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„Die Party in der Gruft ist besser als die im Diesseits“ – Interview mit Felix Pestemer

Felix Pestemer bei der Buchlust in HannoverDer Wahl-Berliner Felix Pestemer arbeitet hauptsächlich als Illustrator, sorgte jedoch im vergangenen Jahr mit seiner Graphic Novel Der Staub der Ahnen für Aufsehen. Ende 2012 war er mit dem avant-Verlag zur „Buchlust“ nach Hannover gereist und stellte dort sein Comic-Debüt vor, ein Werk, das sich mit dem Totenkult in Mexiko beschäftigt, wo Felix längere Zeit gelebt hat. Stefan Svik hat ihn dort zum Interview getroffen.

 

Comicgate: Der Staub der Ahnen ist dein Comic-Debüt?

Felix Pestemer: Ja. Ein Debüt mit 37 Jahren (lacht). Ich bin gar nicht mit der Zielsetzung Comic daran gegangen, sondern sehr frei. Es begann mit einigen Bildern. In Erlangen 2010 konnte ich weitere Kontakte knüpfen. Und nun läuft es auch gut, denke ich. Das Buch war etwa für den Max-und-Moritz-Preis nominiert.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Schwer zu sagen. Ich hatte ein Stipendium für 2005/2006, da habe ich mit der Arbeit begonnen. Als ich dann aus Mexiko wiederkam, lag es erst mal rum. Dann habe ich es in der ersten, ursprünglichen Fassung in einer Mini-Auflage produziert. Netto habe ich wohl über zwei Jahre an dem Buch gearbeitet. Wahrscheinlich eher etwas länger.

 

Du hast es auch selbst koloriert?

Ja. Das sind alles komplett analoge Arbeiten. Im Buch finden sich die Scans von analogen Arbeiten.

 

Du nutzt den Computer also gar nicht?

Die Zeichnungen und die Kolorierung entstehen komplett in Handarbeit. Danach werden die Bilder eingescannt und dann teils noch bearbeitet. Das machen dann andere Leute. Ich bin Oldschool-Handarbeiter. Der Bleistift ist mein Hauptwerkzeug.

 

Felix führt eine Präsentation für Der Staub der Ahnen vor. Dabei zeigen die Bilder ein Ereignis, während die Texte eine Geschichte erzählen, die ganz bewusst von etwas anderem handelt. Während der Text in Der Staub der Ahnen von ihm selbst stammt, wird er beim nächsten Comicprojekt mit einem befreundeten Autor zusammenarbeiten.

 

Cover Der Staub der AhnenIst dir bei der Zusammenarbeit mit einem Autor der persönliche Kontakt sehr wichtig oder könntest du auch gut per Mail mit jemand anderem zusammenarbeiten?

Der persönliche Kontakt ist unerlässlich. Wenn es nicht anders gehen würde und es gut bezahlt wäre, würde ich es natürlich auch anders machen. Aber ich finde die persönliche Ebene 1000-mal besser. Damit das Konglomerat auch stimmt. Wenn man das nicht macht, würde ich sagen, dann ist das Professionalität an der falschen Stelle.

 

Dein Buch wird auch in Mexiko erscheinen?

Ich bin auf der Suche. Ich hatte es bereits in der mexikanischen Botschaft in Berlin ausgestellt. Mit Verlagen reden. Konditionen überdenken. Insgesamt habe ich schon über acht Ausstellungen mit diesen Bildern durchgeführt. Es gibt auch dieses großartige Volkskunstmuseum in Mexiko-Stadt, das wäre fantastisch für eine Ausstellung!

[Anmerkung: Wie Felix Pestemer im Mai 2013 mitteilt, wird die Ausstellung 2014 tatsächlich im Volkskunstmuseum von Mexiko-Stadt, dem Museo de Arte Popular, zu sehen sein.]

 

Planst du bei den Graphic Novels zu bleiben oder möchtest du weiterhin auch Kinderbücher gestalten oder zum Film?

Film nicht. Ich mache jetzt noch eine weitere Graphic Novel. Ich habe jetzt eine kleine Tochter und möchte die Kinderbuch-Projekte gerne weiterverfolgen. Da habe ich auch total Lust drauf! Ich will breit aufgestellt bleiben.

 

Von dem Buch Der Staub der Ahnen allein kannst du wahrscheinlich noch nicht leben?

Das klappt überhaupt nicht. Im Gegenteil, das ist viel zu aufwändig. Zum Geldverdienen macht das keinen Sinn. Ich hatte aber bisher Glück mit dem Buch. Das Interesse ist vorhanden. Im Januar 2012 ist das Buch auf Französisch bei Actes Sud und im Herbst 2012 auf Spanisch unter dem Titel ‚El polvo de los antepasados‘ beim Verlag La Cúpula erschienen; unabhängig davon bin ich immer noch auf der Suche nach einem mexikanischen Verlag.

 

Arne Jysch sagte in unserem Interview, dass Werbung finanziell lohnender sei als Comics, dass es dafür aber ein gutes Gefühl sei, seinen Namen auf einem Buch zu sehen, eine eigene Leistung vorzeigen zu können. Geht dir das auch so?

Wenn etwas von mir ist, auch bei den Kinderbüchern, dann soll auch mein Name darauf stehen. Warum denn nicht? Es kommt aber auch darauf an, wie groß der eigene Beitrag war. Wenn ich „nur“ der Illustrator war, dann ist die Identifizierung mit dem Buch geringer. Bei Der Staub der Ahnen ist eben alles von mir.

Präsentation am Laptop von Felix PestemerFelix führt seine Präsentation fort. Darin sind Bilder vom Tag der Toten zu sehen, etwa ein Altar-Wettbewerb in Mitla. Einige dieser Fotos, die er in Mexiko aufnahm, wurden teils nur leicht verändert in das Buch übernommen. Die Leser können darin mehr über den Totenkult und die Darstellung des Todes in Mexiko erfahren.

Ganz vieles davon habe ich so, wie ich es gesehen habe, übernommen. Etwa die Speiseopfer. Hier ist es etwa Zuckerrohr, weil das in dieser Gegend wächst. Das variiert sehr stark, je nach Region.

 

Ist das eine Gegend Mexikos, in der es zur Zeit besonders gefährlich ist?

In Mexiko ist es generell überall sehr gefährlich. Und Mexiko-Stadt ist zur Zeit der sicherste Ort.

 

Bist du in Mexiko in bedrohliche Situationen geraten?

Es gab einige Situationen, in denen man mir mein Geld abnehmen wollte. Aber das waren keine Raubüberfälle oder so. Das ging immer alles glimpflich aus. Ich denke, das hat auch immer viel damit zu tun, wie man sich im Land bewegt. Wenn man Spanisch kann und sich souverän verhält, also nicht ängstlich, dann ist das besser. Einiges ist besser geworden. Die Korruption geht zurück. Und die Drogenkartelle werden härter angegriffen. Was wiederum viele tragische Folgen hat, wie die zahlreichen Todesopfer. Jedes mittelgroße Geschäft hat Wachschutz, oft mit Maschinenpistolen ausgestattet.

Felix fährt mit der Präsentation fort.

Bild aus Der Staub der AhnenHier sehen wir die Jungfrauenfigur und auch die Colaflaschen. Das sind auch immer ganz typische Elemente bei der Gestaltung der Altare. Im Glossar des Buches habe ich diese Dinge beschrieben, allerdings ohne diese Fotos, die sind nur für meine Vorträge gedacht.

Hier sehen wir persönliche Gegenstände der Toten. Offensichtlich ein sehr reiselustiger Mensch, wir sehen seinen gepackten Koffer am Altar. Das hat mir so gut gefallen, dass ich es für das Buch übernommen habe. Und hier: diese göttliche Sonnenbrillensammlung! (lacht) Das hätte ich mir selbst nie ersponnen. Das muss man selbst erleben!

 

Die Gesichter der Menschen wurden im Buch verfremdet. Aus Pietät?

Ich nehme natürlich fiktive Figuren. Ich maße mir nicht an, die echten Verstorbenen wiederauferstehen zu lassen! Ich suche mir Figuren aus, die mich interessieren.

 

Ist es für dich als Zeichner sehr wichtig, vor Ort gewesen zu sein, ist das anders als nur auf Fotos zurückgreifen zu können?

Kommt darauf an. Was ich jetzt gerade mache, ist eine Groteske. Das ist fantastisch, hat also keinen realen Hintergrund. Also brauche ich dafür, wenn überhaupt, Vorlagen, etwa: Wie zeichnet man jetzt diesen oder jenen Gegenstand?

Hier sieht man die Zucker- und Schoko-Totenschädel. Und hier, die orangenen Totenblumen, die Xempasuchitl, die werden oft LKW-weise angekarrt. Da stehen dann tausende von LKWs auf dem Marktplatz, die komplett beladen sind.

 

Also ist der Totenkult in Mexiko schon fast ein Wirtschaftszweig?

Natürlich! Für sehr viele Leute!

Bild aus Der Staub der AhnenHier ist auch noch eine Szene aus Oaxaca, die ich selbst erlebt habe. Nachts auf dem Friedhof lag ein Mann auf einem Grab. Ich weiß nicht, ob er gelitten hat oder betrunken war. Ich fand die Szene zumindest stark. So etwas wäre in Deutschland undenkbar. Von so einer Situation mache ich natürlich kein Foto. Also habe ich es, als ich in meinem Zimmer war, in mein Skizzenbuch gezeichnet.

 

War es schwierig, einige Motive zu fotografieren?

Die meisten wollen das eher nicht. Ich war auch nicht gezielt auf Motivsuche. Und ich wollte natürlich pietätvoll sein, also habe ich oft eher gezeichnet.

 

Aber du erwähntest auch einen Altar-Wettbewerb, da war es mit den Fotos sicher anders?

Na klar! Die wollten natürlich fotografiert werden! Die sind total stolz. Das ist ein Riesenwettbewerb mit Kommission und Musikband, mit Jury und Zuschauern. Da werden alle Teilnehmer zu Hause besucht, geben Auskunft über ihren Altar und ihre Familiengeschichte. Das ist wie ein Pressetermin. Zum Tag der Toten stellen sie sich dann in einer Reihe auf und werden fotografiert. Das ist dann das einzige Mal, dass sie fotografiert werden.

Hier sehen wir Vorstellungen vom Jenseits. Ich wollte die Angst weg haben. Manches wollte ich etwas frivoler haben. Meine Vorstellung des Jenseits ist eher eine fröhliche Geschichte. Ich versuche das schön darzustellen, auch wenn natürlich Skelette zu sehen sind. Sie feiern miteinander und die Party in der Gruft ist besser als die im Diesseits.

 

Bild aus Der Staub der AhnenBist du ein sehr religiös interessierter Mensch?

Die Beschäftigung mit dem Tag der Toten bringt das Thema Religion mit sich. Mich hat eher die Bilderwelt interessiert. Dass diese Traditionen dort so stark sind, hat sicher auch mit der Religiosität der Leute zu tun. Gedanken über den Tod haben natürlich auch etwas mit Glauben zu tun. Für mich bedeutet das aber nicht zwingend christlicher Glauben, sondern allgemein mit Glaubensvorstellungen.

 

Der Glaube der Maya und Azteken kannte keine Angst vor dem Tod, kein Konzept von Himmel oder Hölle. Heute ist davon wahrscheinlich weniger übrig und die katholische Religion überwiegt in Mexiko?

Ja. Aber es war ein wenig wie bei den alten Römern. Je weiter sie expandierten, umso weniger konnten sie den neuen Gebieten ihren Glauben aufzwingen. Man hat versucht, sich dort hineinzuschummeln. Die indigenen Kulturen waren so stark und haben sich behauptet. Letztlich entstand dann daraus eine Melange. Es ist eine schöne Anekdote, dass die Kathedrale in Mexiko-Stadt auf dem Fundament und mit den Steinen der Hauptpyramide von Tenochtitlan gebaut wurde. Das ist sinnbildlich für die Conquista.

Der Glaube in Mexiko ist ultrastark. Deshalb war Papst Johannes Paul II. auch so gerne dort. Den Gläubigen in Mexiko ist Prunk eher fremd.

 

Du kritisierst die katholische Kirche nicht in deinem Buch?

Ich glaube nicht. Ich bilde die Realität ab, ich dokumentiere. Ich kommentiere und bewerte das nicht.

 

Ich will nicht behaupten, dass mich dein Stil an Milo Manara erinnert, aber das exotische Szenario erinnert mich gerade entfernt an ihn oder auch an Hugo Pratt, aber eher wegen der geschilderten Stimmung. Kennst du Manaras Zeichnungen?

Nein, kenne ich nicht.

 

Gibt es andere Comic-Zeichner, die dich beeinflusst haben? Du kommst ja nicht vom Comic, sondern von der Freien Kunst.

Im weitesten Sinne gibt es Einflüsse, aber dann wiederum auch nicht. Ich hatte da wenig Kontakt. Und ich finde es auch besser, Vorbilder von außerhalb des Mediums Comic in meine Werke einzubringen. Nicht grundsätzlich, aber hier schon. In diesem Fall waren es etwa die mexikanischen Muralisten oder die Volkskunst. Die Leute basteln ja heute noch diese Skelettfiguren und ähnliches. Das waren eher meine Vorbilder.

 

Und wenn du auf Comicveranstaltungen wie in Erlangen bist, kommst du dann nicht in Kontakt zu anderen Comickünstlern und bleibst du eher für dich?

Klar habe ich da Kontakt! Aber das bedeutet nicht, dass ich anfange, mich künstlerisch anzugleichen. Irgendwann schlägt sich das allerdings sicher nieder. Dadurch, dass man so viele Kontakte zu coolen Leuten hat, die so verschiedenen Sachen machen.

 

Felix zeigt weitere Bilder seiner Präsentation, etwa einen Ausschnitt aus einem Wandgemälde von Diego Rivera. Zusammen mit Frida Kahlo der vielleicht bekannteste Künstler Mexikos.

 

Kennst du den Frida-Kahlo-Comic von Willli Blöß? Der wurde am Gratis-Comic-Tag verteilt und erschien in einer Reihe von Künstlerporträts als Comic.

Nein, den kenne ich leider nicht.

 

War Frida Kahlo eine Inspiration für deine Zeichnungen?

Eher Diego Rivera.

Hier sehen wir Frida Kahlo und Leo Trotzki bei einem Treffen 1937.

 

Kahlo hatte in ihrem Haus, dem berühmten Blauen Haus in Mexiko, das sie mit Diego Rivera bewohnte, ein Stalin-Porträt. Sie sympathisierte mit dem Kommunismus. Passender Comic zum Thema Amerika und Kommunismus: Castro von Reinhard Kleist. Hast du den gelesen?

Nein. Ich habe nur seinen Johnny-Cash-Comic gelesen.

 

In deiner Präsentation zeigst du viele Vorlagen für dein Buch. Verpassen die Leser viel, wenn sie die Vorlagen nicht kennen?

Dafür gibt es ja das Glossar.

 

Bild aus Der Staub der AhnenDu setzt also ziemlich viel Vorwissen für dein Buch voraus?

Na ja, man muss das ja nicht alles wissen. Es ist nicht unbedingt notwendig zu wissen, dass hier etwa ein kunsthistorisch wichtiges Wandgemälde als Hintergrund dient. Für das Verständnis der Geschichte ist das nicht wichtig, aber wer will, kann im Glossar darauf stoßen und das ist dann ein zusätzliches Geschenk. In meinen Ausstellungen waren immer einige Vitrinen mit Quellenmaterial, die waren beim Publikum immer extrem beliebt. Das ist auch etwa in der Hessenschau zu sehen.

 

Du bist Autor und Zeichner, machst du beides gleich gerne?

Ja. Das Zeichnen ist natürlich zeitaufwändiger. Aber beim nächsten Buch arbeite ich mit Kugelschreiber, das geht schneller. Das Schreiben ist wichtig – Geschichten zu erfinden, darauf habe ich große Lust! Beim nächsten Buch habe ich allerdings mit einem Autor zusammengearbeitet, wir haben das Storyboard gemeinsam entworfen. In Der Staub der Ahnen machen die Bilder gut 90 Prozent des Buches aus.

 

Im Buch findet sich auch eine Szene mit einer mexikanischen Pyramide. Fasziniert dich die Architektur der Maya und Azteken?

Schon. Aber das würde mir nicht genügen als Inspiration für ein Buch. Mich interessiert das Gesamtbild, zusammen mit dem Tag der Toten. Da fließt ja auch einiges zusammen.

 

Was denkst du über die Unterscheidung zwischen Comic und Graphic Novel, etwa auf einer Messe wie der Buchlust?

Auf der Buchlust wäre der Begriff Comic wohl zu unklar. Die Besucher wüssten dann möglicherweise nicht genau, was sie erwartet. Die Begriffe sind mir zu schwammig. Ich würde mein Buch am ehesten als illustrierten Briefroman bezeichnen.

 

Haben die Mexikaner ein anderes Verhältnis zu Comics als wir Deutschen?

Sie haben viel von diesen Trash- und Gewaltheften. Mit viel Gewalt und viel Sex.

 

Die Tijuana Bibles, die etwa in Alan Moores Watchmen gewürdigt werden?

Genau. Die kosten 5 Pesos oder so, auf der Straße.

 

Also gibt es dieses Phänomen immer noch?

Durchaus. Aber es gibt auch andere Sachen, etwa illustrierte Bücher. Auch in Buchläden. Aber viel weniger als in Deutschland. Die richten sich an ein ganz anderes Publikum als die Heftchen. Das Gefälle in der Gesellschaft ist dort wesentlich größer.

 

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Puttbill – Homepage von Felix Pestemer
Der Staub der Ahnen beim avant-Verlag

 

Abbildungen: © Felix Pestemer
Photos: © Stefan Svik