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Cartland Integral 1

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Cover Cartland Integral 1In letzter Zeit ist die Veröffentlichung von Gesamtausgaben nahezu zum Standard geworden. Und so gut wie in jedem Fall sind die Ausgaben auch sehr gelungen. Zeichnungen werden restauriert, mit Extramaterial versehen und in schönen Hardcovereditionen auf den Markt gebracht. Der Splitter-Verlag bringt nun in seiner Collectors Edition eine klassische Westernserie erneut auf den Weg: Jonathan Cartland.

Im ersten Band der dreiteiligen Integralreihe finden sich die ersten vier Abenteuer des Trappers aus den Jahren 1974 bis 1978. Allesamt in hervorragender Qualität und mit einem sehr gelungenen Editorial versehen, welche die teilweise recht schwierige Entstehungsgeschichte der Serie beleuchtet. Was vor allem an der Positionierung lag: Neben Lucky Luke und Leutnant Blueberry schien es keinen Platz mehr für einen weiteren Westernhelden zu geben, nachdem die Reihe Jerry Spring aufgrund schlechter Verkaufszahlen eingestellt worden war. Nach den Einflüssen neuer amerikanischer Filme der Siebziger wie Little Big Man und Jeremiah Johnson als auch des Italowestern wurde es aber Zeit für einen neuen Helden, und der damalige Verlag wollte den neu lancierten Konkurrenz-Serien Comanche und Buddy Longway etwas entgegensetzen. So wundert es im Grunde nicht, das Cartland Züge von allen genannten erhielt, sich aber dennoch deutlich von ihnen unterscheidet.

Der ersten Geschichte „Indianerfreund“ merkt man noch deutliche Unsicherheiten an. Der Zeichenstil von Michel Blanc-Dumont ist sehr grob und sehr flächig. Es gibt besonders in den Hintergründen noch keine detaillierte Ausarbeitung und es haben sich oft Perspektivfehler eingeschlichen (etwa bei dem Kampf gegen den Bären). Zudem läuft die Story nicht sonderlich rund. Was aber nicht weiter überrascht, denn die Erzählung wurde erst später zu einer kohärenten Geschichte zusammengefügt – neu eingefügte Handlungsbögen sollten verschiedene Kurzgeschichten für eine Albenveröffentlichung zu einem Ganzen verbinden. Das merkt man dem Ergebnis auch an.

Was für ein qualitativer Sprung war es dann bereits zum zweiten Band, „Der lange Treck nach Oregon“, der definitiv der beste in diesem Integral ist. Die Zeichnungen sind nunmehr realistisch und detailverliebt, Blanc-Dumont hatte eindeutig mehr Zeit, und auch die Story kann absolut überzeugen. Hier tritt schon ein Charakterzug hervor, der Cartland von den meisten anderen Helden unterscheidet: Er ist depressiv. Alle Aufgaben und Herausforderungen nimmt er nur an, weil er die Hoffnung hegt, dabei zu sterben. Sich selbst töten will er nicht. Ansonsten fröhnt er dem Alkohol und folgt allein seinem Pflichtbewusstsein. Nicht nur deswegen ist diese Story spannend und hochdramatisch.

Seite aus Cartland Integral 1Die nächsten beiden Abenteuer lassen graphisch nicht nach, zeigen aber auch wieder die Vielfältigkeit der Genrekombinationen. Sie sind weniger Western als Krimi („Der Geist des Wah-Kee“) und Abenteuer („Der Schatz der Spinnenfrau“) im Westerngewand. Das ist alles durchaus spannend, wenngleich vor allem die Krimistory nicht so richtig überzeugen will. Aber es macht etwas anderes mehr als deutlich: Cartland steht nicht immer im Mittelpunkt. Das heißt, eigentlich schon – aber manchmal ist er eher das Zentrum, um das sich alles dreht, als dass er die Initiative ergreift. In „Der Geist des Wah-Kee“ weiß er nicht einmal, dass er in einem Kriminalfall steckt. So ist es ein Krimi ohne Deduktion, was an sich schon ungewöhnlich ist.

Die vierte Story zeigt dann weitere Abgründe des Helden. So ist er etwa entsetzt darüber, was einer Frau geschehen ist, nutzt aber, obwohl er ihr helfen will, ihre Notlage aus und geht gegen Bezahlung mit ihr ins Bett. Auch kann er einen Freund nicht aus der Gefahr retten, da ihm sein eigenes Wohlergehen wichtiger ist. In einer anderen Geschichte erschießt er übrigens auch einen Schurken hinterrücks. Cartland ist kein strahlender Held und hebt sich somit deutlich von seinem edleren Trapperkollegen Buddy Longway ab, ist aber auch kein Revolverheld wie Red Dust in Comanche und kein Soldat wie Blueberry.

Gemeinsam haben all diese Serien den großen Respekt vor den Indianern, wobei auch Cartland eine sehr differenzierte und realistische Perspektive aufweist. Laurence Harlé hatte vor ihrer Karriere als Comicautorin einen Importhandel für indianische Stücke und war von Kultur, Tradition und Geschichte der Indianer fasziniert. All dies brachte sie auf logisch integrierte und faszinierende Weise in ihre Skripts ein. Gerade auch wegen dieser differenzierten Sichtweise ist Cartland eine sehr realistische Serie, die sich gängigen Schemata verweigert, mit einem Helden, von dem man sich nie wirklich sicher sein kann, wie er sich tatsächlich verhalten wird.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Sehr schöner Beginn der Gesamtausgabe, in dem vor allem die Besonderheit des Helden deutlich wird.

 

Cartland Integral 1
Splitter Verlag, April 2013
Text: Laurence Harlé

Zeichnungen: Michel Blanc-Dumont
Übersetzung: Eckart Sackmann
208 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 36,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-508-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Ich hab die Unschuld kotzen sehen – Interview mit Philipp S. Neundorf

Dirk Bernemann, geboren 1975, ist Punkmusiker, Kolumnist, Blogger, Poetry-Slammer und Buch-Autor. Seine Bücher haben derbe Titel wie „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ oder „Asoziales Wohnen“ und man kann wohl davon ausgehen, dass Bernemann mit viel Wut und Leidenschaft im Herzen schreibt: Was raus muss, muss eben raus, ohne Rücksicht auf Geschmacksgrenzen. Sein Buch „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ liegt nun als Comicadaption vor, gezeichnet vom vielseitigen Philipp S. Neundorf, Comiczeicher aus Berlin, ebenfalls 1975 geboren, der mit dieser Adaption sein bisher wohl reifstes Werk vorlegt.
Im Frühjahr 2013 hatte ich die Chance, mit Philipp ein ausführliches Interview via E-Mail zu führen. Das Interview ging über mehrere Wochen und wurde hinterher nur leicht montiert, um die Lesbarkeit zu verbessern.

Cover von Ich hab die Unschuld kotzen sehenComicgate: Dein aktueller Comic ist die Adaption des Buchs „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“. Wie bist du auf das Thema gekommen?

Philipp S. Neundorf: Das ist eine unsexy „Kennst du jemanden, der das machen will?“–Geschichte: Ich bekam das Buch von Sebastian Oehler von Reprodukt. Dem sagte ich nach der Lektüre, dass ich mir schon vorstellen kann, das umzusetzen. Der Pitch dauerte ein halbes Jahr (in der Zeit habe ich eh nicht viel gemalt, dafür meine Raucherpause angefangen und Würstchen gegessen), gefiel aber Dirk (Autor) und Andreas (Verleger) gut genug, um sich darauf einzulassen.

 

Kennst du den Autor der Originalvorlage?

Mittlerweile schon. Ist auch nach Berlin gezogen, was die Zusammenarbeit erleichtert hat.

 

Liegt dir der Stoff persönlich am Herzen?

Hm. Ich glaub, ich hab eher mein Herz in den Stoff gepackt, um das, was ich für einen guten Comic halte, daraus zu machen.

 

Seite aus dem Comic Ich hab die Unschuld kotzen sehenDas Buch ist ziemlich harter Stoff: Am Anfang dachte ich, das ist mir zu krank, aber nach einiger Zeit ist der Funke übergesprungen und ich habe vieles entdeckt, das mich berührt hat.

Ja, mir ging es bei der Lektüre des Buches ähnlich. Da ich den Comic insgesamt für recht gelungen halte, finde ich das etwas schade, auch, da ich es deswegen nicht jedem unter die Nase halten kann. Allerdings sind es auch die schwierigeren Stoffe, die mich eher reizen. Das Buch – und ich hoffe, jetzt auch der Comic – zwingt dich zur Arbeit. Man kann es eigentlich nicht unverarbeitet stehen lassen.

 

Die Story über die Diskotänzerin in der Notaufnahme und die Geschichten um das Attentat auf die Chemiefabrik haben mich inhaltlich ziemlich überzeugt. Einen bleibenden Eindruck haben aber auch die ersten Geschichten mit dem fiesen Polizisten und seinem perversen Nazi-Vater hinterlassen. Werden diese Figuren in der Romanvorlage eigentlich noch vertieft?

Eine wirkliche Spurensuche – „was, wie, woher“ – ist das Buch, denke ich, nicht. Mehr Worte gibt es schon, dafür halt weniger Bilder.

 

Cover der Buchvorlage Ich hab die Unschuld kotzen sehenNach welchen Kriterien hast du die Geschichten der Vorlage ausgesucht? Da ist doch sicher vieles unerzählt geblieben. Kannst du dazu etwas sagen?

Das Buch besteht aus zwei Teilen, Kurzgeschichten und Gedichte. Die Kurzgeschichten sind alle drin, die Gedichte im Comic sind anstatt derer im Buch exklusiv von Dirk dafür geschrieben geworden. Andreas (der Mann vom Unsichtbar Verlag) dachte zu Beginn – bevor er wusste, wie lang ich an so ’nem Ding sitze – noch daran, mehrere Teile aus einem Buch zu machen. (Von den Büchern selbst gibt es drei Teile.) Das hängt auch etwas mit Dirks Sprache zusammen, die mit recht wenig Worten viele Assoziationen hervorruft. Ich dachte aber von Beginn an daran, mich eher kurz zu fassen, so knackig wie das Buch zu bleiben und nicht der Sprache hinterher zu zeichnen. Jede Geschichte auf einen visuellen Punkt bringen. Keine Replik der Originalgeschichten in Bildern, sondern eine Interpretation. Insofern gibt es schon eine Menge, was ich nicht direkt aufgenommen habe. Unerzählt ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Eigentlich hoffe ich, dass es Spaß macht, Buch und Comic mal zu lesen und die Transformation zu beobachten. Auch dass ein Bild mehr als tausend Worte sagen soll, finde ich nicht, weil ein Bild eine andere Sprache spricht. Insofern denke ich, Leser des Buches müssen individuell entscheiden, was für sie unerzählt geblieben ist.

 

Wie viel Philipp Neundorf steckt in den Geschichten?

Als ich bei der Korrekturfahne sah, dass da mein Name zuerst steht, hab ich gesagt, dass das auch geändert werden kann. Ich steck da in zwei Schuhen, weil
– Schuh Eins: Ohne Dirks Buch gäbe es den Comic nicht. Vieles darin basiert aus Dingen aus seinem Kopf. Und mit fremden Federn möchte ich mich nicht schmücken.
– Schuh Zwei: Will ich auch nicht vor der Verantwortung wegrennen, dass ich diesen Comic fabriziert habe. Dirk und Andreas haben mir alle Freiheiten gelassen, den Comic so zu gestalten, wie ich es will und die Geschichten so umzusetzen, wie ich es für gelungen halte. Es ist das Buch durch meine Augen. Wenn man Buch und Comic vergleicht, sieht man, dass da jemand dazugekommen ist. Insofern denke ich schon, auch da steckt ein ganzer Philipp, neben einem ganzen Dirk, drin.

 

Seite aus dem Comic Ich hab die Unschuld kotzen sehenWie lange hast du an dem Comic gearbeitet?

Von dem Tag, an dem ich gefragt wurde, bis zum fertigen Buch vergingen 2¾ Jahre. Ständig daran gearbeitet habe ich nicht, aber es war schon auch immer mein Wegbegleiter. Ich bin froh, diese Zeit gehabt zu haben, da die Ideen dazu wirklich gereift sind.

 

Wie fühlt es sich eigentlich an, so ein Projekt völlig abgeschlossen zu haben und gedruckt zu sehen?

Ich hoffe, da nicht einen Fisch in einen Teich voller Fische geworfen zu haben.

 

Was sind deine Einflüsse beim Erzählen?

Beim Arbeiten höre ich immer Musik. Ich liebe Improvisation und habe mittlerweile, denke ich zumindest, ein ganz gutes System, das auch im Comic auszuleben, ohne dass der 96 % Schrott dabei zu sehr stört. (Dachte, ich wäre damit revolutionär, habe aber neulich gehört, dass Moebius auch schon so Gedanken in die Richtung hatte. Gemein irgendwie. Der war wahrscheinlich auch weder der Erste noch Einzige …)

 

96 % Schrott?

Die genaue Prozentzahl weiß ich nicht mehr, aber Gimli meinte das zur Improvisation im Kommentar zum „Herrn der Ringe“. Trifft auf mein Arbeiten insofern zu, als dass es schon oft so losgeht: „Sieht scheiße aus, wie krieg ich das nur wieder hin …“ Dann arbeite ich so lange daran, bis ich hoffe, gerade noch so die Kurve bekommen zu haben.

Du sagtest, du hörst beim Arbeiten immer Musik und liebst Improvisation. Wer improvisiert da? Du beim Zeichnen oder der Musiker im Radio?

Wir beide …

 

Könntest du das ein bisschen ausführen?

Ich finde es spannend, vorher nicht zu wissen, wie das nachher aussieht. Ich will mich so lange wie möglich selber überraschen. Offen bleiben für Möglichkeiten einer Idee, die ich am Anfang noch nicht gesehen habe oder die im Laufe des Prozesses entstehen können. Gerade im Comicbereich sind Zeichner recht festgefahren. Auch, weil sie in der Regel nicht so luxuriöse Arbeitsbedingungen haben wie ich. Aber kennst du ein Buch, kennst du alle. Ich versuche zu vermeiden, so zu werden. Natürlich kann ich mich nicht immer neu erfinden. Natürlich ist das ein sehr zehrender Prozess. Musik höre ich fast immer, nicht nur beim Arbeiten. Finde ich großartig.

 

Seite aus dem Comic Ich hab die Unschuld kotzen sehenLuxuriöse Arbeitsbedingungen? Das musst du jetzt aber schon noch etwas genauer erklären.

Damit meine ich vor allem, Zeit zu haben. Und zwar nicht, um jahrelang an einer Zeichnung zu werkeln. Technisch habe ich den Aufwand in diesem Fall so begrenzt, dass ich theoretisch in drei, vier Monaten fertig sein könnte. Cool ist es, wenn man die Möglichkeit hat, seine Arbeit zu reflektieren, aus Boxen in denen man steckt, mal rauszukommen. Tom Waits hat sein Songwriting mal mit Angeln verglichen: Manchmal musst du halt warten, bis da was beißt. Im Comicbereich hast du diese Zeit meistens nicht. Das macht nicht unbedingt das schlechtere Produkt, aber zu viel ist sehr berechenbar.

 

Und welche Musik ist es, die dich inspiriert? Charlie Parker? Philipp Boa (eine CD ist im Comic abgebildet)? Nick Cave? John Zorn? Napalm Death?

Ich hör allgemein viel Musik, im Moment in der Regel immer was Neues. Ist nicht immer alles gut oder inspirierend in dem Sinn, dass man das direkt umsetzen kann. Hält mich aber wach und aufmerksam. Insofern kann ich „Welche Musik?“ eigentlich nicht beantworten. Wo ich mich besonders auskenne, ist Electronic, Metal der 90er. Und 1970 halte ich für einen Zeitpunkt, auf den sich die musikalische Entwicklung erst zu und dann wieder weg entwickelt hat. Ich halte den Blick der westlichen Zivilisation auf ihre Musik für recht arrogant, bin aber da sozialisiert. Aber auch aus China gibt es großartige Musik. Und bei Improvisation ist man schnell beim Jazz. Wobei es auch klassische Musiker (Jazzkomponisten auch …) gibt, die so was komponieren.

Hier mal zwei freie Alben: John Coltrane – One Down, One Up; Marion Brown – Afternoon of a Georgia Faun. Und was Komponiertes : Andrew Hill – Nefertiti.

Charlie Parker? – Selten. Phillip Boa? – Nein. Nick Cave? – Irgendwie nicht mehr … Seit so einem schlechten 80er Streifen, wo er mit Pistole rumrennt (bisher der einzige Film, bei dem ich das Kino verlassen habe …), denke ich auch, der ist etwas hirnlos. Gehört für mich zu den großen Selbstverrätern. Aber auch zu den Leuten, die kein Hirn brauchen, um schöne Musik zu zaubern. John Zorn? – Auch mal. Ich glaube, drei oder vier Alben hat der allein letztes Jahr rausgebracht. Schwer, komplett dran vorbeizuhören. Napalm Death? – Da ist bei mir nur Lee Dorian von übriggeblieben. Dem bin ich dafür seit – Oh nein, DONNERGROLLEN – treu. Ennio Morricone? – Ab und an. Es gibt eine sehr schöne CD, wo Yoyo Ma ihn einspielt.

Archie Shepp! Im Gegensatz zu einem ganzen Rattenschwanz an Musikern nicht auf den Esoterikzug von Coltrane aufgesprungen. Macht seit bald 50 Jahren Musik und schlägt sich erstaunlich gut. Das eindrucksvollste Gesamtwerk, das ich kenne, emotional wie intellektuell. John Escreet! Um nicht nur alte Säcke zu nennen. Low Wormwood! Weil, natürlich bin auch ich eigentlich ein Popboy …

 

Interessant, was du über Musik so erzählen kannst. Gute Jazz-Tipps kann ich immer brauchen.

Haha, ja, über Musik kann ich schnell ins Palavern kommen.

 

Ich war schon immer großer Morricone-Fan und versuche, auch die obskuren Filme mit seiner Musik zu sehen.

Hatte ich auch mal vor, auch die Filme zu sehen, meine ich. Aber bei beidem kenne ich nur die Schaumkruste der Welle …

 

Im Comic finden sich Verweise auf Charles Bukowski. Das ist natürlich eine naheliegende Inspiration. Bist du Bukowski-Fan?

Nein, Bukowski kommt aus dem Buch von Dirk. Zitate und Verweise sind mir aber wichtig, deshalb habe ich es übernommen. In einer Szene habe ich dann meine eigene kleine Hommage an „Big Numbers“ eingebaut. Plus den einzigen (zweizigen, aber der andere fällt noch weniger auf …) Musikverweis von mir.

 

Wie sieht es mit anderen Autoren in dieser Richtung aus: Irvine Welsh, vielleicht Bret Easton Ellis?

Auch nein. Ich bin vor langer Zeit zum Nichtleser mutiert. Aus so ’ner Richtung vielleicht die Songtexte von Tom Waits.

 

Welche Vorbilder hast du als Zeichner?

Im Moment möchte ich vor allem wie ich zeichnen. Was nicht heißen soll, dass es nicht eine ganze Menge Leute gab, die ich kopiert habe. Allerdings glaube ich, ich hatte schon auch immer meine eigenen Vorstellungen. Bin ein dickschädeliger Typ.

Ein kurzer Abriss an Comiczeichnern durch mein Leben: Chris Scheuer, Simon Bisley, Bill Sienkiewicz, Dave Mc Kean, Ashley Wood, Sergio Toppi (Aus-dem-Stand-Erinnerung ohne Nachschlagen, Mann – okay, ich – vergisst ja soo viel …)

 

Eine Inspiration von Ashley Wood kann ich in deinen Zeichnungen, vor allem in deinen gemalten Sachen, durchaus nachvollziehen, ohne dass es kopiert wirkt. Aber täusche ich mich, oder sehe ich auch eine Inspiration durch Ted McKeever? Die „Hässlichkeit“ mancher Figuren, die Gesichter und die Körper erinnern mich an die Vertigo-Comics Junk Culture und The Extremist.

Ted Mc Keever? Musste ich ehrlich gesagt nachschauen, um zu sehen, was du meinst. Hab’s auch erst beim Extremist verstanden, hatte davor Metropol gegriffen und da noch nicht. Ist eher nicht so wichtig für mich und hat mich überrascht, so als Vergleich. Auf der Releaseparty zum Comic meinte jemand, ihn würde das Buch an Frank Miller erinnern. Finde ich auch interessant. Aber ich glaube, wenn man andere Sachen von mir sieht, dann fallen einem andere Assoziationen in den Kopf.

Wo kann man Material von dir kennenlernen?

psnaddw.deviantart.com (Bin aber lausig, das irgendwie up to date zu halten …)

 

Der Berliner Zeichner Philipp S. NeundorfWo liegt dein Lebensmittelpunkt (persönlich wie beruflich) und welchen Stellenwert haben Comics in deinem Leben?

– Lebensmittelpunkt persönlich: Meine Familie, Yee Lee (Dame des Herzens) und Luis (fast 2 jähriger Terrorist (des Herzens?))

– Lebensmittelpunkt beruflich: Beim Malen und Zeichnen. Irgendwas gibt es immer, meine Schubladen sind voll

– Comics: Als Yee Lee mich fragte, ob ich meine CDs oder aber Comics auspacken will, entschied ich mich für Zweiteres. Mittlerweile sind wir umgezogen, und es durfte beides raus. Auch zeichne ich sie inzwischen mehr, als dass ich sie lese. Oder ich lasse mich von meinem Lebensmittelpunkt(en) terrorisieren …

 

Was hältst du von Literaturadaptionen im Comic?

Da bin ich recht gefühlslos. Wenn mich das Endprodukt überzeugt, ist es mir eigentlich egal, woher es kommt. Was ich kenne, ist die Lust an einem Stoff, der nicht der eigene ist. Muss nicht unbedingt aus demselben Medium kommen. Man hat einfach manchmal das Gefühl, da will man selber auch mal ran. Das ist ja irgendwo die Grundmotivation, jeden Tag aufs Neue an den Stift zu gehen, um wieder mal
eine Figur zu zeichnen: Vielleicht klappt es ja diesmal, den Menschen ganz, ganz neu zu entwerfen …

 

Arbeitest du mit Computer oder ist bei dir alles handgemacht?

Bei „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ ist der Großteil handgemacht. Am Computer kam das Rot und das Lettering dazu. Plus kleine Edits in den Inks.
Der Syndala-Schriftzug im Buch ist echt mundgemalt. Gar nicht so einfach, besonders wenn man zum Brechreiz tendiert. Ansonsten arbeite ich viel mit dem Computer. Im Allgemeinen ist die Arbeitsteilung: zeichnen von Hand, alles Weitere am Computer.

 

Wie groß sind eigentlich deine Originalbilder?

In diesem Fall sind die meisten Originalzeichnungen auf A5. Ein File hat dann die Länge von 5100 Pixeln. Meistens zeichne ich auf A4, das passt gut in meinen Scanner. Ich überlege aber gerade, das mal wieder zu ändern … Gemalt habe ich schon in vielen Größen. In unserem Wohnzimmer hängt ein 150 cm x 150 cm Schinken …

 

Nimmst du auf die Verkleinerung bei der Drucklegung Rücksicht oder nimmst du es, wie es kommt?

Nehm‘ ich, wie es kommt beziehungsweise überlege mir, wie das nachher aussehen soll. Für „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ habe ich mir einen Look überlegt und darauf hingearbeitet. Anderes Projekt, anderer Look.

Verkleinerung ist in der Regel auch kein Problem. Interessanter werden Vergrößerungen. Für die Releaseparty hatten wir Geschichten aus dem Buch auseinandergenommen und anders präsentiert. Ich empfinde es als spannend, wie sich die Dynamik einer Geschichte so verändern kann. Und natürlich, wie sich die Grafik verändert. Und natürlich habe ich so was auch schon vorher im Kopf. (Was, natürlich zum dritten Mal, nicht heißt, dass das auch immer funktioniert.)

 

Vielleicht könntest du noch etwas über deine künstlerische Biografie erzählen?

Da gibt es nicht viel zu erzählen. Und mit verzweifelten Versuchen (sollte ich vielleicht nicht verzweifelt versuchen …), so was spannend zu machen, tue ich mich schwer. Man kann sich mich als übelsten Autodidakten vorstellen, der all das macht, was einem sein Zeichenlehrer verbietet.

Zeichnung von Philipp S. NeundorfWann hast du mit Zeichnen begonnen und seit wann verfolgst du damit professionelle Ziele?

Irgendwie gezeichnet und gemalt habe ich schon immer. Dann hatte mal eine damals sehr gute Freundin gemeint, Malen sei ja mein Hobby. Und mir fiel auf, dass ich das nicht so wollte. Von da an habe ich angefangen, alles andere hinzuschmeißen und nur noch zu malen. Seit circa 2000 mache ich das Vollzeit. Ich habe für Truckerfahrer und für Weltmarktführer gearbeitet. Professionelle Ziele? Vielleicht verfolgen die eher mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Künstler gibt, der sich nicht mal vorstellt, der Rocker zu sein, dem alle zu Füßen liegen. Oder zumindest von seiner Kunst zu leben. Zweiteres will ich zwar schon; dass das mein unbedingtes Ziel ist, kann ich aber nicht sagen. Aber ich habe schon eine Vorstellung von professionellem Arbeiten, denke, ohne kommt man nicht weit und ich will schon Produkte herstellen, die ordentlich gemacht sind.

Sebastian Oehler von Reprodukt, der mir auch diesen Comic vermittelt hat, hätte mir auch mal einen Pitch für Marvel betreut. Bei der Arbeit daran ist mir aufgefallen, dass das Schlimmste, was mir passieren kann, wäre, die würden mich tatsächlich anheuern. Zwischen mir und denen liegen die professionellen Ziele auf unterschiedlichen Scheiben (und die wahrscheinlich noch mal in unterschiedlichen Existenzebenen …). Kunst ist für mich auch ein Selbstfindungsprozess. Und ein Lernprozess, mit dem Gefundenen professionell umgehen zu können.

 

Was sind deine weiteren Pläne? Etwas Ähnliches oder stattdessen lieber ein neues Genre?

Bisher hatte ich immer die Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Fände ich nicht schlecht, wenn das so bleibt. Ich muss noch mein 20-Jahre-Fantasyepos zu Ende bringen (Stand ungefähr Jahr 5 …). Mir spinnt auch die Idee für ein Kinderbuch im Kopf rum. So planlos wie ich bin, wird schon was passieren …

Du bist ein Comiczeichner in Berlin. Gibt es da regelmäßige Kontakte zur Zeichnerszene, Stammtische oder gemeinsame Auftritte auf Börsen und in Comicläden?

Regelmäßige Kontakte habe ich nicht viele. Ein Grund ist, dass sich die INKplosionsrunde aufgelöst hat. Ein anderer ist, dass meine Projekte recht aufwändig sind. Da bleibt leider nicht mehr viel Zeit übrig. Und dann habe ich ja auch eine lustige Familie. Der Spaß da drückt sich auch in Stunden aus. Insgesamt bin ich nicht so ein extrovertierter Typ. Und in Szenen oder an Tische passe ich oft nicht so recht rein oder ran.

Wie sieht ein Arbeitstag von dir aus?

Ha! Arbeitstage! Those were the days. Seit Luis da ist, habe ich eigentlich keine vollen Arbeitstage mehr. Mit etwas Glück komme ich auf sechs bis acht Stunden, meistens weniger. Manchmal sehne ich mich danach, wieder rund um die Uhr in meiner Kunst zu stecken. Hausmann macht aber auch Spaß. Ist halt anders.

Ein Tagesablauf hier gestaltet sich gerade so: aufstehen, einkaufen, frühstücken, arbeiten, Mittag, arbeiten, Luis, kochen, Abendessen, abschalten, schlafen, zurück zu aufstehen. Arbeiten ist ein recht flexibler Begriff. Das ist das Schöne an meinem Beruf. Mal ist es Tippen wie hier, mal Film gucken, mal surfen im Internet, mal Recherche, mal zeichne ich wirklich was. Ich kann recht viel Spaß haben, interessante Dinge tun. Was Arbeit wird, entscheidet sich oft erst viel später. All die genannten Dinge können aber auch gleich Arbeit sein. Dann fühlen sie sich etwas schwerer an. Und es gibt so Zeugs wie Rechnungen schreiben, Festplatte aufräumen, Dateien zum Verschicken vorbereiten oder oldschool in der Postschlange stehen. Vorkolorieren, scannen oder stundenlang Fenster von Hochhäusern zeichnen. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mir einen Praktikanten leisten. Andererseits bin auch ein bisserl stolz, dass alle meine Sachen bis hier hin selbstgemacht sind. Sie haben quasi eine Stempel drauf: Hier schuftet der Künstler selbst!

Wow. Danke für das äußerst unterhaltsame Interview. Ich werde mit Sicherheit in Zukunft nach weiteren Werken von dir Ausschau halten.

 

Ich hab die Unschuld kotzen sehen
Unsichtbar Verlag, März 2013
Dirk Bernemann, Philipp S. Neundorf
96 Seiten, Hardcover, schwarz-weiß-rot
auf 2000 Exemplare limitiert
ISBN: 978-3-942920-19-3

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Wer sich frühere Comicarbeiten von Philipp ansehen möchte, den möchte ich auf das Archiv der Künstlergruppe INKplosion verweisen. Zwei sehenswerte Arbeiten finden sich hier:

Selbstverständlich ist das ganze INK-Archiv eine Fundgrube und es lohnt sich, sich damit ausführlich zu beschäftigen.

 
Außerdem gab es da noch die amerikanischen Independent-Produktionen Trenchcoats, Cigarettes & Shotguns und Scorn. Von Trenchcoats, Cigarettes & Shotguns ist eine Onlineversion bei Asylumpress zu finden. Es handelt sich um eines von Philipps Eine-Seite/Tag-Werken. Laut Philipp ein Spaßcomic über Dämonenjäger, Mafia und … nun ja, Trenchcoats, Cigarettes und Shotguns.
Die Serie Scorn ist dann noch eine Indie-Serie mit etwas holpriger Entstehungsgeschichte, an der Philipp laut eigener Aussage künstlerisch gereift ist: „Zwischen erstem und zweitem Band liegen ungefähr ein Jahr, und die Zeit Training habe ich wohl noch gebraucht, um eine Seite am Tag zeichnen zu können. Inhaltlich ist es der „Ein Mann sieht Rot“-Klassiker. Sehr runtergebrochen auf das Wesentliche, was mich daran interessiert hat.“
 
Am Ende sei hier noch auf zwei Projekte verwiesen, die nicht ganz so alt sind:

 
 

P.E.N.G.: Preise, eigentlich nicht gelungen

Seit letzter Woche sind die deutschsprachigen Comicleser wieder aufgerufen, ihre Stimme für PENG!, den Münchner Comicpreis, abzugeben, der am 30. Mai beim Comicfestival in München verliehen wird. Das Prozedere, mit dem die Gewinner ermittelt werden, ist allerdings nicht ganz leicht zu durchschauen.

Ein Kommentar von Thomas Kögel.

 

Am 30. Mai wird beim Comicfestival München wieder der PENG!-Preis verliehen. Neu ist in diesem Jahr die Kategorie „Beste Comic-Berichterstattung“, dafür fällt die Webcomic-Kategorie leider weg.

A propos Berichterstattung: Keine der Websites, die über die letzte Woche gestartete Nominierungsrunde berichten, hat es bislang geschafft, klar und zweifelsfrei zu erklären, wie eigentlich die PENG!-Preisträger ermittelt werden. Und beim Versuch, es selbst zu tun, stelle ich fest: Es ist nicht möglich. Jedenfalls nicht anhand der online vorliegenden Informationen.

Im Moment gibt es jedenfalls Vorschlagslisten für die meisten Kategorien, die von einer vierköpfigen Jury stammen: Diese besteht aus den beiden Festivalleitern Heiner Lünstedt und Michael Kompa, dem Journalisten Rainer German, der im auflagenstarken Stadtmagazin in münchen Comics bespricht, sowie Gerhard Schlegel (eine Hälfte von Laska Comix und ehemaliger Mitorganisator des Münchner Comicfests). Diese Listen sind aber nicht als Nominierung zu verstehen, sondern lediglich als „Vorschläge“. Auf verschiedenen Wegen kann nun jeder Comicinteressierte seine Stimme für einen dieser Vorschläge abgeben oder eigene Vorschläge machen: Im Comicforum können Einträge in freier Form geschrieben werden, die Vorschlagslisten werden daraufhin ergänzt, der aktuelle Zwischenstand der Abstimmung ist nicht bekannt. Im Forum von Comicguide gibt es dagegen zu jeder Kategorie eine Umfrage, deren Ergebnis für alle direkt sichtbar ist. Auch hier können weitere Vorschläge abgegeben werden (die dann aber nicht in die Umfrage aufgenommen werden). Für die beiden Manga-Kategorien gibt es keine Jury-Vorschläge, um diese kümmert sich die Community von Animexx, wo aber bislang noch keine Abstimmung zu sehen ist. Und als vierten Weg gibt es noch eine Rundmail der Veranstalter an viele Leute in der Comicszene (u.a. an mich) mit dem Betreff „Du bist in derJury“ und der Bitte um Abstimmung per E-Mail.

Man merkt schon: Das ist ein ziemliches Durcheinander, bei dem es letztlich alles andere als transparent und nachvollziehbar ist, wer auf welchem Weg in welcher Kategorie gewinnt. Die Verwirrung steigt, wenn man auf der Festival-Website liest: „Die Auswahl der Preisträger wird wieder auf eine breite Basis gestellt und durch eine unabhängige Jury aus professionellen Zeichnern, Autoren und Experten und mit Unterstützung von Online-Plattformen gewählt.“ Wer wählt denn nun eigentlich: erst die Jury, dann die Online-Communities? Oder anders herum? Oder erst die Jury, dann die Communities und dann noch einmal die Jury? Ist der PENG! dann ein Jury- oder ein Publikumspreis? Auf Nachfrage erklärt Heiner Lünstedt, es sei eine „Mischung aus beidem“. Die drei Abstimmungen (in den beiden Foren und per E-Mail) liefen parallel und würden gleichwertig nebeneinander gestellt. Die Ergebnisse der drei Votings würden dann abgeglichen, „so dass die Gewinner jene Titel sind, die zumindest in zwei Abstimmungen vorne liegen.“ Getrennt davon liefe der Prozess bei Animexx, „da hier eine geballte Manga-Kompetenz vertreten ist.“ Dass manche Teilnehmer mehrfach Stimmen abgeben können, wenn sie Mitglied in beiden Foren und womöglich auch im E-Mail-Verteiler vertreten sind, ist für Lünstedt kein Problem, da es „kaum zu Verzerrungen des Ergebnisses führt.“

Neben den undurchsichtigen Wegen der Gewinner-Ermittlung gibt es noch weitere Ungereimtheiten beim PENG!-Preis und seinen Vorschlagslisten. Dass die Rechtschreibfehler in den Nominierungen („Daniel Liske“, „Essex Country“), von allen Multiplikatoren per copy & paste fröhlich übernommen wurden, kann man vielleicht noch verschmerzen. Merkwürdig wird es aber, wenn die einzige Bedingung, die ein zu nominierender Comic erfüllen muss, bei den Jury-Vorschlägen gleich wieder außer Kraft gesetzt wird: „Potenzieller Preisträger ist alles, was in letzten zwölf Monaten in Deutschland erschienen (bzw. im Kino gelaufen) ist“, heißt es in der offiziellen Mitteilung. Damit wären gleich sechs Vorschläge der Jury [Omni-Visibilis (Februar 2012), Stiche (März 2012), AÏR (Januar 2012), Die Einladung (Januar 2012), Polina (Dezember 2011), Mosaik-Handbuch (Februar 2012)] ungültig.

Darauf angesprochen, meint Heiner Lünstedt: „Manche Titel fanden wir dann doch so bemerkenswert, dass wir hier etwas flexibler mit unseren eigenen Regeln waren, bzw. wir haben sie nicht sofort nach Drucklegung gelesen. Andere Titel, die wir auch schon bemerkenswert finden, liegen uns jetzt schon vor, obwohl diese noch nicht im Handel sind. Diese Titel können wir leider auch noch nicht berücksichtigen, da eben keine repräsentative Menge davon gelesen werden kann. Grob sagen wir halt, für den Preis eignet sich alles, was rund um Erlangen bis rund ums Comicfestival erscheint, damit mit dem Peng!-Preis eine Lücke zwischen den Max & Moritz-Preisen geschlossen wird und nicht in Erlangen und München die gleichen Künstler und Werke prämiert werden.“

Es geht also recht locker und ungezwungen zu beim PENG!-Preis, was ja auch irgendwie ganz sympathisch ist. Nur leider führt das nicht unbedingt dazu, dass man den Preis auch ernst nehmen kann. Dazu passt auch diese Äußerung von Gabriel Nemeth (der als Urgestein der Münchner Comicszene an vielen der örtlichen Festivals beteiligt war) im Comicguide-Forum. Sinngemäß sagt er, man solle sich nicht so haben, der PENG! sei doch eh nur ein Gaudipreis und wer ihn gewinnt, spielt eigentlich keine Rolle.

Es bleibt dabei: Die drei relevanten Preise für Comics in Deutschland sind der Max-und-Moritz-Preis mit seiner langen Tradition und seinem kulturellen Renommee, der Sondermann, der auf Verkaufszahlen und Online-Voting basiert und damit ein klarer Publikumspreis ist, sowie der auf deutschsprachige Indie-Comics beschränkte ICOM Independent Comicpreis, der durch seine Dotierung und die gute Besetzung der Jury vor allem innerhalb der Szene große Anerkennung genießt. Wenn der PENG! in seiner Bedeutung zu diesen Preisen aufschließen möchte, sollte man einiges am Prozedere verändern. Seriöse Auszeichnungen erfordern seriöse Wege der Ermittlung der Preisträger – der PENG! in seiner jetzigen Form kann das nicht bieten.

Chagall in Russland

Cover Chagall in Russland Joann Sfar ist schon ein Phänomen. 1993 stieß er zur Ateliergemeinschaft Nawak, deren Mitglieder mittlerweile alle Stars geworden sind, 1994 wurden seine ersten Arbeiten veröffentlicht. Da war er gerade mal 23 Jahre alt und innerhalb von 19 Jahren hat er eine so ungeheure Schaffenskraft bewiesen, dass man vor Staunen nicht mehr aus dem Kopfschütteln heraus kommt. Allein beim Avant-Verlag sind schon 22 Bände auf Deutsch erschienen, und darin ist noch nicht einmal die Monumentalserie Donjon enthalten oder Comics wie Sokrates der Halbhund und etliche andere. Und was angesichts dieser Fülle am Erstaunlichsten ist: Die Qualität seines Outputs ist immer hoch, auch wenn sich manche inhaltlichen Aspekte gelegentlich wiederholen. Aber wer die Werke mag, wird sich daran erfreuen.

Bei dem Titel Chagall in Russland denkt natürlich fast jeder sofort an eine Künstlerbiographie, was im Œuvre von Joann Sfar schon etwas überraschen würde. So ist es dann auch wenig verwunderlich, dass sich der Comic nicht als  Biographie entpuppt, sondern eher die Wurzeln des künstlerischen Schaffens von Marc Chagall auslotet und das jüdische Leben in der russischen Provinz zu Zeiten des Bürgerkriegs schildert. Damit liegt dieser neue Wurf ganz in der Tradition der hervorragenden Sfar-Serien Die Katze des Rabbiners und Klezmer. Hier wie dort werden jüdische Traditionen und Eigenarten beleuchtet.

Chagall ist ein junger Mann, der nur an zwei Dingen Interesse hat: seine Malerei und die Frau seiner Träume, die er heiraten will. Doch deren Vater, Herr Tewje, möchte einen solideren Mann für seine Tochter. Um die Familie und seine Angebetete zu beeindrucken, macht sich Chagall daran, ein jüdisches Theater aufzubauen. Soweit ist der eigentliche inhaltliche Aufhänger arg überschaubar und man bekommt kaum Informationen über das Leben Chagalls. Fans des expressionistischen Malers könnte das enttäuschen.

Seite aus Chagall in RusslandStattdessen machen eher die vielen Begegnungen und die künstlerischen Anspielungen den Reiz der Erzählung aus. Direkt auf der ersten Seite trifft Chagall einen Verrückten, der behauptet, Jesus Christus zu sein, und sich dementsprechend Anfeindungen von allen Seiten ausgesetzt sieht. Ein großer starker Mann, Tam, erinnert ihn an den Golem und nimmt an seinen weiteren Abenteuern teil. Denn Kosaken machen die Gegend unsicher, sie morden, plündern, vergewaltigen und führen generell Pogrome durch. Doch ausgerechnet diese Kosaken und andere zwielichtige Gestalten gewinnt Chagall als Mitwirkende für sein Theater.

Man sieht schon: Eine Biographie ist das nicht, da nur zwei Stationen des Lebens von Chagall abgehakt werden: die erste große, inspirierende Liebe und die Bildung des jüdischen Theaters. Stattdessen legt Sfar den Fokus auf andere Aspekte: prägende Situationen in einem jungen Leben voller Bürgerkrieg, Gewalt, Antisemitismus und Pogromen. Angesichts des Schreckens und der Absurdität der Gewalt bleibt einem Künstler wohl kaum ein anderer Weg zum Ausdruck als der Expressionismus (wie sich diese Kunstrichtung ja generell erst nach Ende des Ersten Weltkrieges etablierte, weil sich die meisten Schaffenden aufgrund der erlebten Gräuel außerstande sahen, figürlich zu arbeiten). Auch Sfar selbst beschreitet diesen Weg gerne, und hier wird es richtig passend.

Sfar zitiert nicht nur Chagall direkt in einigen Panels, sondern auch andere kulturelle Einflüsse. Manchmal stellt er Gebäude stark expressionistisch dar und erinnert damit sehr an den Stummfilm Der Golem mit Paul Wegener oder an den gleichnamigen Roman von Gustav Meyrink, ein Beispiel par excellence für literarischen Expressionismus. Was auch eine Hommage an die jüdische Kultur und Tradition ist. Und zwar doppelt in einem Werk: hier wird nicht nur ein jüdischer Künstler und seine Lebenswelt porträtiert, sondern auch die Einflüsse von Tradition und Kultur.

Chagall in Russland will nicht den Lebensweg des Künstlers nachzeichnen, sondern seinem Ansporn auf die Spur kommen, und das gelingt Sfar außergewöhnlich gut. Der Einblick in das träumerische Herz eines Künstlers und seine Leidenschaft für die Malerei überzeugt. Da kommen durchaus auch unangenehme Eigenschaften mit zum Tragen, zum Beispiel wenn Chagall alles andere seinem Schaffen unterordnet, was gegen Ende gar zur Katastrophe führt.

Somit ist diese vermeintliche Biografie ein wilder Ritt: Drama, Sittengemälde, Historienstück, Hommage an jüdische Traditionen, Expressionismus in der Gestaltung als Zitat und Ausdrucksform, Tragödie, Liebesgeschichte, Komödie, Satire, Brutalität, Sinnlichkeit, und und und. All das ist hier zu finden und macht Chagall in Russland wieder zu einem kleinen Meisterwerk von Sfar.

Am Ende bleibt eine pessimistische Note, wenn im Scheitern Chagalls behauptet wird, dass die Kunst das Leben nicht zu verändern vermag und auch die Herzen nicht immer gewinnt. Aber die Leidenschaft überwiegt und überzeugt auch bei Sfar. Einige komische inhaltliche Sprünge hinterlassen bisweilen den Eindruck, dass ein paar Seiten vertauscht worden sein könnten, aber der Comic bleibt durchweg faszinierend. An Sfar kommt keiner vorbei.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein neues Meisterwerk des Ausnahmekünstlers Joann Sfar, welches die vielfältigsten Aspekte bündelt und vor Ideen und Anspielungen nur so strotzt.

 

Chagall in Russland
Avant-Verlag, Dezember 2012
Text und Zeichnungen: Joann Sfar
Übersetzung: Lorenz Hatt
128 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-73-2
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Avant-Verlag

Links der Woche 17/13: Every rose has its thorn

Unsere Links der Woche, Ausgabe 17/2013: 

 

Dirk Kurbjuweit und Denis Scheck
SWR, Literatur im Foyer
In der Fernsehsendung Literatur im Foyer stellt Denis Scheck Jimmy Corrigan von Chris Ware als „ganz große Kunst“ und „Weltliteratur“ vor. Moderatorin Thea Dorn will ihm das nicht so recht abnehmen, doch Scheck lässt sich davon in seiner Begeisterung nicht beirren und verteidigt Wares Comic tapfer gegen jene Vorurteile, von denen wir eigentlich gedacht hatten, dass sie im Kultur-Establishment mittlerweile überwunden sind. Comicblogger Beetlebum hat den Ausschnitt auch gesehen und daraus den wunderbaren Comic Mit Thea Dorn Comics neu entdecken gemacht. Hier der Ausschnitt bei YouTube:

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Comic-Autor in Ägypten verhaftet
tagesspiegel.de, dpa-Meldung
Mit Besorgnis weist das Goethe-Institut Kairo darauf hin, dass der ägyptische Comickünstler Magdy el Shafee, Autor des kritischen Comics Metro (deutsch bei Edition Moderne) vergangene Woche verhaftet wurde. Unter anderem wird ihm versuchter Mord an drei Polizisten vorgeworfen, er soll mittlerweile jedoch gegen Kaution aus der Haft entlassen worden sein. An den Protesten, die 2011 zum Sturz des Staatschefs Mubarak führten, hatte Magdy el Shafee aktiv teilgenommen, doch auch die neue Regierung unter Führung der Muslimbruderschaft geht mit kritischen Stimmen wenig zimperlich um. Siehe auch Words without Borders.

„Graphic Novels“: Aufgezeichneter Journalismus
NDR Zapp, Judith Pape
Ein TV-Beitrag des Medienmagazins ZAPP beschäftigt sich mit Reportagen in Comicform. Auf der NDR-Website ist nicht nur der fünfminütige Beitrag abzurufen, der im Fernsehen zu sehen war (und ein wenig zu sorglos die Begriffe „Comicreportage“ und „Graphic Novel“ zusammenwirft), sondern zusätzlich auch Langversionen der Interviews, die für den Beitrag geführt wurden: Mit Zeichnerin Ulli Lust, Comichändler Torsten Alisch und Verleger Johann Ulrich.

Familienjuwelen 
familienjuwelen.blogspot.de, Anna Bas Backer und Nettmann 
Ein neues Comicblog von Anna Bas Backer und Nettmann, die gemeinsam mit Baby in Berlin leben und abwechselnd in kurzen, teils recht eigenwilligen Strips kleine Episoden aus ihrem Alltag erzählen.

Cartoonists At Their Desks
cartoonistsattheirdesks.tumblr.com
Fotos von Zeichnern am Zeichentisch. Gesammelt in einem Tumblr. Nicht mehr, nicht weniger.

Berliner, Porno, kaputte Bilder: Die CIB 2013

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CIB-2013-PlakatIn der deutschen Hauptstadt gab es in früheren Jahren mal das „Berliner Comicfestival“ und danach den „Berliner Comicgarten“. Dann war es in Sachen „lokales Comicfest“ ein paar Jahre ruhig, bis 2011 die Macher der COMICINVASIONBERLIN (CIB) auf den Plan traten, damals noch mit dem Veranstaltungsnamen „Comics über Berlin“. Die mittlerweile dritte Auflage des sympathischen Festivals fand am 21.4.2013 in der Urban Spree-Gallery auf dem RAW-Gelände im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg statt. Und der graffiti-getränkte, leicht morbide Industrieruinen-Charme des Veranstaltungsorts passte wie der Fleischtunnel ins Hipsterohrläppchen. Denn das CIB ist eine Art DIY-Mitmachfestival, bei dem sich jeder mit Ideen, einer Ausstellung, Workshops oder anderen Programmpunkten einbringen kann.

Die Berliner Comicverlage waren mit Ausnahme von Mosaik vollständig vertreten und hatten reichlich lokale Zeichner mitgebracht: Bei avant signierten Ulli Lust, Felix Pestemer und Sophia Martineck (an deren herrlichen Titel Hühner, Porno, Schlägerei sich die Artikelüberschrift natürlich anlehnt). Reprodukt wartete mit Aisha Franz, Lukas Jüliger, der jüngst viel Lob für sein Debütwerk Vakuum erhielt, und Mawil auf; außerdem präsentierte Verleger Dirk Rehm persönlich das neue Kindercomicprogramm den kritischen Blicken der zahlreichen minderjährigen Besucher, deren Eltern der Sonntagsspaziergang hierher geführt hatte. Der Comic-Culture-Verlag hatte Alina Fox-Zeichner Daniel Gramsch dabei und hielt mit Marika Herzog die Manga-Flagge hoch.

Außenbereich der CIBRöhrender Platzhirsch war jedoch der Zwerchfell Verlag, der zwar nicht in Berlin beheimatet ist, aber hier auf ein stattliches Künstlerarsenal bauen kann: Naomi Fearn, Aike Arndt, Tim Gaedke, Michael Vogt, Tim Dinter und Christian Nauck signierten in Rotation und zwischendurch griffen die extra aus Stuttgart bzw. Frankfurt angereisten Verleger Stefan Dinter und Christopher Tauber selbst zum Zeichenstift. Aber auch Annette Köhn vom noch recht frischen Berliner Jaja Verlag hatte eine kleine Armee aus lokalen Zeichnern dabei, unter anderem Peter „Auge“ Lorenz, Dominik Heilig und Klaus Cornfield. Ebenfalls vor Ort waren der Warum Verlag von CIB-Mitveranstalter Wandrille Leroy und die Anthologien JAZAM! und Epidermophytie, welche die Herausgeber Adrian Vom Baur und David Koslowski bzw. Andreas „aha“ Hartung feilboten. Cross Cult sitzt zwar nicht in der Hauptstadt, ließ sein Programm aber vom Berliner Comicladen Comics & Graphics vertreten. Dazu kam eine Reihe Künstler und Illustratoren wie Thilo Krapp, Romain Malauzat, Maki Shimizu und Javier Lozano Jaén, die Comicläden Modern Graphics und Grober Unfug und der eine oder andere Kreativshop. Als internationalen Gast hatten die Veranstalter sich Arthur de Pins ins Urban Spree geholt. Der Comic- und Animationskünstler (LieblingsSünden) signierte nicht nur, sondern stellte auch seinen Zeichentrickkurzfilm La Révolution des Crabes vor, auf dem seine Comictrilogie Der Marsch der Krabben basiert, für die es in Erlangen 2012 den „Francomics“-Preis gab.

Stephen Paul Taylor performt mit GanzkörpereinsatzDie Atmosphäre im Urban Spree war weit entfernt von der geschäftigen Hektik einer Messe oder dem eifrigen Kistenscannen einer Comicbörse. Allein der späte und ans Ausgehverhalten junger Großstädter angepasste Start um 12 Uhr mittags sprach in dieser Hinsicht Bände. Es gab durchgehend Livemusik, neben chilligen DJ-Klängen den gutgelaunten ADHS-Synthiepop des Kanadiers Stephen Paul Taylor und swingenden Indie-Folk der Band Hells Chicken. Da wurden sogar ein paar Tanzbeine geschwungen und Körper gewackelt. Das in erfreulich großer Zahl hereinströmende Publikum war interessanter Weise viel weniger comicaffin als man es von anderen Veranstaltungen gewohnt ist. Manch eine(r) war offensichtlich nur aus Zufall nach dem Verlassen eines nahen Clubs hereingestolpert oder beim Sightseeing vom Weg abgekommen, wie der Trupp japanischer Touristen, der gleich zu Beginn die Halle bevölkerte. Das Interesse am Gebotenen war jedoch allgemein groß, es wurde viel geguckt, reingelesen und nachgefragt und durchaus auch gekauft. Bei Zwerchfell zum Beispiel wurden sowohl die allerletzten Exemplare der Bettgeschichten-Anthologie komplett über die Theke gereicht, die damit offiziell verlagsvergriffen ist, als auch die mitgebrachten Ausgaben von Aike Arndts kultigem Büchlein Die Zeit und Gott, das sich übrigens still und leise zum Longseller entwickelte und mittlerweile in der dritten Auflage ist.

CIB 13: What a crowd!Beim Anblick der wild zusammengewürfelten Besucherschar, deren Altersdurchschnitt klar unter 40 lag und den vielen jungen Familien wurde dem einen oder anderen Comicmacher jedenfalls mit Sicherheit ganz warm ums Herz. In diese Kerbe schlägt auch ein Blogeintrag von Comic & Graphics-Betreiber Frank Wochatz, in dem er sich eine Fusion der CIB mit der halbjährlichen Berliner Comicbörse, die sich seit kurzem klangvoll „Comicmesse“ nennt, zu einem großen Berlin-Festival mit gut durchgemischtem Publikum wünscht. Dass das eher unwahrscheinlich ist, gibt Wochatz gleich selbst zu, aber immerhin wurde Comicmesse-Veranstalter Carsten Laqua auf Erkundungstrip im Urban Spree gesichtet.

Fleißiges AusstellungsguckenDie CIB lebte neben den gut aufgelegten Künstlern und Ausstellern auf jeden Fall von den vielen Mitmachangeboten, die dankbar angenommen wurden: der Sketch-Workshop, die 3D-Roboter-Bastelecke für Kinder, der mysteriöse Illumat, in den man seinen aufgeschriebenen Zeichenwunsch steckte und dann mit einem individuellen Kunstwerk überrascht wurde, und das gemeinschaftliche Open-Air-Zeichnen, bei dem sich jeder Besucher verewigen konnte. Die wild zusammengewürfelte Ausstellung, die jedes zur Verfügung stehende Fleckchen an der Wand einnahm – teils hingen Comicseiten-Exponate auch wäscheleinenmäßig über den Köpfen des Publikums – wurde ebenfalls reichlich begutachtet. Wobei im Gewühl auch mal ein Bilderrahmen zu Bruch ging. Der betroffene Anarcho-Superheldenzeichner Nettman fühlte sich vermutlich geschmeichelt.

 

IMG 8544Im Heizungskellergewölbe lauerte auf volljährige Besucher auch noch eine Erwachsenencomic-Ausstellung, die sich größtenteils aus Beiträgen zum bereits erwähnten Bettgeschichten-Band zusammensetzte. Der lieferte auch die Grundlage für die Abschlussdarbietung: Nach acht Stunden Trubel gab es unter Leitung von Naomi Fearn eine Comiclesung nach dem Motto „Ich lese einen Porno, den du nicht siehst“, bei der an der Comicanthologie beteiligte Künstler wie Steffi Schütze, Christian Nauck und Mawil jeweils die Geschichte eines/r anderen lasen – und dazu die Bilder detailliert beschreiben mussten, was zum Vergnügen des Publikums teils natürlich eher witzig bis bizarr als hocherotisch ausfiel.

Alles in allem eine sehr erfreuliche Veranstaltung, leicht chaotisch, nicht perfekt, aber mit viel kreativem Charme und einem tollen Publikum. Nächstes Jahr dürfen die Comics und ihre Macher gerne wieder auf diese Art die Hauptstadt heimsuchen.

 

Mehr Einzelheiten zur COMICINVASIONBERLIN, der Zukunft des Festivals und wie es ihm am Tag danach ging, verriet uns Veranstalter Marc Seestaedt in einem Interview.

 

Und als Belohnung fürs Durchhalten folgt eine kleine Bildergalerie von der CIB 2013:

Reprodukt-Stand mit Mawil

Mawil (links) staunt über den Besucheransturm am Nachmittag.

Modern Graphics

Mit Modern Graphics, Comics & Graphics und Grober Unfug waren drei Berliner Comicläden vertreten.

Ulli Lust bei avant

Ulli Lust am avant-Stand.

Michael Vogt (Die Toten) bekommt am Zwerchfell-Tisch Instruktionen von den Verlegern Tauber und Dinter.

Michael Vogt (Die Toten) bekommt am Zwerchfell-Tisch Instruktionen von den Verlegern Tauber und Dinter.

Zwerchfell meets Comic-Culture

Comic-Culture-Redakteur und Comicgate-Mitarbeiter Michel Decomain schaut den Herren Tauber, Vogt und (Stefan) Dinter beim einträchtigen Signieren über die Schulter.

Luftige Ausstellung: Der WG-Chinese

Der Platz war knapp und manche Ausstellungsexponate wurden dementsprechend kreativ dargeboten. Die Seiten stammen aus dem Comic Der WG-Chinese, der auf der CIB recht guten Absatz gefunden haben soll. Vielleicht als Mitbringsel für den Chinesen daheim in der eigenen WG?

Doppeltim Gaedke

Dem Gesichtsausdruck nach scheint Tim Gaedkes bei Zwerchfell erschienenes Erstlingswerk Punchdrunk ziemlich gut zu laufen.

Thilo Krapp

Thilo Krapp hatte den knackfrisch erschienen zweiten Band von Damian & Alexander mit dem Titel „Dschungelliebe“ dabei.

Gewühle vor dem Cross Cult-Stand

Man sieht den Stand vor lauter Leuten nicht: Dieses Bild dürfte in der Cross Cult-Zentrale in Ludwigsburg ziemlich gut ankommen.

Außenbereich des Urban Spree

Der Außenbereich des Urban Spree und das Sonntagswetter ergänzten sich perfekt. Manche Besucher waren direkt vom Clubbesuch zur CIB gewechselt.

Cosplay?

Who needs Cosplayers if you got this?

Ulli Lust

Ulli Lust inspiziert die Arbeiten der Kollegen.

CIB 2013: Ausstellung

Für die Austellungen von zahllosen Künstlern musste jedes freie Fleckchen herhalten.

Zwerchfell-Stand mit Aike Arndt

Aike Arndt (rechts) signiert seinen Verlagsbestseller Die Zeit und Gott bei Zwerchfell.

Cameron Stewart

VIP-Besuch: Der in Berlin lebende kanadische Zeichner Cameron Stewart (Batman & Robin, Catwoman) schmöckert in den Bettgeschichten.

Cameron Stewart und Christian Nauck

Kollegenplausch: Cameron Stewart und Christian Nauck (Bettgeschichten, Marvel Adventures Spider-Man) nebst Mittagessen von Herausgeber Tauber.

Goran Sudzuka

VIP-Besuch II: Goran Sudzuka (Y – The Last Man, Wolverine) bestaunt Thilo Krapps Originalseiten.

JAZAM!

David Koslowski hütet gutbehütet den JAZAM!-Tisch.

Durchgehender Besucherstrom

Vor allem zwischen 13 und 18 Uhr sah die Halle durchgehend so aus.

Comic-Culture-Verlag

Michel Decomain schnackt am Comic-Culture-Stand mit Daniel Gramsch (Alina Fox).

Comicgate

Und zu guter Letzt: Der Comicgate-Stand!

Comicgate-Stand

Das sieht man gerne: Die Comicgate-Printmagazine und unser Cartoonbuch Schwarz, weiß, tot werden fleißig probegelesen.

 

Fotos: © Tom Eickelau, Andreas Völlinger

Interview mit Marc Seestaedt (COMICINVASIONBERLIN)

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marc seestaedtMarc Seestaedt ist Fotokünstler und Musiker, veröffentlicht die Lifestrips, und organisiert zusammen mit Wandrille Leroy die COMICINVASIONBERLIN (CIB). Andreas Völlinger hat ihn am Tag nach dem Festival im April 2013 online interviewt.

 

Comicgate: Hallo Marc! Hast du dich schon von der Invasion erholt?

Marc Seestaedt: Bin noch dabei. Es gab noch viel Bier und Shots an der Bar am Ende, was zusammen mit der Erschöpfung vom Wochenende meinen Montag seeeehr ruhig gemacht hat. Ich realisiere irgendwie immer noch stückweise, dass so viele Leute da waren und es keine Katastrophen gab. 🙂

Das Urban Spree war ja wirklich durchgehend gut gefüllt. Hast du eine Schätzung parat, wie viele Leute die CIB 2013 besucht haben?

Ojee. Ich bin unglaublich schlecht mit Zahlen, deswegen bin ich in die Kunst und in die Arbeit mit Menschen gegangen. 🙂 Wir hatten bestimmt fünf Stunden am Stück einen stetigen Strom von neuen Leuten in der Halle, viele kamen von der Straße und haben gesehen, dass im Urban Spree was läuft und es nett aussieht. Die Halle war eigentlich ständig voll.

CIB 2013: Volles HausWie war das Feedback der Verlage, Händler und Künstler, die einen Tisch gemietet hatten?

Ich habe viel, viel Gutes gehört. Die Leute mochten die Location, gute Lage, schöner Außenbereich. Ich habe gern alles in einer Halle, damit sich das Publikum nicht zu sehr verteilt. Da gab’s aber auch vereinzelt Klagen wie „Der Synthiepop-Typ, der da gespielt hat, hat die Leute zwar zum Tanzen gebracht, aber wir konnten wegen der Lautstärke keine Kundengespräche führen“. Ich mag es, wenn es lebendig ist, aber es gibt auch Leute, denen eine ruhigere Buchladenatmosphäre lieber ist.

Womit warst du selbst besonders zufrieden und was hat nicht so gut funktioniert?

Positiv: Ich war überwältigt von dem Strom an Leuten, die ich gar nicht kannte oder zuordnen konnte. Voll toll. Woher kommen diese Leute? Hab ich die hierher gekriegt? Der Kindertisch war eine Freude und wurde gut angenommen, das war schön. Negativ: Ich wünsche mir immer einen gemeinsamen Abschluss mit Tamtaram und dann tröpfelt es doch immer irgendwie auseinander am Ende, da Leute zu unterschiedlichen Zeiten weg müssen mit ihren Büchern. Ich denk mal darüber nach für nächstes Jahr.

Spontan-Vernissage auf der CIBDas Festival ist ja eine Art DIY-Event, bei dem sich jeder einbringen kann. Neben mehreren Ausstellungen hattet ihr dieses Jahr den Illumat, mehrere Musiker, ein „Trash Puzzle“, das gemeinschaftliche „Aktion Drawing“, ein Comicquiz und vieles mehr am Start … Hattest du ein persönliches Highlight?

„DIY Festival“ mag ich. 🙂 Ich sehe es als eine Plattform und bin für alles offen, besonders Events, die Comics in Aktion bringen. Meine Highlights waren Dinge zwischendurch wie der schon erwähnte Kinderbasteltisch, an dem Kinder Roboter basteln konnten und der toll angenommen wurde. Der Sketch Workshop von Annette Köhn von Jaja Verlag war auch eine Freude zum Zugucken, auch weil es eine schöne Mischung aus Jung und Alt war, die da mitgemacht hat. Wenn so was passiert bin ich sehr happy. „Bring sie zusammen, bring sie zusammen!“, sag ich. Ha ha!

Wie groß war denn euer Orga-Team?

Wir haben mehrere Treffen gemacht zum Ideensammeln, der Rest lief über eine Facebook-Gruppe und E-Mail. Es gibt einen Pool von ca. 20 Leuten, die mithelfen, und ich koordiniere, was wann wo passieren muss.

Die CIB ist ja eine nicht-kommerzielle Veranstaltung. Habt ihr denn die Ausgaben wieder rein bekommen?

Ja. Wir haben einen guten Deal mit dem Team von Urban Spree. Die haben vorher auch das HBC gemacht, wo das Festival letztes Jahr war und das hat denen so gut gefallen, dass sie gesagt haben: „Macht das bei uns!“

Ihr habt eine Tumblr- und eine Facebook-Seite für die CIB eingerichtet. Habt ihr das Festival noch auf andere Weise beworben?

Wir durften beim Berliner Fenster [Infomonitore in den U-Bahnen] einen Spot senden, mit denen hab‘ ich noch ’ne Verbindung über meine Fotocomic-Serie LIFESTRIPs, die dort jahrelang lief „ und bald wieder läuft, zum Festival kam ein neues Buch raus. Es gab auch Poster und Flyer, aber mein Eindruck ist, dass die meisten Leute über Facebook von der Veranstaltung wussten. Da pflanzt sich so was in Berlin am stärksten fort.

Land unter auf der CIB 2013Mit Arthur de Pins, der seinen Animationsfilm La Révolution des Crabes vorführte, an einem Podiumsinterview teilnahm und signierte, war so eine Art internationaler Gaststar dabei. Wie kam der Kontakt zu ihm zustande?

Über Wandrille Leroy vom Warum Verlag und die Französische Botschaft in Berlin, die haben ihn eingeladen. Wandrille denkt sich mit mir zusammen Sachen fürs Festival aus und er hatte auch den Kontakt zur Botschaft.

Die CIB fand dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt. Wie kam es 2011 eigentlich zur ersten Invasion, die noch unter dem Namen Comics über Berlin lief?

Ich lernte Wandrille Leroy beim Montags-Comicstammtisch in der Comicbibliothek Renate kennen, im Februar 2011 oder so. Er erzählte, dass er ein kleines Festival organisieren will, dass er aber grad mit seinem Verlag etwas zu viel zu tun hat. Ich weiß gar nicht mehr, was mir den Impuls gab, aber ich sagte „Find ich gut, ich helf gern.“

Ich hab dann erlebt, dass man für so ein Event eigentlich nur eine Plattform schaffen muss und die Leute kommen. Wir haben die Info rausgeschickt und Künstler eingeladen, und fast alle sagten „Super, so was fehlt schon lange, ich mach mit!“ Der Rest ist Koordination und PR.

Du hast oben ja schon vom „nächsten Jahr“ gesprochen. Die CIB 2014 kommt also?

Auf jeden!!!

Soll das Festival in Sachen Räumlichkeiten und Teilnehmer noch weiter wachsen oder war das schon die perfekte Größe für euch?

Bitte nicht mehr. Eher noch die Raumsituation etwas entspannen. Vielleicht bei noch besserem Wetter Buchtische nach draußen stellen.

Der Außenbereich der CIB 2013Was oder wovon mehr wünscht du dir für das nächste Mal?

Ich überlege, wie man die Halle mit den Büchertischen noch ruhiger gestalten kann, so dass man gerne in Ruhe vor einem Tisch stehen bleibt. Mit dem Publikumsandrang am Sonntag schob man sich, glaube ich, teilweise mehr durch die Halle, als diese Ruhe zu haben. Vielleicht kann man mit visuellen Abtrennungen arbeiten oder bei noch wärmerem Wetter eben einige Tische nach draußen stellen. Und: Sofas ausleihen zum gemütlich Sitzen und Blättern!

Ein paar Besucher haben sich beschwert, dass das Urban Spree trotz supergünstiger Lage ganz schön versteckt liegt und schwer zu finden war. Habt ihr da Abhilfe-Ideen für nächstes Jahr?

Ja. Eine Karte auf der Event-Seite und einen GoogleMap-Link. Und mehr Schilder, I guess.  Wir haben es ausgeschildert so gut es geht, aber anscheinend net genug. 🙁

Das liegt zum Teil an der unübersichtlichen Anordnung des RAW-Geländes, wo viele Locations nah beieinander liegen.

Dieses Jahr war mit Zwerchfell ja auch ein Verlag von außerhalb Berlins [die Verleger kommen aus Stuttgart bzw. Frankfurt] vertreten. Wollt ihr in Zukunft noch mehr Leute aus dem Rest der Republik anlocken oder soll die CIB eine Veranstaltung für lokale Künstler und Verlage bleiben?

Die auf der CIB vertretenen Comickünstler von Zwerchfell [Naomi Fearn, Aike Arndt, Tim Gaedke, Christian Nauck, Michael Vogt, Tim Dinter] sind alle in Berlin ansässig, insofern ist der Lokalcharakter da. Ich denke, es gibt genug Talent in Berlin; die anderen können gern zu Besuch kommen und sich unseren Kram anschauen. 🙂

CIB 2013Und habt ihr schon darüber nachgedacht, die Invasion zeitlich weiter auszudehnen? Ich habe am Sonntag schon Leute darüber sinnieren gehört, wie wohl eine zweitägige CIB wäre.

Hmmm … Ich dachte bislang „Mach einen guten knackigen Tag, der Leute umhaut, anstatt mehrere Tage, wo sich das Publikum verteilt“. So denke ich weiterhin. Kurz und schmerzvoll, wie man so sagt. Man kann eher überlegen, ob es ein ausgedehnteres Abendprogramm gibt nächstes Mal, mit Party und so, und das ganze an einem Samstag. Hmm …

Was war dieses Jahr noch besser als letztes?

Letzes Jahr meldete sich nach dem Festival meine Bandscheibe, weil ich bis zum Tischeschleppen an allem beteiligt war. Dieses Jahr gab es da mehr Struktur und mehr Helfer, also: Wir sind auf einem guten Weg!! 🙂

 

Hier gibt es einen Bericht und mehr Fotos von der CIB 2013.

 

Fotos: © Tom Eickelau, Andreas Völlinger

Manhole 1-3

Cover Manhole 1Eigentlich sollte man ja meinen, Horror und Manga, da kommen zwei Dinge zusammen, die viele lesenswerte Früchte tragen sollten. Tun sie ja auch. Nur irgendwie nicht in Deutschland. Hier war das Genre im Manga-Sektor vor Kurzem noch dermaßen rar vertreten, dass es einen wunderte. Seit einiger Zeit hat man zumindest bei Carlsen dauerhaft wenigstens einen ordentlichen Genre-Vertreter im Gepäck. Das fing an mit dem etwas zahnlosen vierbändigen Survival-Horror-Manga Doubt von Yoshiki Tonogai, der das Spielprinzip von Die Werwölfe von Düsterwald mit der zweifelhaften Ästhetik der Saw-Filme kurzschloss und aktuell noch als Judge fortgesetzt wird. Seit einigen Monaten hat Carlsen zudem die eigenwillige Zombie-Serie I Am a Hero von Kenzo Hanazawa im Programm. Bereits Anfang vergangenen Jahres erschien zudem der dreibändige Seuchenthriller Manhole von Tetsuya Tsutsui, der durchaus mal einen Blick wert ist.

In dem japanischen Städtchen Sasahara taumelt ein nackter, offensichtlich verwirrter Mann durch die Straßen, fällt einen Studenten an und bricht kurz darauf blutüberströmt tot zusammen. Der kaltschnäuzige Kriminalpolizist Mizoguchi steht vor einem Rätsel. Im Hirn des Toten scheint sich eine unbekannte Parasitenart eingenistet zu haben, eine außergewöhnlich aggressive und hochansteckende Bandwurminfektion, die ihrem Opfer auch einen Augapfel weggefressen hat. Mit der unerfahrenen jungen Polizistin Inoue an seiner Seite forscht Mizoguchi nach den Ursachen der Erkrankung. Schon bald treten weitere Fälle auf und alles deutet darauf hin, dass der Befall der Infizierten nicht wahllos erfolgt. Unter den Gullydeckeln Sasaharas lauert ein grauenhaftes Geheimnis …

Panel aus ManholeManhole kostet seinen Ekelfaktor zu Beginn exzessiv aus. Die anfänglichen Infektionsszenen gehen einem wortwörtlich unter die Haut, und ich glaube, kein Comic hat es jemals zuvor geschafft, Mückenstiche auf derart drastische Weise zu inszenieren. Heftiger Bodyhorror, von dem Zartbesaitete lieber Abstand nehmen sollten. Die Spannung ist zu Beginn immens. Tsutsui schafft es geschickt, ein beständig anschwellendes Gefühl von Bedrohung aufzubauen, das einen mit immer neuen Schocks an die Seiten fesselt. Leider kann der Manga diese Intensität nicht über die gesamte Länge aufrecht erhalten. Besonders der dritte Band enttäuscht mit reichlich redundanten und ausschweifenden Erklärungspassagen über die wahren Motivationen hinter der Seuche, verzichtet dafür aber fast völlig auf mitreißende Passagen. Das Ende ist schneller vorbeigezogen, als es gekommen ist, und zurück bleibt ein etwas unbefriedigender Eindruck, als hätte der Manga seine anfänglichen Versprechen nicht ganz einzuhalten gewusst.

Panel aus ManholeZu einem großen Teil liegt das auch daran, dass es Tsutsui nicht schafft, beim Leser eine wirkliche Bindung zu den Hauptfiguren aufzubauen. Sowohl Mizoguchi als auch Inoue bleiben dauerhaft auf Distanz. Ihre späteren Gefühle füreinander kommen wie aus dem Nichts und wirken daher wenig glaubwürdig. Auch Tsutsuis Zeichenstil gibt sich recht unterkühlt. Sein Mischstil, der anscheinend Federzeichnungen mit hart gescannten Bleistiftschraffuren und digitaler Nachbearbeitung kombiniert, ist zwar durchaus interessant und für Manga eher ungewöhnlich. So ganz ausgereift sind aber insbesondere seine Figurenzeichnungen noch nicht. Die intensive Ausdruckskraft, die man mit Manga häufig assoziiert, bleibt hier weitestgehend außen vor. Für Interessenten mit eher westlich geprägten Lesegewohnheiten könnte das aber auch durchaus wieder ein Vorteil sein.

Die Aufbereitung der Mangas durch Carlsen ist zweckmäßig, aber nicht sehr liebevoll. Der kühle Sprachstil dürfte im Original so angelegt sein, weswegen man der Übersetzung wohl keine Vorwürfe machen kann. Das recht sterile und viel zu kleine Lettering ist aber wirklich kein Hingucker, ebenso wenig wie die eher einfallslosen deutschen Soundwords. Die je zwei Farbseiten (davon immer eine als Inhaltsverzeichnis) machen den Kohl auch nicht wirklich fett, aber bei deutlich über 200 Seiten pro Band und den angenehm matten und schön designten Covern ist man für sein Geld trotzdem sehr gut bedient.

Panel aus ManholeManhole ist ein teils drastischer Horror-Manga, der durch einen mitreißenden Auftakt überzeugt, auch wenn ihm gegen Ende etwas die Luft ausgeht. Dank des übersichtlichen Umfangs sollten Freunde origineller Horror-Comics definitiv mal reinschnuppern.

 

Wertung: 7 von 10 Punten

Teils drastischer Horror-Manga, der durch einen mitreißenden Auftakt überzeugt, auch wenn ihm gegen Ende etwas die Luft ausgeht

 

Manhole, Band 1-3
Carlsen Manga, Januar-Juli 2012, abgeschlossen

Text und Zeichnungen: Tetsuya Tsutsui
Übersetzung: Claudia Peter
je 210-226 Seiten, schwarz-weiß mit je 2 Farbseiten , Softcover, japanische Leserichtung
Preis: je 7,95 Euro
ISBN: 978-3551730749 (Band 1)
978-3551730756 (Band 2)
978-3551730763 (Band 3)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Manga

Frisch aus der Druckerei: März 2013

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Im Messemonat März gab es beinahe ein Übermaß an bemerkenswerten neuen Comics, darunter auch sehr viele einheimische Eigenproduktionen. Wir liefern wieder einen umfassenden Überblick über die interessantesten Neuheiten des letzten Monats.

HIGHLIGHT DES MONATS

Jimmy CorriganKnapp neun Jahre ist es her, dass im Reprodukt-Forum erstmals angekündigt wurde, dass Jimmy Corrigan von Chris Ware auf Deutsch erscheinen werde. Da war noch Oktober 2005 als Erscheinungsdatum angepeilt, aber Verleger Dirk Rehm schrieb schon damals, „dass jeder einzelne Teil der Bearbeitung einen Riesenaufwand bedeutet. Also nicht nur die Übersetzung, der Satz und das Handlettering, sondern auch die Redaktion, das Layout (jede Menge Texte in vier Farben) und die Herstellung.“ Das ganze hat sich dann noch geringfügig verzögert, aber nun ist es doch geschafft, und endlich ist ein Comic auf Deutsch erschienen, der mit Fug und Recht als Meilenstein der Kunstform bezeichnet werden kann. Euphorische Rezensionen des Werks ergoogeln Sie sich bitte selbst, wir verweisen so lange gerne auf die Leseprobe sowie auf ein paar erhellende Blog-Beiträge zur extrem aufwändigen Produktion des Buches.

EIGENPRODUKTIONEN

Wir bleiben bei Reprodukt, wo im März eine neue Programmschiene aus der Taufe gehoben wurde. Kindercomics! Gleich mit sechs Titeln (und der noch leeren Domain kindercomics.info) geht man an den Start, darunter sowohl Lizenztitel (siehe weiter unten) als auch hauseigene Produktionen. So wie Pelle und Bruno: Superflora vom in Comickreisen altbekannten Ulf K., ein stummer Comic für Kinder ab 3, in dem Pflanzen zu überdimensionaler Größe anwachsen [Leseprobe]. Für Leser ab 6 empfiehlt der Verlag den Comic Kiste von Autor Patrick Wirbeleit (Störtebecker, Kleiner Thor) und Zeichner Uwe Heidschötter. Dessen Hauptfigur ist ein lebender und sprechender Pappkarton, der mal die Werkzeugkiste eines Zauberers war [Leseprobe].

ChamäleonBeim Wiener Verlag Luftschacht erschien Chamäleon, ein gut 250 Seiten starker Band von Gerald Hartwig, deren Veröffentlichung teilweise durch ein Crowdfunding-Projekt finanziert wurde. Das Buch erzählt (mehr oder weniger autobiografisch) mit unkonventionellen Zeichnungen von einem jungen Mann, der Anfang der 1990er Jahre nach Los Angeles geht, um dort in der Filmbranche Fuß zu fassen. [Leseprobe].

Der neue Berliner Verlag Metrolit, eine Tochter des Aufbau-Verlags, hat gerade sein erstes Programm in die Läden gebracht, das im weitesten Sinne aus „Popliteratur“ besteht. Dazu gehört auch eine kleine, aber feine Comicschiene, die aus dem Schweizer Verlag Walde + Graf hervorgegangen ist, dessen Gründer an Metrolit beteiligt sind. Die erste Graphic Novel bei Metrolit ist gleich ein sehr ungewöhnliches Exemplar: Der Tod von Adorno, ein Comic/Pop-Art-Bastard von Filmemacher Helmut Wietz, das den Geist von 1968 atmet, tatsächlich in jener Zeit begonnen und erst jetzt, über 40 Jahre später, fertiggestellt wurde.

Das Graphic-Novel-Programm des Suhrkamp-Verlags wächst weiter, und der zweite Titel kommt vom gleichen Künstler wie der erste: Nicolas Mahler, der nach der Thomas-Bernhard-Adaption Alte Meister diesmal eine Art Remix vorlegt: Alice in Sussex basiert auf Motiven aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland und Frankenstein in Sussex von H.C. Artmann (womit wir schon wieder im Jahr 1968 gelandet sind) [Leseprobe].

Beim Avant-Verlag erschien der zweite Langcomic von Marijpol nach ihrem ICOM-Preis-gekrönten Erstling Trommelfels: In Eremit geht es laut Verlag um „Zweifel, Tod und Obst“, der Comic spielt in einer überalterten Gesellschaft, in der es kaum Kinder gibt, als ein abgeschieden lebender Bestatter auf eines dieser seltenen Kinder trifft [Leseprobe].

Was kostet ein Yak? von Philip Cassirer ist ein Reisebericht in Comicform und erzählt von einer dreimonatigen Rucksacktour durch Nepal, Indien und Bangladesch. Ursprünglich als Diplomarbeit entstanden, erschien der querformatige Comic nun beim Carlsen Verlag [Leseprobe].

Die Mangaka Christina Plaka (Prussian Blue, Yonen Buzz) verbrachte zwei Jahre in Kyoto an der Graduate School of Manga Studies. Inzwischen ist sie wieder zurück und erzählt in Kimi he – Worte an Dich eine autobiografische Geschichte über die „wahrscheinlich emotionalste Phase in meinem Leben“, wie sie in diesem YouTube-Video verrät, in dem sie ihr neues Werk und dessen Unterschiede zu ihren bisherigen Manga vorstellt:

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Beim Splitter Verlag erschien der Auftaktband der Serie Malcolm Max von Peter Mennigen, der früher recht häufig für den Bastei-Verlag als Comicautor (Gespenster Geschichten, Lucky Luke) aktiv war. Die Figur des Malcolm Max, ein Dämonenjäger, der im viktorianischen London zusammen mit einer Halbvampirin ermittelt, schuf er für die Hörspielreihe Geister-Schocker, die im Verlag Romantruhe erscheint. Für die Comicversion schreibt Menningen eigene Geschichten, die zeichnerisch sehr sehenswert von Ingo Römling (Die Toten) umgesetzt werden [Leseprobe, CG-Rezension].

Die Ducks in Deutschland war ein Projekt, das der Münchner Jan Gulbransson für die Micky Maus umsetzte, wo es 2012 acht Ausgaben lang in Fortsetzungen veröffentlicht wurde. Darin geht Familie Duck auf große Deutschlandreise und besucht, auf der Suche nach dem Schatz der Gräfin von Tarn und Tuxis, die Städte Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Stuttgart, Köln, Dresden und das Ruhrgebiet. Nun gibt es die komplette Geschichte auch gesammelt in einem Hardcover-Album bei der Ehapa Comic Collection.

Ein ungewöhnlicher Sachcomic ist bei Jacoby & Stuart erschienen: Die große Transformation basiert auf einer Studie des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) zum Klimawandel. Die Mediendesignerin Alexandra Hamann, die Kommunikationswissenschaftlerin Claudia Zea-Schmidt und Professor Reinhold Leinfelder, Mitglied der WBGU, sorgten zusammen mit sechs Zeichnern für die Umsetzung als Comic. Umfassende Infos zu diesem Projekt gibt es auf trafo-comic.blogspot.de, hier der Trailer zum Buch:

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Und noch ein nachgereichter Titel, der schon im Februar erschienen ist: Nach dem biografischen Comic über Dietrich Bonhoeffer befasst sich Moritz Stetter in seinem zweiten Buch für das Gütersloher Verlagshaus mit Martin Luther, der mit der von ihm angestoßenen Reformation den Grundstein für das legte, was heute die Evangelische Kirche ist [Leseprobe].

AUS ASIEN

Der interessanteste Manga des Monats erschien „ausgerechnet bei Tokyopop, die sich an eher anspruchsvollen und experimentellen Manga-Veröffentlichungen bisher kaum versucht hatten“ (so Michel Decomain in unserer Rezension): Der erste Band der Serie Gute Nacht, Punpun von Inio Asano ist der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Publikationen des Ausnahme-Mangakas bei Tokyopop. Er erzählt bevorzugt realistische Episoden aus dem Leben der japanischen Jugend. In Gute Nacht, Punpun wird die Coming-of-Age-Geschichte durch die grafische Besonderheit gebrochen, dass in einer realistisch gezeichneten Umwelt ein krakeliger Strichmännchen-Vogel die Hauptrolle spielt [Leseprobe]. Neben der in Japan noch laufenden Serie (derzeit 11 Bände) erscheinen in diesem Jahr noch mehrere kürzere Werke von Asano.

Von fünf bis neunDie Serie Von fünf bis neun von Miki Aihara (ebenfalls bei Tokyopop) gehört ins Genre der romantischen Manga für weibliche Leser, sieht aber einen ordentlichen Tick „erwachsener“ aus als die typischen Romance-Titel für junge Mädels. Im Verlagsforum wird dieser Ansatz zwar gelobt, gleichzeitig kritisieren einige Leserinnen aber auch einen „frauenfeindlichen“ Unterton in der Serie [Leseprobe].

Jiro Taniguchi ist bei uns vor allem mit seinen leisen, nachdenklichen und introspektiven Manga (Vertraute Fremde, Die Sicht der Dinge) bekannt geworden. Dass er auch anders kann (bzw. in den früheren Jahren seiner Karriere anders konnte), zeigen jene Werke von ihm, die beim Shodoku-Label von Schreiber & Leser erscheinen. Enemigo, ein Frühwerk von Taniguchi aus dem Jahr 1985, ist eine actionreiche Kriegsgeschichte im Dschungel, für dessen Zeichnungen der Künstler zahlreiche europäische Comicschaffende mehr oder weniger direkt kopiert hat. Auf Wunsch von Taniguchi dürfen die damals ungefragt kopierten Künstler im Anhang dieser Ausgabe selbst zu Wort kommen [Leseprobe].

Neu im Programm von Carlsen Manga: Die dreiteilige Serie Puella Magi Madoka Magica von der Autorengruppe Magica Quartet und der Zeichnerin Hanokage, bei der mir vor allem die Genrebezeichnung, die im Comicforum genannt wird, sehr imponiert: „Action, Drama, Fantasy, Horror, Mature, Psychological, School Life, Sci-fi, Seinen, Supernatural, Tragedy“. Wow, zumal das Cover erst mal auf einen typischen Magical-Girl-Manga hindeutet, der Inhalt aber wohl deutlich weniger harmlos daherkommt.

Bei EMA (was übrigens seit Februar nicht mehr für „Egmont Manga und Anime“, sondern nur noch für „Egmont Manga“ steht) gibt es einen Sonderband zur Erfolgsserie Detektiv Conan von Gosho Aoyama. Durch die zahlreichen Bände zieht sich eine Rahmenhandlung um die „Männer in Schwarz“. All diese Episoden liegen nun in der dicken und sehr preisgünstigen Special Black Edition gesammelt vor.

AUS DEN USA

ParkerLange angekündigt, wegen Verlagsinsolvenz verschoben, nun aber doch auf dem Markt: Die erste deutsche Ausgabe der Parker-Adaption von Darwyn Cooke, erschienen beim Eichborn Verlag, der inzwischen zu Bastei Lübbe gehört. Die kongeniale Umsetzung der Hardboiled-Krimis von Richard Stark (alias Donald Westlake) aus den 1960er Jahren dürfte vor allem grafisch zum Stärksten gehören, was man in Sachen Krimicomics kaufen kann. Der fast gleichzeitige Kinostart des Films Parker mit Jason Statham nutzte hier leider nicht viel: Dieser Streifen basiert zwar ebenfalls auf einem Stark-Roman, war aber erstens ein ziemlicher Flop und wählt zweitens einen ganz anderen Ansatz als die Comicadaption: Während der Film den Plot um den Meisterverbrecher Parker in die Jetztzeit versetzt, bleibt Darwyn Cooke ganz bewusst in den 60ern und bringt das Zeitkolorit in seinen Bildern zum Ausdruck. [Leseprobe]

Eine Reihe von Romanumsetzungen hatte auch Panini im März zu bieten: Darunter der erste Band von Millennium: Verblendung, basierend auf dem schwedischen Bestseller von Stieg Larsson. Kurioserweise gibt es hiervon gleich zwei Comicvarianten: So wie die Buchreihe sowohl in Europa als auch in Hollywood verfilmt wurde, wurde eine Comiclizenz in die USA und eine nach Frankreich verkauft. Auf dem deutschen Markt tauchen nun beide auf: Panini hat die amerikanische Version von der schottischen Krimiautorin Denise Mina und den Zeichnern Andrea Mutti und Leonardo Manco, die in den USA bei Vertigo erscheint [Leseprobe]. Nur wenige Wochen später folgt bei Splitter der erste Band der französischen Adaption.

Conan der BarbarComic-Umsetzungen von Robert E. Howards Conan der Barbar gibt es reichlich. Die jüngste, für den US-Verlag Dark Horse entstandene, stammt vom anerkannten Indie-Autor Brian Wood (DMZ) und der ebenso anerkannten Indie-Zeichnerin Becky Cloonan (Demo) und sollte schon deshalb einen Blick wert sein. Panini-Redakteur Christian Endres schwärmt jedenfalls in höchsten Tönen von dieser unnostalgischen, frischen und modernen Conan-Variante [Leseprobe].

Mit Ozma von Oz setzt Panini die sehr gelungene Comicumsetzung von Frank L. Baums Kinderbuchklassiker Der Zauberer von Oz fort, die aus dem Hause Marvel stammt, von Oz-Spezialist Eric Shanower geschrieben wurde und vor allem durch die grandiosen Zeichnungen von Skottie Young besticht. Bei uns ist das der zweite Band der Reihe, während man in den USA bereits beim fünften ist [Leseprobe].

Mit Cable & Deadpool von Fabian Nicieza gräbt Panini eine Serie aus, die bei Marvel von 2004 bis 2008 50 Ausgaben lang lief und bislang nicht auf Deutsch zu haben war. Diese vereint den großmäuligen Söldner Deadpool (dessen Erfinder gleichzeitig Autor dieser Serie ist) mit dem zeitreisenden Mutanten Cable. Wer seine Superhelden mit einer Prise Humor mag, ist hier richtig und sollte sich nicht vom fürchterlichen Rob-Liefeld-Cover abschrecken lassen [Leseprobe].

Nicht alles, was bei DCs Neustart („The New 52“) im Herbst 2011 glänzte, war Gold. Neben einigen positiven Überraschungen gab es zahlreiche Enttäuschungen, auch was die Verkaufszahlen anging. Zu letzteren zählt wohl auch The Savage Hawkman. Beim Reboot des Superhelden-Urgesteins, den es schon seit 1940 gibt, wechselte man bereits nach wenigen Ausgaben mehrfach das Kreativteam und stellt die Serie demnächst mit Heft 20 ein (hier eine gute Zusammenfassung). Wer’s trotzdem lesen will, greift zu Paninis Hawkman Megaband 1, der gleich 12 Hefte der Serie enthält [Leseprobe].

Noch relativ neu ist die DC-Reihe Earth 2 von James Robinson und Nicola Scott, die erst seit einem knappen Jahr läuft. Diese greift das Konzept von DCs Erde 2 auf, einer Parallelwelt des DC-Universums, in der andere Versionen von Flash, Hawkgirl, Green Lantern und weiteren Superhelden unterwegs sind. Die deutsche Ausgabe bei Panini kommt im Sonderband-Format mit je 4 US-Heften pro Band [Leseprobe].

Zu den eher kuriosen Crossover-Versuchen dürfte das Treffen der Legion of Super-Heroes mit der Enterprise-Mannschaft aus Star Trek (der Urserie, also Kirk, Spock und Co.), geschrieben von Chris Roberson, gehören, das Panini nun auf Deutsch anbietet [US-Leseprobe].

Im Programm von Carlsen Manga versteckt sich eine neue Serie aus den USA, nämlich Soulless nach der Steampunk-Romanreihe um das „Parasol-Protektorat“ von Gail Carriger (deutscher Titel des ersten Romans: Glühende Dunkelheit), im Mangastil umgesetzt von der Zeichnerin Rem. Die Stichworte Vampire, Werwölfe und Romantik lassen natürlich darauf schließen, dass hier auf der Twilight-Welle geritten wird, aber zumindest von den Romanen, in denen auch reichlich Humor stecken soll, hört man viel Gutes.

AUS GROSSBRITANNIEN

Hilda und der MitternachtsrieseVielleicht der beste, auf jeden Fall der bisher meistgelobte und auch für erwachsene Leser interessanteste Comic aus dem neuen Kinderprogramm von Reprodukt: Hilda und der Mitternachtsriese von Luke Pearson. Der Comic um ein Mädchen, das in einer mystischen Welt voller Riesen und Zwerge lebt, wurde in seiner Originalausgabe von unserem 2gegen1-Duo bereits ausgiebig gewürdigt [Leseprobe].

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Aber auch die Kindercomics, die Reprodukt aus Frankreich geholt hat, können sich sehen lassen: Kleiner Strubbel kommt ohne Worte aus, kann also auch von Kindern gelesen werden, die das Alphabet noch nicht kennen. In Frankreich hat es die Serie von Pierre Bailly und Céline Fraipont schon auf 12 Bände gebracht [Leseprobe].

Ebenfalls für die Kleinsten ab 3 empfohlen, wenn auch schon mit ein wenig Text: Im supercharmant aussehenden Buch Mouk – Helden der Pedale von Marc Boutavant (dessen Titelfigur bereits in einem Kinderbuch beim Hanser Verlag aufgetreten ist) geht es um eine aufregende Fahrradtour [Leseprobe].

Etwas schräger geht es zu in Ariol – Ein kleiner Esel wie du und ich. Die Zeichnungen stammen ebenfalls von Boutavant, die Geschichten kommen aber von Emmanuel Guibert, den man durch so seriöse Comics wie Der Fotograf oder Alans Krieg kennt. In Frankreich gibt es bereits sieben Bände sowie eine Serie von kurzen Zeichentrickfilmen, die im Fernsehen laufen [Leseprobe].

Ein iranischer AlbtraumDer Nahe Osten bleibt ein attraktives Thema auf dem Graphic-Novel-Markt: Bei Edition Moderne erschien Ein iranischer Albtraum vom Teheraner Künstler Mana Neyestani, der als politischer Karikaturist bekannt wurde, wegen seiner Arbeit im Gefängnis landete, aus dem Land flüchtete und heute in Frankreich lebt. Wie er dorthin gelangte, erzählt er in diesem autobiografischen Comic [Leseprobe].

Vom Leben im Libanon erzählt dagegen seine Kollegin Zeina Abirached in Das Spiel der Schwalben (Avant-Verlag). Auch ihr Comic ist autobiografisch und spielt im Jahr 1987 während des libanesischen Bürgerkriegss, als die Autorin sieben Jahre alt war [Leseprobe].

Wie ein leeres BlattIn Carlsens Reihe „Graphic Novels for Ladies“ (die mit dem Gummiband!) erschien der Comic Wie ein leeres Blatt, in dem eine junge Frau auf einer Parkbank aufwacht und nicht mehr weiß, wer sie ist. Daraus wird jedoch kein actiongeladener Agententhriller à la XIII, sondern eine charmante Alltagsbetrachtung, gezeichnet von Pénélope Bagieu und geschrieben vom wunderbaren Boulet, von dem es auf Deutsch noch viel zu wenig gibt und dessen Comicblog äußerst empfehlenswert ist [Frz. Leseprobe].

Reprodukt bringt einen weiteren Comic vom äußerst produktiven Norweger Jason, der in Die Insel der 100.000 Toten aber nur die Zeichnungen beisteuert, das Szenario stammt von Fabien Vehlmann. Hier spielen die beiden mit den Klischees und Konventionen des Piratengenres [Leseprobe].

Eine Nacht in RomSplitter veröffentlicht das neue Werk von Jim (Sonnenfinsternis, Die Einladung) als zweiteilige Albenausgabe, dabei hätte hier vielleicht das „Books“-Format besser gepasst, handelt es sich doch um eine Slice-of-Life-Geschichte rund um Midlife-Crisis, Beziehungen und romantische Verwicklungen: An seinem vierzigsten Geburtstag erinnert sich ein Mann an eine alte, lange verflossene Liebe, mit der er vor vielen Jahren abgemacht hatte, dass sie sich mit 40 für Eine Nacht in Rom treffen sollten [Leseprobe].

Aber auch die Freunde der klassischen Genres werden bei Splitter wieder mit neuen Albenserien bedient: Der Krieg der Orks von Olivier Peru (Zombies, Nosferatu) und Zeichner Daxiong ist laut Verlag „ein brachiales Fantasy-Spektakel“ [Leseprobe], Univerne vom Jean-David Morvan (Sillage) und Alexandre Nesmo spielt in einer Steampunk-Alternativwelt, in der Jules Verne ein eigenes Inselreich gegründet hat und die Welt im Jahr 1900 schon hoch technisiert ist [Leseprobe].

Aquablue – New Era ist der dritte Zyklus der SF-Serie, die auf einem Wasserplaneten spielt und in den Neunzigern bei Feest erschienen ist (allerdings nicht ganz vollständig). Die neue Reihe stammt von einem neuem Autoren- und Zeichnerteam und setzt 15 Jahre nach dem Abschluss des Vorgängers an [Leseprobe].

Und schließlich bringt Splitter mit dem dreibändigen Cartland Integral die Gesamtausgabe eines Westerncomics von Lawrence Harlé und Michel Blanc-Dumont, die als Jonathan Cartland zwischen 1974 und 1995 entstand und bei uns im Laufe der Jahre bei drei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurde [Leseprobe].

Die Abenteuer von Bob Neyret, Gentleman Driver: Die Girls von Onkel Bob heißt eine neues Album bei Salleck Publications. Der sehr klassische Rennfahrercomic von Emilio Van der Zuiden und Metapat spielt in den 1970er Jahren und ist auch visuell stark im Stil dieser Zeit gehalten. In Frankreich wurde die Serie nach nur einem Band wieder eingestellt [Leseprobe].

Die Comics, die bei Knesebeck erscheinen, docken bevorzugt bei bekannten Namen aus Literatur und Kunst an – so auch die Neuheiten im März. In Der Process adaptieren David Zane Mairowitz und Chantal Montellier den Literaturklassiker von Franz Kafka [Leseprobe der englischen Ausgabe]. Egon Schiele: Ein exzessives Leben von Xavier Coste ist ein biografischer Comic über den österreichischen Maler des Expressionismus [Leseprobe].

SZ Graphic Novel Edition KrimiZu guter Letzt noch der Hinweis auf die dritte Graphic-Novel-Edition der Süddeutschen Zeitung, die sich diesmal ausschließlich um Krimis dreht. Die acht Hardcoverbände in einheitlicher Aufmachung sind allesamt Neuauflagen von großteils noch verfügbaren Comics, die in dieser Version aber meist preisgünstiger sind. Die Auswahl besteht aus durchweg lesenswerten Titeln und reicht von einheimischen Comics (Die Sache mit Sorge von Isabel Kreitz und der Schweizer Krimi Vallat) über frankobelgische (Tod eines Mörders, Scarface, Die Packard Gang) bis zu den amerikanischen Titeln From Hell, Stadt aus Glas und M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Einen Überblick mit (leider unlesbar kleinen) Leseproben gibt es hier.

Malcolm Max 1 – Body Snatchers

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Cover Malcolm Max 1Peter Mennigen ist im Comicbereich schon ein alter Hase, auch wenn der Name nur wenigen bekannt sein dürfte. Aber er hat für einen Großteil der Heftreihen des Bastei-Verlages geschrieben. So gehen etwa viele der Gespenster Geschichten oder auch Arsat auf sein Konto. Als die Gespenster Geschichten vor nicht allzu langer Zeit neu gestartet wurden, wollte der Verlag ein Gimmick und ließ ein Hörspiel produzieren. Mennigen entwickelte dafür Malcom Max, den Detektiv für das Paranormale, mitsamt seinem weiblichen Sidekick, der Halbvampirin Charisma (was für ein Name!). Die Titelfigur dürfte manchem Leser also schon bekannt vorkommen.

Und sowohl die Figur des Malcolm Max als auch das Setting sind sehr vielversprechend. Max arbeitet für einen Geheimorden als Detektiv, der sich vor allem mit paranormalen Fällen beschäftigt. Dabei hat er selber keine besonderen Fähigkeiten, abgesehen von Mut, Charme und Körperkraft. Begleitet wird er von der Halbvampirin Charisma, die weitab von jeglicher Zivilisation aufgewachsen und demnach recht naiv ist. In London werden sie mit Fällen von Leichendiebstahl konfrontiert, zudem macht ein Serienmörder die Stadt unsicher. Malcom weiß relativ schnell um die Identität des Mörders, doch dieser wurde vor einiger Zeit hingerichtet. Langsam erkennt das ungleiche Gespann, dass die Ereignisse zusammenhängen könnten und begeben sich in große Gefahr.

Ein Privatdetektiv im viktorianischen London ist auch in der Kombination mit Horror beileibe nicht neu. Schließlich hatte schon Sherlock Holmes Begegnungen mit dem Übersinnlichen. Nicht bei seinem Schöpfer Arthur Conan Doyle, aber bei dessen Epigonen. Wenn man nun aber ein Faible sowohl für Krimis als auch für Horror und Historienstoffe hat, kann man hier nichts falsch machen. Vor allem, da Malcolm Max nicht nur von der Konzeption her ganz in der Tradition der ehrwürdigen Gothic Novel steht. So war die viktorianische Epoche geprägt vom Beharren auf Traditionen (vor allem bezüglich der Werte) und vom Aufbruch in das technische Zeitalter, wobei diese Diskrepanz (heute noch zentral im Steampunk zu finden) zu kulturellen Blüten führte. So gibt es im ersten Teil der Serie, „Body Snatchers“, Anspielungen und Zitate am laufenden Band. Da wären vor allem die Leichendiebe, denen schon Robert Louis Stevenson eine Novelle widmete, und die tatsächlich ihr Unwesen trieben. Aber auch auf Holmes, Dracula, Frankenstein, Roboter im Sinne von H.G. Wells und Jack the Ripper wird mal mehr, mal weniger deutlich angespielt. Wer daran Gefallen findet, dem dürfte schon jetzt das Comicwasser im Mund zusammenlaufen.

Seite aus Malcolm Max 1Und in der Tat ist der Auftakt sehr gelungen. Gut, der Comic ist arg dialoglastig ausgefallen und vieles wird nur durch den Text vorangetrieben. Das liegt daran, dass Autor Mennigen auch sprachlich die Tradition der Gothic Novel aufgegriffen hat. Allerdings ist der Off-Text durchaus kontrastierend zu den Bildern, was schon sehr amüsant ist. Und vor allem die Dialoge sind köstlich und extrem lustig, wie schon das Beispiel des Gesprächs der beiden Helden auf dem Friedhof zeigt, das man in der Leseprobe finden kann.

Leider fängt Mennigen bislang nichts mit den Vampirkräften der Heldin an, doch dafür wird die unterschwellige, verbotene Erotik zwischen den Hauptakteuren sehr schön herausgestellt und Charismas Unzivilisiertheit scheint immer wieder durch. Trotz der Erotik- und Humorelemente kommt der Horror nicht zu kurz; der Band ist wirklich spannend. Vor allem ist auch das Setting stimmig und trotz aller Anspielungen wirkt das Album mit seinen vielen verschiedenen Figuren und Handlungssträngen niemals überladen und bringt auch Zeithistorisches wie die frühe Frauenbewegung mit ein.

Ingo Römlings Zeichungen schwelgen in zeitgenössischen Dekors. Seine übersichtlich angeordneten Panels tragen zur Ordnung bei, sind aber dennoch wirkungsvoll und ziehen den Leser in die Abgründe der Geschichte. Die Perspektivenwahl ist abwechslungsreich und immer gelungen. Und so ist der Auftakt zu dieser neuen Serie trotz einiger kleiner Schwächen sehr überzeugend und macht von der ersten Seite an süchtig. 

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Sehr gelungener Serienauftakt, der trotz leichter Schwächen von der ersten Seite an süchtig macht.

 

Malcolm Max 1 – Body Snatchers
Splitter Verlag, April 2013 
Text: Peter Mennigen
Zeichnungen: Ingo Römling
72 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-546-5 
Leseprobe

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Abbildungen: © Römling/Mennigen/Splitter Verlag