoretischen Hintergründen der Kunstform Comic beschäftigen wollen.

Kolumne: Frauen an die Comics
Comic-Hive, Jean Fischer
Folge 1 einer neuen Kolumne von Jean Fischer, die auf ihrem Blog Ein Comic Leben schon lange über die Comicwelt (vorwiegend deren US-amerikanischen Teil) aus weiblicher Sicht schreibt: „Frauen und Comics, das ist seltsam, fremd und gehört für viele Fan(boy)s einfach nicht zusammen.“

Uncanny Avengers, X-Men, Rick Remender, And Oppression Comix
4thletter!, David Brothers
Der US-Aufreger der Woche: Im gerade erschienenen Heft Uncanny Avengers 5 hält Havok, der Anführer des Teams, eine Rede, in der er sich dafür ausspricht, das Wort „Mutant“ (das M-Wort, wie er es nennt) in Zukunft nicht mehr zu benutzen. Im Marvel-Universum, wo die Mutanten als Platzhalter für jede Form von mehr oder weniger stark diskriminierter Minderheit gelesen werden können, ist das eine durchaus bedeutende These. Autor Rick Remender hat es vermutlich gut gemeint (im Sinne von „wir sollten uns nicht über Unterschiede definieren und alle sollen gleichberechtigt sein“), die Ausführung scheint jedoch verunglückt, denn sie kann auch anders interpretiert werden: Geht es nach Havok, ist „Mutant“ ein abwertender Begriff, und indem er sich den Begriff verbittet, verneint er Unterschiedlichkeit und die Anerkennung von Unterschieden. Doch jede Minderheit braucht Begriffe, mit denen sie sich selbst und ihre Andersartigkeit in einer positiven, nicht-diskriminierenden Form beschreiben kann. Das führte zu einigen kritischen Reaktionen wie dem oben verlinkten Beitrag oder auch diesem Artikel, außerdem wurde Remender (der selbst keiner Minderheit angehört) auf Twitter stark kritisiert. Dieser reagierte darauf zunächst sehr unsouverän, wofür er sich später auf seinem Blog entschuldigte.

Latest Japanese Schoolgirl Trend: Fake Dragon Ball Attacks
Kotaku, Brian Ashcraft
Wird das nach dem „Harlem Shake“ das nächste große Web-Mem, bei dem jeder dabei sein will? In Japan zumindest ist „Makankosappo“ zur Zeit der heiße Scheiß. Inspiriert durch einen Kampf-Move aus dem Manga Dragon Ball stellen zahlreiche junge Leute vermeintliche Kampfszene auf teilweise sehr beeindruckenden Photos nach, die sich viral durchs Netz verbreiten. Weitere Beispiele gibt es z.B. hier und hier.

CRFF22 – Schwarz, Weiss, Tot
Comic Review, Daniel Raetsch
Zugegeben, wir sind geschmeichelt. Die aktuelle Ausgabe des Podcasts Comic Review (MP3, 11:22 Minuten) bespricht das von uns verlegte Cartoonbuch Schwarz, weiß, tot von Lapinot und unser Printmagazin und ist nahezu restlos begeistert.

Interview mit Achdé

Der Name Hervé Darmenton, abgekürzt und französisch ausgesprochen, ergibt: Achdé. Der aus Lyon stammende Künstler übernahm 2003 nach dem Tod von Zeichner Morris dessen legendäre Serie Lucky Luke und hat bisher fünf reguläre Alben und zwei Sonderbände mit dem Lonesome Cowboy vorgelegt. 2012 war Achdé zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse, wo ihn Stefan Svik zum Interview traf.

Das Gespräch wurde anfangs mit Hilfe von Lucky Luke-Übersetzer Klaus Jöken geführt, der vom Deutschen ins Französische und andersherum dolmetschte und auch selbst Fragen beantwortete. Im Laufe des Interviews entwickelte sich dann aber ein direktes Gespräch auf Englisch.

 

Achdé mit Übersetzer Klaus JökenComicgate: Geht in der Übersetzung viel vom Humor in Lucky Luke verloren?

Klaus Jöken: Ein guter Übersetzer muss die Übersetzung besser machen als das Original (lacht). Eine Übersetzung ist immer eine Anpassung, eine Adaption. Gerade beim Comic lassen sich manche Gags einfach nicht übersetzen. Dann muss man eine Entsprechung suchen. Also etwa an der selben Stelle einen anderen Gag bringen, der dann aber auch in die selbe Sparte passt. Ich hoffe, dass es so gut ist wie das Original.

 

Für die Asterix-Alben, die Du ja auch übersetzt, ist es sicher hilfreich und wichtig, viel über französische Tagespolitik, Filme und Literatur zu wissen, um die Anspielungen in den Comics zu verstehen?

Mein großes Vorbild, Dr. Erika Fuchs, hat immer gesagt, man kann gar nicht belesen genug sein, wenn man Übersetzer für Comics ist. Man muss sich kulturell immer auf dem Laufenden halten. Ich habe etwa, nur zur Recherche für Asterix, eine Ausgrabungsstätte in einem keltischen, gallischen Dorf mitgemacht, als Assistent der Ärchäologen, die dort ausgebildet wurden. Ansonsten informiere ich mich per Internet, Film und Fernsehen.

 

Musst Du auch öfter Rücksprache mit den Autoren halten?

Normalerweise nicht. So gut muss man schon sein, dass man es alleine versteht. Aber die Möglichkeit nachzufragen hätte ich natürlich.

 

Hast du Dr. Erika Fuchs mal persönlich getroffen? Sie hat ja den Ruf, durch ihre Übersetzungen die Comics von Carl Barks noch mehr aufgewertet zu haben.

Da ich kurz nach meinen Anfängen als Comicübersetzer nach Frankreich gezogen bin, habe ich Frau Dr. Fuchs leider nie persönlich kennengelernt. Tatsächlich war sie aber immer mein großes Vorbild, zusammen mit den Asterix-Übersetzungen von Gudrun Penndorf. Von beiden habe ich gelernt, dass man gerade im Bereich Humor nicht sklavisch am Originaltext kleben darf, sondern kreativ mit der Sprache umgehen muss. Vor allem Wortspiele lassen sich in der Regel nicht übersetzen, da ist dann Phantasie gefragt. Natürlich darf man dabei aber auch nicht zu frei sein, sondern muss immer den Geist des ursprünglichen Werkes respektieren.

 

Cover Lucky Luke 80Nun meine erste Frage an Achdé. Mir geht es wahrscheinlich so wie vielen anderen, meine erste Begegnung mit Frankreich und Belgien hatte ich als Kind mit Comics, genauer gesagt mit Asterix und Lucky Luke. Es heißt, die Kinder in den USA wuchsen mit den Superhelden auf und die Kinder in Westeuropa wurden mit den franko-belgischen Funnies groß. Ist das nicht auch eine schöne Idee, Kinder mit Humor und cleveren Ideen auf das Leben vorbereiten statt unerfüllbare Superkräfte-Erwartungen zu wecken? Ist das heute noch so?

Achdé: Ganz früher gab es schon sehr viel unterschiedliche Comics, gerade auch in den USA. Lustige Sachen. Oder auch Tarzan. Der Umschwung kam dann mit dem Kalten Krieg. Dann wurden die Superhelden stark gepusht. In den USA gab es etwa Humor-Comics wie MAD, aber das war dort eher Underground. Das hatte wohl mehr Erfolg in Europa als in Amerika.

 

Und Lucky Luke war nie so recht erfolgreich in den USA, oder?

Man muss es sich so vorstellen: Wenn die Amerikaner einen Comic über Franzosen machen würden, mit Baskenmütze und Baguette unterm Arm, würde das in Frankreich auch nie ankommen.

 

Gleichzeitig lieben die Amerikaner aber Frankreich, oder? Paris gilt, überspitzt gesagt, als die Hauptstadt von Europa, weil es so elegant und attraktiv wirkt.

Klar. Und auch die Franzosen mögen die Amerikaner. Aber die Amerikaner haben auch keine Lust darauf, dass ihnen jemand den Spiegel vorhält. Lucky Luke ist ja immerhin eine Parodie auf den Western. Das ist ja eine uramerikanische Kunstform. Und dann kommt eine Parodie darauf, auch noch von jemand von außerhalb. Gerade in so einem ultra-nationalistischen Land, in dem nicht mal zugegeben wurde, dass z. B. der Gin eine europäische Erfindung ist (lacht). Die Amerikaner haben allein schon ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte. Die Geschichte des Westens etwa fängt bei ihnen mit Lewis und Clark an, die den Westen erst erkundet haben. Dabei sind die beiden in den Westen gegangen, um einen Franzosen zu finden, der schon länger da war. Die ganze Gegend war schon vorher erkundet worden. Er hatte sich mit einer Indianerin verheiratet. Es gab also eine Geschichte schon vor den Amerikanern. Franzosen, Kanadier und andere waren bereits vorher im Westen. Aber das wird alles beiseite geschoben.

 

Mœbius hat einige Zeit in den USA verbracht. Das hat ihn für seine Kunst sehr inspiriert. Warst Du auch schon in den USA oder ist das gar nicht mehr so wichtig, weil wir Europäer immer amerikanischer werden?

Auch Jean Giraud alias Mœbius hat ja Western-Comics gemacht, nämlich Blueberry. Das ist auch ein gutes Beispiel, denn das ist ja auch ein sehr europäischer Western. Er zeigt auch die dunklen Seiten der Personen. Der Held ist eine sehr zwiespältige Person, die von Konflikten hin- und hergerissen wird.

 

Lucky Luke ist ein nationales Erbe. Europäisches Kulturgut. Das macht die Arbeit daran bestimmt sehr angesehen, aber es ist sicher auch eine große Einschränkung. Es muss so gezeichnet werden, wie es die Leser gewohnt sind. Hättest Du gerne mehr Freiraum, etwa für neue Figuren, und ist es manchmal lästig, genau so zeichnen zu müssen wie Morris?

Ich will gerne der Linie von Morris folgen. Allerdings hat sich auch Morris weiterentwickelt. Das war eine langsame Weiterentwicklung. Er hat sich sehr am Medium Film orientiert. Wenn man sich die Lucky Luke-Comics ansieht, die Morris gezeichnet hat, merkt man, dass sie so aufgebaut sind wie ein Film. Er hat sich dabei sehr an den Western orientiert. Und das mache ich ebenfalls. Allerdings ändert sich auch die Art, Filme zu machen, und das wurde auch nach und nach in den Lucky Luke-Stories eingeführt, etwa andere Blickwinkel. Ich will, wie Morris, die Comics behutsam weiterentwickeln. Aber ich will sie nicht revolutionieren. Das hat ja etwa bei der Serie Spirou überhaupt nicht funktioniert.

 

Also darfst Du zum Beispiel neue Figuren einführen?

Das ist ja schon passiert. Mit nebensächlichen Figuren wie Pinkerton [im Album „Lucky Luke gegen Pinkerton“, Anm. d. Red.].

 

Achdé blättert in Batman: Court of OwlsWährend des Gesprächs blättert Achdé in den deutschen Lucky Luke-Bänden, die ich zum Interview mitgebracht habe. Da ich selbst kein Comiczeichner bin, aber doch viel mehr über die Technik des Zeichnens lernen möchte, habe ich den Comic Batman: The Court of Owls von Scott Snyder und Greg Capullo mitgebracht. Ursprünglich wollte ich Iron Man von Matt Fraction und Salvador Larroca mitbringen. Diese Comics sehen so fotorealistisch aus, dass sie wirken, als wären sie am Computer entstanden. Ich mag diesen Look. Was mich interessiert, ist folgendes: Können die Leser oder auch Zeichner wie Achdé erkennen, ob ein Comic komplett von Hand gezeichnet wurde oder ob ein Computer benutzt wurde?

Naheliegend wäre sicher gewesen, mit Achdé über den neuen Lucky Luke 90 („Auf eigene Faust“) zu sprechen, aber der war im Oktober 2012 noch nicht auf Deutsch erschienen. Also sprachen wir über Lucky Kid und The Court of Owls. Der Künstler ging dabei so sehr aus sich heraus, war so temperamentvoll bei der Sache. Ein durchaus facettenreicher Künstler. Beim Panel mit den Kollegen von Alfonz zeigte sich Achdé von seiner fröhlichen Seite. Im Comicgate-Gespräch war auch der nachdenklichere, ruhige Achdé zu erkennen, ebenso wie der leidenschaftliche Comiczeichner.

 

Wenn Du so einen Comic siehst, kannst Du dann beurteilen, wie viel davon Handarbeit ist?

Ich sehe natürlich schon, was aus dem Comic vom Computer stammt. Ich selbst gehöre zur ganz alten Generation, die ganz einfache Sachen benutzt. Ich will nichts gegen Computer sagen. Tatsächlich habe ich mich selbst, als einer der ersten in Europa, für die Arbeit mit dem Computer schulen lassen. Mit einem elektronischen Zeichentisch habe ich auch einiges ausprobiert. Aber der Computer ist eben nur ein Hilfsmittel, ein Arbeitsmittel. Was mir daran nicht so gut gefällt, ist, dass es bei manchen Werken wichtiger zu sein scheint als der Künstler selbst. Etwa bei Karikaturen ist es heute sehr leicht geworden: man scannt ein Foto ein, verformt es, lässt es durch zwei, drei Filter laufen und man hat eine prima Karikatur. Ein Zeichner ist jemand, der vor allem mit seinen Händen arbeiten sollte.

 

Im folgenden blättert Achdé durch einige Szenen aus Batman: The Court of Owls und kommentiert, was für ihn nach Zeichnung von Hand und was nach Computer-Bearbeitung aussieht. Eine Szene, in der eine splitternde Glasscheibe zu sehen ist, weist er als Handarbeit aus. Die Hintergründe in der Bathöhle und anderes stammen seiner Meinung nach komplett aus dem Computer.

 

Seite aus Batman: Court of OwlsHier beispielsweise wird eine Silhouette der Stadt von Hand vorgezeichnet, aber der Hintergrund wird per Computer erstellt. Das ist dann zwar oft ein sehr schönes Ergebnis, allerdings nicht mehr von Hand gezeichnet. Da frage ich mich, ob nur das Ergebnis zählt oder ob auch Handwerk dahinter stecken muss. Bei amerikanischen Comics fällt mir sehr oft auf, dass das Cover sehr gut aussieht, aber dass der Inhalt deutlich abfällt.

 

Achdé zeigt mir weitere Szenen aus Batman, die seiner Meinung nach aus dem Computer stammen. Ab jetzt sprechen Achdé und ich direkt auf Englisch miteinander. Möglicherweise liegt das daran, dass wir nun bei seinem Lieblingsthema, dem Zeichnen, angelangt sind.

 

Hier! Computer! Noch mehr Computer! (wir lachen) Das ist fantastisch! Ich habe auch überhaupt nichts dagegen. Das Ergebnis ist toll. Es gibt nur ein Problem dabei: Schau Dir diese Seite an. Die Texte kommen selbstverständlich komplett aus dem Computer. Dann wird vorgezeichnet, und danach koloriert und so weiter.

 

Würden Zeichner in Frankreich so nicht arbeiten? Oder ist das eher eine typisch amerikanische Herangehensweise an Comics?

Natürlich nutzen wir auch in Frankreich Computer. Wenn wir schnell fertig werden müssen oder ein Problem haben, dann ist es einfacher den Computer zu benutzen. Ich koloriere meine Zeichnungen mit meinem Computer. Mein Sohn übernimmt diese Aufgabe. Etwa bei Licht und Schatten oder beim Verändern der Farben geht es mit Photoshop spielend leicht. Einmal Klick und fertig. Das ist cool. Für mich ist es aber so, dass die Fehler den Stil ausmachen. Mit dem Computer lässt es sich nahezu perfekt zeichnen, aber das wirkt auf mich oft zu perfekt und kalt.

 

Also ist ein Batman-Comic eher ein Blockbuster und ein Werk von Moebius eher ein Kunstfilm?

Ja, vielleicht. Schau Dir Blueberry an. Der Comic ist voll mit kleinen Fehlern. Bei Lucky Luke gibt es auch einige Fehler.

 

Das ist menschlich, oder?

Ja, genau! Und weil das Endergebnis so großartig ist, vergisst man, übersieht man die Fehler. Das gleiche gilt auch für Asterix. Mit Handarbeit wird nichts völlig perfekt. Was der Computer erschafft, ist fantastisch. Aber wenn ich einen Comic zeichne, der dann fotorealistisch aussieht, ist das doch sinnlos, dann könnte ich ja gleich ein Foto nehmen.

 

Dann ist es fast so, als würde man einen Film gucken?

Genau! Mit dem Computer kann es perfekt berechnet werden, aber es fehlt dann an Lebhaftigkeit.

 

Schmerzt es Dich als Zeichner, solche leblosen Zeichnungen zu sehen?

Schon. Ich brauche solche Momente, wo ich sagen kann: Hier hat mein Pinsel zu wenig aufgedrückt, hier habe ich etwas gut gemacht und hier ist mir ein Fehler passiert. Nachträglich kann man das ja noch mit dem Computer bearbeiten, dagegen habe ich gar nichts.

 

Seite aus Lucky Luke 80Hast Du das bei Lucky Luke so praktiziert, also mit dem Computer korrigiert?

Manchmal, wenn Probleme auftauchen. Etwa wenn meine Szenaristen noch etwas ändern, ich aber das Panel bereits fertig habe. Ich begreife den Computer nur als ein Hilfsmittel neben anderen Werkzeugen. Aber ich kann verstehen, wenn die nachfolgenden Generationen das anders sehen und mehr auf den Computer setzen. Als ich als Kind die ersten Comics las, die nach Frankreich kamen, so mit 10 oder 11 Jahren, das waren die ersten Marvel-Comics. Stell Dir das mal vor, wie kostbar die heute sind! (lacht) Jedenfalls waren damals die Zeichnungen auf dem Cover exakt so wie die Bilder im Heft. Heute sehen die Cover oft fantastisch aus, sie sind von Hand gezeichnet, aber der Blick ins Heft enttäuscht dann. Man wusste damals, was man bekam.

 

Steve Ditko (von dem u.a. die ersten Spider-Man-Comics stammen) war grandios, oder?

Ja. Und seine Figuren waren etwas sonderbar, nicht genau symmetrisch, aber er hatte seinen eigenen Stil. Das gleiche gilt für Jack Kirby. Du siehst sofort, aha, das ist Ditko, aha, das ist Kirby. Dann begannen sich die Stile zu vermischen. Nach fünf, sechs Jahren, Ende der 1970er Jahre, wurde alles immer ähnlicher. Zehn Jahre später scheint es dann nur noch einen einzigen Stil zu geben. Dann kamen Zeichner, die neue Stile einführten, etwa Frank Miller.

 

Magst Du Frank Millers Stil?

Ja. Ich mag ihn, weil er nicht perfekt ist. Das ist genau wie bei Jack Kirby. Ich schaue mir nur ein einziges Panel an und denke: Das ist wie ein Cartoon. Man braucht diese Art Leben in der Box. Wenn Du eine schwache Geschichte und eine tolle Zeichnung hast, dann wird dieser Comic kein Erfolg, wenn Du zu lange auf ein einzelnes Bild guckst, denn dadurch verliert die Geschichte an Tempo. Ist die Geschichte hingegen toll, aber die Zeichnungen sind grausam (lacht), kannst Du sicher sein, dass es kein Erfolg wird. Du brauchst Halb und Halb, eine ausgewogene Mischung aus Bildern und Geschichte. Jedenfalls, was ich sagen will, ist: Man sollte sich nicht vor den Computer setzen und gucken „Hey, sieh mal, was der alles kann!“, sondern man sollte ganz genau vorher wissen, was man zeichnen will! Ich nehme ja auch nicht meinen Pinsel, verzeichne mich und sage dann: „Okay, das ist ja interessant, das lasse ich jetzt so.“ Mein Pinsel soll genau das machen, was ich von ihm will! Der Computer allein ist nicht intelligent.

 

Der legendäre Franquin ist ein großes Vorbild für Dich. Auch er hat franko-belgische Funnies gezeichnet. Zeitweise war er schwer depressiv und wohl auch frustriert davon, immer lustig sein zu müssen, so dass er mit seinem Comic Schwarze Gedanken mal ganz bewusst eine Auszeit vom sonnigen Humor nahm. Kannst Du aus eigener Erfahrung nachvollziehen, dass es frustrierend sein kann, immer lustige Dinge zeichnen zu müssen? Würdest Du gerne auch ernstere, dunklere Themen neben Lucky Luke verfolgen oder tust das bereits?

Viele Künstler leiden unter Depressionen. Wir sind auch nur Menschen. Natürlich haben wir auch unsere Probleme, wie alle anderen auch. Wir wollen selbstverständlich unser Bestes geben und uns so positiv wie möglich präsentieren. Funnies sind ein schöner Job. Wir widmen uns ernsthaft einem nicht ernsthaften Job. Die Leute machen sich da mitunter eine falsche Vorstellung von unserer Arbeit. Ich fange eine neue Arbeit an, ich nehme mir ein neues Buch vor und schaue auf den Kalender: noch 12 Monate Zeit. Man muss sehr geduldig sein und sich die nötige Zeit nehmen. Wenn wir arbeiten, vergessen wir völlig die Zeit. Es ist zwiespältig. Einerseits mögen wir unseren Job, wir mögen es zu zeichnen. Das ist großartig und es lässt uns die Zeit vergessen. Dann gibt es die andere, die dunkle Seite. Die Zeit, die man in ein Buch steckt, ist anschließend unwiederbringlich verschwunden.

Ich bin jetzt fast 52 Jahre alt. Was ich am meisten bedauere, ist, dass ich meinen Sohn nicht aufwachsen sah. Denn diese Zeit verging viel zu rasant. Mein Sohn ist jetzt 22 und so groß geworden. Ich sehe ihn an und kann nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Dieses Problem haben alle Künstler. Wir sind sehr viel allein. Und mit allein meine ich völlig allein. Also muss man sich eine Zen-Einstellung zulegen (eine buddhistische Art, das Leben mit Ruhe zu meistern). Wenn Du ein kleines Problem hast, kann daraus sonst ein sehr großes Problem werden. Franquin etwa hatte seine erste Depression, weil er ein winziges Problem hatte. Es ging nicht mal um ein Panel, sondern nur darum, für das Spirou & Fantasio-Album „QRN ruft Bretzelburg“ eine Kommode im Schloss zu zeichnen. Er versuchte es einmal, zweimal … So eine Kleinigkeit! Das klingt unglaublich, aber es stimmt.

 

Hast Du Franquin mal getroffen?

Nein, das bedauere ich sehr. Ich bekam einen Preis von ihm für einen Wettbewerb. Und er wollte mich sehen, weil er dachte, ich wäre ein verrückter Typ (lacht). Aber dann kam etwas dazwischen, seine Frau brauchte ihn. Aber ich kenne Uderzo, und ich habe Morris kennengelernt. Aber noch mal zurück zum Thema Computer. Schau Dir mal dieses Cover hier an, Lucky Kid. Meinst Du, etwas davon entstand am Computer?

 

Seite aus Lucky Luke 89: Lucky KidSchwierige Frage. Ich weiß es wirklich nicht.

Ich möchte an diesem Beispiel gerne zeigen, wie man den Computer einsetzen kann, ohne dass es zu offensichtlich ist. Für das Cover von Lucky Kid hatte ich nur zwei Tage Zeit, deshalb stammt der Bildhintergrund aus dem Computer. Wir waren eigentlich schon fertig. Dann wollte der Verlag noch etwas ändern lassen, also mussten wir sehr schnell reagieren. Mit Handarbeit alleine hätte ich das in so kurzer Zeit nicht geschafft. Mir macht es einfach viel mehr Freude, manuell zu arbeiten, das Papier anzufassen und so weiter.

 

Wissen die sehr jungen Leser Deine Arbeit als Zeichner genügend zu würdigen? Würdest Du Dir manchmal wünschen, mehr ältere Leser zu erreichen?

Ich mag alle meine Leser. Mir ist es sehr wichtig, Ihnen eine Freude zu machen. Ich erzähle und zeichne gerne Geschichten und möchte sie mit dem Publikum teilen. Für mich sollte ein Künstler seine Ideen mit der Öffentlichkeit teilen und sie nicht für sich behalten. Wenn Du Dich nicht hinaus traust und Dich nicht an die Öffentlichkeit wagst, sondern allein zu Hause bleibst, wirst Du nie erfolgreich sein. Ich versuche möglichst viele Leser zu gewinnen und es macht mich stolz, ein populärer Zeichner zu sein. Ich schäme mich nicht dafür, Comic-Zeichner zu sein. Ich kann Kinder erfreuen und auch einen 99-jährigen Mann, der die Hefte bereits gelesen hat, als er selbst noch ein Kind war. Ich nutze das Pseudonym Achdé, das ist nicht mein bürgerlicher Name, ich kann also als Achdé vor allem ganz für das Publikum da sein und es unterhalten. Am allerwichtigsten sind die Figuren, im Mittelpunkt stehen Lucky Luke und die anderen Personen.

 

Arbeitest Du denn auch an ganz anderen Comics als an Lucky Luke?

Ja. Vor Lucky Luke hatte ich an einer anderen Serie gearbeitet. Anfangs war noch nicht abzusehen, wie lange ich Lucky Luke zeichnen würde. Ich habe mit meinem Sohn an einer Eishockey-Geschichte [Les Hockeyeurs, Anm. d. Red.] gearbeitet. Das war ein Erfolg in Kanada, nicht so sehr für Frankreich. Sie lieben ihren Nationalsport!

 

Bei Lucky Kid warst Du Autor und Zeichner. Meist arbeitest Du als Zeichner nach Szenarien von anderen Autoren. Wie funktioniert das in der Praxis? Schickt Ihr Euch E-Mails oder trefft Ihr Euch persönlich?

Ja, ich bekomme die Texte tatsächlich per E-Mail. Und ich … (lacht) … ich muss das ausdrucken, denn ich liebe es, auf Papier zu lesen. Ich lese immer nur gedruckte Texte und nicht am Bildschirm. Ich lese also die Texte durch, danach diskutieren wir mit dem Verleger über den Aufbau und das Aussehen des Comics. Einmal hatten wir auch zwei Szenaristen, weil wir mit dem Ende nicht zufrieden waren, wir mochten es nicht. Bei Lucky Kid habe ich dann getextet und gezeichnet. Da war ich der Herr über das Storyboard. Das war so, als würde man einen Film drehen. Ich habe den Schnitt bestimmt. Für mich ist es ein Muss, Kontrolle über meine Bilder zu haben. Aber natürlich arbeiten wir auch als Team. Allerdings akzeptieren sie, was ich mit meinen Zeichnungen erreichen will.

 

Steht ein neuer Lucky Luke-Film an?

Keine Ahnung!

 

Lucky Luke wurde ja bereits ziemlich oft verfilmt. Besteht bei den Verfilmungen nicht die Gefahr einer Übersättigung des Publikums, die eher kontraproduktiv wirken könnte, statt Interesse an den Comics zu wecken? Christopher Nolans Batman-Filme haben es zweifellos geschafft, Nicht-Leser für Batman zu begeistern, die Filme von Joel Schumacher hingegen verleiden eher komplett die Lust an der Figur. Die 3D-Verfilmung von Tintin war durchaus originell und ein Gewinn. Die Asterix-Realverfilmungen dürften deutlich mehr polarisieren. Sind weitere Lucky Luke-Verfilmungen geplant?

In vielen Fällen kann eine Verfilmung zwar das Renommee einer Comicfigur steigern, aber Lucky Luke ist bereits so berühmt, dass so etwas kaum Auswirkungen auf seinen Bekanntheitsgrad hat. Die Fans werden sehr wahrscheinlich ins Kino gehen und sich den Film anschauen. Wenn er ihnen nun überhaupt nicht gefällt, werden sie deswegen trotzdem bei den Comics bleiben. Falls der Streifen jedoch gut ankommt, wird das Zuschauer, die bislang nie ein Album gelesen haben, kaum veranlassen, eines zu kaufen. Insofern wirkt sich eine Verfilmung auf die Lucky Luke-Comics weder positiv noch negativ aus. Es ist eben einfach ein ganz anderes Medium.

 

Achdé mit dem Comicgate-MagazinGibt es einen speziellen französischen Humor? Manche behaupten, nur die Franzosen könnten Komödien wie Willkommen bei den Sch’tis und Ziemlich beste Freunde drehen.

Nein, ich glaube nicht, dass es einen besonderen französischen Humor gibt. Okay, möglicherweise ist manches an unserem Humor anders. Die Engländer haben diesen sehr eigenen Humor. Aber ich denke, die Franzosen nicht so sehr. Humor ist schwer zu erklären. Humor ist universell, er funktioniert auf der ganzen Welt. Zum Beispiel bei Monty Python: Man muss einfach lachen, auch wenn man die Sprache nicht versteht, weil das Gezeigte lustig ist. Zum Beispiel über den „Funny Walks“-Sketch nicht zu lachen ist doch unmöglich, weil das so witzig ist!

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Abbildungen: © Achdé, Ehapa Comic Collection, DC Comics
Fotos: © Stefan Svik

Favole

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Cover FavoleVictoria Francés gilt seit einigen Jahren als Star der dunklen Szene, ihr Hauptwerk Favole als moderner Klassiker. Cross Cult sammelt in seiner Gesamtausgabe die komplette Trilogie in einem Band und ergänzt sie um die Kurzgeschichte „Angel Wings“, welche damit zum ersten mal in deutscher Sprache vorliegt.

Eigentlich handelt es sich bei dem Werk der Spanierin nicht um einen Comic, dafür fehlt die unmittelbare sequentielle Verbindung von Wort und Bild. Lediglich der große Bildanteil auf jeder Seite macht die Geschichten von der optischen Rezeption abhängiger als dies bei einem Roman der Fall wäre, bei dem Abbildungen im Normalfall eher sporadisch eingestreut werden.

Was Favole ebenfalls von der gängigen Comicdefinition unterscheidet, ist die starre Darstellungsform der Zeichnungen, die sehr porträthaft wirken (z.B. sind die illustrierten Protagonisten oftmals in einer Pose, die wenig mit dem Text zu tun hat und sie schauen direkt den Leser an) und eher den Eindruck vermitteln, dass zuerst die Bilder entstanden und um diese herum dann nachträglich eine Story entstand.

Favole lässt sich auch nicht als eine einzige prosaische, bebilderte Erzählung mit kohärentem Handlungsbogen verstehen, vielmehr werden knappe Szenen aneinandergereiht, die lose durch die Titelfigur, das mysteriöse Mädchen Favole, verbunden sind. Sie verliebt sich in einen Vampir, die Stories changieren mit Pathos und einer plastischen Expression von Emotionen zwischen Melancholie, Romantik und Horror.

Das vorherrschende Schwarz, die mittelalterliche Kleidung und die gotischen Welten sorgen für reichlich Stimmung, Francés‘ Zeichnungen sind wirklich ausdrucksstark und malerisch schön, selbst ich als Nicht-Gothic-Experte kann dem einiges abgewinnen.

Seite aus FavoleDas Problem: Lässt man sich nicht nur von den Illustrationen faszinieren, sondern legt auch Wert auf die eigentlichen Texte, muss man schon viel Motivation mitbringen, sich durch das Buch zu kämpfen. Alles wiederholt sich auf den ersten Blick irgendwie, die schwülstigen Charakterbeschreibungen, die kitschige Dramaturgie. Fairerweise sei gesagt, dass ich vielleicht auch nicht zu der Zielgruppe gehöre, die auf eine solche Art von literarischen Texten steht.

Noch ein paar Worte zur Verarbeitung der Gesamtausgabe: Cross Cult hat dem Band neben der bereits erwähnten Bonusstory zusätzlich noch eine ganze Reihe Skizzen im Anhang spendiert. Das Buch selbst wirkt sehr edel in Lederoptik mit Lesebändchen und roter Leuchtfarbe auf dem Cover. Dazu gibt es noch einen passenden Schuber.

Gerade weil der Band so eine edle Ausstattung aufweist, ist es umso ärgerlicher, dass das Papier nicht gerade perfekt ist. Besonders auf dunklen Seiten (und von denen gibt es viele) reflektiert das Licht stark, obwohl das Papier sich matt anfühlt. Da hätte es sicher eine bessere Lösung gegeben. Das gilt auch für den Schuber, der prompt nicht tief genug ist, als dass der Band völlig darin verschwinden könnte.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Schöne Bilder, zähe Texte. In Kombination eher etwas für Genrefans.

 

Favole
Cross Cult, September 2012
Text und Zeichnungen: Victoria Francés
Übersetzung: Sybille Schellheimer, Daniel Nussbaum
246 Seiten, farbig, Hardcover mit Schuber
Preis: 39,80 Euro
ISBN: 978-3-86425-060-6
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

 

Vakuum

Cover VakuumAcht Tage im Sommer, in einer Kleinstadt, kurz vor dem Beginn der Ferien. Der namenlose Ich-Erzähler, ein Oberstufenschüler, hat nur wenig Freunde, eigentlich nur einen. Und der ist sehr seltsam und in-sich-gekehrt geworden, seit er vor einem Jahr mit Drogen experimentiert hat. Das Leben plätschert langweilig dahin, doch das scheint sich zu ändern, als ein Mädchen ihn anspricht und sie sich näher kennenlernen.

Vakuum beginnt wie eine typische Coming-of-Age-Geschichte, geht dann aber sehr schnell einen anderen Weg. Hier gibt es weder nostalgisch verklärte Jugenderinnerungen noch die große, glückliche oder unglückliche Romanze, auch keine Krise, nach deren Bewältigung der Protagonist gereift und erwachsen geworden ist. Lukas Jüligers Comic ist deutlich pessimistischer, düsterer und verstörender.

Denn während sich zwischen dem Erzähler und dem Mädchen mit dem Namen, „der nach Sommer klang“, eine zaghafte Liebesgeschichte andeutet, geschieht an ihrer Schule eine Tragödie: Ein Schüler hat eine Schülerin missbraucht und sich dann umgebracht. „Es war auf jeden Fall das Krasseste, das hier jemals passiert war“, sagt der Ich-Erzähler und doch wirken er und die anderen Jugendlichen seltsam sprach- und teilnahmslos. Hier ist etwas passiert, worauf es keine angemessene Reaktion gibt. Etwas, was den Alltag erschüttern müsste, der aber trotzdem so öde weitergeht wie immer. Umso wichtiger wird der Bezug des Jungen zu dem Mädchen, das im Gegensatz zu ihm unmissverständlich klarmacht, dass es aus diesem Alltag fliehen will: „Es ist dieser Ort. Man muss so früh wie möglich einen Ausgang finden.“

Die Spießerhölle und die jugendliche Sehnsucht, daraus fliehen zu können, auch das ist wieder ein typisches Muster des Genres, das Jüliger auf ungewohnte Weise anpackt. Er bringt ein surreales Element ins Spiel, eine Art unbegreifliches Fabelwesen, von dem wir nur einen kleinen, sehr speziellen Teil zu sehen bekommen. Dieses Wesen ist das Geheimnis des Mädchens, und wenn der Junge versucht, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, entwickelt Vakuum einen sehr spannenden und unheimlichen Sog. Am Ende werden die beiden ihren Ausgang finden, doch auch der sieht anders aus, als man es erwartet.

Seite aus VakuumDies ist der erste buchlange Comic von Lukas Jüliger, der an der Hamburger HAW Illustration studiert und für die Arbeit daran sein Studium für zwei Jahre unterbrochen hat. Das scheint sich gelohnt zu haben, denn Vakuum erfährt seit seiner Veröffentlichung ungewöhlich viel Aufmerksamkeit und teils enthusiastisches Lob, nicht nur aus dem Feuilleton. Das liegt nicht nur an Jüligers ungewöhnlichem Ansatz und den befremdlichen Elementen in seiner Geschichte. Der Autor und Zeichner schafft es, seiner Story eine ganz eigene, unbehagliche Stimmung zu verleihen, die sich gleichermaßen aus dem erzählten Stoff wie aus der Art der Zeichnungen ergibt.

Die Figuren in Vakuum erinnern mit ihren großen, runden Köpfen und den dünnen, schlaksigen Gliedern an das Personal in den Trickfilmen von Tim Burton. Aber anders als die Burton-Puppen, die trotz aller Verschrobenheit immer sehr niedlich bleiben, sind Jüligers Protagonisten alles andere als knuffig, sondern strahlen eher eine seltsame Kühle aus. Genau wie die Farbgebung des Comics, die auf jede Knalligkeit verzichtet und vor allem mit entsättigten Braun-, Blau- und Grautönen arbeitet. All das trägt zu der speziellen, morbiden Atmosphäre bei, die der Comic transportiert, die ein wenig an die Filme von David Lynch oder die Comics von Charles Burns erinnert, aber sich durch die vielen Details der Umgebung (Wohnungseinrichtung, Vorgärten) auch seltsam vertraut anfühlt.

Jüliger erzählt ungemein stilsicher, mit einem unaufgeregten Seitenlayout, klar getrennten Panels und höchst abwechslungsreichen Perspektiven. Die „Kamera“, wenn man es so nennen möchte, nimmt die unterschiedlichsten Blickwinkel ein, auffällig oft sind nur die Füße der Figuren zu sehen.

Dem Leser bleibt eine Menge Interpretationsspielraum, nicht alles ist hier bis ins Letzte erklärt. Spaß macht die Lektüre nicht unbedingt, doch dafür entsteht eine Faszination und die Freude daran, wie souverän es dem Autor gelingt, mit den Mitteln des Comics ein ganz bestimmtes, schwer zu beschreibendes Lebensgefühl zu vermitteln. Lukas Jüliger hat mit Vakuum eine beeindruckende Duftmarke gesetzt. Nun wird er erst einmal sein Studium fortsetzen, Pläne für einen weiteren Comic hat er noch nicht. Aber man wird ihn unbedingt lesen wollen.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Sehr starkes Debüt, das seine morbid-verstörende Teenage-Angst-Story souverän erzählt

 

Vakuum
Reprodukt, Januar 2013
Text und Zeichnungen: Lukas Jüliger
128 Seiten, Softcover mit Klappenbroschur
Preis: 20,- Euro
ISBN: 978-3-943143-15-7
Leseprobe

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Abbildungen: © Lukas Jüliger/Reprodukt

Noah 1 – Wegen der Bosheit der Menschen

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Cover Noah 1Der Auftaktband dieser neuen Serie gewinnt schon dadurch Aufmerksamkeit, dass einer der beiden Autoren niemand geringeres als der Regisseur Darren Aronofsky ist. Dieser hat Meisterwerke wie Black Swan und The Wrestler und so bildgewaltige Filme wie The Fountain gedreht. Angesichts der Bildgewalt der Filme verwundert es einen relativ wenig, dass sich der Filmemacher einem anderen bilddominierten Medium zuwendet. Schon bei The Fountain hat er ein Drehbuch zunächst als Comic umgesetzt, ehe er es verfilmt hat. So geht er nun auch bei seinem neuesten Projekt vor, das 2014 ins Kino kommen soll. Für die auf vier Bände angelegte Comicversion hat Aronofsky mit dem Kanadier Niko Henrichon (Die Löwen von Bagdad) einen talentierten Zeichner gefunden.

Aber warum gerade ein biblischer Stoff? Kann er diesem etwas Neues abgewinnen oder offenbart sich hier ein Sendungsbewusstsein, wie es oft bei biblischen Adaptionen geschehen kann? Letzteres lässt sich noch nicht abschließend beurteilen, sondern kann wohl erst nach Beendigung der Serie gesagt werden. Aber im Verbund mit Ko-Autor Ari Handel gelingen Aronofsky durchaus neue Aspekte.

Erzählt wird die Geschichte von Noah. Ja, derjenige mit der Arche. In dieser Serie ist Noah ein Mann, der als Nomade abseits der Menschen mit seiner Familie in der Wildnis lebt. Sein Großvater war Henoch und wie dieser hat auch Noah Visionen. Gott teilt ihm mit, dass er aufgrund der Verderbtheit der Menschen seine Schöpfung in einer großen Flut vernichten will. Noahs Warnungen stoßen nicht nur auf taube Ohren, sondern entfachen auch die Feindschaft der Herrschenden. So macht sich Noah mit seiner Familie auf den Weg zum Berg Ararat. Doch die Reise ist voller Gefahren.

Seite aus Noah 1Die Autoren legen zwar einen biblischen Stoff vor, der aber bislang nicht religiös geprägt ist. So ist diese Adaption eine Mischung aus der Bibel, aus History, Fantasy und Science-Fiction. Gut, die Bibel mit dem Historiengenre zu vermischen, ist nicht neu, da viele Aspekte ja nun historisch untermauert sind (wenngleich nicht gerade die Sintflut, wobei reale Naturkatastrophen durchaus der Bibel als Vorlage gedient haben). Fantasy? Gehört im Grunde dazu. Denn was für manche ein wesentlicher Glaubensbestanteil ist, ist für andere Fantasy oder Horror – man denke nur an Engel und Dämonen. Hier besteht der Fantasyanteil in Fabelwesen und Riesen.

Aber Science-Fiction? Tischt uns Aronofsky etwa so verschrobene Theorien à la Erich von Däniken auf? Nein, tut er nicht. Vielmehr stellt er mit diesem Element die Aktualität des alten Stoffes her, und zwar auf eine dezente Art und Weise. Denn manche Ruinen, die hier in der Gegend herumliegen, muten sehr modern an und scheinen Überreste von Hochhäusern und aus metallischen Bauten zu sein. Das ergibt mehrere Implikationen: Wir verhalten uns heutzutage so wie die Menschen, die Gott mit der Sintflut bestrafen wollte. Hochhäuser wären dann die neuen Türme zu Babel. Und, was den ganzen Band über deutlich wird: Heute wie damals ist der Mensch nicht ehrfürchtig genug gegenüber der Schöpfung. Das geht Hand in Hand mit einem Atheismus, der verkennt, woher die Schöpfung kommt. Gier, Raubbau, Wilderei und eine generelle Verachtung der Natur lassen sich insgesamt als Verachtung der Schöpfung und damit Gottes interpretieren. Insofern ist der Comic durchaus religiös, aber ohne Sendungsbewusstsein. Das entwickelt eine enorme Kraft.

Auch graphisch ist Noah hervorragend. Schon auf den ersten zwei Seiten, die ohne Worte auskommen, hat Niko Henrichon den Leser am Haken und legt mit diesen Panels kongenial den Grundton für den ganzen Band. Auch Farbgebung und Effekte können überzeugen und erzeugen eine Art märchenhaften Charakter. Aber auch diese erzählten ja schon immer etwas Wesentliches über die menschliche Natur.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Gelungener Einstieg, der nicht nur spannend, unterhaltsam und graphisch gut gestaltet ist, sondern auch aktuelle Bezüge herzustellen vermag

 

Noah 1 – Wegen der Bosheit der Menschen
Ehapa Comic Collection, November 2012
Autor: Darren Aronofsky, Ari Handel
Zeichnungen: Niko Henrichon
Übersetzung: Uwe Löhmann
72 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,- Euro
ISBN: 978-3-7704-3598-2
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection