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Als ich mal auf hoher See verschollen war

Cover von Als ich mal auf hoher See verschollen warSprinten, Joggen und Gehen sind anerkannte Fortbewegungsarten. Ein Stolpern wird als motorische Disfunktion wahrgenommen. Bei Erzählungen sieht das ähnlich aus: Egal wie schnell die Geschichte voranschreitet, jede Unterbrechung des gleichmäßigen Erzählflusses verwundert den Leser. In Als ich mal auf hoher See verschollen war erzeugt Maximilian Hillerzeder ein ständiges Moment des Strauchelns und Stolperns. Dadurch bewegt sich der Comic aber wesentlich interessanter fort als der Rest seiner Zunft.

Von Bewegung kann allerdings auf den ersten Seiten des Comics noch nicht die Rede sein. Ein Mann sitzt allein auf einem Floss, auf hoher See und ward verschollen. Dort sitzt er nun, steht jeden Tag um 6.30 Uhr auf – um seine Routine beizubehalten – und backt Pizza aus Wasser für seine Fischfreunde. Wohin die Handlung führt, ist dem Leser unklar. Aber der Held ist ja auch verschollen.

Von Bewegung kann keine Rede sein aus Als ich mal auf hoher See verschollen warDer Titel des Comics und die ersten Seiten stimmen auf Schneckentempo ein, als plötzlich der Sturm hereinbricht und der Held vom Mexikaner und seiner Crew aus dem Waser gefischt wird. Ab diesem Punkt beginnt Hillerzeder feinstes Seemannsgarn zu spinnen. 

Der Künstler schubst seinen Helden von einer grotesken Situation in die nächste: kotzende Seemonster, Pferde aus Erde, kaffeetrinkende Geister und fliegende Köpfe, die ihren eigenen Imbiss betreiben. Sein Held reagiert unbeeindruckt. Die Mischung aus Fantasy, Science Fiction, Zitaten aus der Popkultur, Metafiktion und Blödelei sorgt für eine erfrischend unvorhersehbare Erzählung.

Dieser ungewöhnliche Erzählrhythmus ist der Veröffentlichung als Webcomic geschuldet. Folge für Folge hat Hillerzeder Als ich mal auf hoher See verschollen war auf Hillerkillers Zeugblog veröffentlicht. Immer wieder bricht der Alltag in seine Geschichte. Das Leben ist aber keine Ablenkung von der erzählten Geschichte, sondern Teil von ihr.

Ein Seemonster! aus Als ich mal auf hoher See verschollen warGerade weil Hillerzeder sich nicht mit einer Geschwindigkeit zufrieden gibt, gerade weil er so fabelhaft fabuliert, beschreibt der Comic die Realität, die ihn umgibt, so treffend. All diese wirren Ideen und grotesken Einfälle machen den Comic zu einem echten Abenteuer, bei dem man nicht genau weiß, was wohl als nächstes kommen wird.

Wie der Großmeister des Stolperns und Strauchelns Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) lässt Hillerkiller seinen Helden auf den Boden fallen …  aber daneben. Das Resultat ist ein wunderbar leichter Comic, der fliegt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, warum er das eigentlich tut.

 

Wertungalt

Feinst fabuliertes Seemannsgarn!

 

Titel: Als ich mal auf hoher See verschollen war
Verlag: Edition Kwimbi, Juni 2014
Text und Zeichnungen: Maximilian Hillerzeder
60 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 12 Euro

Signiert erhältlich bei Kwimbi

 

Abbildungen © Maximilian Hillerzeder/Kwimbi

Frisch aus der Druckerei: Juni 2014

Nach zwei komprimierten Ausgaben dieser Kolumne widmen wir uns nun wieder der vollen Palette an Neuheiten auf dem hiesigen Comic-Markt. Hier kommt der Überblick über die interessantesten und wichtigsten neuen Comics des Vormonats:

HIGHLIGHT DES MONATS

Mit ihrer Wolfgang-Hohlbein-Adaption Chronik der Unsterblichen sorgten Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant vor einigen Jahren international für Furore, allerdings litt das Projekt unter langen Wartezeiten. Für ihre neue Serie Gung Ho ließ sich das Münchner Duo vom Genfer Verlag Paquet unter Vertrag nehmen, die deutsche Ausgabe erscheint als Lizenz bei Cross Cult. Die auf fünf Bände angelegte Reihe erzählt von einer Gruppe von Jugendlichen in einem Endzeit-Szenario. Mehr als die Handlung sticht auf den ersten Blick aber von Kummants Artwork heraus, das ohne Outlines auskommt und mit aufwendigen Texturen versehen ist.  Den ersten Band gibt es als reguläres Album und als Vorzugsausgabe mit reichlich Extras. [Leseprobe]

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EIGENPRODUKTIONEN

Das Schicksalsgnom-Team Bastian „Lapinot“ Baier und Robert Mühlich legt mit Mister Origami (Zwerchfell) den Nachfolger zu seiner epischen Fantasyparodie vor. Auch hier geht es kauzig und witzig zu, als Basis dienen diesmal Kampfsport-Filme à la Karate Kid und andere kulturelle Perlen der 1980er Jahre. Ein sehr alberner, großer Spaß. [Leseprobe]

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Ebenfalls bei Zwerchfell erschien die Buchausgabe von Martina Schradis Ach, so ist das?!. Diese Kurzcomics, in denen nicht-heterosexuelle Menschen kleine Ausschnitte aus ihrer Biographie erzählen, entstanden zunächst als Plakatausstellung. Einen Teil davon kann man auf achsoistdas.com lesen.

Vor knapp vier Jahren startete Adrian vom Baur seinen Webcomic „Hipsters versus Vampires“, auf den später die Storylines „Hipsters versus Dinosaurs“, „Hipsters versus Robots“ und „Hipsters in Hell“ folgten. Die Stripserie ist nun abgeschlossen und es gibt das Ganze gesammelt in dem 80-seitigen Sammelband Hipsters versus … zu kaufen.

Die Hipsters-Buchausgabe ist übrigens eine Kooperation des Zwerchfell-Verlags mit Jazam!, der seit 2006 erscheinenden Anthologie, bei der Adrian vom Baur zu den Herausgebern gehört. Das Projekt ist über die Jahre mehr und mehr zur Leistungsschau junger deutschsprachiger Comiczeichnerinnen und -zeichner geworden. In Ausgabe 8 gibt es auf fast 300 Seiten Kurzgeschichten zum Oberbegriff „Helden“. [Leseprobe]

Once UponDeutlich avantgardistischer ist der Ansatz von Tonto, einem internationalen Comic-Kollektiv, das seinen Kern in Graz hat und seit 2001 Printcomics, meist Anthologien, veröffentlicht. Mittlerweile kooperiert man mit dem Avant-Verlag, der auch die neue Ausgabe Once Upon vertreibt. Diese besteht aus zwei Heften, die von einem gemeinsamen Umschlag umschlossen werden.

Wer es lieber etwas profaner hat, wird unter anderem bei Gringo Comics fündig, wo zum Comic-Salon Erlangen diverse Novitäten von Stammzeichnern des Verlags erschienen sind: Berserker heißt die neue Reihe von Stephan Hagenow, eine Art Superhelden-Geschichte, in der der Zeichner und Autor seinen Trash-Vorlieben frönt und „einen hammerharten Comic im Geiste eines 80er Jahre Actionfilms“ (Verlagstext) abliefert. [Leseprobe]

Bela Sobottke lässt in Keiner killt so schön wie Rocco die Helden aus seinen Vorgängerwerken Krepier oder stirb und König Kobra zusammentreffen. Das ergibt laut Eigenaussage „feinste Westploitation mit Berliner Würze“, diesmal sogar im Hardcover und mit Spotfarben. [Leseprobe]

Hinter Kurt steckt Gringo-Verleger Holger Bommer persönlich. Seit Jahren zeichnet und schreibt er die Strips mit dem simpel gestrickten Alltagshelden, die auch online im Gringo Logbuch veröffentlicht werden, nun gibt es eine erste gedruckte Sammlung namens „Hm. Seltsam, seltsam…“ [Leseprobe]

Beim kleinen und langlebigen Chemnitzer Verlag The Next Art wagt man sich zum zehnjährigen Jubiläum an ein Crossover, das Figuren aus verschiedenen Comics des Verlages zusammenbringt: In dem One-Shot TNA United – Der letzte Geek treffen nicht nur die Figuren und Welten von Hades Syndrom, Der Engel und Blue Evolution zusammen, sondern auch ihre Autoren und Zeichner: In der Story von Robert Heracles zeichnen Micheal Feldmann, Tomppa und Steven Grau ihre jeweiligen Figuren selbst – auch dann, wenn sie gleichzeitig in einem Panel auftauchen. [Leseprobe]

Bella Star trifft KalaAuch bei Weissblech Comics wird gecrossovert, denn Bella Star trifft Kala! Levin Kurio und Roman Turowski bringen mit der „Sternenhure“ und der Dino-reitenden Amazone zwei der schillerndsten Heldinnen aus dem gewollt trashigem Weissblech-Universum zusammen. Dafür gönnte man sich sogar erstmals einen edlen Hardcover-Einband, was dafür wieder „mit extra holzigem Papier“ wettgemacht wird, wie der Verleger verspricht. [Leseprobe]

Mit Spass Wars hat MAD-Zeichner Matthias Kringe bereits erfolgreich das SF-Universum von George Lucas verarlbert. Dass wenig später nun auch Spass Trek folgt, ist da nur naheliegend. Bei Panini Books widmet er sich in kurzen Gagstrips dem Raumschiff Enterprise und seiner Besatzung. [Leseprobe]

AUS GROSSBRITANNIEN

Das NAO in BrownDer britische Autor und Zeichner Glyn Dillon stand, was den Bekanntsheitgrad angeht, lange im Schatten seines neun Jahre älteren Bruders Steve (Preacher). Vor Jahren arbeitete er an Comics für Vertigo oder 2000AD, wechselte dann aber in die Filmbranche. Ein Jahrzehnt später erschien 2012 bei SelfMade Hero die Graphic Novel The Nao of Brown. Die erzählt von der japanisch-stämmigen Illustratorin Glyn, die unter einer Zwangsstörung leidet, und bekam reihenweise Kritikerlob und Preise wie den British Comics Award und den Spezialpreis der Jury in Angoulême). Jetzt gibt es die deutsche Fassung Das Nao in Brown bei Egmont Graphic Novel. [Leseprobe]

AUS SPANIEN

Beim gleichen Label ist Unterwegs mit Hector erschienen, ein Roadcomic von Álvaro Ortis über drei Freunde, die sich auf die Reise machen, um die Asche ihres verstorbenen Freundes an einem bestimmten Punkt zu verstreuen. Wer neuere französische Comics à la Trondheim mag, dürfte auch hier gut aufgehoben sein. [Leseprobe]

Auch in der Albenreihe Ken Games von José Manuel Robledo und Marcial Toledano geht es um drei Freunde. Jeder von ihnen hat ein Geheimnis, das er vor den anderen verbirgt. Bei Diábolo Comics erschien zunächst die Nummer 0, die ein Prequel zur eigentlichen Geschichte erzählt. Die eigentliche Nummer 1 folgte dann im Juni.  [Leseprobe]

Eine Zombieparodie mit dem wenig originellen Titel The Walking Depp gibt’s bei Panini Books. Der Comic stammt von José Miguel Fonollosa und hält sich zumindest am Anfang recht eng an den Erfolgscomic von Robert Kirkman. [Leseprobe]

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Das Tun und Lassen der AglaéDer von Studenten der Kasseler Kunsthochschule gegründete Verlag Rotopolpress veröffentlicht nicht nur Eigenproduktionen, sondern fördert auch immer wieder kleine Perlen aus dem Ausland zu Tage. So wie Das Tun und Lassen der Aglaé von Anne Simon, ein tragikomisches Märchen mit einem schrägen Figurenensemble aus Wassernymphen und anderen seltsamen Geschöpfen. [Leseprobe]

Der vielseitige Schweizer Frederik Peeters arbeitet in vielen Genres und an vielen Themen, von autobiographischen Stoffen (Blaue Pillen) bis zu realitätsnahen Polizei-Thrillern (RG). Nun erscheint bei Reprodukt die Albenreihe Aâma, eine Science-Fiction-Serie über einen Technikverweigerer in einer hochtechnisierten Zukunft. Der Verlag verspricht „eine brillant-wahnwitzige Weltraumoper in der Tradition von Stanislaw Lem oder Isaac Asimov“. [Leseprobe]

Den Franzosen Émile Bravo kennt man vor allem durch seine Nicht-nur-aber-auch-für-Kinder-Comics (Meine Mutter ist in Amerika …, Porträt eines Helden als junger Tor). Es gibt aber auch Arbeiten von ihm, die sich ausdrücklich an erwachsene Leser richten. Diese Kurzcomics aus Zeitschriften und Anthologien versammelt der Band Der vergessene Garten von Émile Bravo bei Reprodukt. [Leseprobe]

Der Avant Verlag bringt zwei Comics aus Frankreich, deren Zeichner in Berlin leben: Burn Out von Antoine Ozanam und dem dänischen Zeichner Mikkel Sommer ist ein hitziger Noir-Thriller um einen Polizisten, der den Mord an seiner eigenen Geliebten aufklären muss und in eine große Verschwörung hineingerät. [Leseprobe]

Lauter Leben!Lauter Leben! stammt vom belgischen Autor Nicolas Wouters und dem deutschen Illustrator und erzählt von einer Jungsfreundschaft, die unter anderem in der Berliner Punk- und Hausbesetzerszene der 1990er Jahre spielt. [Leseprobe]

Am Ende des Tages ist nach Ein philosophisch pornografischer Sommer und Nachtstück bereits der dritte Comic des Frankokanadiers Jimmy Beaulieu, der bei Schreiber & Leser erscheint. In dem autobiografischen Werk geht es um schöne Frauen, aber auch um die Frage, ob man wie alle anderen vom beschaulichen Québec ins große Montreal umziehen soll. [Leseprobe]

Wer Patrick Prugnes Comics Canoe Bay oder Frenchman mochte, wird auch an dem Einzelband Pawnee (Splitter Verlag) gefallen finden, dessen Geschichte abermals in der Siedlungszeit der USA spielt. [Leseprobe]

Noch direkter im Western-Genre angesiedelt ist das Splitter-Album Deadline von Laurent-Frédéric Bollée und Christian Rossi (W.E.S.T.). Die Handlung spielt während des Bürgerkriegs in einem Gefängnis, in dem Häftlinge aus den Nord- und Südstaaten in strikter Trennung gefangen gehalten werden. [Leseprobe]

Klassische Fantasy mit Orks und Zwergen, Prinzessinnen und Schwertern gibt es in Wollodrin von David Chauvel und Jérôme Lereculey. Die ersten beiden Alben der Reihe erscheinen als „Splitter Double“ in einem Band. [Leseprobe]

In der Serie Crossfire, einem Action-Krimi von Jean-Luc Sala und Pierre-Mony Chan, wird ein Profikiller vom Vatikan engagiert und kommt natürlich uralten Geheimnissen und Komplotten auf die Spur. [Leseprobe

Fans von Fliegercomics kommen beim All Verlag mit der neuen Serie Bärenzahn auf ihre Kosten. Vielschreiber Yann und Zeichner Alain Henriet erzählen von drei Freunden aus Schlesien, die bedingt durch den Krieg ganz unterschiedliche Lebenswege einschlagen. [Leseprobe]

Katzengeschichten in einem cartoonigen Stil enthält die schlicht Katzen! betitelte Serie von Autor Brrémaud und Zeichnerin Paola Antista, die bei dani books auf Deutsch erscheint. [Leseprobe]

AUS DEN USA

Zu den langlebigsten Serien beim US-Indie-Verlag Oni Press gehört The Sixth Gun, eine Art übernatürlicher Western von Cullen Bunn und Brian Hurtt, der seit vier Jahren läuft. Sechs Pistolen, die ihren Besitzern besondere Fähigkeiten verleihen, stehen im Zentrum der Reihe. Der All Verlag, wo Die sechste Waffe nun in Hardcover-Sammelbänden auf Deutsch erscheint, nennt das Ganze etwas eigenwillig „Mystery-Western Graphik Novel“. [Leseprobe]

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Half Past Danger ist eine Miniserie des irischen Zeichners Stephen Mooney, die im Original bei IDW erschien und nun bei dani books als Sammelband auf Deutsch zu haben ist. Ein Old-School-Action-Abenteuer, das sich sichtlich als Hommage an Indiana Jones und dessen Vorbilder, die Pulp-Geschichten des frühen 20. Jahrhunderts versteht. Harte Helden und hübsche Frauen gegen Nazis und Dinosaurier. Aber auch Haie! Und Ninjas! [Leseprobe]

Die interessantesten neuen Mainstream-Comics aus den USA entstehen zur Zeit bei Image Comics. Neben dem Flaggschiff Saga laufen dort zahlreiche neue Serien, teilweise von sehr namhaften Autoren und Zeichnern, die nach längeren Engagements bei DC und Marvel wieder Lust auf „creator owned“ Comics haben. So zum Beispiel Grant Morrison, der sich lange im DC-Superheldenkosmos, vor allem bei Batman, ausgetobt hat und jetzt wieder vorwiegend außerhalb des Superheldengenres arbeiten möchte. Der erste Comic dieser neuen Phase entstand zusammen mit Zeichner Darick Robertson (Transmetropolitan, The Boys) und heißt Happy!, eine Miniserie, die nun auf Deutsch bei Panini herauskam. Happy! ist ein düster-schmutziger Hardboiled-Krimi, in dem aber auch ein blaues, fliegendes und grinsendes Einhorn eine wichtige Rolle spielt. [Leseprobe]

Ghosted 1Ebenfalls zu den neuen Image-Reihen zählt Ghosted von Joshua Williamson und Goran Sudzuka. Ein Team von Meisterdieben plant darin einen großen Coup, nämlich das Entwenden eines Geistes aus einem Spukhaus. Panini beschreibt die Serie als „Mystery-Mischung aus Ocean’s Eleven und The Shining„. [Leseprobe]

In Paninis DC-Abteilung dominiert gerade das Crossover-Event Forever Evil, das erste große Crossover im DC-Universum seit dessen Neustart als „The New 52“. Darin dreht sich alles um die Superschurken, nachdem die Justice League geschlagen ist und das Crime Syndicate alle Macht an sich reißen will. Neben der zentralen Heftserie von Geoff Johns und David Finch bringt Panini drumherum auch eine Menge Sonderbände und Specials, in denen auch die Hefte aus DCs „Villains Month“ abgedruckt werden. In diesem Monat (September 2013) wurden sämtliche DC-Superheldenserien von den jeweiligen Schurken „übernommen“. [Überblick]

Mit Spider-Man Team-Up schickt Panini eine weitere Marvel-Heftserie ins Rennen. Die Reihe erscheint im Zwei-Monats-Rhythmus und enthält je zwei Ausgaben der US-Serie Superior Spider-Man Team-Up von Autor Chris Yost (in Heft 1 zusätzlich noch eine Ausgabe von Scarlet Spider). In der Serie trifft sich Spider-Man (in dessen Körper zurzeit Otto Ocatvius alias Dr. Octopus steckt, in kurzen Geschichten auf diverse Superhelden-Kollegen. Allzu viele Hefte werden’s wahrscheinlich nicht werden, denn in den USA ist die „Superior“-Ära schon wieder beendet. [Leseprobe]

AUS ASIEN

Kleine Katze Chi 1Niedlichkeits-Alarm bei Carlsen Manga! Dort startete man die Reihe Kleine Katze Chi von Kanata Konami gleich mit zwei Ausgaben, die gleichzeitig erschienen. Die Serie erzählt von einem kleinen Katzenkind, das sich verlaufen hat und von einer Menschenfamilie aufgenommen wird. Die Aufmachung unterscheidet sich von den meisten anderen Manga: Vollfarbig und mit einem eher westlichen Stil soll die Reihe auch Leser außerhalb des Manga-Kernpublikums ansprechen. Die Bände erscheinen gespiegelt in westlicher Leserichtung und mit einer Klappenbroschur. [Leseprobe]

Die Serie Yamada-kun & the 7 Witches von Miki Yoshikawa (Carlsen) könnte man als Shonen-RomCom bezeichnen. Es geht um eine Gruppe von Schülern, die entdecken, dass es an ihrer Schule Mädchen mit magischen Fähigkeiten wie z.B. Körpertausch gibt, die sich durch Küsse aktivieren lassen.

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Der aktuelle Tom-Cruise-Blockbuster Edge of Tomorrow, in dem die Erde von feindlichen Aliens überrannt wird und ein Soldat immer und immer wieder stirbt, um kurz darauf wieder aufzuwachen, basiert auf dem japanischen Roman All You Need is Kill von Hiroshi Sakurazaka. Den Roman bringt Tokyopop in deutscher Übersetzung [Leseprobe], parallel dazu startet auch die Manga-Adaption, die in Deutschland gleichzeitig mit der japanischen Fassung erscheint. Die Zeichnungen stammen von Starzeichner Takeshi Obata (Death Note, Bakuman.). [Leseprobe]

Die neue Kazé-Serie Nisekoi – Liebe, Lügen & Yakuza von Naoshi Komi ist eine recht originelle Variante des alten „Romeo & Julia“-Themas. Auch hier gibt es den Sohn und die Tochter zweier verfeindeter Familien. Doch hier beschlließen die Patriarchen, dass sich der Nachwuchs gefällig lieben soll, auch wenn die das ganz und gar nicht wollen. [Leseprobe]

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Mit dem Schlagwort „Supernatural Samurai“ bewirbt Kazé die sechsteilige Reihe Unterm Wolkenhimmel von Karakarakemuri. Hübsche Samuraikämpfer in einem historisch-mystischen Setting. [Leseprobe

Neu bei EMA ist der Zweiteiler B.A.D. von Sousou Sakakibara und Keiji Ayasato. Die Abkürzung steht für „Beyond Another Darkness“, es geht um eine 14-jährige Detektivin im Gothic-Lolita-Outfit, die sich mit Geistern und anderen übernatürlichen Wesen beschäftigt.

Ein weiterer Zweiteiler bei EMA trägt den schönen Titel Oh mein Gott: Der Romance-Manga erzählt von einer jungen Frau, die völlig rational denkt und nichts von Religion, Aberglaube oder Esoterik hält. Bis sie einem Mann begegnet, der behauptet, ein Gott zu sein.

SEKUNDÄRLITERATUR

In seiner sechzigsten Ausgabe feiert sich das Fachmagazin Reddition mit Fug und Recht selbst und blickt zurück: nicht nur auf 30 Jahre Reddition, sondern auch auf 30 Jahre Comic-Salon Erlangen und nicht zuletzt auf die Entwicklung, die der hiesige Comicmarkt in den letzten Jahrzehnten genommen hat. [Inhalt + Leseprobe]

 

Das Schwein

Cover Das SchweinDie neue „Pornographic Novel“ von Zwerchfell: Ein junger Mann, fast nackt, steht vor einem großen Spiegel. Er wirkt, als bereite er sich gedanklich auf etwas vor, denn die Zeichnerin verwendet mehrere Panels, um zu zeigen, wie die Zeit um ihn verstreicht. Dann – Handlung: Eine Frau öffnet mit einem Schlüssel die Haustür, der junge Mann zieht sich währenddessen eine Schweinsmaske übers Gesicht. „Bleib da stehen“, sagt er der Frau, als sie die Treppe hinaufkommt. Diese reagiert zunächst irritiert, denn der Mann spielt ganz offensichtlich mit seiner Schweinsmaske eine andere Rolle als sonst. Er befiehlt ihr, sich auszuziehen, und die Frau beschließt nach kurzem Zögern, bei diesem Spiel mitzuspielen.

Die Beziehung zwischen den beiden ist zunächst unklar, später wird angedeutet, dass sie wohl in derselben WG wohnen. Beide sind ganz offensichtlich bereit, eine Grenze zu überschreiten, die bisher stets gewahrt wurde. Viele Andeutungen geben dieser Überschreitung Ausdruck: die Schweinsmaske, das Löschen einer Zigarette im Sektglas, das Davonschleudern eben dieses Glases.

Es ist der Comic-Debütantin Maria Hen hoch anzurechnen, dass der Sex in dieser „Pornographic Novel“ authentisch inszeniert ist. Schon die Darstellungen von kleineren Berührungen geben eine Ahnung davon, wie elektrisierend sich die Realität anfühlen würde. Natürlich folgen nach der Annäherung die üblichen, weiteren Handlungen, die der durch Porno geprägten Vorstellung entsprechen, bis es – wohl aus Angst vor der ungewohnten Rolle – zu einer Übersprungshandlung kommt: Sie stößt ihn weg, rennt in sein WG-Zimmer, bricht eine Diskussion vom Zaun und zückt ein Messer. Man ist eben – trotz des Wunsches, lang gehegte Fantasien auszuleben – doch in alte Konventionen verstrickt. Die ungewohnte Situation legt ungeahnte Züge frei.

Seite aus Das SchweinEs ist wohl kaum zu viel verraten, wenn ich erwähne, dass nach diesem Intermezzo noch lange und erfolgreich gevögelt wird. Alles andere wäre für einen Comic, der sich pornografisch nennt, auch kaum statthaft. Es handelt sich aber bei aller Direktheit und Großaufnahme zu keinem Zeitpunkt um stupide Rein-Raus-Inszenierung. Man ist niemals nur Zuschauer, sondern identifiziert sich mit den Figuren. Etwas Besseres kann einem bei pornografischem Material eigentlich gar nicht passieren.

Die Zeichnungen sind bei aller anatomischen Korrektheit auf gekonnte Weise minimalistisch, sie erinnern an die Arbeiten des dänischen Zeichners Teddy Kristiansen. An einigen Stellen hätte ich mir etwas klarere Dialoge gewünscht. Zwar ist es gut, wenn ein Comic zum Mitdenken anregt und nicht jedes Detail vorkaut und auserzählt, doch sollte wenigstens an jeder Stelle klar sein, welche Person gerade spricht. Dennoch bereichert es die Geschichte enorm, dass man als Leser gefordert ist, nicht erzählte Leerstellen mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Ohne viele Worte und dennoch psychologisch. Ein interessantes Debut.

 

Das Schwein
Zwerchfell Verlag, Mai 2014
Text und Zeichnungen: Maria Hen 
45 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 8,- Euro
ISBN: 978-3-943547-10-8
Leseprobe

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Abbildungen: © Maria Hen/Zwerchfell 

 

Links der Woche24/14: Hans plays with Lotte, Lotte plays with Jane

Unsere Links der Woche, Ausgabe 24/2014: 

 

Programm der 9. ComFor-Jahrestagung in Berlin
Gesellschaft für Comicforschung
Das Programm der ComFor-Jahrestagung steht. Sie findet Ende September an der Humboldt-Uni in Berlin statt, als Oberthema geht es um Grenzen und wie Comics diese sprengen können. Parallel dazu gibt es am Samstag, den 26.9. eine ganztägige Fachtagung über Comics im Unterricht.

Übernimm den Hammer, Baby
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Marvel hat es mal wieder geschafft und ist grenz- und medienüberschreitend mit zwei Ankündigungen in den Schlagzeilen. Nach dem üblichen Strickmuster (Held A stirbt! Held B heiratet! Held C ist lesbisch/schwarz/behindert!) wurde diesmal verkündet, dass Donnergott Thor ab Herbst zur Donnergöttin werden soll. Die Comicserie bekommt einen Relaunch und wird dann von Jason Aaron geschrieben und von Russell Dauterman gezeichnet. Und auch ins Kostüm von Captain America schlüpft bald jemand anders: Steve Rogers übergibt seinen Schild an Sam Wilson alias The Falcon, und dieser ist von schwarzer Hautfarbe. Captain America wird also bald Afro-Amerikaner sein. Siehe dazu auch “Das neue Gesicht Amerikas” beim Tagesspiegel.

Reclaiming Sailor Moon
Beetlebum Blog, Johannes Kretzschmar
Dies ist die Geschichte, wie einmal ein knappes Dutzend Webcomiczeichner eine Sailor Moon Collab gezeichnet haben, die daraufhin von noch viel mehr Webcomiczeichnern und deren Freunden und Kollegen aufgegriffen wurde, so dass daraus eine riesige Sailor-Moon-Parade wurde. Die Serie, die sowohl als Anime als auch als Manga maßgeblich zum Erfolg der Manga- und Animekultur im Westen beigetragen hat, erlebt gerade ein Revival, nicht zuletzt durch die frisch gestartete, neue Animereihe Sailor Moon Crystal. Auf Comics Alliance erklärt Juliet Kahn in ihrem Aufsatz “Nostalgia as a Weapon”, wie und warum dieses Revival auch ein feministisches Statement ist.

Die Liebe zum Sport kostet sie das Leben
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Reinhard Kleists neuer Comic wird wieder in der FAZ vorveröffentlicht. Er widmet sich abermals einer realen Begebenheit, nämlich der Leichtathletin Samia Yusuf Omar aus Somalia, die 2012 auf einem illegalen Flüchtlingsboot nach Europa reisen wollte, um an den Olympischen Spielen in London teilzunehmen. Der einleitende Artikel erzählt, wie Kleist zu dem Stoff kam und wie der Comic entstand, die einzelnen Folgen kann man hier lesen.

Deutsche Daemonien
IndieGoGo, Sandi und Tanja Aranovych
Ein neues, ambitioniertes Crowdfunding-Projekt sammelt Geld für einen Alternate-History-Comic, der um das Jahr 1900 spielt und davon erzählt, wie ein okkulter Wissenschaftler versucht, einen großen Krieg vom Zaun zu brechen.

The German Graphic Novel: Scholarship and Pedagogy
The CFP List, Lynn Kutch
Ein “Call for Papers” von Lynn Kutch, die an der Universität von Pennsylvania Germanistik lehrt und das Blog The German Graphic Novel betreibt. Sie sucht Beiträge für eine Aufsatzsammlung zur Graphic Novel in Deutschland, auch aber nicht nur zu ihrem Einsatz im Unterricht.

Don’t Ignore the Art: Reviewing and Commenting on Comics, Part 1
Sequart, Forrest Helvie
Eine dreiteilige Artikelreihe beschäftigt sich mit dem Missstand, dass die Zeichnungen in vielen Texten, in denen Comics besprochen werden, viel zu kurz kommen, und stellt Überlegungen an, wie man das verbessern könnte.

What if Ingmar Bergman Directed The Flash?
YouTube, Patrick (H) Willems
YouTuber Patrick Willems, der auch schon den Punisher als Sergio-Leone-Western, Aquaman als Teen-Drama, oder Gefährliche Brandung als Lars-von-Trier-Film inszeniert hat,stellt die Frage, wie es wohl aussähe, wenn Ingmar bergman The Flash verfilmt hätte:

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The Sad Reasons People Go Into Particle Physics
Bandcamp, Sticky Biscuits
Keine Comics, sondern Musik, genauer: Musik-Comedy, und zwar auf Englisch. Dahinter stecken allerdings zwei Berliner, die wir vor allem durch ihre Comics kennen: Naomi “Zuckerfisch” Fearn und Marc Seestaedt (Lifestrips), Mitbegründer der Comicinvasion Berlin, sind zusammen das Duo Sticky Biscuits und haben gerade ihr erstes Album aufgenommen, das man bei Bandcamp anhören und als Download oder CD kaufen kann.

Horlemonde

Cover HorlemondeAls einer der besten Agenten der galaktischen Föderation der Sternenbruderschaft bereist Marcé Planeten, um deren Anschluss zu bewirken. Denn nicht alle Zivilisationen beteiligen sich an der Aufgeklärtheit und dem demokratischen Prinzip des interstellaren Verbundes. Manche Planeten sind regelrecht in ein archaisches Zeitalter zurückgeworfen worden, in dem Despoten herrschen, Menschen in Kastensystemen leben und Sklavenarbeiter beschäftigt werden. Almagiel ist so eine Retro-Welt. Just bei der Ankunft Marcés übt Orval, der Sohn des amtierenden Herrschers, gerade einen Staatsstreich aus und beseitigt seinen Vater. Marcés Mission, eine Verhandlung über die Abschaffung der Sklaverei zu führen, wird plötzlich zur Nebensache, als er und der einfache Arbeiter Jatred zu Beschuldigten und Verfolgten des neuen Regimes unter dem grausamen Orval werden.

Horlemonde ist ein zweiteiliger Comic von Autor Patrick Galliano (Touna Mara, Erotic Souvenirs) und den Künstlern Cédric Peyravernay und Bazal, der nach einer Romanvorlage von Julia Verlanger entstand. Beide Alben sind in dem vorliegenden Splitter-Double-Band versammelt. Die Handlung ist klassischer Sci-Fi-Stoff mit einem sozialkritischen Touch. Die zivilisierten, demokratischen Kräfte mischen sich in die Belange unabhängiger, vermeintlich rückständiger Zivilisationen ein, um sie von ihrer Weltsicht zu überzeugen. Leider bleibt das Ansinnen, den Freiheitskampf der Sklaven und den damit verbundenen Sturz des Unterdrückers ins Zentrum zu rücken, ziemlich oberflächlich und bietet damit inhaltlich nichts, was man so in einem Comic nicht schon des Öfteren zu sehen bekam. Überdies wirkt die Story an vielen Stellen abgehackt bzw. überstürzt, so dass ein angenehmer Lesefluss nicht gegeben ist. Immerhin: Raumschiffe, Kreaturen, Welten sind ganz nett anzuschauen und auch diverse Actionsequenzen sind durchaus gelungen.

Seite aus HorlemondeDas Artwork des Bandes ist insgesamt auf einem höheren Niveau als die Story, ohne aber bei mir für Begeisterungsstürme gesorgt zu haben. Peyravernay und Bazal liefern mit ihrer Arbeit solide Genrekost ab, aber leider nicht mehr.

Bezeichnenderweise ähneln sich die Stile der beide extrem, so dass man Peyravernays Ablösung durch Bazal für die zweite Hälfte kaum bemerkt. Hier wirkt ein Zeichner wie der Klon eines andere, was die Kunstfertigkeit durchaus etwas beliebig und austauschbar macht. Bei beiden hat mich auch die künstlich erscheinende Kolorierung mit ihren glattpolierten, reflektierenden Texturen gestört. Das Ganze hätte man sicherlich etwas organischer gestalten können. Am Ende bleibt dies aber vielleicht auch Geschmackssache. Horlemonde mag inhaltlich wie grafisch nicht wirklich überzeugen, Hardcore-Fans dieses Genres könnten sich jedoch trotzdem angesprochen und halbwegs gut bedient fühlen.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Durchschnittliche Genrekost mit einer zu simplen Story

 

Horlemonde
Splitter Verlag, März 2014
Text: Patrick Galliano
Zeichnungen: Cédric Peyravernay, Bazal
Übersetzung: Resel Rebiersch
112 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-687-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Herr der Affen 1

Cover Herr der Affen 1Bei dem Titel „Herr der Affen“ und dem Cover denkt man natürlich an Tarzan und wundert sich zunächst, das der Dschungelheld nun bei Splitter herauskommt, da sich der Verlag hauptsächlich auf franko-belgische Serien konzentriert und Tarzan unter amerikanischem Copyright steht. Doch die Überschrift bezeichnet nicht den bekannten Lord Greystoke, der als Kind von Affen aufgezogen worden ist, sondern einen gewissen John Arthur Livingstone und bezieht sich damit explizit auf einen der berühmtesten Afrikaforscher der Kolonialgeschichte.

Nun ist der potentielle Leser zu Recht etwas verwirrt. Ist die nun eine Tarzan-Geschichte oder nicht? Ja und Nein. Ja, die Bezüge zu dem bekannten Helden sind überdeutlich und nein, Tarzan an sich tritt nicht auf, wobei wohl auch Copyrightgründe dies verhindert haben. Ansonsten sind thematische Ähnlichkeiten unübersehbar: Ein Junge wird auf Sumatra (nicht in Afrika) von Affen groß gezogen (diesmal von Orang-Utans), von weißen Seefahrern entdeckt und nach Afrika gebracht, wo der junge Arthur trotz erzieherischen Bemühungen zusehends in alte Verhaltensmuster zurückfällt, bis er letztlich in das viktorianische London verfrachtet wird, wo er von seinen Erlebnissen berichtet, während die Straßen von Jack the Ripper unsicher gemacht werden.

Wenn man nun die Geschichte liest, wird deutlich, dass Autor Philippe Bonifay sich zwar an Tarzan orientiert, die konkrete Figur aber bewusst nicht nutzen wollte, da sie schon zu präsent im öffentlichen Geiste und gar zum Mythos geworden ist. Das verstellt bisweilen den Blick auf etwas Neues. Bonifay will sich von diesem Mythos lösen, aber konzentriert sich wie bei Tarzan auf das zentrale Thema der Zivilisation.

Seite aus Herr der Affen 1Dieser Comic erzählt keine Dschungelabenteuer, sondern der Großteil der Handlung spielt im viktorianischen London, was zudem eine schöne historische Verbindung herstellt. Denn diese Epoche war zum einen durch eine sehr restriktive, konservative und traditionsbewusste Gesellschaftshaltung geprägt, aber gleichzeitig sehr zukunftsorientiert und der Technik und paradoxerweise auch dem Spiritismus zugeneigt. Was der ganzen Epoche eine ungeheure Dynamik verlieh. Dracula von Bram Stoker und vor allem auch Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson brachten diese Zerrissenheit auf den Punkt. Und der reale Mörder Jack the Ripper machte erst durch seine Taten auf das Elend in der Stadt aufmerksam und brachte einiges ans Licht, was gerne ignoriert worden war. Infolge der Verbrechen wurde etwa das Polizeisystem reformiert und die Lebensumstände in der Stadt gebessert.

Und so untersucht Bonifay hier das animalische Treiben im Menschen und die menschlichen Triebe, welche von restriktiven moralischen Regeln unterdrückt werden. Livingstone wirkt animalisch anziehend auf andere und kann selbst seine Impulsivität kaum unterdrücken. Die erste Seite ist dafür ein wunderschönes Beispiel, wenn die Stadtansicht mit Dschungelmotiven verschmolzen wird, denn London ist nur eine andere Art von Dschungel. Dr. Jekyll wird im Übrigen deutlich zitiert und Jack the Ripper hat ebenso wie Tarzan, Verzeihung: Livingstone, seine Zivilisationsschicht abgelegt.

So ist alles durch äußere Schichten überdeckt, aber zum richtigen Kern dringt man in diesem ersten Band noch nicht vor. Noch hapert es ein bisschen an einer richtigen, stringenten Dramaturgie, weil zunächst Hintergründe und Figuren eingeführt werden. So plätschert die Story bisweilen etwas vor sich hin, anstatt den Leser mitzureißen. Doch nicht nur der Subtext ist so interessant, das man weiterlesen möchte, man kann auch gespannt sein, wie sich das inhaltlich alles zusammenfügen wird.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Unterhaltsames Spiel mit dem Tarzan-Mythos, das die Schichten der Zivilisation untersucht.

 

 

Herr der Affen 1
Splitter Verlag, April 2014
Text: Philippe Bonifay
Zeichnungen: Fabrice Meddour
Übersetzung: Swantje Baumgart
56 Seiten, farbig, Hardcover
ISBN: 978-3-86869-662-2
Euro: 14,80
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Mouse Guard – Die schwarze Axt

Cover Mouse Guard – Die schwarze AxtNach dem Anthologie-Band „Legenden der Wächter“, der unabhängige Kurzgeschichten von verschiedenen Künstlern beinhaltete, ist „Die schwarze Axt“ die dritte Ausgabe der regulären Reihe, die von David Petersen alleinverantwortlich inszeniert ist. Anders als in den beiden Vorgängern, „Herbst 1152“ und „Winter 1152“, wird die Erzählung um das Mäusewächter-Trio Saxon, Kenzie und Lieam hier nur um Rande fortgeschrieben. Der aktuelle Comic konzentriert sich primär auf die Herkunftsgeschichte der sagenumwobenen Schwarzen Axt und wirft über Rückblenden einen Blick ins Jahr 1115.

Celanawe, zur damaligen Zeit ein Mitglied der Mäusewache, bekommt unverhofften Besuch von einer entfernten Verwandten. Diese berichtet ihm, dass ihre gemeinsamen Ahnen seit langer Zeit die legendäre Schwarze Axt weiterreichen. Nur ist diese leider über die Jahre verloren gegangen und befindet sich nun angeblich im Reich der Illtisse. Celanawe nimmt sein Schicksal an und segelt übers Meer, um den Illtis-König Luthebon zur Herausgabe der Waffe zu bewegen. Dieser verlangt im Gegenzug allerdings, dass der Mäusewächter die Insel von einem mit den Illtissen verfeindeten Fuchs befreit.

Seite aus Mouse Guard – Die schwarze Axt„Die schwarze Axt“ wirft einen Blick zurück, verknüpft aber gekonnt Plotelemente aus den bisherigen Bänden. Am Ende schlägt Petersen sogar die Brücke zum „aktuellen“ Geschehen im Jahr 1152. So liest sich der Comic zwar wie ein eigenständiges Abenteuer, integriert sich jedoch in die reguläre Kontinuität der Reihe. Wie gewohnt zählen auch in dieser Ausgabe von Mouse Guard die opulenten Kämpfe zwischen den Mäusen und anderen Tierarten zu den optischen Highlights. Neben einer fiesen Schildkröte stellt sich diesmal auch ein Fuchs zum Gefecht. Dazwischen kreist die Handlung jedoch stark um die Illtisse. Diese bewegen sich mal menschlich, mal wie echte Illtisse. David Petersen schafft diesen grafischen Spagat perfekt. Und vor allen Dingen besitzen König Luthebon und sein Gefolge ebenso ausgeprägte Persönlichkeiten wie die diversen Mäuse in Mouse Guard. Das macht sie zu interessanten Gegenspielern mit nachvollziehbaren Motiven und einer hohen Intelligenz.

David Petersen leistet sich mit seiner realistischen Bildsprache, der erdigen Kolorierung und der Detailverliebtheit auf zeichnerischer Ebene keine Schwächen. Überdies rundet er seinen Comic mit weiteren Extras im Anhang ab. Dort findet man Karten, Ahnentafeln und Entwürfe der Gebäude und Schiffe mit präzisen Erklärungen. Das zeigt wiederum, dass Petersen sich viele Gedanken macht, wie er mit Mouse Guard insgesamt einen stimmigen und nachfühlbaren Kosmos zu erschaffen versucht.

Fast schon obligatorisch für diese Comicreihe, gibt es auch in diesem Band wieder eine Galerie mit Illustrationen von Künstlern wie z.B. Mike Mignola oder Duncan Fegredo.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Mouse Guard bleibt mit „Die schwarze Axt“ ein einzigartiges Lesevergnügen auf hohem Niveau

  

Mouse Guard – Die schwarze Axt
Cross Cult, Februar 2014
Text und Zeichnungen: David Petersen
Übersetzung: Matthias Wieland
192 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3-942649-69-8

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Links der Woche 23/14: Baby love me cause I’m playing on the radio

Unsere Links der Woche, Ausgabe 23/2014:

 

Das Kulturgespräch: Comic oder Kunst? Über den Erfolg der Graphic Novel
Deutschlandfunk, Julian Doepp
In einem Studiogespräch mit drei Gästen wird über den aktuellen Status des Comics diskutiert: Sind Comics ein gutes Geschäft? Brauchen Comics staatliche Förderung? Wie sieht es mit der öffentlichen Akzeptanz aus? Hilft der Begriff “Graphic Novel”? Zu Gast sind Marie Schröer, die über Comics forscht und lehrt und gerade an einer Dissertation zum Thema arbeitet, Avant-Verleger Johann Ulrich und der frisch mit dem Max-und-Moritz-Preis dekorierte Comiczeichner Mawil. (MP3, ca. 43 Minuten)

Breaking news: Sondermannpreis für Ernst Kahl
Sondermann e.V., Leo Fischer
Auf der Frankfurter Buchmesse wird der “Sondermann” zwar nicht mehr als Publikumspreis für die beliebtesten Comics des Jahres verliehen, die beiden Jury-Kategorien sind aber erhalten geblieben: Der Sondermann für komische Kunst geht an Titanic-Zeichner Ernst Kahl, den Newcomerpreis bekommt Sebastian Lörscher für Making Friends in Bangalore, ein Reisetagebuch in Form von Comics und Skizzen.

Die Sache mit den Quellen – Der Umgang mit Zeitzeugen-Interviews in Isabel Kreitz’ “Die Sache mit Sorge”
Comic Kladde, Philipp Spreckels
Ein schönes Beispiel für die lesenswerten Texte, die Philipp Spreckels seit einigen Wochen in seinem Blog veröffentlicht. Anstelle von klassischen Rezensionen gibt es hier intensive Auseinandersetzungen mit einzelnen Comics, bei der ein besonderes Augenmerk auf bestimmte Aspekte gelegt wird. Im aktuellen Beitrag geht es darum, wie Isabel Kreitz in Die Sache mit Sorge ihre Geschichte von diversen Zeitzeugen erzählen lässt: Sind deren Zitate authentisch, und falls nicht, könnte das ein Problem sein?

Hunting Down Comics
Comic Review, Daniel Raetsch und Helge Vogt
Während Daniel Raetsch in seinem Podcast Comic Review, der es inzwischen schon auf 87 Ausgaben gebracht hat, jeweils einen Comic bespricht und dabei allein ist, tut er sich für seine neue Podcast-Reihe Hunting Down Comics mit Zeichner Helge Vogt (Alisik) zusammen. Gemeinsam plaudern beide über Comics und verwandte Themen.

Super Pixel Quest
superpixelquest.com, Emmanuel Espinasse
Ein etwas anderer Webcomic vom Franzosen Emmanuel Espinasse: Als interaktiver Comic zum Durchklicken, ohne Worte, in schwarz-weißer, animierter Pixelgrafik und nach dem Vorbild alter Adventure-Games gestaltet.

Digital Comics Sales Grow to $90 Million In 2013
ICv2
Der Umsatz mit digitalen Comics ist in den USA im letzten Jahr um weitere 29% gewachsen. Damit schwächt sich das prozentuale Wachstum gegenüber den Vorjahren zwar deutlich ab, aber die Umsatzsteigerung in Dollar ist mit einem Plus von 20 Millionen die zweitstärkste seit Beginn des Geschäfts mit digitalen Comics.

Azimut 1 – Jäger der verlorenen Zeit

Cover Azimut 1Bei den meisten Titeln kann man anhand des Titels zumindest das Genre erahnen, doch unter einem Titel wie „Azimut“ kann man sich zunächst gar nichts vorstellen. Dass es sich hierbei um ein Kunstwort zu handeln scheint, deutet in Richtung Science-Fiction oder Fantasy, es könnte aber auch ein arabischer Name sein. Auf jeden Fall erweckt es Aufmerksamkeit und diese wird noch verstärkt durch die Beteiligten: Autor Lupano konnte mit Der Mann der keine Feuerwaffen mochte und Alim der Gerber überzeugen und der Zeichner Andrae hat nicht zuletzt mit Die Bruderschaft der Krabbe einen großen Eindruck hinterlassen. So lässt diese Kombination humoristische Elemente und detailreiche, ja sogar detailverliebte Zeichnungen erwarten. Und in der Tat wird beides in dieser Groteske erfüllt.

Azimut ist eine Welt, in der man von der Zeit nahezu besessen ist. Ja, es gibt sogar Vögel, welche die Zeit verändern können. Und genau das ist die Sehnsucht aller Menschen, denn sie wollen am liebsten dem Tod entrinnen. Doch der Forscher Quentin von Perock muss sich zunächst mit etwas Dringlichem beschäftigen: Denn der Nordpol ist verschwunden und führt ihn zu einem unerwarteten Ziel. Währenddessen steht die junge Braut des Königs unter Verdacht, etwas sehr Wertvolles gestohlen zu haben.

Seite aus Azimut 1Azimut ist eine wilde Reise voller bizarrer Ideen, die Fans von Serien wie Horologium und Die mechanische Welt (vom selben Zeichner) ansprechen dürfte. Die detailverliebten und doch dynamischen Zeichnungen können in fast jedem Panel eine wunderschöne Idee aufbieten und ähneln so gar nicht mehr den düsteren Gemälden aus Die Bruderschaft der Krabbe. Allein schon der mechanische Richterhammer ist eine wunderbare Idee, aber auch die restliche Ausstattung vermag voll und ganz zu überzeugen. Somit gerät diese Serie schon im ersten Teil zu einer wahren Entdeckungsreise. Vielleicht findet man dann in der Fortsetzung dann auch die Story.

Denn die Geschichte, die bislang erzählt wird, ist äußerst dünn und die Elemente finden (noch) nicht zusammen. Im Grunde gibt es hier nur ein Gerüst, in dessen Spanten die einzelnen Panels eingefügt wurden. So stehen sie manchmal für sich und nebeneinander, ohne in einer Stringenz oder erkennbaren Dramaturgie zu funktionieren. Der Aufbau ist bisher noch sehr überschaubar. Zwar gerät die Lektüre nicht gerade sperrig, aber der Comic verweigert sich auch dem Mainstream, da er einfach ein bisschen zu strange ist, was aber gerade seinen Reiz ausmacht.

Vor einigen Jahren hätte Azimut auch seinen Stammplatz in Schwermetall gehabt, was als Kompliment gemeint ist. Es ist schon faszinierend, in welcher Vielzahl hier Ideen aneinandergereiht, Anspielungen untergebracht und Hintergründe angerissen werden, aber so richtig weiß ich noch nicht, was ich von der Serie halten soll. Dafür ist die Handlung noch zu sehr im Nebel verborgen.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Viele schöne Einzelideen verdecken eine Handlung, die noch nicht absehbar ist, und somit wirkt vieles beliebig.

 

Azimut 1 – Jäger der verlorenen Zeit
Splitter Verlag, April 2014
Text: Wilfried Lupano
Zeichnungen: Andreae
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-633-2
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Pillen, Rusz & Ratten

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Cover Pillen, Rusz & RattenUlf Salzmann erzählt in seinem Webcomic Flausen regelmäßig kurze Episoden in vier Panels. Dass er auch andere Formate kann, zeigt er in seinem eben erschienenen Buch. Eine Gastrezension von Jan Dinter

So, der Ulf hat einen neuen Comic gemacht: Pillen, Rusz & Ratten, und ich muss sagen, da gefällt mir ja der Einsatz des „sz“ schon mal außerordentlich gut.

Nun hat aber der Till – noch dazu in aller Öffentlichkeit – den Comic nicht ganz so gut gefunden, sondern mehr so nur 75%ig gut, der Arsch. Weil jetzt natürlich ein bisschen Verunsicherung, von wegen, ist das wirklich so? Also fragt mich der Ulf, wie ich den Comic finde, da ich den ja auf dem Erlanger Comicsalon bei ihm am Stand gekauft hab, mit Zeichnung/Signatur von ihm drin, Button dazu und so ’n Hasensticker – top!

Ja, Ulf, was soll ich sagen … fangen wir mal vorne an. Cover. Da konnte ja die facebook-Gemeinde über zwei unterschiedliche Motive abstimmen und hat natürlich prompt das falsche ausgesucht, das, bei dem man beim ersten Hinschauen denkt: KZ. Aber gut, wenn’s die Leute so haben wollten, dann darf man da auch nicht dran rummäkeln. Ich weiß ja, dass dem Künstler, ebenso wie mir, das Höhlenmotiv lieber gewesen wäre, und das findet man dann ja auch noch in Innenteil unteren weiteren Zwischentiteln wieder.

Vorher aber noch Rückseite. Bietet nicht viel, nur eine ganz kurze Umschreibung der Comics, die mir etwas reißerisch, bzw. übertrieben dramatisch, ja vielleicht sogar lieblos hingerotzt erscheint. Sei’s drum, ist ja alles nicht der Comic an sich, also schau ich mal rein.

Oha! Da hat wohl jemand beim Layout nicht drauf geachtet, dass bei der Klebebindung der Bildabstand zum Seitenrand nach innen etwas größer sein sollte, damit man das Büchlein nicht so gewaltsam aufbiegen muss, um den Blick optimal über die Seite schweifen zu lassen. Aber wer bin ich, das anzukreiden, hab ich doch jüngst den gleichen Fehler (im übrigens sehr guten Comicgate Magazin 8) gemacht. Hör mal auf, um Aufmachung und Format zu schwadronieren, Dinter, wie ist denn jetzt der Comic?

Der ist sehr gut.

Seite aus Pillen, Rusz & RattenInhaltlich lässt sich das Ganze zusammenfassen als autobiografische Kurzgeschichten, in denen kindliche oder auch jugendliche Leichtigkeit des Erlebens in bewegende Tragik mündet. Da sie nun alle wahr sind, lässt sich über die Erzählungen als solche kaum urteilen, gehalten sind sie jedenfalls in einem angenehm persönlichen Ton, nicht nur in Hinblick darauf, das Gefühl zu bekommen, den Herrn Salzmann näher kennenzulernen, sondern auch, oder vielleicht sogar gerade weil er sehr ungezwungen von reellen Personen und deren Befinden erzählt, was manch einer als pietätlose Spekulation deuten könnte. Zu liebevoll erzählt Ulf jedoch, als dass man ihm solche Arglosigkeit unterstellen möchte. Zeichnerisch gibt es an Pillen, Rusz & Ratten kaum etwas zu rütteln, Ulf ist schließlich längst, wie es so schön heißt, „angekommen“. Ein markanter, eigener Strich in bewanderter Farbgebung, nicht zu bunt, nicht zu dezent und mit – Obacht, neu! – eigenem Handschrift-Font, der sich sehr angenehm liest.

Oft störe ich mich an zu statischem Seitenaufbau, wie in diesem Falle den ständigen drei mal drei gleich großen Bildern pro Seite, doch langweilige Monotonie wird hier äußerst zufriedenstellend, weil präzise wirkungsvoll eingesetzt, ausgeschaltet, indem alle drei, vier Seiten auch mal horizontal, mal vertikal eingebaute Bilder von doppelter Größe den Seitenaufbau lockern. Ganz toll fallen dabei auch eingestreute Bilder-Duos oder -Trios auf, durch die sich eine durchgehende Kulisse zieht.

Auch die beinahe ständige Gleichheit im Einzelbildaufbau weiß Ulf kunstgerecht zu durchbrechen. Meist zeigen diese Szene und dazugehörenden, beschreibenden Textkasten, der aber ab und an durch eine Sprechblase ersetzt wird, oder, und das ist richtig gut, Sprechblasen abdeckt. Zu sehen, dass eine Figur spricht, aber nicht lesen zu können, was sie sagt, und sich dahingehend auf den persönlichen Eindruck des Erzählers verlassen zu müssen, verleiht dem Leseerlebnis eine dezente und comiceigene Intimität, die die Grundintention dieses Comicbüchleins geradezu perfekt abrundet.

Einer meiner absoluten Favoriten unter den neuen Comics des diesjährigen Comicsalons, zu dem man nur sagen kann: Gerne mehr.

 

Pillen, Rusz und Ratten
Schwarzer Turm, Juni 2014
Text und Zeichnungen: Ulf Salzmann
64 Seiten, farbig, Softcover mit Klappenbroschur
Preis: 9,80 Euro
ISBN: 978-3934167711
Leseprobe

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Abbildungen: © Ulf Salzmann