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Sprite 1 – Schwarze Flut

Cover Sprite 1Die Apokalypse mal wieder: Erst sind es nur ein paar merkwürdige schwarze Flocken, die vom Himmel fallen, doch rasch ist in Yugo Ishikawas Sprite ganz Tokyo verschwunden. Nach einem heftigen Erdbeben und einer mysteriösen schwarzen Flut bleibt von der Millionenstadt erst einmal nichts übrig als der 42. Stock eines Hochhauses. Dort befinden sich durch einen glücklichen Zufall nicht nur die Oberschülerin Yoshiko und ihre Freundinnen Kiriko und Miki, sondern auch einige Bewohner des Wolkenkratzers, denen die unheilvolle Brühe nun ganz buchstäblich bis zum Hals steht.

Nach dem etwas banalen Einstieg und der Einführung der Schulmädchenclique um die Protagonistin Yoshiko widmet sich der erste Band der Sprite-Reihe ausgiebig der rätselhaften Katastrophe und dem Überlebenskampf eines bunten Haufens von Charakteren. Es ist durchaus eindrucksvoll anzusehen, wie Ishikawa die Zerstörung Tokyos grafisch umsetzt: Mit dem einsetzenden Beben werden auch die zuvor sauber angeordneten Panels kräftig durchgeschüttelt und eine Flut von Soundwörtern sorgt auf den Buchseiten für etwas, das man getrost als visuellen Lärm bezeichnen kann. Eine Tsunamiwelle aus schwarzer Tusche verschlingt schließlich nicht nur die japanische Metropole, sondern verleiht dem gesamten Manga einen düsteren Look.

Seite aus Sprite 1Abwechslungsreich gestaltet sich auch das Treiben der Figuren, deren Geschichten zwar nur angerissen werden, aber durchaus zu fesseln wissen. So erzählt Sprite nicht nur von dem verzweifelten und ziemlich grausig endenden Versuch eines jungen Mannes, seine schwangere Frau zu retten, oder von dem tragischen Erdbeben, das 1995 die Stadt Kobe verwüstete. Auch die surrealen Szenen, in denen die Wirklichkeit und die Fantasien von Yoshikos scheinbar verwirrtem und nach einem MMORPG namens Final Quest 11 süchtigen Onkel verschmelzen, können überzeugen.

Bei all den Einfällen und Ideen, die Ishikawa mit seinem Manga bietet, bleibt der erste Band von Sprite im Grunde doch recht konventionelle Kost und ist im Tonfall leider unentschlossen. Die abrupten Wechsel zwischen überdrehtem Humor, gorigem Horror und realistischem Drama nerven auf Dauer und so einige Male stellt sich die Frage, ob der überbordende Einsatz von Soundwörtern nun effektiv oder doch bloß effekthascherisch ist. Spätestens aber wenn die Story um die schwarze Flut gegen Ende eine überraschende Wendung nimmt und die Leser mit einem Cliffhanger entlässt, ist man versöhnt und kann gespannt der Fortsetzung entgegenfiebern.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Düsteres Weltuntergangsszenario, das gelegentlich ein bisschen anstrengend ist und beliebig wirkt, aber Lust auf mehr macht.

 

Sprite 1 – Schwarze Flut
Carlsen Manga, Januar 2014
Text und Zeichnungen: Yugo Ishikawa
Übersetzung: Jens Ossa
208 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 7,95 Euro
ISBN: 978-3-551-72752-7

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag

Links der Woche 22/14: Careful with that axe, Eugene

Unsere Links der Woche, Ausgabe 22/2014:

 

Vom Türöffner zur Streitaxt
Der Tagesspiegel, Lars von Törne
An der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste fand letzte Woche ein Symposium unter dem Titel “Was ist eigentlich eine Graphic Novel?” statt. Im Abschlussvortrag beschäftigte sich Lars von Törne, Leiter des Comicressorts beim Tagesspiegel, mit dem GraNo-Begriff. Kernthese: “Der Begriff ‘Graphic Novel’ hat sich in Deutschland in Medien und Handel erfolgreich etabliert – ist dabei aber von einem formalen zu einem inhaltlich-qualitativ wertenden Begriff mutiert. Es ist an der Zeit, den Begriff wieder auf seine formale Bedeutung zu beschränken, weil sonst das Ansehen des Comics als Ganzes Schaden nehmen könnte.” Die komplette Textfassung geht näher darauf ein, wie und warum der Begriff zur Unterscheidung und Trennung zwischen anspruchsvoller und trivialer Comicliteratur dient und damit den Begriff “Comic” abwertet.

Warum ich niemals Rap-Lyrics übersetzen würde – und es dann doch tat.
Stefan Pannor
Stefan Pannor schreibt über seine Übersetzung des Comics Hip Hop Family Tree von Ed Piskor, der die Geschichte von Rap und Hip Hop nacherzählt, und wieso er sich dafür entschieden hat, entgegen seiner früheren Überzeugung auch die darin enthaltenen Songtexte teilweise zu übersetzen.

Comic Talk – „Das zweite Mal“ (Teil 1 von 3)
myVideo, aufgezeichnet.tv
Während des Comic-Salons in Erlangen entstand die zweite Ausgabe der Comic-Talkshow, in der nach dem Vorbild des “Literarischen Quartetts” über Comics geplaudert wird. Zu Gast bei Hella von Sinnen sind Synchronsprecherin Sabine Bohlmann, Ralf König und Kai Meyer. Besprochen werden in der insgesamt gut einstündigen Show Kililana Song von Benjamin Flao, Schattenspringer von Daniela Schreiter, Ardalén von Miguelanxo Prado und Anyas Geist von Vera Brosgol.

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Interview mit Bodo Birk
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Am letzten Tag des Comic-Salons Erlangen traf Bernd Glasstetter den Festivalleiter Bodo Birk zu einem Bilanzinterview. Obwohl laut Birk nicht alles reibungslos geklappt habe, zeigt er sich sehr zufrieden mit dem Verlauf des Festivals und erklärt unter anderem, auf welche Weise die Anzahl der Salonbesuche(r) ermittelt wird. Das Gespräch gibt’s als Video oder als Audiodatei (MP3, ca. 15 Minuten).

Siegerehrung Comic-Stipendium
Egmont Graphic Novel
Zum zweiten Mal wurde in Erlangen die Gewinnerin des vom Egmont-Verlag ausgelobten Comic-Stipendiums gekürt: Sarah Barczyk gewann mit ihrem Konzept für einen Comic über einen transsexuellen Menschen.

By Request Extra: Lambiek Seeking Help With Comiclopedia
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
Die Lambiek Comiclopedia ist ein umfangreiches biografisches Online-Nachschlagewerk, das Biographien von tausenden Comickünstlern aus aller Welt enthält. Das Projekt wird finanziert und gepflegt von der traditionsreichen Amsterdamer Comichandlung Lambiek. Diese Finanzierung scheint nun schwieriger geworden zu sein, daher bittet die Comiclopedia am Kopf jedes Lexikoneintrags (z.B. hier) um Spenden.

MediAvengers
mediavengers.com, Kim, Kirsti, and Kate
Wie würden die Titelbilder von aktuellen Zeitschriften aussehen, wenn es die Avengers in unserer Welt wirklich geben würde? Dieses Blog hat die Antwort.

Bartkira Volume 1
bartkira.com, Ryan Humphrey, James Harvey u.v.a.
Vor gut einem Jahr forderte James Harvey das Netz auf, kollaborativ eine komplette Adaption von Katsushiro Otomos Manga-Großwerk Akira zu schaffen, in der alle Figuren durch das Personal der Simpsons ersetzt werden (siehe Links der Woche 12/13). Der erste Band mit 350 Seiten ist mittlerweile fertig und kann online betrachtet werden.

1000 Great Graphic Novels
YouTube, Comics Juice
Allen Rubinstein hat eine Liste von 1000 guten Comics zusammengestellt (über die er ursprünglich mal jeweils einen Text schreiben wollte, was er aber verworfen hat). Alle 1000 Einträge im Schnelldurchlauf gibt es in diesem Video:

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Vom Jenseits und andere Erzählungen

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Cover Vom JenseitsÜber den Einfluss von H.P. Lovecraft auf die Horror- und Sci-Fi-Literatur muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Posthum wurde Lovecraft zum Kultautor und viele Kreative aus diversen Medien bedienen sich seitdem aus seinem Werk oder fühlen sich davon sichtlich inspiriert. Und natürlich gab es auch immer mal wieder den Versuch, originale Lovecraft-Stories in Comicform zu adaptieren. Erik Krieks H.P. Lovecraft – Vom Jenseits und andere Erzählungen ist der vielleicht bis dato ambitionierteste.

Der niederländische Künstler erschuf eine liebevoll gestaltete Hommage, die sich alle Mühe gibt, die gruselige Atmosphäre der Vorlagen in Bilder zu bannen. Insgesamt fünf Episoden versammelt der Comicband. Darunter beispielsweise „Die Farbe aus dem All“, in dem sich nach einem Meteoriteneinschlag auf dem Land eines Farmers eine außerirdische Infektion ausbreitet. Oder die Erzählung „Vom Jenseits“, in der ein Wissenschaftler eine Maschine erbaut, die ein Tor in eine andere Dimension öffnet. Die bei weitem längste Story ist „Schatten über Innsmouth“. Hier wird noch deutlicher als bei den anderen Geschichten, wie sich der Spannungsbogen langsam aufbaut, um dann aus dem mulmigen Gefühl beim Leser mit einem Twist den Schlag in die nervliche Magengrube zu vollziehen.

Seite aus Vom JenseitsSo sind alle hier zusammengestellten Erzählungen wirklich überzeugend umgesetzt und sorgen für einen schaurigen Leseabend. Die Off-Stimmen der jeweiligen Protagonisten tragen den Plot primär und erzeugen genau die richtige Stimmung aus Unsicherheit und Furcht. Als zweiten atmosphärischen Eckpfeiler des Buches setzte Kriek die übernatürlichen Elemente (Fischwesen, Götter, Tentakel) sparsam und zumeist erst subtil am Ende der Episoden ein. Das ist auch gut so, da die Vorlagen Lovecrafts ihren Reiz ja durchaus daraus beziehen, dass das wirkliche Grauen in den Köpfen der Leser passiert. Kriek muss als Zeichner schließlich auf dem schmalen Grat wandeln, die Stories stimmig zu bebildern, ohne den Horror auszusparen, es aber mit der expliziten Darstellung nicht zu übertreiben. Doch das gelingt dem Niederländer mit seinem eindringlichen Schwarz-Weiß-Strich äußerst gut.

Überhaupt merkt man Kriek an mehr als einer Stelle an, dass es sich bei dieser Adaption um ein Herzensprojekt handelt: Das Cover ziert eine gerahmte Silhouette Lovecrafts, die mit Details aus den Comics ausgefüllt ist, im Innenteil ist ein Selbstporträt Krieks abgedruckt, wie er in einem horrormäßigen Atelier arbeitet und am Seitenrand durchzieht das Buch ein Augapfel, der sich per Daumenkino rotieren lässt. Leider ist man mit der Lektüre des Bandes recht schnell durch. Ein erweiterter Umfang mit deutlich mehr als nur fünf Erzählungen wäre wünschenswert gewesen. Aber wer weiß, vielleicht arbeitet Erik Kriek demnächst an einer zweiten Ausgabe.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Atmosphärisch dichte, liebevolle Lovecraft-Hommage

 

H.P. Lovecraft – Vom Jenseits und andere Erzählungen
Avant-Verlag, November 2013
Text und Zeichnungen: Erik Kriek, nach H.P. Lovecraft
Übersetzung: Gregor Seferens
112 Seiten, schwarzweiß, Hardcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-91-6

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Avant-Verlag

Frisch aus der Druckerei: April/Mai 2014

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Die Zeit, die diese Kolumne jeden Monat beansprucht, war zuletzt leider nicht vorhanden, aber so ganz unter den Tisch fallen soll sie auch nicht. Wir beschränken uns daher für die Monate April und Mai auf jene Comics, die uns besonders am Herzen liegen: die einheimischen Eigenproduktionen, und außerdem die Sekundärliteratur. Eine Auswahl interessanter neuer Lizenztitel aus dem Ausland gibt es dann weiter unten in Listenform (Die Übersicht über die Juni-Neuheiten folgt dann in Kürze).

HIGHLIGHT DES MONATS

KinderlandKinderland war in den vergangenen Wochen der medial meistbeachtete Comic seit Langem. Die Mischung aus relevantem Thema (das Ende der DDR aus der Sicht von Jugendlichen) und einem bereits etablierten Comickünstler, nämlich Mawil, sorgte für ein immenses Presseecho. Dass der lange erwartete, mehr als 300 Seiten starke Band dann auch noch den Max-und-Moritz-Preis als Bester deutschsprachiger Comic gewann, sorgte für einen weiteren Push. Wer Mawils Comics kennt, weiß, dass er hier weder eine dröge Geschichtsstunde noch sentimental-banale Erinnerungen serviert bekommt, sondern hervorragend erzählte Comickost in einer unverwechselbaren Handschrift. [Leseprobe]

EIGENPRODUKTIONEN

Bei Romanen ist es gang und gäbe, dass Bücher zuerst im Hardcover auf den Markt kommen, ehe ein bis zwei Jahre später eine preisgünstige Taschenbuchausgabe, teilweise bei einem anderen Verlag, folgt. Carlsen wendet dieses Modell unter dem Titel „Graphic Novel paperback“ nun erstmals auf vier Titel seines Graphic-Novel-Labels an, darunter drei Eigenproduktionen: Die Sache mit Sorge von Isabel Kreitz (2008), ein halbdokumentarischer Comic über einen deutschen Spion im Japan des Zweiten Weltkriegs [Leseprobe, CG-Rezension der Erstausgabe]. Dazu der umstrittene Afghanistan-Comic Wave and Smile von Arne Jysch (2012) [Leseprobe] sowie Flix‘ sehr erfolgreiche Goethe-Adaption Faust (2010) [Leseprobe, CG-Rezension der Erstausgabe]. Das Seitenformat dieser Paperbacks ist gegenüber den gebunden Ausgaben leicht verkleinert, dafür kosten die Taschenbücher auch nur die Hälfte der Originalausgaben. Der vierte Titel ist David Smalls Stiche, im Herbst folgen Fun Home von Alison Bechdel und Meine Mutter ist in Amerika … von Émile Bravo.

Und gleich noch eine Flix-Neuedition bei Carlsen: Die drei semi-autobiographischen Bücher Held, Sag was und Mädchen gibt es nun gesammelt in einer dicken Gesamtausgabe unter dem Titel Die Held-Trilogie. [Leseprobe]

Emilio TassoNun aber zu den wirklich neuen Comics, wobei wir noch beim Carlsen Verlag bleiben: Emilio Tasso – Eine Abenteuerreportage stammt vom Journalisten Alexander Bühler, der sich mit der Zeichnerin ZAZA Uta Röttgers zusammengetan hat, um von einer vergessenen Eisenbahnlinie zu erzählen, auf die er selbst bei Recherchen im Kongo gestoßen ist. Emilio Tasso ist mehr illustrierter Text als Comic und möglicherweise ein interessanter Versuch, einen Beitrag zur noch nicht besonders entwickelten Gattung der journalistischen Comics zu leisten. [Leseprobe]

Im Aachener Verlag Wesentlich erschien ein historischer Comic, und zwar gleich parallel in drei Sprachen: Karl der Große – Die ganze Wahrheit von Fabienne Loodts und Saskia Petermann nähert sich dem mittelalterlichen Kaiser in unterschiedlichen Formaten und Formen, in Illustrationen, Infografiken und Comicsequenzen. [Leseprobe]

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Der Zwerchfell Verlag hat kürzlich mit der Bettgeschichten-Anthologie bewiesen, dass es möglich ist, in erfrischender und unpeinlicher Form erotische und/oder pornographische Comics zu machen. Mit Das Schwein legt der Verlag nun noch einmal nach: Der Comic der Debütantin Maria Hen kommt als „Pornographic Novel“ im kleinen A5-Format in Schwarz-Weiß und möchte zeigen, dass, so der Verlagstext, „erzählerische Raffinesse und Pornografie sich gut miteinander vertragen“. [Leseprobe]

Auch kein Kind von Traurigkeit ist Ralf König, vor allem in seinem Frühwerk. Die ersten schwulen Comics des eben in Erlangen für sein Lebenswerk geehrten Zeichners bringt der Männerschwarm Verlag in der mehrbändigen Hardcover-Reihe Der junge König- Die frühen Comix. Der erste Band enthält Geschichten aus den Jahren 1980 bis 1984 und zeigt sehr schön, wie sich Ralf König langsam seinen unverkennbaren Knollennasen-Stil erarbeitet hat.

An der Hochschule Augsburg entstand nach zwei Jahren Pause zum fünften Mal eine Ausgabe der Anthologie Strichnin, mit Arbeiten von Studierenden der Fakultät für Gestaltung, wo Professor Mike Loos seit einigen Jahren ein Comicprojekt auf die Beine stellt. Die neue Nummer steht unter dem Motto „Wahrheit, Lüge, Selbstbetrug“. [Leseprobe]

Der letzte Kobold 1Der letzte Kobold ist ein Fantasycomic im Funnystil, in dem ein kleiner Kobold ganz plötzlich auftaucht und sich auf die Suche nach seinem Volk macht. Teil 1 der Albenreihe trägt den Titel Gabelfuß & Luno und stammt vom Kreativteam Pegasau, Pits & Knolle. Dahinter stecken Autor Dirk Seliger sowie Zeichner Stefan Pede und Koloristin Steffi Pede, die gemeinsam schon etliche Beiträge in Mosaik-Fanmagazinen veröffentlicht haben. Vor dem Album, das jetzt bei Epsilon erschienen ist, gab es bereits mehrere Kurzgeschichten mit dem kleinen Kobold in den Gratiscomictag-Heften vom Holzhof Verlag und in der Anthologie Comix & Beer. [Leseprobe]

Der Bamberger Sebastian Sommer pflegt einen ganz eigenen Zeichenstil mit sehr dicken Outlines, grellen Farben und Graffiti-Anleihen. Bei Gringo Comics ist nun sein dritter Langcomic erschienen: Deduktion spielt mit Sherlock-Holmes-Motiven, macht aus dem Meisterdetektiv aber eine Detektivin namens Sherley. [Leseprobe]

Nachdem die Micky Maus im Jahr 2012 die Duck-Familie durch diverse deutsche Städte ziehen ließ, legte man wenig später mit Die Ducks in den Alpen ein ähnliches Projekt nach. In vier Kapiteln schickte Zeichner Jan Gulbransson den Entenclan nach Österreich und in die Schweiz. Nun gibt es in der Egmont Comic Collection den Hardcover-Sammelband dazu. [Leseprobe]

Die Haie von Lagos von Matthias Schultheiss ist zwar ein Comic aus Deutschland, aber eigentlich keine Eigenproduktion, sondern entstand für einen französischen Verlag. Nach einem erfolgreichen Dreiteiler in den 1980er Jahren kehrt Schultheiss mit einem zweiten Zyklus zu seiner rauhen Dschungel-Erzählung zurück. Band 4, Die Geister des Meeres, ist bei Splitter erschienen, wo im Juli auch eine Gesamtausgabe der ersten Trilogie aufgelegt wird. [Leseprobe]

GleisdreieckEbenfalls von deutschen Künstlern, aber zuerst in Frankreich erschienen und dann quasi reimportiert: Gleisdreieck – Berlin 1981 von Jörg Ulbert und Jörg Mailliet (Berlin Story Verlag), eine Geschichte über einen Terroristen und einen Polizisten aus dem geteilten Berlin von 1981. Andreas Platthaus schrieb über die französische Ausgabe: „Man darf wohl vermuten, dass Ulbert im Berlin jener Zeit aufgewachsen ist; zu genau sind seine Kenntnisse über Lokalitäten, Musikvorlieben, Ereignisse. […] Eine Liebeserklärung an diese politische Insel, an all die gesellschaftspolitischen Freibeuter, die sie zum sicherem Hafen erwählten, und an das Lebensgefühl der achtziger Jahre.“ [Leseprobe]

Zum großen Thema Erster Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann, steuert Splitter eine Adaption von Erich Maria Remarques berühmtem Roman Im Westen nichts Neues bei. Peter Eickmeyer nennt sein Buch eine „Graphic Novel“, wobei es sich formal eher um eine Art illustrierten Text handelt. [Leseprobe

Auch kein „richtiger Comic“ im klassischen Sinn war der gut gelaunte Texte-Bilder-Mix Dieses Buch sollte mir gestatten, den Konflikt in Nah-Ost zu lösen, mein Diplom zu kriegen und eine Frau zu finden, der dem kleinen Mückenschwein Verlag zu einem Bestseller verhalf. Nachdem das mit dem Diplom geklappt hat, legt Sylvain Mazas nun einen zweiten Teil nach. [Leseprobe]

Saltatio Mortis ist eine deutsche Band, die Mittelalter-Rock macht und nun auch einen Comic in Auftrag gegeben hat. Die Steampunk-Story Das Geheimnis des schwarzen IXI: Die Erzkanzlerin basiert auf dem gleichnamigen Album der Band und wurde von den britischen Profi-Illustratoren Matt Dixon, Dave Kendall und Kevin Crossley umgesetzt. Kaufen kann man das Buch auf der Website der Band.

SEKUNDÄRLITERATUR

Im Christian Bachmann Verlag erschien der knapp 500 Seiten starke Tagungsband zur 2012er Tagung der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor): Comics & Politik, herausgegeben von Stephan Packard, versammelt 21 internationale Beiträge zum Thema. [Inhaltsverzeichnis]

Die Edition Alfons brachte im Mai den Comic Report 2014 in die Läden, die vierte Ausgabe des Jahrbuchs, das neben Marktanalysen und Rückblicken auch Artikel zu Jubiläen wie 40 Jahre Angoulême, 75 Jahre Spirou oder 75 Jahre Superman enthält. [Leseprobe]

AUS DEN USA

Der erste Weltkrieg: Die Schlacht an der SommeDer erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme von Joe Sacco (Edition Moderne)

Rachel Rising 1 von Terry Moore (Schreiber & Leser)

Wizzywig – Das Porträt eines notorischen Hackers von Ed Piskor (Egmont Graphic Novel)

Mister Nostalgia von Robert Crumb (Reprodukt)

Godzilla: Das Erwachen von Eric Battle, Greg Borenstein, Max Borenstein und Yvel Guichet (Cross Cult)

Planet der Affen: Die Chroniken von Mak von Carlos Magno und Daryl Gregory (Cross Cult)

Capote in Kansas von Ande Parks und Chris Samnee (Panini Comics)

East of West 1 von Jonathan Hickman und Nick Dragotta (Panini Comics)

Cemetery Girl 1 von Charlaine Harris, Christopher Golden und Don Kramer (Panini Comics)

Kick-Ass 3 1 von Mark Millar und John Romita Jr. (Panini Comics)

Pathfinder 1 von Jim Zub und Andrew Huerta (Panini Comics)

Infinity 1 von Jonathan Hickman und Jim Cheung (Panini Comics)

Winter Soldier Megaband 1 von Ed Brubaker, Butch Guice und Michael Lark (Panini Comics)

Deadpool killt Deadpool von Cullen Bunn und  Salva Espin (Panini Comics)

Galactus: Hunger von Joshua Hale Fialkov und Leonard Kirk (Panini Comics)

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit von Chris Claremont und John Byrne (Panini Comics)

Howard the Duck – Bedrohte ArtenMarvel Maximum 57: Howard the Duck – Bedrohte Arten von Steve Gerber, Phil Winslade und Glenn Fabry (Panini Comics)

Forever evil – Herrschaft des Bösen 1 von Geoff Johns und David Finch (Panini Comics)

Batman / Superman 1 von Greg Pak, Jae Lee und Ben Oliver (Panini Comics)

Batman Collection: Alan Davis 1 von Mike W. Barr und Alan Davis (Panini Comics)

AUS ITALIEN

Waisen 1 von Emiliano Mammucari, Massimo Carnevale und Roberto Recchioni (Cross Cult)

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Die Stern-Bande von Luca Enoch und Claudio Stassi (Panini Comics)

AUS SPANIEN

James Joyce – Porträt eines DublinersJames Joyce – Porträt eines Dubliners von Alfonso Zapico (Egmont Graphic Novel)

Eros/Psyche von Maria Llovet (Tokyopop)

Matador – Ein Mensch, ein Jahrhundert, eine Leidenschaft von Manolo López Poy und Miguel Fernández Vázquez (Diábolo Comics)

Ken Games 0 von José Manuel Robledo und Marcial Toledano (Diábolo Comics)

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Sechs aus 49 1 von Thomas Cadène und div. Zeichnern (Schreiber & Leser)

Der Turm von François Schuiten und Benoît Peeters (Schreiber & Leser)

Eine nautische Fabel von Marine Blandin (Carlsen)

Die Katze des Rabbiners Gesamtausgabe 1 von Joan Sfar (Avant Verlag)

Ich erinnere mich: BeirutIch erinnere mich: Beirut von Zeina Abirached (Avant Verlag)

Zweite Generation von Michel Kichka (Egmont Graphic Novel)

Marienkäfer suchen ein Zuhause von Davide Calì und Marc Boutavant (Reprodukt)

Umpah-Pah – Gesamtausgabe von René Goscinny und Albert Urderzo (Egmont Comic Collection)

Julian B. von Dieter und Michel Plessix (Toonfish)

Mutter Krieg von Kris und Maël (Splitter Verlag)

Apache Junction 1 von Peter Nuyten (Splitter Verlag)

Castaka von Alejandro Jodorowsky und Das Pastoras (Splitter Verlag)

Sky Doll 1 von Barbara Canepa und Alessandro Barbucci (Splitter Verlag)

Sherlock Holmes & das Necronomicon von Sylvain Cordurié und Laci (Splitter Verlag)

Die Ardennenschlacht von Harold Willy Vassaux (Boiselle & Ellert)

AUS DEN NIEDERLANDEN

Lemuria 1 von Sytse S. Algera und Apriyadi Kusbiantoro (Splitter Verlag)

AUS ENTENHAUSEN

80 Jahre Donald Duck – Held in allen Lebenslagen (Egmont Comic Collection)

AUS ASIEN

Die Stadt, in der es mich nicht gibtDie Stadt, in der es mich nicht gibt 1 von Kei Sanbe (Tokyopop)

My Magic Fridays 1 von Arina Tanemura (Tokyopop)

Bride of the Fox Spirit von Rihito Takarai (Tokyopop)

Romantica Clock 1 (Tokyopop)

Zu jung für die Liebe? 1 von Kanan Minami (Tokyopop)

Lindbergh 1 von Ahndongshik (Kazé)

Tokyo Ghoul 1 von Sui Ishida (Kazé)

Daytime Shooting Star 1 von Mika Yamamori (Kazé)

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Sexy Puzzle 1 von Kazurou Inoue (Kazé)

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Toriyama Short Stories 1 von Akira Toriyama (Carlsen Manga)

Calling 1 von Kano Miyamoto (Carlsen Manga)

Bluish 1 von Abi Umeda (EMA)

Obaka-chan – A fool for Love 1 von Sato Zakuri (EMA)

Our Miracle 1 von Natsuo Kumeta (EMA)

My little Monster 1 von Robiko (EMA)

Pakt der Yokai 1 von Yuki Midorikawa (EMA)

Sankarea 1 von Mitsuru Hattori (EMA)

Die Sargprinzessin 1 von Ichirou Sakaki und Shinta Sakayama (EMA)

Sukuiya 1 von PEACH-PIT (EMA)

Archenemy & Hero 1 von Touno Mamare und Akira Ishida (Planet Manga)

 

Die Links hinter den Titeln verweisen jeweils auf Leseproben zum jeweiligen Comic (falls keine deutsche Leseprobe verfügbar ist, zu einer Version in der Originalsprache).

Gröcha

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Cover Gröcha„Gröcha“? Was klingt wie ein Frosch im Hals oder eine Kombination zwischen einem Huster und einem ausgesprochenen Wort ist in Wahrheit ein Begriff aus dem Rätoromanischen und heißt auf Deutsch so viel wie „Dreck“. Wobei auch dieser Titel dann zugegebenerweise nicht gerade ein Kaufanreiz ist. Doch der kleine, aber äußerst feine avant-Verlag hat sich im Laufe seiner Geschichte so selten in seiner Publikationsauswahl vergriffen, dass man schon geneigt ist, sich alles zuzulegen, was in seinem Programm veröffentlicht wird. Und Peggy Adam, die Zeichnerin und Autorin von Gröcha, konnte bereits mit Luchadoras einen großen Kritikererfolg feiern. Allerbeste Voraussetzungen also.

Oberflächlich gesehen geschieht hier allerdings nicht viel. In naher Zukunft grassiert mitten in Europa eine Seuche. Um die Infektion einzudämmen, hat sich ein restriktives System entwickelt, in dem die Bevölkerung überwacht und ihre Verhaltensweisen streng reglementiert werden. Marc, dessen Frau erste Anzeichen der Krankheit zeigt, möchte in die Natur fliehen und etwas zur Ruhe kommen. Doch man kann sich selbst und der Vergangenheit nicht entfliehen, und so wird die Flucht zur Konfrontation.

Auch wenn die Story an sich sehr überschaubar ist, holt Peggy Adam doch das Maximale daraus hervor. Das gelingt ihr mit einem geschickten Spiel von Anspielungen, aus dem sich eine enorme Spannung entwickelt. Erst am Ende klärt sich einiges aus der Vergangenheit der Protagonisten auf und bis dahin liest man gebannt weiter, da man wissen will, ob sich der eigene Verdacht bewahrheitet.

Leider ist die letztendliche Essenz des Bandes eine Binsenweisheit und alles andere als neu. Aber bei Themen, die schon seit gefühlten Ewigkeiten aktuell sind, ist es auch schwer, einen ganz neuen Zugang zu finden. Es geht mal wieder um Umweltzerstörung und dass alles eins ist, sprich der Mensch ohne die Natur nicht überleben kann und im Grunde die Zivilisation der Feind der Umwelt ist. Das ist nicht neu, aber zum Glück ohne pädagogischen Zeigefinger erzählt.

Seite aus GröchaDass die Natur zurückschlägt und dem Menschen seine Grenzen aufzeigt, kann man jeden Tag in den Nachrichten verfolgen. Da geht es also dann weniger um das „was“, sondern wie das präsentiert wird. Selbst in Tragik und Gefahr kommen sich die Menschen hier nicht näher, sind sich uneins und unfähig zu wirklicher Empathie. Dann wird jede Liebe zu reinem Egoismus.

Düster ist der Inhalt, dunkel die Zeichnungen. Je näher man in die vermeintlich liebliche Natur eindringt, umso schwärzer, bedrohlicher werden die Zeichnungen. Der Mensch hat die Natur verdorben, hat sich von ihr entfremdet und die Umwelt ist eine fremde, bedrohliche Welt geworden, die gegen das ewige „Ich“ ankämpft, da hier nur das Kollektiv des Lebens gilt. Und am Ende versinkt alles im Schwarz. Das ist wirkungsvoll, aber auch wenig subtil.

Generell ist die Thematik sehr unangenehm, kann aber leider den Leser nicht sonderlich berühren. Zu fremd, zu sperrig bleiben die Figuren, als dass man ihnen gegenüber Empathie entwickeln könnte, und so stellt sich der Comic selbst ein Bein. Die Erzählung bleibt teilweise zu abstrakt und zeigt zu viel Stilwillen, um den letztlich banalen Inhalt zu transportieren. Das geht auf Kosten der Emotionen, wobei es ja einer der inhaltlichen Punkte ist, dass man offensichtlich zu wenig von ihnen zeigt. So bleibt Gröcha auf einem Mittelweg stehen: Der Comic ist im Großen und Ganzen gelungen, da einige wirkungsvolle Passagen enthalten sind, aber er hinterlässt nicht gerade einen prägenden Eindruck.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Ein altes Thema mit viel Stilwillen präsentiert, was zu Lasten der Emotionen geht.

 

Gröcha
Avant Verlag, März 2014
Text und Zeichnungen: Peggy Adam

Übersetzung: Claudia Sandberg
Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-92-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Avant Verlag

Links der Woche 21/14: Das ist ein netter junger Mann, was der sich alles merken kann

Unsere Links der Woche, Ausgabe 21/2014 – Ein Special zum Comic-Salon Erlangen

Der Comic-Salon liegt nun gut eine Woche zurück. Das Medienecho zur größten deutschen Comicveranstaltung wurde in den letzten Jahren immer breiter, und auch diesmal wurde an vielen Stellen berichtet. Hier eine Auswahl an Links zum Salon:

 

Hall of Fame des Comics?!
Titel Kulturmagazin, Christopher Franz
Noch vor dem Salon erschien dieser Rückblick auf die ersten 30 Jahre des Max-und-Moritz-Preises. Ein wertvoller Artikel vor allem für seinen Blick auf die frühen Jahre, über die man im Internet außer den damaligen Preisträgern sonst nur sehr wenig erfährt. Zum Beispiel wird bestimmt nicht jeder wissen, dass der Preis auch einmal außerhalb Erlangens vergeben wurde.

Hella von Sinnen ist in ihrem Element
n-tv.de, Markus Lippold
Über die diesjährige Preisverleihung, zum dritten Mal mit Hella von Sinnen als Moderatorin, berichtet u.a. die Website von n-tv.

Comic Salon 2014 mit ernsten Themen – Tagesschau vom 19.6.2014
YouTube, Mediacontainer
Journalisten, die den ganzen Salon auf wenigen Zeilen oder in wenigen Minuten zusammenfassen müssen, legen ihren Fokus fast geschlossen auf den Themenschwerpunkt Erster Weltkrieg mit der großen Jacques-Tardi-Ausstellung, so wie dieser kurze Tagesschau-Beitrag.

Der Zeichner im Schützengraben
taz, Katja Lüthge
“Im Gegensatz zu [Ralf] König hat der Comic-Salon in Erlangen in den dreißig Jahren seines Bestehens immer wieder sein Auftreten geändert, so groß und vielgesichtig wie diesmal war er aber selten.“

Bildergeschichten und Graphic Novels
Bayern 2, Thomas Senne
Ein immerhin vierminütiger Hörfunkbeitrag des Bayerischen Rundfunks mit O-Tönen von Festivalleiter Bodo Birk.

Themenarchiv Internationaler Comic-Salon Erlangen
nordbayern.de
Die lokale Presse berichtete vor, während und nach dem Salon in großem Umfang.

Die umfangreichste und auch fachlich am tiefsten gehende Berichterstattung aus Erlangen gibt es auf den Comic-Seiten des Tagesspiegel mit zahlreichen Einzelbeiträgen. Zum Beispiel zur Verleihung des ICOM Independent Comicpreises, zu Diskussionsrunden über die öffentliche Förderung der Comickunst, zum Panel über den Zustand der Comickritik oder zur abschließenden Bilanz-Diskussionsrunde.

Viele Stunden Videomaterial haben die Splashcomics gesammelt. Mit ihrem Filmteam schnitten sie einen Großteil der vielen Veranstaltungen auf dem Salon mit, außerdem wurden einige Comicmacher interviewt. Die Filme stehen auch als MP3-Download zur Verfügung.

Ebenfalls in mehreren Beiträgen beschäftigt sich das Titel Kulturmagazin mit dem Salon, Blogger Alexander Lachwitz fasst seine Eindrücke in einem Artikel pro Tag zusammen, und dann ist da auch noch unser Comicgate-Erlangen-Tagebuch, mit dem wir immerhin drei der vier Tage abdecken konnten.

Und natürlich haben auch jede Menge Webcomic-Zeichner den Salon besucht und hinterher ihre Eindrücke zeichnerisch verarbeitet. Eine mit Sicherheit unvollständige Auswahl:

Wizzywig

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Cover WizzywigIn den USA der 70er Jahre ist Kevin Phenicle noch ein überaus intelligenter Einzelgänger. Jahre später sollte er schließlich im Gefängnis landen. Denn damals entwickelte sich Phenicle vom technikbegeisterten Jungen zum weltberühmten Hacker mit dem Pseudonym „Boingthump“.

Ed Piskors Wizzywig ist ein Comic über die Anfänge der Hackerszene. Aus mehreren Biografien realer Hackergrößen hat er die fiktive Figur des Kevin Phenicle erschaffen. Von den Anfängen des Phreaking, bei dem man über illegale Blueboxen mithilfe einer bestimmten Tonhöhe unbegrenzt kostenlos telefonieren konnte, über die Manipulation von Datenbanken und Telefonnetzen, wird hier Boingthumps Werdegang über Jahrzehnte hinweg gezeichnet. Begleitet wird die episoden- und sprunghafte Erzählung von medialer Berichterstattung und den Aussagen ehemaliger Wegbegleiter. Schnell wurde nämlich die Staatsmacht auf die immer krimineller werdenden Aktivitäten des jungen Hackers aufmerksam, weshalb es Kevin später ins bereits erwähnte Gefängnis verschlagen wird.

Piskors Werk ist zeitgeschichtlich sehr interessant, da es die Anfänge des Personalcomputers, den Aufstieg des Modems und der Rechnernetze begleitet und das damalige Vorgehen der Hacker beleuchtet. Insgesamt könnte man allerdings anmerken, dass dem Comic etwas die Ausgewogenheit fehlt. Denn die Hommage an nicht explizit genannte Hacker gerät hier mitunter zur Heldenverehrung und damit zur einseitigen Darstellung, bei der die Strafverfolgung allzu simpel verunglimpft wird.

Seite aus WizzywigZudem ist die Erzählstruktur sehr hektisch, die Handlung springt immer wieder und wird durch diverse Spielereien gebrochen. Zusammen mit dem permanent benutzten Technikvokabular, das wohl nicht jeder Normalleser vollständig verstehen dürfte, führt das dazu, dass eine emotionale Bindung an das Handlungsgeschehen und die Figuren äußerst schwer fällt.

Mit seinem klaren Stil und dem unorthodoxen Storytelling steht Piskor unübersehbar in der Tradition US-amerikanischer Indie-Comics und -Zeichner wie Harvey Pekar, Chester Brown oder Daniel Clowes. In vielen Momenten erreicht seine umfangreiche Schwarz-Weiß-Geschichte deren Niveau, Wizzywig hinterlässt im Vergleich dazu jedoch keinen so bleibenden Eindruck. Dafür ist Piskors Arbeit alles in allem zu zerfranst, unnahbar und unaufgeräumt.

Ein dickes Lob gibt es, unabhängig von der inhaltlichen Bewertung, in jedem Fall für die Umschlagsgestaltung des Bandes. Front- und Backcover sind im Retro-Design eines alten Apple Mac gehalten und der Rücken ist mit der prägnanten Farbkombination des ursprünglichen Apple-Logos verziert. Das ist wirklich eine nette Idee. Kleine Randnotiz: Auch das Egmont-Logo ist bei diesem Comic mit den Apple-Farbstreifen unterlegt!

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Interessante Grundidee, die Umsetzung gerät jedoch unübersichtlich

  

Wizzywig
Egmont Graphic Novel, Mai 2014
Text und Zeichnungen: Ed Piskor
Übersetzung: Jan Dinter
288 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-5504-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Egmont Graphic Novel

Saria 1&2

Cover Saria 2Wenn sich zwei Großmeister des Comics zusammentun, läuft dem geneigten Leser immer das Wasser im Munde zusammen. An Jean Dufaux kommt eh keiner mehr vorbei: Nicht nur ist er einer der fleißigsten Autoren in diesem unserem Lieblingsmedium, er kann mit seiner Themenwahl manchmal durchaus überraschen und kennt sich zudem in jedem Genre aus. Egal ob man nun Krimis, Horror, Fantasy oder Historiengeschichten mag, in jedem Falle hatte man bestimmt schon mal einen Band aus seiner Feder in der Hand. Paolo Serpieri kennt sich dafür mit dunklen psychischen und physischen Abgründen aus. Seine Serie Morbus Gravis samt ihrer Heldin Druuna ist legendär, nicht nur für Freunde der Science-Fiction, sondern auch der (durchaus derberen) Erotik. Wenn sich zwei Stars eines solchen Kalibers zusammenfinden, schrauben sich die Erwartungen enorm in die Höhe. Gemeinsam haben Dufaux und Serpieri 2007 die Serie Die Unterwelt gestartet, deren erster Band 2008 in der Edition Venus auch auf Deutsch erschien. Nach einer längeren Pause und einem Verlagswechsel geht es nun mit einem neuen Zeichner weiter. Der Splitter Verlag beginnt seine Ausgabe unter dem neuen Titel Saria erneut mit dem ersten Band.

Saria ist die Tochter eines italienischen Fürsten und erbt auf dessen Sterbebett etwas sehr Kostbares, mit dem aber auch eine enorme Gefahr einhergeht. Denn sie erhält drei Schlüssel, von denen einer die Pforten zum Himmel öffnet, ein anderer die der Hölle, und der dritte ins Nichts führt. Nur weiß niemand, welcher Schlüssel für welches Schloss passt. Dennoch wollen alle die Schlüssel an sich bringen und scheuen vor keiner Gewalttat zurück. So ist der mächtige Doge Venedigs mit seiner Miliz ebenso auf auf der Jagd nach Saria wie ein wahrhaftiger Dämon.

Seite aus Saria 1In dieser Mischung aus Fantasy, History, Horror und Steampunk geht vieles auch abseits der Genregrenzen durcheinander. Das hat zwar durchaus seinen Reiz, läuft aber noch nicht sonderlich harmonisch zusammen. Ob sich da zwei große Egos im Wege standen? Serpieri bringt wieder deutliche Einflüsse seines bisherigen Schaffens ein, indem er die Lagunenstadt Venedig mit metallisch wuchernden Objekten versieht, wie man sie schon in Morbus Gravis sehen konnte. Das will nicht so recht passen: der Bruch mit dem historischen Setting fällt da eher negativ auf. So können die übernatürlichen Zutaten und die technologischen Steampunk-Elemente auch nicht mehr besonders überraschen und zünden. Graphisch gesehen steht von vornherein fest, dass wir uns eh in einer abstrakten Welt befinden. Das erinnert zumindest optisch sehr an Druuna, wenn auch mit einem viel dezenteren (und sehr prüden) Einsatz von Erotik. Auch die menschlichen Abstraktionen in Form einer Erkrankung mit wuchernden Gliedmaßen und Entstellungen werden vor allem Leser von Druuna schon kennen. Serpieris Fans wird es freuen, vor allem da er seinem unverwechselbaren Schraffurstil treu geblieben ist. Aber neu ist das alles nicht und zeugt eher von einem gewissen Stillstand.

Für den zweiten Band hat dann ein anderer Zeichner die Feder übernommen, Riccardo Federici, und bei genauerer Betrachtung kann er einige der oben genannten Aspekte vermeiden. Federici hält sich eher an die Figuren und beachtet weniger das Setting. Zwar haben Serpieris Vorlagen noch Bestand, aber die Wucherungen an den Gebäuden sehen nun weniger technikbasiert, sondern organisch aus und machen den generellen Verfall und die Fäulnis glaubhafter. Dadurch gehen die Zeichnungen mit der Story eine harmonischere Mischung ein, wenngleich ein einzigartiger Stil wie bei Serpieri fehlt. Federici hat eine sehr naturalistische Herangehensweise, was zwar glatter, aber in einigen Szenen sehr viel überzeugender wirkt als die Zeichnungen vom Großmeister. Ansonsten bemüht sich Federici, eine möglichst ähnliche, wenn auch gefälligere Kopie seines Landsmanns zu Papier zu bringen.

Seite aus Saria 2Dufaux beschränkt sich gar nicht auf ein rein historisches Abenteuer, sondern baut aktuelle Bezüge ein. Er erzählt eine Parabel über Religion und Macht, die aktuelle und historische Bezüge vermischt. Der Doge erinnert vom äußeren her an Papst Pius XII., der während des Zweiten Weltkriege das Pontifikat innehatte und im historischen Rückblick wegen seines Schweigens zur Judenverfolgung stark kritisiert wird. Der Hauptmann der Miliz ist, zeitlich sehr passend, Benito Mussolini nachempfunden. Dementsprechend tragen die Milizionäre die Uniformen der italienischen Faschisten. Allein schon durch die Kollaboration dieser beiden Figuren wird politische mit religiöser Macht verwoben. Dazu kommt noch die typische Kritik an den Untaten der Inquisition, wobei Dufaux das immerhin harmonisch einfügt.

Dass unter dem Deckmantel des Glaubens egoistische Zwecke verfolgt und alles dem Streben nach Macht untergeordnet wird, ist leider auch nicht neu. Und bei all den verschiedenen Zutaten werden die Gewürze dann leider vergessen. Denn die eigentliche Handlung um die drei geheimnisvollen Schlüssel verliert Dufaux im zweiten Band deutlich aus den Augen und droht sich in Nebensträngen zu verlieren. Am Ende des zweiten Bandes öffnet Saria ein Tor und gerät in des Teufels Küche (was durchaus wörtlich zu nehmen ist), aber die anderen beiden Tore sind nicht mal gefunden. Stattdessen wurde viel Zeit darauf verwendet, Verbündete zu suchen und den religiösen Konflikt und einen Staatsumsturz einzubauen, was den Fokus von der Heldin weg bewegt. Somit bleibt wenig Raum für den Abschluss der Serie, die auf drei Bände angelegt ist.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Jeder der beiden Stars bringt seine Eigenheiten mit ein, doch manchmal stehen sie sich im Wege und vernachlässigen die Handlung.

 

Saria
Splitter Verlag
Text: Jean Dufaux
Übersetzung: Resel Rebiersch
je 64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 14,80 Euro

Band 1: Die drei Schlüssel
Zeichnungen: Paolo Serpieri
ISBN: 978-3-86869-610-3
Leseprobe

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Band 2: Engelspforte
Zeichnungen: Riccardo Federici
ISBN: 978-3-86869-611-0
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Erlangen-Tagebuch, Tag 4: Mangakatzen, Comicküchen und Alan Moores Bart

Alle zwei Jahre bildet der Comic-Salon Erlangen für vier Tage den Nabel der Comicwelt. Wir sind natürlich auch dort und präsentieren an unserem Stand die neueste Ausgabe des Comicgate-Printmagazins zum Thema „Farbe“. Von dem, was sonst so passiert, berichten wir in diesem Messetagebuch: Im täglichen Wechsel schreiben CG-Redakteure über den vergangenen Tag, aus ihrer persönlichen, subjektiven Sicht und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Heute: Andreas Völlinger über den vierten Tag, Sonntag, 22. Juni

(Tag 1, Tag 3)

 

Mit der Verlagsparty der letzten Nacht noch in den Gliedern ist mein erstes Ziel in der sich rasch füllenden Heinrich-Lades-Halle der Stand von Atomax. Kollege Frisch, den ich im Schlepptau habe, bekannte nämlich auf dem Weg zum Salon, noch nie von Barbapapa gehört zu haben und unterstellte gar, dass Kollege Wederhake und ich ihn mit dem Schalk(er) im Nacken einen Barbabären aufbinden wollen. Zugegeben, wenn man von verschiedenfarbigen Klumpen namens Barbamama und Barbabella erzählt, klingt es wirklich nicht sehr glaubwürdig … Beim Merchandise-Händler mit dem Händchen für angesagte Lizenzen ist Barbapapa nach seinem mehrere Jahre anhaltenden erfolgreichen Plüschfiguren-Revival jedoch mittlerweile mangels Nachfrage wieder aus dem Programm geflogen. Der aktuelle heiße Scheiß, so erfahren wir, sind stattdessen PVC-Figuren von Chi, der Mangakatze, deren Abenteuer neuerdings bei Carlsen verlegt werden. Ein kulleräugiger Fall von Extremniedlichkeit und wohl der ultimative Albtraum aller Katzenbuch-Hasser.

Vor dem Comicgate-Stand steht schon eine beachtliche Schlange, die sich aber enttäuschender Weise wie schon an den Tagen zuvor als Warteschlange für unsere Standnachbarn Ulf Graupner und Sascha Wüstefeld entpuppt, die weiterhin im Akkord den neuen UPgrade-Band signieren und der Fanmassen trotz täglicher Ausweitung ihrer Signierzeiten auf ein bis zwei Stunden nach Salonschluss(!) nicht Herr werden. Ich kann auch heute nicht widerstehen, den hilflosen Wartenden mein episches 18-Seiten-Interview mit den beiden Künstlern im neuen Comicgate-Magazin unter die Nase zu halten und bei manch einem/r verfängt der plumpe Verkaufstrick. Synergie ist alles.

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Kollege Muschweck sinniert darüber, was die UPgrade-Jungs haben und wir nicht.

Zum Luftschnappen geht es auf den Rathausvorplatz, wo ich mit Egmont-Redakteur und Ex-Comicgate’ler Christopher Bünte und den Künstlerkollegen Flavia Scuderi und Ingo Römling über vergangene und zukünftige Projekte schnacke. Auf dem Rückweg wundere ich mich, dass Fahrradmod Tobi Dahmen in einem der Ladenlokale neben der Heinrich-Lades-Halle an einem Tisch sitzt und winkt und nehme zum allerersten Mal in vier Tagen wahr, dass dort eine große Ausstellung der IO (Illustratoren Organisation e.V.) stattfindet. Ein typischer Fall von Messe-Scheuklappen.

Gemeinsam mit Comicgate-Chef Thomas Kögel geht es dann in den „Comicgarten des Émile Bravo“, der laut Katalog im mysteriösen „Basement“ vom Hauptverwaltungsgebäude des Sponsorenpartners Siemens stattfindet. Von der Verlagsmesse ist es zwar nur ein kurzer Fußweg dorthin, ein paar Hinweis- und Richtungsschilder hätten sich dennoch gut gemacht. Der handgemalte Ausstellungshinweis in der Lobby des Verwaltungsgebäudes ist auch nicht gerade vertrauenerweckend. Statt des von mir befürchteten kalten Betonkellers erwartet uns dann aber ein gemütliches Untergeschoss, in dem viele Originalseiten aus den Comics des französischen Künstlers, große Aufsteller seiner Figuren und sogar eine Holzhütte untergebracht sind, in die sich die kleinen Salon-Besucher zur Comiclektüre zurückziehen können. Ergänzt um vom Umfang her gerade richtig bemessene Infotexte ergibt sich für den Besucher eine schöne Übersicht über Bravos mehr als zwanzigjähriges Schaffen, bei der sich die Frage stellt, warum ein derartiger Künstler erst seit 2008 auf Deutsch verlegt wird – und warum neben seinen Spirou-Arbeiten bisher nur seine Comics für junge Leser, nicht aber jene für Erwachsene, hierzulande veröffentlicht wurden.

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Der sehenswerte Comicgarten des Émile Bravo

Mit dem guten Gefühl, neben den Tardi- und SPRING-Ausstellungen (über die Björn Wederhake bereits ausführlich berichtet hat), noch eine weitere gemeistert zu haben, geht es zurück zur Verlagsmesse. Unbedingt ansehen will ich mir aber noch die Ausstellung über Walt Kellys Pogo nebenan im Rathaus, die schon von verschiedenen Leuten lobend erwähnt wurde. Doch zuerst müssen noch ein paar Comics gekauft werden, schließlich sind nur noch wenige Stunden Salon-Zeit: unter anderem das quietschbunte und mit dem ICOM-Preis prämierte Pimo & Rex, Schradis Ach, so ist das?! und das stylische Gung Ho-Album Nr.1, für dessen vier Fortsetzungen sich das Künstlerduo Kummant & Eckartsberg hoffentlich einen strafferen Zeitplan auferlegt hat als für Die Chronik der Unsterblichen, wo zwischen den beiden veröffentlichten Bänden satte sieben Jahre lagen.

Unterwegs werde ich an den Panini-Stand gewunken, wo ein paar meiner Künstlerkollegen von DIE TOTEN gerade signieren. Unsere deutsche Zombieserie wird ab jetzt nämlich vom Großverlag vermarktet. Während sich Christian Nauck sichtlich irritiert mit Salon-Besuchern herumschlägt, die ungefragt für seine feinen Zombie-Sketche bezahlen(!) wollen, zaubert die für derartige Fälle pragmatisch mit einer pinken Spardose ausgestattete Sarah Burrini derweil ein untotes Pony aufs Papier. Das lässt sofort die Idee für ein Crossover zwischen der Zombieserie und ihren Das Leben ist kein Ponyhof-Strips in mir aufkeimen – wir sind hier schließlich bei Panini. Und so bekommt der daneben signierende TOTEN-Chefdompteur und Teilzeit-DJ Christopher Tauber gleich Die untoten Mädels vom Ponyhof gepitcht, das mit Sicherheit ganz neue Leserschichten erreichen würde.

Nach einer kurzen Pause auf dem grasbewachsenen Dachgarten der „Max und Moritz-Leseterasse“, wo unter entspannt schmökernden Salon-Besuchern und übermüdeten Zeichnern auch ein angeregt plaudernder Joe Sacco in der Nachmittagssonne sitzt, steht noch eine Begehung des Jungen Forums an, wo Studenten aus den Illustrations-, Design- und Visuelle-Kommunikations-Studiengängen deutschsprachiger Hochschulen ausstellen. Wie immer gehören die dortigen Stände zu den originellsten auf dem Salon und warten dieses Jahr unter anderem mit von einer Leine baumelnden Schlüpfern und einer komplett eingerichteten, illustrierten Küche auf.

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Zu Mittag gab’s leider nur Comics.

In mir reift langsam die Erkenntnis, dass ich die Pogo-Ausstellung wohl nicht mehr schaffen werde; und zur Bestätigung läutet wenig später auch schon die legendäre Stimme mit gefühlvollen Abschiedsworten über die Lautsprecheranlage das Ende des Salons ein. Sorry, Pogo.

Um die „Streich auf Streich“-Ausstellung im Stadtmuseum, die ich ebenfalls verpasst habe, ist es übrigens weniger schade. Denn wie mir Kurator Martin Jurgeit verriet, handelte es sich in Erlangen nur um eine reduzierte Version des Ganzen. Die komplette Ausstellung über 150 Jahre deutschsprachige Comics kann ab Mitte September im Schloss Oberhausen bewundert werden, was ich als gebürtiger Ruhrpottler, der schon die gelungenen Walter-Moers- und Ulf-K.-Ausstellungen dort zu schätzen wusste, sicherlich auch machen werde.

Zurück am Comicgate-Stand ist bereits die bittersüße Abschiedszeremonie all jener lieben Kolleginnen und Kollegen im Gange, die noch am Sonntag ihre Heimreise bestreiten. Um den aufkommenden Abschiedsblues zu bekämpfen, schließen wir verbliebenen Comicgate’ler uns nach dem Standabbau mit den Resten der Zwerchfell-Truppe und der Alligator-Farm-Crew zusammen und suchen einen Mexikaner heim. Unterwegs geht es noch einmal vorbei an der beeindruckenden Freiluft-Installation von Joe Saccos Panoramabild Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme auf dem Schlossplatz – im Original ein sieben Meter langes Leporello, hier in zehnfacher Größe auf Planen gedruckt. Beeindruckend in seiner unglaublichen Detailliertheit, kommt es aber gerade durch diesen Wimmelbildeffekt nicht ganz an Jaques Tardis ungemein eindringlichere Darstellung der Kriegsgräuel ran. Dennoch ein toller Beitrag zum Comic-Salon und eine wunderbare Idee, die Comics raus in die Stadt zu tragen.

Beim Abendessen gibt sich Alligator-Farm-Herausgeber Maikel Das als Erlangen-Dauerbesucher zu erkennen, der seit 1984 jeden Salon mitgemacht hat. Den ersten als frischgebackener Abiturient im Redoutensaal, der mittlerweile viel zu klein für die Verlagsmesse wäre und gegenwärtig nur noch als Tanzfläche für die große Verlagsparty herhält. Eine Ausstellung von Fotos aus 30 Jahren Comic-Salon, welche die Veranstalter kürzlich in einem digitalen Bildarchiv zusammengestellt haben, hätte wirklich unterhaltsam werden können. Aber man wollte ja ausdrücklich lieber nach vorne als zurück blicken, so die Festivalleitung.

Unser Trüppchen zieht gesättigt weiter zur Aftershow-Party ins Manhattan, wo noch gut zwei Dutzend Salon-Helfer und Comicmenschen das Festival ausklingen lassen – darunter die auch nach vier Tagen Salon-Stress noch immer strahlende Flavia Scuderi, das vermutlich mit Gewalt aus der Halle gezerrte UPgrade-Duo, die nicht kaputt zu kriegenden Cartoonisten Gumpert und Metz, Stefan „SPON“ Pannor und der unermüdliche Peter Puck. Während die vier Tage lang genährte Müdigkeit in mir hochkriecht, laufen Zwerchfell-Zar Stefan Dinter und Maikel Das noch einmal zu Hochform auf und erzählen anschaulich von der Fanzine-Produktion in den 1980ern und 90ern inklusive eines erstaunlich unterhaltsamen Vortrags über den Fortschritt der Reprotechnik. Mein Staunen ob der vielfältigen Hürden, vor denen Indie-Comicmacher damals standen, steht mir wohl ins Gesicht geschrieben, was Stefan Dinter mit „Jetzt guck doch nicht so ungläubig, so war’s“ kommentiert. Früher war echt nicht alles besser.

Trotz der grandios unterhaltsamen Runde dämmere ich immer wieder weg, bekomme gerade noch ein kollektives David-Goyer-Bashing mit und dann den Beginn eines feurigen Disputs zwischen den Herren Frisch und Dinter über Alan Moore, in dem so gar nichts ausgelassen wird, nicht mal des Meisters Bart … oder träume ich das schon? Blitze schießen quer über den Tisch, am Fenster zieht der markante Schatten von Salon-Chef Bodo Birk vorbei… und auf einmal haben sich alle wieder lieb. Obwohl Comicgate-Chefredakteurin Frauke nach der Kombination von Fünf-Minuten-Power-Napping und Gin Tonic gerade wieder in Fahrt kommt, beenden wir die Nacht um etwa Zwei auf dieser harmonischen Note und verabschieden uns mit dem Segen von Sankt Bodo ins Hotel. Morgen geht es zurück in diese merkwürdige Parallelwelt außerhalb Erlangens, in der ganz andere Dinge wichtig sind. Eine äußerst unwirkliche Vorstellung.

 

Fotos: Frauke Pfeiffer, Thomas Kögel, Daniel Wüllner

Iakes

Cover IakesDas titelgebende Iakes ist eine fremde Welt, parallel zu der unseren, zu der die Lebenden keinen Zugang haben. Es ist die Welt der Toten, und sie ist recht traditionell aufgeteilt in eine Ebene für wahrhaft gute Menschen und eine Ebene für böse Menschen und Verbrecher. Die dritte und größte Ebene aber ist Naka, die Ebene der „Normalen“, über die noch kein endgültiges Urteil gefällt werden kann. Diese Ebene ist der Welt der Sterblichen sehr ähnlich. In Iakes existiert ein streng überwachtes Eisenbahnsystem, das die Ebenen verbindet, aber nur ausgewählte Personen, die Mitarbeiter der Verwaltungsebene, dürfen diese benutzen.

Hauptperson der Geschichte ist Rik Wigand, Dozent am Institut für Kriminologische Sozialforschung, ein Mann mit herausragender Intuition, der aber seit dem Tod seiner Partnerin Nang aus der Bahn geworfen ist und an der Flasche hängt. Rik hat die Gabe, Geister zu sehen. Es sind die Geister der gewaltsam aus dem Leben gerissenen, die den Weg zum Portal nach Iakes nicht finden, da sie den Tod nicht akzeptieren können.

Eines Tages erhält Rik Besuch von seiner verstobenen Partnerin. Sie hat sich von der mittleren Ebene Naka auf die Verwaltungsebene von Iakes hochgearbeitet und kann sich frei bewegen. Ihre Aufgabe ist es, eine Mordserie aufzuklären, und da sie sich nicht anders zu helfen weiß, bittet sie ihren noch lebenden Ex-Partner um Hilfe; der konnte schon immer mehr sehen als andere. Alsbald führt sie ihn als ersten Lebenden in die Welt der Toten ein, eine Welt, in der es bisher ohne Mord und Totschlag zuging und die deshalb nicht einmal eine Mordkommission hat.

Seite aus IakesSoweit die Grundprämisse dieses Deutschmangas. Zugegeben, ich bin kein großer Fan solcher zusammenfantasierten Jenseitsentwürfe, aber spätestens seit den Fernsehserien Buffy und Angel ist ja bewiesen, dass auch aus scheinbar hanebüchenen Rahmenerzählungen heraus originelle, witzige und zutiefst berührende Geschichten entwickelt werden können. Leider macht die Autorin Miriam Esdohr in ihrem ersten Iakes-Buch aber bisher wenig aus dem Potenzial ihres Entwurfs. Da der Geisterseher Rik sich recht schnell nur noch in der Totenwelt bewegt, bleibt seine Gabe ungenutzt, und die Totenwelt zwischen Gut und Böse ist der unseren zu ähnlich, als dass es hier erzählerisch Funken schlagen würden. Man benutzt auch dort Handys, fährt Autos, geht in Kneipen, zahlt mit Geld und geht in Burgerrestaurants – so richtig mag man sich nicht vorstellen, dass das Jenseits so profan und farblos ist. Wo kommt in dieser Welt denn eigentlich das Fleisch her, wo das Geld? Und gibt es denn keine Umweltverschmutzung oder Korruption?

Ich hätte mich wirklich über eine originellere Handlung gefreut, denn die Welt von Iakes hat ihren Reiz und allein deren Existenz, Verwaltungsstrukturen und Hierarchien bergen eine Menge erzählerisches Potenzial. Am stärksten ist die Erzählung in der ersten Hälfte, in der die Figuren und die Welt eingeführt werden und die Dinge noch geheimnisvoll sind. Sobald der Hauptplot allerdings greift, verpufft die Faszination und die Geschichte wird wie automatisiertes Malen nach Zahlen zu Ende erzählt. Das sieht man auch den Einzelbildern und Seitenkompositionen an, die in der ersten Hälfte um einiges inspirierter wirken. In der zweiten Hälfte dagegen sind die Panels zum Teil bemerkenswert detailarm. Trotzdem wäre es schön, wenn dies nicht der letzte Iakes-Band bleiben würde. Jetzt, wo die Figuren eingeführt sind, kann es ja mit der großen Erzählung losgehen.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Interessantes Comic-Debut, das sein erzählerisches Potenzial leider nicht voll ausschöpft.

 

Iakes
Comic Culture Verlag, April 2014
Text und Zeichnungen: Miriam Esdohr
192 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 7,90 Euro
ISBN: 978-3941886186
Leseprobe

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Abbildungen: © Miriam Esdohr/Comic Culture Verlag