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Hellblazer – Eine Rückschau auf die frühen Jahre (Teil 3 von 3)

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Cover des ersten und letzten Hefts von HellblazerNach fast 25 Jahren und 300 Einzelheften stellt DC die Serie Hellblazer ein. Vergangene Woche erschien die letzte Ausgabe, ab März erfolgt ein Neustart unter dem Titel Constantine. Diese neue Serie wird dann nicht mehr beim Erwachsenen-Label Vertigo angesiedelt sein, sondern zum regulären DC-Universum gehören. In einem dreiteiligen Artikel blickt Christian Muschweck zurück auf die ersten elf Jahre von Hellblazer, auf die Vorgeschichte, die Anfänge und die besten Jahre einer Serie, die ein Vierteljahrhundert lang ein Aushängeschild für Vertigo war.

(Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing)
(Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano)

 

Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre

Killiney, Irland: Am Ortsrand befindet sich ein alter Turm, direkt am Ufer der Irischen See. Dort lebt Brendan Finn, ein alter Freund von Constantine. John Constantine, so erfahren wir von Garth Ennis, hat dort zusammen mit Brendan und dessen Freundin Kit die glücklichsten Tage seines Lebens verbracht. Es war für ihn Zeit seines Lebens eine Oase des Rückzugs, in der die drei Freunde nichts fürchten mussten und sich der süßen Verantwortungslosigkeit und dem hemmungslosen Konsum von Alkohol und Opium hingeben konnten. Ein romantisches Idyll. Lange ist es her (Bild 14).

Bild 14, Hellblazer 50 (Ennis, Simpson)

John Constantine besucht seinen Freund nach langer Zeit. John ist inzwischen unheilbar an Lungenkrebs erkrankt und vielleicht, so denkt er, könnte ihm sein Freund Brendan, ein Mystiker mit einer Vorliebe für Alkohol und andere Genussgifte, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber auch Brendan ist vom Alkohol gezeichnet und seine Freundin Kit hat ihn vor langer Zeit verlassen. Im Keller seines Domizils hat Brendan einen lange verschütteten Brunnen entdeckt, der bereits vom Heiligen Patrick von Irland persönlich gesegnet worden war. Brendan Finn, pragmatischer Zauberer der er ist, hat an diesem Ort eine ganz besondere Magie für sich ersonnen: Ein Hexagramm, sechs brennende Kerzen und eine Beschwörung reichen aus, um das Heilige Wasser in seinem Keller zwar nicht in Wein, aber in Guinness zu verwandeln. Aber Brendan hat einen hohen Preis für diese Gabe bezahlt: Er hat seine Seele dafür dem Teufel verschrieben – der klassische faustische Deal eines altmodischen Menschen. Und wie es der Zufall so will, gerade an dem Abend, als Constantine zu Besuch ist, macht Brendans Leber ihre letzten Zuckungen, – den ganzen Abend mit John zu saufen gab ihr den Rest – und schon steht der Teufel – The First of the Fallen – vor der Tür, um zu holen, was ihm zusteht. John Constantine gibt sich respektvoll vor der würdevollen Gestalt des Teufels. Er lädt den Höllenfürsten auf ein Glas Guinness ein, doch als dieser das Pint genussvoll leergetrunken hat, bläst John die Kerzen des Hexagramms aus. Das Bier verwandelt sich daraufhin in Weihwasser zurück, etwas, was der Teufel gar nicht verträgt. Es zerfrisst ihn von innen und John hilft mit einer zerbrochenen Flasche nach und schafft es mit roher Gewalt tatsächlich, den Teufel zu verjagen. – Und da Brendans Deal mit dem Teufel war, dass dieser seine Kollekte in der ersten Stunde nach seinem Tod machen muss, hat John es erfolgreich geschafft, seinem Kumpel den Weg in den Himmel zu ermöglichen (Bild 15).

Bild 15, Hellblazer 42 (Simpson, Ennis, Pennington)

Eine wilde Geschichte, aber Garth Ennis und sein Zeichner Will Simpson haben es geschafft, mit „Dangerous Habits wieder Schwung in die Serie zu bringen. Schon mit dem zweiten Heft hat Garth Ennis das Hauptmotiv seines Zyklus etabliert, Johns Duell mit dem Teufel. Aber jetzt muss John noch von seiner eigenen Unpässlichkeit geheilt werden: Er leidet an Lungenkrebs im Endstadium, und sein Freund Brendan war ihm ja nun gerade keine Hilfe. Deshalb lässt John sich auf das gefährlichste Spiel seines bisherigen Lebens ein und verschreibt seine Seele nacheinander dem zweiten und dem dritten Teufel der Hölle, wohl wissend, dass ihm auch der erste Teufel nach der Seele trachtet. Danach schneidet er sich die Pulsadern auf: Die Teufel erscheinen, zu holen, was ihnen zusteht, aber da jeder den gleichen Rechtsanspruch auf ihn hat, schaffen sie es nicht, sich zu einigen. Keiner gibt nach und macht dem anderen Zugeständnisse, und da man eine Eskalation des Streits um Johns Seele vermeiden will, vertagt man die Entscheidung und stellt Constantines Gesundheit erst mal wieder her, Heilung vom Krebs als willkommener Nebeneffekt inbegriffen. Das ist Krebstherapie à la Constantine, zur Nachahmung nicht empfohlen. Von da an schärfen die drei Teufel ihre Krallen und warten nur darauf, sich für die Schmach zu rächen (Bild 16).

Bild 16, Hellblazer 45 (Ennis, Simpson, Sutton)

Wie gesagt, eine wild konstruierte Geschichte, und irgendwie bleibt beim Lesen das Gefühl zurück, dass die Teufel doch etwas arg engstirnig sind. Hätten sie nicht ebenso einen Kompromiss finden können? Aber man wird bald merken, dass in Ennis‘ Welt die Mächtigen in der Regel dümmer sind als das einfache Volk. Die Mächtigen, egal ob Gott, der Erzengel Gabriel, ein Teufel oder ein Mitglied des Britischen Königshauses, ruhen schon zu lange in ihrer sicheren Position und sind dadurch nicht nur durch und durch korrupt, sondern oft auch etwas geistesträge.

 

The Lord of the Dance1

John Constantine ist bei Garth Ennis deutlich lebenslustiger angelegt als zu Delanos Zeiten. Er geht mit Kit, der Ex-Freundin seines Kumpels Brendan, eine Beziehung ein und wird sogar häuslich. Die Droge seiner Wahl ist ab sofort Alkohol und es gibt in den nächsten Heften kaum eine Episode, in der er nicht mit Kit, Chas oder diversen anderen Freunden im Pub abhängt.

An einem Weihnachtsabend – John ist gerade auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für Kit – trifft John einen kräftigen, aber etwas verwahrlosten Mann. Es handelt sich um den Lord of the Dance aus dem irischen Volkslied, der den alten, vorchristlichen Zeiten nachtrauert. Damals wurden im Winter noch Gelage und Orgien gefeiert, um die Kälte zu vertreiben, doch die christliche Religion hat dem Treiben ein Ende gesetzt und das besinnliche Weihnachtsfest eingeführt, „for the people’s delight was something they had been jealous of – simply because they had no say in it“2. Die christliche Obrigkeit hat den Leuten also in die Suppe gespuckt, sie hat sogar den Text des Lieds vom Lord of the Dance verfälscht und eine Strophe über Bethlehem eingefügt. Seitdem ist der Lord unglücklich. Seit Jahrhunderten schon findet er keine Freude mehr in der kalten Zeit. Aber dann dann kommt John, und einfühlsam wie er ist, nimmt er den Lord kurzerhand mit in einen Irish Pub, wo die Leute sogar an Weihnachten feiern und saufen. Der Lord of the Dance ist außer sich vor Freude und John Constantine hat einen neuen, mächtigen Freund (Bild 17).

Bild 17, Hellblazer 49 (Ennis, Dillon)

Eine nette kleine Geschichte, vielleicht etwas revisionistisch, die gute alte Zeit arg verklärend, aber schlicht und harmlos. Außerordentlich gelungen sind hier vor allem die Zeichnungen von Steve Dillon, der hier erstmals für Will Simpson einspringt. Sein Lord of the Dance ist ziemlich knuffig geraten, und es gibt wohl keinen Zeichner, der Dialog- und Kneipenszenen besser inszenieren kann als er. Steve Dillon ist der ideale Partner für Garth Ennis, weil er mit seiner leichten, klaren Linie Ennis‘ grimmige Geschichten etwas abfedert, und obwohl auch er ein realistischer Zeichner ist, haben seine Figuren immer eine leicht ironische Note. Aber noch war die Zeit für Dillon nicht ganz gekommen. Will Simpson, der bereits für „Dangerous Habits“ elegante Bilder fand, sollte noch für ein weiteres Jahr die Zeichenfeder führen. Es sollte ein außerordentlich blutiges Jahr werden.

 

Die königliche Familie und andere Vampire

Nach dem Lord of the Dance erscheint zunächst auch noch der Lord of the Vampires auf der Bildfläche, er möchte John Constantine auf die dunkle Seite der Macht ziehen. John Constantines Reaktion auf dieses unmoralische Angebot entspricht einmal mehr der schlichten, weltzugewandten Art, mit der Garth Ennis den Hellblazer seit neuestem charakterisiert. Auf die Frage, was an seinem langweiligen Leben denn reizvoller sei als das ausschweifende Leben hedonistischer Vampire, stellt John als Gegenfrage „Can you go for a walk in the park and hear the birds sing in the morning? Can you kiss a girl and know she loves you? Can you go out and get pissed with your mates? I can.“3 Solche Argumente genügen dem frisch verliebten Constantine, und er bringt sie überzeugt.

Zahnlos ist der neue John Constantine hingegen nicht: Als er von Sir Peter Marston unerwartet aufgesucht wird, einem Vertrauten der königlichen Familie, zeigt er sich von Anfang an von seiner fiesen und respektlosen Seite. Sir Peter bietet ihm einen Auftrag an, für den sich Constantine erst erwärmen kann, als er erfährt, welche Dimensionen der Fall hat: Ein Mitglied der königlichen Familie, ganz offensichtlich Prinz Charles, ist vom gleichen Dämon besessen wie einstmals Jack the Ripper, und jetzt streift der Besessene durch London und schlachtet Menschen ab (Bild 18).,

Bild 18, Hellblazer 52 (Ennis, Simpson)

„Royal Blood“ spart nicht mit drastischen Details, zeigt Folterszenen in großen Bildern, die von den harten Texten aber noch mühelos getoppt werden. Immer wieder driftet die Geschichte ins Gewaltpornografische ab, z.B. in einer Szene, in der der Dämon vorrübergehend seinen Wirt verlässt und dieser bei vollem Bewusstsein blutiges rohes Fleisch auskotzt. Aber auch die Art und Weise, mit der Garth Ennis die britische Upper Class darstellt, ist von ausgesuchter Geschmacklosigkeit. Im exklusiven Caligula Club geben sie sich dekadenten Abscheulichkeiten hin, die der Marquis de Sade nicht besser erfinden hätte können – Sodomie, Drogen und Mord sind hier an der Tagesordnung. Oder wie es Sir Peter erklärt „The richest, most powerful, most famous men and women come here, Constantine. We provide them with general entertainment and individual attention, ranging from simple sadistic perversion to actual murder, and they go away quite refreshed.“4

Auch Okkultismus und Satanismus wird selbstverständlich im Caligula betrieben. Es stellt sich heraus, dass der Geist von Jack the Ripper Londons Straßen heimsucht, weil Sir Peter den Thronfolger mit diesem Dämon beseelen wollte. Er wollte einen ruchlosen und gnadenlosen Herrscher an die Macht hieven und dem Empire so zu altem Glanz verhelfen.

Constantine:             You’re putting the thing that used to be Jack the Ripper in charge of us? The bastard eats people, you headcase!
Sir Peter:                   Ah, but Constantine … What has our royal family ever done except feed of the blood of the people.5
(Bild 19)

Bild 19, Hellblazer 55 (Ennis, Simpson)

Die Mächtigen sind eben in der Lage, ihren Wahnsinn auszuleben, ohne dafür belangt zu werden. Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Zum Glück gibt es John Constantine, der hier und da für Ausgleich sorgt.

Sir Peter wird auf blutige Art und Weise sein absehbares Ende finden, und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Constantine einen Repräsentanten der abgehobenen Elite auf den harten Boden der Realität zerrt. Als nächstes sollte er mit einem perfiden Attentat das Leben des Erzengels Gabriel aus den Angeln heben. Vor Constantine ist nichts heilig.

 

Constantines Anarchie

John Constantine weiß, dass der Teufel früher oder später eine Möglichkeit finden wird, ihn zu holen, und sucht nach einem Ausweg. Zufällig ist auch der Erzengel Gabriel in London, aber der wollte ihm schon bei seiner Krebserkrankung nicht helfen: Rauchen, so der Engel, habe John den Krebs gebracht, seine Sünden würden ihn in die Hölle bringen. John, so der Erzengel, sei verantwortlich für den Tod seines Vaters und der meisten seiner Freunde, außerdem sei er Zauberer, was den Menschen schlicht und einfach verboten sei (Bild 20).

Bild 20, Hellblazer 64 (Ennis, Dillon)

Gabriel:          You have broken the rules, Constantine. It is as simple as that.
Constantine: Rules? Rules? Bugger your rules! Stick them up your arse!
Gabriel:          I have warned you.
Constantine: Stick your warning up your arse too, pal! What about the bloody good I have done, then? What about it?
Gabriel:          There is more evil in your life than good, Constantine. Much more.
Constantine: Oh, I see. There’s some twat sitting somewhere with a pair of scales, is there? Measuring up good and evil in ounces? That’s your problem, mate. The whole bloody lot of you just wander about like a pack of wankers seeing everything in black and white. You were right that you’ll never understand us, okay – And I’ll tell you something else: You’re the sodding problem, not us! You’re the ones that make the frigging rules for us, and you don’t understand us!6

Constantine begehrt gegen diesen strengen Maßstab auf und schafft es sogar, den Erzengel bei Gott zu diskreditieren: Er greift dafür auf die Hilfe des Sukkubus Ellie zurück, die John einen Gefallen schuldet. Ellie verwandelt sich in eine sympathische, unschuldig wirkende junge Frau, die im Erzengel zarte Liebesgefühle weckt (Bild 21). Der Engel findet in ihr eine Schulter zum Anlehnen und alsbald eine gute Freundin, bei der er sich über seinen strengen Vater ausweinen kann. Es finden erste intime Annäherungen statt, aber als es zum Geschlechtsverkehr kommt, verwandelt sich Ellie in ihr wahres Selbst zurück und reißt dem Engel das Herz aus dem Leib. Das bringt einen Erzengel zwar nicht um, doch es reicht aus, um ihn vor Gott unmöglich zu machen. Er wird aus dem Himmel verstoßen und muss fortan ohne Mittel alleine auf der Erde überleben. Constantine behält indes das Herz des Erzengels, um es bei Bedarf als Druckmittel gegen ihn einzusetzen.

Bild 21, Hellblazer 65 (Ennis, Dillon)

Es ist eine bitterböse Episode, denn der Erzengel hat neben seiner Arroganz durchaus auch menschlich anrührende Züge, als treuer Soldat des Herrn erfüllte er eben seine Pflicht, ohne seine Taten je zu hinterfragen. Mittellos muss der Verstoßene nun sein Leben auf der Erde verbringen, der Gnade von John Constantine ausgeliefert. „Why is it …“ sagt er mit gebrochenen Flügeln zu Constantine, „…when people like you see something good and pure and beautiful … that you have to kick it down and drag it through the mud?“ Johns Antwort lautet „If you have to ask you’ll never know.“7(Bild 22)

Bild 22, Hellblazer 66 (Ennis, Dillon)

Constantine geht mit dem Erzengel überaus skrupellos um. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Gabriel als Repräsentant der arroganten Macht für das steht, was Constantine ablehnt. In Hellblazer sitzen durchwegs die falschen Personen an den Hebeln der Macht, und die mit Macht einhergehende Korruption stellt sicher, dass das auch so bleibt. Dieser Missbrauch von Macht zieht sich in Hellblazer durch alle Milieus, von den obersten Schaltzentralen, wo Gott und der Teufel schalten und walten, bis in die sozialen Brennpunkte der Londoner Innenstadt.

Gott gibt dem Menschen strenge Regeln vor, deren Nichteinhaltung mit ewiger Verdammnis geahndet wird. Diese Sichtweise von Garth Ennis auf die Religion ist natürlich sehr verkürzt, doch zeigt gerade diese schlichte Version, wie wenig dem Menschen mit starren Regeln und einem festen Maßstab gedient ist. Als Rick, the Vic, ein vom Glauben abgefallener Priester, vom Teufel bedrängt Selbstmord begeht, findet er sich in der Hölle wieder, da Selbstmord eine Sünde ist. Da gibt es kein Hinterfragen der genaueren Umstände, keine Gnade. „Suicide is a mortal sin“8 sagt ihm der Teufel, das muss als Grund genügen. Das ist ebenso einfach wie ungerecht, außerdem ist es indiskutabel. Wenn Garth Ennis als bekennender Atheist solche Szenen schreibt, dann kann das natürlich als Tabubruch und Dark Fantasy gesehen werden. Gleichzeitig zeigt die Szene aber auch, wie ein kleiner, völlig unwichtiger Mensch von völlig überzogenen Vorgaben und von den Machtspielen seiner Übergötter zerrieben wird. Diese Interpretation ist vor allem deswegen nicht abwegig, weil sie sich in den anderen Ebenen des Hellblazer-Kosmos wiederholt, z.B. in der Londoner High Society, aber auch bei der Londoner Polizei, die einem Bekannten von John das Leben schwer macht.

Bild 23, Hellblazer 78 (Ennis, Dillon)

George Ridley ist ein junger Schwarzer in London. Sein Bruder Dez, ein Freund John Constantines, wurde von Neonazis grausam umgebracht, was George radikalisiert hat (Bild 23). Die Londoner Polizei hat George im Visier. Sie finden bei einer unangemeldeten Hausdurchsuchung eine geringe Menge Haschisch und wollen ihm deswegen ein Verfahren wegen Dealerei anhängen. Als die Polizisten George aus seiner Wohnung abführen wollen, tritt Georges Mutter dazwischen, es kommt zum Handgemenge und Georges Mutter verunglückt tödlich, als sie die Treppe herunterfällt. „Shiiiitt“, sagt einer der Polizisten. „Well … I mean people trip all the time. Our word against Sambo’s, innit?“9 Die Polizisten sind also nicht nur rabiat und besitzen wenig Augenmaß, sondern vertuschen auch ihren Totschlag und sind rassistisch. George greift daraufhin zu seiner illegalen Waffe, schießt auf die Polizisten und flüchtet in den Untergrund.

Unterstützung findet George bei anderen teils radikalen Schwarzen in seinem Viertel, die es aus Solidarität zu George sogar zu Unruhen in London kommen lassen. John Constantine versucht, George zur Mäßigung zu bringen, muss aber merken, dass er keinen Einfluss auf Menschen hat, wenn es nicht um eigennützige Motive geht. Als die Polizei schwer gerüstet im Viertel einrückt, um die Herausgabe von George zu fordern, kommt es tatsächlich zu Unruhen (Bild 24). Aber sogar hier ist die Eskalation von Korruption beeinflusst, denn eine Gruppe von Kriminellen möchte durch die Eskalation sicherstellen, dass die Polizei sich nie wieder ins Viertel wagt, so dass sie unbehelligt ihren Drogengeschäften nachgehen kann.

Bild 24, Hellblazer 80 (Ennis, Dillon)

Kein Wunder also, dass John Constantine dieser von Korruption durchtränkten Welt den Rücken kehrt und nach eigenen Regeln lebt. In der letzten Storyline, „Rake at the Gates of Hell“10, mischt er sich allerdings ein. Emma, eine alte Freundin von ihm, ist zur drogensüchtigen Prostituierten geworden (Bild 25). John möchte sie retten, muss aber miterleben, dass sie von ihrem Zuhälter verfolgt und schwer verletzt wird und dass er mit seiner guten Tat auch die Menschen in seinem Umfeld – wie so oft – gefährdet. John heuert daraufhin über seinen Kumpel Chas zwei Schläger an, um Vergeltung für Emmas Misshandlung zu üben. Aber diese Vergeltung aus Hass gibt ihm keinen Frieden. Er muss erkennen, dass die Welt sich nicht ändert, nur weil man Konflikte eskalieren lässt. Am Ende vertraut er sich gar einem Priester an und gesteht diesem sein menschliches Versagen und seine Angst vor dem Teufel.

Bild 25, Hellblazer 78 (Ennis, Dillon)

Priester:         If you are in such terrible danger, why are you taking it so calmly?
John:                          I dunno, father. I had a bloke beaten to a pulp earlier this evening. That sound calm to you?
Priester:         You did what?
John:                          I must’ve been off the bleedin‘ rocker. I’ve never done anything like it before in me life, y’know.11

Danach zählt er die Ansammlung von Verlusten und Schicksalsschlägen der letzten Tage auf und erzählt weiter: „Everything’s coming to bits in me hands and it’s so easy to just see red and now, shit, they could’ve killed the tosser for all I know. And now I’m just like the bastards I’ve hated all my life! Kill him! Fire him! Close them down! Piss all over him! Screw you, I can do whatever I want! I so much as blink and you’re dead, pal! I’m in charge.“12 John merkt, wie oft er sich inzwischen selbst zur Autorität über Leben und Tod aufgeschwungen hat und ekelt sich vor sich selbst (Bild 26).

So gesehen, ist die Figur John Constantine weniger egozentrisch und böse, als oft angenommen wird und wie er oft selbst von anderen Autoren interpretiert wird. Er versucht eben, außerhalb von erfundenen und willkürlichen Hierarchien zu leben, die den Menschen knebeln und in Rollen zwingen, in denen er nicht sein möchte.

Bild 26, Hellblazer 81 (Ennis, Dillon)

Das Einreißen von Hierarchien ist bei Garth Ennis‘ Comics bekanntermaßen ein Dauerthema, und während in seinen Hellblazer-Comics nur der Teufel und ein Engel vom Thron gestoßen werden, ist es in seiner späteren Serie Preacher Gott selbst, der am Ende getötet wird. Nie wieder sollte Ennis allerdings so konzentriert und ernsthaft die Unmöglichkeit aufzeigen, die Dinge dauerhaft zum Besseren zu verändern, wie in Hellblazer. Die einzige realistische Möglichkeit, für Gerechtigkeit zu sorgen, ist bei Ennis‘ Hellblazer stets die Mitmenschlichkeit im Kleinen. Zum Glück finden auch solche kleinen Gesten in seinen Geschichten immer wieder ihren Platz. Es ist schon erstaunlich, wie Garth Ennis es immer wieder schafft, trotz seiner oft derben Geschichten immer wieder deutlich erkennen zu lassen, dass er das Herz eben doch am rechten Fleck hat.

 

2013: Das Ende und ein Neuanfang

Lange ist es her, dass diese herausragenden Geschichten ihre Leser von Monat zu Monat fesselten. Seither gab es viele weitere Autoren für John Constantine, von denen einige, vor allem Mike Carey und Andy Diggle, den Hellblazer-Kosmos sehr originell weiterentwickelten, während die Geschichten von Brian Azzarello schon beinahe zu viel Eigenständigkeit hatten und außer dem Namen der Hauptfigur wenig Gemeinsamkeit mit den ersten Jahren mehr hatten. Auch zeichnerisch gab es sehr unterschiedliche, fast immer herausragende Interpretationen und ich werde irgendwann sicherlich die Zeit finden, auch die restlichen Jahre dieser stets bemerkenswerten Reihe noch einmal genauer zu betrachten.

Mit der Rückführung der Figur John Constantine in das DC-Universum schließt sich ein Kreis, denn auch Alan Moore hatte die Figur ja ursprünglich für den Superhelden-Kosmos konzipiert. Es kann allerdings getrost bezweifelt werden, dass die Figur noch einmal so präzise und differenziert charakterisiert wird wie bei Garth Ennis und Jamie Delano. Dafür sind die derzeitigen DC-Reihen zu hektisch und zu sehr darauf ausgelegt, mit großen Überplots epische Handlungen zu suggerieren, obwohl vieles davon nur Blendwerk ist. Nahezu jede neue Reihe, die ich bisher kennengelernt habe, ist gerade dabei, einen großen Konflikt mit einem großen Big Bad zu entwickeln und in beinahe jeder Reihe geht es irgendwie darum, die Welt zu retten, was im Grunde genommen wesentlich weniger episch ist, als der Kampf um eine einzige Seele, wie ihn Jamie Delano und Garth Ennis durchgespielt haben.

Aber so schnell wird die Qualität der Serie Hellblazer nicht vergessen werden und vielleicht kommt nach der derzeitigen Phase der großen Mega-Crossover zwischen Serien ja wieder eine ruhigere Zeit, in der Substanz und Charakterentwicklung wieder wichtig sein werden. Bis dahin müssen die Fans sich eben an dem alten Material erfreuen, denn die letzten 300 Hellblazer-Hefte sind ein Schatz, den uns zum Glück niemand mehr wegnehmen kann.

 

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Zu Teil 4: Die Paul-Jenkins-Jahre

Zu Teil 5: Hellblazer 1998 bis 2001



1 Ein Youtube-Video zum Lord of the Dance findet sich hier

2 „Denn die Freude der Menschen war etwas, auf das sie neidisch waren – weil sie darüber keine Macht hatten.“

3 „Kannst du vielleicht am Morgen im Park spazieren gehen und den Vögeln lauschen? Kannst du ein Mädchen küssen, von dem du weißt, dass sie dich liebt? Kannst du dir zu jeder Zeit mit deinen Kumpels die Kante geben? Ich schon.“

4 „Die reichsten, mächtigsten und berühmtesten Männer und Frauen treffen sich hier, Constantine. Wir bieten ihnen Ablenkung und erfüllen bei Bedarf auch individuelle Wünsche, von simplen sadistischen Perversionen bis zum Mord, alles zur vollsten Zufriedenheit.“

5 „Ihr bringt das Ding, das Jack the Ripper war, auf den Thron? Der Bastard frisst Menschen, du Irrer.“ – „Aber Constantine … Hat sich die Königliche Familie je von etwas anderem ernährt als vom Blut des Volks?“

6 „Du hast dich nicht an die Regeln gehalten, Constantine. Ganz einfach.“ – „Regeln? Regeln? Schieb dir deine Regeln in den Arsch.“ – „Ich hab dich gewarnt.“ – „Und die Warnungen schieb dir auch in den Arsch, Kumpel! Was ist mit dem vielen Guten, was ich getan habe? Na?“ – „Es gibt mehr Böses als Gutes in deinem Leben, Constantine. Viel mehr.“ – „Ach so. Da sitzt irgendwo einer mit einer Waage und wiegt Gut und Böse in Gramm. Das ist euer Problem, Kumpel. Eure ganze verdammte Gesellschaft ist ein Haufen Flachwixer, die alles in Schwarz und Weiß sehen. Du hast schon recht, wenn du sagst, dass du uns nie verstehen wirst, jawohl – und ich sag dir noch etwas: Ihr seid das verflixte Problem, nicht wir. Ihr macht uns die verdammten Vorschriften und habt von uns keine Ahnung.“

7 „Sag mir …warum Leute wie du alles Gute, Reine und Schöne dieser Welt in den Dreck zerren müssen.“ – „Wenn du diese Frage stellen musst, wirst du es nie verstehen.“

8 „Selbstmord ist eine Todsünde.“

9 „Scheiiiße. Aber Leute rutschen auch ständig aus. Wem wird der Richter wohl glauben? Dem Bimbo oder uns?“

10 Rake at the Gates of Hell ist ein Songtitel der Punkband The Pogues. Garth Ennis ist dafür bekannt, das er sehr häufig Zitate dieser Band in seine Geschichten und seine Titel einbaut.

11 „Wenn du in so großer Gefahr bist, wie kannst du dann so gelassen bleiben?“ – „Ich weiß nicht, Vater. Vorhin habe ich einen Typen zusammenschlagen lassen. Ist das in Ihren Augen gelassen?“ – „Du hast was?“ – „Irgendwas muss in mir durchgerissen sein. Ich habe so etwas noch nie davor gemacht, wissen Sie.“

12 „Alles zerfällt, sobald ich es anfasse. Es ist so leicht, durchzudrehen und jetzt, scheiße … die haben den Wixer wahrscheinlich umgebracht. Ich bin genau wie die anderen Arschlöcher, die ich mein ganzes Leben lang gehasst habe. Töten! Erschießen! Zumachen! Fertigmachen! Fickt euch alle! Ich mach was ich will! Ein Blick und du bist tot, Kumpel! Ich bin der Boss.“

 

Abbildungen: © DC Comics