Rezensionen

Vakuum

Cover VakuumAcht Tage im Sommer, in einer Kleinstadt, kurz vor dem Beginn der Ferien. Der namenlose Ich-Erzähler, ein Oberstufenschüler, hat nur wenig Freunde, eigentlich nur einen. Und der ist sehr seltsam und in-sich-gekehrt geworden, seit er vor einem Jahr mit Drogen experimentiert hat. Das Leben plätschert langweilig dahin, doch das scheint sich zu ändern, als ein Mädchen ihn anspricht und sie sich näher kennenlernen.

Vakuum beginnt wie eine typische Coming-of-Age-Geschichte, geht dann aber sehr schnell einen anderen Weg. Hier gibt es weder nostalgisch verklärte Jugenderinnerungen noch die große, glückliche oder unglückliche Romanze, auch keine Krise, nach deren Bewältigung der Protagonist gereift und erwachsen geworden ist. Lukas Jüligers Comic ist deutlich pessimistischer, düsterer und verstörender.

Denn während sich zwischen dem Erzähler und dem Mädchen mit dem Namen, „der nach Sommer klang“, eine zaghafte Liebesgeschichte andeutet, geschieht an ihrer Schule eine Tragödie: Ein Schüler hat eine Schülerin missbraucht und sich dann umgebracht. „Es war auf jeden Fall das Krasseste, das hier jemals passiert war“, sagt der Ich-Erzähler und doch wirken er und die anderen Jugendlichen seltsam sprach- und teilnahmslos. Hier ist etwas passiert, worauf es keine angemessene Reaktion gibt. Etwas, was den Alltag erschüttern müsste, der aber trotzdem so öde weitergeht wie immer. Umso wichtiger wird der Bezug des Jungen zu dem Mädchen, das im Gegensatz zu ihm unmissverständlich klarmacht, dass es aus diesem Alltag fliehen will: „Es ist dieser Ort. Man muss so früh wie möglich einen Ausgang finden.“

Die Spießerhölle und die jugendliche Sehnsucht, daraus fliehen zu können, auch das ist wieder ein typisches Muster des Genres, das Jüliger auf ungewohnte Weise anpackt. Er bringt ein surreales Element ins Spiel, eine Art unbegreifliches Fabelwesen, von dem wir nur einen kleinen, sehr speziellen Teil zu sehen bekommen. Dieses Wesen ist das Geheimnis des Mädchens, und wenn der Junge versucht, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, entwickelt Vakuum einen sehr spannenden und unheimlichen Sog. Am Ende werden die beiden ihren Ausgang finden, doch auch der sieht anders aus, als man es erwartet.

Seite aus VakuumDies ist der erste buchlange Comic von Lukas Jüliger, der an der Hamburger HAW Illustration studiert und für die Arbeit daran sein Studium für zwei Jahre unterbrochen hat. Das scheint sich gelohnt zu haben, denn Vakuum erfährt seit seiner Veröffentlichung ungewöhlich viel Aufmerksamkeit und teils enthusiastisches Lob, nicht nur aus dem Feuilleton. Das liegt nicht nur an Jüligers ungewöhnlichem Ansatz und den befremdlichen Elementen in seiner Geschichte. Der Autor und Zeichner schafft es, seiner Story eine ganz eigene, unbehagliche Stimmung zu verleihen, die sich gleichermaßen aus dem erzählten Stoff wie aus der Art der Zeichnungen ergibt.

Die Figuren in Vakuum erinnern mit ihren großen, runden Köpfen und den dünnen, schlaksigen Gliedern an das Personal in den Trickfilmen von Tim Burton. Aber anders als die Burton-Puppen, die trotz aller Verschrobenheit immer sehr niedlich bleiben, sind Jüligers Protagonisten alles andere als knuffig, sondern strahlen eher eine seltsame Kühle aus. Genau wie die Farbgebung des Comics, die auf jede Knalligkeit verzichtet und vor allem mit entsättigten Braun-, Blau- und Grautönen arbeitet. All das trägt zu der speziellen, morbiden Atmosphäre bei, die der Comic transportiert, die ein wenig an die Filme von David Lynch oder die Comics von Charles Burns erinnert, aber sich durch die vielen Details der Umgebung (Wohnungseinrichtung, Vorgärten) auch seltsam vertraut anfühlt.

Jüliger erzählt ungemein stilsicher, mit einem unaufgeregten Seitenlayout, klar getrennten Panels und höchst abwechslungsreichen Perspektiven. Die „Kamera“, wenn man es so nennen möchte, nimmt die unterschiedlichsten Blickwinkel ein, auffällig oft sind nur die Füße der Figuren zu sehen.

Dem Leser bleibt eine Menge Interpretationsspielraum, nicht alles ist hier bis ins Letzte erklärt. Spaß macht die Lektüre nicht unbedingt, doch dafür entsteht eine Faszination und die Freude daran, wie souverän es dem Autor gelingt, mit den Mitteln des Comics ein ganz bestimmtes, schwer zu beschreibendes Lebensgefühl zu vermitteln. Lukas Jüliger hat mit Vakuum eine beeindruckende Duftmarke gesetzt. Nun wird er erst einmal sein Studium fortsetzen, Pläne für einen weiteren Comic hat er noch nicht. Aber man wird ihn unbedingt lesen wollen.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Sehr starkes Debüt, das seine morbid-verstörende Teenage-Angst-Story souverän erzählt

 

Vakuum
Reprodukt, Januar 2013
Text und Zeichnungen: Lukas Jüliger
128 Seiten, Softcover mit Klappenbroschur
Preis: 20,- Euro
ISBN: 978-3-943143-15-7
Leseprobe

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Abbildungen: © Lukas Jüliger/Reprodukt

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