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Cäsar Gesamtausgabe

Cover Cäsar GesamtausgabeIm Reigen der Gesamtausgaben hat es auch dieser Klassiker der Funny-Strips zu einer Wiederveröffentlichung gebracht. Cäsar von Maurice Tillieux (Jeff Jordan) wurde ab 1959 in Le Moustique und Spirou abgedruckt und wurde durch Rolf Kauka auch bei uns bekannt. Die aktuelle Gesamtausgabe von Ehapa baut allerdings auf den späteren Alben von Comicplus auf (Eckart Sackmanns Übersetzung wurde beibehalten).

Enthalten ist neben allen 299 Strips auch massig Bonusmaterial: Redaktioneller Begleittext, Cover, Originalseiten, Bastelbögen. Alles was Tillieux rund um Cäsar angefertigt hat, findet sich hier wieder. Naja, zumindest fast. Die Kollegen vom Comic Report haben tatsächlich noch eine Auftragsarbeit für die Firma Kodak gefunden, die im Integral nicht abgeduckt wurde. Die entsprechende Seite findet man (sogar in deutscher Übersetzung) hier.

Seite aus Cäsar GesamtausgabeWorum es in den sich über je eine Seite erstreckenden Gags geht, ist schnell umrissen. Cäsar ist Comiczeichner, Junggeselle und fährt einen Oldtimer. Nebenbei muss er auf die pfiffige (und nervige) Effi aufpassen, die kleine Tochter des lokalen Wachtmeisters. Aus dieser Konstellation und einigen wenigen zusätzlichen Nebenfiguren ergeben sich die mal mehr, mal weniger lustigen Situationen. Tillieux‘ Strich ist klar und ausdrucksvoll. Die Zeichnungen des Belgiers transportieren in einem klassischen frankobelgischen Funny-Stil perfekt die Situaltionskomik, auch wenn nicht jede Pointe überragend ist und manche Geschichten auch ein wenig antiquiert wirken. Insgesamt kann das den guten Eindruck jedoch nicht trüben. Cäsar ist mit seinen gut 340 Seiten ein Garant für einige unterhaltsame Leseabende.

Neben dem umfangreichen Bonusteil ist auch die Aufmachung des Bandes lobend zu erwähnen. Ehapa hat sich vom Außendesign an der bereits vorliegenden Gesamtausgabe von Jeff Jordan orientiert und auch das gleiche raue Papier verwendet, was den Jahrzehnte alten Zeichnungen auch gerecht wird.

Die ultimative Cäsar-Ausgabe ist also ein sehr zu empfehlendes Werk, sowohl für Neuleser als auch für Sammler.

 

 


Wertung
: 8 von 10 Punkten

Umfangreiche Gesamtausgabe mit allem, was man zu dieser Funny-Serie braucht

 

Cäsar Gesamtausgabe
Ehapa Comic Collection, November 2011
Text und Zeichnungen: Maurice Tillieux
Übersetzung: Eckart Sackmann
340 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-3493-0

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Links der Woche: Mit alten Damen, Gartenzwergen und Superhundekacke

Unsere Links der Woche, Ausgabe 26/2012:

„An jeder Ecke waren Altnazis“
Spiegel Online, Anne Haeming
Ein Interview mit der Karikaturistin Marie Marcks zu ihrem Neunzigsten Geburtstag.

There’ll be some changes made: Comics in den kommenden Zeiten
Der Comic im Kopf, Frank Plein
Im Blog zu seinem (frisch erschienenen!) Buch Der Comic im Kopf sinniert Frank Plein alias Spong darüber, wie sich das Medium Comic in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Zum Boom der „Graphic Novels“ schreibt er: „Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass viele gestandene Comiczeichner wegen ihrer Vorurteile gegenüber dem Begriff Graphic Novel an dieser Entwicklung nicht teilhaben werden, während alle möglichen Figuren aus dem ‚ernsthaften‘ Kunstbetrieb eine Graphic Novel zurechtkrakeln, die dann durch die Feuilletons gereicht und gefeiert wird.“

Wave and Smile: Comics ziehen in den Krieg
Informationsstelle Militarisierung e.V., Michael Schulze von Gasser 
Eine umfangreiche Studie (8 Seiten, PDF) für die Informationsstelle Militarisierung, ein politisch linksgerichteter, antimilitaristischer Verein, analysiert unter dem Titel Das gezeichnete Schlachtfeld Arne Jyschs Comic Wave and Smile und zieht ein sehr kritisches Fazit.

Biss hierhin und nicht weiter!
1LIVE, Sarah Burrini
Die „Chronik einer tragischen Romanze“ zwischen den Twilight-Stars Kristen Stewart und Robert Pattinson, als kurze Bildstrecke im Stil der alten Romance-Comics der Sechziger/Siebziger Jahre, gezeichnet von Sarah Burrini für den Radiosender 1LIVE.

Mark Waid’s 4 Panels That Never Work
Gutters, Mark Waid und Jeremy Rock
Als Homage an Wally Woods 22 Panels That Always Work präsentiert Mark Waid 4 Panels, die niemals funktionieren (die aber leider viel zu oft in Comics anzutreffen sind).

A history of American comic books in six panels
Matt Madden
Zeichner und Comictheoretiker Matt Madden bringt die US-Comicgeschichte in sechs Bildern auf den Punkt. Der kurze Strip gehört zum Artikel Taking Comic Seriously, der im Magazin Scene der amerikanischen Hochschule Colgate University erschienen ist.

Sex in Comic! The top 100 strangest, suggestive and steamy vintage comic book panels of all time!
The M. O’C Blog, Mitch O’Connell
Eine sehr amüsante Sammlung von alten Comicpanels zum Thema Honi soit qui mal y pense.

ABSTIMMUNG zur Wahl „GOLDENER COMICGARTENZWERG 2012“
Comicforum, ali@thowi
Der Comicstammtisch Leipzig veranstaltet am 8. September wieder das kleine Festival „Comicgarten“. Dort wird der Goldene Comicgartenzwerg für die „beste deutsche Comicproduktion des vergangenen Jahres, Zeitraum September 2011 bis Juli 2012“ verliehen. Zur Abstimmung im Comicforum stehen elf Titel, die im letzten Jahr vom Comicstammtisch zum jeweiligen Lieblingscomic des Monats ernannt wurden.

Superman’s Best Friend: The Short Animated Movie
vimeo, Brett Underhill
Dieser hübsche animierte Kurzfilm zeigt: Wenn du einen Hund hast, musst du einmal täglich mit ihm raus. Auch dann, wenn du Superman bist und dein Hund Krypto heißt.

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Wave and Smile

Der Comic dreht sich um Chris Menger, einen fiktiven deutschen Hauptmann in Afghanistan, der stellvertretend als Prügelknabe für gefühlt alles herhalten muss, wovon man im Zusammenhang mit dem Krieg gegen arabische Extremisten schon mal irgendwann gehört hat: Hinterhalte, Raketenbeschuss, Sprengfallen, tote und entführte Kameraden, plötzliche amerikanische Drohnenangriffe ohne Rücksicht auf Kollateralschäden, Haft ohne Anwalt in einem US-Geheimgefängnis, Frau weg, Entfremdung vom Alltagsleben inklusive Gewaltausbrüchen, posttraumatischer Stress – und so weiter und so fort. Fehlt eigentlich nur der Tripper.

Die komplette Rezension zu Wave and Smile lest Ihr in Folge 4 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

Any Empire (US)

In Any Empire verwebt Powell die Entwicklung dreier Jugendlicher im mittleren Westen der USA in den 1980ern miteinander und stellt dabei die Frage, wie ihre Kindheitserfahrungen sie zu jenen jungen Erwachsenen werden lassen, die den zweiten Teil seiner Geschichte dominieren. Da ist Lee, der wenig Anschluss findet, weil seine Familie aufgrund der Militärkarriere seines Vaters regelmäßig umziehen muss, da ist Purdy, der mit seinen gewaltfixierten Freunden zum Spaß Schildkröten quält, und da ist Sarah, die sich liebevoll um die malträtierten Schildkröten kümmert und herausfinden will, wer ihnen so etwas antut. Die Geschichten der drei Figuren überschneiden sich dabei immer wieder, gehen dann auseinander und verschränken sich am Ende des Comics ein weiteres Mal für die inzwischen erwachsenen Figuren.

Die komplette Rezension zu Any Empire lest Ihr in Folge 4 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

2gegen1: Gratisrevue von Neunte Künst, Aufzug 4

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Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: Any Empire von Nate Powell und Wave and Smile von Arne Jysch et al.

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WEDERHAKE: Oh Mann, Frisch. Alles was ich wollte, war eine große Portion Gekloppe zwischen Monstern und anderen Monstern und du ziehst für diese Ausgabe unserer Bildliteratursemiselbstgespräche mal eben mit Any Empire einen der von der Kritik höchstgelobten Comics des Jahres 2011 aus dem Regal, in dem Nate Powell über die Beziehung zwischen fiktiver und realer Gewalt und unser Verhältnis zu beidem meditiert. Das machst du doch mit Absicht.

In Any Empire verwebt Powell die Entwicklung dreier Jugendlicher im mittleren Westen der USA in den 1980ern miteinander und stellt dabei die Frage, wie ihre Kindheitserfahrungen sie zu jenen jungen Erwachsenen werden lassen, die den zweiten Teil seiner Geschichte dominieren. Da ist Lee, der wenig Anschluss findet, weil seine Familie aufgrund der Militärkarriere seines Vaters regelmäßig umziehen muss, da ist Purdy, der mit seinen gewaltfixierten Freunden zum Spaß Schildkröten quält, und da ist Sarah, die sich liebevoll um die malträtierten Schildkröten kümmert und herausfinden will, wer ihnen so etwas antut. Die Geschichten der drei Figuren überschneiden sich dabei immer wieder, gehen dann auseinander und verschränken sich am Ende des Comics ein weiteres Mal für die inzwischen erwachsenen Figuren.

Any Empire, das dürfte aus der Beschreibung schon deutlich werden, ist ein sehr thematisches Werk, ein Comic mit einer Aussage, genretechnisch irgendwo zwischen Slice of Life und Magischem Realismus verortet. Ähnlich wie Tobi Dahmen in Sperrbezirk [siehe nächste Folge -die Red.] ist es auch Nate Powell wichtiger, kleine Episoden in den Leben seiner Protagonisten zu betrachten, als einen großen Plot zu entwerfen. Wobei sich Powell allerdings deutlich mehr auf seine Bildsprache verlässt: Es gibt weder Captions noch interne Monologe. Stattdessen nutzt er oft seitenweise Szenen, in denen kein Wort gesprochen wird, das Gesprochene ungehört bleibt, weil wir zu weit „entfernt“ sind von den Figuren, das Gesprochene nur in Piktogrammen dargestellt wird, oder wir sehen, dass die Figuren sprechen, aber bekommen aber keine Sprechblasen dazu geliefert, da aus der Szene selbst ersichtlich ist, was gesagt wird. Alles, was Powell da verwendet, sind Soundeffekte. Und das tut er mit einem Auge für Details, das sehr an Chris Wares Jimmy Corrigan erinnert: Da bekommen Handlungen Soundeffekte, die sonst in kaum einem Comic beachtet werden. Das Rascheln des Grases, durch das eine Figur geht. Das nervöse Aneinanderreiben von Füßen. All das funktioniert sehr gut: Die geringe Textmenge zwingt dazu, beim Lesen mir Zeit zu nehmen, um die Panels wirken zu lassen, die eingefangene Stimmung mitzunehmen, die Intentionen der Figuren über ihre Gestik, Mimik oder den Einsatz von Schatten zu entschlüsseln. In der Form ist Any Empire ein Musterbeispiel dafür, wie eine entzerrte Erzähltechnik möglichst effizient eingesetzt werden kann.

Auch ansonsten fand ich Any Empire visuell sehr erfrischend. Powells Figuren, die mich an Gary Trudeaus Doonesbury erinnern, haben eine starke Mimik. Die massiven Schwarz- und Weißflächen auf all seinen Seiten wirken in einigen Szenen fast erdrückend. Kindheitsszenen werden mit verwischten Panelgrenzen dargestellt, gegenwärtige Szenen haben solide Panelgrenzen, und gelegentlich überlappen diese Begrenzungen, zum Beispiel wenn sich Lee seiner Phantasie hingibt. Und egal, ob ein Kind im Kornfeld, ein Kriegsschauplatz in Afrika oder ein Maneuver in einer US-Kleinstadt, all das fängt Nate Powell gekonnt ein. Die Orte, an denen dieser Comic spielt, haben immer auch einen eigenen Charakter. In dieser Hinsicht ist Powell, dessen Swallow Me Whole ich nicht gelesen habe, für mich eine echte Offenbarung.

Wenn es aber an die Substanz von Any Empire geht, an das, was durch die grandiosen Visuals erzählt wird, dann hält sich meine Begeisterung doch in Grenzen. Powell betrachtet, wie sehr der Krieg schon das Leben von Kindern durchdringt. Lee liest G.I.-Joe-Comics, hat Kampfflugzeugposter in seinem Zimmer, spielt mit Spielzeugsoldaten und flüchtet sich immer wieder in Fantasieszenarien, in denen er G.I.-Joe-Abenteuer in seiner Umgebung durchlebt. Die Jungen in Powells Geschichte konsumieren gewaltlastige Serien wie das A-Team und Kriegsfilme wie Platoon, kleiden sich in Camouflage oder in T-Shirts von Metal-Bands, haben keine Probleme, an Granaten oder Wurfsterne zu kommen. Ihre Väter sind Militärs, wobei Lees Vater ihm klar machen möchte, dass der Krieg die Hölle ist, während Purdys Vater einen Männlichkeitskult zelebriert und Purdy selbst unter der Gewalt seines großen Bruders leidet. Gewalt ist – zumindest in einer verharmlosenden Form – fester Bestandteil ihres Lebens, und, so scheint Powell zu sagen, einer der Gründe, warum sie – stellvertretend für die ganze Gesellschaft – so massive Probleme mit sich selbst bekommen. Sogar ein Anti-Kriegsfilm ermuntert Lee, Krieg spielen zu wollen. Und die Gewalt erreicht selbst die, die keine gewalttätigen Medien konsumieren. Sarah liest Detektivgeschichten, liest ohnehin viel, ihre Mutter – wenn ich die Kleidung richtig deute – ist Krankenschwester, und dementsprechend erleben wir Sarah als fürsorgliches und einfühlsames Mädchen. Aber selbst sie wird durch die Gewalt in ihrer Umgebung vergiftet, selbst sie kann in einer gewaltfixierten Gesellschaft der Gewalt als Problemlösungsstrategie nicht entkommen.

Teilweise scheint Powell mir schlicht zu didaktisch: Oben links auf einer Seite liest Lee einen G.I.-Joe-Comic. Danach folgen Bilder aus Abu Ghuraib. Dann sehen wir den erwachsenen Lee, der eine Zeitung liest. Krieg ist kein opferloses Kinderspiel. Der Waffenladen, in dem die Kinder Granaten kaufen können, ist mit Nazi- und White-Power-Devotionalien geschmückt. An anderer Stelle sehen wir Purdy in einem dutzend verschiedener Uniformen in ein offenes Grab marschieren. Immer wieder wechselt Powell von einem Panel zum nächsten vom realen Krieg zum Kriegsspiel der Kinder: Die Gewaltkultur im amerikanischen Herzland und die Interventionen im Ausland sind untrennbar miteinander verbunden. Dass da draußen sind keine Monster, das sind Menschen wie wir, wie Lees Vater feststellt. Was mir aber als Erkenntnis aber alles zu dünn erscheint.

Vielleicht verpasse ich da schlichtweg etwas, gerade weil mich der zweite Teil öfter einfach nur verwirrt zurückließ, wenn er zu einer Collage aus Gegenwart, Vergangenheit, Traumsequenz, alternativer Geschichtsschreibung und purem Symbolismus wird. All das hat bei mir einfach nicht mehr geklickt. Die Einzelsequenzen sind grandios geschrieben und umgesetzt, aber das große Ganze wirkt auf mich nicht. Fast der gesamte zweite Teil der Geschichte lässt mich völlig kalt, so als ob Powell hier mehr gewollt habe, als er letztlich bieten kann. Vielleicht fehlt mir da auch die lebensweltliche Erfahrung des US-Mittelwestens, vielleicht müsste ich mehr über Powells Vita wissen, um hier autobiographische Erkenntnisse zu gewinnen. Aber am Ende bleibt bei mir einfach das Gefühl, dass das hier ein handwerklich hervorragender Comic mit sehr präzisen Figurenmomenten aber der nicht eben neuen Erkenntnis ist, dass Gewalt in unserer Gesellschaft (egal ob in den Medien oder den Familien) letztlich nur zu weiterer Gewalt führen wird. Und das ist mir dann doch zu wenig.

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FRISCH: Natürlich ist das Absicht, Wederhake, wir entwickeln uns ja weiter. Fürs nächste Mal stehen Mailers Armies of the Night und Roths Ghost Writer auf dem Programm, bevor wir dann über Krieg und Frieden und die Iliad den Bogen zurück zu Tardi, Shanower und Kirby schlagen. Bereite dich bitte entsprechend vor, es böte sich ja vielleicht an, auch mal etwas in die Tiefe zu gehen.

Aber eins nach dem andern. Nate Powell aus Little Rock, Arkansas. Any Empire.

Vom Konzept her hat Powell mich gleich an der Angel. In dem – wie du sagst – vorrangig thematisch strukturierten Comic geht es darum, wie der Krieg Menschen schon von Kindesbeinen an fasziniert – nicht etwa der Kampf ums nackte Überleben oder das Ringen für eine gerechte Sache, nein: der Krieg, und zwar je oller, desto doller. Klar wissen wir, dass Krieg schlimm ist, Leben vernichtet und nicht nur physisch tiefe Narben hinterlässt. Wir wissen das. Wissen wir das? Wir haben es ja zum Glück noch nicht erfahren müssen. Wir glauben jedenfalls, es zu wissen. Und trotzdem spielen wir Krieg, ob im Wald, mit Spielzeug oder vorm Fernseher, schauen uns entsprechende Filme zur Unterhaltung an und können nicht abstreiten, dass Krieg und Zerstörung auch einen gewissen, gar nicht unerheblichen Reiz auf uns ausüben. Gleich die erste Seite des Comics, die Zeichnung einer brutal erschlagenen Schildkröte, bringt die Perversion dieses Reizes auf den Punkt.

Auch Powells Figuren erliegen dieser Anziehungskraft, einige von ihnen mehr als andere. Dass er sie dafür nicht verurteilt oder das zum Anlass nimmt, den Zeigefinger zu heben, ist eine gute Basis für sein Unterfangen, der Faszination des Krieges auf den Grund gehen zu wollen. Powell will verstehen, nicht verurteilen. Das erzählerische Stilmittel, dessen er sich dazu bedient, ist die Vermischung von Realität und Fiktion. Die Fantasie der Figuren, was Kriegsführung angeht, hält immer wieder Einzug in ihre Wirklichkeit: Winzige Spielzeugpanzer rollen über den Rasen hinterm Haus vorbei am Holzkohlegrill, ein Mini-Cyborg kämpft sich die Stufen einer Schultribüne hinauf, ein Getreidefeld mutiert zur grünen Hölle samt einer Truppe abgekämpfter US-Marines.

Im hinteren Teil des Buchs gerät der Mix immer abstruser und schwerer zu trennen, und spätestens da wird überdeutlich, woran Any Empire krankt: Powells Geschichte mag thematisch ansprechend sein, er geht aber viel zu fahrlässig mit der Authentizität seiner Protagonisten Lee, Sarah und Purdy und ihrer Welt um.

An konkreten Verweisen mangelt es nicht: G.I. Joe, The A-Team und Platoon, später dann ein Metallica-Shirt mit einem Pushead-Motiv (eine Szene erinnert an die Kriegsthematik aus „One“ beziehungsweise dem dazugehörigen Video, welches wiederum den Kriegsfilm Johnny Got His Gun von 1971 zitiert, in dem ein junger US-Soldat seine Stimme, Augenlicht, Gehör und sämtliche Gliedmaßen verliert und nur noch über Morsecode kommunizieren kann), „Ice Ice Baby“ und Anthrax‘ Among the Living – wir bewegen uns also etwa im Zeitraum 1986 bis 1991 im ersten Abschnitt der Geschichte. Die Darstellung der Figuren und die Anspielung auf den Abu-Ghraib-Skandal lassen vermuten, dass einige spätere Szenen um 2004 stattfinden, also zur Zeit nach der zweiten Irak-Invasion. Auch der verstörende postapokalyptische Hanna-Barbera-Trickfilm Good Will to Men von 1955, in dem sich die Menschheit selbst ausgelöscht und einer emsigen Mäusezivilisation Platz gemacht hat, wird ausgiebig zitiert. (Powell verweist eigentlich auf Hugh Harmans Peace on Earth von 1939, die nicht minder gruselige Vorlage für das spätere Hanna-Barbera-Remake, aber dort sind Eichhörnchen die Nutznießer des Weltuntergangs, nicht die von Powell gezeichneten Mäuse.)

Thematisch funktioniert dieser Strudel an Zitaten prächtig, denn er zeigt auf, wie Krieg über Generationen hinweg in der Populärkultur aufgegriffen und mythologisiert wird, um so wiederum künftige Kriege und die Art, wie sie geführt werden, zu beeinflussen. Der Krieg der Väter der jungen Protagonisten von Any Empire hat Ende der 1980er längst Einzug in dieses sich stetig aus neuen Wechselwirkungen zwischen Fakten und Fiktion speisende populärkulturelle Verständnis von „Krieg“ gehalten. Die Kriegswahrnehmung der Vietnam-Generation hat die Entwicklungen der G.I.-Joe-Figuren mitgeprägt – da ist es nur konsequent, wenn die kommende Golfkrieg-Generation, zu der auch Purdy gehört, in Lees kindlicher Vorstellung als eine Art Quasi-Cyborg auftritt, der als G.I.-Joe-Actionfigur nicht aus der Rolle gefallen wäre.

Mit dieser Wechselbeziehung spielt Powell virtuos. Es geht dabei nicht um die Erkenntnis, dass „die anderen“ keine Monster sind oder dass Gewalt Gewalt auslöst. Der Zweck von Powells Grenzverwischung zwischen Wirklichkeit und Fantasie besteht eher darin, genau aufzudröseln, wie der Krieg auch in Friedenszeiten von den Fronten der Vergangenheit in die Gesellschaft hineinsickert, dort die Einstellung nachwachsender Generationen zu Krieg und Gewalt nachhaltig beeinflusst und sich so darauf auswirkt, ob und wie die Kriege der Zukunft geführt werden.

Die Methode erinnert an Grant Morrisons und Sean G. Murphys Joe the Barbarian, ebenfalls von 2011. Es geht dort um den kleinen Joe, der an Diabetes leidet, eines Abends allein zu Hause vergisst, sich seine Insulinspritze zu setzen und daraufhin um sein Leben kämpfen muss. Joe fängt an zu halluzinieren – das Haus, sein Zimmer und seine Spielsachen (auch hier sind die G.I. Joes mit von der Partie) werden für ihn zu einer abenteuerlichen Fantasiewelt voller Gefahren, Gefährten und dämonischer Gegenspieler. Morrison und Murphy sehen sich dabei mit dem gleichen Fallstrick konfrontiert wie Powell: Wenn in deiner Geschichte die Welt aus den Fugen gerät und sich für die Figuren Wirklichkeit und Einbildung vermischen, dann besteht das große Risiko, dass die Regeln der Story, die für den Leser wichtig sind, unterminiert werden.

Anders gesagt: Wenn in einer Geschichte ohne weiteres alles möglich wird, ohne dass das Publikum es noch nachvollziehen kann, dann zählt nichts mehr, und grenzenlose Fantasie wird zum Deckmantel für einen schlampigen Umgang mit der Plausibilität und Authentizität der Geschichte. Wenn es mich bewegen soll, dass etwas auf den Kopf gestellt wird, dann muss ich ja erstmal wissen, wo überhaupt oben und unten ist.

In Joe the Barbarian umgehen Morrison und Murphy diese Gefahr dadurch, dass sie erstens einen konkreten, unmissverständlichen Grund für Joes Halluzinationen etablieren (seine Diabetes) und zweitens penibelst darauf achten, dem Leser jeden relevanten Winkel des Hauses bis ins kleinste Detail zu zeigen. Das ist kein Zufall und keine nette Fleißarbeit des Zeichners, sondern schlicht die Voraussetzung dafür, dass der Leser nicht die Orientierung verliert, wenn die Badewanne sich in einen reißenden Fluss verwandelt und die Treppe zu einer waghalsigen, sich über dreißig Seiten erstreckenden Kletteretappe wird.

In Any Empire fehlt all das. So ausgeklügelt Powells thematisches Konstrukt ist, so undefiniert sind seine Figuren und ihre Welt. Seite um Seite verliert man als Leser den Boden unter den Füßen, und am Ende – oder was sich dafür ausgibt – bleibt man orientierungslos zurück. Was soll das, wenn Purdy zum Cyborg wird und inklusive Verband um den Kopf in einer amerikanischen Kleinstadt einrollt? Soll das ein Manöver sein? Wie ist es zu verstehen, wenn die drei mit bloßen Händen den Panzer wegschieben? Eine Halluzination? Haben sie was gekifft? Was bedeutet die Szene konkret? Man erfährt es nicht. Die Figuren sind keine Hilfe, denn sie verhalten sich alle, als wären sie geistesgestört. Wieso ist Sarah noch als junge Erwachsene von den toten Schildkröten besessen? Wieso nimmt niemand Notiz von den sich häufenden Merkwürdigkeiten?

Thematisch ist klar, wie solche Szenen einzuordnen sind, aber zum Entwickeln einer emotionalen Reaktion reicht das nicht. Powell versäumt es, seine Geschichte mit authentischen Figuren und Orten zu füllen. Wenn die Kriegsfantasien diese papierdünne Welt übermannen, fehlt mir der Kontext, das entsprechend befremdlich zu finden.

Nate Powell heißt mit zweitem Vornamen übrigens „Lee“, sein Vater war beim Militär, und der fiktive Ort Wormwood – wo sich auch Swallow Me Whole abspielt – basiert auf seiner Geburtsstadt Little Rock. Any Empire hat also durchaus autobiographische Züge. Vielleicht ist das eine Erklärung (wenn auch keine Entschuldigung) dafür, wieso Figuren und Umgebung nicht besser definiert werden. Man übersieht das als Erzähler leicht, wenn man die Welt, in der man seine Geschichte ansiedelt, selbst schon genau kennt.

Mir gefällt Any Empire, nicht zuletzt auch wegen der von dir angesprochenen Bildsprache. Ein inspiriertes, ambitioniertes und graphisch ansprechendes Experiment mit gelungenen Einzelszenen und einer im Kern faszinierenden Idee bleibt der Comic allemal, auch wenn die Geschichte letztlich nie so richtig greifbar wird.

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Any Empire
von Nate Powell
Top Shelf Productions, 2011
Hardcover, 282 Seiten, schwarzweiß, englisch, 19,95 USD
ISBN: 978-1-60309-077-3

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wavesmile

FRISCH: Unser Themenabend „Krach, bumm, zack! Fakten, Fiktion und Schildkröten im westlichen Kriegscomic“ geht weiter mit Wave and Smile, einem strammen ISAF-Actionreißer von Arne Jysch und Friends. (Die Schildkröte heißt hier „Rambo“, nimmt eine Nebenrolle ein und wird kurzerhand ausgesetzt, als ihr Herrchen verschütt geht. So it goes.)

Wo Powell zu verschwurbelt und unkonkret ist, bietet Jysch einen zähen Brei aus Klischees, Stammtischparolen, pseudokritischer Gefälligkeit und haarsträubenden Abstrusitäten, wie man ihn sonst nur in schlechten Hollywoodfilmen vorgesetzt bekommt. Der Comic dreht sich um Chris Menger, einen fiktiven deutschen Hauptmann in Afghanistan, der stellvertretend als Prügelknabe für gefühlt alles herhalten muss, wovon man im Zusammenhang mit dem Krieg gegen arabische Extremisten schon mal irgendwann gehört hat: Hinterhalte, Raketenbeschuss, Sprengfallen, tote und entführte Kameraden, plötzliche amerikanische Drohnenangriffe ohne Rücksicht auf Kollateralschäden, Haft ohne Anwalt in einem US-Geheimgefängnis, Frau weg, Entfremdung vom Alltagsleben inklusive Gewaltausbrüchen, posttraumatischer Stress – und so weiter und so fort. Fehlt eigentlich nur der Tripper.

Was genau Jysch mit dem Buch sagen will, bleibt unklar, denn er weiß nichts zu berichten, was man als durchschnittlich informierter Staatsbürger nicht schon in der Zeitung überflogen hätte. Das überrascht einerseits nicht, denn Jysch war selbst offenbar nie in der Nähe eines Bundeswehreinsatzes, geschweige denn in Afghanistan. (Er dankt aber fettgedruckt dem „Pressezentrum des Einsatzführungskommandos“ und dem „Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung“.) Andererseits muss man kein Wüstenfuchs sein, um einen guten ISAF-Comic zu machen, sondern kann auch aus einer Recherche – wie Jysch sie angeblich unternommen hat, von der man der Geschichte aber wenig anmerkt – interessante, dramaturgisch dienliche Details zu Tage fördern, die der Leser noch nicht von Claus Kleber und Gundula Gause gehört hat. Und selbst, wenn nicht, bliebe – vor allem in einer fiktiven Erzählung – ja immerhin noch die Figurenebene, auf der man etwas zu sagen oder zu entdecken haben könnte, das sich nicht in Binsenweisheiten und Plattitüden erschöpft. Aber wo so viele högschd authentische Schicksalsschläge und Wendungen abgearbeitet werden wollen, da bleibt keine Zeit für tiefschürfende Charakterstudien. Jeder Degeto-Zweiteiler mit Veronica Ferres in der Hauptrolle kann in Punkto Charakterisierung mehr.

Die Sprechblasen in Wave and Smile enthalten Sätze wie „Nach Hause? Momentan fühle ich mich hier mehr zu Hause als sonst irgendwo. Die Jungs brauchen mich gerade wirklich“, oder „Dass wir bei 40 Grad im Sand hocken, gegen die ‚Schmutzfüße‘, konnte ja bis 2001 noch keiner ahnen“, oder „I never saw ISAF soldiers fighting as bravely as you did“, oder „Solange es keine Beweise für Marcos Tod gibt, gehe ich davon aus, dass er noch lebt“, oder – Achtung, erster Satz überhaupt – „Unglaublich grün dieser Sommer … nicht wie 2006.“

So reden sie, Wederhake, die Menschen im Krieg.

Das Warten auf Verstärkung nach einem Überfall, Treffen mit verbündeten Afghanen oder Undercover-Gespräche mit den Taliban werden für ausgiebige Diskussionen der politischen Lage genutzt, die vermuten lassen, dass sich in Afghanistan überdurchschnittlich viele Sozialpädagogik-Studenten aufhalten. Eine Journalistin, von der man anfangs noch hofft, sie könnte als klassische Einstiegsfigur vielleicht eine interessante Perspektive bieten, entpuppt sich schnell als dusselige Damsel in distress, die die zackigen Kameraden durch ihre dusselige Dusseligkeit in Schwierigkeiten bringt, in Deckung gebracht und gerettet werden muss, wenn es bumst, und am Ende selber gebumst wird.

(Oder sagt man beim Bund „eingebettet“? Jyschs högschd fachmännisches, högschd authentisches neunzeiliges Glossar hilft da leider nicht weiter, und ich war ja ein vaterlandsvergessener Zivi. Bei uns ist jedenfalls gebumst worden.)

Auf der Seitenebene wird das alles weitgehend erfolgreich kommuniziert, auch wenn bisweilen lustige Entscheidungen gefallen sind. So traut man dem Leser einerseits zwar zu, ein ausgedehntes politisches Gespräch auf Englisch verfolgen zu können, andererseits aber werden arabische Dialoge, die in einer komischen Schriftart (kennt man ja von den Arabern), ansonsten aber auf Deutsch zu lesen sind, zur Sicherheit noch einmal von anderen, deutsch redenden Figuren in die reguläre Schriftart „übersetzt“. Die Macher von Wave and Smile scheinen die spannende Auffassung zu vertreten, dass ihre Leser zwar fremde Sprachen lesen und verstehen können, aber keine komischen Schriftarten.

Man kann Jysch immerhin einen gewissen, wenn auch nicht übermäßigen Grad an Kompetenz darin bescheinigen, wie er seine Nummernrevue aus lauwarmen Hollywood-Versatzstücken, pappiger Kriegsromantik und wiedergekäutem Allgemeinwissen mit stereotypen, plump didaktisch gesteuerten Sprechrobotern bevölkert und daraus einen – zumindest im mechanischen Sinn – funktionierenden Action-Plot strickt. So erweckt er über weite Strecken erfolgreich den Eindruck, zu dem Thema bliebe nichts mehr von Belang zu sagen, und unterm Strich kommt dabei ungefähr die Art Mythenbildung raus, die Nate Powell in Any Empire thematisiert. „I never saw ISAF soldiers fighting as bravely as you did“ – die ISAF als demokratisch gebremste Papiertiger, wahrer Krieg als Chance für Tapferkeit und Heldentum. Von da zur „im Felde unbesiegten“ Armee ist es nicht mehr so weit. Prost Mahlzeit und besten Dank auch, Arne Jysch.

Der Comic sollte ursprünglich kein Comic, sondern ein Film werden, Jysch zeichnet eigentlich Storyboards. Leider hat die für hintergründigen Feminismus und differenzierte Geschichtsdarstellungen bekannte Degeto wohl gerade extrem lange Vorlaufzeiten. Aber Gott sei Dank war ja der Carlsen-Verlag zur Stelle.

Ganz objektiv betrachtet, ist Wave and Smile ein relativ schweres und an den Ecken ziemlich spitzes Buch. Wenn man es entschlossen genug von sich stößt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es irgendwo eine Delle hinterlässt.

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WEDERHAKE: Die „Iliad„, mein lieber Frisch, heißt im deutschen Original „Ilias„, du anglophiler Sophist. Und auch deine Lobhudelei für Wave and Smile muss ich leider an mehreren Stellen unterlaufen. Was schon beim dem Dellen-Part losgeht, denn die Kopie, die mir der Onlinegroßhandel meines Vertrauens zukommen ließ, beweist, dass im Falle eines Falles das Gegenteil der Fall ist: Nicht der Comic hat irgendwo eine Delle hinterlassen, sondern irgendwo hat den Comic ganz derbe verdellt. Und damit meine ich jetzt alleine das haptische Erlebnis, zur inhaltlichen Verdellung komme ich erst noch.

Als persönlichen Maßstab in Sachen „Opa, wie war das eigentlich im Krieg?“ nehme ich sehr gerne Generation Kill von Evan Wright. Da ich nach meiner T-2-Musterung ja selbst auch amtlich eingetragener Kriegsdienstverweigerer wurde, muss ich da ja Fremderfahrungen nach willkürlichen Maßstäben (u.a. Berichte meiner Altersgefährten, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben, und YouTube-Videos zum Thema „Gasmaskensaufen“) entscheiden, welche Beschreibung von Soldatenverhalten mir glaubhaft erscheint. Womit ich mich gar nicht so sehr von Arne Jysch zu unterscheiden scheine. Jedenfalls, Evan Wrights ziemlich wertneutrale Darstellung vom Irakkrieg als Oberstufenfahrt mit scharfer Munition erschien mir durchaus realistisch. Jyschs charakterneutrale Darstellung der ISAF-Soldaten in Afghanistan als eigenschaftslose Pappkameraden (mit der Ausnahme ihres Hauptmanns, der einen Abendkurs an der „Sergeant-Rock-Schule der gekonnten Befehlsverweigerung im Interesse seiner Jungs“ belegt hat) erscheint mir hingegen einem drittklassigen Film der Marke Delta Force oder Missing in Action entnommen.

Ich begebe mich wieder in gefährliches Fahrwasser, dadurch dass ich eine Autorenintention zu interpretieren versuche, aber – anders als dir – schien mir ziemlich klar zu sein, was die Botschaft von Jysch ist. Respektive, die drei Botschaften, die ich aus diesem Comic mitgenommen habe. Gut, die Symbolik auf der Karte, die den Comic eröffnet, wird nicht gewünscht sein, aber mein erster Gedanke war, dass die Karte mit den Lagern Mazar-e Sharif, Kunduz und Faizabad auch mit den Lagern Aquarium, Babaorum, Laudanum und Kleinbonum funktioniert hätte. Gleich das erste Panel ist aber dann bedeutungsschwanger bis zum Anschlag: Da sitzen Afghanen, zeigen auf einen ISAF-Konvoi, und neben ihnen verrottet das Wrack eines T-72 Panzers der Sowjets aus deren Afghanistandebakel aus den Achtzigern. Das mit John Rambo und James Bond. Verstehste, Frisch? Geschichte wiederholt sich. Afghanistan kennt keine Gewinner. Das wird dir auch in den Dialogen von allen Seiten immer wieder um die Ohren gedroschen. Ich war sogar ein wenig enttäuscht, dass dieser Comic nicht Fontanes „Das Trauerspiel von Afghanistan“ als Epigramm verwendet.

Das zentralere Thema ist aber der Umgang, den wir Deutschen mit unseren Männern und Frauen in Afghanistan haben. Und da bekommt der Comic ein Geschmäckle, das sich auch mit ganz viel Maggi nicht mehr überdecken lässt. Das Bundeswehrsponsoring fand ich sogar ganz interessant, denn es ist nicht so, als wenn die Bundeswehr als Ganzes hier sonderlich gut wegkäme, das tut sie nämlich nicht. Jysch stellt die Bundeswehr als Schoßhund der US-Amerikaner dar und gleich das erste Zusammentreffen zwischen unserem Protagonisten, Hauptmann Menger, und seinem Vorgesetzten, zeigt die falsche Prioritätensetzung der Schreibtischtäter. Denen ist ein abmontiertes MG wichtiger als der Tod dreier Soldaten. Was Menger natürlich wütend macht, weshalb er seinem Vorgesetzten auch sagt, er soll sich am Ort des Hinterhalts auch die Blutlachen zeigen lassen, „die unsere Toten und Verwundeten hinterlassen haben“. So ist er, der Menger.

Jysch führt hier den Spagat auf, die Bundeswehr in Afghanistan kritisch zu betrachten und gleichzeitig einen völlig unkritischen Lobgesang auf den männlichen Soldaten-Heros abzufeiern. Der wird nämlich, wie uns ebenfalls immer und immer wieder mantraartig eingebläut wird, von allen Seiten gefesselt, geknebelt und vom Erreichen seiner Möglichkeiten abgehalten. „Das ist ein Scheiß-Krieg hier“, stellt Menger ganz am Anfang fest und darf dann im Folgenden zusammen mit seinen Männern ausgiebig darüber lamentieren, dass sich die Politiker weigern, den Hund von der Kette zu lassen und das ganze Krieg zu nennen. Man sollte, so die Kernaussage, endlich „Krieg“ sagen und nicht wegen allen paar getöteten Kindern und Zivilisten eine Debatte über den Abzug aus Afghanistan führen. Und auch die Afghanen, Briten und Amerikaner machen sich über die deutsche Einstellung lustig, sich die Hände nicht schmutzig machen zu wollen.

Das wäre sogar ein Hebelpunkt, um aus dem Comic etwas Interessantes zu machen, etwas, das zur Debatte anregt. Das, was Powell nicht ganz gelingt, er aber zumindest versucht. Führen wir Krieg oder nicht? Wenn wir Krieg führen, müssen wir uns endlich der Wahrheit stellen oder nicht? Bis wohin gehen wir im Krieg? Alles oder Nichts? Da ließe sich ganz gewiss eine gute, unbequeme Geschichte draus stricken. Stattdessen bekommen wir als dramatisches Highlight des Comics eine Diskussion zwischen Hauptmann Deutschland und einem Taliban, in dem der Taliban die Deutschen als „feige“ bezeichnet, weil sie nicht den Mumm haben, Zivilisten zu bombardieren, worauf der Hauptmann antworten darf, dass die deutschen Soldaten nicht feige sind, sondern halt nur die Mehrheit der Deutschen gegen den Krieg ist, was ihre Handlungsmöglichkeiten einschränkt.

Der Protagonist rechtfertigt sich für die zu laxe deutsche Militärpolik gegenüber den Taliban. Das hätten Monty Python nicht besser schreiben können.

Und um zu belegen, zu was die deutschen Soldaten fähig wären, würde man sie einfach mal lassen, gibt es eine eher hüftsteife Actionsequenz in der Mitte, inklusive heroischer Selbstaufgabe eines angeschossenen Soldaten. Der DIN-genormte Kriegsfilm-Standard halt. Und anschließend darf dann ein Warlord ganz erstaunt das von dir schon angeführte „I never saw ISAF soldiers fighting as bravely as you did“ raunen. Denn wehe, wenn sie losgelassen …

Aber, wie gesagt, die fiesen Zivilisten in Deutschland und ihre politischen Handlanger. Exakt einen Zivilisten stellt Jysch übrigens in seinem Comic auch dar, der so klischeelinks ist, dass ich kurz nachgucken musste, ob nicht Henryk M. Broder oder Jan Fleischhauer einen Credit als Co-Writer bekommen haben. (Disclaimer: Haben sie nicht.) Denn dem Zivilisten fällt eine Münze runter, und als Menger sie ihm geben will, lehnt der Zivilist ab mit den Worten: „Nein, ich nehme nichts aus Mörderhänden.“ Nur um dann nachzulegen, dass die Bundeswehrsoldaten dafür bezahlt werden, Kinder zu bombardieren und er kein Mitleid hat, „wenn einer von euch draufgeht“. So ist er halt, der vaterlandslose Geselle. Und Menger darf dann lamentieren, dass er längst die Hoffnung aufgegeben hat, dass er und seine Jungs mal Respekt dafür bekommen, dass sie den Kopf hinhalten, aber wenigstens das Maul könnten die Idioten doch mal halten. Und die deutsche Presse stellt, wie an anderer Stelle beklagt, Soldaten als böse Söldner dar. Und passend dazu treffen sich die Taliban mit Hauptmann Deutschland erst, nachdem er sich als Journalist einer linksradikalen Berliner Zeitung ausgibt. Ach Gottchen …

Auch da steckt übrigens etwas drin, das durchaus zu spannenden und herausfordernden Einsichten führen könnte. Aber nicht, wenn ein Klischeepazifist den Hintern versohlt bekommt, weil er Klischees versprüht. Mehr als zwei Dimensionen bekommt Jysch weder in Figuren noch in Handlung auf die Reihe. Stattdessen wird über Kameradschaft schwadroniert, die tiefer geht als Freundschaft, die Amerikaner geben sich als stumpfe, schießwütige, luftkriegende Cowboys ohne Rücksicht auf Menschenleben und Verbündete, und an anderer Stelle darf die Al-Quaida die feige Art der US-Kriegsführung beklagen, während die Sowjets wenigstens noch Mann gegen Mann kämpften. Früher war eben alles besser, auch der Krieg.

Die Seltsamkeit der Typographie und der unübersetzten Seiten hast du ja schon erwähnt. Zeichnerisch sind die in Wasserfarben kolorierten Landschaften und die Darstellung der technischen Gerätschaften gelungen, Actionsequenzen und Mimik sind hingegen Jyschs Forte nicht. Und die Dialoge wirken unglaublich gestelzt, was aber auch daran liegt, dass die Soldaten alle so austauschbar sind und die Figur der Photojournalistin, die in jeder Hinsicht als „kess“ beschrieben werden sollte, eigentlich kaum eine andere Aufgabe hat, als den Soldaten einen Grund zum Monologisieren und Infodump-abladen zu liefern.

Mit dem Afghanistan-Mandat hat Arne Jysch ein hochspannendes, gesellschaftlich kontrovers diskutiertes und tagesaktuelles Thema genommen, welches das deutsche Selbstbild seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs massiv in Frage stellt, möglicherweise unseren vorletzten Bundespräsidenten zum Rückzug bewegt hat, und das, bei einer ehrlichen und tiefergehenden Betrachtung, auf allen Seiten der Diskussion zu unangenehmen Erkenntnissen und wichtigen Einblicken führen könnte. Und dann hat er daraus ein drittklassiges Soldatengebrunfte gemacht, mit oberflächlich eingestreuten Problemsituationen und all den Szenen, die in anderen Kriegsfilmen auch schon funktioniert haben.

Das ergibt unterm Strich billige, pathos-beladene Propaganda für mehr Sparta in der Bundesrepublik, die ich in Comicform nicht einmal im selben Satz mit echten Comic-Journalisten wie. Joe Sacco nennen will.

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Wave and Smile
von Arne Jysch, Rainer Jysch, Susanne Kälberer, Mario Anger und Minou Zaribaf
Carsen Verlag, 2012
Hardcover, 190 Seiten, farbig, 24,90 Euro
ISBN: 978-3-551-73053-4

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Abbildungen: © Nate Powell und Carlsen Verlag

„Schreckliche Dinge in einem eigentlich schönen Land“: Interview mit Arne Jysch

Der Berliner Illustrator Arne Jysch, Jahrgang 1973, war bislang vor allem als Storyboard-Zeichner für Filme, Werbespots und Videoclips aktiv. Nun legt er seinen ersten Comic Wave and Smile vor, der aufgrund seiner Thematik gleich für ein recht großes Presseecho sorgte: Es geht um den Bundeswehreinsatz bei der ISAF-Mission in Afghanistan. Trotz des zeitgeschichtlichen Themas handelt es sich dabei nicht um einen dokumentarischen Comic, sondern um eine fiktive Erzählung. Unser Mitarbeiter Stefan Svik hat sich im Sommer 2012 per E-Mail mit Arne Jysch über das Projekt unterhalten.

Arne JyschCOMICGATE: Nachdem Sie etliche Jahre für Filmproduktionen und Werbeagenturen gearbeitet haben, ist Wave and Smile ihr erster Comic. Wie ist die Arbeit an einem Comic im Vergleich zur Arbeit für Film und Werbung? Sind Comics ein finanziell und vom Ansehen her weniger lohnendes Medium?

Arne Jysch: Eher so: Comics sind finanziell weniger lohnend als die Arbeit bei Werbung und Film, dafür erhält man als Comiczeichner wesentlich mehr Anerkennung, da die Arbeit viel mehr Leuten zugänglich ist und der eigene Name draufsteht.

 

CG: Wie ist Ihre Arbeitstechnik? Wie entstehen Ihre Zeichnungen? Am Computer? Auf Papier?

AJ: Zunächst zeichne ich relativ klein und lege Kompositionen der Panels und der Seiten sowie die Posen der Figuren fest. Dann vergrößere ich die Skizze am Computer und pause das Bild in hellblau auf einem Leuchttisch durch. Ich benutze dabei besseres Papier und füge jetzt erst die (recherchierten) Details hinzu, ohne dabei die in der Mini-Skizze entstandene Dynamik und Silhouette zu verlieren. Dann mache ich die Reinzeichnung mit weichem Bleistift über diese Blauskizze. Das Blau kann dann nach dem Scannen herausgefiltert werden. Für die Comicseiten habe ich die Aquarellkolorierung auf einem separaten Blatt gemacht und erst im Computer mit der Strichebene verbunden. So kann man nachträglich die Farben korrigieren, ohne die Bleistiftzeichnung zu berühren.

 

CG: Wie lange hat es gedauert, den Comic fertig zu stellen?

AJ: Grob gesagt drei Jahre. Ein Jahr Recherche, ein Jahr Schreibarbeit, ein Jahr Zeichnen. Wobei sich diese Arbeitsschritte natürlich auch überlappen.

 

CG: Lesen Sie selbst Comics? Welches sind ihre aktuellen Favoriten? Welche Klassiker mögen Sie am liebsten?

AJ: Dann und wann lese ich auch einen Comic. Das ist durch die Arbeit am eigenen Werk aber viel mehr geworden. Ich schaue immer zuallererst, ob mich die Zeichnungen ansprechen, dann, ob mir die Geschichte gefällt. Leider ist es oft so, dass die Zeichnungen gut sind, aber die Geschichte doof und umgekehrt. Besonders beeindruckt hat mich in letzter Zeit die Serie DMZ von Brian Wood. Ich finde aber auch die Serie Torpedo von Abuli und Bernet sehr spannend und wahnsinnig gut gezeichnet. Die Storys sind allerdings für heutige Verhältnisse so böse und politisch unkorrekt, man darf eigentlich niemandem erzählen, dass man das liest. Weitere Comics, die ich auch lese, sind so unterschiedliche Sachen wie die von Matthias Schultheiss und Robert Crumb.

 

CG: Mangelt es an Comics, die für Erwachsene von Interesse sind, die weder Nerds noch Experten sind, die also nur ab und an einen Comic lesen statt sich exzessiv mit der Materie zu beschäftigen?

 

AJ: Ich glaube, inzwischen gibt es genug Künstler und Comics, die für diese erwachsenen Gelegenheitsleser perfekt sind. Viele wissen oft aber gar nicht, dass es Comicbände gibt, die sie ansprechen würden. Vielleicht weckt Wave and Smile bei einigen dieser untypischen Comicleser das Interesse für andere Graphic Novels. Das wäre doch schön.

 

Cover Wave and SmileCG: Würden Sie Wave and Smile als Comic oder als Graphic Novel bezeichnen? Oder ist Ihnen die Unterscheidung nicht so wichtig?

AJ: Mir persönlich ist die Unterscheidung nicht so wichtig, da ich mit „Comic“ nicht zwangsläufig „lustige Hefte“ verbinde. Ich kann aber auch verstehen, dass die Verlage den Begriff „Graphic Novel“ benutzen, um eine Unterscheidung zu schaffen zwischen den klassischen Comcs für eine jugendliche Leserschaft und den Büchern mit erwachsenen Stoffen. Auch drückt der Begriff gut aus, dass es sich um keine Serie, sondern um eine abgeschlossene Geschichte handelt. Ehrlich gesagt war ich aber froh, dass Carlsen den Begriff „Graphic Novel“ nicht auf das Buch gedruckt hat. Ich mag auch Milchkaffeegläser nicht, auf denen „Latte Macchiato“ steht.

 

CG: In der Arte-Dokumentation Comics ziehen in den Krieg wurde gesagt, dass Werke wie Waltz with Bashir und andere Comics, die sich mit Zeitgeschichte befassen, ein gänzlich anderes Publikum als die „klassischen“ Comic-Leser ansprechen. Fühlen sie sich in dieser Nische wohl oder könnten sie sich auch gänzlich anderes vorstellen, einen deutschen Fritz the Cat oder Superhelden etc.?

 

AJ: Bin ich in dieser Nische? Ich hatte eigentlich gehofft, auch den klassischen Comicleser anzusprechen. Superhelden gibt es mit Sicherheit von mir nicht.

 

Seite aus Wave and SmileCG: Hat das Buch für ihren Geschmack eher zu viel oder zu wenig „Action“? Macht es einen Unterschied, Dialoge oder Actionszenen zu zeichnen?

AJ: Das macht einen größeren Unterschied als ich dachte. Beim Schreiben dachte ich noch: Cool, ich kann viele Actionszenen zeichnen, so wie ich sie mir vorstelle, vor exotischer Kulisse mit viel Gerät und Dramatik. Das hat sich dann aber als ziemlich technischer Vorgang herausgestellt. Die Dialogszenen dagegen sind wesentlich spannender zu entwickeln, da es mehr um das „Spiel“ der Figuren geht. Man lässt jemanden zuhören und reagieren, wenn jemand anderes etwas sagt. Dabei haben Nuancen in den Blicken oder in der Körperhaltung im Wechselspiel mit dem Text eine enorme Wirkung. Es ist beeindruckend, wenn die Charaktere dann lebendig werden. Insofern hat das Buch ausreichend Action, finde ich. Ich habe das beim Zeichnen derart empfunden, dass die Action schnell eindimensional wirkt. Beim Lesen fügen sich die Actionszenen aber ganz gut ins Gesamtbild ein und bieten Abwechslung zu den Dialogen, die ja viele sachliche Informationen vermitteln müssen. In einer Filmversion hätte ich wahrscheinlich mehr Actionszenen eingebaut.

 

CG: Manche Szenen im Comic haben mich an Videospiele wie Modern Warfare 2 erinnert, die Szenen beim Tee mit den Einheimischen im Schatten erinnerten mich wiederum an Urlaubseindrücke – ist es schwer, das durch Filme und andere Medien geprägte, westliche Bild Afghanistans auszublenden?

AJ: Diese Videospiele kenne ich gar nicht. Um zu vermeiden, dass ich unbewusst von Spielfilmbildern oder anderen Fiktionen beeinflusst bin, habe ich für jedes Handlungselement versucht, reale Vorbilder zu finden. Seien es Fotos, YouTube-Filme, Erzählungen oder anonyme Blogs von Soldaten. Für die Kampfhandlungen musste ich allerdings eher auf amerikanische und britische Augenzeugenberichte aus dem Süden Afghanistans zurückgreifen, da hierzulande darüber sehr zurückhaltend berichtet wird. Wenn eine Szene sehr an Urlaub in südlichen Ländern erinnert, finde ich das doch einen interessanten Kontrast: Es passieren schreckliche Dinge in einem eigentlich schönen Land, in dem auch bei Tee zusammengesessen wird.

 

CG: Gab es den Vorfall mit dem Gefangenenlager in der Realität?

AJ: Schön, dass diese Episode so glaubhaft rüberkommt, aber das ist frei erfunden. Ich habe nach einer ungewöhnlichen Wendung in der Geschichte gesucht und wollte auch die Amerikaner mehr einbauen. Die Amerikaner hatten während der Zeit meiner ersten Recherche das berüchtigte Gefangenenlager in Bagram komplett neu errichtet und stolz der Presse präsentiert. Das war dann die Inspiration für diesen Teil meiner Geschichte. Die Szenen vermitteln aber auch, dass es eine Menge Vorbehalte zwischen den NATO-Partnern gibt und viele missglückte Aktionen unter den Teppich gekehrt werden. Die USA bleiben bei diesem Einsatz der „Große Bruder“, dem man sich unterzuordnen hat.

 

Seite aus Wave and SmileCG: Sie hatten vorab Kontakt zur Bundeswehr. Gab es inzwischen Rückmeldung von Soldaten auf den Comic?

AJ: Was das Feedback von Soldaten angeht, kann man zusammenfassend sagen, dass die Veteranen es als sehr authentisch empfinden und die Geschichte, besonders die erste Hälfte, bei ihnen Erinnerungen hervorruft. Stolz bin ich aber besonders auf die Reaktion einer afghanischen Mitarbeiterin der Deutschen Welle, die bestätigt hat, dass sie die afghanische Atmosphäre und die Afghanen sehr treffend dargestellt findet.

 

CG: Ich hätte mir ein Vorwort und Bonusmaterial gewünscht. Wollten Sie das nicht, sondern lieber den Comic für sich selbst sprechen lassen?

AJ: In der Tat war zunächst ein Vorwort im Gespräch. Ich war von der Idee sowieso nicht sonderlich begeistert und schließlich ist auch der Verlag davon abgekommen. Die Geschichte soll wirklich in sich funktionieren, ohne Erklärungen. Hintergrundinformationen gibt es genug in den Quellen, die ich am Ende des Buches nenne. Ich denke, Skizzen und Entwürfe für den Comic könnte man eventuell noch in einer Sonderausgabe unterbringen, wenn genug Interesse vorhanden ist.

 

CG: Gab es bereits Anfragen, das Buch für den Schulunterricht oder bei der Bundeswehr einzusetzen?

AJ: Nein.

 

CG: Gab es von Verlagsseite besondere Anforderungen oder Vorgaben bei dem politisch sensiblen Thema?

AJ: Nein. Sie wollten nur beim Covermotiv mitentscheiden. Da wurden einige Entwürfe im Vorfeld als zu „martialisch“ empfunden. Letztendlich ist es aber doch mein erster Motiv-Vorschlag geworden.

 

CG: Wollte man durch ein „weniger martialisches“ Cover vielleicht vermeiden, falsche Erwartungen zu wecken und zu reißerisch zu wirken? Lieber auf die „falschen Fans“ verzichten und dafür künstlerisch höherwertig auftreten?

AJ: Nein, die Unterschiede zwischen den Coverentwürfen waren wohl eher Geschmackssache. Ich habe auch teilweise nicht verstanden, warum dieses oder jenes zu martialisch ausgesehen hätte. Letztendlich lag ich ja richtig und es wurde mein erstes Lieblingsmotiv verwendet.

 

CG: Gäbe es Leserreaktionen, die sie sich nicht wünschen würden?

AJ: Die schlimmste Leserreaktion wäre der Propagandavorwurf. Deshalb möchte ich hier noch einmal klarstellen, dass ich zwar während der Recherche Kontakt zur Bundeswehr hatte, wie jeder Journalist, der vernünftig über das Thema berichten möchte. Ich wurde aber in keiner Weise von der Bundeswehr beauftragt, beeinflusst oder gar vergütet. Durch den Buchtipp und die überschwänglichen Reaktionen auf der Bundeswehrseite ist es da inzwischen zu Missverständnissen gekommen. Ich, als Autor vertrete auch nicht unbedingt die Meinungen der dargestellten Charaktere. Die Bundeswehr bleibt eine von unzähligen Quellen, die ich genutzt habe.

 

Cover der Wave and Smile-Ausgabe zum Gratis-Comic-TagCG: Haben sie sich Gedanken darüber gemacht, wie das Buch auf die Leser wirken könnte? Gab es Selbstzensur?

 

AJ: Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, wie das Buch auf Leser wirken könnte. Ich gehe immer von einem sehr mündigen Leser aus, dem man nicht alles erklären muss, der die Zwischentöne wahrnimmt und auch Bildsprache versteht.

Selbstzensur gab es insofern, dass ich Pietät wahren wollte, indem ich keine Gewaltexzesse zeige oder jemanden bewusst lächerlich mache.

 

CG: Sie haben ihren Comic beim Comic-Salon in Erlangen vorgestellt. Wie haben Sie den Salon erlebt?

AJ: Es war für mich das erste Mal, auf einer Comicmesse zu sein und hat mich zunächst an Filmfestivals erinnert, von denen ich einige erlebt habe. Mir hat aber besonders gefallen, dass die Comicwelt hierzulande noch nicht so durchkommerzialisiert ist. Da treffen sich eher Liebhaber des Mediums als Geschäftsleute. Jeder scheint jeden zu kennen, man hilft sich gegenseitig und ich empfand es ein bisschen wie eine Großfamilie, in der ich mich gut aufgehoben fühle. Es ist, anders als in der Filmbranche, nicht so schwierig, diese oder jene einflussreiche Persönlichkeit der Szene zu treffen.

 

CG: Ist ein zweiter Comic geplant? Wenn ja, zu welchem Thema?

AJ: Konkret ist noch nichts geplant. Mich würde allerdings sehr interessieren, einen Thriller aus dem Berlin Ende der 1920er Jahre zu gestalten (in Farbe!). Über diese Zeit habe ich schon recherchiert. Mal sehen.

 

CG: Wird das dann ein Comic über das bevorstehende Dritte Reich? Eine Geschichte über Dekadenz und die Wilden Zwanziger? Oder eine ganz andere Richtung?

AJ: Verrate ich nicht.

 

Abbildungen: © Arne Jysch/Carlsen Verlag

 

links

Rezension von Wave & Smile in der Kolumne 2gegen1

 

Ralph Azham 1&2

ralph_azham1In einem abgelegenen Dorf wächst ein Kind mit einer besonderen Gabe heran, das der lang ersehnte Auserwählte sein könnte, der die Terrorherrschaft  des die Lande mit seinen wilden Horden terrorisierenden Oberschurken beenden soll … Ja, diese knappe Inhaltsangabe klingt wahrlich wie die schlimme Androhung einer in Klischees und Pathos ertränkten Fantasygeschichte vom Fließband. Da wir es aber mit dem neuesten Werk des französischen Ausnahmekünstlers Lewis Trondheim zu tun haben, darf man auf eine eher unkonventionelle Auslegung der alten Auserwähltenmär hoffen – eine Hoffnung, die hier dankenswerter Weise nicht enttäuscht wird.

 

Die klare Abwendung von der klassischen „Weg des Helden“-Geschichte wird gleich zu Anfang der Erzählung offenbar: Titelheld Ralph ist bereits ein junger Mann und „Ex-Auserwählter“, dessen einst angenommene messianische Rolle sich offenbar als Trugschluss entpuppt hat. Als Dorf-Paria darf er unangenehme Arbeiten verrichten und erfüllt gleichzeitig eine Funktion als allgemeiner Sündenbock für die von ihm enttäuschten Einwohner. Trondheims Dekonstruktion des klassischen Heldenmythos geht hier sogar noch weiter: Die zu rettende Dorfgemeinschaft, vor allem verkörpert durch den Ältestenrat, ralph_azham1_01besteht aus zögerlichen, zutiefst selbstgerechten und egoistischen Individuen, denen man ihr Unglück gönnt, Ralphs mögliches Liebesinteresse in Gestalt der Dorfältestentochter Claire ist kein Lichtblick, sondern ein durchtriebenes und verlogenes Luder und seine doch nicht so beeindruckende „besondere“ Gabe beschränkt sich darauf, beginnende Schwangerschaften und zugleich den Vater des ungeborenen Kindes zu erkennen – was ihm letztendlich nichts als Ärger mit seinen scheinheiligen Mitbürgern einbringt. Mit dem Nahen der mörderischen Freischärler des verhassten (aber in den ersten beiden Bänden nicht in Erscheinung tretenden) „Vom Syrus“ wird eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, die dazu führen, dass die Wahrheit übers Ralphs angebliches Versagen als Auserwählter ans Licht kommt und er sich doch noch in Richtung des Königssitzes Astolia aufmacht.

In Band 2 setzt Trondheim seine Erzählstrategie der enttäuschten Erwartungen konsequent fort: Ralph, Nervensäge Claire  und der kleine Raoul, ein Waisenjunge und weiterer möglicher Auserwählter aus ihrem Dorf, sind in einer Burg gelandet, die als Zwischenstation auf dem Weg nach Astolia und zugleich eine Art Sammelstätte für etwaige Auserwählte aus dem ganzen Land dient. Auf die Kinder, die sich wie Ralph und Raoul allesamt durch unübliche blaue Haarfarbe und nützliche bis skurrile übernatürliche Fähigkeiten auszeichnen, wartet jedoch ein ganz anderes, grausames Schicksal als der angenommene Eignungstest für Weltenretter. Da kommt Ralph zugute, dass er neben dem Schwangerschaftssehen jüngst noch eine zweite Fähigkeit entwickelt hat: Er kann die Geister von Ermordeten nicht nur sehen und mit ihnen sprechen, sondern es ihnen auch ermöglichen, zeitweilig materiell zu werden. Da Ralph auf überraschend viele Menschen mit einer mörderischen Vergangenheit trifft, eine mehr als nützliche Gabe …

Wie von vielen seiner Comics gewohnt, nutzt der hochproduktive Trondheim auch in diesem Fall das Gerüst einer ralph_azham2Genrestory als Ausgangslage für seine ganz eigene Schule des Erzählens, die weniger auf den Plot konzentriert ist, sondern hauptsächlich auf das ungeschönte Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren, die teils herrlich lakonische Erörterung moralisch-philosophischer Fragen und zuweilen abstrusen schwarzen Humor. Derart seinen eigenen Erzählkonventionen folgend, garantiert Trondheim eine Geschichte voller nicht absehbarer Wendungen und Figuren, die in ihrem eigensinnigen und egoistischen Verhalten wahrscheinlich näher an der Realität sind, als manch einem lieb ist.

Dabei täuschen die auf den ersten Blick recht simplen, aber erstaunlich ausdrucksstarken vermenschlichten Tierfiguren und Trondheims perfektionierter markant-naiver Zeichenstil wie in Die erstaunlichen Abenteuer des Herrn Hase oder Donjon über die sehr erwachsene Natur der in Teilen recht brutalen und kompromisslosen Geschichte hinweg. Im Fall von Ralph Azham schlägt das Pendel sogar relativ stark in Richtung Ernsthaftigkeit und Tragik aus; der eingesetzte Humor ist meist von der bitter-sarkastischen Sorte. Ein wenig liegt hier auch der Schwachpunkt der Comicreihe: Der Zynismus, der sich durch die Geschichte zieht und mit dem sich Ralph wie mit einem Schutzschild gegen die feindlich gesinnte Welt umgibt, sorgt zwar für einige äußerst gelungene Dialoge und Situationen, aber zugleich hält Trondheims erzählerische Abgeklärtheit, die sich auch in der hohen Sterblichkeitsrate der Nebenfiguren äußert, den Leser auch auf einem gewissen Abstand zu den Figuren. Die ganz große Gefühlsnähe und damit Anteilnahme am Schicksal des Protagonisten lässt sich auf diese Weise nur schwerlich schaffen.

Ganz gleichgültig sind einem Wohl und Wehe des trondheimschen Antihelden, bei dem jeder Triumph offenbar mit einer Niederlage einhergeht, dann zum Glück aber nicht, scheint doch oft genug die verletzliche, menschliche Seite Ralph Azhams durch – was wiederum klar für das Können des Autors spricht. Trotz allem, was einen von dieser so unheroischen und nüchtern erscheinenden Fantasiewelt abstößt, möchte man wissen, welche überraschenden Stolpersteine und bizarre Wesen den weiteren Weg Ralph Azhams kreuzen und ob ihm ein (nach Trondheims Maßstäben) glücklicher Ausgang seiner Abenteuer vergönnt ist.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Recht sarkastische und nüchterne, zugleich erfreulich unvorhersehbare Antihelden-Fantasy

 

Ralph Azham
Reprodukt
Text und Zeichnungen: Lewis Trondheim
Übersetzung: Ulrich Pröfrock
je 48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: je 12 Euro 

Band 1: Belügt man jene, die man liebt?
ISBN: 978-3-941099-98-2
Leseprobe

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Band 2: Und am Anfang wartet der Tod
ISBN: 978-3-941099-98-2

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Abbildungen © Lewis Trondheim , der dt. Ausgabe: Reprodukt

Links der Woche: Mit der Webcomic-Rakete, geklauten Ideen und Frauen in Comics

Unsere Links der Woche, Ausgabe 25/2012:


Wer suchte wie er, der fand überreichlich
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Das Kribbeln im Bauch
Börsenblatt, Nils Kahlefendt
Zwei Nachrufe auf Armin Abmeier, der am 23. Juli in München verstarb. Abmeier war Verleger, Galerist und Herausgeber der Reihe Die tollen Hefte, die als bibliophile Schnittstelle von Literatur und Grafik auch Comickünstlern wie Atak, Anke Feuchtenberger oder Henning Wagenbreth ein Forum bot. In seiner Münchner Galerie fand letzten Herbst eine Ausstellung zum 20-jährigen Verlagsjubiläum von Reprodukt statt. Andreas Platthaus schreibt: „Armin Abmeier war der Nestor der deutschen Illustratorenszene, ein nimmermüder Ratgeber, Herausgeber, Geldgeber, Achtgeber.“

Kraftmädchen & Wunderfrauen
Yay, Comics!, Ti Leo und Ein Comicleben 
Die aktuelle Folge des Podcasts Yay, Comics! dreht sich um Frauendarstellungen in amerikanischen Mainstream-Comics. In knapp 55 Minuten geht es um weibliche Superhelden, Sexismus, den Bechdel-Test und einiges mehr (MP3-Direktdownload hier).

Danke! Und?
Stefan Pannor
Stefan Pannor dokumentiert in seinem Blog, wie sich der öffentlich-rechtliche SWR für einen Bildergag auf seiner Website und bei Facebook bei einem Cartoon von Michael Holtschulte bedient hat – ohne diesen vorher zu fragen oder gar zu bezahlen. Inzwischen habe man sich jedoch „gütlich geeinigt“.

Echte Helden, klügere Frauen
Frankfurter Rundschau, Christian Schlüter
„Man unterschätze den Comic gerade dort nicht, wo er nicht bedeutungsheischend und feuilletongerecht Graphic Novel heißt“, schreibt Christian Schlüter und stellt einige aktuelle Genrecomics aus der vermeintlich anspruchsloseren Ecke vor.

Comics blicken auf die Literaturklassiker
Deutschlandfunk, Angela Gutzeit
A propos „feuilletongerecht“: Das trifft wohl ganz besonders auf die derzeit bei einigen Verlagen wieder sehr angesagten Adaptionen literarischer Klassiker zu. Die Sendung Büchermarkt: Bücher für junge Leser im Deutschlandfunk widmete sich diesem Thema in einem Feature (22:36 Minuten, MP3-Download hier). Zu Wort kommen unter anderem Flix, Nicolas Mahler und Birgit Weyhe. Der Beitrag setzt sich mit dem Thema sehr differenziert auseinander und findet sowohl lobende als auch kritische Worte.

Warum Romane? (Teil 1)
The Range, Horus W. Odenthal
Horus W. Odenthal, der als „Horus“ viele Jahre lang Comics gemacht hat, hat sich inzwischen aufs Schreiben von Romanen verlegt. In zwei Blogeinträgen (hier der zweite Teil) erklärt er, wie es dazu kam.

Comic Rocket
comic-rocket.com
Ein neuer Dienst für Webcomics will sich dem Problem widmen, dass es vielen Lesern vor allem bei Fortsetzungsgeschichten schwerfällt, regelmäßig am Ball zu bleiben. Comic Rocket verzeichnet Tausende von englischsprachigen Webcomics und bietet eingeloggten Usern die Möglichkeit, Serien zu abonnieren und sich die zuletzt gelesene Episode zu merken. Die Leser werden direkt auf die Seiten der jeweiligen Webcomics geführt, es handelt sich also nicht um ein „Absaugen“ von Inhalten.

(ohne Titel)
vingt et un, Stan Sakai
Das Tumblr-Blog vingt et un gräbt einen alten Comic aus, der 1991 im Magazin Amazing Heroes erschien: Stan Sakai (Usagi Yojimbo) erklärt darin seinen Arbeitsprozess in Comicform. Die Scans wurden später auch beim bekannten Blog Robot 6 gezeigt, woraufhin Stan Sakai auf Facebook erklärte, er wäre schon gerne gefragt worden.

Das Einhorn 4 – Der Tag der Taufe

Cover Das Einhorn 4Zwei Jahre musste man warten, bis das Abenteuer um die Fabelwesen, die Primordialen und die Ärzte in die letzte Runde geht. Und eines sei direkt zu Beginn gesagt: Man tut gut daran, vor der Lektüre noch einmal die drei vorhergehenden Bände zu lesen.

Denn dieser Band ist nicht einfach nur ein actionreiches Finale, welches die letzten Handlungsfäden verknüpft und sich dann darauf beschränkt, die letzte Konfrontation der Gegenspieler darzustellen, wie man es so häufig in Serien beobachten kann. Nein, Autor Mathieu Gabella macht viele überraschende Wendungen und wendet Kniffe an, die den Blick auf alles bisher in der Serie Geschehene ändern.

Vieles ist anders als gedacht: Die Bösen sind weniger böse als bisher bekannt und die Guten weniger gut. Das simple Gut-Böse-Schema wird negiert und sogar mit ihm gespielt. Manchmal ist das sehr verwirrend, weswegen die Serie auf jeden Fall in einem Guss gelesen werden sollte. Aber gerade das Ende ist hoch interessant, weil es interessante Aspekte zur Bildung von Mythen beisteuert. Denn Legenden sterben nie, sie mutieren nur wie die Körper und passen sich ihrer neuen Umwelt an. Wie Mediziner auf neue Entdeckungen reagieren (wie andere Wissenschaftler auch), so reagiert der Körper auf seine Umgebung und mythische Figuren auf die soziokulturelle und historische Entwicklung. Deswegen sollte man unbedingt auch den reinen Prosa-Epilog lesen, in dem zwei bekannte mythische und auch historische Figuren vorkommen: Gräfin Bathory und Vlad Dracula. Die im Band entstehenden Hybriden aus Primordialen und Menschen erlauben die Entwicklung neuer Fabeln und neuer Mysterien, die nunmehr viel tiefer in der Realität verwurzelt sind. Je weiter die Wissenschaft voran schreitet, desto mehr wurde schließlich auch der Horror in der Realität verwurzelt. Nachdem Fabeltiere entzaubert wurden, mussten andere Monster her.

Seite aus Das Einhorn 4Aber die Entwicklung verläuft bis in die Jetztzeit und Monster und Fabelwesen laufen einander den Rang ab. Vampire mussten erst romantisch werden, um wieder ein großes Publikum ansprechen zu können, da sie gegen Serienkiller und Zombies nicht mehr mithalten konnten, welche lange Zeit die Leinwand beherrschten. Besonders der Serienkiller ist ja wahrlich in der Realität verankert, während die Zombies eine Reaktion auf gesellschaftliche Zustände darstellen. Indem  Gabella alle diese Wandlungsaspekte mit thematisiert, ist der Abschlussband von Das Einhorn ein wahrlich aufregendes, interessantes, anregendes Finale, welches vor allem einen Neubeginn darstellt und die Handlung nicht nur beendet, sondern entscheidend weiter bringt. Manchmal ist das etwas verwirrend. Was immer noch auch die Zeichnungen betrifft, denn einige Panels muss man geradezu länger betrachten, um sie optisch entschlüsseln zu können. Doch auch das hat seinen großen Reiz und trägt erheblich zum Genuss des Comics bei.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Spannendes Finale, welches den Blick auf die ganze Serie verändert und intelligente Aspekte zur Legendenentwicklung beinhaltet

Das Einhorn 4 – Der Tag der Taufe
Splitter Verlag, Juni 2012
Text: Mathieu Gabella
Zeichnungen: Anthony Jean
Übersetzung: Tanja Krämling
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-79-7
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Wonder Woman Vol. 1 – Blood (US)

Ich war ja schon letztes Jahr bei Begutachtung des ersten Hefts nicht restlos überzeugt. Und, nun ja, die Serie ist danach nicht besser geworden, sondern alberner, konventioneller und – in den letzten beiden Kapiteln des ersten Bandes –schlechter gezeichnet. Nun frage ich mich, wieso Brian Azzarello, der nach 100 Bullets ja doch einen gewissen Ruf zu verlieren hat, sich das überhaupt antut.

Die komplette Rezension zu Wonder Woman – Blood lest Ihr in Folge 3 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.