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Aslak 1 – Das Auge der Welt

Cover Aslak 1 Der Titel der neuen History-/Fantasy-Reihe aus dem Hause Splitter bezieht sich auf den Namen des Schiffes, auf dem die Protagonisten reisen. Und allein dadurch, dass der Titel nicht auf eine Person, sondern auf ein Mittel zum Zweck verweist, gewinnt die Serie schon an reflektorischer Tiefe. So vermeidet das Autorengespann nicht nur eine Konzentration auf einen bestimmten Helden, sondern macht gleichzeitig auch deutlich, dass im Fanatsy-Genre das Ziel einer Reise immer nur der Anlass für den Aufbruch ist. Die Queste an sich ist das zentrale Element und die Reise der eigentliche erzählerische Zweck, da hier der Held anhand seiner Abenteuer reift und im Laufe der Geschehnisse diverse Archetypen trifft. Das ist nicht nur bei klassischen Sagen so, sondern auch in moderneren wie etwa in Star Wars oder, das Beispiel schlechthin, Der Herr der Ringe und Der Hobbit. Somit ist auch Aslak ganz klassisch aufgebaut, besitzt aber doch das gewisse Etwas, das es zu etwas Besonderem macht. Denn es geht in der Geschichte um das Geschichtenerzählen an sich.

Der Anlass der Reise besteht darin, einen Geschichtenerzähler aufzusuchen, um neue Geschichten zu erlernen. Im Norden Europas sind die Winter lang und der Bedarf an guten Erzählungen groß, denn die langen Winterabende wollen gefüllt werden. Leider kennt der aktuelle Barde nur eine einzige Saga und der König ist diese so leid, dass er den Minnesänger für immer zum Verstummen bringt. Dessen Söhnen stellt er ein Ultimatum: Entweder sie bringen neuen Stoff oder ihre restliche Familie muss büßen. Schon bald nach Aufbruch tritt aber entspinnt sich zwischen den Brüdern ein tödlicher Konflikt und sie liefern sich mit jeweils zusammengewürfelten Mannschaften einen Wettlauf, wer als erster etwas Neues erfährt. Mit allen Mitteln.

Seite aus Aslak 1 Der Grund für den Wettlauf ist schon etwas fadenscheinig und kann natürlich mit anderen klassischen Motiven wie dem Erretten einer Prinzessin, einer persönlichen Rache oder der Zerstörung eines machtvollen Ringes nicht mithalten. Aber es liefert schon im Vorhinein einen guten Schuss Ironie: Der König wünscht sich neue Heldensagen und die Protagonisten und arbeiten und kämpfen auf dieses Ziel hin. Und erkennen dabei nicht, dass die eigentliche Geschichte das ist, was sie gerade auf ihrer Reise erleben. So ist, wie klassisch, die Jagd besser als der Fang.

Das alles zusammen, mit dieser kleinen Verkehrung der Ausgangslage, macht den ersten Teil der Serie spannend, amüsant und kann einige (Arche-)Typen gegen den Strich bürsten. Wie etwa den Krieger, der beim Anblick von Blut immer in Ohnmacht fällt. Leider werden tiefere Charakterisierungen vermieden und jede Figur bekommt nur eine Type zugewiesen. Der schlaue junge Bruder, der tapfere Krieger, der ältere Weggefährte, die schöne Abenteurerin, etc. Immerhin gibt es bei jeder Figur auch einige unerwartete Aspekte zu entdecken: Der Weise ist alles andere als klug, das Ziel der Reise entpuppt sich als Flop, der Held hat von nichts einen blassen Schimmer, der „Bibliothekar“ schläft beim Lesen immer ein und der Weiseste der Mannschaft ist gleichzeitig der Jüngste. Die auf dem Cover zentral in Szene gesetzte Frau ist da noch die konservativste, indem sie als frühe Feministin gestaltet wird. Der sehr dynamische Strich von Emmanuel Michalak kann einen gut in das Geschehen versetzen, er benutzt aber manchmal unerklärlicherweise einige Füllpanels, die vollkommen unnütz sind und nichts zur Geschichte oder dem Setting beitragen.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Auf den ersten Blick eine klassische Fantasy-Erzählung, gewinnt Aslak einige schöne Aspekte über das Geschichten-Erzählen an sich.

 

Aslak 1 – Das Auge der Welt
Splitter Verlag, Mai 2013
Text: Hub, Fred Weytens

Zeichnungen: Emmanuel Michalak
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-496-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Spltter Verlag

Comicfestival München 2013

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Das Comicfestival München fand vom 30. Mai bis 2. Juni statt und war in diesem Jahr die größte Comicveranstaltung in Deutschland. Die Veranstaltungsorte variieren immer wieder, aber dieses Jahr war es besonders ungewöhnlich: Die Verlage wurden bereits bei der Einladung als Groß- oder Kleinverlag eingeordnet und dabei auf zwei Häuser (Künstlerhaus und Altes Rathaus) aufgeteilt, die etwa einen Kilometer auseinanderlagen. Zudem waren die Ausstellungen zum Teil auf weitere diverse Orte verteilt.

Weil wir nicht nur rasende Reporter, sondern auch ausstellender Kleinverlag sind, haben wir nicht das gesamte Programm verfolgt, sondern geben Euch vermehrt unsere Eindrücke aus unserem Hauptquartier, dem Alten Rathaus, wieder. Die Dynamik wurde dabei leider nicht nur durch die Entfernungen zwischen den einzelnen Veranstaltungsorten, sondern auch durch den permanenten Regen gebremst.

Die Stimmung der angereisten Kleinverlage war am Donnerstagmorgen eher bescheiden, die örtliche Trennung behagte keinem. Begründet wurde sie mit einem diesjährigen Platzproblem, das es angeblich unmöglich machte, zentral gelegen ein Haus zu finden, das alle Comicverlage aufnehmen könne. Zuvor war 2009 das Alte Rathaus Hauptveranstaltungsort, 2011 das Künstlerhaus. Schon vor zwei Jahren wurden die Kleinverlage von den großen abgetrennt – zwar „nur“ mittels unterschiedlicher Stockwerke, aber auch das fühlte sich schon sehr unangenehm an für eine Verlagsszene, die sich aufgrund ihrer übersichtlichen Größe eher als Ganzes begreift. Und dadurch, dass die Kleinverlage ganz oben untergebracht und nur mittels Aufzug oder bemerkenswert versteckt liegender Wendeltreppe zu erreichen waren, floss automatisch der Hauptbesucherstrom an ihnen vorbei. Dem Wunsch der Indieverlage, 2013 umverlegt zu werden, wurde mehr als Genüge getan: Sie wurden nicht nur – wie selber vorgeschlagen – innerhalb des Künstlerhauses umverteilt, sondern direkt hinauskomplimentiert. Fühlte sich zumindest so an.

Blick ins Künstlerhaus zu den Großverlagen 1 Blick ins Künstlerhaus zu den Großverlagen 2 Blick ins Künstlerhaus zu den Großverlagen 3

oben: Blick ins Künstlerhaus mit den Großverlagen

 

So war’s im Alten Rathaus
– Text: Frauke Pfeiffer –

Giovanni Rigano (u. a. Zeichner von Daffodil) am Stand von Dani BooksUnd da waren sie nun – aber auch nicht alle, denn einige Verlage wie Schwarzer Turm, Epsilon, Delfinium Prints oder Gringo Comics waren erst gar nicht gekommen; ganz zu schweigen von Manga-Verlagen. Wüsste man nicht, dass es deutsche Manga-Verlage gibt – auf diesem Comicfestival hätte es niemand gelernt. Nachdem die erste Überraschung („Haben Sie denn ein B1-Zertifikat für dieses Banner? Brauchen Sie wegen des Brandschutzes hier.“ Danke, dass die Veranstalter vorab darauf hingewiesen hatten … Nicht. Mit derselben Vorgabe wurde auch das Lagern von brennbarem Material, ergo Comics, beanstandet …) verdaut war, kam das nächste dicke Ei: Für den Sonntag würden bis zu 120.000 FC-Bayern direkt vor dem Alten Rathaus auf dem Marienplatz erwartet, hieß es in den Zeitungen (nicht von den Veranstaltern, da kam gar kein offizielles Statement). Ergo: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendein Besucher am Sonntag zu den Indieverlagen verirrte (unter anderem waren Absperrgitter aufgestellt und zwischendurch die U-Bahn-Station Marienplatz gesperrt), war infinitesimal klein. Dazu das Problem, dass ein Abbau wegen Vollsperrung sicher nicht vor 21 Uhr hätte stattfinden können. Dies führte dazu, dass die meisten Verlage schon am Samstagabend packten und am Sonntag nur mit leichtem Handgepäck (oder wie Dani Books gar nicht mehr) vor Ort waren. Die Sorgen waren begründet, denn am Sonntag war das Alte Rathaus so gut wie leer und es kam fast nur noch zu den üblichen inzestuösen Querkäufen.

 

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 Comicfestival München 2013, Plem Plem Comics

 Adrian vom Baur mit Jazam 8 Temperatur-Optimismus am Stand von Plem Plem Comics
Comicfestival München 2013, Anna-Maria Jung und Sarah Burrini   Comicfestival München 2013, Mario Bühling und Jörg Faßbender

Offensichtlich zuhause die Posen schon geübt: Anna-Maria Jung und Sarah Burrini
sowie …

… Mario Bühling und Jörg Fassbender am Stand von Kwimbi

 

Im Alten Rathaus, angeblich nahe dran an der Maximalzahl der erlaubten BesucherDie Gefahr spontaner Besuche von Vorbeilaufenden bestand aber ohnehin kaum, denn eine Ausschilderung war unter anderem aus Denkmalschutzgründen quasi nonexistent. Ein „Eintritt frei“-Schild und ein total ansprechender „Hey Freaks“-Aufsteller von Plem Plem Productions war alles, was bis Donnerstagmittag außerhalb des Alten Rathauses zu sehen war. Später kamen zwar zaghaft zwei Comicfestival-Plakate an den Eingangstüren hinzu; wie sich im Gespräch mit der aufhängenden Dame aber herausstellte, dürfte es gar nicht mehr Werbung sein, da das Gebäude – ebenfalls aus Brandschutzgründen – nur insgesamt 300 Personen aufnehmen könne, die vom Türsteher-Personal mitgezählt wurden. Die Dame konnte zwar zwischendurch auf 400 Personen hochhandeln, aber selbst dieses Limit sei eigentlich schon erreicht. Wenn man sich den Füllzustand des Gebäudes anschaute, musste man allerdings nicht gerade befürchten, dass sich die Leute in Panik zu Tode trampeln …

Eingang Altes Rathaus, die Werbung hält sich bedeckt

Eingang Altes Rathaus, mehr Werbung gab's nicht Der einzige Hinweis auf die Verlage im 1. Stock des Alten Rathauses

Eingang Altes Rathaus, die Werbung hält sich bedeckt

Der handgeschriebene, später angebrachte Hinweis auf die Verlage im 1. Stock des Alten Rathauses (das WC war sicher auch von Interesse). „Lohnt sich!“

Das Alte Rathaus hätte vom Platzgefühl her noch deutlich mehr an Leuten schlucken können, in besten Zeiten wirkte es ein Drittel voll. Gleichzeitig wurden aber nicht mehr Leute draußen in der Fußgängerzone auf das Festival aufmerksam gemacht, da ja eh die Maximalanzahl an Besuchern erreicht war. Eine Krux und sehr ärgerlich für die Aussteller, die nun mal auf viele Verkäufe hoffen, um ihre ausgelegten Kosten wieder hereinzubekommen und vielleicht sogar etwas Geld verdienen wollen; da kann das Alte Rathaus noch so eine hübsche Location sein.

Quasi privat organisiertes Programm des CFM 2013 im Alten Rathaus Die Veranstalter Heiner Lünstedt und Michael Kompa haben wir leider nicht im Alten Rathaus erblicken können, anscheinend hatten sie ihren Fokus auf alles andere wie das Künstlerhaus und die Ausstellungen gelegt. Stattdessen sorgte ein kleines, freundliches Team dafür, dass soweit alles lief. Hervorzuheben hierbei sind allerdings Markus Gruber (Comicradioshow) und vor allem Gerhard Schlegel von Laska Comics, selber Aussteller und Ex-Organisator des Comicfestivals in früheren Jahren. An ihn konnte man sich jederzeit wenden, obwohl er diese Hilfestellung „privat“ leistete. Ihm ist es zu verdanken, dass es überhaupt so etwas wie ein Programm im Alten Rathaus gab: Er organisierte die halbstündigen Runden auf der Bühne – unter Mitwirkung diverser Verlage wie Zwerchfell – wie zum Beispiel „Wie kann man mit Comics in Deutschland Geld verdienen?“ oder ein Interview mit den ICOM-Independentcomicpreis-Gewinnern. Worauf Gerhard keinen Einfluss hatte, war der grottenschlechte Ton. Die Bühne war im Bezug zu den fest installierten Lautsprechern an der falschen Stelle aufgebaut, so dass man kaum etwas verstehen konnte, was nicht nur für die Zuhörer, sondern auch für diejenigen, die sich auf der Bühne befanden, ein frustrierendes Erlebnis war.

Die ICOM-Preisverleihung 2013 von der Bühne ausApropos ICOM-Preis: Am Freitagabend wurden nach einem halbstündigen Auftritt von FiL im Alten Rathaus die besten Independentcomics des letzten Jahres geehrt – ein an sich deutlich würdigerer Veranstaltungsort als 2011 die Glockenbachwerkstatt, die so wenig Leute fasste, dass die Hälfte der Besucher die Verleihung nur hören, aber nicht sehen konnte. Diesmal konnten sie zwar alle sehen, aber vermutlich nur die Hälfte verstehen. Wegen des Tons. Hatten wir schon. Der Hauptpreis, dotiert mit 500 Euro, ging an Sascha Wüstefeld und Ulf S. Graupner für den ersten Band ihrer knallbunten DDR-Superheldensaga Das UPgrade. Die weiteren Kategorien, jeweils mit 300 Euro versehen:

Bestes Artwork: „Mittagspause“ von Maike Plenzke (in Bettgeschichten); Bestes Szenario: Roxanne und George von Carolin Walch; Beste Kurzgeschichte: „Adieu Kakapo“ von Max Fiedler (in Herrensahne XII); Sonderpreis bemerkenswerte Comicpublikation: Neufundland; Sonderpreis bemerkenswerte Leistung: Comic-Clash von Moga Mobo und Epidermophytie. Details, Laudationes sowie die vier lobenden Erwähnungen findet Ihr hier auf der ICOM-Website, einen Filmmitschnitt der Preisverleihung gibt es bei Splashcomics. Sehr schade – aber nie zu kalkulieren -, dass viele der Preisträger nicht anwesend waren. Berliner, wo wart Ihr?!

Außerdem wurde dieses Jahr die Zeichnerin Johanna Schlogger Baumann mit dem „Lebensfenster – Kurt-Schalker-Preis für grafisches Blogen„, also einem Preis nur für Webcomicblogger, ausgezeichnet.

Signierschlange für Shelton und Seyfried im Alten RathausEinmal wurde es doch mal richtig voll im Alten Rathaus: Am Freitagmorgen signierten Gilbert Shelton und Gerhard Seyfried – zwei Comicveteranen und Weggefährten von Robert Crumb, dem Ehrengast dieses Festivals – am Stand der auferstandenen U-Comix. Eine tolle Sache für Fans. Einige erwiesen ihren Helden dann direkt mal mit gefühlten 50 zu signierenden Comicbänden ihre Aufwartung, zur Freude der sich noch in der Schlange befindlichen Leute, die einfach nicht kürzer werden wollte. Hier hätte man als Verantwortlicher deutlich reagieren und die Anzahl der Comics pro Person einschränken müssen. Umsatz wurde auf alle Fälle gemacht – für eine Zeichnung reichte es nicht, den Robert-Crumb-Tributband, der zum Comicfestival erschien, erworben zu haben, sondern ein U-Comix-Heft musste im Tausch gegen 5 Euro in die eigene Tasche wandern. Dafür hielten die rüstigen Herren aber wacker durch und signierten anstatt zwei Stunden eine halbe Stunde länger. Danach war merkbar die Luft raus, und es war völlig legitim, nicht mehr jeden Wunsch zu erfüllen (konkret: Ich bekam keine Zeichnung mehr, nur eine Signatur).

Gilbert Shelton und Gerhard Seyfried auf dem Comicfestival München 2013

Das Geburtstagskind Gilbert Shelton mit einer Erfrischung
Gilbert Shelton (links) und Gerhard Seyfried beim Signieren im Alten Rathaus am Stand von U-Comix Das Geburtstagskind Gilbert Shelton mit einer Hopfen-Kaltschale

 

 

Helmut Nickel und Gerhard Schlegel auf dem CFM 2013 Altersmäßig geschlagen wurde sie allerdings locker vom 89-jährigen Helmut Nickel, der in Gerhard Schlegels Begleitung (unter anderem kolorierte dieser den Sammelband von Peters seltsame Reisen und war für den 2011er Nickel-Tributband des Comicfestival München verantwortlich) für Signierungen und kleine Zeichnungen bereit stand.

Wer für eine persönliche Signatur oder einem Plausch mit Robert Crumb angereist war, wurde hingegen enttäuscht: Bis auf 400 signierte Drucke, die mit dem Kauf des Tributbands ausgegeben wurden, gab es keinerlei personalisierte crumbsche Devotionalien.

Am Ende des Festivals kam im Alten Rathaus noch eine tolle Künstlerwand zusammen, während die schöne Idee des Artomaten (Zeichnungen von unbekannten Künstlern nach Eingabe eines Blatts), soviel ich dazu mitbekommen habe, leider keine Anwendung fand.

Künstlerwand im Alten Rathaus beim CFM 2013 Der anscheinend ungenutzte Artomat im Alten Rathaus beim CFM 2013

 

So war’s woanders
– Text: Frauke Pfeiffer –

Robert Crumbs berühmter Kater Fritz am Eingang der Ausstellung zu Underground-ComixEhrengast Robert Crumb, laut Comicfestival München der „bedeutendste lebende Comickünstler“, wurde leider nur zweimal bei öffentlichen Veranstaltungen aktiv und blieb dadurch den Besuchern recht fern: am Mittwochabend bei einem Künstlergespräch im Jüdischen Museum und am Donnerstagabend zusammen mit Gilbert Shelton im Gespräch mit Gerhard Seyfried. Beim erstgenannten Talk saß Crumb zusammen mit seiner Ehefrau Aline Kominsky-Crumb auf der Bühne, moderiert wurde das Gespräch von Lora Fountain, der Frau von Gilbert Shelton und Agentin von Robert Crumb, die ebenso wie die Crumbs in Frankreich leben. Es entspann sich ein unterhaltsamer Abend voller Anekdoten und Erinnerungen, getragen von Crumbs oft sehr sarkastischem Humor und zusammengehalten von der entspannten Moderation von Lora Fountain, die mit dem Paar seit vielen Jahrzehnten befreundet ist [Filmmitschnitt bei Splashcomics].

CFM13-Ehrengast Robert Crumb beim BanjospielenA propos Moderation: Das Ärgerliche an der zweiten Veranstaltung war, dass Gerhard Seyfried entweder nichts davon wusste oder aber keine Lust hatte, den im Programmheft angekündigten Moderatorenjob zu übernehmen. Und so saßen die drei Herren auf der Bühne im Amerika-Haus und palaverten vor sich hin, nicht ohne dass Crumb mehrfach darauf hinwies, dass es jetzt eigentlich gut wäre und sie fertig wären – das erste Mal schon nach fünf Minuten. Dies brachte er zwar in einem spaßigen Tonfall, aber beim Verfolgen dieses launigen Dreigestirns und des stockenden Gesprächs kam ich nicht umhin zu glauben, dass er das wirklich nicht nur aus Geigel sagte. Ärgerlich in Anbetracht dessen, dass dafür zehn Euro Eintritt verlangt wurde. Zu einem Banjo-Stück in Begleitung der Band „Sons of the Desert“, die ein unterhaltsames Rahmenprogramm lieferten, ließ sich Crumb aber am Ende noch hinreißen. Insgesamt fand ich die einzelnen Anekdoten trotzdem ganz unterhaltsam – vielleicht auch, weil ich im Gegensatz zu anderen CG-Redakteuren am Mittwochabend nicht dabei sein konnte – und die Veranstaltung nicht so furchtbar wie Oliver Ristau, der für den Tagesspiegel von dieser Herrenrunde als „einem grandios gescheiterten Abend“ berichtet [Filmmitschnitt bei Splashcomics].

Danach verließen wir wie diverse andere Personen den Saal, so dass wir bei der anschließenden PENG!-Preisverleihung – dem Comicpreis mit dem undurchschaubaren Wahlverfahren – nicht persönlich anwesend waren. Laut Hörensagen wird aber für das nächste Comicfestival ein anderes Wahlverfahren in Betracht gezogen.

Die PENG!-Preisträger 2013 sind (hier die Seite des CFMs dazu, inklusive der banjospielende Crumb):
Bester deutschsprachiger Comic: Reinhard Kleist: Der Boxer: Die wahre Geschichte des Hertzko Haft (Carlsen)
Bester europäischer Comic: Luke Pearson: Hilda und der Mitternachtsriese (Reprodukt)
Bester nordamerikanischer Comic: Chris Ware: Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt (Reprodukt)
Beste Comic-Berichterstattung: Die Sprechblase 
Beste Comic-Sekundärliteratur: Burkhard Ihme (Hg.): Comic! Jahrbuch (ICOM)
Beste Neuveröffentlichung eines Klassikers: Hal Foster u. a.: Tarzan Sonntagsseiten (Bocola)
Bester Manga aus Japan/Ostasien: Keito Koume & Isuna Hasekawa: Spice & Wolf (Panini)  
Bester Manga aus Deutschland: Grimms Manga Sonderband (Tokyopop)
Beste Comicverfilmung: Marvel’s The Avengers
Lebenspreis: Lona Rietschel (Abrafaxe)

Die Auszeichnung für das ICOM Comic! Jahrbuch mit Burkhard Ihme als Herausgeber freut mich besonders; ich halte es für ein – völlig zu Unrecht wenig bekanntes – sehr gutes Jahrbuch mit klasse Inhalt, ansprechendem Layout und einem fantastischen Preis-/Leistungsverhältnis. Augen auf, es erscheint immer im Herbst und lässt sich natürlich im Fachhandel oder auf der ICOM-Website erwerben.

Künstlergespräch von Lars von Törne mit Luke PearsonApropos PENG!-Preis für Luke Pearson: 2012 auf dem Comic-Salon in Erlangen noch Geheimtipp beim kleinen britischen Verlag Nobrow und Liebling der CG-Redaktion (wie die letztjährige begeisterte Rezension von Marc-Oliver und Björn zeigt); dieses Jahr deutscher Reprodukt-Lizenzvertrag für den Mittzwanziger, der persönlich auf dem Comicfestival anwesend war. Unter anderem wurde er in einem Künstlergespräch von einem gut vorbereiteten Lars von Törne (Tagesspiegel) zu den Hilda-Bänden, aber auch seinen Erwachsenencomics befragt. Der Schlafzimmerblick war wohl nur seinem Jetlag geschuldet; seine Antworten fielen nicht wie befürchtet einsilbig, sondern interessant und vielschichtig aus. Leider war das Gespräch [Filmmitschnitt bei Splashcomics] nur mäßig gut besucht. Thomas und Björn bekamen später noch die Gelegenheit, Luke zu interviewen. Das Gespräch werdet Ihr in Kürze auf diesem Kanal nachlesen können.

Ein anderes Gespräch interessierte unseren Redakteur Marc-Oliver besonders: Lee Bermejo, unter anderem Zeichner von Before Watchmen: Rorschach, wurde in einem Künstlergespräch von Michael Kompa befragt. Wie viele wissen, ist Alan Moore, der Schöpfer von Watchmen, ein Gegner der Before Watchmen-Idee, hat aber keine rechtliche Handhabe gegen die Veröffentlichungen. Die Frage nach der Moral bei der Mitarbeit an einem solchen Projekt stellte dann Marc-Oliver beim Künstlergespräch Lee Bermejo. Das gesamte Gespräch könnt Ihr hier als Video bei Splashcomics nachschauen.

Ebenfalls interviewt haben wir die unglaublich sympathischen Jungs Sascha Wüstefeld und Ulf S. Graupner vom UPgrade-Comic, der – man kann es nicht oft genug erwähnen – ein überzeugender, lockerer Comic aus Deutschland und trotzdem handwerklich hervorragend ist. Oder sollte man sagen, er ist künstlerisch der Hammer und trotzdem inhaltlich klasse? Egal wie man’s dreht, die Kombination, dass sowohl Inhalt als auch Bilder fantastisch sind, gibt’s nur ganz selten, womit ihr diesjähriger ICOM-Preis für den besten Independentcomic hoffentlich noch mehr Ansporn sein wird, die nächsten neun Bände durchzuziehen. Das Interview werden wir pünktlich und mit einem Update zur aktuellen Situation zur Herausgabe des zweiten Bands im August online stellen. Nur ungläubig den Kopf schütteln über das Herzblut der beiden konnte ich übrigens ob der tollen exklusiven UPgrade2-Dankeschönboxen, die den vorbestellenden Lesern nichts zusätzlich gekostet haben. Dass die Jungs das Geld jemals wieder reinbekommen, das sie jetzt schon zusätzlich reingesteckt haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sehr herzlich war übrigens die Gratulation der PENG!-Lebenspreis-Trägerin Lona Rietschel an Sascha und Ulf, die jahrelang für Mosaik gearbeitet hatten.

Alles Preisträger: Ulf S. Graupner, Sascha Wüstefeld und Lona Rietschel

Detail der Vorbestellschachtel für Das UPgrade 2

Alles Preisträger: Ulf S. Graupner, Sascha Wüstefeld und Lona Rietschel

Selbst die kleinen Details vom UPgrade (hier: Bestätigung der Vorbestellung von Band 2) sind liebevoll durchdesignt und aufwendig gestaltet

 

So waren die Ausstellungen
– Text: Thomas Kögel –

Ein Ärgernis, das mich schon vor zwei Jahren gestört hat, ist die mangelnde Dokumentation der Ausstellungen. Dort sind zwar teilweise tolle und absolut sehenswerte Exponate (überwiegend Originalseiten) ausgestellt, allerdings sind diese fast immer völlig unzureichend (bzw. überhaupt nicht) beschriftet.

Viele Bilder, kaum Text: Die Baru-AusstellungEs reicht nicht, wenn da nur der Name des Künstlers steht! Ich möchte wissen, aus welchem Comic die Seite stammt, in welchem Jahr sie entstand, was das für ein Comic war und warum er relevant ist. Ausstellungen sind nicht dazu da, einfach ein paar Bilder an die Wand zu hängen. Sie sollen auch Kontexte herstellen, Zusammenhänge erklären und im besten Fall soll der Betrachter beim Besuch der Ausstellung ein bisschen was lernen.

Bei den Ausstellungen auf dem Münchner Comicfestival war das leider kaum möglich. Die Schau zum Schwerpunktthema Undergroundcomix hatte immerhin einen guten (wenn auch schlampig übersetzten) Einleitungstext von Denis Kitchen – ebenfalls persönlich auf dem Festival anwesend – und kurze Künstlerbiografien zu bieten, letztere aber auch nur zu den ausgestellten US-Künstlern, nicht zu deren deutschen Pendants. Die ausgestellten Seiten selbst blieben ohne jede Erklärung, die Zusammenstellung wirkte willkürlich und wahllos.

Bei Baru beschränkte sich die Betextung auf eine Kurzbio und kurze Inhaltsangaben zu vier seiner Comics. Wahrscheinlich waren das die, aus denen die gezeigten Seiten stammen. Nachprüfen ließ sich das nicht, denn bei den (wunderschön anzusehenden) Seiten fehlte jeglicher Hinweis.

Viele Bilder, kein Text: Die Ausstellung zum Gastland ItalienOb bei Superman oder bei Spirou, stets bekam man nur rudimentäre Basisinformationen, nirgends war zu lesen, welche Seite man da gerade ansah. Am eklatantesten war dieser Mangel in der Ausstellung zum Gastland Italien, einem der breit beworbenen Aushängeschilder des Festivals: Hier beschränkte sich die Beschriftung tatsächlich rein auf die Namen der Künstler. Doch was nützt es, wenn unter einer gerahmten Seite der Name „Gipi“ steht, aber sonst gar nichts?

Für Besucher, die vor allem wegen der Ausstellungen anreisen und Eintritt bezahlen, muss ein so liebloses Präsentieren sehr enttäuschend sein. Dazu kommen noch Unzulänglichkeiten wie abweichende, nicht kommunizierte Öffnungszeiten an verschiedenen Örtlichkeiten oder die von zahlreichen Besuchern als „Witz“ bezeichnete Mini-Ausstellung zu Fredric Wertham und dem Comics Code im Jüdischen Museum. Fürs nächste Festival würde man sich daher wünschen, dass sich die Macher auf das Prinzip „Klasse statt Masse“ konzentrieren. Lieber weniger Ausstellungen, diese dafür umfangreich, gut kuratiert und ordentlich dokumentiert. Ja, das macht Mühe. Aber die ausgestellten Arbeiten hätten genau diese Mühe verdient.

Alles in allem ist unser Eindruck – sowohl aus persönlichen Erlebnissen als auch im Gespräch mit anderen Verlagen -, dass für das nächste Comicfestival einiges an Nachbesserungsbedarf besteht. Der wichtigste Aspekt ist hier sicherlich, die unselige Trennung der Verlage aufzuheben und allen Ausstellern die gleiche Wertschätzung entgegenzubringen. Im Grunde wollen alle Beteiligten dasselbe: Spaß an Comics zu haben und diesen den Besuchern zu vermitteln.

Das vollständige Programm findet Ihr auf der Website des Comicfestivals München und eine Linksammlung zu weiteren Berichten, die natürlich auch andere Dinge als wir abdecken, in unseren Links der Woche 21/13.

Und im Zettgeist, dem Video-Podcast des Zwerchfell-Verlag, wird in Folge 187 ebenfalls über das Comicfestival München 2013 und die aufgetretenen Probleme gesprochen (ab der 17. Minute).

 

Fotos © Frauke Pfeiffer/Comicgate bis auf Ausstellungen/Fritz the Cat: © Thomas Kögel/Comicgate; Graupner/Wüstefeld/Rietschel: © Thilo Krapp

 

 

 

 

 

 

Das Cape

Cover Das Cape Das Cape ist keine originäre Comicerzählung von Joe Hill. Der Sohn von Stephen King verfasst zwar regelmäßig Skripte für Comics, nämlich Locke & Key, diese in einem Band abgeschlossene Geschichte ist jedoch eine Comicadaption der gleichnamigen Kurzgeschichte aus der Anthologie Black Box.

Eric ist ein junger Mann, dessen Leben zusehends aus dem Ruder läuft. Aufgrund eines Unfalls während seiner Kindheit hat er oft Kopfschmerzen und kann sich so oft nicht auf seine Aufgaben konzentrieren, was es ihm nicht ermöglicht, einen Job länger zu behalten. Sein Bruder Nicky hingegen ist äußerst erfolgreich. Als Eric noch dazu von seiner Freundin verlassen wird, steht er vor dem Nichts. Doch dann findet er den Umhang wieder, mit dem er als Kind immer Superheld gespielt hat. Und der verleiht ihm tatsächlich besondere Kräfte.

Seite aus Das Cape Dabei ist die Idee an sich nicht sonderlich neu: Ein Artefakt verleiht einem durchschnittlichen Menschen Superkräfte – das kommt ungefähr bei jedem zweiten Helden vor. Und auch dass die Helden zunächst ganz normale, mit Problemen belastete Menschen sind, ist nicht neu, schließlich menschelt es ja auch grundsätzlich bei den Strumpfhosenträgern (vor allem bei Marvel). Hier ist unser potenzieller Held allerdings ein ziemlicher Verlierer, ein Versager wie etwa in Dial H for Hero (dessen Relaunch im Zuge der New 52 man im Zuge der New 52 unbedingt ansehen sollte). Was aber diesem titelgebenden Cape etwas Besonderes verleiht, ist der Umstand, dass es ein Relikt aus der Kindheit ist, als alles noch gut und hoffnungsvoll war. Man konnte frohen Mutes in die Zukunft blicken und erfreute sich auch an Kleinigkeiten. Somit ist das Cape aufgeladen mit Fantasien und Träumen aus der Vergangenheit.

Als der Protagonist nun erwachsen ist, sind all seine Träume gescheitert. Er empfindet nichts mehr außer Neid und Wut und macht alle anderen für sein Versagen verantwortlich, nur nicht sich selbst. Als er das Cape wieder findet, erinnert es ihn daran, was einmal war und was er sich alles erträumte. Nun gibt es ihm zwar nicht die Macht, seine Träume zu verwirklichen, aber um um Rache zu üben. Die Träume wurden von der Wirklichkeit eingeholt und nun rächen sich die genau ins Gegenteil verzerrten Träume an der desillusionierenden Realität. Die Formen von Erics Rache spiegeln immer die jeweils von ihm empfundene Kränkung wieder. Interessant ist, dass er dabei fast immer aus der Luft agiert und das Fliegen an sich zum zentralen Element der Geschichte wird. Was wieder zum Träumen passt, da man normalerweise nur im Traum fliegen kann und folglich in anderen Sphären schwebt.

Hier werden die Träume zunehmend bedrohlich. Da der Held keine Verantwortung übernimmt und sich zu keinem Zeitpunkt selber in Frage stellt, verkehrt sich die anfängliche Sympathie des Lesers schnell in ihr Gegenteil, was schon ein kleiner Kunstgriff der Autoren ist. Ein Mann kann nicht mit seinen Superkräften umgehen und nutzt zu seiner persönlichen Befriedigung (womit er ironischerweise seiner Familie recht gibt, die ihm immer Egoismus vorwarf). Hier, und nicht in einem Übermaß an Superheldenaction, liegt die Spannung und man befindet sich angesichts der realistischen Figuren fortwährend in einem Zwiespalt, wem man nun welche Gefühle zusenden soll. Allerdings erreicht Das Cape nie die Radikalität des Comics A God Somewhere von John Arcudi und Peter Snejberg. Beide sind sich thematisch sehr ähnlich, wobei in A God Somewhere die Konsequenzen von plötzlich erlangter großer Macht ausführlicher ausgearbeitet werden und ihre Dimensionen umfassender sind. Verglichen damit ist Das Cape immer noch gut, wenngleich kein Überflieger.

Seite aus Das Cape Die Zeichnungen von Zach Howard sind solide mit gut gesetzten Zooms. Störend wirkt nur die deutlich sichtbare Rasterung, die vom Zeichner auch schon nervigerweise in Road Rage eingesetzt wurde (übrigens auch eine Adaption einer Kurzgeschichte von Joe Hill). Dies ist zwar eine Hommage an die alten Pulps und die grobe Körnigkeit des Zeitungspapiers, auf dem Comics das Licht der Welt erblickten, aber durch diese künstlich hervorgerufene Maserung bricht er die Erzählung unnötig ironisch auf. Zwar kann man das als Bezugnahme auf frühe Superheldencomics sehen, aber als Kommentar dazu kommt es etwas zu spät.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Spannender, gelungener Band, der im Kern aber nichts Neues bietet und nicht mit dem thematisch verwandten A God Somewhere mithalten kann.

 

Das Cape
Panini Comics, Februar 2013
Text: Jason Ciaramella, nach einer Kurzgeschichte von Joe Hill
Zeichnungen: Zach Howard
Übersetzung: Gerlinde Althoff
128 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 16,95 Euro
ISBN: 978-3-862015313
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Panini Comics 

Die Atriden

Cover Die AtridenDie Figuren der antiken griechischen Sagenwelt sind schon vielfach Inspiration für gelungene Comics gewesen. Neil Gaimans beachtliche Einbettung des Orpheus-Mythos in seine Reihe Sandman fällt einem ein, Peter Milligans glücklose Vertigo-Serie Greek Street oder die unterhaltsamen Alben Tiresias und Hera zum Ruhm von Le Tendre und Rossi, die nah am Sagenstoff, aber doch unterhaltsam mit Schwung und Witz direkt ins Herz des Lesers zielen.

Der Künstler Burkhard Pfister, Jahrgang 1949, dürfte es mit seiner Graphic Novel Die Atriden deutlich schwerer haben, das Comicpublikum zu begeistern. Wie ein Bildhauer hat er aus dem ausufernden Sagenstoff einen Bilderbogen gezimmert, der mit Comic nicht allzuviel zu tun hat. Pfister weiß selbst am besten, dass er kein Comiczeichner ist und nähert sich dem Stoff über eine von den Göttern verfluchte Heroenfamilie mit großflächigen, schwarzweiß schraffierten Bildtafeln an. Er selbst bezeichnet seine Werke als grafische Inszenierungen.

Texte und Bilder reduzieren das Material auf das bloße Handlungsgerüst. Der Text stellt wirklich nur die allernötigste Verbindung zwischen den Bildern her, so dass die Illustrationen möglichst unverstellt zur Wirkung kommen. Burkhard Pfister hat die Welt der Götter dabei an moderne Architektur angelehnt – Konzernarchitektur, wie im Nachwort zu lesen ist. Warum aber diese Modernisierung? Ist das wirklich die geeignete Darstellung, um die Allgemeingültigkeit und nie schwindende Aktualität dieser uralten, mythischen Stoffe zu unterstreichen?

Seite aus Die Atriden: Die Söhne des Pelops erschlagen ihren HalbbruderAm Anfang steht der von den Göttern geschätzte Herrscher Tantalos, der die Allwissenheit der Götter prüfen möchte, indem er ihnen das Fleisch seines Sohnes Pelops als Festmahl serviert. Als der Frevel auffliegt, wird Tantalos zu Höllenqualen verdammt und das Geschlecht der Atriden verflucht. Der geschlachtete Sohn Pelops wird zwar wiederhergestellt, aber die Familie wird mit dieser Vorgeschichte keine normale mehr sein können. Ab sofort werden Mord, Verrat und Inzest an der Tagesordnung sein.

Was aber bringt die Modernisierung der Darstellung an Erkenntnisgewinn? Verleiht es der Geschichte Aktualität, wenn es Schlipsträger sind, die den Jungen verspeisen? Oder erschwert diese Modernisierung nicht den Zugang vielmehr, wenn diese archaischen Motive plötzlich mit verfremdender Bildsprache präsentiert werden? Warum muss ein Streitwagen durch einen modernen Rennschlitten ersetzt werden und warum fliegen die Götter mit Flugzeugen? Und warum werden die gewalttätigen Söhne des Pelops mit den Kapuzenpullis halbstarker Schläger gezeichnet?

Im Anhang des Buches wird von der Historikerin Ursula Broicher, mit der Burkhard Pfister auch zusammenarbeitet, eine Erklärung für die gewählte Ästhetik geliefert: „Warum tun sie, was sie tun? Weil sie mächtig sind, weil ihnen Skrupel fremd sind, weil niemand sie aufhält und ihnen keine Grenzen gesetzt werden. So ist das immer und heute mit den Mächtigen. Das ist eine Überzeugung, die Burkhard Pfister dazu gebracht hat, dieses Grauen ins Bild zu setzen. Die Bilder reflektieren diese dunkle und zutiefst verstörende Realität. Warum also nicht eine Konzernarchitektur, schnelle Autos und Männer und Frauen in der ‚Verkleidung‘ heutiger Macher, Spieler, Entscheider und Zerstörer wählen?”

Seite aus Die Atriden: Die Mutter der Mörder sieht nicht hinDen Ansatz kennt man auch von zeitgenössischen Theaterinszenierungen, und er ist inzwischen einigermaßen totgeritten worden. Am Ende, wenn am Vorabend des Trojanischen Kriegs der „Bündnisfall” ausgerufen wird, erreicht die Modernisierung dann auch noch die textliche Ebene, was leicht ironisch wirkt, aber wohl kaum so gemeint ist. Letztlich ist diese Modernisierung mit dem Holzhammer aber durchaus plausibel, denn ebenso irrational wie das Wirken der Helden und Götter sind eben nach wie vor auch oft die modernen Umstände, die uns – intelligente, scheinbar rational denkende Menschen – nach wie vor sehenden Auges ins Unglück steuern lassen. Die Bilder der Antike sind (leider) nach wie vor eine verlässliche Landkarte für das menschliche Verhalten – auch wenn Bilder von Kannibalismus und göttliche Zaubereien natürlich metaphorisch verstanden werden müssen.

Die Lektüre von Die Atriden kann einen leicht überfordern, deshalb habe ich parallel dazu Edmund Jacobys und Kat Menschiks Sagen des Altertums – Das Hausbuch der griechischen Sagen gelesen. Das war eine hilfreiche Unterstützung, denn das Hausbuch ist nicht nur herrlich illustriert, sondern bietet eine verlässliche Orientierungshilfe. Gerade bei den Ursprüngen der Atriden war es aber äußerst uneindeutig und vage, so dass hier wiederum Burkhard Pfisters Buch äußerst hilfreich war, das Mosaik zu ergänzen. Pfister selbst verwendete als Quellenmaterial Karl Kerenyis Die Mythologie der Griechen, was freilich eine ganz andere Hausnummer ist, als das lesefreundliche Hausbuch. Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums sind sicherlich ebenfalls gut zur begleitenden Lektüre geeignet.

Befragt zu seiner ersten Graphic Novel Gilgamesch hat Burkhard Pfister der ComicRadioShow 2011 erklärt: „Je tiefer man in den übersetzten Originaltext geht, den man übrigens immer auch mit einem Kommentar lesen sollte, um so mehr Bilder entstehen und werden auch notwendig.” Das gilt natürlich ebenso für seine Atriden. Ohne Vorkenntnisse bzw. Begleitmaterial ist Burkhard Pfisters Erzählung zu fragmentarisch, um völlig begeistern zu können. Aber seine Herangehensweise ist durchdacht, sie bringt Ordnung in das Dickicht der Vorlage und setzt die Akzente an den richtigen Stellen. Die Bilder sind durchgehend wuchtig und beeindruckend und die Modernisierung ist trotz aller Deutlichkeit mit Augenmaß betrieben. Bei der Darstellung von Tieren, nackten Körpern, Waffen, vielen Kostümen und Landschaften hat er sich glücklicherweise für eine zeitlose Bildsprache entschieden, die außerhalb des modernen Kontexts steht und teilweise wirklich ein Fest fürs Auge ist.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Kein Comic, aber ein überzeugender Bilderbogen über einen besonders düsteren Zyklus der griechischen Mythologie.

 

Die Atriden
Projekte Verlag Cornelius, Mai 2013
Text und Zeichnungen: Burkhard Pfister
Mit einem Nachwort von Ursula Broicher
216 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover,
Preis: 29,50 €
ISBN: 978-3954863778

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Abbildungen: © Burkhard Pfister

Robur 3 – Reise zum Mittelpunkt des Mondes

Cover Robur 3 Mit der fantastischen Reise zum Mittelpunkt des Mondes liegt nun der Abschluss der Science-Fiction-Trilogie vor. Und da hier viele offene Handlungsfäden und Konflikte zwischen den Figuren miteinander verknüpft werden, wird es für Leser, die die vorhergehenden Abenteuer nicht mit verfolgt haben, recht schwer, alles einordnen zu können. Sprich: Wer die ersten beiden Teile nicht kennt (hier die CG-Rezension von Band 1), wird mit dem Band nichts anfangen können.

Robur macht sich mit seinen Freunden und Zweckverbündeten daran, zum Mond zu reisen, um die Invasoren auf deren heimischen Boden zu schlagen. Nach einem Kampf gegen deren Armee, die nicht nur im All scheinbar übermächtig ist, muss er allerdings feststellen, dass in seiner kleinen Gruppe ein Verräter zu finden ist, was einen der wichtigsten Verbündeten das Leben kostet.

Eine Serie wie Robur ist für den Verlag Edition 52 eher ungewöhnlich. Ansonsten punktet das Haus ja mit hochwertigen, anspruchsvollen Comics vor allem aus dem Independentbereich. Immerhin waren es die Wuppertaler, die Jeff Lemire nach Deutschland gebracht haben. Da wirkt eine Hochglanzproduktion aus dem Science-Fiction-Genre zunächst wie ein Fremdkörper. Demnach erscheint diese aus der Pulp-Tradition stammende Abenteuergeschichte neben einem Meisterwerk wie Essex County wie, naja, eben wie ein Alien.

Seite aus Robur 3Doch beim Betrachten lässt sich die Faszination dieser französischen Reihe durchaus verstehen, denn die Optik, die Gil Formosa auf die Seiten zaubert, ist überwältigend – wobei der Mix aus 3D-Computergrafik und klassischem franko-belgischem Strich nicht ganz so harmonisch ausfällt. Zudem ist die Anordnung der  Sprechblasen total wirr ausgefallen und trägt nicht gerade zum Verständnis der Handlung bei, da man sich erst den Weg durch die Dialoge suchen muss. Das gleiche kann man eigentlich über den ganzen Band sagen: Er ist gut, aber zugleich ziemlich unübersichtlich.

Literaturfans können sich über einige Anspielungen freuen: Nicht nur bezieht sich der Name des Helden Robur auf eine Figur, die von Jules Verne (als Schurke) geschaffen wurde, auch der Titel des Abschlussbands bezieht sich auf einen Roman des Franzosen. Alles zusammen ergibt Pulp, aber in einer schönen Variante. Wie es sich für einen Abschluss fast schon gehört, ist eine Story kaum vorhanden. Das verwundert insofern nicht, da ja die einzelnen Handlungsstränge aus den Vorgängeralben zusammengeführt werden müssen. Ungewöhnlich ist das „unhappy end“, bei dem nicht alles heil ist, sondern einige neue Konflikte entstehen. Das ist einerseits erfreulich, da die Autoren Randy und Jean-Marc Lofficier auf diese Weise Klischees gegen den Strich bürsten. Andererseits stiften sie damit auch Verwirrung, da sich diese Aspekte im Zuge des Geschehens nicht ankündigten. Zudem sind ihre Charaktere ziemlich flach. Der schöne Schein ist hier Programm, und auch wenn sich die dürftige Story nicht immer nachvollziehen lässt, kann man sich immerhin in Formosas Panoramabildern verirren. Das hat auch was.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Hier ist die Oberfläche alles, denn die Story krankt und hakt trotz aller Pulp-Einflüsse.

 

Robur 3 – Reise zum Mittelpunkt des Mondes
Edition 52, Dezember 2012
Text: Randy und Jean-Marc Lofficier
Zeichnungen: Gil Formosa
Übersetzung: Uwe Löhmann
52 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,- Euro
ISBN: 978-3-935229-94-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Edition 52

Links der Woche 21/13: Stern des Südens

Unsere Links der Woche, Ausgabe 21/2013:
(diesmal mit dickem Schwerpunkt auf dem Comicfestival München, das vom 30. Mai bis 2. Juni über die Bühne ging)

 

Im Mehrgenerationenhaus
Der Tagesspiegel, Lars von Törne
Der Tagesspiegel berichtete fachkundig und umfangreich vom Münchner Festival. In der Printausgabe vom Montag stand der hier verlinkte zusammenfassende Artikel, der einige Highlights hervorhebt, aber auch kritische Anmerkungen macht.

Auf tagesspiegel.de gab es einige detailliertere, sehr lesenswerte Artikel zu Schwerpunkten des Festivals: „Entweder versteht man Satire, oder man versteht sie nicht“ (Lars von Törne) fasst die Auftaktveranstaltung zusammen, in der Ehrengast Robert Crumb zusammen mit seiner Frau Aline Kominsky-Crumb auftrat. Deutliche Worte findet Oliver Ristau in „Herrenabend mit Robert Crumb und Gerhard Seyfried“, der sich mit dem Künstlergespräch zwischen Crumb und seinen Underground-Kollegen Gilbert Shelton und Gerhard Seyfried befasst und darüberhinaus feststellt: „Die Verzahnung von neuen Strömungen und Comic-Historie will der aktuellen Ausgabe des Münchner Comicfestivals diesmal einfach nicht so recht gelingen.“ Vom gleichen Autor stammt der Artikel „Ein Wächter für die Wächter“ über das umstrittene DC-Projekt Before Watchmen, das auf dem Festival heftig beworben wurde, u.a. mit dem Besuch von Rorschach-Zeichner Lee Bermejo. Und in „Reich und berühmt durchs Internet“ geht es um die Podiumsdiskussion zum Thema „Webcomics 2.0 – Veröffentlichungsmöglichkeiten und Marketing im Web“, wo man über Vor- und Nachteile des Online-Publizierens und die damit verbundenen Wege, Geld zu verdienen, sprach.

Comicfestival München 2013
Splashcomics
Die „offizielle“ Berichterstattung kommt wie gewohnt von Splashcomics, die das Festival mit erheblichem Aufwand und reichlich Technik begleiteten. Im „Eventspecial“, das derzeit noch laufend ergänzt wird, gibt es Berichte, Anekdoten, Filmmitschnitte, Interviews und hunderte Fotos.

Comicfestival München
Lach|witz, der (e), Alexander Lachwitz
In mehreren Teilen berichtet Alexander Lachwitz tagebuchartig von seinem Besuch auf dem Comicfestival. Sehr lesenswert, zumal er tatsächlich ein strammes Programm absolviert und neben etlichen Veranstaltungen und den beiden Verlagsmessen auch fast alle Ausstellungen besucht hat. Wer nicht da war, bekommt hier einen sehr guten Eindruck davon, was er verpasst hat. Und für die nächsten Tage ist noch ein Abschlussbericht sowie ein Videopodcast angekündigt.

Comicfestival München: Snapshots + Preisträger
mycomics.de-Blog
Das myComics-Team war quer über das Festival unterwegs und hat jede Menge Fotos mitgebracht.

Die Gewinner des ICOM Independent Comic Preises
Interessenverband Comic e.V.
In München wurde auch der alljährliche ICOM Independent Comic Preis vergeben, dessen Preisträger von einer vierköpfigen Jury bestimmt werden. Als Besten Independent-Comic kürte diesen die erste Ausgabe der Serie Das UPgrade von Sascha Wüstefeld und Ulf S. Graupner. Alle Preisträger, die lobenden Erwähnungen und die dazugehörigen Laudatio-Texte der Juroren gibt es auf der ICOM-Website.

Der Lebensfenster-Preis 2013
kurt-schalker.de
Im Rahmen der ICOM-Preisverleihung wurde auch wieder der „Preis für graphisches Blogen“ für Webcomics vergeben. Gewonnen hat in diesem Jahr Johanna Baumann alias Schlogger für ihr Blog schlogger.de.

Peng! Du hast gewonnen!
Splashcomics, Henning Kockerbeck
Am Abend des ersten Festivaltags wurden die offiziellen Preise des Festivals vergeben. Den Preis für das Lebenswerk bekam Lona Rietschel, die im Jahr 1975 die Abrafaxe geschaffen hat, den Sonderpreis für Verdienste um die Münchner Comickultur erhielt Herbert Meiler, Mitbegründer des Magazins Strapazin. Für die Preisträger der beiden Manga-Kategorien lassen sich die Laudationes im Weblog von Roter Kater bei Animexx nachlesen.

Preisträger 2013
Gramic Award
Und noch ein Preis: Im Rahmen des Festivals wurde erstmals auch der vom Evangelischen Presseverband für Bayern ausgelobte „Gramic (Comic/Graphic-Novel-) Award“ verliehen. Den 1. Platz belegte der Münsteraner Illustrator Christopher Burgholz für seine Geschichte Penner. Die Wettbewerbsbeiträge der drei Erstplatzierten kann man komplett als PDF downloaden.

HEMISPHERES | Graphic Novel
Startnext, Christopher De La Garza
Ein neues Crowdfunding-Projekt wirbt um Unterstützung: Autor Christopher De La Garza und Künstler Sascha Grusche aus Potsdam arbeiten seit 2011 an einem fotorealistisch gemalten Comic, der sich um einen buddhistischen Mönch dreht, der in eine futuristische Riesenstadt kommt. Mit der Finanzierungshilfe aus dem Web soll der Druck des ersten Comicalbums gestemmt werden, außerdem sind eine Ausstellung und Fanartikel geplant.

Fußball-Comic des Jahres: Ausschreibung & Verfahren
Deutsche Akademie für Fußball-Kultur
Die „Deutsche Akademie für Fußball-Kultur“, die von der Stadt Nürnberg getragen wird, sucht den „Fußball-Comic des Jahres“. Bis zum 14. Juli kann man seinen Wettbewerbsbeitrag in Form eines One-Pagers einreichen. Alle eingereichten Comics werden auf der Website der Akademie zu sehen sein. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert, die besten Beiträge sollen zudem im kicker veröffentlicht und in einer Ausstellung beim Comic-Salon Erlangen 2014 gezeigt werden.

Comics, Everybody: The History Of ComicsAlliance Explained!
ComicsAlliance, Curt Franklin und Chris Haley
In den Links der Woche 18/13 gab es die unschöne Nachricht, dass die US-Website ComicsAlliance überraschend von ihrem Besitzer AOL stillgelegt worden war. Nach etwa einem Monat Pause geht es nun doch wieder weiter. Mit neuem Eigentümer, mit dem weitgehend gleichen Team und (zumindest bisher) auch mit der altgewohnten Oberfläche. Zum Start erklärt die Rubrik „Comics, Everybody“, die sonst den Werdegang von Superheldenfiguren nachzeichnet, in Comicform die Geschichte der Website.

Grayson: Earth One Series Premiere
YouTube, P3Series
Die erste Episode einer von Fans in Eigenregie geschaffenen Webserie, die die Herkunftsgeschichte von Dick Grayson alias Nightwing neu erzählt. Im DC-Universum wurde Grayson von Bruce Wayne alias Batman adoptiert und wurde dessen Sidekick Robin. In dieser Serie soll ihm das nicht passieren, stattdessen ist er auf sich allein gestellt. Um weitere Folgen drehen zu können, sammeln die Macher Spenden auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo.

Comicgate beim Comicfestival München

Morgen beginnt in München das größte Comicfestival in diesem Jahr – auch wir sind dort wieder vertreten. An einem Stand im Alten Rathaus präsentieren wir unsere Print-Publikationen. Eine neue Ausgabe des Comicgate-Magazins wird es in diesem Jahr leider nicht geben.

Das Herzstück des Festivals, die Verlagsmesse, beginnt am Donnerstag um 12:00 Uhr und läuft von Freitag bis Sonntag jeweils von 10:00 bis 19:00 Uhr (Sonntag bis 18:00 Uhr). Diesmal ist die Verlagsmesse zweigeteilt. Die größeren Verlage wie z.B. Egmont, Carlsen, Panini, Cross Cult oder Avant stellen im Künstlerhaus am Stachus aus, wo das Festival 2011 stattfand. Viele weitere Verlage, die man weitestgehend unter dem Label „Independent“ fassen kann, sind mit ihren Comics und vielen Zeichnern, die dort signieren werden, im Alten Rathaus am Marienplatz (dem Veranstaltungsort der Jahre 2007 und 2009) zu finden. Reprodukt ist mit seinem breiten Programm in beiden Häusern vertreten. Anders als an den anderen Festivalorten zahlt man im Alten Rathaus keinen Eintritt!

Plakatmotiv zum Schwerpunkt „Underground-Comix“ © Gabriel NemethComicgate findet ihr im Alten Rathaus, umrahmt vom legendären Zwerchfell-Verlag auf der einen und dem nagelneuen Dani Books auf der anderen Seite (Standnummer 25, siehe Messeplan). Leider bringen wir, anders als gewohnt, diesmal kein neues Printmagazin zum Festival mit. Das war in diesem Jahr zeitlich leider nicht drin. Wir haben aber noch Restbestände von älteren Ausgaben, die alle bewusst so gestaltet wurden, dass sie nicht nur als tagesaktuelle Lektüre funktionieren, sondern auch längere Zeit nach Erscheinen noch interessanten Inhalt bieten. Außerdem bei uns: Lapinots schwarzhumoriger Cartoonband Schwarz, weiß, tot im schicken Hardcover. Man darf aber nicht nur zum Kaufen, sondern gerne auch zum Quatschen, Loben und Kritisieren vorbeikommen. Wir freuen uns auf Euren Besuch!

Neben den vielen Programmhighlights, den interessanten Ausstellungen, Siginierstunden und Gesprächsrunden mit hochkarätigen Gästen wie Robert Crumb, Gilbert Shelton, Manuele Fior, Yann, Baru, Luke Pearson, Milo Manara, Ralf König und vielen anderen (hier die komplette Übersicht) empfehlen wir besonders die Veranstaltungen, die (ebenfalls bei freiem Eintritt) im Alten Rathaus stattfinden:

 

Bei Twitter wird es unter dem Hashtag #cfm13 regelmäßig Live-Updates, Infos, Bilder sowohl von uns (@Comicgate) als auch von etlichen anderen Twitter-Usern geben. Die Kollegen von Splashcomics werden wieder umfangreich berichten und viele Veranstaltungen als Video mitfilmen. Allen Besuchern viel Spaß und ein schönes Festival!

Jackie Kottwitz Gesamtausgabe – Band 1

Cover Jackie Kottwitz 1Ein weiterer frankobelgischer Klassiker der 1980er Jahre feiert sein Deutschland-Comeback: Jérôme K. Jérôme Bloche, hierzulande besser bekannt als Jackie Kottwitz. Die Albenserie brachte es anno dazumal im Carlsen Verlag gerade mal auf fünf Ausgaben, Finix hat sich dagegen zu einer umfassenden Gesamtausgabe in Hardcoverform entschlossen.

Die Nummer 1 dieser Gesamtausgabe enthält die ersten drei (bereits von Carlsen publizierten) Originalalben, sowie als Bonus eine Kurzgeschichte in deutscher Erstveröffentlichung. Das soll aber nicht der einzige Grund dafür sein, dass auch Altleser zu der neuen Edition greifen: Finix spendiert der Serie neben der hervorragenden Aufmachung (Hardcover, passendes Papier) auch noch eine neue Kolorierung, die vormals zu starke Kontraste homogenisiert und damit ein stimmigeres Gesamtbild erzeugt, ohne den Zeitgeist der Reihe zu verleugnen.

Und schließlich lohnt sich die Lektüre der ersten drei Geschichten auch inhaltlich: Jackie Kottwitz ist ein Privatdetektiv der etwas anderen Art. Trenchcoat und Hut vereinen ihn zwar mit seinen großen Vorbildern, ansonsten passt der Jüngling aber so gar nicht ins Schema des routinierten, kauzigen Ermittlers. Die Ausbildung zum Detektiv hat er im Fernstudium abgeschlossen, unter dem Mantel trägt er Turnschuhe und durch Paris radelt er mit dem Fahrrad von Fall zu Fall. Dazu kommt eine prägnante Schusseligkeit und Unerfahrenheit, die Jackie Kottwitz unscheinbarer machen als er wirklich ist. Tatsächlich verhilft ihm seine jugendlich-forsche Art ebenso schnell aus der Patsche als sie ihn in ebenjene hineinbugsiert.

Seite aus Jackie Kottwitz 1Es geht nicht darum, ob der rothaarige Detektiv die Fälle löst, nein, der Charme liegt in dem Wie. Im ersten Kapitel „Der mörderische Schatten” geht Jackie einer Mordserie auf die Spur, die bei einem Professor beginnt. Jener beauftragt posthum seine Detektiv-Schüler, darunter auch Kottwitz, jeweils einen der anderen Schüler als Verdächtigen zu überprüfen. Eine clevere Verquickung, die sich das Kreativteam aus Alain Dodier, Serge le Tendre und Pierre Makyo, hier hat einfallen lassen. Während sich die zweite Story ganz klassisch um das Verschwinden eines Barons dreht, infolgedessen die Angestellten und Verwandten der Reihe nach als Verdächtige ausgeschlossen werden müssen, wird der dritte Fall schließlich wieder etwas persönlicher. Denn es geht um merkwürdige Vorkommnise rund um einen anonymen Robin Hood in Verbindung mit einer Welle von Erpressungen, in die auch Jackies Onkel involviert zu sein scheint.

Auch nach beinahe 30 Jahren sind die Abenteuer des Jackie Kottwitz noch unheimlich frisch und kurzweilig. Das mag an der Jugendlichkeit und dem Enthusiasmus des Hauptdarstellers liegen oder einfach an den vielen toll geschriebenen und gezeichneten Szenen. Für einige erfreuliche Lesestunden wird diese Gesamtausgabe bei Neu- wie Altlesern sicherlich sorgen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Eine lohnenswerte Perle des frankobelgischen Comics endlich wiederentdeckt

 

Jackie Kottwitz 1
Finix Comics, April 2013
Text: Alain Dodier, Serge le Tendre, Pierre Makyo
Zeichnungen: Alain Dodier
Übersetzung: Michael Hug, Dr. Marcus Schweizer
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 9783941236783
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics

Links der Woche 20/13: [heute mal ohne Titel]

Unsere Links der Woche, Ausgabe 20/2013:

 

Bildergeschichten, brennende Bücher und intelligente Grenzen
Elektrischer Reporter, Andreas G. Wagner
Das TV-Magazin Elektrischer Reporter, das auf zdf.info läuft und sich wöchentlich mit Themen der Netzkultur befasst, widmet sich Webcomics. Vorgestellt werden Daniel Lieske und seine Wormworld Saga sowie Ulli Lust und ihr Projekt Electrocomics.

Lach|witz, der (e) – Videopodcast #02 – 6. Comicfest Dresden
YouTube, Alexander Dorsett
Herr Lachwitz war auf dem Comicfest in Dresden, das am vergangenen Samstag stattfand, hat mit Besuchern und Ausstellern gesprochen und seine Eindrücke in einem Video festgehalten:

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Comic-Festival: Nur für Erwachsene
Spiegel Online, Jörg Böckem
Am Donnerstag beginnt das viertägige Münchner Comicfestival. Jörg Böckem gibt einen Überblick über das Programm und stellt fest: „Schaut man auf das Programm des diesjährigen Festivals, kann allerdings auch der Eindruck entstehen, dass der Comic nicht nur erwachsen geworden ist, sondern das ihm ein ähnliches Schicksal droht wie unserer Gesellschaft – die Überalterung. Das gilt in gleichem Maße für die Kreative wie die Kreationen.“

Comicfestival München – Nehmt Geld und gute Schuhe mit!
Comic-Report, Matthiaz [sic!]
Ein paar praktische Tipps für Festivalbesucher, kurz und bündig aufgelistet.

Schwebende Häuser, Einkaufslisten und stille Helden
Börsenblatt
In der Liste der 25 „schönsten deutschen Bücher 2013“, die von der Stiftung Buchkunst gewählt wurde, ist mit Reprobus von Markus Färber (Rotopolpress) auch ein Comicband vertreten.

Kingdom Come – Official Trailer – (Fan-Film Short)
YouTube, AListProductions
Immer wieder drehen Fans auf eigene Faust Trailer von imaginären Comicverfilmungen. Wie könnte eine Kinoversion von Kingdom Come aussehen, der epischen Miniserie von Mark Waid und Alex Ross? Etwa so:

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Meister der Graphic Novel
Bayern 2 Kulturjournal
Im Hörfunkmagazin Kulturjournal wird Chris Ware und sein Werk vorgestellt und kommt persönlich zu Wort. Die Sendung ist auch komplett als MP3 verfügbar. (der Ware-Beitrag beginnt bei Minute 67).

Chew 4&5

alt

chew4 coverBeginnen wir traditionsgemäß mit der schlechten Nachricht: „Flambiert“, der vierte Chew-Sammelband um den US-Bundesagenten und Chibopathen Tony Chu, der durch Verspeisen einer jeden essbaren Materie deren Vorgeschichte erfährt, hat mich nicht mehr so begeistert wie die Bände 1, 2 und 3. Dabei bietet dieser Band wiederum reichlich faszinierend-bizarre Ideen, tolle Figuren in aberwitzigen Situationen, treffsichere Dialoge und nicht zuletzt weit aus der Comicmasse herausragende Zeichnungen. Wir erfahren mehr über Tonys Tochter Olive und seine Schwester Antonelle „Toni“ Chu, erleben ein überraschendes Wiedersehen mit Terror-Kampfhahn Poyo, begleiten Tonys Ex-Partner Mason Savoy bei einer chibopathischen Erfahrung, die ihm beinahe den Verstand kostet, lernen noch mehr Menschen mit besonderen Ess-Begabungen sowie „Die Kirche der Heiligkeit der ungerührten Dotter“ kennen und entdecken zumindest eines der Geheimnisse von Area 51 – und das ist rosafarben und riecht ziemlich übel.

chew04 1Um gleich eine Entwarnung hinterherzuschicken: Es sind nur Kleinigkeiten, die das sensible Rezensenten-Gemüt bei der Lektüre störten. So wird der satirische Witz, den die mit bombastischen Brüsten und unglaublicher Wespentaillen ausgestattete USDA-Agentin in Band 2 verkörperte, hier gehörig überstrapaziert, wenn ein ganzes Rudel gleich gebauter Superagentinnen den Comic bevölkert. Die Cyborg-Tiere (inklusive Goldfisch im Glas), welche besagte Agentinnen als Partner begleiten, scheinen selbst für einen Comic wie Chew etwas zu bescheuert und over-the-top. Und der Zwischenplot um die gefährlichen Wundergeschosse will auch nicht so richtig zünden und in Fahrt kommen. Zugegeben: Angesichts der geballten Qualitäten des Comics ist das natürlich Korinthenkackerei und Jammern auf extrem hohem Niveau. Es zeigt zugleich beeindruckend auf, wie hoch das Kreativteam aus Autor Layman und Zeichner Guillory die Messlatte mit den bisherigen Chew-Teilen gelegt hat. Wäre dies ein Serieneinstand, wären diese Kritikpunkte vermutlich gar nicht zur Sprache gekommen. Ein klarer Fall von Rezensenten-Ansprüchen also, die sich der gebotenen Qualität der Serie schnell angepasst haben.

chew5 coverNach dieser subjektiv empfundenen, klitzekleinen Qualitätschwankung überzeugte mich der Nachfolgeband „Erste Liga“ dann auch gleich wieder auf der ganzen Linie. Hier wird Protagonist Tony dank seines intriganten Chefs von der mächtigen Lebensmittelbehörde FDA zur Verkehrspolizei versetzt – was ein paar extrem komische Szenen zur Folge hat – und gerät schließlich in die Hände einer Gruppe soziopathischer Baseballfans, die mit seiner erzwungenen Hilfe einen wirklich widerwärtigen und zugleich unfallartig-faszinierenden Plan umsetzen wollen. Tonys Entführung bietet nicht nur Spannung, sondern auch mehr Raum für die toll ausgearbeiteten Nebenfiguren: seine Tochter Olive, die einiges mit ihrem Vater gemeinsam und es zudem faustdick hinter den Ohren hat; den stil- wie geheimnisvollen Ex-Bundesagenten Mason Savoy und seinen Verbündeten, den nicht minder stilvollen FDA-Agenten Caesar, die ihre eigenen Ermittlungen in Sachen Vogelgrippe betreiben; Tonys – mit ihrer ganz eigenen „kulinarischen Fähigkeit“ versehene – Freundin Amelia sowie seinen an extremer Selbstüberschätzung leidenden Cyborg-Partner John Colby. Zudem wird vorgeführt, was man mit der richtigen Begabung alles mit Schokolade anstellen kann. Hochgefährlich, das Zeug!

Genau so wichtig wie John Laymans Gespür für die richtige Mischung aus Pulp-Ekel, Comedy und spannendem Thriller erweist sich auch in diesen Bänden Rob Guillorys grafische Umsetzung, die man gar nicht oft genug loben kann. Egal ob hochkomischer Slapstick, knochenbrechende Action oder unangenehme Folterszenen – Guillory, der in Personalunion zeichnet, tuscht und koloriert, beherrscht alles meisterhaft und versteht sich ebenso auf atmosphärischen Farbeinsatz. Einem solchen Künstler nimmt man selbst die unglaublichsten Szenen ab. Und da ist er bei Chew genau richtig.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Weiterhin erste Liga: Was auch immer das Kreativteam von Chew eingeworfen hat, es sollten viel mehr Comickünstler zu sich nehmen.

 

Chew – Bulle mit Biss
Cross Cult
Text: John Layman
Zeichnungen: Rob Guillory
Übersetzung: Marc-Oliver Frisch
je 128 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 16,80 Euro

Band 4: Flambiert
März 2012
ISBN: 978-3-942649-21-6
Leseprobe

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Band 5: Erste Liga
Dezember 2012
ISBN: 978-3-86425-130-6
Leseprobe

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Abbildungen © John Layman/Rob Guillory, der dt. Ausgabe: Cross Cult

 
Disclosure/Offenlegung: Die deutschen Ausgaben von Chew 4 und 5 wurden von den Comicgate-Redakteuren Marc-Oliver Frisch und Frauke Pfeiffer übersetzt bzw. lektoriert.