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Links der Woche 12/13: I am a wolf among men

Unsere Links der Woche, Ausgabe 12/2013:

 

Wolverine auf Brandenburgisch
tagesspiegel.de, Anja Mia Neumann
Die Cottbuser Regionalzeitung Lausitzer Rundschau druckt zur Zeit den Fortsetzungscomic Wölfe der Lausitz, gezeichnet von den philippinischen Zeichnern Eugene Perez und Johan Go (der Autor scheint anonym bleiben zu wollen). Der Comic soll im Sommer zunächst als E-Book und später auch gedruckt erscheinen, bis dahin erhofft sich die Zeitung ein paar neue Leser (auf woelfe-der-lausitz.de wird das Zeitungsabo entsprechend beworben). Die bisherigen Leser scheinen davon jedoch nicht so begeistert zu sein, wie die teils schwer empörten Kommentare auf der Zeitungs-Website zeigen.

The Private Eye, Issue One
Panel Syndicate, Brian K. Vaughan und Marcos Martin
Eine neue Comicserie, digital veröffentlicht zum bezahlten Download als PDF. Das ist mittlerweile nichts besonderes mehr, verdient in diesem Fall aber aus mehreren Gründen eine Erwähnung. Erstens: Autor und Zeichner sind namhafte und renommierte Comicmacher, die beide schon zahlreiche erfolgreiche Projekte bei diversen großen US-Verlagen gemacht haben, verfügen also bereits über eine genügend große Anhängerschaft mit. Zweitens: Vaughan und Martin arbeiten mit dem „Pay what you want“-Prinzip, bei dem jeder Käufer selbst bestimmt, wieviel ihm der Comic wert ist. Drittens, und das ist womöglich der wichtigste Punkt: Sie verzichten auf jede Form von technischer Beschränkung (kein DRM), das heißt, das heruntergeladene PDF gehört dem Käufer tatsächlich und ist nicht, wie sonst im E-Book-Sektor üblich, nur eine temporäre Kopie, für die man eine Leselizenz erworben hat. Sollte dieses Beispiel Schule machen, könnte das erhebliche Auswirkungen auf den Markt der digitalen Comics haben.

The Awakening Of Bartkira
James Harvey
Der Zeichner Ryan Humphrey postete kürzlich ein paar nachgezeichnete Panels aus Katsuhiro Otomos Akira, in denen er alle Personen durch Simpsons-Figuren ersetzte. Sein Kollege James Harvey war begeistert und rief daraufhin das „Bartkira Project“ ins Leben: Jeder, der Lust hat, kann teilnehmen und fünf Akira-Seiten mit Simpsons-Figuren neu zeichnen. „Milhouse is Kaneda. Lisa is Kei. Bart is Tetsuo. Let’s do it.“ Sollten 468 Zeichner mitmachen, könnte die komplette Akira-Saga simpsonifiziert werden.

Worst Of The Worst: The ‚Injustice: Gods Among Us‘ Prequel Is The Dumbest Comic You’ll Read All Year
Comics Alliance, Chris Sims
Ein weiteres niederschmetterndes Beispiel dafür, warum DC es einfach nicht hinbekommt, seine Superheldencomics so zu gestalten, dass auch Frauen sie gerne lesen. Für das Prequel-Comic zum VIdeospiel Injustice wird Supermans Frau Lois Lane mal wieder getötet und Wonder Woman von der souveränen Heldin zur simplen Befehlsempfängerin gemacht. Und auch sonst dürfte dieser Comic, wenn man den Worten von Chris Sims glaubt, ein riesengroßer Haufen Exkremente sein. Siehe dazu auch Injustice: DC und die “Super”-Frauen im Blog „Ein Comic Leben“.

Das ist doch auch Werbung für dich
YouTube, koalakombat
Und hier der endgültige Kommentar von Ralph Ruthe zum Thema „Können Sie bitte unentgeltlich etwas für uns zeichnen?“

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Danger Girl: Revolver

Cover Danger Girl: Revolverdani books heißt ein noch ganz junger deutscher Verlag, der sich in seinem Programm nicht auf eine einzige Sparte festlegen lässt. Das von Jano Rohleder initiierte Projekt ist genau genommen erheblich vielseitiger als die der meisten Konkurrenten. Ob sich diese programmatische Offenheit langfristig positiv oder negativ auf die Wahrnehmung von dani books auf dem deutschen Comicmarkt auswirken wird, muss man abwarten.

An reichlich Engagement und Aufmerksamkeit mangelt es Rohleder schon zu Beginn nicht. Unter der Vielzahl an Titeln, die im Laufe des Jahres erscheinen sollen, befinden sich u.a. die Frühwerke Don Rosas, eine Gesamtausgabe von Monster Allergy oder die italienische Produktion Astrum Noctis unter Beteiligung von Sarah Burrini. Aber auch im Gebiet des US-Mainstreams wildert dani books und so sicherte sich Rohleder vom US-Verlag IDW die Lizenz der auch hierzulande bekannten Serie Danger Girl.

Ende der 90er Jahre, damals noch unter dem Wildstorm-Imprint Cliffhanger, startete die erste Miniserie, erdacht von Andy Hartnell, gezeichnet von Superstar J. Scott Campbell. Diese Reihe erschien bei uns im Dino Verlag, weitere Einzelbände sowie ein Crossover mit Batman folgten bei Dino bzw. Panini. dani books steigt mit der aktuellen IDW-Miniserie Revolver ein, deren vier Einzelhefte hier gebündelt als Paperback vorliegen. Andy Hartnell ist als Autor wieder mit an Bord, während Campbell nunmehr lediglich die Cover beisteuert. Mit den Zeichnungen betraute man Chris Madden.

danger2Danger Girl, das ist eine unabhängige Agententruppe, die nur aus Frauen besteht. Zu ihr gehören die schießfreudige Abbey Chase, die peitschenschwingende Sydney Savage sowie die Computerexpertin Silicon Valerie. Ihre neueste Mission führt sie nach Peru, wo sie sich auf die Jagd nach einem wertvollen Relikt machen. Ebenfalls mittendrin sind der zwielichtige Johnny Barracuda und Sydneys Exfreund Nathan Wilde.

Die inhaltliche Ausrichtung von Revolver liefert damit genau das, was man von einem Danger Girl-Comic erwartet: Ein bisschen Indiana Jones gepaart mit dem weiblichen Touch eines Tomb Raider, viel Ballerei, rasante Action, das alles eingebettet in saubere Agentenarbeit. Viel wichtiger (und das war schon von jeher Teil von Danger Girl) ist jedoch die humoristische Note. Der Band bietet lockere Unterhaltung mit coolen Sprüchen, überzeichneten Schurken und großen Oberweiten. Hier werden Klischees bedient und Genres unverkrampft persifliert.

Chris Maddens Bilder erreichen aus meiner Sicht bei weitem nicht das Niveau von J.Scott Campbell, umso wichtiger ist es, dass er nicht versucht, diesen nachzuahmen, sondern seinen eigenen Stil hervorhebt. Das gelingt, indem Madden sehr kantig und cartoonhaft zeichnet und sich damit so weit vom Realismus entfernt, dass der Comic fast schon wie ein Zeichentrickfilm wirkt. Das muss man nicht unbedingt mögen, passt aber nicht schlecht zu den vielen Explosionen und Schussgefechten.

Danger Girl: Revolver weist leider nur eine sehr dünne Handlung auf, da wäre sicher mehr Luft nach oben gewesen. Gut unterhalten fühlt man sich trotzdem. Eine kurze Einleitung und eine Covergalerie runden den Band ab. Insofern ist das Comeback der Ladies durchaus geglückt. Inzwischen ist bei dani books weiteres Material fest eingeplant, darunter die brandneue Serie Danger Girl: Trinity oder auch die Crossover mit Army of Darkness und G.I. Joe.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Durchaus lesenswerte Actionkost, für Fans von Danger Girl ohnehin ein Pflichtkauf

 

Danger Girl: Revolver
dani books, Februar 2013
Text: Andy Hartnell
Zeichnungen: Chris Madden
Übersetzung: Arne Voigtmann
104 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 13 Euro
ISBN: 978-3-944077-07-9
Leseprobe


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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: dani books

Avatar: Der Herr der Elemente 1-3 – Das Versprechen

Cover Avatar – Das Versprechen 1 Der offizielle Titel, wie er im Impressum des ersten Bandes steht, lässt Schlimmstes befürchten: Nickelodeon Avatar: Der Herr der Elemente™ 1: Das Versprechen 1 (von 3). Ein solches Wortungetüm scheint alle Vorurteile zu bestätigen, die man gegenüber Lizenzcomics hat: seelenlose Kommerzprodukte ohne jeden künstlerischen Wert, einzig dafür da, eine aus Film und Fernsehen bekannte Marke in ein anderes Medium zu verlängern und damit schnellen Profit zu machen. Doch die Miniserie zum TV-Hit Avatar macht es einem dann doch nicht so einfach.

Die Zeichentrickserie aus dem Hause Nickelodeon, die mit James Camerons gleichnamigem 3D-Epos nur den Namen gemeinsam hat und mit großem Erfolg zwischen 2005 und 2008 drei Staffeln lang lief, richtet sich an etwas ältere Kinder und erzählt eine vergleichsweise komplexe, fortlaufende Geschichte, die in einer Welt spielt, die dem fernöstlichen Mittelalter ähnelt. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Junge namens Aang, ein sogenannter Luftbändiger, der auserwählt wurde, um das Gleichgewicht zwischen den rivalisierenden Nationen herzustellen, die nach den vier Elementen benannt sind. In jeder Nation gibt es Bändiger, die die besondere Fähigkeit haben, ihr jeweiliges Element zu beeinflussen und damit allerlei Tricks und Kampfkunststückchen anzustellen.

Seite aus Avatar – Das Versprechen 1 Zwar gibt es mittlerweile mit Die Legende von Korra eine Nachfolgeserie im Fernsehen, die in der gleichen Welt zuhause ist, sie spielt aber viele Jahre später und handelt von anderen Figuren. Der Comic-Dreiteiler „Das Versprechen“ setzt dagegen direkt dort an, wo die erste Fernsehserie endete: Aang und seinen Freunden ist es zwar gelungen, den Krieg zwischen den Nationen zu beenden, doch ein wirklich friedliches Gleichgewicht ist noch nicht hergestellt. Zuko, der seinen kriegerischen Vater als Herrscher der Feuernation beerbt hat, verspricht, sich von den Kolonien zu trennen, die sein Land im Erdkönigreich errichtet hat. Klingt einfach, ist aber kompliziert, wenn man bedenkt, dass hier verschiedenste Interessen aufeinander prallen. Ein hochpolitisches Thema, das hier in einem vermeintlich simplen Kindercomic verhandelt wird und sicher nicht zufällig Parallelen zu tatsächlichen, aktuellen weltpolitischen Konflikten aufweist.

Die Serienschöpfer Michael Dante DiMartino und Bryan Konietzko waren in die Produktion des Comics involviert, für das Skript suchten sie sich jedoch einen erfahrenen Comicautoren: Gene Luen Yang, der mit American Born Chinese 2007 eine Menge Preise abräumte, ist eine interessante Wahl, da er bislang keine Auftragsarbeiten gemacht hat, sondern aus dem Bereich der Autorencomics kommt. Als Sohn chinesischer Einwanderer hat er Erfahrung mit der Vermischung von amerikanischer Popkultur und asiatischen Einflüssen und er weiß, wie man für eine jugendliche Zielgruppe schreibt.

Gene Luen Yang gelingt es sehr gut, das politische Grundthema der Geschichte rüberzubringen, ohne dabei allzu belehrend zu wirken. Er bricht alles Politische auf die persönliche Ebene herunter, mischt dramatische Momente mit witzigen Slapstick-Nummern und den unvermeidlichen Actioneinlagen und versteht es, die verschiedenen Persönlichkeiten von Aang und seinen Weggefährten überzeugend darzustellen. Zu dem politischen Konflikt kommt auch noch ein sehr persönlicher hinzu, der dem Dreiteiler seinen Namen gibt: Zu Beginn der Geschichte nimmt Feuerlord Zuko seinem Freund Aang nämlich das Versprechen ab, dass er ihn doch bitte töten möge, falls er jemals so böse werden sollte wie sein Vater. Klar, dass Aang wenig später in große Gewissensnöte kommen wird. Die Auflösung all dieser Konflikte ist letztlich nicht allzu überraschend, aber auf dem Weg dorthin kann Yang einige Überraschungen aufbieten und zaubert am Ende des dritten Bandes eine weitere Figur aus dem Hut, die in der Fortsetzung eine tragende Rolle spielen wird.

Cover Avatar – Das Versprechen 3Ebenso wie die Fernsehserie den visuellen Stil von Animes mit westlicher Ästhetik vermischt, nimmt auch der Comic deutliche Anleihen beim Manga, vermischt mit dem Look amerikanischer Cartoons. Das japanische Zeichnerinnen-Duo Gurihiru, das zuvor schon diverse Miniserien für Marvel gestaltet hat, bringt diesen Stilmix perfekt zu Papier. Ihre Zeichnungen sind nah am Stil der TV-Serie, ohne diesen sklavisch zu imitieren, und machen es dem Leser leicht, der Handlung zu folgen.

Etwas schwer tun wird man sich allerdings dann, wenn man die Fernsehserie nicht kennt. Die Macher gehen eindeutig davon aus, dass vor allem jene zu diesem Comic greifen, die Avatar bereits kennen und mögen. Zwar werden auf den ersten Seiten die wichtigsten Basics erklärt, aber gerade die Vorstellung der Hauptpersonen kommt für Avatar-Neulinge deutlich zu kurz. „Das Versprechen“ richtet sich also in erster Linie an Fans der TV-Serie und die dürften mit diesem Comic wirklich auf ihre Kosten kommen.

Cross Cult bringt die deutsche Ausgabe nicht in seinem sonst vorherrschenden Hardcover-Format, sondern als schmale, kompakte Taschenbücher und kann dadurch einen günstigen Verkaufspreis erreichen, der das Taschengeldbudget der Zielgruppe nicht allzu sehr strapaziert. Für ein paar informative Bonusseiten in jedem Band hat es trotzdem gereicht, und nachdem die in kurzer Folge veröffentlichte Trilogie überraschend zur zweiterfolgreichsten Comicreihe des Verlags wurde, wird man nicht lange auf weitere Bände warten müssen.

 


Wertung
: 7 von 10 Punkten

Überraschend tiefgründige und mehr als solide Weitererzählung des populären TV-Stoffes

 

Avatar: Der Herr der Elemente – Das Versprechen
Cross Cult, 2012
Text: Gene Luen Yang
Zeichnungen: Gurihiru
Übersetzung: Andreas Mergentahler, Jaqueline Stumpf
je 80 Seiten, farbig, Softcover
Preis: je 7,80 Euro
ISBN: 978-3-86425-065-1 (Band 1)
ISBN: 978-3-86425-066-8 (Band 2)
ISBN: 978-3-86425-067-5 (Band 3)
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Links der Woche 11/13: I’m going digital, di-digital

Unsere Links der Woche, Ausgabe 11/2013:

 

The lesson of the comiXology blackout
Robot 6, Corey Blake
Auf dem South by Southwest-Festival (SXSW) in Austin, Texas präsentierte sich Marvel Comics mit verschiedenen Promo-Aktivitäten und neuen Initiativen. Ein Teil davon war die große Werbeaktion „Marvel #1“: Auf der Digitalplattform Comixology konnten die User die Nummer-1-Ausgaben von 700 Marvel-Serien kostenlos bekommen. Die zeitlich befristete Aktion sorgte für einen so gewaltigen Ansturm, dass die Comixology-Server hoffnungslos überlastet waren. Auch für zahlende Kunden, die an der Marvel-Promotion gar kein Interesse hatten, ging daher nichts mehr. Comixology musste die Aktion daher vorzeitig abbrechen und verspricht, das Angebot zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu erneuern. Corey Blake betont in seinem Beitrag für das Blog Robot 6 die Problematik bei den derzeit gängigen Systemen des digitalen Comickaufs: Der Käufer kann seine Comics entweder gar nicht oder nur sehr eingeschränkt herunterladen. Er besitzt zwar jederzeit Zugang zu seinen gekauften Comics, aber nur solange der Anbieter diesen Zugang auch bereitstellt. Blake wünscht sich anstelle des derzeitigen Systems ein Modell ähnlich wie iTunes, wo man zwar ebenfalls Cloud-Dienste nutzen kann, aber seine gekaufte Musik ebenso auf eigene Geräte speichern kann, wo man sie auch dann noch hören kann, wenn der Anbieter offline ist oder vielleicht gar nicht mehr existiert.

Digital Manga Service JManga to Shut Down
MTV Geek, Brigid Alverson
Eine weitere Nachricht dieser Woche zeigt die Nachteile digitaler Comic-Dienste noch wesentlich deutlicher: Der Dienst JManga, der erst vor etwa anderthalb Jahren gestartet war, wird zum 30. Mai abgeschaltet. Die gemeinsame Initiative von 39 japanischen Verlagen, die zahlreiche Mangaserien auf Englisch zur Verfügung stellte, verlangte eine monatliche Abogebühr, für die man sogenannte „Points“ bekam, mit denen man dann einzelne Manga auswählen und lesen durfte. Ein Download war allerdings nicht möglich – damit leert sich für JManga-Kunden das virtuelle Bücherregal am 30. Mai komplett.

Unsere Mütter, unsere Väter
zdf.de, Stefan Kolditz und Ziska Riemann
Heute abend startet im ZDF der aufwendige Geschichts-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter über den Zweiten Weltkrieg. der mit einem multimedialen Programm begleitet wird. Neben Diskussionssendungen und Dokus im Fernsehen stellte das ZDF eine Web-Plattform mit weiterführenden Informationen online. Dazu gehört auch ein sogenannter „Motion Comic“, der die Vorgeschichte zum Film erzählt. Die Story stammt vom Autor des TV-Mehrteilers und wurde von Ziska Riemann, Gerhard Seyfried und ihrem Team als Comic umgesetzt. Das Ergebnis kann man kostenlos im Browser lesen (wenn man den Unity Web Player installiert hat), außerdem gibt es eine kostenlose App für iOS und in Kürze auch für Android.

Mehr als „Bang“ und „Bumm“ – Comics, Mangas und Graphic Novels
Deutschlandradio Kultur, Marie Sagenschneider und Susanne Führer
Auf der Leipziger Buchmesse spricht das Radiofeuilleton im Deutschlandradio mit den Comicjournalisten Andreas Platthaus und Stefan Pannor über aktuelle Trends im Bereich Comic und Graphic Novel. Beide bemühen sich wacker, mit den alten Comic-Vorurteilen der fragenden Redakteurinnen zurechtzukommen. (MP3-Download, 12 Minuten)

1 Bild sagt mehr als 1000 Worte… oder: unser Eindruck vom Comic-Bereich in Halle 2 auf der Leipziger Buchmesse 2013
Grober Unfug Blog, Torsten Alisch
Nicht so begeistert vom Comic- bzw. Mangabereich auf der Leipziger Messe zeigt sich der Berliner Comicladen „Grober Unfug“, der in diesem Jahr nicht mit einem Stand vertreten war.

Graphic Novels für Autoren
Die SchreibDilletanten, Axel Hollman und Marcus Johanus
Der „Podcast für Romanautoren“ befasst sich in seiner aktuellen Folge mit zehn Comics und was man als Romanautor daraus lernen kann. Behandelt werden The Sandman, Astro City, The Boys, 100 Bullets, The Dark Knight Returns, Neverland, The Walking Dead, V for Vendetta, Watchmen und Sin City (MP3-Download, 38 Minuten). Der versprochene Autoren-Blickwinkel kommt im Podcast nur ganz am Rande zum Tragen, aber für eine solide Sammlung von US-Comic-Empfehlungen taugt die Sendung allemal.

The Rise of Web Comics
YouTube, PBS Off Book
Die aktuelle Folge der Serie Off Book des amerikanischen Public Broadcasting Service (PBS), die sich mit Kunst und Kultur im Internet beschäftigt, dreht sich um Webcomics und stellt ein paar herausragende Vertreter vor:

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From Sandman to Scalped: A Complete Infographic History of Vertigo Comics
Wired Underwire, Laura Hudson und Tim Leong
Alle Comicserien des DC-Labels Vertigo seit seiner Gründung vor 20 Jahren, dargestellt in einer Infografik.

Deaths, hookups, reboots: Why comics thrive on dramatic twists
cnn.com, Henry Hanks
Weil man damit so toll Schlagzeilen produzieren und die Heftverkäufe ankurbeln kann, müssen in Superheldenserien immer wieder Hauptfiguren sterben, Figuren heiraten, Kostüme wechseln oder ähnliche „schwerwiegende Dinge“ passieren. CNN gibt einen Überblick, befragt Experten zu diesem Phänomen und stellt in einer Klickstrecke ein paar „Big comic book moments“ der letzten Jahre vor.

Frisch aus der Druckerei: Februar 2013

alt

Der Februar brachte einen neuen Verlag, das Buchdebüt einer Webcomiczeichnerin und auch sonst eine Menge interessanter Neuheiten in die Comicshops und Buchläden. Hier ist wieder unser Überblick über die wichtigsten Novitäten des vergangenen Monats.

HIGHLIGHT DES MONATS

Fatale 1Neben seinen Comics für Marvel (vor allem Captain America) arbeitete Ed Brubaker stets auch an eigenen Serien, immer zusammen mit seinem kongenialen Zeichenpartner Sean Phillips. Die wunderbare Noir-Krimireihe Criminal stammt ebenso von den beiden wie die Pulp-Superschurken-Variation Incognito. Im letzten Jahr verabschiedete sich Brubaker von Marvel und startete, wieder mit Phillips als Zeichner, bei Image die Serie Fatale, deren erster Sammelband nun bei Panini erschienen ist. Hier vermischen sie Brubakers Lieblingsgenre, den Noir-Krimi, mit Horrorelementen. [Leseprobe]

EIGENPRODUKTIONEN

WohlstandThekla Löhr alias TeMeL ist seit anderthalb Jahren mit ihrem Webcomic aktiv, parallel arbeitete sie aber auch an einer langen Comicerzählung. Die ist nun als Album bei Epsilon unter dem Titel Wohlstand erschienen. Sie spielt in einer dystopischen Zukunft, in der der deutsche Staat bankrott ist und eine gnadenlose Leistungsgesellschaft errichtet wurde, in der nur noch Menschen das Recht zu Leben haben, die genügend Arbeitskraft zur Verfügung stellen. [Leseprobe]

Reprodukt legt ein neues Werk von Peer Meter vor, dessen Comics Gift und Haarmann ziemlich erfolgreich sind. Böse Geister gehört nicht zur „Serienmörder-Trilogie“ (die im Herbst mit Vasmers Bruder bei Carlsen abgeschlossen wird), sondern erzählt die Geschichte eines älteren Herrn, der nach langen Jahren sein Elternhaus wieder besucht, damit in die eigene Vergangenheit eintaucht und die „bösen Geister seiner Kindheit“ (so der Pressetext) heraufbeschwört. Meters Szenario wurde umgesetzt von Gerda Raidt aus Leipzig, die bisher vor allem als Kinderbuchillustratorin arbeitete. [Leseprobe]

Im kleinen Nischenverlag Shaker Media erschien mit Der bunte Geruch von R. Hildel erstmals ein Comic. Der Hannoveraner Zeichner erzählt darin eine Art Psychodrama um einen sehr zurückgezogen lebenden Mann, der eine Synästhetikerin kennenlernt. Das übergeordnete Grundthema seiner Geschichte, so Hildel, sei „der (Aus-)Verkauf der nachfolgenden Generation an die Herrschaftsstrukturen unserer Gesellschaft“. [Leseprobe]

Peter Wiechmann, der in den 1960er und 70er Jahren zahlreiche Comicserien vor allem für die Kauka-Zeitschriften Fix & Foxi und Primo schrieb, entstaubt weiter sein Archiv: Nach einigen Gesamtausgaben bei Cross Cult (Andrax, Thomas der Trommler) erscheint der Piratencomic Capitan Terror nun gesammelt bei JNK. Die Gesamtausgabe umfasst insgesamt sechs Bände und enthält nicht nur alle in Primo und Zack erschienen Episoden in Schwarz-Weiß, sondern auch zahlreiche bislang unveröffentlichte, neu betextete Seiten sowie redaktionelles Material von Wiechmann.

AUS SPANIEN

Geschichten aus dem ViertelGeschichten aus dem Viertel ist ein autobiographischer Comic von Gabi Beltrán (zeichnerisch umgesetzt von Bartolomé Seguí), der von seinen Jugendjahren in Palma de Mallorca erzählt, wo er im chinesischen Viertel aufwuchs, in dem die Unterschicht zuhause war. Die episodenhafte Coming-of-Age-Geschichte ist im Avant-Verlag erschienen. [Leseprobe]

AUS DEN USA

Neu im Geschäft ist der Verlag Dani Books von Jano Rohleder, bislang vor allem bekannt als Übersetzer der Disney-Comics von Don Rosa. Nachdem er erfolgreich die Don Rosa Classics auf Englisch verlegt hat, ist er auf den Geschmack gekommen und startet nun ein Programm mit unterhaltsamen Comics aus verschiedenen Genres, die zunächst aus Italien, Frankreich und den USA stammen. Den Auftakt macht Danger Girl: Revolver, in dem die Gruppe attraktiver Agentinnen zurückkehrt, die Ende der Neunziger Jahre von J. Scott Campbell und Andy Hartnell erschaffen wurde und zunächst in einer sehr erfolgreichen Miniserie beim Label Cliffhanger erschien. Autor Hartnell ist immer noch an Bord, doch Zeichner Campbell, dessen sexy Stil der Erfolg zum großen Teil zu verdanken war, steuert nur noch Coverzeichnungen bei. [Leseprobe]

Joe Hill hat sich mit der Mysteryserie Locke & Key einen so guten Namen als Comicautor gemacht, dass nun auch seine Prosatexte als Comics umgesetzt werden. Das Cape, adaptiert von Jason Ciaramella mit Zeichnungen von Zach Howard, basiert auf einer Kurzgeschichte von Hill – ursprünglich gab es nur einen One-Shot, der später dann zu einer Miniserie ausgebaut wurde. Es geht um einen Jungen, dem ein Umhang Superkräfte verleiht. Was ihm später, als Erwachsener, einige Probleme bereitet. [Leseprobe]

Walking Dead-Erfinder Robert Kirkman betreibt inzwischen sein eigenes Label Skybound, das nicht nur die von ihm geschriebenen Comics, sondern auch weitere Serien beheimatet. Im Falle von Dieb der Diebe (Thief of Thieves) stammen zwar Idee und Konzept von Kirkman, die Skripts kommen jedoch von einem Team von Autoren, die sich gegenseitig abwechseln. Kirkman will hier dem Vorbild von TV-Serien nacheifern, wo nach einem ähnlichen Prinzip gearbeitet wird. Der erste Storybogen, der in Paninis erstem Band gesammelt ist, stammt von Nick Spencer (Morning Glories) und stellt uns Redmond vor, einen Einbrecherkönig, der einen ganz großen Coup plant. Das Besondere dabei: Er will nur klauen, was bereits andere vor ihm geklaut haben. [Leseprobe]

Fairest 1Bill Willinghams Serie Fables über die Märchenfiguren, die versteckt in unserer Welt leben, ist seit dem Ende von Hellblazer mit Ausgabe 300 die langlebigste Reihe bei Vertigo, und auch die erfolgreichste. Kein Wunder, dass man hier gerne Spin-Offs wie das inzwischen abgeschlossene Jack of Fables abzweigt. Der neueste Ableger heißt Fairest und verkauft sich in den USA erstaunlicherweise sogar besser als die Mutterserie. Im Gegensatz zu Fables, wo sich ein großer, langer Erzählstrang über die ganze Reihe erstreckt, besteht Fairest aus in sich abgeschlossenen Storyarcs, die von wechselnden Kreativteams erzählt werden. Im Mittelpunkt sollen stets die weiblichen Fabelwesen stehen, so wie Briar Rose alias Dornröschen im ersten Band von Bill Willingham und Phil Jimenez. [Leseprobe]

Der bekannte Grafikdesigner und Buchgestalter Chip Kidd hat sich schon mehrfach als Comicleser und vor allem als glühender Fan von Batman bekannt. Auf sein Konto geht u.a. die Covergestaltung verschiedener Sekundärwerke über DC Comics. Nachdem er vor einigen Jahren eine Batman-Kurzgeschichte für Alex Ross geschrieben hatte, legt er nun seinen ersten Langcomic vor, der natürlich wieder in Gotham City spielt: Batman: Death by Design erscheint bei Panini in der Reihe DC Premium unter dem Titel Batman: Bauwerke des Todes. Im Zentrum stehen hier die Architektur und die Bauwerke von Batmans Heimatstadt. Die überwiegend in Grautönen gehaltenen Zeichnungen stammen vom Engländer Dave Taylor. [Leseprobe]

Auch wer statt diesem eher ungewöhnlichen Batman-Comic lieber ganz klassischen Fledermaus-Stoff sucht, wurde im Februar bei Panini fündig. In der letztes Jahr gestarteten Reihe Batman Collection erscheinen Sammlungen von älteren Geschichten bestimmter Zeichner. Nach Mike Mignola und Marshall Rogers ist nun Jim Aparo (1932-2005) an der Reihe. Dieser Band (der sowohl als Hard- als auch als Softcover erhältlich ist) enthält Hefte aus der Serie The Brave and the Bold aus den Jahren 1971 bis 1973. [Leseprobe]

Aus den Neunziger Jahren stammen die Comics im Band Batman gegen Bane. Der Schurke, der im letzten Batman-Film von Christopher Nolan seinen großen Auftritt hatte, wurde in den hier nachgedruckten Heften von Chuck Dixon und Zeichner Graham Nolan ins Batman-Universum eingeführt. [Leseprobe]

In der Marvel-Abteilung gab es letzten Monat eine weitere Ausgabe der Season One-Reihe, die für neue Leser noch einmal die Ursprungsgeschichten bekannter Marvel-Helden nacherzählt, diesmal mit Doktor Strange. Der von Greg Pak geschriebene Band könnte vor allem aufgrund der Zeichnungen einen Blick wert sein: Die stammen von der Spanierin Emma Rios und wandeln ein gutes Stück abseits dessen, was man von Marvel standardmäßig gewohnt ist. [Leseprobe]

Wem das edle Spirit Archiv bei Salleck Publications zu teuer ist, kann nun schon zum zweiten Mal eine Auswahl guter Einzelepisoden in einem preiswerten Taschenbuch erwerben: The Spirit – Femmes Fatales sammelt 23 Episoden von Will Eisners Comicklassiker, die sich alle um die im Noir-Genre so prägende Figur der verruchten, gefährlichen Dame drehen.

AUS FRANKREICH

Der Nabel der WeltEin alter Maler und sein junges (Akt-) Modell im Dialog über das Leben und die Liebe. Darum geht es in Der Nabel der Welt von Edmond Baudoin, der in Deutschland vor allem durch die beiden von ihm gezeichneten Fred-Vargas-Krimis bekannt ist. Hier zeichnet bzw. malt er anders als im überwiegenden Teil seines Werks mal nicht in Schwarz-Weiß, sondern farbig. Erschienen bei Schreiber & Leser. [Leseprobe]

Bei Epsilon startet der neue Alben-Dreiteiler John Lord von Denis-Pierre Filippi und Patrick Laumond. Hat nichts mit Deep Purple zu tun, sondern mit einem Privatdetektiv, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New York ermittelt. Nur wenige Wochen später ist übrigens auch gleich der zweite Band erschienen. [Leseprobe]

Ein Krimi mit SF-Einschlag ist dagegen die neue Serie beim All Verlag, C.O.P.S. von Marc Sautriot und Antonio Sarchione. Sie spielt 2031 in Los Angeles, das sich von den USA abgespalten hat und ein Mekka für Kriminelle geworden ist, weshalb man dort eine Spezialpolizei installiert hat. [Leseprobe]

Die Kinder des Kapitän Grant 1Beim Splitter-Verlag gab es letzten Monat drei Nummer-1-Ausgaben von neuen Albenserien: Die Kinder des Kapitän Grant, eine dreiteilige Adaption eines Jules-Verne-Romans von 1867/68, die Alexis Nesme mit anthroporphen Tieren umsetzt [Leseprobe].

Außerdem das düstere Science-Fiction-Epos Khaal von Stéphane Louis und Valentin Sécher [Leseprobe] und ein Krimi in exotischem Ambiente: Tatort Tahiti 1914 von Didier Quella-Guyot und Sébastien Morice spielt auf der sonnigen Südseeinsel vor dem realen historischen Hintergrund, dass auch dort Ausläufer des Ersten Weltkriegs zu spüren waren, als zwei deutsche Panzerkreuzer vorbeikamen. [Leseprobe]

AUS ASIEN

Geliebter AffeMit dem Band Geliebter Affe und andere Offenbarungen bringt Carlsen eine weitere Sammlung von 13 Kurzgeschichten von Yoshihiro Tatsumi, der als einer der Gründerväter des ernsthaften Erwachsenen-Manga (Gekiga) gilt. Ebenso wie der Vorgängerband Existenzen und Tatsumis Autobiografie Gegen den Strom erscheint auch dieser Manga nicht bei Carlsens Manga-Label, sondern mit dem Signet „Graphic Novel“, mit gespiegelten Seiten in westlicher Leserichtung.

Im regulären Manga-Programm von Carlsen fällt die neue koreanische Fantasyserie March Story von Kim Hyung Min und Yang Kyung-Il ins Auge, die in einem fiktiven Europa des 18. Jahrhunderts spielt, auch Horrorelemente enthält und sich eher an ältere Leser ab etwa 16 Jahren wendet.

Monster Hunter – Flash Hunter ist dagegen klassischer Shonen-Stoff und nach Monster Hunter Orage bereits der zweite Manga-Ableger des populären Videospiels.

Für Fans des Bestsellers Black Butler gibt es den Einzelband Rust Blaster, eine Vampirgeschichte, die Yana Toboso in Japan noch vor ihrer Erfolgsserie veröffentlicht hatte.

Der Zweiteiler Sleeping Moon von Kano Miyamoto ist ein Boys-Love-Manga, der nach Aussage des Verlags nicht nur für Fans dieses Genres interessant ist. Denn „Boys Love kann auch anders sein!“ In diesem Fall sorgen düstere Thriller-Elemente dafür, dass es hier für Shonen-Ai-Verhältnisse eher ungewohnt zugeht.

Und auch EMA wirbt mit den Worten „Boys Love einmal anders“ für eine neue Serie: Mein Weg in dein Herz von Hideki Kawai ist laut Verlag „ leicht melancholisch, einfühlsam“ und „in sensiblem Artwork“ gezeichnet. [Leseprobe]

Tokyopop bringt Chibisan Date, die neue Serie von Hetalia-Schöpfer Hidekaz Himaruya. Darin geht es um einen jungen, an sich selbst zweifelnden japanischen Zeichner, der auf einer Insel an der amerikanischen Ostküste lebt. [Leseprobe]

Die Erfolgsserie Marmalade Boy von Wataru Yoshizumi, die vor 10 Jahren bei EMA startete, gibt es nun bei Tokyopop in einer sechsteiligen Neuauflage als sogenannte „Perfect Edition“, die nun auch Farbseiten enthält. [Leseprobe]

Außerdem neu bei Tokyopop: der Einzelband Arinas Sammelsurium, eine Sammlung autobiographischer Episoden von und mit Arina Tanemura (Kamikaze Kaito Jeanne, Shinshi Doumei Cross).

Planet Manga schließlich hat mit Valmont – Gefährliche Liebschaften eine Manga-Adaption des bekannten literarischen Klassikers von 1782 im Programm. Der Zweiteiler stammt von Chiho Saito (Utena. Revolutionary Girl).

 

Interview mit Christoph Niemann

alt

Christoph Niemann wurde 1970 geboren. Er studierte Bildende Künste an der Stuttgarter Akademie. 1997 zog er nach New York City und arbeitete dort als Illustrator, Designer und Autor. Seine Illustrationen erschienen unter anderem auf der Titelseite des New Yorker, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Für die New York Times macht er die regelmäßige Kolumne „Abstract City“, zunächst als Blog und inzwischen als gedruckte Kolumne. Darin erzählt er mit einer großen Vielfalt an grafischen Mitteln originelle Bildgeschichten. Seit 2008 lebt Christoph Niemann mit seiner Familie in Berlin. Zu seiner frischesten Auszeichnung gehört der Sondermann-Preis für komische Kunst 2012. Stefan Svik sprach am Telefon mit Christoph Niemann über die Stadt, die niemals schläft, über Kaffeeflecken als Kunstwerke und die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland.

 

Christoph Niemann bei der Sondermann-Verleihung auf der Frankfurter Buchmesse 2012Comicgate: Hallo Christoph! Ich hatte Dich in Frankfurt nach der Preisverleihung für den Sondermann 2012 ganz knapp verpasst. Also nachträglich: Herzlichen Glückwunsch zum Sondermann für komische Kunst, den Du für Dein Buch Abstract City gewonnen hast! Wie fühltest Du Dich auf der Buchmesse zwischen Graphic Novels, Comics und Kinderbüchern?

Christoph Niemann: Es hat sehr viel Spaß gemacht in Frankfurt. Ich war vorher erst ein Mal dort gewesen und ist schon länger her, das war direkt nach meinem Studium. Danach war ich 15 Jahre nicht mehr auf der Messe. Es war prima. Ich fühle mich da in all den Welten ein Stück weit daheim. Im Endeffekt geht es dabei, für mich, um visuelles Geschichtenerzählen. Das kann mal in einem Bild passieren, mal in 50 Bildern oder auch auf 250 Seiten. Das ist dann eher eine Frage der Schattierungen und nicht die eines ganz verschiedenen Wesens.

 

Komische Kunst – passt das für Dich, wie wichtig ist Humor für Dich?

Auf eine Art kann man es sich mit dem Humor leicht machen. Weil beim Humor kann ich immer relativ genau sehen, ob er funktioniert oder nicht. Es gibt zumindest einen Gradmesser. Wenn ich eine ganz tragische oder eine sehr nachdenkliche Geschichte erzähle, dann ist, wenn ich es etwa jemandem zeige, ein Stirnrunzeln schwieriger einzuordnen. Eventuell hat es der andere dann verstanden. Beim Humor geht es immer darum: Blickt es der Leser, hat er die Pointe verstanden? Und daher ist vielleicht auch sogenannte Komische Kunst immer ein Zeichen für eine gewisse Unsicherheit des Erzählenden. Mir ist es sehr wichtig, die Verbindung mit dem Leser herzustellen. Beim Humor habe ich diese Ebene, bei der ich sehe, ob es beim Leser ankommt.

 

Doppelseite aus Hast Du Vorbilder in Sachen Humor?

Es gibt sehr viele Leute, die ich sehr schätze. Direkte Vorbilder kann ich jetzt nicht sagen. Ich habe sehr, sehr viel MAD Magazine gelesen. Ich habe Asterix gelesen. Unseren Kindern lese ich gerade sehr viel Astrid Lindgren vor. Die kannte ich als Kind natürlich auch, aber diese Subtilität in ihrem Humor ist schon beeindruckend! Ich merke jetzt erst, wie gut die geschrieben sind. Früher habe ich das einfach so hingenommen. Da gefiel mir das einfach nur gut. Jetzt bemerke ich, wie gut das geschrieben ist, wie mit Tempo gespielt und dadurch Humor erzeugt wird.

 

Wie wichtig ist Dir das Thema Comics, liest Du heute noch Comics?

Ich weiß nicht, ob es den Laden in Stuttgart noch gibt, aber damals war „Heinzelmännchen“ ein ganz wichtiger Laden für mich. Wobei ich sagen muss, dass ich Asterix gelesen und mir ab und an Comics gekauft habe, aber eigentlich immer nur wegen des Visuellen. Den erzählerischen Aspekt von Comics habe ich nie so richtig verstanden oder mich dazu hingezogen gefühlt. Das änderte sich auch nicht, als dann diese neuen Batman-Comics erschienen. Ich weiß gar nicht mehr, wie der Künstler hieß. Da wurde die Panel-Struktur aufgebrochen. Da ging es dann ganz weit weg vom klassischen Tuschestrich. Es ging in Richtung ganz wilde, experimentelle Aquarelle. Das fand ich unglaublich faszinierend, aber immer nur was die Zeichnungen anbelangte. Ich habe erst sehr viel später, durch die Amerikaner, einen Blick auf den erzählerischen Aspekt der Comics bekommen. Chris Ware ist da ein absoluter Held. Manchmal sehr schwer zu verdauen. Ich habe sein erstes großes Werk Jimmy Corrigan gelesen und gemerkt, dass es mir schwer fiel, das in einem Stück zu lesen, weil es nur deprimierend ist. Aber grandios erzählt und vor allem unglaublich gezeichnet! Dafür habe ich schon eine Affinität. Dennoch lese ich viel mehr Bücher als Comics.

 

Also interessieren Dich Comics nach wie vor hauptsächlich visuell?

Es gibt bestimmt gute Sachen und es liegt wahrscheinlich daran, dass ich nicht genug suche. Außer dem, zugegeben sehr düsteren, Chris Ware fällt mir spontan niemand ein.

 

Wie kam es dazu, dass Du nach New York gezogen bist?

Ich komme aus der Stuttgarter Gegend, dort habe ich auch studiert. Die Kunstakademie an der ich war, fand ich toll. Es gab nichts, worüber ich mich beschweren konnte. Was mir aber doch fehlte und mir wichtig war, auch um das Nest zu verlassen und erwachsen zu werden: mal aus meinem Ort herauszukommen. Manchmal denke ich, je weiter, desto besser. Unabhängig davon, woher man kommt. Während des Studiums merkte ich, dass ich wegwollte. Ich hab dann ein Praktikum in New York gemacht, das bedeutete weniger Verwaltungsaufwand als ein Auslandssemester. Zwei Monate ans Telefon gehen und Bleistifte sortieren schien mir eine gute Gelegenheit zu sein. Nach dem Studium habe ich mir dann gesagt: Die Stadt gefällt mir, die Illustrationen dort gefallen mir. Wie im New Yorker und in der New York Times mit Bildern gearbeitet wurde, hat mir extrem gut gefallen, auch die Bildung der Leser und wie sie dann auf diese Illustrationen ansprangen. Gezeichnete Bilder sind dort absoluter Teil der Medienkultur. Das hat mich fasziniert. Ich wollte daran teilhaben oder es zumindest mal selbst probiert haben. Ich hatte mir dann ein Jahr vorgenommen, um mich in New York auszuprobieren. Daraus wurden dann 12 Jahre.

 

Aus Frank Sinatras New-York-Hymne haben wir gelernt „If you can make it there, you can make it everywhere“, also, wer es in New York schafft, kann überall erfolgreich sein. Nun sieht das reale Leben in den USA wahrscheinlich anders aus als die Vorstellung von New York, oder? Wie bekamst Du den Job beim New Yorker? War Dein Weg sehr hart und steinig?

Das mit dem Arbeiten hat verblüffend schnell funktioniert. Ich bekam relativ schnell einen Job. Es gibt dort viele Art Directors, die immer sehr interessiert an Neuem sind. Da hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Türen dort schneller aufgingen als in Deutschland. Auch zählen dort Alter und Erfahrung nicht so viel. Was wirklich zählt, ist das, was in der Mappe drin ist, also die aktuellen Arbeitsproben. Dadurch kommt man gut an einen neuen Job. Und ein Job erleichtert alles andere, etwa die Wohnungssuche. Das war zum Teil schon abstrus. Mit Mitte 20 hatte ich da zum Glück eine sehr hohe Schmerzgrenze. Da hielt ich dann eben durch. Inzwischen weiß ich nicht, ob ich so etwas noch mal mitmachen würde.

 

Spielte Deine Herkunft als Deutscher eine Rolle in New York? Oder zählt nur die Leistung, egal woher man kommt?

Prinzipiell ist es egal, woher man kommt. Allerdings hat eine deutsche Grafikdesign-Ausbildung einen sehr guten Ruf. Und es hatte bestimmt auch einen Exotenfaktor. Wenn ich etwa Briefe aus Europa geschickt habe, mit denen ich mich extra um einen Job in New York beworben habe, dürfte das sicher nicht geschadet haben, nehme ich an.

 

Aus Viele Deutsche haben wahrscheinlich ein sehr stark von Filmen und Serien geprägtes Bild von New York, etwa von Woody Allen oder Mad Men. Ist das weit weg von der Realität?

Es gibt schon viele treffende Darstellung in Filmen über New York, etwa dieses neurotische, selbstbezogene von Woody Allen. Oder dieses hyperprofessionelle, manchmal rigorose von Mad Men. Einige Klischees stimmen da schon. Wenn man eine Weile dort ist, befindet man sich schon in seiner eigenen Welt. Man nimmt die Besonderheiten meist nur dann wahr, wenn man irgendwo neu ist. Der Professionalismus und die Schlagzahl ist wirklich so hoch wie in den Klischees.

 

Kennst Du denn die Serie How I Met Your Mother? Die spielt in New York und die Figur Barney Stinson zeigt dort öfter mal verblüffend-komische Schaubilder. Das erinnert mich entfernt an einige Beiträge aus Abstract City.

Nein, die Serie kenne ich nicht.

 

Ist der Wettstreit New York/New Jersey, der etwa in TV-Serien wie Die Sopranos oder How I Met Your Mother öfter mal angedeutet wird, ähnlich wie die Konkurrenz Köln/Düsseldorf? Ist das überhaupt ein Thema oder nur Quatsch?

Das ist wirklich haargenau der gleiche Quatsch wie überall anders auch. Es ist vielleicht lokal ein wenig interessant. Bei den arroganten New Yorkern gilt es schon als verpönt, überhaupt wahrzunehmen, dass es eine Welt außerhalb von New York geben könnte, da sich eh immer alles nur um New York dreht. Da denke ich oft, dass der grandiose Steinberg-Cartoon vom The New Yorker-Cover sehr passend ist: „A view from Union Square“. Da wird New Jersey nur als Quadrat dargestellt. Das trifft es.

 

Stimmt das Klischee von New York als Hauptstadt der Welt?

Was mir dort extrem angenehm aufgefallen ist, ist, dass kein Mensch fragt, warum du da bist. Es gibt zwar eine Gentrifizierungsdebatte, die aus materieller Sicht auch sehr gut ist. Aber es gibt nicht Debatten wie: „Oh, jetzt kommen die soundso hierher.“ Möglicherweise gibt es solche Bedenken, wenn man in die Gebiete anderer ethnischer Gruppen zieht. Tatsächlich habe ich dort nie etwas erlebt, wie: „Wir waren hier schon immer und jetzt kommt ihr.“ Mich hat nie jemand gefragt: „Was willst denn du jetzt hier?“ Es will eh jeder nach New York. Ganz egal, ob du dort eine Woche oder ein Jahr bleibst. Auf Dauer stammt dort eh nur einer von 1000 Leuten aus New York. Deshalb gibt es da nicht diese Erbansprüche, denn keiner ist ein echter New Yorker. Das habe ich immer als extrem angenehm empfunden und vermisse das manchmal auch ein bisschen.

 

War die Zeit in New York sehr wichtig für Dich, um interessante Aufträge zu bekommen? Colin Wilson etwa erzählte mir, dass es in Zeiten des Internets nicht mehr so wichtig sei, wo man sich körperlich befindet, per E-Mail ist man ohnehin mit der ganzen Welt verbunden.

Als ich Ende der Neunziger Jahre dort anfing, hatte ich das Gefühl, dass es schon wichtig war, dort zu sein. Dass man persönlich, mit der Zeichnung in der Hand zum Times Square gehen musste und sie dort beim Rolling Stone oder der New York Times von Hand abliefern musste. Das von Europa aus zu versuchen, wäre sicher viel schwieriger gewesen. Aber innerhalb von fünf bis zehn Jahren hat sich das komplett geändert. Für die Arbeit hat das inzwischen überhaupt keine Relevanz mehr. Der jungen Generation von Art Direktoren und Redakteuren ist das völlig gleichgültig, ob man in Brooklyn, New Jersey oder Bangladesh sitzt – Hauptsache, das Internet funktioniert. Ich könnte mir vorstellen, dass es, um einen Einstieg zu bekommen, manchmal leichter sein könnte, wenn man vor Ort ist. Aber das hat im Endeffekt höchstens fünf bis zehn Prozent mit dem Erfolg zu tun, den man dann hat.

 

Aber für Dich persönlich, für Deine Entwicklung, war die Zeit in New York sehr wichtig?

Es gab mir ein gutes Feingefühl, für Strömungen, für Sprache. Ich habe in meinen Geschichten viel über Politik und Wirtschaft gemacht. Für mich persönlich war die Zeit in New York sehr wichtig. Würde ich Kinderbücher schreiben oder bei persönlichen Geschichten wäre es wohl nicht so wichtig. [Anm. d. Red.: in Abstract City steht Christoph Niemanns Leben in New York sehr stark im Mittelpunkt]

 

Cover Abstract CityLass uns etwas über Abstract City reden, denn dafür hast Du ja schließlich auch den Sondermann 2012 bekommen. Bei mir ist sehr vieles von der Lektüre hängengeblieben, etwa die Überlegung: eingeplante und tatsächlich bewältigte Lektüre auf einer Flugreise. Darüber musste ich beim Lesen und später im Selbstversuch lachen.

(Lacht).

Das hat schon Qualitäten wie Max Goldt. Sympathische, kluge und lustige Alltagsbeobachtungen, die sich festsetzen. Gehst Du immer mit diesem Blick durchs Leben und fragst Dich „Was könnte ich für meine Werke verwenden“?

Nee, tatsächlich nicht. Ich suche natürlich öfter, oder mir fallen solche Situationen bewusster auf. Wenn ich auf der Suche nach Geschichten oder Metaphern bin, dann erschaffe ich nicht etwas, sondern nehme Dinge, die ohnehin bereits da sind. Im Endeffekt weiß ich, dass nicht die Dinge funktionieren, die bei mir besonders sind, sondern diejenigen, die ich mit dem Leser teile. Würde ich jetzt erzählen: Immer wenn ich in den Supermarkt gehe, dann juckt es mich im rechten Bein, wenn ich die Dosentomaten sehe und dir geht es aber nicht so, dann wird dich das kaum interessieren. Außer ich mache da ein grandioses Gedankengebäude drüber. Bei der Sache mit dem Buch im Flugzeug weiß ich, da bin ich nicht der einzige. Dadurch gelingt es, eine Verbindung zum Leser herzustellen. Viele nehmen sich vor, im Urlaub Sport zu treiben oder auf Reisen ein großes Pensum zu schaffen. Erst kommt die Erfahrung und danach das Aufgeschriebene.

 

Also machst Du Dir nicht ständig Skizzen oder notierst Dir Ideen und denkst, dass könnte ich später mal verwenden?

Ein bisschen läuft da der Ticker schon mit. Ich habe gemerkt, dass die Dinge innerhalb einer Geschichte passieren müssen. Seit ich die Kolumne nicht mehr online mache, sondern im Magazin, versuche ich, mich auf einen Erzählstrang zu fokussieren. Statt einer Ansammlung von Themen ist es nun eher eine Geschichte, die von A nach B läuft. Es gibt irgendwann auch nicht mehr so viele Themen, bei denen ich auf 25 bis 45 verschiedene Aspekte kommen kann.

 

Aus Sehr schön in Abstract City ist etwa das Kaffee-Kapitel. Hast Du das tatsächlich mit echtem Kaffee gezeichnet oder ist das am Computer entstanden?

Bis auf die Landkarten ist das Buch wirklich zu 100 % analog entstanden. Es ist auch mit Kaffee gezeichnet worden. Ich habe dafür einen Espresso drei Mal durchlaufen lassen. Ganz am Ende habe ich noch etwas Aquarellfarbe hineingemischt, weil ich etwas mehr Farbtiefe brauchte. Mit diesem Gebräu dann auf Servietten zu zeichnen, war eine absolute Katastrophe, weil sich ein kleiner Tropfen Flüssigkeit sofort riesig ausbreitet. Wenn es zu trocken war, dann kratzte man nur rum. Manche Zeichnungen musste ich 15- bis 20-mal probieren.

 

Kaffee scheint eine wichtige Inspiration und Arbeitshilfe für Dich zu sein. Was regt Dich sonst noch an? Etwa Musik? Oder muss ich mich in New York nur an den Schreibtisch setzen und aus dem Fenster gucken und schon sprudeln die Ideen?

Mit Musik kann ich leider überhaupt nicht arbeiten. Das Arbeiten ist für mich in Deutschland und New York genau das gleiche: Schreibtisch, weißes Papier und dann loskämpfen. Ich habe noch keine bessere Möglichkeit gefunden. Die Inspiration muss irgendwie im Kopf drin sein. Mein Arbeitsprozess ist eher, dass ich mit großen, komplizierten Gedanken anfange und danach versuche, sie immer weiter zu reduzieren. Deshalb funktioniert es eigentlich nie so, dass ich die Straße entlang laufe und es macht „Bling“ und dann sitzt die gute Idee vor mir.

 

Welche Arbeitstechnik bevorzugst Du?

Ich versuche eigentlich alles zu machen. Ich mache gerade viele Dinge von Hand, einfach weil es Spaß macht. Oft bringt das analoge Arbeiten eine Spontaneität hinein, die beim Digitalen nicht gegeben ist. Aber im Endeffekt gilt immer: form follows function, also zuerst steht die Funktion und erst danach kommt die Form. Diese Google-Maps in Abstract City würden handgezeichnet nicht funktionieren. Und die Kaffee-Geschichte hätte als Vektorgrafik nicht funktioniert. Jeder in unserem Fachgebiet muss wohl immer Illustrator und Art Director sein und sich immer überlegen: Was ist die richtige Ausdrucksform für eine Geschichte?

 

Die Inhalte von Abstract City gab es vorher schon im Netz. Warst Du dabei froh, dass Du vorher bereits Leserreaktionen darauf erhalten hattest?

Die ersten 16 Kapitel entsprechen meinem Blog. Die Leserreaktionen zwischendurch waren schon interessant, weil man sonst so in den Nebel hineinarbeitet. Allerdings habe ich versucht, mich nicht zu abhängig davon zu machen. Denn das wäre sehr gefährlich, so nach dem Motto: Das hat viele Kommentare bekommen, das versuche ich jetzt noch mal. Das ist brandgefährlich, dem Leser hinterherzuschreiben. Auf Dauer ist das keine gute Idee. Aber ohne die Rückmeldung der Leser hätte mir vielleicht das Selbstbewusstsein gefehlt, so lange mit dem Blog weiterzumachen. Das letzte Kapitel über die Kreativität habe ich für das Buch geschrieben, weil ich es zusammenfassen wollte. Ich wollte die vorherigen Kapitel nicht interpretieren, sondern hielt es für das Stimmigste, über den Arbeitsprozess zu schreiben, in dem diese Kapitel entstanden sind.

 

Wie war die Arbeit an Abstract Sunday? Gab es dafür Themenvorgaben und redaktionelle Eingriffe?

Ich hatte immer, und habe auch jetzt noch, einen Redakteur, manchmal auch viele Redakteure. Das ist sehr angenehm und eher Hilfe als Einschränkung. Mit denen kann ich diskutieren, etwa über Storylines, über Wortwahl, Abläufe und so weiter. Jetzt wo es die Kolumne wieder in gedruckter Form gibt, ist der Druck natürlich etwas höher. Es wird schon härter gekämpft, gerade auch was den Platz betrifft. Das bedeutet aber keine Einschränkung. Ich hatte noch nie eine Idee, die mir die Redakteure dann abgelehnt hätten. Da habe ich recht freie Hand.

 

Aus Du hast in Abstract City auch einiges mit Lego erstellt. Stammt diese Begeisterung für Lego aus Deiner Kindheit und ist das etwas sehr Deutsches oder verstehen die Amerikaner das auch?

Mit Lego, glaube ich, sind die Amerikaner genau so verrückt wie wir. Betrachtet man die Reaktion im Internet, war das wohl das mit Abstand Erfolgreichste im gesamten Buch. Dabei hat mich sehr gefreut, dass das nicht nur in New York, sondern weltweit funktioniert hat.

 

Lachen Deutsche und Amerikaner an unterschiedlichen Stellen?

Das ist immer so ein leidiges Thema. Wenn etwa Briten und Amerikaner sagen: „Schaut her, er ist ein Deutscher und er ist lustig!“ Als ob sich das ausschließen würde! Da denke ich mir dann: Wenn ihr Deutsch sprechen würdet, und dann mal Max Goldt lest, dann würdet ihr merken, dass Humor in Deutschland gar nicht so selten ist. Wenn man aber natürlich sein Deutschen-Bild aus den Nachkriegs-Fernsehserien zusammenzimmert, dann ist es kein Wunder, dass man glaubt, Deutsche hätten keinen Humor. Jeder Deutsche, der mal nach Großbritannien oder in die USA kommt und versucht, geistreich zu sein, merkt, wie brutal schwierig das ist. Man fühlt sich dann schnell als Depp. Das geht natürlich jedem so. Aber da diese Leute nun mal Englisch sprechen, meinen sie wohl, dass sie besonders geistreich sind. Das versuche ich dann immer geflissentlich zu ignorieren.

 

Aus Harter Themenwechsel zur Animation, die Du ja online auch manchmal verwendest: Wann, denkst Du, sind Animationen sinnvoll und wann überflüssig?

Ich liebe Animationen und deswegen denke ich, je öfter, desto besser. Die Frage ist: Was ist das Ziel? Wenn ich etwa einen Cartoon für den New Yorker habe, also ein Bild und einen Text, dann geht es darum, wie bei jeder Geschichte: 100 Prozent sind perfekt, aber 120 Prozent sind deshalb längst nicht noch perfekter. Sondern manchmal schlechter. Oder eigentlich fast immer schlechter. Wenn Bild und Zeichnung zusammenpassen, dann bringt es auch nichts, wenn das Männchen zusätzlich noch herumtanzt. Das verwirrt dann eher. Es gibt wahnsinnig viele Möglichkeiten. Wenn ich eine Animation ins Netz stelle, muss sie sich wiederholen, sie muss also in einem Loop laufen. Das macht den Erzählbogen schwierig, da die Geschichte ja immer wieder von vorne anfängt. Der Spannungsbogen läuft auf das Ende hinaus. Da gibt es einige Probleme. Die Erzählstruktur bei Animation ist auch ganz anders als bei Standbildern, weil der Leser nicht Zeit hat, Luft zu holen.

Ich habe gemerkt, dass das gleichzeitige Zeigen von Bild und Text es den Lesern fast unmöglich macht, sich auf das dargestellte zu konzentrieren. Lieber trennen, erst den Text zeigen, dann den Leser verdauen lassen und erst danach das Bild zeigen. Das sind aber eher so kleine technische Sachen. Das ganz große Problem bei Animationen ist, dass es wahnsinnig aufwändig ist! Ich habe da oft das Problem, dass die Machbarkeit dann die Geschichte bestimmt. Mitunter gerät dann die eigentliche Geschichte bei beeindruckenden Animationen auch etwas in den Hintergrund, nach dem Motto: Schau mal, was ich Tolles animieren kann! Ich denke, das muss sich auf Dauer immer die Balance halten. Die Geschichte muss gut erzählt sein und das, was technisch passiert, muss im Dienste der Geschichte sein. Wenn eine Geschichte nur vom Visuellen lebt, ist es eigentlich immer langweilig.

 

Abstract City ist sehr autobiographisch gehalten. Du bist jetzt also ein junger Vater. Steven Spielberg sagte, dass Kinder für ihn als kreativen Menschen super sind, weil sie einen selbst auch jung halten. Geht Dir das auch so?

Zum einen öffnen Kinder ein neues Kapitel, weil es so viele neue Geschichten gibt. Andererseits finde ich das eher schwierig, denn ich will in meinen Geschichten nicht zu persönlich werden. Meine innige Beziehung zu meinen Kindern lässt sich auch nicht auf die Leser übertragen. Es gibt kaum was Langweiligeres, als wenn einem jemand private Anekdoten von seinen Kindern erzählt. Was man mit Kindern erlebt, ist viel zu persönlich und damit eher unbrauchbar für spannende Geschichten. Denn außer einem selbst hat dazu niemand einen Bezug.

 

Hat sich der Sondermann eigentlich schon auf die Verkaufszahlen ausgewirkt?

Ich schaue, das gebe ich offen zu, schon ab und zu auf den Verkaufsrang bei den Internet-Einzelhändlern. Es läuft ganz gut. Ich weiß nie, warum es gut läuft. Beschweren kann ich mich nicht und ich denke, es gab auch einen Verkaufsanstieg nach der Messe. Aber ob das dann fünf Bücher sind oder mehr? Ich glaube aber, dass bereits fünf Bücher am Tag den Verkaufsrang stark beeinflussen können. Aber ich weiß, dass das Buch in Deutschland sehr gut läuft und der Sondermann hat seinen Teil dazu beigetragen.

 

Also ist es nicht nur gut für die Motivation, sondern so ein Preis zahlt sich auch finanziell aus?

Das dürfte eher ein langsamer Prozess sein. Auf Dauer wird man mehr wahrgenommen. Ein Redakteur bemerkt einen, dann kommt der nächste, und so weiter. Vor einer Weile wurde ein Bericht mit mir auf Arte ausgestrahlt. Die Medien, die zahlenmäßig richtig was bewegen, sind, glaube ich, Zeitung, Fernsehen und Radio. Das sind die, die wirklich einen Unterschied machen. Eine Preisverleihung ist eher der Anstoß für die Medien, über die Preisträger zu berichten.

 

Ich fand Abstract City schon vor der Preisverleihung sehr gelungen, aber dass ich in Frankfurt war, ist tatsächlich ein Auslöser für das Interview. Hast Du inzwischen mit Deiner Zeit in New York abgeschlossen und lebst jetzt dauerhaft in Berlin?

Ich bin sehr oft in New York und ein Großteil meiner Arbeit ist auch dort. Nach wie vor bestehen dort enge Bindungen für mich. Weggegangen bin ich, um noch mal Neues zu erleben. Inzwischen denke ich nicht mehr darüber nach, woher die Aufträge kommen. Emotional und beruflich ist New York für mich nach wie vor die Hauptbühne, privat nicht mehr so sehr.

 

Was ist als nächstes geplant, kommt ein zweites Buch von Dir? Wären Comic und Graphic Novel Medien für Dich?

Ich bin immer am Bücher planen. Ein auf einer Kolumne mit Kartoffeldruck basierendes Kinderbuch ist geplant. Ich möchte auf jeden Fall auch wieder ein Buch mit Kolumnen machen. Die sind in den letzten zwei Jahren formell immer unvorhersehbarer geworden. Material hat sich genug angesammelt, aber ich möchte ein zusammenhängendes Buch machen und auch sehen, was gedruckt funktioniert. Graphic Novel möchte ich nicht ausschließen, aber ich habe so viel Ehrfurcht davor. Dieses Geschichtenerzählen will gelernt sein und dem will ich mich eher langsam nähern. Denkbar wäre eine Mischform. Vor einer Weile habe ich für das Zeit-Magazin Robert Crumb interviewt. In der Hauptsache ging es darin um Crumbs Werk. Am Rande fand darin auch meine Arbeit statt. In dieser Richtung könnte ich mir eine Annäherung an das Thema vorstellen. Aber ein klassischer 48-seitiger Comic würde mich reizen, ich traue es mir aber momentan nicht zu.

 

Um den Bogen zu schließen: Würdest Du gerne weg vom Humor und hin zum Düsteren und Ernsten?

Irgendwann hätte ich schon den professionellen Ehrgeiz, auszuprobieren, ob ich das kann. Ernste Themen wie Hunger, Krieg und Vertreibung sind auch als Zeichnung immer schwierig. Da muss ich prüfen: Was habe ich zu diesen Themen zu sagen? Ich bin kein Journalist. Ich gehe nicht in den Sudan und meine dann von meinem bequemen Schreibtisch aus etwas zu den großen, traurigen Themen der Welt beitragen zu müssen. Wie man auch solche Themen angeht, bleibt sicher etwas, das ich weiterverfolge.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Veranstaltungshinweis: Am Freitag, den 15. März 2013 findet im Martin-Gropius-Bau in Berlin das „Comic-Gipfeltreffen“ statt, bei dem Christoph Niemann und Journalist Andreas Platthaus mit Chris Ware über dessen Comic Jimmy Corrigan sprechen.

christophniemann.com
Abstract City bei Knesebeck
Blog „Abstract Sunday“ bei der New York Times

 

Abbildungen: © Christoph Niemann
Foto: © Stefan Svik

Hades-Syndrom 6 – Endspiel

Cover Hades-Syndrom 6Die Miniserie Hades-Syndrom von Michael Feldmann ist wahrer Underground. Das merkt man allein schon an dem Mut, Erotik und Gewalt expliziter zu zeigen, als das man es bei einem Mainstreamverlag tun dürfte. Und es ist immer wieder schön, wenn auch in Deutschland eine Undergroundserie hergestellt wird und nicht nur welche aus anderen Ländern übernommen werden. Mit dem sechsten Heft „Endspiel“ liegt nun der Abschluss der Reihe vor, deren erste fünf Ausgaben wir hier besprochen haben.

Die Lage könnte für die Hauptpersonen rosiger sein: Dodo ist gefangen, ihr Freund Nuke befindet sich bei den dubiosen Verbündeten, die ihn stark unter Druck setzen. Ein wichtiger Mitstreiter liegt im Sterben und die Machthaber nutzen die Situation nach der Bombenexplosion aus, um die Grenzen neu zu ziehen. Doch nichts kann Nuke aufhalten, seine Freundin zu retten. Doch lebt sie überhaupt noch?

Nun liegt also nach einer etwas längeren Wartezeit der finale Streich des Hades-Syndroms vor. Die Spannung steigt und steigt und … die Auflösung enttäuscht. Schade, denn gerade das letzte Heft hatte großes Potential, weil darin so viele verschiedene Konflikte geschürt worden waren, dass man das Finale im Grunde auf zwei Hefte hätte strecken können. Dabei enttäuscht das Heft nicht etwa deswegen, weil das Schicksal der Figuren unbefriedigend wäre. Ganz im Gegenteil, Michael Feldmann verweigert sich hier lobenswerterweise den Genrekonventionen, sondern bietet, anstelle eines versöhnlichen Endes, einen einzigen großen Cliffhanger, der viel Raum für eine eventuelle Folgeserie lässt. So eine Hintertür für eine Fortsetzung ist an sich nichts Besonderes. Mutig ist aber das Schicksal, das Feldmann seinen Helden widerfahren lässt. Und es ist geschickt, weil es aufzeigt, dass kein einziger Lebensstil den Körper verschont. Dieses Ende versöhnt den Leser etwas.

Seite aus Hades-Syndrom 6Allein, die Krux besteht in dem Weg dorthin. Dieser ist sehr sprunghaft, allzu vieles geschieht zu abrupt und ist dementsprechend unlogisch und unglaubwürdig. Gerade die Entscheidungen der Protagonisten sind alles andere als glaubwürdig und haben dadurch einen schalen Geschmack. In Sachen Action und Erotik kann das Heft aber überzeugen, beides setzt Feldmann sehr dynamisch und wirkungsvoll ein.

Wie gesagt: Der Stoff hätte auch für zwei Hefte gereicht und man merkt der Story leider den Druck (?) an, alles nun auf diesen 36 Seiten zu beenden. Dabei ist das alles graphisch durchaus gelungen und bewusst „dreckig“ gehalten, zum Beispiel mit eingearbeiteten Seitenknicken und ähnlichem. Leider ist die Panelanordnung manchmal etwas verwirrend. Etwa wenn ein großes Panel rechts angeordnet ist und die erläuternden kleinen, entgegen der Gewohnheit, links dazu stehen. Da ist man bei der Dialogführung leicht etwas hilflos. Insgesamt hätte man sich bei dieser Serie auf einen runderen Abschluss gefreut. Dennoch ist Hades-Syndrom eine unterhaltsame Serie voller Gewalt, Erotik und sozialer Kritik, die mehr als nur einen Hauch von Punk atmet.

 

Wertung5 von 10 Punkten

Der lange erwartete Abschluss der Serie läuft leider nicht sonderlich rund, kann aber mit einem Ende abseits der Genrekonventionen überraschen.

 

 

Hades-Syndrom 6 – Endspiel
TheNextArt, November 2012
Text und Zeichnungen: Michael Feldmann
36 Seiten, farbig, Heft
Preis: 6,00 Euro
Leseprobe

direkt bestellen bei TheNextArt

Abbildungen: © Michael Feldmann

Links der Woche 10/13: The old folks are losers

Unsere Links der Woche, Ausgabe 10/2013:

 

Epinephrin
Comicmatscher, Matthias Lehmann
Eine neue Geschichte von „Ronny (das Pony) & Walter“, die mit einer schönen Hommage an Crank beginnt. Bis jetzt sind erst drei Seiten online, aber neue Updates werden wohl zügig folgen.

Pooka’s Journey
jollyrotten.de, Sarah Barczyk
Ein englischsprachiger, schwarz-weißer Webcomic von Sarah Barczyk alias Jolly Rotten (die bei uns im Comicgate-Magazin 4 vertreten war) erzählt die morbid-niedlich-düstere Geschichte des Vogels Pooka, der in ein sehr tiefes Loch fällt und dabei seine Augen verliert. Neue Updates folgen hoffentlich bald.

Willkommen im Club der Blumenfreunde
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Der Fortsetzungscomic der FAZ wird seit letzter Woche von Kat Menschik bestritten, die in der Zeitung schon einmal mit ihrem Variablen Kalendarium vertreten war. Der neue Strip heißt Der goldene Grubber, wird ein halbes Jahr lang laufen und es geht darin um einen Garten und das Gärtnern. In seinem Einführungstext greift Andreas Platthaus zu, pardon, blumigen Worten: „Man könnte den ‚goldenen Grubber‘ unsere neue Gartenkolumne nennen, denn es gibt darin zahlreiche Tipps und Warnungen. Man könnte aber auch sagen: Diese Serie ist selbst ein Garten, in dem mit der Feder die buntesten Blüten gezogen werden, obwohl er konsequent schwarzweiß gehalten ist.“

ComiX4= Comics for Equality
comix4equality.eu
Unterstützt vom Programm „Grundrechte und Unionsbürgerschaft der Europäischen Union“ startet ein neuer Comicwettbewerb zu den Themen Stereotypen, Migrationsgeschichten und Bekämpfung von Rassismus. In diesen drei Kategorien gibt es je einen Jury- und einen Publikumspreis, dotiert mit je 1.000 Euro. Zum Projekt, das von verschiedenen europäischen NGOs gemeinsam durchgeführt wird, gehören neben der Website, wo alle teilnehmenden Beiträge zu sehen sein werden, auch Workshops, eine Wanderausstellung und ein Katalog mit den preisgekrönten Comics. Die Teilnahme ist allerdings beschränkt auf Zeichnerinnen und Zeichner, die selbst einen Migrationshintergrund haben.

Black Island
wemakeit, Thomas Ott
Der Schweizer Thomas Ott, bekannt durch seine Schabkarton-Comics, war letztes Jahr auf Hawaii und hat dort über 30 Tiki-Figuren gekratzt. Daraus soll nun eine Buchveröffentlichung werden, deren Druckkosten per Crowdfunding finanziert werden. Das Ziel von 6.500 Schweizer Franken wurde schon nach wenigen Tagen erreicht, es kann aber noch weiter mit-finanziert werden. Für einen Beitrag von 2.000 Franken gibt es sogar ein vom Künstler persönlich gestochenes Tattoo als Belohnung!

ComiXology Submit: Power to the Cartoonist
Wired Geekdad, Jonathan H. Liu
Comixology, mittlerweile der unangefochtene Platzhirsch auf dem Gebiet der digitalen Comics, führt den neuen Dienst „Submit“ ein, den das Unternehmen selbst als „Revolution“ beschreibt. Damit öffnet sich die Plattform, die bislang Comics von fast allen großen und kleinen Comicverlagen (außer Dark Horse) digital vertreibt, auch unabhängigen Zeichnern, die ihre Comics im Selbstverlag veröffentlichen. Comixology Submit verbindet damit das digitale „Self-Publishing“ mit der großen Zahl von potenziellen Kunden, die einen Account bei Comixology und deren Apps installiert haben. Für die Künstler entstehen dabei keine Kosten, die Einnahmen werden Halbe-Halbe geteilt. Comixology übernimmt jedoch nicht alle eingereichten Comics, sondern unterzieht sie einem „approval process“. Zum Start gibt es gleich ein paar Werke von prominenten Indie-Comiczeichnern wie Becky Cloonan, Richard Stevens (Diesel Sweeties), Shannon Wheeler (Too Much Coffee Man) oder Jake Parker. Die beiden letzteren sprechen im Interview über die neue Plattform und was sie sich davon erhoffen.

Life over fifty
Howard Beale strikes back!
Ordster’s Random Thoughts, Jerry Ordway
Jerry Ordway, ein mittlerweile 55-jähriger Zeichner, Autor und Tuscher, der seit 1980 vor allem für DC Comics gearbeitet hat (u.a. Adventures of Superman und als Inker für Crisis on Infinite Earths), klagt in einem Eintrag auf seinem Blog über seine Situation in den letzten Jahren. Bis vor kurzem hatte er zwar einen Exklusivvertrag bei DC Comics, bekam vom Verlag aber kaum noch Aufträge, schon gar nicht für eine länger laufende Serie. Sein unzufriedenes Fazit: „I want to work, I don’t want to be a nostalgia act, remembered only for what I did 20, 30 years ago.“ Ebenso interessant: sein Folgeeintrag ein paar Tage später, in dem er noch mehr ins Detail geht und ein paar Appelle an seine Leser richtet.

Iron Man 3 Trailer – Homemade Shot for Shot
YouTube, CineFix
Eine sehr charmante, selbstgemachte Amateurversion des Trailers zu Iron Man 3 im Stil der „geswedeten“ Videos aus dem Film Be Kind, Rewind (Abgedreht):

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Hellblazer – Eine Rückschau auf die frühen Jahre (Teil 3 von 3)

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Cover des ersten und letzten Hefts von HellblazerNach fast 25 Jahren und 300 Einzelheften stellt DC die Serie Hellblazer ein. Vergangene Woche erschien die letzte Ausgabe, ab März erfolgt ein Neustart unter dem Titel Constantine. Diese neue Serie wird dann nicht mehr beim Erwachsenen-Label Vertigo angesiedelt sein, sondern zum regulären DC-Universum gehören. In einem dreiteiligen Artikel blickt Christian Muschweck zurück auf die ersten elf Jahre von Hellblazer, auf die Vorgeschichte, die Anfänge und die besten Jahre einer Serie, die ein Vierteljahrhundert lang ein Aushängeschild für Vertigo war.

(Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing)
(Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano)

 

Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre

Killiney, Irland: Am Ortsrand befindet sich ein alter Turm, direkt am Ufer der Irischen See. Dort lebt Brendan Finn, ein alter Freund von Constantine. John Constantine, so erfahren wir von Garth Ennis, hat dort zusammen mit Brendan und dessen Freundin Kit die glücklichsten Tage seines Lebens verbracht. Es war für ihn Zeit seines Lebens eine Oase des Rückzugs, in der die drei Freunde nichts fürchten mussten und sich der süßen Verantwortungslosigkeit und dem hemmungslosen Konsum von Alkohol und Opium hingeben konnten. Ein romantisches Idyll. Lange ist es her (Bild 14).

Bild 14, Hellblazer 50 (Ennis, Simpson)

John Constantine besucht seinen Freund nach langer Zeit. John ist inzwischen unheilbar an Lungenkrebs erkrankt und vielleicht, so denkt er, könnte ihm sein Freund Brendan, ein Mystiker mit einer Vorliebe für Alkohol und andere Genussgifte, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber auch Brendan ist vom Alkohol gezeichnet und seine Freundin Kit hat ihn vor langer Zeit verlassen. Im Keller seines Domizils hat Brendan einen lange verschütteten Brunnen entdeckt, der bereits vom Heiligen Patrick von Irland persönlich gesegnet worden war. Brendan Finn, pragmatischer Zauberer der er ist, hat an diesem Ort eine ganz besondere Magie für sich ersonnen: Ein Hexagramm, sechs brennende Kerzen und eine Beschwörung reichen aus, um das Heilige Wasser in seinem Keller zwar nicht in Wein, aber in Guinness zu verwandeln. Aber Brendan hat einen hohen Preis für diese Gabe bezahlt: Er hat seine Seele dafür dem Teufel verschrieben – der klassische faustische Deal eines altmodischen Menschen. Und wie es der Zufall so will, gerade an dem Abend, als Constantine zu Besuch ist, macht Brendans Leber ihre letzten Zuckungen, – den ganzen Abend mit John zu saufen gab ihr den Rest – und schon steht der Teufel – The First of the Fallen – vor der Tür, um zu holen, was ihm zusteht. John Constantine gibt sich respektvoll vor der würdevollen Gestalt des Teufels. Er lädt den Höllenfürsten auf ein Glas Guinness ein, doch als dieser das Pint genussvoll leergetrunken hat, bläst John die Kerzen des Hexagramms aus. Das Bier verwandelt sich daraufhin in Weihwasser zurück, etwas, was der Teufel gar nicht verträgt. Es zerfrisst ihn von innen und John hilft mit einer zerbrochenen Flasche nach und schafft es mit roher Gewalt tatsächlich, den Teufel zu verjagen. – Und da Brendans Deal mit dem Teufel war, dass dieser seine Kollekte in der ersten Stunde nach seinem Tod machen muss, hat John es erfolgreich geschafft, seinem Kumpel den Weg in den Himmel zu ermöglichen (Bild 15).

Bild 15, Hellblazer 42 (Simpson, Ennis, Pennington)

Eine wilde Geschichte, aber Garth Ennis und sein Zeichner Will Simpson haben es geschafft, mit „Dangerous Habits wieder Schwung in die Serie zu bringen. Schon mit dem zweiten Heft hat Garth Ennis das Hauptmotiv seines Zyklus etabliert, Johns Duell mit dem Teufel. Aber jetzt muss John noch von seiner eigenen Unpässlichkeit geheilt werden: Er leidet an Lungenkrebs im Endstadium, und sein Freund Brendan war ihm ja nun gerade keine Hilfe. Deshalb lässt John sich auf das gefährlichste Spiel seines bisherigen Lebens ein und verschreibt seine Seele nacheinander dem zweiten und dem dritten Teufel der Hölle, wohl wissend, dass ihm auch der erste Teufel nach der Seele trachtet. Danach schneidet er sich die Pulsadern auf: Die Teufel erscheinen, zu holen, was ihnen zusteht, aber da jeder den gleichen Rechtsanspruch auf ihn hat, schaffen sie es nicht, sich zu einigen. Keiner gibt nach und macht dem anderen Zugeständnisse, und da man eine Eskalation des Streits um Johns Seele vermeiden will, vertagt man die Entscheidung und stellt Constantines Gesundheit erst mal wieder her, Heilung vom Krebs als willkommener Nebeneffekt inbegriffen. Das ist Krebstherapie à la Constantine, zur Nachahmung nicht empfohlen. Von da an schärfen die drei Teufel ihre Krallen und warten nur darauf, sich für die Schmach zu rächen (Bild 16).

Bild 16, Hellblazer 45 (Ennis, Simpson, Sutton)

Wie gesagt, eine wild konstruierte Geschichte, und irgendwie bleibt beim Lesen das Gefühl zurück, dass die Teufel doch etwas arg engstirnig sind. Hätten sie nicht ebenso einen Kompromiss finden können? Aber man wird bald merken, dass in Ennis‘ Welt die Mächtigen in der Regel dümmer sind als das einfache Volk. Die Mächtigen, egal ob Gott, der Erzengel Gabriel, ein Teufel oder ein Mitglied des Britischen Königshauses, ruhen schon zu lange in ihrer sicheren Position und sind dadurch nicht nur durch und durch korrupt, sondern oft auch etwas geistesträge.

 

The Lord of the Dance1

John Constantine ist bei Garth Ennis deutlich lebenslustiger angelegt als zu Delanos Zeiten. Er geht mit Kit, der Ex-Freundin seines Kumpels Brendan, eine Beziehung ein und wird sogar häuslich. Die Droge seiner Wahl ist ab sofort Alkohol und es gibt in den nächsten Heften kaum eine Episode, in der er nicht mit Kit, Chas oder diversen anderen Freunden im Pub abhängt.

An einem Weihnachtsabend – John ist gerade auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für Kit – trifft John einen kräftigen, aber etwas verwahrlosten Mann. Es handelt sich um den Lord of the Dance aus dem irischen Volkslied, der den alten, vorchristlichen Zeiten nachtrauert. Damals wurden im Winter noch Gelage und Orgien gefeiert, um die Kälte zu vertreiben, doch die christliche Religion hat dem Treiben ein Ende gesetzt und das besinnliche Weihnachtsfest eingeführt, „for the people’s delight was something they had been jealous of – simply because they had no say in it“2. Die christliche Obrigkeit hat den Leuten also in die Suppe gespuckt, sie hat sogar den Text des Lieds vom Lord of the Dance verfälscht und eine Strophe über Bethlehem eingefügt. Seitdem ist der Lord unglücklich. Seit Jahrhunderten schon findet er keine Freude mehr in der kalten Zeit. Aber dann dann kommt John, und einfühlsam wie er ist, nimmt er den Lord kurzerhand mit in einen Irish Pub, wo die Leute sogar an Weihnachten feiern und saufen. Der Lord of the Dance ist außer sich vor Freude und John Constantine hat einen neuen, mächtigen Freund (Bild 17).

Bild 17, Hellblazer 49 (Ennis, Dillon)

Eine nette kleine Geschichte, vielleicht etwas revisionistisch, die gute alte Zeit arg verklärend, aber schlicht und harmlos. Außerordentlich gelungen sind hier vor allem die Zeichnungen von Steve Dillon, der hier erstmals für Will Simpson einspringt. Sein Lord of the Dance ist ziemlich knuffig geraten, und es gibt wohl keinen Zeichner, der Dialog- und Kneipenszenen besser inszenieren kann als er. Steve Dillon ist der ideale Partner für Garth Ennis, weil er mit seiner leichten, klaren Linie Ennis‘ grimmige Geschichten etwas abfedert, und obwohl auch er ein realistischer Zeichner ist, haben seine Figuren immer eine leicht ironische Note. Aber noch war die Zeit für Dillon nicht ganz gekommen. Will Simpson, der bereits für „Dangerous Habits“ elegante Bilder fand, sollte noch für ein weiteres Jahr die Zeichenfeder führen. Es sollte ein außerordentlich blutiges Jahr werden.

 

Die königliche Familie und andere Vampire

Nach dem Lord of the Dance erscheint zunächst auch noch der Lord of the Vampires auf der Bildfläche, er möchte John Constantine auf die dunkle Seite der Macht ziehen. John Constantines Reaktion auf dieses unmoralische Angebot entspricht einmal mehr der schlichten, weltzugewandten Art, mit der Garth Ennis den Hellblazer seit neuestem charakterisiert. Auf die Frage, was an seinem langweiligen Leben denn reizvoller sei als das ausschweifende Leben hedonistischer Vampire, stellt John als Gegenfrage „Can you go for a walk in the park and hear the birds sing in the morning? Can you kiss a girl and know she loves you? Can you go out and get pissed with your mates? I can.“3 Solche Argumente genügen dem frisch verliebten Constantine, und er bringt sie überzeugt.

Zahnlos ist der neue John Constantine hingegen nicht: Als er von Sir Peter Marston unerwartet aufgesucht wird, einem Vertrauten der königlichen Familie, zeigt er sich von Anfang an von seiner fiesen und respektlosen Seite. Sir Peter bietet ihm einen Auftrag an, für den sich Constantine erst erwärmen kann, als er erfährt, welche Dimensionen der Fall hat: Ein Mitglied der königlichen Familie, ganz offensichtlich Prinz Charles, ist vom gleichen Dämon besessen wie einstmals Jack the Ripper, und jetzt streift der Besessene durch London und schlachtet Menschen ab (Bild 18).,

Bild 18, Hellblazer 52 (Ennis, Simpson)

„Royal Blood“ spart nicht mit drastischen Details, zeigt Folterszenen in großen Bildern, die von den harten Texten aber noch mühelos getoppt werden. Immer wieder driftet die Geschichte ins Gewaltpornografische ab, z.B. in einer Szene, in der der Dämon vorrübergehend seinen Wirt verlässt und dieser bei vollem Bewusstsein blutiges rohes Fleisch auskotzt. Aber auch die Art und Weise, mit der Garth Ennis die britische Upper Class darstellt, ist von ausgesuchter Geschmacklosigkeit. Im exklusiven Caligula Club geben sie sich dekadenten Abscheulichkeiten hin, die der Marquis de Sade nicht besser erfinden hätte können – Sodomie, Drogen und Mord sind hier an der Tagesordnung. Oder wie es Sir Peter erklärt „The richest, most powerful, most famous men and women come here, Constantine. We provide them with general entertainment and individual attention, ranging from simple sadistic perversion to actual murder, and they go away quite refreshed.“4

Auch Okkultismus und Satanismus wird selbstverständlich im Caligula betrieben. Es stellt sich heraus, dass der Geist von Jack the Ripper Londons Straßen heimsucht, weil Sir Peter den Thronfolger mit diesem Dämon beseelen wollte. Er wollte einen ruchlosen und gnadenlosen Herrscher an die Macht hieven und dem Empire so zu altem Glanz verhelfen.

Constantine:             You’re putting the thing that used to be Jack the Ripper in charge of us? The bastard eats people, you headcase!
Sir Peter:                   Ah, but Constantine … What has our royal family ever done except feed of the blood of the people.5
(Bild 19)

Bild 19, Hellblazer 55 (Ennis, Simpson)

Die Mächtigen sind eben in der Lage, ihren Wahnsinn auszuleben, ohne dafür belangt zu werden. Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Zum Glück gibt es John Constantine, der hier und da für Ausgleich sorgt.

Sir Peter wird auf blutige Art und Weise sein absehbares Ende finden, und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Constantine einen Repräsentanten der abgehobenen Elite auf den harten Boden der Realität zerrt. Als nächstes sollte er mit einem perfiden Attentat das Leben des Erzengels Gabriel aus den Angeln heben. Vor Constantine ist nichts heilig.

 

Constantines Anarchie

John Constantine weiß, dass der Teufel früher oder später eine Möglichkeit finden wird, ihn zu holen, und sucht nach einem Ausweg. Zufällig ist auch der Erzengel Gabriel in London, aber der wollte ihm schon bei seiner Krebserkrankung nicht helfen: Rauchen, so der Engel, habe John den Krebs gebracht, seine Sünden würden ihn in die Hölle bringen. John, so der Erzengel, sei verantwortlich für den Tod seines Vaters und der meisten seiner Freunde, außerdem sei er Zauberer, was den Menschen schlicht und einfach verboten sei (Bild 20).

Bild 20, Hellblazer 64 (Ennis, Dillon)

Gabriel:          You have broken the rules, Constantine. It is as simple as that.
Constantine: Rules? Rules? Bugger your rules! Stick them up your arse!
Gabriel:          I have warned you.
Constantine: Stick your warning up your arse too, pal! What about the bloody good I have done, then? What about it?
Gabriel:          There is more evil in your life than good, Constantine. Much more.
Constantine: Oh, I see. There’s some twat sitting somewhere with a pair of scales, is there? Measuring up good and evil in ounces? That’s your problem, mate. The whole bloody lot of you just wander about like a pack of wankers seeing everything in black and white. You were right that you’ll never understand us, okay – And I’ll tell you something else: You’re the sodding problem, not us! You’re the ones that make the frigging rules for us, and you don’t understand us!6

Constantine begehrt gegen diesen strengen Maßstab auf und schafft es sogar, den Erzengel bei Gott zu diskreditieren: Er greift dafür auf die Hilfe des Sukkubus Ellie zurück, die John einen Gefallen schuldet. Ellie verwandelt sich in eine sympathische, unschuldig wirkende junge Frau, die im Erzengel zarte Liebesgefühle weckt (Bild 21). Der Engel findet in ihr eine Schulter zum Anlehnen und alsbald eine gute Freundin, bei der er sich über seinen strengen Vater ausweinen kann. Es finden erste intime Annäherungen statt, aber als es zum Geschlechtsverkehr kommt, verwandelt sich Ellie in ihr wahres Selbst zurück und reißt dem Engel das Herz aus dem Leib. Das bringt einen Erzengel zwar nicht um, doch es reicht aus, um ihn vor Gott unmöglich zu machen. Er wird aus dem Himmel verstoßen und muss fortan ohne Mittel alleine auf der Erde überleben. Constantine behält indes das Herz des Erzengels, um es bei Bedarf als Druckmittel gegen ihn einzusetzen.

Bild 21, Hellblazer 65 (Ennis, Dillon)

Es ist eine bitterböse Episode, denn der Erzengel hat neben seiner Arroganz durchaus auch menschlich anrührende Züge, als treuer Soldat des Herrn erfüllte er eben seine Pflicht, ohne seine Taten je zu hinterfragen. Mittellos muss der Verstoßene nun sein Leben auf der Erde verbringen, der Gnade von John Constantine ausgeliefert. „Why is it …“ sagt er mit gebrochenen Flügeln zu Constantine, „…when people like you see something good and pure and beautiful … that you have to kick it down and drag it through the mud?“ Johns Antwort lautet „If you have to ask you’ll never know.“7(Bild 22)

Bild 22, Hellblazer 66 (Ennis, Dillon)

Constantine geht mit dem Erzengel überaus skrupellos um. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Gabriel als Repräsentant der arroganten Macht für das steht, was Constantine ablehnt. In Hellblazer sitzen durchwegs die falschen Personen an den Hebeln der Macht, und die mit Macht einhergehende Korruption stellt sicher, dass das auch so bleibt. Dieser Missbrauch von Macht zieht sich in Hellblazer durch alle Milieus, von den obersten Schaltzentralen, wo Gott und der Teufel schalten und walten, bis in die sozialen Brennpunkte der Londoner Innenstadt.

Gott gibt dem Menschen strenge Regeln vor, deren Nichteinhaltung mit ewiger Verdammnis geahndet wird. Diese Sichtweise von Garth Ennis auf die Religion ist natürlich sehr verkürzt, doch zeigt gerade diese schlichte Version, wie wenig dem Menschen mit starren Regeln und einem festen Maßstab gedient ist. Als Rick, the Vic, ein vom Glauben abgefallener Priester, vom Teufel bedrängt Selbstmord begeht, findet er sich in der Hölle wieder, da Selbstmord eine Sünde ist. Da gibt es kein Hinterfragen der genaueren Umstände, keine Gnade. „Suicide is a mortal sin“8 sagt ihm der Teufel, das muss als Grund genügen. Das ist ebenso einfach wie ungerecht, außerdem ist es indiskutabel. Wenn Garth Ennis als bekennender Atheist solche Szenen schreibt, dann kann das natürlich als Tabubruch und Dark Fantasy gesehen werden. Gleichzeitig zeigt die Szene aber auch, wie ein kleiner, völlig unwichtiger Mensch von völlig überzogenen Vorgaben und von den Machtspielen seiner Übergötter zerrieben wird. Diese Interpretation ist vor allem deswegen nicht abwegig, weil sie sich in den anderen Ebenen des Hellblazer-Kosmos wiederholt, z.B. in der Londoner High Society, aber auch bei der Londoner Polizei, die einem Bekannten von John das Leben schwer macht.

Bild 23, Hellblazer 78 (Ennis, Dillon)

George Ridley ist ein junger Schwarzer in London. Sein Bruder Dez, ein Freund John Constantines, wurde von Neonazis grausam umgebracht, was George radikalisiert hat (Bild 23). Die Londoner Polizei hat George im Visier. Sie finden bei einer unangemeldeten Hausdurchsuchung eine geringe Menge Haschisch und wollen ihm deswegen ein Verfahren wegen Dealerei anhängen. Als die Polizisten George aus seiner Wohnung abführen wollen, tritt Georges Mutter dazwischen, es kommt zum Handgemenge und Georges Mutter verunglückt tödlich, als sie die Treppe herunterfällt. „Shiiiitt“, sagt einer der Polizisten. „Well … I mean people trip all the time. Our word against Sambo’s, innit?“9 Die Polizisten sind also nicht nur rabiat und besitzen wenig Augenmaß, sondern vertuschen auch ihren Totschlag und sind rassistisch. George greift daraufhin zu seiner illegalen Waffe, schießt auf die Polizisten und flüchtet in den Untergrund.

Unterstützung findet George bei anderen teils radikalen Schwarzen in seinem Viertel, die es aus Solidarität zu George sogar zu Unruhen in London kommen lassen. John Constantine versucht, George zur Mäßigung zu bringen, muss aber merken, dass er keinen Einfluss auf Menschen hat, wenn es nicht um eigennützige Motive geht. Als die Polizei schwer gerüstet im Viertel einrückt, um die Herausgabe von George zu fordern, kommt es tatsächlich zu Unruhen (Bild 24). Aber sogar hier ist die Eskalation von Korruption beeinflusst, denn eine Gruppe von Kriminellen möchte durch die Eskalation sicherstellen, dass die Polizei sich nie wieder ins Viertel wagt, so dass sie unbehelligt ihren Drogengeschäften nachgehen kann.

Bild 24, Hellblazer 80 (Ennis, Dillon)

Kein Wunder also, dass John Constantine dieser von Korruption durchtränkten Welt den Rücken kehrt und nach eigenen Regeln lebt. In der letzten Storyline, „Rake at the Gates of Hell“10, mischt er sich allerdings ein. Emma, eine alte Freundin von ihm, ist zur drogensüchtigen Prostituierten geworden (Bild 25). John möchte sie retten, muss aber miterleben, dass sie von ihrem Zuhälter verfolgt und schwer verletzt wird und dass er mit seiner guten Tat auch die Menschen in seinem Umfeld – wie so oft – gefährdet. John heuert daraufhin über seinen Kumpel Chas zwei Schläger an, um Vergeltung für Emmas Misshandlung zu üben. Aber diese Vergeltung aus Hass gibt ihm keinen Frieden. Er muss erkennen, dass die Welt sich nicht ändert, nur weil man Konflikte eskalieren lässt. Am Ende vertraut er sich gar einem Priester an und gesteht diesem sein menschliches Versagen und seine Angst vor dem Teufel.

Bild 25, Hellblazer 78 (Ennis, Dillon)

Priester:         If you are in such terrible danger, why are you taking it so calmly?
John:                          I dunno, father. I had a bloke beaten to a pulp earlier this evening. That sound calm to you?
Priester:         You did what?
John:                          I must’ve been off the bleedin‘ rocker. I’ve never done anything like it before in me life, y’know.11

Danach zählt er die Ansammlung von Verlusten und Schicksalsschlägen der letzten Tage auf und erzählt weiter: „Everything’s coming to bits in me hands and it’s so easy to just see red and now, shit, they could’ve killed the tosser for all I know. And now I’m just like the bastards I’ve hated all my life! Kill him! Fire him! Close them down! Piss all over him! Screw you, I can do whatever I want! I so much as blink and you’re dead, pal! I’m in charge.“12 John merkt, wie oft er sich inzwischen selbst zur Autorität über Leben und Tod aufgeschwungen hat und ekelt sich vor sich selbst (Bild 26).

So gesehen, ist die Figur John Constantine weniger egozentrisch und böse, als oft angenommen wird und wie er oft selbst von anderen Autoren interpretiert wird. Er versucht eben, außerhalb von erfundenen und willkürlichen Hierarchien zu leben, die den Menschen knebeln und in Rollen zwingen, in denen er nicht sein möchte.

Bild 26, Hellblazer 81 (Ennis, Dillon)

Das Einreißen von Hierarchien ist bei Garth Ennis‘ Comics bekanntermaßen ein Dauerthema, und während in seinen Hellblazer-Comics nur der Teufel und ein Engel vom Thron gestoßen werden, ist es in seiner späteren Serie Preacher Gott selbst, der am Ende getötet wird. Nie wieder sollte Ennis allerdings so konzentriert und ernsthaft die Unmöglichkeit aufzeigen, die Dinge dauerhaft zum Besseren zu verändern, wie in Hellblazer. Die einzige realistische Möglichkeit, für Gerechtigkeit zu sorgen, ist bei Ennis‘ Hellblazer stets die Mitmenschlichkeit im Kleinen. Zum Glück finden auch solche kleinen Gesten in seinen Geschichten immer wieder ihren Platz. Es ist schon erstaunlich, wie Garth Ennis es immer wieder schafft, trotz seiner oft derben Geschichten immer wieder deutlich erkennen zu lassen, dass er das Herz eben doch am rechten Fleck hat.

 

2013: Das Ende und ein Neuanfang

Lange ist es her, dass diese herausragenden Geschichten ihre Leser von Monat zu Monat fesselten. Seither gab es viele weitere Autoren für John Constantine, von denen einige, vor allem Mike Carey und Andy Diggle, den Hellblazer-Kosmos sehr originell weiterentwickelten, während die Geschichten von Brian Azzarello schon beinahe zu viel Eigenständigkeit hatten und außer dem Namen der Hauptfigur wenig Gemeinsamkeit mit den ersten Jahren mehr hatten. Auch zeichnerisch gab es sehr unterschiedliche, fast immer herausragende Interpretationen und ich werde irgendwann sicherlich die Zeit finden, auch die restlichen Jahre dieser stets bemerkenswerten Reihe noch einmal genauer zu betrachten.

Mit der Rückführung der Figur John Constantine in das DC-Universum schließt sich ein Kreis, denn auch Alan Moore hatte die Figur ja ursprünglich für den Superhelden-Kosmos konzipiert. Es kann allerdings getrost bezweifelt werden, dass die Figur noch einmal so präzise und differenziert charakterisiert wird wie bei Garth Ennis und Jamie Delano. Dafür sind die derzeitigen DC-Reihen zu hektisch und zu sehr darauf ausgelegt, mit großen Überplots epische Handlungen zu suggerieren, obwohl vieles davon nur Blendwerk ist. Nahezu jede neue Reihe, die ich bisher kennengelernt habe, ist gerade dabei, einen großen Konflikt mit einem großen Big Bad zu entwickeln und in beinahe jeder Reihe geht es irgendwie darum, die Welt zu retten, was im Grunde genommen wesentlich weniger episch ist, als der Kampf um eine einzige Seele, wie ihn Jamie Delano und Garth Ennis durchgespielt haben.

Aber so schnell wird die Qualität der Serie Hellblazer nicht vergessen werden und vielleicht kommt nach der derzeitigen Phase der großen Mega-Crossover zwischen Serien ja wieder eine ruhigere Zeit, in der Substanz und Charakterentwicklung wieder wichtig sein werden. Bis dahin müssen die Fans sich eben an dem alten Material erfreuen, denn die letzten 300 Hellblazer-Hefte sind ein Schatz, den uns zum Glück niemand mehr wegnehmen kann.

 

Zurück zu Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing

Zurück zu Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano

Zu Teil 4: Die Paul-Jenkins-Jahre

Zu Teil 5: Hellblazer 1998 bis 2001



1 Ein Youtube-Video zum Lord of the Dance findet sich hier

2 „Denn die Freude der Menschen war etwas, auf das sie neidisch waren – weil sie darüber keine Macht hatten.“

3 „Kannst du vielleicht am Morgen im Park spazieren gehen und den Vögeln lauschen? Kannst du ein Mädchen küssen, von dem du weißt, dass sie dich liebt? Kannst du dir zu jeder Zeit mit deinen Kumpels die Kante geben? Ich schon.“

4 „Die reichsten, mächtigsten und berühmtesten Männer und Frauen treffen sich hier, Constantine. Wir bieten ihnen Ablenkung und erfüllen bei Bedarf auch individuelle Wünsche, von simplen sadistischen Perversionen bis zum Mord, alles zur vollsten Zufriedenheit.“

5 „Ihr bringt das Ding, das Jack the Ripper war, auf den Thron? Der Bastard frisst Menschen, du Irrer.“ – „Aber Constantine … Hat sich die Königliche Familie je von etwas anderem ernährt als vom Blut des Volks?“

6 „Du hast dich nicht an die Regeln gehalten, Constantine. Ganz einfach.“ – „Regeln? Regeln? Schieb dir deine Regeln in den Arsch.“ – „Ich hab dich gewarnt.“ – „Und die Warnungen schieb dir auch in den Arsch, Kumpel! Was ist mit dem vielen Guten, was ich getan habe? Na?“ – „Es gibt mehr Böses als Gutes in deinem Leben, Constantine. Viel mehr.“ – „Ach so. Da sitzt irgendwo einer mit einer Waage und wiegt Gut und Böse in Gramm. Das ist euer Problem, Kumpel. Eure ganze verdammte Gesellschaft ist ein Haufen Flachwixer, die alles in Schwarz und Weiß sehen. Du hast schon recht, wenn du sagst, dass du uns nie verstehen wirst, jawohl – und ich sag dir noch etwas: Ihr seid das verflixte Problem, nicht wir. Ihr macht uns die verdammten Vorschriften und habt von uns keine Ahnung.“

7 „Sag mir …warum Leute wie du alles Gute, Reine und Schöne dieser Welt in den Dreck zerren müssen.“ – „Wenn du diese Frage stellen musst, wirst du es nie verstehen.“

8 „Selbstmord ist eine Todsünde.“

9 „Scheiiiße. Aber Leute rutschen auch ständig aus. Wem wird der Richter wohl glauben? Dem Bimbo oder uns?“

10 Rake at the Gates of Hell ist ein Songtitel der Punkband The Pogues. Garth Ennis ist dafür bekannt, das er sehr häufig Zitate dieser Band in seine Geschichten und seine Titel einbaut.

11 „Wenn du in so großer Gefahr bist, wie kannst du dann so gelassen bleiben?“ – „Ich weiß nicht, Vater. Vorhin habe ich einen Typen zusammenschlagen lassen. Ist das in Ihren Augen gelassen?“ – „Du hast was?“ – „Irgendwas muss in mir durchgerissen sein. Ich habe so etwas noch nie davor gemacht, wissen Sie.“

12 „Alles zerfällt, sobald ich es anfasse. Es ist so leicht, durchzudrehen und jetzt, scheiße … die haben den Wixer wahrscheinlich umgebracht. Ich bin genau wie die anderen Arschlöcher, die ich mein ganzes Leben lang gehasst habe. Töten! Erschießen! Zumachen! Fertigmachen! Fickt euch alle! Ich mach was ich will! Ein Blick und du bist tot, Kumpel! Ich bin der Boss.“

 

Abbildungen: © DC Comics

Berichte aus Russland

Cover Berichte aus RusslandIn den letzten Jahren sind vermehrt Reportagen auf dem Comicmarkt zu finden. Nachdem Joe Sacco als einer der Pioniere die Richtung vorgab, sind vor allem Reportagecomics aus dem politischen und historischen Bereich zu finden. Wobei beides kaum voneinander zu trennen ist. Natürlich sind solche Arbeiten zeitlich eingegrenzt und können, wenn sie reine Fakten wiedergeben, recht schnell veraltet sein. Die Mischung aus Journalismus und zeichnerischer Kunst kann zudem nicht immer von Vorteil sein, da entweder die journalistischen Regeln oder die graphischen Elemente leiden können. Es sei denn, es wird Wert darauf gelegt, wie die beteiligten Menschen die historischen Ereignisse erlebt haben und was sie dabei empfanden. Emotionale Momentaufnahmen quasi in einem zeitgeschichtlichen Gemälde.

Und genau das schafft Igort mit seinem Band Berichte aus Russland. Wie schon im Vorgänger Berichte aus der Ukraine bezieht er sich nicht direkt auf tagesaktuelle Ereignisse, sondern geht in die jüngere Vergangenheit, um eher ein Psychogramm von Bevölkerungsteilen der russischen Gesellschaft zu entwerfen als aktuelle Strömungen zu thematisieren. Ausgehend von dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja im Jahr 2006 dröselt Igort die Umstände der Tat auf und sucht nach den Motiven. So taucht er in die düstere und brutale Welt des Kaukasuskrieges ein, da Politkowskaja immer wieder darüber berichtet und sich für die Opfer auf beiden Seiten engagiert hatte. In Gesprächen mit Soldaten, Offizieren, Angehörigen und Opfern wird das sehr erschütternde Bild eines Krieges gezeichnet, der keinerlei Menschenrechtskonventionen mehr kennt und unbarmherzig geführt wird.

Seite aus Berichte aus RusslandDen Berichten aus Russland ist zu keinem Zeitpunkt die typische Distanz einer Reportage anzumerken. Igort vermeidet zwar eine direkt auf einen emotionalen Effekt abzielende Ansprache des Lesers, aber die geschilderten Tatsachen allein reichen schon aus, den Leser zu erschüttern und zu bewegen. Am Anfang des Bandes ist es etwas erstaunlich und störend, dass keinerlei roter Faden ersichtlich ist. Es gibt keine These, keinen richtigen Aufhänger, lediglich die Trauer um eine mutige Frau. Da schlingert der Comic noch etwas herum.

Zeitliche Sprünge erschweren zusätzlich ein einheitliches Bild. Warum diese überhaupt vorkommen, ist zunächst nicht ersichtlich und inhaltlich nicht zwingend. Später wird das aber doch deutlich. Denn Igort möchte die russische Seele erkunden und zeigt anhand dieser Sprünge nicht nur den historischen Zeitraum des Konflikts im Kaukasus auf, sondern betont auch die Leidensfähigkeit der russischen Seele. Es gibt wohl wenige Völker, die über einen so großen historischen Zeitraum so viel gelitten haben wie die Russen. Das schlägt sich im kollektiven Bewusstsein nieder. Da sind die letzten Seiten bezeichnend, die bewegen und voller Hoffnung sind. Man kann das Volk noch so oft niederschlagen, es steht wieder auf und macht weiter.

Dennoch ist der Band eine Anklage gegen die Verrohung und die grausamen Taten des russischen Militärs, welches nicht einmal vor den eigenen Leuten Halt macht. Das ist erschreckend, abstoßend und lässt den Leser voller hilfloser Wut zurück. Die systematische Entmenschlichung macht einen fassungslos. Manchmal sind Igorts Bilder dazu recht brav, dann aber wieder extrem und allein schon von den Andeutungen her äußerster Horror. Beeindruckend sind vor allem seine expressiven Bilder, die Grausamkeiten nicht detailliert schildern, was effekthaschend gewesen wäre, sondern eher den psychischen Effekt auf die Opfer aufzeigen. Gerade diese Szenen sind es, die nachhaltig auf den Leser wirken.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Erschreckende und bewegende Reportage über den Tschetschenienkrieg und die dazugehörige Entmenschlichung

 

Berichte aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus
Reprodukt, September 2012
Text und Zeichnungen: Igort
Übersetzung: Federica Matteoni
176 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-943-14337-9
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt