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Von Dampfloks und Virtuellen Realitäten: Interview mit François Schuiten

Im Rahmen der offiziellen Präsentation der Augmented-Reality-Anwendung zu François Schuitens neuem Comic Atlantic 12 hatten wir Gelegenheit zu einem Interview mit dem belgischen Zeichner. Leider stand nur wenig Zeit zur Verfügung, so dass sich die Fragen ausschließlich auf den neuen Comic (Originaltitel: La Douce) und die von der Firma Dassault Systèmes entwickelte 3D-Anwendung bezogen.

Atlantic 12 (die deutsche Ausgabe erscheint in Kürze bei Schreiber & Leser) erzählt von einem Lokomotivführer, der sich nicht damit abfinden möchte, dass die Zeit der Dampflokomotiven zu Ende geht. Während die Erde aus unerklärlichen Gründen mehr und mehr von Wasser bedeckt wird, stellt sich die Menschheit um und weicht auf Seilbahnen aus, die Eisenbahn ist im Aussterben begriffen. Diesen Schritt will Lokführer Léon nicht mitgehen. Er möchte seine geliebte Dampflok retten und beschließt kurzerhand, sie zu entführen.

 

schuiten04COMICGATE: Monsieur Schuiten, wer ist eigentlich die Hauptfigur in Atlantic 12? Ist es der Maschinist Léon, oder ist es die Lokomotive?

François Schuiten: (lacht) Die wahre Heldin ist vielleicht das junge Mädchen Elia. Sie ist das Herz dieses Comics und sie stellt das Bindeglied zu allen anderen Protagonisten der Geschichte dar. Alle Verrücktheiten und Tagträume der Figuren verbinden sich in Elia, daher ist sie das Zentrum des Buchs.

 

CG: Die Dampflok 12.004, die tatsächlich existiert und Sie zu dem Comic inspiriert hat, wird bald in einem Museum namens Train World (in Schaerbeek in der Nähe von Brüssel) zu sehen sein, das gerade geplant wird. Wo haben Sie die Lok entdeckt?

FS: Naja, sie wurde nicht von mir entdeckt. Sie gehört der belgischen Eisenbahngesellschaft und steht in einem Depot für alte Züge. Ich arbeite an der Gestaltung des Eisenbahnmuseums mit und habe im Rahmen meiner Recherchen für das Museum dieses Depot besucht. Dort bin ich dann auf diese Lok gestoßen. Die 12.004 sieht ganz anders aus als alle anderen Lokomotiven, sie fällt sofort auf. Sie sprach mich gleich an und machte mich neugierig; ich wusste, diese Lok ist was Besonderes.

 

Cover Atlantic 12CG: La Douce ist Ihre erste Solo-Arbeit, bei der Text und Zeichnungen nur von Ihnen stammen. Wie unterscheidet sich die Arbeit an diesem Comic von der Zusammenarbeit mit Autoren wie Benoit Peeters?

FS: Es ist schon anders, aber nicht allzu sehr. Mit Benoit entwickle ich das Konzept der Geschichten zusammen, nur die Texte stammen direkt von ihm. Das Problem ist nicht, eine Geschichte allein zu schreiben – aber ganz allein zu arbeiten, das fühlt sich schon sehr anders an. Wenn man zweieinhalb Jahre lang ganz allein an seinem Schreibtisch sitzt, ohne sich mit einem Partner auszutauschen, dann ist das viel mühsamer und langwieriger als eine Gemeinschaftsarbeit.

 

CG: Können Sie Ihre Zusammenarbeit mit Dassault Systèmes näher erläutern? Wie kam es dazu?

FS: Ich habe Dassault über einen Bekannten kennengelernt, der mit der Firma an einem anderen Projekt arbeitet. Ich erkannte das Potential dieser 3D-Technologie und wandte mich dann an Dassault, um zu fragen, ob sie an einem gemeinsamen Projekt Interesse hätten.

 

Francois Schuiten bei der Präsentation in ParisCG: Finden Sie, dass die 3D-Anwendung zu Atlantic 12 ein wichtiger Teil des Comics ist, oder ist es eher ein nettes kleines Extra zu verstehen?

FS: Es ist kein eigentlicher Teil der Geschichte, ich sehe es als „die Kirsche auf dem Kuchen“. Man kann es als eine Art Anhang sehen, ein „poetisches Addendum“. Es ist ein Bonus zum Buch, der es dem Leser erlaubt, nachdem er es gelesen hat, seine Reise mit der Lokomotive noch weiter fortzusetzen. Es fügt dem Comic eine weitere Dimension hinzu, die aber nicht direkt zur Geschichte gehört. Ich kann mir vorstellen, dass künftige Comics solche Erweiterungen auch direkt in die Geschichte integrieren.

Das Interessanteste daran ist für mich die Verknüpfung unterschiedlicher Sphären. Hier treffen sich ganz verschiedene Welten: die der Eisenbahn, die der Technologie und die der Comics. Da kommen Leute zusammen, die einen ganz verschiedenen Hintergrund haben, und daraus entsteht etwas Neues. Ich mag den Gedanken, mit meiner Arbeit eine Schnittstelle für diese Leute geschaffen zu haben.

 

schuiten02CG: Haben Sie schon mal daran gedacht, eine solche 3D-Anwendung auch für Die geheimnisvollen Städte zu produzieren?

FS: Klar, daran gedacht habe ich schon. Vor allem Das Fieber des Stadtplaners würde sich gut eignen. Mal sehen. Es gibt aber keine konkreten Pläne dafür, denn diese virtuellen Realitäten sind extrem aufwändig und machen sehr viel Arbeit. Die Leute bei Dassault können Projekte wie meines nur nebenbei verwirklichen, ihre Hauptarbeit machen sie ja für die Industrie.

 

CG: Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Wenn Sie einen beliebigen Comic der Comic-Geschichte mit dieser 3D-Technik umsetzen könnten, welcher wäre das?

FS: Gute Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich denke, eine Adaption von bestehenden Werken wäre nicht so interessant. Es bringt nicht viel, so eine Augmented Reality auf eine bekannte Geschichte draufzupacken. Viel spannender ist es doch, wenn bestimmte Aspekte einer Geschichte gemeinsam mit dem Autor in 3D weiterentwickelt werden. Diese Technik ist dann sinnvoll, wenn etwas Neues erschaffen wird, das vorher noch nicht da war. Kreation statt Adaption!

 

Zum Artikel „Atlantic 12 – Vom Comic zur virtuellen 3D-Welt“ geht es hier!

 

Fotos: Thomas Kögel

Atlantic 12 – Vom Comic zur virtuellen 3D-Welt

In Frankreich und Belgien ist er schon auf dem Markt, in wenigen Wochen erscheint er auch auf Deutsch: La Douce (deutscher Titel: Atlantic 12), der neue Comic von François Schuiten. Als besonderes Extra enthält der Comic eine Augmented-Reality-Anwendung, mit der der Leser mittels PC und Webcam die titelgebende Lokomotive dreidimensional im Raum bewegen kann. Dieses 3D-Special wurde im Juni von der französischen Firma Dassault Systèmes und François Schuiten vorgestellt. Thomas Kögel war für Comicgate bei der Präsentation in Paris.

Zum Interview mit François Schuiten geht es hier!

 

3D-Anwendung zu Atlantic 12 von Dassault SystèmesDie Firma Dassault Systèmes ist ein Technologiekonzern, der seit den 1980er Jahren existiert und sich auf realistische 3D-Simulationssoftware spezialisiert hat. Diese ist weniger für die Entertainmentbranche, etwa für Videospiele oder Special Effects in Filmen, gedacht (Zitat aus der Präsentation: „Wir sind nicht Pixar!“), sondern vor allem für die Industrie, zum Beispiel für Flugzeug- oder Autobauer, die mit der DS-Technik am Computer räumliche Simulationen ihrer Fahrzeuge, Motoren oder Geräte bauen können. Besonders stolz ist man bei DS auf den „Virtual Reality Showroom“: Hier kann man in einem kleinen, mit besonderer Technik ausgerüsteten Raum, mit einer speziellen 3D-Brille auf der Nase, in eine virtuelle Realität eintauchen, die das gesamte Sichtfeld einnimmt und auf alle Bewegungen des Users reagiert – ein ziemlich beeindruckender Effekt, nicht mehr weit weg vom Holodeck aus Star Trek (ein Beispielfoto ist hier zu sehen).

In den letzten Jahren versuchte Dassault vermehrt, seine Technik auch auf neuen Feldern anzuwenden, die nichts mit der Industrie zu tun haben. So entstand zum Beispiel das Projekt „Ice Dream“, bei dem simuliert wurde, ob und wie es möglich wäre, einen kompletten Eisberg von Neufundland zu den Kanarischen Inseln zu transportieren. Andere Beispiele sind ein „Doku-Fiction“-Film fürs Fernsehen, in dem die Entstehung und Entwicklung der Stadt Paris über die Jahrhunderte nachvollziehbar wird, „Khufu Reborn“ – hier wird versucht, den Bau der Cheops-Pyramiden nachzubilden – und eben die Augmented Reality für den neuen Comic von François Schuiten.

Die belgische Dampflokomotive 12.004Wie kommt dieser Hightech-Konzern nun dazu, mit François Schuiten zusammenzuarbeiten, einem Veteran des frankobelgischen Comics, der vor allem für seine Comics aus dem Zyklus Die geheimnisvollen Städte (getextet von Benoit Peeters) berühmt ist? Nun, das Bindeglied zwischen Technik und Kunst ist eine Lokomotive. Die Dampflok Atlantic 12.004, die in den 1930er Jahren in Belgien gebaut wurde und nur wenige Jahre in Betrieb war, inspirierte Schuiten zu seinem Comic Atlantic 12 (erscheint demnächst auf Deutsch bei Schreiber & Leser), in dem diese Lok eine zentrale Rolle spielt. Dassault Systèmes arbeitet im Rahmen eines „Industrieerbe-Programms“ daran, die komplette Technik dieser Lokomotive in allen Einzelheiten originalgetreu in 3D nachzubauen.

Nach einem Treffen zwischen Schuiten und Dassault-Entwicklern entstand die Idee, die 3D-Technik von DS mit dem Comicalbum Atlantic 12 zu verbinden. Dassault konstruierte auf Basis von Schuitens Zeichnungen eine 3D-Welt in Schwarz-Weiß, in Schuitens grafischem Stil. Wer das Album besitzt und einen PC mit Webcam hat, kann auf der Website atlantic12.de die Lok aus dem Comic „zum Leben erwecken“. Wie das ungefähr aussieht, ist in diesem Demo-Video zu sehen:

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3D-Anwendung zu Atlantic 12 von Dassault SystèmesDiese Augmented-Reality-Software spielt kein immergleiches Video ab, sondern reagiert unmittelbar darauf, wie der Anwender vor der Webcam das Album bewegt. Die 3D-Anwendung ist allerdings kein eigentlicher Teil von Schuitens Geschichte. Der Comic selbst hat mit diesem Extra nichts zu tun und kann „ganz normal“ gelesen werden. Es handelt sich lediglich um ein digitales Schmankerl, das man sich als Bonus zum Comic ansehen kann oder eben nicht. Man könnte es als eine Art digitales Pop-Up-Buch bezeichnen.

Ob die Augmented-Reality-Erweiterung von Atlantic 12 wirklich ein so großes und besonderes Wunderwerk ist, wie es der Hersteller anpreist, kann man durchaus bezweifeln. Das technisch sicherlich sehr aufwendige Feature ist allemal ein interessantes Experiment. Im Selbstversuch fühlt sich das Ganze jedoch etwas weniger spektakulär an. Eine gezeichnete Lok, die sich in Bewegung setzt und von allen Seiten, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Eine hübsche Spielerei, die nur wenige Minuten dauert und dem Comic selbst eigentlich nichts Entscheidendes hinzufügt. Ob François Schuiten das genauso sieht, haben wir ihn in einem kurzen Interview gefragt, für das er am Rande der Präsentation in Paris zur Verfügung stand.

 

Zum Interview mit François Schuiten

 

Links zum Thema

12-ladouce.com
Atlantic 12 bei Schreiber & Leser
La Douce bei Casterman

Siegfried 3 – Götterdämmerung

siegfried03„Götterdämmerung“ ist einer jener Comicbände, nach deren Lektüre man geradezu erschöpft ist. Die Menge an epischen Bildfolgen, die einem Alex Alice im abschließenden, 80-seitigen Band seiner Trilogie um den germanischen Mythenhelden auftischt, ist wirklich enorm. Nach „Siegfried“ und „Die Walküre“ schöpft der Urgewalten-Fan Alice zeichnerisch und erzählerisch noch einmal aus den Vollen, um dem gewichtigen Titel gerecht zu werden – und es gelingt ihm. Siegfrieds Kampf mit dem zum monströsen Drachen mutierten Nibelungen Fafnir und die Konfrontation mit dem Göttervater Odin strotzen nur so vor beeindruckender Bildgewalt. Viel länger als zum Lesen notwendig, verweilt man unwillkürlich auf vielen Seiten, um sie sich entfalten und wirken zu lassen.

Erfreulicherweise hat der Künstler bei allem grafischen Getöse das Augenmerk für seine Figuren nicht verloren. Anstatt im zeichnerischen Special-Effects-Gewitter unterzugehen, bekommen sowohl Titelheld Siegfried, als auch sein Ziehvater Mime, die hier namenlose Walküre (die aber eindeutig eine Version von Brünhild aus der Nibelungensage ist), Obergott Odin und gar der Lindwurm Fafnir ihre starken Charaktermomente und damit Profil, was verhindert, dass der Comic zum zwar wunderschön anzusehenden, aber leeren Spektakel wird. Es empfiehlt sich übrigens, die drei nun vollständigen Bände am Stück zu lesen, um in den Genuss von Alices erzählerischem Spiel mit den Zukunftsvisionen der Seherin Völva zu kommen, die bruchstückhaft Teile der Geschehnisse bereits im Vorfeld enthüllte, was aber erst bei der vollständigen Lektüre ein stimmiges Ganzes ergibt und das schöne Gefühl erzeugt, es mit einer von Anfang an detailliert geplanten Comicerzählung zu tun zu haben.

Seite aus Siegfried 3Wagner-Puristen seien an dieser Stelle noch einmal gewarnt, dass sich die Comictrilogie trotz der Übernahme der Operntitel nur in Teilen an den Ring-Zyklus anlehnt und hier hauptsächlich an die drei Aufzüge der „Siegfried“-Oper, ergänzt und vermischt mit Motiven aus den anderen Opern der Tetralogie und Alices eigenen Ideen. Die zugrunde liegende Nibelungensage wird in dieser Comicadaption in vielerlei Hinsicht vereinfacht und kondensiert, was überraschenderweise weniger eine (vom Rezensenten) befürchtete „Nibelungen-Light-Fassung“ ergibt, als vielmehr den Stoff zu seinen mythischen Wurzeln zurückführt. Durch die Reduzierung auf die wichtigsten Konflikte und Figuren und die Hervorhebung der Urempfindungen Gier und Liebe als treibende Kräfte hinter jeder Handlung, wird Siegfried eine echte „Larger than Life“-Sage.

Ob man Alices im Gegensatz zum Opernfinale milderes und versöhnlicheres Ende gutheißt, ist wohl Geschmackssache. Es steht seinem Comicepos jedoch ohne Frage äußerst gut.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein gewaltiger Bildersturm, in dem die Figuren aber nicht untergehen, als krönender Abschluss der Trilogie


Siegfried 3 – Götterdämmerung
Splitter Verlag, 2012
Text und Zeichnungen: Alex Alice 
Übersetzung: Tanja Krämling
80 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-940864-23-9
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Alex Alice , der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Comic-Salon 2012: Das Messe-ABC

Von A wie Alptraumlandschaften bis Z wie Zelt berichten wir auch in diesem Jahr wieder von unseren persönlichen Eindrücken, die wir auf dem Comic-Salon Erlangen hatten. Vier Tage voller Comics, mit wenig Schlaf und einem Überangebot von Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Filmen und mehr. Wir brauchten ein wenig Zeit, mussten alles erstmal ein wenig sacken lassen und haben nun aufgeschrieben, was hängenblieb in diesem Jahr.

Vom Comic-Salon 2012 berichten an dieser Stelle Andi (av), Daniel (dw), Frauke (fp), Marc-Oliver (mof), Michel (md) und Thomas (tk).

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

A

Alptraumlandschaften

 

burns_ausstellungcharles_burnsVerstörender als die Comics von Charles Burns sind nur noch seine Originale. In Erlangen als Gast geladen, erzählt der friedlich aussehende Künstler im Gespräch mit Lars von Törne von Alpträumen, Inspirationen und seinem Arbeitsalltag. Alles ganz brav und nett. Doch in der Ausstellung fällt einem die Kinnlade herunter: Seine Werke trennen das Weiß ganz klar von allem Schwarzen, doch die Welten, die sich auftun, widersprechen dieser eindeutigen Opposition. Die nostalgische Popkultur vermischt sich mit Untergründigem, mit Verdrängtem. Hier ein gehörnter Jugendlicher, dort ein Paar, das seine Ehe in der Hölle geschlossen hat. Doch am gespenstischsten sind die minutiös getuschten Schwarzflächen, die keinerlei Fehler erkennen lassen, kaum Korrekturen aufweisen. Es stellt sich die Frage, ob diese Arbeiten wirklich von dem freundlichen Mann fabriziert wurden, der eben noch so nonchalant mit einer interessierten Kunststudentin geplaudert hat oder ob sie doch von einem fremdartigen Künstlerwesen stammen, das ganz bewusst versucht, unsere Wahrnehmung zu penetrieren. (dw)

 

Aquarium, das

Der ungeliebte, da weniger frequentierte und trotzdem mit identischen Standpreisen versehene Bereich am Nebeneingang wurde endlich entschärft und aufgewertet: Durch die neue Standaufstellung (längs anstatt quer) gab es keine Bollwerke gegen Besucherströme mehr. Gut gemacht, Comic-Salon! (fp)

 

B

Black.Light Project

black.light_projectSchwarz ist die Farbe des diesjährigen Festivals. Seien es die Werke von Charles Burns oder auch die schattenhaften Scherenschnitte von David B. Selbst Altmeister und Max-und-Moritz-Ehrengast Lorenzo Mattotti, der gerade für seine Farbwelten (Feuer) berühmt geworden ist, greift für Hänsel und Gretel zum schwarzen Pinsel. Am beeindruckendsten aber, und auch am bedrückendsten, ist die Werkstattschau des „black.light project“, bei dem auch Mattotti selbst mitgearbeitet hat. Neben ihm bebilderten Zeichner wie Stefano Ricci, David von Bassewitz und George Pratt die Reportage von Journalist Pedro Rosa Mendes und Fotograf Wolf Böwig. Die beiden haben von 1998 bis 2007 versucht, das Leid in Westafrika zu beschreiben. Sie erzählen Geschichten von Überlebenden, die durch die Kriege des Warlords Charles Taylor ihre Familie und ihre Heimat verloren haben. Die Comicbilder fangen das Grauen und die Gräueltaten nicht nur grafisch ein, sondern sind auch in der Lage, dem Publikum diese unglaublichen Geschichten glaubwürdig zu vermitteln. (dw)

 

Brel, Jacques

Eckart Breitschuh mit seinen Interpretationen von Brelschen TextenDer Chansonnier stand abends im Manhattan auf der Bühne, in vollendeter Reinkarnation als Eckart Breitschuh und ohne jeden französischen Akzent. Dabei nahm Herr Breitschuh nicht nur unbeeindruckt den Kampf gegen das widerborstige Publikum an, das bereits die beiden liebenswürdigen Supportacts gnadenlos niederkonversiert hatte, sondern besiegte die palavernde Meute letztlich auch so deutlich, wie es zuletzt Sylvester Stallone mit Bull Hurley gelungen war. Ob Breitschuh danach auch einen neuen Laster bekommen hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber seine Texte haben Erdmöbel-Niveau, seine Stimme bringt stabile Häuser zum Einstürzen und seine Performance gewann ihm noch während des Sets einen innigen Zungenkuss von Pauli. Ist doch auch was wert. Chapeau. (mof)

 


C

Comic Clash

Das Team des oh-Magazins mit Gewinnergürtel beim Comic Clash auf Comic-Salon 2012Eine von den Magazinen Moga Mobo und Epidermophytie erstmals ins Leben gerufene Schlacht der Comicmagazine. Kam am Anfang eher humpelnd in die Gänge und erstaunte dann umso mehr mit Promi-Jury, ausgetüfteltem Bewertungssystem (je ein Drittel durch Jury, gegenseitige Bewertung der Magazine und Publikum) und gewaltigem Auftreten beim Comic-Salon: eigenes Zelt, viele Zweikampf-Veranstaltungen vor Ort und Eckart Breitschuh sowie Christian Maiwald als Moderatoren brachten Schwung in den Salon und die Comicszene. Und viele neue Magazine an den Start. Kompliment, wie der Comic Clash da noch in die Pötte gekommen ist. Gesamtsieger wurde das Team des oh-Magazins. Übersicht der Einzelsieger auf der Website des Comic Clash. (fp)

 

D

David Füleki

David Füleki am Tokyopop-Stand beim Comic-Salon 2012Bereits letztes Jahr in München wurde ich freundlicherweise von Kollege Völlinger in die fülekische Welt, in die Produkte aus dem Hause Delfinium Prints eingeweiht. Doch seit Davids seitwärts-Strip im SPD-Magazin Vorwärts erscheint, bin ich Fanboy. Das liegt nicht unbedingt an seiner diesjährigen ICOM-Auszeichnung für „Herausragendes Artwork“ oder seinem politischem Bewusstsein, sondern vielmehr an seinem Spagat zwischen den japanophilen Mangafreunden und dem restlichen Comicpublikum, den er stets mit einem Lächeln auf den Lippen vollzieht. (dw)

Ein nicht mehr ganz nüchternes Jurymitglied ließ auf der großen Verlagsparty am Samstag übrigens durchblicken, dass der Artwork-Preis (ICOM) eher eine Notlösung mangels zum Künstler passender Kategorie war – aber irgendeinen Preis musste man dem Füleki halt geben. (av)

 

E

Ehapa-Comicstipendium

OliviaVieweg gewinnt das Ehapa-Comicstipendium auf dem Comic-Salon 2012Der Ehapa-Verlag vergab zum ersten Mal ein Comicstipendium, für das die Teilnehmer Konzepte und Probeseiten eines eigenen geplanten Comics einsenden mussten. Der Sieger erhält 5000 Euro und die Umsetzung dieses Konzeptes. Gewonnen hat Olivia Vieweg (Interview zu ihrem Comic Endzeit in unserem aktuellen Comicgate-Magazin). Juroren waren unter anderem die Zeichner Ralf König und Sarah Burrini, die Journalisten Klaus Schikowski und Lars von Törne sowie die Verlagsvertreter Steffen Hautog und Markus Iking.

 

Einkäufe

Ich habe mich dieses Jahr beim Comics-Kaufen auf solche beschränkt, die ich im normalen Comicladen oder Buchhandel nicht oder nur schwer bekommen werde. Neben ein paar Heften aus der Fanzine-Ecke (Tisch 14, Buddelfisch Comics) war das ein ganzer Schwung von Beiträgen des ComicClash-Wettbwerbs. Hätte es ein preisreduziertes Paket mit allen 20 Teilnehmern gegeben, ich hätte es wohl gekauft. So wurden es immerhin noch neun, bis mein Budget langsam aufgebraucht war. Den besten Eindruck beim ersten Reinblättern machen dabei das Ooops-Heftl, Herrensahne XII und Neufundland. (tk)

Bei Zwerchfell setzte es Regina Haselhorsts Black Label und Die Toten 3, am allseits beliebten Stand des Londoner Kleinverlags Nobrow habe ich mich mit unverschämt gutaussehenden Comics von Luke Pearson (Hildafolk, Hilda and the Midnight Giant, Everything We Miss) und Jesse Moynihan (Forming) eingedeckt und an deutschen Miniheftchen Die Geschichte des W. Mommsen von Anne Sander, Ulfur Gordung von Spong, Krepier oder stirb von Sobottke und ein neues Jazam to Go mitgebracht. Außerdem noch zwei Marvel-Masterworks-Bände von Jack Kirby und Wally Wood aus der Schnäppchenecke, die für unschlagbare zehn Euro den Besitzer wechselten. (mof)

In meiner Tüte landeten DeadHeaven von Christopher Steininger (Spontankauf, weil es mich zeichnerisch sehr angesprochen hat), Renés Meditationen von Thomas Wellmann (weil mir sein Ziegensauger so gut gefallen hat), Das UPGrade (weil alle davon geredet haben und ich beim Reinschauen spontan begeistert war), Adagio von Maki Shimizu (weil ich beim Stand des neuen Verlags vorbeigeschaut habe, Maki gerade da saß, ihr Projekt sehr interessant klingt und die Veröffentlichungen vom neuen Jaja Verlag generell tolle Kleinode sind), Der Comic im Kopf von Frank „Spong“ Klein (weil ich Spong als Autor sehr schätze und sein Theoriewerk übers Erzählen in Comics deshalb sicher hochinteressant sein wird), die gedruckten Werke vom Webcomicmacher Johannes „Beetlebum“ Kretzschmar (weil er einfach witzig und clever erzählen kann), Endzeit von Olivia Vieweg (weil mir die vorab veröffentlichten Seiten und was sie im Interview erzählt hat gut gefallen haben) und die Heftserie The Length des britischen Künstlers Howard Hardiman, der männliche Prostitutierte interviewt hat und ihre Geschichten mit anthropomorphisierten Hunden nacherzählt. Die neue Argstein-Story bei Weissblech hab ich verpennt, wird noch nachgeholt. (fp)

Dieses Jahr erwarb ich fast ausschließlich deutsche Eigenproduktionen – ohne damit ein bewusstes Zeichen setzen zu wollen, aber der Umstand spricht ja dennoch für sich. Neben dem obligatorischen UPGrade (Geheimtipp) erstand ich das mysteriös beworbene UNISON – Ex Orbis Coronae, zu dem es am Stand gleich eine Art Einführungsseminar mit den Künstlern gab, sowie den Sammelband von Till und Cäcilia Felix’ sympathischen Es wird ein Hase!-Strips. Den Shounenmanga Nightmare Hunter Nemo (Tokyopop) hätte ich wegen der schicken Optik wohl auch dann eingesteckt, wenn ich nicht bereits die eine oder andere Geschichte mit Künstler Martin Geier verbrochen hätte; das Gleiche gilt für Eierköpfe (Hauwaerts), eine drollige Parodie auf frankobelgische Comicklassiker, die mein PERRY-Kollaborateur Frank Freund mit seinem Autorenkollegen Michael Käse fabriziert hat. Das großformatige Album Nocturnal Nemesis 1 von Guido Neukamm bekam ich am Stand vom Comic Culture Verlag nach einem glücklichen 1-Euro-Loskauf als Gewinn in die Hand gedrückt und erstand dazu den dritten Band von Marika Herzogs Fantasymanga Grimoire, um mir den ganz eigenen Stil der Berliner Künstlerin mal genauer anzusehen. Einziger internationaler Einkauf war das wunderschöne Hilda and the Midnight Giant (Nowbrow) – als schniekes Salon-Mitbringsel für den Freund daheim. Und Frank „Spong“ Pleins Sachbuch Der Comic im Kopf hatte ich schon für einen Kauf ins Auge gefasst, als auf einmal ganz unerwartet ein Rezensionsexemplar in meinem Schoß landete. Die Besprechung des sehr ambitioniert wirkenden Buchs folgt bald auf dieser Seite … (av)

 

Erlanger Dorfjugend, Die (I)

Was macht man, wenn man Mittwochs schon um 12:37 aus dem Erlanger Hauptbahnhof stolpert? Kaffeetrinken, mittagessen, kaffeetrinken, biertrinken, kaffeetrinken, ins Kino gehen. Wobei man dann schnell feststellt, dass die oberfränkischen Sitten dort auch nicht anders sind als in der Musikkneipe (siehe Brel, Jacques): Die Bälger quasseln nicht nur lautstark durch die ganze Vorstellung, sondern diskutieren auch noch untereinander aus, dass „Marvel Spider-Man erfunden“ und „DC Superman und Batman erfunden“ haben. Ich wünsche Euch, dass Ihr in die Staaten geht und dort erfolgreiche Comicfiguren bei Marvel und DC erfindet, Ihr Mistgören! … Nein, das nehme ich zurück. Niemand hat es verdient, bei Marvel und DC erfolgreiche Comicfiguren erfunden zu haben. (mof)

 

Erlanger Dorfjugend, Die (II)

Bei allem Grund, die Erlanger Dorfjugend zu schelten: Sie ist auch hilfsbereit. So gab’s auf die nächtliche Frage, wo es denn bitte am schnellsten zum Schwarzen Ritter gehe, zwar zunächst offene Münder („Was willst’n DORT, Alter? Willst du hartzen oder was?!“), aber letztlich erbarmte man sich dann doch und erteilte die geforderte Auskunft. (mof)

 

F

Flix

Flix beim Empfang des Max-und-Moritz-Preises auf Comic-Salon 2012Ich muss gestehen, dass ich bisher kein Freund von den eingängigen Strips von Flix war. Ich gestehe auch, dass ich sogar etwas über den „Muff aus Prenzelberg“-Beitrag im Titanic-Magazin geschmunzelt habe. Doch diese Tage sind vergessen. Stattdessen freue ich mich nun auf jeden kommenden Sonntag, an dem ich eine neue Folge von Schöne Töchter lesen kann und auch die Lektüre von Don Quijote hat dazu beigetragen, dass ich Flix als Künstler in Zukunft ernstnehme. (dw)

G

Gauld

Nicht anwesend beim #cse12 war der schottische Künstler Tom Gauld (@tomgauld), der nur durch seine Postkarten am Reprodukt-Stand und seine Veröffentlichungen im auf dem Salon erhältlichen Nobrow-Magazin glänzte. Doch in einer dieser heißen Wartepause zwischen zwei Podiumsdiskussionen erblickte ich eines seiner unverkennbaren Strichmännchen auf einer Coke-Light-Flasche. Sein tapferes Männlein trug eine Fahne mit einem Herz drauf. Das digitale Zeitalter und Twitter machte es möglich den Künstler kurz zu fragen, ob Coca Cola auch wirklich für die Nutzung zahlt. Gauld liess nicht lange mit einer Antwort auf sich warten. (dw)

 

Geheimtipp

Ulf S. Graupner und Sascha Wüstefeld mit UPGrade beim Comic-Salon 2012Was RIA – Die Lichtklan-Chroniken vor zwei Jahren war, war dieses Jahr wohl Das UPGrade von Ulf S. Graupner und Sascha Wüstefeld: Der Comic, den viele gar nicht auf dem Radar hatten, aber nach zufälligem Vorbeiflanieren am Stand, erfolgreicher Mund-zu-Mund-Propaganda von Kollegen oder einem Blick in die verteilten Leseproben ohne großes Zaudern kauften. Denn wer kann schon Nein sagen zu einer skurrilen Geschichte um einen ehemaligen DDR-Superhelden und einen alten kalifornischen Surfrocker, die in derart prächtiger Optik daherkommt? (av)

Christopher Steininger mit DeadHeaven auf dem Comic-Salon 2012Mein Geheimtipp neben Das UPGrade war DeadHeaven 1 des Kanadiers Christopher Steininger, der seit einigen Jahren in Berlin lebt. Eine bildgewaltige, zum Teil ziemlich brutale Fantasygeschichte, die Christopher im Eigenverlag als Hardcoveralbum herausgebracht hat und in der er die Seiten seines Webcomics sammelt. Hoffentlich bleibt es nicht bei einem Band. Aber so professionell, wie er dort aufgetreten ist, bezweifle ich das nicht. (fp)

 

H

Hochschulen

Obgleich die freundlichen Hochschüler der freundlichen Hochschulen das Publikum im ersten Stockwerk der Heinrich-Lades-Halle mit ihren witzigen (Nintendo-)Entertainment-Systemen erheiterten, schreckten doch immer noch viele Leser vor ihren freundlich avantgardistischen Publikationen zurück. Doch das Feuchtenbergersche Zeitalter scheint sich seinem Ende zu nähern. Weder ihr streng dreinblickender Hund noch ihre Hure H drücken dem akademischen Nachwuchs ihren Stil auf. Vielmehr haben es die freundlichen Hochschüler – wie das Ampel Magazin aus Luzern (Max-und-Moritz-Preistäger für die beste studentische Publikation) beweist – geschafft, ansprechende Bilder mit ansprechenden Narrationen zu versehen, die dem Publikum gleichwohl künstlerisch wie auch erzählerisch munden. (dw)

Um die tollen Stände der Hochschulen konnte es einem schon leid tun, falls sie danach im Müll landen werden. Ein paar Impressionen (fp):

Stand der HAW Hamburg beim Comic-Salon 2012   Hochschulmeile Comic-Salon 2012  Hochschule München auf dem Comic-Salon 2012

I

ICOM Independent-Comic-Preis 2012

Bester Independent-Comic:Von links nach rechts: Schwarwel, Levin Kurio, Marijpol, David Füleki, Maikel Das, Thomas Gilke stellvertretend für Leo Leowald Seelenfresser 1 – Liebe von Schwarwel (Glücklicher Montag)

Bester Kurzcomic: The Quest von Till Hafenbrak in Biografiktion 3: ABBA

Herausragendes Artwork: David Füleki

Herausragendes Szenario: Trommelfels von Marijpol (Avant Verlag)

Sonderpreis für eine bemerkenswerte Comicpublikation: Comicreihe Perry – Unser Mann im All (Alligatorfarm)

Sonderpreis für eine besondere Leistung oder Publikation: Levin Kurio (Weissblech Verlag)

Lobende Erwähnungen: Saarland Album (Bernd Kissel), Mädchencomic (Regina Haselhorst bei Zwerchfell), Tumba (Stephan Hagenow und Geier bei Gringo Comics) und Ziegensauger (Thomas Wellmann bei Rotopolpress)

Die Begründungen der Jury siehe hier. 

 

K

Klartext

Den redete Maikel Das bei der Entgegennahme des ICOM-Sonderpreises für PERRY – Unser Mann im All. „Den Preis habe ich schon lange verdient“, verkündete der Herausgeber gleich zu Beginn seiner Dankesrede voller Überzeugung. Das Publikum, das der üblichen dankbaren Bescheidenheit bei den Gewinnern offenbar müde war, applaudierte dann auch enthusiastisch für soviel Ehrlichkeit. (av)

 

Kurzweilig

Hella von Sinnen war Moderatorin beim Max-und-Moritz-Preis 2012, Comic-SalonDie Gala des Max-und-Moritz-Preis. Nichts für ungut, Herr Straczynski, aber wer ausgerechnet von Sinnen, Hella die Funny-Man-Rolle im Moderatorenduo streitig macht, der hat den Schuss nicht gehört. Der Schweizer Comicjournalist Christian Gasser wusste hingegen, was es geschlagen hat, und fügte sich widerstandslos ein. Und weil auch das Programm gefühlte zwölf Stunden kürzer als in den Vorjahren ausfiel, darf man die Veranstaltung in dieser Form als durchaus wiederholenswert betrachten. (mof)

 

 

M

Manga-Markt

Ein Novum auf dem Comic-Salon: Um das Konzept des überaus erfolgreichen Doujinshi-Marktes der Leipziger Buchmesse zu reproduzieren, richtete auch die Messeleitung ein Plätzchen für überwiegend selbstverlegte Manga und verwandtes Merchandise ein. Allerdings war das Mangavolk dem Salon dann irgendwie doch zu heikel, sodass der Markt an den abgelegendsten Teil des Rathausvorplatzes verfrachtet wurde, geschickt untergebracht zwischen Bierschank, der Rückseite des Comic-Clash-Zeltes, einem Springbrunnen und einer Häuserwand. Offiziell war der Manga-Markt nicht einmal Teil der Messe, sondern des Wochenmarktes, was den Austellern allerdings erst vor Ort gesagt wurde. Dementsprechend glänzte der Markt mit improvisierter Bierzeltoptik und gänzlich unvorhandener Be- und Ausschilderung, war aber interessanterweise in absoluter Maximaldistanz von den anderen Comicmarktständen platziert, die sich direkt am Rathaus befanden. Sichtkontakt zur Bühne, auf der am Samstag zahlreiche Mangafans den Cosplay-Wettbewerb verfolgten, gab es ebenso wenig. Nun ja, immerhin konnte man sich aus dem abgrenzenden Blumenbeet so viele Kieselsteine nehmen, wie man brauchte, um die Ware vor stümischen Windböen zu schützen. Und so einen Service hat ja kaum ein Event! (md)

Max-und-Moritz-Preis

Alle Gewinner der Max-undMoritz-Preise auf dem Comic-Salon 2012Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk: Lorenzo Mattotti

Bester deutschsprachiger Comic-Künstler: Isabel Kreitz

Bester Comic-Strip: Schöne Töchter (Flix)

Bester deutschsprachiger Comic: Packeis (Simon Schwartz, avant Verlag)

Bester internationaler Comic: Gaza (Joe Sacco, Edition Moderne)

Bester Comic für Kinder: Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären (Émile Bravo, Carlsen Verlag)

Spezialpreis der Jury: Rossi Schreiber für ihre Pionierarbeit und ein großes Abenteuer als Comicverlegerin (Schreiber & Leser)

Sonderpreis für eine studentische Comic-Publikation: Ampel Magazin (Hochschule Luzern – Design & Kunst)

Publikumspreis: Grablicht (Daniela Winkler, Droemer Knaur; ab sofort bei Delfinium Prints)

N

Nobrow

nowbrow Viel wurde über die vorhöllenähnliche Vorhalle, den Raum beim Seiteneingang (aka „das Aquarium“), diskutiert: Darf der Veranstalter für diese C-Location wirklich den vollen Messepreis verlangen? Können die Aussteller ihr Repertoire hier überhaupt angemessen ausstellen? Dem britischen Hipster des Kleinverlags Nobrow scheinen diese Fragen bezüglich des von ihm beheimateten Limbus nicht zu tangieren. Sein Stand war stets gut besucht, zog das Publikum an und hielt es in seinem Bann. Während mein Blick auf das Tom-Gauld-Cover fixiert war, kaufte auch das restliche Comicgate-Team hier ein. Einkäufe (dw)


P

Panoramabilder

kann man ganz tolle auf dem Comic-Salon machen (danke, Nico!). Hier ein Blick von der Treppe auf die Stände von Carlsen und Splitter sowie ein Eindruck der Verlagsparty am Samstagabend. (fp)

Blick auf Teile des Comic-Salons 2012   Party der Comicverlage Comic-Salon 2012

 

Papier, weißes

Noch bevor die Theken- und Servicekraft im „Schwarzen Ritter“ die Bierbestellungen aufnahm, wurden – mit dem lapidaren Kommentar „Nur so“ (av) – erstmal auf allen Tischen, die mit Comicvolk besetzt waren, weiße DIN-A4-Blätter und ein paar Stabilo-Point-Stifte verteilt. Ob man damit nur verhindern wollte, dass die schönen Holztische vollgekrakelt werden? Oder hat man klammheimlich Unikate eingesammelt, die in zwei Jahren als gebundenes Sammelalbum zu Höchstpreisen verkauft werden? Wir beantragen schon mal Titelschutz für Kochonsel vom Fass – 1001 Ritter-Sketche. (tk)

 

Parallelgesellschaften

Werden in Erlangen sichtbar, wenn, sagen wir, eine Fußball-Europameisterschaft läuft, bei der, sagen wir, eine deutsche Mannschaft am Abend ihr erstes Gruppenspiel austrägt. Nun ist Gleichgültigkeit demgegenüber nicht ungewöhnlich, sie kann aber zu vorübergehenden Spannungen führen, wenn man nicht die Tatsache verinnerlicht hat, dass Fußballspiele in der Regel feste Anstoßzeiten haben, die sich nicht ungefähr nach dem Abendessen richten. (mof)

Werden in Erlangen sichtbar, wenn ein Teil der Comicgate-Mannschaft auf einmal wie ferngesteuert in die Stadt abmarschiert und ihre Kollegen stehen lässt, weil man Bedenken hat, dass 90 Minuten nicht für ein Abendessen und rechtzeitiges Verschmelzen mit der Public-Viewing-Masse reichen könnten. Nun lief das mit dem Essen fix, so dass die ganze seltsam anmutende Aufregung umsonst war. Und vom Bordstein hinter der Masse ließ sich das Spiel eh viel angenehmer anschauen. (fp)

 

Pulp

Ein Herz für Pulpcomics hatte dieses Jahr die Jury des ICOM-Independent-Comic-Preises: Weissblech-Maestro Levin Kurio wurde für seine jahrelangen Verdienste um deutschsprachige Schundcomics wie Horrorschocker und Derber Trash ausgezeichnet, die Pulp-(Science)Fiction-Reihe PERRY – Unser Mann im All erhielt ebenfalls eine Urkunde und Blutrotkäppchen-Zeichner David Füleki bekam den Preis für „Herausragendes Artwork“. Dazu noch eine lobenswerte Erwähnung für Stephan Hagenows und Geiers Pulp-Detektiv Tumba. Ein gutes Jahr also für unseriöse Schundcomics. Egal, was Herr Balzer behauptet. (av)

 

R

Reue

Es ist doch immer das Gleiche: Nach dem Salon durchblättert man das dicke Programmheft und fragt sich, warum man schon wieder so viele interessante Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Künstlergespräche und sonstige Veranstaltungen verpasst hat. Und warum man nur einmal kurz durch den Präsentationsbereich der Hochschulen gehetzt ist, obwohl es da so viel Sehenswertes zu entdecken gab. Nächstes Mal … ja, nächstes Mal … (av)

 

 

S

Schwarze Ritter, Der

Verkauft morgens um halb fünf jetzt (noch? wieder?) Currywurst mit Pommes oder Strammen Max. Allerdings soll es Augenzeugen zufolge auch dazu gekommen sein, dass zu fortgeschrittener Stunde kein Publikum da war. Die Comicgate-Redaktion konnte diese Berichte bislang nicht bestätigen. (mof)

 

Syrien

syrischer_kunstler_skypeViel wurde in der vergangenen Tagen, Wochen und Monaten über Syrien berichtet. Stets tauchte ein neues Internet-Video auf, das verwackelte Handybilder mit einer konstanten Unschärfe zeitnah aus Krisen- und aus Kriegsgebieten präsentierte. Leider viel zu spät wurde mir bewusst, dass auch syrische Comics zum Aufgebot der Hauptausstellung „Comics aus der arabischen Welt“ gehörten. Als ich mich dann endlich in die verschiedenen Länder wagte – einzig mit einem iPad bewaffnet, welche dort ausgegeben wurden, um mehr Informationen zu den Ausstellungsstücken erfahren zu können – war ich erstaunt, dass inmitten dieser wunderbaren Ausstellung eine Gruppe Interessierter sich per Skype-Konferenz mit einem syrischen Künstler unterhielt. Leider habe ich nur noch den freundlichen Dank mitbekommen, den der Moderator in Richtung des stabilen und konsequent scharfen Bildes richtete. Eine mutige Entscheidung, den Menschen vor Ort eine Stimme zu geben. (dw)

 

T

Tod, der

 Der Tod steht mir gut. (dw) nicht_lustig_tod

 

 

U

Überraschung

bot die Salon-Ausstellung „Comics aus der Arabischen Welt“. Eine derartige stilistische und thematische Vielfalt hatte ich nicht vermutet vorzufinden; die vormals schwarzen Flecken auf meiner inneren Comic-Weltkarte hat diese Schau erfolgreich mit Farbe gefüllt. (av)

 

V

von Sinnen, Hella

Moderatoren des Max-und-Moritz-Preises 2012: Hella von Sinnen und Christian GasserMan muss ihren Humor nicht einmal mögen, um anzuerkennen, wie gut die „dicke Tante“ (von Sinnen über von Sinnen) dem Max-und-Moritz-Preis (mittlerweile zum zweiten Mal) als Moderatorin tut. Der Schnarchigkeit, die derartige Veranstaltungen traditionell schnell befällt, setzt sie ihre wesenseigene Ungeduld und ihr brachial-lautes Wesen entgegen und verleiht dem Ganzen somit eine angenehme Kurzweiligkeit. Ebenfalls positiv fällt auf, dass die gute Frau von Sinnen sich wirklich für das Medium interessiert, alle nominierten Comics auch liest und – teils mit viel parteiischer Verve und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten von Künstlern und Verlagen – Begeisterung und Kritik an jenen äußert. Mit dem neuen Co-Moderator Christian Gasser, der in jeder Hinsicht einen Gegenpol verkörpert, scheint sie dabei noch einen Tick besser zu harmonieren als 2010 mit Denis Scheck – der ist wohl auf seine eigene Art auch einfach zu sehr Rampensau. (av)


W

Wave and Smile

Bereits am Gratis-Comic-Tag besorgte ich mir hoffnungsvoll die Vorabausgabe von Arne Jyschs Afghanistancomic Wave and Smile. Die Hoffnung, die in mir aufkeimte, verflog jedoch bei der ersten Lektüre dieser Vorschau. Meine getrübte Vorfreude blieb auf der Rückreise aus Erlangen weiterhin diesig, denn auch die Gesamtausgabe des Comics enttäuschte mich auf ganzer Linie. Zunächst muss sich Jysch die Frage gefallen lassen, ob man überhaupt solch einen Comic schreiben kann, ohne vor Ort gewesen zu sein. Aber das hatte ja damals schon bei Karl May keinen interessiert. Die Aufarbeitung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan kann sehr wohl aus kritischer Distanz erfolgen, nur sollte man dann auch bitte kritisch sein. Wave and Smile hingegen liest sich wie ein amerikanischer Kriegsfilm, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob er pro oder contra Krieg eingestellt ist. Soundwords wie „Tattattattatta“, fachspezifisches Vokabular (ISI und LPZ), stereotype Soldaten und arabisch anmutende Schriftzeichen ersetzen leider nicht die kritische Auseinandersetzung mit der Materie. (dw)

 

Y

Young, Skottie

Einer der internationalen Stargäste war Skottie Young, der für seine Interpretation von Der Zauberer von Oz (The Wonderful Wizard of Oz) zusammen mit Eric Shanower einen Eisner-Award erhielt. Er und seine mitgereiste Frau entpuppten sich als sehr freundliche Zeitgenossen, die sich auch abends auf den Veranstaltungen blicken ließen und mit denen man sich toll unterhalten konnte. Einer der mit uns befreundeten Künstler, Walter Pfau, ist ein großer Fan von Skottie Young. Es war einfach zu schön, wie sehr sich Walter über Skotties Zeichnung einer seiner Figuren freute. Als Dankeschön gab ihm Walter ein Portrait mit. Eine dieser bestimmt vielen tollen Begegnungen auf dem Salon, die wir hiermit gerne exemplarisch dokumentieren. (fp)

Walter Pfau und Skottie Young auf dem Comic-Salon 2012   Skottie Young von WalterPfau gezeichnet, Comic-Salon 2012

 

Z

Zelt

Zelt des Comic Clashs auf dem Comic-Salon 2012Es war gleich der erste Blickfang auf dem Vorplatz der Heinrich-Lades-Halle: Ein ausladendes, knallrotes, nach vielen Seiten offenes Zelt begrüßte das Publikum (nicht nur das zahlende, auch das vorbeiflanierende) mit einer tollen Auswahl selbstgemachter Independent-Comics: Sämtliche teilnehmende Publikationen des Comic Clashs wurden hier verkauft, und es war nicht zu übersehen, dass hinter diesem Wettbewerb u.a. die Herren von MogaMobo stecken – denn diese sorgen schon seit Jahren mit aufwendigen und originellen Standkonstruktionen für die Hingucker auf der Comic-Messe. Mit der gelungenen Gestaltung des Comic-Clash-Zelts war das auch in diesem Jahr nicht anders. (tk)


Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, © Comicgate-Redaktion. Vor Verwendung bitten wir um schriftliche Anfrage.

Jessica Blandy 4

Cover Jessica Blandy 4Die Werkausgabe des modernen Klassikers Jessica Blandy geht in die nächste Runde. Kaum vorstellbar, dass beim ersten Anlauf nur ein einziger Band der frankobelgischen Serie als Einzelabenteuer in Deutschland erschienen ist, und zwar „Enola Gay“ 1992 im Ehapa Verlag. Wie schön, dass sich Schreiber & Leser mit seinem Label Alles Gute einen langen Atem bewahrt hat. Diesmal sind drei Abenteuer enthalten, bei denen jedes für sich gelesen werden kann.

Jessica Blandy ist eine sehr realistische Heldin, die mehr in die Fälle hineingezogen wird, als dass sie diese bewusst sucht. Auch ihr Beruf als Schriftstellerin trägt ja, obwohl sie Krimis schreibt, nicht unbedingt dazu bei, aktiv Ermittlungen anzustellen, wie es etwa einer Detektivin anstehen würde. Jedenfalls ist sie bei der Aufklärung nicht immer sonderlich erfolgreich. In den drei vorliegenden Geschichten, „Trouble in Paradise“, „Kimberley Lattua“ und „Brief an Jessica“, ist sie zwar recht tatkräftig, trägt aber dennoch kaum etwas zur Lösung der Fälle bei. Vielmehr kreist alles um sie als eine Form von personifiziertem Fixpunkt, die in die Handlung verwickelt wird, wenn sie eigentlich nur helfen will.

Die Krimifälle sind dabei keine klassischen „Whodunits“, bei dem ein Mord deduktiv aufgeklärt wird, sondern harte schwül-erotische Thriller über die Masken von Menschen. Das gilt besonders hier, wo sich manche Protagonisten bewusst verstecken: Sei es nun der geheimnisvolle Killer, der alle tötet, die sein Gesicht gesehen haben („Brief an Jessica“) oder der Serienmörder, der sich hinter der Maske des Biedermannes versteckt („Kimberley Lattua“). Auch die scheinbare Respektabilität der Reichen ist eine Maske, die nur zu bestätigen scheint, dass sich hinter jedem großen Vermögen ein großes Verbrechen verbirgt („Trouble in Paradise“). Unsere Heldin Blandy musste schon viel durchmachen und hat manche Abenteuer nun wahrlich schwer verkraften können. So ist sie auch hier manchmal wieder nah an einer Depression, schafft es aber, nicht dem Alkohol zu verfallen (etwa in „Kimberley Lattua“). Wieder muss sie einiges erleiden, diesmal auf die psychische Art und nicht auf die physische, denn es es sind einige herbe Verluste in ihrem Umfeld zu verzeichnen.

Seite aus Jessica Blandy 4Die erste hier enthaltene Story, „Trouble in Paradise“, ist eher ein Neo-Western denn ein Thriller, handelt es sich hier doch um ein klassisches Westernsujet, wobei das Motiv des Schurken noch versteckter ist. Gerade die kleineren Handlanger sind hier aber besonders hassenswert in ihrem Eifer und ihrer Boshaftigkeit. Auffällig ist ein wehmütiger Tonfall, der durch die geschickte Farbgebung noch verstärkt wird. Blandy reist in ihren Heimatort, um ihren Vater zu besuchen, der im Verbund mit Gleichgesinnten versucht, einen Grundstücksverkauf zu verhindern. 

Das zweite Abenteuer bemüht etwas zu sehr den Zufall, wobei dieser immerhin konsequent erarbeitet ist und von langer Hand vorbereitet wurde. Eine enge Freundin von Jessica wird Opfer eines Serienmörders und gemeinsam mit dem Freund der Ermordeten will sie den Mörder entlarven. Der stark konstruierte Zufall grenzt dann am Ende an eine Schicksalhaftigkeit der Ereignisse. Damit sind alle Ermittlungen sinnlos, sie führen auf die falsche Fährte und somit in die Leere. Gerade hier wird deutlich, dass Blandy durch das in anderen Episoden erfahrene Leid an Stärke gewonnen hat.

Im der dritten Geschichte ist sie dann zwar durchaus am Rande einer Depression, wegen des Verlustes einer engen Freundin, verfällt ihr aber nicht. Dennoch ist sie dadurch angreifbar und löst fast eine Katastrophe aus. Mit dem Privatdetektiv Gus Bomby ist sie eigentlich zerstritten, willigt aber nach einem Brief an sie darin ein, ihm zu helfen. Denn Gus wurde Zeuge eines Mordes und gerät nun zwischen die Fronten eines Bandenkrieges. In diesem spannenden und actionreichen Abenteuer steht Blandy eher auf einer Warteposition. Nicht nur ist es ein starker Pluspunkt, dass Blandy keine Ermittlerin ist, sondern gerade hier wird gezeigt, dass auch unsympathische Zeitgenossen durchaus recht haben können. Kurzum: Wieder ein gelungener Band der Werkausgabe.

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Auch der vierte Band der Werkausgabe überzeugt, wobei die charakterliche Entwicklung der Heldin angesichts von Verlusten an Schärfe gewinnt.

 

Jessica Blandy 4: Trouble in Paradise/Kimberley Lattua/Brief an Jessica
Schreiber & Leser, Februar 2012
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Renaud
Übersetzung: Resel Rebiersch
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-82-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser

2gegen1: Gratisrevue von Neunte Künst, Aufzug 1

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Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: zwei Mitbringsel des diesjährigen Comic-Salons Erlangen, Hilda and the Midnight Giant von Luke Pearson und Die Toten 3 von Stefan Dinter, Christopher Tauber et al.

Cover Hilda and the Midnight Giant

WEDERHAKE: Hilda and the Midnight Giant ist nach Hildafolk die zweite Hilda-Geschichte von Luke Pearson, von dem ich bis dato nichts mitbekommen habe, was eine echte Schande ist, denn beide Geschichten sind wahnsinnig toll. Hilda ist ein kleines Mädchen, das mit seiner Mutter irgendwo in den Bergen eines Skandinaviens wohnt, in dem es ganz normal ist, dass Trolle, Riesen, Zwerge, Meergeister und flauschige Fuchsdinger mit Geweih frei und unbeschwert herumtollen.

In Midnight Giant fordern die unsichtbaren Zwerge, dass Hilda und ihre Mutter endlich aus ihrer Nachbarschaft sollen, damit wieder Ruhe einkehren kann, während Hilda nachts herausfindet, was mit dem titelgebenden Mitternachtsriesen ist, der urplötzlich erscheint, um wortlos wieder zu verschwinden. Dank der Konstruktion kann Hilda gleichzeitig Riese für die Zwerge und Zwerg für den Riesen sein und Verständnis für beide Perspektiven entwickeln.

Das wirklich Großartige ist aber nicht so sehr die Geschichte selbst, sondern das Artwork und Hilda als Figur. Hilda ist toll: mutig, rotzig, einfühlsam, verträumt, fasziniert, distanziert und wenn nötig actionheldig, ohne als filmtypisch-altkluges Klischeeblag rüberzukommen. Und dass Hilda so toll ist, liegt auch daran, dass Luke Pearson ihr diesen sehr cartoonigen Look gegeben hat. Die Mimik und Gestik, die er ins Buch bringt, sind spitzenmäßig. In fast jedem Panel weiß ich, was Hilda gerade denkt oder fühlt, ohne dass es in Dialogen gesagt werden muss. Was dem Comic sehr gut tut, weil viele dieser Panels einfach für sich selbst stehen und die Magie der von Pearson geschaffenen Welt unter zu vielen Sprechblasen verloren gehen würde.

Hinzu kommt, dass Pearson sein Paneling beherrscht: In der Welt der Zwerge gibt es viele kleine Panels. Wenn der Mitternachtsriese auftaucht, gibt es lange Panels, die deutlich machen, wie groß dieser Riese ist. Und wie gigantisch er ist, merkt man endgültig auf einer Splashpage, auf der er vor Hildas Haus niederkniet und eben so auf die – großformatige – Seite passt. In dem Moment hat es mir den Atem verschlagen, weil mir bewusst wurde, dass dieser Riese wirklich, wirklich riesig ist. Ganz davon abgesehen, dass er wundervoll fremdartig designt ist und völlig aus Gras, Steinen und Bäumen zu bestehen scheint. Hast du mal Shadow of the Colossus gespielt? Daran erinnerte mich das ein wenig, was hier als Kompliment gemeint ist.

Und dann ist da noch die leicht herbstliche Farbgebung. Und da sind die Kleinigkeiten, etwa dass Hildas Text in ihren Sprechblasen in der Welt der Zwerge dicker gedruckt ist, um zu zeigen, dass sie viel lauter spricht als die Zwerge. Und da ist die Art, wie Dinge, die Hilda tut, ihr auch selbst widerfahren. Und da sind die Nittens. Und, und, und. Hilda and the Midnight Giant ist ein wunderschöner, magischer Comic von jemandem, der sein Handwerk ganz offensichtlich versteht. Anrührend und niedlich, aber nicht kitschig oder schmalzig.

Eine riesige Empfehlung meinerseits, und Hildafolk sollte man sich auch gleich noch zulegen. Und wenn du jetzt anderer Meinung bist, dann hast du kein Herz, Blechmann!

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FRISCH: Wederhake! „Zwei, drei kompakte Absätze“ wollten wir schreiben, und jetzt raspelst du schon beim Startschuss völlig unkritisch die Kolumne voll. Aber wenigstens hast du recht. Luke Pearson ist für mich die Entdeckung des Salons, dem feinen kleinen Nobrow-Stand sei Dank. Der erwähnte Minicomic Hildafolk (für Kinder) und Pearsons Mini-Graphic-Novel Everything We Miss (nicht für Kinder) sind längst nachbesorgt, gelesen und für gut befunden.

Was mir an Pearson vielleicht am besten gefällt, ist sein Mut zu dissonanten Zwischentönen. Man sollte etwa meinen, fröhlich tanzende Bäume (!) im Hintergrund einer melancholischen Szene wie der Anfangssequenz von Everything We Miss seien nicht unbedingt die beste Wahl eines erzählerischen Mittels. Man hätte ihm davon abraten wollen. Aber: Es funktioniert.

Ähnlich ist es am Ende von Midnight Giant. Statt ein unverdient versöhnliches Hollywood-Ende abzuliefern, schlägt Pearson auf der vorletzten Seite einen dramaturgischen Haken, pfeift auf die Unsitte der Brechstangen-„Closure“ (wofür es im Deutschen dankenswerter Weise kein Wort gibt) und verlässt seine Figuren, als sie praktisch vor dem Nichts stehen.

Zu mäkeln hätte ich, dass die Konflikte mit den Zwergen und dem Riesen in der Geschichte etwas hastig abmoderiert und thematisch nicht überzeugend vertieft werden. Davon abgesehen kann ich deine Lobhudelei aber unterschreiben. Pearson ist ein erstklassiger und – das zeigt auch der Vergleich mit Everything We Miss – stilistisch erfreulich variabler Erzähler.

wertung8

Hilda and the Midnight Giant
von Luke Pearson
Nobrow, 2011/2012
Hardcover-Album, englisch, farbig, 40 Seiten, 11,95 GBP/ 24,00 USD
ISBN: 978-1-907704-25-3 

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Cover Die Toten 3

 

FRISCH: Im dritten Band der Zombie-Anthologie Die Toten haben unsere Freunde von Zwerchfell wieder drei eigenständige Storys kredenzt, die vor dem Hintergrund einer Zombie-Seuche in Deutschland spielen. Was ich generell vom Konzept her so unmittelbar überzeugend und vor allem simpel finde, dass ich mich frage, wieso da eigentlich vorher keiner drauf gekommen ist. Hier passt einfach alles, von der Idee bis zum Titel und Layout, und es überrascht mich auch nicht, dass die Reihe für Zwerchfell so erfolgreich läuft.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich zwei der drei Geschichten im aktuellen Band eher um das Konzept der Serie drücken, als etwas damit anzufangen. In „Schwarzwald“ von Dietmath Dath, Christopher Tauber, Stefan Dinter und Till Mantel sucht ein junges Pärchen mit kleiner Tochter Zuflucht in der Villa eines Bekannten, die sich schnell als Grusel-Schloss in bester Gothic-Horror-Tradition entpuppt. Die Story ist im Prinzip ein Schauerroman in Reinform und hat mit den Zombies draußen nichts zu tun. Die Zeichnungen und Farben sind stimmungsvoll, das Seitenlayout klassisch, die Geschichte wird klar und trittsicher erzählt. Die Dialoge laufen gut rein, und die Handlung ist herrlich abstrus. Leider bleiben die Figuren reichlich blass und klischeehaft, da hätte man mehr draus machen können.

Bei der zweiten Story, „Leipzig“ von Barbara Kirchner und Marc Ewert, musste ich die ersten paar Seiten dreimal lesen, um zu kapieren, was da läuft. Zu viele Figuren, die zu ähnlich aussehen, zu viele Ortswechsel, zu wenige klare Establishing Shots, und im zweiten Panel auf Seite 42 wusste ich erst nicht, ob das zwei Figuren sein sollen oder eine Bewegung. Rein erzähltechnisch also nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Total genervt haben mich die Dialoge, die weitgehend aus abgehackten Satzfetzen, kurzen Ausrufen und einsilbigen Wörtern bestehen. Das kann funktionieren, wenn es in Maßen eingesetzt und dem Erzähltempo angepasst wird, aber hier liest es sich schlecht, erschwert das Verständnis der Geschichte, und die Seiten sind damit zugekleistert. Was zur Folge hat, dass ich den Figuren schon früh einen schlimmen Tod wünsche.

Dabei ist die Story vom Konzept her gar nicht mal verkehrt; typisches Twilight-Zone-Material. Immerhin: schön klaustrophobisch ist das Ganze, wenn man den Hacksprech ignoriert. Der Zeichenstil gefällt mir, auch wenn’s teils etwas holprig zugeht. Graphisch, vor allem farblich, hat die Geschichte ein paar nette Aha-Effekte in petto. Leider sind Autorin und Zeichner übers Ziel hinausgeschossen in dem an sich legitimen Bestreben, die Hektik und Orientierungslosigkeit der Situation auch auf den Leser zu übetragen. Mich hat der Comic beim Lesen eher frustriert als mitgerissen.

Zu guter letzt gibt’s noch „Stuttgart“ von Tilman Rau und Benjamin Höllrigl, das letztes Jahr zum Comicfestival München ja schon als Vorab-Single ausgekoppelt worden war. Die Story nimmt im Gegensatz zu den anderen beiden das Zombie-Thema dankend an, tut das aber auch nicht im konventionellen Sinn. Statt klassischer Flucht-vor-den-Untoten-Szenen gibt’s hier eine Charakterstudie vor dystopischer Kulisse. Dabei wird viel Lokalkolorit aus dem Ländle aufgeboten und eine Hauptfigur, die richtig gut ausgearbeitet und in Szene gesetzt wird: Klaus-Dieter Stengel, ein schwäbischer Bankangestellter wie er im Buche steht, für den die Zombie-Apokalypse nicht gleich ein Weltuntergang sein muss, solange man sie denn richtig verwaltet. Und das tut er, durchaus zukunftsorientiert, während er sich gleichzeitig fleißig an der täglichen Beseitigung der Zombies und ihrer Spuren beteiligt. Seine Frau ist von all dem leider weniger begeistert.

„Stuttgart“ ist mit Abstand die beste der drei Storys. Die Figurenzeichnung ist großartig, die Geschichte thematisch interessant und stimmig. Leider geht ihr nach hinten raus etwas die Puste aus, nicht nur zeichnerisch. Die reinen Bleistiftzeichnungen Höllrigls passen an sich gut, werden aber praktisch mit jeder Seite skizzenhafter und weniger ausgearbeitet, was einen ziemlich unrunden Eindruck hinterlässt. Auch das Ende der Story auf den letzten drei, vier Seiten enttäuscht, weil es weder plausibel ist noch der Figur dramaturgisch gerecht wird und insgesamt sehr überhastet wirkt. Da wäre mehr definitiv mehr gewesen: mehr Zeit, mehr Seiten, mehr Story. Klaus-Dieter Stengel hätte es verdient gehabt.

Alles in allem ergibt das ein abwechslungsreiches Päckchen weitgehend solider und unterhaltsamer Genre-Kost, mit starken erzählerischen Abstrichen bei „Leipzig“ und einem verstolperten Finish bei „Stuttgart“. Letzteres lässt auch reichlich Potenzial erkennen, das über Genre-Unterhaltung hinausgeht. Von Tilman Rau und Benjamin Höllrigl würde ich mir auch mal einen längeren Comic kaufen.

(Nachtrag: Laut Verlag wird’s in der regulären Edition von Die Toten 3 noch einige inhaltliche Änderungen im Vergleich zur von uns besprochenen Special Edition geben.)

wertung5

***

WEDERHAKE: So, so, Frisch. So sehen also zwei, drei kompakte Absätze aus? Na gut. Bevor ich zu den dritten Toten komme, möchte ich erstmal Anstoß an deiner unreflektierten Aussage nehmen, dass Hildafolk für Kinder sei. Denen kann man das nämlich auch geben, aber eben nicht ausschließlich. Auch das war zum Teil emotional härterer Tobak.

So. Nun zu den Toten, Zwerchfells sehr freier, zombiegefüllter Umsetzung einer Kurzgeschichte von James Joyce. An „Schwarzwald“ ist mir besonders aufgefallen, wie sehr sich Tauber seit seinen Inter View Pop Comics zeichnerisch weiterentwickelt hat. Was auch am Zusammenspiel mit Dinter (Inks) und Mantel (Farben) liegen mag. In einzelnen Panels erinnert besonders das Gesicht der männlichen Hauptfigur an den frühen Frank Miller, und Taubers Zombies sind richtig schön pfui deibel. Sehr schade, dass er diese Stärke – wie du ja sagst – im Rahmen der Geschichte kaum ausspielen kann, bei der ich zuerst noch sehen wollte, wohin sie mit ihrem Vampir-Topos („Draculas Gast“) steuert, nur um dann am Ende arg enttäuscht zu sein. Die Auflösung des „Konflikts“ war mir mit zuviel Gewalt auf „cleveres Missverständnis“ zusammengezimmert. Wandelnde Tote? Ja. Aber das?

Bei „Leipzig“ finde ich die erste Seite sogar richtig gut, weil sofort gezeigt wird, dass Ewerts superabstrakter Stil zur Zombieapokalypse passen kann, die ich eigentlich eher in „realistischeren“ Bildern dargestellt haben möchte. Flugzeugabsturz, Massenpanik und Zombies in blassem Blau, was ich als Reminiszenz an die Zombies in Romeros klassischem Dawn of the Dead sehe. (Ich sehe aber auch den Notarzt auf Ingo Römlings Titelbild als Reminiszenz an Michael Jacksons „Thriller“-Video.) Leider macht die Geschichte da nicht weiter, sondern geht in ein unterirdisches Biotech-Labor. Und da mäandert sie irgendwie um drei kaum definierte Überlebende herum, wobei es der Figurenidentifikation nicht hilft, dass zwei von denen an Amnesie leiden. Böte wenigstens das Ende eine ordentliche Überraschung. Aber das ist nicht die Twilight Zone, das ist das Remake der Outer Limits aus den Neunzigern.

Ich spoilere da mal: Ein Anti-Zombieseuchen-Impfstoff in Giftgrün. In klassischen „Mad Science“-Spritzen. Neun Tage, nachdem die Zombie-Epidemie ausgebrochen ist. Mit der Nebenwirkung, dass der Anwender an Amnesie leidet und wie Benjamin Button immer jünger wird. Ah, geh weida. Das ist so bescheuerte Zauberwissenschaft, da kann ich nur hoffen, dass man den Blödsinn möglichst schnell vergisst und nicht zu einem zentralen Element weiterer Bände macht. Dass das Artwork, vor allem auf Seite 53, teilweise so aussieht, als wenn es jemand schnell mit MS Paint zusammengekloppt hätte, macht die ganze Geschichte nur noch mehr zum Rohrkrepierer.

Immerhin ist „Stuttgart“ von Rau und Höllrigl wirklich gut. Klaus-Dieter Stengel ist als Figur so piefig deutsch, dass ihn nicht einmal das Ende der Welt vom Dienst nach Vorschrift und seinen Mittelstandsträumen abhalten kann. Solche Leute halten die Welt nach der Apokalypse zusammen, nicht Helden oder Postboten. Sehr schön ist auch, dass man sich Gedanken gemacht hat, wie die Stuttgarter ihren Stadtteil zombiefrei halten und sich mit der neuen Situation arrangieren. Die Entsorgungsmethode für die Zombies fand ich unheimlich kreativ, das hat Spaß gemacht. Dazu kommt noch, dass die Geschichte (zunächst) detailliert visualisiert wird und besonders über die Hintergrundzeichnungen sehr gekonnt Ordnung und Chaos einfängt und der Story zusätzliches Lokalkolorit verleiht. „Stuttgart“ ist die einzige Geschichte in diesem Band, die man nicht eins zu eins auch in Frankreich, England oder den USA spielen lassen könnte.

Das Ende erscheint mir aber auch zu abrupt. Da kommt eine Vergewaltigungsszene vor, die mir in der Form zu schnell und locker weggeheftet wird. Und was genau auf der letzten Seite passiert ist, wird mir erzählerisch nicht deutlich genug gemacht. Was auch daran liegen mag, dass die ganze Seite nur noch in Bleistift gehalten ist und kaum noch mit deutlichen Outlines gearbeitet wird, wie am Anfang der Geschichte. Da der Comic ja schon vor einem Jahr fertig war, kann das eigentlich nicht an Zeitmangel gelegen haben. Aber den erzählerischen Sinn, die Metaphorik hinter dieser Entscheidung, verstehe ich nicht. Undeutliche Zeichnung = Zerfall des geordneten Lebens von Stengel?

Es bleibt dabei: Ich mag das Konzept von Die Toten mehr als die Umsetzung. Die Zombie-Apokalypse in Deutschland bleibt jenseits von Rammbock unbeackertes Land, auf dem einiges gedeihen könnte. Aber dann sollten die Geschichten eben auch Zombies nicht nur im Vorbeigehen beinhalten und deutlich „deutscher“ sein, sonst spielt man gegen seine eigenen Stärken. Und genau das tut man in Band 3 leider deutlich zu oft.

 wertung4

Die Toten 3:
Internationaler Comic-Salon Erlangen 2012 Special Edition
von Dietmar Dath, Christopher Tauber, Stefan Dinter, Till Mantel, Barbara Kirchner, Marc Ewert, Tilman Rau, Benjamin Höllrigl und Ingo Römling
Zwerchfell, 2012
Hardcover, teilweise farbig, 80 Seiten, 15,00 Euro
ISBN: 978-3-943547-05-4

Reguläre Ausgabe:

nlintX

Abbildungen: © Luke Pearson/Nobrow und Ingo Römling/Zwerchfell Verlag

Western Touch

Cover Western TouchDas gelungene Vorwort von Lino Wirag (EXOT) beschreibt die Suche nach einem neuem Humor und streut immer wieder Namen bekannter Humoristen, Cartoonisten und Kabarettisten ein, die zum einen als Vorbild dienen können, aber auch aufzeigen, wie vergeblich die Suche nach einen neuen Humor ist. Schließlich hat jeder der genannten bereits einen sehr unterschiedlichen komischen Bereich abgedeckt. Somit gibt es eigentlich keine Lücke mehr, die neu ausgefüllt werden kann. Oder doch?

Das Vorwort kündet vom Versuch Robin Vehrs‘, keinem anderen zu gleichen. Und das gelingt, was keine geringe Leistung ist. So ist Vehrs‘ Humor aber auch sehr individuell und speziell. Denn Humor ergeht es wie der Erotik. Beides muss nicht für jeden das gleiche bedeuten. Was den einen erregt, stößt einen anderen ab. Worüber der eine lachen kann, bringt einen anderen nicht mal zum Grinsen. Humor ist eben sehr vom jeweiligen Leser abhängig. Und jetzt muss es schon fast zwangsläufig subjektiv werden: Denn ich kann nicht darüber lachen. Ich gehöre auch zu denen, die weder Oliver Pocher noch Helge Schneider lustig finden. Bei Helge Schneider und Bully Herbig kann ich es zwar verstehen, dass andere sie mögen, auch wenn es nicht mein Fall ist, aber jemand wie Oliver Pocher hat in all den Jahren nur ein einziges Mal ein Grinsen auf meine Lippen gebracht. So muss man hier bei der Besprechung etwas hinter den Humor zurücktreten und andere Kriterien finden. Zum Beispiel die Thematik der Gags und der Sketche. Aber auch da gibt es keine einheitliche Linie.

westerntouch_01Denn der ganze Band, der überwiegend Kurzcomics nachdruckt, die zuvor auf dem Blog Enjambements erschienen sind, ist eine reine Reise nach Absurdistan. Es gibt zwar kein Durchdeklinieren der immer gleichen Themen wie etwa bei Hägar oder Garfield (die trotzdem noch lustig sind und kaum an Qualität verloren haben), was lobenswert ist, aber leider gibt es auch keinen satirischen Biss. Auch in dieser Hinsicht ist also der Kritiker etwas hilflos. Man wird sich wohl einfach einlassen müssen auf diese ganz spezielle Art von Humor. Oder noch besser: ihn in sich rein lassen müssen.

Auch zeichnerisch ist das alles so reduziert, krakelig und primitiv wie möglich. Da es so gewollt ist und wohl mit zu der nicht gefundenen Gesamtaussage passt, nimmt man es einfach hin. Hier soll auch graphisch nichts ablenken, was somit auch wieder starke Geschmackssache ist. Alles in Western Touch will so obskur wie möglich sein, so abgedreht es geht. Da wird etwa eine Beschwerde laut, dass sich ein Ventilator falsch herum dreht, woraufhin die Herstellerfirma darauf hinweist, dass vielleicht das Haus falsch gebaut sei. Als die Bewohner feststellen, dass dem so ist, endet der Sketch darin, dass sie nicht wissen, wie sie wieder in das Haus hineinkommen sollen.

Außerdem geht es um gestohlene Köpfe, redende Kaffeebecher, welche doch vielleicht Teetassen sind und viele andere Bereiche, die zusammengenommen keinen gemeinsamen thematischen Nenner haben. Vielleicht ist der Band ja ein geeignetes Geschenk für Pseudointellektuelle, die immer klug daherreden aber nur Unsinn von sich geben. Vielleicht muss man einfach nur mehr kiffen. Jedenfalls ist der Band wohl für alle, die sich für Avantgarde halten, dies aber nicht definieren können. Ich weiß es nicht. Diese Auswahl von Blog-Comics, die in diesem Band des jungen Robin Vehrs gesammelt sind, haben zwar ihren Reiz und ich kann verstehen, dass es andere komisch finden mögen (siehe auch Helge Schneider), aber mein Humor ist das definitiv nicht. Ich vergebe daher neutral verstandene fünf Punkte.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Ein sehr spezieller Humor, der längst nicht für jeden etwas sein dürfte

 

ZWEITE MEINUNG:
von Thomas Kögel

Seite aus Western TouchIch habe zwar Western Touch nicht als Buch vorliegen, bin aber schon lange Stammleser von Enjambements, kenne also die meisten hier abgedruckten Comics. In der Tat, der Humor von Robin Vehrs gehört ganz sicher zur speziellen Sorte. Mit Vergleichen mit Pocher, Herbig und Schneider, Hägar und Garfield kommt man dieser Form der Komik jedoch nicht bei – wenn schon Namedropping, dann müssten hier Namen wie Katz & Goldt, Studio Braun oder Nicolas Mahler fallen.

Die Komik der Enjambements-Comics entsteht größtenteils dadurch, dass Erwartungen unterlaufen werden – und zwar ständig. Das beginnt schon bei der gewollt kruden Grafik, krakelig am PC mit Software aus dem letzten Jahrtausend erstellt und setzt sich fort in den absurden Alltagsszenen, die niemals so verlaufen, wie man es bei „normalen“ Geschichten erwarten würde, sondern ständig Haken schlagen. Und schließlich verweigert sich Vehrs in den meisten Fällen auch einer Pointe. Der Witz entsteht dadurch, dass das, was witzig sein soll, nicht witzig ist – zumindest nicht auf den ersten Blick.

Ex-Titanic-Autor Oliver Nagel hat diese Art der Komik neulich als Meta-Humor bezeichnet und festgestellt: „Meta-Humor ist (…) vor allem für Menschen lustig, die das klassische Witz-Schema in- und auswendig kennen. Der prototypische Meta-Witz (‚Sitzen zwei Atomkraftwerke im Baum und stricken‘) erhält nur noch die Form des klassischen Witzes, in diesem Fall das Set-Up, verzichtet aber nicht nur auf die Pointe, sondern auch auf jeden Sinn.“ Die Enjambements-Comics sind genau solche Meta-Witze, über die man lachen kann oder eben nicht. Probieren sollte man es aber auf jeden Fall, sonst entgehen einem womöglich Perlen wie das Fischradio, die Geheimnis-Limonade oder das aufgemalte Fenster. Und das wäre doch wirklich sehr schade.

Robin Vehrs jedenfalls ist es in kurzer Zeit gelungen, einen unverwechselbaren, eigenen Stil zu entwickeln – sowohl grafisch als auch humoristisch. Dabei ist der Typ grade mal 20 Jahre alt! 

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Meisterhafter Meta-Humor

 

Western Touch
Zwerchfell Verlag, Februar 2012
Text und Zeichnungen: Robin Vehrs
Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 10,00 Euro
ISBN: 978-3-943547-01-6
Leseprobe

 

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Abbildungen: © Robin Vehrs/Zwerchfell Verlag

Stiche

Cover SticheDer Amerikaner David Small ist eigentlich bekannt geworden durch seine Arbeiten als Autor und Illustrator von Kinderbüchern. Mit der 336 Seiten dicken Comic-Autobiografie Stiche erzählt er von seiner bitteren Kindheit in Detroit in den 1950er Jahren. Es sind Smalls Erinnerungen vom schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern und jenem Tag mit 14 Jahren, als Ärzte ihm seine Stimme raubten.

Es beginnt mit einer Wucherung am Hals, über deren Bedeutung seine Eltern den kleinen Dave im Unklaren lassen. Die herrische Mutter, der distanzierte Vater, sie hüllen über alles den Mantel des Schweigens. Es dauert lange, bis dem naiven und nichtsahnenden David (und dem Leser noch dazu) bewusst wird, mit welcher gefährlichen Krankheit er es tatsächlich zu tun hat. Genau genommen so lange, bis es sich nicht mehr großartig verheimlichen lässt. Dann kommt das Krankenhaus und die Operation. Die Konsequenz: Davids Kehlkopf und Stimmbänder werden in Mitleidenschaft gezogen, seine Stimme versagt im Anschluss.

David Smalls Stiche ist ein höchst emotionaler und trauriger Comic. Der puren Schicksalsdarstellung setzt der amerikanische Künstler jedoch auch eine ganze Menge fröhlicher Momente entgegen. In stillen Augenblicken lässt der junge Dave Spiel und Fantasie freien Lauf. David Small schafft sich Raum für diese Augenblicke und bringt den positiven wie negativen Gemütszustand des Kindes ohne viele Worte zum Ausdruck.

Seite aus SticheSeine Zeichnungen, ausdrucksstarke schwarze Striche, unterlegt von grauen Schattierungen, fesseln. Man spürt auf jeder Seite, dass eine reale Geschichte dahintersteht, die für den Künstler viel Aufarbeitung bedurfte.

Letzten Endes kann man Stiche mit Fug und Recht auch als ausgezeichnete Charakterstudie bezeichnen. Small legt besonderen Wert auf die wenig schmeichelhafte Darstellung seiner Eltern, die als geheimniskrämerisch, anschweigend, teilweise sogar als herzlos skizziert werden. Damit fängt er auch den Zeitgeist der 50er Jahre ein – Smalls Familie ist hierbei stellvertretend zu sehen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

David Smalls (zumeist) unschöne Erinnerungen, tiefschürfend und packend erzählt

 

Stiche
Carlsen Verlag, März 2012
Text und Zeichnungen: David Small
Übersetzung: Barbara König
336 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 29,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78695-1

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag

Roland, Ritter Ungestüm 4&5

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Cover Roland, Ritter Ungestüm 4Die deutsche Gesamtausgabe von François Craenhals‘ Roland, Ritter Ungestüm schreitet weiter voran. Und mit ihr scheint sich auch die Experimentierfreudigkeit des Künstlers zu entfalten. Im vierten Band beharkt sich Jungritter Roland erneut mit seinem Lehnsherrn, König Artus, dessen Tochter Gwendoline er begehrt.

Abermals muss Roland gegen seinen alten Feind, den Hünen von Worms, antreten und schließlich seine Geliebte aus den Klauen einer heidnischen Sekte, der Jünger des Baal, befreien. Doch nach überstanden Strapazen findet der Held seine Burg zerstört vor. Zerstört von König Artus‘ Männern. Als Akt der Rache entschließt sich der unzähmbare Vasalle, seinen Herrn dort zu treffen, wo es ihm am meisten wehtut: Er macht Jagd auf dessen Steuereintreiber.

François Craenhals experimentiert in den drei Abenteuern, die in Band 4 enthalten sind, zum ersten Mal deutlich mit den grafischen Möglichkeiten eines vom Grunde her realistischen und detailgetreuen Rittercomics. Im Kampf gegen die Sekte lässt er Roland nicht nur emotional, sondern auch buchstäblich durch die Hölle gehen. Wie in einem von Salvador Dali erdachten Trip fließen Farben ineinander, verschwimmen Realitäten. Ein Hirsch mit brennendem Geweih huscht  durchs Bild, gefolgt von den vier Reitern der Apokalypse. Alles in allem ein psychedelisches Wagnis, das man so in einem Historiencomic sicherlich nicht vermuten würde.

Seite aus Roland, Ritter Ungestüm 4Aber bereits am Ende der erste Story illustriert Craenhals Rolands Wut mit einer Art buntem Feuerschweif hinter seinem Kopf während der Protagonist dem Leser ein markiges „Zur Hölle damit!“ entgegenschmettert. Eine Szene wie aus einem Bildband über Pop Art entlehnt.

Band 5 der hervorragend aufgemachten und redaktionell begleiteten Gesamtausgabe von Roland, Ritter Ungestüm konzentriert sich zuoberst auf den Wiederaufbau von Rolands Burg, den Craenhals in allen Einzelheiten zelebriert und grafisch dokumentiert, bevor ein opulentes Ritterturnier zum Wendepunkt für die Figuren der Serie wird. Die Feindschaft zwischen Roland und Artus erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt und die Beziehung zu Gwendoline wird auf ihre bislang härteste Probe gestellt.

Cover Roland, Ritter Ungestüm 5Das Highlight für viele Leser dürfte jedoch das letzte Drittel des Bandes einnehmen, denn bei der dritten abgedruckten Geschichte „Die Falle“ handelt es sich um eine deutsche Erstveröffentlichung (weitere sind in den Folgebänden zu erwarten). Damit bekommen Leser nicht nur drei erstklassige Alben in passender Qualität, sondern im gleichen Zug auch noch die lang erwartete Fortsetzung der Abenteuer von Chevalier Ardent (so Rolands Originalname).

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Hervorragende Erzählungen in einer lobenswerten Komplettreihe; erstmals auch mit völlig neuem Material

 

Roland, Ritter Ungestüm
Cross Cult

Text und Zeichnungen: François Craenhals
Preis: je 29,80 Euro

Band 4: Die gefangene Prinzessin/Der Aufstand des Vasallen/Ritter der Apokalypse
Juli 2011

Übersetzung: Kai Wilksen/Uli Pröfrock 
168 Seiten, farbig, Hardcover
ISBN: 978-3-941248-74-8

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Band 5: Der Geheimgang/Der Günstling des Königs/Die Falle
März 2012
Übersetzung: Uli Pröfrock
160 Seiten, farbig, Hardcover
ISBN:978-3-941248-75-5

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Links der Woche: Mit noch mehr Erlangen-Rückblicken, Comics vor Gericht und Zahlenanalysen

Unsere Links der Woche, Ausgabe 22/2012:

 

Comic Salon Erlangen 2012
Titel-Magazin, div. Autoren
Das Titel-Magazin war beim Comic-Salon und berichtet in einem ganzen Bündel von Artikeln. Unter anderem gibt es eine Zusammenfassung der Max-und-Moritz-Gala, einen allgemeinen Messe-Rundgang, ein Interview mit Reinhard Kleist und einen besonderen Blick auf die Independents auf dem Salon.

Abschlussinterview mit Bodo Birk
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Am Ende des letzten Tages zieht Organisationschef Bodo Birk im Video-Interview ein zufriedenes Fazit des diesjährigen Comic-Salons.

Erlangen
hotelfred.com, Roger Langridge
Der Salon aus Sicht eines prominenten Gasts aus dem Ausland: Comicautor Roger Langridge (The Muppet Show), der von der Ehapa Comic Collection eingeladen wurde, fasst seine Eindrücke ausführlich in seinem Blog zusammen.

Erlangen 2012 – so war’s:
Jazam! Blog, Adrian vom Baur
Natürlich haben auch zahlreicheiche (Web-) Comiczeichner, die in Erlangen waren, über den Salon berichtet, oft in gezeichneter Form. Das Jazam!-Blog hat die entsprechenden Links gesammelt (Teil 2, Teil 3).

Zettgeist #173 über den Comicsalon Erlangen 2012
Zettgeist, Eckart Breitschuh, Stefan Dinter und Sascha Thau
In einer extralangen Ausgabe des Zwerchfell-Videpodcasts lassen Sascha Thau, Stefan Dinter und Eckart Breitschuh den Comic-Salon Revue passieren:

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Es gilt, lebende Kinder zu beschützen – nicht Zeichnungen zu verfolgen
Telepolis, Twister (Bettina Hammer)
Vor dem höchsten schwedischen Gericht ging letzte Woche ein langer Rechtsstreit zu Ende. Der Manga-Übersetzer Simon Lundström, der wegen des Besitzes von Mangabänden und Zeichnungen angeklagt war, die in erster und zweiter Instanz als strafwürdige Kinderpornographie gewertet wurden, wurde letztlich freigesprochen. Telepolis schreibt: „Der Gerichtshof stellte fest, dass es sich zwar um pornografische Zeichnungen handele, die insbesondere auch Kinder zeigten, jedoch handele es sich um Fantasiefiguren, die nicht mit wirklichen Kindern verwechseln werden könnten.“

Eine Bildergeschichte
brand eins, Peter Lau
Einem Artikel im Wirtschaftsmagazin brand eins gelingt es bemerkenswert gut, die jüngeren Entwicklungen des deutschen Comicmarktes zusammenzufassen. Jeder der zehn Absätze wird dabei von einer passenden Comic-Empfehlung begleitet.

The Oatmeal beat Funnyjunk, but other cartoonists aren’t so lucky
The Guardian, Danny Bradbury
Der populäre Webcomic The Oatmeal von Matt Inman sorgte gerade für große Aufmerksamkeit, indem er sehr erfrischend auf eine Abmahnung des Anwalts von FunnyJunk.com reagierte. Der Guardian-Artikel fasst die Streitigkeiten zusammen und vergleicht den Erfolg von The Oatmeal mit weniger erfolgreichen Webcomics.

‘Simpsons’ creator Matt Groening ends ‘Life in Hell,’ comic that started it all
Poynter, Rob Tornoe
Die Simpsons kennt jeder, aber den Grundstein für seine Karriere legte deren Erfinder Matt Groening mit dem wöchentlichen Comicstrip Life in Hell, der vor mehr als 30 Jahren startete und stetig fortgeführt wurde. Nun ist nach 1.669 Folgen Schluss: Am 16. Juni erschien der letzte Life in Hell-Strip.

Vertigo and WildStorm Month-to-Month Sales: The Long View
comiks debris, Marc-Oliver Frisch
Seit Jahren analysiert Marc-Oliver Frisch (der auch zur Comicgate-Redaktion gehört) Monat für Monat die Verkaufszahlen von DC Comics in den USA. Letzten September geschah der große Relaunch von DC Comics, bei dem sämtliche Serien neu gestartet wurden. Inzwischen liegen Zahlen für acht Monate seit diesem Relaunch vor. Frisch untersucht nun diese Zahlen und vergleicht sie mit den Daten seit dem Jahr 2003. Demnach haben sich DCs Verkaufszahlen mit den „New 52“ zwar deutlich gegenüber den schwachen Vormonaten verbessert, allerdings „nur“ auf ein Niveau, das in etwa dem der Jahre 2008-2010 entspricht.