Neueste Artikel

Hellblazer – Eine Rückschau auf die frühen Jahre (Teil 2 von 3)

alt

Cover des ersten und letzten Hefts von HellblazerNach fast 25 Jahren und 300 Einzelheften stellt DC die Serie Hellblazer ein. Vergangene Woche erschien die letzte Ausgabe, ab März erfolgt ein Neustart unter dem Titel Constantine. Diese neue Serie wird dann nicht mehr beim Erwachsenen-Label Vertigo angesiedelt sein, sondern zum regulären DC-Universum gehören. In einem dreiteiligen Artikel blickt Christian Muschweck zurück auf die ersten elf Jahre von Hellblazer, auf die Vorgeschichte, die Anfänge und die besten Jahre einer Serie, die ein Vierteljahrhundert lang ein Aushängeschild für Vertigo war.

(Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing)
(Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre)

 

Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano

John Constantine erwies sich als populär genug, dass er 1988 seine eigene Heftserie erhielt. Ursprünglich sollte die Reihe Hellraiser heißen, doch da dieser Titel bereits durch Clive Barker besetzt war, entschied man sich für das ähnlich klingende Hellblazer. Von Anfang an wurde auch diese Reihe von britischen Künstlern gestaltet und Autor Jamie Delano machte vom ersten Heft an klar, dass er mit der üblichen Superhelden-Mythologie des DC-Verlags nicht viel am Hut hatte.

Natürlich ist ein Magier wie John Constantine kein bürgerlicher Mensch im klassischen Sinne. Das Umfeld, das Jamie Delano der Figur gab, geht über das, was bisher im Comic geboten wurde, allerdings weit hinaus. Ein solches Sammelsurium von unsympathischen und zwielichtigen Figuren, wie es in den ersten beiden Hellblazer-Heften auftritt, war im amerikanischen Mainstream bisher unbekannt. Constantine erhält Besuch von seinem alten Kumpel Gary Lester, der sich in einer selbstverschuldeten Notlage befindet. Lester ist wie Constantine Okkultist und Magier, er ist außerdem ein völlig verwahrloster Junkie. Die Ausübung von Magie und die damit verbundene Macht ist für Lester die ultimative Droge, für die er über Leichen geht (Bild 4). Lester ist damit ein Zerrbild von Constantine, ein Süchtiger, der den Stoff nicht verträgt und an ihm zugrunde geht. John Constantine ist an diesem Zustand nicht unschuldig, hatte er doch Lester in jungen Jahren zu eben diesem Lebensstil verführt, dem dieser letztlich nicht gewachsen war.

Bild 4, Hellblazer 1 (Delano, Ridgway, Alcala)   Bild 5, Hellblazer 1 (Delano, Ridgway, Alcala)

Ebenso deutlich wird in dieser ersten Geschichte aber auch, warum Constantine ein so unwiderstehliches Vorbild ist: Im Grunde ist er ein Verweigerer bürgerlicher – aber nicht menschlicher – Werte. Er hat erkannt, dass die kapitalistische Gesellschaft nur eine Folie ist, hinter der sich die tatsächliche Welt erst verbirgt. Da Constantine den Code kennt, mit dem die Wahrnehmung seiner Mitmenschen vorformuliert ist, ist es ihm ein leichtes, Menschen zu manipulieren. Bereits in der ersten Geschichte ist die Rede davon, dass er beim Glücksspiel mit Gangstern 50.000 Dollar gewonnen hat. Im gleichen Zusammenhang macht Constantine klar, dass Geld für ihn ebenfalls nur Teil der aktuellen gesellschaftlichen Fiktion ist: „Forget about the money“, sagt er in Heft 1 zu Papa Midnite, dem Gangsterboss und Voodoo-Meister, „I’m talking about the real world“1 (Bild 5). Geld ist also kein Teil der realen Welt, nur des derzeit etablierten Trugbilds. Magie, Zombies, Geister und Dämonen dagegen sind real, sie sind die tatsächlich wirkenden Kräfte hinter den Kulissen. So gesehen ist Constantine eine Art Hacker, der seine Kenntnis über den tatsächlichen Aufbau der Welt für sich nutzt. Tragisch, dass er alleine das Talent besitzt, mit diesem Lebensstil zu überleben, seine Nachahmer scheitern in aller Regel an diesem Leben ohne Regeln. Aber auch John Constantine führt dieses Leben außerhalb der Gesellschaft regelmäßig an den Abgrund.

Die Faszination der frühen Hellblazer-Hefte liegt vor allem darin, wie schlüssig die Figuren und ihre Welt dargestellt werden. Die antibürgerliche und antikapitalistische Haltung, mit der die Geschichten daherkommen, rühren an tief liegende Gefühle im Leser, denn es ist ja durchaus ein Gemeinplatz, dass etwas Grundlegendes an unserer Lebensführung nicht in Ordnung ist. In Hellblazer muss Kapitalismuskritik nicht explizit geäußert werden, sie ist in der Grundkonzeption der Reihe bereits angelegt.

Bild 6, Hellblazer 31 (Delano, Phillips)

Die frühen Hefte der Reihe sind aber keineswegs ohne Schwächen. Nach den furiosen ersten beiden Heften kommt Heft 3, eine antikapitalistische Satire über Yuppies aus der Hölle, arg durchsichtig daher. Die Mischung aus Satire und Suspense wirkt in den frühen Ausgaben noch unausgegoren und der mit Heft 4 beginnende Plot um die „Ressurection Crusaders“, eine Sekte, die die Wiedergeburt Gottes auf Erden herbeiführen möchte, beginnt bemerkenswert holprig. Schlimmer noch, gerade zu dem Zeitpunkt, als Jamie Delanos Erzählung ihren Rhythmus findet, zerschießt ein Crossover mit Rick Veitchs Swamp Thing unnötig den Erzählfluss. Aber trotz dieser Widrigkeiten ist Delano mit dieser Heftreihe zunehmend in seinem Element und etabliert im ersten Hellblazer-Jahr viele der Motive, die im Lauf der Reihe immer wieder aufgegriffen werden, z.B. John Constantines Schwester und Nichte als wichtige Bezugsfiguren (Bild 6) oder die Rückblenden auf einen katastrophal fehlgeschlagenen Exorzismus in den 70ern in Newcastle, der John Constantine einige Jahre in der Irrenanstalt Ravenscar einbrachte, wo man ihn für einen Kindsmörder hielt (Bild 7).

Bild 7, Hellblazer 8 (Delano, Ridgway, Alcala)

 

Der esoterische Constantine: Steinkreise, Stone-huggers2 und Ley-lines3

Im zweiten Jahr der Reihe fährt Jamie Delano die fantastischen Elemente zunächst drastisch zurück. John, der fälschlicherweise eines bestialischen Massakers in seiner Wohnung beschuldigt wird und von der Zeitung als „Satanist Slayer“ bezeichnet wird, muss untertauchen und findet Unterschlupf bei einer Gruppe Hippies, die die alten megalithischen Steinkreise verehren, die durch geologische Kraftlinien, sogenannte Ley-lines, in Verbindung stehen. Gerade in Gesellschaft dieser Außenseiter findet John – trotz anfänglicher Ressentiments gegen die Natur – eine Ahnung von Heimat und wird ab diesem Zeitpunkt auch deutlich sympathischer und einfühlsamer charakterisiert. Selbst das mental begabte Kind Mercury kann in seiner Seele nichts Falsches lesen. Jamie Delano nimmt sich viel Zeit, die Hippies und deren Lebensform darzustellen und entwickelt den Plot um eine sogenannte Fear Machine sehr gemächlich (Bild 8).

Es ist ziemlich eindeutig, dass Jamie Delano selbst ein Freund von alternativen, gegenkulturellen Lebenskonzepten ist – auch sein Jahre später entstandener Run für Animal Man bestätigt diese Annahme. Leider verzettelt er sich mit „The Fear Machine“ in vielen Nebenplots und versteigt sich in zunehmend obskure Ideen: Freimaurer unterwandern die englische Regierung und missbrauchen mit Hilfe mental begabter Menschen die megalithischen Steinkreise in England und Schottland. Dabei bündeln sie die Ängste von Probanden in einem Kraftfeld, der Fear Machine, und setzen sie bei Bedarf als Waffe ein. Wie Nazis jagen und internieren sie Minderheiten, um sie in einem Ritual zu schlachten, das eine schlafende Gottheit wieder wecken und den Weltuntergang herbeiführen soll. Die Helden schaffen es aber, die männlich-aggressive Magie der Verschwörer mit weiblicher Magie zu neutralisieren.

Bild 8, Hellblazer 16 (Delano, Rayner, Buckingham)

Einzelne Elemente der Geschichte sind gelungen, aber der konfuse Plot und die überbordende Esoterik nerven auf Dauer. Die Dialoge wirken wie aus einem schlechten Hörspiel – mit mühsamen Erklärungen von viel zu komplizierten, letztlich aber banalen Zusammenhängen – und auch die Zeichnungen wirken lustlos und erzeugen selbst während der blutigen Horrorszenen keine Spannung. Das änderte sich erst wieder, nachdem der mühsame Plot von „Fear Machine“ komplett abgearbeitet worden war.

Etwas Gutes erreichte Delanos Fokus auf Esoterik und heidnische Magie immerhin: Er wirft damit auch das platte Gut/Böse-Schema der meisten DC-Comics fürs Erste über Bord. Delanos Weltentwurf – auch im Comic – sieht anders aus. Es stellt sich allerdings schon die Frage, ob die prätentiöse Esoterik der „Fear Machine“-Storyline tatsächlich das ist, was der erwachsene Leser lesen möchte. Aber Jamie Delano und die Herausgeberin Karen Berger merkten wohl selbst, dass die „Fear Machine“ nicht optimal war: Die ursprünglich auf 12 Folgen angelegte Story wurde auf neun Episoden gekürzt (siehe Karen Bergers Antwort auf einen Leserbrief in Hellblazer 29). Es war den Verantwortlichen verständlicherweise wichtiger, Delanos nächste mehrteilige Story, „The Family Man“, zu veröffentlichen, bevor das Interesse der Leser an der Reihe schwinden würde. „The Family Man“ geriet überragend – Zeichnungen und Story bereichern sich gegenseitig und zeigen, zu was die Gattung Comic in der Lage sein kann, wenn die Bedingungen stimmen.

 

The Family Man

John Constantine findet Unterschlupf im Haus eines alten Bekannten, Jerry O’Flynn. Der hat es über Geschäfte mit magischen Gegenständen – bei Bedarf auch mit Drogen – zu einigem Wohlstand gebracht. Besondere Umstände ermöglichen es John, einige Zeit alleine in O‘Flynns Haus verbringen zu können, dabei findet er heraus, dass sein Kumpel nicht der harmlose Tunichtgut ist, für den er ihn immer gehalten hatte. O’Flynn war in perverse Machenschaften verstrickt, z.B. vermittelte er Memorabilia von realen, hingerichteten Serienmördern an einen perversen Horrorfan. Als das diesen Horrorfan nicht mehr befriedigte – er wollte Trophäen von noch aktiven Mördern – nahm O’Flynn Kontakt zu einem Killer namens Family Man auf, der es auf Familien mit Kindern abgesehen hat. Der Family Man ließ seinem Fan gerne blutige Andenken zukommen, O’Flynn vermittelte als Gegenleistung dem Mörder neue Adressen. An die kam er mittels einer fingierten Anzeige für eine Fernsehsendung mit Namen „Happy Families“ (Bild 9).

Bild 9, Hellblazer 24 (Delano, Tiner)

John wird durch Zufall in diese Geschäfte hineingezogen. In seiner ersten Begegnung mit dem Family Man ist dieser für ihn ein freundlicher älterer Herr, der ein Päckchen vorbeibringt und einen Umschlag abholt. Erst durch seine anschließenden Recherchen findet John heraus, dass er ungewollt dem Killer eine neue Adresse zugesteckt hat und mit dem Päckchen die Trophäe eines Verbrechens erhalten hat. Nach dieser schauderhaften Erkenntnis realisierte John, dass nun auch an seinen Händen Blut klebt. Er schwört, dem Family Man das Handwerk zu legen.

Jamie Delano hat mit dem Zeichner Ron Tiner einen kongenialen Partner gefunden, der für „The Family Man“ die ideale Erzählform wählte: Neun Panels pro Seite, jeweils gleich groß, nur bei Bedarf werden zwei Panels zusammengezogen, ansonsten kein grafischer Schnickschnack. Die gleiche Bildaufteilung hatte bereits Dave Gibbons in der wegweisenden Serie Watchmen angewendet. Beide Geschichten verbindet, dass größtmöglicher Wert auf Details und Realismus gelegt wurde.

Der Zyklus um den Family Man entwickelt sich im weiteren Verlauf der Geschichte zu einem spannenden Katz-und-Maus-Spiel: Der Family Man möchte Constantine wiederfinden und töten, da dieser der einzige ist, der ihn gesehen hat und identifizieren kann, John Constantine möchte den Killer ebenfalls stoppen und erforscht zunächst das Umfeld des Horrorfans und Trophäen-Sammlers nach Hinweisen. Die Vorgehensweise der beiden Gegner wird nahezu minutiös dargestellt und macht den Comic so zum Echtzeit-Krimi – und trotz Textlastigkeit und Informationsdichte ist kein Bild überflüssig. Nebenbei erfährt man auch, welche Mühen es Constantine inzwischen doch bereitet, an Geld zu kommen. Zu illegalen Geldwetten wird er kaum noch zugelassen, weil die Londoner Wettbüros wissen, dass Constantine immer gewinnt.

Bild 10, Hellblazer 29 (Delano, Tiner)

Während der Geschichte um den Family Man wird auch John Constantines Vater eingeführt. Zwar wird dieser schon nach zwei Seiten vom Family Man umgebracht, doch wird das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis noch länger ein Thema bleiben. John fühlte sich von seinem Vater nie akzeptiert, und der Vater wusste über seinen Sohn nichts Positives zu erzählen – ein ungelöster Konflikt, der nach dem Tod des Vaters bei John zunächst zu einem Zusammenbruch führt. Aber John weiß nun, dass der Family Man in der Nähe lauert und ihn beobachtet. Zusammen mit Chas, dem Taxifahrer, stellt er ihm eine Falle. John verbringt die Nacht vor dem Showdown mit Chas‘ Schwester Norma, einer Prostituierten, und während der Family Man um Johns Nachtquartier schleicht, wird das Haus gleichzeitig von Chas observiert, um John bei Gefahr rechtzeitig zu warnen. Nur die arme Norma ist nicht in die Gefahr eingeweiht. Sie wird in diesem Spiel nur benutzt (Bild 10).

Es ist erstaunlich, wie detailgenau und realistisch Delano und Tiner das Londoner Milieu porträtieren und dabei einen völlig anderen Blickwinkel entwickeln, als es normalerweise im Comic üblich ist. Als Beispiel sei Johns Umgang mit einer Waffe erwähnt: Während die Pistole in Film und Comic normalerweise ein durchaus angemessenes und selten hinterfragtes Mittel zum Zweck ist, einen Verbrecher zur Strecke zu bringen, ist die Rolle des Vollstreckers für John fremd und unsympathisch. Schon die Art und Weise, wie John sich bewaffnet, ist ungewöhnlich: Er erwirbt die Waffe von einem schäbigen Dealer – ein weiterer Kontakt, den ihm der ewig nützliche und treue Chas ermöglicht. Aber selbst als er den Massenmörder stellt und nach einer dramatischen Verfolgungsjagd tatsächlich erschießt, ist John von den Möglichkeiten, die eine Waffe bietet, angewidert. Er weiß, dass auch er durch den Gebrauch der Waffe zum Mörder geworden ist und damit das Kainsmahl trägt, das er nie wieder abwaschen können wird (Bild 11).

Bild 11, Hellblazer 29 (Delano, Tiner)

 

Geistergeschichten

Die ersten 40 Hellblazer-Hefte sind – obwohl größtenteils vom gleichen Autor –sehr unterschiedlich im Stil. Waren die ersten Hefte sehr fantasylastig, näherte sich die Reihe im Laufe der Zeit einem realistischen, wenn auch esoterisch angehauchten Weltbild an. Nach dem schon fast hyperrealistischen „Family Man“ wurde die Serie wieder dezent fantastischer. Johns Nichte Gemma wird vom Geist des vom Family Man ermordeten alten Constantine heimgesucht: Er ist auf der Suche nach Erlösung, und die ist erst möglich, wenn John Constantine sich an den Schadenszauber erinnert, mit dem er einst als junger Mann im Zorn seinen Vater verhext hat – Vater Constantine hatte aus Frust über den Sohn einst John Constantines sämtliche Zauberbücher verbrannt, John verhexte ihn daraufhin aus Wut.

Bild 12, Hellblazer 35 (Delano, Phillips)

Es wird immer deutlicher: John Constantine hatte eine unglückliche Jugend. Er wird als Junge mit einer beinahe autistischen Neigung für Zahlenreihen und Muster beschrieben, der keine Freunde hat und dieses Defizit mit seiner besonderen Gabe, die Dinge zu durchschauen, kompensiert (Bild 12). Von seinem Vater erfährt er nie Liebe, nur Ablehnung, denn sein Vater macht ihn verantwortlich für den Tod der Mutter, die Johns Geburt nicht überlebte. Eigentlich hätte John einen Zwillingsbruder gehabt, aber auch dieser starb bereits als Fötus im Bauch der Mutter, aller Wahrscheinlichkeit nach von John selbst im Mutterleib durch die Nabelschnur erdrosselt. Während Johns Bruder ein kräftiges Baby gewesen wäre, war der neugeborene John untergewichtig und kränklich. „So much for natural selection“4, sagt ein Krankenpfleger ironisch, als er miterlebt, dass das kräftige Kind tot geboren wird, das wesentlich weniger überlebensfähige Baby dagegen überlebt (Bild 13).

Aber diese Subversion, diese Umkehrung des eigentlich Üblichen, ist ja eines der wiederkehrenden Motive der Reihe. John Constantine ist das schwache, unerwünschte Leben, auf das man gerne verzichten könnte, das sich aber trotzig ans Leben klammert und auch zu seinem Recht kommen will. Das ist eine Erinnerung daran, dass auch die Elite und die Starken ihr Recht zur Bevorzugung nicht immer verdient haben – und wenn die Defizite eines benachteiligten Lebens nur durch Magie ausgeglichen werden können, dann ist Magie eben das unlautere Mittel zum Zweck.

Bild 13, Hellblazer 39 (Delano, Pugh)

Dieser grimmige Entstehungsmythos wird in Delanos letzten Heft, „The Magus“, noch einmal umgedreht: In einer drogenumnebelten Nacht hat John Constantine eine Vision, in der das schwächliche Kind stirbt und der starke Junge überlebt. Das schwache Kind wird schnell vergessen. Es war nun mal zu schwach zum Überleben, so wollte es die Natur. Im Gegensatz zum realen John wird dieses Kind im Leben nur Liebe und Zuneigung erfahren. Er wird sich ebenfalls für den Weg der Magie entscheiden und im Laufe seines Lebens zum Archetyp des Magiers entwickeln, wie er auf Tarotkarten dargestellt ist. Aber auch diese spiegelbildliche Version von Johns Leben wird nicht in der Lage sein, wahrhaftig glücklich zu werden, da ihm das Entscheidende fehlt: Der menschliche Makel. Ohne diesen Makel bleibt er letztlich menschlich uninteressant, im Gegensatz zum realen John Constantine, dessen Unzulänglichkeiten einhergehen mit einer ausgeprägten Empathie für alles, was ebenfalls wie er von Schwäche und Makel befallen ist und von der Autorität und den Mächtigen oft übergangen wird.

Jamie Delanos letzte Hellblazer-Hefte sind überladen mit esoterischer Symbolik und Tarot-Bezügen, aber sie runden die Reihe ab und geben Delanos Run ein überzeugendes harmonisches Ende, in dem auch das Schlechte im Leben seinen Sinn erhält – und nicht wie oft nur unterdrückt oder bestraft wird. Ein guter Schlusspunkt, aber das Prinzip der Serie fordert natürlich eine Fortsetzung: Bereits einen Monat später sollte der junge Garth Ennis das Ruder übernehmen. Er sollte den Constantine-Kosmos gehörig durchrütteln.

 

Fortsetzung folgt in Teil 3: Hellblazer – Die Garth-Ennis-Jahre

Zu Teil 4: Die Paul-Jenkins-Jahre

Zu Teil 5: Hellblazer 1998 bis 2001

Zurück zu Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing

 



1 „Vergiss das Geld. Ich rede über die echte Welt.“

3 Ley lines auf Wikipedia

4 „So viel zum Thema natürliche Auslese.“

 

Abbildungen: © DC Comics

Marsu Kids 1 – Frisch geschlüpft

Cover Marsu Kids 1 Comics für Kinder: längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eher die Ausnahme, wie der Besuch eines beliebigen Comic-Shops beweist. Wieso sollte sich ein 11-jähriges Kind gegen Smartphone und Videospiel und für einen Comic entscheiden? Ein Manga oder ein Superhelden-Heft pro Monat liegt noch im Taschengeld-Budget. Aber da sind ja dann noch die Eltern und Großeltern, die den lieben Kleinen mal etwas Hübsches und Sinnvolles schenken wollen. Die greifen dann, gerade bei Kindern zwischen 5 und 8 Jahren, eher zum Bewährten, gerne auch zu Dingen, mit denen sie bereits groß wurden: Lego, Playmobil oder Asterix. So ungefähr, könnte ich mir vorstellen, wurde die Reihe Marsu Kids ersonnen: Wir nehmen eine knuffige, bewährte Figur von früher, gestalten sie kindgerecht und geben ihr durch das Hardcover den Anstrich eines pädagogisch wertvollen Geschenks.

In diesem Fall ist es das Marsupilami, jene Fantasiegestalt aus dem Dschungel von Palumbien, die seit den Fünfziger Jahren regelmäßig in André Franquins Spirou und Fantasio-Comics auftauchte und später ihre eigene Serie bekam, die bis heute fortgeführt wird. Im Spin-Off Marsu Kids geht es nun vor allem um den Nachwuchs des Marsupilami.

Anders als Asterix und Lucky Luke, die durch die verschiedenen Ebenen ihrer Geschichten für Kinder und Erwachsene gleichermaßen funktionieren, dürfte Marsu Kids für Leser über 9 Jahren einzig zeichnerisch interessant sein. Die Dialoge hingegen bestehen, ich übertreibe nicht, fast ausschließlich aus: „Bi“, „Ha! Ha! Ha““ oder auch aus „Bi! Ha! Ha! ha!“. Es wirkt so, als hätte ein palumbianischer Diktator alles Subtile, Kluge und Interessante aus Franquins Comic zensiert. Zurück bleibt ein Gaga-Büchlein. Konnte man den Kindern früher mehr zutrauen? Die Abenteuer von Pu dem Bär oder Filme wie Findet Nemo funktionieren doch auch für die ganz Kleinen und die Großen. 

Seite aus Marsu Kids 1 Band 1 der Serie begleitet den jungen Indianerkrieger Ptipo und ein kleines Marsupilami-Baby bei ihren Streifzügen durch den Urwald Palumbiens. Dort lauert eine Vielzahl von Gefahren, wie wilde Tiere oder auch der „Weiße Mann“, der etwas von den Schätzen der Ureinwohner anhaben möchte.

Gemeinschaft, Freundschaft und Hartnäckigkeit zahlen sich aus – das ist wohl eine Botschaft dieses Comics. Mit viel Slapstick und überaus niedlich gezeichneten Figuren erleben die kleinen Leser hier Abenteuer in einer detailliert gestalteten Naturkulisse. Für die ganz Kleinen bis 4 Jahre dürfte die Schlange vielleicht zu gruselig sein. Etwas bedrohlicher als Disneys Dschungelbuch wirkt dieser Comic schon.

Der Titel „Frisch geschlüpft“ ist durchaus, unfreiwillig, passend. Lasst den Kids Zeit und schickt sie nicht zu früh raus in den Dschungel. Dort draußen lauern Sailor Moon, der BVB, Doodle Jump, die verspeisen euer drolliges Marsu zum Frühstück. Marsu Kids ist durchaus eine Oase der Unschuld, in der man nicht mit überraschenden Gewaltszenen rechnen muss. Die Idee, auf Kinder als Zielgruppe zu setzen, ist grundsätzlich zu begrüßen, aber traut dem Nachwuchs ruhig mehr zu als Hubba Hubba und Bi, Bi. So wie sich Band 1 präsentiert, ist es ein Rückschritt. Die franko-belgischen Klassiker werden nach wie vor nachgedruckt – warum den Kindern einen lahmen Ersatz vorsetzen?

 

Wertung: 5 von 10 Punkten,

Allzu kindgerechte Variante von Franquins Kultfigur, der man leider das Subtile, Kluge und Interessante ausgetrieben hat

 

Marsu Kids 1 – Frisch geschlüpft
toonfish, Mai 2012
Text: Wilbur, Didier Conrad
Zeichnungen: Didier Conrad
Übersetzung: Monja Reichert
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 12,95 Euro
ISBN: 978-3-86869-920-3
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter/toonfish

Links der Woche 9/13: That’s where they put the cyclops

Unsere Links der Woche, Ausgabe 9/2013:

 

Professor Zyklop – Monatliches Periodikum für Comics und digitale Fiktionen
arte.tv, diverse Künstler
Arte macht nicht nur Fernsehen, sondern experimentiert auf seiner Website immer wieder mit verschiedenen Formaten. Nun gibt es eine neue, monatliche Comicanthologie, konzipiert für Tablets, aber mit einem aktuellen Browser auch am PC abrufbar. Zu den Köpfen hinter Professor Zyklop zählen u.a. Cyril Pedrosa (Portugal), Hervé Tanquerelle (Die falschen Gesichter) und Fabien Vehlmann (Spirou und Fantasio). Das französische Projekt wird auch ins Deutsche übersetzt (leider nicht komplett, aber immerhin teilweise), und zwar im Hause Reprodukt, das nicht nur für eine gute Übertragung ins Deutsche, sondern auch für feines Lettering gesorgt habt. Vier der fünf auf Deutsch verfügbaren Comics der ersten Ausgabe sind ziemlich witzige Strips mit absurdem bis schwarzem Humor, der fünfte, High School Girls von Stephen Vuillemin, ist Teil 1 einer Serie, in der jedes Einzelbild animiert ist. Einen ersten Einblick gibt der (französische) Trailer:

{source}
<iframe width=“590″ height=“332″ src=“http://www.youtube.com/embed/FiufHmrEdjE“ frameborder=“0″ allowfullscreen></iframe>
{/source}

 

Jiro Taniguchi
ARD Mediathek, Druckfrisch
Für das ARD-Büchermagazin Druckfrisch besucht Denis Scheck in Tokio den Mangaka Jiro Taniguchi (Vertraute Fremde) für ein Interview.

Ära endet: RTL II trennt sich von seinen Anime im TV
Otaku Times, Daniel
Der Privatsender RTL 2 sendet seit zwanzig Jahren Anime-Serien im deutschen Fernsehen und ist damit sicher nicht ganz unschuldig an der Popularität des japanischen Zeichentrick. Nachdem der Sender schon 2011 seine tägliche Anime-Schiene beendet hat, ist nun auch bald mit dem Anime-Block am Sonntag Schluss: Ab April zeigt RTL 2 keine Anime-Serien mehr, parallel wird dafür ein Anime-Online-Kanal gestartet, auf dem zahlreiche Serien kostenlos zu sehen sein sollen.

Female Super Hero Fan Film
vimeo, Jesse V. Johnson
Wonder Woman kickt Nazi-Ärsche in diesem sehr schick gemachten, zweiminütigen Fanfilm von Stuntman Jesse V. Johnson.

Strip Search, Episode 1: Artists Assemble
Penny Arcade/Strip Search
Mike Krahulik und Jerry Holkins, die Macher des Webcomics Penny Arcade, sind mit ihrem Projekt so erfolgreich, dass sie ihr Geld immer wieder in originelle neue Projekte stecken. Wie zum Beispiel in eine neue Web-TV-Serie namens Strip Search. Ein Reality-Format nach dem Vorbild bekannter Castingshows, in dem zwölf Comiczeichner eine gemeinsame WG beziehen und sich über mehrere Wochen um die Gunst des abstimmenden Publikums streiten. Der Sieger bekommt 15.000 Dollar und darf ein Jahr bei Penny Arcade mitmachen. Folge 1 ist jetzt online, neue Folgen sind immer Dienstags und Donnerstags zu erwarten.

Justice League Dark – In The Dark (US)

Cover von Justice League Dark 1 – In The DarkWas für ein großer Nerd muss man eigentlich sein, um die neuen DC-Serien gänzlich verstehen zu können? Aus irgendeinem Grund gerät, wie wohl in ca. 51 anderen DC-Reihen, die Realität aus den Fugen, und da Magie im Spiel ist, ist die reguläre Justice League ratlos. Eine neue, dunklere Justice League muss her, mit dunklen Helden, die „eine Gefahr für sich selbst sind, was aber nicht heißt, dass sie nicht auch für andere gefährlich sein können“ (Zitat: Madame Xanadu). Natürlich muss diese dunkle Liga erst noch zusammengewürfelt werden.

Nun mögen die Figuren dieser Liga den Kennern des DC-Universums durchaus bekannt sein, den Gelegenheitsleser dürfte das Buch hingegen ziemlich überfahren, denn Peter Milligan macht auch vor sehr obskuren Bewohnern des DC-Universums nicht halt. Schlimmer noch: Einerseits sollte man die Figuren zwar am besten bereits kennen, andererseits werden sie aber teilweise auf eine neue und individuelle Weise charakterisiert, so dass durchaus von einer Neuinterpretation gesprochen werden kann. Ob man damit neue Leser findet und alte Leser bei der Stange hält?

Deadman aus Justice League Dark 1 – In The DarkGerade bei der Figurenzeichnung hat Peter Milligan allerdings einiges zu bieten. Zunächst macht es Freude, dass Shade aus der Versenkung gehoben wird. Peter Milligans Shade The Changing Man war Anfang der 1990er Jahre eine der herausragenden Reihen des DC-Verlags, und man merkt, dass es Milligan immer noch Freude bereitet, mit dieser Figur zu arbeiten. Interessant ist auch Milligans Version von Boston Brand, dem Deadman. Der kann von anderen Personen Besitz ergreifen und nutzt bei Milligan diese Fähigkeit in seiner Freizeit vor allem aus, um neue sexuelle Möglichkeiten auszuprobieren. Überhaupt handeln Milligans Comics oft von zwischenmenschlichen Problemen dieser Art, und seine Figuren haben häufig eine enorme emotionale Tiefe.

Madame Xanadu aus Justice League Dark 1 – In The DarkWeiterhin mit von der Partie sind Madame Xanadu, die hier als manipulierende, drogenbenebelte Seherin eingeführt wird, die immer leicht knuffige Zatanna, der unvermeidliche John Constantine, der in dieser Neuinterpretation etwas arg an Spike aus Buffy erinnert, und aus irgendeinem ominösen Grund auch ein seltsamer Kerl mit dem Namen Mindwarp, eine Figur aus dem verschrobenen Flashpoint-Crossover, in welchem das DC-Universum vor dem Relaunch sehr durcheinander gewürfelt worden ist. (Unter anderem wurde der Batman-Mythos in Flashpoint so grundliegend geändert, dass der kleine Bruce Wayne in der Batman-Origin-Story stirbt und sein Vater (!) daraufhin zum Batman wird.) Gerade wegen der Verwendung dieses Mindwarp frage ich mich fast, ob nicht das ganze New52-Projekt ein einziger großer Crossover-Marketinggag ist. Aber Justice League Dark ist konsistent und stimmig genug, solche Bedenken schnell zu zerstreuen.

Die Handlung in Justice League Dark – In The Dark, das die ersten sechs Hefte enthält, ist teilweise recht sprunghaft, mit stets wechselnden Orten, von denen die handelnden Personen sich oft gewollt, teils ungewollt, über magische Portale, Felder oder sonst wie hin und her beamen und sich trotzdem stets aufs neue mühelos finden. Dennoch: Trotz der dadurch teilweise auftretenden Hektik sind die Figuren gekonnt als Grenzgänger an den Grenzen der Realität charakterisiert.

Es dauert eine Weile, bis man zu dieser Reihe einen Zugang findet, aber die gute, anspruchsvolle Charakterisierung der Figuren macht neugierig auf das, was noch kommen mag. Leider wird Peter Milligan die Autorenschaft ab dem neunten Heft an den zur Zeit omnipräsenten Jeff Lemire abtreten. An diesem neuen Architekten im DC-Universum führt wohl derzeit kein Weg vorbei. Ob das eine gute Entwicklung ist?


Wertung
: acht von zehn Punkten

Ein wüstes, aber originelles und vielversprechendes Team-Up mit DC-Helden aus der zweiten Reihe

 

Justice League Dark 1 – In The Dark (US)
DC Comics, Oktober 2012
Text: Peter Milligan
Zeichnungen: Mikel Janin
144 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,99 USD
ISBN: 978-1401237042

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © DC Comics

Hellblazer – Eine Rückschau auf die frühen Jahre (Teil 1 von 3)

alt

(Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano)
(Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre)

Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing

Cover des ersten und letzten Hefts von HellblazerVon der amerikanischen Kultserie Hellblazer erschien im Februar 2013 mit der Nummer 300 das letzte Heft. Ab sofort wird die von Alan Moore kreierte Figur John Constantine nicht mehr beim DC-Imprint Vertigo zuhause sein, sondern im regulären DC-Universum. Die Nachfolgeserie Constantine ist schon in den Startlöchern und wird ebenso wie Swamp Thing und Justice League Dark in der Horrornische des „New 52-Universums von DC angesiedelt sein.

Ursprünglich war das Vertigo-Imprint von DC initiiert worden, um die erwachseneren Serien des Verlags vom Ballast des DC-Universums zu befreien und um zu vermeiden, dass die zahmeren, jugendfreien Inhalte des DC-Universums in der gleichen Welt angesiedelt sind wie die teilweise verstörenden Elemente der für ältere Leser konzipierten Serien wie Sandman oder eben Hellblazer. Das war für die entsprechenden Serien sicherlich zunächst ein Vorteil, gleichzeitig verlor das DC-Universum mit dieser Entscheidung jedoch einige seiner interessantesten und glamourösesten Figuren; vor allem Neil Gaimans Figuren Sandman und Death sowie Alan Moores John Constantine hatten schon 1993, als Vertigo startete, einen enormen Kultstatus und waren die prominenten Aushängeschilder des neuen Labels. Sehr bald stellte sich aber ein Problem ein: Vertigo war zwar in der Lage, enorm erfolgreiche Serien wie Preacher, Y-The Last Man oder Fables zu lancieren, aber die Entwicklung von erwachsenen Konzepten der Figuren aus dem traditionellen DC-Kosmos fiel schwer und wurde selten von einem breiten Publikum angenommen.

Die Reihen Animal Man und Doom Patrol wurden nach der Einbettung bei Vertigo binnen kürzester Zeit derart verfremdet, dass die Anhänger das Interesse verloren, Swamp Thing wurde immer wieder aufs Neue erfolglos für ein paar Hefte animiert und durch ständige Richtungswechsel in seiner Continuity immer konfuser, und Madame Xanadu war bereits derart nah am Mainstream, dass das Vertigo-Label in diesem Fall obsolet war. Es war also naheliegend, den Glamourfaktor der magischen und unheimlichen Figuren des DC Universums nicht länger der breiten Masse vorzuenthalten, zumal Vertigo bei seinen Eigenkreationen ohnehin besser aufgestellt ist. Zuletzt war nur noch John Constantine – Hellblazer fest bei Vertigo integriert, aber dass man im neuen DC-Universum nicht dauerhaft auf die Coolness dieser Figur verzichten wollte, war absehbar. Und jetzt, beinahe 30 Jahre nach seinem ersten Auftritt in Swamp Thing, schließt sich der Kreis: John Constantine ist wieder zurück im DC Universum und die Ära des Vertigo-Hellblazers endet endgültig. Zeit für einen Rückblick. Um den Lesefluss nicht unnötig zu stören, habe ich die Übersetzungen der englischen Originalzitate in Fußnoten und einige Randnotizen an den Schluss des Textes gesetzt.

 

John Constantine in Swamp Thing

Natürlich hätte es auch ohne Alan Moore eine Entwicklung zum anspruchsvollen Comic im amerikanischen Mainstream gegeben, denn die Zeit war dazu in den 1980ern einfach reif. Dennoch brachte Alan Moore – und auch die anderen Briten, die während dieser Zeit bei DC angeworben worden waren – einen frischen Blickwinkel in eingefahrene Genres, der auch heute noch nachwirkt.

Zu verdanken ist Alan Moores amerikanisches Comicdebut Len Wein, dem damaligen Betreuer der Monsterserie Saga of the Swamp Thing. Swamp Thing #20 vom Januar 1984 war das erste von Moore geschriebene Heft, und obwohl Moore mitten in der laufenden Storyline einstieg, war die Atmosphäre auf einmal wesentlich dichter und der Spannungsaufbau durchdachter. Es war ein nuancierter Übergang, der die vorherigen Hefte respektierte und doch war es in jedem Panel spürbar, dass Alan Moore den Verantwortlichen bei DC gefallen wollte. Auch die Zeichner John Totleben und Stephen Bissette hatten natürlich einen erheblichen Anteil an der Wirkung und Alan Moore ermutigte die Zeichner sogar, ihre eigenen Ideen mit einzubringen. So schrieb er in einem frühen Brief an das Zeichnerteam Bissette und Totleben „For my part, being British and thus anxious to avoid causing a fuss, I like everybody to be friends… So, if either you or John have any visual things you’d like to try out then let me know and I’ll see if it’s possible to work them into the plot.“1 (zitiert aus dem Essay „Mr. Moore and me“ von Stephen Bissette, zu finden im Buch Alan Moore: Portrait of an Extraordinary Gentleman.)

Man merkte bald, dass man einen Alan Moore nicht unnötig in seiner Kreativität bremsen sollte, und so wurde Saga of the Swamp Thing eine der ersten Mainstream-Comicserien, die ohne das Siegel der Comics Code Authority erschien, das damalige Prüfsiegel für jugendfreie Inhalte. Stattdessen versah man die Hefte mit dem Zusatzvermerk Sophisticated Suspense2, was später umgewandelt wurde in den vereinheitlichten Coververmerk Suggested for mature readers3.

Bild 1, Swamp Thing 37 (Moore, Bissette, Totleben)

John Constantine hatte seinen ersten Auftritt in Swamp Thing #37, und es war tatsächlich wohl eine Anregung von Bissette und Totleben, die eine Figur im Comic haben wollten, die aussah wie der Sänger Sting (Bild 1). Constantine wird als typische mysteriöse Figur eingeführt, ein Typ, der mehr weiß, als er seine Mitmenschen zunächst wissen lässt. Er ist ganz augenscheinlich ein Mystiker, tritt aber in normalen Straßenklamotten – oder besser gesagt, seinem Trademark, einem Trenchcoat – auf. Constantine steht, als wir ihn kennenlernen, mit einer Gruppe von mental sensiblen Personen in Kontakt, die – jede auf ihre Art – eine nahende Apokalypse spüren:

  • Das Punkmädchen Judith, das Alpträume über ein außergalaktisches Energiefeld hat, das nach 8 Milliarden Jahren wieder zurückkehrt,
  • Der Nerd Benjamin Cox, der an eine Rückkehr von Lovecrafts Großen Alten glaubt,
  • die Nonne Sister Ann, die die Wiederkehr Satans kommen sieht.

Jede der drei Figuren ist in der Lage, einen Teil des kommenden Ereignisses vorherzusehen, tatsächlich ist es aber Constantine, der den Überblick über das kommende Unheil hat – und er wird auch der einzige sein, der am Ende noch lebt. Die Gefahr geht von einer südamerikanischen Sekte männlicher Hexen aus, der Brujeira, die auf nicht näher erklärte Art und Weise sogenannte Frighteners, typische Horrorgestalten wie Zombies, Vampire, Geister, Killer etc., instrumentalisiert, um über die so entstehende Macht des Aberglaubens eine geistige Atmosphäre zu erzeugen, die für die von ihnen angestrebte Auslöschung aller Schöpfung von Bedeutung ist. (Bild 2)

Bild 2, Swamp Thing 46 (Moore, Bissette, Totleben)

Diese Storyline mit dem Titel „American Gothic“ hat damit einen reichlich kruden Plot, auch wenn gerade die unheimlichen Brujeira bis ins Detail realen Legenden entsprechen – nachzulesen in Bruce Chatwins Reiseerzählung In Patagonien.4 Constantine konfrontiert das Swamp Thing in „American Gothic“ in zunächst mehr oder weniger abgeschlossenen Episoden mit einigen dieser Schreckgespenster und initiiert damit auch einen Lernprozess, der dem Swamp Thing zeigt, welche Superkräfte in ihm schlummern. Klassischer Stoff also, aber effektvoll erzählt.

Interessant ist das Zusammenspiel von Alan Moores „American Gothic“Saga mit dem DC-Mega-Crossover Crisis on Infinite Earths (Bild 3). Vor 1983 war der Leser von DC-Comics an die Tatsache gewöhnt, dass es vom DC-Universum unzählige Parallelversionen gibt. Das war natürlich komfortabel: Es liegt in der Natur der Sache, dass Comicserien sich in Widersprüche verstricken, wenn sie über Jahrzehnte laufen und dabei ständig wechselnde Autoren haben. Die Lösung, solche Widersprüche durch die Existenz von ähnlichen Paralleluniversen zu erklären, ist ebenso schlicht wie elegant, doch ist dieses Konzept über Jahrzehnte hinweg immer verrückter und unübersichtlicher geworden. Man sehnte sich nach einfacheren, weniger kosmischen Entwürfen, nach nachvollziehbareren Hintergrundgeschichten – und so startete man den ersten großen Relaunch eines Comic-Universums. Crisis on Infinite Earths zelebrierte in einer serienüberspannenden Erzählung den großen Untergang dieses Parallelweltgefüges. Nach der Crisis folgte eine Welle von durchdachten und gut inszenierten Neustarts klassischer Serien: Frank Millers Batman – Year One und John Byrnes Superman dürften die bekantesten Relaunches dieser Epoche sein.

Bild 3, Crisis on Infinite Earths 4 (Wolfman, Perez)

Und in eben diese Neuordnung fällt der Plot von „American Gothic“. Alan Moore integriert die Weltuntergangsverschwörung der Brujeira in die von DC vorgegebene Crisis, so dass am Ende alles wie geplant wirkt. Alan Moore, der sich ja später so völlig mit dem DC-Verlag überworfen hat, war hier noch ein echter Teamplayer, der gerne und kreativ an den Crossover-Events des Verlags partizipierte. Mit John Constantine spendierte er DC außerdem eine sehr schön ausgearbeitete Nebenfigur.

Am Ende der „American Gothic“-Saga wird die Hölle bereits zum zweiten Mal Schauplatz in Alan Moores Swamp Thing-Zyklus. Christliche Symbolik spielt dabei zwar keine Rolle – dennoch ist natürlich die Hölle der Teil der Unterwelt, in der die bösen Seelen nach ihrem Tod gequält werden, während für rechtschaffene ebenso eindeutig der Himmel die letzte Station ist. Neil Gaiman hat in seinem einige Jahre später entstandenen Sandman die Regeln des Jenseits noch etwas genauer definiert und erklärt, dass böse Seelen aus freien Stücken die Hölle aufsuchen, da sie dort intuitiv ihren Platz sehen. Mit derlei Betrachtungen hält sich Moore nicht weiter auf. Er wählte für seinen Endkampf schlichtweg einen möglichst epischen Schauplatz, der dem Genre gerecht wird.

 

Fortsetzung in Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano

Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre

Teil 4: Die Paul-Jenkins-Jahre

Teil 5: Hellblazer 1998 bis 2001

 

________________________

1 „Ich für meinen Teil möchte als Brite lieber keinen unnötigen Wirbel verursachen. Ich möchte, dass wir alle Freunde sind … Also, wenn du oder John irgendwelche visuellen Ideen habt, die ihr gerne ausprobieren möchtet, dann teilt es mir mit. Ich werde dann versuchen, es in den Plot einzuarbeiten.“

2 Etwa: Spannung für Anspruchsvolle

3 Empfohlen für erwachsene Leser

4 Auszug aus Bruce Chatwins In Patagonien: „Die Brujeira-Sekte hat nur ein Ziel: ganz normalen Menschen zu schaden. […] Neulinge der Sekte müssen sich einem sechsjährigen Indoktrinationskurs unterwerfen. Da nur das Zentralkomitee den gesamten Lehrplan kennt, haben die Schulen auf der Insel nur Versuchscharakter. […] Der Kandidat muß sich vierzig Tage und vierzig Nächte unter einen Wasserfall des Rio Thraiguen stellen, um sich von den Wirkungen der christlichen Taufe reinzuwaschen. (Während dieser Zeit wird ihm nur ein kleiner Imbiß gestattet.) […] Dann muss er seinen besten Freund töten, um zu beweisen, daß er frei ist von jeder Gefühlswandlung.“ – In Patagonien, Bruce Chatwick, Rowohlt, 2000

 

Abbildungen: © DC Comics

Saga Valta 1

Cover Saga Valta 1Mit Saga Valta legt Vielschreiber Jean Dufaux einen Zweiteiler vor, der so auch direkt aus der nordischen Sagensammlung der Edda hätte stammen können.

Valgar ist ein junger Mann, dessen Frau gerade sein Kind gebärt. Er könnte nicht glücklicher sein. Doch leider ist sein Schwiegervater Thorgerr mit den hundert Männern, ein mächtiger Fürst, der die Verbindung nicht gut heißt. Und so lässt er auch nicht lange auf sich warten. Valgar muss fliehen und seine Familie bei Thorgerr zurücklassen. Verzweifelt macht er sich auf in das Königreich von Skarperdinn, um dessen Unterstützung vor dem Ältestenrat zu erlangen. Doch bald wird Valgar in blutige Konflikte und Intrigen verstrickt.

Man ahnt es schon: Das ist die Mischung aus History und Fantasy, die der routinierte Autor so liebt. Man denke etwa nur an die Serie Die Ritter des verlorenen Landes, von der im Übrigen zeitgleich mit diesem Album auch der dritte gelungene Band erschienen ist. Da die Saga Valta so klassisch anmutet, ist es auch kein Wunder, dass alle Elemente einer klassischen Heldensage vorhanden sind. Und in der Tat möchte Dufaux weniger ein Genre neu erfinden, sondern sich einfach lustvoll darin austoben.

Seite aus Saga Valta 1Da bekommt man den Eindruck, es handle sich um die Adaption einer bereits existierenden Sage. Die sporadisch eingesetzte direkte Ansprache an den Leser, die auf eine solche Saga Bezug nimmt, verstärkt diesen Eindruck. Und ist ansonsten recht nervig, da der Leser mmer wieder aus der Handlung gerissen wird. Insgesamt ist das alles nicht innovativ, aber immerhin atmosphärisch sehr dicht und es ist spannend zu lesen, wie sich die Netze weben und die Figuren sich, häufig ungewollt, immer mehr in die Intrigen einweben lassen.

Ein guter Kniff ist es, dass auch die Intriganten selbst sich in ihrem eigenen Netz fangen. Eine einmal ausgesprochene Lüge ist nicht mehr zurückzunehmen und so müssen sie weiterlügen und immer folgenreichere Taten begehen, damit die ursprüngliche Lüge nicht entdeckt wird. Das alles ist schon in den klassischen Tragödien zu finden und ein steter Bauteil der universellen Regeln der Dramaturgie. Auch wenn der erste Band manchmal noch etwas träge ist und eher den zweiten Teil vorbereitet, wie es sich auch für eine gelungene Exposition gehört, so ist es doch spannend zu lesen, wie sich die Figuren immer mehr in wechselseitigen Kombinationen verstricken. Fantasy-Elemente setzt Dufaux nur gelegentlich ein, nur eine Szene ist eindeutig dem fremden Genre zuzuordnen. Stattdessen werden andere Elemente „geerdet“: So etwa die Bluthunde, welche Dufaux nicht als Mischung aus Hunden und Werwölfen darstellt, sondern als Menschen, die zu reißenden Tieren konditioniert wurden (und damit an die historisch realen Berserker erinnern).

Der Zeichner Aouamri dürfte so manchen Lesern durch Die Füchsin (Finix) bekannt sein. Dessen Strich ist seitdem aber sehr viel sicherer geworden und er vermeidet glücklicherweise jegliche mimische Übertreibung. Auffällig oft benutzt er dagegen Close-Ups der Augenpartien, was an die italienische Filmsprache erinnert. Manchmal ist das etwas zu viel des Guten, da er damit einmal zu oft den inneren Aufruhr der Figuren betont.

Bislang ist das kein überwältigender Start, aber immerhin eine angenehme Unterhaltung, die man sich gerne bei einem kräftigen Schluck Met gönnt.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Nicht gerade temporeicher Auftakt, der aber Lust auf mehr macht, indem er alle kommenden Konflikte gut vorbereitet.

 

Saga Valta – Buch 1
Splitter Verlag, November 2012
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Mohamed Aouamri
Übersetzung: Tanja Krämling
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-555-7
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 8/13:If you want to touch the sky, just put a window in your eye

[Speziellen Dank an Oliver Ristau für die Hilfe bei der Titelfindung!] 

Unsere Links der Woche, Ausgabe 8/2013:

 

Lebensfenster
Flausen, Ulf Salzmann
Der „Kurt Schalker-Preis für grafisches Blogen“, ein aus der Webcomic-Community selbst entstandener Preis für herausragende Webcomics, geht 2013 bereits in seine dritte Runde. Die vierköpfige Jury (Ulf Salzmann, Johannes „Beetlebum“ Kretzschmar, Flix und Christian Maiwald) nominierte zehn Webcomics in Form einer Longlist. Diese wird später zu einer Shortlist verkürzt, aus der dann der endgültige Sieger hervorgeht, der beim Comicfestival in München gekürt wird. Die Longlist lässt sich prima als Einstiegspunkt verwenden, um tolle deutschsprachige Online-Comics zu finden.

Interview mit Michael Kompa und Heiner Lünstedt
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Vom 29.5. bis 2.6. läuft mit dem Comicfestival München die größte Comicveranstaltung in diesem Jahr. Die Festivalleiter Kompa und Lünstedt geben im Interview einen Einblick in die Planungen und antworten auch auf Kritik bezüglich der Trennung der Verlagsmesse in zwei separate Veranstaltungsorte.

Berlin’s burgeoning graphic novel scene
Deutsche Welle, Jane Paulick
Die Deutsche Welle, jener Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der sich vorwiegend an das Ausland wendet, erklärt in einem englischsprachigen Artikel die Berliner Comicszene: Vor ein paar Jahren hätte einem in Berlin jeder erzählt, er schreibe gerade an einem Roman. Heute sei es schon fast so mit Graphic Novels.

Fred Flamingo – Der Unglücksstern
fredflamingo.com, Rene Lehner
Der Schweizer Comiczeichner Rene Lehner veröffentlichte Anfang der Neunziger Jahre bei Carlsen drei Alben der Reihe Fred Flamingo, eine kindgerechte Science-Fiction-Abenteuerserie mit deutlichen Anleihen bei Spirou & Fantasio, die teilweise auch in Fix & Foxi lief. Jetzt hat er einen vierten Teil produziert, der online auf einer eigenen Website veröffentlicht wird. Die Besonderheiten: Zum einen gibt es zwei Sprachversionen (Deutsch und Französisch), zum anderen gibt es keine klassischen Seiten zum Durchklicken, sondern man scrollt sich (ähnlich wie beim Webcomic-Hit Wormworld Saga) von oben nach unten durch.

SCATTERLANDS 001
warrenellis.com, Warren Ellis und Jason Howard
Von Warren Ellis war in Sachen Comics länger nichts mehr zu hören – zuletzt veröffentlichte er seinen zweiten Roman. Nun tritt der Engländer, der immer schon gerne mit verschiedenen Veröffentlichungsformen experimentiert hat, wieder mit einem Comic in Erscheinung: Scatterlands, gezeichnet von Jason Howard (Super Dinosaur), ist als eine Art Zeitungsstrip gedacht. Montags bis Freitags erscheint auf Ellis‘ Blog jeweils ein Panel. Alle paar Wochen soll es eine Pause geben und die bisherigen Panels an einer noch unbekanntem Stelle gesammelt werden. Exakt durchgeplant ist hier nichts, wie Ellis sagt: „We are basically making shit up as we go along.“ Zum Inhalt lässt sich noch nicht viel sagen, es deutet sich jedoch eine Endzeitgeschichte an. Alle bisher erschienenen Panels findet man hier.

Real Calvin and Hobbes
realcalvinandhobbes.tumblr.com, Michael Den Beste
Photograph Michael Den Beste baut tolle Fotomontagen, indem er in seine Landschaftsaufnahmen Bill Wattersons Calvin und Hobbes einbaut. Mit verblüffenden Ergebnissen, die man prima als Bildschirmhintergrund verwenden kann.
Update, 26.2.13: Wie Mashable berichtet, hat sich der Verlag Andrews McMeel, der Wattersons Rechte vertritt, an Den Beste gewandt und ihn (mit einem freundlichen Brief ohne weitere Drohungen) gebeten, diese Bilder wieder vom Netz zu nehmen. (Danke an Kommentator Lars für den Hinweis!)

Gender Through Comic Books
Canvas, Christina Blanch
Ein für jedermann offenes Online-Seminar an der Ball State University in Muncie, Indiana, beschäftigt sich mit Geschlechterfragen in Comics. Der Kurs besteht aus Videovorlesungen, Online-Diskussionen und Interviews, an denen sich die Studenten beteiligen dürfen. Als Gäste sind u.a. die Comicautoren Terry Moore, Brian K Vaughan und Mark Waid angekündigt. Zum Seminar, das vom 2. April bis 10. Mai läuft, kann sich jeder Volljährige anmelden, die Teilnahme ist kostenlos.

Comic-book superheroine Cat aims to see off gender stereotypes
The Guardian, Alison Flood
A propos Genderfragen: Der Guardian berichtet über den neuen Webcomic My So-Called Secret Identity von Will Brooker, Sarah Zaidan und Susan Shore, der sich um eine neue und andersartige Superheldin dreht: Sie trägt kein hautenges Kostüm, sondern normale Klamotten, und ihre Superkraft heißt Intelligenz. Das erste Kapitel steht bereits komplett online, mindestens 14 weitere sollen folgen.

Schwermetall Chronicles – Die komplette 1. Staffel

Cover Schwermetall Chronicles – Die komplette 1. StaffelMétal Hurlant Chronicles
Frankreich 2010/2011
Regie: Guillaume Lubrano

Hauptdarsteller: Scott Adkins, James Marsters, Michael Jai White, Dominique Pinon, Jean-Yves Bertelot, Rutger Hauer u.a.

 

Hier geht’s zu unserer Verlosung von DVDs und Moebius-Comics!

 

Das französische Comicmagazin Métal Hurlant, gegründet 1975, gehört zu den wichtigen Wegmarken der Comicgeschichte, nicht nur weil dort die ersten Comics erschienen, die Jean Giraud unter seinem Pseudonym Mœbius schuf. Die Anthologie, die sich an erwachsene Leser richtete, enthielt überwiegend Geschichten aus dem Science-Fiction- und Fantasy-Genre und bediente sowohl die trashigen Wurzeln dieser Gattungen als auch avantgardistisch-künstlerische Ambitionen. In Frankreich wurde das Magazin 1987 eingestellt, ehe es 2002 noch einmal für zwei Jahre wiederbelebt wurde. In dieser zweiten Phase verstand sich Métal Hurlant als „transatlantisches“ Projekt, erschien parallel in Europa und den USA und enthielt Kurzgeschichten von Autoren und Zeichnern aus beiden Kontinenten.

Szene aus Schwermetall ChroniclesAus dieser Epoche stammen die Episoden, die nun für eine Fernsehserie adaptiert worden sind. In Frankreich lief sie auf dem Sender France 4, bei uns erscheinen sie direkt auf Blu-Ray und DVD. Wie die Zeitschrift funktioniert auch die TV-Serie als Anthologie, enthält also einzelne, in sich abgeschlossene Geschichten, die nicht miteinander verbunden sind. Als einziges Bindeglied dienen die Reste des Planeten Schwermetall, die – wie in der pathostriefenden Einleitung jeder Episode verkündet wird – „schreiend vor Schmerz und Verzweiflung für immer ziellos durch Zeit und Raum treiben“. Die erste Staffel besteht aus sechs Folgen à 25 Minuten, die vor allem Science-Ficition-Stories erzählen. Gedreht wurde auf Englisch mit überwiegend britischen und amerikanischen Schauspielern. Darunter sind keine großen Stars, aber ein paar bekannte Gesichter wie James Marsters (Spike aus Buffy), Dominique Pinon (aus allen Filmen von Jean-Pierre Jeunet) oder der unvermeidliche Rutger Hauer.

Episode 1, „Die Krone des Königs“ (deren Comicvorlage von Richard Corben gezeichnet wurde), spielt in einer mittelalterlich anmutenden Welt, deren Herrscher durch Gladiatorenkämpfe bestimmt werden, in der es aber auch Roboter, fliegende Drohnen und TV-Übertragungen gibt. In einem Turnier soll die Nachfolge des sterbenden Königs bestimmt werden. Im Mittelpunkt stehen hier also Kampfszenen, bei deren Inszenierung Regisseur Guillaume Lubrano sichtbar dem Vorbild von Zack Snyder nacheifert. Er liefert eine Art 300 fürs Fernsehen, nur dass bei ihm alles ein gutes Stück billiger wirkt. Die Geschichte endet mit einem ziemlich überraschenden Twist, der gleichermaßen erschreckend und witzig ist.

Szene aus Schwermetall ChroniclesDiese Art von Schlusspointe zieht sich durch die gesamte Serie: Jede Episode endet mit einer Wendung, die das zuvor Erzählte auf den Kopf stellen, ironisch brechen oder besonders betonen soll. Leider sind diese Twists nur selten so originell, wie es wünschenswert wäre, sondern meist ziemlich vorhersehbar. Trotzdem tut dieses Element der Serie gut, denn es steigert (zumindest beim ersten Sehen) den Unterhaltungswert, wenn man über das Ende spekulieren kann. Und eine Steigerung des Unterhaltungswerts ist auch dringend nötig, denn ohne die Schlusspointen wären fast alle Folgen recht langweilig. Da jede Episode andere Protagonisten hat, gibt es keine Figur, die einem im Lauf der Serie ans Herz wachsen und mit der man mitfiebern kann. Und trotz der kurzen Laufzeit fühlen sich die Kurzgeschichten arg gedehnt und langatmig an. Es gibt eben doch einen Unterschied zwischen einer 10-seitigen Comicstory und einem 25-minütigen Film. Selbst Episode 4, die aus zwei Kurzgeschichten besteht, wirkt nicht so knackig, wie sie eigentlich müsste.

Einen etwas merkwürdigen Eindruck hinterlässt auch die Tatsache, dass Gewalt zwar ein wesentliches Merkmal der meisten Episoden ist, aber kaum ein Tropfen Blut fließt. Hier wurde wohl sehr darauf geachtet, die strengen Jugendschutzregeln des Fernsehens nicht zu verletzen, was für eine recht sterile und im wahrsten Sinne des Wortes blutarme Atmosphäre sorgt, die dem Esprit der Comics nicht gerecht wird, welche in den Siebzigern ja tatsächlich Neuland betreten und erzählerisch etwas gewagt hatten.

Schon eher im Geiste der Comics ist das vorgestrige Frauenbild, das die Serie durchzieht: Bis auf Episode 2 tauchen Frauen hier bestenfalls als schmückendes Beiwerk auf, als Dienerinnen im Bikini, als Huren oder als Kampfbabe im engen, Dekolleté-quetschenden Lederanzug. Da ist das Fernsehen im Jahr 2012, auch im SF- und Fantasygenre, eigentlich schon wesentlich weiter.

Szene aus Schwermetall ChroniclesWas die digitalen Effekte angeht, schlagen sich die Chronicles wacker: Man merkt den Folgen zwar an, dass hier bei weitem nicht das Budget amerikanischer Großproduktionen zur Verfügung stand, vielen CGI-Bildern ist ihre Herkunft aus dem Computer deutlich anzumerken. Wenn man diesen Umstand jedoch hinnimmt, bekommt man sehr ansprechend designte Settings und einige schick anzusehende Szenerien. Zudem gelingt es den Machern meistens sehr gut, ihre knappen Mittel zu kaschieren, indem sie viel mit Licht, Farben und der geschickten Wahl von Bildausschnitten arbeiten.

Unterm Strich bleiben die Schwermetall Chronicles ein eher enttäuschendes TV-Erlebnis. Der modernen Variante von Anthologie-Reihen wie Twilight Zone oder Geschichten aus der Gruft fehlt vor allem der Charme und die Ironie, die aus den erzählerischen und technischen Unzulänglichkeiten eine spaßige Trash-Gaudi hätten machen könnten. Doch trotz des gelegentlich aufblitzenden schwarzen Humors nehmen sich die Kurzgeschichten viel zu ernst und setzen auf Pathos und blutleere Action, wo eine Prise Augenzwinkern gut getan hätte.


Wertung: 2 von 10 Punkten

Blutleere Umsetzung der Kultcomics, in der sich selbst kurze Geschichten noch überlang anfühlen

 

DVD-Box Blu-Ray-Steelbook
Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Universal Pictures

 

Nick Knattertons Vater wird 100 – Interview mit Anette Riedhammer

Der legendäre Ausspruch „Kombiniere …“, die Alibi-Bar, Virginia Peng, die technischen Zeichnungen und aberwitzigen Kniffe – seit den 1950er Jahren ist Nick Knatterton ein fester Bestandteil der deutschen Comics. 2013 wäre Manfred Schmidt, der geistige Vater von Nick Knatterton, 100 Jahre alt geworden. Im Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst in Hannover wird aus diesem Anlass eine Ausstellung gezeigt, die noch bis zum 21.4.2013 läuft. Am 10. Februar fand im Museum eine Matinee zu Ehren von Manfred Schmidt statt, untermalt von passender Live-Musik und einem Vortrag von Prof. Dr. Dietrich Grünewald mit dem Titel „Humorist wider Willen?“ Comicgate-Redakteur Stefan Svik traf nach dieser Veranstaltung Anette Riedhammer, die Tochter von Manfred Schmidt, und sprach mit ihr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Nick Knatterton, über Comic-Verfilmungen und Erinnerungen an ihren Vater und dessen zwiespältiges Verhältnis zum Comic.

 

Annette RiedhammerComicgate: Frau Riedhammer, ich freue mich sehr, dass Sie nach Hannover gekommen sind und sich Zeit für uns genommen haben.

Anette Riedhammer: Ich freue mich auch. Dieser Tag ist eine schöne, runde Sache. Auch der Vortrag von Prof. Dr. Grünewald war sehr eingehend und sehr emotional. Für mich war es etwas besonderes. Noch mal eine besondere Ehrung. Ich fand das sehr schön!

 

Und wie gefällt Ihnen die Ausstellung?

Dazu kann ich noch nicht viel sagen, weil ich noch nicht dazu gekommen bin, sie in Ruhe anzusehen.

 

Als Kind haben Sie sogar an den Zeichentrickfilmen ihres Vaters mitgearbeitet, ist das richtig?

Marginal, würde ich sagen. Ich habe mitkoloriert. Ich war eben im Haus und habe diese Arbeiten miterlebt. Als eigentliche Zeichnerin war ich aber nicht mit dabei. Das waren andere. Ich habe eher niedere Arbeiten erledigt. (lacht)

 

Ausstellungsplakat Nick KnattertonWie viel haben Sie als Kind von der Arbeit ihres Vaters mitbekommen? Hat er zu Hause gearbeitet?

Die Zeit, in der er Nick Knatterton gezeichnet hat, fand komplett zu Hause statt. Das war nicht unbedingt einfach. Er musste sich ziemlich quälen, um sich für jede Folge immer wieder eine neue Geschichte auszudenken. Mit dem Riesenerfolg hatte er wirklich nicht gerechnet. Und dieser Erfolg zwang ihn dazu, sich immer und immer wieder neue Tricks auszudenken. Die Arbeit am Zeichentisch war ungeheuer diszipliniert und detailliert. Ich erinnere mich etwa daran, was das für ein Drama war, wenn zum Beispiel das Tuscheglas umfiel und sich über die Zeichnungen ergoss. Was das bedeutet hat! Er musste ja immer auf Zeit arbeiten und Abgabetermine einhalten und war einem permanenten Druck ausgesetzt. Er war ein sehrt disziplinierter Arbeiter, ist früh aufgestanden und hat dann um 5 Uhr angefangen zu zeichnen und hat das durchgezogen.

 

Wurden die Kinder nach ihrer Meinung gefragt, etwa ob ein Witz gelungen ist?

Dafür waren wir noch zu klein. Das hat er eher mit meiner Mutter gemacht, sie befragt. So ging das dann später auch mit seinen Reisereportagen, dass er sie ihr zum Lesen gab. Wenn sie dann an den, seiner Meinung nach, richtigen Stellen gelacht hat, dann konnte das Buch in den Druck gehen. Den Knatterton hatte ich nur am Rande mitbekommen, da war ich erst zwischen 5 bis 7 Jahre alt.

 

Erinnern Sie sich an Details, wie etwa: hatte ihr Vater eine große Comic-Sammlung?

Überhaupt nicht.

 

Wie es sich für eine Fortsetzungsgeschichte wie Nick Knatterton gehört, wurde das Gespräch an dieser Stelle unterbrochen. Leider nicht durch einen zum Fenster hineingeworfenen Stein, sondern durch eine Mitarbeiterin des Museums. Wir wurden gebeten das Gespräch statt in der Bibliothek lieber im Büro fortzuführen. Mit trockenem Humor kommentierte Frau Riedhammer das so: „Jetzt wird’s hier noch ganz offiziell wie im Amt. Ein polizeiliches Führungszeugnis brauchen Sie aber nicht?“

 

Knatterton-Comic „Der Schuß in den Hinterkopf“Hatte ihr Vater tatsächlich immer dieses ironische Verhältnis zu Comics oder fand er sie insgeheim gut?

Er hat überhaupt sehr wenig über solche Dinge gesprochen. Entweder hat er sich sehr wenig entlocken lassen oder wenn überhaupt, dann sprach er sehr ironisch davon. Anderen gegenüber hat er immer wieder betont, dass er nichts davon halte. Das wäre eher etwas für Altersheim- und Irrenanstaltsinsassen. Das ist jetzt natürlich etwas überspitzt ausgedrückt. Aber er hat sich nicht damit gebrüstet oder dauernd davon erzählt. Wenn, dann hat er eher davon erzählt, wie schwierig das Ganze ist. Wie er sich winden und quälen muss, um sich so viel auszudenken. Das hat man ihm auch angemerkt. Er war immer unter Strom.

 

War das bei den Reisereportagen denn anders? War das seine eigentliche Leidenschaft?

Klar war das etwas anderes! Er ist an Orte gereist, die ihn interessiert haben. Und das auch noch, wie er immer wieder betont hatte, auf Spesen! Das hat er sehr genossen. Oft reiste er nach Paris. Die Ziele konnte er sich aussuchen. Er suchte sich Anlässe aus, etwa skurrile Dinge, über die er dann berichten konnte. Von daher war das etwas ganz anderes als die Comics. Bei den Reportagen konnte er sich Zeit lassen und beobachten. Das war etwas, das er immer gerne getan hat. Ich konnte das etwa miterleben, wenn er mich mit nach Paris genommen hat und wir in einem Café saßen. Er hielt nicht viel von Museen. Er wusste sehr viel und war sehr belesen, aber er hat lieber im Café gesessen und die Leute beobachtet. Daraus bezog er dann auch diese ganzen Geschichten. Du musst dich nur umsehen, da passiert so viel. Da braucht man nicht in ein Museum oder ins Theater gehen, um Ideen für Geschichten zu bekommen. Das Theater ist auf der Straße.

 

Welche Bedeutung hatten Ruhm und Öffentlichkeit in ihrer Familie?

Ich hatte das schon gemerkt, dass er jemand besonderes war, etwa wenn er in die Fernsehsendungen von Kulenkampff und Lou van Burg eingeladen worden ist. Die kennt heute ja kaum noch jemand. Und dann hatte er so viele prominente Bekannte. Bei uns gingen viele davon ein und aus. Aber es war nicht der Kult, der heute herrscht. Damals war das eben selbstverständlich. Da waren etwa Bekanntheiten wie die Moderatorin Ruth Kappelsberger [Anm. d. Red.: Das sehr interessante TV-Interview mit ihr und Manfred Schmidt findet sich als Bonus auf den Knatterton-DVDs] und die Schauspielerin Margot Hielscher. Es war aber nicht so, dass man ihn ständig auf der Straße erkannt hätte. Im Mittelpunkt stand Nick Knatterton und nicht Manfred Schmidt.

 

Manfred SchmidtHätte er sich das gewünscht, das man ihn auf der Straße erkennt?

Nein, nein. Er war kein Mensch, der das Bad in der Menge wollte, der das genossen hätte. Hofiert zu werden war ihm immer eher unangenehm.

 

Aber er hat sich schon über Anerkennung gefreut?

Natürlich! Aber er hat das nie so zugeben können. Man hat es aber schon gemerkt. Später fragte er uns dann auch nach unserer Meinung zu seinen Arbeiten. So wichtig war ihm das allerdings nicht. Am liebsten war er der stille Beobachter. Im Mittelpunkt stand er nicht so gerne, deshalb erschien er auch nicht 1998 zur Ausstellung in Hannover. Und als die Ausstellung weiter zog nach München, hielt sein Freund Loriot die Laudatio und Manfred Schmidt war nicht zugegen. Für ihn war das immer ganz schrecklich.

 

Aber er hat sich über diese Veranstaltungen gefreut?

Das nehme ich an. Es war ganz schwierig, ihm das zu entlocken.

 

Ich habe von einem Fernsehinterview gehört, das aufgrund der Rechtslage nicht auf DVD zu bekommen ist, in dem sich Manfred Schmidt über neue Comics, etwa von Frank Miller, äußern sollte. Haben Sie und ihr Vater die Entwicklung von Comics verfolgt?

Das kann ich so nicht sagen. Nein. Wir wurden auch nicht gerade dazu angehalten, solche Heftchen zu lesen, dabei habe ich damals wahnsinnig gerne Micky Maus gelesen. Für ihn war das aber wirklich Stumpfsinn. Er war da in einem Zwiespalt, weil er mit Nick Knatterton so einen Erfolg hatte. Im Grunde war er aber dagegen. Diese Sprechblasen. Dieses „Peng“, „Boink“ und Explosion. Das war ihm zu wenig. Wir aber fanden das in unserer Jugend unheimlich interessant und spaßig und auch einfach zu lesen. Der Erfolg zwang ihn dazu, sich mit dem Medium zu arrangieren. Mit seinen Mitteln, etwa mit dem Spott über die Politik, war es ja alles andere als stumpfsinnig, was er gemacht hat.

 

Cover Nick Knatterton SammelbandNun kann man auch nicht sagen, dass Comics generell stumpfsinnig sind …

Nein, das finde ich auch nicht. Aber da bin ich sehr geprägt worden von ihm. Er hat vorgeben, was gelesen wird, was wichtig ist im Leben, das war seine Leitlinie. Das hat er uns schon so eingeimpft. Dass Comics auch etwas anderes sein können als Schwachsinn, dass man ihnen mehr abgewinnen kann, hat er abgetan. Solche Meinungen konnte er nur schwerlich gelten lassen. (Nachdenklich:) Wie er denn nun wirklich darüber gedacht hat, und noch einige andere Fragen, auf die ich damals gar nicht gekommen wäre, würde ich ihm heute gerne stellen. Nachdem ich mich so sehr damit beschäftigt habe, würde ich schon noch gerne so einiges erfahren. Wobei ich auch nicht weiß, ob ich es heute aus ihm rauskriegen würde. Ob er mir da wirklich eine ehrliche Antwort geben würde.

 

Der Erfolg ist erstaunlich, Nick Knatterton ist nach wie vor so populär, wie etwa die Ausstellung in Hannover belegt oder der Erfolg der Bild-Edition von Nick Knatterton. Sie verwalten auch die Rechte an der Figur?

Ja, das ist richtig.

 

Die populären Comic-Figuren aus Frankreich und Belgien werden fortgesetzt. Es gibt neue Abenteuer von Lucky Luke, einen Tim und Struppi-Film von Steven Spielberg undsoweiter. Gibt es Ideen, Nick Knatterton als Comic fortzusetzen mit neuen Geschichten?

Ehrlich gesagt habe ich mir da noch gar nicht so die Gedanken gemacht, ob und wie man Nick Knatterton wieder aufleben lassen könnte. Dass man die vorhandenen Geschichten noch mal als Film umsetzt, ist ein anderes Thema. Aber ganz neue Geschichten erfinden – darüber habe ich noch nie nachgedacht.

 

Filmplakat Nick Knattertons AbenteuerWie würden Sie auf solche Anfragen reagieren?

Es gab ja schon Versuche mit Filmumsetzungen. Da war dieser Film in den Fünfziger Jahren [Anm. d. Red.: Nick Knattertons Abenteuer – Der Raub der Gloria Nylon von Hans Quest, 1959], über den war mein Vater entsetzt, obwohl er noch eine gewisse Mitsprache hatte. Aber er sagte, dieser Knatterton-Humor wäre im Film nie durchgekommen. Dann wurde noch ein Versuch gemacht, 2000. Der Film ist in der Schublade gelandet. Ich habe ihn nie gesehen. Er ist auch nie in die Kinos gekommen. Das muss ein totales Desaster gewesen sein. Und jetzt gibt es wieder Anstrengungen, aus Nick Knatterton etwas zu machen.

 

Einen Film?

Einen Realfilm. Also ein Trickfilm ist eine andere Sache. Trickfilm ist denkbar, finde ich. Das hat mein Vater ja auch gezeigt, in dem er die Figur animiert hat. Er hat das selber gemacht, mit einem Team von Zeichnern. Das passte einfach noch zu Nick Knatterton, denn das war im Stil der Comics. Ich kann mir nicht vorstellen, noch mal daran anzuschließen. Das hatte seine Zeiten, die Fünfziger Jahre. Damals gab es diese Aufbruchstimmung, das Wirtschaftswunder, alles war neu. Ohne diese Elemente würde mir etwas an Nick Knatterton fehlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das noch mal aufleben lassen könnte.

 

Man könnte es ja modernisieren, vielleicht so wie bei Tim und Struppi 3D?

Dann wäre es aber nicht mehr dasselbe. Es gibt ja inzwischen auch tausend andere Comic-Figuren.

 

Wenn nun jemand ein Nick Knatterton-Computerspiel oder ähnliches machen möchte, muss das dann von Ihnen abgesegnet werden?

Das ist eine schwierige Frage. (überlegt)

 

Ist es nicht verwunderlich, dass die nach wie vor populäre Figur Nick Knatterton nicht weiter fortgeführt wird?

Das wird ja immer wieder versucht. Und zwei Filme sind bereits gefloppt.

 

Ist denn ein Realfilm das geeignete Format? Schaden die Realverfilmungen von Asterix denn nicht auch eher den Comics?

Eben, das meine ich ja. Ich kann mir das nicht vorstellen. Die Asterix-Filme sind ja sehr erfolgreich, aber Nick Knatterton-Realverfilmungen? Wer wagt sich daran? Wer schreibt so ein Drehbuch, bei dem der spezifische Humor wieder rauskommt?

 

Also gehen ihre Überlegungen eher Richtung Film und nicht in Richtung Fortsetzung als Comic?

Richtig.

 

Warum? Ist der Humor der Comics nicht mehr zeitgemäß?

Ich weiß nicht. Ich verbinde es eben nur mit dieser Zeit. Diese Anspielungen auf die Fünfziger Jahre. Man müsste das eben sehen. Wenn jemand etwas vorlegt und meint, es könnte funktionieren, dann wäre das möglich. Ich will das nicht ausschließen. Aber ich kann es mir momentan nicht vorstellen.

 

Wie war das etwa mit dem Film von 2000? Hätten Sie den auch verhindern lassen können?

Nein, das kann ich dann nicht. Ich übertrage die Rechte. Falls das Ergebnis total verunstaltet würde, könnte ich eventuell Einspruch erheben. Mit den Details der Geschichte müsste sich vor allem derjenige beschäftigen, der sie umsetzen will. Für den zweiten Film hatte damals noch mein Bruder die Rechte verkauft und ich weiß nicht, wie viel Einfluss er auf den Film hatte und ob ihn etwas daran gestört hatte. Man muss das Filmemachen dann auch demjenigen überlassen, der den Film dreht. Ich gebe die Rechte weg und erlaube demjenigen, das aus der Figur zu machen, was seinen Vorstellungen entspricht, und auch dass es an die jeweilige Zeit angepasst werden darf. Dass ich nun nichts mehr aus den Fünfziger Jahren bringen kann, ist auch klar, oder?

 

Tim und Struppi 3D nimmt aber auch ein Fünfziger-Jahre-Szenario und macht es für heutige Kinder ansprechend.

Ja. Und es gibt ja auch Realverfilmungen, die gelungen sind, etwa Der kleine Nick. Ich hab mir den angesehen und fand ihn wahnsinnig gut gemacht! Das waren reale Schauspieler und keine Zeichnungen, aber der Witz der Vorlage ist rübergekommen. Das wurde etwa mit einem Witz, der aus den Zeichnungen kam, etwa über einen unbeliebten Jungen, der seine Brille putzt, hervorragend umgesetzt, was nur schwer auf die Leinwand zu übersetzen ist.

 

Knatterton-Zeichnung von Manfred SchmidtSie verfolgen also die Entwicklung von Comic-Verfilmungen. Denken Sie dabei darüber nach, was sich noch aus Nick Knatterton machen ließe?

Das überlasse ich anderen. Durch das derzeitige Revival von Nick Knatterton, etwa durch die Ausstellung, bekomme ich natürlich vermehrt Anfragen. Aber genaue Vorstellungen zu neuen Projekten habe ich noch nicht.

 

Würden Sie sich eher mehr Vermarktung wünschen oder es lieber überschaubar halten?

Dazu wird es nicht kommen, denke ich.

 

Weil es nicht genug Nachfrage gibt?

Es gibt so wahnsinnig viel anderes inzwischen. Wir sind inzwischen so überhäuft. Und es werden ja auch alte Comics wieder ausgegraben, etwa Wickie. Und Asterix lebt und lebt und lebt, durch Depardieu.

 

Aber diese Realfilme erreichen doch nie das Niveau der Comics, oder?

Sie liefen aber doch sehr erfolgreich. Aber ja, es muss eben gut gemacht sein. Im Fall von Nick Knatterton würde ich mir eher etwas Richtung Trickfilm vorstellen können.

 

Nun dürfte sich ein interessierter Filmemacher an sie wenden und sich ganz neue Knatterton-Geschichten ausdenken. Ein Testament, das so etwas verbietet, wie bei Hergé, gibt es von Manfred Schmidt nicht?

Nein so ein Testament gibt es nicht. Man müsste das Ergebnis sehen, ich will da nichts ausschließen. Es müsste aber schon noch stimmig sein. Ich möchte nicht, dass es verwurstet wird.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Nick Knatterton und andere Abenteuer – Ausstellung in Hannover
Knatterton rückt Grüffelo mit Live-Musik und Akademiker auf den Pelz – Bericht von Stefan Svik zur Matinee im Museum bei der Comicradioshow
Oh, Nick Knatterton – Die illustrierte Biografie, von Eckart Sackmann

Abbildungen:
Nick Knatterton: © 2013 Lappan Verlag / Manfred Schmidt Erben

Foto Anette Riedhammer © 2013 Stefan Svik
Ausstellungsplakat: Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst

Foto Manfred Schmidt © 2013 Eckart Sackmann

 

Update, 21.2.2013: Frau Riedhammers Vorname schreibt sich wohl nicht „Annette“, sondern „Anette“. Wir haben den Fehler korrigiert.

 

Links der Woche 7/13: Here come the bad news, open the flood gates

Unsere Links der Woche, Ausgabe 7/2013:

 

Der Hexenrichter – Ein Skandal?
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Wie schon in den letzten Links der Woche berichtet, gab es unter den Politikern im Kulturausschuss der Stadt Lemgo Empörung über den Comic Der Hexenrichter von Luisa Preißler. Die Splashcomics widmen sich diesem Thema noch einmal ausführlicher. Dort kann man nicht nur die Artikel aus der Lokalpresse im Wortlaut nachlesen, es gibt auch einen Kommentar und drei Interviews: mit dem örtlichen CDU-Fraktionschef, mit dem Präsidenten der Hochschule, an der Der Hexenrichter als Bachelorarbeit angenommen wurde, und schließlich mit der Künstlerin selbst.

J-Mag: LIVE-Stream #1
MyVideo, J-Mag
Auf der Videoplattform MyVideo startete die neue Sendung J-Mag, ein „Magazin für Anime, Manga, Cosplay und alles über J-Culture“, moderiert von der Mangazeichnerin Mikiko Ponczeck (Lost and Found). In der knapp einstündigen Show geht es unter anderem um Märchen-Manga, Studiogast ist die Mangaka Reyhan Yildirim. Außerdem werden Cosplay-Kostüme, der Häkeltrend Boshi und diverse Anime- und Manga-Neuerscheinungen vorgestellt. Die Sendung wurde live gestreamt, kann aber auch nachträglich (aufgeteilt in drei Clips) angesehen werden. Teil 1 ist direkt hier eingebettet (zu Teil 2 und Teil 3 hier entlang):

{source}
<iframe src=“http://www.myvideo.de/webstars/embed/8977409″ style=“width:470px;height:285px;border:0px none;padding:0;margin:0;“ width=“470″ height=“285″ frameborder=“0″ scrolling=“no“></iframe>
{/source}

 

Der Boom der Graphic Novels
Bayern 2 radioThema, Martin Zeyn
Am 7. Februar lief auf dem Kultursender Bayern 2 die knapp einstündige Sendung „Am Anfang war das Bild“ aus der Sendereihe radioThema. Es geht vor allem um den Trendbegriff Graphic Novel, den Boom anspruchsvollerer Comics und um Literaturadaptionen im Comic. Im O-Ton sind u.a. Ulli Lust, Andreas Platthaus, Joe Sacco und Jaroslav Rudiš zu hören. Das Feature ist als MP3 in voller Länge abrufbar.

Internationaler Comic-Wettbewerb 2013 “Animate Europe!”
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Das Brüsseler Büro der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit schreibt einen Comic-Wettbewerb zum Thema „Europa“ aus. In der ersten Stufe sollen zweiseitige Entwürfe eingereicht werden, danach werden von einer Jury sieben Finalisten ausgewählt, die ein Stipendium von 500 Euro bekommen und dafür eine achtseitige Geschichte ausarbeiten.

BAM! WAP! KA-POW! Library prof bops doc who K.O.’d comic book industry
News Bureau Illinois, Dusty Rhodes
Der Psychiater Fredric Wertham wurde in den 1950er Jahren durch sein Buch Seduction of the Innocent berühmt, in dem er behauptete, dass Jugendliche durch das Lesen von Comics auf die schiefe Bahn geraten würden, was letztlich zur Einführung der Selbstzensur-Instanz „Comics Code“ führte. Ein Aufsatz der Bibliothekswissenschaftlerin Carol Tilley zeigt nun auf, dass Wertham in seinen Studien alles andere als sauber gearbeitet hatte. Aus Nachforschungen in Werthams Archiven wird deutlich, dass er reihenweise Daten verändert, Zitate gefälscht und Fakten unterschlagen hat. Der Artikel auf der Website der Universität Illinois, an der Tilley forscht, fasst die wichtigsten Thesen des Aufsatzes zusammen, der in der wissenschaftlichen Zeitschrift Information & Culture: A Journal of History erschienen ist.

I Just Wrote This To DC Comics
Michel Hartney
DC Comics wird demnächst die Serie Adventures of Superman starten, die zunächst digital erscheinen und verschiedene Kurzgeschichten von wechselnden Kreativteams beinhalten wird. Als Autor soll unter anderem der Schriftsteller Orson Scott Card dabei sein, der mit seiner Romanreihe Ender’s Game (Das große Spiel) bekannt wurde. Da sich Card öffentlich immer wieder vehement gegen Schwulenrechte ausspricht und Vorstandsmitglied der „National Organization for Marriage“ ist, die gegen das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehen kämpft, erntete DC eine Menge Kritik für diese Ankündigung. Wie zum Beispiel den hier verlinkten offenen Brief des Comedians Michael Hartny, in dem er den Verlag auffordert, Cards Comic nicht zu veröffentlichen. DC selbst beruft sich in einem Statement auf die Meinungsfreiheit und betont, dass die Ansichten seiner Autoren nicht die des Verlags sind. Inzwischen haben mehrere Comichändler angekündigt, eine Printversion von Adventures of Superman nicht verkaufen zu wollen, wenn sie eine Geschichte von Card enthält.