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Auf der Suche nach dem Steampunk: Interview mit Verena Klinke, Felix Mertikat und Benjamin Schreuder

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Mit Verena Klinke, Benjamin Schreuder und Felix Mertikat auf der Frankfurter Buchmesse 2012

In wenigen Tagen erscheint bei Cross Cult der dritte Band von Steam Noir: Das Kupferherz. Die 2011 von Benjamin Schreuder und Felix Mertikat gestartete Serie, die in einer ursprünglich für ein Rollenspiel konzipierten Steampunk-Welt spielt, wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2012 mit dem Publikumspreis Sondermann in der Kategorie Comic-Eigenpublikation national ausgezeichnet. Mit dem zweiten Band wurde Autor Schreuder von Verena Klinke abgelöst, die schon von Anfang an am Konzept beteiligt war. Am Tag der Preisverleihung traf unser Comicgate-Autor Stefan Svik auf der Buchmesse auf das Steam-Noir-Kreativteam, konnte das Trio auf der Messe begleiten und ausgiebig befragen.

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Verena Klinke am Signiertisch auf der Frankfurter BuchmesseIm Herbst 2012 bin ich auf der Frankfurter Buchmesse, um für Comicgate darüber zu berichten. Der Tag beginnt für mich mit der Signierstunde von Verena Klinke und Felix Mertikat. Die ersten beiden Bände von Steam Noir: Das Kupferherz (Cross Cult) habe ich bereits gelesen und auch der Artikel über Felix im Rolling Stone ist mir noch in guter Erinnerung. Ungeplant ergibt sich die Gelegenheit, die Macher von Steam Noir, Verena Klinke, Benjamin Schreuder und Felix Mertikat an diesem Tag zeitweise zu begleiten. Band 1 ihres Comics ist für den Sondermann 2012 national nominiert und mit der Preisverleihung endet auch dieser Samstag, einer der besonders stark frequentierten Besuchertage der Buchmesse.

Als Running Gag des Tages dient mir ein Ausspruch von Homer Simpson, aus der Episode „Homers Sieben“ (2011): „Ich hoffe nur, es ist genug Steampunk drin. Was auch immer das ist.“ In dieser Simpsons-Folge, in der auch Neil Gaiman auftritt, geht es, in Art einer Parodie des Films Ocean’s Eleven, um den Versuch einer Gruppe Autoren, ein kommerziell extrem erfolgreiches Buch zu schreiben – ein scheinbar müheloses Unterfangen, wenn man sich an die aus Harry Potter und Co. bewährten Erfolgsformeln hält, wie Homer und seine Spießgesellen glauben: irgendwas mit Waisenkindern, eine alberne und sinnlose Sportart, etwas Magie und eine gute Portion Hoffnung.

Nach einer kurzen Orientierungsrunde durch die bereits vormittags gut gefüllte Messehalle entdecke ich die Signiertische. Durchnummeriert und dicht an dicht stehend, wirken diese ein wenig wie im Fastfood-Lokal. Am rechts angrenzenden Tisch zeichnet und signiert eine offenbar für weibliche Gothic-Manga-Fans besonders attraktive Künstlerin. Still und unaufgeregt, ohne von Applaus oder Gekreische begrüßt zu werden (wie bei allen Signierterminen von Comic-Künstlern, die ich bisher erlebt habe) nehmen Verena und Benjamin Platz. Verena hat ein Tintenfass samt Zeichenfeder dabei, sie wirkt aufgeschlossen und gut gelaunt. Felix trägt Anzug und Hut und, so zumindest mein Eindruck, scheint deutlich introvertierter zu sein als Verena. Immer etwas nachdenklich, etwas schüchtern. Er lächelt in sich hinein, beobachtet still das Geschehen und, das sollte nicht vergessen werden, er muss sich zwischendurch auch immer mal aufs Zeichnen konzentrieren. Ich stelle mich selbst auch noch brav in der Schlange an und wünsche mir eine Zeichnung von Homer Simpson im Look von Steam Noir.

Felix Mertikat auf der Frankfurter BuchmesseBeim Stichwort Comicgate fällt Felix sofort ein, dass er von diesem Fachmagazin früher schon mal interviewt wurde. Zusammen mit Benjamin Schreuder sprach er über ihr gemeinsames Comicdebüt Jakob. Später kündigt er dann etwas geheimnisvoll an, dass er das nächste große Projekt, das für 2014 geplant ist, gerne in Zusammenarbeit mit Fans, Kollegen und Fachpublikum, unter anderem gerne auch mit Comicgate, umsetzen möchte – wir dürfen gespannt sein! Näheres lässt sich Felix nicht entlocken. Vorfreude auf dieses mysteriöse neue Projekt ist ihm dann doch etwas anzumerken. Höhenflüge hingegen brauchen die Leser von Felix nicht zu befürchten. Beim Posieren für meine Kamera fragt er, wohl halb scherzhaft, halb besorgt: „Sehe ich auf den Bildern eitel aus?“. Ich verneine das, auf mich wirkt Felix auf den Fotos gut gelaunt und verschmitzt – überaus sympathisch. Und abheben könne man als Comic-Künstler in Deutschland ohnehin nicht, meint Felix. Berichte im Rolling Stone oder die internationale Aufmerksamkeit für Zeichner wie Reinhard Kleist hin oder her – einen Star-Kult kann Felix unter den deutschen Comic-Künstlern nicht erkennen. Ob er das bedauert oder nicht, ob es etwas mit Neid zu tun hat? Ich habe nicht nachgefragt.

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COMICGATE: Band 1 von Steam Noir: Das Kupferherz weist auf dem Cover Benjamin Schreuder als Autor und Felix Mertikat als Zeichner aus. Benjamin ist inzwischen ausgestiegen, hat sein Studium beendet und widmet sich anderen Projekten. Nun arbeitet ihr beide, Verena als Autorin und Felix als Zeichner, weiter an der Reihe. Wie läuft das in der Praxis ab, schickt ihr Euch Mails?

Verena Klinke: Nein, wir wohnen in der gleichen Wohngemeinschaft.

Das ist ja eher ungewöhnlich.

Ja, aber wir haben schon vorher dort zusammengewohnt, bevor wir angefangen haben, zusammenzuarbeiten. Deswegen hat sich diese Zusammenarbeit vielleicht auch überhaupt erst ergeben. Ich kannte das Projekt und habe auch von Anfang an bei Steam Noir mitgearbeitet.

Also arbeitet ihr im selben Raum zusammen?

Ja, es ist ein großer Raum, der noch durch eine Tür getrennt ist. Aber letztendlich sitzen wir im gleichen Raum. Dann können wir direkt was herübergeben und zusammen diskutieren. Wir kannten uns schon, bevor wir uns für die Zusammenarbeit entschieden haben. Das fiel uns leicht, da wir schon wussten, wie gut wir uns ergänzen.

Also kein Bedarf für Mails?

Ich finde das gerade so schön am kreativen Arbeiten: Anstatt irgendwelche Mails hin und her zu schicken, lieber zusammensitzen und sehen, was sich ergibt. Ich denke, dass Steam Noir sehr viele Ideen beinhaltet, die bei so einem gemeinsamen Brainstorming entstanden sind. Einfach mal spontan Ideen raus hauen und nicht sagen: Wir erzählen eine komplett geradlinige Story.

Steam Noir: Das Kupferherz 3Werdet ihr euch schnell einig beim Ideenaustausch oder streitet ihr viel darüber?

Die Geschichte steht ja inzwischen fest. Da gibt es keine Streitereien mehr.

Und daran wird nichts mehr geändert?

Nee, daran wird nichts mehr geändert. Unsere Arbeit ist relativ harmonisch. Wir haben beide unsere Bereiche. Natürlich kritisiere ich auch seine Bilder und er kritisiert, was ich schreibe. Aber wir sind keine zwei Autoren, die sich immer auf die Füße treten würden. Das hat auch nichts mit Eitelkeit oder so zu tun. Wir kommen uns nicht ins Gehege, aber natürlich gibt es schon auch Diskussionen. Das muss sein, das ist wichtig. Und am Ende sind wir beide immer mit dem Ergebnis zufrieden, wir finden immer einen guten Kompromiss, der auch noch interessant ist für den Leser.

Wir hatten uns vorhin darüber unterhalten, dass fast nur Zeichner auf Signiertour gehen, Autoren hingegen kaum. Du nanntest Alan Moore als Beispiel für einen Autor, der genügend Publikum anziehen würde. Sind Autoren wie Alan Moore Vorbilder für Dich, schaust Du, wie sie arbeiten?

Ich habe vor zwei Jahren noch nichts so richtig mit Comics anfangen können. Inzwischen habe ich mir natürlich schon auch andere Sachen angeschaut. Das ist dann aber auch Interesse an den Geschichten und nicht der Gedanke: Da will ich mir etwas abschauen, wie macht der das wohl? Ich glaube eine Stärke von Steam Noir ist es, dass es kein klassischer Comicautor schreibt, sondern jemand, der eigentlich vom Roman kommt. Ich gehe mit den Texten ganz anders um als ein typischer Comicautor. Ich weiß allerdings nicht, wie Alan Moore genau arbeitet. Mein Eindruck bei Comics ist oft: Wichtig ist das Bild und nun brauchen wir noch etwas Text dazu. Bei uns steht zu Anfang immer erst der Text. Immer erst die Szene. Und das Bild soll den Inhalt, der in den Dialogen steckt, rüberbringen und unterstreichen.

Also beeinflusst Dich eher klassische Literatur als Comic-Autoren?

Ja, eher das. Genau. Ich mag die Klassiker, Goethe, Schiller und Kafka. Das kannst Du jetzt nicht direkt im Comic sehen, aber ich bin nicht der typische Comicleser.

Du hast ein Tintenfass mitgebracht und signierst mit einer Feder. Arbeitest Du immer so?

(schmunzelt) Nein, das ist extra für die Signierstunde.

Gibt es denn zu wenig Comics, die Leserinnen wie Dich ansprechen?

Doch. Inzwischen gibt’s ne Menge. Durch die Graphic Novels öffnet sich das ja.

Dazu fallen mir jetzt Graphic Novels von Frauen ein, wie Sarah Glidden mit ihrem Israel-Comic oder Schlogger. Meinst Du, das ist im Kommen, mehr Frauen im Comic-Bereich?

Also, so etwas wie Asterix und Obelix ist überhaupt nichts für mich. Wo Du das Thema Israel erwähnst: Ich finde das gut und spannend, wenn politische Themen stärker Einzug halten im Medium Comic. Nicht so sehr diese typischen „weiblichen“ Geschichten, Liebesgeschichten oder so. Das brauche ich nicht. Ich bin auch kein Mangaleser. Das ist gar nichts für mich. Aber die Öffnung für politische Themen und gesellschaftliche Umwälzungen interessiert mich. Etwa Graphic Novels über die kürzliche Revolution in Ägypten. Das ist, wie du sagst, im Kommen. Und das ist auch für die nicht-klassischen Comicleser interessant.

Mit der Darstellung von Frauen im Comic kann man nicht wirklich zufrieden sein, oder? Ich denke dabei an manche Superheldencomics und auch an eine Szene aus der TV-Serie The Big Bang Theory, in der die Comicverächterin Amy im Comicgeschäft fragt, ob es denn nur einen einzigen Comic gäbe, in dem eine Frau mit natürlichen Brüsten zu sehen ist. Darauf antwort Ladenbesitzer Stuart, dass die meisten männlichen Kunden große Brüste mögen. Einige von ihnen hätten sogar selbst große Brüste. Findest Du dieses Frauenbild eher peinlich oder amüsant?

Steam Noir: Das Kupferherz 2Also, wir haben ganz viel Kritik für das Cover von Steam Noir Band 2 bekommen. Alle sagten, das Cover an sich sei schon ok, aber die darauf abgebildete Frau sei irgendwie zu … (überlegt) …
Ja, wir haben viel Kritik bekommen, weil Frau D jetzt viel zu … männlich ist für viele Leser. Ich finde Frauendarstellung nicht peinlich. Aber ich bin eine Frau und schreibe über Frauen. Und ich sehe mich selbst anders, als Frauen sonst im Comic zu sehen sind.

Aber nochmal zurück zu deiner Frage nach der Zusammenarbeit und den Auftritten bei Signierstunden von Autoren und Zeichnern. Es gibt ja viele Zeichner, die auch selbst Autoren sind. Die haben dann vielleicht noch bei den Texten Unterstützung, aber es gibt ja auch sehr viele, die fast ohne Text erzählen. Das sind dann Comickünstler, die das ganze Werk in Händen haben.

Die Arbeitsteilung wird ja teilweise auch durch die Größe des Projekts notwendig, etwa bei den monatlich erscheinenden US-Superhelden-Heften.

Das stimmt, ja.

Ich hatte Arne Jysch interviewt, der brauchte drei Jahre für Wave and Smile. Das ist sicher problematisch, wenn man von einem Comic leben wollte.

Ja. Deshalb haben wir auch noch einen Koloristen, der uns unterstützt.

Zeichnest Du selbst auch?

Nein (lacht), nur ganz schlecht. Also ich habe früher mal gezeichnet. Ich hätte es vielleicht mal verfolgen sollen. Aber auf keinen Fall bin ich so gut, dass man etwas Anständiges damit machen könnte.

Was denkst Du über Graphic Novels?

Einerseits wäre es traurig, wenn man sich nur durch die andere Namensgebung überhaupt an Comics heranwagen würde. Aber es ist auch ein Gewinn für die gesamte Branche, wenn man es schafft, Leuten damit eine gute Geschichte zu verkaufen, auch wenn es ein Comic ist. Aber ich denke, man sollte an jedes Buch, egal ob Krimi oder was auch immer, so herangehen, dass man sich fragt, ob es für einen interessant ist. Man sollte einen Comic nicht kategorisch ausschließen, nur weil überwiegend Bilder zu sehen sind.

Ist es in Deutschland immer noch so, dass Comics bei vielen ein schlechtes Image haben, anders etwa als in Frankreich? Und wenn Du erzählst, das Du an Comics arbeitest, denken dann alle dabei zuerst „die macht bestimmt so was wie Micky Maus“?

Das ist leider so. Auch meine Eltern … Dadurch, dass ich es selbst mache, setzen sie sich aber damit auseinander und stellen fest, dass es etwas Tolles ist. Sie sind dann ganz begeistert, wenn sie eine Szene lesen und sagen dann: Da steckt ja so viel drin! Aber vorher haben sie Comics einfach ignoriert. Jetzt wagen sie sich daran und stellen fest, dass es auch für sie persönlich interessant ist. Aber wo wir gerade beim Thema Bildergeschichten waren: Es gibt so viele, die Filme lieben. Deshalb verstehe ich es nicht, warum man es sich gerade bei so einem breit gefächerten Feld wie den Comics und Graphic Novels so schwer tut, einfach mal reinzugucken, auch wenn man eigentlich ein Filmliebhaber ist.

Da argumentieren dann manche vielleicht: Fernsehen ist kostenlos. Und Bücher muss ich erst kaufen und die sind ohnehin zu teuer.

Aber man geht doch auch ins Kino, das kostet doch auch Geld. Und wenn ich mir die Kinopreise anschaue …

 

Felix ergänzt zu dem Thema später am Stand von Cross Cult noch, dass Deutschland nach wie vor einer der größten Märkte für Bücher sei. Überholt oder gar tot sei das gedruckte Buch also längst nicht. Die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt sprechen durchaus dafür, denn leer war es nun wirklich nicht.

 

Einen Comic kann man sich, normalerweise, nicht einfach herunterladen. Und für den Kauf müsste man sich extra in einen Comicladen wagen. Früher gab es Comics wie selbstverständlich im Zeitschriftenregal. Heute bietet der Comicladen vielleicht eine größere Hemmschwelle.

Ja, man muss sich dort einfach mal hineintrauen.

Wie reagiert Ihr auf die vielleicht veränderten Lese- und Kaufgewohnheiten? Sind soziale Netzwerke für Euch besonders wichtig?

Natürlich! Facebook ist wichtig, einfach zentral. Um Leute zu erreichen und zu informieren. Das ist wahnsinnig wichtig. Die Fans sind im Internet und die erreichst du damit. Die sind ja auch organisiert. Stichwort Tumblr, falls dir das was sagt. Die bloggen und teilen sich mit. Da werden Fans durch andere Fans auf TV-Serien, auf Comics, auf Schauspieler, auf Zeichner aufmerksam gemacht. Das ist interessant und wichtig. Gerade wenn du international denkst und etwa dein Buch in Amerika veröffentlichen willst.

Steam Noir: Das Kupferherz 1Gibt es Anfragen für eine Übersetzung von Steam Noir für die USA?

Es gibt Anfragen, es zu übersetzen. Ich denke, wir haben auch Chancen, dass es im Ausland herauskommt. Aber erst mal wollen wir die Serie fertig machen. Dann kommst du mit der fertigen Serie und kannst sagen: Wir sind fertig! Und nicht: Vielleicht kommt noch was.

Welche Länder sind sonst besonders interessiert, Frankreich, Japan? Dürft ihr da schon was zu sagen?

(Verena wendet sich an Felix): Darf man das sagen? Also ich nenne jetzt keine Verlage oder so. Also Amerika auf jeden Fall. Frankreich ist auch ganz interessant. Möglicherweise Spanien. Es ist für europäische Künstler natürlich interessant, nach Amerika zu gehen. Aber vielleicht ist der Markt dort überlaufen. Oder zumindest schreien die nicht gerade nach deutschen Künstlern, die vielleicht gerade erst angefangen haben. Das ist vielleicht etwas schwierig. Aber es gibt Interesse.

Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Reinhard Kleist, in dem er sich darüber aufregte, dass deutsche Comickünstler mitunter noch unterschätzt werden, obwohl sie, seiner Überzeugung nach, längst auf internationalem Niveau arbeiten würden. Gibt’s da immer noch Vorurteile, so nach dem Motto: Deutschland, das ist nur Fix und Foxi?

Ich finde, das merkt man etwa besonders beim europäischen Film. Da gibt es Filme, die super-klasse sind. Und dann entdeckt den Stoff ein US-Regisseur und dreht ihn mit amerikanischen Schauspielern neu. Statt dass man dafür sorgt, ihn so wie er war in die US-Kinos zu bringen. Manche Meilensteine des deutschen Kinos schaffen das dann. So wie Lubitsch. Aber ich finde, das ist bezeichnend für die amerikanische Herangehensweise an europäische und deutsche Künstler. Aber ich will das nicht so komplett verallgemeinern (lacht). Die USA haben im Inland so viel künstlerisches Potenzial, das man gut findet und auch fördert, da schreit man nicht nach fremden Künstlern. Unser Ruf ist ja auch nicht „Nehmt uns!“, sondern „Nehmt unsere Bilder!“ Steam Noir ist das, was wir vermarkten wollen, nicht uns selbst. Es wäre halt schön, wenn wir eine Chance bekämen, sowohl in anderen europäischen Ländern als auch in Amerika.

Dass das deutsche Kino früher einen anderen Stellenwert hatte, liegt ja auch an dem Einschnitt der Jahre 1933-1945. Viele talentierte Künstler wurden vertrieben oder schlimmeres.

Ja, ich glaube schon. Da ist uns kulturell viel verloren gegangen. Das hat uns so zurückgeworfen. Wir versuchen das aufzuholen, dagegen anzurennen, auch im Kino. Aber ich glaube schon, das hat einen großen Schaden hinterlassen.

Seite aus Steam Noir: Das Kupferherz 1In Steam Noir gibt es ja auch eine Szene, in der ein Mord an den Seelen thematisiert wird, was gerade in einem deutschen Comic Erinnerungen an Deutschlands NS-Vergangenheit weckt. Dann gibt es Szenen mit einer Art deutschem Superheld mit Supermaschinen, was sicher von manchen auch kritisch beäugt wird. Ist das vielleicht gar deutsch-nationalistisch, könnte man fragen, würde man etwas konstruieren wollen. Muss man aufpassen, nicht in eine Ecke einzusortiert zu werden, die gar nicht beabsichtigt war? Denkst Du über so etwas nach? Oder hältst Du das für Blödsinn?

Bei Steam Noir hatten wir das Problem, wenn man es denn Problem nennen will, dass sich die Geschichte so weiterentwickelt hat, dass es etwa diese Seelen gab. Und diese Seelen wurden vernichtet. Wir hatten uns nicht vorgenommen, uns an das Thema Holocaust anzunähern. Es ist passiert. Und das war für uns, im Rahmen dieses Universums, vollkommen in Ordnung. Vollkommen in Ordnung soll heißen: Das ist ein Aspekt der Geschichte, den wir so unterstützen, den wir so wollen und brauchen. Natürlich haben wir dann für den zweiten Band auch Kritik bekommen, so was wie „Holocaust in der Ätherwelt“. Gerade die ältere Generation hat uns das übel genommen. Die Jungen sagen, das ist ein adäquater Umgang mit der deutschen Geschichte. Die ältere Generation regt sich darüber auf, die wollen eher einen naturalistischen Roman darüber lesen. Und wir sagen, wir sind die nächste Generation. Wenn wir einen neuen Aspekt sehen, was spricht dagegen? Dass wir deutsche Künstler sind? Bedeutet das, wir teilen oder unterstützen diese Ideologie? Aber das stimmt nicht! Das wird auch klar, wenn man die Geschichte komplett zu Ende gelesen hat. Wir sind nicht begeistert von diesen Vorgängen, sondern wir wollen sie gerade kritisieren.

Ist es nach einem Comic wie Art Spiegelmans Holocaust-Comic Maus nicht seltsam, wieso überhaupt noch darüber diskutiert werden muss, ob ein Comic so etwas darf?

Das ist jetzt wieder typisch deutsch, finde ich. Das würde ich auch durchaus verallgemeinern. Da muss man dann ganz vorsichtig sein. Das steht dann einmal in der Presse und davon kommst du dann nie wieder runter. Da sind wir Deutschen wohl immer noch empfindlicher und passen stärker auf solche Äußerungen auf als andere. Ich find’s schade, dass man darüber immer noch so sehr diskutieren muss.

Christian Kracht wurde ja 2012 auch für sein Imperium gleich eine Nähe zu rechtsextremen Sichtweisen angedichtet, weil manche anscheinend sein Buch nicht verstanden oder überhaupt gelesen haben.

Ja, richtig. Zu dem Buch Imperium kann und will ich nichts sagen, weil ich es nicht gelesen habe. Aber ich hatte diese Kontroverse auch mitbekommen. Aber diese Diskussion erschien mir ziemlich normal zu sein.

Das Dritte Reich ist aber immer noch das deutsche Thema, das sich international am erfolgreichsten vermarkten lässt. Traurig, oder?

Wenn man sich mal die Oscar-Nominierungen ansieht, kommt einem das so vor. Das ist halt das Thema, das besonders vertraut ist.

Harald Schmidt nannte die Nominierung des Films Das Leben der Anderen sarkastisch einen großen Fortschritt für Deutschland, endlich raus aus der Nazi-Schiene und nun in der Stasi-Schiene angekommen.

Ja, genau. Ich finde das schade. Wenn man Steam Noir liest, ist das eben nur ein Aspekt. Unsere eigentliche Message ist etwas anderes. Wir sind eher bei Oppenheimer [Anm. d. Red.: einer der Erfinder der Atombombe] und weniger beim Holocaust. Aber das ist vielleicht das, was die Leute verstehen, und deshalb beißen sie sich daran fest. Das lässt sich halt sehr plakativ aufmachen. Der Rest ist nicht richtig zu fassen. Zum Beispiel auch das Frauenthema ist bei uns ein Ding. Wenn die Autorin eine Frau ist, dann ist Frau D natürlich eine starke, weibliche Figur! Das ist mir wichtig und für mich interessant.

Vielen Dank soweit für das Gespräch!

Nach dem Signiertermin muss rasch der Platz geräumt werden, um dem nächsten Zeichner Platz zu machen. Colin Wilson folgt, die Interessenten warten bereits ungeduldig. Also schnell zusammengepackt und Verena und Felix zum winzigen Stand von Cross Cult gefolgt. „Deine Fragen sind ziemlich intensiv“, merkt Felix im Gehen ein. Im Gewühl komme ich nicht gleich dazu, darauf zu antworten. Ich überlege mir, ob das nun bedeuten soll, dass meine Fragen nicht besonders passend oder vielleicht auch nicht besonders intelligent sind.

Verena Klinke und Felix Mertikat am Cross-Cult-StandAm Stand von Cross Cult wird weiter signiert und gezeichnet. Benjamin Schreuder schaut am Stand vorbei. In einem Gespräch später am Tag frage ich Felix und ihn auch danach, warum sie sich für Cross Cult als Verlag entschieden haben. In der Nähe des Verlages zu wohnen, sei ein nicht unwesentlicher Grund, so die Antwort. Allerdings sei auch die Betreuung sehr gut, etwa sei die sehr große Aufmerksamkeit in Nicht-Comic-Medien wie dem Rolling Stone darauf zurückzuführen, dass sich die Mitarbeiter von Cross Cult sehr für ihre Künstler stark machen.

Ein ARD-Reporter gesellt sich zum Stand von Cross Cult und fragt wegen eines Interviews an, möglicherweise gewinnen sie ja einen Sondermann, da steigt das Interesse der Medien offensichtlich gleich etwas. Eine Frau kommt vorbei. Sie bemerkt, dass Felix etwas zeichnet, und fragt ihn, ob er auch Karikaturen zeichnen würde. Das sei nicht so seine Stärke, erwidert er freundlich. Die Frau wollte sich wohl für 5 Euro oder etwas in dieser Größenordnung ein kleines Souvenir von irgendeinem Zeichner mitnehmen. Genauere Vorstellung hat ein Mädchen, das noch überlegt, ob es sich einen Comic kaufen und etwas hineinzeichnen lassen soll. Völlig unprofessionell lasse ich den neutralen Journalisten mal beiseite und bestärke das Mädchen darin, sich für Steam Noir zu entscheiden. Felix amüsiert sich darüber und offenbar freut ihn mein Lob für sein Werk. Wirklich offensiv beworben wird Steam Noir auf der Messe übrigens nicht. Es stapeln sich keine Berge von zu verkaufenden Comics – was wahlweise erfreulich unaufdringlich wirkt oder nicht selbstbewusst und energisch genug. Keine dicken Mappen mit Originalzeichnungen zum Verkauf. Dafür Gratispostkarten mit Steam-Noir-Motiv.

Am Cross-Cult-Stand ist es deutlich beengter als zuvor bei der Signierstunde. Ich stehe praktisch mitten im vorbeidrängenden Besucherstrom, was nun wirklich nicht die ideale Ausgangslage für ein Interview ist. Da ich Verena und Felix auch nicht über Gebühr bedrängen will und noch einige andere Termine eingeplant habe, stelle ich nur einige kurze Fragen und ziehe dann weiter.

(Felix trägt einen Hut. Das hatte ich einige Tage vorher erst an Colin Wilson bemerkt.)

Ist das mit dem Hütetragen so ein Zeichner-Ding?

Felix Mertikat: Nein, überhaupt nicht, das hatte ich auch schon lange vor Steam Noir.

Kennst Du das Videospiel Bioshock? Einige Figuren in Steam Noir erinnern an die Big Daddies aus dem Spiel, oder?

Ja? Nein, ich kenne das Spiel nicht.

Und Deine Hauptfigur erinnert, zumindest optisch, etwas an den Iron-Man-Darsteller Robert Downey Jr., oder nicht?

(lacht) Ich dachte eigentlich eher, er sieht aus wie Johnny Depp.

Welches war der bisher seltsamste Motivwunsch bei einer Signierstunde?

(überlegt) Homer Simpson. (schmunzelt)

(lacht) Da war doch bestimmt schon was Seltsameres dabei?

Der Fuß von einem AT-AT. Nein, der Fußabdruck eines AT-AT im Schnee.

 

Benjamin Schreuder mit dem SondermannDer Samstag endet mit der Preisverleihung des Sondermann 2012. Nachdem Benjamin und Felix als Autor und Zeichner von Band 1 als Sieger des Sondermann national ausgerufen werden, besteigen beide die Bühne. Breit grinsend nimmt Felix sogar für eine Weile seinen Hut ab. Nach der Siegerehrung wird mit 100 Flaschen Duff-Bier angestoßen – da sind sie wieder, die Simpsons! Wir plaudern noch etwas. Ich gratuliere den Preisträgern und frage Benjamin, ob er nun etwas wehmütig ist, weil er nicht weiter an Steam Noir beteiligt ist und sich statt dessen dem Medium Film und anderen Projekten widmet. „Bist Du jetzt der Pete Best von Steam Noir?“ frage ich ihn. Benjamin schaut mich etwas ratlos an und fragt: „Wer ist das?“ Ich sage, dass Pete der Schlagzeuger der Beatles war, der von Ringo Starr abgelöst wurde, dem Drummer, mit dem die Band dann den weltweiten Durchbruch hatte. Aber nein, Benjamin empfindet sich nicht in so einer Rolle. Tatsächlich sei das Filmgeschäft sogar etwas sicherer, da es für Filme Fördermittel gibt. Als ich frage, wie denn dieser Sondermann aus der Nähe aussieht, kramt ihn Benjamin aus der Schachtel hervor und sagt: „Du darfst ihn sogar mal halten.“

Bald fährt mein Zug und hier böten sich jetzt lauter Gelegenheiten für O-Töne am laufenden Band – was für ein Stress, im positiven Sinne. Drei Meter neben mir steht der Preisträger des Sondermanns für Komische Kunst, Christoph Niemann, den ich doch auch noch gerne interviewt hätte, was dann etwas später auch noch geklappt hat. Ein Tag in Frankfurt ist wirklich viel zu kurz! So viele spannende Themen und interessante Menschen! Benjamin Schreuder strahlt eine große Gelassenheit aus und wirkt glücklich. Gelöst freut er sich sichtlich über den gelungenen Tag. In Erlangen sei es noch etwas familiärer. „Letztlich sind bei den Comics alle eine große Familie“, meint er. „Jeder ist selbst Fan, jeder ist selbst Zeichner und Autor.“

Diesen Eindruck vermittelt auf jeden Fall die völlig zwanglose Stimmung nach der Preisverleihung. Backstage-Party? Ach, das wäre doch uncool und elitär für die Comicszene, oder? Stattdessen geht nach der Veranstaltung jeder, der mag, vor und hinter die Bühne, plaudert, gratuliert und trinkt ein Duff. Ich erzähle Benjamin von der Simpsons-Episode. Wie Felix und Verena hat auch er die Episode nicht gesehen. „Ich sollte das mal einem Reporter ganz genau erklären, was Steampunk ist“, sagt Schreuder. Felix würde diese Frage gerne an ihn weiterreichen, verrät er mit einem Lächeln. Offenbar ein mühsames Unterfangen, denn die Frage wird den Dreien wohl immer mal wieder gestellt.

 

Steam Noir – offizielle Homepage
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Steam Noir bei Cross Cult
Steam Noir als Android-App

benjaminschreuder.com
felix-mertikat.de

Abbildungen: © Felix Mertikat
Fotos: © Stefan Svik

John Lord 1&2

Cover John Lord 1Denis-Pierre Filippi und Patrick Laumond sind wahrlich keine Neulinge mehr. Zusammen haben sie einen Beitrag in der Vampire-Anthologie (Ehapa Comic Collection) abgeliefert und der Szenarist Filippi ist mit mehreren Alben auch auf Deutsch präsent, so etwa mit den Serien Ethan Ringler (Piredda) und Die Korsaren der Alkibiades (ECC). Jetzt haben sich beide für die Krimireihe John Lord wieder zusammengetan.

Die Grundidee ist dabei ziemlich einfach und nicht gerade neu, aber immer wieder interessant. Ein Einzelkämpfer mit anscheinend traumatischer Vergangenheit, John Lord, muss sich mit einem ungleichen Partner zusammenraufen und ein geheimnisvolles Verbrechen lösen. John Lord ist ein ehemaliger Beamter einer ungewöhnlichen Einrichtung: Unterstützt vom Bürgermeister gab es einst ein kleines Team, welches parallel zur Polizei Ermittlungen bei Verbrechen durchführte. Lord kommt nun, lange nach der Auflösung des Teams, zurück nach New York und leidet unter den Folgen des Ersten Weltkriegs. Doch sein ehemaliger Mentor und Freund wurde bestialisch ermordet und die Spuren des Täters sind sehr ungewöhnlich. Sie lassen nämlich eher auf ein Tier denn auf einen Menschen schließen. Zusammen mit einer jungen Frau macht er sich auf die Suche nach dem Mörder.

Wenn man den Inhalt so zusammenfasst, klingt es nach nichts und man mag sich fragen, warum man diesen Comic lesen sollte. Aber es lohnt sich, weil vor allem die Struktur sehr gelungen ist. Normalerweise nimmt es einem Krimi die Spannung, wenn der Leser mehr weiß als der Detektiv. Man sitzt dann da und möchte dem Ermittler zurufen: „Hey, sieh genau hin, da ist doch die Spur”, oder: „Das ist der Mörder, greif ihn!” Die eigenen grauen Zellen jedoch werden dann selten benutzt, weil man selber keine Überlegungen mehr anstellen muss, was wohin zu wem führen kann. So ist, wenn man als Leser mehr weiß, meistens der Weg das Ziel, was durchaus spannend sein kann, aber ebenso oft danebengeht.

Cover John Lord 2Hier allerdings erhöht es die Spannung, wobei der Leser zumindest im ersten Band eigentlich nicht behaupten kann, mehr zu wissen als die Ermittler. Es gibt nämlich einen parallelen Erzählstrang zu den eigentlichen Ermittlungen und die Spannung entsteht dadurch, dass der Leser nicht weiß, wie das alles zusammenhängt und ob es überhaupt eine Bedeutung hat. Man weiß noch nicht einmal, ob jene Geschehnisse vor dem Mord oder gleichzeitig stattfinden. Das ist schon sehr geschickt und man ertappt sich dabei, Verbindungen herzustellen, wo eventuell gar keine sind. Deutlicher wird das in Band 2, wo man diese Verknüpfungen vollzieht. Glücklicherweise gleichzeitig mit dem Detektiv, so dass man dann auf ein und demselben Level ist. Dabei entstehen sowohl beim Leser als auch bei den Figuren neue Fragen, die gelöst werden wollen und die einen den abschließenden dritten Teil sehnsüchtig erwarten lassen.

In obiger Hinsicht ist John Lord also sehr spannend und es ist eine ziemlich entidealisierte Tarzan-Stimmung auszumachen. Alles im zweiten Erzählstrang wirkt wie eine erneute Variation des Tarzan-Themas, verweigert sich aber jeglichen Anspielungen auf den edlen Wilden und negiert somit das, wofür der Dschungelheld steht. So ist die zeitliche Ansiedlung der Geschichte in die 1930er Jahre doppelt bedeutsam. Nicht nur trifft das mit dem Tarzan-Boom zusammen – vor allem die ersten Filme stammen ja aus diesen Jahren – sie liefern auch ein schönes Dekor. Vor allem wirft es vor dem Hintergrund der damaligen politischen Entwicklungen die Frage auf, was den Menschen eigentlich zivilisiert macht.

Allerdings ist der Held etwas zu undurchsichtig und nicht gerade sehr sympathisch ausgefallen. Man wollte wohl einen Hard-Boiled-Detective kreieren, vergaß aber die sympathischen Facetten. Lord ist etwas zu zynisch ausgefallen und alle Projektions- und Identifikationsversuche prallen an seiner harten Schale ab. Dafür sind Laumonds fotorealistische Zeichnungen aber sehr gelungen und haben eine sehr schöne Farbgebung.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Vor allem die geschickt aufgebaute Struktur macht die Serie spannend

 

John Lord
Epsilon Verlag, 2013
Text: Denis-Pierre Filippi
Zeichnungen: Patrick Laumond
Übersetzung: Johanna Stehr
je 56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 12,50 Euro

Band 1: Wilde Tiere
ISBN: 978-3-86693-055-1
Leseprobe

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Band 2: Wilde Menschen
ISBN: 978-3-86693-056-8
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Epsilon

Parker

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Cover ParkerParker, der Comic zum Film mit Jennifer Lopez und Jason Statham? Klingt erstmal seltsam und ist zugegebenermaßen so auch nicht korrekt. Die deutsche Veröffentlichung von Comic und Film fielen nur zufällig in einen ungefähren gemeinsamen Zeitrahmen.

Beide Werke basieren grundsätzlich auf der Romanreihe von Richard Stark (das Pseudonym, unter dem Donald Westlake schrieb), die den Titelhelden namens Parker zum Gegenstand hat. Doch da dürften die Gemeinsamkeiten auch schon aufhören. Während man auf der einen Seite bestenfalls solides Actionkino erwartet, setzt sich Künstler Darwyn Cooke sehr eindringlich mit seiner Vorlage, dem Roman „The Hunter”, auseinander und erschafft einen der besten Thrillercomics der vergangenen Jahre im allerbesten 60er-Jahre-Ambiente.

Als der Kriminelle Parker aufwacht, wird ihm so einiges schmerzlich bewusst: Der von ihm geplante Coup ging schief. Nicht weil er versagt hat, nein, sondern weil er von seinem Partner und seiner Freundin hintergangen wurde. Der Ausgangspunkt dieser simpel zusammenzufassenden Handlung ist so klassisch, wie er für einen Hardboiled-Krimi nur sein kann. In New York begibt sich Parker auf einen beispiellosen und durch coole Oneliner und Off-Texte begleiteten Rachefeldzug.

Seite aus ParkerDarwyn Cooke, von dem man hierzulande leider nur sehr sporadisch etwas zu lesen bekommt, zieht mit seinen zeichentrickartigen Bildern in den Bann. Ihm gelingt damit die perfekte Ausgewogenheit zwischen nostalgischem Retrocharme in relativ schlichter Optik und hartem Realismus. Seine Comicadaption benötigt keine Farben, sondern kommt allein mit schwarzen und blauen Schattierungen aus. Angenehmerweise hat Eichborn auf glattes oder reflektierendes Papier verzichtet, so dass hier wirklich ein stimmiger Gesamteindruck entsteht. Im New York der 1960er herrscht mitunter ein rauer Wind (zumindest in Parkers Welt), konsequent also, diesen auch auf rauem Papier zu bannen.

Am Ende des Bandes, am Ende des Rachefeldzugs, hat man auch nur eine weitere Vergeltungsaktion mitverfolgt, wie man sie aus vielen vergleichbaren Werken und natürlich auch aus anderen Medien kennt. Nur, der Weg dorthin ist brillant. So brillant, dass man – bei aller Schlichtheit, was das grundsätzliche Setting angeht – kaum glauben kann, welch große Kunst man da gerade in den Händen hält.

Cooke hat damit den Crime-Comic als Genre auf eine Ebene gebracht, auf der ihm momentan vielleicht gerade noch Ed Brubaker und Sean Phillips die Hand reichen können, die als kongeniales Duo gleich mehrere thematisch verwandte Projekte (Criminal, Fatale) betreuen.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Rundum geglückte Romanadaption im unnachahmlichen Cooke-Stil

 

Parker – Nach dem Roman „The Hunter“ von Richard Stark
Eichborn, März 2013
Text und Zeichnungen: Darwyn Cooke
Übersetzung: Stephanie Grimm
142 Seiten, zweifarbig, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-8479-0526-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Eichborn

Links der Woche 19/13: Don’t speak

Unsere Links der Woche, Ausgabe 19/2013:

 

Sprachenstreit trifft Comic-Star
tagesspiegel.de, AFP
Im flämischen Parlament in Brüssel läuft derzeit eine Comicausstellung. Auf dem Titelblatt der Broschüre zu dieser Ausstellung ist ein Comicpanel von François Schuiten zu sehen. Der Text in der dazugehörigen Sprechblase war auf Französisch – dies passte dem Parlamentspräsidenten Jan Peumans, der der separatistischen Partie NVA (Neu-Flämische Allianz) angehört, nicht: Er ließ den Text aus der Sprechblase entfernen. Sowohl Schuiten selbst als auch sein Verlag wandten sich anschließend mit offiziellen Stellungnahmen gegen diesen Akt der Zensur. Der (durch seine Arbeit für Titanic auch bei uns bekannte) belgische Zeichner Kamagurka zog inzwischen seine Werke aus der Ausstellung zurück. Mehr dazu (auf Französisch) auf der Website des belgischen Rundfunksenders RTBF.

Wir sind zwei perfekte Kleiderständer
Zeit Online, Michael Brake
Zeit Online über Carlsens Reihe „Graphic Novels für Frauen“ und die darin erscheinenden Comics: „Schade, dass man beim Carlsen-Marketing Frauen offenbar vor allem als zarte Wesen sieht, denen man nicht anders begegnen kann als mit Handtaschen und Styling. Denn diese PR-Soße verdeckt, dass die Bände, die übrigens alle in Paris spielen, durchaus etwas zu bieten haben. Auch für Männer.“ Der Artikel zitiert Programmleiter Ralf Keiser, dass die Verkäufe noch „verbesserungswürdig“ seien, die Reihe aber weitergehe. Allerdings soll „nach Protesten von Leserinnen und Händlerinnen“ der Aufkleber und der Spruch „For Ladies Only“ künftig verschwinden. Siehe dazu auch Nicht zu fassen – Graphic Novels “For Ladies Only” im Bibliotheks-Blog „Die Töchter Regalias“.

Europa in der Sprechblase: Comicwettbewerb „Empörte Generation“
Goethe-Institut, Institut Français
Die italienischen Dépendancen von Goethe-Institut und Institut Français feiern den 50. Jahrestag des deutsch-französischen Élysée-Vertrags mit einem Comicprojekt. Dazu gehört neben einem Wettbewerb für römische Schüler der mit insgesamt 4.000 Euro dotierte Comicwettbewerb „Empörte Generation“, an dem Comiczeichner unter 40 Jahren aus Deutschland, Frankreich und Italien teilnehmen dürfen. Gesucht werden „Comic-Reportagen über die heutigen Formen des Engagements und des Einmischens“.

Die letzten Tage der Menschheit
die-letzten-tage-der-menschheit.de, Reinhard Pietsch und David Boller
Autor Dr. Reinhard Pietsch und Zeichner David Boller (Ewiger Himmel, Tell) setzen das Mammut-Theaterstück Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus, das dieser selbst für unspielbar erklärt hat und noch nie komplett aufgeführt wurde, als Comic um. Das satirische Drama, das zwischen 1915 und 1922 entstand und vom Alltag des Ersten Weltkriegs handelt, soll 2014 zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs als Graphic Novel erscheinen. Bis dahin veröffentlichen Pietsch und Boller ihr „work in progress“ als Webcomic, neue Seiten gibt es dienstags und donnerstags.

NICHTLUSTIG Folge 1
YouTube, Joscha Sauer
Ende 2012 sammelte Joscha Sauer per Crowdfunding erfolgreich Geld, um eine komplette erste Folge einer Zeichentrickversion seiner Cartoonserie Nichtlustig zu produzieren. Der 20-minütige Trickfilm ist nun fertig, durfte zuerst von den mehr als 10.000 Unterstützern gesehen werden und ist nun online für alle verfügbar. Jetzt wollen Sauer und sein Team mit Fernsehsendern, Websites und anderen Investoren reden, um mit deren Hilfe eine komplette 12-teilige Serie aus dem Projekt zu machen.

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Anime Backgrounds
anime-backgrounds.tumblr.com
Ein schönes Tumblr-Blog von Christopher Middleton, in dem er Hintergrund-Artworks aus Animefilmen präsentiert. Figuren, Fahrzeuge u.ä. sind größtenteils herausretuschiert, so dass das „pure“ Hintergrundbild sichtbar wird.

Der Comic im Kopf

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dcik coverDas Erste, was beim Aufschlagen von Der Comic im Kopf – Kreatives Erzählen in der Neunten Kunst ins Auge springt, ist das pralle, den Leser geradezu erschlagende Inhaltsverzeichnis, in dem die Gliederung der 13 Kapitel mit ihren zahlreichen Unterabschnitten mit teils bis zu drei Ebenen an so manches akademische Fachwerk erinnert. Inhaltlich geht es dann aber weniger um trockene Comic-Erzähltheorie, sondern vielmehr um deren praktische Umsetzung. Laut Klappentext hat das Buch den Anspruch, für Comiczeichner und -autoren zu sein, „die in ihrem Erzählen einen Schritt weitergehen und sich bewusst mit dem Handwerk des Erzählens im Comic auseinandersetzen wollen“.

Als von Beginn an äußerst angenehm erweist sich der Schreibstil von Autor Frank „Spong“ Plein, der nicht nur ansprechend und klar, sondern auch noch ziemlich unterhaltsam und stellenweise geradezu mitreißend ist. Wenn er anfangs allgemein über die Liebe zu Geschichten, das Wesen der Kreativität und die Kräfte, die uns vom Schaffen abhalten, berichtet sowie die „Top Ten des Scheiterns“ vorführt, wähnt man sich schnell in einem Workshop mit einem energiegeladenen, sympathischen Lehrer, dem sein Stoff wirklich am Herzen liegt und der sich deshalb mit vollem Einsatz hineinwirft. Und er liefert in Sachen Erzählhandwerk das volle Programm: Zuerst exerziert Plein die für alle Erzählmedien grundlegenden Bereiche „Thema und Setting“, „Figur und Charakter“, „Plot und Struktur“ sowie „Dialoge“ durch, wobei in den beiden ausführlichen Kapiteln über Figuren und Dialoge auch schon viel comicspezifisches Wissen und Praxistipps geboten werden. Danach wird es dann vollends comic-zentrisch: Comicskript, Seitenlayout und Panels werden genau so behandelt wie die Darstellung von Bewegung und Action im Comic; zudem reißt Plein an, wie man sich für seinen Comic in Sachen Bildsprache bei Design, Film und Fotografie bedienen kann und z.B. Perspektiven und Blickwinkel richtig einsetzt. Dabei weist er wiederholt auf die Stärken und Schwächen des Comicmediums hin, was schließlich in dem inspirierenden Kapitel „Was Comics können, können nur Comics“ mündet, das man als Comicmacher natürlich besonders gerne liest.

dcik 01Visuell unterstützt wird das Ganze natürlich mit Comicpanels und Illustrationen, und obwohl Plein selbst auf reichlich Erfahrung als Comiczeichner (Tara oder Der Marterpfahl der Leben heißt) und Buchillustrator (Mädchen und andere komische Dinge) zurückgreifen kann, stammen diese nicht von ihm, sondern von seinem Kollegen Markus Hockenbrink. Zusätzlich zu Hockenbrinks klaren, didaktisch gut funktionierenden Zeichnungen im Semi-Funnystil wird aber auch noch eine ganze Reihe von Beispielpanels und -seiten namhafter Comiczeichner zur Bebilderung aufgeboten. Und es macht natürlich eine Menge Spaß zu sehen, wie die beschriebenen Möglichkeiten und Techniken von Comicmeistern wie Peter Bagge, Eduardo Risso, Charles Burns, Daniel Clowes oder Howard Cruse gehandhabt werden.

Plein geht aber noch einen Schritt weiter, um die Theorie mit der Praxis zu verknüpfen: In Form von Werkstattbesuchen zeigt er, wie die deutschen Comickünstler Ralf König und Jan Suski arbeiten, und lässt in kürzeren Beiträgen auch Flix, Gerhard Schlegel, Tobi Dahmen und ihren US-Kollegen Alex Robinson ihre Herangehensweisen beschreiben. Noch praktischer wird es dann, wenn Zeichner Till Felix eine Szene nach einem Skript Pleins relativ frei umsetzt und erläutert, warum er dabei die jeweiligen Seitenlayouts, Perspektiven und Bildinhalte gewählt hat. Eine schöne Idee! Anschaulicher kann man den kreativen Prozess, der hinter dem Entwurf eines Comics steht, wohl kaum vermitteln.

Was die Auswahl der erzählerischen Grundlagen und Werkzeuge angeht, erweist sich der Autor als Eklektiker im besten Sinne: Alles, was aus seiner Sicht helfen kann, bessere Comicgeschichten zu erzählen, findet seinen Platz in diesem Handbuch. Er greift auf Weisheiten von Alan Moore ebenso zurück, wie auf Zeitmanagement-Ratgeber, die Typenlehre des Enneagramms und Anekdoten aus seinem eigenen Leben. Neben Comicgrößen wie Ralf König und Grant Morrison werden auch Schriftsteller wie Kurt Vonnegut oder John Irving sowie die Drehbuchlehrer Robert McKee und Christopher Vogler zitiert. Es gibt zudem eine wahre Flut von Belegen und Beispielen, vom Krimicomic Scalped über die TV-Comedyserie Little Britain bis zu Sergio Leone-Filmen. Hier erweist sich Plein als übersprudelnde Popkultur-Verweisquelle, seine Begeisterung für viele der genannten Geschichten und Erzähler bricht sich immer wieder Bahn und macht den Leser entsprechend neugierig auf einige genannte Werke und Künstler, die ihm noch unbekannt sind.

dcik 03Auffallend ist jedoch die starke Fokussierung auf nordamerikanische (und ein paar deutsche) Comics und Künstler. Dass beispielsweise frankobelgische Zeichner und Serien kaum erwähnt werden, ist vielleicht noch zu verschmerzen, ähneln sich die erzählerischen Mittel doch stark genug. Aber dass der Manga fast komplett ausgespart wird, ist bedauerlich. Gibt doch schon die einsame Beispielseite aus der Feder von Osamu Tezuka einen beeindruckenden Vorgeschmack darauf, was hier noch alles zu holen bzw. zu lernen wäre. Hier waren die persönlichen Comicvorlieben des Autors offensichtlich zu sehr maßgeblich. Zudem hätte ich mir manche Kapitel ausführlicher gewünscht, z.B. jenes über „Action im Comic“, in dem nur ein paar Grundlagen abgefrühstückt werden. Und wenn schon die Kapitelgliederung im ausführlichen Stil eines Fachbuchs daher kommt, wäre auch ein dementsprechend detaillierter Literaturanhang mit allen erwähnten Werken und ihren Machern eine schöne Ergänzung gewesen. Immerhin gibt es eine Auswahl an besonders hilfreicher Sekundärliteratur und eine persönliche Comic-Empfehlungsliste des Autors. Diese Kritikpunkte schmälern den positiven Gesamteindruck jedoch nur gelinde. Was dem Buch hingegen wirklich schmerzhaft fehlt, ist bzw. war ein gründliches Lektorat. Allzu häufig wird man von den zahlreichen, ärgerlichen kleinen Fehlern aus dem Lesefluss gerissen. Da kann man nur auf eine zweite, überarbeitete Auflage hoffen, die dieser Band schwer verdient hat.

Manche der Herangehensweisen, die einem in Der Comic im Kopf nahe gebracht werden, kann man übrigens durchaus in Frage stellen. Doch Plein erweckt nicht den Anschein, dass wir es hier mit in Stein gemeißelten, unumstößlichen Regeln zu tun haben. Die vermittelten Erzählprinzipien sind aufgrund ihrer breit gefächerten Herkunft eher eine Art angenehm undogmatischer „Best Of Comic-Storytelling“-Mix: Ein Angebot, das man komplett, aber auch nur in Teilen nutzen kann. Und selbst – oder vielleicht sogar gerade – jene Teile, die man vielleicht anzweifeln mag, regen dazu an, über die Möglichkeiten der Comicerzählung nachzudenken oder zu diskutieren. Teils wähnt man sich auch bereits während der Lektüre im direkten Zwiegespräch mit einem Bekannten, der einfach eine Menge übers Comichandwerk weiß. Dies ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass Frank Plein seine eigene Persönlichkeit und Erfahrungen, seine Liebe zum Medium und Bewunderung für viele Comicerzähler so intensiv und offen einbringt. Im Zusammenspiel mit der auflockernden Selbstironie macht das auch den großen Appeal dieses Handbuchs aus. Der Autor ist kein Guru, sondern einer von uns: Ein Comicmacher, der sich weiterentwickeln möchte, und ein Kollege, der uns kräftig in den Hintern treten und motivieren will, bessere Comics in die Welt zu setzen. Und vor allem letzteres gelingt Frank Plein mit diesem Buch erstklassig!

 

Wertung9 von 10 Punkten

Kleiner Schwächen zum Trotz: Der Comic im Kopf überzeugt als kreativer Werkzeugkasten und Motivationsquelle für Comicmacher

 

Der Comic im Kopf – 
Kreatives Erzählen in der Neunten Kunst
ICOM, Juni 2012
Text: Frank Plein
Zeichnungen: Markus Hockenbrink
192 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 19 Euro
ISBN: 978–3–88834–923–2
Leseprobe

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Abbildungen © Frank Plein/Interessenverband Comic e.V.

 

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Homepage zum Buch
Blog, aus dem das Buch hervorging

Frisch aus der Druckerei: April 2013

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Im April wurde es, verglichen mit dem März, wieder etwas ruhiger in den Comicläden. Die ganz großen Muss-Comics waren in diesem Monat eher rar, dennoch lagen wieder einige interessante und lesenswerte Titel in den Neuheitenregalen. Hier unser monatlicher Überblick:

HIGHLIGHT DES MONATS

Solanin 1Mit Inio Asano versucht Tokyopop zur Zeit, einen der spannendsten Mangaka der Gegenwart auf dem deutschen Markt zu etablieren. Neben der länger laufenden Serie Gute Nacht, Punpun werden mehrere kürzere Geschichten veröffentlicht, wie etwa der Zweiteiler Solanin aus den Jahren 2005/06. Erzählt wird die „Slice of Life“-Geschichte von zwei jungen Menschen, die nach ihrem Schulabschluss nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen und versuchen, ihren Platz im Erwachsenenleben zu finden. Schön, dass dieser Manga, der in Japan verfilmt wurde und bei seiner US-Veröffentlichung 2009 mit Lob überschüttet wurde, nun endlich auch auf Deutsch verfügbar ist [Leseprobe].

EIGENPRODUKTIONEN

Der Panini-Verlag hat zwar einen immensen Ausstoß an Comics, echte Eigenproduktionen sind aber nur ganz selten dabei. Doch in letzter Zeit tauchen immer wieder mal deutsche Zeichner im Panini-Programm auf. Auch Lanternjack ist, wenn man ganz streng ist, keine „richtige“ Eigenproduktion, denn der Comic vom Stuttgarter Zeichner Martin Frei (Kommissar Eisele) war zunächst ein Wettbewerbsbeitrag für den Costa Brava Comic Award, wo er den zweiten Preis gewann. Neben einem Preisgeld ist dieser mit einer Veröffentlichung des Comics bei Panini España dotiert. Dort erschien Lanternjack bereits im letzten Jahr, nun gibt es die mystische Fantasygeschichte im Albenformat also auch im Heimatland des Zeichners [Leseprobe].

El CarnoEl Carno heißt ein neuer Comic von Sebastian Sommer, der bei Gringo Comics erschienen ist. Sommmer erzählt in seinem auffälligen Stil, der durch seine besonders dicken Outlines aus dem Rahmen fällt, eine absurd-schräge Crossover-Geschichte aus Western und Dinosaurierstory. Wie das in etwa aussieht, kann man sich in seinem Comic Dinowelt ansehen, der bei myComics abrufbar ist.

Eine Anthologie aus Österreich gibt es beim Luftschacht Verlag: Eine Reise ins Nichts – hin und retour versammelt auf gut 100 Seiten Comics von zehn Künstlern, darunter Ulli Lust, Nicolas Mahler, Heinz Wolf und Leopold Maurer. Es handelt sich dabei um den Katalog zu einer Ausstellung der Niederösterreich-Gesellschaft für Kunst und Kultur (NöART), die von Leopold Maurer kuratiert wird, derzeit in Allentsteig gastiert und noch bis zum Herbst durch Niederösterreich wandert.

Der Berliner Zeichner Edward Winokan arbeitet seit langem in Eigenregie an seinem Comic Kinder der Dämmerung, einem Fantasyepos mit gut gebauten Menschen und einer größeren Prise Homoerotik. Der erste Band ist nun bei The Next Art erschienen. Kostproben gibt es bei Facebook.

AUS SPANIEN

Der junge LovecraftSchon wieder dürfen wir einen neuen Verlag begrüßen, der sich auf den deutschen Comicmarkt wagt. Diábolo Comics sitzt eigentlich in Madrid und veröffentlicht in Spanien sowohl eigene Comics als auch Lizentitel aus Frankreich oder den USA. Eine Auswahl des Programms will man nun auch in anderen Ländern, darunter Deutschland, veröffentlichen. Den Anfang machten im April drei Titel: Neben einer Albenserie aus Frankreich (WW 2.2, siehe unten) erschien Miau von José Fonollosa, ein Band mit kurzen Katzencomicstrips. Diese wurden ursprünglich als Webcomic veröffentlicht [Leseprobe], und auch Der junge Lovecraft von José Oliver und Bart Torres ist ursprünglich ein Onlinecomic. Die Strips verstehen sich als witzige Hommage an den berühmten Horrorautor H.P. Lovecraft und lassen ihn in seiner Kindheit und Jugend mit Geschöpfen aus seinem Werk zusammentreffen [Leseprobe].

AUS DEN USA

Durch den Erfolg mit Avatar – Der Herr der Elemente ist man bei Cross Cult offenbar auf den Geschmack gekommen und erweitert sein Programm für jüngere Comicleser. Super Dinosaur passt dabei bestens zum Verlag, denn die Serie stammt von Walking Dead-Erfinder Robert Kirkman und wurde von ihm nicht zuletzt für seinen eigenen Sohn geschrieben. Die Zutaten klingen dabei recht vertraut: ein superschlauer Junge, ein fieser Wissenschaftler, reichlich Action und, als Freund und Partner des jugendlichen Helden, ein genetisch veränderter Tyrannosaurus Rex. Zum Start erschienen gleich zwei Bände [Leseprobe].

Wie schon beim ersten Star Trek-Film von J.J. Abrams gibt es auch bei der Fortsetzung, die gerade im Kino läuft, wieder einen Comic, der die Vorgeschichte erzählt: Star Trek – Countdown to Darkness von David Messina und Mike Johnson gibt es auf Deutsch bei Cross Cult.

Dial H 1Die vielleicht ungewöhnlichste und interessanteste Serie im Einerlei der „New 52“ von DC Comics dürfte Dial H sein. Diese Wiederbelebung eines alten Konzepts (wähle eine Telefonnummer und du wirst zum Superhelden) stammt vom bekannten britischen Fantasy- und SF-Autor China Miéville, der hiermit erstmals als Autor einer länger laufenden Comicserie auftritt. „Weird fiction“ wird seine Art zu schreiben oft genannt, und „weird“, also schräg/eigenartig/sonderbar, passt als Beschreibung wohl auch bestens zu Dial H – Bei Anruf Held, dessen erster Sammelband jetzt bei Panini herauskam. Surreale Ideen, bizarre Figuren (z.B. eine Mischung aus Hahn und Hula-Hoop-Reifen), abgedrehte Szenarien. Wer sowas mag, dürfte hier genau richtig sein. Leider wurde vor wenigen Tagen erst bekannt, dass DC die Serie nach 15 Heften schon wieder einstellen wird [Leseprobe]

Die TV-Zeichentrickserie Batman Beyond bzw. Batman of the Future (1999-2001), in der es um den Batman der fernen Zukunft geht, wird inzwischen in Form von Comics weitergeführt. Ein erster Sammelband von Adam Beechen und Ryan Benjamin liegt bei Panini vor [Leseprobe].

Außerdem neu: Der erste Band der Reihe Worlds‘ Finest: Huntress & Power Girl. Ein Superheldinnen-Duo auf DCs „Erde Zwei“. Es tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht schreiben, ich blicke einfach nicht durch [Leseprobe].

Paninis Marvel-Abteilung hatte im April einigen Stoff für die Freunde von Iron Man zu bieten, der ja gerade wieder im Kino zu sehen ist. Neben einem Band aus der Reihe Marvel Movies, der die Vorgeschichte zu Iron Man 3 erzählt, und einem Comic aus dem Ultimate-Universum (Ultimate Comics: Iron Man, Leseprobe) ist das vor allem ein neu aufgelegter Sammelband der Storyline Iron Man: Extremis von 2005, die von Warren Ellis und Adi Granov stammt und in weiten Teilen als Vorlage für den Film diente [US-Preview]

In der Reihe 100% Marvel gibt es die Miniserie Spider-Men, in der Brian Michael Bendis das tut, was längst unvermeidlich war: zwei eigentlich getrennte Marvel-Welten in einem Crossover zusammenbringen. Peter Parker, der Spider-Man des „regulären“ Marvel-Universums, trifft auf Miles Morales, der in Marvels Ultimate-Universum das Spinnenkostüm trägt. Hübsch gezeichnet von Sarah Pichelli [US-Preview].

Es ist schon ein Kreuz mit den Namen: Da gibt es, wie eben erwähnt, das „Marvel Universe“ und das „Ultimate Universe“. Nur was zum Geier ist dann bitte eine Serie namens Marvel Universe Ultimate Spider-Man? Die Antwort: Sie hat eigentlich weder mit dem Marvel Universe noch mit dem Ultimate Spider-Man viel zu tun, sondern bezieht sich auf eine Zeichentrickserie namens Ultimate Spider-Man, die im Fernsehsender Disney XD in einer Programmschiene namens Marvel Universe läuft (in Deutschland auch bei Super RTL). Alles klar? Panini macht es uns etwas leichter und nennt seine deutsche Version Ultimate Spider-Man TV-Comic. Hier gibt es Geschichten für „all ages“, die sich also vorwiegend an jüngere Leser richten [US-Preview].

Ganz im Gegensatz zu Deadpool killt das Marvel-Universum, wo auf der US-Ausgabe in roten Lettern „Not for kids!“ geschrieben steht. Hier wird mit Deadpool das durchgespielt, was Garth Ennis vor einigen Jahren mit dem Punisher gemacht hat, als er ihn in einem überdrehten, nicht allzu ernst gemeinten Gemetzel sämtliche anderen Marvel-Helden töten ließ [Leseprobe].

A propos Ennis: Der schreibt für Marvels „Max“-Label die Serie Fury – My War Gone By, in der er die frühen Jahre des späteren Leiters des S.H.I.E.L.D.-Geheimdiensts beleuchtet und dabei seiner Vorliebe für Kriegsgeschichten fröhnen darf. Bei Panini gesammelt in Maximum 52 – Fury: Kriegsgeschichten [Leseprobe].

Als Autor und Zeichner von Stray Bullets galt David Lapham einmal als richtig interessante und spannende Comichoffnung. Inzwischen hat er seine Comfort Zone offensichtlich anderswo gefunden und schreibt mit Vorliebe Comics für den Kleinverlag Avatar, bei denen er den Sex- und vor allem den Gewaltpegel bis zum Anschlag aufdrehen darf, wie z.B. Crossed oder Caligula. Auch in der neuen Horrorserie Ferals, die sich um Werwölfe dreht, kommen wieder reichlich Blut und Innereien auf den Tisch. Wohl bekomm’s [US-Preview].

Spawn Origins CollectionDie großen Zeiten von Todd McFarlanes Spawn sind lange vorbei. Doch Anfang der Neunziger Jahre war die Serie um den Superhelden aus der Hölle das absolute Flaggschiff von Image Comics, ein massiver Bestseller und auch qualitativ gar nicht übel. Mit der Spawn Origins Collection von Panini sind nun die frühen Ausgaben der Reihe wieder verfügbar. Band 1 enthält die US-Hefte 1 bis 12, darunter auch die von Cerebus-Schöpfer Dave Sim geschriebene Ausgabe 10, die noch nie auf Deutsch zu lesen war. Und mit Neil Gaiman, Frank Miller und Alan Moore sind noch weitere Schwergewichte als Gastautoren dabei [Leseprobe].

Auch Witchblade gehört zu den Urgesteinen der frühen Image-Jahre, die ihre besten Zeiten längst hinter sich haben. Nun hat man sich mit Hack/Slash-Erfinder Tim Seeley einen neuen Autor an Bord geholt, der die Serie auffrischen und wiederbeleben soll. Und so heißt die neue Reihe dann auch Witchblade: Rebirth [Leseprobe].

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

NachtstückDer frankokanadische Autor und Zeichner Jimmy Beaulieu konnte im letzten Jahr für Ein philosophisch-pornografischer Sommer eine Reihe guter Kritiken einheimsen, nicht zuletzt, weil er es mit seinem an den französischen Indie-Zeichnern angelehnten Stil schafft, Erotik ohne jede Schwiemeligkeit darzustellen. Schreiber & Leser bringt nun mit der Geschichtensammlung Nachtstück einen weiteren Beaulieu-Band, in dem die Erotik nicht zu kurz kommt [Leseprobe].

Das Leben von Brian Epstein, dem früh verstorbenen Manager der Beatles, wird in Kürze in Comicform nachgezeichnet: In den USA erscheint demnächst The Fifth Beatle bei Dark Horse Comics. Zuvor kann man sich jedoch mit einer weit unbekannteren Person befassen, die vielleicht ebenfalls diese Position hätte bekleiden können, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Allan Williams war der erste Manager der Fab Four, noch vor ihrem großen Durchbruch, als die Band noch in Hamburger Kellerkneipen spielte. Die Franzosen Gihef und Damien Vanders machten daraus den Comic Liverfool, den es jetzt auf Deutsch bei Edition 52 gibt [Leseprobe].

Als „Märchen zwischen den Welten von Tim Burton und Walt Disney“ bewirbt die Ehapa Comic Collection die Albenreihe Zauber von Autor Jean Dufaux (Jessica Blandy, Barracuda) und Zeichner José Luis Munuera (Das Zeichen des Mondes). Die Shakespeare-hafte Geschichte einer unmöglichen Liebe in einer Märchenwelt besticht vor allem durch Munueras schickes Artwork [frz. Leseprobe].

Mit Die Legende vom Changeling und Miss Endicott sind beim Piredda Verlag schon zwei Serien von Zeichner Xavier Fourquemin erschienen, nun folgt mit Orphan Train eine weitere: Das Szenario von Philippe Charlot (Bourbon Street) geht es um die „Waisenzüge“, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Waisenkinder aus den amerikanischen Großstädten der Ostküste zu den Siedlern im Westen gebracht wurden [Leseprobe].

Verblendung 1Nachdem im März bei Panini die amerikanische Comic-Adaption der berühmten Stieg-Larsson-Krimireihe startete, bringt der Splitter-Verlag nun die frankobelgische Variante: Die Millennium-Trilogie in der Adaption von Sylvain Runberg (Orbital) und dem spanischen Zeichner José Homs ist auf insgesamt sechs Alben angelegt, je zwei pro Roman, und los geht es mit der ersten Hälfte von Verblendung [Leseprobe].

Außerdem gibt’s bei Splitter mit dem ersten Band von Aslak ein humoristisch angehauchtes Wikinger-Abenteuer von Hub, Fred Weytens und Emmanuel Michalak [Leseprobe] und den Start einer Neuausgabe von Crisses Fantasyserie Atalante – Die Legende, in der griechische Mythen neu interpretiert werden. Die ersten drei Bände waren 2001 bis 2004 bei Carlsen erschienen. Splitter bringt zuerst eine Neuauflage von Band 1, macht im Sommer und Herbst mit den Bänden 4 und 5 weiter, bevor zum Schluss die Lücke geschlossen wird [Leseprobe]

Der oben bereits erwähnte spanische Verlag Diábolo bringt mit der Serie WW 2.2 „Was wäre wenn“-Geschichtsszenarien in abgeschlossenen Geschichten von wechselnden Autoren und Zeichnern. Behandelt werden fiktive Varianten des Zweiten Weltkriegs. Der erste Band geht von der Frage aus: „Was, wenn Hitler 1939 ermordet worden wäre?“ [Leseprobe, CG-Rezension].

Salleck Publications hat einen Neuzugang auf dem anscheinend unerschöpflichen Feld der Fliegercomics: Der Pilot mit dem Edelweiß von Yann und Flugzeug-Spezialist Romain Hugault spielt im Ersten Weltkrieg und zeigt viele Doppeldecker von unten, von oben und von der Seite [Leseprobe].

AUS ASIEN

Liar GameEinen interessanten Eindruck macht die neue EMA-Serie Liar Game von Shinobu Kaitani, die es in Japan schon auf 14 Bände gebracht hat und (zumindest vom Marketing) mit dem Bestseller Death Note verglichen wird. Es geht um ein perfides Spiel, in dem die Gegner mit allerlei Tricks und Strategien versuchen, sich gegenseitig eine enorme Menge Geld abzuluchsen [Leseprobe].

Außerdem neu bei EMA: die Serie Noragami von Adachitoka, in der ein junger Gott an einer Schule auftaucht und dafür sorgen muss, dass die Leute an ihn glauben. Tokage von Yak Haibara ist eine Mysterygeschichte für eine weibliche Zielgruppe, in der eine junge Frau von den Toten erweckt wird [Leseprobe]. Und schließlich Toradora! von Yuyuko Takemiya und Zekkyou, laut Verlag eine „Love-Comedy zum Schlapplachen“ [Leseprobe].

Bei Tokyopop startete die Serie The End of the World von Aoi Makino, ein Romance-Manga, der sich mit dem Thema Mobbing unter Schülern auseinandersetzt [Leseprobe]. Außerdem die Reihe Servamp von Strike Tanaka, die sich um junge Vampire dreht. Die Serie stammt aus dem Magazin Comic Gene, das sich wohl nicht wie die meisten anderen auf eine feste Zielgruppe fixiert, sondern „shonen manga for girls“, also „Jungsmanga für Mädchen“, anbietet [Leseprobe].

Auch Kazé Manga ließ einige neue Serien anlaufen: Blood-C von Ranmaru Kotone ist ein weiteres Spin-Off aus dem „Blood“-Universum, in dem es ziemlich action- und gewaltreich zugeht [Leseprobe]. Hier ein Trailer:

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Midnight Wolf von Tomu Ohmi ist ein weitere Romantik-Horror-Mischung für Fans von Twilight, diesmal mit Werwölfen [Leseprobe]. Außerdem bedient Kazé nun auch das Erotik-Genre, und zwar mit Heimliche Blicke von Wakoh Honna.

SEKUNDÄRLITERATUR

Wie vor ein paar Wochen bekannt wurde, erscheint keine weitere Ausgabe des altgedienten Comic-Fachmagazins Comixene mehr. Herausgeber Martin Jurgeit und sein Verlag JNK nehmen dafür einige Änderungen an ihrer monatlichen Zeitschrift COMIX vor: Dieses auf Zeitungspapier gedruckte Heft kostet seit der Ausgabe 3/2013 (die Anfang April erschien) einen Euro mehr (3,- statt 2,-), hat einen vergrößerten Umfang und enthält künftig neben den gewohnten Inhalten (Fortsetzungscomics und Neuerscheinungslisten) deutlich mehr redaktionelles Material, größtenteils von Autoren, die bislang auch für die Comixene schrieben. Das Editorial von Heft 3/13 kann man hier lesen.

Comicwissenschaftliche Arbeiten gibt es inzwischen ja eine Menge – diese hier kommt jedoch aus einer ganz anderen Fachrichtung: Tobias Müller hat sich für seine Masterarbeit im Fach Gerontologie mit der Darstellung des Alters in Superheldencomics am Beispiel von Batman beschäftigt. Daraus wurde nun ein Buch, das unter dem Titel Superhelden-Cape und Krückstock? Die Darstellung des Alterns im Comic „The Dark Knight Returns“ im Verlag Diplomica erschienen ist [Leseprobe].

WW 2.2 1: Die Schlacht um Paris

Cover WW 2.2 1Eine Comicserie von französischen Künstlern, die von einem spanischen Verlag in Deutschland verlegt wird? Dieses Kunststück hat der hierzulande neu eingestiegene Verlag Diábolo Comics gerade vollbracht, der die alternative Weltkriegserzählung WW 2.2 – Der andere Zweite Weltkrieg bei uns veröffentlicht. Die Albenserie, geschrieben von David Chauvel (Ring Circus, Black Mary, Cosa Nostra) und gezeichnet von Hervé Boivin und Éric Henninnot (Carthago), geht der Frage nach, was passiert wäre, wenn Adolf Hitler bereits 1939 gestorben wäre.

Nur soviel: Der Krieg wird dadurch nicht verhindert. Hermann Göring wird anstelle des durch ein Attentat getöteten Führers Reichskanzler und befehligt die Wehrmacht nach Westen, um Frankreich zu besetzen. Dass die Geschichtsschreibung sich in dieser Parallelwelt des Dritten Reiches nicht allzu sehr von den realen Begebenheiten zur damaligen Zeit unterscheidet, ist eine der Überraschungen, die mich nach dem Lesen etwas ernüchtert zurückgelassen haben. Dabei wirkt der erste Band auf den Blick sehr interessant: Eine Weltkarte auf der Innenseite des Hardcovers kündigt an, dass wohl jedes der insgesamt sieben Alben an einem anderen Schauplatz des Zweiten Weltkriegs spielt. Klingt nach einem spannenden Konzept. Der Inhalt des ersten Bandes lässt daran jedoch gehörige Zweifel aufkommen.
Seite aus WW 2.2 1Innerhalb der ersten Seiten bekommt man etwas konspirativ nähergebracht, dass Hitler tot ist. Gekrönt wird diese effektvolle Einleitung von einer ganzseitigen Abbildung des aufgebahrten Leichnams des ehemaligen Reichskanzlers. Danach geht es leider nur noch ausschließlich um eine Mission der Allierten, die mit einer Handvoll französischer Soldaten versuchen, die Deutschen in Paris in eine Falle zu locken. Weder bekommt man im weiteren Verlauf etwas von der Sicht des Feindes mit (immerhin dürfte sich in Nazi-Deutschland nach Hitler einiges geändert haben) noch wird dieses eine kleine Scharmützel in die Gesamtsituation des Krieges bzw. der politischen und militärischen Lage in Europa eingeordnet. Das ist eine herbe Enttäuschung, zumal die Fokussierung auf den kleinen Trupp französischer Soldaten von relativ belangloser Natur ist. Die Figuren bleiben blass, austauschbar und beschäftigen sich mehr mit sich selbst als mit dem Feind.

Vielleicht ging ich nach dem guten äußeren Eindruck und der interessant klingenden Grundidee mit falschen Erwartungen an die Lektüre. Sollten die weiteren Bände sich aber ähnlich isoliert präsentieren und sich in vergleichbarer Form auf ein paar wenige Alliierte beschränken, dann macht sich das geplante Konzept obsolet, weil es damit jede tiefer gehende Betrachtung verhindert und auf dem oberflächlichen Niveau einer verzichtbaren Parallelwelt-Story verbleibt.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Langweilig und wenig tiefschürfend, dafür muss man die Historie nicht extra umwälzen

 

WW 2.2  – Der andere Zweite Weltkrieg 1 – Die Schlacht um Paris
Diábolo Comics
Text: David Chauvel
Zeichnungen: Hervé Boivin, Éric Henninnot
Übersetzung: Tilman Zens
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,95 Euro
ISBN: 9788415839125
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Diábolo Comics

Der Krieg der Orks 1 – Die Kunst des Krieges

Cover Krieg der OrksEine neue Serie mit Orks in der Rolle der Helden? Das verwundert einen natürlich ein bisschen, schließlich sind die garstigen Gesellen die hauptsächlichen Schurken im Fantasygenre. Vor allem nach ihrer Erfindung durch J.R.R. Tolkien für Der Hobbit und Der Herr der Ringe kennt man sie nur als Bedrohung und als Schlachtfutter. Geht es jetzt um eine Ehrenrettung der kriegerischen Menschen-, Hobbit- und Zwergenfresser?

Das haben zuvor schon Romanautoren wie Stan Nicholls versucht, aber das Image der Orks ist nach wie vor schlecht. So verzichtet Autor Olivier Peru darauf, dem Volk einen neuen Charakter zuzuschreiben. Die Orks sind weiterhin kriegerisch und wollen nur Zerstörung, Gemetzel und Fleisch. Doch Peru hat schon in seinen bisherigen Serien immer wieder bewiesen, dass er altbekannten Stoffen das gewisse Etwas verleihen kann, was seine Erzählungen innerhalb der Genres ganz besonders macht. Dabei verzichtet er darauf, alles neu erfinden zu wollen. Stattdessen fügt er einige neue Aspekte ein, die Altes ganz frisch aussehen lassen. So war das bei Nosferatu, Lancelot und vor allem bei Zombies, und auch hier ist das wieder der Fall.

Die Grundcharakteristika der Orks werden beibehalten. Somit werden Fans und Fantasyfreunde nicht verprellt, bekommen aber dennoch einen neuen Einblick. Ein Orkkrieger überlebt eine große Schlacht und muss feststellen, dass er der einzige Überlebende des Orkheeres ist. Er ist mit der Tradition unzufrieden und erkennt die Notwendigkeit, sich weiter zu entwickeln. Im Gegensatz zur traditionellen Taktik, drauflos zu stürmen und zu töten, entwickelt er Pläne und Strategien. Obwohl er sich damit Feinde zuzieht, kann er den König der Orks und dessen Sohn auf seine Seite ziehen. Und deren Unterstützung wird dringend benötigt, denn Menschen, Elfen und Zwerge rüsten zum finalen Schlag.

Seite aus Der Krieg der OrksDer Titel des ersten Bandes ist sehr passend: „Die Kunst des Krieges“, so heißt auch das zentrale Lehrbuch der japanischen Kriegsführung. Und so überschaubar die Handlung hier eigentlich ist, denn es geht eben um die Verfeinerung von Strategien, so spannend ist es doch zu lesen. Gut, im Grunde ist der Comic eine einzige Schlachtplatte und die Gegenwehr gegen die Neuerungen kommt etwas zu kurz. Interessant ist aber die Perspektivverschiebung, die Peru hier wieder einmal vornimmt. Die Orks sind die Hauptfiguren, werden aber dadurch nicht gerade sympathischer. Viel interessanter sind die anderen Völker, welche eher im Gegensatz zu dem stehen, wie Tolkien sie beschrieben hat. Nicht nur durch die neue Perspektive werden sie zu Schurken: Menschen sind gerissen und heuchlerisch, Zwerge sind demütig und charakterlos und die Elfen sind arrogant, herrisch und brutal. Es ist ein ganz einfacher Kniff, den Peru hier benutzt. Trotz leichter Verschiebungen werden die Schemata des Genres nicht zerstört und somit die Mythen nur noch bestätigt.

Da die einstigen Helden der Fantasyklassiker hier die Schurken sind, sitzt der Schock bei Fans womöglich tief und die neuen Helden sind gar keine. Hier wird deutlich, dass List durch Feigheit nötig wird, und auch so leistet sich Peru einen Schlag gegen Althergebrachtes. Dabei werden vor allem auf der graphischen Ebene viele Elemente des Reiches von Tolkien zitiert. Sowohl die monumentalen Schlachten als auch die Bauten sowie Fauna und Flora könnten genauso aus dem literarischen Klassiker stammen. Zeichner Daxiong kann alles gut übersetzen und liefert gute, übersichtliche, aber dennoch sehr realistisch gehaltene Zeichnungen ab. Kurz und gut: ein Band voller Action, der manchmal etwas brutal geraten ist, der aber Fans und Fantasyfreunde mit neuen Aspekten konfrontiert und mit so einigen Überraschungen aufwarten kann.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Gelungener Serienauftakt voller Action, der dem Genre durchaus neue und frische Aspekte abgewinnen kann, ohne von den Schemata abzuweichen.

 

Der Krieg der Orks 1 – Die Kunst des Krieges
Splitter Verlag, April 2013
Text: Olivier Peru
Zeichnungen: Daxiong
Übersetzung: Resel Rebiersch
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-581-6
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 18/13: Man gab mir soeben das Geschenk meines Lebens

Nach einer Woche Pause wieder da – unsere Links der Woche, Ausgabe 18/2013:

 

Umsonst, aber nicht vergebens
Der Tagesspiegel, Oliver Ristau
Zum vierten Mal fand gestern der Gratis-Comic-Tag statt, bei dem etwa 200 Comichändler eine Auswahl von 30 eigens produzierten Comicheften von fast allen wichtigen Comicverlagen in Deutschland unters Volk brachten. Der hier verlinkte Tagesspiegel-Artikel gibt einen allgemeinen Überblick über die Aktion. Außerdem besprechen einige Websites wieder eine Auswahl oder sogar die Gesamtheit der 30 Gratiscomics: Popkulturschock, Comic-Report, Stefan Pannor, Splashcomics, Tofu Nerdpunk sowie in Audio-Form der Podcast Comic Review.

“That’s Entertainment” als PDF
Terminal Entertainment
Neben den 30 „offiziellen“ Gratiscomics wurden vereinzelt noch weitere Kostenlos-Hefte verteilt. So etwa im Frankfurter Comicshop T3, wo man ein eigens produziertes 36-seitiges Heft mit kurzen Beiträgen zahlreicher Künstler aus dem Frankfurter Raum auf die Beine stellte. Lobenswerterweise gibt es dieses Heft nun auch kostenlos als PDF-Download. Ebenso hält es der neue Verlag dani books, der erstmals beim GCT dabei ist und sein Gratisheft Monster Allergy – Episode 1 gratis bei isuu oder als PDF anbietet. Schöne Entwicklung, zur Nachahmung empfohlen!

Der Manga-Boom hält an
Buchreport, Martin Jurgeit
Das Branchenblatt Buchreport beschäftigt sich mit der aktuellen Lage des Mangamarkts in Deutschland, nennt einige Zahlen und zitiert Vertreter von Carlsen und Tokyopop mit dem Wunsch, der Handel möge noch mehr darauf achten, dass auch die starke Backlist gut in den Regalen vertreten ist.

2. Ausschreibung des Hamburger Graphic-Novel-Förderpreises „Afkat“
afkat-foerderpreis.de
Zum zweiten Mal lobt eine Hamburger Anwaltskanzlei einen Förderpreis für „begabte, bislang unentdeckte Nachwuchskünstler“ aus. Der Siegertitel wird im Mairisch-Verlag veröffentlicht, wo man bei der ersten Ausschreibung im Jahr 2011 am Ende sogar zwei Wettbewerbsbeiträge (Flash Preußen von Tilo Richter und Jan Kottisch und Das Mädchen ohne Hände von Karin Kraemer) als Buch herausbrachte.

oh2 Produktion
inkubato, ohmagazin
Das Magazin oh, ein Gemeinschaftsprojekt der Comickünstler Christoph Mathieu, Asja Wiegand, Caroline Ring und Lew Bridcoe, dessen erste Ausgabe letztes Jahr aus dem Stand den Magazin-Wettbewerb „Comic-Clash“ gewann, produziert sein zweites Heft. Für die Finanzierung der Produktion wird eine Crowdfunding-Plattform genutzt. Die angepeilten 777 Euro sind bereits erreicht worden, man kann aber noch eine weitere Woche lang mitmachen und sich mit seinem Beitrag nette Extras sichern.

Queer & wir
queerundwir.jimdo.com, Lasse S.
Ein neuer Onlinecomic, bei dem man von Panel zu Panel klickt. Die Story spielt im Berliner Punk-Milieu und beschäftigt sich mit der Suche nach der eigenen sexuellen Identität. Das erste Kapitel mit 24 Panels ist online, Fortsetzung folgt.

Ulli Lust
Inkstuds, Robin McConnell
Wer Ulli Lust, deren Graphic-Novel-Erfolg Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens kürzlich in den USA erschienen ist, mal auf Englisch hören möchte, dem sei die kanadische Radiosendung Inkstuds empfohlen, die regelmäßig ausführliche Talks mit interessanten Comickünstlern aus dem Indiebereich anbietet, die auch als Podcast abrufbar sind (MP3, ca. 45 Minuten).

Comics Alliance Closed By AOL
Bleeding Cool, Rich Johnston
Comics Alliance, eine Website, die zum AOL-Konzern gehört und seit 2009 täglich in einer sehr gelungenen Mischung aus Kultur und Unterhaltung, Kunst und Kommerz über Comics berichtete, wurde eingestellt. Damit verliert das Comic-Internet eine wichtige Anlaufstelle und drei festangestellte Redakteure ihren Job. Der letzte Beitrag erschien am 29. April, seitdem gab es keine Updates mehr (die Website ist aber noch online). Ein offizielles Statement oder eine Begründung für diesen Schritt gibt es nicht, er scheint aber mit einer Aufräumaktion bei AOL zusammenzuhängen, denn am gleichen Tag wurden auch verschiedene Musikdienste dichtgemacht.

Eremit

Cover EremitDas erst zweite eigenständige Buchprojekt von Marijpol (i.e. Marie Pohl) ist reichlich finster geraten, hält es uns doch das gar nicht mal so unrealistische Schreckensszenario einer hoffnungslos überalterten Gesellschaft vor. Immerhin lässt uns die Künstlerin noch einen kleinen Lichtblick übrig: In einer Welt, in der es nahezu keine Kinder mehr gibt, soll man sich wenigstens aufs Sterben freuen dürfen. Der Tod ist in Eremit eine freiwillige, selbst wählbare Attraktion, die man in einer Art Reisebüro buchen kann. Egal ob am Strand, unter dem Meeresspiegel oder im Weltall; unter dem Motto „Zusammen schöner sterben” werden die letzten gemeinsamen Stunden eines Paares zur Erlebnisreise.

Während die Geburt kaum mehr eine Rolle spielt, ist das Thema Sterben wichtiger denn je. Aber ist es nicht verwerflich, dass der Freitod zum ertragreichen Geschäftsmodell verkommt? Dieser Frage begegnet der Comic eher zynisch, indem er die Selbstbestimmtheit des Einzelnen heraushebt und Kritik nur spärlich zulässt. Sinnbild des Zynismus ist der im Dschungel lebende Eremit, ein abgemagerter Außendienstmitarbeiter der Sterbebegleiteragentur mit alienartigem Kopf. Letzterer ist in zwei Hälften gespalten und wird notdürftig mit einem Gürtel zusammengehalten. Ein Umstand, der über die Dauer des gesamten Bandes eine zentrale Rolle einnimmt.

Seite aus EremitAls letzte Prüfstelle vor dem Tod der Kunden kontrolliert der Eremit diese auf etwaige Unsicherheiten bezüglich ihrer Entscheidung. Der kauzige Kontrolleur symbolisiert dabei die Dichotomie der Existenz, die Schwelle zwischen Leben und Tod, die die alten Menschen in dieser Erzählung selbst überschreiten können. Daraus resultiert ein Spannungsfeld zwischen Freude und Angst, das letztlich sogar wortwörtlich den Gürtel um den Kopf des Eremiten zu sprengen droht. Und das erst recht, als plötzlich ein Kind in sein Leben eindringt und gleichzeitig ein zögerlicher Kunde sein Weltbild ins Wanken bringt.

Für die Lektüre des Buches muss man sicherlich offen sein für vordergründig verschrobene Geschichten mit wirren Ideen. Denn viele Szenen sind einfach nur absurd. Marijpols Comics agieren schlichtweg auf einer darunter liegenden Ebene, die um philosophische, psychologische, gesellschaftsrelevante Themen herum ein feines Netz aus metaphorischen, symbolträchtigen Elementen spinnt. Das geschieht weniger subtil als bei anderen Comics: Eremit, wie auch bereits der 2011 erschiene Band Trommelfels, verlässt den Realismus weitgehend, um mit eindringlichen, dicken Bleistiftstrichen ein Stück weit das Innenleben von uns Menschen einzufangen. Und das geht nun mal mit überbordender Fantasie manchmal am besten.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Bemerkenswerter Comic über Altern und Tod

 

Eremit
Avant-Verlag, 2013
Text und Zeichnungen: Marijpol
216 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-71-8
Leseprobe

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Abbildungen: © Marijpol/Avant-Verlag