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Der unbekannte Hellblazer: Die Paul-Jenkins-Jahre

Cover von Hellblazer 89, dem ersten Heft von Paul Jenkins In einer dreiteiligen Artikelserie analysierte Christian Muschweck im Frühjahr das erste Jahrzehnt der Vertigo-Serie Hellblazer, die inzwischen mit der 300. Ausgabe eingestellt wurde. Nun setzt er seine Betrachtung der Comics um John Constantine fort und widmet sich diesmal der Phase zwischen 1995 und 1998, in der Paul Jenkins der Autor der Reihe war:

Wer kein Sammler von amerikanischen Einzelheften ist, dem dürften die Hellblazer-Jahrgänge nach Garth Ennis bisher fremd geblieben sein, denn es erfordert eine gewisse Hartnäckigkeit, die Hefte 84 bis 128 lückenlos zu erwerben. Bis auf Heft 84 wurde kein Exemplar nachgedruckt. Zu Recht?

 

Ein neuer Stil

Die Comicserie Hellblazer blieb nach Garth Ennis zunächst etwas orientierungslos und verharrte 1995 ein halbes Jahr lang in einem Schwebezustand. Der erste Autor nach Garth Ennis war Jamie Delano, der einen launigen Schwank aus John Constantines und Taxifahrer Chas‘ gemeinsamer Jugend präsentierte. Als nächstes kamen vier von Eddie Campbell geschriebene Episoden. Diese sind zwar keine Katastrophe, setzen aber auch keine besonderen Akzente und Eddie Campbell fühlte sich nie sonderlich wohl im Horrorgenre.1 Im Nachhinein gesehen waren diese Episoden vor allem deshalb sinnvoll, weil sie der Reihe – und dem Leser – ein Durchatmen ermöglichten und den Stilbruch zwischen Garth Ennis und Paul Jenkins etwas abfederten. Gleichzeitig prägte der neue Zeichner Sean Phillips das Erscheinungsbild der Reihe ab sofort mit einem völlig neuen und sehr eigentümlichen Zeichenstil, der viel Können erfordert. Sean Phillips zeichnet hier völlig ohne Vorzeichnungen sofort mit Tusche, was den Zeichnungen einen improvisierten und spontanen Charakter verleiht. Bis auf wenige Hefte zeichnete Phillips bis Heft 120, also über zweieinhalb Jahre, die Reihe und verlieh ihr einen völlig neuen Charakter. Ab Heft 89 war der Brite Paul Jenkins regulärer Autor der Reihe. Er entfernte sich zunächst denkbar weit weg von Garth Ennis‘ Erzählweise, griff aber gleichzeitig viele fallengelassene Handlungsfäden von Ennis und auch Delano wieder auf und setzte sie einfallsreich fort. Er schrieb die Reihe bis Heft 128.

 

Außerhalb der Zeit

Paul Jenkins setzt mit seiner Fortschreibung der Abenteuer John Constantines exakt an der Stelle an, wo Eddie Campbell die Figur verlassen hat: im australischen Outback. John hilft einer Gruppe von Aborigines gegen eine skrupellose Bande von Landgrabbers und erfährt im Gegenzug eine Menge über sich selbst. Ein Aborigene erklärt ihm, dass John anders als die meisten anderen Weißen stets in der Traumzeit lebt, der mythologischen Welt, aus der die Aborigines ihre Legenden schöpfen. Das steht wunderbar in Einklang mit Jamie Delanos Version von John und sprengt gleichzeitig den starren Rahmen von Garth Ennis‘ trostloser Hellblazer-Welt, die ja letztlich vor allem die pervertierte Version eines naiven christlichen Kinderglaubens war (Bild 1 und 2).

Bild 1, Hellblazer 89 (Jenkins, Phillips)

Bild 2, Hellblazer 89 (Jenkins, Phillips)

Nach seinem Australien-Abenteuer kehrt John Constantine nach England zurück, doch wird er weiterhin auch in der Traumzeit wandeln, was letztlich ja nichts anderes bedeutet, als dass ihm der Blick hinter die Fassade der Zivilisation möglich ist – wie es ja auch bei Delano schon der Fall war. Wieder in England trifft Constantine einen alten Kumpel aus alten Punk-Tagen wieder: Rich the Punk, eine Figur, die Jenkins seinem eigenen Bruder nachempfunden hat (nachzulesen im Michael Bonners Aufsatz Straight to Hell im Heft Vertigo Secret Files – Hellblazer, August 2000). Rich ist eine sympathische, grundehrliche Haut, arbeitslos, aber mit Familie und stets in Opposition gegen das moderne England, das über alle Traditionen hinweg die neue kapitalistische Weltordnung errichtet. Schon kurz nach der ersten Begegnung mit Rich ist Constantine mitten in einer Demo gegen den Abriss eines alten keltischen Steinkreises – an einem Ort, der ehemals auch ein Schlachtfeld des Rosenkriegs zwischen England und Frankreich war. John Constantine spürt an diesem Ort als einziger das Echo dieser alten Schlacht und erlebt, wie sich geschichtliche Ereignisse und Stimmungen wiederholen können, zwar in anderem Gewand, aber in ihrer Essenz stets gleich. Jedes Geschehen enthält somit eine Ahnung von Ewigkeit bereits in sich, da es sich bis zum Ende der Zeit stets aufs Neue ereignen kann (Bild 3).

Bild 3, Hellblazer 119 (Jenkins, Phillips)

Paul Jenkins‘ Hellblazer-Geschichten enthalten immer wieder Meditationen über diese Art von Wahrnehmung. Herausragend ist hier die Episode 119 mit dem Titel „Undertow“: John Constantine hat hier die Vision, dass sämtliche Katastrophen und Unglücksfälle der Welt über alle Zeiten hinweg in Verbindung zueinander stehen und schlussendlich die Manifestation einer einzigen großen Katastrophe sind. Constantine ist hier Zeuge des Unausweichlichen und kann dem großen Sterben nur gleichgültigen Fatalismus entgegensetzen. Am Ende der Episode fällt John Constantine im Schock über diese Erkenntnis ein Glas mit kleinen Fischen aus der Hand. „Aren’t you gonna try and save ‘em, then?“ frägt ihn sein Freund Muppet, worauf John erwidert, „No, Mup‘, there’s no point.“2.

Zum Glück steht Constantine gerade bei Paul Jenkins aber sonst die meiste Zeit mit beiden Beinen fest im Leben und die neue Ersatzfamilie, die er mit Rich dem Punk und dessen Familie und Freunden gefunden hat, bringt ihn oft auf positive Gedanken. In vielen Geschichten geht es um ganz alltägliche Ausnahmesituationen, z.B. die Geburt von Richs zweitem Kind, und auch die obligatorischen Geistergeschichten haben bei Paul Jenkins etwas betont Familiäres oder Regionales. Jenkins‘ Geschichten sind hier oft angenehm unspektakulär und sehr menschlich (Bild 4).

Bild 4, Hellblazer 116 (Jenkins, Phillips)

 

Schatten der Vergangenheit

Paul Jenkins war es ein Anliegen, John Constantine zunächst von seinen Altlasten zu befreien und ihm eine positivere Ausstrahlung zu verschaffen. In der Geschichte „Critical Mass“ (Hellblazer 92–96) räumt Jenkins gleich mit mehreren Altlasten der Reihe auf und etabliert gleichzeitig einen neuen Status Quo. So erfährt man, dass der Teufel am Ende von Ennis‘ Geschichte „Rake at the Gates of Hell“ keineswegs gestorben ist. Stattdessen hat Gott hat ihn mittellos unter die Sterblichen gesetzt, so dass sich der einst mächtige First of the Fallen zunächst als reichlich unbeholfene Hilfskraft auf einem griechischen Fischerboot wiederfindet. Der Dämon Buer, der mit dem First of the Fallen einst eine gewinnbringende Partnerschaft hatte, möchte dem Teufel wieder zu alter Größe verhelfen. Das ist möglich, wenn der meistgehasste Mensch der Welt – natürlich Constantine – ihm seine Seele willentlich überlassen sollte.

Buer ergreift – ganz nach dem Muster des Films Der Exorzist – Besitz von Richs Sohn Syder und versucht John zu erpressen: Johns Seele gegen die des Kindes. Aber John findet einen Ausweg aus dem Dilemma: Eine Zauberschrift mit dem Titel On the transfer & application of souls, verfasst vom Okkultisten Aleister Crowley, ermöglicht ihm, einen Doppelgänger von sich zu erschaffen, dem er sämtliche seiner schlechten Eigenschaften zuweist: seine Süchte, seine Ängste, seinen Liebeskummer, seine Bosheit und auch das Dämonenblut, das er bei einer Bluttransfusion in einem sehr frühen Heft erhielt. Doch der Dämon Buer, der Herr über sämtliche Kinder der Hölle ist, bekommt Wind von Constantines List: Er weiß, dass der Teufel wütend sein wird, wenn er nur den Doppelgänger bekommt, und versucht Constantine mit Friedensangeboten an der Durchführung seines Plans zu hindern. Buer lässt sämtliche Kinderseelen, die sich in seiner Gewalt befinden, frei – auch die Seele von Astra, dem armen Mädchen, das in Newcastle Opfer eines Dämons wurde und das der junge Constantine damals nicht retten konnte. Constantines Doppelgänger geht nach diesem massiven Bluff trotzdem den ihm vorgesehenen Weg: Er rammt sich ein Messer in den Leib, so dass der Teufel Constantines Seele tatsächlich erhält, aber eben nur den verdorbenen Teil. Der Teufel tobt und rächt sich nun an Buer (Bild 5).

Bild 5, Hellblazer 96 (Jenkins, Phillips)

John Constantine hat sich dadurch von vielen Lasten befreit. Er ist den Schuldkomplex Astra los, er hat die Fehde mit dem Teufel für sich entschieden und er ist wieder ein normaler Mensch, ohne Dämonenblut in den Adern. Paul Jenkins äußert sich über die Storyline „Critical Mass“ folgendermaßen: „[W]ith ‘Critical Mass‘ I said to the reader ‘Look, here’s all the things Constantine’s been, here‘s who he is and where he is,‘ and through a contrivance of the story I took all the bits of Constantine I wasn’t interested in, shoved them in a homunculus and sent that off to Hell, leaving me with the bits of Constantine I wanted to write about“3 (Michael Bonner, Straight to Hell, Vertigo Secret Files – Hellblazer, August 2000). Und obwohl die Magie in der Geschichte oft etwas zu technisch daherkommt, ist die Idee, dass eine Person ausgewählte Charaktereigenschaften von sich abspalten kann, doch sehr verführerisch und psychologisch interessant. Dass diese Art und Weise der Verdrängung auf Dauer nicht gut gehen kann, braucht wohl kaum erwähnt werden. Das Sündenregister wird bald wieder aufgefüllt sein, und darüber hinaus wird John auch mit dem Wissen leben müssen, ein böses Spiegelbild seiner selbst in die Welt gesetzt zu haben.

Ein weiteres, sehr frühes Plot-Element der Constantine-Saga ist Johns schwieriges Verhältnis mit seinem Vater Thomas Constantine. Jamie Delano hatte sich noch damit zufrieden gegeben, den beiden ein schwieriges Verhältnis miteinander zuzuweisen – mit Hellblazer 31, „Mourning of the Magician“, hat Delano nach dem Tod des Vaters sogar die Möglichkeit von gegenseitiger Vergebung eingeräumt. Seit Garth Ennis müssen wir Leser aber akzeptieren, dass Constantines Vater wegen seines glühenden Hasses auf seinen Sohn in der Hölle schmort. Paul Jenkins war es nun wohl ein Anliegen, das weiter auszuführen. In der atmosphärisch sehr gelungenen Nr. 100, „Sins of the Father“, fällt John in ein Koma, und während die Ärzte um sein Leben ringen, trifft er den inzwischen wieder fest im Sattel sitzenden Teufel, der John mit der gequälten Seele Thomas Constantines konfrontiert. Es kommt zur großen Aussprache und John erfährt, dass nicht er – indirekt, durch seine Geburt – für den Tod seiner Mutter verantwortlich ist, sondern sein Vater. Der wollte seine Frau zur Abtreibung zwingen, und obwohl die Abtreibung misslang, war ihr Körper nach der Misshandlung mit einem Kleiderbügel derart geschwächt, dass sie bei der Geburt dann doch starb (Bild 6).

Bild 6, Hellblazer 100 (Jenkins, Phillips)

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 Diese Ergänzung zur Geschichte um Johns Geburt sehe ich problematisch, denn sie schwächt Jamie Delanos ursprüngliche Vision beträchtlich – ganz abgesehen davon, dass ein Säugling wohl kaum für den Tod der Mutter verantwortlich gehalten werden kann. Für sich betrachtet ist Jenkins allerdings durchaus eine beklemmende und berührende Geschichte gelungen. Bei Paul Jenkins hat man als Leser auch eher das Gefühl, dass das Konzept Hölle mehr mit persönlicher Schuld und Gewissensfragen zu tun hat und weniger mit willkürlichen, aber starren Regeln, wie es bei Garth Ennis noch der Fall war. Anders als bei Ennis ist das kosmische Gefüge bei Jenkins immer im Fluss.

 

Märchenhafte Elemente und Poesie

Paul Jenkins etabliert in Hellblazer eine recht charmante Poesie. Da wäre zunächst einmal das schon erwähnte Bild der Traumzeit, das ohne große Brüche auch auf England übertragen wird. Auch Johns neues Umfeld mit Rich dem Punk, dessen Familie und dessen ungehobelten Freunden sollte die Reihe über längere Zeit hinweg auf eine recht eigentümliche Art prägen. Zwar hatte auch Jamie Delano mit seinen Hippies schon einmal ähnliche Figuren in der Reihe eingeführt, doch waren diese damals noch stärker durch den Plot motiviert und wurden bald wieder aus der Geschichte herausgeschrieben. Jenkins‘ Punks und Proleten hingegen sind weit weniger offensichtlich zweckgebunden, aber natürlich will Jenkins mit ihnen eine Botschaft transportieren. Sie sind Englands Äquivalent zu Australiens Aborigines. Sie sind die Träger der Mythen des Landes und wehren sich gegen das Ausradieren ihrer ursprünglichen Kultur. Überdeutlich – fast etwas aufdringlich – wird das in der Geschichte „Last Man Standing“ (Hellblazer 110 – 114), in der sich herausstellt, dass Rich der reinkarnierte König Artus von England ist (Bild 7).

Bild 7, Hellblazer 93 (Jenkins, Phillips)

Sehr schön ist auch das Motiv der wandelnden Stadt Abaton, die man nur dann findet, wenn man nicht nach ihr sucht. Constantine muss bei Paul Jenkins immer wieder Rätsel lösen, und in Abaton sucht er mehr als einmal nach Hilfe. Unter anderem erhält er für die Auflösung des Dilemmas der Story „Critical Mass“ in Abaton den entscheidenden Hinweis (Bild 8).

Bild 8, Hellblazer 99 (Jenkins, Phillips)

Ein weiteres Motiv ist der Gute Hirte, eine ziemlich deutliche Jesus-Figur: Nachdem John Constantine seinen bösen Doppelgänger in die Hölle geschickt hat, trifft er eines Nachts, als er nach exzessivem Alkoholgenuss ziellos durch den Wald streift, einen Schäfer am Lagerfeuer. Der Schäfer hat keine Schafe bei sich, behauptet aber, er könne seine Herde stets von überall beobachten. Er überredet Constantine dazu, sich sein Leben in Karten legen zu lassen: Die erste Karte zeigt einen Fuchs. Der Schäfer beschreibt Johns bisheriges Leben daraufhin in Form einer Tierfabel, bis hin zu dem Punkt, an dem der Fuchs seinen Widersacher, einen großen schwarzen Hund, mit Hilfe seines Spiegelbilds im Wasser austricksen und abschütteln kann. Eine klare Allegorie auf seinen Trick mit dem Doppelgänger. Die zweite Karte zeigt einen Schmetterling. Sie steht für den Wandel und die Fähigkeit, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Die dritte Karte will John nicht sehen, aber der Leser erkennt bereits, dass John wohl wieder der Fuchs sein wird. Es ist abzusehen, dass der momentane Friede und die momentane Zufriedenheit nicht von Dauer sein können (Bild 9).

Bild 9, Hellblazer 97 (Jenkins, Phillips)

Amüsant ist die Episode um James Constantine, einen Ahnen John Constantines: Der dealte im 18. Jahrhundert im englischen Städtchen Porlock mit Opium. Einer seiner Abnehmer war der Dichter Samuel Taylor Coleridge. Der echte Coleridge träumte 1797 im Opiumrausch das Gedicht Kubla Khan, wurde aber von einem Unbekannten aufgeweckt, so dass dieses Gedicht für immer ein Fragment blieb. Nach Hellblazer 105, „A Taste of Heaven“, wissen wir, dass dieser Unbekannte James Constantine war, der eine Gruppe Engel hindern wollte, ihre Propaganda vom Himmelreich ungehindert über das Medium Coleridge zu verbreiten. Tatsächlich wurde nie geklärt, wer diese unbekannte Person of Porlock war, die die Vision des genialen Colerdige so rüde unterbrach, aber seitdem ist dieser Person of Porlock eine häufig verwendete Inspiration gewesen, unter anderem für Douglas Adams, Neil Gaiman, Arthur Conan Doyle und eben Paul Jenkins4. Und auch in der Vertigo-Reihe Jack of Fables findet sich eine schöne Anspielung5 (Bild 10).

Bild 10, Hellblazer 105 (Jenkins, Phillips)

 

Das Ende

Die letzte Episode, die Sean Phillips zeichnete, war das Heft 120: Eine Jubiläumsausgabe, in der John Constantine mit seinen Zeichnern und Autoren einen Abend im Pub verbringt, in der Neil Gaimans Death einen Kurzauftritt hat und in der John Constantine auch den Leser direkt anspricht. Nach diesem Heft übernimmt Warren Pleece den Zeichenstift, was die Atmosphäre der Geschichten grundlegend ändert. Mit Warren Pleece beginnt Paul Jenkins, das Ende seines Runs einzuläuten.

John Constantine wird jetzt, da Paul Jenkins seine letzten Hefte schreibt, gründlich demontiert. Aufgrund eines erneuten Komplotts seiner alten Dämonen verlassen ihn nach und nach alle seine Freunde, und John macht einmal mehr die Erfahrung, dass er selbst die größte Gefahr für seine Freunde ist. Gleichzeitig erhält er die Überzeugung, dass der Teufel inzwischen längst die Macht über die Menschen hat und dass die Menschheit es nicht verdient, erlöst zu werden. Er trifft ein weiteres Mal den Guten Hirten, welcher versucht, Constantine davon zu überzeugen, dass die Welt es eben doch wert ist, sich um sie zu kümmern, doch kommt er nicht gegen dessen neu entfachten Fatalismus an. Stattdessen hat Constantine den einzigen für ihn überzeugenden Weg gefunden, seine Freunde vor den Folgen seiner letzten Handlungen zu schützen: Er schließt einen Pakt mit dem Teufel. Darin kann man durchaus eine Analogie zu Jesus sehen, denn so wie Jesus sich opferte, um die Welt zu retten, so opfert sich jetzt Constantine für seine Freunde. Dass ausgerechnet eine Höllenfahrt das größte Opfer darstellt, ist natürlich die bittere Pointe (Bild 11).

Bild 11, Hellblazer 128 (Jenkins, Pleece)

Aber natürlich lebt John Constantine am Ende der Storyline noch, seine Geschichte ist noch nicht auserzählt, und überhaupt ist die Geschichte ständig im Fluss, und ebenso wie die unschuldigen Kinder von Buer kann auch Constantine durchaus zur Hölle fahren und wieder zurückkehren.

Die nächsten großen Autoren der Reihe, Warren Ellis und Brian Azzarello, sollten aber erst mal kein Interesse haben, diesen Aspekt der Reihe noch weiter zu durchleuchten – vielleicht war dieses Thema mit Paul Jenkins nun auch wirklich auserzählt. Jedenfalls wurde nach Paul Jenkins eine völlig neue Richtung eingeschlagen, sehr hard boiled und cutting edge, aber das werde ich demnächst noch genauer beleuchten.

Diese von Paul Jenkins geschriebene Hellblazer-Staffel wurde von DC bisher noch nie nachgedruckt. Das liegt wohl unter anderem daran, dass sich Mitte der 90er Jahre das lückenlose Verwertungssystem von DC noch nicht völlig durchgesetzt hatte, das sämtliche Hefte einer Zweitauswertung als Paperback unterzog. (Inzwischen gibt es ja noch die Drittauswertung als digitaler Comic, bei Comixology ist die komplette Serie fast lückenlos verfügbar.) Und anders als die Geschichten von Jamie Delano und vor allem Garth Ennis wurde Jenkins‘ Run nie sonderlich verehrt, sondern gilt eher als umstritten. Inzwischen liegt aber gerade darin der große Reiz: Es ist eine völlig andere Sichtweise auf die Figur, und sie ist trotz mancher Sperrigkeit originell, witzig und darüber hinaus brillant gezeichnet. Es wäre Paul Jenkins und Sean Phillips durchaus zu wünschen, eine späte Anerkennung durch eine Zweitauswertung zu erfahren. Aber auch der derzeitige Umstand, dass es sich um weitgehend unbekannte Hefte handelt, die es wiederzuentdecken gibt, hat seinen Charme.

 

 

Zu Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing

Zu Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano

Zu Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre

Zu Teil 5: Hellblazer 1998 bis 2001



2 Möchtest du nicht versuchen, sie zu retten? – Nein Mup. Ist doch sinnlos.

3 Mit „Critical Mass“ konnte ich dem Leser sagen: Sieh her, hier haben wir alles, was Constantine war, was er heute ist und wo er ist, und durch meine Entwicklung konnte ich all die Anteile seiner Person, die mich nicht interessierten, in einen Homunculus schieben und zur Hölle schicken. Damit blieben mir die Aspekte Constantines, über die ich gerne schreiben wollte.

5 In Jack of Fables 28 erklärt der sinistre Mr Revise: „I am Revise […] the Unmaker, slayer of stories! […] It was I who interrupted Coleridge at his desk in the writing of ‘Kubla Khan‘ – a poem that would have ushered in a grand new magic had its final lines been penned!“ (Ich bin Revise, der die Geschichten auslöscht und tilgt. Ich war es, der Coleridge unterbrach, als er an „Kubla Khan“ schrieb, einem Gedicht, das eine neue Ära der Magie eingeläutet hätte, wäre es denn je vollendet worden.)

Links der Woche, 23/13: The library, the library, is the perfect place for me

Unsere Links der Woche, Ausgabe 23/2013:

 

Kim Thompson, RIP
Fantagraphics, Gary Groth
Am 19. Juni verstarb der Comicverleger, -übersetzer und -redakteur Kim Thompson im Alter von 56 Jahren an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung. Thompson gehörte zu den prägendsten Figuren der amerikanischen Independent-Comicszene. Seit 1977 war er Miteigentümer des Verlages Fantagraphics, wo mit dem Comics Journal ein kritischer, anspruchsvoller Comicjournalismus begründet wurde. Seit den 1980er Jahren verlegt Fantagraphics auch eigene Comics und ist oder war die verlegerische Heimat von Größen wie Chris Ware, Daniel Clowes, den Hernandez-Brüdern oder Charles Burns. Auch um die Veröffentlichung europäischer Comics (z. B. von Jacques Tardi, Lewis Trondheim, Jason, Igort oder Nicolas Mahler) in den USA machte sich der Verlag verdient. Fast alle diese Werke wurden von Thompson, der in Europa aufwuchs und zahlreiche Sprachen beherrschte, übersetzt.
Auf Thompsons frühen Tod reagierten zahlreiche Wegbebegleiter mit teilweise sehr persönlichen Nachrufen. Der oben verlinkte Text stammt von Fantagraphics-Gründer Gary Groth, weitere Nachrufe sammelt der Comics Reporter in einer Linkliste. Aus deutscher Sicht besonders bemerkenswert sind die (englischsprachigen) Texte von Zeichner und Verleger Stefan Dinter, der vor über 20 Jahren ein halbes Jahr lang Praktikant bei Fantagraphics war, und von Reprodukt-Gründer Dirk Rehm, dessen erster von ihm verlegter Comic eine deutsche Ausgabe des Fantagraphics-Titels Love & Rockets war.

Comics in der Stadtbibliothek Erlangen
Lesbarkeit, Sabine Kulenkampff
Wie kommen Comics in Bibiotheken und was passiert dort mit ihnen? Sabine Kulenkampff hat sich in der Stadtbibliothek Erlangen schlau gemacht und viele interessante Fakten zu Tage gefördert.

„Wir sind frei, alles zu tun“
Saarbrücker Zeitung, Tobias Kessler
Die Saarbrücker Zeitung berichtet von dem Symposium „Autorencomics zwischen Bildgedicht und Graphic Novel“, das von der dortigen Hochschule der Bildenden Künste veranstaltet wurde. Der Artikel enthält ein paar interessante Zitate aus Vorträgen und Künstlergesprächen, die an diesem Tag stattfanden.

Wie eine Graphic Novel entsteht …
NDR Kultur, Claudio Campagna
Der NDR berichtet über einen Workshop des spanischen Zeichners Max, der im Rahmen der „2. Hamburger Graphic Novel Tage“ stattfand.

CFM 2013: The Other Side of the Festival
Comic Report, Alexander Lachwitz
BLOG: Comicfestival München – Quo Vadis?
Comic Report, Matthias Hofmann
Das Comicfestival München liegt inzwischen drei Wochen zurück, befindet sich aber noch mitten in der Phase der Nachwehen. Besonders auf Seiten der „kleinen“ Aussteller, die ihre Stände getrennt von den größeren Verlagen im Alten Rathaus hatten, gab es eine Menge Unmut über organisatorische Defizite, es gab finanzielle Forderungen, gegenseitige Vorwürfe und schließlich einen Offenen Brief. Der Comic Report widmet sich dem Thema in zwei Artikeln: Im Text von Alexander Lachwitz kommen mehrere Betroffene direkt zu Wort, darunter zwei der Hauptinitiatoren des Offenen Briefes. Matthias Hofmann hingegen, der als Aussteller im Künstlerhaus vor Ort war und das Alte Rathaus nicht besuchen konnte, schreibt einen Blogbeitrag aus seiner persönlichen Sicht. Er hält den Offenen Brief für einen Fehler, befürchtet eine Spaltung der Comicszene und sorgt sich darum, dass das Festival Schaden nehmen könnte.
[Disclosure: Wir sind in dieser Angelegenheit selbst nicht neutral. Auch Comicgate gehörte zu den Ausstellern im Alten Rathaus, auch wir waren von einigen Dingen enttäuscht, auch für uns war der Festivalsonntag eine Art „verlorener Tag“ und auch wir haben den offenen Brief mit unterzeichnet. Wir bemühen uns um einen objektiven Blick auf das Thema, können hier aber nicht vollkommen unparteiisch sein. Unseren eigenen Bericht findet Ihr hier.]

Every Right
Fábio Moon und Gabriel Bá
Die wohl prominentesten Comicschaffenden Brasiliens sind die Brüder Fábio Moon und Gabriel Bá (The Umbrella Academy, Daytripper, Hellboy). Auf ihrem Blog setzen sie sich in Comicform mit den derzeit in Brasilien stattfindenden Massenprotesten gegen die Regierung auseinander und kündigen an, in ihrer Heimatstadt São Paulo selbst auf die Straße zu gehen.

Superman: “Man of Steel” – Comic-Empfehlungen
Stefan Mesch
Passend zum Kinostart des neuen Superman-Films gibt der Journalist Stefan Mesch, der sehr viele Superman-Comics gelesen hat, zehn Empfehlungen für Neueinsteiger und nennt zusätzlich auch die zehn aus seiner Sicht schlechtesten Superman-Bände.

Comic-Rennfahrer ist „Person des Jahres“
Motor Klassik
Die Leser der Zeitschrift Motor Klassik wählen jedes Jahr die schönsten Automobil-Oldtimer. Beim Motor Klassik Award 2013 hat es auch ein Comic-Oldtimer aufs Treppchen geschafft: Zur „Person des Jahres“ wurde Michel Vaillant gekürt, der von Jean Graton geschaffene Held des gleichnamigen Rennfahrer-Comics, der im letzten Jahr nach längerer Pause fortgeführt wurde.

Batman The Dark Knight Rises – Spieleimer
Elbenwald
Als Rausschmeißer ein Einkaufstipp für die, die schon alles haben.

Der junge Lovecraft

Cover Der junge LovecraftWer schon immer mal die verstörende Kindheit des weltberühmten Schriftstellers H.P. Lovecraft kennenlernen wollte, der hat jetzt dank des schicken, querformatigen Comicbandes Der junge Lovecraft die Gelegenheit dazu. Zumindest gewissermaßen, denn zugegeben sind die hier enthaltenen Stories alles, nur nicht biografisch korrekt. Lovecraft, der Horror-Meister und Schöpfer des Cthulhu-Mythos, mag als kleiner Junge vielleicht tatsächlich ein ausgewiesener Eigenbrötler, ein introvertierter Nerd gewesen sein. Doch José Olivers und Bartolo Torres Comic überspitzt die Realität natürlich und nähert sich den frühen Abenteuern des Meisters auf spaßige Weise.

So darf ihr junger Lovecraft sich mit Mumien, Ghouls, Golems und anderen Geschöpfen heurmschlagen, die er in seiner Freizeit mal so eben zum Teil selbst beschwört. Ebenso wie er Edgar Allen Poe auferstehen lässt, der prompt in seinem Mausoleum zu einer spontanen Party einlädt. Solcherlei skurille Einfälle lassen die Strips in diesem Buch nicht einzig und allein auf einen größeren Abschlussgag am Ende der Seite zusteuern, sondern durchziehen die Episoden mit morbider bis geschmackloser Situationskomik. Ein bisschen absurd, ein bisschen gruselig, aber vor allem eins: unberechenbar. Eine recht gute Idee sind auch die immer wieder eingestreuten, sogenannten „Überarbeitungen” von Literaturklassikern (z.B. Moby Dick, Die Schatzinsel, Der Rabe), so wie sie sich der junge Lovecraft vorstellt. Diese Zwischenkapitel lockern den Band wohltuend auf und schaffen gleichzeitig einen Bezug von einem berühmten Autor der Weltgeschichte (Lovecraft) zu dessen Kollegen.

Seite aus Der junge LovecraftNaturgemäß gibt es bei einer solchen Stripsammlung auch immer vereinzelte Witze, die nicht so überzeugend sind, die nicht auf Anhieb beim Leser zünden. Das ist in diesem Fall nicht anders. Unterm Strich bleibt aber ein positiver Gesamteindruck, die Lektüre lohnt sich. Charmante und lustige Figuren, absurde Momente und viel Spaß. Oliver und Torres machen einiges richtig, auch wenn man ganz streng genommen behaupten könnte, die beiden hätten ebenso gut einen unbekannten Jungen mit Vorliebe für Monster erfinden können, denn ihr „junger Lovecraft” ist eigentlich nur am Namen als ebenjener zu erkennen.

Mein persönliches Highlight, das soll zum Schluss auf keinen Fall unerwähnt blieben, ist jedoch die Galerie auf den letzten Seiten des Bandes. Eine ganze Reihe toller Künstler hat dem Comic von Oliver und Torres Tribut gezollt und eine persönliche Hommage zu Papier gebracht. Sage und schreibe 17 Stück davon habe ich gezählt. Lohnenswertes Bonusmaterial also.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Lovecraft’scher Horror, verpackt in lustige Comicstrips. Ein unterhaltsames Projekt.

 

Der junge Lovecraft
Diábolo Comics, April 2013
Text: José Oliver
Zeichnungen: Bartolo Torres
Übersetzung: Tilman Zens
104 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-84-15839-11-8
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Diábolo Comics

Super Dinosaur 1&2

Cover Super Dinosaur 1 Die neue Serie von Robert The Walking Dead Kirkman, Super Dinosaur, ist eindeutig an ein jüngeres Publikum gerichtet. Da gibt es keine Zombies, keine Superhelden, die einen etwas anderen Zugang zum Genre ermöglichen und damit einen Metakommentar abgeben (Invincible), sondern schlicht und ergreifend eine gradlinige, temporeiche Story.

Derek Dynamo ist ein Genie. Dabei ist er noch ziemlich jung und lebt bei seinem Vater, der einer der berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit ist. Leider lässt dessen Denkfähigkeit immer mehr nach. Dabei werden seine grauen Zellen dringend benötigt, schließlich will der böse Max Maximus mit seinen erschaffenen Dino-Men die Erde erobern. Und ihm steht nur der junge Derek im Weg. Doch dieser hat einen sprachgewandten, videospielliebenden großen Freund und Kampfgefährten: Super Dinosaur, ein sprechender und intelligenter Tyrannosaurus Rex. Gemeinsam kämpfen sie gegen Saurier, Maximus, Aliens … und frisch eingestellte Techniker mit Töchtern im selben Alter wie Derek.

Seite aus Super Dinosaur 2Auch wenn es jetzt sehr kokett klingen mag: Die Tatsache, dass sich Super Dinosaur eindeutig an ein jüngeres Publikum richtet, erschwert mir etwas den Zugang zu der Serie, da ich nicht hinter mein Alter zurück kann. Manches ist wahrscheinlich für Kinder grandios (um eines der Lieblingswörter des Comics zu benutzen), aber ich weiß nicht was, und manches kommt mir fremd und befremdend vor. Diese Mischung aus Jurassic Park und Superhelden ist zwar ein rasanter Spaß mit viel harmloser Krawallaction (es gibt sehr, sehr viel Action, aber ohne dass jemand dabei wirklich zu Schaden kommt), doch sie kommt mir teilweise zu kalkuliert vor. Es wirkt alles sehr glatt, was angesichts des Zielpublikums bestimmt richtig ist, aber mir fehlen ein wenig die Ecken und Kanten.

Die Gags sind kindgerecht ohne albern zu sein und die Monster zwar bedrohlich, aber nicht zu gruselig, um Kinder nicht zu ängstigen. Der Held, ein Junge, ist ein kindliches Genie, das trotzdem keinem Kampf gegen Monster, Sport und Mädchen aus dem Wege geht und kann so in einer einzigen Person mehrere Grundzüge vereinen: die Sportskanone, den Nerd und den Liebling bei den Frauen. So hat Derek immer etwas, was andere in sich wiederfinden möchten und können und füllt so jeweils die passenden Sehnsüchte aus. Und die Superheldencharakteristika mit ihrer Allmachtsphantasie sprechen dann jeden an (sonst hätte ja man nicht zu dem Comic gegriffen). So hat Kirkman mit diesem Helden eine sehr gute, aber eben kalkulierte Projektionsfläche geschaffen, die mit ihrer Altklugheit doch etwas nerven kann.

Cover Super Dinosaur 2Ist Super Dinosaur also eine schlechte Serie? Nein, das ist sie nicht, sie ist auch für Erwachsene sehr kurzweilige Unterhaltung, mit der man sich in eine andere Welt träumen kann, aber sie ist eben doch an Kinder gerichtet. Zahlreiche Wendungen machen die Story spannend und gerade im zweiten Teil gibt es einige dramatische Entwicklungen, die jeden ansprechen. Am Ende mündet das dann in gleich mehrere Cliffhanger, so dass man gerne weiterlesen möchte. Für den Happen zwischendurch ist Super Dinosaur auf jeden Fall geeignet, aber irgendwie hat man danach immer noch Hunger.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Robert Kirkmans Serie für Kinder und Jugendliche bietet viel Krawall, Tempo und Wendungen und könnte aufgrund des dramatischen Potentials auch Erwachsene ansprechen.

 

Super Dinosaur
Cross Cult, April 2013
Text: Robert Kirkman
Zeichnungen: Jason Howard
Übersetzung: Christoph Moritz
je 120 Seiten, farbig, Softcover
Preis: je 10,00 Euro

Band 1:
ISBN: 978-3-864251-46-7 
Leseprobe

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Band 2:
ISBN: 978-3-864251-47-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

 

„Die Party in der Gruft ist besser als die im Diesseits“ – Interview mit Felix Pestemer

Felix Pestemer bei der Buchlust in HannoverDer Wahl-Berliner Felix Pestemer arbeitet hauptsächlich als Illustrator, sorgte jedoch im vergangenen Jahr mit seiner Graphic Novel Der Staub der Ahnen für Aufsehen. Ende 2012 war er mit dem avant-Verlag zur „Buchlust“ nach Hannover gereist und stellte dort sein Comic-Debüt vor, ein Werk, das sich mit dem Totenkult in Mexiko beschäftigt, wo Felix längere Zeit gelebt hat. Stefan Svik hat ihn dort zum Interview getroffen.

 

Comicgate: Der Staub der Ahnen ist dein Comic-Debüt?

Felix Pestemer: Ja. Ein Debüt mit 37 Jahren (lacht). Ich bin gar nicht mit der Zielsetzung Comic daran gegangen, sondern sehr frei. Es begann mit einigen Bildern. In Erlangen 2010 konnte ich weitere Kontakte knüpfen. Und nun läuft es auch gut, denke ich. Das Buch war etwa für den Max-und-Moritz-Preis nominiert.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Schwer zu sagen. Ich hatte ein Stipendium für 2005/2006, da habe ich mit der Arbeit begonnen. Als ich dann aus Mexiko wiederkam, lag es erst mal rum. Dann habe ich es in der ersten, ursprünglichen Fassung in einer Mini-Auflage produziert. Netto habe ich wohl über zwei Jahre an dem Buch gearbeitet. Wahrscheinlich eher etwas länger.

 

Du hast es auch selbst koloriert?

Ja. Das sind alles komplett analoge Arbeiten. Im Buch finden sich die Scans von analogen Arbeiten.

 

Du nutzt den Computer also gar nicht?

Die Zeichnungen und die Kolorierung entstehen komplett in Handarbeit. Danach werden die Bilder eingescannt und dann teils noch bearbeitet. Das machen dann andere Leute. Ich bin Oldschool-Handarbeiter. Der Bleistift ist mein Hauptwerkzeug.

 

Felix führt eine Präsentation für Der Staub der Ahnen vor. Dabei zeigen die Bilder ein Ereignis, während die Texte eine Geschichte erzählen, die ganz bewusst von etwas anderem handelt. Während der Text in Der Staub der Ahnen von ihm selbst stammt, wird er beim nächsten Comicprojekt mit einem befreundeten Autor zusammenarbeiten.

 

Cover Der Staub der AhnenIst dir bei der Zusammenarbeit mit einem Autor der persönliche Kontakt sehr wichtig oder könntest du auch gut per Mail mit jemand anderem zusammenarbeiten?

Der persönliche Kontakt ist unerlässlich. Wenn es nicht anders gehen würde und es gut bezahlt wäre, würde ich es natürlich auch anders machen. Aber ich finde die persönliche Ebene 1000-mal besser. Damit das Konglomerat auch stimmt. Wenn man das nicht macht, würde ich sagen, dann ist das Professionalität an der falschen Stelle.

 

Dein Buch wird auch in Mexiko erscheinen?

Ich bin auf der Suche. Ich hatte es bereits in der mexikanischen Botschaft in Berlin ausgestellt. Mit Verlagen reden. Konditionen überdenken. Insgesamt habe ich schon über acht Ausstellungen mit diesen Bildern durchgeführt. Es gibt auch dieses großartige Volkskunstmuseum in Mexiko-Stadt, das wäre fantastisch für eine Ausstellung!

[Anmerkung: Wie Felix Pestemer im Mai 2013 mitteilt, wird die Ausstellung 2014 tatsächlich im Volkskunstmuseum von Mexiko-Stadt, dem Museo de Arte Popular, zu sehen sein.]

 

Planst du bei den Graphic Novels zu bleiben oder möchtest du weiterhin auch Kinderbücher gestalten oder zum Film?

Film nicht. Ich mache jetzt noch eine weitere Graphic Novel. Ich habe jetzt eine kleine Tochter und möchte die Kinderbuch-Projekte gerne weiterverfolgen. Da habe ich auch total Lust drauf! Ich will breit aufgestellt bleiben.

 

Von dem Buch Der Staub der Ahnen allein kannst du wahrscheinlich noch nicht leben?

Das klappt überhaupt nicht. Im Gegenteil, das ist viel zu aufwändig. Zum Geldverdienen macht das keinen Sinn. Ich hatte aber bisher Glück mit dem Buch. Das Interesse ist vorhanden. Im Januar 2012 ist das Buch auf Französisch bei Actes Sud und im Herbst 2012 auf Spanisch unter dem Titel ‚El polvo de los antepasados‘ beim Verlag La Cúpula erschienen; unabhängig davon bin ich immer noch auf der Suche nach einem mexikanischen Verlag.

 

Arne Jysch sagte in unserem Interview, dass Werbung finanziell lohnender sei als Comics, dass es dafür aber ein gutes Gefühl sei, seinen Namen auf einem Buch zu sehen, eine eigene Leistung vorzeigen zu können. Geht dir das auch so?

Wenn etwas von mir ist, auch bei den Kinderbüchern, dann soll auch mein Name darauf stehen. Warum denn nicht? Es kommt aber auch darauf an, wie groß der eigene Beitrag war. Wenn ich „nur“ der Illustrator war, dann ist die Identifizierung mit dem Buch geringer. Bei Der Staub der Ahnen ist eben alles von mir.

Präsentation am Laptop von Felix PestemerFelix führt seine Präsentation fort. Darin sind Bilder vom Tag der Toten zu sehen, etwa ein Altar-Wettbewerb in Mitla. Einige dieser Fotos, die er in Mexiko aufnahm, wurden teils nur leicht verändert in das Buch übernommen. Die Leser können darin mehr über den Totenkult und die Darstellung des Todes in Mexiko erfahren.

Ganz vieles davon habe ich so, wie ich es gesehen habe, übernommen. Etwa die Speiseopfer. Hier ist es etwa Zuckerrohr, weil das in dieser Gegend wächst. Das variiert sehr stark, je nach Region.

 

Ist das eine Gegend Mexikos, in der es zur Zeit besonders gefährlich ist?

In Mexiko ist es generell überall sehr gefährlich. Und Mexiko-Stadt ist zur Zeit der sicherste Ort.

 

Bist du in Mexiko in bedrohliche Situationen geraten?

Es gab einige Situationen, in denen man mir mein Geld abnehmen wollte. Aber das waren keine Raubüberfälle oder so. Das ging immer alles glimpflich aus. Ich denke, das hat auch immer viel damit zu tun, wie man sich im Land bewegt. Wenn man Spanisch kann und sich souverän verhält, also nicht ängstlich, dann ist das besser. Einiges ist besser geworden. Die Korruption geht zurück. Und die Drogenkartelle werden härter angegriffen. Was wiederum viele tragische Folgen hat, wie die zahlreichen Todesopfer. Jedes mittelgroße Geschäft hat Wachschutz, oft mit Maschinenpistolen ausgestattet.

Felix fährt mit der Präsentation fort.

Bild aus Der Staub der AhnenHier sehen wir die Jungfrauenfigur und auch die Colaflaschen. Das sind auch immer ganz typische Elemente bei der Gestaltung der Altare. Im Glossar des Buches habe ich diese Dinge beschrieben, allerdings ohne diese Fotos, die sind nur für meine Vorträge gedacht.

Hier sehen wir persönliche Gegenstände der Toten. Offensichtlich ein sehr reiselustiger Mensch, wir sehen seinen gepackten Koffer am Altar. Das hat mir so gut gefallen, dass ich es für das Buch übernommen habe. Und hier: diese göttliche Sonnenbrillensammlung! (lacht) Das hätte ich mir selbst nie ersponnen. Das muss man selbst erleben!

 

Die Gesichter der Menschen wurden im Buch verfremdet. Aus Pietät?

Ich nehme natürlich fiktive Figuren. Ich maße mir nicht an, die echten Verstorbenen wiederauferstehen zu lassen! Ich suche mir Figuren aus, die mich interessieren.

 

Ist es für dich als Zeichner sehr wichtig, vor Ort gewesen zu sein, ist das anders als nur auf Fotos zurückgreifen zu können?

Kommt darauf an. Was ich jetzt gerade mache, ist eine Groteske. Das ist fantastisch, hat also keinen realen Hintergrund. Also brauche ich dafür, wenn überhaupt, Vorlagen, etwa: Wie zeichnet man jetzt diesen oder jenen Gegenstand?

Hier sieht man die Zucker- und Schoko-Totenschädel. Und hier, die orangenen Totenblumen, die Xempasuchitl, die werden oft LKW-weise angekarrt. Da stehen dann tausende von LKWs auf dem Marktplatz, die komplett beladen sind.

 

Also ist der Totenkult in Mexiko schon fast ein Wirtschaftszweig?

Natürlich! Für sehr viele Leute!

Bild aus Der Staub der AhnenHier ist auch noch eine Szene aus Oaxaca, die ich selbst erlebt habe. Nachts auf dem Friedhof lag ein Mann auf einem Grab. Ich weiß nicht, ob er gelitten hat oder betrunken war. Ich fand die Szene zumindest stark. So etwas wäre in Deutschland undenkbar. Von so einer Situation mache ich natürlich kein Foto. Also habe ich es, als ich in meinem Zimmer war, in mein Skizzenbuch gezeichnet.

 

War es schwierig, einige Motive zu fotografieren?

Die meisten wollen das eher nicht. Ich war auch nicht gezielt auf Motivsuche. Und ich wollte natürlich pietätvoll sein, also habe ich oft eher gezeichnet.

 

Aber du erwähntest auch einen Altar-Wettbewerb, da war es mit den Fotos sicher anders?

Na klar! Die wollten natürlich fotografiert werden! Die sind total stolz. Das ist ein Riesenwettbewerb mit Kommission und Musikband, mit Jury und Zuschauern. Da werden alle Teilnehmer zu Hause besucht, geben Auskunft über ihren Altar und ihre Familiengeschichte. Das ist wie ein Pressetermin. Zum Tag der Toten stellen sie sich dann in einer Reihe auf und werden fotografiert. Das ist dann das einzige Mal, dass sie fotografiert werden.

Hier sehen wir Vorstellungen vom Jenseits. Ich wollte die Angst weg haben. Manches wollte ich etwas frivoler haben. Meine Vorstellung des Jenseits ist eher eine fröhliche Geschichte. Ich versuche das schön darzustellen, auch wenn natürlich Skelette zu sehen sind. Sie feiern miteinander und die Party in der Gruft ist besser als die im Diesseits.

 

Bild aus Der Staub der AhnenBist du ein sehr religiös interessierter Mensch?

Die Beschäftigung mit dem Tag der Toten bringt das Thema Religion mit sich. Mich hat eher die Bilderwelt interessiert. Dass diese Traditionen dort so stark sind, hat sicher auch mit der Religiosität der Leute zu tun. Gedanken über den Tod haben natürlich auch etwas mit Glauben zu tun. Für mich bedeutet das aber nicht zwingend christlicher Glauben, sondern allgemein mit Glaubensvorstellungen.

 

Der Glaube der Maya und Azteken kannte keine Angst vor dem Tod, kein Konzept von Himmel oder Hölle. Heute ist davon wahrscheinlich weniger übrig und die katholische Religion überwiegt in Mexiko?

Ja. Aber es war ein wenig wie bei den alten Römern. Je weiter sie expandierten, umso weniger konnten sie den neuen Gebieten ihren Glauben aufzwingen. Man hat versucht, sich dort hineinzuschummeln. Die indigenen Kulturen waren so stark und haben sich behauptet. Letztlich entstand dann daraus eine Melange. Es ist eine schöne Anekdote, dass die Kathedrale in Mexiko-Stadt auf dem Fundament und mit den Steinen der Hauptpyramide von Tenochtitlan gebaut wurde. Das ist sinnbildlich für die Conquista.

Der Glaube in Mexiko ist ultrastark. Deshalb war Papst Johannes Paul II. auch so gerne dort. Den Gläubigen in Mexiko ist Prunk eher fremd.

 

Du kritisierst die katholische Kirche nicht in deinem Buch?

Ich glaube nicht. Ich bilde die Realität ab, ich dokumentiere. Ich kommentiere und bewerte das nicht.

 

Ich will nicht behaupten, dass mich dein Stil an Milo Manara erinnert, aber das exotische Szenario erinnert mich gerade entfernt an ihn oder auch an Hugo Pratt, aber eher wegen der geschilderten Stimmung. Kennst du Manaras Zeichnungen?

Nein, kenne ich nicht.

 

Gibt es andere Comic-Zeichner, die dich beeinflusst haben? Du kommst ja nicht vom Comic, sondern von der Freien Kunst.

Im weitesten Sinne gibt es Einflüsse, aber dann wiederum auch nicht. Ich hatte da wenig Kontakt. Und ich finde es auch besser, Vorbilder von außerhalb des Mediums Comic in meine Werke einzubringen. Nicht grundsätzlich, aber hier schon. In diesem Fall waren es etwa die mexikanischen Muralisten oder die Volkskunst. Die Leute basteln ja heute noch diese Skelettfiguren und ähnliches. Das waren eher meine Vorbilder.

 

Und wenn du auf Comicveranstaltungen wie in Erlangen bist, kommst du dann nicht in Kontakt zu anderen Comickünstlern und bleibst du eher für dich?

Klar habe ich da Kontakt! Aber das bedeutet nicht, dass ich anfange, mich künstlerisch anzugleichen. Irgendwann schlägt sich das allerdings sicher nieder. Dadurch, dass man so viele Kontakte zu coolen Leuten hat, die so verschiedenen Sachen machen.

 

Felix zeigt weitere Bilder seiner Präsentation, etwa einen Ausschnitt aus einem Wandgemälde von Diego Rivera. Zusammen mit Frida Kahlo der vielleicht bekannteste Künstler Mexikos.

 

Kennst du den Frida-Kahlo-Comic von Willli Blöß? Der wurde am Gratis-Comic-Tag verteilt und erschien in einer Reihe von Künstlerporträts als Comic.

Nein, den kenne ich leider nicht.

 

War Frida Kahlo eine Inspiration für deine Zeichnungen?

Eher Diego Rivera.

Hier sehen wir Frida Kahlo und Leo Trotzki bei einem Treffen 1937.

 

Kahlo hatte in ihrem Haus, dem berühmten Blauen Haus in Mexiko, das sie mit Diego Rivera bewohnte, ein Stalin-Porträt. Sie sympathisierte mit dem Kommunismus. Passender Comic zum Thema Amerika und Kommunismus: Castro von Reinhard Kleist. Hast du den gelesen?

Nein. Ich habe nur seinen Johnny-Cash-Comic gelesen.

 

In deiner Präsentation zeigst du viele Vorlagen für dein Buch. Verpassen die Leser viel, wenn sie die Vorlagen nicht kennen?

Dafür gibt es ja das Glossar.

 

Bild aus Der Staub der AhnenDu setzt also ziemlich viel Vorwissen für dein Buch voraus?

Na ja, man muss das ja nicht alles wissen. Es ist nicht unbedingt notwendig zu wissen, dass hier etwa ein kunsthistorisch wichtiges Wandgemälde als Hintergrund dient. Für das Verständnis der Geschichte ist das nicht wichtig, aber wer will, kann im Glossar darauf stoßen und das ist dann ein zusätzliches Geschenk. In meinen Ausstellungen waren immer einige Vitrinen mit Quellenmaterial, die waren beim Publikum immer extrem beliebt. Das ist auch etwa in der Hessenschau zu sehen.

 

Du bist Autor und Zeichner, machst du beides gleich gerne?

Ja. Das Zeichnen ist natürlich zeitaufwändiger. Aber beim nächsten Buch arbeite ich mit Kugelschreiber, das geht schneller. Das Schreiben ist wichtig – Geschichten zu erfinden, darauf habe ich große Lust! Beim nächsten Buch habe ich allerdings mit einem Autor zusammengearbeitet, wir haben das Storyboard gemeinsam entworfen. In Der Staub der Ahnen machen die Bilder gut 90 Prozent des Buches aus.

 

Im Buch findet sich auch eine Szene mit einer mexikanischen Pyramide. Fasziniert dich die Architektur der Maya und Azteken?

Schon. Aber das würde mir nicht genügen als Inspiration für ein Buch. Mich interessiert das Gesamtbild, zusammen mit dem Tag der Toten. Da fließt ja auch einiges zusammen.

 

Was denkst du über die Unterscheidung zwischen Comic und Graphic Novel, etwa auf einer Messe wie der Buchlust?

Auf der Buchlust wäre der Begriff Comic wohl zu unklar. Die Besucher wüssten dann möglicherweise nicht genau, was sie erwartet. Die Begriffe sind mir zu schwammig. Ich würde mein Buch am ehesten als illustrierten Briefroman bezeichnen.

 

Haben die Mexikaner ein anderes Verhältnis zu Comics als wir Deutschen?

Sie haben viel von diesen Trash- und Gewaltheften. Mit viel Gewalt und viel Sex.

 

Die Tijuana Bibles, die etwa in Alan Moores Watchmen gewürdigt werden?

Genau. Die kosten 5 Pesos oder so, auf der Straße.

 

Also gibt es dieses Phänomen immer noch?

Durchaus. Aber es gibt auch andere Sachen, etwa illustrierte Bücher. Auch in Buchläden. Aber viel weniger als in Deutschland. Die richten sich an ein ganz anderes Publikum als die Heftchen. Das Gefälle in der Gesellschaft ist dort wesentlich größer.

 

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Puttbill – Homepage von Felix Pestemer
Der Staub der Ahnen beim avant-Verlag

 

Abbildungen: © Felix Pestemer
Photos: © Stefan Svik

Wie ein leeres Blatt

Cover Wie ein leeres BlattAusgerechnet eine Graphic Novel aus Carlsens neuer Produktschiene für Frauen ist für mich die Comic-Entdeckung des Jahres – dabei war ich doch gar nicht die anvisierte Zielgruppe. Deswegen gleich das ganze Carlsen-Marketing als verunfallt abzukanzeln, wie es bei Zeit Online der Fall war, ist aber vielleicht auch etwas snobistisch, denn Carlsens Prosecco- und Schnittchen-Marketing „for ladies only“ sollte man als Außenstehender vielleicht nicht so bierernst sehen. Gönnen wir den Ladies, die das anspricht, doch den Spaß am Rollenspiel und hoffen wir, dass viele Brigitte-Leserinnen Gefallen an anspruchsvollen graphischen Erzählungen finden. Das nächste Mal sind dann vielleicht auch wieder die angesprochen, die sich diesmal nicht der anvisierten Zielgruppe zugehörig fühlten.

Das vorliegende Buch ist ein typisches Produkt der neuen französischen Schule à la Sfar, Trondheim etc. und erinnert mit seinen Zeichnungen auch an unseren Mawil. Während dieser sich aber meist – durchaus gelungen – mit ebenso gefälligen wie vorhersehbaren kleinen Episoden des Lebens (bisher) zufriedengibt, legt Zeichnerin Pénélope Bagieu hier einen wirklich runden und ergiebigen Roman vor, der sich dennoch völlig ohne Anstrengung liest. Da ist eine Künstlerin am Werk, der man anmerkt, dass sie gelesen werden will. Ihr Partner Boulet hat aber auch eine reizvolle Geschichte vorgelegt.

Seite aus Wie ein leeres BlattDas Buch dreht sich um eine junge Frau, Eloise, die zu Beginn der Geschichte auf einer Bank in Paris sitzt und ihr Gedächtnis verloren hat. Sie kann sich an nichts mehr erinnern: nicht an ihren Namen, nicht an ihre Adresse und schon gar nicht an die Umstände, die sie in diesen Zustand versetzt haben. Zum Glück hat sie noch ihre Handtasche als Rettungsanker (wie es sich in einem Comic für Ladies gehört), und so kann sie ihr erstes Abenteuer bravourös meistern: Das Betreten der eigenen Wohnung. Schon hier werden die Klischees unzähliger Agenten-Räuberpistolen wie XIII oder der Bourne-Verschwörung genüsslich auf den Kopf gestellt, denn Eloises Fantasie spielt in ihrem Kopf selbstverständlich die naheliegenden Szenarien durch: dass in ihrer Wohnung ein Toter sein könnte, das FBI, ein Doppelgänger, Agenten, Gäste für eine Überraschungsparty, ihr untreuer Ehemann usw.

Auf der Suche nach ihrer wahren Identität wird sie immer wieder Opfer solcher irrationalen Vorstellungen. So werden ganz nebenbei auf durchdachte Weise auch einige erzählerische Grundsätze geradegerückt: Nicht das Leben ist langweilig und banal, vielmehr sind es zu viele und mehr schlecht als recht erfundene Krimis, die so gar nichts mit dem wahren Leben zu tun haben.

Seite aus Wie ein leeres BlattWas wirklich zählt, haben Boulet und Pénélope Bagieu wunderbar humorvoll und berührend in ihrer Graphic Novel Wie ein leeres Blatt auf den Punkt gebracht. Dabei geht ihnen auch gegen Ende nicht der erzählerische Atem aus. Im Gegensatz zu vielen neueren Comics dieser Art – auch von Meistern wie Sfar – wird die Spannung bis zum Ende durchgehalten. Das Buch mäandert gegen Ende nicht aus, sondern überzeugt bis zum Schluss.

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Ein echter Höhepunkt des Comic-Jahres 2013.

Wie ein leeres Blatt
Carlsen Verlag, März 2013
Text: Boulet
Zeichnungen: Pénélope Bagieu
Übersetzung: Ulrich Pröfrock
208 Seiten, farbig, Flexocover mit Spot und Gummiband
Preis: 17,90 €
ISBN: 978-3-551-75109-6
Leseprobe (frz.)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag

Asterios Polyp (US)

Zu Beginn von Asterios Polyp schlägt der Blitz ein: Das Haus brennt, der gleichnamige Held des Comics muss sein stilvoll eingerichtetes, allerdings ziemlich verlottertes Apartment verlassen und in die verregnete Welt hinaus. Er sieht müde aus, dieser Asterios Polyp, wirkt eher passiv, und außer ein paar Dollar hat er nicht viel bei sich. Es ist der nicht ganz freiwillige Beginn seiner Reise zu sich selbst. Und während Asterios dorthin unterwegs ist, erfahren wir in Rückblenden, was bisher geschah.


Die komplette Rezension zu Asterios Polyp lest Ihr in Folge 8 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake, Marc-Oliver Frisch und Janus M. Hirsch.

City of Glass (US)

Nominell eine Detektivgeschichte, in der der Autor Daniel Quinn einen scheinbar für den Privatdetektiv Paul Auster bestimmten Anruf erhält und sich entschließt, den Fall trotz der Verwechslung zu übernehmen. Tatsächlich ist die Form der Detektivgeschichte aber nur ein Konstrukt, das Auster nutzt, um eine Menge postmoderner Ideen über das Verhältnis zwischen Werk und Künstler, Doppelgängerei und die puddinghafte Konsistenz von persönlicher Identität zu präsentieren, die mir beim Lesen des Romans durchaus Spaß bereitet haben.


Die komplette Rezension zu City of Glass lest Ihr in Folge 8 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

3gegen1, Episode VIII: Go-Go-Gadget-O-Mazzucchelli

Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: City of Glass: The Graphic Novel von Paul Auster, Paul Karasik und David Mazzucchelli und Asterios Polyp von David Mazzucchelli. Als Gastrezensent diesmal mit dabei: der luxemburgische Lokalfeuilletonist und Astralstatiker Janus M. Hirsch.

Cover Paul Auster's City of Glass

WEDERHAKE: Frisch, dass es seit meiner, deiner, unserer letzten „2gegen1“-Besprechung so lange gedauert hat, ist dem Umstand geschuldet, dass ich hochgradig irritiert war. Wie ja allgemein bekannt ist, und wie du, ich, wir ja durch subtile Hinweise in deinen, meinen, unseren Texten und dem Namen „2gegen1“ angedeutet haben (sind es 2 Personen gegen jeweils 1 Comic oder 2 Comics gegen jeweils 1 Person?), sind wir ja Facetten derselben Person, die uns Worte in den Mund legt. Und bisher funktionierte das ja auch ganz wunderbar, wir waren uns einig. Wir waren 1. Und dann gehen du, ich, wir plötzlich bei Guy Delisles Jerusalem völlig auseinander und ich frage mich, was das über dich, mich, uns aussagt. Bin ich jetzt noch ich? Bist du jetzt noch du? Und bist du noch ich? Bin ich noch du? Wer sind wir? Und wer ist der Mann, der unter diesen Pseudonymen B.W. und M.-O.F. schreibt? T.K.? S.T.? D.W.? D.Q.? Ist das noch dieselbe Person?

Schwierige, kopfschmerzinduzierende Fragen, mein Alter Ego, die dann dazu führten, dass ich eine Pause brauchte; die ich genutzt habe, um thematisch angemessen Paul Karasiks und David Mazzucchellis Umsetzung des klassischen Paul-Auster-Romans City of Glass zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder zu lesen. Das ist nominell eine Detektivgeschichte, in der der Autor Daniel Quinn einen scheinbar für den Privatdetektiv Paul Auster bestimmten Anruf erhält und sich entschließt, den Fall trotz der Verwechslung zu übernehmen. Tatsächlich ist die Form der Detektivgeschichte aber nur ein Konstrukt, das Auster nutzt, um eine Menge postmoderner Ideen über das Verhältnis zwischen Werk und Künstler, Doppelgängerei und die puddinghafte Konsistenz von persönlicher Identität zu präsentieren, die mir beim Lesen des Romans durchaus Spaß bereitet haben.

Die Frage ist, wie setzt man so ein Buch um, das nur minimalen Antrieb durch aktive Handlung hat und primär aus sprechenden und philosophierenden Personen besteht? Werden 130 Seiten Talking Heads nicht langweilig? Laut dem von Art Spiegelman verfassten Vorwort hatte Mazzucchelli dasselbe Problem und erst als man Paul Karasik hinzuzog, fand der Comic seine Form. Und was das für eine Form ist. Karasik und Mazzucchelli verstehen nämlich, dass eine Adaption sich immer überlegen sollte, welche Stärken und Vorteile das Medium mit sich bringt, in das ein Werk adaptiert wird. Hier bedeutet das konkret, dass man sehr stark und immer wieder auf visuelle Metaphern und Allegorien setzt, die in Austers Roman schlicht nicht zu finden waren. Das Leitmotiv der Frage nach der Realität von Identitäten wird gleich am Anfang dadurch visualisiert, dass der Leser das Klingeln eines Telefons als Klangwort sieht, so wie scheinbar das dazugehörige Telefon. Nur um beim Rauszoomen zwei Panels später festzustellen, dass es bloß das Bild eines Telefons auf jenem Telefonbuch war, auf dem das echte Telefon steht. (Wenn du noch metatextueller werden möchtest, Frisch, kannst du als frankophone Saarlouise natürlich auch anmerken, dass ceci n’est pas un téléphone.) Nichts ist sicher, nichts ist real.

An anderen langschwafeligen Stellen nutzen die Künstler die Gelegenheit, um von einem Panel zum nächsten zu morphen, dass es eine Freude ist: Da wird der Halbmond zur Apfelsine und eine Skyline zu einem Strichgewirr und das wiederum zu einem Labyrinth von oben, das sich beim Rauszoomen als Fingerabdruck an der Scheibe vor besagter Skyline erweist. An anderer Stelle wird eine Geschichte nur mit Piktogrammen untermalt. Und da ist jener Moment, in dem eine Figur davon spricht, dass am Anbeginn der Welt Wort und von ihm repräsentierter Gegenstand austauschbar waren (signifié = signifiant, womit wir wieder zum Telefon vom Anfang zurückkommen). Das stellen Mazzucchelli und Karasik dann dar, indem Adam seinen Schatten „Schatten“ nennt und dann in den folgenden Panels statt eines gezeichneten Schattens das Wort „Schatten“ an seinem Körper klebt. In diesem Kontext hat die Aussage „What Quinn liked about mysteries was their economy. There is no sentence, no word that is not significant (!)“, plötzlich eine Bedeutung erhalten, die sich mir beim bloßen Lesen des Romans nicht erschlossen hatte. Die Comicumsetzung hatte für mich also einen Mehrwert, was vielleicht das größte Lob ist, das man einer Adaption aussprechen kann.

Ich muss aber auch zugeben, dass mich die visuelle Umsetzung gelegentlich überfordert hat. Die Bedeutung der Bilder, die den Monolog Peter Stillmans des Jüngeren untermalen (jenes Menschen, der Daniel Quinn anheuert), erschließt sich mir oft nicht, obwohl es rein formal sehr beeindruckend ist, wie zuerst konstant über drei bis neun Panels hinweg an etwas herangezoomt wird und das Zoomen dann immer weniger Panels in Anspruch nimmt, bis am Ende jedes Panel einen neuen Gegenstand zeigt, was ich als gezeichnete Variante eines „Schnittgewitters“ im Film ansehen würde.

Ein anderes Element, das im Comic hinzu kommt und im Roman natürlich nicht zu finden war, ist der Seitenaufbau: Den ganzen Comic hindurch wird die Geschichte innerhalb eines hochformalen 9-Panel-Grids erzählt, was zunächst nur eine stilistische Entscheidung zu sein scheint. Bis auf Seite 22 der Gutter zwischen den Panels ersetzt wird durch die vier Eisenstangen einer Gefängnistür. Und – POW! – auf einmal ist das gewählte Gittermuster auch ein Symbol dafür, wie man in etwas gefangen ist. Was auch immer dieses Etwas sein mag. Wenn dann auf Seite 60 ein zusammengehöriges Bild in neun Panels zerschnitten wird, dann sehe ich da wieder die Eisenstangen. Daniel Quinn ist gefangen in dem Fall, der nie an ihn, sondern immer an Paul Auster gehen sollte. Ganz zu schweigen davon, dass dieses 3-mal-3-Muster plötzlich überall im Comic als visuelles Leitmotiv auftaucht: Die Tasten eines Telefons, Postfächer, Fensterrahmen. Erst am Ende der Geschichte, wenn Daniel Quinn sich selbst verliert (oder, je nach Lesart, feststellt, dass seit dem Tod seiner Familie ohnehin kein Daniel Quinn mehr existierte) und überhaupt nicht mehr weiß, wer er noch ist oder je war, erst da wird das rigide Gittermuster mit maximaler Effektivität gesprengt. Ich kenne wenige Comics, in denen Inhalt und Form so schön und gekonnt zusammenspielen.

Dazu passt auch, dass zum Ende hin, wenn Quinn seinen Bezug zur Welt und der Realität verliert, die Zeichnungen zunehmend grobschlächtig und skizzenhaft werden – so wie schon vorher eine Passage über Obdachlose und die Verlierer unserer Gesellschaft holzschnittartig und leicht U-comixig dargestellt wurde. Solche kleinen, genialen Momente durchziehen den ganzen Comic: Weiß Quinn nicht mehr, wie es jetzt weitergehen soll, dann passiert das in einem Panel ohne Umrandung und mit viel Weißfläche. Und an anderer Stelle entspricht die Körperhaltung einer Figur exakt der Körperhaltung eines Aufziehmännchens, an dem sie vorbei geht. Bestimmte Interpretationsansätze, die mir im Roman entgingen, wurden mir erst in der komprimierten Form des Comics präsent: Dass Daniel Quinn zunehmend so geht wie Peter Stillman der Ältere (den er für Peter Stillman den Jüngeren beschattet). Dass Paul Austers Sohn (auch Daniel) dieselbe Tendenz zum Reimen hat wie Peter Stillman der Ältere.

Einzig, ein zentrales Element des Buches funktioniert in der Umsetzung nicht so effektiv: Immerhin geht es in Austers Roman auch immer wieder darum, wer wir eigentlich sind und ob es einen individuellen Daniel Quinn gibt oder ob mehrere (oder alle?) Figuren in dieser Geschichte doch eigentlich dieselbe Person sind. „Everybody’s Daniel“, wie Austers Sohn feststellt. Dadurch, dass aber die visuellen Darstellungen der Figuren hier doch in vielen Bereichen sehr distinkt sind, muss man ein feines Gespür für diese Subtilitäten mitbringen oder, weil man das Buch schon gelesen hat, bereits im Vorfeld auf dieses Element eingestellt sein, um sich als empfänglich zu erweisen.

Trotzdem, Frisch, in einem mit total unnützen Umsetzungen vollgeramschten Feld sticht Karasiks und Mazzucchellis City of Glass wohltuend heraus, weil es dem Wesen des Romans treu bleibt, es dabei aber schafft, weitere, nur im Rahmen eines Comics mögliche Elemente hinzuzufügen, die dem Leser eine zusätzliche Ebene bieten, auf der er die Geschichte interpretieren und analysieren kann. Insofern sollte man den Comic wohl nicht als Ersatz des Buches sehen, sondern eher als Ergänzung. So geht das.

Und jetzt, Frisch, frage ich mich, welche Antwort ich mir dazu unter deinem Namen geben werde.

wertung9

 

* * *

FRISCH: Ich will nicht grob sein, Wederhake, du alte Facette, aber Karasiks und Mazzucchellis City of Glass ist weder ein „Ersatz“ noch eine „Ergänzung“ der Vorlage. Wenn der Comic überhaupt irgendwas ist, dann ein Witz, genau wie Austers Roman auch. Doch dazu später mehr.

5.

Ich weiß, du meinst es gut, aber mit der Adaption als Ersatz oder Ergänzung eines „Originals“ tu ich mich schwer. In erster Linie geht’s doch darum, was Eigenes zu schaffen – und zwar mit ganz anderen Mitteln.

Natürlich ist es nett, wenn Kubricks 2001 den Lesern von Clarkes 2001 – Film und Roman sind in diesem Fall gleichzeitig und in Zusammenarbeit zwischen Autor und Regisseur entstanden – neue Dimensionen zur Interpretation eröffnet, oder umgekehrt. Aber der Reiz, den Stoff in verschiedenen Medien zu präsentieren, ergibt sich doch gerade daraus, dass so wieder etwas komplett Neues entsteht. Ich habe Clarkes 2001 nie gelesen, und ich werd’s auch in naher Zukunft nicht tun. Trotzdem vermisse ich an Kubricks 2001 nicht das Geringste. Der Film gibt mir alles, was ich brauche, um ihn als eigenständiges Werk zu erkennen. Gleichzeitig freue ich mich darauf, mir endlich mal Kirbys 2001 zu Gemüte zu führen – nicht, weil ich mir davon neue Erkenntnisse zu Kubricks Version erhoffe, sondern weil ich weiß, dass das Resultat wieder völlig anders ausfällt.

Der Roman ist der Roman, der Film ist der Film, der Comic ist der Comic. Ergänzung? Von mir aus, ist bei mehreren Interpretationen desselben Stoffs ja fast unvermeidlich. Aber davon, dass eine Interpretation die andere ersetzen müsste, sollte, könnte, wollte, kann doch keine Rede sein. Wer weiß, vielleicht wagt sich irgendwer irgendwann ja mal an eine Neuverfilmung. Die wäre dann auch wieder ihr eigenes Ding. Eine thematisch verwandte und – unabhängig von der jeweiligen Qualität – gleichwertige Koexistenz ist keine Schande, und eins nimmt dem andern auch nichts weg.

4.

Dieser Aspekt interessiert mich auch darum besonders, weil ich mich kürzlich über die Comic-Ausgabe der Neuen Rundschau (3/2012) geärgert habe. Da stehen viele gescheite Texte drin und einer von Christoph Haas. Unter dem unheilschwangeren Titel „Graphische Romane? Zum schwierigen Verhältnis von Comic und Literatur“ (S. 47-63) macht Haas sich dort alsbald Gedanken über den vermeintlichen Impetus von Comic-Adaptionen:

„Ein durchschnittliches oder mit Mängeln behaftetes Werk kann inspirieren, es in einem anderen Medium zu verbessern; es gleicht einem Bauplan, der erst noch umzusetzen ist. Das Meisterwerk dagegen kann begeistern; der Grad der Vollendung, der sich in ihm zeigt, lähmt aber die eigene Kreativität.“ (S. 50)

Ich habe ein schwieriges Verhältnis zu dieser Feststellung.

Natürlich ist Haas mit seiner Meinung nicht alleine. Jeden Tag kommen Menschen aus Kinos und streiten darüber, ob nun „der Film“ besser sei oder vielleicht doch „das Buch“. Und für Menschen, die gerade aus dem Kino kommen, ist das auch total legitim.

Auf der Ebene der kritischen Auseinandersetzung sollte man inzwischen allerdings weiter sein. Stand es für Marguerite Donlon, als sie Romeo und Julia in Ballettform auf die Beine stellte, im Mittelpunkt ihrer Überlegungen, ob ihre Version Shakespeare überflügeln oder im Vergleich unterliegen würde? Ich bin da eher skeptisch.

Natürlich können Adaptionen Teilaspekte des Originals – Plot, Figuren, Darstellung, Ausstattung, Dialoge, etc. – verbessern; und genauso können sie daran scheitern, zentralen Aspekten der Vorlage gerecht zu werden. Aber weder der eine noch der andere Fall sind mehr als Nebenprodukte des Ansatzes, dem Stoff mit anderen Mitteln auf die Pelle zu rücken. Jede gelungene Adaption erfindet auf ihre Weise das Rad neu, was den gewählten Stoff angeht – ganz unabhängig davon, in welcher Form und in welchem Medium dies geschieht. Wer Mängel beseitigen möchte, der braucht keine Adaption, sondern einen Handwerker.

Haas nimmt danach – zu Recht – die Knesebeck’sche Comic-Adaption von Kafkas Verwandlung auseinander. Es ist eine dieser traurigen 08/15-Nacherzählungen, von denen der Markt seit Jahren überschwemmt wird. Die Autoren wussten sich offenbar nicht anders zu helfen, als den Plot der zugrunde liegenden Vorlage möglichst unfallfrei und mit aufs Banalste wörtlichen Bildern zu reproduzieren. Haas identifiziert und erläutert das Problem dieser Vorgehensweise durchaus überzeugend, versteigt sich dann aber ohne Not zu einer weiteren steilen These:

„Aber hätte man es viel besser machen können […]? Die Antwort kann nur lauten: Nein. Die Unterschiedlichkeit der Medien erlaubt es nicht. Was in der Literatur nur Wort ist, muss im Comic zwangsläufig Bild werden; es muss zur Anschauung gebracht werden. In der Erzählung lernt der Leser die Welt mit Gregors Käferaugen zu sehen; in der Graphic Novel sieht er Gregor als Käfer. An diesem kleinen Unterschied muss jede Anstrengung eines Zeichners zuschanden gehen.“ (S. 53)

Und damit wären wir wieder bei City of Glass, denn es ist der papiergewordene Gegenbeweis zu Haas‘ Nonsensbehauptung. Karasik und Mazzucchelli machen es besser. Sie erfinden tatsächlich das Rad neu.

3.

Dabei ist City of Glass sogar eine vergleichsweise klassische Adaption, denn hier werden keine wesentlichen Handlungselemente umarrangiert oder ausgelassen, und es wird im Vergleich zur Vorlage auch nicht groß abstrahiert. Aber anders als die erwähnte Kafka-Adaption (oder auch Kleists Boxer) klebt City of Glass nicht an seinem Plot, sondern lebt vor allem von der Neu-Inszenierung und visuellen Zuspitzung der schon bei Auster reichlich vorhandenen abstrakten Elemente.

Ein Paradebeispiel dafür ist der an Protagonist und Pseudodetektiv Quinn gerichtete Monolog des jungen Peter Stillman (S. 15-23) – die vielleicht verstörendste monologische Höllenfahrt der Literatur, seit Stephen Dedalus in Portrait of the Artist die Leviten gelesen bekam.

Im Roman umfasst dieser Monolog in meiner Ausgabe sieben Seiten, bei Karasik und Mazzucchelli sind es immerhin neun: neun Seiten, auf denen keinerlei Handlung stattfindet; neun Seiten, deren Vorlage ein reiner Monolog ist, ohne Unterbrechung durch den Erzähler; neun Seiten, die den Text der Vorlage um 50 bis 75 Prozent einkochen und das resultierende Konzentrat auf 65 Sprechblasen (sieben Seiten mit je neun Blasen, plus zwei Seiten mit je einer Blase) aufteilen.

Die ersten sieben dieser neun Seiten bestehen aus Neun-Panel-Gittern mit jeweils einer Blase pro Panel, sowie teils surrealen Bildern, die mit dem Text in keinem direkten Zusammenhang stehen. Auf der ersten Seite (S. 15) wird immer näher auf das hölzern wirkende Gesicht Stillmans und schließlich in seinen Rachen hineingezoomt. Die Perspektive wird praktisch von Stillman verschluckt, während er redet – darüber, wie schwer es ihm fällt zu reden, und wie er vom Tod seiner Mutter erfuhr. Was wir lesen, kommt nicht aus seinem Mund, sondern tief aus seinem Innern. „Ich bin Peter Stillman. Das ist nicht mein richtiger Name.“

Die zweite Seite (S. 16) scheint zunächst eine weiße Leere zu zeigen, die sich jedoch als Wasseroberfläche entpuppt, aus der dann nach und nach ein Fährmann samt Gondel und Riemen aufsteigt, dessen von einer Kapuze verhülltes Gesicht sich nun als Quelle der Sprechblasen herauszustellen scheint. Der Fährmann wird Quinn – und den Leser – nun hinüberbringen in den seelischen Hades Peter Stillmanns. Der teils wirre Text deutet darauf hin, dass Stillman als Kind in einem dunklen Raum gefangen gehalten, gefüttert und geschlagen wurde. Es ist von Exkrementhaufen und Urinpfützen die Rede, einem dunklen, „sehr dunklen“ Raum. Und wieder: „Ich bin Peter Stillman. Das ist nicht mein richtiger Name.“

Auf der dritten Seite (S. 17) wiederum wird an das Gesicht des Fährmanns herangezoomt, das nun sichtbar wird: Noch stärker als Stillmans eigenes macht es einen hölzernen Eindruck, ähnelt einer geschnitzten Heiligenfigur. Aber wie schon zwei Seiten zuvor bei Stillman verschwindet der Zipfel der Sprechblasen zusammen mit der ganzen Perspektive erneut im Rachen der Figur. Der Fährmann setzt uns nicht bloß über, sondern wir müssen in ihm versinken, um zu erfahren, was mit Stillman geschehen ist. Im Alter von zwölf Jahren wurde er gefunden. Aufgrund der langen Isolation konnte er nach seiner Befreiung weder klar denken noch sprechen.

Im ersten Panel der vierten Seite (S. 18) wieder Leere, bevor ab dem zweiten Panel eine Art Höhlenmalerei erscheint – vielleicht die Gestalt eines Mannes, der von einem Stier angegriffen wird, daneben ein kleiner Vogel. Die Sprechblasen scheinen nun zunächst ihren Ursprung am Kopf des Mannes zu haben, doch je näher herangezoomt wird, desto eher könnte es auch der Kopf eines Hasen oder Vogels sein. (Die Zeichnung basiert auf einer echten Höhlenmalerei.) Stillman (der Junge mit dem Vogelkopf?) war 13 Jahre lang von seinem Vater (dem Minotaurus?), der ebenfalls Peter Stillman heißt, eingesperrt worden. „Wir beide sind Peter Stillman. Aber Peter Stillman ist nicht mein richtiger Name. Also vielleicht bin ich gar nicht Peter Stillman.“

Auf der fünften Seite (S. 19) dann ein Bruch: Das erste Panel jeder horizontalen Dreier-Reihe zeigt ein neues Motiv vor weißem Hintergrund, das in den beiden folgenden Panels langsam herangezoomt wird. Keines der drei Anfangspanels steht dabei im Zusammenhang mit der vorangegangenen Dreier-Reihe oder Seite. Der erste horizontale Streifen zeigt das Gitter eines Gullydeckels in einer Straßenrinne; der zweite den Abfluss einer Dusche oder Wanne; der dritte ein Grammofon.

Der Sprecher versucht, das Handeln von Stillmans Vater zu erklären. Auf der Suche nach einer „Sprache Gottes“ sei der gewesen. Dadurch, dass er seinen Sohn einsperrte und von allen menschlichen Einflüssen fernhielt, dachte er, er könne diese göttliche Ur-Sprache in dem Kind hervorbringen. Die Zipfel der Sprechblasen kommen jeweils aus dem Gully und dem Abfluss (Unrat, Abwasser) und dem Grammofon – vielleicht ein Hinweis auf das „mechanische Flüstern“ Stillmans (so wird seine Stimme bei seinem ersten Telefongespräch mit Quinn im Roman beschrieben) oder auf seinen Scatsprech, der an eine Schallplatte mit Sprung erinnert. („Wimble click crumblechaw beloo. Clack clack bedrack. Numb noise, flacklemuch, chewmanna. Ya ya ya.“)

Die sechste Seite (S. 20) wird erneut kurzatmiger: Hier gibt es nach jedem zweiten Panel einen Bruch. In den ersten beiden wird an einen Brunnen herangezoomt; in den nächsten beiden an ein Nest, in dem ein kleiner Vogel mit aufgerissenem Schnabel sitzt; dann an den Ausschnitt eines Comicstrips aus der Reihe „Henry“ von Carl Anderson (siehe „Coffee with Paul Karasik“ von Bill Kartalopoulos), in welchem die gleichnamige Hauptfigur die berühmte Szene mit dem Schädel aus Hamlet nachspielt: „Ich kannte ihn, Horatio!“ Bloß: Henry ist eigentlich stumm; danach ein Haufen Hundekot, um den Fliegen kreisen; und im letzten Panel der Seite schließlich nur noch eine Sprechblase, die ins Nichts führt.

Die Sprechblasen der anderen Panels haben ihren Ursprung jeweils tief im Brunnen (da unten muss es ähnlich dunkel und eng sein wie in Stillmans Verließ), im Rachen des Vogels (ein hilfloser kleiner Vogel, der nicht fliegen kann und gefüttert werden muss; vgl. den Vogelkopf auf Seite 18), in Henrys Mund (der etwas sagen will und doch nicht reden kann) und in der Mitte des Kothaufens (Stillman war umgeben von seinen eigenen Fäkalien). Der Text bekundet, dass Peter verprügelt worden sei, wenn er sprach, und deshalb bald aufhörte zu reden. Er habe darum nun die Sprache Gottes „im Kopf“. Außerdem lasse er sich von seiner Frau Prostituierte zum Geschlechtsverkehr bringen – und er würde sich freuen, wenn seine Frau mit Quinn schliefe.

Das Rund des Brunnens „reimt“ sich auf das Rund des Vogelnests, der Winkel des Schnables entspricht dem Winkel des gezeigten Comicstrips, und der Hundehaufen wiederum „reimt“ sich auf den Brunnen und das Vogelnest (siehe Kartalopoulos/Karasik): „Ba ba ba, sagte er. Und da da da.“ (S: 17) „Und bumm bumm bumm. Die Kaka-Haufen. Die Pipipfützen.“ (S. 16) „Ya ya ya.“ (S. 16) „Hat er gewunken? Hat er getrunken? Hat er gestunken? Ha ha ha.“ (16) Karasik und Mazzucchelli übersetzen die sprachlichen Eigenheiten ihrer Figur hier in ein visuelles Reimschema.

Auf der siebten Seite schließlich (S. 21) steht jedes Panel für sich: ein Kaninchen in einem Zylinder; ein Fläschchen mit Gift; eine Hand, auf die ein Gesicht gemalt ist; ein Fernseher, dessen Bildschirm gesprungen ist; ein Fläschchen Tinte; eine sechssaitige Gitarre; ein begonnenes Tic-Tac-Toe-Spiel mit je zwei Kreisen und zwei Kreuzen; ein Teddybär; und im neunten und letzten Panel schließlich wieder nur eine Sprechblase, die ihren Ursprung irgendwo in der Tiefe des Panels hat, jenseits des sichtbaren Bereichs.

Sind die einzelnen Motive hier Referenzen auf vorangegangene Seiten? Das Kaninchen vielleicht auf den „Hasen“ von Seite 18? Die Gitarre auf das Grammofon von Seite 19? Sind die neun Felder des Tic Tac Toe ein Kommentar zur Seitenaufteilung? Wieder fallen die „Reime“ aus kurvigen und eckigen Formen auf. Auch die Sprechblasen werden kleiner. Der Sprecher erzählt, dass er manchmal schreit, die Luft in Freiheit mag, sich nun besser zurechtfindet als nach seiner Befreiung und um seinen Geisteszustand weiß. „Fürs Erste bin ich Peter Stillman. Das ist nicht mein richtiger Name.“

Das Panelgitter wird auf der achten Seite (S. 22) dann zum sprichwörtlichen Gitter einer Gefängnistür vor schwarzem Hintergrund, um die sich der Zipfel einer einzigen Blase schlängelt: Mit großer Anstrengung sind Peter Stillman, Quinn und der Leser in dem dunklen Verließ tief im Innern Stillmans angelangt. Ein letztes Mal geht es nun tiefer hinein in die Finsternis, und auf der neunten und letzten Seite (S. 23), einer Splashpage, sehen wir den wahren Stillman in seinem Tartaros, so, wie er damals war und heute vielleicht noch ist: eine am Boden, inmitten von Unrat und Urin liegende Marionette.

Karasik und Mazzucchelli visualisieren mit dem Bild eine Beobachtung des Erzählers kurz vor Beginn des Monologs, die im Roman vorkommt, aber nicht im Comic: „Es war, als würde man einer Marionette zusehen, die ohne Fäden zu laufen versucht.“ Der auf diesen letzten beiden Seiten der Sequenz enthaltene Text drückt Stillmans Hoffnung aus, nach seinem Tod vielleicht zu Gott zu werden. Er bedankt sich bei Quinn und wiederholt noch einmal sein Mantra: „Ich bin Peter Stillman. Das ist nicht mein richtiger Name.“

Der Effekt dieser Sequenz ist eindringlich und verstörend; sie braucht sich hinter dem adaptierten Abschnitt der Vorlage nicht zu verstecken.

Karasik und Mazzucchelli demonstrieren meisterhaft, worum es bei einer Adaption geht. Ziel eines Romanautors ist es, mit Wörtern Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Der Comic geht diesbezüglich zwar direkter vor und liefert die Bilder – oder sagen wir: einige Bilder – gleich mit, doch das Ziel ist das gleiche. Es kommt nicht von ungefähr, wenn Chris Ware erklärt, dass er mit seinen Zeichnungen schreibt (siehe Mono.Kultur 30, 2011/2012, S. 8-11). Genau das tun Karasik und Mazzucchelli hier auch. Den Effekt, auf den Auster mit seiner Prosa abzielt, versuchen sie mit einer Mischung aus Bildern und Text zu erzeugen.

Was eben nicht zwangsläufig heißt, dass die Bilder Dinge zeigen, die im Originaltext genau so vorkommen. Wichtig ist, dass sie den gewünschten Effekt erzielen. Das ist die Aufgabe, an der viele Comic-Adaptionen scheitern: Ihre Autoren setzen sich zu wenig mit dem Effekt einzelner Szenen, Abschnitte, Sätze und Wörter auseinander und kleben viel zu sehr an den konkreten Bildern der Vorlage. Um es mit Ware zu sagen, „Comics sind Bilder zum Lesen, nicht nur zum Anschauen.“ (S. 11) Darum ist auch die Trennung zwischen „Comics“ und „Literatur“ Unfug. Ein Autor kann mit Text zeichnen oder mit Bildern schreiben. Der einzige Unterschied ist der Grad der visuellen Abstraktion.

(Ach ja, à propos Ceci n’est pas un téléphone und meta und so: Von Auster über Saussure und Magritte zu Mazzucchelli und Karasik? Kannste haben. Aber das Spiel lässt sich noch weitertreiben, von Mazzucchelli und Karasik zu… Karasick, sic: Adeena Karasick nämlich. Ceci n’est pas un téléphone, indeed, mein lieber Wederhake.)

2.

„Ich bin Peter Stillman. Das ist nicht mein richtiger Name.“

Wie du, Wederhake, als alter Pfiffikus in deiner metamäßigen Einleitung bereits angedeutet hast, betrifft das existenzielle Versteckspiel mit der eigenen Identität nicht nur unsererzwei Alteri Nos, sondern auch die Figuren von City of Glass. Ganz tief Luft holen, bitte:

Wir haben es bei der Vorlage mit einem Roman von Paul Auster zu tun, dessen Protagonist, Daniel Quinn, unter dem Pseudonym William Wilson Krimis über einen Privatdetektiv namens Max Work schreibt. Als ein mysteriöser Anrufer ihn für einen Privatdetektiv namens Paul Auster hält, beschließt Quinn, sich als diesen Auster auszugeben. Der Anrufer, den er bald persönlich kennenlernt, nennt sich einerseits Peter Stillman, behauptet andererseits aber im selben Atemzug, das sei nicht sein richtiger Name. Nichtsdestotrotz beauftragt er den vermeintlichen Privatdetektiv Auster, also Quinn, seinen Vater zu beschatten, der ebenfalls Peter Stillman heiße. Quinn, alias Auster, willigt ein, doch als er seine Zielperson zum ersten Mal sieht, muss er feststellen, dass es zwei ältere Peter Stillmans gibt, die mit dem gleichen Zug in New York ankommen. Quinn, alias Auster, entscheidet sich für einen der beiden. Nach einiger Zeit kommt Quinn, alias Auster, mit dem alten Stillman-Zwilling ins Gespräch, und er gibt sich dabei als „Quinn“ aus, weil er der Meinung ist, seine „Auster“-Identität vor Stillman schützen zu müssen. In zwei weiteren Gesprächen mit dem alten Stillman-Zwilling gibt sich Quinn, alias Auster, erst als „Henry Dark“ aus – eigentlich eine vom alten Stillman-Zwilling für einen Roman erdachte Figur, doch Quinn, alias Auster, behauptet, „ein anderer Henry Dark“ zu sein – und dann als „Peter Stillman“. Der alte Stillman-Zwilling akzeptiert das alles anstandslos. Quinn begegnet dann einem Autor namens Paul Auster, der, wie sich herausstellt, nichts mit dem ominösen Privatdetektiv Paul Auster zu tun, dafür aber einen Sohn hat, der Daniel heißt, genau wie Quinn selbst. Nach und nach wird Quinn dem alten Stillman nun immer ähnlicher, spricht nicht mehr, verwahrlost, verschwindet schließlich in der Dunkelheit. Und am Ende gibt sich noch ein anonymer Erzähler die Ehre, der sich schon vorher hier und da kaum merklich einmal eingeschaltet hat, und nun behauptet, mit Auster befreundet gewesen zu sein, über Quinns Verbleib aber nichts zu wissen.

Auster – der Autor des Romans City of Glass – treibt dieses Verwirrspiel in den beiden folgenden Teilen seiner New York Trilogy noch weiter auf die Spitze. Und in gewissem Sinne tut das auch Art Spiegelman, der Initiator der Adaption, in seinem Vorwort. Dort erklärt Spiegelman, wie er seinen ehemaligen Schüler Paul Karasik zu dem Projekt hinzuzog, nachdem David Mazzucchelli mit seinen Überlegungen in einer Sackgasse gelandet war. Und es stellte sich laut Spiegelman nicht nur heraus, dass Karasik Jahre zuvor bereits („zur Übung“) das erste Kapitel von City of Glass als Comic umgesetzt hatte, sondern auch, dass er Austers Sohn Daniel eine Zeit lang seinen Schüler nennen durfte.

Ob diese Geschichte stimmt oder nicht, sei dahingestellt (Karasik bestätigt sie), jedenfalls hätte Auster sich wohl keine bessere ausdenken können, wenn er das gewollt hätte. Spiegelman bringt das Ganze mit einem schönen Bild auf den Punkt: Es ist, als wäre Quinn am New Yorker Hauptbahnhof dem anderen Peter Stillman gefolgt.

1.

Und jetzt ans Eingemachte, Wederhake. Wie ich anfangs schrieb: City of Glass ist ein Witz.

Warum das so ist, lässt sich an seinen historischen Vorbildern festmachen. Da wäre zum einen The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket, der einzige fertiggestellte Roman Edgar Allan Poes. Auster erwähnt das Buch in seinem Roman, und es lassen sich darin mehrere prägnante Parallelen zu City of Glass finden. Pym ist ein fiktives Reiseabenteuer, das als konventioneller Bildungsroman anfängt, danach jedoch zunehmend surrealer wird und sich am Ende nach einem furiosen Höllenritt mit Geisterschiffen, Kannibalen, einer bizarren Insel, einem noch bizarreren Endzeitszenario am Südpol und einem (mutmaßlichen) Sturz in die hohle Erde praktisch selbst verschlingt.

Der Leser bleibt mit dem abrupten Ende ratlos zurück, nicht zuletzt auch wegen eines verwirrenden Spiels mit den Identitäten der Figuren und des Autors. Das „Vorwort“ zu Arthur Gordon Pym ist mit „A.G. Pym“ unterzeichnet. Dieser Pym schreibt, er habe den Bericht seiner fantastischen Reise nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten dem Southern Literary Messenger angeboten – jenem Magazin, für das ein gewisser Edgar Allan Poe zu diesem Zeitpunkt geschrieben habe. Und weil seine Reise so unglaublich und er selbst zudem kein erfahrener Autor gewesen sei, so Pym, habe er Poe die ersten paar Kapitel schreiben und in in dem Magazin veröffentlichen lassen, und zwar „unter dem Deckmantel der Fiktion“. Aber der Messenger habe daraufhin Zuschriften von Lesern erhalten, die nicht glauben wollten, dass die Geschichte erfunden war. Und so habe sich Pym schließlich entschlossen, den Rest seiner Reise selbst aufzuschreiben.

Der Clou daran: Im Jahr 1837 hatte Poe tatsächlich die ersten Kapitel von Pym im Messenger veröffentlicht. Als sein Roman im folgenden Jahr erschien, nutzte er dieses Körnchen Wahrheit als Ausgangspunkt für einen irrwitzig verschachtelten Mummenschanz, der mit dem „Vorwort“ noch lange nicht zu Ende ist: Es gibt außerdem auch noch eine „Anmerkung“ am Ende des Romans, deren vermeintlich anonymer Verfasser von einem mysteriösen Unfall berichtet, bei dem Pym ums Leben gekommen sei, wobei auch „die zwei oder drei letzten Kapitel“ des Romans verloren gegangen seien. Ferner habe Poe, der womöglich über den tatsächlichen Ausgang von Pyms Reise bescheid wisse, die Auskunft darüber verweigert – auch darum, weil Poe selbst nie davon überzeugt gewesen sei, dass Pym die Wahrheit gesagt habe. Der Rest der kurzen „Anmerkung“ ergeht sich in Ansätzen zur Deutung dessen, was in den letzten Kapiteln des Romans beschrieben wird, die aber mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten.

Kurzum: Arthur Gordon Pym ist eine Art proto-postmoderner Roman, der mit der für Poe typischen Verspieltheit alle möglichen Genres (Bildungsroman, Abenteuer- und Schauergeschichten, Seemannsgarn, Reiseberichte) und Konventionen, die sich zu dieser Zeit großer Beliebtheit erfreuten, in teils abstruser Form auf die Spitze treibt und es am Ende dem Leser überlässt, sich einen Reim darauf zu machen. Poe vermischt Wahrheit und Fiktion noch schamloser, als es Auster in City of Glass tut, und er macht sich wie Auster zur Figur seiner eigenen Geschichte. Auch die „Buchstaben“, die Quinn in City of Glass in Stillmans Laufwegen durch die Stadt erkennen will, und die gezeichnet im Roman auftauchen, gehen auf Arthur Gordon Pym zurück. Dort sind es riesige, mannshohe Schriftzeichen, in denen sich Pym auf einer geheimnisvollen Insel wiederfindet – und wie in City of Glass sind sie auch in Arthur Gordon Pym als Zeichnungen vorhanden.

Das zweite große historische Vorbild Austers, das sowohl im Roman als auch im Comic diskutiert wird, ist Don Quixote. Auch hier haben wir’s wieder mit einer Parodie auf das vorherrschende Genre der Zeit zu tun: Ritterromane. Und auch hier macht der Autor sich einen Spaß daraus, seine vom Genuss zu vieler eben jener Ritterromane möglicherweise verblödeten Leser nach allen Regeln der Kunst an der Nase herumzuführen: Cervantes behauptet in Don Quixote, nicht er, sondern ein gewisser Cide Hamete Benengeli habe den Roman verfasst, und zwar auf Arabisch. Cervantes habe nur zufällig das Manuskript entdeckt und es ins Spanische übersetzen lassen; er wisse nicht, ob die Übersetzung korrekt sei, gibt sich aber dennoch überzeugt, dass Benengeli nichts als die Wahrheit geschrieben habe.

Die Szene in City of Glass, in der Quinn mit dem fiktiven Abbild Austers über Don Quixote spricht, ist auch eine zentrale Stelle des Comics (S. 92-94). Während der fiktive Auster mutmaßt, dass Cervantes eigentlich seinen Spaß an den parodierten Geschichten hatte und durch das Versteckspiel in Don Quixote seinen Mitmenschen einen unterhaltsamen Streich spielen wollte, bewegt sich die Perspektive über zwei Seiten und zwölf Panels hinweg langsam zum Fenster, dann zum Fenster hinaus und nach unten auf den Gehweg, wo ein Jo-Jo liegt, das schließlich von einer Hand aufgehoben wird. Und im nächsten Panel, dem ersten auf Seite 94, „schnellt“ die Perspektive abrupt auf Auster zurück, als der sich gerade süffisant zurücklehnt und Quinn – und dem Leser – die ganze Moral der Geschichte vor die Füße wirft: „Das ist doch am Ende alles, was man von einem Buch will … sich zu amüsieren.“

Im Roman ist die Stelle schon markant. Aber dadurch, dass Karasik und Mazzucchelli sie mit dem Jo-Jo verknüpfen – das in der Vorlage erst im Anschluss auftaucht, als Austers Sohn damit zur Tür hereinkommt – machen sie die Szene durch einen brillanten Kunstgriff auch visuell begreifbar: Wir haben es mit einem literarischen Spiel zu tun, das wie ein Jo-Jo funktioniert. Mal geht es hinunter, mal wieder hoch. Und im Mittelpunkt steht das Amüsement – des Lesers, aber gewiss auch des Autors.

In City of Glass bedient sich Auster dabei der Detektivgeschichte – womöglich eine weitere Verneigung vor Poe, der das Genre mit popularisiert hat –, ebenso, wie sich Poe und Cervantes zuvor der populären Genres ihrer jeweiligen Zeiten bedient hatten. Denn manchmal können wir der Angst um unsere eigene Existenz, der Angst vor der Dunkelheit, nur dadurch entkommen, dass wir uns Geschichten erzählen, die uns Rätsel aufgeben – Rätsel, aus denen wir vielleicht etwas lernen können, die uns aber in erster Linie zur Flucht verhelfen; und manchmal ist die Lösung dieser Rätsel gerade deshalb so schwer zu finden, weil sie so offen herumliegt wie der berühmte „entwendete Brief„.

Am Ende von Arthur Gordon Pym befindet sich der gleichnamige Held in „milchig-weißem“ Gewässer, ist von Ascheregen und weißem Dunst umgeben, sieht riesige weiße Vögel und eine umhüllte weiße Gestalt. Der Herausgeber des Southern Literary Messenger, mit dem sich Poe während der Entstehung seines Romans überworfen haben soll, hieß White. Wenn man das richtige Ende des Fadens findet, in Don Quixote, in Arthur Gordon Pym oder in City of Glass, und daran zieht, dann löst sich die Geschichte – im wahrsten Sinne – in Wohlgefallen auf. Karasik und Mazzucchelli haben aus diesem Faden ein verdammtes Jo-Jo gebaut.

Wie gesagt: City of Glass ist ein Witz.

Aber ein ziemlich guter.

0.

Bumm.

wertung10

City of Glass: The Graphic Novel
von Paul Auster, Paul Karasik und David Mazzucchelli
Picador, 2004

Softcover, schwarzweiß, englisch, 140 Seiten, etwa 15,00 US-Dollar
ISBN: 978-0-312-42360-8
 

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(Anmerkung: Es handelt sich um eine überarbeitete Version von Neon Lit: Paul Auster’s City of Glass, 1994.)

Die deutsche Ausgabe ist bei Reprodukt erschienen.

 

* * *

Cover Asterios Polyp

HIRSCH: Anders als ursprünglich geplant, kann M.-O. Fritsch Asterios Polyp an dieser Stelle leider nicht besprechen, deshalb springe ich ein. Ich heiße nicht wirklich Hirsch, Wederhake. Du kannst Hirsch zu mir sagen.

Außerdem möchte ich, der Spannung wegen, schon einmal darauf hinweisen, dass im 19. Absatz meiner Besprechung ein „aber“ kommt. („An den Leser denken.“)

Zu Beginn von Asterios Polyp schlägt der Blitz ein: Das Haus brennt, der gleichnamige Held des Comics muss sein stilvoll eingerichtetes, allerdings ziemlich verlottertes Apartment verlassen und in die verregnete Welt hinaus. Er sieht müde aus, dieser Asterios Polyp, wirkt eher passiv, und außer ein paar Dollar hat er nicht viel bei sich. Es ist der nicht ganz freiwillige Beginn seiner Reise zu sich selbst. Und während Asterios dorthin unterwegs ist, erfahren wir in Rückblenden, was bisher geschah.

Der Blitzschlag steht auch dafür, was den Leser rein visuell erwartet. Dass Mazzucchelli sich mit jedem seiner Hauptwerke neu erfindet, war schon vorher bekannt: „Born Again“ (in Daredevil, 1985/1986, mit Frank Miller) sieht anders aus als „Year One“ (in Batman, 1986/1987, ebenfalls mit Miller) sieht anders aus als City of Glass (1994, mit Paul Karasik und Paul Auster). Aber je länger Mazzucchelli für einen Comic Zeit hat, so scheint es, desto gravierender schlägt sich das in seinem Stil nieder. Anders gesagt: Man sieht Asterios Polyp die 15 Jahre an, die Mazzucchelli – erstmals auch als Autor – in dieses, sein viertes, großes Comic-Projekt investiert hat.

Und das schon, bevor man das Buch aufschlägt.

Asterios Polyp ist ein Architekt mit hermetisch-dialektischer Weltanschauung – ein hoffnungsloser Strukturalist, für den das Leben eine Ansammlung von Dualitäten und Gegensätzen ist. Das beeindruckende Formen- und Farbenspiel, mit dem Mazzucchelli dieses Thema im Buchinnern umsetzt, prägt auch das vom Autor selbst designte Äußere des Comics – den stylischen Schutzumschlag, den vorn und hinten mit Gravuren der Hauptfigur versehenen dicken Kartondeckel, selbst die Kapitalbändchen: oben blau, unten rot. Kurzum, Asterios Polyp sieht aus – und fühlt sich an – wie die Art von Buch-als-Kunstobjekt, die Asterios Polyp sich auf seinen Designer-Couchtisch legen würde.

Denn, wie M.-O. Fritsch schon zu City of Glass schreibt: Es kommt auf den Effekt an. Und Mazzucchelli ist jemand, der sich genaustens überlegt, was er sagen will, um es dann mit maximaler Konsequenz umzusetzen.

Im Innenteil liegt der optisch prägnanteste Unterschied zu City of Glass zunächst in der Offenheit des Seitenaufbaus. Während City of Glass sich auf beklemmende Weise ans Neun-Panel-Gitter klammert und seine Figuren in Gefängnisse aus dicken, schwarzen Tuschemauern sperrt, kommt Asterios Polyp hell und frisch daher. Die Seiten dieses Buches atmen, und Mazzucchellis Mut zu großzügig angelegten Freiflächen verleiht der Geschichte eine visuelle Dringlichkeit, die ganz unabhängig von der Handlung zum Weiterlesen ermuntert.

Schwarz findet man bei Asterios Polyp allein auf dem abnehmbaren Schutzumschlag; überall sonst sind sämtliche Linien und Texte in Blau, Rot oder Gelb gehalten – oder einer Mixtur daraus. Die Figuren selbst sind oft abstrakter als in Mazzucchellis früheren Arbeiten, wirken aber auf eine natürlichere und greifbarere Art lebendig.

Der visuelle Stil und die Bildsprache, mit der Mazzucchelli seine Geschichte vermittelt, werden ebenso methodisch etabliert wie die Figuren selbst. Die 13-seitige Anfangssequenz beginnt – wie alle nachfolgenden der insgesamt 22 Kapitel – mit einem zentrierten Bild auf einer ansonsten weißen Seite. Es folgen fünf relativ konventionelle Seiten mit je einem bis drei Panels in Blau und Violett, dann die Splashseite mit dem Einschlag des Blitzes, der Statik, Geometrie und Seitenaufbau durcheinanderwirbelt und – mit den Flammen und dem Erklingen des Rauchmelders – die Farbe Gelb einführt.

Der klar als Rot erkennbare Teil des Farbspektrums taucht in Reinform erst im vierten Kapitel auf, nach 38 Seiten, als Asterios – in einer Flashback-Montage – zuerst vorübergehend mit einer eher klecks- und schemenhaft dargestellten Studentin anbandelt, bevor, in einem Panel mit ungleich mehr Tiefenwirkung durch Kreuzschraffur, zum ersten Mal seine geschiedene Frau und große Liebe Hana Sonnenschein vollständig zu sehen ist. Richtig ausgeschöpft wird das Potenzial der drei Grundfarben und ihrer Mischmöglichkeiten erst im letzten Kapitel.

Mehr noch als bei City of Glass schreibt Mazzucchelli in Asterios Polyp mit Bildern und lässt Text visuell wirken. Und auch hier gibt es eine Vielzahl an Querverweisen. Das erste Kapitel mit dem Blitzeinschlag und dem Großstadt-Wohnhaus im strömenden Regen ist als Hommage an Eisner erkennbar; Asterios Polyp selbst geht locker als Paul Austers eineiiger Zwilling durch; Stanley Kubrick (Mann im Krankenbett, S. 44/45) und Fritz Lang (Abstieg in die „Unterstadt“, S. 243-263) lassen grüßen; und der ganze Comic ist ein Mosaik aus größeren und kleineren Bruchstücken griechischer Philosophien und Sagen – allein der Mythos von Orpheus und Eurydike wird zweimal durchdekliniert.

Seinen Namen verdankt Asterios Polyp wohl einerseits dem Kyklopen Polyphem, mit dem es einst Odysseus zu tun hatte – auch gelten Kyklopen in der Mythologie oft als Baumeister. Und andererseits der griechischen Sagengestalt Asterion, besser bekannt als Minotaurus. Jener haust bekanntlich in einem Labyrinth auf Kreta, bis er von einem gewissen Theseus zur Strecke gebracht wird. Theseus wiederum hat ein Schiff, das als Anschauungsobjekt eines philosophischen Gedankenspiels dient: Wenn man nach und nach alle Teile des Schiffes austauscht, ist es dann noch dasselbe Schiff?

Das Paradoxon wird indirekt im Comic thematisiert, als Gerry nach dem Konzert erklärt, die Zellen des menschlichen Körpers regenerierten sich alle sieben Jahre komplett, man sei also praktisch alle sieben Jahre „ein neuer Mensch“ (S. 270). Und nicht zufällig sind zu Beginn der Geschichte sieben Jahre vergangen, seit Asterios sich in Folge seiner Trennung von Hana aus dem Leben zurückgezogen hat (S. 292-294). Um sieben Ecken gedacht funktioniert Asterios Polyp demzufolge als Adaption des Minotaurus-Mythos.

Auch sonst ist Asterios Polyp ein beeindruckend ausgeklügelter Comic. Die von Hana vertretene Idee, dass sich durch die Beziehung zweier Dinge zueinander dazwischen zwangsläufig auch ein drittes ergibt, wird in der Geschichte immer wieder von allen möglichen Richtungen beleuchtet und ist bereits auf der vierten Seite doppelt präsent: einmal in Gestalt der zwei Türme von Asterios‘ Wohnhaus, deren Zwischenraum die gleiche Form erkennen lässt, bloß umgestülpt; und dann noch einmal innerhalb des linken Turms, wo nur in den beiden zu Asterios‘ Wohnung gehörenden, durch einen schmalen Mauerstreifen getrennten Fenstern Licht brennt.

Dieses Prinzip ist natürlich auch für die Erzählform Comic von tragender Bedeutung, wie wir spätestens seit Scott McCloud wissen: Wesentlich ist das, was zwischen den Kästchen geschieht. Konsequenterweise ist es dann auch dieser Raum zwischen den Panels, der sich in Form eines Blitzes ins Panel hinein verlängert, bevor er schließlich bei Asterios einschlägt und so die Geschichte in Gang setzt (S. 3/7). Asterios‘ Wohnung geht in Flammen auf – und zwingt ihn, eine Reise anzutreten, in deren Verlauf er mit seinem bei der Geburt verstorbenen Zwillingsbruder Ignazio seinen Frieden machen muss: Ignazio wie „Ignatius“ – Latein für „der Feurige“, versteht sich.

Auch dieser Faden lässt sich weiterspinnen: Wenn Ignazio für die italienische Herkunft von Asterios‘ Mutter steht, die Scherzkeks Mazzucchelli „Aglia Olio“ nennt, dann verkörpert Asterios die griechische Tradition seines Vaters Eugenios. Da passt es auch wieder irgendwie, dass Asterios‘ Weltbild sich im Laufe der Geschichte – während seines Aufenthalts in der fiktiven Kleinstadt „Apogee“, englisch für „Erdferne“ – zu einem wandelt, in dem er am Ende nicht mehr im Mittelpunkt steht. Das geozentrische Weltbild der alten Griechen muss dem heliozentrischen des Italieners Galilei weichen, könnte man sagen.

Und so geht es immer und immer weiter, kann man nahezu jede Idee in Asterios Polyp aufgreifen, sie auf ihre historischen, etymologischen und theoretischen Hintergründe abklopfen und staunen, wie konsequent Mazzucchelli seine Geschichte durchdacht, wie präzise er sie durchkonstruiert hat, und mit welchem Elan Gedanken aus Mythologie, Astronomie, Architektur, Psychologie, Astrologie, usw. usf. aufgegriffen werden, um die Identitätskrise seines Helden zu beleuchten und zu bereichern.

Aber? Aber. Aber, aber, aber.

A-B-E-R:

Auch Mazzucchellis episch-kulturhistorische Schnitzeljagd täuscht nicht darüber hinweg, dass Asterios Polyp im Kern die stockkonservative Geschichte vom Selbstfindungstrip eines eigentlich ziemlich langweiligen weißen Alphamännchens ist, das seine Pseudonotlage allein dem eigenen Ennui zu verdanken hat. Es ist ein allenthalben spannend, oft grandios inszenierter Selbstfindungstrip, keine Frage. Der Eindruck, dass die eigentliche Story ihrer anspruchsvoll gewählten Form nicht gerecht wird, bleibt bestehen.

Das liegt vor allem daran, dass die Figur Hanas viel zu kurz kommt: eine bildende Künstlerin asiatischer Abstammung als weicher, organischer Gegenpart zum harten, rationalen Architekten alt-europäischer Herkunft, von dessen Entwürfen noch keiner umgestzt wurde? Blau steht für Asterios, Rot für Hana?

Klischeehafter geht’s nimmer.

Hana bleibt die ganze Geschichte über abhängig von Asterios, selbst nach der Trennung. Sie ist als Gegenstück zu Asterios konzipiert und definiert sich allein über ihn. Als eigenständige Figur wird sie nie greifbar. Was Hana und Asterios aneinander finden, bleibt ein Geheimnis, ebenso vage ist der Grund für ihre Scheidung.

Dass sie über sieben Jahre lang alleine herumsitzt und wartet, bis ihr arschiger Ex seine Midlife-Crisis überwunden hat, macht sie als Figur vor diesem Hintergrund vollkommen unglaubwürdig.

A-B-E-R:

Es handelt sich dabei natürlich um eine bewusste Versuchsanordnung. Solche gesellschaftlich konstruierten Gegensätze sind ja gerade das Thema des Comics, und auf der Theorie-Ebene setzt sich Asterios Polyp auch ständig mit ihnen auseinander.

Auch der Grundkonflikt zwischen Asterios und Hana wird in entsprechenden Szenen herausgearbeitet, die für sich genommen alle funktionieren: Asterios gefällt es nicht, wenn Hana im Mittelpunkt steht; offenbar will sie eine Familie gründen, er hingegen nicht (wenn ich die Szene mit dem Embryo-förmigen Tisch auf S. 154/155 – „Ich denke nicht in Dreier-Konstellationen.“ – richtig deute); Asterios macht auch keinerlei Anstalten, ihr irgendwie entgegenzukommen.

Und das Ende ist nicht weniger durchdacht und konsequent als der Rest des Comics: Einerseits lernt Asterios endlich, sich selbst nicht mehr als Mittelpunkt des Universums – „Ich bin der Held meiner eigenen Geschichte.“ (S. 276) – zu begreifen, sondern als „Nebenfigur in einer größeren Geschichte“ (S. 280/281), was ihn zu Hana zurückbringt und den beiden ein Happy End ermöglicht; andererseits ist und bleibt Asterios natürlich der Held der Geschichte, und daran lässt sich auch nichts ändern – das Buch trägt seinen Namen, alles dreht sich nach wie vor um ihn. Sämtliche Figuren, Hana inklusive, existieren nur aus einem einzigen Grund: als Katalysatoren für Asterios‘ Selbstfindung, die ja nun einmal der dramaturgische Gegenstand dieses Buchs ist.

Am Anfang (S. 34) heißt es: „Was, wenn die Realität (wie wir sie wahrnehmen) bloß eine Erweiterung unserer selbst wäre?“ Dass es so ist, scheint Asterios zu begreifen, als er – nach dem Zwischenfall beim Konzert – im Traum seinem Zwillingsbruder begegnet (S. 292). Danach ist der Erzähler, der andeutet, Ignazio zu sein, verschwunden – die beiden Zwillingsbrüder haben offenbar ihren Frieden miteinander gemacht.

Aber Asterios täuscht sich, denn Asterios Polyp, der Comic, ist selbstverständlich auch nur eine Erweiterung von Asterios Polyp, der Figur: Was die Welt dieser Geschichte angeht, bleibt Asterios die Hauptfigur – und damit der Himmelskörper mit der größten Masse und Anziehungskraft, um den sich alles dreht. Dass der Asteroid unaufhaltsam genau auf ihn zurast (und genau in der Mitte des Buches – nämlich auf den Seiten 172/173 von 346 – ein gewaltiges Loch hinterlässt, wie Douglas Wolk anmerkt), ist also nur konsequent – und wahrscheinlich ebenso unvermeidlich wie der Blitzeinschlag am Anfang. Wo sonst sollte der Blitz in Asterios Polyp auch einschlagen als bei Asterios Polyp?

Der freche, bitterböse Metagag, mit dem Mazzucchelli sich hier nach der ergreifenden Wiedervereinigung Asterios‘ mit Hana verabschiedet, funktioniert im Sinne des Themas, weil er in Mazzucchellis Konstruktion maximal konsequent ist.

A-B-E-R:

Auf der Figurenebene fordert dieser dramaturgische Kunstgriff eben seinen Tribut. Mazzucchelli verdient sich die Klischees nicht, mit denen er in seiner Geschichte hantiert, die aufwändig herbeikonstruierte Metapointe geht auf Hanas Kosten, die Handlungsebene und die Meta-Ebene werden nicht miteinander versöhnt. Das ist die Sollbruchstelle eines atemberaubend minutiös konstruierten, scharf beobachteten, sich seiner selbst bewussten literarischen Meisterwerks.

E-R-G-O:

Die Frage, die wir nasenbohrende Kunstrichter uns in unseren schlaflosen Nächten nun stellen müssen, lautet: Ist es das wert?

Hätte man Asterios Polyp überhaupt so konstruieren können, dass Hana als glaubwürdige Figur erscheint, ohne dabei die Kernaussage des Comics aus den Augen zu verlieren? Lohnt sich der ganze Aufwand für die Moral, dass die Moral unserer Geschichten mit aller Konsequenz auf uns zurückfallen wird, weil es eben unsere Geschichten sind?

Der Hirsch meint: ja/womöglich/auf jeden Fall.

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WEDERHAKE: Bis auf die das Gesamtwerk rückwirkend schwächende, doofe, wenn auch von langer Hand vorbereitete dramatische Ironie am Ende echt toll.

wertung8

Asterios Polyp
von David Mazzucchelli
Pantheon, 2009

Hardcover, farbig, englisch, 340 Seiten, 29,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-307-37732-6

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Die deutsche Ausgabe ist bei Eichborn erschienen und wurde bei Comicgate hier besprochen.

 

Abbildungen: © Mazzucchelli/Picador und Mazzucchelli/Pantheon

Unsere Links der Woche, 22/13: The kids of today should defend themselves against the seventies

Unsere Links der Woche, Ausgabe 22/2013:

 

„Kommunisten und die ‚Welt‘ haben uns gehasst“
Welt Online, Matthias Heine
Ein Interview mit Ralf Kläsener, der in den Siebziger Jahren Chefredakteur des ZACK-Magazins war, das damals enorme Auflagen erreichte und eine ganze Generation von Comiclesern geprägt hat. Er erzählt von der großen Zeit der Zeitschrift, erinnert sich mit ein paar süffigen Anekdoten an seine Kontakte zu frankobelgischen Comickünstlern und spricht über die Zeit, als Rolf Kauka die Zeitschrift leitete: „Dieses halbe Jahr, in dem Kauka etwas bei ‚Zack‘ zu sagen hatte, hat dem Magazin erheblich geschadet.“

Das Werk eines Comic-Genies wurde vergewaltigt
Welt Online, Horst Hahn
Umstrittene „Watchmen“-Prequels: Dürfen die das? 
Spiegel Online, Jörg Böckem
Before Watchmen
, ein Bündel von sieben Miniserien, die als Prequel zu Alan Moores legendärem Comic Watchmen dienen, sorgte im letzten Jahr in den USA für große Diskussionen. Nun erscheinen die Reihen bei Panini auf Deutsch und die Diskussion kommt auch bei uns an. Welt-Autor Horst Hahn erklärt die Ausgangslage, bespricht in aller Kürze die Prequel-Serien und freut sich darüber, dass sie kommerziell weniger erfolgreich waren als erwartet: „Es gibt einen (Comic-)Gott! Und sein Name ist Alan Moore.“ Rorschach-Zeichner Lee Bermejo antwortet im SpOn-Interview ebenso ausweichend auf kritische Fragen wie beim Künstlergespräch während des Comicfestivals München (hier im Filmmitschnitt ab Minute 23).

ZETTGEIST #187
Zettgeist, Sascha Thau, Stefan Dinter, Naomi Fearn
In der aktuellen Folge des Zwerchfell-Videopodcasts Zettgeist geht es rückblickend um die Comicinvasion Berlin und das Comicfestival München und um einige beachtenswerte Minicomics, die man dort kaufen konnte:

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The Walking Dead 100 Project
Hero Initiative
Die 100. Ausgabe von The Walking Dead feierte der Verlag Image Comics nicht nur mit stolzen 16 Variant-Covern, sondern auch mit 100 weißen Umschlägen, die bis auf den Titelschriftzug leer waren. Diese Exemplare gingen an diverse Comiczeichner, die sie mit ihren Zeichnungen verziert haben. Nun werden sie auf eBay zugunsten der Hero Initiative versteigert, einer Organisation, die finanzielle Hilfe für Comiczeichner leistet. Alle 100 Unikate von Zeichnern wie Ben Templesmith, Paolo Rivera, Sean Phillips, Jeff Lemire und Kevin Eastman sind auf der Website der Hero Initiative zu sehen.

Bonuslinks: Neu und frisch überarbeitete Verlags-Webseiten finden wir immer toll – deshalb schaut mal vorbei bei den ganz neu gestalteten Homepages von Reprodukt, dem Zwerchfell Verlag und EMA bzw. Manganet.