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Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft

Reinhard Kleist schreibt und zeichnet für Carlsen die Lebensgeschichte eines Holocaust-Überlebenden als Graphic Novel. Ich hoffe, der Mann hat im Brotkorb noch genug Platz für einen weiteren Max-und-Moritz-Preis.

Basierend auf der von dessen Sohn verfassten Biographie, stellt Kleist das Leben von Hertzko Haft vor, einem polnischen Juden, der Auschwitz überlebte, indem er Boxkämpfe gegen andere Internierte gewann, auf deren Ausgang die Wachen wetteten, und der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die USA emigrierte, sich dort als Preisboxer betätigte und sogar gegen den großen Rocky Marciano antrat.

Die komplette Rezension zu Der Boxer lest Ihr in Folge 3 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

2gegen1: Gratisrevue von Neunte Künst, Aufzug 3

Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: Wonder Woman: Blood von Brian Azzarello, Cliff Chiang, Tony Akins et al. und Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft von Reinhard Kleist.

Cover Wonder Woman Vol. 1
FRISCH: Wederhake, wir müssen mal reden.

Ich war ja schon letztes Jahr bei Begutachtung des ersten Hefts nicht restlos überzeugt. Und, nun ja, die Serie ist danach nicht besser geworden, sondern alberner, konventioneller und – in den letzten beiden Kapiteln des ersten Bandes –schlechter gezeichnet. Nun frage ich mich, wieso Brian Azzarello, der nach 100 Bullets ja doch einen gewissen Ruf zu verlieren hat, sich das überhaupt antut.*

Ich meine, bis kurz vor Druck war man sich bei DC ja nicht mal darüber einig, ob die Figur Hosen tragen soll, da kann sich ja jeder ausmalen, was für ein Heckmeck das hinter den Kulissen gewesen sein muss. (Oder einfach George Pérez fragen, der zuerst die neue Superman-Serie schrieb und zeichnete, dann aber lieber nicht mehr: „Entscheidungen werden auf Schritt und Tritt in Frage gestellt, ein Fall von zu vielen Häuptlingen und zu wenigen Indianern. … An einem Tag bekam ich grünes Licht für meine Ideen, am nächsten hatten sie sich’s anders überlegt, und das wurde mir zu viel, es hat uns zu lange aufgehalten. … Die wollten für Superman keinen Autor, sondern eine Schreibmaschine.“ Danke, George Pérez.)

Die Story plätschert erstmal ganz nett vor sich hin, doch dann, im dritten Kapitel, der Schocker: Wonder Woman erfährt, dass sie von ihrer Mutter nicht aus Lehm geformt worden ist, sondern, Schockschwerenot, die Tochter eines Vaters ist. Was sie veranlasst, einen Wutanfall zu kriegen, zu schmollen wie eine Vierzehnjährige und schnurstracks zu einem Heavy-Metal-Konzert (!) zu rennen. Nun ist diese Art von Albernheit für DC-Comics nicht ungewöhnlich – wir erinnern uns alle daran, wie Hal Jordan in den Neunzigern ausrastete, als er erfuhr, dass er nicht vom Storch gebracht worden war (oder so ähnlich). Aber ausgerechnet bei Brian Azzarello? Hat der nichts Besseres zu tun, als bei so einem Unfug mitzumachen?**

Nichts für ungut. Wonder Woman ist kein furchtbarer Comic. Ich verstehe zwar nicht, wieso Wonder Womans Mutter am Ende von Kapitel 4 in Milchschokolade verwandelt wird, und ich bin auch kein Fan der – wegen Zeitmangels, vermutlich; wir erinnern uns an George Pérez – zunehmend grausligeren Zeichnungen von Tony Akins in den letzten beiden Kapiteln, dem es offenbar ein dringendes Anliegen war, den Brustkorb der Hauptfigur zu verstärken. Aber insgesamt ist es halt ein komplett gewöhnlicher, wie üblich reichlich sinnbefreiter und unspektakulärer Wonder-Woman-Comic mit einer Handvoll ganz netter Ideen und Zeichnungen, der (wieder mal) versucht, die Ursprungsgeschichte der Figur umzubauen, und der dabei (wieder mal) an den Klippen der DC-Continuity zerschellt, ohne auch nur ansatzweise eine Art Alleinstellungsmerkmal für sie zu entwickeln.

Was hat Brian Azzarello sich dabei gedacht, Wederhake?***

(*: Ich frage mich das natürlich nicht wirklich, denn er tut’s für Geld, wie wir spätestens seit diesem Jahr wissen – viel, viel Geld, vermutlich. Aber nehmen wir, um der Diskussion willen, trotzdem an, wir wüssten es nicht, und es gäbe Comics, die auch Brian Azzarello selbst für sehr, sehr viel Geld nicht schreiben würde.)

(**: Nein, hat er nicht. Siehe oben.)

(***: Man kann ja nichts ausschließen.)

wertung3

***

WEDERHAKE: Die Frage ist nicht, was sich Azzarello gedacht hat, Frisch, sondern was ich mir dachte, der Serie nach Heft 1 lockere 8 von 10 Punkten zu geben. Dafür kann ich aber die Frage beantworten, warum Wonder Womans Mama am Ende von Heft 3 so statuenhaft wirkt: Weil alle anderen Frauen um sie herum in Nattern verwandelt worden sind. Und hätte man Mutti auch in eine Natter verwandelt, dann wäre die dramatische Umarmung nicht ganz so stilecht. Oder man hatte Angst, dass der Leser glaubt, Wonder Woman sei unter die Snake Handler gegangen.

Ich empfand Wonder Woman als unglaublich mühsame Geschichte, weil zunehmend das Gefühl aufkam, dass Azzarello selbst nicht weiß, was er hier eigentlich will, so inkongruent wirkt das alles. Ich weiß um Azzarellos Vorliebe für Wortspiele und schätze sie oft auch, aber muss jede Figur in jedem Azzarello-Werk ein Wortspieler sein? Die ganze Zeit? Egal, wie dramatisch oder betroffenheitsheischend eine Szene gerade ist? Immerhin schafft er es so, ein doppeldeutiges „schwanzlos“ an der Zensur vorbeizuschmuggeln. Das war’s hoffentlich wert.

Und ohnehin, die Dialoge. Klar, da ist der Rückgriff auf antike Mythen, aber am Ende hing es mir zum Hals raus, dass gefühlte Dreiviertel der Texte sich lesen, als hätte er hier ein Stück von Shakespeare in Comicform gebracht. Nur ohne gereimte Couplets, die’s ertragbar machen würden. Und passend unpassend ist auch, dass Diana nach der Enthüllung in Heft 3 ihren Namen ablehnt und stattdessen beschließt, ab jetzt Wonder Woman zu heißen. Wunderweib. Was so ein doofer Comicname ist, an den wir uns gewöhnt haben, der aber im Rahmen einer epischen, griechischen Göttertragödie ungefähr so fehl am Platz wirkt wie das besagte Metal-Konzert.

Die Geschichte plätschert tatsächlich zuerst dahin, wobei belanglos mein Wort der Wahl wäre, kommt in Heft 3 zeitweise fast völlig zum Stillstand und verliert sich dann in den verbleibenden drei Heften in einem Handlungskonvolut, dem ich nicht mehr folgen konnte. Was im Detail auf den letzten paar Seiten in Heft 6 passiert ist, müsste ich in der Wikipedia nachlesen, wenn’s mich noch interessieren würde. Ich verstehe ja nicht einmal, was genau Wonder Woman überhaupt ausmacht. Wie bekannt ist sie? Was hat sie schon gemacht? Warum trägt sie das Kostüm? Wie lange ist sie schon in der Welt der Sterblichen? Wüsste ich das, verstünde ich vielleicht auch, wie relevant die Enthüllungen für sie sind. So stolpert sie sich irgendwie durch den ab Heft 4 sturzbachartig über uns hereinbrechenden Plot, ohne dass ich je ihre Motivation nachvollziehen kann. Und Zola, der menschliche Anker der Geschichte, begegnet dem Konzept der real existierenden griechischen Götter mit einer beeindruckenden (lies: völlig unglaubwürdigen) Gemütsruhe, wenn sie mal nicht nur doof im Hintergrund rumsteht.

Diese ganze Kiste mit den Göttern in der modernen Welt ist spürbar nicht Azzarellos Ding. Fiesere Menschen als ich würden jetzt den Vergleich mit Neil Gaimans Sandman bemühen. Fiesere Menschen als ich würden jetzt auch die Gender-Pandorabüchse öffnen, denn für eine Serie über starke Frauen ist das doch alles arg schwanzfixiert und männerdominiert. Einzelne Hefte passieren nicht einmal den Bechdel-Test, sondern scheitern an Punkt 3. Und das scheint eher schlimmer zu werden, zumindest hat sich DC ab Heft 7 oder 8 wohl schon wieder einen Sexismus-Shitstorm eingefangen. Gender, Götter … vielleicht sollte sich Azzarello einfach von Themen mit G fernhalten und Heinz Erhardt die Feder überlassen.

Was bleibt, sind die Zeichnungen von Cliff Chiang, die weiterhin gut gelayoutet und sehr schick sind. Seine Wonder Woman wirkt weiblich, aber stark, und seine Monster gefallen mir auch. Die haben wir (anders als die umwerfend schönen Titelbilder) immerhin für vier Hefte, ehe der von dir erwähnte Tony Akins als Fill-In-Künstler den Bleistift schwingt. Der stieß mir nicht ganz so sauer auf wie dir, die Farbgebung von Matt Wilson rettet da einiges, aber erinnerst du dich daran, dass DC am Anfang mal angekündigt hat, dass man das hier lange plante und ausreichend im Voraus produzieren ließ? Passend dazu ist das hier die zweite von zwei rezensierten Serien, die innerhalb der ersten sechs Hefte auf Füllkunst zurückgreifen muss.

As above, so below: Wie das ganze New-52-Projekt ist Wonder Woman ein konfuses Wirrwarr ohne klares Ziel. Kein furchtbarer Comic vielleicht, aber auch nicht weit davon entfernt.

wertung3

Wonder Woman Volume 1: Blood
von Brian Azzarello, Cliff Chiang, Tony Akins, Dan Green, Matthew Wilson und Jared K. Fletcher
DC Comics, 2012
Hardcover, englisch, farbig, 120 Seiten, 22,99 USD
ISBN: 978-1-4012-3563-5

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Cover Der Boxer

WEDERHAKE: Reinhard Kleist schreibt und zeichnet für Carlsen die Lebensgeschichte eines Holocaust-Überlebenden als Graphic Novel. Ich hoffe, der Mann hat im Brotkorb noch genug Platz für einen weiteren Max-und-Moritz-Preis.

Basierend auf der von dessen Sohn verfassten Biographie, stellt Kleist das Leben von Hertzko Haft vor, einem polnischen Juden, der Auschwitz überlebte, indem er Boxkämpfe gegen andere Internierte gewann, auf deren Ausgang die Wachen wetteten, und der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die USA emigrierte, sich dort als Preisboxer betätigte und sogar gegen den großen Rocky Marciano antrat.

Und jetzt, Frisch, finde ich es extrem schwer, diesen Comic zu bewerten. Ich fange mal in dem Bereich an, in dem es mir am leichtesten fällt: der grafischen Umsetzung dieser Geschichte. Kleists unruhige Linienführung, sein abstrakter Stil, der großflächige Einsatz von Schwarzflächen, das passt. Vielleicht besser als ein eher realistischer Stil, wie ihn zum Beispiel Isabel Kreitz mitgebracht hätte. Immerhin ist die Frage „Kann man Auschwitz im Comic darstellen?“ auch 26 Jahre nach Art Spiegelmans Maus zumindest in der breiteren Öffentlichkeit noch nicht geklärt. Kleists Stil lässt viel von dem Schrecken und den Grausamkeiten von Auschwitz im Dunkeln, beziehungsweise skizziert mit groben Strichen nur die Umrisse dessen, was der Leser selbst mit seinem Wissen füllt (mir fällt da besonders die Szene ein, in der Haft im Krematorium arbeiten und Leichen in die Öfen schieben muss). Meiner Ansicht nach umschifft Kleist damit die Gefahr der Trivialisierung, die ich bei einer realistischen Darstellung schon eher gegeben sehe, da dort eine „Wahrhaftigkeit“ mitschwingt, die ja auch nicht existiert.

In den Boxszenen selbst, von denen es so viele nicht gibt (einen Kampf etwa stellt Kleist nur dar, indem er das Gesicht von Hafts Trainer zeigt), schwankt die zeichnerische Qualität. Die meisten Panels haben eine Dynamik und Kraft, die ich in der Form seit Darwyn Cookes The New Frontier in keiner Boxszene mehr gesehen habe, aber vereinzelt wirken Panels auch zu statisch, zu posiert, zum Beispiel weil Kleist in diesen Panels auf Bewegungslinien verzichtet. In der Gesamtheit kommt Kleists Stil aber auch diesem Teil seiner Geschichte zugute.

Die Lebensgeschichte Hafts, die mir zuvor nie begegnete, empfand ich als sehr interessant, auch nach Hafts Exodus in die USA. Und eine grundlegende „Wichtigkeit“ hat so eine Geschichte automatisch, wenn sie einen weiteren Namen, ein weiteres Gesicht, ein weiteres Schicksal der Gefahr des Vergessens oder des Verschwimmens in der Menge der Holocaust-Opfer (ob lebendig oder tot) entreißt. Darum finde ich auch den Essay von Martin Krauß im Anhang sehr lesenswert, der unter anderem das Schicksal neun weiterer Boxer im Rahmen des Holocausts kontextualisiert. Und Kleist verfällt auch nicht in eine „Heroisierung“ Hafts. Haft ist kein „heldenhafter“ Überlebender, er ist ein Überlebender. Eine durch und durch menschliche Gestalt. Einer, der um zu überleben auch Dinge getan hat, die nicht glorreich sind. Die Frage, inwiefern er sich durch die Form seines Überlebens „schuldig“ gemacht hat, inwiefern er sich den Deutschen angedient hat, wirft Kleists Comic auf, verzichtet aber dankenswerter Weise auf eine wie auch immer geartete Antwort.

Allerdings leidet Der Boxer auch an den üblichen Problemen der Gattung Biographie, besonders da Haft seine Erfahrungen fast 60 Jahre verdrängte, nie Tagebuch geführt hat und sie erst 2003 seinem Sohn offenbarte. Und damit sind wir jetzt beim oben schon angeklungenen Schlagwort der „Wahrhaftigkeit“. Es bleiben die Fragen, inwiefern die Details stimmen, inwiefern der zeitliche Ablauf passt, inwiefern Selbst- und Fremdwahrnehmung die Geschichte beeinflussten und wie offen Haft seinem Sohn gegenüber wirklich war. Der Fairness halber sei gesagt, dass auch der abschließende Essay diese Fragen anreißt und zu dem Schluss kommt, dass es sich um eine „unglaubliche, aber doch glaubwürdige Biografie“ handelt. Dennoch erwähnt man hier, dass es Details gibt, die sich als „historisch falsch oder zumindest zweifelhaft“ erwiesen haben. Die Frage, die sich dann stellt, ist, ob man diese Details hätte zumindest erwähnen sollen, oder ob man dadurch die Glaubwürdigkeit und damit die Wirkung der restlichen Geschichte beschädigt hätte. Der SS-Mann, der Haft unter seine Fittiche nahm, heißt im Comic Schneider. Im Nachwort erfahren wir, dass sein Name nicht mehr bekannt ist. Keine große Sache, fast schon irrelevant, immerhin ist das hier keine historische Quelle und nicht hundertprozentiger Authentizität verpflichtet, aber es soll als Beispiel für meine generellen Probleme mit dem Genre der Biographie dienen.

Gleichermaßen stellt sich für mich auch die Frage, wo sich Kleist künstlerische Freiheiten genommen hat, um die Dramatik zu steigern. Im letzten Kampf gegen Rocky Marciano stellt Kleist immer wieder Bilder aus diesem Kampf (erkennbar an den Panelgrenzen) den Bildern aus Hafts KZ-Erfahrungen gegenüber (erkennbar am Fehlen von Panelgrenzen). Schon zu Beginn des Kampfes läuft Haft in die Arena ein, begleitet von den Gesichtern seiner Familie und der Menschen, die er im KZ kennenlernte. Da würde mich interessieren, ob Haft sich während des Kampfes tatsächlich so stark an seine KZ-Zeit zurückerinnerte, tatsächlich in den Mafiosi, die ihn angeblich bedrohten, eine Verbindung zu den SS-Leuten in Auschwitz sah, oder ob Kleist diese Juxtaposition aus stilistischen Gründen selbst hinzugefügt hat.

Der Boxer weist die inzwischen von Kleist bekannte hohe Qualität auf, ist sehr interessant und hat mich beim Lesen, gerade zum Ende hin, also deutlich nach dem Auschwitz-Part, immer wieder emotional berührt. Meine leichten Probleme bestehen somit nicht mit dem Werk, sondern eher mit dem Genre an sich. Aber immerhin lautet der Untertitel von Der Boxer „die wahre Geschichte des Hertzko Haft“. Und der Anspruch auf „Wahrheit“, in einem so subjektiven Feld wie der Biographie, hinterlässt bei mir leider einen schalen Nachgeschmack.

wertung7

***

FRISCH: Deine Bedenken bezüglich einer möglichen Trivialisierung solcher Themen teile ich überhaupt nicht. Ich denke, der Comic muss mittlerweile dank Spiegelman, Satrapi, Sacco und Co. längst nicht mehr beweisen, dass er derartigen Stoffen gewachsen ist, auch unabhängig davon, ob der Stil nun abstrakt oder eher konkret ausfällt. Dass der Holocaust kein Thema wie jedes andere ist, versteht sich von selbst, aber davon sind Comics ja nicht mehr betroffen als andere Medien. Da habe ich bei Guido Knopp wesentlich größere Vorbehalte als bei Reinhard Kleist, was die Präsentation angeht. Es kommt halt auf den individuellen Umgang mit der Materie an.

Den Anspruch der „Wahrheit“ oder „Wahrhaftigkeit“, den du erhebst, unterstütze ich hingegen. Ich würde ihn aber nicht daran festmachen, ob alles, was Kleist darstellt, bis ins kleinste Detail genau so vorgefallen ist. Eine neutrale Wahrheit gibt es bei subjektiven Berichten ja eben nicht, wie du auch andeutest, und das macht den Umgang mit solchen Erzählungen grundsätzlich komplex. Kein Leben lässt sich vollkommen objektiv und wahrheitsgetreu rekonstruieren – schon gar nicht von denen, die es gelebt haben, oder die ihnen nahestehen. In der Literaturwissenschaft trennt man darum klar zwischen Autoren und „Figuren“ solcher biographischen und autobiographischen Texte, auch wenn der Autor und sein erzählerisches Alter Ego viele Gemeinsamkeiten haben.

Bei Der Boxer gilt das erst recht, denn das Buch erhebt keinen journalistischen oder wissenschaftlichen Anspruch, sondern ist wohl eher als Adaption zu verstehen – als Reinhard Kleists künstlerische Interpretation eines Buchs, das im Wesentlichen aus dem Bericht eines Mannes zu bestehen scheint, der von dessen Sohn aufgeschrieben wurde. Der wörtliche „Wahrheitsgehalt“ des Comics ließe sich also allenfalls daran überprüfen, wie treu Kleist in seinen Bildern und Texten der Vorlage des Sohnes, Alan Scott Hafts, bleibt; und selbst dann wüssten wir immer noch nicht, wie genau Alan Scott Hafts Textvorlage sich an den Bericht Hertzko Hafts hält, und so weiter. Mehr noch: Kleist zeichnet die Geschichte ja, und auch, wenn seine Zeichnungen noch so realistisch wären, so blieben sie doch Zeichnungen, und somit keine Reproduktion der Realität.

Wir stoßen damit an Definitionsgrenzen, die etwa auch aus dem Dokumentarfilm bekannt sind. Selbst der Realfilm eines Ereignisses kann nicht den Anspruch erheben, vollkommen objektiv zu sein, denn es ist ja immer jemand da, der den Blickwinkel bestimmt. Man kann die Realität gar nicht reproduzieren, sondern, wie der britische Dokumentarfilm-Pionier John Grierson es in den 1930ern formulierte, allenfalls ein „creative treatment of actuality“ erstellen – eine kreative Interpretation der Wirklichkeit. Das gilt natürlich umso mehr für visuelle Darstellungen, die sich nicht der Fotografie oder des Realfilms bedienen, sondern komplett von Künstlerhand geschaffen werden.

(Bei Interesse verweise ich auf meine englische Besprechung des Zeichentrick-Dokumentarfilms Waltz with Bashir von Ari Folman und David Polonsky, die in vielerlei Hinsicht auch eine Abhandlung über genau diese Problematik ist.)

Der Boxer ist also ein frei gezeichneter Comic, der auf einer Biographie basiert, die wiederum auf dem Bericht eines Mannes basiert, der auf dessen Erinnerung basiert, die schließlich auf seinem Leben basiert. Oder nochmal vereinfacht: Der Boxer bewegt sich in seinem konkreten Wahrheitsanspruch irgendwo zwischen einer strikt an die Vorlage gebundenen Nacherzählung und einem lose an der Vorlage orientierten Dokudrama. Insofern wäre es schon interessant gewesen, zu erfahren, welche Freiheiten sich Kleist bei der Umsetzung genommen hat.

Aber wir wissen das eben nicht. Und selbst wenn, wüssten wir immer noch nicht, wie eng sich Alan Scott Hafts Aufzeichnungen an den Bericht seines Vaters halten, Hertzko Hafts Bericht an seine Erinnerung, oder seine Erinnerung an das tatsächlich Geschehene.

(Besonders irreführend in dieser Hinsicht übrigens auch wieder der „Graphic Novel“-Stempel. Als unbedarfter Leser könnte man ihn als Hinweis verstehen, dass der Verlag das Buch als einen auf „wahren Begebenheiten“ basierenden „grafischen Roman“ sieht. Aber natürlich soll es kein solcher Hinweis sein. Es ist einfach nur ein Stempel für einen dicken Comic mit irgendeinem seriösen Inhalt, wie üblich.)

Darum – und das ist meiner langen Rede kurzer Sinn – denke ich, dass der Anspruch einer „wahren Geschichte“, wie sie der Untertitel verspricht, sich hier allein daran messen lassen wird, ob es Kleist in seiner Funktion als Erzähler gelingt, uns die Geschichte – und insbesondere die Figur des Hertzko selbst – auf intellektueller wie auf emotionaler Ebene als „wahr“ zu vermitteln: Sind die Figuren, ihr Handeln und die Welt, in der sie sich bewegen, plausibel und glaubwürdig? Berührt mich ihre Geschichte?

Seine Qualität und Virtuosität als visueller Erzähler muss Kleist nicht mehr beweisen. Ich mag seinen unprätentiösen, kontrollierten, von messerscharfer Effizienz geprägten Stil sehr. Er gehört längst zur internationalen Spitzenklasse, und das sieht man auch hier.

Auch, was den intellektuellen Part angeht, funktioniert die Story. Wir wissen, auch dank des einordnenden Nachworts von Martin Krauß, dass es viele Menschen gegeben hat, deren Lebensgeschichte ähnlich der des Hertzko Haft verlaufen ist. Das macht den Comic wahr genug, was das anbelangt, unabhängig davon, ob der echte Hertzko Haft in jedem Moment alles hundertprozentig so erlebt hat, wie Kleist es hier zeigt. Niemand, der sich annähernd mit dem Holocaust auseinandergesetzt hat, wird auf die Idee kommen, die dargestellten Situationen oder Handlungen prinzipiell für unrealistisch oder erfunden zu halten. Auf der Ebene der Figuren erscheinen die Entscheidungen, die getroffen werden, im gegebenen Kontext jederzeit plausibel und nachvollziehbar.

Schon allein deswegen kann einen der Comic nicht kalt lassen.

Nun hast Du aber Maus bereits angesprochen, und man kommt bei dieser Art von Geschichte kaum an einem Vergleich vorbei – nicht nur, weil die Dramaturgie von Der Boxer der von Maus sehr ähnlich ist. Spiegelman ist eben die Referenz, was Holocaust-Erzählungen und Biographien im Comic – oder „ernsthafte Comics“ im allgemeinen – angeht, und er wird es wohl auch noch lange bleiben.

Dieser Vergleich mit Maus jedenfalls offenbart für mich die große Schwäche von Der Boxer, den Grund, warum mich das Buch nur selten mitgerissen hat. Ganz banal gesagt: Ich habe keine Ahnung, was Reinhard Kleist mit dieser Geschichte zu tun hat.

Es ist schon richtig, was du sagst: Jeder seriöse Versuch, ein weiteres Einzelschicksal aus dieser unfassbaren Statistik Millionen ermordeter und gequälter Menschen zu lösen und als Mahnung wider das Vergessen zugänglich zu machen, ist wichtig und unterstützenswert. Insofern hat Der Boxer eine inhärente Daseinsberechtigung, die das Buch – völlig jenseits aller erzählerischen Qualität – zu einem moralisch und kulturell wertvollen Beitrag macht.

Doch davon abgesehen vermisse ich auf seinen Seiten die Präsenz des Autors.

Maus ist ja vor allem deshalb so faszinierend, weil es auch die Geschichte eines Vaters und eines Sohnes ist. Spiegelman geht hart und schonungslos ins Gericht mit seinem Vater und mit sich selbst, und es besteht in keinem Moment ein Zweifel, dass das auch seine eigene Geschichte ist, die er da erzählt – die er erzählen muss, nicht nur, weil das Leben Vladek Spiegelmans schon für sich genommen danach schreit, erzählt zu werden, sondern weil es Art Spiegelmans eigenes tiefes Bedürfnis ist, sich darauf einen Reim zu machen, was – auch nach dem Holocaust – mit seiner Familie geschehen ist, und wie es dazu kommen konnte. Diese Intensität spürt man auf jeder Seite des Buchs, und sie ist es auch, die den Kunstgriff der anthropomorphen Figuren nicht nur verständlich, sondern geradezu notwendig macht. Spiegelman zeigt und erklärt seinem Publikum nicht einfach, was geschehen ist; er macht seinen Lesern das Geschehene auch auf beklemmende Weise emotional begreifbar.

Diese Intensität fehlt mir bei Kleist über weite Strecken. Ich habe bei ihm das Gefühl, dass er mit großer Akribie und in ehrenwerter Absicht eine Geschichte nacherzählt, die nicht seine ist. Das macht er gut, und es ist eine Geschichte, die nicht oft genug erzählt werden kann. Aber mir ist nicht klar, warum er als Autor entschieden hat, gerade diese Geschichte zu erzählen. Es gibt diese Geschichte ja schon in Prosaform, aufgeschrieben von einem Sohn über seinen Vater. Man stelle sich im Umkehrschluss vor, ein deutscher Autor würde Maus in Prosaform adaptieren wollen. Die Frage müsste doch lauten: Welchen Blickwinkel hat diese spezielle künstlerische Interpretation zu bieten, der sie für den Autor interessant macht?

Hin und wieder bekommt man bei Kleist eine Ahnung davon – bei den von dir erwähnten Boxkämpfen oder den Szenen bei den Öfen etwa, oder wenn Hertzko bei Kriegsende auf der Flucht ist. In diesen Momenten wird Der Boxer packend, weil man spürt, dass es Kleist selbst ist, der da ringt mit diesem Grauen und den menschlichen Abgründen dahinter, der aus Sprachlosigkeit weitgehend auf Texte verzichtet, und der sich und seinen Zeichnungen den nötigen Raum für sein Ringen gewährt. Der Eindringlichkeit dieser Szenen, in denen Kleist die Geschichte, die er erzählt, allein durch den Akt des Erzählens zu seiner eigenen macht, entkommt man nicht.

Umso mehr fällt das Fehlen dieser Eindringlichkeit im Rest des Buches auf. Man hat dort eher den Eindruck, dass ein Bericht aus zweiter oder dritter Hand übermittelt wird – in einem angemessenen Tonfall zwar und mit sorgsam gewählten Worten, aber doch eben auch ohne zwingenden eigenen Anteil. Man nimmt diese Geschichte mit Bestürzung zur Kenntnis, aber man erfährt sie über weite Strecken eben nicht so, wie es einem Art Spiegelman in Maus ermöglicht hat. Es scheint, als sei Kleist so sehr um Zurückhaltung und um seine Neutralität als Erzähler bemüht, dass er der Geschichte – seiner Geschichte – damit ein entscheidendes Stück Identität und Dringlichkeit verwehrt.

Der Boxer ist ein lesenswerter, mehr als kompetenter Comic. Aber den Beleg dafür, dass das Leben des jüdischen Boxers Hertzko Haft von Reinhard Kleist noch einmal als Comic erzählt werden musste, bleibt der Autor in letzter Konsequenz leider schuldig.

wertung6

Der Boxer.
Die wahre Geschichte des Hertzko Haft
von Reinhard Kleist
Lettering von Minou Zaribaf und Olav Korth
Carlsen Verlag, 2012
Hardcover, schwarzweiß, 190 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78697-5

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Abbildungen: © DC Comics und Carlsen Verlag

Feindgebiet

Cover FeindgebietDer Schweizer Walter Pfenninger war bislang als Illustrator und Grafiker tätig und legt nun mit Feindgebiet sein Comicdebüt vor. Der berufliche Hintergrund ist seinen Zeichnungen in gewisser Hinsicht durchaus anzumerken. Denn in seinem Ligne-Claire-Stil findet man eine starke Reduktion, wie es sie auch bei technischen Zeichnungen gibt. Das ist per se natürlich schon mal nicht schlecht. Wer mit der Ligne Claire aber nichts anfangen kann, wird auch hier mit dem Stil nicht warm werden.

Was macht man meistens als Debütant, wenn man noch kein so großes Selbstbewusstsein im Schreiben von eigenen Stoffen hat? Entweder man greift auf eigene Erfahrungen zurück oder man nutzt wahre Begebenheiten als Grundlage. Beides kann zu hervorragenden Erzählungen führen. So nimmt sich Pfenninger einen spannenden Aspekt der realen Historie vor, nämlich den ersten Agentenaustausch zwischen den USA und der UdSSR, der 1962 an der Grenze zwischen BRD und DDR stattfand. Man befindet sich also mitten im Kalten Krieg.

Seite aus FeindgebietDer US-Pilot Francis Gary Powers wird 1960 mit seinem Spionageflugzeug über sowjetischem Gebiet abgeschossen. Später wird er zum ersten ausgetauschten Agenten des Kalten Krieges. Pfenninger recherchierte jahrelang und interviewte auch den Sohn von Powers. In Feindgebiet schildert er die Ereignisse, die zu dem Abschuss führten, Powers‘ Gefangenschaft und auch den Gefangenenaustausch. Somit wird ein spannendes kleines Kapitel des Kalten Krieges beleuchtet.

Der Ligne-Claire-Stil ist hier allerdings schon fast etwas zu reduziert, da Pfenninger es leider versäumt, mit Farben Stimmungen zu erzeugen. Ansonsten ist der Stil sehr typisch mit der reduzierten Mimik, die alle Übertreibungen vermeidet, und strikt ausgesparten Hintergründen. Leider gelingt es Pfenninger nicht wie anderen Vertretern dieses Stils, die graphischen Lücken durch die Phantasie des Lesers ausfüllen zu lassen. Es fehlen einfach kleine emotionale Anreize, wie etwa anhand von Farben, um den Leser aktiv miteinzubeziehen. Alles wirkt etwas zu technisch, etwas zu kalt.

Seite aus FeindgebietDie auf Tatsachen basierende Graphic Novel ist aber spannend und auch zeithistorisch äußerst interessant ausgefallen. Es wird angedeutet, dass der „Kalte Krieg“ nicht für alle ideologisch besetzt war, sondern eine Art Abenteuer darstellte, in dem man seine persönlichen Vorlieben ausleben konnte. So sieht der Pilot Powers in seinem Handeln weniger eine Notwendigkeit, als vielmehr die Möglichkeit, trotz seines recht hohen Alters (jedenfalls für einen Piloten) noch fliegen zu können.

Dass es sich hier um ein Comic-Debüt handelt, merkt man dem Band leider deutlich an. Es fehlt etwas an Mut, was man daran merken kann, dass sich Pfenninger zu sehr auf die Fakten konzentriert und alle Emotionalität links liegen lässt. Der Band krankt einfach an seiner zu großen Distanziertheit, die sich allzu sehr auf die Nüchternheit der Fakten zurückzieht. Nebencharaktere bleiben besonders blass und es gelingt nicht, Emotionen beim Leser zu wecken. Der Autor hat wohl etwas zu viel Respekt vor den Protagonisten gehabt. So bleibt alles sehr nüchtern und dementsprechend kalt und spröde, was schade ist, weil man sehr viel mehr hätte draus machen können. Allein die Beziehung zwischen dem als Spion festgenommenen Piloten und seiner im Heimatland gebliebenen Frau hätte Stoff für ein breit ausgeführtes Drama gegeben, sie hätte dem Leser sehr viel mehr an Identifizierungsmöglichkeiten und emotionaler Teilhabe angeboten. Auch der in Andeutungen vorhandene Abenteuercharakter bleibt eben nur angedeutet. Somit ergibt sich bei dieser Graphic Novel ein kleines Paradox: Sie ist eine spannende Schilderung der Abenteuer eines Spionage-Piloten, die aber letztlich zu nüchtern, ja, zu technisch ausgefallen ist.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Spannendes Spionage-Abenteuer, das etwas zu spröde und distanziert ausfällt

 

Feindgebiet
Zwerchfell Verlag, Februar 2012
Text und Zeichnungen: Walter Pfenninger
Seiten, farbig, Softcover
Preis: 12,00 Euro
ISBN: 978-3-943547-02-3
Leseprobe

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Abbildungen: © Walter Pfenninger/Zwerchfell Verlag

Disclosure/Klarstellung: Der Comic wurde von CG-Redakteurin Frauke Pfeiffer lektoriert.

Against Pussiness: An Interview with Howard Chaykin

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Born in New Jersey in 1950, Howard Chaykin likes to draw good-looking action heroes, preferably of Jewish descent, with a soft spot for guns, women and snappy one-liners – and he’s been at it for more than 30 years, at this juncture. Chaykin’s art for Marvel’s Star Wars comics made him popular, works like The ShadowBlack Kiss or Power & Glory caused quite a stir in their time, and his caustic sci-fi satire American Flagg! made Chaykin one of the most influential American comics creators.

At 61, Chaykin remains a prolific storyteller. His recent comics projects include short stories starring the Spirit and the Justice Society for DC Comics, the miniseries Avengers 1959 at Marvel and his own comic strip in the Eisner Award-winning anthology series Dark Horse Presents. As of July 2012, Chaykin is at work on Black Kiss 2, a project with writer Matt Fraction titled Satellite Sam, as well as a new miniseries starring sci-fi hero Buck Rogers.

At Comic-Salon Erlangen 2010, Marc-Oliver Frisch sat down with a good-humored Howard Chaykin to talk about art, ego and hip-hop – and some grown-up stuff, as well.

Howard Chaykin, Marc-Oliver Frisch 

Interview: Marc-Oliver Frisch. Photograph: Christopher Bünte

[LESEN SIE DAS INTERVIEW AUF DEUTSCH.]



 

MARC-OLIVER FRISCH: I read your conversation with Ho Che Anderson in the Comics Journal, where you call yourself a journeyman, but you also say you want to be a “brand” that the publishers and the audience can rely on. That was very interesting to me, because people don’t tend to take the term “journeyman” as a compliment.

HOWARD CHAYKIN: Really? Well, I was thinking of… Do you know jazz at all?

FRISCH: Not really, no.

CHAYKIN: With a hat like that you should.

FRISCH: I know.

CHAYKIN: One of the great white jazz musicians of the 1950s through the 1970s was a guy named Gerry Mulligan, who was known as the great white mainstream, and also the great journeyman player. And I think in the context in which I used this phrase, it meant that I was not a guy who was particularly special at this, or that, or the other thing, but that, when called upon, I can do anything. I can do war stories, westerns, crime, romance, which is much more what… You see, if you ask me a simple question, you get a long answer. It’s more like what the generation before mine did, because those men… Let’s face it, the guys who were the Bullpen, Stan’s first artists, after Jack, all came from the DC romance department. You know, John Romita, Don Heck, all these guys who’d been languishing in romance comics. But the truth is, I always was raised to believe that I should be prepared to do any genre that comes along. Which does in no way obviate the fact that, if I do a western story, a science-fiction story, a crime story, a superhero story, that there’ll be a signature imprint of who I am in that material, that you know it is a Howard Chaykin story first, branded upon that character.

 

I recognize that 

I’ll have two weeks of good ink 

when I die, and then 

I’ll be forgotten.”


I don’t think of “journeyman” as a disparaging remark. I think it states that I’m a man among men and a worker among workers. I recognize that I’ll have two weeks when I die, two weeks of good ink, and then I’ll be forgotten. And I’m okay with that. I mean, I have an ego. Don’t get me wrong, I do have an ego. But I’m also reasonably comfortable with my own insignificance. It’s just not that important. I mean, I love the work I do, but I like doing the work more than I love the work. Does that make sense? It’s the process that matters to me.

FRISCH: It’s my impression that you’ve found a way to express your ego, and to express yourself, that doesn’t clash with reality.

CHAYKIN: I have a pretty reasonable sense… I’m right-sized. I had a long conversation last week with a very good friend of mine who I don’t see enough, a writer whose first novel is just brilliant, was well-received, and whose second novel was ignored, though it’s a wonderful book, a terrific book. And we talked about failure. We talked about being comfortable… about getting past the bitterness and the anger and recognizing the fact that you can’t control what it’s gonna be next. I’m very proud of the work that I’ve done over the last 30 years, some of which has been met with indifference, and I have no idea why this was met with indifference and this wasn’t. It is such a crapshoot and such a luck of the draw. And it’s true of all… it’s true in television and true of the movies… Look, Crazy Heart, the Jeff Bridges picture, it was almost a release to video. It was almost never released theatrically, because the studio thought it was just a piece of shit, you know. And then it’s this huge massive hit, it’s The Wrestler with guitars. It’s not a great movie. It’s only a good movie. But it’s a very good movie if it’s a very successful movie. Gil Kane once said, “Is it popular because it’s good, or is it good because it’s popular?” There you go. 

FRISCH: It seems you’ve achieved a pretty good balance in your career, in terms of where you are in the industry, what you want to do and how to approach it.

CHAYKIN: I think that’s true.

FRISCH: Many people in comics don’t have that.

CHAYKIN: How do you mean?

FRISCH: You’ve got a lot of creators who don’t get to make a living doing the things they really want to, whether its company-owned or creator-owned work.

CHAYKIN: I mean, one of the reasons that I mostly do work for hire right now is that I’d like to make a living, you know. I’m older than a lot of my colleagues. When I came into the comic-book business, I was the youngest of my crew. I was the youngest by a number of years. But I’m now among the oldest, and I… I have a lifestyle to support. You know, I am lucky enough to live where I live, to be in the financial position that I’m in. But I still enjoy the process, for example, of being able to come to a comic-book convention in Europe. I’m a guest of the show, I bring my wife… I need to make a living. I am going through some real hunger right now to do something other than the work-for-hire stuff that I’m doing. I’ve been craving that. I’ve got two projects that I would very much like to be doing. 

Cover Dominic Fortune #1FRISCH: You’ve been doing a lot of work for Marvel lately, like Blade or Wolverine or Phantom Eagle. The one I’m wondering about, though, is the new miniseries with your creation Dominic Fortune that just came out.

CHAYKIN: It’s pretty funny. I had a great time doing it. This was also the first time I saw anybody else’s Dominic Fortune stuff. I’ve never seen anything else that anyone else has ever done with Dominic Fortune at Marvel. This is a character I love writing and love drawing, and this was an opportunity to do stories and concepts I’ve had in my playbook for years, that I’ve always wanted to do.

FRISCH: How did it work out for you, creatively? Would you say this is more of a Marvel comic, or more of a Howard Chaykin comic?

CHAYKIN: I had very little editorial… They let me do pretty much what I wanted. I mean, the changes I had to make were all oddly graphic. They were in the covers. I couldn’t use the Olympics symbol, it was copyrighted, and I couldn’t use a swastika on a cover… because of you guys. [Meaning Germany, where you can basically get into trouble for using Nazi symbols in non-educational contexts, which has led U.S. publishers to modify artwork accordingly. –ed.] But other than that, not really. I mean, I was pretty much given free reign. You know, because the way the book started was, Axel [Marvel editor Axel Alonso –ed.] called me up and said, “You know what I’d really love to see?” and I said, “What’s that?” and he said, “How about a Dominic Fortune Max series?” and I said, “Fuckin’ A! Yeah!” [Max is Marvel’s “mature readers” imprint. –ed.] And I basically threw everything at it, assuming editorial would have me change stuff, but [snaps fingers] I had very little editorial jostling. And I was gratified and pleased, very happy about that.

FRISCH: You’ve done a lot of mainstream work, although your style doesn’t necessarily play well with some mainstream sensibilities. 

CHAYKIN: Such as…?

FRISCH: People tend to be touchy about the sexual stuff and violence that’s in there, for instance, and when it does comes up, nobody wants to admit it’s there. 

CHAYKIN: Is it there? In what context was it? Give me an example. 

FRISCH: Frank Miller’s Daredevil comes to mind – the scene where Bullseye stabs Elektra is supposed to be a rape metaphor.

CHAYKIN: I thought he was just killing her. Who said that?

FRISCH: Miller did.

CHAYKIN: He’s a drunken idiot. [Pause] You needn’t put that in the interview…  Did he really…? When did he say this?

FRISCH: There’s a documentary that came with the Daredevil movie DVD that has an interview with Miller. That’s where he says it. [The passage in question, from the film The Men Without Fear: Creating Daredevil, is on Youtube. It starts at about 9:15. –ed.]

CHAYKIN: Okay. So that’s what he meant? I never got that. I mean, I’ve only seen the panel, I’ve never read the book.

FRISCH: It seems like a good example of a lot of the stuff that’s appearing in superhero comics right now.

CHAYKIN: Did you think that was metaphoric for rape?

FRISCH: [Pause] It didn’t occur to me when I read it. But I read it a long time ago, so I don’t know.

CHAYKIN: My feeling is, if it’s rape it’s rape, and if it’s murder it’s murder, and you don’t need a metaphor to cover your ass. That’s just in my opinion. 

FRISCH: That’s what I was trying to get at, because your work is a lot more explicit than most mainstream stuff. You don’t mince words.

CHAYKIN: I don’t feel the need to. I mean, my feeling is, I’ll always provide an editor the opportunity to change stuff, I mean… Even on adult creator-owned material, I’ve had to backpedal on material in places, mostly involving racist remarks, or sexist remarks, or racially insensitive remarks which I feel are justified by the characters speaking, but the editor… I’m choosing my words very carefully… but the editor feels that – and, frankly, rightfully so – that most readers… I shouldn’t say “most” readers… some readers aren’t canny enough to separate the character from the writer.

 

Occasionally,

the tenderness, sensitivity

and pussiness

of many comic-book readers

has scared me.


PowerGloryFor example, when I did Power & Glory, I had the President of the United States tell an incredibly offensive joke, which I had heard from a friend of mine, and I was excoriated for this. And the fact is, the function of the telling of the joke was to confirm and convey the character of the president. And I was trying to use the joke to explain the fact that the character is a shitbird. And I find it astonishing that the… I do find occasionally the tenderness, sensitivity and pussiness of many comic-book readers has scared me. It’s like, you know, be a man. Except, I mean, it took me a while. I mean, I was a prudish kind of guy as a younger man, but I gave up my prudishness, you know.

And I accept the fact that with some stuff, my taste is irrelevant. I mean, let’s take hip-hop. Hip-hop was designed to piss me off. Every generation’s music is designed to piss their parents off. It’s their job! You know, it’s like… I went from being a folky to a jazz fan, and a little bit of rock’n’roll, but not as much. That music was there to piss my parents off, and hip-hop is music to annoy my generation, and that applies to all social behaviors and tastes.

And if you don’t like this material, if it offends you, okay, don’t read it, ignore it, acknowledge your feelings about it. But acknowledge you further the fact that it has a right to exist. And that… Look, I’m a great believer in a plural society, and I oppose censorship of all kinds. I mean, there’s stuff that pisses me off, there’s stuff that embarrasses me, but I’ve no desire to stop its existence, you know. I mean… I’m a great believer in a group conscience. If something pisses me off, I tell my colleagues, and if they don’t agree with me, I move on. If they agree with me, we’re ganging up on it and fuck with these people. But if I’m alone in my feelings: okay, whatever. You know, there’s a tremendous desire to impose one’s tastes on others, and I really don’t give a shit whether you agree or disagree with me. Just simply leave me alone to my work and let me do what I’m doing. 

FRISCH: Steve Gerber in the late 1970s said that he was very frustrated that people took everything he had his characters say literally.

CHAYKIN: Exactly! That’s exactly right.

FRISCH: You’ve been around as long as Gerber…

CHAYKIN: … and I’m not dead.

FRISCH: … and you’re still alive… so, do you think it’s gotten better? Do you think there’s been any change at all?

CHAYKIN: I think it’s gotten worse. Because I think there’s… I think, to confound things… I don’t know what it’s like in German. I can’t speak for Germany. But I can certainly speak for the United States in general and for California in particular, and the reading of material is more and more seen through the scrim of personal affront.

You know, it’s like… When I was in my 20s, I met Archie Goodwin, and Archie was instrumental in wooing me and weening me away from being a science-fiction reader to reading crime fiction for entertainment, and he ruined science fiction for me. I just lost my interest in science fiction. And so I went and I consciously explored all the various divisions of crime fiction, you know, from Raymond Chandler and Dashiell Hammett, including the British stuff, and I read a lot of Dorothy Sayers’ writing. And Dorothy Sayers was a perfect example of a particularly British anti-Semitic sensibility that existed in the first half of the 20th century. And it took me… There was an effort on my part to get past that to enjoy the material. And I did.

 

The reading

of material is more and more

seen through the scrim

of personal affront.


I was 16 years old, and my girlfriend then took me to see Herbert von Karajan playing at Carnegie Hall. And my mother, who was a Popular Front Democrat, said, “You know Von Karajan was Hitler’s favorite conductor?”, and I said, “Okay, you know. But I’m gonna go anyway, because my girlfriend will fuck me if I go.” And that was that.

And I recognize that there is a separation of arts… that you can still… I mean, look, Ludwig Hohlwein… Ludwig Hohlwein, he was a great advertising artist in the 1910s and ‘20s in Germany, and he became a great poster artist for the Nazis… fantastic stuff, the greatest. And he… fuckin’ A, it was dynamite… And, you know, it’s appalling… it’s imagery in the service of the appalling, but it’s pretty astonishing stuff. You know, it’s the same way with Leni Riefenstahl – it is what it is. Though Riefenstahl was crazy… and interesting… So I’m willing to look at shit and accept the fact that this is the work as it is – there are elements of it that are appalling and there are elements of it that are offensive, but leave me the fuck alone, and I’ll leave you the fuck alone. That’s a long answer to a short question. 

FRISCH: Denny O’Neil said in a recent interview that U.S. comics creators are generally better off now than they were back in the day. Do you agree?

CHAYKIN: Oh, absolutely. Unequivocally, yes. I made no money. I was treated like shit. And there was no respect. The difference really is that today, thanks to the guys who did Image, this puffed-up version of themselves, they still created an atmosphere and sensibility that made it possible for us to get a bigger piece of the cake.

I mean, I try not to take advantage of it. I mean, I have a very strange reputation, because in the fans, I’m regarded as an obnoxious asshole, and yet – [raised eyebrows] oh no, they say it, trust me. Believe me, I have no illusions or confusions about who I am – while, in the context of the profession, I’m regarded as a go-to guy that can be depended on all the time, and it’s a very different relationship. And I’m more interested in being well-received by my colleagues and my employers – my clients – than I am that I give a shit about the fans. I mean, I was a fan. I have a picture of myself at 17. I weighed 265 pounds, and I was that kid. I was those guys. But I’ve learned a certain distance.

I said once that for comic-book readers, it’s every Wednesday at the book store, for me it’s every morning on my desk. And that makes a difference in the relationship. But I love the process, enormously. I’m very… I am so grateful. 

FRISCH: You’ve said that the audience for comics is not so much the actual readers anymore, but the comics-store owners.

CHAYKIN: Yeah, absolutely. They’re the ones who dictate what sells and what doesn’t sell. I don’t know if that’s true in Europe, but it’s certainly true in the States. And the same is true in television and in movies.

 

There are commercial

comic-book successes that are

utterly inexplicable to me. You

know, things that are

just like, this is just shit.

This is embarrassing horseshit.

And yet people eat it up

with a spoon.


Who you’re selling to is the assistents to the boss, because they’re the ones who are the gatekeepers. The retailers in the States are the gatekeepers. They’re the ones who say, “Read this, read this, don’t read this, this is disgusting, this guy hates me, don’t read this,” you know, that kind of stuff, so it is the retailer who dictates what the audience responds to. I mean, within reason, of course, there are frenzies, but there are also commercial comic-book successes that are utterly inexplicable to me. You know, things that are just like, this is just shit. This is embarrassing horseshit. And yet people eat it up with a spoon. And I won’t say what they are.

FRISCH: You’ve said…

CHAYKIN: [silly] I will not name names.

FRISCH: So, you’ve said…

CHAYKIN: [sillier] No! Don’t even… You with your fucking hat!

FRISCH: Well.

CHAYKIN: [doing a singing, swinging, full-tilt Frank Sinatra impression] Come fly with me, da da da da da…

FRISCH: Right, that’s me. So, you’ve said you like Criminal.

CHAYKIN: I loved it, it’s a great book.

FRISCH: Ed Brubaker seems to be a guy who’s found a particularly good balance between creator-owned stuff and work for hire.

CHAYKIN: It’s easier to do for a writer than for an artist. Because it takes a lot less time to write a page than it takes to draw them.

FRISCH: Could you see this as a model for yourself?

CHAYKIN: Not really… not really. If I were to create… There are two creator-owned projects I really want to do. But that would mean not doing other stuff. That would mean taking money out of my line of credit. But right now… I mean, it’s an economic decision. Right now I’m carrying more debt than I want to. I mean, this is grown-up stuff, this is not comic-book stuff. In the grown-up world, I own a house, I have a line of credit against the house – I own the house all right, no mortgage – but I still owe a lot of money to this account, and I’d rather not be taking more money out of it to publish myself. And that’s what I’d have to do for a creator-owned project, because the kind of stuff I do, I’m better off publishing myself. I could distribute it through Image, but, you know. I’m gonna be doing a book for a small British press that’s run by a very good friend of mine. I have two crime books that I’d want to do, that I know would at least find something of an audience, that wouldn’t generate enough cash for a major publisher but would be fine for me. But I’d have to finance it. It’s like I say, it’s grown-up stuff. It’s not comic books, it’s the real world.

 

Images: © Howard Chaykin/Marvel Comics/Dynamite Entertainment

Wider das Mimosentum: Interview mit Howard Chaykin

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Howard Chaykin kam 1950 in New Jersey zur Welt und macht am liebsten Comics mit gutaussehenden Draufgängern, vorzugsweise jüdischer Herkunft, die eine Schwäche für Waffen, Frauen und coole Sprüche haben – und das nun schon seit 30 Jahren. Chaykins Zeichnungen für die Marvel-Comicserie Star Wars machten ihn berühmt, Comics wie The Shadow, Black Kiss oder Power & Glory machten ihn berüchtigt, seine eigene bissig-satirische Science-Fiction-Reihe American Flagg! schließlich machte ihn zu einem der einflussreichsten US-Zeichner überhaupt.

Mit zunehmendem Alter scheint auch Chaykins Arbeitspensum zu wachsen. Zu seinen jüngeren Comic-Projekten zählen Kurzgeschichten mit dem Spirit und der Justice Society für DC, die Miniserie Avengers 1959 für Marvel und der Strip „Marked Man“ in der Anthologiereihe Dark Horse Presents, die eben mit dem Eisner Award ausgezeichnet wurde. Derzeit arbeitet Chaykin an Black Kiss 2, entwickelt mit Autor Matt Fraction ein Projekt namens Satellite Sam und schreibt und zeichnet eine neue Miniserie mit der amerikanischen Science-Fiction-Ikone Buck Rogers.

Auf dem Comic-Salon Erlangen 2010 traf sich Marc-Oliver Frisch mit einem gut gelaunten Howard Chaykin, der über Jazz, Hip-Hop und den Ernst des Lebens reden wollte.

Howard Chaykin, Marc-Oliver Frisch 

Interview und Übersetzung: Marc-Oliver Frisch; Foto: Christopher Bünte

[READ THE ORIGINAL ENGLISH VERSION OF THIS INTERVIEW.]



 

FRISCH: Ich hab Ihre Unterhaltung mit Ho Che Anderson im Comics Journal gelesen. Sie bezeichnen sich dort als „Journeyman[dt. etwa ein kompetenter, aber nicht unbedingt inspirierter Handwerker –der Übers.], sagen aber auch, Sie möchten eine „Marke“ sein, auf die sich Verlage und Publikum verlassen können. Das fand ich interessant, weil der Begriff „Journeyman“ selten als Kompliment verstanden wird.

CHAYKIN: Tatsächlich? Na ja, was ich gemeint habe, ist … Kennen Sie sich ein bisschen mit Jazz aus?

FRISCH: Nicht besonders, nein.

CHAYKIN: Sollten Sie aber, mit dem Hut.

FRISCH: Ich weiß.

CHAYKIN: Einer der großen weißen Jazzmusiker von den 1950ern bis in die 1970er war ein Typ namens Gerry Mulligan. Er war auch als der große weiße Mainstream- und Journeyman-Musiker bekannt. Ich glaube, der Kontext, in dem ich den Begriff benutzt habe, war, dass ich keiner bin, der besonders gut hierin oder darin ist, sondern dass ich mit allem zurecht komme, wenn es von mir verlangt wird. Egal ob Kriegsgeschichten, Western, Krimis oder Schnulzen, es ist eher wie bei … Sie sehen, wenn Sie mir eine einfache Frage stellen, bekommen Sie eine lange Antwort. Es ist eher wie bei der Generation vor meiner eigenen, denn diese Männer … Es ist nun mal so, dass die Jungs, die dem Marvel-„Bullpen“ angehörten, Stans erste Zeichner, nach Jack, alle aus DCs Abteilung für Liebesgeschichten stammten. Sie wissen schon, John Romita, Don Heck, all diese Burschen, die mit Comic-Schnulzen rumgekrebst sind. Aber man hat mir von Anfang an beigebracht, mit allen möglichen Genres klarzukommen. Was nichts daran ändert, dass, wenn ich einen Western mache, eine Science-Fiction-Story, einen Krimi oder eine Superheldengeschichte, dass ich diesem Material meinen eigenen Stempel aufdrücke, der klar macht, dass es sich in erster Linie um eine Howard-Chaykin-Story handelt, die diesen Figuren angepasst wird.

 

„Ich fühle mich

einigermaßen wohl

in meiner eigenen

Bedeutungslosigkeit.“


Ich betrachte „Journeyman“ nicht als abfällige Bezeichnung. Was mich angeht, sagt der Begriff, dass ich ein Mann unter Männern bin und ein Handwerker unter Handwerkern. Ich bin mir bewusst, dass, wenn ich sterbe, die Leute zwei Wochen lang nettes Zeug über mich schreiben werden, und danach vergessen sie mich. Und das finde ich in Ordnung so. Ich meine, ich hab schon ein Ego. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe ein Ego. Aber ich fühle mich auch einigermaßen wohl in meiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Das ist mir einfach nicht so wichtig. Ich liebe meine Arbeit, aber ich mag das Arbeiten mehr als die fertige Arbeit. Wissen Sie, was ich meine? Es ist der Prozess, auf den es mir ankommt. 

FRISCH: Man hat den Eindruck, Sie haben sich ganz gut mit der Realität arrangiert in der Art, wie Sie Ihrem Ego Ausdruck verleihen.

CHAYKIN: Ich habe ein ziemlich gutes Gespür für … Ich habe keine unrealistischen Erwartungen. Ich hatte letzte Woche eine lange Unterhaltung mit einem sehr guten Freund von mir, den ich zu selten sehe. Er ist Autor, sein erster Roman ist einfach brillant und wurde gut aufgenommen, und sein zweiter Roman wurde ignoriert, obwohl es ein wunderbares, tolles Buch ist. Und wir haben übers Versagen geredet. Wir haben darüber geredet, damit im Reinen zu sein … die Bitterkeit und den Ärger zu überwinden und die Tatsache zu akzeptieren, dass man nicht kontrollieren kann, wie’s beim nächsten Mal läuft.

Ich bin sehr stolz auf das, was ich in den letzten 30 Jahren gemacht habe. Einiges davon wurde gleichgültig aufgenommen, und ich habe keinen Schimmer, wieso ein Comic nur Gleichgültigkeit geerntet hat und ein anderer nicht. Es ist der reinste Schuss ins Blaue, die reinste Lotterie. Und das gilt für jede … Das gilt auch fürs Fernsehen und fürs Kino. Nimm Crazy Heart, zum Beispiel, den Film mit Jeff Bridges. Um ein Haar wäre er direkt auf DVD erschienen und hätte es nie in die Kinos geschafft, weil das Studio ihn für einen Rohrkrepierer hielt. Und jetzt ist es ein gigantischer Hit, so eine Art The Wrestler mit Gitarren. Es ist kein großartiger Film. Es ist nur ein guter Film. Aber nur ein erfolgreicher Film ist ein guter Film. Gil Kane hat mal gesagt, „Ist es erfolgreich, weil es gut ist, oder ist es gut, weil es erfolgreich ist?“ So sieht’s aus. 

FRISCH: Sie scheinen einen guten Mittelweg für sich gefunden zu haben, was Ihre Karriere angeht, ihre Ziele und wie Sie sie erreichen wollen.

CHAYKIN: Ich glaube, das stimmt.

FRISCH: Bei vielen Comicmachern ist das nicht so.

CHAYKIN: Inwiefern?

FRISCH: Dass Leute mit den Sachen, die ihnen wirklich am Herzen liegen, ihren Lebensunterhalt bestreiten können, ist eher die Ausnahme in der Branche, egal ob es dabei um Auftragsarbeiten oder eigene Sachen geht.

CHAYKIN: Nun ja, ich mache ja unter anderem auch deshalb gerade hauptsächlich Auftragssachen, weil ich meinen Lebensunterhalt verdienen will. Ich bin älter als viele meiner Kollegen. Als ich anfing, in der Comicbranche zu arbeiten, war ich der Jüngste in meiner Clique. Ich war bei weitem der Jüngste. Aber jetzt gehöre ich zu den Ältesten, und ich … Ich habe einen Lebensstandard, den ich halten will.

Wissen Sie, ich habe Glück, dass ich da lebe wo ich lebe, dass meine Finanzen so sind wie sie sind. Aber ich finde es zum Beispiel auch schön, Comicmessen in Europa besuchen zu können. Ich bin geladener Gast, ich kann meine Frau mitbringen … Ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich habe gerade ein großes Verlangen danach, was anderes zu machen als die Auftragsarbeiten der letzten Zeit. Ich habe richtig Lust drauf. Es gibt zwei Projekte, die mir unter den Nägeln brennen. 

FRISCH: Sie machen in letzter Zeit viel für Marvel, wie etwa Blade, Punisher oder Wolverine. Was mich davon am meisten interessiert, ist aber die neue Miniserie mit Dominic Fortune, einer Figur, die Sie erdacht haben.

Cover Dominic Fortune #1CHAYKIN: Ein lustiges Ding. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Und das war auch das erste Mal, dass ich andere Dominic-Fortune-Comics als meine eigenen gesehen habe. [Der Sammelband enthält auch Material, das nicht von Chaykin stammt. –die Red.] Ich hatte vorher noch nie Dominic-Fortune-Sachen gesehen, die andere Leute für Marvel gemacht haben. Ich schreibe und zeichne diese Figur sehr gerne, und das hier hat mir Gelegenheit gegeben, Geschichten und Konzepte umzusetzen, die ich seit Jahren im Hinterkopf hatte, und die ich immer schon machen wollte. 

FRISCH: Was war es für eine Erfahrung in kreativer Hinsicht? Ist es eher ein Marvel-Comic oder eher ein Howard-Chaykin-Comic?

CHAYKIN: Die Redaktion hat sich sehr wenig … Sie haben mich eigentlich alles machen lassen, was ich wollte. Die Änderungen, die ich machen musste, waren komischerweise alle graphischer Natur. Es ging um die Titelbilder. Ich konnte das Olympia-Symbol nicht verwenden, weil es geschützt ist, und ich konnte keine Hakenkreuze auf dem Cover zeigen … Euretwegen. [Er meint Deutschland, wo Nazisymbole grundsätzlich nur zu Aufklärungszwecken erlaubt sind. Darum sahen sich schon diverse US-Verlage veranlasst, Zeichnungen entsprechend anzupassen. –die Red.] Aber davon abgesehen, eigentlich nichts. Ich hatte eigentlich freie Hand.

Wissen Sie, das Projekt kam so zustande, dass Axel [Marvel-Redakteur Axel Alonso. –die Red.] mich anrief und sagte, „Weißt du, was ich wirklich gerne sehen würde?“ Und ich sagte, „Was denn?“ Und er sagte, „Wie wär’s mit einer Dominic-Fortune-Max-Serie?“ Und ich sagte, „Scheiße, aber klar doch!“ [Max ist Marvels Label für Erwachsenen-Comics. –die Red.] Und dann hab ich’s eigentlich einfach drauf ankommen lassen und ging davon aus, dass die Redaktion Änderungen verlangen würde, aber [schnippt mit den Fingern] es gab im Endeffekt sehr wenige redaktionelle Eingriffe. Und ich war sehr dankbar und zufrieden und froh, dass es so war. 

FRISCH: Sie machen viele Mainstream-Sachen, obwohl Ihr Stil in mancherlei Hinsicht nicht unbedingt den gängigen Normen entspricht.

CHAYKIN: Zum Beispiel …?

FRISCH: Die ganzen sexuellen Anspielungen in Mainstream-Comics sind für viele ein Tabuthema. Und wenn sie zur Sprache kommen, will keiner zugeben, dass sie da sind.

CHAYKIN: Sind sie da? In welchem Kontext? Geben Sie mir mal ein Beispiel.

FRISCH: In Frank Millers Daredevil gibt’s diese berühmte Szene, wo Elektra von Bullseye aufgespießt wird. Das soll eine Metapher für eine Vergewaltigung sein.

CHAYKIN: Ich dachte, er bringt sie einfach um. Wer hat das behauptet?

FRISCH: Miller.

CHAYKIN: Der ist ein versoffener Idiot. [Pause] Das brauchen Sie nicht zu schreiben …  Hat er das echt …? Wann hat er das gesagt?

FRISCH: Zum Daredevil-Film gab’s eine Dokumentation, für die Miller interviewt wurde. Da sagt er’s. [Besagter Ausschnitt aus dem Film The Men Without Fear: Creating Daredevil ist auch bei Youtube zu sehen, etwa ab Minute 9:15. –die Red.]

CHAYKIN: Okay. So hat er das also gemeint? Ich hab das nie so interpretiert. Ich meine, ich kenne nur die Zeichnung, die Story hab ich nie gelesen.

FRISCH: Das scheint mir ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie das Thema in Superheldencomics behandelt wird.

CHAYKIN: Haben Sie das für eine Vergewaltigungsmetapher gehalten?

FRISCH: [Pause] Als ich’s gelesen hab, ist mir das nicht in den Sinn gekommen. Ist aber auch schon lange her, also weiß ich nicht so recht.

CHAYKIN: Ich sehe das so: Vergewaltigung ist Vergewaltigung und Mord ist Mord, und man braucht seinen Arsch nicht hinter Metaphern zu verstecken. Das ist jedenfalls meine Meinung. 

Cover Power & Glory TPBFRISCH: Darauf wollte ich hinaus, denn Ihre Comics sind da sehr viel weniger zimperlich als die meisten Mainstream-Sachen. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund.

CHAYKIN: Ich sehe gar keinen Grund dazu. Ich meine, ich gebe einem Redakteur immer die Möglichkeit, Änderungen zu machen. Selbst bei meinen eigenen Sachen, die an Erwachsene gerichtet sind, musste ich hier und da schon zurückrudern, meistens wegen rassistischer Bemerkungen oder sexistischer Bemerkungen oder ethnisch unsensibler Bemerkungen, bei denen ich der Ansicht war, dass sie gerechtfertigt sind durch die jeweilige Figur, die sie macht, aber die Redaktion … Ich wähle meine Worte hier sehr sorgfältig … die Redaktion dachte – und zu Recht, um ehrlich zu sein –, dass die meisten Leser … Ich sollte nicht die „meisten“ Leser sagen … einige Leser nicht dazu in der Lage sind, zwischen Figuren und Autor zu trennen.

In Power & Glory etwa habe ich den Präsidenten der Vereinigten Staaten einen unglaublich anstößigen Witz erzählen lassen, den ich bei einem Freund von mir gehört hatte, und ich wurde dafür aufs Schärfste kritisiert. Und Tatsache ist, dass die Funktion des Witzes darin bestand, die Figur des Präsidenten zu vermitteln und ihr Gestalt zu verleihen. Der Witz sollte die Tatsache verdeutlichen, dass der Präsident ein Kackvogel ist. Und ich finde es erstaunlich, dass … Es ist tatsächlich so, dass die Weichlichkeit, Empfindlichkeit und Mimosenhaftigkeit vieler Comicleser mir manchmal Angst macht. Ich meine, sei doch mal ein Mann. Allerdings hat’s bei mir auch eine Weile gedauert. Ich war ein eher prüder Typ, als ich jünger war. Aber ich hab diese Prüderie hinter mir gelassen, wissen Sie.

 

Die Weichlichkeit,

Empfindlichkeit und

Mimosenhaftigkeit vieler

Comicleser macht mir

manchmal Angst.


Und ich akzeptiere die Tatsache, dass mein Geschmack irrelevant ist, was manche Dinge angeht. Wie Hip-Hop, zum Beispiel. Hip-Hop ist dazu gemacht, mir auf den Sack zu gehen. Die Musik jeder Generation ist dazu gemacht, ihren Eltern auf den Sack zu gehen. Das ist Sinn und Zweck der Sache! Wissen Sie, ich war erst ein Folky und dann ein Jazz-Fan, und ein kleines bisschen mochte ich auch Rock’n’Roll, aber nicht besonders. Diese Musik war dazu gemacht, meinen Eltern auf den Sack zu gehen. Und Hip-Hop ist die Musik, die meine Generation nervt. Und das trifft auf alle sozialen Verhaltensweisen und Geschmäcker zu.

Wenn du also ein Problem mit meinen Sachen hast, wenn sie dich beleidigen, okay, dann lies sie nicht, ignorier sie, und steh dazu, wie du darüber denkst. Aber steh auch dazu, dass sie trotzdem eine Daseinsberechtigung haben. Und dass … Sehen Sie, ich glaube fest an eine pluralistische Gesellschaft, und ich bin gegen jede Form von Zensur. Klar gibt’s Sachen, die mir auf den Sack gehen, Sachen, die mir unangenehm sind, aber es käme mir nicht in den Sinn, ihnen deshalb ihre Existenz abzusprechen. Ich meine … Ich glaube fest an ein kollektives Gewissen. Wenn mir etwas auf den Sack geht, dann sag ich’s meinen Kollegen, und wenn die mir nicht zustimmen, dann vergesse ich die Sache. Wenn sie mir zustimmen, dann tun wir uns zusammen und treten diesen Leuten in den Arsch. Aber wenn ich mit meiner Meinung alleine bin: Schön, was soll’s.

Wissen Sie, es gibt bei vielen Menschen dieses enorme Bedürfnis, anderen Leuten ihre Geschmäcker aufzuzwingen, und mir ist es nun mal scheißegal, ob jemand mit mir einer Meinung ist oder nicht. Man soll mich einfach in Ruhe meine Arbeit machen lassen. 

FRISCH: Steve Gerber hat Ende der 1970er einmal gesagt, wie sehr es ihn frustriere, dass die Leute alles wörtlich nehmen, was seine Figuren sagen.

CHAYKIN: Genau! Genau so sieht’s aus.

FRISCH: Sie sind genau so lange im Geschäft wie Gerber …

CHAYKIN: … und ich bin nicht tot!

FRISCH: … und Sie leben noch … also, glauben Sie, dass es besser geworden ist? Hat sich überhaupt irgendwas geändert?

CHAYKIN: Ich finde, es ist schlimmer geworden. Ich glaube, dass … Was die Sache noch komplizierter macht, ist … Ich weiß nicht, wie das im Deutschen ist. Über Deutschland kann ich nichts sagen. Aber ich kann sehr wohl was über die Vereinigten Staaten allgemein und über Kalifornien im Besonderen sagen. Und die Leute dort sind immer stärker darauf aus, sich von dem, was sie lesen, persönlich angegriffen zu fühlen.

Wissen Sie, in den ’70ern habe ich Archie Goodwin kennengelernt, und Archie hatte großen Anteil daran, mich langsam aber sicher von der Science Fiction loszueisen und aus mir jemanden zu machen, der Krimis zur Unterhaltung las, und er hat mir die Science Fiction verdorben. Ich habe einfach mein Interesse daran verloren. Also bin ich hingegangen und hab mich quer durch alle möglichen Spielarten des Krimis gelesen, Sie wissen schon, von Raymond Chandler über Dashiell Hammett bis hin zu dem britischen Kram. Und ich las auch viel von Dorothy Sayers. Und Dorothy Sayers war ein perfektes Beispiel für eine ganz speziell britische Ausprägung von Antisemitismus, die es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab. Und dazu musste ich … Es kostete mich Überwindung, darüber hinwegzusehen und Spaß an diesen Geschichten zu haben. Aber es ging.

 

Die Leute sind

immer stärker darauf

aus, sich von dem, was

sie lesen, persönlich

angegriffen zu fühlen.


Ich war 16, als meine Freundin mich zu Herbert von Karajan mitnahm, der ein Konzert in der Carnegie Hall gab. Und meine Mutter, eine Popular-Front-Demokratin, sagte zu mir, „Weißt du, dass von Karajan Hitlers Lieblingsdirigent war?“, und ich sagte, „Okay, aber weißt du, ich geh trotzdem hin, weil meine Freundin mich nämlich vögelt, wenn ich’s tue.“ Ende der Diskussion.

Mir ist schon klar, dass man differenzieren muss. Ludwig Hohlwein zum Beispiel … Ludwig Hohlwein war ein großartiger Reklamekünstler im Deutschland der 1910er und 1920er Jahre, und irgendwann machte er Propagandaposter für die Nazis. Fantastisches Zeug, vom Feinsten. Und er … Scheiße nocheins, es war einfach der Hammer. Und, nun ja, es war entsetzlich. Es ist Kunst im Dienste des Entsetzlichen, aber es sind ziemlich atemberaubende Sachen. Bei Leni Riefenstahl ist es genauso – es ist, was es ist. Riefenstahl war wahnsinnig … und interessant.

Daher bin ich gewillt, mir Sachen anzuschauen und dabei zu akzeptieren, dass ein Werk an sich eben so ist, wie es ist. Es gibt Elemente daran, die entsetzlich sind, und es gibt Elemente daran, die abstoßend sind, aber lasst mich verdammt noch mal in Ruhe, und dann lass ich euch auch in Ruhe. Das ist eine lange Antwort auf eine kurze Frage. 

FRISCH: Denny O’Neil hat kürzlich gesagt, US-Comicmachern gehe es heute im Großen und Ganzen besser als früher. Hat er da recht?

CHAYKIN: Oh, absolut. Ohne Wenn und Aber, ja. Ich habe kein Geld verdient. Ich wurde wie Scheiße behandelt. Es gab keinerlei Respekt. Der Unterschied besteht darin, dass wir heute ein größeres Stück vom Kuchen abbekommen können, und es waren die Image-Jungs, die das möglich gemacht haben, auch wenn Image eine aufgeplusterte Version ihrer selbst war.

Ich meine, ich versuche, das nicht auszunutzen … Ich habe einen sehr komischen Ruf, denn bei den Fans gelte ich als ein unausstehliches Arschloch, und doch… [skeptischer Blick des Interviewers] Oh, glauben Sie’s mir ruhig. Die sagen das so. Ich mach mir keinerlei Illusionen oder falsche Vorstellungen darüber, wer ich bin … In der Branche hingegen betrachtet man mich als jemanden, der den Job erledigt und auf den man sich jederzeit verlassen kann, und das ist eine völlig andere Art von Umgang. Und es ist mir wichtiger, von meinen Kollegen und meinen Auftraggebern – meinen Kunden – geschätzt zu werden, als dass ich einen Scheiß auf die Fans geben würde.

Ich meine, ich war selber ein Fan. Ich hab ein Bild von mir, als ich 17 war. Ich wog 120 Kilo und war auch so ein Knilch, einer von diesen Bubis. Aber ich hab dazu nun einen gewissen Abstand. Ich hab mal gesagt, für die Comicleser geht’s jeden Mittwoch zum Comicladen, für mich geht’s jeden Morgen an meinen Zeichentisch. Das ist der Unterschied. Aber ich liebe den Arbeitsprozess. Ich bin sehr, sehr dankbar. 

FRISCH: Sie haben auch mal gesagt, dass das Publikum für Comics mittlerweile nicht mehr die eigentlichen Leser sind, sondern die Leute, denen die Comicläden gehören.

CHAYKIN: Jepp, stimmt genau. Sie sind diejenigen, die diktieren, was verkauft wird und was nicht. Ich weiß nicht, ob das auch auf Europa zutrifft, aber in den Staaten läuft es jedenfalls so. Und das Gleiche gilt fürs Fernsehen und für Filme. Die Leute, denen man etwas verkaufen will, sind die Assistenten der Bosse, denn sie sind die Schleusenwärter.

Und die Fachhändler sind die Schleusenwärter in den Staaten, was Comics angeht. Sie sind diejenigen, die sagen, „Lest das, lest das, lest das nicht, das ist abscheulich, dieser Typ kann mich nicht leiden, lest das nicht“, Sie wissen schon, so nach dem Motto. Also ist es der Händler, der diktiert, was das Publikum zu sehen bekommt.

 

Es gibt kommerziell

erfolgreiche Comics, die

mir ein komplettes Rätsel

sind. Manchmal denke ich nur,

das ist doch Scheiße—peinliche,

gequirlte Scheiße. Und die

Leute können den Hals nicht

voll kriegen davon.


Ich meine, es gibt immer mal einen Hype um irgendwas, aber es gibt auch kommerziell erfolgreiche Comics, die mir ein komplettes Rätsel sind. Sie wissen schon, manchmal denkt man einfach, das ist doch Scheiße. Das ist peinliche, gequirlte Scheiße. Und die Leute können den Hals nicht voll kriegen davon. Und ich werde jetzt nicht sagen, welche Comics ich meine.

FRISCH: Sie sagten mal

CHAYKIN: [albern] Ich werde keine Namen nennen.

FRISCH: Sie haben einmal gesagt, dass

CHAYKIN: [alberner] Nein! Versuchen Sie’s nicht mal …! Sie mit Ihrem verdammten Hut!

FRISCH: Nun.

CHAYKIN: [singt und swingt wie Frank Sinatra zu besten Zeiten] Come fly with me, da da da da da … 

FRISCH: Ja, das ist genau mein Ding. Also, Sie haben gesagt, Sie mögen Criminal. 

CHAYKIN: Ich liebe es. Eine hervorragende Serie. 

FRISCH: Ed Brubaker scheint jemand zu sein, der eine ungewöhnlich gute Mischung zwischen seinen eigenen Sachen und Auftragsarbeiten gefunden hat.

CHAYKIN: Das ist für Autoren einfacher als für Zeichner. Weil es wesentlich schneller geht, eine Seite zu schreiben als sie zu zeichnen.

FRISCH: Wäre das ein Modell, das für Sie in Frage käme?

CHAYKIN: Nicht wirklich … nicht wirklich. Wenn ich das so machen würde … Es gibt zwei Projekte, die ich wirklich gern umsetzen will. Aber das würde bedeuten, andere Sachen nicht zu machen. Das würde bedeuten, meinen Kredit weiter zu belasten. Aber im Moment … Ich meine, es ist eine finanzielle Entscheidung. Ich habe momentan mehr Schulden als mir lieb ist. Das ist Erwachsenenkram, kein Comicheftchen-Kram. In der Welt der Erwachsenen gehört mir ein Haus, und ich habe einen Kredit – es gehört mir, keine Hypothek – aber ich muss noch viel von dem Kredit abbezahlen, und ich würde lieber nicht noch mehr Geld aus diesem Topf nehmen, um mich selbst zu verlegen. Und genau das müsste ich tun für ein eigenes Projekt, denn bei der Art von Comics, die ich mache, ist der Eigenverlag der beste Weg. Ich könnte sie über Image vertreiben, aber Sie wissen schon. Ich werde einen Comic für einen kleinen britischen Verlag machen, den ein sehr guter Freund von mir betreibt. Ich habe zwei Krimiserien, die ich gern machen würde. Von denen weiß ich, dass sie wenigstens ein kleines Publikum finden würden. Es wäre zwar nicht genug Bares für einen großen Verlag, aber für mich wär’s okay. Aber ich müsste sie selbst finanzieren. Wie gesagt, es ist Erwachsenenkram. Kein Comicheft, sondern das wahre Leben.

 

Abbildungen: © Howard Chaykin/Marvel Comics/Dynamite Entertainment

Resident Evil – Marhawa Desire 1

Cover von Resident Evil – Marhawa Desire 1Kazé Manga ist der jüngste Vertreter auf dem deutschen Mangamarkt. Als DVD-Label auch bei uns schon etabliert, gehört der Verlag der VIZ Media Switzerland SA, die wiederum den japanischen Verlagsriesen Shogakukan und Shueisha untersteht. Dank der guten Beziehungen ging Kazé Manga im März unter anderem mit einem der gefragtesten Titel aus dem Umfeld der Shōnen Jump, dem Action-Manga Blue Exorcist, an den Start. Kurz darauf landete der Verlag den nächsten Coup: Die erste Manga-Auskopplung des international überaus erfolgreichen Resident Evil-Franchises erschien international, und damit auch in Deutschland, am selben Tag – ein effektiv koordinierter Schachzug gegen den üblichen Übersetzungszeitvorsprung der Scanlation-Seiten.

Hier zeigen sich also bereits die Vorzüge, wenn die immerfort misstrauischen japanischen Verleger ihre Lizenzen lieber unter eigener Fuchtel verwalten, und wer jetzt die Verdrängung heimischer Lizenznehmer vom Markt moniert, muss sich fragen, ob es letztendlich wirklich so einen Unterschied macht, ob ein Mangalabel zu einem dänischen, schwedischen oder eben japanischen Konzern gehört. Soweit macht Kazé Manga in Deutschland also einen guten Job. Jetzt muss nur noch die Qualität der Veröffentlichungen stimmen. Da hatte Kazé zum Start gut vorgelegt. Ausgerechnet Resident Evil entpuppt sich nun aber leider als ihre erste Gurke im Programm.

Als Capcom 1996 mit dem ersten Teil der Spielereihe an den Start gingen, definierten sie damit das Genre Survival-Horror bis zum heutigen Tag und schufen in dessen Folge einige der bedeutendsten Klassiker der jüngeren Videospielgeschichte. Mit den Filmumsetzungen, die ab 2002 unter Federführung von Bernd Eichinger ins Kino kamen, begann jedoch das kreative Ausbluten des Franchises. Die Filmreihe war und ist zwar ziemlich erfolgreich, erzählerisch und filmisch jedoch weit unter dem Niveau, das die Spielevorlagen vorgegeben hatten. Mit diversen Game-Spin-Offs, Romanen und Comics spann Capcom den Plot um den zwielichtigen Umbrella-Konzern, dessen genetische Waffenexperimente eine Zombieseuche auslösen, immer weiter fort. Resident Evil – Marhawa Desire ist nun der neueste Ableger.

Panel aus Resident Evil – Marhawa Desire 1

Inhaltlich währt sich der Resident-Evil-Kenner sofort auf bekanntem Terrain: Wir haben da eine von der Außenwelt abgeschnittene Location, in der die Zombieepidemie ausbricht, sich äußerst mysteriös gebährdende Führungspersonen und natürlich die Zombievernichtungstruppe BSAA um die Resident-Evil-Veteranen Chris Redfield und Sheva Alomar. Wie der Manga diese Versatzstücke nun allerdings zu einer Handlung zusammenbindet – oder es zumindest versucht –, ist derart haarsträubend, dass man sich die ganze Zeit fragt, ob das eigentlich ernst gemeint sein soll.

Hier erstmal der Trailer:

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Und nun der Reihe nach. Professor Doug Wright wird an die asiatische Marhawa-Akademie gerufen, um einen Vorfall zu untersuchen, der ihn an die Zombieseuche erinnert, die der Umbrella-Konzern in Raccoon City verursachte. Mit seinem trottelig-naiven Neffen Ricky Tozawa im Schlepptau macht er sich also auf zu besagter Eliteschule, einem katholischen Internat, das von der strengen Schwester Gracia geführt wird. Diese ist eine alte Bekannte des Professors und versucht, die mögliche Epidemie unter allen Umständen geheim zu halten, um den Ruf ihrer Schule zu schützen. Und so werden Doug Wright und sein Neffe selbst zu Gefangenen einer zunehmend außer Kontrolle geratenden Situation …

Das größte Problem hat Resident Evil: Marhawa Desire mit seiner Glaubwürdigkeit. Besagte Marhawa-Akademie ist, so erfahren wir, „die größte und wichtigste Lehranstalt im asiatischen Raum“, befindet sich allerdings mitten im Urwald fernab jeglicher Verkehrsanbindung. (Der Professor und Ricky müssen zwei Tage lang mit einem Jeep durch unwegsames Gelände fahren.) Im Internat gibt es weder Telefonanbindung noch Handynetz (und offensichtlich auch kein Internet. Irgendwie konnte Schwester Gracia jedoch noch einen Brief verschicken – wahrscheinlich per Brieftaube.)

Hier wird nun die kommende Elitegeneration des asiatischen Raumes ausgebildet – wohlgemerkt unter strenger katholischer Führung, die einem britischen Internat zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Respekt eingeflößt hätte. Welche hirnverbrannten Eltern ihre Kinder heutzutage auf eine derartige Schule schicken würden (oder warum eigentlich ein Nachbau des Kölner Doms auf dem Schulgelände steht), weiß wohl nur Capcom. Jedenfalls sind besonders die weiblichen Sprösslinge allesamt ausgesprochen hübsch, ganz zur Freude von Neffe Ricky, der es mit seinen 21 Jahren nun endlich in die Pubertät geschafft hat.

Panels aus Resident Evil – Marhawa Desire 1Und warum bekommen wir diesen haarsträubenden Blödsinn jetzt aufgetischt? Richtig, damit Ricky und Doug Wright eine Ausrede haben, nirgends um Hilfe rufen zu können. Und nochmal richtig, damit die Schülerinnen sexy Schuluniformen tragen können, die mit niedlichen Kreuzen versehen sind. (Da freuen sich die Cosplayer.)

Im Nebenplot begleiten wir die BSAA-Truppe um Chris Redfield und Merah Biji (die als einziges weibliches Mitglied natürlich auch als Einzige ein lächerlich hautenges Kostümchen trägt, welches ihre überdimensionierte Oberweite und ihren knackigen Hintern voll zur Geltung bringt). Jedenfalls darf die BSAA hier an einem völlig beliebigen Ort ein paar Zombies erlegen (damit überhaupt mal etwas Action stattfindet), und weil Merah aus irgendeinem unerwähnten Grund den Auftrag hat, den Vorfall Professor Wright zu melden, entscheidet sich gleich die ganze Truppe spontan, dem Professor einen persönlichen Besuch in Singapur abzustatten. (Denn man ist als BSAA-Soldat wohl zum einen nicht sonderlich beschäftigt und zum anderen auch keinem Vorgesetzten Rechenschaft schuldig.)

An der Uni des Professors erfahren die tapferen Zombiejäger nun aber, dass dieser zusammen mit seinem Neffen spurlos verschwunden ist. Also nochmal: Professor Wright bricht zu einem fernab jeglicher Infrastruktur liegenden Gebiet auf, in dem möglicherweise eine Zombieepidemie ausgebrochen ist, hätte bei seiner Ankunft am liebsten sofort die BSAA vor Ort, hat aber vor seiner Abreise nicht mal irgendjemandem gesagt, wo er überhaupt hinfährt. Der Mann hat offensichtlich sehr vorausschauend die Dramaturgie mitgedacht. Ob Chris Redfield den Professor doch noch irgendwie findet, erfahren wir dann wohl im nächsten Band.

Wenigstens macht der Manga optisch einiges her, zumindest auf den ersten Blick. Die den Band eröffnenden Farbseiten, in der eine zum Zombie gewordene Marhawa-Schülerin eine andere zerfleischt, sind sehr eindrucksvoll. (Dass später nur noch von einem Opfer geredet wird, ist jedoch noch ein weiteres Plotloch.) Die Zeichnungen selbst sind überaus detailliert und realistisch, wirken dadurch aber auch etwas steif und ausdruckslos. Die Hintergründe scheinen zum größten Teil aus überzeichneten Fotos und 3D-Modellen zu bestehen, was zwar technisch sehr sauber, aber auch ein wenig leblos aussieht. Die Rasterungen basieren besonders in den Hintergründen oft auch aus fotografierten Texturen. Insgesamt merkt man dem Manga den Computereinsatz deutlich an. Freunde des Handgezeichneten wird das wohl eher abschrecken.

Panel aus Resident Evil – Marhawa Desire 1Die Möglichkeiten der digitalen Rasterung nutzt Serizawa jedenfalls exzessiv, was wahrscheinlich das größte Manko des Artworks ist. Die Seiten sind mit unzähligen Graustufen und Texturen zugekleistert. An Schwarzflächen wird dagegen eher gegeizt. Insgesamt versumpfen die Zeichnungen so größtenteils im Graumatsch, in dem sich einzelne Bildelemente oft nur schwer voneinander abheben. Hier arbeitet der Realismustrieb eher gegen den Manga, und weniger wäre an dieser Stelle eindeutig mehr gewesen, zumal sich visueller Realismus sowieso nicht wirklich mit Ricky Tozawas Frisur verträgt.

Der Manga liest sich übrigens trotz allem gar nicht so unspannend. Man muss sich nur eben mit den ganzen Plotlöchern abfinden und bestenfalls keinerlei Wert auf Logik und Glaubwürdigkeit legen. Jedenfalls kann man schon im ersten Band ein dunkles Geheimnis um die Marhawa-Akademie irgendwo lauern sehen. Und ja, als standesgemäßes Resident Evil-Klischee gibt es natürlich ein düsteres Kellergewölbe unterhalb der Akademie, was erkundet werden will.

Leider hat der Manga auch über den Plot hinaus ein Problem mit der Glaubwürdigkeit, und zwar in den Dialogen. Die meiste Zeit fragt man sich, warum die Figuren in den jeweiligen Situationen ausgerechnet dieses und jenes sagen, denn selten ist es irgendetwas den Umständen Angemessenes. Hier ist schwer abzuschätzen, wie viel davon schon in der Vorlage daneben lag (wahrscheinlich das meiste) und was die anscheinend etwas eilig angefertigte Übersetzung da noch angerichtet hat. Jedenfalls gibt es einige unschöne Wortwiederholungen und ungelenke Formulierungen, die den Lesespaß doch deutlich trüben. Aber irgendwie passen die teils völlig absurden Dialoge auch wieder zu der bescheuerten Story. Als Trash-Film wäre das wahrscheinlich bald ganz großer Kult. Als Videospiel hätte man das wohl vor 15 Jahren noch durchgewunken, solange es ordentlich was zu ballern gäbe. Als Manga? Nun ja, ich kann ehrlich gesagt ein irgendwie perverses Interesse daran, wie dieser Stuss wohl weitergeht, nicht ganz von mir weisen. Empfehlen kann ich Marhawa Desire aber höchstens Leuten, die die Zeichnungen wirklich mögen und sowieso jeden Quatsch lesen, solange es um Zombies geht.

 

Wertung: 3 von 10 Punkten

Visuell aufwendiger, aber erzählerisch völlig bescheuerter Zombie-Manga zum Erfolgsfranchise. Nur was für wirklich harte Fans.

[Hinweis dazu in eigener Sache: In unserem aktuellen 7. Printmagazin beschäftigen wir uns mit jeder Menge Apokalypsen, Weltuntergängen und Endzeiten in Comics.]

 

Resident Evil – Marhawa Desire 1
Verlag: Kazé Manga, Juni 2012
Szenario: Capcom
Comic: Naoki Serizawa
Übersetzung: Josef Shanel, Matthias Wissnet
176 Seiten, davon 8 Farbseiten; Softcover
Preis: 7,99 Euro
ISBN: 978-2889211401
 

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Abbildungen © Kazé

Reise zum Kerguelen-Archipel

Cover Reise zum Kerguelen-ArchipelDa es sich bei dem neuen Band von Emmanuel Lepage um einen Reisebericht handelt, darf man natürlich keine ausgeklügelte Dramaturgie erwarten. Ähnlich wie bei anderen, journalistischen, Reiseberichten oder auch Dokumentarfilmen gibt das Erlebte oder das Beobachtete den Inhalt des jeweiligen Formats vor. Wenn man keine dramatischen Situationen erlebt hat oder dementsprechende Bilder findet, dann hat man so etwas eben nicht. Und so kann man dann auch keine Spannungskurven finden.

Der französische Comicautor und Zeichner Emmanuel Lepage ist seit Kindheitstagen vom Meer fasziniert. Besonders die entlegensten Inseln, die immer noch zu Frankreich gehören, Überbleibsel des Kolonialismus und der frühen Entdeckungsfahrten am Rande der Antarktis, haben immer schon seine Phantasie angeregt. Besonders die Abenteuer von Tim und Struppi haben diese genährt. So zögert er nicht lange, als man ihm anbietet, auf eine Versorgungsfahrt zu diesen entlegenen Eilanden mitzukommen, um seine Erlebnisse in Bildern festzuhalten. Fasziniert betrachtet er nicht nur die Landschaften dieser lebensfeindlichen Inseln und ihre Tierwelt, sondern ist zunehmend fasziniert von den Menschen, die freiwillig in diesen Breiten überwintern und arbeiten.

Seite aus Reise zum Kerguelen-ArchipelEine ausgeklügelte Dramaturgie ist, wie bereits erwähnt, nicht zu finden. Vielmehr ist dieser Comic eine reine Reisebeschreibung, die aber nichtsdestoweniger gut Lepages Eindrücke vermitteln kann. Als Comiczeichner gelingt es ihm einerseits, Bilder und Impressionen von wirklich existierenden Orten zu liefern, welche aber aufgrund der subjektiv-künstlerischen Gestaltung dennoch die Fantasie anregen und nicht so bestimmend sind, wie es etwa Fotos oder Filmaufnahmen wären. Dabei hält Lepage seine Eindrücke, Impressionen und Stimmungen zu einem gewissen Teil selbst für gescheitert. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil er es in seiner Selbstkritik als misslungen ansieht, die erlebte Stimmung in seinen Zeichnungen und Bildern wiederzugeben. Sie entsprächen seiner Ansicht nach einfach nicht genügend der Realität. Aber hier muss man ihm als Leser einfach widersprechen, denn es geht in einem solchen Reisebericht und gerade in diesem Album nicht um eine Abbildung der Wirklichkeit (so hoffnungslos dieses Unterfangen auch immer ist), sondern um Sehnsüchte, die Macht der Phantasie und vor allem um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen in einer unwirtlichen Gegend.

Seite aus Reise zum Kerguelen-ArchipelUnd Lepage schafft es wirklich gut, diese Dinge aufzuzeigen. Dem Band fehlt zwar die zeichnerische Leichtigkeit des wunderschönen Oh, diese Mädchen, er weist aber verschiedene Stile und Techniken auf, welche in unterschiedlichsten Situationen gut zu der jeweiligen Stimmung passen. Und was den Leser zusätzlich neidisch macht, abgesehen von der Reise in die fernen Gegenden, ist die Macht und der Einfluss, die ders Comic in Frankreich generell hat. Als Comiczeichner gilt Lepage an Bord des Schiffes ebenso viel wie ein Journalist oder Filmregisseur. Kaum vorstellbar, dass ein deutscher Comiczeichner in Deutschland eine ähnliche Unterstützung erfahren würde. Ein in jeder Hinsicht neidisch machender Band, der Sehnsüchte weckt und zum Träumen einlädt. 

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Wunderschöner Reisebericht, der Sehnsüchte und Phantasien zu wecken vermag

 

Reise zum Kerguelen-Archipel
Splitter Verlag, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Emmanuel Lepage
Übersetzung: Tanja Krämling
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-492-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Die aufgewärmte Frauenpower der ZEIT

Die aktuelle Ausgabe der Zeit (19. Juli) widmet sich der US-Comic-Anthologie Womanthology, die vor einem Jahr durch ihre unorthodoxe Entstehung Schlagzeilen machte und im März 2012 in Buchform erschienen ist. Der etwa halbseitige, groß bebilderte Artikel von Autorin Chris Köver (Titel: „Boom!“) gibt einen Überblick über das Projekt und bemüht sich, den Band im Kontext der aktuellen US-Comiclandschaft einzuordnen:

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Update, 1. August 2012: Kövers Artikel steht seit gestern auch bei Zeit Online:

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Allerdings erinnert dabei nicht nur die verwendete Illustration an einen Artikel von Oliver Ristau („Frauenpower in die Comics“), der sich bereits am 24. März in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit eben jenem Buch beschäftigte:

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So scheint gleich Kövers erster Absatz weitgehend baugleich mit den ersten drei Absätzen Ristaus. Die beiden Textstrecken unterscheiden sich im Wesentlichen nur dadurch, dass eine knappe Erklärung des Crowdfunding-Prinzips von Kickstarter, wie sie Ristaus Einleitungstext enthält, bei Köver fehlt.

Köver, die Redakteurin und Mitgründerin und -herausgeberin der Frauenzeitschrift Missy Magazine ist, streitet auf Anfrage nicht ab, Ristaus Text gelesen zu haben – im Rahmen ihrer eigenen Recherche zu Womanthology, wie sie in einer E-Mail schreibt.

„Die Zahlen und Fakten sind jedoch nicht nur bei Herrn Ristau, sondern auch in anderen Quellen und Blogs genau so wiederzufinden“, so Köver weiter. Sie verweist auf die Kickstarter-Seite des Projekts, eine Besprechung des Bandes im US-Weblog The Mary Sue sowie den Band selbst, der mit einer Abbildung des betreffenden Tweets von Womanthology-Initiatorin Renae De Liz beginnt. „Wie sollte ich also umhin kommen, sie zu nennen, wenn ich die Entstehungsgeschichte des Bandes wiedergeben will?“, fragt Köver.

Nun ist zweifellos richtig, dass die betreffenden Fakten und Zahlen nicht exklusiv in Ristaus Text zu finden sind. Sie stehen auch bei Kickstarter, bei The Mary Sue und anderswo. Aber es ist ja nicht die Nennung von Fakten und Zahlen, die in Kövers Text auffallen, sondern deren Präsentation. „Genau so“ wie insbesondere zu Beginn der Artikel Ristaus und Kövers tauchen diese Fakten und Zahlen bei Kickstarter, The Mary Sue oder anderswo eben nicht auf.

„Die Rahmengeschichte ist die Rahmengeschichte“, meint Köver zu diesem Einwand. „Wenn ich die erzählen will, dann muss ich wohl oder übel die selbe Geschichte erzählen wie Herr Ristau – denn sie hat sich ja seither nicht groß verändert. Aber abgesehen vom ersten Absatz, in dem genau diese Zusammenfassung passiert, sehe ich nicht, dass die beiden Rezensionen so wahnsinnig deckungsgleich wären.“

Und so sieht diese nach Kövers Ansicht nicht nur zulässige, sondern gar unvermeidliche Zusammenfassung in der konkreten Gegenüberstellung aus:

Chris Köver, Die Zeit, 19. Juli 2012

Oliver Ristau, FAZ, 24. März 2012

„Manchmal fängt eine gute Geschichte ganz unspektakulär an. Mit einem Tweet zum Beispiel. Den schickte die amerikanische Comickünstlerin Renae De Liz am 17. Mai des vergangenen Jahres hinaus mit der Frage, wer bei einer Anthologie mitmachen will, die ausschließlich die Arbeiten von Frauen zeigen sollte.“

„Am 17. Mai 2011 wirbt die amerikanische Comickünstlerin Renae De Liz über Twitter für eine Anthologie, die ausnahmslos weibliche Teilnehmerinnen präsentieren soll.“

„Kurz darauf wurde klar, dass die Geschichte schnell Fahrt aufnehmen würde – noch am selben Tag kamen 100 Rückmeldungen, binnen einer Woche war die Website zu dem Projekt Womanthology eingerichtet.“

„Noch am selben Tag erhält sie hundert Rückmeldungen. Rasant entwickelt das Projekt Konturen, und bald sind erste Präsenzen im Internet eingerichtet. Das Kind hört da bereits auf einen Namen, er lautet ‚Womanthology: Heroic`.“

„Irgendetwas muss in der Luft gelegen haben. Auf Kickstarter, der Onlineplattform zur Finanzierung unabhängiger Kulturprojekte, brach Womanthology alle Rekorde. In weniger als 24 Stunden hatte das Projekt sein Finanzierungsziel von 25 000 Dollar erreicht – und damit die Druckkosten gesichert –, am Ende der Kampagne waren es 109 301 Dollar.“

„Auf ‚Kickstarter’, der weltweit größten Seite zur unabhängigen Förderung kultureller Projekte, soll das für die Produktion benötigte Geld mittels Crowdfunding erbracht werden […]. ‚Womanthology’ schrieb Kickstarter-Geschichte: In nicht einmal neunzehn Stunden wurde die benötigte Mindestsumme von 25 000 Dollar erreicht. Nach ungefähr einem Monat verfügte man über 109 301 Dollar.“

„Der Comicverlag IDW war bereit, den Band zu veröffentlichen. »Boom!«

„Der Verlag IDW will den Vertrieb übernehmen.“

Das sind auffallend viele gleiche Wendungen auf engem Raum: „Comickünstlerin“, „noch am selben Tag“, „hundert Rückmeldungen“, „eingerichtet“ – und noch mehr leicht abgewandelte: „ausschließlich die Arbeiten von Frauen“ statt „ausnahmslos weibliche Teilnehmerinnen“; „rasant“ statt „schnell“; „kurz darauf“ statt „bald“; „Onlineplattform zur Finanzierung unabhängiger Kulturprojekte“ statt „Seite zur unabhängigen Förderung kultureller Projekte“; „brach […] alle Rekorde“ statt „schrieb […] Geschichte“; „in weniger als 24 Stunden“ statt „in nicht einmal neunzehn Stunden“.

Auch im weiteren Verlauf des Texts bleiben die angesprochenen Themenfelder ähnlich, und es tauchen weiterhin immer wieder Gedanken, Referenzen und Formulierungen auf, die sich so oder in ähnlicher Form auch bei Ristau wiederfinden:

Chris Köver, Die Zeit, 19. Juli 2012

Oliver Ristau, FAZ, 24. März 2012

(über die US-Mainstream-Comicszene) „In den Geschichten: sexualisierte Atombusen-Ästhetik und eine Sterberate der Protagonistinnen, die so hoch ist, dass die Autorin Gail Simone dafür den Terminus Women in Refrigerators eingeführt hat.“

„Seit Gail Simone 1999 in ihrem Blog ‚Women in Refrigerators’ damit begonnen hatte, die zunehmende, oftmals sexualisierte Gewalt gegenüber weiblichen Figuren in von Männern geschriebenen Superheldencomics zu thematisieren, […]“

„Hinter den Kulissen: ein Männer- oder noch eher Jungs-Klub, […]“

„[…] Superheldencomics aus dem testosterongeschwängerten Jungsumfeld […]“

„[…] und auch der Band selbst dokumentiert das mit einem Kapitel zu Pionierinnen der Comicgeschichte wie Tarpe Mills oder Nell Brinkley. Nur mit der Sichtbarkeit der Geschichtsschreibung hapert es oft.“

„Um ein entsprechendes Geschichtsbewusstsein zu schaffen, beinhaltet der […] Band historische Lektionen, die weibliche Comicpioniere wie Tarpe Mills oder Nell Brinkley […] vorstellen.“

„Mehr als 150 Frauen haben an dem Band mitgearbeitet […] – die jüngste ist gerade mal zehn, die älteste 70. Für die Geschichten wurde […] je eine Veteranin mit einer Newcomerin zusammengespannt […]“

„[…] elf der mehr als 140 Frauen sind noch unter achtzehn Jahren alt. Die Verfahrensweise, Neulingen erfahrene Profis an die Seite zu stellen […]“

„[…] – etwa Gail Simone […] mit der jungen Zeichnerin Jean Kang. Ihre Geschichte In Every Heart a Masterwork […] ist eine der schönsten des Bandes. Und bringt gleich prägnant auf den Punkt, worum es hier (auch) geht: Frauen, Mädchen und ihre Perspektiven in Comics einzuschreiben und junge Talente zu ermutigen, selbst den Stift in die Hand zu nehmen.“

„Paradebeispiel dafür ist die von Gail Simone verfasste Geschichte ‚In Every Heart a Masterpiece’ [sic]. Die Gestaltung übernahm die am Anfang ihrer Laufbahn stehende Jean Kang. […] Am Schluss wird der Konflikt mit Mitteln weiblichen Do-It-Yourselfs aufgelöst. Charmant und intelligent wird so die Kernaussage von ‚Womanthology’ aufgenommen: Verändere dein Umfeld zu deinen Gunsten an Hand eigener Vorstellungen und Möglichkeiten.“

„Das auffälligste Merkmal für alle, die regelmäßig Comics konsumieren, ist die massive Perspektivenverschiebung, die stattfindet. In fast allen Geschichten stehen Heldinnen im Mittelpunkt, sie erscheinen in allen Altersklassen, Hautfarben und Körperformen (eine willkommene Abwechslung zu den wider jedes Gesetz der Schwerkraft verstoßenden Kurven, die das Genre sonst dominieren) […].“

„Nach Ansicht dieser Leserinnen fehlt es weiterhin an Künstlerinnen und weiblichen Identifikationsfiguren, die über das oft übliche Fanboy-Pin-Up-Niveau hinausreichen. […] Deshalb ist es begrüßenswert, dass Eigeninitiativen wie ‚Womanthology’ Frauen einen Zugang zur männlich dominierten amerikanischen Mainstream-Comicszene öffnen.“

„Nein, Segregation ist sicher nicht die Lösung für den generellen Sexismus einer Branche, in der Frauen oft nur Doppel-D tragendes Heldenbeiwerk sind und der Comicverlag Marvel es lustig findet, eine Sammelfigur der Spiderman-Freundin [sic] Mary Jane herauszugeben, wie sie in Pin-Up-Pose sein dreckiges Cape wäscht.“

„Allerdings sollte man nicht die Ansicht vertreten, dass Segregation die Lösung für szeneinterne Geschlechterdifferenzen wäre […].“

Ristau mutmaßt derweil, es mangele Köver an Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Medium Comic generell und dem Womanthology-Projekt im Besonderen. „Sonst“, schreibt er in einer E-Mail, „hätte Frau Köver sich nicht nur ein paar eigene Gedanken mehr zum Thema gemacht, sondern vielleicht auch überprüft, ob Spider-Man wirklich ein Cape trägt.“

 

Links der Woche: Mit der Comic-Con, Fanfilmen und dem MAD

Unsere Links der Woche, Ausgabe 24/2012:


Why so serious – Comics made in Germany
on3-radio, Matthias Leitner und Hardy Röde
Die Sendung „Spielwiese“ im Jugendradiosender des Bayerischen Rundfunks beschäftigt sich 40 Minuten lang mit deutschen Comics, schlägt den Bogen von Rolf Kauka bis zum aktuellen Graphic-Novel-Boom und empfiehlt einige aktuelle Bücher. In der Sendung kommen unter anderem Zeichner Uli Oesterle (Hector Umbra), Reprodukt-Verleger Dirk Rehm und Volker Hamann (Reddition, Alfonz) zu Wort. (Direkt-Download als MP3).

Superman trägt jetzt Knieschoner
Süddeutsche Zeitung, Christoph Haas
Der DC-Neustart, auch bekannt als „New 52“ ist nun auch in den deutschen Ausgaben von Panini angelangt. Ein großer Artikel im Feuilleton der SZ fasst zusammen, was den Verlag zu diesem Schritt bewegt hat und was in den neuen Comics anders ist. Lesenswert für alle, die sich bisher nicht besonders mit dem Thema beschäftigt haben.

Ist es Frevel oder Freude?
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Andreas Platthaus beleuchtet in der FAZ das hoch umstrittene Before Watchmen-Projekt von DC Comics nach den ersten vier erschienen Heften und kommt zu dem Schluss: „Dennoch ist das Vorhaben, soweit es sich bis jetzt beurteilen lässt, aller Ehren wert und allemal interessanter als die etwa im Zehnjahresrhythmus anstehenden Rundumerneuerungen der Superheldenwelten von DC und der Konkurrenz des Marvel-Verlags.“

Geheimdienst kämpft ums Überleben
Süddeutsche Zeitung, Michael König
Woran denkt ihr, wenn ihr die Stichworte Zeitschrift, MAD und Y hört? Falsch! Nix Alfred E. Neumann, nix Gimmick, hier geht es um den Militärischen Abschirmdienst, den Geheimdienst der Bundeswehr. Diese sonst sehr verschwiegene Institution stellt sich in Y, dem Magazin der Bundeswehr vor, und illustriert wird das ganze mit Comicbildern von Niklas Hughes, die man auch hier sehen kann.

Das „Grablicht“-Dilemma
Im Zeichen des Wurms, Seiji
Animexx-Mitglied Seiji bricht in ihrem Blogbeitrag eine Lanze für Daniela Winklers Manga Grablicht und dessen Sieg beim Max-und-Moritz-Publikumspreis. Darin verteidigt sie das Werk gegen die Kritik, die unter anderem in einer Rezension von Thomas Vorwerk bei satt.org zu lesen war. Das Bemerkenswerte daran: Vorwerk stürzte sich unter dem Usernamen „DerSnob“ selbst in die Diskussion und versuchte auf eindeutig fremdem Terrain seinen Standpunkt klar zu machen. Im Verlauf der Diskussion erkennt er manchen Fehler, seine Rezension gibt es inzwischen als überarbeitete Version.

Graphic Novel-Besprechung im Literaturclub
YouTube, Mediacontainer
Der YouTube-User Mediacontainer dokumentiert einen Ausschnitt aus der Sendung Literaturclub des Schweizer Fernsehens, in der mehrere Kritiker über aktuelle Bücher diskutieren. Comics werden dort vermutlich nur ganz selten besprochen, doch hier widmen sich die Kritiker Chester Browns Graphic Novel Ich bezahle für Sex.

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Szene WHatcher No More! »Der Comic ist mein Leben.«
Comic-Report, Matthias Hofmann
17 Jahre lang gab Comicfan Joscha Heinkow den Szene WHatcher, „das Flyer-Zine der trivialen Szene“ als regelmäßig erscheinendes PDF heraus. Nach 294 Ausgaben ist nun Schluss. Im Interview erklärt er die Hintergründe.

Der Comic-Clash auf dem Comicsalon in Erlangen
YouTube, ComicClash
Dieses Video fasst den 2012 erstmals ausgetragenen Battle der Comicmagazine, der seinen Höhepunkt auf dem Comic-Salon Erlangen fand, in gut fünf Minuten noch einmal schön zusammen:

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Web-Sondermann: die Teilnehmer der 2. Runde
mycomics.de-Blog
Im Oktober wird auf der Frankfurter Buchmesse im Rahmen der Sondermann-Preise wieder ein Preis für Webcomics verliehen. Diesmal wurde der Modus verändert: Im ersten Halbjahr 2012 wurden die Klicks auf insgesamt 32 teilnehmenden Webcomics-Sites gezählt. Die zehn meistbesuchten landeten jetzt in der 2. Runde, die noch bis zum 30. Juli läuft.

Batman trifft Zombie
Süddeutsche Zeitung, Heiner Lünstedt
Heiner Lünstedt berichtet für die Süddeutsche von der Comic-Con in San Diego. Die Online-Variante des Artikel wurde leider in eine zehnteilige, mit Agenturbildern versetzte Klickstrecke verwandelt. Lünstedts eigene Fotos aus San Diego (und drumherum) sind im ComicGuide-Forum zu sehen.

The Comic-Con 2012 Cosplay Gallery
Tested, Norman Chan
Noch mehr Bilder (leider alle unbetextet) von der Comic-Con, und zwar von den zahlreichen, teilweise extrem aufwändig verkleideten Fans.

Your 2012 Eisner Award Winners
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
Am vergangenen Wochenende wurden im Rahmen der San Diego Comic Convention wieder die Will Eisner Comic Industry Awards verliehen. In den insgesamt 27 Kategorien ragten zwei Comics heraus, die jeweils gleich drei Preise einheimsten: Jim Henson’s Tale of Sand, die Comic-Adaption eines nie realisierten Filmprojekts von Jim Henson, gewann als „Best Graphic Album – New“, Zeichner Ramón K. Pérez wurde als „Best Penciller/Inker“ ausgezeichnet und dazu gab es noch den Preis für das beste Buchdesign. Die im letzten Jahr neu gestartete Daredevil-Serie von Marvel Comics wurde zur besten fortlaufenden Serie gekürt, Ausgabe #7 als bestes Einzelheft und Autor Mark Waid als „Best Writer“. Der Comics Reporter (seinerseits ausgezeichnet für den besten Comicjournalismus) listet alle Sieger und die jeweiligen Mit-Nominierten auf. Und hier sind alle Gewinner in der offiziellen Slideshow:

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CCI 2012
Comic Book Resources
Es ist kaum möglich, hier sämtliche Comic-News und -Ankündigungen wiederzugeben, die in den letzten Tagen in San Diego verkündet wurden. Ein paar der aus meiner Sicht relevantesten Nachrichten in Stichpunkten:

  • Zum 25. Geburtstag von Neil Gaimans Sandman erscheint ein Prequel zur Serie, geschrieben von Neil Gaiman und gezeichnet von J.H. Williams III.
  • Vertigo bringt eine Miniserie zum neuen Tarantino-Film Django Unchained, basierend auf dessen Drehbuch 
  • Image Comics kündigt weitere „creator-owned“-Serien von bekannten Autoren und Zeichnern an, z.B. Satellite Sam von Matt Fraction und Howard Chaykin oder Lazarus von Greg Rucka und Michael Lark.
  • Fantagraphics, einer der wichtigsten Verlage für Independent-Comics, springt mit Verspätung ebenfalls auf den Zug namens „digitale Comics“ auf. Mehrere Ausgaben von Love & Rockets der Gebrüder Hernandez sind ab sofort digital bei Comixology erhältlich, weitere sollen bald folgen.
  • Nach den zahlreichen Comicprojekten, die erfolgreich über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert wurden, setzt der Digitalcomic-Händler iVerse nun auf ein ähnliches Projekt, das ganz auf Comics zugeschnitten ist: Mit dem Comics Accelerator, der am 26.7. live geschaltet wird, können Comicschaffende und Verlage Startkapital für ihre Projekte einsammeln.
  • Marvel bestätigt ein paar künftige Filmprojekte: 2013 kommen Iron Man 3 und Thor: The Dark World, 2014 folgen Captain America: The Winter Soldier und Guardians of the Galaxy. Bestätigt wurde ein Ant-Man-Projekt unter der Regie von Edgar Wright (Scott Pilgrim, Shaun of the Dead). Hier gibt es bisher weder Startdatum noch Besetzung, auf der Convention wurden aber die Testaufnahmen gezeigt, die Wright für Ant-Man gemacht hat.

A cartoonist’s worldview
The Guardian
Eine neue Serie der britischen Tageszeitung The Guardian lässt Comiczeichner ihren Blick auf das Alltagsleben werfen. Unter den ersten Teilnehmern sind zum Beispiel Kate Beaton, Luke Pearson, Ivan Brunetti und Tom Gauld.

Nach negativen „The Dark Knight Rises“-Kritiken: Todesdrohungen auf Rottentomatoes.com
filmstarts.de, Björn Becher
Auf dem Filmportal Rotten Tomatoes, wo Filmkritiken gesammelt werden, schlugen einigen Kritikern, die es gewagt hatten, Christopher Nolans Batman-Film The Dark Knight Rises negativ zu bewerten, hasserfüllte Kommentare aus der Fan-Community entgegen.

Y: The Last Man Rising [Fan Film]
YouTube, IGN/Christian Cardona
Wenn Hollywood nicht in die Pötte kommt, helfen sich die Fans eben selbst. Eine Verfilmung der Vertigo-Serie Y: The Last Man steckt schon seit Jahren in der „Development Hell“, bislang ohne Ergebnis. Dieser 20-minütige, sehr professionelle Fanfilm wirkt wie ein Pilotfilm für eine eventuelle TV-Serie. Sehenswert!

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#DIRTYLAUNDRY
YouTube, Adi Shankar
Noch ein Fanfilm: Thomas Jane, der den Punisher in der Verfilmung von 2004 gespielt hat, schlüpft für einen von ihm selbst produzierten Kurzfilm noch einmal in die Rolle von Frank Castle (auch wenn der Name im Film kein einziges Mal fällt). Ron Perlman spielt auch mit! Achtung, nichts für zarte Gemüter, der Film ist stellenweise arg blutig.

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Dein letztes Leben 1&2

Cover Dein letztes Leben 1Der argentinische Künstler Juan Gimenez (Meta-Barone, Die vierte Macht) ist mit seinem unverkennbaren Zeichenstil vor allem als Koryphäe auf dem Gebiet der Fantasy und Science-Fiction bekannt. Mit dem in zwei Bänden veröffentlichten Comic Dein letztes Leben versuchte er sich an einer Hommage an alle Videospieler, beziehungsweise, wie Gimenez es selbst im knappen Vorwort ausdrückt, an all jene, „die mit leidenschaftlicher Hingabe vor ihren Monitoren die unvorstellbarsten Abenteuer erleben“. Das klingt nicht von ungefähr wie ein antiquierter Werbespruch aus den frühesten Anfängen des Personal Computers, nein, vielmehr ist Dein letztes Leben selbst ein Retro-Comic.

Hauptdarsteller des Zweiteilers ist der junge Fito, dem eine Demo-Diskette der neuen Entwicklerfirma „New World Game“ in die Hände fällt. Diese birgt nicht nur hyperrealistische Grafik und actionreiche Spiele, sondern auch eine tödliche Gefahr: Der User wird in seine Atome zerlegt und tatsächlich ins Spiel transferiert. Ein Umstand, aus dem Fitos Freundin Clara nur im komatösen Zustand herauskommt. Zusammen mit einem Spieletester schlägt sich Fito fortan durch alle möglichen Level der verfügbaren Games, in der Hoffnung, bei erfolgreichem Durchzocken Clara aus dem Koma befreien zu können.

Seite aus Dein letztes Leben 2Die Handlung des Comics ist sehr schlicht aufgebaut. Der Leser wird Zeuge, wie die beiden Spieler sich in einer Art virtuellen Realität durch diverse Dungeons, Kriegsschauplätze oder Fantasywelten schlagen müssen. Ob als Kampfjetpilot, Archäologe, Krieger oder sogar im Froschkostüm, die Ausflüge ins Land der Videospiele werden episodenhaft erzählt und folgen stets einem bestimmten Ziel oder sind auf Punktejagd ausgelegt. Inklusive Endbosse natürlich. Wie man es von Videospielen gewohnt ist.

Juan Gimenez möchte hier futuristisch sein, gleichzeitig aber auch nostalgisch. Mit Disketten, Telefonmodems und C64-Joysticks reaktiviert er die Achtziger und frühen Neunziger Jahre, leider will so etwas wie Retrocharme trotz alledem nicht aufkommen. Dein letztes Leben ist ein unausgegorenes Werk, das neben einigen erzählerischen Schwächen auch grafisch an vielen Stellen unglücklich gestaltet ist.

Das fängt an beim teilweise uninspirierten Design der Videospiele und endet beim emotionslosen Mimenspiel (Glubschaugen, offene Münder) der Figuren.

Cover Dein letztes Leben 2Abgesehen davon, dass das Grundkonzept stark an Tron erinnert (vor allem auch die Darstellung der Übertrittsphase in die Cyberdimension), sind die Dialoge weitestgehend schlecht ausgearbeitet und die Erzählform, in der Fito als Ich-Erzähler aus dem Off jeden Schritt kommentiert, einfach unpassend gewählt. Und wenn man diese beiden Techniken als Autor nicht beherrscht, muss man sich nicht wundern, wenn der Leser spätestens beim virtuellen Strippoker im ersten Band ein wenig Fremdschämen verspürt.

Zur Fairness sollte man noch erwähnen, das Gimenez im zweiten Teil zumindest auf grafischer Ebene mehr von seinem tatsächlichen Können aufblitzen lässt. Denn dort sind die fantasievollen Welten opulenter und der Künstler wirkt spürbar sicherer und einfallsreicher.

 

Wertung: 3 von 10 Punkten

Seltsamer Comic mit Videospiel-Thematik, der in keiner Hinsicht überzeugen kann

 

Dein letztes Leben
Splitter Verlag

Text und Zeichnungen: Juan Gimenez
Übersetzung: Oriol Schreibweis
Preis: je 16,80 Euro
 

Erstes Buch
Oktober 2011

72 Seiten, farbig, Hardcover

ISBN: 978-3-86869-403-1

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Zweites Buch
April 2012

80 Seiten. farbig, Hardcover
ISBN: 978-3-86869-404-8

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag