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#CSE14: Der Comic-Salon bei Twitter & Co.

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Erlangen-Tagebuch, Tag 3: Don’t Say the G-Word

Alle zwei Jahre bildet der Comic-Salon Erlangen für vier Tage den Nabel der Comicwelt. Wir sind natürlich auch dort und präsentieren an unserem Stand die neueste Ausgabe des Comicgate-Printmagazins zum Thema „Farbe“. Von dem, was sonst so passiert, berichten wir in diesem Messetagebuch: Im täglichen Wechsel schreiben CG-Redakteure über den vergangenen Tag, aus ihrer persönlichen, subjektiven Sicht und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Heute: Björn Wederhake über den dritten Tag, Samstag, 20. Juni

(Tag 1Tag 4)

 

Eine gute Vorbereitung ist alles. Um in den Tag, für den man zum Schreibdienst eingeteilt wurde, möglichst frisch und wach zu starten, bieten sich mehrere kurze Powernaps im Traditionslokal der Comicszene, dem Schwarzen Ritter, an. Gerne auch, während man gerade im Gespräch versucht, den vorhandenen Comicmachern ihre Geheimisse zu entlocken. Vorteil dabei auch: Die Eingeborenen des Schwarzen Ritters, die auch während der Messe ihr Stammlokal nicht räumen und die zunehmend die Berührungsängste mit der Szene verlieren, können einen nicht spontan mit Überraschungstest zur lokalen Geographie überfallen. („Wenn du hier bist, dann musst du aber schon wissen, in welchem Teil von Franken du bist. In welchem Teil bist du? Was ist die Hauptstadt von Unterfranken? Oberfranken? Mittelfranken?“)
 
Am folgenden Morgen dann beim Comicgate-Redaktionsfrühstück, dem Äquivalent zum Internationalen Frühschoppen, ein intensiver Austausch über die nahe Zukunft, namentlich das Comicfest München 2015 und die drängenden Fragen der Organisation, der räumlichen Aufteilung und der Pressearbeit. Jedes noch so heiße Eisen wird gnadenlos angepackt, da wird im Alleingang von den fünf anwesenden Herren entschieden, dass die „nur von Frauen“-Politik der SPRING damals eine gute Sache war, heute aber nicht mehr so wichtig ist, weil im Comicbereich ja doch schon einige Frauen nahe der Schaltstellen der Macht sitzen. Der weibliche Teil der Chefredaktion ist derweil in der Messehalle und muss den Stand aufbauen. So geht weltoffene Genderdiskussion, wir sind auch für Paneldiskussionen zu haben.
 
 
AUSSTELLUNGEN
 
Was ich mir, in der Heinrich-Lades-Halle angekommen, zuerst anschaue, ist die Ausstellung zum Thema Krieg, Tardi, Comics und Kriegscomics von Tardi. Immerhin ist es ein Jahr der Jubiläen. 30 Jahre Internationaler Comic-Salon, 25 Jahre Belgisches Comic-Zentrum, 100 Jahre Tove Jansson (weshalb der Salon als Experten ihren Sohn Klaus eingeladen hat) und, wie die Alfonz ganz stilsicher auf der Titelseite feststellt, eben auch „100 Jahre Erster Weltkrieg“.
 
Als jemand der Tardis Grabenkrieg (mit großer Begeisterung für das Werk) gelesen hat, ist für mich der erste Teil der Ausstellung der faszinierendere, denn hier werden Originale verschiedener Zeichner aus der Zeit des Ersten Weltkriegs präsentiert, während der Tardi-Part in weiten Teilen aus Originalseiten aus Grabenkrieg besteht, die – der guten Qualität und Formatierung der Ausgaben geschuldet – im Original nicht viel mehr Erkenntnis bieten als in der Reproduktion. Am Beginn der Ausstellung aber eben zunächst kein Tardi, sondern die zeitgenössischen Künstler. Und hier nicht nur der Allgegenwärtige Otto Dix, sondern auch in Deutschland weniger bekannte Namen wie Pierre Falké oder Charles Matin oder Sammelbände des Simplicissimus (jener satirischen Publikation, die sowohl 1914 als auch 1933 bewies, dass Satire immer dann weiß ihr Fähnchen in den Wind zu hängen, wenn Satire gegen die Mächtigen wichtig wäre). All das thematisch angemessen und gelungen umgesetzt zwischen hohen Wänden, auf engen Gängen, die dem Betrachter das Gefühl bieten, gerade selbst den Graben zu durchlaufen.
 
Highlight dabei sind für mich die Zeichnungen eines Gus Bofa, von dem ich, so muss ich gestehen, bis zum gestrigen Tagen nichts, aber auch gar nichts wusste und der schon im zweiten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts einen so umwerfend comichaften Strich beherrschte, eine so fluide Linienführung, so ausdrucksstarke und dabei doch abstrakte Gesichter, dass ich mich stellenweise an Eisner erinnert fühle. Auch Tardi scheint, einem ausgehängten Cartoon folgend, nicht zu knapp von Bofa beeinflusst worden zu sein. Dem Umstand nach, dass Bofa keinen deutschen oder englischen Wikipedia-Artikel zu haben scheint, dürfte ich nicht alleine sein mit meiner bisherigen Unwissenheit. Es kommt nicht oft vor, dass meine persönliche „Neuentdeckung“ des Comicsalons seit fast 50 Jahren tot ist.
 
Die ausgestellten Zeichnungen überwältigen in ihrer Masse fast den Betrachter, was bei dieser Thematik, bei der Vorstellung der Schlachtfelder, ein willkommener Effekt ist. Kurze Momente der Verwirrung wenn ohne erkennbaren Übergang nicht mehr nach Künstler, sondern nach Oberbegriff präsentiert wird, verschwinden schnell, da Dix, Bofa et al. in ihren Stilen so individuell sind, dass man bald auch ohne Blick auf die Beschilderung weiß, was von wem stammt. Bedauerlich ist nur die teils schwache Ausleuchtung, wohl der Anfälligkeit der Originale geschuldet und der Fakt, dass man entschied, den Bogen in die Gegenwart zu schlagen, das aber so lieblos getan hat, das ein völliger Verzicht fast konsequenter gewesen wäre. Zum Thema der Umsetzung von Krieg im modernen Comic gibt es auf iPads Seitenausschnitte aus Comics von Ennis, Pratt, Kubert, Kanigher und dutzenden mehr, die aber völlig kontextlos als wirres Konvolut dem Leser nichts sagen. Pro-Krieg? Anti-Krieg? Seitenblick? Kern des Werkes?
 
Hier findet sich dann auch bei der Tardi-Ausstellung eine Leerstelle: Tardis Werk wird durch die Front- und Heimatfrontkünstler zu Beginn der Ausstellung klar in einen historischen Zusammenhang gestellt, Tardis eigener Einfluss auf weitere Künstler, seine Epigonen oder andere Künstler, die sich mit diesem Sujet beschäftigen, werden aber nicht bedacht. Das erscheint ein besonders offensichtlicher Malus, bedenkt man, dass ein Joe Sacco ebenfalls Gast des Comic-Salons ist und gerade selbst ein Werk zum Ersten Weltkrieg vorgelegt hat. Eine, wenn auch nur knappe, Betrachtung von Saccos Werk im Anschluss an die Tardi-Ausstellung wäre sicher sinnvoller als die SPRING-Ausstellung, die direkt an den Tardi-Teil anschließt und kaum aufnehmbar ist, nachdem man sich gerade durch die visuelle Wucht der Darstellung der französischen Schlachtfelder gearbeitet hat. Wie der Kollege Völlinger zu recht feststellte: „Ich kann das gerade nicht aufnehmen, ich werde der Sache nicht gerecht.“
 
Natürlich ist eine spätere Rückkehr möglich, aber der Bruch zwischen den beiden Themenfeldern ist schon massiv. Für den Hausgebrauch kann man sich Tardis Grabenkrieg und die aktuelle Ausgabe von SPRING zulegen und versuchen, beides in direkter Folge zu lesen.
 

In der Ausstellung Jacques Tardi und der Erste Weltkrieg

In der Ausstellung „Jacques Tardi und der Erste Weltkrieg“

 
Der Tardi-Teil der Ausstellung überzeugt als visuelles Konzept: Die Originalseiten befinden sich in bunkerartigen Papp-Gebäuden, mit Schießscharten, durch die man andere Panelreproduktionen betrachten kann, mit der ausgeschnittenen Silhouette eines Frontsoldaten und mit ebenfalls mit einem spannenden Effekt der Verwirrung, der auch zum Thema passt. In welchem Bunker waren wir schon, wo müssen wir weiter. Es kommt selten vor, dass unklare Führung einer Ausstellung zu Gute kommt, hier unterstreicht sie die Thematik. Wünschenswert wären Übersetzungen der Texte der Originalseiten gewesen – über den Originalen wäre genug Raum dafür – damit auch diejenigen folgen können, die weder französisch sprechen noch den Comic kennen.
 
Die präsentierten Texte geben einen technischen Einblick in verschiedene Bereiche des Weltkriegs, die Gräben, die Frauen in der Heimat, die aus Kriegsmaterial geschaffene Frontkunst, die für eine grobe Einordnung wichtig sind und, wie Kollege Kögel zu Recht bemerkte, gerade für die jungen Besucher hilfreich sind, denen der Erste Weltkrieg bisher fast völlig fremd ist. An verschiedenen Stellen empfinde ich den technischen Fokus aber schlicht verfehlt. Eine der wirkmächtigsten Sequenzen aus Grabenkrieg – ein belgisches Dorf, dessen Einwohner die Deutschen als lebenden Schutzschild verwenden, wovon sich die Franzosen aber nicht abhalten lassen – wird als Aufhänger einer Betrachtung über die Pickelhaube genutzt. Zumindest an einigen Stellen hätte man sich hier auch in der Kontextualisierung dem menschlichen Elend zuwenden können, das Tardi auf seinen Seiten zeigt.
Zu den „Only in Erlangen“-Momenten gehört es auch, dass durch eine Ausstellung über den Fleischwolf Westfront Cosplayer in Militäruniformen, mit Stahlhelmen, Gasmasken und Sturmhauben spazieren.
 
Ebenfalls in der Lades-Halle, nur einen Stock höher, findet sich eine kleine, aber feine Ausstellung über Walt Kellys Pogo, die die Schönheit der Zeichnungen, die Kreativität seiner Ideen und die humanistische Linie der Strips anhand von gut ausgewählten Exponaten verdeutlicht. Einige der stark auf die Meta-Ebene gehenden Strips ließen mich sogar laut auflachen. Als jemand, der bisher nur wusste, dass es Pogo gibt, der sich aber nie weiter mit Kellys Sumpfbewohnern beschäftigte, habe ich jetzt richtig Lust, mir eine Werkausgabe zuzulegen. Wenn eine Ausstellung als Primer gedacht ist, der Lust auf mehr machen soll, dann ist die Pogo-Sektion des Salons als voller Erfolg zu bezeichnen.
 

In der Ausstellung zu Walt Kellys Pogo

Exponat der Ausstellung zu Walt Kellys Pogo

 
 
PODIUM „DIE DEUTSCHE COMIC-KRITIK“
 
Diskutiert wurde am Samstag auch. Im überraschend vollen Ratssaal setzten sich Reprodukt-Pressedame Jutta Harms, der omnipräsente Stefan Pannor, Tagesspiegel-Comicboss Lars von Törne und Comicgate-Bollerkopp Marc-Oliver Frisch zusammen, um unter der Moderation von Brigitte Helbling über den Zustand der Comic-Kritik zu parlieren. Schon bei der zu ausladenden Vorstellung der Diskutanten zeigte sich ein Problem des Panels, nämlich das der fehlenden Klarheit, worüber eigentlich konkret diskutiert wird. Alleine in den ersten 15 Minuten wurden Themenfelder angerissen, die jeweils eigene Podiumsrunden verdient hätten, wenn sie nicht teilweise schon so plattgetrampelte Diskussionspfade wären, dass auf ihnen kein grünes Pflänzchen mehr wachsen kann: Lockt Comicberichterstattung jüngere Leser zurück zum Print? (Törne.) Wieso haben wir eigentlich den Graphic-Novel-Begriff, und nützt oder schadet er? (Harms.) Warum schreibt man in sein Blog und nicht im Print? (Frisch.)
 
Die eigentliche Kritikdiskussion wurde dann eröffnet, als Pannor erklärte, dass er auf seiner Website eine ausgiebige Kritik am Gratis-Comic-Tag präsentieren kann, die er beim auf Klickzahlen versessenen und den „gesellschaftlichen Aufreger“ suchenden SPIEGEL Online nie unterbringen könne. Nach einem kurzen Rückfall in die Frage „Aber wäre das nicht im Print besser, weil man da mehr Leser hat als im Netz?“ wurde die Diskussion dann doch launig.
 
Frisch, der sich seiner selbstgewählten Rolle als Agent-Provocateur der Comicszene durchaus bewusst ist und sich klar war, was man von ihm erwartete, spielte sich in der folgenden Dreiviertelstunde immer wieder ins Zentrum des Podiums, wo er mit steilen Thesen und auch Mal polternden Verallgemeinerungen ausgiebig Kontra gab, während der durchaus meinungsstarke Pannor die wiederholt aufflammenden Dialoge zwischen Frisch und Törne und Frisch und Harms zurückgelehnt betrachtete und nur weise nickte.
 
Gestritten wurde im Folgenden darüber, ob es in Deutschland an einer „Diskussionskultur“ im Comicbereich fehlt und ob es zu wenig Verrisse gebe, die dabei helfen würden, auch die positiven Rezensionen von Autoren einzuordnen, weil so das ganze Spektrum abgedeckt sei (Frisch). Helbling widersprach dem deutlich, zeigte sich überzeugt, dass Verrisse niemandem nutzen und dass es die Aufgabe von Rezensionen sein müsse, die Leser „zu verführen“.
Damit war das zentrale Statement der Diskussion gefallen, auf das im Folgenden immer wieder zurückgegriffen wurde, sowohl in deutlicher Ablehnung (Oliver Ristau vom Tagesspiegel aus dem Publikum) als auch in sehr zustimmender Haltung und mit der Feststellung, dass immer noch die Sprache fehle, um Comics zu beschreiben, weil die existierende Kritik zu sehr an Themen und Literaturideen ausgerichtet sei und zu wenig am Blick auf das Eigene des Comics.
 
Wo Frisch „zu viel Attitüde und zu wenig Substanz“ sieht und mahnt, dass auch die Fachmagazine zu oft das Lied der Verlage sängen, auch weil gerade sie von den Werbegeldern abhängig sein, versuchte Törne wiederholt zu erklären, dass die hier angemahnten Probleme ja keine comicspezifischen sein, sondern sich auch in den Musik- und Theaterspalten der Feuilletons fänden, wo es eben auch kaum bis keine Verrisse gäbe. (Jutta Harms, die kurz vorher noch festgestellt hatte, „Comics ist anders als Theater oder Musik“, pflichtete ihm bei.) Daraus aber die vielleicht notwendige Frage nach dem desolaten Zustand der Kritik an sich abzuleiten, wollte sich keiner trauen, auch wenn Frisch immerhin betonte: „Kritik ist auch ’ne Kunstform.“
 
Gelegentlich hatte man das Gefühl, dass auf der Bühne zwei Filme parallel ausgestrahlt wurden. Während besonders Harms („Ist bei Reprodukt ganz klar nicht so.“) und Helbling immer deutlicher die heile Welt Comicszene beschworen, in der ja jedem daran gelegen sein müsse, die Leute da draußen zum Medium „zu verführen“ und man sich nicht zu ruckartig bewegen sollte, begann Frisch zunehmend krawallig zu poltern und zu postulieren, was dann bei der Öffnung der Runde zum Publikum dazu führte, dass Jutta Harms die Kritiker im Publikum aufforderte: „Im Grunde wird ja hier auch eure Ehre angegriffen. Ob ihr Lust habt, euch da zu verteidigen?“
 
Hatte, wie oben beschrieben, zumindest Andrea-Pirlo-Cosplayer Oliver Ristau vom Tagesspiegel nicht, der erklärte, das Verführen sei nicht sein Job. Dem widersprach Oliver Meier, der sogar sah, dass derzeit soviel Gutes erscheine, dass Mittelmäßiges von selbst unten raus fiele und keine Beachtung mehr finden würde. Vermutlich versteckt Cross Cult deshalb sein Steam Noir so verschüchtert auf dem diesjährigen Salon. Nach einem weiteren kurzen „sind Graphic Novels Comics oder Graphic Comics Novels“-Intermezzo und einer angedeuteten Kritik, dass die meisten Rezensenten ja selbst nie einen Comic produziert haben und darum das handwerkliche Element nicht beurteilen könnten (damit war meine Diskussions-Bingo-Karte gefüllt) endete die in Teilen launige Runde gerade in dem Moment, als sich endlich ein thematischer Fokus im Gespräch herauskristallisiert hatte. Am Ende können wir also festhalten: „Gut, dass wir mal darüber geredet haben.“ Was das genau ist, worüber wir geredet haben, war am Ende aber immer noch etwas obskur: Sprechen wir von Blogs oder Zeitungen, Print oder Online, Leitartikeln oder Rezensionen, Kommentaren oder Analysen, Fachmagazinen oder Breitenfeuilleton? Das Thema sollte unbedingt wieder aufgegriffen werden, dann aber schon zu Beginn mit *einem* klaren Schwerpunkt, der auch allen Beteiligten bewusst sein muss. Wenn man überlegt, dass schon einige weitere angedachte Diskussionspunkte von der Moderation bewusst ausgelassen wurden, dann kann einem schon schwindelig werden.
 
PODIUMSGESPRÄCH MIT JOE SACCO
 
Direkt im Anschluss wurde dann Joe Sacco zum Gespräch gebeten, der – trotz der bauzaungroßen Schlachtendarstellung im Stadtzentrum – gefühlt von der Salonleitung sehr stark versteckt wird, dafür, dass er schon einer der größten und allgemein bekanntesten Namen ist, die wir im Comicbereich derzeit haben. Unberührt von den alle paar Minuten klingelnden Handys (wir sind hier ja nicht im Kino) sprach Sacco über seine kommerziellen Flops am Karrierebeginn, den Umstand, dass erst die Kritik in der New York Times ihm den Erfolg brachte (womit er die „Verführungs“-Theorie aus der vorherigen Podiumsdiskussion unbewusst unterstützte) und kam dann in einer längeren Sequenz auf seine Sichtweise zu Journalismus und Objektivität zu sprechen. Er gab zu bedenken, dass es seine subjektive Entscheidung sei, denen ohne Stimmen eine Stimme zu sein (wobei natürlich er derjenige ist, der entscheidet, wer als stimmlos zu gelten hat) und dass daraus ableitbar sei, wo er politisch stehe. Für ihn sei es wichtiger, ehrlich zu sein als objektiv (was ohnehin unmöglich sei) und ja, natürlich wähle er bewusst Stimmen, die das westliche Publikum schocken. Ruhig und in klaren Worten präsentierte Sacco seine Sichtweise zu Reportage und Interpretation und zu dem Umstand, dass Journalismus nicht neutral sein könne. „Ich gebe zu, ich bin ein Filter.“
Man merkt, dass Sacco sich viele Gedanken über diese Themen gemacht hat und diese Gedanken inzwischen so oft formuliert hat, dass sie auch sprachlich höchst geschliffen sind. Dass dabei die Spontaneität des Gesprächs ein wenig leidet, auch weil Teile seiner Aussagen fast wortwörtlich in Interviews zu und Texten in seinem Journalism klingen, ist wohl unvermeidbar. Seine Werbung für gezeichneten Journalismus als „slow journalism“, der mehr Zeit habe, die Leute kennenzulernen, ohne dass sie sich für die Kamera verstellen, ist sicher bedenkenswert. Seine Erkenntnis, dass Journalismus die Mächtigen hinterfragen müsse, erscheint da schon platter, obschon möglicherweise die Grundpfeiler des Journalismus in jede Richtung nicht oft genug wiederholt werden können – auch im Rahmen des Krim-Konflikts, der leider nicht thematisiert wurde. Saccos Sichtweise zur Berichterstattung in einem akutellen Konflikt wäre sicher erhellend.
 
Saccos Aussage, es sei eines der Probleme, dass „Journalisten den Mächtigen zu nah kämen“, dass die kritische Distanz nur noch eine vorgestellte, keine reale sei, sobald sie „auf die selben Cocktail-Partys gehen“, war erstaunlicherweise auch ein Satz, der ebenfalls in der vorherigen Diskussionsrunde zur Bedeutung der Kritik hätte diskutiert werden können. Auch dort wurde kurz die Unabhängigkeit der deutschen Comickritik infrage gestellt, die sich ja – hier nimmt sich der Autor nicht aus – schnell in den Betrieb Comicszene verwickelt sieht, auch wenn Lars von Törne betonte, dass die guten Kritiker Mechanismen hätten, um Gewissenskonflikte in diesen Situationen zu überwinden.
 
Mit Saccos neuer Faszination für Geschichte und Strukturen, die in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorkommen, scheint eine Epoche in seinem Werk zu enden. Interesse daran, jemals wieder über gewalttätige Konflikte zu berichten, habe er auf jeden Fall nicht.
 
 
NOTIZEN VOM RANDE DER MESSE
 
* Manga bleibt auch im 14. Jahr des neuen Jahrtausends ein Phänomen, das sich vorrangig am Rand der Messe abspielt. Die wirklich breite Öffnung, das Zusammenfinden, hat auf beiden Seiten immer noch nicht stattgefunden, so dass ein essentieller Teil der Comicszene weiterhin auf Deutschlands größter Comicmesse unterrepräsentiert bleibt. Einige Stimmen meinten, dass die Vergabe des Max-und-Moritz-Preises an Billy Bat auch ein politisches Symbol sei, das eine Zeitenwende einläuten sollte. Freuen wir uns also 2016 auf die Podiumsdiskussion „Manga – Schon Comic oder noch nicht Graphic Novel?“
 
* In der Pogo-Ausstellung gehört: „Was ist denn das hier?“ – „Tardi.“
 
* Jedes Mal wieder faszinierend: Die frisch getrauten Eheleute, die irgendwo zwischen glücklichstem Moment ihres Lebens und posttraumatischer Belastungsstörung versuchen Sekt zu schlürfen und Schnittchen zu essen, während dicke Nerds und schwer kostümierte Manga-Fans sie zur Seite schieben, weil sie sich die ausgestellten Originalseiten anschauen wollen.
 

Mawil: Wenn ich Bürgermeister von Erlangen wäre...

„Das mit den Hasen“

* Lokalpolitik: Draußen vor der Messe kann man zeichnen, was wäre, „Wenn ich Bürgermeister von Erlangen wäre…“ Während Lokalpolitiker diskutieren, dass einige der Bilder „ja ganz hübsch gemalt“ seien, vor allem „das mit den Hasen“ (von Mawil), und dass man sie mal vor einer Stadtratssitzung im Foyer ausstellen sollte, damit auch die regierenden Parteien mal sähen, was den Bürgern unter den Nägeln brenne, hat Gerhard Schlegel die Sache mit der Kommunalpolitik nicht ganz verstanden. In seinem Beitrag würde er, wäre er Bürgermeister von Erlangen, erst einmal mehr Mülleimer in München aufstellen. Das wird die Erlanger sicher freuen.

* Im Marktbereich von der verzweifelten Freundin des vor der Figuren-Vitrine stehenden Spider-Man-Cosplayers gehört: Ein flehendes „bitte keine Figuren kaufen, bitte nicht, bitte“.
 
* Copy-Edit your Shit: Weil man ja verführen will, bleibt der Name mal außen vor. Aber, Toon-Up-Selbstverleger: Tippfehler passieren. Uns allen. Immer wieder. Aber zumindest auf dem Titelbild sollte man den Titel seines eigenen Comics idealerweise *ohne* Buchstabendreher präsentieren. Aber, hey, dem Manchester Grauniad hat das auch nicht geschadet.
 
* Lexikon: Der Verdacht erhärtet sich, dass Comics nur ein Methadonprogram für das wandelnde Fußballlexikon Burkhard Ihme sind. Falls ihr mal ’nen Fußball-Telefonjoker bei Wer Wird Millionär braucht: Einfach beim ICOM anfragen.
 
* Don’t Say the G-Word: Anfängerfehler. Auf einer Comicmesse, auch Abends auf der Verlagsparty, kurz betonen, wie man selbst in der „Comics oder Graphic Novels“-Debatte steht. Die nächste Stunde kann man dann abhaken, weil alle Umstehenden natürlich ihre eigene Position OCD-gleich auch in epischer Breite zum Besten geben müssen. Wenn ihr also Salon-Neulinge kennt, brieft die bitte vorher, damit ihnen dieser alle Räder zum Stillstand bringende Lapsus nicht unterläuft.


Erlangen-Tagebuch, Tag 1: Feels like homecoming

Alle zwei Jahre bildet der Comic-Salon Erlangen für vier Tage den Nabel der Comicwelt. Wir sind natürlich auch dort und präsentieren an unserem Stand die neueste Ausgabe des Comicgate-Printmagazins zum Thema „Farbe“. Von dem, was sonst so passiert, berichten wir in diesem Messetagebuch: Im täglichen Wechsel schreiben CG-Redakteure über den vergangenen Tag, aus ihrer persönlichen, subjektiven Sicht und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Heute: Thomas Kögel über den ersten Tag, Donnerstag, 19. Juni
(Tag 3Tag 4)

Comic-Messe in der Heinrich-Lades-Halle

Wenn man den Comic-Salon schon mehrmals besucht hat, fühlt sich die Ankunft in in Erlangen ein wenig wie Nachhausekommen ein. In der Heinrich-Lades-Halle, wo große, kleine und ganz kleine Verlage an zahllosen Ständen ihre Neuheiten anbieten, sind vormittags noch keine Besucher. Bevor die Tore geöffnet werden, wird noch am Aufbau der Stände und der Präsentation der Comics gewerkelt. Vertraute Umgebung, vertraute Gesichter, das Festival ist auch ein Klassentreffen der übers ganze Land verstreuten Szene. Viele davon treffen sich nur ein- oder zweimal im Jahr, entsprechend freut man sich übers Wiedersehen.

Das erste Highlight aus Comicgate-Sicht: Unboxing! Das druckfrische Printmagazin, in das in den Wochen und Monaten vor dem Salon sehr viel Arbeit investiert wurde, ist da, und alle die mitgemacht haben, wollen das Ergebnis sehen, fühlen und riechen. Gedrucktes als haptisches Erlebnis, immer wieder faszinierend.

Der Egmont Verlag hat unter anderem Ed Piskor eingeladen, einen der wenigen amerikanischen Gäste in diesem Jahr. Der junge Zeichner kommt aus einem Independent- und Underground-Umfeld und hat mit seinen Comics Wizzywig über die Hackerszene der 1980er Jahre und Hip Hop Family Tree über die Anfänge der Hip-Hop-Szene ein großes Publikum außerhalb der klassischen Comicleserschaft gefunden. In Deutschland ist er bislang noch nicht sehr bekannt, beide Arbeiten sind gerade erst auf Deutsch erschienen. Umso interessanter ist es für mich, Ed für eine dreiviertel Stunde zum Interview treffen zu können.

Im Gespräch zeigt sich ein sehr lässiger und entspannter, sehr von sich und seiner Arbeit überzeugter junger Künstler, der klare Meinungen vertritt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Das Interview macht mir großen Spaß (und ihm auch, glaube ich). Leider muss ich anschließend feststellen, dass meine Aufnahme-App den Dienst verweigert und gerade mal 5 Sekunden unseres Gesprächs aufgezeichnet hat. Ich fluche (laut), Ed grinst nur süffisant und meint sinngemäß: „Na dann viel Spaß beim Aufschreiben aus dem Gedächtnis.“ Na gut, dann weiß ich auch, was ich die nächste Stunde zu tun habe …

Am Abend steigt die Verleihung des ICOM Independent Comic Preis, der in diesem Jahr zum 20. Mal vergeben wird. Die Preisverleihung läuft in der bewährten, manchmal etwas chaotischen, aber immer sehr charmanten Manier ab. Das Publikum besteht zum größten Teil aus Leuten, die selbst schon mal einen der ICOM-Preise gewonnen haben oder die ihn irgendwann einmal gewinnen wollen. Die Comicfamilie klopft sich hier ein wenig selbst auf die Schulter. Eine Auszeichnung von der Jury des ICOM (Interessenverband Comic e.V.), deren Mitglieder alle selbst schon lange Teil der Comcszene sind, ist eine Anerkennung aus der Szene selbst. Dass diese Anerkennung etwas wert ist, zeigt sich an der ehrlichen Freude der Preisträger, die sich nicht nur deshalb freuen, weil sie vom ICOM-Vorsitzenden Burkhard Ihme direkt auf der Bühne grüne Scheine ausgehändigt bekommen.

Sebastian Stamm, Zeichner und Autor von Lescheks Flug, der als „Bester Independentcomic“ ausgezeichnet wurde, ist leider nicht anwesend. Für ihn nimmt Rotopolpress-Verleger Michael Meier den Preis entgegen, der zuvor schon zweimal die Bühne betreten hatte, denn mit Pimo und Rex von Thomas Wellmann (Bestes Artwork) und der „Lobenden Erwähnungen“ für Heimdall von Max Baitinger wurden zwei weitere Comics aus seinem Verlag gewürdigt.

Der „Sonderpreis der Jury für eine besondere Leistung oder Publikation“ ging an Sarah Burrini, die mit ihrem Webcomic Das Leben ist kein Ponyhof eine Pionierrolle in der einheimischen Webcomic-Szene spielt. Ironischerweise kommt die hochverdiente Auszeichnung für ihre Rolle als „Vorreiterin, Vorbild und Netzwerkerin“ (Zitat aus der Laudatio) just in der gleichen Woche, in der sie ihrem Webcomic für einige Monate eine Kreativpause verordnet hat.

Jurymitglied Harald Havas betonte in einem abschließenden Appell die enorme Bandbreite und zeichnerische Qualität und Vielfalt, die der deutschsprachige Indie-Comic mittlerweile hat. Zusätzlich wies er aber darauf hin, dass die Geschichten oft nicht so interessant oder so gut erzählt sind, wie sie sein könnten. Havas empfahl einen Blick ins Ausland, wo sich viel öfter Zeichner und Autoren die Arbeit teilen, als es hierzuande der Fall ist.

Ein Preis für ein „Herausragendes Szenario“ war aber trotzdem drin: Der ging an Andreas Eikenroth für Die Schönheit der Chance des Scheiterns, eine Alltagsgeschichte mit lebensnahen Figuren. Das sei die Art von Comics, die er lesen wolle, sagte Eikenroth, das hier sei ausdrücklich keine Graphic Novel, denn diese bestünden ja ohnehin nur aus Krieg, Krankheit oder Literaturadaptionen.

Alle Preisträger und die Laudationes dazu findet man auf der ICOM-Website. Zusätzlich wurde auch noch das „Lebensfenster“ verliehen, der „Kurt-Schalker-Preis für graphisches Blogen“. Den Preis bekam Domink Wendland für seinen Webcomic Pete’s Daily.

ICOM-Preisträger 2014

Gruppenbild der ICOM-Preisträger 2014

Der Abend klingt aus im Café des Erlanger Manhattan-Kinos, dessen Wände mit einer hübschen Ausstellung bestückt sind, die Christian Schmiedbauer alias Landrömer zusammengestellt hat. Unter dem Motto „Musik für die Augen“ lud er befreundete Zeichnerinnen und Zeichner ein, Lieblingssongs als Kurzcomic oder Illustration in Bilder zu fassen. Neben jedem Bild hängt ein QR-Code, über den man sich das jeweilige Lied zum Anhören aufs persönliche Endgerät laden kann. Am gestrigen Abend ging diese Option in der allgemeinen Kneipengeräuschkulisse und Bierdunst unter, aber für einen ruhigen Moment in den kommenden Tagen (falls so einer kommen sollte) könnte das eine gute Idee sein.

Fotos: Björn Wederhake, Thomas Kögel

Schneekreuzer

Cover SchneekreuzerDass der Anfang der 80er Jahre entstandene, französische Comicklassiker Schneekreuzer nach so langer Zeit nun endlich in deutscher Sprache vorliegt, ist sicher auch dem Umstand zu verdanken, dass die von Bong-Joon Ho inszenierte Filmadaption (unter dem Titel Snowpiercer) vor kurzem in den deutschen Kinos startete. Bei Jacoby & Stuart hat man die Gelegenheit ergriffen, die Vorlage, zusammen mit ihren beiden späten Fortsetzungen, in einer würdigen Gesamtausgabe zu veröffentlichen.

Jacques Lob entwickelte die ursprüngliche Geschichte zusammen mit Zeichner Jean-Marc Rochette. Darin versetzen sie den Leser in ein dystopisches Szenario: Nach einem gescheiterten Versuch, den Klimawandel zu stoppen, fällt die Erde in eine neue Eiszeit. Die einzige Rettung vor dieser globalen Katastrophe besteht darin, einen Platz im Schneekreuzer zu ergattern, einem mehrere hunderte Waggons langen Zug, der ohne Halt durch die unwirtliche Landschaft rast.

Die Menschen darin sind gezwungen, die Abteile zu ihrem Wohnort umzufunktionieren und eine eigene Gesellschaft innerhalb des begrenzten Raumes aufrechtzuerhalten. Das funktioniert natürlich nicht ohne Komplikationen. Vor allem die Unterschiede zwischen den weitestgehend abgeschotteten Klassen sind sozialer Sprengstoff. Während die vorderen Waggons im Luxus leben und das Zusammenleben im gesamten Zug regeln und kontrollieren, sind die Menschen in den hintersten Abteilen zusammengepfercht und existieren unter unwürdigsten Umständen. Als der Passagier Proloff durch einen Zufall in den vorderen Bereich gelangt, plant er die Revolution, die den Unterdrückten Hoffnung gibt: Er will bis ganz nach vorne, zum Zugführer, gelangen.

Die Idee von Jacques Lob ist so faszinierend wie sie simpel ist. Die klaustrophobische Atmosphäre ist greifbar, genau wie die Verzweiflung der Passagiere. Das erste Album, das auch als Basis für die filmische Umsetzung diente, ist ein fein konstruierter Klassenkampf im Sci-Fi-Ambiente, der dank sozial- und umweltkritischer Anklänge auch heute noch thematisch hochmodern ist. Mit ihren schwarz-weißen Zeichnungen bewegt sich die Story auf dem Niveau klassischer frankobelgischer Comics der damaligen Zeit.

Seite aus SchneekreuzerLeider hat Rochette diesen eindringlichen Stil, der äußerst gut zur Grundidee passt, nicht beibehalten, als er Ende der 1990er Jahre, nach dem Tod von Jacques Lob, beschloss, zwei Fortsetzungen zu produzieren. Diesmal sollte Autor Benjamin Legrand die Texte schreiben. Die beiden Alben „Der Landvermesser“ und „Die Überquerung“ setzen die ohnehin in sich geschlossene Handlung des ersten Albums nicht nahtlos fort, sondern vergrößern den Blickwinkel auf das Geschehen innerhalb und außerhalb des Schneekreuzers. Hier geht es nicht mehr um ein bis zwei zentrale Figuren, sondern um das System an sich. Dafür verlagerte Legrand den Fokus auf viele Figuren und Schauplätze. Diese gewollte Komplexität geht allerdings zulasten der ursprünglich so beklemmenden Atmosphäre, die Lobs Erzählung auszeichnete.

Besonders auffällig ist jedoch der optische Unterschied zwischen den beiden Fortsetzungen und dem ersten Album. Jean-Marc Rochette hat seinen Zeichenstil radikal geändert und setzt nun auf einen eher malerischen Stil. Dadurch wirkt die Grafik einerseits etwas zeitgemäßer, andererseits aber auch etwas unfertig, skizzenhaft, und lässt Details und Hintergründe vermissen.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung gibt es deshalb also nur für den ersten, bei weitem längsten der drei Teile, der die klassische Kernerzählung Lobs markiert. Dennoch ist es angenehm, dass jetzt alle drei Alben in einem Gesamtband komplett in deutscher Sprache vorliegen. Auch wenn die späten Fortsetzung das Niveau nicht halten können, zeugen sie von zumindest von einer interessanten, alternativen Herangehensweise an den Stoff durch Rochette und Legrand, die offenkundig, das muss man ihnen zugute halten, eine Kopie des ersten Albums unbedingt vermeiden wollten.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Toller Sci-Fi-Klassiker, endlich auch in deutscher Sprache

 

Schneekreuzer
Verlag: Jacoby & Stuart
Text: Jacques Lob, Benjamin Legrand
Zeichnungen: Jean-Marc Rochette
Übersetzung: Edmund Jacoby
272 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 29 Euro
ISBN: 978-3-942787-08-6
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Jacoby & Stuart

Links der Woche 20/14: So lang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende

Unsere Links der Woche, Ausgabe 20/2014:

 

Jawollomatchen Keulo
taz, Christiane Rösinger
Didi & Stulle von Fil sind in der Oper angekommen. An der Neuköllner Oper in Berlin haben Regisseur : Eike Hannemann, Komponist Matthias Herrmann und Dramaturgin Anita Augustin tatsächlich eine Barockoper nach Motiven aus den Comics von Fil gemacht. Letzte Woche war die Uraufführung, Besprechungen gibt es neben der oben verlinkten von Christiane Rösinger (!) auch beim RBB-Kulturradio, in der Berliner Zeitung und beim Tagesspiegel.

Comickünstler weben solidarisch ein Netz
micomics.de, Tiberius „Spiri“ Tarante
micomics stellt die Initiative “Comic Solidarity” vor, ein Zusammenschluss von Kreativen aus der Webcomicszene, die sich auf dem Comic-Salon Erlangen mit einem gemeinsamen Stand und einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm präsentieren wird.

Lach|witz, der e #06 Jahresrückblick & Vorschau auf den Internationalen Comi Salon Erlangen 2014
YouTube, Alexander Lachwitz
In einer neuen Ausgabe seines Video-Podcasts schaut Alexander Lachwitz zurück auf das vergangene Comicjahr (u.a. mit der Comic Action in Essen) und blickt voraus auf den Comic-Salon Erlangen, der am Donnerstag beginnt. Im Mittelpunkt stehen dabei die angekündigten Neuerscheinungen aus der deutschen (Web-) Comicszene.

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748 auteurs de bande dessinée écrivent au ministre de la culture A ActuaBD, Didier Pasamonik
YouTube, Alexander Lachwitz
Der “Syndicat des auteurs de BD” (SNAC-BD), eine Interessenvertretung von Comicschaffenden in Frankreich, hat einen offenen Brief an die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti geschrieben, der von 748 Comicautoren und -zeichnern, darunter auch viel Prominenz, unterzeichnet wurde. Darin wenden sie sich gegen die geplante Änderung bei der Berechnung der Beiträge für die Altersversorgung für Künstler. Für viele von ihnen bedeuten die neuen Beitragssätze eine Erhöhung von 1% auf 8% des Einkommens, so dass sich die Künstler in ihrer Existenz bedroht sehen Der Wortlaut des Briefs ist als PDF abrufbar.

All-New All-Different Comics Issue
SF Weekly
Das Stadtmagazin SF Weekly aus San Francisco hat eine komplette Comicausgabe veröffentlicht. Das heißt nicht, dass sich das Magazin mit Comics beschäftigt, sondern dass alle Beiträge, vom den Leserbriefen über den Rezensionsteil und größeren Artikeln bis zu den Veranstaltungstipps, in Form von Comics präsentiert werden. Die Redaktion tat sich dafür mit Studenten des California College of the Arts zusammen. Die komplette Ausgabe ist online verfügbar.

Kogaratsu 12 – Glutofen

Cover Kogaratsu 12Kogaratsu gehört zu den frankobelgischen Comicreihen, die auf dem deutschsprachigen Comicmarkt einfach nicht tot zu kriegen sind. Und das ist angesichts der hohen Qualität der Serie von Autor Bosse (i.e. Serge Bosmans) und Zeichner Michetz (i.e. Marc Degroide) auch gut so. Finix Comics, der Zufluchtsort für abgebrochene oder sträflich vernachlässigte Comicreihen, ist bereits der vierte Verlag, der die Fackel von Kogaratsu hierzulande weiterträgt, nachdem Carlsen, Schreiber & Leser und Kult Editionen sich über zwei Jahrzehnte hinweg daran versuchten. Interessanterweise hat keiner dieser Verlage einen Neustart von Beginn an oder eine Gesamtausgabe in Form von Sammelbänden probiert, stattdessen wurden die Veröffentlichung und Nummerierung stets kontinuierlich fortgeführt. So kommt es also, dass Finix mit Album Nummer 12 einsteigt und Kogaratsu eine weitere Chance gewährt. Hoffen wir, dass der Titel mit diesem Schritt seine endgültige und letzte Heimat gefunden hat. Bislang liegt ein weiteres Album im Original vor, welches auch bei Finix in Planung ist.

Kogaratsu spielt im japanischen Spätmittelalter und erzählt den kriegerischen Weg des Söldners Nakamura Kogaratsu, der sein Leben als Samurai im Dienste eines Herrn und zeitweise als freier Ronin beschreitet. In „Glutofen“ erhält er eine anonyme Botschaft, die ihn in ein Bergdorf führt. Es ist die Heimat des Clans der Mutter, der von einer skrupellosen Bande just nach der Ankunft Kogaratsus angegriffen wird. Der gefürchtete Ronin stellt sich an die Seite des Clans und versucht, dessen Burg zu verteidigen.

Seite aus Kogaratsu 12Das Szenario versetzt den Leser auf authentische Weise ins Japan des 17. Jahrhunderts. Die Schlachten mit Schwertern, Pfeilen und Schießpulver sind wirklich überzeigend und spannend gestaltet. Um der Handlung folgen zu können, sind übrigens nicht zwingend Kenntnisse der vorherigen Nummern der Serie nötig. An zwei bis drei Stellen wird zwar eine vage Anspielung auf Album 5 gemacht und der ein oder andere wird sich fragen, warum Kogaratsu des Öfteren konkret als „Frauenmörder“ bezeichnet wird, doch prinzipiell lässt sich „Glutofen“ prima als eigenständiges, abgeschlossenes Abenteuer Kogaratsus genießen. Insofern kann man den Band auch jedem Neueinsteiger empfehlen, um in diese tolle Reihe reinzuschnuppern. Neben dem faszinierenden Charme einer fein arrangierten Samurai-Story und der Detailtreue bezüglich der Ausstattung, fallen vor allem die wundervollen Bilder von Michetz ins Auge. Sanfte Tuschelinien und eine erdige Aquarellkolorierung sorgen für eine atemberaubende Optik. Völlig zu Recht bleibt diese Comicperle dem deutschen Leser auch weiterhin nicht vorenthalten. Der 13. Band wird sicher bald folgen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Überzeugender Teil einer überaus sehenswerten Comicserie

 

Kogaratsu 12 – Glutofen
Verlag: Finix Comics
Text: Bosse
Zeichnungen: Michetz
Übersetzung: Dr. Marcus Schweizer
56 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 12,80 Euro
ISBN: 9783941236974
Leseprobe

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Abbildungen © , der dt. Ausgabe: Finix Comics

 

Wer ist hier die Mutter?

Cover Wer ist hier die Mutter?In dem Haus, in dem Alison Bechdel ihre Kindheit verbrachte, gab es einen kleinen Raum mit zwei Türen, eine nach draußen und eine ins Innere des Hauses. An den Wänden hingen sich zwei Spiegel gegenüber, in denen man sich in unendlicher Doppelung sehen konnte, jeweils abwechselnd von vorne und hinten. Alison Bechdel (Fun Home) war fasziniert von diesem optischen Effekt und sah darin bereits in früher Jugend ein Erklärungsmuster für ihr Leben: In der mit dem Rücken zugewandten Spiegelung sah sie die nach vorne blickende Alison, in ihrem entgegengesetzten Spiegelbild die entgegengesetzte Inkarnation ihrer selbst, den Teil ihrer Persönlichkeit, der ihrer Entfaltung entgegensteht und Entwicklung verhindert.

Dieses Bild, das in Alison Bechdels Buch Wer ist hier die Mutter? erst spät kommt, ist in vielerlei Hinsicht programmatisch. Zum einen kreist es, wie das ganze Buch, um die Autorin und ihre inneren Zustände. Zweitens ist es ein Bild, das eine Erklärung für ihre Wesenszüge liefert. Drittens, und das ist entscheidend, ist es eine mehr oder weniger willkürliche Erklärung. Sie ist keineswegs zwingend oder folgerichtig, sie ist einfach nur ein kreatives Aufgreifen und Verarbeiten eines Phänomens, das rein zufällig eine Entsprechung in Frau Bechdels Innenleben zu haben scheint.

Panel aus Wer ist hier die Mutter?Wer ist hier die Mutter? ist voll mit solchen Interpretationen, mit denen Alison Bechdel ihrem Leben sowie ihrer Beziehung zu ihrer Mutter einen Sinn zu geben versucht. Neben ihrer eigenen Phantasie sind es Interpretationshilfen aller Art, die sie dabei unterstützen, so z.B. die Sitzungen mit ihrem Psychotherapeuten, die Schriften C.G. Jungs und Sigmund Freuds, Alice Millers Aufsatz „Das Drama des begabten Kindes“ sowie die Biographien Virginia Woolfs und des Psychoanalytikers und Kinderarztes Donald Winnicott, um nur die wichtigsten Einflussquellen zu nennen.
Als sie beispielsweise ein Bildserie von sich als Baby im Spiel mit ihrer Mutter sieht, sieht sie den Beweis für Donald Winnicotts These, die Mutter und ihr Kind seien auch Monate nach der Geburt noch eine symbiotische Einheit, die untrennbar zusammengehört. Auf einem Bild dieser Fotoserie allerdings ist die Symbiose gestört: Das Baby hat den Fotografen, den Vater, entdeckt, wodurch die magische Verbindung zur Mutter zusammenbricht. Der Vater ist gemäß dieser Erklärung der Eindringling und Störenfried – und wird es Zeit seines Lebens bleiben.

Aber sind das nicht willkürliche Erklärungen, die zur Sinngebung des Lebens erst konstruiert werden? Sind die Zusammenhänge nicht nur herbeigeredet? Gerade zu der Zeit, als Alison Bechdel ihre Familienverhältnisse ganz genau betrachten möchte, läuft sie mit dem Kopf gegen ein Brett und erhält eine Wunde, die sie als drittes Auge interpretiert, mit dem man nach „Innen“, ins Unterbewusste, sehen kann. Kurz danach trifft sie ein spitzer Zweig im Auge: Das interpretiert sie als Strafe, weil sie die Wahrheit über ihre Familie gesehen hatte, wie Oedipus, der sich selbst die Augen aussticht.

Panel aus Wer ist hier die Mutter?Das kann man natürlich auch als Nabelschau bezeichnen. „Nimm dich nicht so wichtig und fang an zu leben“, möchte man ihr manchmal zurufen, befremdet, dass jemand gedanklich derart um sich kreist. Alison Bechdel macht sich konsequent selbst zum Objekt ihrer Arbeit und man befürchtet fast, dass sie sich in einen Teufelskreis hineinmanövriert: Einerseits will sie Komplexe aufarbeiten, andererseits sind die Komplexe die Quelle ihrer Arbeit, die nicht versiegen darf, und die es deswegen zu kultivieren gilt. Im Gegensatz zu Underground-Zeichnern wie Chester Brown oder Joe Matt ist Bechdels Ansatz allerdings weniger exhibitionistisch und vielleicht daher auch weniger peinlich. Während bei vielen Underground-Zeichnern der ungefilterte Seelenstriptease im Focus steht, ist es bei Alison Bechdel die intellektuelle Reflexion über ihre inneren Zustände. Am Ende gibt es sogar eine befriedigende Auflösung, so dass der Comic, obwohl weitgehend ohne Plot, eine angenehme Geschlossenheit besitzt.

Wer ist hier die Mutter? erinnert mich an Uwe Timms biografische Erzählungen Am Beispiel meines Bruders und Der Freund und der Fremde, weil es keine geradlinige Biografie erzählt, sondern stets um seinen Gegenstand kreist und dabei an immer wiederkehrenden Momenten und Motiven anhält. Dazu gehört auch die konsequente Komposition der Kapitel, die stets mit einer zweiseitigen Traumsequenz anfangen und, von dort ausgehend, dann scheinbar frei assoziierend weiterentwickelt werden mit allen Querbezügen und Anekdoten, die sich unterwegs wie beiläufig ergeben. Das Buch ist autobiografisch, das stimmt, aber es ist auch streng den Ideen, die Bechdel zum Zeitpunkt des Erzählens wichtig sind, untergeordnet.

Zunächst hielt ich das Buch für deprimierend und Alison Bechdels Neigung, jede Lebensäußerung zu interpretieren, unangemessen zwanghaft. Mit zunehmender Lektüre fiel mir aber auf, dass es sich erfüllend anfühlen kann, wenn man in scheinbar willkürlich stattfindenden Ereignissen wiederkehrende Muster erkennt, die interpretiert werden können. Als ich das erkannte, war mir klar, dass das Buch bei aller Freude am Gedankenspiel doch eine ganz eigene Art von Lebensfreude vermittelt, zumal die Muster sich am Ende tatsächlich zu einem schlüssigen und befriedigenden Ganzen fügen.

Sehr positiv fällt auch die hervorragende Übersetzung auf. Man merkt, dass hier viel Arbeit investiert wurde.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Eine fordernde Lektüre, der man die Lust am Denken und am Erzählen auf jeder Seite abnimmt, sofern man sich auf die Ideen einlässt.

 

Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama
Kiepenheuer & Witsch, April 2014
Text und Zeichnungen: Alison Bechdel
Übersetzung: Thomas Pletzinger, Tobias Schnettler
248 Seiten, Schwarz-Weiß mit Rot, Hardcover
Preis: 22,99€
ISBN: 978-3-462-04618-2
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch

Green River Killer

Cover Green River KillerEs gibt in populären Medien nun wahrlich Stoff genug über Serienmörder. Seien es nun erfundene oder die Aufbereitung von wahren Fällen und Schilderungen der Psyche der Täter. Wobei es im letzteren Fall schon fast gleichgültig ist, ob sie nun fiktiv sind oder nicht. Aber ist das wirklich so? Erfundene Figuren dienen meist dazu, die Intention und die Meinung des Schöpfers zu verdeutlichen. So kann er seine Hypothesen, warum jemand zum Mörder wird, in eine erfundene Handlung verpacken und sie damit bestätigen. An realen Mördern hingegen kann man sich meist die Zähne ausbeißen, da man seine Thesen und Theorien an Fakten beweisen muss. Was nicht immer geschieht oder manchmal an den harten Tatsachen scheitert.

Green River Killer ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Jeff Jensen möchte den Mörder verstehen. Er, und im Verlauf der Geschichte auch immer mehr der Leser, möchte wissen, was der Täter fühlt, was ihn zu seinen Taten trieb, ob er Reue empfindet, schlicht: was das Böse im Menschen erwachen lässt. Dabei ist Jensen emotional durchaus involviert. Denn die Graphic Novel basiert auf wahren Geschehnissen und der damals ermittelnde Polizist ist niemand geringeres als der Vater des Autors. Tom Jensen arbeitet im Einbruchs- und Diebstahlsdezernat und bekommt das erste Mal 1980 mit Morddelikten zu tun. Als 1983 erkannt wird, dass in Seattle offenbar ein Serienmörder am Werk ist, meldet er sich aus Karrieregründen zu der ermittelnden Einheit und bleibt 19 Jahre lang auf der Spur des Mörders, bis man ihn endlich fassen kann.

Seite aus Green River KillerDa der Mörder schon zu Beginn fest steht, schließlich ist er historisch verbürgt, ist Green River Killer weniger ein Krimi, in dem es um die Aufklärung eines Verbrechens geht, sondern ein Thriller, der sich auf die Psychologie konzentriert. Und zwar nicht nur auf die des Mörders, sondern viel mehr noch auf die der Polizisten und darauf, wie sich deren Arbeitsleben und auch ihre Familien im Schatten des Täters geändert haben. Da die persönliche Komponente dazu kommt, wird die Frage nach dem „Warum“ umso beklemmender. Denn eine Antwort gibt es nicht und selbst der Täter scheint sie nicht zu kennen.

Was macht jemanden also zum Monster? Liegt es in der Natur des Menschen und nur die Zivilisation hindert ihn daran, Ungeheuerliches zu begehen? Das wäre eine sehr pessimistische Sichtweise und hier hält sich die Graphic Novel angenehm zurück. Stattdessen lässt sie Fragen offen und stellt keine Behauptungen auf, sondern lässt den Leser mitdenken. Jensen verzichtet auch gänzlich auf Effekthascherei. Es gibt keine Action, keine Verfolgungsjagden, keine Schusswechsel, keine grässlichen Autopsieszenen und auch die Morde selbst werden nicht gezeigt. Hier wird viel Sympathie und Rücksichtnahme gegenüber den Opfern aufgebracht. Jensen geht rein den Ermittlungswegen und ihren psychologischen Auswirkungen nach. Dabei entsteht eine Gratwanderung zwischen nüchtern erzählten Fakten und Emotionen, wobei die Zeichnungen von Jonathan Case dafür sorgen, dass diese gelingt.

Seine Bilder halten sich sehr zurück und schaffen einen sehr distanzierten Blick. Das Artwork transportiert eine Kühle, welche das Grauen verdeutlicht, aber auf sichtbare Grausamkeiten verzichtet. Cases Zeichnungen sind sehr unaufdringlich und distanziert, um dann in einzelnen Szenen auf dezente Art und Weise eine ungeheure emotionale Wucht zu entwickeln. Etwa wenn dem verhörenden Polizisten angesichts der Stumpfheit des Täters und seiner eigenen Unfähigkeit, diese Taten zu begründen, eine Träne in den Augenwinkel gerät. 

Generell befinden sich Jensen und Case hier auf einer einzigen Gratwanderung zwischen den einzelnen Elementen, die sie bravourös meistern. Green River Killer zählt somit zu den besten Comics, die je über einen Serienmörder geschaffen wurden.

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Ein Bravourstück, das es trotz aller Nüchternheit und Distanziertheit schafft, auch emotionale Wucht ganz ohne Effekte zu erzeugen.

 

Green River Killer. Die wahre Geschichte eines Serienmörders
Carlsen Verlag, Februar 2014
Text: Jeff Jensen
Zeichnungen: Jonathan Case
Übersetzung: Jan-Frederik Bandel
240 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 18,90 Euro
ISBN: 978-3-551-73644-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag

Cromwell Stone Gesamtausgabe

Cover Cromwell StoneObwohl Comickünstler Andreas (i.e. Andreas Martens) im frankobelgischen Raum seit jeher viel Beachtung und Anerkennung findet, werden seine Hauptwerke wie Capricorne oder Rork hierzulande bis dato stiefmütterlich behandelt. Bei Scheiber & Leser hat man sich jetzt immerhin angeschickt, die dreiteilige Albenreihe Cromwell Stone dem deutschen Markt zugänglich zu machen. Das Langzeitprojekt des gebürtigen Deutschen liegt damit nicht nur zum ersten Mal als Gesamtausgabe, sondern auch erstmals überhaupt komplett in dessen Heimatland vor.

Dass sich die deutschen Verlage bezüglich der Publikation von Andreas‘ Comics zurückhaltend zeigten, liegt wohl vor allem an den zuweilen sperrigen Inhalten und dem speziellen Artwork. Andreas‘ schwarz-weiße Bilder sind in ganz feinen Linien gezogen. Der Detailreichtum sorgt manchmal für etwas Unübersichtlichkeit, aber das verstärkt nur noch die ohnehin beklemmende Atmosphäre. Diese sehr eigene Stilistik, die in ihrem Ausdruck und ihrer Akribie fast schon an alte Holzschnitte erinnert, kommt auch in Cromwell Stone zum Tragen. Die Serie erzählt von einer Art kosmischen Verschwörung, in die die Titelfigur, Cromwell Stone, unfreiwillig hineingezogen wird. Er und ein Dutzend weiterer Passagiere überlebten den Schiffbruch der Leviticus. Doch nach und nach werden die Überlebenden dezimiert und verschwinden auf unerklärliche Weise. Im Zentrum könnte dabei ein Schlüssel stehen, ein mysteriöser Gegenstand, der an Bord der Leviticus transportiert wurde.

Seite aus Cromwell StoneDie dreiteilige Handlung ist mit all ihrer Mystik, Spiritualismus und Metaphorik extrem verworren. Den Faden beim Lesen nicht zu verlieren, dürfte den meisten wohl schwer fallen. Andreas verfängt sich meines Erachtens etwas zu sehr in Komplexität und verhindert so den Zugang zur gesamten Bandbreite seines erzählerischen Könnens. Die Tuschezeichnungen tun dabei ihr Übriges und sorgen nicht gerade für Übersichtlichkeit. Das macht die Interpretation schwierig, aber untermauert eben auch die eigenwillige Sperrigkeit des künstlerischen Stils, mit dem Andreas hierzulande als kaum massentauglich gelten dürfte.

Grafisch ist Cromwell Stone in jedem Fall ein Meisterwerk. Die Bilder üben eine starke Faszination auf den Betrachter aus. Andreas spielt gekonnt mit der Seitenarchitektur und zerlegt seine Panels, wenn es nötig ist, ins kleinste Detail. Auch wenn man die Mysterygeschichte nicht vollständig versteht, verbleibt Cromwell Stone als ein Comicwerk, über das sich mehr als nur kurz nachzudenken lohnt und das in jedem Fall mit eindrucksvoller Grafik überzeugt. Bleibt zu hoffen, dass wir in naher Zukunft noch mehr von Andreas‘ Klassikern zu sehen bekommen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Endlich ist ein Klassiker von Andreas komplett verfügbar, diese Gesamtausgabe ist wirklich empfehlenswert

 

Cromwell Stone Gesamtausgabe
Schreiber & Leser, Februar 2014 
Text/Zeichnungen: Andreas
Übersetzung: Gerd Benz, Bernd Leibowitz
144 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-943808-31-5
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser

Links der Woche 19/14: Don’t call it a comeback

Unsere Links der Woche, Ausgabe 19/2014:

 

Ever Wished That Calvin and Hobbes Creator Bill Watterson Would Return to the Comics Page? Well, He Just Did.
Pearls Before Swine, Stephane Pastis
Vor einer Woche twitterte Stephan Pastis, Zeichner des täglich erscheinenden Zeitungscomicstrips Peals Before Swine: “Diese Woche enthält der Strip eine umwerfende Überraschung. Versprochen.” Auch, wenn manche Beobachter schnell die Lösung witterten, ist die Überraschung sicher gelungen: Denn Pastis schaffte es, Bill Watterson für drei Ausgaben seines Strips als Gastzeichner zu gewinnen. Der ist dank Calvin & Hobbes nicht nur einer der prominentesten Comiczeichner, sondern glänzt eigentlich seit vielen Jahren vor allem mit Abwesenheit. Seit dem Ende seines Strips im Jahr 1995 macht sich der Künstler extrem rar, es gibt weder Auftritte noch Interviews, geschweige denn neue Comics von ihm. Umso größer ist der Coup, den Pastis hier gelandet hat. Auf seinem Blog erzählt er, wie es zu der Aktion kam.

Interview mit Bodo Birk
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Noch ein Interview mit dem Leiter des Comic-Salons Erlangen, diesmal in Audioform (MP3, 39 Minuten). In neun Tagen geht’s los!

Comics von Welt in der Welt der Comics
Der Tagesspiegel, Oliver Ristau
Oliver Ristau hat sich einmal durch das reichhaltige Programm des Comic-Salons gepflügt und stellt viele Highlights in seinem Artikel vor. Ein guter Überblick, der sich viel schöner liest als die allgegenwärtigen bloßen Auflistungen von Programmpunkten.

Comic Salon Indie Szene
myComics
Auch die Comic-Community myComics bereitet sich auf den Salon vor und hat eine Sammelseite gebaut, auf der sich Neuerscheinungen aus der Independent-Szene, die zum Salon herauskommen, vorstellen können (Spoiler: Wir sind auch dabei).

„Donald Duck ist eine Person aus dem echten Leben“
Wirtschaftswoche, Thorsten Firlus-Emmrich
Zum achzigsten Geburtstag von Donald Duck bringt die Wirtschaftswoche ein ausführliches Interview mit Rainer Bechtel, der derzeitigen PräsidEnte der Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.), in dem es natürlich vornehmlich um Wirtschaftsthemen und deren Ausprägung in Entenhausen geht.

Randall Munroe: Comics that ask „what if?“
YouTube, TED
Ein knapp 10-minütiger TED Talk mit Randall Munroe, Schöpfer des Webcomics xkcd, in dem er über sein Nebenprojekt what if? spricht, wo er versucht, hypothetische Fragen seiner Leser möglichst wissenschaftlich korrekt zu beantworten. Eine Buchversion von what if? erscheint im Herbst auch auf Deutsch.

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How Liberalism Became Kryptonite for Superman
The Wall Street Journal, Chuck Dixon und Paul Rivoche
Chuck Dixon, professioneller Comicautor seit gut 30 Jahren, schreibt zusammen mit dem Zeichner Paul Rivoche, mit dem er gerade ein gemeinsames Buch fertiggestellt hat, einen Gastbeitrag fürs Wall Street Journal, in dem sie sich darüber beklagen, dass (Superhelden-) Comics heutzutage von “politischer Korrektheit, unklarer Moral und linker Ideologie” bestimmt werden. Die Provokation ist gelungen, sehr schnell entstanden zahlreiche Gegenreden (von denen die meisten wohl lesenswerter sein dürften als das Stück von Dixon und Rivoche), zum Beispiel diese von Janelle Asselin bei Comics Alliance.