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Scotland Yard

Cover Scotland YardIn dieser Ausgabe der Reihe „Splitter Double“ kann man die komplette Serie Scotland Yard lesen, denn in Frankreich war die spannende Geschichte nach zwei Alben schon abgeschlossen. Was einigermaßen bedauerlich ist, denn es gibt noch Potential für weitere Storylines. Hinter dem etwas schwammigen Titel könnte sich alles verbergen, aber das Cover macht schon deutlich, dass es düster werden wird. Doch hier gibt es weit mehr als nur einen weiteren Krimi, der sich des Settings des viktorianischen Zeitalters bedient.

Vielmehr liegt hier ein postmoderner Thriller vor, der sich vieler Zitate und Anspielungen bedient. Das kann man als rein intellektuelles Spiel sehen, wenn hier fiktive und reale Personen der damaligen Zeit auftreten. Insbesondere gibt es sehr viele Figuren, die später in Bram Stokers Roman Dracula vorkommen. So handelt es sich bei einem der hier gejagten Verbrecher um Renfield, den wahnsinnigen, insektenfressenden Diener Draculas, eine Straße heißt nach dem amerikanischen Jagdgefährten Morris und auch der Autor des Romans hat seinen eigenen Auftritt. Dr. Seward, neben Van Helsing die treibende Kraft auf der Vampirjagd, hat hier eine der Hauptrollen. Aber auch der Inspektor, der regelmäßig von Sherlock Holmes düpiert wird, Lestrade, hat hier seinen Auftritt und sogar der legendäre Elefantenmensch. Andere werden in den Dialogen erwähnt, wie etwa Jack the Ripper.

Seite aus Scotland YardAber die Verweise sind hier ausnahmsweise kein Selbstzweck, auch wenn es ein literarisch intellektuelles Vergnügen ist, die vielen Anspielungen zu entdecken und einzuordnen. Vielmehr gelingt es Scotland Yard, die Tradition mit der Moderne des Krimis zu verbinden und ein faszinierendes Bindeglied zwischen Krimi und Horror, oder auch zwischen Thriller und Gothic Novel zu schaffen. So steht der Comic ganz im Geiste des Viktorianismus, welcher ja vor allem durch den Spagat zwischen Fortschrittsgläubigkeit und Tradition lebt und fasziniert. Die hier gejagten Mörder sind wahnsinnige Psychopathen, die spätere Serienkiller und deren Wahn vorwegnehmen, wofür in der Historie ja schon Jack the Ripper stand.

Inspektor Gregson hat es nicht leicht unter seinem Vorgesetzten Lestrade und als ihm bei einem Gefangenentransport zwei wahnsinnige Serienmörder entkommen, wird er Teil einer kleinen Spezialeinheit, um die Flüchtigen zu fassen. Diese Reise führt ihn in Ebenen des Wahnsinns und des Blutes, denn um die Mörder fangen zu können, muss man ihr Handeln verstehen.

Autor Dobbs charakterisiert die Schurken und gibt Erklärungen für ihren Wahnsinn, was sie nicht minder unheimlich macht. Während die Handlung teilweise durchaus erwartbar abläuft und manchmal leider auch einige Sprünge vollzieht, sind es auch die wunderbaren, atmosphärischen Zeichnungen von Stéphane Perge, die weit mehr zu bieten haben als historisches Kolorit. Sie verbinden auch Gothic Horror mit den bildlichen Klischees der Epoche und modernem Expressionismus. Dann kippen die Panels kippen, alles läuft ineinander über, die Gesichter verzerren sich und Details bekommen mehr Bedeutung. Das bricht die gefällige naturalistische Ebene auf und zeigt den Wahnsinn hinter der Oberfläche. Sehr gut und sehr spannend.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Trotz mancher klischeehafter Storyelemente kann die Miniserie als postmoderner Thriller überzeugen.

 

Scotland Yard
Splitter Verlag, Dezember 2014
Autor: Dobbs
Zeichnungen: Stéphane Perger
Übersetzung: Swantje Baumgart
96 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-033-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Ping-Pong mit Mawil

Das im Frühjahr 2014 erschienene Kinderland des Berliner Zeichners Mawil gehört ohne Zweifel zu den Comics, die in diesem Jahr für das meiste Aufsehen gesorgt haben. Die Erzählung, die im Sommer und Herbst 1989 spielt und aus der Sicht von Kindern von der untergehenden DDR erzählt, fand großen Anklang sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik. Kinderland bekam den Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic, der Verlag Reprodukt hat inzwischen die dritte Auflage gedruckt. Beim Comicsalon in Erlangen sprach Mawil mit Christian Muschweck über Kinderland, Unterschiede zwischen Ost- und West-Kindheiten und Mawils Arbeit mit Schülern und Studenten.

 

Ich treffe Mawil während der Ausstellung von Originalseiten aus seinem neuen Buch Kinderland am Rande des Comicsalons im Comicladen Ultra-Comix in Erlangen. Es gibt einen kleinen Empfang mit Knabbersachen und Sekt, eine alles in allem sehr zwanglose Veranstaltung. Zu Beginn des Empfangs nutzt Mawil die Gelegenheit, sich bei seinen Unterstützern und Freunden sowie den Veranstaltern zu bedanken: Besonders freut er sich über die eigens aufgestellte Tischtennisplatte, die sehr schnell großen Anklang bei den Besuchern findet. Er hält an diesem Nachmittag keine große Ansprache und veranstaltet keine Führung, stattdessen spielt ein Freund etwas Musik auf einer Gitarre. Die Besucher sollen die Bilder wohl einfach auf sich wirken lassen, während der Autor in lockerer Atmosphäre mit den Besuchern plaudert und hier und da ein Buch signiert. Er macht dabei einen äußerst entspannten und zufriedenen Eindruck – ich denke dabei an die Entspanntheit von jemandem, der kürzlich ein 300 Seiten starkes Buch nach sieben Jahren Arbeit abgeschlossen hat und nun die Früchte seiner Arbeit ernten kann.

Schwarz-weiße Vorzeichnung und fertige Farbseite

Ich sehe mir währenddessen die Ausstellung mit Originalseiten und Materialien zum Buch Kinderland an. Es verwundert mich, dass es in der Ausstellung keine getuschten Seiten gibt, sondern nur Bleistiftzeichnungen und fertige Seiten, die 1:1 so aussehen wie die gedruckten Seiten im Buch. Als ich Mawil, noch vor Aufzeichnung unseres Interviews, darauf anspreche, erklärt er mir, dass die Bleistiftzeichnungen eingescannt und danach am Rechner koloriert werden. Um die Konturen zu verstärken wird der Kontrast dabei einfach nach Bedarf aufgedreht. Das hat den Vorteil, dass der spontane Strich der Vorzeichnung mit weichem Bleistift erhalten bleibt. Mir gefällt der behutsame Farbeinsatz in Kinderland, der so überhaupt nicht nach Photoshop aussieht. Langsam lichtet sich der Kreis der Besucher. Es gelingt mir, einen der Tischtennisschläger zu ergattern und ein paar Bälle gegen den Künstler zu spielen. Ein paarmal gelingt es mir, den Ball geschickt auf die andere Seite zu bringen, aber Mawil hat in Tischtennis sichtlich mehr Übung als ich. Danach beginnen wir unser Gespräch.

 

Ich habe in dem Gratiscomictag-Interview mit dir gelesen, dass gerade das Tischtennismatch in Kinderland von Mangas inspiriert ist. Das ist mir auch aufgefallen. Ich musste gerade bei dieser Szene sofort an Mangas denken, schon bevor ich das Interview gelesen hatte. Diese lange Sequenz hat mich an eine Szene aus der Boxer-Serie Shamo erinnert, in der über 600 Seiten lang geboxt wird. Das ging damals über drei Bücher. Nun würde ich gerne wissen, welche Bücher du im Hinterkopf hattest?

Ich hab nicht so superviele Mangas gelesen, aber im Gegensatz zu vielen Comicleuten, die damals ein bisschen anti waren, als der Manga-Boom aufkam, hab ich versucht, das beste von allem mitzunehmen, also mich auch beeinflussen zu lassen von Mangas. Ich finde halt gut, dass du kleinere und dickere Bücher mit viel mehr Seiten hast und dass viel mehr mit der Gesamtseite gespielt wird. Ich finde gut, dass Szenen nicht mitten auf der Seite enden wie bei Tim und Struppi, sondern immer erst beim Umblättern. Konkret fällt mir aber kein Manga ein. Ich hab da eine ganze Menge Material und klau mir halt hier eine Nase, da ein Detail. Wenn ich ein Buch lese, verstehe ich das in einem, dann werden halt ein paar Sachen abgespeichert. Aber konkret jetzt kann ich keinen Manga nennen.

Mir ist eine Seite aufgefallen, auf der der Tischtennisball zum Match hochgeworfen wird; und dann sieht man in den anderen Panels, was im gleichen Moment noch so passiert: Einer sitzt auf dem Klo, Vögelchen sitzen im Baum und gucken, die Zuschauer halten die Luft an … Das ist doch alles irgendwie typisch Manga.

Gibt’s bei Manga, gibt’s aber sicher auch bei Underground-Comics, die sich nicht ganz so ernst nehmen. Ich klau überall. Also ich denke, jeder Zeichenstil ist auch so ’ne Mischung aus 500 Vorbildern.

Coverentwurf aus der Kinderland-AusstellungGibt’s andere Vorbilder, die du nennen kannst?

Auf jeden Fall Christophe Blain, der Zeichner von Isaak der Pirat und Gus und so. Der schafft’s, komplexe Bewegungsabläufe wirklich in einem Panel einzufrieren. Und die Figuren sind extrem dynamisch. Das sind zwar still stehende Figuren, aber du siehst, wie die laufen, und wie die nach vorne schreiten oder mit der Hand auf den Tisch hauen. Da sind total feine Nuancen drin. Er ist ein superguter Beobachter, was menschliche Bewegungen und Emotionen angeht. Ansonsten Franquin; Lewis Trondheim früher. Aber im Augenblich eben vor allem Christophe Blain.

Wie hat das überhaupt angefangen mit deinem Stil? Hast du davor andere Figuren, andere Möglichkeiten, etwas auszudrücken, ausprobiert, oder hattest du ziemlich schnell diesen persönlichen Stil, den man ja vom ersten Comic an kennt?

Ich sag jetzt mal: Ich hab früher auch geinkt. Also ich hab Bleistiftvorzeichnungen gemacht und geinkt und hatte dann einfach oft eine total krampfige Hand, weil ich versucht habe, mit dem Fineliner eine flüchtige Linie exakt, aber eben auch genauso lebendig nachzuziehen. Am Ende fand ich die Vorzeichnungen immer viel schöner als das Geinkte, viel lebendiger. Von daher mach ich eigentlich nur noch mit Bleistift.

Ja, das habe ich in der Ausstellung schon gesehen. Da sind keine geinkten Seiten zu sehen.

Höchstens mal aus Spaß so eine Seite oder Kurzgeschichte, oder so.

Wird da eigentlich viel abradiert am Ende, oder steht die Vorzeichnung so wie sie ist?

Gut, manchmal wird radiert. Das sieht man auch in den Vorzeichnungen, weil man den weichen Bleistift teilweise schlecht abradieren kann. Viel wird aber auch mit Photoshop retuschiert, weil man damit auch sauberer arbeiten kann. Wenn ich nur ein, zwei falsche Linien habe und ich sehe noch, welche die richtige sein soll, dann lass ich die in der Regel stehen und mach’s mit Photoshop. Wenn das Bild durch das Radieren zu sehr verschmiert, dann muss ich halt auch mal ein Panel neu drüberkleben. In den Originalen findest du manchmal auch Stellen, an denen zwei, drei Schichten Papier übereinander geklebt sind.

Kinderland ist ein ziemlich dickes Buch. Hast du das von Anfang an so groß angelegt, oder ist das im Laufe der Zeit gewachsen?

So pi mal Daumen 150 Seiten waren am Anfang so geschätzt. Das war aber die Phase, in der ich ich auch noch ein bisschen gesammelt habe. Ich wusste einfach, ich werde so bald nichts mehr über Kindheit machen, also wollte ich alles reinstecken, was bei mir im Herzen und im Kopf – so albern es auch klingt – von meiner Kindheit noch da war. Ich hab dann für alle Szenen Sachen aufgeschrieben, die ich gerne dabei hätte, und dann waren es am Ende einfach 300 Seiten. Es gibt in jedem Drehbuch dann natürlich auch Phasen, in denen man sich von Szenen wieder trennen muss, weil sie nicht wirklich die Geschichte voran bringen. Aber das habe ich nicht hinbekommen, und dann sind eben alle 300 Seiten dringeblieben.

Der Interviewer beim TischtennisNa gut, es gibt ja auch eine Szene, in der über 30 Seiten hinweg Tischtennis gespielt wird – und das ist nicht die einzige Tischtennis-Szene.

Ich habe mir eben gedacht: Wenn es um Tischtennis gehen soll, dann auch richtig. Wäre ja auch blöd, wenn ich jetzt genau in diesem Buch zehn Seiten Tischtennis mache und dann in einem späteren Buch noch mal Tischtennisszenen einbauen würde, weil ich noch Ideen übrig hätte. Wenn schon Tischtennis, dann einmal richtig und im nächsten Buch gibt es dann ein anderes Thema. Von daher musste da jetzt alles reinkommen. Die ursprüngliche Idee ist auch gewesen, eine reine Tischtennis-Saga zu machen: Der Aufstieg eines Tischtennishelden. Von Reprodukt gab’s dann eine Idee, wo es hieß „Mach doch mal eine Geschichte über Kindheit im Osten“. Das fand ich ganz interessant, hatte aber keine Idee, wo ich da jetzt ansetzen sollte, weil ich da ja auch gar nicht so viel erlebt hatte. Und dann kam vom Flix die Idee, „Hey, du könntest doch auch beides kombinieren. Und dann hab ich ein bisschen rumgesponnen und versucht, diese Tischtennis-Saga mit einer Ost-West-Kindheitsgeschichte zu verbinden.

Der Interviewte beim TischtennisIch möchte jetzt noch mal das 30-seitige Tischtennismatch aufgreifen, weil es mir einfach wirklich gut gefällt. Ist das jetzt eine Schlüsselszene, oder ist diese Szene rein aus Spaß an der gelungenen Inszenierung so lang? Hast du das einfach so weit wie möglich gestreckt?

Ich mach sonst ja auch sehr viele Comics für den Tagesspiegel, wo man auf relativ begrenztem Platz Geschichten erzählen muss und wo man dann auch notgedrungen viel abkürzen muss. Da hat das dann schon extrem Spaß gemacht, sich einfach mal gehen zu lassen und rumzuscribbeln und zu gucken, was einem alles einfällt. Und natürlich ist es auch ein bisschen der Höhepunkt der Geschichte, da ja die Helden, die sonst nicht viel zu melden haben, es den Großen einmal richtig zeigen können. Es ist dann schon von den Actionszenen der Höhepunkt. Es gibt aber außer den Actionszenen natürlich noch weitere Erzählebenen – über Freundschaft, Familie und Mut und so weiter. Aber von den Actionszenen ist das schon der Höhepunkt, auf jeden Fall.

Wenn ich jetzt an die Figuren denke: Inwieweit ist das durchkomponiert? Hast du versucht, Typen zu verwenden, denen du jeweils eine bestimmte Rolle zukommen lässt?

Also ich wusste, dass ich nur über Typen erzählen kann, die so ähnlich ticken wie ich. Es gibt sicher mutigere Helden als den Hauptheld. Aber Mirco Watzke ist schon so ähnlich, wie ich selber auch war. Aber weil ich halt selber so wenig erlebt habe, musste ich diesen Helden in spannende und fiktive Situationen reinversetzen. Ich musste ihm halt auch diesen Torsten zur Seite stellen, als Kontrastprogramm, um den Mirko so ein bisschen aus der Reserve zu locken.

Der Torsten ist eine etwas deprimierende Figur.

Auf jeden Fall. Der scheitert auch irgendwie.

Woran liegt das eigentlich, dass der scheitert?

Es gibt so Leute, die ziehen das Unglück an, und andere Leute, die schlängeln sich so durchs Leben.

Figurenkonzeption für Kinderland

Gibt’s in Kinderland denn einen, der sich durchschlängelt?

Der Mirco.

Ja richtig. Der Mirco macht eigentlich nur, was von ihm verlangt wird.

Und ganz zum Schluss sagt er dann aber mal „Nee, stopp, jetzt will ich aber mal bestimmen. Das war auch dringend notwendig, denn wenn man sich auf 250 Seiten so durchschlängelt, dann muss man auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen.

Richtig, irgendwann muss mal eine Entwicklung kommen. Was denkst du eigentlich persönlich über die Rowdys der Geschichte? Ich fand die eigentlich auch irgendwie sympathisch.

Ganz wichtig ist, dass eine Figur auch logisch ist. Nur im Märchen gibt es nur ganz böse und ganz gute Menschen. Im realen Leben haben die Bösen ja auch einen Grund, warum sie so sind wie sie sind. Es sind ganz tragische Figuren. Von daher war es mir beispielsweise auch bei der Frau Kranz wichtig, zu zeigen, dass sie schon daran leidet, dass dieses Land, das sie geliebt hat, jetzt untergeht. Die Jungs selber sind halt, wie Menschen so sind. Es gibt Menschen, die sind mir zutiefst unsympathisch und trotzdem verstehe ich, oder versuche ich zu verstehen, warum sie so ticken. Es fällt dann leichter, deren Blödheit oder Doofheit zu ertragen.

Also mir hat an den Rowdys gefallen, dass sie eben auch bereit sind, nach Regeln zu spielen und sich auch auf die Regeln der Kleinen, die ja deutlich schwächer sind, einzulassen. Auch deren „güldet nicht“ zu akzeptieren und dieses „Erst um die Angabe“.

Als Rowdy weißt du, dass du dich eh immer durchsetzen könntest. Es darf aber nicht sein, dass du schummeln musst, weil du nicht gut genug spielst, sowas dürfte ja auf keinen Fall bekannt werden. Also musst du dir natürlich beweisen – auch vor deinem Ego – dass du auch mit Regeln gewinnen kannst.

Na, irgendwie fand ich das schon einen respektablen Zug. Gut, am Ende fangen sie dann das Schlägern an, es sind eben doch auch Unsympathen. Aber gerade bei dem Bolzen, dem mit der Kutte, musste ich immer an den Nelson aus den Simpsons denken. Der hat ja auch sympathische Züge.

Ja, genau. Simpsons ist auf jeden Fall ein gutes Beispiel. Da sieht man gut, wie sich die Figuren im Lauf der Zeit entwickelt haben. Die haben ja vielleicht mit 50 Personen angefangen, später waren es 100. Wenn da 15 Leute ständig an einer Story weiterschreiben, dann entwickeln die Figuren erst mit der Zeit ein Profil. Das entsteht dann irgendwann automatisch durch die verschiedenen Figurenkonstellationen und die Probleme, die sich daraus ergeben. Das sieht man auch in Kinderland, beispielsweise bei der Angela Werkel, die erst nach vielen Szenen ein richtiges Profil erhält.

Sind diese Rowdys eigentlich auch Rebellen?

Das sind einfach ganz normale Jugendliche. Der Prinz ist eher so’n Popper, so’n Schönling, und der Bolzen ist halt ein Metal-Fan. Im Osten mussten sie halt eine blaue Bluse tragen. Im Westen wären es dieselben Jugendlichen gewesen ohne die blauen Hemden. Also im Prinzip war jeder, der nicht hundertprozentig rot war, ein Rebell. Die meisten waren aber mehr so schweigende oder mitlaufende Rebellen, die das System zwar verachtet haben, aber eben trotzdem mitmachten.

Seite aus Kinderland: People are people

Wären das jetzt die typischen Depeche-Mode-Fans gewesen? Immerhin wird das Lied People are people von Depeche Mode in Kinderland mehrfach zitiert.

Auf jeden Fall.

Das war ja in den späten 80ern auch so eine Welle im Osten: Depeche Mode, Bruce Springsteen usw.

Das haben alle gehört, auf jeden Fall. Ich war ja selbst immer mehr so ein Beatles-Fan, deswegen war ich immer in Opposition zu den anderen, weil ja wirklich alle Depeche Mode gehört haben, aber heimlich geil fand ich’s auch. Passte auch gut zu dieser unterkühlten 80er-Jahre-Atmo und zum Kalten Krieg, diese synthetischen Klänge, aber trotzdem so moll und mit viel Melancholie. Das war auf jeden Fall der perfekte Soundtrack zu den 80er Jahren im Osten.

Hast du auf eine Aussage hingearbeitet?

Es war nicht alles schlecht und es war auch nicht alles geil. (Mawil gibt deutlich zu erkennen, dass er es ironisch meint.) Nee, es sollte einfach nur ein ganz normales Kindheits-/Jugendabenteuer sein, einfach ein spannendes Abenteuer. Für die Ossis mit vielen Wiedererkennungssachen, worüber sie sich freuen, und für die Westler ein ganz normales Jugendabenteuer, wo sie aber am Rande so viele exotische Sachen wie möglich mitkriegen. Ist halt ein Kindheitsabenteuer, wo sich die Erwachsenenwelt aber manchmal so reindrängelt.

Das tut sie eindeutig. Ich glaube, du hattest irgendwann mal gesagt, es sollte eigentlich nur um Kinder gehen, wie bei den Peanuts.

Ich selbst kenne halt die DDR auch nur aus der Kindheit. Ich könnte jetzt nicht „den Comic über das ganze Land machen. Wenn man was über den Osten wissen will, dann muss man neben Kinderland eben wahrscheinlich auch noch Das Leben der anderen oder Sonnenallee und die ganzen anderen Filme angucken, um wenigstens ein grobes Bild zu bekommen, denn jeder kann ja immer nur aus seiner Szene erzählen.

In der Ausstellung gezeigte Recherche-Checkliste

So ein grobes Bild haben wir ja in der Regel schon, wir kennen ja alle Sonnenallee und die einschlägigen Filme. Ich denke, da bringt es uns inzwischen wirklich weiter, wenn irgendein unbekannteres Detail erzählt wird. Ich muss aber sagen, Kindheit im Westen war gar nicht so viel anders. Kinder haben eigentlich überall ähnliche Probleme.

Ja, eben. Das sehe ich auch so. Ich wollte eben nicht sagen „He, guckt mal, hier, wir sind so weil …. Ich kann nur zeigen, wie es bei uns eben so war. Wir hatten nun mal komische Sachen an und hatten komische Bräuche, aber ansonsten hat sich das recht normal angefühlt.

Wir hatten als Kinder im Westen ja auch teilweise komisches Zeug gemacht. Da gab’s auch die ganzen Vereine, die Schule …

Aber ihr konntet in die Vereine, ihr musstet nicht. Und es waren wohl verschiedene Vereine, nicht jeder im selben.

Ja, richtig. Als Kind merkt man das vielleicht aber gar nicht so. Die Eltern merken es viel mehr, wenn so etwas Pflicht ist.

Es ist halt auch so: Wenn in der ganzen Klasse jeder einen Pelikano-Füller hat und nur einer einen Geha-Füller, dann sage alle „He, was hast denn du da Komisches.

Das stimmt, dann ist der eine mit dem Geha-Füller schnell der Doofe. Wer ist denn nun eigentlich vernünftiger: Die Kinder oder die Erwachsenen?

In welcher Hinsicht? In der Kinderwelt oder in der Erwachsenenwelt?

Naja, die Erwachsenen machen so absurdes Zeug wie Grenzen und stellen irgendwelche unverständlichen Regeln auf. Die Kinder dagegen wurschteln sich einigermaßen unschuldig durch das ganze durch. Und die Ältesten sind die Kaputtesten, weil sie am meisten Stress machen.

Kannst du gerne so als Schlusssatz verwenden. Musst aber deinen Namen dazuschreiben. (Allgemeines Gelächter) – Ich meine, die Kinder machen ja auf dem Spielplatz auch nur die Sachen nach, die sie von den Erwachsenen kennen. Das geht ja schon ins Philosophische. Die Kinder sind halt noch eine unbeschriebene Festplatte, mit ganz wenig Programm drauf. Die Erwachsenen müssten aber ab und zu mal defragmentiert werden.

Skizzen von Mawil zu KinderlandJa, man kommt halt nicht aus. Irgendwann steckt man als Erwachsener halt so drin in der Maschine und als Kind tut man das eben noch nicht.

Ja, man merkt manchmal als Erwachsener, dass man sich über etwas aufregt, weil es so und so gemacht wird, dabei würde man es gerne ganz anders machen. Und dann überlegt man und merkt, dass man es nur so macht, weil man es früher auch schon so machen musste – und denkt sich, es wäre fair, wenn das jetzt alle anderen auch so machen müssten. So war es schon immer und so muss es eben weitergehen. Wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich eine absurde Logik. Da könnte ja jeder eigentlich auch ohne Not ausbrechen. Nur weil die Eltern einen gezwungen haben das und das zu machen, muss man ja nicht seine eigenen Kinder zwingen das und das ebenfalls so zu machen.

Tja, stellt man sich so einfach vor.

Ja, man kommt da nur schwer raus.

Du hast sechs Jahre für Kinderland benötigt und konntest mit Comiczeichen nur wenig Geld verdienen. Ich habe mal gehört, dass du deine Arbeit vor allem über deine Lehrtätigkeit finanzierst.

Unter anderem. Momentan so etwa zur Hälfte, oder zu einem Drittel.

Und sonst?

Alles, was anfällt. Illustrationssaufträge, Tagesspiegel in Berlin oder ähnliches. Und durch die Verkäufe der Bücher kommt zwar wenig, aber regelmäßig immer wieder was rein.

Auch von den ganz alten?

Ja, aber wie gesagt wenig. Durch die Bücher macht man jetzt nicht das große Geld. Das Geld verdient man eher, weil man sich durch die Bücher wieder ins Bewusstsein zurückruft und dann plötzlich wieder Aufträge bekommt – und auch wieder nach Workshops mit mir angefragt wird.

Ich denke, da wird Kinderland wieder ein guter Motor für sein.

Wahrscheinlich wird es demnächst ein paar Einladungen zu Geschichtsunterrichten geben, oder zu irgendwelchen Workshops. Das wird sich zeigen.

Originalzeichnung aus der Kinderland-Ausstellung

Wie ist das eigentlich mit deiner Lehrtätigkeit? Was bringst du Schülern bei, die Zeichnen lernen wollen?

Ich kann denen nicht beibringen, wie man den perfekten Comic macht. Ich kann ihnen Übungen geben. Aufgaben, wo sie es selbst probieren. Und dann überprüfen wir natürlich, ob es bei ihren eigenen Geschichten Stellen gibt, die man verbessern könnte. Dann lassen wir das einfach mal einen anderen lesen, der es noch nie vorher gesehen hat. Und wenn Sachen missverständlich sind, dann überlegt man, woran das liegen könnte. Ich kann da nur die Begeisterung vermitteln. Also ich mach es einfach gerne – und ich glaube, es ist ganz gut, einmal einen Lehrer zu haben, der die Thematik gerne behandelt.

Gibt man dann da ein Thema vor? Zum Beispiel: Jetzt macht mal fünf Seiten über Sehnsucht? Oder Liebeskummer?

Das soll jeder selber machen. Ich mach immer ganz, ganz viele Übungen, kleine Aufgaben zum Nachdenken, aber wo man nicht viel Zeit hat, etwas auszuarbeiten. Mir geht’s vor allem um die Storyboards, also die ersten Skizzen. Ich selbst arbeite mit Storyboards auch sehr, sehr lange, auch wenn sie sehr primitiv gemalt sind. Aber ich überlege mir da sehr genau, wie viele Bilder ich brauche und was in jedem einzelnem Bild zu sehen sein soll. Wie groß sind die Lücken zwischen zwei Bildern? Wo raffe ich Zeit, wo strecke ich Zeit? Dann erst mal liegen lassen und am nächsten Tag noch mal kurz durchlesen, wie der Lesefluss ist, ob es funktioniert.

Es gibt so viele Leute, die haben ein ganzes Jahr an einer Riesen-Mappe gearbeitet; und dann kommen sie mit so einer A2-Mappe an, mit fertig getuschten Zeichnungen. Man kann das aber nicht lesen, weil man die Sprünge zwischen den Panels nicht erkennt und den Überblick zwischen den Figuren verliert. Da sage ich, lieber ein Storyboard fünfmal neu zeichnen und Variationen ausprobieren. Vielleicht mehr Kästchen hier und weniger Kästchen da. Oder überlegen, ob man jetzt wirklich einen Erzähltext braucht, oder ob das nicht klarer geht; habe ich einen Achsensprung drin oder sonstige Unklarheiten? Lieber einmal öfter radieren. Und lieber eine einfachen Zeichenstil haben, den man aber dafür öfter Probe lesen lassen kann, bis das Ergebnis stimmt.

In den Workshops kenne ich meistens die Geschichten von der Entstehung an. Ich weiß dann selber schon, was geschehen soll. Manchmal gehen wir wirklich auf die Straße raus und sprechen Passanten an. Dann sagen wir „Verzeihung, da oben ist gerade ein Workshop – Könnten Sie uns die folgende Seite mal laut vorlesen? Man erfährt dann meist recht schnell, ob man eine Szene nicht besser noch mal überarbeiten sollte.

Was wäre da eine typische Aufgabenstellung?

Zum Beispiel „Denkt euch selber eine Geschichte aus und malt die auf drei Haftnotizzettel, fünf Minuten Zeit. Und fünf Minuten später sage ich dann „Jetzt nehmt noch mal zwei Zettel und füllt damit die Lücken aus.

Also wirklich ganz frei.

„Und dann fügt vorne und hinten noch ein Post-It dran, als Anfang und als Ende – und dann baut noch einen Extra-Anfang und ein Extra-Ende. Und zum Schluss gibt’s noch ein einziges Post-It, steckt’s einfach irgendwo dazwischen. Dann gebt das ganze eurem Nachbarn und lasst euch von dem zwei Post-Its rauskürzen. Oder sie könnten auch einen freien Comic machen, und ich gebe ein Stichwort vor, das im Comic auftauchen muss, zum Beispiel „Wasser. Ich mach das einfach nur, um Ideen anzuregen.

Wer besucht eigentlich deine Kurse?

Ich mach das für Schulklassen, für Freizeitcomiczeichner und für Kunststudenten an der Hochschule, also das ist wirklich ganz offen. 

Und sonst kommen da Leistungskurse in Kunsterziehung, die sagen „Wir machen jetzt mal einen Monat lang als Schwerpunktthema Comic, buchen wir uns doch den Mawil?

Wenn die sich das leisten können … ein Monat ist schon nicht ganz billig.

Oder zwei Wochen. Wer würde denn sowas zahlen?

Meistens sind das irgendwelche Vereine, oder manchmal auch das das Goethe-Institut – auch Einrichtungen, die Fördergelder kriegen. Komischerweise funktioniert das meistens mit irgendwelchen Trägern. Klar könnte ich mir auch einen Raum oder eine Unterkunft mieten, und Tische und Schreibtischlampen ranholen und Ausschreibungen machen, aber dann bleibt mir halt keine Zeit mehr fürs Lehren oder für die Comics.

Lässt sich Kinderland eigentlich gut ins Ausland vermarkten? Oder geht da zu viel an Lokalkolorit und Zeitkolorit verloren?

Es funktioniert auf jeden Fall auch im Ausland. Wir haben es auch schon nach Frankreich verkauft. England ist auch schon in der Mache. Es werden wohl so 20 Prozent der Insidergags verloren gehen, aber die Geschichte ist schon verständlich.

Das geht uns bei vielen englischen und amerikanischen Dingen wohl ähnlich. Oder japanischen. Aber die Bedeutung von den Musikeinblendungen in Kinderland, eben z.B. dem Text zu People are people, die wird wohl keiner nachvollziehen können, wenn’s keine Anmerkungen gibt.

Ja, kann sein.

Oder die ganze Pioniersache. Aber irgendwie wird wohl schon klar sein, wer der Außenseiter der Geschichte ist, und dann wird man sich auch so einiges zusammenreimen können.

Klar, gerade diese zwischenmenschlichen Beziehungen werden wohl überall verstanden werden.

Denke ich auch. Vielen Dank für das Interview!

 

Abbildungen: © Mawil, Fotos: Christian Muschweck

 

Hellboy 13 – Abstieg zur Hölle

Cover Hellboy 13Wenn Mike Mignola, der seit den ersten Geschichten um seinen rothäutigen Höllenjungen vor gut 20 Jahren mittlerweile eine ganzen Kosmos etabliert hat, nach langer Zeit wieder höchstpersönlich an den Zeichenstift zurückkehrt, dann muss man über die Bedeutung des vorliegenden 13. Bandes nicht mehr viel Worte verlieren.

— Achtung: dieser Text enthält Spoiler und verrät ein wichtiges Detail aus dem 12. Band der Serie. Weiterlesen auf eigene Gefahr! —

Viele gute Autoren und Zeichner haben das Erbe Mignolas in den vergangenen Jahren unter dessen Regie weitergeführt, er selbst zeigte sich zuletzt bei der Story „Sieger Wurm“ (Band 6) für die Bilder in einem Hellboy-Comic verantwortlich. Der Grund dafür ist, dass Hellboy am Ende der vorangegangenen Trilogie sein Schicksal als Thronfolger Großbritanniens im Kampf gegen einen Drachen herausforderte. Er rettete die Menschheit, aber verlor dabei sein Leben.

Die Fahrt zur Hölle ist für Hellboy aber selbstredend nicht das Ende. Vielmehr hat er hier ein Heimspiel, entstammt er doch eben genau jenem Pandämonium, in das er jetzt zwangsweise zurückkehrt. Doch die Unterwelt ist leer, die meisten Dämonen geflohen. Der Platz für den Herrscher der Hölle ist unbesetzt und wartet darauf, von Hellboy eingenommen zu werden.

Seite aus Hellboy 13Ganz klar, für Mignola ist die Heimkehr seiner über zwei Jahrzehnte aufgebauten Figur eine persönliche Angelegenheit. In einer mit mythologischen und literarischen Zitaten gespickten Expedition zu den eigenen Wurzeln (u.a. finden sich hier explizite Anspielungen auf Dantes Göttliche Komödie, Dickens Weihnachtsgeschichte oder Shakespeares Macbeth) dreht sich diese Erzählung um die eher ruhigen Momente. Nebenbei klärt Mignola den Leser erstmals über die Verwandtschaft Hellboys und über die Herkunft seiner steinernen Hand auf.

„Abstieg zur Hölle“ markiert dabei nicht nur einen essentiellen Baustein für die Hellboy-Kontinuität und die langersehnte Rückkehr Mignolas ans Zeichenbrett, sondern liefert auch eine gute Einstiegsmöglichkeit für neue Leser. Immerhin stellte der lang inszenierte Tod der Hauptfigur eine sichtbare Zäsur dar. Mit dieser nun zusammen die Hölle zu durchqueren ist dagegen ein von inhaltlichem Ballast befreites, neues Kapitel.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Mignolas Zeichenkunst ist stark wie eh und je, die Story weiß mit Zurückhaltung und persönlicher Nähe zu gefallen.

 

Hellboy 13 – Abstieg zur Hölle
Cross Cult, August 2014
Text/Zeichnungen: Mike Mignola
Übersetzung: Frank Neubauer
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-86425-3-973
Leseprobe

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Abbildungen © der dt. Ausgabe: Cross Cult

 

Links der Woche 38/14: Mama was queen of the Mambo

Unsere Links der Woche, Ausgabe 38/2014: 

 

Die besten Comics des Jahres
Der Tagesspiegel, Lars von Törne
Zum dritten Mal in Folge hat der Tagesspiegel wieder eine neunköpfige Jury gebeten, ein Ranking der zehn besten Comics des ablaufenden Jahres zu erstellen. In der Endauswertung landet Barbara Yelins Graphic Novel Irmina knapp vor Mawils Kinderland.

Bongoland: Kohäsion
Startnext, Jeff Chi
So geht erfolgreiches Crowdfunding: Der in der deutschen Webcomicszene sehr umtriebige Nürnberger Zeichner Jeff Chi möchte aus seinem 24-Stunden-Comic Bongoland (“mit Abstand das blödeste was ich je kreiert habe”) ein gedrucktes Buch in Farbe machen. Bis zum 1. März 2015 wollte er auf der Plattform Startnext 800 Euro sammeln, um das Projekt zu verwirklichen. Ein Ziel, das bereits nach sechs Tagen erreicht war. Mitmachen kann man in den nächsten Monaten trotzdem noch, so dass vielleicht weitere Ziele erreicht werden. Extrem sehenswert ist auf jeden Fall schon mal das Video, in dem die Aktion vorgestellt wird.

Erotik im Comic ­– Ein Versuch, das Ungreifbare zu greifen
intellectures, Thomas Hummitzsch
Die Onlinefassung eines Überblicksartikels zu erotischen Comics, der zunächst gedruckt im Magazin Alfonz erschien. Hummitzsch blickt nicht nur auf übliche Verdächtige wie Manara, sondern stellt auch viele Vertreter aus dem Underground- und Independentbereich vor.

Farewell Hollywood
Guy Delisle
Nachdem eine Hackergruppe, die möglicherweise aus Nordkorea stammt, die Server von des Sony-Filmstudios gehackt hat und der Konzern seinen Film The Interview nach Terrordrohungen aus dem Verkehr gezogen hat, wird Hollywood vorsichtig, wenn es um Nordkorea geht: Die geplante Verfilmung von Guy Delisles Comic Pjöngjang, in dem er von seinen Erfahrungen in der nordkoreanischen Hauptstadt erzählt, wurde abgeblasen. In einem persönlichen Statement auf seinem Blog zeigt sich Delisle enttäuscht von der Entscheidung und gibt auch interessante Einblicke, wie das so läuft, wenn man als Autor die Filmrechte an seinem Werk verkauft.

DRM-Free Site Humble Bundle Generated Over $4 Million from E-books in 2014
Publishers Weekly, Calvin Reid
Das Geschäftsmodell der Website “Humble Bundle” funktioniert inzwischen auch gut für Comics: Anfangs gab es dort Pakete von Computerspielen, für die man als Käufer den Preis selbst festlegen konnte, ein Teil des Geldes wird für einen guten Zweck gespendet. Später wurden auch E-Books verkauft, in Jahr 2014 gab es insgesamt zehn digitale Comic-Bundles von Verlagen wie Image, IDW oder Oni Press, alle ohne Digital Rights Management (DRM). Ein neuer, erfolgreicher Verkaufskanal, der auch ein neues Publikum für Comics erschließt. Für den deutschen Markt ist ein solches Modell nicht denkbar, da auch E-Books hierzulande der Buchpreisbindung unterliegen. Man kann jedoch als Kunde aus Deutschland problemlos ein “Humble Bundle” erwerben. Aktuell gibt es gerade ein Paket mit Comics vom Verlag Dynamite.

‘Batgirl’ #37 Criticized For Transphobic Content; Creative Team Apologizes
Comics Alliance, Andrew Wheeler
Vor einigen Wochen gab es bei DC Comics mit Ausgabe 35 von Batgirl einen Neustart und Kurswechsel der Serie. Das neue Kreativteam (Cameron Stewart,Brenden Fletcher und Babs Tarr) machte aus der Titelfigur eine junge Frau, die ins Hipster-Viertel von Gotham City zieht, und will mit seinem Comic eine Zielgruppe ansprechen, die deutlich weiblicher und jünger ist als der durchschnittliche DC-Comicleser. In den sozialen Medien kam dieser Neustart sehr gut an, doch schon die dritte Ausgabe sorgte für Unmut bei einem Teil der Leserschaft: Darin wird enthüllt, dass eine Figur, die ebenfalls als Batgirl auftritt, eigentlich der (männliche) Schurke Dagger Type ist, sehr zum Entsetzen des echten Batgirls. Kritiker wie die Autostraddle-Autorin Mey bemängelten daraufhin die Verwendung von transphoben Stereotypen als weiteres Beispiel für das in der Popkultur immer wieder auftauchende Phänomen, dass transsexuelle Personen oder Crossdresser als Bösewichte, Perverse oder sonstwie gesellschaftlich inakzeptable Menschen dargestellt werden. Das Autoren- und Zeichnertrio hat sich wenig später mit einem sehr vernünftigen Statement entschuldigt. Mehr Kontext zu diesem Themenkomplex gibt’s im Artikel Batgirl And The Perpetual State Of Transphobia In Media bei Comics Alliance.

Festus Rotgut: Zombie Cowboy — 6-pack comic book
BoingBoing, Mark Frauenfelder
Auf den Bierflaschen einer Brauerei aus Chicago kann man zur Zeit einen Zombie-Western-Fortsetzungscomic von Jason Aaron und Tony Moore lesen. BoingBoing veröffentlicht die Story ebenfalls. Dort fehlt allerdings die Geschmackserfahrung eines Biers mit “marshmallow and caramel flavors with a spicy finish”.

All Along the Wall
Emily Carroll
Ein weihnachtlicher Kurzcomic von Emily Carroll, die für ihre atmosphärischen Gruselcomics bekannt ist. Auch in diesem hier geht es ziemlich creepy zu.

Austern (Isch liebe eusch)
YouTube, Matthias Wieland
Ein Beitrag aus Guillaume Longs kulinarischem Comic Nicht ohne meine Schürze – als Chanson vertont vom vielseitig talentierten Matthias Wieland, der unter anderem als Comicübersetzer arbeitet.

 

Das waren die letzten „Links der Woche“ in diesem Jahr. Wir machen eine kleine Weihnachtspause und kommen im Januar zurück – dann ohne Songzitate in den Überschriften. 

Kamingespräch: Wie geht’s dem deutschen Comic? (Teil 3)

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Wie es um den deutschen Comic 2014 im internationalen Vergleich steht, diskutierten die Comicgate-Autoren Andi Völlinger, Cristian Straub, Carsten Moll, Christian Muschweck, Benjamin Vogt, Till Felix, Daniel Wüllner und Michel Decomain.

 

Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2. Der zweite Teil drehte sich zum Schluss darum, dass deutsche Comics zwar mittlerweile im Feuilleton angekommen sind, es aber mit Ausnahme von Mosaik kaum einen wirtschaftlich erfolgreichen Comic-Mainstram aus deutscher Produktion gebe.

 

Carsten: Es lohnt sich – neben dem Blick auf die Künstler_innen an sich, auf die Verlagsarbeit und die akademischen Ausbildungs(un)möglichkeiten – sicherlich auch einmal auf die Comic-Kritik und deren Rolle zu schauen. Die ist schließlich auch beteiligt an dem, was Michel als „Kulturwertigkeitsscheiß“ beschreibt. Einerseits würde ich mir da mehr Texte wünschen, die nicht gleich angesichts eines „schweren“ Themas in Ehrfurcht erstarren und dabei vergessen, den Comic als ästhetisches Kunstwerk zu betrachten, das mehr ist als ein Inhalt oder eine Message. Gleichzeitig sollten einen Labels wie „DDR-Comic etc. nicht davon abhalten, genau und neugierig hinzuschauen, mit was man es denn da abseits des Thematischen eigentlich zu tun hat.

„Nicht nur über, sondern mit dem Comic nachdenken“

Im Gegenzug könnte man Genrecomics vielleicht ernster nehmen und eben nicht bloß auf den Unterhaltungswert oder die spezifische Umsetzung von Genrestandards abklopfen. Das hieße dann, nicht nur ÜBER den Comic nachzudenken, sondern MIT dem Comic nachzudenken und ihn als Ausgangspunkt für Überlegungen zu nutzen, die den Comic als Kunstwerk oder Unterhaltungsprodukt in einem sozialen, politischen etc. Kontext begreifen. Das würde dann auch Punkte wie Marktgegebenheiten und Förderung beinhalten.

(Wenn ich mir hier ein Denken, Schreiben und Reden über Comics wünsche, das etwas mehr herausfordert, fasse ich mir natürlich erst einmal an die eigene Nase und will nicht sagen, dass es das so noch gar nicht gibt.)

 

Christian M.: Man sollte vorsichtig sein mit Kampfbegriffen wie Kulturwertigkeitsscheiß oder auch Genre. Unter Genre verstehen viele doch nichts anderes als Zombiecomics, Western oder Comics mit Trollen und Elfen. Ebenso wie beim Kulturcomic gibt es aber auch im Genrebereich nur wenig Herausragendes, dagegen aber viel Ödes und Epigonales. Carsten hat völlig recht, wenn er von der Rolle der Comickritik spricht: Kann gut sein, dass viele Neuerscheinungen, die gelobt werden, auch Blendwerk sind und den Kritiker überrumpeln. Manchmal ist erhöhte Vorsicht angebracht.

Die Forderung nach mehr Genre ist verständlich, denn das derzeitige thematische Spektrum ist tatsächlich  zu einseitig: Damit meine ich nicht nur DDR und Deutsche Geschichte, sondern eben auch Biografien,  Autobiografien, Literaturadaptionen und Krankheitschroniken. Das liegt daran, dass heutzutage alles authentisch zu sein hat. Nur wer ein Trauma hat, darf offenbar über Traumata erzählen. Art Spiegelman und Michel Kichka schreiben über ihre Familientraumata, Marjane Satrapi arbeitet ihre Flüchtlingsgeschichte auf, David B. schreibt über die Krankheit seines Bruders, Dylan Horrocks schreibt ständig über die Angst vorm weißen Blatt Papier und seine schlechten Erfahrungen mit Großverlagen. Das ist ein globaler Komplex und keineswegs ein deutsches Problem.

Autobiografische Comics von Michel Kichka, Marjane Satrapi und David B.

Aber ist Genre die Lösung? Alan Moore hat mal gesagt, das Leben sei nun mal nicht ein Genre, sondern eine Mischung aus vielen Genres, inklusive Komödie, Horror und mit etwas Glück auch Porno. Das ist schon mal ein guter Ansatz. Vor allem muss aber von dem Beglaubigungswahn und dem Authentischen abgerückt werden, denn die wenigsten talentierten Künstler haben wohl das Erzählrepertoire eines Spiegelman zur Verfügung. Natürlich sollte Selbsterlebtes die Quelle für gutes Schreiben sein, aber es sollte etwas daraus entwickelt werden. Nur die Abbildung von erlebtem oder überliefertem Material scheint mir oft eine Vergeudung von Talent zu sein.

 

„Mehr Mut zu originären und originellen Stoffen!“

Andi: Ich würde allgemein sehr gern mehr originäre Comicstoffe von deutschen Künstlern lesen, welche nicht Nacherzählungen eigener oder fremder Erlebnisse oder die Adaption von Romanen sind. Eine komplett fiktive Geschichte aus dem Nichts zu entwickeln ist aber natürlich eine Menge Arbeit. Ich frage mich manchmal, ob da bei einigen Künstlern nicht auch eine gewisse Angst oder zu großer Respekt mitspielt, sich auf eine Erzählung einzulassen, für die es keinerlei Vorlage gibt. Hier spielt sicherlich auch eine Rolle, dass die Zusammenarbeit von Comiczeichnern mit Autoren, die sich dann für sie mit eben diesem Problem herumschlagen, in Deutschland immer noch nicht so weit verbreitet ist, wie anderswo.

Hinzu kommt, dass die großen Verlage natürlich aus wirtschaftlichen Gründen lieber einen Comictitel ins Programm nehmen, der sich an eine bekannte Thematik oder Person anlehnt, wie Comics zu historischen Ereignissen oder Promi-Biografien. Daran können Marketing und die Buchhandelsvertreter halt leicht anknüpfen. Ich wünsche mir also mehr Mut zu originären und originellen Stoffen sowohl von Verlagen als auch Künstlern. Die deutschen Indie-Verlage leisten hier ja schon einiges, aber denen fehlen natürlich die finanziellen Mittel für angemessenes Marketing und Honorare.

 

Michel: Um noch mal auf Christians Frage zurückzukommen, ob der Feuilleton-taugliche Literaturcomic unser neuer Mainstream sei: Ich glaube, das Problem ist, dass es in Deutschland überhaupt gar keinen Comic-Mainstream gibt. Den gab es vor 25 Jahren vielleicht mal mit Brösel, Moers und König, die in jedem Buchladen standen und für dicke Kinofilme herhalten durften, aber nicht heute. Dafür sind alle deutschsprachigen Comicautoren einfach viel zu klein, um irgendwie als die Gesellschaft durchdringender Mainstream wahrgenommen werden zu können. Ironischerweise hast du dann eben die Graphic-Novel-Bewegung, die sich vom Gestus her als Alternativbewegung versteht, mit ihren wichtigen Themen und ihrem hochkulturellen Habitus, aber es gibt überhaupt keinen Mainstream, gegen den sie sich positionieren kann. Und so wird absurderweise vom Feuilleton eine Comicform zum Publikumscomic stilisiert, die sich dezidiert gegen das Publikumswirksame stemmt. Damit baut man natürlich langfristig kein Massenpublikum auf. Eigentlich müsste man zuerst mal einen stabilen Mainstream schaffen, damit in deren Gegenposition auch ein stabiler Autorencomic gedeihen kann.

„Vom Feuilleton wird eine Form zum Publikumscomic stilisiert, die sich dezidiert gegen das Publikumswirksame stemmt.“

Unsere jetzigen Feuilletonlieblinge sind einfach keine geeignete Grundlage für einen Comic-Mainstream, weil sie sich überwiegend als antipopulistisch verstehen. Und in Deutschland kannst du ja aufgrund des Kulturgefälles immer nur entweder Kunst oder Unterhaltung machen. Die ganze Hoffnung auf Comic-Publikumszuwachs im medialen Diskus auf Graphic Novels zu konzentrieren, setzt sich damit eigentlich selbst schon wieder Grenzen. Damit werden Einzeltitel vielleicht als Autorencomics international konkurrenzfähig, aber nicht die deutsche Comiclandschaft als Kulturbetrieb insgesamt. Wenn die Frankfurter Buchmesse dann eine Broschüre herausbringt, die deutschsprachige Comics für den internationalen Lizenzmarkt schmackhaft machen will, und dort ausschließlich Graphic Novels aufnimmt (ich glaube, die einzige Ausnahme war Steam Noir), liefert das nicht nur ein Zerrbild des deutschen Comics in die Außenwelt, sondern hält den Feuilleton-freundlicheren Comic fälschlicherweise auch für den verkaufsinteressanteren Comic. Und, tut mir leid, aber als imaginärer ausländischer Lizenznehmer fände ich doch ein DIE TOTEN oder ein Stupid Story allemal spannender als ein Im Land der Frühaufsteher.

 

Daniel: Michels Differenzierung zwischen Kunst und Unterhaltung halte ich für einen interessanten Ansatzpunkt, um sich dem deutschen Patienten zu nähern, dem Mainstream-Comic. Ich würde deine Aussage über die Broschüre auf der Frankfurter Buchmesse voll unterschreiben: Dieses Faltblatt gibt es ja wirklich und darauf stehen immer die gleichen Namen, heimische Zeichner aus dem Hause Reprodukt und avant-Verlag. Keine Frage: Diese jungen Künstler haben ein unglaubliches Gespür für grafische Ausdrucksweisen. Aber ist es nicht zu viel verlangt, dass diese jungen Künstler am deutschen Stand in Angoulême sitzen und den deutschen Comic neben internationalen Größen repräsentieren sollen?

„Der deutsche Comic hat keine Autoren.“

Wie sollte dann dieser deutsche Comic aussehen, über den wir hier sprechen? Es fällt uns schwer, diese Frage zu beantworten. Weil der deutsche Comic bisher keine prägnanten Ausprägungen hat und nur eine recht knappe unglamouröse Historie vorzuweisen hat. Weder ist er wie in Frankreich mit der Untergrundkultur verbunden, noch ist er wie der japanische Comic eng mit der Tradition des Landes verwachsen. Er ist auch keine amerikanische Maschine, die Comics nur so herauspumpt. Aber vor allem hat er keine Autoren.

Ich habe gestaunt als Insekt von Sascha Hommer erschienen ist. Dass jemand aus der Schule Feuchtenberger anfängt zu fabulieren, eine Analogie über unsere Gesellschaft schreibt und aufzeichnet. Ich war wirklich beeindruckt. Ich dachte: Jetzt geht es los mit dem deutschen Comic! Und dann erschien sein zweiter Comic, Vier Augen. Junge, was ist aus deiner Fantasie geworden? Warum versteckst du dich hinter einer semi-autobiografischen Geschichte, die apolitischer nicht sein könnte? Flix hat schon recht in seinem Interview: Der deutsche Comic muss wichtigere Geschichten erzählen, oder muss überhaupt erst mal spannende Geschichten erzählen. Und das gilt auch für Flix selbst. Er hat großartige Alltagsszenen, einen Faust und ein paar Comic-Protokolle, aber keine politisch engagierten Erzählungen, sondern nur gute Unterhaltung.

Vier Augen und Insekt von Sascha Hommer

 

Till: Vor allem hat er keine Autoren ist für mich der maßgebliche Punkt, weswegen der deutsche Comic nicht so recht aus den Startlöchern kommen will. Und eben auch im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Denn es fällt doch auf, dass die wenigen international erfolgreichen Comics aus Deutschland, die zuerst hierzulande veröffentlicht wurden, wie beispielsweise die Werke von Mawil oder Ulli Lust, überwiegend von Einzelkämpfern erdacht, geschrieben und gezeichnet wurden. 

Dabei muss man doch nur einmal an das heimische Comicregal gehen und die gemeinhin als besten Comics angesehenen Werke in die Hand nehmen, um zu sehen: Das Gros der westlichen Meisterwerke wurde nicht von einem allein geschaffen. Asterix? Goscinny UND Uderzo. Blueberry? Charlier UND Giraud. The Killing Joke? Moore UND Bolland. Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Der Grund, warum diese Veröffentlichungen länderübergreifend erfolgreich sind, liegt meiner Meinung nach an zwei Faktoren, die bei der Entstehung der Werke eine Rolle spielen: Auf der einen Seite konzentriert sich jeder Beteiligte in erster Linie auf seine Aufgabe, entweder das Schreiben oder das Zeichnen. Es ist natürlich für so manchen Tausendsassa ein beschämendes Eingeständnis, das schwer fällt, aber die wenigsten können genauso gut schreiben wie zeichnen. Ein Grund sicherlich, warum sich deutsche Comiczeichner so gern an Literaturadaptionen abarbeiten: Das Gerüst der Geschichte steht und man kann relativ schmerzlos adaptieren.

Der zweite, viel gewichtigere Faktor ist aber in meinen Augen der kreative Prozess, etwas gemeinsam zu schaffen. Man mag über die Beteiligung von Stan Lee an den großen Marvel-Comics des Silver Age denken, was man will: Wenn ich lese, dass Lee und Kirby sich vor jeder Ausgabe Fantastic Four für eine halbe Stunde zusammengesetzt haben und Stan Lee in seinen Ausführungen teilweise auf den Tischen und Stühlen rumgehüpft ist, um seine Idee der Geschichte rüberzubringen, dann zeigt das doch vor allem den Ausbruch der kreativen Kraft in diesen Gesprächen. Und selten sind Geschichten, die aus dem Aneinanderreiben zweier Kreativer, zwischen denen die Chemie stimmt, schlechter als solche, die von einem allein entwickelt werden.

Harald Havas hat genau das ja auch bei der ICOM-Preisverleihung im Juni angemerkt: In Deutschland scheint es immer noch verpönt zu sein, irgendeinen Teil des kreativen Prozesses abzugeben beziehungsweise mit jemand anderem zu teilen. Dabei gehören doch jüngst genau die Comics aus unseren Landen zu den erfolgreichsten, die von Teams gestaltet werden: Das UPgrade, Gung Ho, DIE TOTEN, Steam Noir.

Ich würde mir, genau wie Herr Havas, wünschen, dass sich mehr Zeichner in Deutschland einem Autoren anvertrauten, um einfach mehr Kompetenz in einem Projekt zu vereinen. Hilfreich wäre dafür natürlich, wenn man deutsche Comic-Autoren nicht mit der Lupe suchen müsste…

 

Benjamin: Stimmt, die meisten erfolgreichen Comics von deutsche Künstlern entstehen im Solomodus ohne Aufgabenteilung. Das ist schon auffällig. Ich kann mir vorstellen, dass man hierzulande als Künstler einfach nicht die Strukturen vorfindet, um sich den Luxus eines Autoren zu gönnen. Zum einen gibt es für den Job des Comicautoren keine Tradition wie in anderen Ländern (und etablierte deutsche Romanautoren haben wahrscheinlich keinen Bock darauf, Comics zu texten, weil der Stellenwert des Comics verhältnismäßig immer noch gering ist) und zum anderen machen deutsche Künstler Comics fast ausschließlich als unattraktiven Nebenjob oder gleich komplett aus Idealismus. Und wenn man am Hungertuch nagt und ein aufwändiges Projekt über lange Zeit in der Freizeit quasi bearbeitet, dann ist man wahrscheinlich auch eher abgeneigt, die Autorentätigkeit abzugeben und „nur“ noch das Skript eines anderen zu bebildern. Will heißen: Mit vielen Entbehrungen, wenig Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit und mangelnden Optionen an professioneller Comicautorentätigkeit steigt das Engagement, zumindest die eigene Idee oder Vision nach eigener Vorstellung in Eigenregie umgesetzt zu sehen.

Dazu kommt: Adaptiert man als Zeichner bevorzugt literarische Vorlagen oder setzt auf Autobiografisches, so ist ein zusätzlicher Autor sowieso zu vernachlässigen oder sogar hinderlich.

 Dramaturgietipps für Mawil

Christian M.: In der Ausstellung zu Mawils Kinderland hing eine Postkarte von Reprodukt, die dramaturgische Wünsche und Empfehlungen enthielt. Das geht zumindest in rudimentärer Form in die Richtung, die Till sich vorstellt. Derzeit dürfte es aber sein, wie Benjamin sagt: Comiczeichner wird man in unseren Strukturen wohl nur, wenn man schon eine konkrete Vorstellung davon hat, was man zeichnen möchte. Flix fing mit seinem Held an, Mawil mit seinen Jugenderlebnissen usw. Die öffentliche Resonanz hat diesen Trend überproportional aufgeschaukelt.

Wenn ich mal eben die Graphic Novel-Definition des Goethe-Instituts zitieren darf:

Das Anliegen der Zeichner ist es, das Medium Comic auf eine neue Ebene zu heben. Deshalb entstehen die meisten Graphic Novels auch eher aus dem Bedürfnis heraus, Geschichten zu erzählen, als aus marktwirtschaftlichen Erwägungen – und gerade das macht den Reiz dieser Spielart des Mediums Comic aus. Wo beispielsweise beim Film viele Menschen am kreativen Prozess beteiligt sind und bei der belletristischen Literatur ein vergleichsweise großer Verlagsapparat den Entstehungsprozess eines Buches begleitet, ist an der Entwicklung und Gestaltung einer Graphic Novel nur der Autor oder ein Duo aus Autor und Zeichner beteiligt. Weil – zumindest zurzeit – bis auf wenige Ausnahmen kaum Geld mit der Veröffentlichung von Graphic Novels verdient werden kann, lassen sich die Autoren erst gar nicht auf Kompromisse ein und sind stattdessen um größtmögliche Authentizität bemüht.

Diese Erwartungshaltung hat die die Künstler in den letzten Jahren natürlich stark geprägt. Von wegen kompromisslos und antikommerziell – Das Gegenteil war der Fall. Man machte das, womit man bei uns die meiste Aufmerksamkeit erhält. Aus dieser Einbahnstraße muss man wieder herausfinden.

Nur: Wie können sich Autor und Zeichner finden und einander überzeugen, dass die Zusammenarbeit für beide vorteilhaft ist?

 

Andi: Und: Welche Verlage sind  angesichts der überschaubaren Auflagenzahlen der meisten deutschen Comics  bereit, die Honorare so aufzustocken, dass der Autor auch ansatzweise fair entlohnt wird – und nicht auf Kosten des Zeichners? Meist müssen sich die Zeichner nämlich die eh schon magere Bezahlung mit den Autoren und allen weiteren kreativ Beteiligten teilen. Das ist auch ein Grund, warum es so wenig deutsche Comicautoren (und auch Koloristen) gibt. Wenn man es nicht als Hobby betreiben will, lohnt es sich kaum. Mancher Zeichner müht sich wahrscheinlich auch lieber selbst mit der Geschichte ab, als auch noch einen Teil seiner schmalen Bezahlung abzugeben.

 

Kamingespräch: Wie geht’s dem deutschen Comic? (Teil 2)

Wie es um den deutschen Comic 2014 im internationalen Vergleich steht, diskutierten die Comicgate-Autoren Andi Völlinger, Cristian Straub, Carsten Moll, Christian Muschweck, Benjamin Vogt, Till Felix, Daniel Wüllner und Michel Decomain.

 

Fortsetzung von Teil 1. Am Ende des ersten Teils ging es um die Frage, warum sich in den vergangenen Jahrzehnten keine eigenständige deutsche Comicproduktion entwickelt hat. Warum, fragt Cristian Straub, hat sich aus den Erfolgen mit Zack und den Wäscherheftchen nicht eine heimische Fan-Szene bzw. deutsche Comicmacher-Generation herausgebildet, wie das in anderen Ländern passiert ist?

 

Michel: Den Entwicklungsrückstand in Deutschland kannst du nicht nur auf die Verlage schieben. Das führt viel zu kurz. Die ganze kulturelle, besonders hochkulturelle Situation ist in Deutschland sehr spezifisch gegen Comic gelaufen, nicht nur während des Zweiten Weltkrieges, sondern noch sehr lange Zeit danach. Die beiden wichtigsten intellektuellen Denker der Nachkriegszeit, Adorno und Horkheimer, haben sich mit ähnlicher Vehemenz (wenn auch aus anderen Gründen) gegen Comics gestemmt wie die Nazis vor ihnen. So kam es ja auch noch in den Fünfzigern zu Bücherverbrennungen, ironischerweise diesmal von den Linken initiiert, wobei es eben diesmal den kapitalistischen Schund namens Comics traf. Diese abwertende, verachtende Wirkung gegenüber “niederen“ Kulturformen wirkt ja bis heute nach. Selbst wenn man dann mal endlich über Comics schreibt, machen Feuilleton, Festivals und andere “Kulturvorsteher“ eine sehr explizite Unterscheidung zwischen “wertvollen“ Comics (=Graphic Novels) und dem Rest.

In Frankreich hingegen entdeckten intellektuelle Eliten schon ab Ende der 1950er Jahre Comics als produktive Kunstform. Als Nouvelle-Vague-Regisseure wie Truffaut oder Godard ihren internationalen Siegeszug antraten, bezogen sie sich sehr explizit auf Comic-Ästhetiken. Umberto Eco schrieb in Italien bahnbrechende wissenschaftliche Arbeiten über Comics. In den USA entdeckten Warhol und Lichtenstein die künstlerische Verwertbarkeit von Comic-Ästhetik (mit sicherlich zweifelhaften Methoden). In den Sechzigern wurde Underground-Comic dann dort zur politischen Kraft, die neben einem Robert Crumb eben auch einen Art Spiegelman hervorbrachte. In Deutschland nichts davon. Das Aufreibendste, was man Comics in dieser Zeit zumutet, ist Hansrudi Wäscher.

„Das ist ein klares Top-Down-Problem, wo es um kulturelle Anerkennungsprozesse geht.“

Als ab den späten Siebzigern dann die postmoderne Kulturströmung um die Welt geht und die Kluften zwischen Hoch- und Populärkultur einebnet, tut sich in Deutschland nichts, weil unsere Vorzeige-Intellektuellen ihre elitären und zutiefst konservativen Denkmuster zuvor nicht aufzugeben bereit waren. Daran hat sich bis heute erschreckend wenig verändert. Erschreckend, wie sehr der Kulturfaschismus damals in der Linken wütete und wie wenig davon bis heute auf- und abgearbeitet ist. Wie wichtig die Postmoderne für die weltweite Comicentwicklung war, wird übrigens klar, wenn man sich vor Augen führt, welche drei Länder für die postmoderne Theoriebildung am entscheidendsten waren: Frankreich, die USA, und Japan.

Also nein, das ist ein klares Top-Down-Problem, wo es um kulturelle Anerkennungsprozesse geht. Verleger und Comic-Schaffende hatten in Deutschland niemals eine Chance. Mittlerweile haben sie die zwar (ein wenig), aber dieselben Abwertungsprozesse werden jetzt von außen in die Comicindustrie hineinverlagert, mit ähnlich katastrophalen Ergebnissen. Dass wir in Deutschland mal über diesen Kulturwertigkeitsscheiß hinwegkommen, wird wohl keiner von uns noch erleben.

 

Benjamin: Tatsächlich herrscht auf dem deutschen Comicmarkt die Anschauung vor, ein Comicwerk müsse bestimmten hochtrabenden Kulturansprüchen genügen, um überhaupt einem breiteren Publikum als künstlerisch wertvoll verkauft werden zu dürfen. So kommt es auch, dass Verlage sehr gerne autobiografische (oder biografische) Comics publizieren, ebenso wie Romanadaptionen oder Comics mit zeitgeschichtlichen Themen (Nazi-Zeit, DDR etc.). Natürlich geschieht das, weil sie bemerken, dass solche Bücher sich auch an Zielgruppen vermarkten lassen, die nicht zu den „typischen“ Comiclesern gehören. Die Abspaltung der als Graphic Novels titulierten Comics vom Rest der „normalen“ Comics verstärkt dieses artifizielle Qualitätsgefälle in den Augen der Öffentlichkeit nur noch.

Ich denke, dass hierin der Grund liegt, dass Comiczeichner und -autoren gerne die oben genannten Themenpunkte bedienen, die von Verlagen dankend aufgegriffen werden. Hier würde es wirklich von Künstlerseite eine stärkere Haltung für den Genrecomic brauchen, so wie ihn Andi bereits eingangs umrissen hat. Solange aber Genrecomics vielerseits als Gegensatz zu „anspruchsvollen“ Comics wahrgenommen werden, wird die Vielfalt des deutschen Comics leiden.

Übrigens kann sich Flix von den Strömungen des deutschen Comicmarktes nicht ausnehmen, da er auch bevorzugt auf Autobiografisches (Held-Trilogie, Heldentage), Literaturadaptionen (Faust, Don Quijote) und Geschichtliches (Da war mal was…) setzt. Alles Themen, die seit Jahren für Comics eine mehr oder weniger sichere Bank darstellen, also thematisch wenig Haltung (im Sinne einer eigenen, inhaltlichen Linie) benötigen.

Aktuelle Genrecomics aus Deutschland

Gegenbeispiele, und damit die wohltuende Ausnahme, sind Verlage wie Cross Cult oder Splitter etwa, die mit Gung Ho, Steam Noir, Das UPgrade, Malcom Max oder auch den Büchern von Matthias Schultheiss eben jene international konkurrenzfähigen Genrecomics nicht nur veröffentlichen, sondern auch gezielt herausstellen. Solche Projekte würde ich gerne in Zukunft noch viel mehr sehen als weitere autobiografische Comics oder Literaturadaptionen (so gut diese auch zuweilen sein mögen).

 

Andi: Kleiner Einwurf: Dass die Comics von Schultheiss sowie Gung Ho aber zuerst auf Französisch verlegt werden und in Deutschland nur als Lizenz erscheinen, sagt schon wieder einiges über den deutschen Comicmarkt aus…

 

„Unser Mainstream ist also der Feuilleton-taugliche Literaturcomic? Damit kann ich leben.“

Christian M.: Unser Mainstream ist also der Feuilleton-taugliche Literaturcomic? Damit kann ich leben, im Grunde gefällt mir das besser als der Mainstreamcomic aus Amerika, denn der ist verseucht durch editoriale Spinnereien und unattraktive Arbeitsbedingungen. Natürlich ist es für manche ein Nerd-Traum, für Marvel oder DC zu arbeiten, aber die goldenen Zeiten sind in diesen Talentschmieden wohl vorbei. Ich habe das Gefühl, der interessantere Teil der amerikanischen Comicszene ist der deutschen Szene gar nicht so unähnlich. Ulli Lust und Simon Schwartz beispielsweise passen ideal in die Portfolios von Fantagraphics oder Drawn & Quarterly, und was von diesen Verlagen ins Deutsche übertragen wird, fügt sich nahtlos in die GN-Programme von Verlagen wie Reprodukt oder Avant ein. Was Amerika natürlich auch hat, ist Image-Comics und Dark Horse, also die Verlage, wo die wirklichen Genreperlen erscheinen. Nur hier sind uns die Amerikaner voraus.

In Amerika und England scheint mir der Comic im übrigen ähnlich wenig kulturell anerkannt wie bei uns. Comicfans werden in diesen Ländern wohl doch eher als schrullige Nerds gesehen, siehe auch deren Darstellung in den Simpsons oder der Big Bang Theory. In Amerika gibt es ebenso wie bei uns die Unterteilung in E-Kultur (Zeitungscomics, Graphic Novels) und U-Kultur (Marvel, DC). Anders als bei uns lässt die amerikanische U-Kultur in den USA allerdings die Kassen klingeln. Da brauchen die gar keinen Adorno für – und wir sicher auch nicht.

„Italien hat sein Studio Bonelli, England hat 2000 AD, nur Deutschland hat halt nix.“

Natürlich: Italien hat sein Studio Bonelli, England hat 2000 AD, nur Deutschland hat halt nix. Die goldenen Zeiten für solche Studios haben wir verpasst. Aber der moderne Comic scheint mir trotzdem – selbst in Frankreich – eher independent zu sein, und da ist die deutsche Szene, auch weil sie kommerziell denkt, auf einem interessanten Weg. Ich sehe jedenfalls lieber einen Herr Lehmann-Comic als ein Superman-Justice-League-Constantine-Crossover oder den zehnten Serienstart von Red Sonja. Und was den Wunsch nach mehr Genre angeht, so finde ich, dass wir uns auch ein bisschen an die eigene Nase fassen müssen, denn Deutschland hat schon immer seinen Schund- und Genre-Meister, aber er und seine Fans werden seit ungefähr 50 Jahren belächelt, auch von vielen GN-Verächtern, die sich Schund und Genre gegenüber doch so aufgeschlossen geben.

 

Andi: Es gab ja durchaus deutsche Mainstream- und Genrecomics jenseits von Hansrudi Wäscher. Rolf Kauka hat doch von den 1950ern bis in die 1970er mit einem Studio-System massenweise Comics herausgebracht und dafür deutsche Zeichner wie Walter Neugebauer, Franz Roscher und Helmut Murek rekrutiert. Und seine Comics haben sich über Jahrzehnte bestens verkauft.

Aber – und hier kommt Michels Kulturkampf-These in Spiel – der Bedarf an Comicmaterial konnte nicht allein mit deutschen Zeichnern gedeckt werden, weil sich einfach nicht genug fanden, die überhaupt einen Schund wie Comics zeichnen wollten. Es gibt ein interessantes Interview mit Peter Wiechmann, der in den 1960ern und -70ern als Redakteur und Autor viele Comicserien für den Kauka Verlag und später das Yps-Magazin entwickelte (Capitan Terror, Andrax, Hombre etc.). Darin erzählt er, wie sehr es die meisten deutschen Illustratoren zu dieser Zeit als unter ihrer Würde empfanden, Comics zu zeichnen. So musste er angesichts großer Nachfrage von neuem Material viele Serien in Italien, Frankreich, Belgien und Spanien einkaufen – und seine eigenen Comics mit spanischen Zeichnern umsetzen. Sein Studio Comicon siedelte er dann schließlich auch konsequenterweise von München nach Barcelona um.

Weniger aktuelle Genrecomics aus Deutschland

Und für Basteis über 30 Jahre laufende Gespenster-Geschichten sind neben eingekauften Comics aus dem Ausland ebenfalls einige deutsche Eigenproduktionen, u.a. geschrieben von Hajo F. Breuer und Peter Mennigen, entstanden. Aber auch hier musste mangels verfügbarer Zeichner – der ebenfalls mitmischende Hansrudi Wäscher konnte ja nicht alles machen – meist auf ausländische Künstler zurückgegriffen werden. Ähnliches galt für die Perry-Rhodan-Comics von Moewig, die in Deutschland getextet, aber in Italien gezeichnet wurden. Wenn es also von Verlagsseite aus die Chance gab, an deutschen Comics zu arbeiten, fehlten oft einfach die Künstler dafür. Wer wollte schon Schund für Kinder und Jugendliche produzieren?

Der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt lassen sollte man jedoch das immer noch recht erfolgreich laufende Mosaik (gegenwärtige Auflage: knapp 100.000!). Das monatliche Heft – sowie der Mädels-Spin-Off Die unglaublichen Abenteuer von Anna, Bella & Caramella – entsteht bis heute in einem Comicstudio in Berlin, wo sich nach der Wende unter anderem Zeichner wie Sascha Wüstefeld, Ulf Graupner und Thorsten Kiecker ihre ersten Comicsporen verdient haben.

 

Im dritten Teil des Gesprächs reden wir über die Rolle der Kritik und überlegen, was dem deutschen Mainstream-Comic am meisten fehlt.

Kamingespräch: Wie geht’s dem deutschen Comic? (Teil 1)

Lizenzen für deutsche Comics werden mittlerweile in alle Welt verkauft, deutschsprachige Künstler wie Ulli Lust und Reinhard Kleist stauben Nominierungen für angesehene Comicpreise (und teils gar die Preise selbst)  in Frankreich und den USA ab – ist der deutsche Comic mittlerweile international konkurrenzfähig? Nicht ganz, meint wohl Flix, der kürzlich in einem Interview für das Magazin Wired das Statement abgab, dass deutsche Comickünstler mehr Haltung entwickeln müssten und sich allzu sehr im Autobiografischen ergehen. Hat er da Recht?

Wie es um den deutschen Comic 2014 im internationalen Vergleich steht, diskutierten die Comicgate-Autoren Andi Völlinger, Cristian Straub, Carsten Moll, Christian Muschweck, Benjamin Vogt, Till Felix, Daniel Wüllner und Michel Decomain.

 

Andi: Natürlich gibt es mittlerweile eine ganze Reihe deutscher Comics und Künstler, die zu Recht und erfreulicherweise Erfolge im Ausland feiern. Aber ein Zeichen, dass der deutsche Comic insgesamt dennoch nicht ganz so konkurrenzfähig bzw. entwickelt ist, wie es mancher Verleger oder Publizist gerne hätte, ist für mich ganz einfach die fehlende Genrevielfalt.

Wenn ich überdenke, was für Comics von deutschsprachigen Künstlern in den letzten Jahren bei den großen und mittelgroßen Verlagen rausgekommen sind, scheinen gefühlt 70 bis 80 Prozent davon entweder autobiografische Erzählungen, Biografien mehr oder weniger bekannter Menschen oder aber Romanadaptionen zu sein. (Mir graut jetzt schon davor, dass ich nach dieser kühnen Bauch-Aussage aufgefordert werden könnte, das mit harten Fakten zu belegen. Hat irgendwer da draußen eine brauchbare Statistik dazu?) In den übrigen Comics, die nicht in diese Kategorien fallen, wird dann zumeist ein jüngeres historisches Ereignis aufgearbeitet, vorzugsweise der Nationalsozialismus oder – noch lieber – die DDR.

Deutsche Comics zum Themenkomplex Mauerfall

Auch wenn viele Comics, die in obige Kategorien fallen, gut oder sogar großartig sind – und ich hier als Mittäter natürlich munter mit Steinen im Glashaus um mich werfe – fehlen mir als Genrefan deutsche Fantasy-, SciFi-, Krimi-, Abenteuer-, Funny-, Horror- und Actioncomics (deutsche Kriegscomics vielleicht nicht so sehr …). Die Vielfalt, die in den USA, Frankreich, Belgien, Japan und Italien (und bestimmt auch anderen, mir weniger bekannten nationalen Comicmärkten) vorhanden ist, geht mir hierzulande noch immer arg ab.

Deutschsprachige Genrecomics bei den Mainstreamverlagen kann man an zwei Händen abzählen: Annas Paradies, RIA und Malcolm Max bei Splitter, Steam Noir und bald auch Das UPgrade bei Cross Cult, Wormworld Saga bei Tokyopop, Alisik bei Carlsen, und Panini hat jetzt DIE TOTEN ins Programm übernommen…

Dann wären da noch Frostfeuer, Das Wolkenvolk, Die Zwerge und Die Chronik der Unsterblichen, die allesamt aber wieder Adaptionen erfolgreicher Romane sind. Und Gung Ho kann man auch nicht wirklich zählen, da der Comic bei einem französischsprachigen Verlag erscheint und in Deutschland nur zweitverwertet wird.

Habe ich was vergessen? Das ist jedenfalls ziemlich mickrig angesichts des Gesamtaustoßes an deutschen Comics…

 

Christian M.: Das Autobiografische an deutschen Comics ist wohl der Tatsache geschuldet, dass deutsche Comics fast ausschließlich aus dem Independent-Sektor kommen. Das ist im amerikanischen und übrigen europäischen Indie-Sektor aber nicht viel anders, siehe die Arbeiten von Robert Crumb, Chester Brown, Alison Bechdel und vielen mehr. Gerade unsere Independent-Comics sind definitiv auf einer Höhe mit dem internationalen Standard und werden ja im Ausland auch aufmerksam wahrgenommen. Auch Flix hat ja in diesem Genre angefangen. Problematisch sehe ich allerdings, dass außerhalb des autobiografischen Materials zu sehr auf Quote geschielt wird. Da gleicht vieles dem Event-Movie im Fernsehen zum aktuellen historischen Thema. Wenigstens ist das künstlerische Niveau gerade bei den jüngsten Beiträgen zum Genre „Historisches und Historisierendes“ oft erfreulich hoch. Man muss sich nur mal die höchst unterschiedlichen Bücher Irmina und Kinderland ansehen. Da hat schon noch eine Qualitätssteigerung stattgefunden.

 

„Die mangelnde Genrevielfalt ist kein comicspezifisches Problem“

Cristian S.: Als jemand mit Filmbackground fallen mir gefühlte Milliarden Diskussionen ein, die ich mit Filmkollegen über die vergleichsweise Schlechtigkeit des deutschen Fernsehens und über die weitgehende Bedeutungslosigkeit des deutschen (Kunst-)Kinos geführt habe. Es handelt sich also um eine sehr vertraute, vielleicht auch typisch deutsche Infragestellung – was allerdings nicht heißen soll, dass sie nicht ihre Berechtigung hat.

Ich finde, dass man die Frage nach dem deutschen Comic nur im Zusammenhang mit anderen visuellen Medien bzw Kunstformen wirklich befriedigend beantworten kann. Und da kommen wir schon recht schnell zu einem der Kernpunkte, die einer meiner Vorredner bereits ansgesprochen hat, und zwar: die mangelnde Genrevielfalt. Sie ist nämlich kein comicspezifisches Problem, sondern trifft genau so sehr auf das Fernsehen (Ü60-Krimis, seichte Romanzen, Zeitgeschichte) und noch krasser das Kino (Sozialdrama, Nazi-RAF-DDR-Zeitgeschichte, sowie Crossover von beiden) zu.

Man hat hier, trotz allerlei historischen Wettbewerbsvorteilen wie den Grimm’schen Märchensagen, Fritz Langs Metropolis und F.W. Murnaus Nosferatu seit dem 2. Weltkrieg praktisch keine Erzählformen im Bereich Science Fiction, Fantasy und Horror mehr zu bieten. Ob das soziokulturell mit der Aufarbeitung des Dritten Reiches (weg vom Mythos und Pathos, hin zu Neorealismus und Solidität) zu erklären ist oder damit zu tun hat, dass man in Deutschland sogar für eine alteuropäische Kulturnation unglaublich hochnäsig auf Unterhaltungskultur herabblickt? Die Fähigkeit, komplex und zugleich packend und unterhaltend zu erzählen, ist in Deutschland jedenfalls nicht sehr stark ausgeprägt.

Comics von Walter Moers und Ralf König

Der nächste Punkt ist auch einer, der vielleicht in den zeitgebundenen, visuellen Medien noch stärker ins Auge fällt: das Gefälle, was die Meisterschaft im visuellen Ausdruck angeht. Aber wenn man da genauer hinschaut, ist es durchaus auch etwas, was auf den deutschen Comic zutrifft. Wenn wir nur mal in Europa bleiben (wo ich mich leider nur oberflächlich auskenne), und Großbritannien wegen seinem regen Austausch mit dem amerikanischen Markt auch außen vor lassen; man kommt eben nicht umhin die erfolgreichen Comickulturen auch an ihren visuellen Meistern aufzuhängen: seien es ein Giraud oder ein Bilal für Frankreich oder ein Schuiten und ein Hergé für Belgien etc. Ich wüsste nicht, wer für Deutschland stehen sollte. Walter Moers? Ralf König? Von einer deutschen „Zeichenschule“ ganz zu schweigen. Man muss sich nur mal die Mühe machen, in der englischen Wikipedia nach „German Comic Artists“ zu suchen und die Anzahl der Einträge mit denen aus Frankreich, Belgien, Italien, Spanien … zu vergleichen. Aber auch kleine Länder wie Kroatien oder Serbien haben mehr international agierende Zeichner hervorgebracht als der gesamte deutschsprachige Raum. Das ist doch ziemlich irritierend.

So lange man nicht auf kommerziellem Niveau wettbewerbsfähig ist, was Storytelling und Zeichnen angeht, so lange wird man sich auf individuelle Ausreißer wie die von Lust und Bellsdorf verlassen müssen. Ich hoffe auch, dass sich in den Kunsthochschule dahingehend etwas ändert und Comics nicht mehr nur als Grafikexperimente wahrgenommen werden, sondern auch mehr Storytelling gelehrt wird. Aus einem Interview mit Ulli Lust auf The Comics Journal: „I came to Berlin to study art, illustration actually, because in Austria, they didn’t allow me to study. They said my drawings are so ’narrative‘ and they have a strict non-narrative policy at the Art Academy. If you do storytelling with pictures, they don’t take you. They won’t even admit you in the school, that’s their official policy.“

 

Christian M.: Na immerhin haben sich deutsche Universitäten bereits geöffnet. Aber die österreichische Haltung, die ja früher auch die deutsche war,macht einen schon sprachlos. Der Grund, weshalb es bei uns keine visuellen Meister wie Giraud oder Hergé gibt, dürfte aber auch sein, dass in Deutschland schon immer auf Lizenzen gesetzt wurde. In den Fünfzigern konnte Walter Lehning seinen Hansrudi Wäscher noch bis zum Umfallen auspressen, aber schon damals zeichnete sich ab, dass die Zukunft der Comics in Deutschland eher französische Lizenzen wie Michael Voss, Der Heitere Fridolin, Siggi und Barrabas oder Rolf und Miki waren, frankobelgisches Material, das schon damals nahezu unbegrenzt zur Verfügung stand.

„Kamen denn die frankobelgischen Meister der Goldenen Jahre von Hochschulen?“

Deutschen Romanschund und Lehning-Heftchen gab es in Deutschland doch früher in Hülle und Fülle, später erreichte Zack ein riesiges Publikum. Von daher greift die Parallele zum Film meiner Meinung nach nicht wirklich. Der Ursprung der Comic-Misere dürfte zunächst in der Bequemlichkeit der deutschen Verlage zu suchen sein. Kamen denn die frankobelgischen Meister der Goldenen Jahre von Hochschulen?

Ich denke der Grund, als angehender Comickünstler heutzutage an der Hochschule lernen zu wollen, dürfte sein, dass man dort gut geparkt ist, bis man seinen Stil perfektioniert hat. In Frankreich und Amerika gab’s da früher Studios, aber das dürfte inzwischen schon fast eine anachronistische Einrichtung sein.

 

Cristian S.: Sorry, aber da muss ich wieder mit dem Film-Serien-Vergleich kommen. Genau das Lizenzargument wird auch für den Mangel an deutschen Qualitätsserien hergenommen, zuvorderst von den Programmchefs selber: Warum ungleich viel mehr investieren müssen und dennoch bei weitem nicht das Niveau amerikanischer Serien erreichen? Das ist dort noch einigermaßen nachvollziehbar, nicht so sehr aber im Comicbereich, wo die Differenz zwischen Eigenherstellung und Lizenz ganz wesentlich geringer ist. Ich denke, wenn da „von unten“ was gekommen wäre, hätten sich bei bestimmten Verlagen auf die ein oder andere Weise publizistische Ventile gebildet. Da finde ich die Frage spannender, warum sich aus den Erfolgen mit Zack und den Wäscherheftchen nicht eine heimische Fan-Szene bzw. deutsche Comicmacher-Generation herausgebildet hat, wie das in anderen Ländern passiert ist? Gerade in der angesprochenen Generation Bilal-Tardi-etc klafft in Deutschland eine große Lücke.

 

Im zweiten Teil des Gesprächs geht es unter anderem um die kulturelle Anerkennung von Comics in Deutschland.  

Krän 6 – Die Prinzessin aus Lekmish

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Cover Krän 6Die Albenreihe Krän wurde zuletzt zwischen 2000 und 2003 vom Verlag Schreiber & Leser in fünf Ausgaben veröffentlicht. Nach längerer Abstinenz des titelgebenden Barbaren darf dieser fortan seine Axt bei Finix Comics schwingen.

Dort wird der in Frankreich vorgelegte Band 6 übersprungen (d.h. die deutsche Nummerierung der Serie weicht von der Original-Nummerierung ab), da es sich dabei nicht um einen reinen Comic, sondern um eine Enzyklopädie handelt. Auf diese, für Fans unverzichtbaren, Inhalte muss man jedoch auch hierzulande nicht verzichten: Finix druckt in dem vorgelegten, sechsten Album das erste, aus 16 Seiten bestehende Drittel als sattes Bonusmaterial ab. In den zwei noch folgenden Alben finden dann entsprechend die weiteren Teile der Enzyklopädie ihren Platz.

Seite aus Krän 6Krän ist klassischer Fantasy-Funny, der allerdings gerne mit überbordender Gewalt und Sex kokettiert. Die Serie folgt dem Barbaren Krän und seinem Kompagnon, dem Zwerg Kunu, die im Königreich Rabaukistan das Abenteuer suchen.
Im aktuellen Band eskortieren sie eine Prinzessin auf dem Weg zu deren Vermählung. Absurde Begebenheiten bleiben dabei nicht aus. Das sechste Album ist in sich abgeschlossen und kann auch von Neueinsteigern problemlos gelesen werden. Um sich in der grobschlächtigen Barbarenwelt von Krän mit ihren markigen Sprüchen und dem deftigen Humor zurechtzufinden, benötigt man kein Vorwissen.

Autor und Zeichner Éric Hérenguel (Die Reise ans Ende der Welt, Silbermond über Providence) hat hier, in Zusammenarbeit mit Hervé Richez und El Rico, einen wirklich lesenswerten Comic erschaffen. Umso erfreulicher, dass die Serie auch in Deutschland endlich ihre verdiente Fortführung findet.

Der erste Teil der angehängten Enzyklopädie ist im Übrigen sehr liebevoll aufgemacht und enthält neben Figurenbeschreibungen und einer Landkarte auch noch weitere Comickurzgeschichten.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Schicker Funny-Titel rund um einen schrägen Barbaren mit Ecken und Kanten

 

Krän 6 – Die Prinzessin aus Lekmish
Finix Comics, August 2014
Text: Éric Hérenguel, Hervé Richez, El Rico
Zeichnungen: Éric Hérenguel
Übersetzung: Tobias Haßdenteufel
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-945270-01-1
Leseprobe

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Abbildungen ©  der dt. Ausgabe: Finix Comics

 

Stille Nacht

Cover Stille NachtMan gerät leicht in Versuchung, die Comics von Frank Flöthmann als „stumme Comics“ zu bezeichnen. Das sind sie aber nicht, ganz im Gegenteil. Auch bei Flöthmann gibt es Geräusche aller Art, nur werden sie hier nicht wie üblich als Text, sondern in Form von Piktogrammen dargestellt.

Nachdem er im Jahr 2013 bereits eine Auswahl von Grimms Märchen ohne Worte umgesetzt hat und regelmäßig kleine, ebenfalls wortlose Comic-Episoden zunächst in Men’s Health und jetzt in Das Magazin veröffentlicht, ist nun mit Stille Nacht die bisher umfangreichste Arbeit in diesem Stil erschienen. Darin adaptiert Flöthmann die vielleicht berühmteste aller Geschichten, nämlich die biblische Weihnachtsgeschichte.

Inhaltlich bleibt der Künstler im Grunde sehr nah an der Vorlage und kombiniert Elemente aus dem Lukas- und dem Matthäus-Evangelium. Allerdings reichert er die Erzählung von Maria und Josef, der Geburt ihres Kindes, den Hirten und den drei Weisen aus dem Morgenland mit zahlreichen kleinen Gags an, etwa wenn sich die Hirten bei einer Partie „Schere, Stein, Papier“ darum streiten, wer als nächstes mit der Nachtwache dran ist oder wenn beiläufig erklärt wird, wie es dazu kommen konnte, dass man bei den morgenländischen Sterndeutern von den Drei Königen spricht.

Seite aus Stille NachtFlöthmann erzählt mit einer liebevollen und sehr charmanten Ironie, abseits der ausgetretenen Pfade der Bibelparodie, die ja auch nicht mehr das frischeste aller Genres ist. Es gibt weder platte Schenkelklopfer noch vermeintlich mutige Provokation. Stille Nacht ist ein betont unblasphemischer Comic, den auch gläubige Christen, so sie ein wenig Humorbegabung besitzen, ansprechen dürfte. Genausowenig ist es aber fromme Erbauungsliteratur, sondern vielmehr ein gut gelauntes Spiel mit Farben und Formen, das seinen Reiz, ganz ähnlich wie schon Grimms Märchen ohne Worte, daraus zieht, dass der Kern der Handlung dem Leser bereits mehr oder weniger bekannt ist.

In erster Linie begeistert Stille Nacht aber durch seinen visuellen Stil. Dass Flöthmann vom Grafikdesign kommt, ist nicht zu übersehen. Nicht nur der Inhalt der Sprechblasen ist piktografisch, auch die Bilder selbst sind es. Sämtliche Formen sind extrem klar und reduziert auf grundlegende geometrische Formen, es gibt neben Schwarz und Weiß nur Rot und Blau als weitere Farben. Ein Otl Aicher hätte bestimmt große Freude an so einem Comic.

Der auffälligste Unterschied zu Flöthmanns Märchenbuch ist das Format: Grimms Märchen kamen im Albenformat daher, mit einer Vielzahl von Panels pro Seite, mal winzig, mal riesig und mit großer Verspieltheit angeordnet. Die Seiten von Stille Nacht sind dagegen nur halb so groß, dafür gibt es nun fast immer nur noch ein Panel pro Seite. Einerseits ist das schade, weil die Monotonie dieses Seitenlayouts ein wenig von der Lesefreude nimmt. Andererseits ist diese formale Änderung ein Schritt zu noch größerer Klarheit und Reduktion und damit nur konsequent.

Wer noch ein Weihnachtsgeschenk auf den letzten Drücker braucht, dem sei Stille Nacht ans Herz gelegt. Die 168 Seiten sind zwar sehr schnell gelesen, doch lädt das Buch zum Immer-wieder-Durchblättern ein. Wer mag, kann hier ausgiebig studieren, wie Bilder, Zeichen und Formen als Sprache funktionieren – ein Zusammenspiel, das letztlich die Essenz der Kunstform Comic darstellt.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Humorvolle Weihnachtslektüre in grafisch aufregender Verpackung.

 

Stille Nacht – Die Weihnachtsgeschichte ohne Worte 
Dumont Buchverlag, Oktober 2014
Zeichnungen: Frank Flöthmann
168 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,99 Euro
ISBN: 978-3832197674

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Abbildungen © Frank Flöthmann/Dumont Buchverlag 

 

Herr Lehmann

Cover Herr LehmannDas Leben des Herrn Lehmann ist die ideale Reaktion auf alle Probleme der modernen Welt. Ohne Ambitionen hat er im Westberlin der 1980er Jahre als allzeit bereiter Schankkellner eine persönliche Nische für sich entdeckt, die ihm ein unkompliziertes Überleben auf der Welt ermöglicht. Allerdings beginnt sein behaglicher Mikrokosmos ebenso wie die Berliner Mauer im Jahr 1989 zu bröckeln. Das Ende einer Welt kündigt sich an.

Jetzt liegt Sven Regeners Kultbuch von 2001 also auch als Comic vor. Schade, möchte man meinen, dass bei Eichborn mal wieder auf eine etablierte Marke gesetzt wird, statt etwas Neues aufzubauen. Andererseits ist es nachvollziehbar, dass man vom Wiedererkennungswert einer etablierten Figur profitieren möchte; und es ist immer interessant, zu beobachten, ob und wie die Übertragung in ein anderes Medium gelingt.

Seite aus Herr LehmannSven Regeners Roman zu adaptieren ist durchaus ein gewagtes Unternehmen, denn Regener, bzw. sein Alter Ego Herr Lehmann, haben eine starke Tendenz zum Laberflash (O-Ton Regener), einem unkontrollierten, schwer zu stoppendem Fluss von Information, der sich in der Regel selbst genügt und eher dem Spaß am Reden verpflichtet ist als der Vermittlung von Information. In der Tat hat die Comicadaption am Anfang etwas Probleme, auf Touren zu kommen, denn die Dialoge, die in Regeners Roman leichtfüßig fließen, wirken in den ersten Szenen noch etwas unbeholfen montiert. Aber das gibt sich schnell, je tiefer man sich in den Comic hineinliest.

Sven Regeners Wortwitz und Situationskomik bleiben weitgehend erhalten und Tim Dinter beweist einiges Talent für Kneipenszenen, ohne dem Leser nur talking Heads vorzusetzen. Positiv anzumerken ist außerdem, dass er viel Hirnschmalz für abwechslungsreiche Hintergründe und Perspektivwechsel verwendet hat, ohne den Lesefluss durch unnötige Details zu verstellen. Einmal in Fluss gekommen, läuft die Erzählmaschine ebenso rund wie Regeners unwiderstehliche Prosa. Die Typen sehen angemessen übernächtigt und ungesund aus, wie man es von Regeners Kneipentieren erwartet und die Unbekümmertheit, die Herrn Lehmann auszeichnet, ist adäquat übertragen. Schön ist auch Dinters Stilmittel, bei durchzechten Nächten auf klare Konturen zu verzichten und stattdessen mit verwaschener Lavierungsoptik zu arbeiten, was der Auflösung von Raum und Zeit, wie sie unter Alkoholeinfluss mitunter eintritt, optisch erstaunlich gut entspricht.

Seite aus Herr LehmannAls etwas störend empfinde ich lediglich die Art und Weise, wie der Text in die Bilder integriert wird. Das dünne Maschinenlettering mit großen weißen Zwischenflächen und die am Computer gesetzten Sprechblasen mögen sich nicht so recht ins analoge Ambiente der Berliner Kneipenszene fügen. Leider wird hier einmal mehr das Potenzial eines gescheiten Letterings verschenkt und der Text auf seinen reinen Informationsgehalt reduziert. Gerade bei den langen, ausufernden Dialogen, die Regeners Schreibstil charakterisieren, entstehen da bisweilen unästhetische Textwüsten, die in der gewählten Darstellungsweise unpassend steril wirken und die Adaption in diesen Szenen auf halbem Wege verhungern lassen. Überzeugend hingegen ist die Adaption immer dann, wenn Tim Dinter die visuelle Regie übernimmt und sich vom Textballast befreit. Gerade den Umgang mit Hell und Dunkel beherrscht Dinter perfekt, so dass die Unzulänglichkeiten an anderer Stelle schnell vergessen sind. Seine Stadtansichten begeistern ebenso wie die phantasievollen Interieurs.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein Comic wie eine Postkarte aus der Vergangenheit: Gelungene Romanadaption für alle, die von Regeners Welten nicht genug bekommen können.

 

Herr Lehmann 
Eichborn Verlag, 2014
Text und Zeichnungen: Tim Dinter, nach dem Roman von Sven Regener
240 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3847905813
Leseprobe

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Abbildungen: © Tim Dinter/Eichborn