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Ein Shop für Webcomics: Interview mit Kwimbi-Gründer Jörg Faßbender

Seit einem halben Jahr gibt es Kwimbi, einen Webcomic-Shop im Internet, betrieben vom Kölner Jörg Faßbender. Die Website versteht sich als „Kombination aus Webshop, Vertrieb und Communityportal für Webcomiczeichner und -fans“, der Schwerpunkt liegt auf dem Verkauf von Büchern und Merchandise-Artikeln zu deutschsprachigen Webcomics. Benjamin Vogt hat sich mit dem Kwimbi-Gründer per eMail unterhalten.

 

Comicgate: Jörg, du hast vor kurzem Kwimbi, einen Onlineshop für Webcomic-Merchandise, ins Leben gerufen. Vielleicht kannst du zum Start erstmal kurz erzählen, was dich mit Comics im Allgemeinen und mit Webcomics im Speziellen verbindet und wie du auf die Idee zu Kwimbi kamst.

Jörg Faßbender: Das ist relativ einfach: Erstens war ich immer schon Comic-Fan, als Kind von Zack über Primo, Asterix, Tim und Struppi bis Ehapa und Williams und später Schwermetall war alles dabei. Dann gab es mal eine Pause von vielleicht fünf Jahren, aber mit so circa 30 hab ich wieder intensiv angefangen, Comics zu lesen. Ich hab dann sogar einige Jahre in Köln im „Pin-Up Comics“ gearbeitet und mich dort um die Ami-Comic-Abteilung gekümmert und Abos betreut.

Zudem mache ich von Beginn an, also seit Mai 2009, die Übersetzung von Sarah Burrinis Das Leben ist kein Ponyhof ins Englische und hab großen Spaß daran. Vor circa zwei Jahren hab ich dann nebenbei angefangen, mit Sarahs Einverständnis so’n bisschen Merchandise nebenher zu verkaufen. Außer dem Buch, das ja bei Zwerchfell erschienen ist, aber nur Kleinkram, so wie hier mal nen Druck, da mal nen Button. Dann haben wir ein Special gemacht, mit Buch, A5-Zeichnung, Druck und Kühlschrankmagnet zum Buchrelease. Das ist fantastisch angekommen. Daraus ist dann im letzten Jahr die Idee entstanden, weil ich das wirklich gern mache und auch an der Produktion interessiert bin und am Kontakte knüpfen und an der Vernetzung Spaß hab, das doch für mehrere Zeichner anzubieten. Das hab ich zuerst auf der Plattform DaWanda gemacht, in sehr kleinem Rahmen. Da hab ich dann den David Malambré von Demolitionsquad, im übrigen einer der mit am längsten existierenden Webcomics in Deutschland, und den Mario Bühling von Katzenfuttergeleespritzer hinzugenommen, damit ihre Hefte ein bisschen mehr Verbreitung finden. Wir waren ohnehin schon befreundet und die beiden fanden das klasse, weil sie sich nicht mehr um den Versand kümmern müssen, und so ist letztendlich der Traum von einer eigenen Plattform/Shop nach einem Dreivierteljahr Planung und vielen, vielen Gesprächen Wirklichkeit geworden.

 

CG: Auf deiner Website kann man nachlesen, dass sich Kwimbi nicht als reiner Shop bzw. Vertrieb für die Produkte der vertretenen Künstler versteht, sondern als Schnittstelle zwischen Künstler, Verlag und Fan. Welcher Gedanke steht hinter diesem Konzept?

JF: Da stehen verschiedene Gedanken dahinter: Es gibt a) auch Verlage, die nichts mit Merchandise-Produktion zu tun haben wollen, sehr wohl aber vielleicht Merchandise verkaufen möchten, da streben wir Kooperationen an. Oder b) der Künstler hat schon mal über Merchandise nachgedacht oder c) die Fans fragen nach Merchandise, zum Beispiel auf Facebook oder Twitter oder eben auf dem Blog des Künstlers direkt. Oder es gibt den Comic nicht in gedruckter Form, die Fans fragen aber danach, aber es gibt (bisher) keinen Verlag, der interessiert ist. Da kann ich mit Kwimbi anbieten, das zu produzieren, was dem Künstler sonst nicht möglich wäre. In Erlangen ist beispielsweise der Malte Knaack auf mich zugekommen, dessen erstes limitiertes Heft „Schwätzchen, Schätzchen“ jetzt mit bei Kwimbi angeboten wird. Der hat sich gleich bei uns an den Stand gesetzt, ein paar Hefte signiert, die er mir dann mitgegeben hat. Ich mag diese Unmittelbarkeit.

 

Screenshot der Kwimbi-KünstlerseiteCG: Bisher sind neun Künstler bei Kwimbi vertreten, darunter auch Sarah Burrini und Lapinot, die regelmäßigen Besuchern von Comicgate bekannt sein dürften. Wie verläuft die Auswahl der Künstler und welche Vorteile erhoffen sich diese durch die Kooperation mit Kwimbi?

JF: Es sind neun Zeichner, die eine eigene Künstlerseite haben, die es übrigens unentgeltlich gibt bei Kwimbi. Tobi Dahmen der Fahrradmod.de macht, ist jetzt neu mit dabei. Die Künstler verpflichten sich lediglich, auch für die Plattform Werbung zu machen, in einem vertretbaren Rahmen. Die Künstler haben sehr verschiedene Motivationen. Wie oben erwähnt, war es am Anfang die Freundschaft zu verschiedenen Zeichnern, die das für eine gute Idee hielten. Die Zeichner, an die ich dann herangetreten bin, haben ja nicht alle den gleichen Background, die gleichen Lebensumstände. Es gibt welche, die ihren Comic nebenher in ihrer Freizeit machen, dabei in unglaublich guter Qualität, so wie der Mario. Der hat eine feste Anstellung und ist nicht auf den Verkauf angewiesen, möchte aber vielleicht trotzdem ein bisschen was daran verdienen, oder einfach den Comic bekannter machen. Dann ist da Sarah, die selbständige Illustratorin ist, die mir Nutzungsrechte zum Beispiel an einem Motiv einräumt, mit dem ich dann eine Tasse produzieren darf. Von dem Tassenverkauf erhält sie wiederum von Kwimbi 25% des Erlöses. Jemand anderes hat vielleicht schon Hefte, hat aber einfach keine Lust, sich um Versand zu kümmern. Die Zeichner sind durchaus an dem Synergie-Effekt interessiert, den man nicht unterschätzen darf. Eine Zeichnerin wie Sarah, deren Ponyhof auf Facebook momentan über 1700 Fans hat, oder Beetlebum mit knapp 1500 Facebook-Followern machen schon eine Menge aus. Die Leute interessieren sich dann oft nicht nur für den einen Zeichner, sondern kaufen durchaus Merchandise von zum Beispiel Sarah, Mario Bühling und Tobi Dahmen von Fahrradmod zusammen, so unterschiedlich die Zeichner auch sind.

Dann kommt auch noch hinzu, dass die Leute, die in der Künstlersozialkasse sind, ja auch gar nicht selber Merch produzieren und verkaufen dürfen, weil sie Gefahr laufen, dass sie aus der KSK fliegen, weil sie dann nicht mehr rein künstlerisch tätig sind. Da passt es natürlich, dass ich mit Kwimbi als Produzent auftreten kann. 

 

Plüschfigur ButterblumeCG: Von Printcomics über Tassen oder T-Shirts bis hin zu Originalzeichnungen reicht die Produktpalette im Kwimbi-Shop. Wer entscheidet, welcher Artikel mit aufgenommen wird? Kwimbi, die Künstler oder die Nachfrage der Fans?

JF: Bisher war das nie so’n großes Thema. Die Künstler und ich haben besprochen, was kann man denn mal ausprobieren, was hättest du gern für Merchandise, und es spielt auch eine Rolle, was man relativ unproblematisch in kleiner Auflage machen kann. Denn natürlich kann ich nicht hingehen und für einen Comic, der vielleicht 500 regelmäßige Leser hat, 100 Tassen produzieren. Und was hier hinzu kommt: Die Leser finden das auch gut, dass es nur relativ kleine Auflagen von den Dingen gibt, und sie merken, dass ich im regelmäßigen Kontakt mit den Zeichnern stehe. Das, sagen wir, Gewagteste, was ich gemacht hab, war die Butterblume-Plüschfigur für den Ponyhof in einer 50er Auflage. Da hatte ich vorher zwar ein gutes Gefühl, aber keine Ahnung, ob, zu welchem Preis und ich welchem Zeitraum man die 50 Stück verkaufen kann. Da hab ich dann in Zusammenarbeit mit Sarah zusätzlichen Content wie einen exklusiven Comic angeboten, den es nur mit der ersten Auflage der Figur gibt.

Ansonsten hören die Zeichner natürlich auch auf Vorschläge ihrer Leser, was das Merchandise angeht. Allgemein bin ich froh, so unterschiedliche Zeichner dabei zu haben, die natürlich auch unterschiedliche Ideen und Ansprüche haben, was ihr Merchandise angeht. Das macht Spaß zu sehen, was dabei rauskommt. Zudem kann ich die Kwimbi-Fans, die wir bisher haben oder die das hier lesen, nur auffordern, auch Vorschläge zu machen, was sie gern mal sehen würden an Merchandise. Aber ich habe auch vor, Umfragen zu starten und die Leute direkt zum Beispiel auf Facebook oder Twitter anzusprechen. Die Fans finden immer klasse, wenn sie beteiligt werden.

 

CG: Na zumindest scheint sich die Produktion des Plüsch-Ponys Butterblume gelohnt zu haben, denn die Auflage wurde bereits komplett verkauft. Haben sich bislang noch weitere Bestseller in der Kwimbi-Produktpalette herauskristallisiert?

JF: Die erste Butterblume-Auflage war tatsächlich innerhalb von drei Wochen ausverkauft. Weitere Bestseller sind Beetlebums kopierte und handgetackerte Hefte, aber auch Mario Bühlings zweites, zu Erlangen erschienenes Heft sowie die Magazine, die zum Comic-Clash eingereicht wurden. Davon hatte ich mir in Erlangen einige von Webcomic-Zeichnern signieren lassen, und das bekommen die Leute dann auch nirgendwo anders. Immerhin sind zum Beispiel bei Awzum, Oh, Jazam! und Neufundland Künstler wie Beetlebum, Flausen, Lapinot, Asja Wiegand, Maike Plenzke, David Füleki, Schlogger, und Metrissimo dabei, das zieht natürlich eine Menge Leser. 

 

CG: Zuletzt noch ein kleiner Blick in die Zukunft. Auf deiner Website bezeichnest du dein Projekt auch als „Das digitale Comic-Universum“, zugleich versehen mit der Anmerkung „in der Urknallphase 1.0“. Da drängt sich für mich die Frage auf, welche Pläne es für die weitere Entwicklung von Kwimbi gibt. Und vor allen Dingen: Wie würde Phase 2.0 aussehen?

JF: Die Urknallphase war eine Idee meines Designers und ich fand es deswegen so treffend, weil sich das „digitale Comic-Universum“ ja auch ausdehnt. Es gibt immer neue Webcomic-Künstler, weil viele die unmittelbare Wirkung und den Austausch mit den Lesern so schätzen, die ein Webcomic möglich macht. Einige Zeichner, die das Konzept gesehen haben, sind sehr begeistert und möchten mit dabei sein. Auf jeden Fall möchte ich noch Künstler dazu nehmen, natürlich auch, weil das Konzept sich finanziell noch nicht allein trägt. Gleichzeitig soll es sich aber auch nicht zu schnell ausdehnen, um mal im Bild zu bleiben, weil ich dann den einzelnen Zeichnern nicht mehr gerecht werden könnte. Aber die Phase 2.0 umfasst auf jeden Fall auch Downloads, die bei Kwimbi ab jetzt möglich sind, das heisst auch PDFs und Ebooks, was weitere Möglichkeiten eröffnet. Außerdem werde ich mit Kwimbi auch gedruckte Comics (mit)finanzieren und geplant ist, irgendwann auch als Verleger aufzutreten. Zusätzlich kann ich mir Kwimbi noch als eine Plattform zum Austausch der Zeichner untereinander vorstellen, da ist meine Planung aber noch nicht ganz so weit.

Mach’s gut, Chunky Rice

Cover Mach's gut, Chunky Rice13 Jahre nach seinem Erscheinen in den USA hat es Craig Thompsons Erstlingswerk Good-bye, Chunky Rice auch endlich nach Deutschland geschafft, Thompson hat hierfür sogar den Titelschriftzug neu gelettert. Dabei ist höchstens die lange Wartezeit auf den Band verblüffend, nicht aber die Tatsache, dass er hierzulande überhaupt veröffentlicht wird. Immerhin ist der amerikanische Künstler spätestens seit seinem umfangreichen Liebescomic Blankets (Carlsen) und allerspätestens seit seinem aufsehenerregenden Mammutwerk Habibi (Reprodukt) ein von hiesigen Feuilletons (zum Großteil zu Recht) hofierter Zeichner.

Thompsons frühe Arbeit besitzt nicht die ganz große thematische Schwere, die seine späteren Comics kennzeichnet. Trotz kindlich-naiver Optik und vermenschlichter Tierfiguren darf man Mach’s gut, Chunky Rice allerdings nicht vorschnell als reine Kindergeschichte abtun. Thompson brachte vielmehr eine aus Metaphern und Allegorien bestehende Fabel zu Papier, die mit schwungreichem Erzählstil Emotionen transportiert.

Diese Emotionen erschließen sich einem aber nicht sofort. Das könnte an der unrealistischen Darstellung liegen oder an der teils verworrenen Charakterisierung der Figuren. Die Geschichte hallt emotional eher nach und lässt den Leser mit einem nachdenklichen Gefühl zurück. Das ist nicht verkehrt, aber in einer ganz anderen Stilistik, als man es von Craig Thompson gewohnt ist.

Die Handlung kreist um den kleinen Schildkröterich namens Chunky Rice, der aus Freiheitsgedanken heraus kurzerhand beschließt, übers große Meer zu den Kahootney-Inseln zu reisen. Dazu heuert er den schrägen Kapitän Chuck mitsamt dessen Kutter an. Zurück bleibt Dandele, eine Maus und ihres Zeichens beste Freundin von Chunky Rice.

Seite aus Mach's gut, Chunky RiceSo entspinnt sich eine, nicht nur wegen des Wellengangs, schaukelnde Story, in deren Zentrum Trennung und Aufbruch stehen. Craig Thompson legt hier nicht das ganz große Epos vor, aber eine illustre und anrührende Episode über die Schwierigkeiten der Freundschaft, die Sehnsucht nach neuen Abenteuern und die Angst vor dem Alleinsein.

Interessant ist, dass Thompson, obwohl es sich bei aller grafischen Fabulierfreude angeboten hätte, auf Farbe verzichtet hat. Vielleicht um das Ganze nicht zu kitschig oder kindlich wirken zu lassen, vielleicht aber auch, um bewusst einen Kontrast zu setzen zwischen der Gefühls- und der Grafikebene. Zumindest sind die Bilder dadurch sehr ausdrucksstark und heben Thompsons verspielte Panelanordnungen hervor.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Schöne Fabel für alle Altersklassen

 

Mach’s gut, Chunky Rice
Reprodukt, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Craig Thompson
Übersetzung: Matthias Wieland
128 Seiten, s/w, Softcover
Preis: 16 Euro
ISBN: 978-3-943143-07-2
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt

Anatomie eines Propagandacomics: Militarismus und Kämpferkult in Arne Jyschs ‚Wave and Smile‘

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Seit die Bundeswehr existiert, folgt sie offiziell dem Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“. Arne Jyschs ISAF-Kriegscomic Wave and Smile, der sich als objektiv recherchiertes Dokudrama ausgibt, betreibt nun knallharte Propaganda für den Soldatentypus eines mit alten Wehrmacht-Tugenden ausgestatteten „archaischen Kämpfers“, der befreit von den unzumutbaren Knebeln einer demokratischen Zivilgesellschaft agieren soll.

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Mythen und Propaganda um die kämpfende Truppe haben eine lange Tradition in Deutschland.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs etwa verbreiteten rechtsgerichtete und reaktionäre Kreise im Land die Parole der „im Felde unbesiegten“ Armee, die den Krieg noch gewonnen hätte, wäre sie nicht von den feigen und korrupten Sozialdemokraten an der Heimatfront verraten und „von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht“ worden. Der Mythos ist landläufig als „Dolchstoßlegende“ bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfand man sich dann die Legende von der „sauberen Wehrmacht„, die zwar ehrenhaft und pflichtbewusst für ihr Vaterland gekämpft, sich aber – im Gegensatz zur SS – nicht an den Verbrechen des Hitler-Regimes beteiligt habe. Und in jüngerer Vergangenheit schließlich gibt es nicht unerhebliche Stimmen, die einen Kämpferkult aus finsteren Zeiten für die Bundeswehr reklamieren und mit Forderungen nach einer nicht mehr von demokratisch-zivilen Bedenken geknebelten Armee vermengen.

Arne Jysch strickt fleißig mit an diesem Unterfangen. In seinem Kriegscomic Wave and Smile, erschienen im Carlsen-Verlag, beschäftigt sich der Berliner Zeichner mit dem seit 2001 andauernden Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr im Rahmen des ISAF-Mandats – und stößt ins gleiche Horn.

Anders als Jysch behauptet, ist Wave and Smile nämlich keineswegs ein objektives Dokudrama, sondern aufgrund der systematischen Bemühungen, den Leser zu manipulieren und diese Absicht gleichzeitig zu verschleiern, eindeutig als Propaganda einzustufen. Jysch ergreift konsequent Partei in einem langjährigen Richtungsstreit und stellt sich auf die Seite von Kräften, die die Kontrollinstanz einer demokratischen Zivilgesellschaft – von innerhalb der Bundeswehr ebenso wie von außerhalb – als unzumutbare Last empfinden.

Es empfiehlt sich daher, Jyschs Methoden und die von ihm kommunizierten Botschaften anhand einiger Schlüsselszenen von Wave and Smile genauer zu beleuchten. (Im Anschluss an die Analyse findet sich außerdem ein kurzer Überblick über die entsprechenden Hintergründe.)

 

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1: Die Blutlachen unserer Jungs

Die Hauptfigur von Wave and Smile ist Hauptmann Chris: etwa Mitte bis Ende vierzig, hemdsärmelig, besonnen, auch mal einfühlsam – ein mediterran ergrauter Mann der Tat mit Dreitagebart, betont sympathisch, den man vielleicht aus einem Werbespot für Antifaltencreme kennt, oder für ein Power-Shampoo, das mit einer patentierten Spezialmischung aus Starkbier, Motoröl und gemahlenen Ochsenklöten nachweislich die Haarwurzeln repariert.

Wir schreiben das Jahr 2009. Eine von Hauptmann Chris befehligte Kolonne in der afghanischen Provinz Kunduz wird zu Beginn des Buchs Opfer eines Anschlags, der Tote und Verletzte fordert. Seine Frau in Deutschland, mit der es wohl gerade nicht besonders gut läuft, macht sich daraufhin Sorgen und will, dass Hauptmann Chris nach Hause kommt. Doch der wiegelt ab. „Die Jungs brauchen mich gerade wirklich“, sagt er. Hauptmann Chris ist charakterlich untadelig, denn er ist Soldat.

Kurz darauf kommt es zur Konfrontation mit seinem Vorgesetzten.

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Jener Oberst – ein namenloser Brillenträger mit weichem Gesicht, hoher Stirn und vermutlich feuchten Händen – hat nämlich Befehl zu überprüfen, ob beim Zurücklassen eines bei dem Hinterhalt zerstörten deutschen Fahrzeugs auch das Maschinengewehr ordnungsgemäß ausgebaut worden ist. Und er will, dass Hauptmann Chris und seine Jungs ihn hinbringen.

Sympathieträger Hauptmann Chris reagiert empört, wird sofort laut und stellt sich vor seine Jungs. „Unter keinen Umständen“, sagt er schließlich. „Und wenn ich Ihnen den Befehl dazu gebe?“, will der Brillenträger wissen. „Dann werde ich ihn verweigern und Sie haben eine Menge Papierkram.“

Hauptmann Chris behält das letzte Wort. Er habe noch einen Termin, sagt er. „Aber lassen sie sich auch die Blutlachen zeigen, die unsere Toten und Verwundeten dort hinterlassen haben.“ Der Brillenträger schaut bedröppelt und schuldbewusst, während Hauptmann Chris ihn einfach sitzenlässt – in seinem empörenden Büro, an seinem empörenden Schreibtisch, mit seinen empörenden Sorgen über die Sicherstellung einer militärischen Waffe. Er hat Hauptmann Chris nichts engegenzusetzen, wirkt etwas verschämt; wirkt impotent.

Die Szene geht nahtlos über in einen Trauerzug für die Getöteten. Dies scheint der Termin zu sein, den Hauptmann Chris einhalten wollte. Der impotente Brillenträger wusste offenbar nicht einmal davon, er ist auch nirgendwo zu sehen. Die Szene – Särge mit Flaggen, Porträts mit schwarzen Schleifen, Spalier stehende Soldaten – verläuft wortlos, erstreckt sich über zwei Seiten und ertrinkt im Pathos. Im Anschluss kümmert sich Hauptmann Chris um Marco, einen seiner Jungs, dem der Anschlag psychisch zu schaffen macht.

Bedröppelte Sprachlosigkeit, wie wir noch feststellen werden, ist eins von Jyschs Lieblingsstilmitteln, wenn es darum geht, seinen Figuren moralische Lektionen zu erteilen – oder sie, wie im vorliegenden Fall, mit einer dicken, schwerfälligen Moralkeule zu erschlagen. Dieser Effekt wird zusätzlich verstärkt durch die graphische Darstellung der Figuren und die Verknüpfung passender Szenen, die die Position der unterlegenen Figur moralisch weiter schwächen. Der Vorgesetzte wird hier praktisch mit drei gezielten Fausthieben (sein empörender Auftrag für Hauptmann Chris, seine Nichtbeachtung des Trauerzugs, sein fehlendes Gehör für die Nöte seiner Untergebenen) in der ersten Runde K.O. gesetzt, was seine weiteren Auftritte in der Geschichte entsprechend vorbereitet.

Botschaft: Unsere Jungs werden von ihnen moralisch unterlegenen, feigen Schwächlingen geführt, die sich mehr um unsinnige Bürokratie scheren als um das Leben und das Wohl unserer tapferen Soldaten.

 

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2: Neutraler als die Schweiz

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Der Dialog zwischen Hauptmann Chris und der burschikosen Kriegsreporterin Anni enststeht während eines Ausflugs in ein afghanisches Dorf. Hauptmann Chris fragt daraufhin, ob es nicht naiv sei, als „eingebettete“ Journalistin neutrale Bilder liefern zu wollen. Anni kontert mit der Frage, ob es nicht naiv sei, „in einem Land das [sic] fünftausend Kilometer weit weg ist, sein Leben für eine Mission ohne Ziel zu riskieren“. Hauptmann Chris und Marco schauen einander bedröppelt an, während die schlagfertige Anni sie stehenlässt.

Bereits der zweite Einsatz dieser Erzähl-Masche.

Aber hier wagt Jysch zusätzlich einen fulminanten Salto: Dadurch, dass er Anni die Problematik der „neutralen Berichterstattung“ thematisieren lässt, etabliert er als Erzähler seinen eigenen Anspruch an die Objektivität der Darstellung. Und gleichzeitig nutzt er die eben etablierte Glaubwürdigkeit seiner sich der Objektivität verpflichtet fühlenden Reporterfigur sofort dazu, den Soldaten im Vorbeigehen selbstvergessenes Pflichtbewusstsein fürs Vaterland zu bescheinigen. Chapeau.

Botschaft: Ich, Arne Jysch, bin mir der Gefahr der einseitigen Darstellung bewusst, und ich berichte objektiv. (Und unsere pflichtbewussten und tapferen Jungs sind pflichtbewusst und tapfer.)

 

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3: „Warum müssen sich Taliban-Frauen unten rasieren?“

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Abends, in der Bar des deutschen Feldlagers, ist Heiterkeit angesagt. Die Kameraden machen gerade schlichte Witze über die Taliban.

Hier glänzt Jysch mit dem Kniff, etwas zu verteidigen, ohne dabei einzugestehen, dass es überhaupt existiert. Wer würde Soldaten denn schon vorwerfen wollen, dreckig über die Taliban zu scherzen?

Oder geht es vielleicht um Äußerungen über Menschen, die einfach nur Muslime sind? Oder geht es vielleicht generell um „politisch nicht korrektes“ Verhalten, das unsere Jungs irgendwann schon mal zu irgendeinem Thema getätigt haben oder tätigen könnten, und wofür man vielleicht meinen könnte, sie in Schutz nehmen zu müssen?

Die Szene ist eine von vielen in Wave and Smile, die darauf abzielen, handelnde Figuren stellvertretend für ihre realen „Kameraden“ für allen möglichen Unfug zu entschuldigen, den Soldaten so treiben können (und schon getrieben haben). Sie hat insbesondere auch als Vorbereitung auf die in Punkt 4 besprochene Szene Bedeutung.

Botschaft: Mal angenommen, unsere Jungs würden mal politisch nicht ganz korrekte Dinge sagen oder tun, dann könnte man ihnen das ja wohl kaum verübeln.

 

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4: Kaffeekränzchen mit Ziegenfickern

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Man sieht schon das Malheur, auf das der Leser vorher so behutsam vorbereitet werden musste: Sie haben Benny getötet! Ihr Ziegenficker!

Und in dieser äußersten Drucksituation unmittelbar nach dem gewaltsamen Tod eines Kameraden durch die Taliban lässt sich einer unserer Jungs tatsächlich zu einer kulturell unsensiblen Äußerung hinreißen. Der Leser wird sicher genauso geschockt sein bei dem abwegigen Gedanken, dass so etwas vorkommen könnte, wie der zerknautscht dreinschauende arabische Dolmetscher rechts unten im Bild.

Dazu kam es, weil Hauptmann Chris und seine Jungs mit dem Hubschrauber abgestürzt sind. Dazu kam es, weil sie vorher von Taliban beschossen wurden. Dazu kam es, weil die Piloten zwar vorher den Wagen mit den schwer bewaffneten Turbanträgern gesehen haben, diese aber aufgrund einer zusätzlichen, bis April 2009 gültigen Einschränkung der Bundeswehr zum ISAF-Mandat, nicht als „feindlich“ einstufen und angreifen durften, ehe sie selber angegriffen wurden. (Zur Erinnerung: Die Handlung spielt 2009, also vermutlich vor Aufhebung der Bundeswehr-Einschränkung, sofern Jysch in diesem Punkt sauber recherchiert hat.) Dazu kam es, weil Anni, die eingebettete Reporterin, den Zeitplan des gefährlichen Einsatzes durcheinander brachte. Dazu kam es, weil sie nicht so unhöflich sein wollte, eine Einladung zum Tee abzuschlagen. Dazu kam es, weil Hauptmann Chris darauf vertraut hat, Anni sei sich des Ernstes der Lage bewusst.

Und jetzt sitzen sie fest in unwegsamem Gelände, und Benny ist tot, ermordet von Ziegenfickern.

Hier also türmt Jysch eine ganze Reihe von Rechtfertigungen auf, um den rassistischen Ausbruch des Soldaten – desselben Soldaten, der unter Punkt 3 bereits über die Taliban vom Leder zog – vergleichsweise als Lappalie aussehen zu lassen: lästige und ahnungslose Zivilisten, die sich Urteile erlauben; ein alles andere als „robustes“ Mandat; kaltblütige Gegner; physische und psychische Extrembelastungen.

Botschaft: Wer will es unter solchen extremen Bedingungen unseren Jungs denn bitteschön übelnehmen, wenn ihnen mal eine Sicherung durchbrennt und sie verbal (oder anderweitig) über die Stränge schlagen. Die haben ganz andere Probleme. Afghanistan ist kein Kaffeekränzchen!

 

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5: „KNACK“

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Im Kommandozentrum wird über den Absturz geredet und beratschlagt, wie Hauptmann Chris und seine Jungs gerettet werden können. Der impotente Brillenträger muss entscheiden, was zu tun ist, und er steht impotent rum. Das Beste, was er dann zu bieten hat, ist ein Rettungsversuch auf dem Landweg, der Hauptmann Chris und seine Jungs in fünf Stunden erreichen soll – „wenn sie gut durchkommen“.

Die Untergebenen schauen den impotenten Brillenträger missmutig an. Der impotente Brillenträger zuckt mit dem Kopf und schaut drein wie ein impotenter Brillenträger mit hoher Stirn, denn: Er ist impotent.

(Erst Stunden später wird der impotente Brillenträger sich dazu durchringen, sich seine Impotenz einzugestehen und die Amerikaner um Hilfe zu bitten.)

Schnitt zurück zu Hauptmann Chris und seinen Jungs: Hauptmann Chris bricht mit blutverschmierten Händen die Identifikationsmarke des toten Soldaten durch und steckt sich eine Hälfte davon in die Tasche.

Der bereits zu Beginn der Geschichte (siehe Punkt 1) komplett demontierte Stellvertreter der Führungsebene der Bundeswehr wird hier von Jysch weiter auseinandergenommen – und zwar erneut durch eine Juxtaposition zweier Szenen, die als himmelschreiender Vorwurf zu verstehen ist. Die Inkompetenz, Unentschlossenheit und Impotenz des Brillenträgers, der mit Bürokratie, Vorschriften und der unzureichenden Vorbereitung hadert, trifft direkt auf die brutale Realität der Soldaten, die wieder in Form einer wortlosen Totenwache mit starken Symbolbildern (Blut an den Händen, die aus Filmen allseits bekannte „Hundemarke“, betroffene Gesichter) dargestellt wird.

All das ist eine Art Reprise der in Punkt 1 besprochenen Szene, deren Botschaft nun in Erinnerung gerufen und verstärkt wird, denn Jysch wird direkt im Anschluss dazu übergehen, den eigentlichen Grund für dieses Führungsproblem zu identifizieren – siehe Punkt 6.

Botschaft: Während die militärische Führung zivilen Zwängen nachgibt und unentschlossen mit starren und unsinnigen bürokratischen Vorschriften hadert, befinden sich unsere Jungs nicht nur ständig in akuter Lebensgefahr, sondern müssen seitens der deutschen Zivilgesellschaft auch noch alle möglichen Zumutungen ertragen.

 

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6: „Der Fisch stinkt vom Kopf“

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Wir befinden uns weiterhin an der Absturzstelle.

Rocker, der hier redet, ist derselbe von unseren Jungs, der sich zuvor über die Intimbehaarung von „Taliban-Frauen“ (Punkt 3) und die sexuellen Vorlieben muslimischer Männer (Punkt 4) geäußert hat.

Rocker ist also sozusagen der Mann fürs Grobe in Jyschs Ensemble, und so fällt es auch ihm zu, „Tacheles“ (= die üblichen Stammtischparolen) über die Einstellung der deutschen Regierung und der deutschen Öffentlichkeit zum Afghanistan-Einsatz und die damit verbundenen Folgen für die Soldaten zu reden.

Rocker beginnt seine Ausführungen damit, dass die Bundesregierung sich mit Aufklärungsflügen von der „Terroristenjagd“ freigekauft habe. „Bloss nicht die Hände schmutzig machen“, sagt Rocker. „Das ist zum Kotzen. Entweder richtig rein, die Schweine ausschalten … oder gar nicht. Was wir hier machen ist [sic] doch Kinderkacke.“ Es folgt der in der Abbildung sichtbare Abschnitt, aber Rockers Monolog ist damit noch nicht zu Ende.

Die Regierung müsse sich endlich klar äußern, „was das hier ist“, sagt er. „Weil sonst … wenn dann wieder welche von uns oder Zivilisten abkratzen, und das werden noch ’ne Menge sein, ist das Gejammer zu Hause wieder groß. Dann schreien alle: Abzug! Abzug! Dabei haben sie die Typen gewählt, die uns hier runterschicken. Der Fisch stinkt vom Kopf her, sag‘ ich nur.“

Der gerechte Zorn einfacher Gemüter, das merkt man spätestens hier, ist genau Arne Jyschs Ding. Denn wieder endet die nassforsche Anklage eines sich ungerecht behandelt fühlenden Soldaten damit, dass es von den Belehrten keine Widerrede gibt. Hauptmann Chris ermahnt ihn halbherzig, „mal’n bisschen leiser da drüben“ zu sein, während Anni und Marco nur bedröppelt dreinschauen und schweigen.

Wie zuvor Hauptmann Chris (beim impotenten Brillenträger, siehe Punkt 1) und Anni (bei Hauptmann Chris und Marco, siehe Punkt 2), wird Rocker als moralischer Sieger der Szene dargestellt, was dem Leser durch schuldbewusstes Schweigen der anderen signalisiert wird. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass der Redner sogenannte „politisch inkorrekte“ beziehungsweise „unangenehme Wahrheiten“ oder „Tabubrüche“ aussprechen darf, die in erster Linie dadurch gekennzeichnet sind, dass man sie je nach aktueller Nachrichtenlage an jedem neoliberal bis rechtsextrem besetzten Stammtisch des Landes vernehmen kann.

Dies ist auch die erste von drei Stellen im Buch, an denen Jysch unterschwellig gegen die „Linken“ pöbelt, womit er alles meint, was sich im politischen Spektrum links von der CDU einsortiert: „Dann schreien alle: Abzug! Abzug! Dabei haben sie die Typen gewählt, die uns hier runterschicken.“ (Kursivschrift von mir.) Die Leute, die „Abzug!“ schreien, sind dieselben Leute, die „die Typen“ gewählt haben, die für die deutsche Beteiligung am Einsatz verantwortlich sind, also SPD und die Grünen. Siehe auch Punkte 12 und 13 für weitere, noch weniger subtile Hetze gegen „Links“.

Nicht zu vergessen ist auch die Bagatellisierung ziviler Verluste. War da nicht was? Huch, ja, da war was. (Siehe auch den Punkt „Hintergrund“ weiter unten.)

Die Aussage „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ schließlich ist eine Breitseite gegen demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien und die Zivilgesellschaft generell, insofern als diese das Militär davon abhalten, so zu handeln, wie gewisse Kreise, die Jysch hier offenbar gerne bedient, es sich innig wünschen würden.

Für seine Tirade muss Rocker später übrigens den Heldentod sterben. Um auch die letzten Zweifel zu zerstreuen, dass er im Herzen ja ein guter Kerl ist, der sich ohne mit der Wimper zu zucken für seine Kameraden opfert, fordert er Marco auf, ihn zurückzulassen, als er verwundet wird. Wenig später wirft Rocker sich selbstlos den Taliban entgegen und wird von einer Granate erwischt.

Wer so heroisch handelt, der kann ja nichts Schlechtes wollen.

Botschaft: Die „Linken“ und die von ihnen gewählten Regierungskoalitionen unter Beteiligung der SPD von 1998 bis 2009 sind schuld an dem Elend, das unsere Jungs jetzt (also 2009, nach Stand der Geschichte) ausbaden müssen, denn einerseits schicken sie sie in den Krieg, andererseits wollen sie sich nicht die Hände schmutzig machen. Man sollte sich mal fragen, ob das mit dieser Demokratie so gut funktioniert.

 

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7: Kameraden wie wir

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Marco erklärt Anni, was Kameradschaft bedeutet.

„Jemand der [sic] das nicht erlebt hat, hat keine Vorstellung davon.“

Wer nicht dazugehört, der kann also gar nicht mitreden, was im Krieg gut oder schlecht sein soll. Dabei ist es – wie bei Mythen so üblich – sehr praktisch, dass sich „Kameradschaft“ nicht erklären lässt: Wir haben keine Vorstellung davon, was Kameradschaft bedeutet, weil wir keine Vorstellung davon haben, was Kameradschaft bedeutet.

Die Szene folgt direkt auf Rockers Tirade gegen die scheiß Demokratie und soll so wohl jeden Ansatz, Rockers Rede kritisch zu bewerten, schon im Keim ersticken: Wer nicht dazugehört, der kann da eh nicht mitreden.

Botschaft: Wer selbst kein Soldat ist, kann sich über Soldaten auch kein Urteil erlauben. Die ahnungslose Zivilgesellschaft soll sich aus dem Krieg raushalten.

 

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8: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen

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Es ist eine Bürde: Wo Hauptmann Chris auch hinkommt, überall muss er frustriert feststellen, dass er den Menschen dort – wieder mal – moralisch haushoch überlegen ist. Er ist, sozusagen, ein waschechter Kolonialkrieger nach Winkel’scher Prägung.

In diesem speziellen Fall seiner moralischen Überlegenheit geht es um einen verbündeten Warlord, der unsere Jungs in sein Dorf mitnimmt und beschützen will. (Wir erinnern uns: Die Führung unserer Jungs ist zu inkompetent, sie zu beschützen.) Und es stellt sich raus: Der ist ein von der CIA geschmierter Massenmörder.

Später entpuppt sich auch der Dolmetscher als Spitzel der CIA, und ein afghanischer Kontaktmann, den Hauptmann Chris anheuert, stellt sich als Heuchler heraus, der gegen seine Religion verstößt, um die Freuden des Westens genießen zu können. Und an der Heimatfront und bei den Amerikanern (wo die Darstellung der einzigen schwarzen Figur in Wave and Smile mit Sprechpart einem ebenfalls Unbehagen bereiten kann) ergeht es unserem Helden auch nicht besser.

Allein die Taliban scheinen halbwegs konsequent zu sein. Doch dazu mehr unter Punkt 13.

Die Tatsache, dass die dargestellten deutschen Soldaten jederzeit und überall in Wave and Smile die moralische Lufthoheit genießen, ist zunächst einmal ein Selbstzweck, weil die Figuren so natürlich Jyschs Botschaften besser verkaufen können. Sie soll aber auch verdeutlichen, dass sich die Soldaten in Afghanistan inmitten eines internationalen Chaos aus Feigheit, Ehrlosigkeit und Korruption befinden, dem sie nicht gewachsen sind, solange sie sich ihrerseits für jede moralische Verfehlung geradestehen müssen.

Hauptmann Chris bringt diese Auffassung auf Seite 82 auf den Punkt, als er großzügig über Annis Verstoß gegen den Zeitplan hinwegsieht: „Manchmal muss man eben gegen die Regeln verstoßen, um zu bekommen was [sic] man will.“

Jyschs Kniff ist wieder der gleiche wie unter Punkt 3: Er besteht einerseits darauf, dass deutsche Soldaten grundsätzlich moralisch tadellose Burschen seien, setzt sich andererseits aber gleichzeitig dafür ein, dass man doch bitteschön nicht kleinlich sein soll, wenn sie doch mal „gegen die Regeln verstoßen“.

Botschaft: Unsere guten, anständigen Jungs stecken in einem Sumpf voller ehrloser, korrupter, moralisch verkommener Gestalten. Seid nicht so kleinlich, wenn sie sich doch mal kleine Freiheiten nehmen. Bei den anderen ist schließlich alles noch viel schlimmer.

 

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9: Sind sie vielleicht John Wayne? Oder bin ich das?

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„Für die Deutschen ist es am wichtigsten, lebend nach Hause zurückzukommen.“ Unsere Jungs müssen sich erzählen lassen, dass selbst die verbündeten Afghanen das Vertrauen in den Schutz der ISAF verloren haben und – viel schlimmer noch – Briten und Amerikaner schon über die Deutschen lachen, weil die angeblich nur Angst davor haben sollen, zu töten oder getötet zu werden.

Das Niveau des Gedankenguts, das in Wave and Smile abgesondert wird, sinkt nun zusehends. Jysch ist sich nicht einmal zu schade, uralte nationalistische Komplexe aus der Mottenkiste hervorzukramen, um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Mit der speziellen Mischung aus Größenwahn, nationalen Minderwertigkeitsgefühlen und der kollektiven Angst, zu kurz zu kommen, die er hier bemüht, sind wir nach Jyschs Ansicht offenbar in den letzten hundert Jahren so gut gefahren, dass wir 2012 unbedingt wieder mehr davon brauchen.

Die geschockten Gesichter von Hauptmann Chris und Marco sagen eigentlich alles: Das ist schlimmer als Versailles. Die alte deutsche Großmannsseele blutet.

Hoffentlich hat wenigstens der Franzos noch Reschpeckt.

Botschaft: Wegen unserer feigen Afghanistan-Politik werden der Mut und das Pflichtbewusstsein unserer Jungs angezweifelt. Die Welt lacht über Deutschland.

 

***

10: Shoot to Thrill

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Dabei haben unsere Jungs ganz schön was drauf.

Als die Taliban das Dorf angreifen, zögern Hauptmann Chris und seine Jungs keine Sekunde. Nun sind sie in ihrem Element, können nach Herzenslust von der Schusswaffe Gebrauch machen und sind nicht mehr an feige, unzumutbare Befehlsketten gebunden. Ergo: „TATA TATA TATA“, „TAK TAK TAK“, „BROMM“, „PZSCH“, „KRWWMM“, „PTOF“, „BRATT“, „CROSH“, etc. pp. usw. usf. lol tl;dr

Unsere Jungs gehen ab wie der rasende Furz im Klammersack, politisch nicht korrekte Kameraden opfern sich selbstlos, Düsenjäger sprengen Turbanträger – und unsere Jungs machen aus dem Stand ihr Diplom in Geiselbefreiung und retten Anni, die zu rettende zivile zu Rettende. Dann, endlich: in den Himmel gereckte Waffen, Jubel, wahrscheinlich Wildschwein für alle.

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„I never saw ISAF soldiers fighting as bravely as you did“, sagt der afghanische Verbündete, der eben (siehe Punkt 9) noch am Kampfeswillen der deutschen Truppen gezweifelt hat. Nun, da unsere Jungs ihm ohne die feigen Fesseln ihrer beschämenden Heimatdemokratie endlich mal zeigen konnten, wo der Hammer hängt, gibt es anerkennende Worte und einen festen Händedruck unter Männern.

Man kann den brünstig machenden Schweiß auf Sieg getrimmter Kampfeber aus Muskeln und Samensträngen förmlich riechen.

Endlich haben sich die fünfundzwanzig Euro für das Buch gelohnt.

Botschaft: Unsere Jungs sind flink wie ein Wiesel, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, und wasserdicht. Lasst sie endlich von der Kette.

 

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11: Verrat an der Heimatfront I

Nach dem erneuten Blutvergießen freut sich Hauptmann Chris darauf, endlich seine Frau und seine kleine Tochter wiederzusehen. Doch es kommt alles ganz anders.

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Waren sich Hauptmann Chris und Kathrin nicht einig, dass die Trennung erst nur auf Probe sein sollte? Wollte sie nicht eben noch, dass er direkt heim kommt, nach dem ersten Anschlag? Wieso ist er auf einmal „viel früher wieder hier als erwartet“? Was soll das Rumgedruckse? Man wittert hier bereits Verrat und Heuchelei, und zwei Seiten weiter („3 Monate später“) bestätigt sich der Verdacht: Sie hat schon einen Neuen.

Die beiden sind nun geschieden, Hauptmann Chris ist zu Hause ausgezogen und hat sich wegen chronischen Heldentums in psychologische Behandlung begeben. Bei seiner Kathrin ist hingegen bereits der neue Lover am Start – einer von jenen Menschen, die 5er BMWs fahren, Pullis über Hemden tragen. Scharfer Schnitt von der rumeiernden Kathrin zur Psychologin. „Gibt es da Situationen, in denen sie übermäßig agressiv [sic] reagieren?“, will die wissen.

Klar: Wer würde in der Situation nicht ausflippen? Doch der wackere Hauptmann Chris trägt es mit Fassung, demonstriert einmal mehr moralische Überlegenheit seinen Mitmenschen gegenüber. Er ist Soldat.

Botschaft: Wir leben auf Kosten unserer tollen Jungs, die in Afghanistan den Kopf für uns hinhalten. Wenn sie nach Hause kommen, setzen wir sie vor der Tür, statt sie mit dem Respekt zu behandeln, den sie verdient haben.

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12: Verrat an der Heimatfront II

Gleich die nächste Szene untermauert, dass Hauptmann Chris sich nicht unterkriegen lässt: Er ist aus anderem Holz geschnitzt. Geduldig erklärt er seiner Tochter bei Starbucks die afghanischen Sitten und bleibt ein hilfsbereiter Zeitgenosse. Als einem mürrischen Kaffeetrinker ein Euro runterfällt, bückt sich Hauptmann Chris und streckt dem tattrigen, womöglich drogenabhängigen Ziegenbartträger das verlorene Geldstück mit einem geduldigen Lächeln entgegen, während vermutlich gerade ein Song von Norah Jones gespielt wird.

Doch jäh bricht fernes Donnergrollen ins traute Franchise-Idyll:

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„Nein, ich nehme nichts aus Mörderhänden.“

Hauptmann Chris ist ein friedfertiger Mann, und er hat sich im Griff, und er mag Norah Jones und Starbucks echt, aber irgendwann ist ja auch mal Schluss. Er packt den vorlauten Kaffeehaus-Kommunisten am Schlafittchen, und, als die linke Zecke weiter Fisimatenten macht, poliert dem Strolch seine freche Schnauze.

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Hauptmann Chris hatte ja nicht einmal Respekt erwartet.

Aber können „so Idioten“ nicht wenigstens „mal im richtigen Moment“ die Klappe halten? Ist man nicht einmal bei einer urpreußischen Kulturinstitution wie Starbucks vor klischeehaften linken Klischeefiguren sicher?

Wäre Wave and Smile ein Frappuccino, dann kämen wir jetzt ungefähr an die Stelle, wo der Strohhalm dieses frotzelige Geräusch beim Saugen macht, weil die braune Brühe ein entsprechendes Niveau erreicht hat.

Jedenfalls kann man es Wederhake nicht verdenken, dass er Broder und Fleischhauer (die Männer fürs Grobe von Welt und Spiegel Online), im Verdacht hat, sich für Wave and Smile als Ghostwriter hergegeben zu haben. Das Feindbild des zänkischen Linken, der immer im falschen Moment seine gehässige linke Klappe aufreißen muss, scheint Jysch persönlich sehr zu beschäftigen – und auch nicht das letzte Mal, wie wir gleich im Anschluss erfahren.

(Aber vielleicht tu ich Jysch ja auch gröbstens unrecht, und er meint tatsächlich nur all die ganzen Leute, von denen man immer wieder hört, dass sie bei Starbucks Soldaten gezielt als Mörder beschimpfen. Für den Fall nehme ich natürlich alles zurück und entschuldige mich ausdrücklich.)

Hauptmann Chris‘ Eskapade als Schnauzenpolierer wird direkt im Anschluss mit einer posttraumatischen Belastungsstörung erklärt. „Die Symtome [sic] sind ehrlich gesagt nur all zu [sic] deutlich … sie wissen was [sic] ich meine?“ (Wie schon Aischylos zu sagen pflegte: Das erste Opfer des Krieges ist das Korrektorat.)

Einmal mehr wird der – diesmal sogar körperlich übergriffige – Ausbruch eines Soldaten entschuldigt, der daraufhin zwar seelenruhig zur Kenntnis nehmen kann, dass ein Syndrom schuld ist, an den Zivilisten, den er mal eben verprügelt hat, aber trotzdem keinen Gedanken mehr verschwendet.

Botschaft: Krieg ist so krass schlimm, da könnt Ihr doch wenigstens mal auf Euer scheiß Recht der freien Meinungsäußerung verzichten. (Die Linken sind an allem schuld.)

***

 

13: Sorry Seems to Be the Hardest Word

Da die Heimat offenbar hoffnungslos von Kommunisten untertunnelt ist, macht es Hauptmann Chris wie seinerzeit John Rambo und geht nach Afghanistan, um einen vermissten Kameraden zu retten. (Doch halt, dieser Rambo: „He never draws first blood. He only fights back“? Wäre Rambo bei der Bundeswehr, er hätte offenbar längst aus Gewissensgründen verweigert. Eine Rambo-Mentalität kann man Jyschs Figuren also nicht unterstellen.) Getarnt als „Journalist einer linksradikalen Zeitung in Berlin“ findet er natürlich schnell Anschluss bei den Taliban.

Was die Männer aus der Terrorismusbranche ihm zu berichten haben, gefällt Hauptmann Chris nur so mittel. Zunächst nörgelt der Taliban-Obermufti, dass „die Russen“ damals wenigstens noch „Mann gegen Mann“ gekämpft hätten, und so weiter und so fort. Aber dann kommt’s ganz dick: Zwar verzeiht der grauslige Gesell „den Deutschen“, dass sie kürzlich mal diese beiden Tanklaster zum Abschuss freigegeben haben, aber andererseits legt er, genau wie der verbündete Warlord unter Punkt 9, den Finger in die alte Wunde: Es lachen nicht nur Briten, Amerikaner und afghanische Verbündete über die feige deutsche Baggage, muss Hauptmann Chris sich anhören, sondern auch die terrortollen Talibaner.

„Die deutschen Soldaten sind feige“, hebt der Al-Quaida-Mitarbeiter zu seiner Schmähkritik an. „Die trauen sich überhaupt nicht aus ihren Lagern heraus … sie würden niemals Bomben auf Zivilisten werfen … Sie sind schwach.“

Und dann, getreu dem Motto „schlimmer geht’s immer“, der absolute Tiefpunkt eines für Hauptmann Chris schon jetzt ziemlich beschissenen Abends:

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Nochmal im Klartext: „Wir haben uns schon gefragt, wie die deutsche Armee den Zweiten Weltkrieg führen konnte“, spottet der bösbärtige Terrormensch.

Und da hört der Spaß natürlich auf. Selbstmordattentate und Sprengfallen? Geschenkt. Aber wenn unsere Opas, die neununddreißg fünfundvierzg fürs Vaterland gekämpft haben, durch den Kakao gezogen und ihre Enkel der Feigheit bezichtigt werden? Dann ist Polen offen, Freunde der Sonne.

Das lässt sich ein lupenreiner Streiter für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, wie Hauptmann Chris einer ist, natürlich nicht gefallen … und schiebt den Schwarzen Peter der mädchenhaft kriegsscheuen deutschen Bevölkerung zu. „Nein, die Bundeswehrsoldaten leisten so viel Widerstand, wie sie dürfen – sie sind nicht feige!“, beeilt sich Hauptmann Chris. „Die deutsche Regierung lässt sie nicht kämpfen, weil“, kommt er ins Stottern, „… weil die Mehrheit der Deutschen gegen einen Krieg ist …“ Getreu dem altbewährten Motto: „Totaler Krieg – kürzester Krieg!

Wer würde sich nicht wünschen, so in der Welt vertreten zu werden?

Vom Niveau her ist Jysch nun etwa auf Höhe des Toten Meeres angekommen. Einmal mehr kriegt zunächst das linke Gesindel sein Fett weg, dem hier subtil eine Nähe zu den Taliban angedichtet wird. Danach brechen alle Dämme, und es wird so richtig schön gaga: Wehrmachtsnostalgie und Weltkriegsromantik vom Feinsten, die heutige Bundeswehr im Schatten von Hitlers glorreicher Angriffsarmee. Gut, könnte man meinen, das sind halt die Taliban, die so einen Stuss verzapfen. Aber unser strahlender Held steigt leider voll auf diesen Irrsinn ein und kommt auch noch in Erklärungsnot. Offenkundig sollen wir diese Erwägungen also für bare Münze nehmen.

Wobei: Nicht, dass Kämpferkult und die Bewunderung der Wehrmacht bei der Bundeswehr was Neues wären.

Wederhake bringt es in seiner Besprechung von Wave and Smile auf den Punkt: „Der Protagonist rechtfertigt sich für die zu laxe deutsche Militärpolik gegenüber den Taliban. Das hätten Monty Python nicht besser schreiben können.“

Aber das muss man Arne Jysch wohl lassen. Er weiß, wie man Ausrufezeichen setzt und sich bei einer ganz speziellen Klientel sehr beliebt macht.

Botschaft: Okay, nicht alles war gut vor 70 Jahren aber wenigstens die Einstellung hat gestimmt! (Die Linken sind an allem schuld.)

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14: Take Me Out

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Bisher haben wir von Recherche-Biest Arne Jysch lernen dürfen, dass die deutschen Jungs in Afghanistan lupenreine Demokraten sind, die gerne mal richtig von der Kette gelassen werden möchten. Jetzt erfahren wir, dass die Taliban praktischerweise darauf brennen, sich von ihnen ins Jenseits befördern zu lassen. Passt doch.

„Es ist ruhmreich, ein Märtyrer zu sein. Wir alle hier wollen für den Dschihad sterben.“ Wenig später verwandelt eine US-Drohne die Terrorfiliale in einen Parkplatz. Hauptmann Chris geschieht nichts, er war gerade eine rauchen. Am Ende findet er sogar seinen vermissten Kumpel, und die zwei kommen gesund nach Hause.

Angesichts dessen, wie schlecht in Wave and Smile ausnahmslos alle anderen Figuren wegkommen, die nicht zu den deutschen Einsatzkräften gehören, werden die Taliban in der Geschichte als geradezu beneidens- und bewundernswert dargestellt: Sie sind nicht nur selbst absolut konsequent (im Gegensatz zu ihren mit dem Westen verbündeten verräterischen und heuchlerischen Landsleuten), sondern haben – siehe Bildausschnitt unter Punkt 8 – auch noch „dankbare Helfer“ in der Bevölkerung (im Gegensatz zur Bundeswehr).

Und den Drohneneinsatz, der sie umbringt, stilisiert Jysch durch seinen Plot und die vorangehende Gesprächssituation pointiert als einen verächtlichen Akt, der nur durch die Spitzelei des Dolmetschers und die Feigheit der Amerikaner (im Gegensatz zu den „Mann gegen Mann“ kämpfenden Russen, siehe Punkt 13) zustande kommt.

Wave and Smile ist spätestens hier einer der dümmsten und politisch wirrsten Comics, die mir bislang untergekommen sind.

Botschaft: Wir stimmen den Taliban zwar nicht in allem zu, aber die sind wenigstens konsequent. Da könnte sich so mancher ein Scheibchen von abschneiden.

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15: Verrat an der Heimatfront III

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Bevor der irre Mumpitz endlich vorbei ist, werden wir noch einmal schnell daran erinnert, wie die feige Führung der Bundeswehr unsere Jungs hängenlässt und die Menschen über den Afghanistan-Einsatz belügt und betrügt: Die Rettungsaktion von Hauptmann Chris wird als Gemeinschaftsproduktion der Bundeswehr mit Amerikanern und Afghanen verkauft – und unsere Jungs zum Schweigen verdonnert.

Botschaft: Unsere Regierung sowie die Führung der Bundeswehr lügen und betrügen auf Kosten unserer tapferen Soldaten.

Die abschließende Seite über den „plötzlich“ spürbaren „Funken Hoffnung“ ob der „gigantischen Berge[n] und Täler[n], des rosafarbenen Schimmern[s] des Staubes im Morgenlicht“ wirkt am Ende von Jyschs propagandistischem Gewaltritt ungefähr so stimmig und authentisch, als hätte Sylvester Stallone Rambo III mit einer Coverversion von „Moskau“ beendet.

 

***

Hintergrund

Worauf Jyschs Botschaften insgesamt abzielen, wird im Kontext der seit Jahrzehnten andauernden Debatte um die „Innere Führung“ der Bundeswehr deutlich – ein Führungsprinzip, welches das Selbstverständnis des einzelnen Soldaten im Spannungsfeld von Bürgerrechten und militärischen Pflichten beschreiben soll.

Offiziell folgt dieses Selbstverständnis seit Gründung der Bundeswehr 1955 dem Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform„. Dieses Leitbild soll nach den Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Einschränkung der Grundrechte von Soldaten auf das militärisch Notwendige reduzieren und sicherstellen, dass das Handeln eines Soldaten im Einklang mit seinem Gewissen, dem Grundgesetz und den Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft steht.

Doch der „Staatsbürger in Uniform“ war auch innerhalb der Truppe nie unumstritten. Der stellvertretende Inspekteur des Heeres General Helmut Grashey etwa, der es zuvor bereits in der Wehrmacht zum Oberstleutnant gebracht hatte, forderte bereits 1969 eine Reduzierung der parlamentarischen Kontrolle des Militärs, sowie dessen Stärkung in Krisen und Krieg durch Änderungen des Grundgesetzes. Den Gedanken der „Inneren Führung“ soll Grashey bei einer Rede zudem als „Maske“ bezeichnet haben, die man nun „endlich“ ablegen könne, da sie ohnehin nur ein Zugeständnis an die Sozialdemokraten gewesen sei.

Grashey wurde daraufhin in den Ruhestand versetzt, aber der Wind für derartige Ideen hat sich seither gedreht. „Wir brauchen den archaischen Kämpfer“, wird Hans-Otto Budde im Februar 2004 in der Welt am Sonntag zitiert. Dieser Generalleutnant a. D. Hans-Otto Budde war nicht etwa vor 50 Jahren Inspekteur des Heeres, sondern von 2004 bis 2010. Und Wolfgang Winkel, ein Bewunderer und nach eigener Auskunft „Weggefährte“ Buddes, der diesen liebevoll „Hano“ nennt, führt an gleicher Stelle aus: „Der ‚Staatsbürger in Uniform‘ […] hat ausgedient.“ Den von Budde geforderten Soldatentypus, so Winkel, „müssen wir uns wohl vorstellen als einen Kolonialkrieger, der fern der Heimat bei dieser Art von Existenz in Gefahr steht, nach eigenen Gesetzen zu handeln.“

Winkel weiter über Budde, mit spürbarer Begeisterung: „Er ist der Mann, der mit strahlenden Augen aus dem Bunker der Hauptstadt kommt und ruft: ‚Jungs, das Ding gewinnen wir noch!'“

Wenn man weiß, dass Budde den Bund deutscher Pioniere e.V. sehr schätzt, mit dem der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung nach dem verlinkten Kontraste-Bericht von 2009 (Text-Version) dann lieber doch nichts mehr zu tun haben wollte, ergibt sich daraus ein Gesamtbild, das leicht zu Übelkeit führen kann, wenn man allzu lange darüber nachdenkt.

Im April 2004 bezog Jürgen Rose, selbst Oberstleutnant der Bundeswehr, zu Buddes und Winkels Verständnis des Soldaten im Freitag Stellung:

„Die ‚Innere Führung‘ bildet gleichsam das ‚Grundgesetz‘ für die Bundeswehr als militärischer Macht innerhalb der demokratisch verfassten Bundesrepublik Deutschland. Wer also den ‚Staatsbürger in Uniform‘ als obsolet bezeichnet und der ‚Inneren Führung‘ das Fundament entzieht, beschädigt massiv die Reputation der Bundeswehr als einer dem demokratischen Staat loyal dienenden Institution – der setzt nichts weniger aufs Spiel als die Integration der Streitkräfte in eine pluralistische Gesellschaft. Das Hohelied auf archaisches Kämpfertum steht in diametralem Gegensatz zu dem, was der Spiritus rector der ‚Inneren Führung‘, Wolf Graf von Baudissin, verfolgte. Dem General ging es um die Zivilisierung des Militärs oder – wie er einst formulierte – die ‚Entmilitarisierung des soldatischen Selbstverständnisses‘.“

In einem Interview mit Heise Online legte Rose im März 2008 nach und wurde deutlicher, wie er über Buddes und Winkels Äußerungen dachte:

„Wenn man also von ganz oben her diesen wehrmachtsinspirierten Kämpferkult predigt, solche Latrinenparolen ausgibt, die sich dann kaskadenartig über alle Hierarchieebenen ergießen, dann muss man sich nicht wundern, wenn an unterster Ebene solche Kloaken entstehen wie in Calw oder in Coesfeld. Der Fisch beginnt bekanntlich vom Kopfe her zu stinken.“

In der Kaserne Coesfeld waren 2002 Soldaten von ihren Ausbildern gefoltert und misshandelt worden; aus Calw, dem Standort des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr, hatte Rose 2007 elektronische Post von einem KSK-Hauptmann erhalten, dem seine Haltung zum geforderten Typus des „archaischen Kämpfers“ offenbar nicht gefiel.

In der mit seinem Namen und Dienstrang unterzeichneten E-Mail schrieb jener Hauptmann unter anderem an Rose:

„Ich beurteile sie als Feind im Inneren und werde mein Handeln daran ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen. Die Phase des 68er Marsches ist beendet, kehren Sie um in den Gulag der politischen Korrektheit oder in die Sümpfe des Steinzeitmarxismus, dem Sie entkrochen sind. Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht.“

Der KSK-Mann erhielt für seinen Brief eine Disziplinarstrafe, die der damalige Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, laut Süddeutsche.de als „völlig unzureichend“ bezeichnet haben soll. Korrigiert wurde sie – nach langer, offenbar sehr eingehender Prüfung – trotzdem nicht. Bereits im März 2007 hatte Rose, zuvor für die Logistik von Auslandseinsätzen zuständig, aus Gewissensgründen seine Teilnahme an beschlossenen Tornado-Einsätzen verweigert, wie Spiegel Online berichtete.

Nach Angaben seines Wikipedia-Eintrags ist Rose mittlerweile im Ruhestand. Oberst Georg Klein hingegen, der vor drei Jahren der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, soll zum Brigadegeneral befördert werden. Klein hatte im September 2009 die Entscheidung getroffen, zwei Tanklastzüge in Kunduz bombardieren zu lassen, obwohl keine unmittelbare Gefahr für deutsche Truppen oder deren Verbündete bestand. Über 140 Menschen starben, wohl überwiegend Zivilisten, darunter auch Kinder – Klein wurde in einer nachfolgenden Untersuchung trotzdem freigesprochen. Spiegel Online schreibt zu dem geheimen Abschlussbericht der Bundesgeneralanwaltschaft vom April 2010:

„Selbst wenn ‚mit der Tötung mehrerer Dutzend geschützter Zivilisten hätte gerechnet werden müssen‘, führen die Juristen ‚hilfsweise‘ an, hätte dies ‚bei taktisch-militärischer Betrachtung nicht außerhalb jeden Verhältnisses zu den erwarteten militärischen Vorteilen gestanden‘.“

Das Verteidigungsministerium verzichtete auf ein Disziplinarverfahren gegen Klein, weil sich „keine Anhaltspunkte für ein Dienstvergehen ergeben“ hätten.

Die Inkaufnahme beträchtlicher ziviler Opfer zum Erreichen militärischer Ziele, die auch in Wave and Smile als unbedingt notwendig dargestellt wird (siehe Punkt 6), scheint also nach aktuellen Maßstäben für die Bundeswehr grundsätzlich selbst dann kein Problem mehr zu sein, wenn das Leben der eigenen Soldaten nicht unmittelbar bedroht wird, auch wenn man Eingeständnisse dieser Art gerne auf als „Geheimsache“ eingestufte Dokumente beschränkt.

Unter diesen internen und offiziellen Voraussetzungen ist es kaum verwunderlich, dass man beim Verteidigungsministerium und bei der Bundeswehr begeistert von Jyschs Comic war, wie der in Interviews und im Buch selbst betont. Auch auf der Webseite der Bundeswehr wird Wave and Smile in den höchsten Tönen gelobt. Das Buch muss perfekt in die PR-Strategie einer Armee passen, die der Bevölkerung erst noch richtig beibringen muss, dass sie solche Militäraktionen wie die vom September 2009 in Kunduz für völlig legitim hält, und in der die romantische Verklärung von nach eigenem Dünken handelnden „archaischen Kämpfern“ und „Kolonialkriegern“ von ganz oben gepredigt wird.

 

***

Zusammenfassung

Wave and Smile hält sich weitgehend an den Duktus von Filmproduktionen wie Die Brücke von Arnheim (Richard Attenborough, 1977) oder Black Hawk Down (Ridley Scott, 2001): Der Comic schlägt zwar einen vordergründig mahnenden Ton an, der den Krieg zu verurteilen vorgibt und mittels pathetischer Bilder um Betroffenheit heischt, gleichzeitig ergötzt er sich aber in üppigen Action-Szenarien an der beeindruckenden, entsprechend inszenierten Macht der Kriegsmaschinerie. Er pflegt den Mythos der Soldaten als moralisch weitgehend unantastbare Kämpfer, die unter der Feigheit, Inkompetenz und Unentschlossenheit ihrer Führung leiden. So weit, so genretypisch.

Aber Jysch geht in zweierlei Hinsicht noch weiter, und das ist es, was Wave and Smile gefährlich macht. Erstens: Immer wieder suggeriert Wave and Smile, dass die Kontrolle durch eine offene und demokratische Zivilgesellschaft, egal ob durch Parlamente, durch Mandate oder durch die Presse, nichts weiter als eine Schwäche sei – eine Zumutung für die kämpfende Truppe, die durch die Fußfessel dieser Aufsicht in ihrer Mission unnötig frustriert, behindert und sabotiert werde. Darin, wie der Comic den Kampfesgeist der von ziviler Zimperlichkeit ausgebremsten Soldaten betont, wie er Krieg und Kampf romantisch verklärt, erinnert er bisweilen an dunkle Zeiten. Gegen Ende wird das transportierte Gedankengut immer wirrer und verstörender, was mit dem Taliban-Gespräch seinen traurigen Höhepunkt erreicht.

Zweitens: Jysch erweckt sowohl innerhalb des Buches – durch die Thematisierung journalistischer Objektivität, mehrere Quellenangaben, ein Glossar und Kartenmaterial, penibelst gezeichnete Uniformen und Geräte – als auch in Interviews (auch ungefragt) immer wieder bewusst den Eindruck, er sei lediglich ein objektiver, sich in seiner Darstellung an journalistischen Maßstäben orientierender Erzähler.

Diese Vortäuschung von Objektivität wirkt geradezu grotesk, wenn man Wave and Smile etwa mit den Comics des Journalisten Joe Sacco vergleicht. Denn Jysch zeigt – anders als Sacco in seinen Reportagen – zu keinem Zeitpunkt auch nur das geringste Interesse daran, authentische Figuren mit authentischen Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die nicht der von ihm als Autor gewünschten politischen Stoßrichtung entsprechen. Soweit unliebsame Standpunkte vorkommen, werden die entsprechenden Figuren entweder zu Karikaturen verzerrt oder anderweitig in ihrer Glaubwürdigkeit demontiert. Die zwei Minuten, in denen sich Spaßvogel Kurt Krömer auf einer Fahrt durch Kabul (etwa ab 21:20) mit einem Bundeswehr-Soldaten unterhält, haben mehr Authentizität zu bieten als 200 Seiten Jysch – und das liegt, wie Sacco beweist, keineswegs am gewählten Medium.

Auch Jyschs Hinweis, man solle die Aussagen der Figuren nicht dem Autor in den Mund legen, ist daher eine dreiste rhetorische Nebelkerze. Als ob es problematisch wäre, wenn Figuren umstrittene oder unangenehme Dinge sagen. Nicht doch, Herr Jysch. Was Wave and Smile problematisch macht, ist vielmehr die Tatsache, dass der ganze Comic – inklusive Plot, Figuren und Bildsprache – in eine einseitige politische Richtung gebürstet ist und die entsprechenden Botschaften nach allen erdenklichen rhetorischen und erzählerischen Regeln der Kunst zu offenbaren und zu validieren sucht, während gleichzeitig ein objektiver Blickwinkel simuliert wird. 

 

***

Fazit

Die in Wave and Smile verbreiteten Botschaften sind weder zufällig noch harmlos. Jyschs Figuren sind allesamt papierdünne Sprechroboter, die ausschließlich dem Zweck dienen, in didaktisch konstruierten Szenarien dem Leser mal mehr und mal weniger durchsichtige propagandistische Talking Points unterzujubeln.

Die Übermittlung dieser Botschaften findet zu gezielt, zu konsequent und zu systematisch statt, als dass sie nicht beabsichtigt sein könnte. Jyschs Beteuerungen, er sei objektiv vorgegangen, decken sich also nicht mit der Realität. Jysch zeichnet laut seiner Webseite seit Jahren Storyboards für Werbespots (Autos, Bier, Schnaps, etc.), und diese handwerkliche Routine und Raffinesse im Werben prägt auch Wave and Smile: Das Buch ist eine Dauerwerbesendung für die Stärkung der Rolle des Militärs in Deutschland – oder, wie Wederhake es knackiger ausdrückt: „billige, pathos-beladene Propaganda für mehr Sparta in der Bundesrepublik“. Und es gibt sich dabei auch noch als objektiv recherchiertes Dokudrama aus.

Wave and Smile erteilt – frei nach Budde und Winkel – dem „Staatsbürger in Uniform“ eine Absage. Wenn es um Kriegseinsätze geht, so Arne Jyschs Propagandacomic, dann ist die Zivilgesellschaft abgemeldet, und heroische, wehrmachtsnostalgische Kolonialkämpfer nehmen das Heft in die Hand. Zum Treiben dieses schillernden Militärs dürfen wir dann alle miteinander winken und lächeln.

Marc-Oliver Frisch lebt in Saarbrücken. Seine Abenteuer als Comic-Kritiker und -Übersetzer kann man in seinem Blog und bei Twitter nachlesen.

Abbildungen: © Arne Jysch/Carlsen Verlag

 

links

Comicgate-Interview mit Arne Jysch

She !s me – Act 2

Webcomic She Is Me! (Oh no! I'm a girl!)After almost four years, the English version of Jot’s webcomic She !s me! finally continues!

19.07.2012: First chapter of the second act is online.
26.07.2012: Second chapter is online!
02.08.2012: Third chapter is online!
09.08.2012: Fourth chapter is online!
18.08.2012: Fifth chapter is online!
26.08.2012: Sixth/final chapter of act 2 is online.

Best start from the overview.

 

Updates every Thursday.
No updates next week. We’ll start the third act on 06.09.2012.

Frankenstein, Agent of S.H.A.D.E. Vol.1 (US)

Können wir mal fromm, fröhlich oder zumindest frei über Frankenstein reden? Der Mann war ja Schweizer Wissenschaftler und hat extrem wenig mit seinem Geschöpf gemein, das Jeff Lemire konstant als Frankenstein oder Frank titulieren lässt. Was aber nicht mein größtes Problem mit dieser Monsterkloppextravaganza ist, zu der ich ja – in frankenstein’scher Arroganz – schon nach Heft 1 der Monsterparty (ei-ei-ei-ei) den Monster-Boogie getanzt und Jeff Lemire in mooreellismorrison’sche Gefilde erhoben habe.

Die komplette Rezension zu Frankenstein, Agent of S.H.A.D.E., Vol.1 – War of the Monsters lest Ihr in Folge 5 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

Sperrbezirk

Tobi Dahmens Sammlung autobiographischer Episoden, erstmals 2007 beim Verlag Schwarzer Turm erschienen, kam letztes Jahr bei Zwerchfell in einer erweiterten Ausgabe heraus und umfasst nun auch mehrere Beiträge aus den Jahren 2008 und 2011.

Die komplette Rezension zu Sperrbezirk lest Ihr in Folge 5 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

2gegen1: Gratisrevue von Neunte Künst, Aufzug 5

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Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: Frankenstein: War of the Monsters von Jeff Lemire, Alberto Ponticelli et al. und Sperrbezirk von Tobi Dahmen.

Cover Frankenstein 1

WEDERHAKE: Frisch? Können wir mal fromm, fröhlich oder zumindest frei über Frankenstein reden? Der Mann war ja Schweizer Wissenschaftler und hat extrem wenig mit seinem Geschöpf gemein, das Jeff Lemire konstant als Frankenstein oder Frank titulieren lässt. Was aber nicht mein größtes Problem mit dieser Monsterkloppextravaganza ist, zu der ich ja – in frankenstein’scher Arroganz – schon nach Heft 1 der Monsterparty (ei-ei-ei-ei) den Monster-Boogie getanzt und Jeff Lemire in mooreellismorrison’sche Gefilde erhoben habe.

Nun scheint Jeff Lemire aber ein sehr bodenständiger Mann zu sein, denn er gibt sich alle Mühe, meine lobpreisenden Worte auch hier Lügen zu strafen. Nur nicht sofort, denn in den ersten vier der hier gesammelten sieben Hefte macht der gute Mann mit dem weiter, was in Heft 1 so überzeugte: Ohne lange Umschweife dürfen Frankenstein und seine Kreaturenkommandos eine Unzahl anderer Monster vermöbeln. Dabei kommt ein gefälliges Maß an Humor nicht zu kurz, etwa wenn Frankenstein eine alte Oma umwuppt und das damit begründet, dass seine Rache auch Rentner nicht diskriminiere, und eine gewisse Epik möchte ich den Zeichnungen von Alberto Ponticelli auch nicht absprechen. Ein gewisses Maß an Übersichtlichkeit allerdings schon: Das ein oder andere Mal fand ich es ob des rauhen Stils schwer, mich auf das Gesamtbild zu konzentrieren, und es kam auch vor, dass ich erst in den Folgepanels wirklich sicher war, dass ich die vorgehenden Panels richtig verstanden habe. Die Alternative in Heft 7 sagt mir aber auch nicht zu: Da übernimmt Walden Wong das Inking und plötzlich sind Ponticellis Zeichnungen zwar aufgeräumter, aber auch deutlich steriler und langweiliger. Solange also Seiten so schön rocken wie jene, auf der die Kavallerie auf der Monsterwelt landet, akzeptiere ich die leichte Unordnung. Und solange Lemire so schön auf dicke Hose macht, akzeptiere ich auch, dass das hier Videospiel-Plotting ist: Wegwerfmonster, Bossgegner, nächster Level.

Frankenstein befriedigt vier Hefte lang meine Freude am B-Film-Spektakel. Und selbst am Anfang des fünften Heftes, dem Crossover mit O.M.A.C., war meine Hoffnung noch vorhanden. Frankenstein gegen tibetanische, „man-eating mountain dwarfs“? Bin dabei. Was dann für das eigentliche Crossover nicht mehr gilt. Ab da geht Frankenstein nämlich mal sowas von den Eisberg runter. Da ich O.M.A.C., das wohl nie erscheinende Trade erwartend, nicht weiterverfolgte, habe ich keine Ahnung, wer jetzt O.M.A.C. genau ist oder was es mit Brother Eye auf sich hat. Frankenstein macht sich auch nicht die Mühe, mir das zu erklären. Dafür gibt es eine ziemlich witzlose vierseitige Miniklopperei zwischen dem grünen und dem blauen Kraftprotz, der so wesenslos erscheint, dass man ihn auch durch jede andere Comicfigur ersetzen könnte, und Brother Eye macht irgendwas, das den Nebenplot der sechsten Ausgabe in Gang bringt. Womit ein in Ausgabe 3 schon in Gang gebrachter – und da als ganz dringlich bewerteter – Nebenplot ohne inhaltliche Logik um eine Ausgabe verschoben wird. Vielleicht ergibt das ja Sinn, wenn man O.M.A.C. liest, aber für mich wirkt das ganze Theater ungefähr so sinnvoll wie ein zweiter Blinddarm.

Den losgetretenen Nebenplot hätte man auch ohne Crossover im nächsten Heft starten können, welches sich in der Gesamtheit auch wie eine Übung in Sinnlosigkeit anfühlt: Da wird ein Doctor-Manhattan-Derivat im Vorbeigehen abgefrühstückt, ein „Lebewesen als billige Arbeitssklaven klonen ist keine tolle Idee“-Science-Fiction-Standardplot in Gang gesetzt, und die Enthüllung, dass Regierungsbehörden Dreck am Stecken haben, ist so wenig schockierend, dass sich der Verfassungsschutz nicht mal die Mühe machen muss, diese Erkenntnis zu schreddern. Wobei die Moralfrage bezogen auf die Klonkrieger in Heft 7 dann doch nicht angerissen wird, was bei der Hauptfigur Frankenstein schon eher verwundert. Mag noch kommen, so wie das Doctor-Manhattan-Derivat sicherlich auch nochmal eine Rolle spielen wird. Sollte. Muss. Wobei Lemire ja nach Heft 9 ohnehin die Segel gestrichen hat und zum FC Justice League Dark wechselte. Inwiefern er dann in den zwei Ausgaben sein Mojo nochmal gefunden hat, ist eher fraglich. Meine Empfehlung, Frisch: Die ersten vier Hefte lesen und mit dem Gefühl einer unterhaltsam pulpigen Miniserie da rauskommen.

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FRISCH: Bei Namenskalauern mache ich nicht mit, Herr Kollege. Zunächst fällt mir auf, dass ich beim Lesen von Frankenstein – anders als mittlerweile bei den meisten anderen Marvel oder DC-Sachen – kein Zahnweh bekomme. Denn hier ist es ausnahmsweise einmal nicht so, dass die Erfinder der Hauptfigur demnächst ihre Organe verkaufen müssen – etwa an Schweizer Wissenschaftler oder die Uniklinik Göttingen –, um nicht obdachlos zu werden, weil sie von Time Warner Brothers DC Comics Entertainment, Inc. keinen müden Cent für die fortlaufende Verwertung ihrer Ideen und Arbeit erhalten. Man darf Mary Shelley also beglückwünschen, dass sie schon 160 Jahre tot ist; das macht ihr das Leben leichter.

Auch sonst ist Frankenstein in jeder Beziehung schmerzfrei. Ich kann mich deinem Urteil, was den ersten Vierteiler angeht, da weitgehend anschließen, würde aber sogar die hinteren drei Kapitel noch mit einbeziehen. Klar: Eine wirklich inspirierte Story sieht anders aus. Aber will ich wirklich wissen, was es mit O.M.A.C. und Brother Eye und Hastenichgesehn auf sich hat? Will ich nicht, mein lieber Wederhake, will ich nicht. Ich will, dass Lemire und Kollegen auf die Kacke hauen und mir möglichst übermütige Monsterkeilereien mit einem gewissen Charme zeigen. O.M.A.C. funktioniert da für mich nicht anders als die herrlich unkomplizierten Monster aus den Heften 1 bis 4: nämlich gut. Mir ist vollkommen schnurz, wer er ist und was er tut. Er ist groß, blau, hat einen Monster-Iro und wird von Frankenstein verprügelt. Das reicht mir total.

Ich mag sogar den Zweiteiler in den Heften 6 und 7, der den Band abschließt. Mit den Klonsklaven, dem Gummi-Doctor-Manhattan, den Gummi-Creature-Commandos und Frankenstein selbst schafft es Lemire hier sogar, eine gewisse, nun ja, thematische Tiefe und Ambiguität (also „Mehrdeutigkeit“, für die ARD- und ZDF-Zuschauer unter unseren Lesern) zwischen dem Gefetze mit einzubauen. Keine große Tiefe. Nix Anspruchsvolles. Aber immerhin: Die Hauptfiguren sind praktisch die Bösen in der Story, und die vermeintlichen Schurken tun einem leid, weil sie keine Chance haben und einfach niedergemacht werden. Und man merkt am Ende, dass Frankenstein nach den ganzen Begegnungen mit anderen „Monstern“ anfängt, über seine eigene Rolle zu reflektieren. Und das vergleichsweise subtil und ohne, dass es bei seinem liebenswerten Hauruck-, Erst-schießen-dann-fragen-, nicht-viel-Federlesens-machen-Naturell gezwungen wirkt. Man merkt der Figur das leichte Grübeln an, nimmt es ihr ab und fragt sich, wie’s weitergeht. Das will auch gelernt sein.

Apropos Federlesens: Ich mag auch, dass zum Beispiel die Sache mit Colonel Quantum (der Gummi-Doctor-Manhattan, alias Gummi-Captain-Atom) so schnell und trocken abgehandelt wird. Das macht für mich das Flair der Serie aus: Lemire gibt sich Mühe, die gängigen Muster des Genres zumindest auf der Seitenebene zu vermeiden und das, von dem eh jeder weiß, dass es kommt, immer wieder auf sehr freche Weise zu unterwandern oder ganz zu umgehen.

Was die Zeichnungen angeht, bin ich wieder auf deiner Seite. Ponticelli hat manchmal Probleme mit der Übersicht und dem Verhältnis seiner Figuren zu ihrer Umgebung, aber mir gefällt sein Stil. Saubermann Walden Wongs Tuschezeichnungen im siebten Heft wirken dann einfach nur noch furchtbar steril und austauschbar. Das passt überhaupt nicht zusammen. Dass das vom selben Zeichner stammt wie die ersten sechs Hefte, ist kaum noch zu erkennen. Schlimme Entscheidung, ausgerechnet diese beiden zu kombinieren.

Aber insgesamt geht das okay. Frankenstein hat seine Längen, macht aber auch viel richtig. Und ist allemal besser als das fade Animal Man.

wertung6

Frankenstein, Agent of S.H.A.D.E.: War of the Monsters
von Jeff Lemire, Dan DiDio, Alberto Ponticelli, Walden Wong, Jose Villarrubia, Pat Brosseau, Travis Lanham, J. G. Jones und Hi-Fi
DC Comics, 2012
Softcover, farbig, englisch, 140 Seiten, 14,99 USD
ISBN: 978-1401234713

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Cover Sperrbezirk

FRISCH: Tobi Dahmens Sammlung autobiographischer Episoden, erstmals 2007 beim Verlag Schwarzer Turm erschienen, kam letztes Jahr bei Zwerchfell in einer erweiterten Ausgabe heraus und umfasst nun auch mehrere Beiträge aus den Jahren 2008 und 2011.

Autobiographie also. Die Frage der „Wahrhaftigkeit“, die wir schon bei Reinhard Kleist hatten, ließe sich auch bei Dahmen wieder diskutieren. Aber auch an diesem Beispiel sehe ich die Haltung bestätigt, dass es wurscht ist, ob die Storys hundertprozentig bis ins kleinste Detail so „stimmen“, wie sie erzählt werden. Denn – das wird bei Dahmen besonders deutlich – auch bei autobiographischen Erinnerungen handelt es sich letztlich um ein Genre, das auf eine stimmige Narrative angewiesen ist. Insbesondere dann, wenn der Autor ein stinknormaler, weißer, männlicher, heterosexueller Durchschnittsdeutscher aus einer stinknormalen deutschen Durchschnittsstadt ist, der zum großen Teil auch noch in den Neunzigern aufwachsen durfte.

Um Himmels Willen, wieso entscheidet der sich ausgerechnet für die Autobiographie? Wovon soll der erzählen? Von den großen Dramen am Nichtschwimmerbecken, wenn am Kiosk mal wieder der Flutschfinger aus war? An banalen textlichen, musikalischen, audiovisuellen oder sonstwie künstlerischen Ergüssen jenes (unseres) Wurmfortsatzes der verhätschelten Generation X – wir sind sozusagen der Blinddarm einer Generation von Pampersträgern – mangelt es uns ja nicht unbedingt.

Es ist also durchaus eine Herausforderung, unter diesen Umständen tatsächlich zum Weitererzählen geeignete Stoffe zu finden. Aber statt sein „Material“ mit relevanzheischenden Symboliken überzustrapazieren oder krampfhaft auf Pointen zu bürsten, wählt Dahmen ein weitaus effektiveres Mittel: schonungslose, entwaffnende Offenheit. Und macht so die Not vieler Autobiographen zu seiner Tugend. Es gibt eben in jedem Leben viele kleine, leise Momente, die einem oft stärker in Erinnerung bleiben als die vermeintlich bedeutenden, und die man entweder lieber vergessen oder gedanklich immer wieder neu erleben möchte. Dahmen spürt sie auf und macht sie erlebbar.

Sicher sind einige der zwölf Kurzcomics besser gelungen als andere. Die Story mit den Träumen finde ich leider tatsächlich so banal, wie von Dahmens Alter Ego im Comic geahnt; bei dem Comic über seine Entscheidung, aus Deutschland wegzuziehen, fehlt mir irgendetwas Konkreteres – eine Wendung, die den Entschluss rüberbringt und greifbar macht; und die letzte längere Geschichte von 2011, die in Utrecht spielt, macht insgesamt einen etwas ungeschliffenen Eindruck.

Der springende Punkt ist aber: Das sind Dahmens Geschichten, und man spürt, dass es ihm ein Anliegen ist, sie zu erzählen. Nicht, um möglichst spektakuläre Anekdoten auszupacken, sondern, um sich auf bestimmte Momente des Lebens einen Reim zu machen und herauszufinden, was genau passiert ist – oder warum es ihm nachhängt. Und das kann Dahmen. Dramaturgisch sind seine Geschichten fokussiert, aber nicht überkonstruiert, und sein dezent überzeichneter, in den Konturen mal mehr und mal weniger definierter Zeichenstil passt wunderbar dazu. Manchmal kann man ihm vielleicht vorwerfen, dass er sich zu wenig auf seine Bilder verlässt und zu viel Text mit einbaut.

Sperrbezirk zeigt zudem Dahmens Entwicklung als Erzähler von 1999 bis 2011 auf. Der erkennbare Reifeprozess macht Lust auf Fahrradmod, einen autobiographischen 400-Seiter, an dem Dahmen seit 2007 arbeitet.

wertung6

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WEDERHAKE: Naja, Frisch, ich sehe schon einen Unterschied zwischen „hier sind ein paar gezeichnete Anekdoten aus meinem Leben, klar durch meine Augen gesehen und teils mit kontrafaktischen Einschüben“ und „hier ist die ‚wahre‘ Geschichte eines Holocaustüberlebenden“.

Wie du ja sagst, Dahmen geht es um die leisen Töne auf der Klaviatur, eher darum, wie er Momente wahrgenommen hat, als darum, wie Leben, das Universum und Alles in den Jahren 197X bis 2011 waren. Und das gelingt ihm unterschiedlich gut. Gleich die erste Geschichte aus dem Jahr 1999 – der junge Tobi fängt eine Feldmaus und entscheidet sich dafür, Verantwortung zu beweisen – zeigt, dass er Emotionen wecken kann. Die totale Verzweiflung in Form einer großen weißen Seite mit kleiner Zeichnung in der Mitte zu gestalten, ist eine gute Wahl. Weniger gut ist die Wahl des Drumherums, einem fiktiven Interview mit dem zukünftigen Tobi Dahmen. Da heult die Journalistin dann Rotz und Wasser ob der Geschichte, was einfach zu dick aufgetragen ist. Gut zwar, dass man den Reifungsprozess erkennt, auf solche misslungenen Spielereien verzichtet Dahmen später, aber vielleicht hätte man den Teil sogar in dieser Neuauflage schon weglassen können.

Wie du habe auch ich das Gefühl, dass einiges zu belanglos ist: Vorrangig die erwähnte Traumgeschichte, aber auch die Geschichte darüber, wie der Ska nach Wesel kam, fühlt sich irgendwie zu banal an, und den Part, in dem Dahmen über das Schicksal von Prostituierten in seinem Viertel erzählt, fand ich unangenehm. Nur nicht aus den erwünschten Gründen: Klar, es ist ein weißer Milchtoast, der sich Gedanken über die Tragik von Prostituierten und das eigene Verhalten macht, und Dahmen maßt sich nicht an, für diese zu sprechen, aber irgendwie fühlt sich das seltsam an, eben weil er keinen wirklichen Einblick bieten kann. Und damit sind wir wieder bei der Banalität. Braucht das wirklich acht Seiten?

In den Geschichten ab 2005 beginnt er deutlich besser seinen Schritt zu finden, die Emotionen gezielter zu treffen, die Momente besser auszuwählen. Das gilt vor allem für seine „Zeitverschwendung“, eine „Liebesgeschichte“, in der sich sicher viele von uns Comicfritzen wiedererkennen dürften. Das ist leider auch die Geschichte, die – und auch hier bin ich bei dir – vom Erzählertext völlig überwältigt wird. Was durch das kalte Lettering nicht besser wird. Ich wünschte mir, dass öfter mal zwei oder drei Panels oder vielleicht sogar eine ganze Seite einfach nur über Handlungen und Dialoge getragen würden, statt über die omnipräsenten Captions.

Das, was dir bei dem Umzugscomic an „Konkreterem“ fehlt, würde ich – übrigens auch bei dem Comic über das erste Wiedersehen mit einer Verflossenen – als „Kontext“ bezeichnen. Da in Sperrbezirk noch ziemlich wild durch die Zeit gesprungen wird, kann ich nur erahnen, was an Emotionen oder Bedeutung in bestimmten Situationen steckt. Würde ich es, durch vorherige Episoden, bereits wissen oder mir erschließen können, dann würde das deutlich besser funktionieren. Das kann ich sogar konkret am Epilog festmachen, einer winzigen Anekdote, in der Tobi Dahmen eben jenes Kinderbuch für seine Tochter findet, das für ihn zur Qual wurde, nachdem seine Feldmaus aus der ersten Geschichte starb. Da hast du eine schöne Brücke einmal quer durch den Band, da hast du den emotionalen Kontext und – zack! – schon funktioniert ein Zweiseiter, den ich ansonsten – beispielsweise, wenn diese Zusatzinformation wieder nur über eine Caption an mich herangetragen worden wäre – vermutlich auch als eher banal abgetan hätte.

Sperrbezirk ist mir noch zu wenig stimmig und zu sehr Entwicklungsprotokoll, um den Comic vorbehaltlos empfehlen zu können. Aber mit den wachsenden Fähigkeiten, die man hier für die Zeit von 1999 bis 2011 erkennen kann, und mit dem Wissen, dass seine Autobiographie den Kontext beinhalten wird, der mir hier noch abgeht, ist Sperrbezirk auf jeden Fall eine starke Empfehlung, beim Erscheinen mehr als einen flüchtigen Blick auf Fahrradmod zu werfen.

wertung4

Sperrbezirk.
Neue, erweiterte Ausgabe
von Tobi Dahmen
Zwerchfell, 2011
Softcover, schwarz-weiß, 70 Seiten, 10,00 Euro
ISBN: 978-3928387972

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Abbildungen: © DC Comics und Tobi Dahmen/Zwerchfell

Geschichten aus der verbotenen Stadt

Cover von Geschichten aus der verlorenen StadtWenn ein dem Poetry Slam verhafteter Illustrator einen Comic macht, gehen die meisten Leser wohl erst mal von einem wortgewaltigen Werk aus. Doch Pustekuchen: Diese Erwartungen lässt Patrick Schmitz (unter anderem Organisator des Braunschweiger Poetry Slams) eiskalt ins Leere laufen. Denn sein Erstlingswerk ist erstaunlich still, sogar mucksmäuschenstill: Kein Wort wird gesprochen, kein Text führt durch die Geschichte. Umso genauer muss man betrachten, umso länger verweilt das Auge auf den einzelnen Panels. Das ist ein geschickter Schachzug – zu entdecken gibt es jede Menge. Und wie man später merkt, überlässt der Künstler kaum ein Detail dem Zufall.

Klar, worum es da eigentlich geht, ist es lange nicht. Erst später dämmert es, was es mit dem skelettartigen Protagonisten, der durch Hannover schleicht und in seiner Wohnung herumlungert, und den Ereignissen, die sich immer wieder vor seinem geistigen Auge aufbauen, auf sich hat. Als zweiter Handlungsort kommt dort Braunschweig zum Tragen; beide Städte sind realistisch in die Story eingebaut. Das ist aber nur als Gimmick für Ortskundige anzusehen – dies ist keiner der Comics, deren stärkster (und manchmal einziger) Pluspunkt ihr Lokalkolorit ist.

Seite aus Geschichten aus der verlorenen StadtPatrick Schmitz benutzt eine sehr klare Formensprache, die Graukolorierung wechselt sich mit einer hübschen, kalten Blaukolorierung ab. Dies ist einerseits vom Design her sehr ansprechend und unterstützt die Unterscheidung verschiedener Erzählebenen hervorragend, lässt aber andererseits die Figuren und ihr Handeln steif und unnahbar wirken. Die im Grunde tragische – wenn auch stark vereinfachte – Geschichte kommt nicht an den Leser heran und wirkt dadurch beliebig. Hier macht sich das Fehlen des emotionalen Effekts, den Worte haben können, durchaus negativ bemerkbar.

Seite aus Geschichten aus der verlorenen StadtNeben der reduzierten Kolorierung fällt besonders das ungewöhnliche Format positiv ins Auge. Im kleinen Querformat und mit strenger Zwei-Panel-Aufteilung tanzt der Comic schön aus der Reihe, zudem wirkt er haptisch ansprechend. Gefällt. Ebenso wie die vielen kleinen Extras und Details, die der Künstler in die Geschichte eingebaut hat wie das regelmäßig auftauchende HB-Männchen oder wiederkehrende Motive und Posen, die man zum Teil tatsächlich erst beim zweiten Durchlesen entdeckt. Denn wie es Patrick Schmitz formuliert: „Durch den vollständigen Verzicht auf Worte ist die Handlung komplett frei interpretierbar. Bei jedem erneuten Lesen erschließen sich neue Zusammenhänge, neue Handlungsstränge tauchen auf, Szenen erscheinen in einem anderen Licht.“ Die Idee, eine Art Zeitschleifengeschichte zu erzählen, ist ihm technisch und künstlerisch tatsächlich hervorragend gelungen.


Wertung
: Bewertung: 7 von 10 Punkten

Ein außergewöhnlicher Comic zum Mitdenken, der technisch und künstlerisch auf ganzer Linie überzeugt, erzählerisch aber einen kalten Eindruck hinterlässt


Geschichten aus der verbotenen Stadt
Verlag: Blaulicht Verlag, Juli 2012
Skript und Zeichnungen: Patrick Schmitz (Pottzblitz)
104 Seiten, Grau-/Blaukolorierung, Softcover
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 978-3-941552-17-3
Leseprobe auf der Website des Künstlers

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Abbildungen © Patrick Schmitz

Driver for the Dead

Cover Driver for the DeadHorror hat seit einigen Jahren auch im Comic wieder Hochkonjunktur und das obwohl das graphische Festhalten des Grauens oft den Schrecken nimmt. Im Film sorgen Schocks und Ekel für gruselige Stimmung, in der Literatur die Phantasie, welche durch die Wörter angeregt wird. In Comics ist die Phantasie des Lesers weniger gefragt, da die Bilder vorgegeben sind. Schock und Ekel können vorkommen, aber durch die starren Bilder kann sich der Leser Zeit nehmen, diese länger zu betrachten und so die Wirkung entschärfen. Und wenn die Bilder so sehr gelungen sind wie in Driver for the Dead, macht man das besonders gerne.

Auch die Story kann sich lesen lassen, wenngleich sie auch etwas simpel gestrickt ist. Alabaster Graves, nomen est omen, ist ein Leichenwagenfahrer, der spezielle Aufträge übernimmt. So fährt er etwa einen Vampir zu einem Friedhof und wenn er es nicht bis zum Sonnenuntergang schafft, muss Graves den Vampir nun mal beseitigen. Dementsprechend ist sein Wagen auch gefüllt mit Waffen. Als eines Tages der gute und mächtige Voodoopriester Moses Freeman stirbt, muss Graves aber nicht nur widerwillig dessen Enkelin mitnehmen, sondern wird zudem von einem mächtigen Wiedergänger gejagt, der die Leiche haben will. Fortan muss Graves nicht nur gegen die Zeit ankämpfen, sondern auch gegen Zombies, Vampire, Flüche und Werwölfe.

Seita aus Driver for the DeadWow, dieser Comic gibt aber Vollgas, und zwar nicht nur durch die Story an sich, sondern auch durch verschiedenste Versatzstücke der Popkultur, wobei auch direkte Zitate nicht vergessen werden. Es kommen Assoziationen an Angel Heart hoch und direkte Bildzitate aus Der Exorzist, vieles erinnert an The Transporter. Im Grunde ist Driver for the Dead ein Transporter im Horrorgewand und als Comic. Der Held ähnelt allerdings nicht Jason Statham, sondern Gerard Butler (wie auch im Interview im Anhang angegeben wird, da man in einer Verfilmung den Darsteller gerne in der Hauptrolle hätte), und auch die Figur Moses Freeman erinnert nicht nur vom Namen her, sondern auch optisch, an Morgan Freeman.

Die Story ist Horror und Action pur und besitzt keinerlei Humor. Sie ist düster, atmosphärisch, spannend, fantasieanregend und doch explizit. Es geht geradlinig und brutal zur Sache und ist doch immer spannend. Leider sind die Dialoge manchmal etwas peinlich geraten und so sehr auf obercool getunt, dass es nicht sonderlich zu dem ernsten Thema passen will. Mythen werden übrigens auch nicht vergessen. Der allerstärkste Punkt des Bandes sind aber eindeutig die Zeichnungen, ach was, die Malerei von Leonardo Manco. Nicht nur sind seine Panels sehr filmisch angelegt, was er auch bevorzugt, mit sehr vielen verschiedenen Aufnahmen, Blickwinkeländerungen, Perspektiven, sondern auch so sehr naturalistisch gezeichnet, dass man jeden Schweißtropfen einzeln länger betrachten möchte. Auch die Kolorierung von Kinsun Loh und Jerry Choo ist grandios, da sie weder etwas von den Zeichnungen weg nimmt, sondern ganz im Gegenteil deren Wirkung noch steigert und auch farblich eine einzigartige Atmosphäre schaffen kann. Für Fans von Hellblazer und The Transporter ist dieser Band ein eindeutiger Pflichtkauf. Leser, die keinen Horror mögen, könnten sich immerhin noch von den Zeichnungen gefangen nehmen lassen. Es bleibt nur noch zu hoffen, dass es bald mehr Stories mit dem Driver for the Dead geben wird.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Geradlinig gestrickte Horroraction, die ziemlich blutig und spannend in grandiosen Gemälden daherkommt

 

Driver for the Dead
Splitter Verlag, Juli 2012
Text: John Heffernan
Zeichnungen: Leonardo Manco
Übersetzung: Bernd Kronsbein
168 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-506-9
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Comicgate-Kamingespräch: The Dark Knight Rises

Filmplakat The Dark Knight RisesSeit ein paar Wochen läuft The Dark Knight Rises, die lange erwartete dritte Folge der Batman-Filmreihe von Christopher Nolan im Kino. Im COMICGATE-KAMINGESPRÄCH diskutieren Thomas Kögel, Michel Decomain, Sascha Thau und Marc-Oliver Frisch über Nolans Trilogie im Allgemeinen, den dritten Teil im Speziellen und darüber, wie der Film politisch zu interpretieren ist.

ACHTUNG SPOILER! Dieser Text verrät zahlreiche Details aus dem Film wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte mit dem Lesen möglicherweise noch warten.

[Anmerkung: Die hier festgehaltene Diskussion entspann sich per E-Mail im August 2012.]

 

Thomas: Mit The Dark Knight Rises schließt Christopher Nolan nun also seine Batman-Trilogie ab. Nachdem der Vorgänger The Dark Knight ein immenser Erfolg war, waren die Erwartungen an Teil 3 extrem hoch – bei einigen viel zu hoch, wie ich finde. Wer von diesem Film ein über jeden Zweifel erhabenes Meisterwerk erwartet hat, konnte nur enttäuscht werden. Dass Nolan noch einmal ein Wurf wie The Dark Knight gelingt (zu dessen Gelingen der leider tote Heath Ledger nicht ganz unmaßgeblich beigetragen hatte), war doch von vornherein höchst unwahrscheinlich. Dass also TDKR nicht ganz so große Klasse ist wie sein Vorgänger – okay, damit kann ich leben. Denn misst man diesen Film an anderen Multimillionen-Blockbusterspektakeln aus Hollywood der letzten Jahre, zählt er auf jeden Fall zu den guten.

Ich finde, Christopher Nolan ist es gelungen, dem über 70 Jahre alten Batman-Franchise seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Der Trilogie ist klar und deutlich eine Autoren-Handschrift anzumerken, die sich durch alle drei Teile durchzieht, und der Abschlussfilm bringt Nolans Batman zu einem runden, in sich stimmigen Ende. Das allein ist schon eine Tatsache, die man kaum hoch genug würdigen kann – wer schafft sowas heute noch in Hollywood?

Ja, es gibt viele kleine Einzelheiten in diesem Film, an denen man mäkeln kann (dazu vielleicht später), aber alles in allem habe ich den dritten Teil genauso genossen wie die den ersten und zweiten und bin ziemlich zufrieden aus dem Kinosaal gekommen. Und ihr so?

 

Christopher NolanMichel: Oh doch, ein Meisterwerk hätte man durchaus erwarten dürfen, ganz einfach deswegen, weil Nolan sowohl vor als auch nach The Dark Knight genau das geliefert hatte: The Prestige und Inception waren zwei der innovativsten und sowohl erzählerisch wie auch handwerklich besten Hollywood-Filme der letzten zehn Jahre. Dazwischen die immense Wucht seines zweiten Batman-Films – nach drei Meisterwerken in Folge darf man schon genau das von ihm erwarten, und da The Dark Knight Rises hier gleich auf mehreren Ebenen versagt, finde ich schon, dass ich mehr als enttäuscht sein darf.

 

Thomas: Der Vergleich mit The Prestige und Inception hinkt, denn das sind im Vergleich zur Batman-Trilogie eher Autorenfilme. Sie docken an kein bestehende Franchise an, sie hatten deutlich mehr erzählerische Freiheiten, ein kleineres Budget und deutlich kleinere Einspielerwartungen des Studios. Will sagen: Nolan konnte da viel leichter sein eigenes Ding durchziehen, ihm wurde sicherlich viel weniger von Hinz und Kunz bei Warner Bros. reingeredet als es (vermutlich) bei Batman der Fall ist.

 

Poster The Dark Knight RisesMarc-Oliver: Ich mag Nolans Filme, und ich hab auch kein Meisterwerk erwartet, aber ich hab mich bei The Dark Knight Rises trotzdem über weite Strecken gelangweilt. Da war nichts, was ich auch nur annähernd so interessant fand wie beim zweiten Film, weder vom Schauspielerischen, noch von den Figuren her, noch, was die Ideen oder den Plot angeht. Ich würde TDKR letztlich als lauten, dummen Superheldenfilm einordnen, der sicher im oberen Durchschnitt der lauten, dummen Superheldenfilme anzusiedeln ist, aber dafür manchmal auch überraschend dumm.

Die etwa halbe Stunde, in der Wayne gefangen ist, während Bane Gotham kontrolliert, fand ich sehr spannend. In dieser Zeit hatte ich wirklich die Hoffnung, dass Nolan vielleicht was Neues macht, aus dem Muster ausbricht und ohne glorreiche Rückkehr „Batmans“ (wenn auch sicher nicht Waynes) auskommt. Dass die kostümierte Gestalt dann nochmal auftaucht mit all ihren Mätzchen, die Nolan vorher bereits diskreditiert und lächerlich gemacht hat, ist zwar verständlich aus der Sicht eines tüchtigen Konzerns wie Warner, aber nicht aus der eines Erzählers. Und die abgedroschene und lustlose Nummer mit der Bombe am Schluss ist peinlich. Haben die einen Tag vor Dreharbeiten gemerkt, dass noch ein Schluss fehlt? „Hey, lasst mich das Ding einfach an meinen Flieger binden, und dann weg hier“? Ach du liebe Zeit, wie schlecht.

Hathaways Figur ist insgesamt ein klassischer Katalysator für den Plot – immer, wenn der irgendwie ins Stocken geraten könnte, wird sie von einer Seite engagiert, die Geschichte voranzutreiben. Und ich gehöre auch zu den Leuten, die Banes Stimme geil finden (hab die englische Originalversion geschaut, wohlgemerkt; keine Ahnung, wie die Synchro ist), es aber für eine unfassbar dumme Entscheidung halten, Tom Hardys Gesicht mit so einer Maske zu überdecken. Insgesamt schauspielerisch eher Dienst nach Vorschrift, würde ich sagen.

 

Szene aus The Dark Knight RisesMichel: Im Kern kann man sagen, dass TDKR an denselben Mängeln krankt, wie sie auch die Vorgängerfilme durchaus schon hatten, diese aber ins Extrem übersteigert. Da wäre zum einen die vollkommen überladene Handlung, die einfach zuviel in einen Film packen will und sich gleich auf mehreren Erzählebenen durch Dutzende von Plotpoints hangelt, ohne einen wirklich roten Faden in der Handlung zu finden. Vieles bleibt davon dann einfach links liegen, wie die völlig verschenkte Catwoman. Batman Begins wurde durch die Heldwerdung des Protagonisten vereint, The Dark Knight natürlich durch die kolossale Performance von Heath Ledger (denn, ganz ehrlich, viel mehr hat der Film darüberhinaus nicht zu bieten). Im letzten Teil fehlt dieses einende Element, und das zerfaserte Plotchaos mit den teils wirklich absurden Handlungsumschwüngen, Logikfehlern und Plotlöchern tritt überdeutlich zu Tage. Ein paar Szenen sind durchaus spannend, aber es sind eben nur ein paar Szenen, was auf 164 Minuten Laufzeit etwas wenig ist – kein Vergleich zum Vorgänger, da war der Film als Ganzes spannend.

Und weil einen der dritte Film nicht dauerhaft fesseln kann, fängt man schon während des Films an, sich darüber Gedanken zu machen, was man da eigentlich vorgesetzt bekommt. Dann fällt einem möglicherweise auch ein, was für ein faschistischer Dreck da erzählt wird, und – schlimmer! – man realisiert, dass die Vorgängerfilme im Kern ebenfalls schon ziemlich faschistisch waren, man es da aber irgendwie noch nicht bemerkt hat, ganz einfach weil das Thema da auch irgendwie differenzierter angegangen wurde. Schauen wir und das mal chronologisch an:

In Batman Begins erkennt Bruce Wayne, dass er am besten für Recht und Ordnung in Gotham City sorgen kann, wenn er Angst als Waffe einsetzt. Er errichtet also eine außergesetzliche Terrorherrschaft. Nur können wir uns damit abfinden, weil sich der Terror (überaus effektiv) gegen die vermeintlich Bösen und Kriminellen der Gesellschaft richtet. Tatsächlich ist das im Kern aber nicht sehr weit entfernt von SA-Schlägertruppen, nur dass es halt „die Richtigen“ trifft. Im ersten Teil beginnt auch bereits Batmans problematische Verbindung zur Polizei von Gotham City, die ihm durch Gordon Rückendeckung verleiht – in diesem Kontext eine überaus problematische Verbindung, die aber nirgends in der Trilogie hinterfragt wird und im dritten Teil eine wirklich haarsträubende Coda erfährt. Aber dazu später mehr.

Im zweiten Teil haben wir dann zum einen die außergesetzliche Extraktion eines ausländischen Staatsbürgers, um ihn der heimischen Gerichtsbarkeit zu überführen – ein natürlich völlig illegales Vorhaben, was, wie Noah Brand schon beschrieb, dramaturgisch keineswegs nötig gewesen wäre. Batman richtet sich dann nebenbei ein Überwachungssystem ein, bei dem jeder Geheimdienst der Welt leuchtende Augen bekäme und dass gegen sämtliches Rechtsempfinden verstößt, aber das ist schon irgendwie in Ordnung, schließlich ist er ja der Batman und wird das schon nicht missbrauchen. Und natürlich führt seine totalitäre Überwachungstechnik zur Aufspürung des gemeinen Terroristen, also war das wohl schon gut und richtig so. Wer nichts zu verbergen hat, braucht ja auch die Überwachung nicht fürchten.

Und dann ist da noch der Joker, der als Anarchist und Antagonist natürlich klar links kodiert ist. Sein Anarchismus hat zwar mit tatsächlichen politischen Anarchismustheorien nicht das Geringste zu tun, aber seine Handlungen haben dennoch immerhin einen philosophischen Kern, geht es ihm doch darum, das scheinbare System von Ordnung und Sicherheits Gothams durch das Einfügen des Elements des Chaos zu hinterfragen. Natürlich können Recht und Ordnung am Ende siegen, unter anderem dadurch, dass sich Batman neben Gordons Exekutive auch noch Dents Judikative einverleibt. Und als Dent, vom Chaos infiziert, aus dem Triumvirat fällt, wird durch den Symbol-Dent, den Batman und Gordon erschaffen, durch den Dent Act, der dann im letzten Film eine wichtige Rolle spielt, auch noch die Legismative übernommen. Gordon, mittlerweile zum Polizeichef aufgestiegen, vertieft seinen Geheimbund mit Batman und fügt der außergesetzlichen Rechtsinstanz noch das Element der Lüge zum vermeintlichen Wohle der Allgemeinheit zu.

Und das alles kulminiert dann in The Dark Knight Rises. Der Dent Act hat Gotham mittlerweile in Batman/Gordons privates Guantanamo Bay verwandelt. Zu was genau die Exekutive sich hier berechtigt hat, hält der Film zwar im Vagen, aber durch die Blume bekommt man schon irgendwie vermittelt, dass wir alle in Frieden leben können, wenn man mal auf Verdacht hin alles einbuchtet, was so aussieht, als würde es Recht und Ordnung gefährden. Dieser Dent Act und Gordons exekutive Allmacht werden dann zerstört, indem Bane ein (natürlich handgeschriebenes) Geheimdokument Gordons enthüllt, was natürlich Gotham in den Untergang zu stürzen droht. Bane, der Whistleblower, zeigt uns Zuschauern hier also auf, welche Gefahr uns durch böse Buben wie Julian Assange droht. Und anscheinend wollen uns die Nolans (die Brüder schrieben das Drehbuch gemeinsam) hier wirklich sagen: Lasst den Machthabern ihre Geheimnisse! Die wissen schon, was richtig für uns ist!

Szene aus The Dark Knight RisesÜberhaupt, Bane: Man kann die Figur gar nicht anders lesen denn als Karikatur eines linken, totalitären Diktators, die uns vor Augen führt, was den Amerikaners droht, sollten die bösen Commies doch mal irgendwann an die Macht gelangen. Bane wirft mit Phrasen um sich wie „Ich tue nichts anderes, als die Macht wieder in die Hand des Volkes zu legen“. Als überzeugter Bankenkritiker zerschlägt er das Finanysystem Gothams, was aufrechte, wenn auch etwas außergesetzliche Multimilliardäre wie Bruce Wayne plötzlich völlig wehrlos zurücklässt. Man merkt schon, neben Wikileaks bekommt hier auch die finanzkritische Occupy-Bewegung kräftig ihr Fett weg.

Banes alternatives Rechtssystem ist natürlich auch herrlich: Zuerst werden alle politischen Hältlinge befreit, die natürlich ausnahmslos grobschlächtige Kriminelle, Vergewaltiger und Mörder sind. Als obersten Richter setzt man ausgerechnet Scarecrow ein, um arbiträre Todesurteile zu vollstrecken, die zum Zeitpunkt der Anklage bereits feststehen, wobei Bane als wahrer Schattenherrscher immer mit im Gerichtssaal steht und aufpasst, dass auch ja keiner aufmuckt.

Und das alles kann man, im Gegensatz zum Joker des Vorgängers, nicht mal als wirkliche differenzierte Politparabel ansehen, denn Politik ist ja gar nicht Banes Motiv, da er am Ende eh alle in die Luft jagen will! Der dreimonatige pseudokommunistische Albtraum, den Bane errichtet, ist also vollkommen sinnlos. Und an der Stelle frag ich mich dann wirklich, wozu die Nolans Bane dann so stark mit linken Klischees aufladen, wenn es offensichtlich nicht um eine politische Analyse geht, sondern nur darum, den Bösewicht wirklich böse aussehen zu lassen? Im Gegensatz zum Joker ist Bane also gar kein Anarchist, er ist einfach nur ein Massenmörder, den Nolan mit linken Klischees auskleidet. An dem Punkt hat der Film dann einfach den Schritt zur Propaganda überschritten. Batmans Sieg über Bane am Ende rechtfertigt all seine faschistischen Handlungen in den Vorgängern, und das ruiniert rückblickend nicht nur TDKR, sondern die komplette Trilogie.

tdkr11Man beachte zum Beispiel, dass Alfred Bruce im zweiten Teil noch die Trennung androht angesichts dessen allmächtiger Überwachungseinrichtung. Als er dann aber in TDKR wirklich mit ihm bricht, tut er das nicht wegen Batmans aus dem Ruder geratenen Rechtsdrall, sondern weil er um dessen Leben besorgt ist. Und schwupps wird Alfred, das ehemalige menschenrechtliche Bewusstsein der Trilogie, komplett entpolitisiert und damit auch aus dem Film gestrichen. Nichts steht jetzt der Auferstehung Batmans als faschistischer Übermensch mehr im Wege.

Und wie das dann aussieht, zeigt uns das Finale von TDKR: Batman befreit die 3000 von Bane unter der Erde eingesperrten Polizisten, die nach dreimonatiger Verschüttung natürlich noch hochmotiviert und perfekt herausgeputzt aufmarschieren. An dieser Stelle wusste ich nicht mehr, ob ich jetzt lachen sollte, weil das so grenzenlos bescheuert ist – ich meine, die wurden drei Monate lang offensichtlich nur durch Blake durch einen Gulli versorgt! 3000 Mann! Wer schon mal verfolgt hat, was für eine logistische Meisterleistung es ist, eine Handvoll Verschütteter be einem Grubenunglück ein paar Tage am Leben zu erhalten, kann an der Stelle nur noch den Kopf gegen die Wand schlagen. Und dann ziehen die alle in den Kampf, als wäre nichts gewesen. Oh Mann oh Mann oh Mann …

Richtig schlimm wird’s aber dadurch, dass diese Polizisten dann ihrem Führer Batman in die Schlacht gegen Banes Commie-Terrortruppe folgen, und – ich weiß nicht mehr, ob ich das wirklich richtig in Erinnerung habe, aber Batman sagt dann glaube ich zu Gordon (vielleicht war’s auch für ihn stellvertretend Blake): „You’ve given me an army“ und führt seine Truppen „to war“. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Batman, die außergesetzliche Selbstjustizmaschine, erhält vom Chef der Exekutive in dessen Einvermehmen seine gesamten Truppen unterstellt und führt diese dann als einzelne Führungsperson in den Krieg. Und der Film ist nicht nicht mal zu schade, diesen militärisch-autoritaristischen Albtraum auch genau so zu bezeichnen und in einem völlig bekloppten Straßenfaustkampf natürlich dann noch ohne Ende abzufeiern. Spätestens an dem Punkt bekam das zentrale „Rise“-Motiv des Films dann einen wirklich bitteren Beigeschmack bei mir. Heil Batman!

Nun könnte man sagen, okay, Batman mag ein Faschist sein, aber er zieht sich ja am Ende zurück, anders als man das von einem rechten Machthaber erwarten würde. Dabei übersieht man aber, dass Batman und Gotham City im Film dramaturgisch gleichgesetzt werden. Das merkt man daran, dass Bane Batman foltert, indem er Gotham foltert, und dass er Gotham bricht, indem er Batman bricht. Und Batmans finales „rise“ wird natürlich auch zu Gothams „rise“. Am Ende hat Batman Gotham unter sich homogenisiert. Er kann sich also zurückziehen, weil Gotham schon genauso geworden ist wie er. Er wird nicht mehr benötigt. Und für alle Fälle gibt es ja noch Gordon und Blake, wobei letzterer am Ende klar als Bruce Waynes Nachfolger aufgebaut wird. Gotham ist also vorbereitet, sollte sein autoritaristisches Rechtssystem einmal wieder in Frage gestellt werden.

Szene aus The Dark Knight RisesNolan inszeniert seine Glorifizierung der politischen Rechten natürlich geschickt als ästhetisiertes Unterhaltungskino, was die propagandistische Grundhaltung seines Machwerks geschickt vertuscht. Dafür benutzt er besonders seine ungemein charismatischen Darsteller, insbesondere bei Gordon, den man allein schon deswegen toll findet, weil er vom sympathischen Gary Oldman gespielt wird, auch wenn seine Handlungen eigentlich mehr als fragwürdig sind.

Aber letztendlich hat TDKR damit mehr mit den frühen Arbeiten Leni Riefenstahls gemeinsam, als uns allen lieb sein kann. Ich bin ehrlich gesagt wirklich schockiert aus dem Kino gekommen. Hollywood galt in den letzten Jahren noch als politisches Gegenbewusstsein der konservativen Strömungen in den USA. Mit dem Abtritt Bushs scheint da irgendwie das Feindbild und die Motivation weggebrochen zu sein, und in die Lücke schleicht sich jetzt, insbesondere durch die Superhelden-Filme, ein gewaltiger Rechtsruck in die amerikanische Unterhaltungsindustrie. Bei den Avengers gab’s dahingehend ja auch schon Ansätze, schaut man sich zum Beispiel mal an, was für ein Gedankengut Nick Fury den ganzen Film lang verbreitet.

Siegfried Kracauer hat in seinem kurz nach dem zweiten Weltkrieg verfassten Buch „Von Caligari zu Hitler“ untersucht, wie sich Deutschlands Weg in den Faschismus an der Filmgeschichte der Weimarer Republik bereits filmästhetisch vorweg angekündigt hat. Er kritisiert dabei unter anderem auch Filme wie Metropolis dafür, wie sie das Individuum untergraben und die Menschen zu einem ästhetisierten Massenornament stilisieren. Das gleiche passiert auch in The Dark Knight Rises, indem die Bürger Gothams als Menschen nicht mehr vorkommen, nicht mehr handeln, sondern nur noch gehandelt werden – erst von der totalitären Unterdrückung Banes, dann durch die faschistische Erhebung Batmans. Da TDKR in seiner Hasspredigt gegen fremdes, subversives und „gefährliches“ Gedankengut noch wesentlich unverholener ist, und dieses Element sich anscheinend gerade zu einem Merkmal des erfolgreichen US-amerikanischen Blockbuster-Kinos entwickelt, sollten wir wohl in Zukunft sehr genau darauf achten, wohin die Reise in Hollywood und der amerikanischen Gesellschaft geht.

 

Thomas: Bäng! Damit fährst du gleich mal schweres Geschütz auf: 12.677 Zeichen! Nun, ich kann deine Interpretation durchaus nachvollziehen, sie ist ja auch mit genügend Beispielen unterfüttert. Batman ist jemand, der abseits des Gesetzes auf seine Weise für Recht und Ordung eintritt. Das ist nicht Nolans Erfindung, das ist einfach der goddamn Batman (in den Comics wohl am deutlichsten bei Frank Miller zu erkennen). Trotzdem denke ich, dass du dich da zu sehr in eine Sichtweise hineinsteigerst. Ich halte es für eine der großen Stärken von Nolans Trilogie, dass sie mehrere, verschiedene Sichtweisen zulässt und sich auf verschiedene Weisen interpretieren lässt.

Szene aus The Dark Knight RisesIch kann und will nicht ebenfalls mit 12.000 Zeichen zurückschlagen, sondern gebe hier nur ein paar kleinere Einwände zum Besten: Ich bin zum Beispiel nicht der Ansicht, dass TKDR den totalen Überwachungsstaat, der jeden potentiellen Verbrecher auf Verdacht einbuchtet, als Ideal propagiert. Der ganze Film handelt doch davon, dass genau das eben auf Dauer nicht funktioniert. Dieser Status Quo stand die ganze Zeit auf wackeligen Beinen, bricht durch Bane zwangsläufig zusammen und wird am Ende auch nicht 1:1 wiederhergestellt. Deine Interpretation ist, dass der Film uns sagt „seid brav, muckt nicht auf, lasst den Machthabern ihre Geheimnisse und alles bleibt gut“. Meine ist, dass der Film uns sagt „wenn wir den Machthabern nicht genau auf die Finger schauen, drehen die ihr eigenes Ding und das ist sehr gefährlich“.

In der Figur des Terroristen Bane stecken zweifellos einige linke Klischees, da gebe ich dir Recht. Der Film ist aber nicht einfach nur auf diesen Zweikampf Bane vs. Batman, links gegen rechts, zu reduzieren. Er ist vielschichtiger. Man sollte hier die Figur der Miranda Tate nicht vergessen, die sich gegen Ende als der eigentliche Bösewicht des Films entpuppt. Und wie ordnen wir die denn ein? Doch sicher nicht als linkes Klischee, eher im Gegenteil: Miranda Tate ist die Täterin in Nadelstreifen, ein Wirtschaftsboss, der Macht nicht durch rohe Gewalt erlangt und erhält, sondern durch Strippenziehen. Sie spielt ein falsches Spiel, verschleiert ihre Identität, verführt den Helden und kennt allgemein keine Skrupel beim Verfolgen ihrer Interessen. Sie ist mithin genau eine jener 1%, gegen die sich Occupy und ähnliche Bewegungen richten. Kann man da wirklich noch behaupten, der Film propagiere eine einseitige, rechtskonservative bis faschistische Haltung?

Nolan macht es uns eben nicht so einfach. Kann aber natürlich auch sein, dass ich ein Opfer seiner Riefenstahl’schen Inszenierungskunst geworden bin und mich von seiner Propaganda habe verführen lassen …

 

Marc-Oliver: Nein, das glaube ich nicht, Thomas. Ich finde auch, dass Michels Analyse gleichermaßen zu einfach und zu speziell ausfällt, um mich wirklich zu überzeugen. Über Riefenstahl’sche Ästhetik können wir beispielsweise gerne bei Zack Snyder diskutieren, aber bei Nolan finde ich das zu weit hergeholt, ebenso wie vieles anderes in Deiner Analyse.

Szene aus The Dark Knight RisesWas die politische Dimension von Nolans Trilogie angeht, fällt mir zunächst auf, wie sich das Milieu in Gotham City verändert. In Batman Begins ist die Stadt ein praktisch von der Mafia regierter Sündenpfuhl der Korruption, als Batman auftaucht. In The Dark Knight fängt das Ganze dann – unter Batmans fleißiger Mithilfe – langsam an, zum Polizeistaat zu kippen. Am Anfang von The Dark Knight Rises ist dieser Polizeistaat dann so fest installiert, dass Batman schon länger gar nicht mehr gebraucht wird. Und in dieses Milieu, das das Gegenteil des ersten Films darstellt, stößt dann Bane, stilisiert sich abwechselnd als Occupy-Sympathisant und Anarchist, und schafft der unterdrückten Bevölkerung ein Ventil dafür, sich aufzulehnen und die bestehende Ordnung komplett außer Kraft zu setzen – was, wie sich bald herausstellt, auch wieder nicht das Gelbe vom Ei ist, denn Bane ist nicht unbedingt ein Mann des Volkes.

Kurz gesagt: Nolan benutzt Gotham als Reagenzglas, in dem er politische Planspielchen durchführen und sehen kann, wie sich ein „einsamer Rächer“, der außerhalb des Gesetzes steht, mit verschiedenen Gesellschaftsformen verträgt. Im ersten Film ist das eine müde und marode gewordene, von der Korruption zerfressene Demokratie; im zweiten Film wird daraus ein von Hardlinern gelenkter Überwachungsstaat; und im dritten Film folgt dann die Revolution im Namen des Volkes, die sich – als der Staub sich gelegt hat – mal wieder als Deckmantel für den nächsten absoluten Monarchen entpuppt, nämlich Bane.

Die Rolle Batmans verändert sich dabei am Ende jedes Films und wird dabei durch die vorausgehenden Ereignisse informiert und entsprechend modifiziert. Am Ende von Batman Begins ist Batman der klassische maskierte Held, der mal so richtig aufräumt – dass er außerhalb des Gesetzes steht, wird da noch gern in Kauf genommen. Am Ende von The Dark Knight dann haben wir dank des Jokers „gelernt“, dass „außerhalb des Gesetzes“ nicht unbedingt positiv sein muss; Batman greift hier zu fragwürdigen Mitteln, seine Rolle kippt am Ende ins Gegenteil – er wird zur gejagten Figur, deren Methoden die Gemüter spalten. Am Ende von The Dark Knight Rises schließlich erkennt Wayne, dass ein kostümierter Privilegierter wie er nicht die Lösung sein kann: Er kann ja nicht aus seiner Haut, und wenn er sein Ding durchzieht, dann führt das über kurz oder lang immer wieder zum Joker, zum Polizeistaat, zu Bane.

Szene aus The Dark Knight RisesNur, weil er das erkennt, setzt Wayne sich zur Ruhe und überlässt die Maske einem wahren Mann aus dem Volk – nämlich Robin Blake, der in seinem Leben nie privilegiert war, beide Seiten der Medaille kennt und die Batman-Rolle anders interpretieren wird. Nolan – und da schließe ich mich wieder Thomas an – repositioniert Batmans Rolle hier grundlegend: Er soll nicht mehr der einsame Rächer sein, der außerhalb des Gesetzes steht, sondern eine Chiffre für jeden einzelnen Bürger, denn nur eine dauerhaft lebendige, offene und wachsame Zivilgesellschaft kann das Milieu verhindern, das wir im allerersten Films vorfinden.

Darum macht Batmans Identität plötzlich auch so inflationär die Runde, und am Ende ist es kaum noch von Belang, dass Gordon sie erfährt. Es soll schlicht keine Rolle mehr spielen, wer hinter der Maske steckt. Das alles, finde ich, ergibt ein spannendes und faszinierendes Planspiel, auch, wenn die Feinmechanik an der einen oder anderen Stelle knirscht. (Und wie dieser Everyman-Batman dann konkret operieren soll, ohne wieder zum Outlaw-Batman zu werden, wäre wohl auch eine Herausforderung, aber das muss ja nicht Nolans Problem sein.)

Diese ausgedehnte und erstaunlich differenzierte Aufarbeitung eines konkreten Themas, die am Ende nicht nur die berühmten Fragen, sondern sogar eine Lösung zu bieten hat, ist bemerkenswert, nicht nur für einen Action- oder Superheldenfilm. Das ist es, was Nolans Batman-Trilogie für mich vom Rest des Genres abhebt. Der Mann hatte wirklich was zu sagen, und er hat es – den Umständen entsprechend, die bei solchen Produktionen nie günstig sind – unterm Strich verblüffend gut durchgezogen und zu einem befriedigenden Abschluss gebracht.

 

Szene aus The Dark Knight RisesSascha: Was die von Michel monierten Plotfehler und Logiklöcher angeht: Ich würde, wie Thomas, gerne nochmal auf Anfang zurück gehen. Wir haben es hier mit Actionfilmen zu tun und die dienen vorrangig erstmal der Unterhaltung, siehe auch Zurück in die Zukunft und ähnliches. Da gibt’s selten 1a-Logikurkunden. Zumal man dazu sagen muss, dass Nolan selten Wert auf die totale Logik in seinen Filmen legt, sondern eher der emotionale Filmemacher ist. Viele Szenen sind so angelegt, dass sie eher ein Gefühl widerspiegeln … und dann bricht man auch mal mit der Logik, aber so ist das eben mit Filmen – man kann sie machen, wie man will. Will man ’ne durchgängige Logik, macht man eben Dokumentarfilme, das hat nicht nur Hitchcock so gesehen. Hier mal ein Beispiel für eine emotionale Szene: Die Szene, als Bruce Wayne im belagerten Teil von Gotham auftaucht … niemand wundert sich darüber, dass er erst jetzt auftaucht. Warum? Poltloch? Logikfehler? Nein. Das zeigt einfach nur: Batman ist zurück oder auf englisch: The Dark Knight Rises. Ein rein emotionaler Punkt, der hier gesetzt wird, und das begreifen auch die Umstehenden, denen Bruce Wayne gegenüber tritt. Insofern würde ich mich da nicht zu sehr in wortwörtliche Details verzetteln, die Übersetzung könnte grob schief gehen.

Für mich hat der dritte Teil erstmal ein ziemliches Timingproblem und das meine ich handwerklich. Ich habe weder am Anfang das Gefühl, dass acht Jahre vergangen sind, noch am Ende das Gefühl, dass wir hier gerade drei Monate Bane-Belagerung erleben. Dazwischen wird dann der Heilungsprozess und Batmans Flucht aus dem Brunnengefängnis gezeigt. Na was denn sonst noch? Im Endeffekt waren das zwei oder gar drei Filme in einem und jedes mal dachte ich: da muss ich erstmal noch genauer drüber nachdenken, was das alles soll, aber nicht jetzt, denn gerade fängt schon wieder was Neues an.  Daher verstehe ich nicht, wie man einem Film Überladung vorwirft und sich dann „weil es ja so langweilig“ ist, sich noch währenddessen Gedanken über den Film machen kann? Ich finde, man sollte da schon die Geduld aufbringen, um erstmal das eine fertig zu bringen, bevor man mit dem anderen anfängt, aber das nur anbei.

Szene aus The Dark Knight RisesUnd zum anderen ist mir das mit der Bombe zu ähnlich zum letzten Teil. Okay, damals musste man die moralische Entscheidung treffen – was ich sehr interessant fand. Hier ging’s eben darum, die richtige Bombe zu finden (während sie zehnmal hätte hochgehen müssen, aber is ja ’n Unterhaltungsfilm). Irgendwie nicht so anders zum letzten Teil … aber leider nur ein Drittel so spannend bzw. eigentlich gar nicht spannend.

Catwoman fand ich auch verschenkt, aber da bin ich wieder Comiclesernerd. Ich fand Frau Hathaway toll, aber das hätte auch irgendwer sein können. Zum einen war sie (mir) zu eigenwillig interpretiert (bzw. es kam kaum das „Ja-das-ist-Catwoman-Gefühl auf“, obwohl alles da war), zum anderen wurde sie bis auf zwei, drei Punkte fast völlig vom Plot platt gewalzt. Man hätte sie mit zwei, drei Kniffen auch weglassen können, was auch schade wäre, aber ja, der Film ist wirklich überladen – oder anders, Nolan hat nicht alles wirklich in Linie bringen können. Die Kanten sind nicht geschliffen.

Ich finde zudem Thomas‘ Definition von Miranda Tate sehr treffend … in diesem Sinne sind alle anderen, inklusive Wayne und Bane (sagen wir mal, sie sind wirklich Posterboys für Rechte und Linke), eben auch nur Marionetten. Der eine unfreiwillig, der andere ganz bewusst – am Ende läuft es eben darauf hinaus, dass sich beide in den Dienst einer gewissenlosen Managerin stellen, die nur für ihre eigenen Ziele kämpft und das mit allen Tricks welche sie hat. Wenn das so gewollt ist und wir hier nicht massiv überinterpretieren: mein Applaus. Finde ich schon ziemlich elegant.

 

Michel: Bei eurer Interpretation von Miranda Tate muss ich allerdings scharf widersprechen. Die ist nämlich weder Kapitalistin noch Managerin, das ist ja alles nur Tarnung ihrerseits. Schließlich geht es ihr einerseits überhaupt nicht ums Geld, sondern, ganz der Papa, bloß ums Alles-in-die-Luft-jagen. Und ihr ganzer Reichtum ist ja, ähnlich wie bei Bruce Wayne, auch nirgends als das Problem an sich aufgemacht, das sie jetzt korrumpiert hätte. Vielmehr tritt sie als selbstlose Wohltäterin, quasi als Kapitalistengutmensch, auf, und dadurch erkauft sie sich das Vertrauen Bruce Waynes und des Zuschauers. Wenn sich dies dann alles als Fassade entpuppt, streift sie sich die Maske des Guten wie auch des Finanzmoguls ab. Es ging ihr nie um Geld oder Profit. 

Für ihre „wahre“ Natur spielt das alles keine Rolle. Es wird ja auch mehr als deutlich, dass sie als Intrigantin zwar die Extreme Bane und Batman manipuliert, das aber in keinster Weise aufgrund ihres finanziellen Status, sondern ihres Charismas. Letztendlich stellt sich da auch die Frage: Wenn Bane nur ihr Handpüppchen ist, warum lässt Nolan sie diesen dann als linke Diktatorenkarikatur aufmarschieren? Diese politischen Klischees spielen für die Handlung überhaupt keine Rolle, werden aber trotzdem ausschöpfend bedient, und da kann ich das einfach nicht anders auffassen, als dass es Nolan dabei um die Propaganda ging.

Szene aus The Dark Knight RisesUm Saschas Verwirrung noch kurz aufzuklären: Ich sagt nicht, dass mir während TDKR langweilig war, aber dass mich der Film aufgrund der von dir ja auch angefügten Timingprobleme einfach nicht genug gepackt hat, um so richtig in ihn einzutauchen. Irgendeine absurde Wendung haut einen ständig aus der Story, und dann fängt man eben an, nebenbei auf Details zu achten. Also ich kann das jedenfalls. Kann auch durchs Filmwissenschaftstraining kommen, da muss man nach einer Sichtung immer schon analytisch mitreden können.

Und bei den Details fallen einem dann auch Sachen auf, wie dass man Catwomans Kostüm, auch wenn es total sexy ist, nie wirklich gut ausgeleuchtet zu Gesicht bekommt. Was den Film natürlich gleich um mindestens zwei Ebenen schlechter macht!

Aber mal im Ernst: Dass ihre Rolle so schwach ausfällt, liegt nicht nur an der überladenen Handlung. In Batman Returns hatte sie auch nicht mehr Screentime. Es hängt eher damit zusammen, dass die moralisch völlig glattgebügelt wurde. Die Rolle des Anarchisten war eben schon durch den Joker vergeben, da konnte man sie nicht mehr als Gegengewicht zu einem skrupellosen Industriellen inszenieren, wie Tim Burton das in seinem Film getan hat. Da hat sie noch aus Spaß Kaufhäuser in die Luft gejagt. Nolans Catwoman würde so etwas nie tun. Stattdessen hat sie ihr Herz jetzt am rechten Fleck und für jede ihrer Handlungen eine Motivation: erst Selbstschutz durch eine neue Identität (selbst ihr Verrat an Batman geht ja so irgendwie okay); schließlich tut sie natürlich auch noch das Richtige und rettet den Batman in letzter Sekunde. Weil sie ein schlechtes Gewissen hat. Autsch! Von der unberechenbaren Katze bleibt bei Nolan nicht viel. Er hat ihr die Krallen gezogen, und was bleibt, ist eine ziemlich schwache Figur.

 

Szene aus The Dark Knight RisesThomas: Ich mochte diese Catwoman ja sehr gerne, muss ich sagen. Eine tolle Figur, die auch wenigstens ein kleines bisschen Humor und Augenzwinkern in diesen sonst so schwermütig-ernsthaften Film gebracht hat. Leider trägt sie zur Handlung nichts Gravierendes bei, das stimmt. Sollte jemand ein Spin-Off mit Frau Hathaway in der Titelrolle planen, möchte ich dafür schon mal ein Ticket reservieren. 

Ansonsten schließe ich mich Marc-Oliver an: Nolan hat hier drei Filme abgeliefert, die eine für das Genre nicht gerade übliche inhaltliche Tiefe mitbringen. Allein die Tatsache, dass wir hier so wortreich über die Filme diskutieren können, spricht schon für ihre besondere Qualität. Wenn eines Tages der bestimmt unvermeidliche nächte Batman-Reboot ins Kino kommt, darf es dann aber gerne wieder etwas leichter und beschwingter, humorvoller und poppiger zugehen, wenn’s nach mir geht.