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Animal Man Vol. 1 – The Hunt (US)

Den spitzenmäßigen Eindruck, den Lemires Tiermann im ersten Heft gemacht hat, kann er leider nicht über das ganze Paperback hinweg halten. Das Problem ist dabei der Fokus der Geschichte: Was im ersten Heft noch wie ein Superheldenfamiliendrama mit Horroreinschlag wirkte, wird leider ziemlich schnell zur Dark Fantasy, was ich als Genre gerne mal abwertend als Horror mit zuviel Erklärung verunglimpfe.

 

Die komplette Rezension zu Animal Man Vol. 1 lest Ihr in Folge 2 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

Das UPgrade 1

Das Debütheft von Das UPgrade versetzt mich in Erregung.

Schon von Das UPgrade gehört? Das ist der neue heiße Scheiß, der Geheimtipp auf dem Comic-Salon Erlangen 2012. Denn geheim muss es ja sein, wenn alle drei Minuten einer vorbeikommt und Stein und Bein schwört, Das UPgrade mache schlank und sexy und helfe gegen Warzen.

 

 

Die komplette Rezension zu Das UPgrade 1 lest Ihr in Folge 2 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

2gegen1: Gratisrevue von Neunte Künst, Aufzug 2

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Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: Das UPgrade von Ulf S. Graupner und Sascha Wüstefeld und Animal Man: The Hunt von Jeff Lemire, Travel Foreman, John Paul Leon et al.

Cover Das UPgrade 1

FRISCH: Das Debütheft von Das UPgrade versetzt mich in Erregung.

Schon von Das UPgrade gehört, Wederhake? Das ist der neue heiße Scheiß, der Geheimtipp auf dem Comic-Salon Erlangen 2012. Denn geheim muss es ja sein, wenn alle drei Minuten einer vorbeikommt und Stein und Bein schwört, Das UPgrade mache schlank und sexy und helfe gegen Warzen.

Der Comic dreht sich um den Dresdner Ronny Knäusel, Jahrgang 1966, den „einzigen Superhelden der DDR“. Ronny „kann sich teleportieren“, was ihn in Verbindung mit der Berliner Mauer zu einem gefragten Mann macht. Doch nach der Wiedervereinigung ist es damit vorbei. Ronny wird arbeitslos, und als ihm an einem kalten Tag Anfang 1992 sein Briefträger eine Ausgabe der Coupé in die Hand drückt, ist das Maß voll.

Außerdem kommen vor: die unendlichen Weiten des Weltraums, ein Ex-Surfrocker und verrückter Wissenschaftler namens Cosmo Shleym, der Alexanderplatz, ein Mordkomplott, „Temptation“ von New Order, acht Zeitsprünge über gut fünftausend Jahre (sechs davon vorwärts, zwei zurück), ein kosmisches Staubkorn mit komischen Eigenschaften, Verhütungsmittel, Pizza, Republikflucht, die Frösi und Sex. Ich empfinde Begeisterung, Wederhake.

Es hat was gefehlt in der heimischen Comiclandschaft, und das merkt man erst jetzt, wo es endlich da ist: Die Namen Graupner und Wüstefeld mögen klanglich wenig Grandezza versprühen, doch Das UPgrade wirkt, als hätten sich Leander Haußmann, Steve Purcell und Brad Bird zusammengetan, um einen wilden, übermütigen, völlig furchtlosen Genre-Comic über die jüngere deutsche Geschichte zu machen. Ich bin down mit Das UPgrade, Wederhake.

Denn schon optisch ist Das UPgrade da bomb: grundsolide erzählt; atemberaubend koloriert; und überdreht und verspielt gelayoutet, wenn die Geschichte danach verlangt, ohne den Leser zu überfordern. Wüstefelds Wahnsinnsbilder sehen aus, als hätte man sie aus einem Disney-Film abfotografiert, der zu geil ist, um je gezeigt zu werden. Die Wüstefeld’sche Wunderwelt ist echt, und ich will mehr von ihr sehen.

Grandios auch Graupners Grafikdesign und Typografie, die Das UPgrade – dem Inhalt angemessen – schon (aber nicht nur) auf dem Cover zur bestgestalteten und unkonventionellst aussehenden bundesrepublikanischen Eigenproduktion machen dürfte, die derzeit zu haben ist. Ich habe selten einen deutschen Comic gesehen, der in Sachen Logo (wenn man „up“ umdreht, kommt übrigens „dn“ raus), Schriftzüge oder Sprechblasen so schick, detailverliebt und wohlüberlegt daherkommt.

All das ist natürlich für die Katz, wenn die Story stinkt, aber auch die ist hier von oben bis unten stimmig und fokussiert. Wenngleich sie thematisch genauso wuchert, wie man es von der Geschichte über einen teleportierenden DDR-Fluchthelfer erwarten darf – und mehr: Graupner und Wüstefeld verwursten neben Politischem auch allerhand Nostalgisches und Soziologisches zum ehemaligen Unrechtsstaat im Osten Deutschlands, der beliebte Saarländer Erich Honecker und die Stasi spielen ebenso eine Rolle wie die Jugendzeitschrift Neues Leben oder die Einführung der Pille.

Nebenbei erfährt man zum Beispiel auch, dass Ronny öfter mal einstuhlt, wenn er seine Superkraft nutzt. Die Figurenzeichnung insgesamt ist elegant und gekonnt, es wird nicht geschwafelt und erklärt, sondern evoziert, gezeigt, durch Handlung offenbart. Vieles ist überzeichnet, und manchmal wird’s albern, aber die Macher achten darauf, dafür nicht die Plausibilität der Figuren oder ihrer Welt aufs Spiel zu setzen. Und, ganz wichtig, Graupner und Wüstefeld erliegen nicht der Krankheit, der nur wenige deutsche Unterhaltungsmacher entgehen: Sie trauen ihrem Publikum etwas zu und sind so todesmutig, eine polyphone, schräge, bisweilen auch komplexe Story abzuliefern, die aufmerksame Leser belohnt, statt sie zu beleidigen oder zu langweilen.

Und überhaupt, am allertollsten: Das UPgrade ist feinste Bildermusik. Graupner und Wüstefeld erzählen nicht bloß, sie entwickeln von der ersten Seite an ihren eigenen Beat und erhöhen oder verringern nach Bedarf die Schlagzahl. Der Comic stellt Dinge an, von denen die meisten Autoren und Zeichner nicht mal wissen, dass sie möglich sind: Er rockt, groovt, hat einen Refrain und findet für jede Szene den passenden Rhythmus.

Das UPgrade macht mich spitz, Wederhake.

Kleinere Kritikpunkte gibt’s natürlich auch (die Schwangerschafts- und Geburtssequenz ist etwas lang und umständlich; der Knick in Ronnys Leben nach der Wende leuchtet mir nicht ganz ein), aber ein perfektes Debütheft hab ich noch keins gesehen, und vieles liegt ja auch noch bewusst im Dunkeln, was die Hauptfigur angeht.

Darum an dieser Stelle: bravo, Graupner und Wüstefeld.

Ich tanze vor Glück.

wertung8

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WEDERHAKE: Die Idee mit den zwei, drei knackigen Absätzen ist offiziell so tot wie Disco in Erichs Lampenladen, was, Frisch?

Ich würde auch gerne noch was zu dem Comic sagen, bevor du mir alles wegschnappst. Vor allem, da du den Geheimtipp ja nicht einmal in Erlangen, sondern erst Jahre später im Konsum bei dir um die Ecke [= Mailorder aus Berlin! -Frisch] erworben hast. Aber so war das ja schon immer: Die später Konvertierten sind die schlimmsten Ideologen! (Das Saarland ist doch die einzig verbliebene sozialistische Enklave in Deutschland, oder habe ich die Sache mit Honecker und Lafontaine falsch verstanden?)

Gut, wo kann ich denn noch ansetzen? Vielleicht, indem ich’s mir erstmal in meiner gewohnt liebenswürdigen Art mit 99 Prozent der deutschen Comicszene verscherze. Meine erste Reaktion auf Das UPgrade war nämlich: Das ist ein deutscher Comic? Man darf in Deutschland poppig bunte Genre-Kost präsentieren? Wissen die anderen das?

Das Tolle am UPgrade hast du ja schon in Grund und Boden gelobt: Die Typographie ist der Hammer (und das versteckte „down“ im „UP“ ist mir nicht mal aufgefallen) und die grellbunte Digitalkoloration gehört zum Besten, was ich in diesem Bereich gesehen habe, seitdem B. Clay Moore und Shane White vor fast ’ner Dekade an Hawaiian Dick zusammengearbeitet haben. Kreativer Seitenaufbau und Special Effects kommen nicht zu knapp zum Einsatz, besonders der zerwürfelte Pizzabote gefällt.

Und dann das Figurendesign. Umwerfend. Da werden weder Körperformen noch Gesichter recyclet und an den fiesen Fressen und der Körperhaltung kann man auch gleich Rückschlüsse auf die Charakterisierung ziehen. Da steckt viel Liebe drin. Und all das in einer geschwungenen Linienführung, die dem Ganzen sehr viel Dynamik gibt und Lust auf noch folgende Actionsequenzen macht. Dass da auf Seite 10 Ren & Stimpy herumstehen, ist kein Zufall. Und wenn nicht wissenschaftlich erwiesen wäre, dass der Genosse John Kricfalusi alles hasst, was er nicht selber gezeichnet hat oder vor 1950 entstanden ist, dann würde ich sagen, er würde Gefallen an Wüstefelds Zeichnungen finden.

Das Können merkt man bei Wüstefeld und Graupner übrigens auch da, wo sie nicht „big and flashy“ sind. Wie stellt man einen Teleport von einer Seite der Grenze zur anderen dar? Indem man einfach erst die linke Seite des Wachturms vom Teleportlicht erhellen lässt und im nächsten Panel die andere Seite. Schlicht, effektiv, gekonnt.

Die Geschichte ist so weit erstmal grundsolide Genre-Kost, die dadurch punktet, dass sie viel Lokalkolorit (für Kommunisten wie den Genossen Frisch) oder das gebotene Maß an Exotik (für stramme Demokraten wie mich) mit sich bringt. Mosaik-Abos und Weltfestspiele, Hernan Cortez und Aktenzeichen XY, Malibu und Ost-Berlin. Und auch Soundwords wie „Möpp“ für die Mopedgeräusche helfen dem Wiedererkennungswert. Ulf S. Graupner schlägt da gekonnt weite Bögen und legt hier weitgehend das Fundament für alles, was noch kommt. Die mutmaßlichen Protagonisten werden etabliert, das größere Mysterium des Weltraumstaubkorns angerissen und der potentielle Widersacher wird auf den letzten Seiten zumindest angedeutet und im von ihm verfassten Vorwort charakterisiert. Pflichtprogramm erfüllt.

Ich muss aber zugeben, dass mich das Denglisch von Surfrocklegende Cosmo Shleym am Ende ziemlich genervt hat. Ich hoffe wirklich, dass ich nicht neun Hefte lang Sätze wie „Diese Festival-Flower means something! … But what? It’s so vertraut to me“ oder „Wenn die Bullen aufkreuzen und die Magic Mushrooms finden, bin ich in the Ass“ lesen muss. Besonders mit den Regeln deutscher Großschreibung für englische Satzteile. Das gilt auch für die Pseudo-Hip-Hop-Sprache des amerikanischen Pizzaboten. Das war mir zu sehr gewollt, da wäre weniger mehr.

Was übrigens auch für einige der Erzählkästen gilt, die gelegentlich Information doppeln, weil man zu sicher gehen will, dass alles verstanden wird. Als Beispiel sei hier genannt, dass man nochmal erklärt, dass die Verhütungspille wegen dem pinken Dingsbums nicht gewirkt hat, was über die Seite, auf der das steht, und die vorherige Seite auch ohne geschriebenes Wort deutlich wird. Da dürfen sich die Herren Graupner und Wüstefeld sich gerne etwas mehr auf ihre Fähigkeiten verlassen.

Papperlapapp. Trotz leichter Abzüge in der B-Note setzen Graupner und Wüstefeld hier eine ganz klare Duftmarke und legen einen der schicksten deutschen Comics seit Jahren vor. Dass das auch noch ein Genrewerk und keine Kunst mit kapitalem K ist, erwärmt mein geschundenes Schundherz nur noch mehr. Ein eindeutiges Upgrade für die deutsche Comicszene. Ick freu mir schon mal auf die nächsten neun Ausgaben.

 wertung8

Das UPgrade 1
von Ulf S. Graupner und Sascha Wüstefeld
Zitty Verlag, 2012
Softcover, farbig, 50 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-922158-02-8
Leseprobe

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COver Animal Man Vol. 1

WEDERHAKE: Ich verweise an dieser Stelle zunächst mal auf unsere Lobhudelei für das erste Heft der Reihe und rudere dann kräftig zurück. Den spitzenmäßigen Eindruck, den Lemires Tiermann im ersten Heft gemacht hat, kann er leider nicht über das ganze Paperback hinweg halten. Das Problem ist dabei der Fokus der Geschichte: Was im ersten Heft noch wie ein Superheldenfamiliendrama mit Horroreinschlag wirkte, wird leider ziemlich schnell zur Dark Fantasy, was ich als Genre gerne mal abwertend als Horror mit zuviel Erklärung verunglimpfe.

Nicht Buddy Baker ist der eigentliche Held der Geschichte, sondern seine Tochter Maxine, die relativ schnell zum Kwisatz Haderach wird. Altbekannte Genre-Kost: wird in Zukunft mal das mächtigste Wesen überhaupt, noch zu jung, um die Kräfte völlig kontrollieren zu können; wenn sie die Bösen packen, werden sie ihre Macht missbrauchen um ganz, ganz schlimme Dinge anzustellen. Been there, done that. Mich stört vor allem die Ausgiebigkeit, in der Lemire das erklärt. The Red, die Tiermenschavatarverteidiger von allem, was tuffig und super ist, gegen the Rot, die verdorbenen Tiermenschavatarbiester von der anderen Seite. Yadda, yadda, yadda. Zumindest nach Band 1 stinkt das nach altbewährter Dichotomie Gut gegen Böse, nur halt in eine new-age-ige Kosmologie gepackt. Dieser Mystikmumpitz ist schon die eine große Schwachstelle an Lemires Sweet Tooth, und ich hoffe, dass er da noch irgendeine Subversion in petto hat.

Besonders da die damit verbundene neue Interpretation, woher die Fähigkeiten des Animal Man kommen, scheinbar die alte Hintergrundgeschichte erstmal retconnt: Die Aliens, die ihm seine Kräfte gegeben haben, sind tatsächlich nur Agenten dieser Tiermenschavatarbiester. Die haben nur eine Form gewählt, die Buddy besser versteht. So wie Homers Schutzengel damals, als Colonel Klink aufgetreten ist, gell? Die Frage für mich ist: Wenn das ein Neustart ist … warum nicht einfach den Retcon-Teil mit den Aliens weglassen?

Kompetent erzählt ist das bisherige Abenteuer jenseits des Gaia-Geblubbers aber immer noch. Buddy ist glaubhaft als nicht so richtig superer Superheld, der primär daran interessiert ist, seine Familie zu schützen, und seine Tochter, mit der wir dann wohl einiges an Zeit verbringen müssen, schafft es, mir nicht auf den Zwirn zu gehen, obwohl sie ein Kind in einem Superheldencomic ist. Damit ist sie ihrem Bruder Cliff weit voraus, der mit seiner 1990er Nackenfotze und seinem Verhalten irgendwo zwischen Bart Simpson und Willy Beamish herumschwingt, ohne glaubhaftes Profil zu gewinnen. Und wenn man das Tiertotemtrara ausblendet, dann hat man immer noch eine spannende Horrorgeschichte, in der eine Familie vor sich seuchenartig ausbreitenden Zombiedämonenviechern fliehen muss.

Was wuchtig bleibt, sind die Zeichnungen von Travel Foreman, für dessen Stil ich ja schon die Peter-Chung-Analogie bemühte: Das ist gekonnte Hässlichkeit, die den Aspekt des Body Horrors in Lemires Geschichte richtig stark ausspielt. Deformierte Köpfe und Körper, halbverweste Monster, Blut, Muskeln, Sehnen, Innereien. All das setzt Foreman gekonnt widerlich und alptraumhaft um. Einzig im fünften Heft fehlt es mir teilweise an Textur und Schattierungen, die bis dahin so gut gewirkt haben. Hat da der Inker gewechselt? Ist das Zeitdruck geschuldet? Das würde auch erklären, warum die Mehrheit des sechsten Heftes ein von John Paul Leon gezeichneter Filler ist, der einen Teil jenes Filmes zeigt, in dem Buddy Baker laut Interview im ersten Heft ja die Hauptrolle gespielt hat. Und wenn der Rest des Filmes auch ein so öder Kick-Ass-Verschnitt ist, dann hoffe ich, dass man uns den nicht in einem weiteren Einzelheft zeigen wird.

Am Ende fahren Buddy und seine Familie dann dem großen Familientreffen mit Scott Snyders Ding aus dem Sumpf entgegen, womit DC es hier immerhin geschafft hat, ein halbes Jahr zu warten, ehe sie die alte Crossover-Pest wieder ausbrechen lassen. Auch dafür gibt es von mir Abzüge in der B-Note. Schade. Animal Man hat auf höchstem Niveau begonnen, stürzt dann aber aufgrund der benannten Schwächen relativ zügig ins bessere Mittelmaß ab. Immer noch interessant genug, um den nächsten Band zu kaufen, aber nicht mehr der unbedingte Kauftipp, den ich nach Heft 1 prognostizierte.

wertung6

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FRISCH: Animal Man ist – aufgrund des starken ersten Hefts – eine der „New 52“-Serien, die ich bis zur sechsten Ausgabe gelesen habe. Schon das sind aber mindestens drei zuviel, denn der erste Band, der diese Hefte zusammenfasst, bringt es fertig, sämtliche guten Ansätze, die im ersten Kapitel enthalten sind, geflissentlich zu ignorieren und stattdessen einen strunzlangweiligen, völlig uninspirierten Genre-Käse anzurühren.

Wenn so das Plädoyer aussieht, wieso Animal Man mal wieder seine eigene Serie gebraucht hat, kann er von mir aus gleich wieder in der Versenkung verschwinden.

Die von John Paul Leon gezeichnete Story „Tights“ aus Heft 6, die du ansprichst, gefällt mir dabei sogar noch am besten. Ich sehe darin keinen Kick-Ass-Verschnitt, sondern eher The Wrestler mit einem Superhelden, und das ziemlich gekonnt auf gerade einmal 17 Seiten. Das mag auch nicht der originellste Ansatz der Welt sein, aber ich nehme Lemire und Leon die Geschichte ab, und sie greift thematisch wenigstens die Dinge auf, die das erste Heft so vielversprechend gemacht haben.

Leider ist „Tights“, wie du sagst, mehr Füller als alles andere, denn die restlichen vier Kapitel bestehen aus einer öden, vorhersehbaren, wenn auch weitgehend kompetenten 08/15-Geschichte, die mindestens doppelt so lang ist, wie sie hätte sein müssen. Spätestens in Ausgabe 3 ist da nichts mehr, was mich noch an den Figuren oder ihrer Welt reizen würde.

Du lobst Foremans Zeichnungen, aber die entfalten ohne Tuschezeichner Dan Green leider auch nicht mehr so ihre Wirkung wie im ersten Kapitel. Hier und da sieht es aus, als würde sich Foreman mal für eine oder zwei Seiten richtig Mühe geben, wenn es an die Umsetzung der „The Red“- oder „The Rot“-Dämonen (oder was auch immer) geht; das sieht dann richtig schick aus. Insgesamt liefert er hier aber Standard-Vertigo-Kost ab: nicht schlecht, aber eben auch nicht großartig. Am ehesten mag ich noch die Farben von Lovern Kindzierski – oder eben den von John Paul Leon erzählten Abschnitt.

Als hätte ich am Ende nicht schon genug Gründe, gelangweilt und genervt zu sein, stellt sich die Story auch noch als Sprungbrett für ein Crossover heraus. „Only the SWAMP THING can save us now!“, heißt es ganz dreist auf der letzten Seite der Hauptstory. Offenbar werden die nachfolgenden Kapitel so fad, dass eine Serie allein dafür nicht mehr gereicht hat.

wertung4

Animal Man: The Hunt
von Jeff Lemire, Travel Foreman, John Paul Leon, Steve Pugh, Dan Green, Jeff Huet, Lovern Kindzierski und Jared K. Fletcher
DC Comics, 2012
Softcover, englisch, farbig, 120 Seiten, 14,99 USD
ISBN: 978-1-4012-3507-9

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Abbildungen: © Ulf S. Graupner/Sascha Wüstefeld/Zitty Verlag und DC Comics

Touna Mara 2 – Das Gold der Skythen

Cover Touna Mara 2Der junge All Verlag, der erst letztes Jahr gegründet worden ist, legt nun den zweiten und abschließenden Band der Serie Touna Mara vor. Und man konnte gespannt sein, denn der erste Band war ziemlich gelungen.

Immer noch wird auf zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt. Die eine spielt in der Steinzeit und schildert den Kampf, die Rache, der jungen Schamanin gegen die Wolfskrieger. In der Gegenwart versuchen Wissenschaftler die Mutationen zu erklären, welche Kinder zu Halbwesen aus Mensch und Wolf macht. Während eine der jungen Forscherinnen von einem Schamanen als Wiedergeburt der Steinzeitkämpferin erkannt wird, drohen Konflikte innerhalb der Forschergruppe die ganze Arbeit zu sabotieren. Und die Wolfsmenschen sind alles andere als freundlich.

Schon mit dem ersten Band begann Autor Patrick Galliano eine etwas waghalsige Reise, indem er die verschiedensten Elemente auf kleinem Raum vereinte und so eine Tour de Force durch Mythen, Legenden und Historie unternahm. Gekonnt umschiffte er alle esoterischen Klippen und flocht die verschiedensten Elemente ein. Schafft er dieses auch im zweiten Teil? Leider nicht ganz.

Wenn man bei der Metapher mit dem Schiff bleibt, so schlägt der Folgeband deutlich Leck am Riff der Esoterik, aber er versinkt immerhin nicht, sondern schafft es mit letzter Kraft in den Hafen. Dazu tragen Mario Milanos kraftvoll sinnliche Bilder bei, wobei gerade die Darstellungen der Frauen deutlich von niemand geringerem als Milo Manara beeinflusst sind. Die passend elliptische Erzählung des ersten Bandes mit dem regelmäßigen Wechsel der Erzählzeiten entwickelt hier leichte Kanten und läuft nicht mehr ganz so rund. Aber dennoch ist der Band spannend und kann immer noch interessante Aspekte anbieten.

So etwa in Bezug auf den Schamanismus, der natürlich schon oft behandelt worden ist, aber vor allem in Bezug auf die Wer-Menschen erfrischende Aspekte liefert. Am bekanntesten ist natürlich der Werwolf, der auch hier Pate stand, aber in anderen Kulturen gab es auch andere Mischungen zwischen Mensch und Tier. In Indien etwa den Wer-Tiger und in anderen Gegenden den Wer-Panther. Das ist manchmal kaum vom Schamanismus zu trennen, schließlich versuchten sich auch viele Völker bewusst die Kraft von Tieren zu Eigen zu machen, wie etwa die Indianer mit ihren Totems, vor allem aber die Wikinger mit ihren Berserkern. Im Rausch steigerten sich diese wilden Krieger in eine solche Wut, dass sie kaum zu halten waren. Sie kleideten sich im Kampf einzig in Bärenfell, um so deren Kraft und Wildheit zu bekommen.

Seite aus Touna Mara 2Alles dies findet man auch in Touna Mara wieder, wobei es doch auf eine gewisse Weise enttäuschend ist, dass es einem außerirdischem Impuls zugeschrieben wird und nicht als eine frühe zivilisatorische Leistung. Entsprechend enttäuscht auch das Ende, da vieles nicht restlos aufgeklärt wird. Galliano überführt den Konflikt zwischen Ratio und Gefühl in die immer konfliktreiche Dualität männlich/weiblich und driftet damit deutlich in den esoterischen Bereich ab. Man könnte es so zusammen fassen: Mutter Erde kämpft gegen Vater Stern (der Monolith als dessen Abkömmling), wobei letzterer böse ist. Die Dualität wird hier nicht nur durch kämpferische bzw. friedliche Farben symbolisiert, sondern auch das Glatte der Frau gegen das Stachelige des Mannes gesetzt.

Ob unfreiwillig oder nicht: die Stacheln der bösen Seite des Steins erinnern doch gewissermaßen an einen Bart, der gegen die sanfte Haut der Frau gerichtet ist. Die Bezugnahmen auf 2001, mit einem monolithischen Stein, der die Evolution der Menschheit anregt, sind überdeutlich, aber was er eigentlich bezweckt, wird nicht ganz klar. Wie sich die Wolfsgruppen zusammenfinden und was sie eigentlich wollen wird ebenso im Vagen gelassen wie das Schicksal einiger Personen, was zu einem recht unbefriedigenden Ende führt.

Alles in allem hätte man aus Touna Mara einen sehr spannenden Wissenschaftskrimi im Sinne von Crichton machen und auf esoterische Aspekte verzichten können. Wobei letztere im ersten Band durchaus noch überzeugen konnten, solange sie in philosophische Bereiche hineinlangten. Für einen Abschluss eines kurzen Zweiteilers bleiben am Ende jedoch zu viele Fragen unbeantwortet. 

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Holprige Fortsetzung des gelungenen ersten Teils, die sich etwas zu sehr in esoterische Gefilde verirrt

 

Touna Mara 2 – Das Gold der Skythen
All Verlag, Mai 2012
Text: Patrick Galliano
Zeichnungen: Mario Milano
Übersetzung: Dr. Marcus Schweizer
Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-926970-10-7
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: All Verlag

Der Comic emanzipiert sich: ein Interview mit Manuele Fior

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Manuele Fior, 1975 im italienischen Cesena geboren, gehört spätestens seit Fünftausend Kilometer in der Sekunde (Avant-Verlag) zu den spannendsten und vielversprechendsten Comic-Erzählern Europas. Es gibt viele Zeichner, die Publikum mit Bildern beeindrucken können, aber nur wenige bringen ein so intuitives und komplettes Verständnis des Erzählmediums mit wie Fior.

Dass Fünftausend Kilometer beim Comicfestival Angoulême 2011 mit dem Preis für das beste Album ausgezeichnet wurde, ist nur konsequent. In sechs ebenso kurzen wie eindringlichen Episoden erzählt der 140-seitige, Kontinente und Jahrzehnte umspannende Band von der Dreiecksbeziehung zwischen Piero, Nicola und Lucia. Die Geschichte überzeugt vor allem deshalb, weil der Autor weiß, wann Zeichnungen und Farben mehr sagen können als Text.

Im Juni 2012 war Manuele Fior zu Gast auf dem 15. Internationalen Comic-Salon Erlangen. Comicgate hatte dort Gelegenheit, sich mit ihm zu unterhalten.

Interview und Fotos: Marc-Oliver Frisch

Manuele Fior auf dem Comic-Salon 2012

MARC-OLIVER FRISCH: Du erntest sehr viel Beifall für deine Zeichnungen, die Farben, deinen Strich. Aber was ich daran am beeindruckendsten finde, ist, wie sehr das alles im Dienst der Geschichte steht. Das ist nicht bei allen Zeichnern der Fall. Woher kommt dieses Bewusstsein, der starke Fokus darauf, erzählen zu wollen?

MANUELE FIOR: Grundsätzlich bin ich Zeichner, und meine Zeichnungen sind eher spontan. Das Geschichtenerzählen musste ich erst erlernen, wozu es ein paar Jahre und Bücher gebraucht hat. Wenn ich jemanden gefunden hätte, der mir die Geschichte schreibt, hätte ich diese Entdeckung wohl nicht gemacht, aber so habe ich mir meine eigene Art des Comic-Schreibens erfunden, die auch viel mit Improvisation zu tun hat. Also, ich mache normalerweise kein Storyboard, ich improvisiere Seiten. Wenn ich eine Seite mache, ist die Zeichnung manchmal der Geschichte untergeordnet, aber manchmal gibt die Zeichnung auch den Anstoß für eine Erzählung. In Fünftausend Kilometer zum Beispiel hab ich mit diesem Gebäude angefangen und dann geschaut, wer hinter den Türen wohnt.

Die Erzählung steckt also in der Zeichnung. Ich weiß nicht, ob ich so bewusst bin in meiner Art des Erzählens, aber meistens fange ich irgendwann an zu merken, dass einige Sachen immer wiederkommen, wie auch diese Ellipsen, diese Sprünge in der Zeit …

FRISCH: … die durch die Seiten mit den Regentropfen gekennzeichnet sind.

FIOR: Ja, ich meine, dass zwischen jedem Kapitel Jahre vergehen, diese elliptische Erzählweise, die Lücken in der Erzählung, die der Leser selber füllen muss. 

FRISCH: Fünftausend Kilometer in der Sekunde hat also damit angefangen, dass du dir vorgestellt hast, wer in dem Haus wohnt?

FIOR: Ja, und dann fange ich an, einen Dialog zu erfinden, und dann sehe ich in der Zeichnung vielleicht einen Schatten, und dieser Schatten gehört dann zu einer Figur, die auftaucht, und so habe ich viel mit Improvisation gespielt. Natürlich musst du dir danach eine Struktur, ein Skelett für die ganze Geschichte schaffen, aber die Improvisation ist für mich immer ein guter Motor für die Geschichte. Weil ich nicht weiß, was passieren wird. Daher kommt für mich die Lust, weiterzumachen. 

FRISCH: Was mir zuerst an Fünftausend Kilometer aufgefallen ist, sind die Farben — das Buch ist sehr farbenprächtig. Wolltest du von Anfang an eine Geschichte machen, die sehr stark von den Farben lebt, oder war es umgekehrt so, dass die Geschichte nach den Farben verlangt hat?

FIOR: Das graphische Aussehen war von Anfang an ganz klar. Meine Idee von Farbe kommt von der Tradition Lorenzo Mattottis. Ich hab immer gemocht, wie er Farbe benutzt: nicht um zu dekorieren, sondern um eine Atmosphäre und einen Raum für die Geschichte zu schaffen. Deswegen stand die Farbe ganz am Anfang. Und ich habe auch versucht, mit Farben zu zeichnen, noch vor der eigentlichen Zeichnung. Das hat die Zeichnungen auch sehr verändert, weil man so manchmal auf die Konturen verzichten kann. Ich wollte ein Buch machen, wo die Farbe dazu beiträgt, die Figuren zu definieren. 

FRISCH: Stehen die Farben auch für bestimmte Figuren?

FIOR: Nein, die Farben sind nicht auf bestimmte Figuren gemünzt, oder auf weiblich oder männlich oder so etwas. Sie haben mehr mit der Temperatur der Geschichte zu tun. Das ist auch eine wichtige Sache bei mir. Wenn ich an eine Szene denke, brauche ich die Temperatur – die klimatische, aber auch … 

FRISCH: … die emotionale Temperatur?

FIOR: Ja, aber eben auch die physische: das Wetter. Ich glaube, wenn du die heiße Sonne oder den Regen hast, das macht schon fünfzig Prozent von der Stimmung aus. Deswegen überlege ich mir das richtige Klima – emotional, und auch im physischen Sinn. 

FRISCH: Du hast schon bei deinen früheren Büchern stark mit Farben gearbeitet, aber bei Fünftausend Kilometer sind es sehr viel mehr als zuvor. War es schwierig, diese Farben alle so unter einen Hut zu bringen, dass sie sich nicht beißen?

FIOR: Dafür hab ich mir ein Farbkonzept entwickelt. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass es immer nur drei Farben pro Kapitel gibt. Im ersten Kapitel gibt es zum Beispiel dieses Braun, dann Gelb und Hellblau, und das sind die einzigen Farben in dem Kapitel:

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Wenn du ins zweite Kapitel gehst, habe ich das Hellblau mit einem Dunkelblau ersetzt, aber es sind immer noch drei Farben:

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Und dann, im dritten Kapitel, habe ich das Gelb durch ein Orange ersetzt:

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Es gibt also eine Rotation der Farben: In jedem Kapitel habe ich eine Farbe ersetzt. Und diese Farbrotation ist auch eine Art des Erzählens, eine Geschichte der Farben. Und ganz am Ende, für den Flashback, kommt wieder die Kombination vom Anfang. 

FRISCH: Und der Flashback ist auch Teil der Rotation?

FIOR: Ja. 

FRISCH: Welche Farbe hast du da ersetzt?

FIOR: Also, hier waren es Braun, Hellblau und Violett:

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Und hier sind es wieder Braun, Hellblau und Gelb:

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FRISCH: Wie genau hast du diese Farbrotation vor der Umsetzung durchgeplant?

FIOR: Ich hab das erste Kapitel angefangen und im zweiten Kapitel, das in Norwegen spielt, hab ich dann einfach nur versucht, eine Farbe zu wechseln und auszuprobieren, ob das klappen könnte. Das hat es, und dann hab ich das weiter gemacht. Meine Bücher sind immer Experimente. Ich weiß nie, was am Ende herauskommt. Sie sind wie chemische Experimente. 

FRISCH: Du hast einmal gesagt, es findet eine „chemische Reaktion“ zwischen Zeichnungen und Wörtern statt.

FIOR: Ja, und auch zwischen den Figuren. Die haben normalerweise unterschiedliche Naturen, unterschiedliche Charaktere. Manchmal sind sie mir darin etwas ähnlicher, manchmal auch eher das Gegenteil von mir selber. Man findet in den Figuren auch verschiedene Aspekte des eigenen Charakters und spielt damit. 

FRISCH: Die Figuren sind also immer auch ein Teil von dir?

FIOR: Manchmal stehen sie auch für bestimmte Positionen. Wenn ich etwa nicht mutig bin, dann gibt es vielleicht eine Figur, die sehr mutig ist und Dinge tun kann, die ich nicht machen könnte. Ich habe zum Beispiel bemerkt, dass die Frauen in meinen Büchern immer die Mutigsten sind. Sie machen immer den Schritt, den ich nicht machen würde. 

FRISCH: Die Figuren tun einander oft weh, aber man hat beim Lesen trotzdem das Gefühl, dass du als Autor sehr nachsichtig mit ihnen umgehst und sie nicht verurteilst dafür.

FIOR: Ja, das ist am wichtigsten: nicht zu verurteilen. Und dass sie sich Schmerz zufügen, das ist eine Perversität (lacht). Wenn du Bücher machst, ist das auch eine Art, deine Ängste nach draußen zu schieben. Es gibt Sachen, die dir Angst machen, und die gibst du an deine Figuren weiter, und du lässt sie einander Schmerz zufügen, statt den Schmerz selber zu empfinden. Das klappt nicht immer, aber ich hab nicht den Eindruck, dass ich ein Puppenspieler bin, der alles unter Kontrolle hat, sondern eher, dass ich ein bisschen so zwischen den Figuren stehe, unsichtbar, und dass ich kucke, was passiert. Aber auf Augenhöhe, weißt du (lacht)? 

FRISCH: Man hat das Gefühl, dass du sehr viel mehr über die Figuren weißt, als der Comic preisgibt. Ist das so? Gibt es Dinge, die du außen vor gelassen hast?

FIOR: Nein, nee nee. Ich kenne das richtige Ende der Geschichte nicht, und … die einzige Sache, die ich sagen kann, ist … Es ist ein komisches Gefühl … Du wirst dich richtig … hmm … Ich liebe meine Figuren. Ich liebe sie. Jetzt auch in meinem neuen Buch. Das wird ganz anders. Also, die Hauptrolle spielt eine Figur, die fünfzig ist, und dann gibt’s ein ganz junges Mädchen. Für den Comic hab ich vier Jahre gebraucht, und du lebst vier Jahre mit diesen Figuren, und am Ende haben sie ihren eigenen Weg gefunden, der nicht deiner ist, und … Ich kann nur sagen, ich liebe sie … alle (lacht). 

FRISCH: Die Figuren sind eher skizzenhaft: Man erfährt gar nicht viel über sie, aber man hat trotzdem das Gefühl, sie zu kennen. Ich hatte den Eindruck, dass das auch an den Orten des Geschehens liegt, die im Gegensatz dazu sehr konkret wirken. Zumindest im geographischen Sinn weiß man immer genau, wo die Figuren gerade sind.

FIOR: Es ist keine autobiographische Geschichte, aber die Orte, die man in dem Buch sieht, sind Orte, die ich selbst ziemlich gut kenne, weil ich dort länger gewohnt und gearbeitet habe – in Italien bin ich geboren, in Norwegen und in Ägypten hab ich gearbeitet. Meine Erfahrung vor Ort war also nicht nur touristisch, und wahrscheinlich hat man deswegen den Eindruck, dass die Orte ziemlich konkret sind. Als ich zum Beispiel in Ägypten gelebt habe, war es mir ein Bedürfnis, etwas mit all diesen Landschaften und Farben anzufangen. Diese Kultur und dieses Land haben sich so bei mir eingeprägt, dass ich diese Eindrücke und Erinnerungen auf Papier fixieren wollte. 

FRISCH: Inwieweit hat sich dein Architektur-Background auf die Geschichte ausgewirkt? Ist das ein starker Einfluss für dich?

FIOR: Architektur ist immer ein starker Einfluss, aber nicht so direkt, dass ich irgendwie Gebäude zeichnen will. Mein Architekturstudium hat mir geholfen, über den Tellerrand der Comics hinauszukucken. Das ist auch so ein bisschen ein Problem der Comicszene, dass man immer diese Umgebung hat und sich von anderen Comics beeinflussen lässt, und ich wollte meinen Blick woanders hin richten. Und deswegen hat mir das Architekturstudium eine andere Einstellung, eine andere Sichtweise vermittelt. 

FRISCH: In einem Interview, das ich gelesen habe, hast du deine Comics auch mit einem Popsong verglichen – „Michelle“ von den Beatles.

FIOR: Was hab ich da gesagt? 

FRISCH: Du hast gesagt, man kann Comics immer wieder lesen – wie einen Song, den man immer wieder hört – und darin jedesmal wieder Neues entdecken.

FIOR: Ich finde, Comics sind in diesem Sinn der Popmusik ähnlicher als richtigen Büchern. Die Zeit, die du brauchst, um einen Comic zu lesen, ist eher vergleichbar mit der Dauer eines Albums oder eines Films, anders als bei einem richtigen Buch. Das Konzept ist anders – das Konzept des Genießens ist ganz anders, auch im Hinblick darauf, wie man es mit den Augen wahrnimmt. Und eine weitere Ähnlichkeit mit Musik, also Popmusik oder Chanson: Wenn man Texte und Musik trennt, dann sind die Texte keine Meisterwerke der Literatur, sondern … du kannst etwa sagen, „She loves you, yeah yeah yeah“ – ganz banale Sachen, aber mit der richtigen Stimme, mit der richtigen Musik daneben, fängt es an, einen Sinn zu ergeben. Bei Comics ist es dasselbe. Du kannst „Guten Tag“ sagen, aber mit der richtigen Figur, dem richtigen Ort, der richtigen Zeichnung und dem richtigen Rhythmus kann das sehr stark werden, auch wenn das, was gesagt wird, keine große Poesie ist. Ganz schlichte Sachen – zum Beispiel „Okay, ich gehe“ – können so zu einer „chemischen Reaktion“ führen. Ich mache eine Figurenzeichnung, und ganz spontan kommt mir eine Eingebung für eine Sprechblase mit dem Text, von dem ich denke, dass ihn die Figur sagen will. Das ist die Basis meiner Comics. Ich schaue mir die Zeichnung an, und ich denke, „Ah, das will er sagen.“ 

FRISCH: Die Zeichnung sagt es also schon.

FIOR: Ja, du machst eine Zeichnung, die etwas sagt. 

FRISCH: Glaubst du, dass Comics zu oft versuchen, wie Prosa-Literatur zu sein?

FIOR: Ja, es gibt diese Tendenz – manchmal ist das gut, manchmal weniger. Ich finde, der Comic sollte sich emanzipieren. „Arzach“ von Moebius zum Beispiel, diese erste Fantasy-Geschichte ohne Text, mit diesem Mann, der auf einem Pterodaktylus fliegt – das ist eine elfseitige Geschichte, also kein großer Roman. Aber diese elf Seiten sind immer in meinem Kopf geblieben, genauso wie ein „Peanuts“- oder „Calvin und Hobbes“-Strip in deinem Kopf bleiben können. Ich denke, es gibt verschiedene Arten, Comics zu machen. Jetzt nennen wir das „Graphic Novel“ und sowas. Vielleicht gibt es auch Comics, die der Literatur ähnlich sind, aber man muss immer wissen, das ist etwas anderes. Auch die Funktion ist anders. 

FRISCH: Wenn du eine Geschichte komponierst und zeichnest, hast du dann schon im Kopf, wie der Comic vielleicht beim Leser ankommen wird?

FIOR: Ich muss sagen, am Anfang denke ich gar nicht an die Leser. Auch wenn ich kommerzielle Arbeiten mache, gilt das erste Bedürfnis mir selbst. Es ist mir natürlich schon wichtig, dass der Leser einen bequemen Einstieg in den Comic hat und eine gute Leseerfahrung. Ich will, dass bei der Lektüre alles klar ist, man sich später aber Gedanken macht. Und deswegen muss ich immer herumfeilen an Passagen, von denen ich denke, dass sie etwas schwer zu verstehen sind. Ich versuche immer, dem Leser die Lektüre leicht zu machen, damit er sich seinen eigenen Reim darauf machen kann. Aber das kommt erst später, wenn ich sehe, eine Passage liest sich etwas holprig oder zäh. Am Anfang denke ich nicht daran. 

FRISCH: Du möchtest die Geschichte also so klar wie möglich erzählen, aber du forderst auch etwas vom Leser.

FIOR: Ja, aber das kommt auch auf den Leser an. Was ich schön finde, ist, wenn Leute, die das Buch gelesen haben, die Figuren auf unterschiedliche Weise beurteilen. Die einen sagen, sie ist zu kalt oder sie ist böse; andere sagen, nein, sie ist richtig mutig, weil … weißt du? Diesen Spielraum finde ich gut. Das heißt, dass die Figuren lebendig sind. Aber was die reine Erzählung angeht, will ich, dass alles verständlich ist – dass man nicht sagt, „Häh, hmm, wieso …?“, sondern alles versteht. Und dann fängt man an, nachzudenken. 

FRISCH: Wie ist dein Verhältnis zu Kritiken?

FIOR: Ich persönlich bin froh, wenn es gute Kritiken gibt, und es tut mir weh, wenn ich schlechte Kritiken lese (lacht). Für Fünftausend Kilometer in der Sekunde gab es viele, viele Kritiken. Viele haben darüber gesprochen, und es war für mich das erste Mal, dass so viele Leute schreiben oder Impressionen haben. Das war echt neu. Und das ist mittlerweile auch ein bisschen zuviel, und irgendwann ist Schluss. 

Manuele Fior auf dem Comic-Salon 2012 mit Comicgate-Magazin 7FRISCH: Nimmst du Kritik auch auf, oder lässt du das gar nicht an dich heran?

FIOR: Mmm, nicht die Kritik der Kritiker. In Paris, wo ich wohne, habe ich eine kleine Gemeinschaft von italienischen Comic-Autoren – es gibt mittlerweile vier – und wir schauen uns untereinander alles an, was wir machen. Wir reden sehr viel darüber, und wir sind auch sehr fies, also sehr direkt und offen. Und diese Kritik von anderen Autoren, oder von Kollegen, die nehme ich immer an. Wenn also ein Kollege mir sagt, nee, das funktioniert nicht, oder das hat nicht geklappt, dann verändere ich was. Es ist sehr schwierig, zu kritisieren oder kritisiert zu werden. Wenn jemand dich kritisiert, dann musst du wissen, dass er das nicht tut, um dir zu schaden, sondern ein Freund ist. Deswegen lehne ich andere Kritiken ab. 

FRISCH: Du sprichst selbst mehrere Sprachen, auch Französisch und Deutsch. Hast du mit Maya della Pietra, der Übersetzerin der deutschen Ausgabe von Fünftausend Kilometer, zusammengearbeitet?

FIOR: Nein, sie hat das alles selber gemacht. Ich kann auf Deutsch lesen, aber … 

FRISCH: Hast du schonmal daran gedacht, einen deiner Comics selber zu übersetzen?

FIOR: Nein, noch nicht. Es ist schon sehr schwierig, auf Italienisch zu schreiben, und manchmal sehr aufwendig, die richtigen Wörter zu finden. Und meine Kenntnis der Sprache ist nicht gut genug, auch im Französischen nicht. 

FRISCH: Du hast vorhin schon den Begriff „Graphic Novel“ erwähnt. Denkst du über solche Formate und Begriffe nach?

FIOR: Nicht wirklich. Ich glaube, es ist eine wichtige Sache, dass man diese Bücher auch in einer Buchhandlung findet und nicht nur im Comicladen. Und der Begriff hilft mittlerweile, Comics zu verbreiten, auch in Italien. Vorher war es unmöglich, Comics in Buchhandlungen zu finden. Also hat man gesagt, das sind „Graphic Novels“ – Bücher, die nicht unbedingt für Kinder sind. In dieser Hinsicht finde ich es ganz schön, dass man diesen Begriff hat. Aber am Ende ist es immer ein Comic – „fumetto“ auf Italienisch – und ich seh das gar nicht als ein höheres Niveau des Comics. Ich bin auch ein großer Fan von Strips, und für mich sind Comics Comics. Für mich ist es eine Kategorie, genau wie beim Film Dokumentationen und Komödien oder in der Literatur Romane oder Essays. Solche Kategorien gibt es überall. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber in Italien sind alle ganz böse auf diesen „Graphic Novel“-Begriff. Es gibt den Vorwurf von Elitismus, dass er was für Snobs ist, aber … 

FRISCH: Das ist in Deutschland ähnlich.

FIOR: Ich hab viele Freunde, die Bonelli-Comics machen – Tex, Dylan Dog, diese ganz kommerziellen Comics in Italien –, und für mich ist das alles das gleiche. Ich mach da keine Unterschiede. 

FRISCH: Du hast das Buch, an dem du gerade arbeitest, bereits erwähnt. Kannst du schon sagen, wann es erscheinen wird?

FIOR: Es hat sich zeitlich ein bisschen hingezogen, aber in Frankreich sollte es Anfang 2013 herauskommen. Es ist etwas dicker als Fünftausend Kilometer, und ich hab den Eindruck … Ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich hab den Eindruck, dass die Geschichte etwas komplexer ist. Es ist eine Science-Fiction-Geschichte – nicht wie Star Wars, und sie spielt nicht in einer fernen Zukunft, sondern so um 2050 in Italien. Und mehr kann ich nicht sagen (lacht). 

FRISCH: Du warst mit Fünftausend Kilometer in der Sekunde sehr erfolgreich und bist auch in Angoulême ausgezeichnet worden. Setzt dich das unter Druck?

FIOR: Nein, ich versuche immer, Spaß zu haben. Das neue Buch hatte ich auch vor Angoulême angefangen, und es ist wirklich anders. Es ist auch von der Technik her anders, nämlich schwarz-weiß, also daran denke ich nicht. Der Druck kommt eher von praktischen Sachen. Nach Angoulême musste ich zum ersten Mal in meinem Leben Nein sagen zu vielen Dingen, zu denen ich vorher immer Ja gesagt habe. Ich habe gelernt, eine Auswahl zu treffen, was nicht immer so einfach war und weswegen ich mit manchen Leuten auch Stress bekommen habe (lacht). Aber für meinen Job, nein. Ich mag es echt, Comics zu machen. Ich bin ganz froh, dass ich diesen Preis bekommen habe, aber man muss das vergessen. Wenn du denkst, ich hab den Preis bekommen, jetzt bin ich wer, dann machst du nichts mehr. Das ist jetzt weg.

 

Fünftausend Kilometer in der Stunde von Manuele FiorFünftausend Kilometer in der Sekunde
von Manuele Fior
aus dem Italienischen von Maya della Pietra
Lettering von Tinet Elmgren
Avant-Verlag, Juni 2011
140 Seiten, farbig, Softcover, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-54-1

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Auszüge: Copyright © 2009/2011 Atrabile & Manuele Fior/Avant-Verlag, Fotos: © Marc-Oliver Frisch/Comicgate

Absolute Zero 1-3

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Cover Absolute Zero 1Der Szenarist und Zeichner Christophe Bec (Heiligtum, Carthago, Bunker) entwickelt sich in Deutschland zum echten Dauerbrenner. Beim Splitter Verlag reiht sich seit geraumer Zeit eine Serie des Franzosen an die andere. Zusammen mit dem Splitter-Lesern ebenfalls nicht unbekannten Richard Marazano (Schimpansenkomplex, Eco Warriors) schuf er den dreiteiligen Sci-Fi-Thriller Absolute Zero, der mittlerweile komplett vorliegt.

Darin begleiten wir eine Gruppe Marines auf den fremden Planeten Siberia, wo sie routinemäßig eine verlassene Forschungsstation untersuchen soll. Dort angekommen setzt eine unbekannte Person, die ohne Schutzanzug in den unmenschlichen Minustemeraturen überlebt hat, eine Kette unheimlicher Ereignisse in Gang. Ein Virus scheint fortan um sich zu greifen und die Crewmitglieder in den Tod zu treiben.

Seite aus Absolute Zero 2Ehrlich gesagt würde man sich vom Sci-Fi-erfahrenen Christophe Bec etwas mehr erwarten als ein Konzept, das in seinem atmosphärischen Kern stark an bekannte Filme (zum Beispiel Alien, Event Horizon) oder an Becs andere Arbeiten (Heiligtum) erinnert. Es geht stets darum, die Einsamkeit und die Stille des Weltraums (oder der Tiefsee etc.) als Vehikel für einen spannungsgeladen Grundton zu benutzen. Klar ist, dass eine Gruppe auf begrenztem Raum in einer solchen Situation nur noch einen letzten Funken braucht, damit die Stimmung in den Keller geht und Panik ausbricht. In Absolute Zero geschieht dies durch das Auftreten eines unbekannten Wesens. Die Crewmitglieder verhalten sich unnatürlich, das Misstrauen wächst, schließlich fließt Blut und jeder möchte die Mission nur noch irgendwie überleben.

Das Problem der Story von Marazano und Bec ist, dass sie unnötigerweise auf drei Alben gestreckt wurde. Und das ausgerechnet mit vielen Dialogszenen und dem ambitionierten Versuch, jeden Marine möglichst detailiert zu charakterisieren. Das liest sich zwar mitunter ganz nett und ist weitaus besser als hirnlose Action, allerdings fällt es aufgrund der permanenten Szenenwechsel und der sich optisch oftmals ähnelnden Figuren schwer, den Überblick zu behalten. Die drei Alben sollte man also nicht in zu langen Abständen lesen, weil es sonst passieren kann, dass man sich immer wieder aufs Neue zurecht finden muss.

Cover Absolute Zero 3Trotz aufgeblasener Handlung und mangelnder Originalität: Absolute Zero ist ein solider Sci-Fi-Comic, auf dessen Ende man durchaus hinfiebert. Insofern werden Fans der bisherigen Werke Christophe Becs nicht enttäuscht werden, auch wenn der Routinier, ebenso wie sein Co-Autor Marazano, schon Überzeugenderes abgeliefert hat.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Mysterythriller aus den Tiefen des Alls, nicht überragend, aber ein unterhaltsamer Genrevertreter

 

Absolute Zero
Splitter Verlag

Text: Richard Marazono
Zeichnungen/Konzept: Christophe Bec
Übersetzung: Monja Reichert, Waldemar Kesler
je 48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 13,80 Euro

Band 1: Mission Sibirien
September 2011 
ISBN: 978-3-86869-324-9

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Band 2: A.S.O.R.3 Psycho
Dezember 2011
ISBN: 978-3-86869-325-6  

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Band 3: Inkarnation
März 2012

  ISBN: 978-3-86869-326-3

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche: Mit Plagiatsvorwürfen, Literatur-Adaptionen und Handpuppen

Unsere Links der Woche, Ausgabe 23/2012:

 

„Das sind eindeutig Plagiate!“
labkultur.tv, Peter Erik Hillenbach
Der Aufreger der Woche waren die Plagiatsvorwürfe gegen den Oberhausener Zeichner Andreas Heinze, der sich auch „Flauteboy“ nennt und, so seine Kritiker, unverhohlen den Stil von Jamiri (alias Jan Michael Richter) kopiert. Dröseln wir den Fall mal chronologisch auf: Ausgangspunkt war eine Ausstellungsankündigung auf der Website labkultur.tv. Daraufhin entspann sich wohl hauptsächlich auf Facebook die Diskussion, ob Heinze bei Jamiri abgekupfert hat (diese Postings scheinen inzwischen weitgehend gelöscht worden zu sein).

Eine Woche später erschien auf dem populären Blog Ruhrbarone ein Beitrag, der Heinze in deutlichen Worten als Plagiator bezeichnet. Autor Georg Kontekakis schreibt: „Andreas Heinze plagiiert bis ins Detail. Die Figuren: Vom Hund über den Freund bis zur Freundin – identisch, bis auf kleinste Änderungen. Seine Bartstoppeln sind blond. Selbst die Schriften, die Überschriften, die Bildaufteilung, die Farben. Alles abgekupfert.“ Leider verliert sich dieser Artikel abseits dieser Vorwürfe in einem persönlichen Kleinkrieg mit labkultur.tv, was die Kritik nicht unbedingt überzeugender macht. labkultur.tv reagierte darauf wiederum mit dem ganz oben verlinkten Artikel, in dem schließlich Jamiri selbst zu Wort kommt. Er schließt sich den Vorwürfen an, aber richtig wütend ist er nicht. Heinzes ausgestellte Comics seien „eindeutig Plagiate“, er sehe das aber eher als „Guttenberg in putzig“ und meint: „Immerhin ist das ja auch eine Form der Würdigung meines Werkes.“

Während Jamiris Verleger ihn aufgefordert haben, sich juristisch zu wehren, will er sich in Kürze mit Heinze persönlich treffen und die Angelegenheit besprechen. Weitere Links dazu: ein um Neutralität bemühter Artikel des NRW-Portals Der Westen, sowie zwei Einträge (hier und hier)im Blog von undergroundcomix.de, wo Flauteboy regelmäßig veröffentlicht.

In wilden Bildern um die Welt
Neue Zürcher Zeitung, Georg Klein
Schriftsteller Georg Klein bespricht in der NZZ die Comicadaption von Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt, die in der neuen Reihe „Brockhaus Literaturcomics“ erschienen ist. Nachdem er erklärt, warum die Comicversion in seinen Augen scheitert, stellt er eine rhetorische Frage: Wenn schon ein unbestritten trivialer Stoff wie dieser sich nicht in Comicform nacherzählen lässt, wie muss es dann erst aussehen, wenn sich Comiczeichner „ungeniert an die wirklich grossen Werke unserer Weltliteratur machen“?

Ungleiches Duell
tagesspiegel.de, Moritz Honert
Anders als Georg Klein hat Moritz Honert nicht nur einen, sondern alle fünf bisher erschienenen Comics der Brockhaus-Reihe gelesen. Auch bei ihm kommen sie nicht gut weg („eins zu eins kopierende Dutzendware, wodurch der Comic im Vergleich zur Vorlage zwangsläufig als verkürzend und unsinnlich erscheinen muss“), er warnt aber zugleich davor, daraus Rückschlüsse auf das Medium Comic allgemein zu ziehen, wie es Klein offenbar tut.

Der menschliche Superheld
Deutschlandradio Kultur, Britta Bürger
Passend zum 50-jährigen Jubiläum und dem Filmstart von The Amazing Spider-Man befragte Deutschlandradio Kultur den Comicjournalisten Klaus Schikowski, der die Spider-Man-Ausstellung kuratiert hat, die gerade in Erlangen zu sehen war. Das Gespräch, das leider etwas abrupt endet, steht auch direkt als MP3 (8:41 Minuten) zur Verfügung.

2012 Harvey Award Final Ballots Now Available!
harveyawards.org
Auf der Baltimore Comic-Con im September werden die Harvey Awards verliehen, der neben den Eisner Awards wohl bekannteste Comicpreis in den USA. Die Nominierungen in den 22 Kategorien wurden diese Woche bekanntgegeben.

Marvel NOW! Brings Massive Relaunch, New Titles, Creator Shake-Ups in October
ComicsAlliance, Andy Khouri
Nachdem DC Comics im letzten Herbst einen ziemlich erfolgreichen Relaunch seiner kompletten Superheldenschiene hingelegt hat, spekulierten viele darüber, ob der große Konkurrent Marvel einen ähnlichen Schachzug plant. Nun kündigt der Verlag ein Projekt namens „Marvel NOW!“ an, das zwar nicht direkt mit DCs Relaunch vergleichbar ist, aber in eine ähnliche Richtung geht: Zwischen Oktober 2012 und Februar 2013 startet jede Woche ein Marvel-Comic mit einer neuen Nummer 1. Dabei handelt es sich sowohl um Neustarts etablierter Serien wie Captain America als auch um ganz neue Reihen wie Uncanny Avengers oder All-New X-Men. Anders als bei der Konkurrenz bleibt die Continuity (also die Gültigkeit der bisher erzählten Geschichten) erhalten, die neuen Comics sollen aber trotzdem dazu dienen, neue oder zwischenzeitlich abgesprungene Leser zu gewinnen.

Watching ‘Watchmen’: A Classic Comic’s Classless Return
The Daily Beast, Tim Marchman
Tim Marchman, der neulich schon mal sehr effektiv gegen die US-Comicindustrie gestichelt hat (siehe Links der Woche 20/2012), sorgt jetzt mit einem Artikel über DCs Before Watchmen-Projekt für Aufsehen. In dem mit einem leicht spöttischen Unterton geschriebenen Artikel kommt nicht nur Comicautor Len Wein zu Wort, sondern auch eine PR-Dame von DC Comics, die dem Interview als Aufpasserin beigewohnt hatte.

Spring Break Wolverine
springbreakwolverine.blogspot.co.uk, Jason Latour und Robbi Rodiguez
Ein sehr gelungener Fancomic schickt Wolverine auf eine wilde Springbreak-Party. Inklusive Dosenstechen und Sich-Nackigmachen.

Bizarro Classic
YouTube, Rob Pratt
Nach seinem kurzen Retro-Trickfilm Superman Classic (siehe Links der Woche 6/2012) legt Animationskünstler Rob Pratt nun mit einer Fortsetzung nach:

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Neil and Alan
Sarcastic Voyage
Der Comedy-Podcast Sarcastic Voyage hat eine neue Videoserie gestartet, in der sich zwei Handpuppen namens Neil Gaiman und Alan Moore mehr oder weniger lustige Dialoge liefern. Bisher sind drei Folgen erschienen, hier ist die zweite:

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Die Toten 3

Rezension von Die Toten 3Im dritten Band der Zombie-Anthologie Die Toten haben unsere Freunde von Zwerchfell wieder drei eigenständige Storys kredenzt, die vor dem Hintergrund einer Zombie-Seuche in Deutschland spielen. Was ich generell vom Konzept her so unmittelbar überzeugend und vor allem simpel finde, dass ich mich frage, wieso da eigentlich vorher keiner drauf gekommen ist. Hier passt einfach alles, von der Idee bis zum Titel und Layout, und es überrascht mich auch nicht, dass die Reihe für Zwerchfell so erfolgreich läuft. Umso erstaunlicher ist es, dass sich zwei der drei Geschichten im aktuellen Band eher um das Konzept der Serie drücken, als etwas damit anzufangen.

 

Die komplette Rezension zu Die Toten 3 lest Ihr in Folge 1 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

Hilda and the Midnight Giant (UK)

Rezension zu Hilda and the Midnight GiantVon Luke Pearson habe ich bis dato nichts mitbekommen, was eine echte Schande ist, denn seine Geschichten sind wahnsinnig toll. Hilda ist ein kleines Mädchen, das mit seiner Mutter irgendwo in den Bergen eines Skandinaviens wohnt, in dem es ganz normal ist, dass Trolle, Riesen, Zwerge, Meergeister und flauschige Fuchsdinger mit Geweih frei und unbeschwert herumtollen.

 

 

Komplette Rezension zu Hilda and the Midnight Giant in Folge 1 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

Morning Glories Vol. 1 – For A Better Future (US)

Cover Morning Glories Vol. 1An einer Stelle in Nick Spencers Morning Glories erwähnt eine der Figuren die TV-Serie Lost. Eine sehr passende Referenz, denn Morning Glories weist in diesem ersten Sammelband viel von dem auf, was Lost so attraktiv gemacht hat: Vorrangig ein mysteriöses Setting, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet.

Die Geschichte folgt sechs Jugendlichen (drei Mädchen und drei Jungen … was hingegen eine völlig unpassende TV-Referenz ist), die auf der Morning Glories Academy aufgenommen werden, dem absoluten Eliteinternat in den Vereinigten Staaten. Und kaum dort angekommen, müssen sie feststellen, dass an dieser Schule einiges faul ist: Eine geisterhafte Person mordet im Keller, in der Nähe eines riesigen, rotierenden Objekts. Die Eltern der Schüler behaupten ihnen gegenüber am Telefon, dass sie überhaupt keine Kinder hätten. Alle Schüler haben am selben Tag Geburtstag. Und der Raum zum Nachsitzen wird mit Wasser geflutet, sofern sich die Schüler nicht den Regeln unterwerfen. Und, und, und…

In der Hinsicht ist „For A Better Future“ ein perfekter Einstieg, da die Geschichte im gesamten Band verstörend und beunruhigend ist und dabei immer wieder mit bizarren Details (teils sehr offensichtlich, teils hintergründig versteckt) überrascht und so viele Fragen aufwirft, dass ich angefixt bin und jetzt wirklich wissen will, was es mit dieser Schule und den dortigen Vorgängen auf sich hat. Daher passt der Lost-Vergleich also. Die Serie hatte nach dem Pilotfilm den gleichen Effekt.

Seite aus Morning Glories Vol. 1Allerdings hoffe ich, dass Nick Spencer – anders als J.J. Abrahams bei Lost – wirklich weiß, wohin er seine Geschichte steuern möchte und für die Fragen auch tatsächlich später Erklärungen anbietet und nicht die Hälfte der Mysterien einfach auf halber Strecke vergisst (etwas, worunter z.B. Brian K. Vaughans Ex Machina zunehmend litt) und einfach nur weiter Geheimnis auf Geheimnis und Frage auf Frage häuft.

Und da jetzt das Setting präsentiert ist, muss Spencer zudem seinen Figuren in den folgenden Ausgaben deutlich mehr Tiefe verleihen, denn die bleiben in diesem Paperback bloße Abziehbilder. Bei den meisten Figuren habe ich mir nicht einmal den Namen gemerkt sondern nur das Highschool-Klischee, dem sie entsprechen: Das smarte Mädchen, das Partyluder, das Emo-Girlie, der Sportler, der Vollnerd und das verzogene Wohlstandsblag. Auf Dauer wird das nicht tragen.

Optisch wird die Geschichte von Joe Eisma ordentlich umgesetzt, der einen sehr übersichtlichen und aufgeräumten Zeichenstil hat und besonders im Bereich der Mimik zu überzeugen weiß. Was allerdings gegen Eismas Stärken spielt, ist der Ort der Handlung: Graue Klassenräume, blaue Flure, braune Bibliotheken, graue Korridore, dazu immer mal wieder der komplette Verzicht auf einen Hintergrund … das wird über die sechs hier gesammelten Hefte stellenweise so monoton, dass es der Lust zum Weiterlesen wirklich abträglich ist.

Seite aus Morning Glories Vol. 1Dennoch erfüllt Morning Glories – For A Better Future alle Ziele, die ein erster Band haben kann. Er führt die Figuren und das Konzept ein und präsentiert dabei so bizarre Ereignisse und Geheimnisse, dass ich als Leser auf jeden Fall wiederkommen werde, für eine Auflösung der Fragen rund um die Morning Glories Academy. Wie bei allem, was auf diese Art einen Leser im ersten Band anfixt, bleibt im Hintergrund jedoch die Sorge, dass die Fragen nie beantwortet werden oder die Beantwortung der Fragen enttäuschend ausfällt.

Denn Fragen aufwerfen und Mysterien auftürmen kann jeder, aber sie befriedigend beantworten, das ist der wahre Beleg dafür, dass ein Autor sein Handwerk versteht. In einigen Bänden werden wir wissen, ob Nick Spencer tatsächlich ein Mann mit einem Plan oder doch nur ein Taschenspieler ist.


Wertung:
6 von 10 Punkten

Gelungener Einstieg voller Mysterien – hoffentlich weiß der Autor diese auch aufzulösen

 

Morning Glories, Volume 1 – For A Better Future
Image Comics, März 2011
Text: Nick Spencer
Zeichnungen: Joe Eisma
192 Seiten, farbig, Paperback
Preis: 9,99 US-Dollar
ISBN: 978-1607063193
Leseprobe

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Abbildungen: © Nick Spencer/Joe Eisma/Image Comics

Die deutschsprachige Ausgabe, Morning Glories 1 – Für eine bessere Zukunft, ist bei Panini Comics erschienen