Neueste Artikel

The Boys 11 (US)

The Boys out-marvel Marvelman!

Cover von The Boys 11In den 1960er Jahren definierten sich Superhelden noch nach dem Motto „With great power comes great responsibility“. Spätestens in den 1980ern, als das Superheldengenre von Alan Moore dekonstruiert wurde, gesellte sich diesem Motto ein diametral entgegengesetztes Motto hinzu: „Power corrupts, absolute power corrupts absolutely“. Und gegen eben diese Korruption helfen nur noch The Boys. Die Einzigen, die in der Lage sind, größenwahnsinnige Superhelden dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen.

Beispielseite aus The Boys 11Die Serie The Boys lässt vom ersten Heft an keinen Zweifel daran, dass Superhelden durch ihre ausgelebten Allmachtsphantasien mehr oder weniger moralisch verkrüppelt sind; damit werden auch die drastischen Strafexpeditionen der Boys gegen Superhelden immer wieder gerechtfertigt. Teilweise leiden die ersten Zyklen der Reihe unter diesen scheinbar selbstzweckhaft inszenierten Brutalitäten gegen Supermenschen (Supes), und tatsächlich hatte man lange das Gefühl, Garth Ennis ginge es nur darum, dem Leser zu zeigen, was er mit den Superhelden der Großverlage DC und Marvel gerne machen würde. Aber auch die Dekadenz der Supes wurde von Garth Ennis teils etwas ausufernd immer wieder aufs Neue genüsslich ausgebreitet, teilweise in rüder Porno-Ästhetik, was der Serie nicht nur Sympathien einbrachte.

Dabei waren sowohl die Gewalt- als auch die Sexdarstellungen schlüssig. Ich möchte nur an die vielen Berichte über die vergangene Olympiade erinnern, in denen von Sex im Olympiadorf die Rede war, stets mit der Begründung, dass die Sportler nunmal sehr körperbetont seien. Um wie viel mehr steigert sich wohl die sexuelle Energie, wenn Superhelden in ihren Enklaven aufeinandertreffen? Und die Gewalt zeigt nichts anderes, als dass nach dem Haken eines Superman nun mal ein Kieferbruch eine eher leichte Verletzung ist. Einzig die Antwort auf die Frage, ob dieser Gedanke tragfähig für einen epischen Comicroman ist, blieb die Serie lange schuldig.

Aber Garth Ennis überzeugt. Es hat etwas gedauert, bis die Plotmaschine in die Gänge kam, doch die Serie hat seitdem in ihrem Verlauf viele spannende Subplots erzählt und Figuren entwickelt, die lebendig wirken und an die man auch lange nach der Lektüre noch gerne denkt. Mit Band 11, „Over the Hill with the Swords of a Thousand Men“, steuert die Reihe nun auf die lange angelegte finale Konfrontation zu:  das Duell der Boys mit dem Homelander, dem Mächtigsten unter den Superhelden, dem Übermenschen, der im normalen Menschen nichts als eine lästige Fliege zu sehen glaubt.

Beispiel aus The Boys 11Garth Ennis greift in der Entwicklung der Figur Homelander einige Motive aus Alan Moores legendärem Marvelman auf und schickt seinen Homelander auf einen ähnlichen Rachfeldzug gegen die Menschheit wie ehemals Kid Marvelman. Was folgt, ist eine gnadenlose Demontage des Homelander, an deren Ende sich zeigt, dass auch im Mächtigsten letztendlich nur ein enttäuschtes Kind steckt, das bewundert werden möchte. Gerade die Dialogszenen mit dem Homelander sind absolut fesselnd und bestätigen einmal mehr, dass es keiner großen Action bedarf, um Spannung zu erzeugen. Manchmal genügen zwei Figuren in einem Zimmer.

Die Story überzeugt auf ganzer Linie: Bis in die letzte Nebenfigur werden psychologische Tiefen ausgelotet. Selbst die Supes sind weit davon entfernt, schlichte Abziehbilder ihrer populären Vorbilder bei DC und Marvel zu sein. Auch das Artwork bleibt trotz rotierender Zeichner stets auf hohem Niveau. Damit ist „Over the Hill with the Swords of a Thousand Men“ ein weiterer Höhepunkt in dieser manchmal etwas sperrigen Serie.


Wertung
: 10 von 10 Punkten

 

The Boys 11 – Over the Hill with the Swords of a Thousand Men (US)
Dynamite, Juni 2012
Text: Garth Ennis
Zeichnungen: Russ Braun, Darick Robertson (Cover)
Übersetzung:
152 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 19,99 USD
ISBN: 978-1-60690-341-4
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Garth Ennis/Darick Robertson/Russ Braun

Lance 3

Cover Lance 3Waren schon im zweiten Band der klassischen Westernserie Lance einige starke Veränderungen auszumachen, die vor allem emanzipatorisch gegenüber Prinz Eisenherz zu deuten sind, so entwickelt der dritte Band einen starken Realismus und erzählt Themen, die wirklich einzigartig für den Western allgemein sind.

Oftmals verbergen sich hinter Westerncomics im Grunde andere Genres, die nur in ein Westerngewand gekleidet sind. Comanche etwa hat sehr viel von einem Krimi, der eben zur Zeit des Wilden Westens spielt, wobei hier auch der Aufbau der Zivilisation, ein Ur-Thema des Western, eine Rolle spielt. Lance hingegen ist wirklich ein reiner Westernstrip und erzählt von Geschehnissen, die wirklich nur diesem Genre innewohnen. Angesiedelt ist die Saga in den Jahren zwischen 1834 und 1848, und vor allem in den hier abgedruckten Strips geht es um die Erschließung unbekannter Ländereien. Der Held Lance Saint-Lorne begleitet einen Treck und hat sich in die junge Valle verliebt. Nachdem er sie aus den Händen von Entführern gerettet hat, steht dem jungen Glück kaum etwas im Wege. Doch Washington hat andere Pläne und befördert Lance nicht nur zum Colonel, sondern macht ihn auch zum Anführer der Rangers, die sichere Passagen gen Westen für die Siedler finden sollen. Dadurch machen sie sich nicht nur Indianer zum Feind. Der schlimmste Gegner jedoch ist das Wetter.

Konnte man schon nach den ersten beiden Bänden der Bocola-Ausgabe unbestritten sagen, dass Lance wohl die beste Westernserie ist, die jemals in einer Zeitung erschienen ist, so ist es doch schon erstaunlich, wie Warren Tufts sich noch stetig verbessern konnte. Nach der inhaltlichen und formalen Loslösung vom Vorbild Prinz Eisenherz, die man im zweiten Band beobachten konnte, entwickelt sich hier ein Realismus, der seinesgleichen sucht. Manchmal findet man zwar noch durchaus Reminiszenzen an den Ritter, etwa das humoristische Werben der beiden Verliebten, aber Tufts arbeitet nicht nur historische Personen und Geschehnisse ein, sondern verlagert seine Erzählung eben auch auf diese realistische Ebene.

Seite aus Lance 3Nicht nur die Rangers und die Suche nach dem Oregon-Trail sind historisch verbürgt, sondern auch der eingeschneite Treck unter Führung von Captain Meek, dem übrigens auch in dem Film Meek’s Cutoff ein filmisches Denkmal gesetzt wurde. Besonders der letzte, düstere Teil des Bandes überzeugt über alle Maßen. Heldentum ist hier nur noch durch Durchhaltewillen definiert und nicht durch irgendeinen Patriotismus oder Gewaltbereitschaft. Somit werden auch die Siedler als einzige wirkliche Helden dargestellt. Denn was vermag Waffengewalt gegen das Wetter? Aber auch die Indianer und die verschiedenen Moralvorstellungen gegenüber den Weißen sind stark ausgearbeitet. Tufts vermeidet starke Schematisierungen, sondern blickt durchaus differenziert auf seine Protagonisten. Während bis zur Hälfte des Bandes durchaus noch Humoristisches zu finden ist und ein starker Abenteuercharakter vorherrscht,  entwickelt er spätestens im letzten Drittel eine unerwartete Düsternis und Härte.

Zeichnerisch sind die Strips einfach hervorragend. Tufts reduziert seine Dailies, wohl aufgrund der Arbeitsökonomie, auf das wirklich Allernotwendigste, wohingegen die Sonntagsseiten weiterhin detailliert mit einer hervorragenden Kolorierung ausgestattet sind. Leider gehen in den Dailies bei den Actionszenen einige Details aufgrund des Formats verloren. Manchmal sind da auch die schwarz-weiß-Abstufungen etwas unübersichtlich geraten, weswegen nicht alles gut zu erkennen ist.  Aber das wird allein schon durch die Sonntagsseiten wieder wett gemacht.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Band 3 punktet mit einem hohen Grad an Realismus, auch wenn die kleinformatigen Panels der Dailies etwas unübersichtlich geraten sind.

 

Lance – Band 3 (Sundays 106 – 131, Dailies 127 – 276)
Bocola Verlag, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Warren Tufts

Übersetzung: Jonas und Uwe Baumann
80 Seiten, s/w und farbig, Hardcover
Preis: 17,90 Euro
ISBN: 978-3-939625-37-7
Leseprobe (PDF)

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Bocola Verlag

Links der Woche: Mit Lichtknirpsen, Twitter-Trollen und Prometheus

Unsere Links der Woche, Ausgabe 28/2012:

 

Eine hochseriöse Sache
Frankfurter Rundschau, Christian Schlüter
Die Frankfurter Rundschau, Pressepartner des Sondermann-Preises, stellte in ihrer Ausgabe vom 5. September alle Nominierten mit eigenen Texten vor. Dazu gab es einleitende Worte von Christian Schlüter, in denen er sich klar gegen den immer wieder behaupteten Gegensatz zwischen ernst und lustig, anspruchsvoll und niveaulos, Comic und Graphic Novel ausspricht: „Im Comic verbinden sich High und Low auf allereleganteste Weise.“

The Light Littlies 
light-littlies.blogspot.de, Stenarts 
Torsten Kiecker und sein Stenarts-Team, von dem beim Splitter Verlag die Serie RIA erscheint, hat eine Nebenreihe namens Die Licht-Knirpse entwickelt, die im gleichen Universum spielt, jedoch mit verniedlichten Figuren im „Chibi-Style“. Veröffentlicht werden die Licht-Knirpse in Episodenform – gedruckt im Magazin COMIX sowie als kostenloser Webcomic auf der hier verlinkten Seite. Die Online-Version steht in sechs Sprachen zur Verfügung und enthält interaktive Elemente, für die der „Unity Web Player“ als Browser-Plugin installiert sein muss.

Wave and Smile: Interview mit Arne Jysch
Comic Report, Matthias Hofmann
Noch ein Interview mit dem Autor und Zeichner des Bundeswehr-Comics Wave and Smile, in dem er auch ausdrücklich auf die scharfe Kritik angesprochen wird, die hier bei Comicgate veröffentlicht wurde.

Der Wüstenfalke trifft auf Batman
Zeit Online, Michael Brake
Eine Besprechung des ersten Hefts von Alfonz, dem neuen Comicmagazin, von dem am 4. Oktober die zweite Ausgabe erscheint. Der Rezensent lobt die Themenmischung und die liebevolle Herangehensweise, bemängelt jedoch die Textqualität: Da sei „handwerklich alles etwas schlicht“, und so sei das Heft „trotz der professionellen Aufmachung eben doch ein Fanzine“, allerdings eins mit Potenzial.

Comic-Hive
www.comic-hive.info
Comic-Hive ist eine neue Website, die erst seit wenigen Wochen online ist und zum österreichischen Verlag consol.MEDIA gehört, der unter anderem ein Videospielmagazin herausgibt. Neben Newsmeldungen und Rezensionen (mit dem Schwerpunkt US-Comics) will man auch regelmäßig Podcasts anbieten. In der jetzt veröffentlichten zweiten Folge (MP3, 43 Minuten) des Comic-Hive Podcast gibt es unter anderem ein Interview mit Stefan Dinter vom Zwerchfell Verlag.

Comics Professionals Tackle Online Twitter Troll
ComicsAlliance, Grame McMillan
Auf Twitter trieb geraume Zeit ein Troll sein Unwesen, der Comiczeichner und -Autoren immer wieder mit beleidigenden, hasserfüllten und frauenfeindlichen Posts belästigte. Mark Waid und Mark Millar ist nun der Kragen geplatzt – Millar bat in seinem Forum um Mithilfe, um den Troll dingfest zu machen und rechtlich gegen ihn vorzugehen. Mittlerweile wurde die Person ausfindig gemacht, seine Twitter-Accounts geschlossen und die Polizei kümmert sich um den Fall.

Ge[Druckt] Animal Man Review
YouTube, Bensonders
Ge[Blogged] heißt eine via YouTube verbreitete Web-Show, die sich vor allem mit dem Thema Cosplay beschäftigt. In der Rubrik Ge[Druckt], von der auch schon mehrere Folgen erschienen sind, stellt Anne Delseit aktuelle Manga und Comics vor. Ein interessantes Format!

{source}
<iframe width=“580″ height=“326″ src=“http://www.youtube.com/embed/XonN8OsEHC0″ frameborder=“0″ allowfullscreen></iframe>
{/source}

 

Prometheus Reviewed in Comic Form
tor.com, Faith Erin Hicks
I wanna be somebody’s buddy
Tally Art, Natalie Nourigat 
Diese beiden Links sind schon ein paar Wochen alt, aber da Ridley Scotts Film Prometheus bei uns erst verspätet ins Kino kam, wollte ich damit noch etwas warten (Spoiler und so, ihr wisst schon). In beiden Links liefern Comiczeichnerinnen ihre persönliche Besprechung des Films in Comicform ab – die eine sorgfältig ausgearbeitet, die andere sehr skizzenhaft.

Portugal

Cover PortugalComiczeichner Simon Muchat steckt in einer handfesten Lebenskrise: Sein neues Buchprojekt schreitet nicht voran, der Hausbau gestaltet sich schwieriger als erwartet und seine Freundin verzweifelt so langsam an seiner Lethargie. Doch als ihn unvermittelt die Einladung zur Hochzeit seiner Cousine aus Portugal erreicht, begibt sich Simon schließlich auf die Spuren seiner portugiesischen Wurzeln. Hier entflammt seine Lebensfreude von Neuem und die Inspiration kehrt zurück.

Cyril Pedrosas (Auto-Bio, Drei Schatten) neues Werk ist ein richtig dicker Brocken. Der Franzose hat zwei Jahre lang an dem 264 Seiten dicken Comic gearbeitet. Heraus kam ein vor allen Dingen grafisch ungemein wuchtiges Buch. Die sorgsam gekritzelten Zeichnungen werden von seichten, herbstlichen Aquarellfarben umgarnt. Dabei sind die Bilder nicht immer einheitlich, vielmehr wechseln sich Farben und Ausdrucksstärke der Panels wohltuend ab, was auch von der Szenerie und der jeweils beabsichtigten Erzählweise abhängt. So dominiert mal die Hintergrundfarbe das Geschehen und taucht tief in die Zeichnungen hinein, mal sind die feinen, krakeligen Tuschestriche im Vordergrund und verleihen einigen ruhigeren Momenten eine puristische Aura.

Seite aus PortugalBei allem Lob für die imposante Optik des Bandes (was im Übrigen auch die erstklassige Umschlagsgestaltung von Reprodukt mit Leinenrücken und Lesebändchen einschließt) darf man allerdings auch Cyril Pedrosas wirklich gelungene Erzählkunst nicht unter den Tisch fallen lassen. Portugal ist ein Comic, der von Selbstfindung und der Suche nach der eigenen Herkunft berichtet. Pedrosa erzählt viel und ausführlich. Das glückt ihm zum einen aufgrund der Gesamtlänge des Buches, zum anderen, weil er in die Tiefe geht. So begegnet die Hauptfigur immer wieder neuen Gesprächspartnern, Fremden, Kollegen, Familienmitgliedern, die ihm sukzessive den Weg aus der Lebenskrise weisen könnten.  Pedrosa inszeniert gerade diese Dialoge mit sehr viel Fingerspitzengefühl und nicht allzu aufdringlich. So bleibt noch viel Platz für den Ort der Handlung: Portugal. Das Land fungiert gewissermaßen als unterstützender Rahmen für Simons Erkenntnisreise. Ein Umfeld, in dem die Erinnerung an die Kindheit erwacht, in dem ein Bewusstsein für das Leben an die Oberfläche tritt.

Portugal ist eine intensive Geschichte, die auf lockere Art und Weise erzählt ist. Zum richtigen Highlight macht sie aber erst die brillante Grafik. Damit ist dieser Comic jetzt bereits einer der eindrucksvollsten des Jahres und eine echte Empfehlung.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Wunderschön gezeichnet, hervorragend erzählt; Portugal ist ein echtes Highlight

 

Portugal
Reprodukt, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Cyril Pedrosa
Übersetzung: Annette von der Weppen
264 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39 Euro
ISBN: 978-3-943143-05-8
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt

Quästor 1 – Ménage à Troja

Cover Quästor 1Mit Quästor startet eine neue frankobelgische Serie, die auf den ersten Blick wie ein weiterer typischer Historiencomic aussieht. Denn meist wird darin im historischen Gewand ein Krimi erzählt. Was wenig verwundert, denn Krimis und Thriller sind, im besten Falle, dazu geeignet, ein Psychogramm der Gesellschaft zu entwerfen und viel Lokalkolorit aufzubauen. Im historischen Genre kommen natürlich noch die geschichtlichen Umstände dazu. 

Im Trojanischen Krieg waren Ido und sein Schwertträger Aesus Simonides beteiligt am Fall der stolzen Stadt. Angesichts des folgenden Massakers ist Ido aber so angewidert, dass er beschließt, das Schwert niederzulegen und stattdessen als Quästor, eine antike Mischung aus Polizist und Privatdetektiv, Mörder zu fangen und zu bestrafen. Eines Tages kommt eine schöne junge Frau zu ihm, um Hilfe zu erbitten. Ido und sein Freund wollen eigentlich Urlaub machen, doch unheimliche Mörder folgen der Frau. Ihre Flucht und ihr Auftrag führen die Detektive weit über die bekannten Grenzen hinaus.

Quästor ist eine recht wilde Mischung, die zwar ihren Charme hat, bei der aber noch nicht alle Rädchen harmonisch ineinandergreifen. Die Macher, Autor Jean-Luc Sala und Zeichner Nicola Saviori, sehen die Serie wohl ein Stück weit auf den Spuren von Lanfeust mit dem Mix aus Fantasy, Krimi, Sagen und Witz. Zwar ist die Geschichte historisch angesiedelt, besitzt aber einen kleinen Sci-Fi-Einfluss (die Roboter), viel Fantasy (die mythischen Gestalten des antiken Griechenlands), viel Humor und stellenweise auch Brutalität. Der Witz ähnelt mit den mal mehr, mal weniger versteckten Anspielungen ein bisschen dem von Lanfeust (passenderweise erschien die Serie zunächst in Episodenform im französischen Lanfeust Mag).

Seite aus Quästor 1Es ist eine bezwingende Idee, Detektive in CSI-Manier in der Antike anzusiedeln, wobei das in Verbindung mit Mythen und Sagen nicht sonderlich harmoniert, da es nicht konsequent ist. Pure Rationalität und Wissenschaft vertragen sich nicht sehr gut mit persönlich auftretenden Göttern und Titanen. Der Witz und der eher Fantasy-orientierte, bisweilen unübersichtliche Stil kontrastiert zudem unangenehm mit der phasenweisen Brutalität, besonders am Anfang. Gut, sie wird genutzt, um Motivation und Gesinnungsänderung der Helden zu verdeutlichen. Doch dieser erste Eindruck bleibt den ganzen Band über haften und verhindert ein stimmiges Gesamtbild.

Immerhin gibt es viele schöne Anspielungen, wie etwa den Vergleich moderner Navis mit antiken Ausgucken oder Referenzen zu den Simpsons. Auch schön und vor allem erhellend ist, wie herausgearbeitet wird, dass viele heute noch geläufige Redensarten damals entstanden sind und was sie ursprünglich bedeutet haben. Der ganze Band ist sehr dynamisch und schön zu lesen, aber noch nicht unbedingt begeisternd. Dafür ist er stellenweise auch zu überfrachtet und zu uneinheitlich. Er bietet aber auf jeden Fall einen netten Einstieg mit Potenzial nach oben. Jedenfalls, wenn es bald auch eine richtige Handlung gibt und die Macher sich für eine Erzählrichtung entscheiden können.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Gute Idee, die aber uneinheitlich und ohne klare Linie umgesetzt ist

 

Quästor 1 – Ménage à Troja
Splitter Verlag, Juli 2012
Text: Jean-Luc Sala
Zeichnungen: Nicola Saviori
Übersetzung: Monja Reichert
48 Seiten, farbig, Hardcover 
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-489-5
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche: Mit vielen Nachrufen, historischen Audios und unklugen Tweets

Unsere Links der Woche, Ausgabe 27/2012:

Seit der letzten Ausgabe sind drei Wochen vergangen, wir haben also ein bisschen was nachzuholen. Unter anderem prominente Todesfälle.

Menschen im Krieg
tagesspiegel.de, Lars von Törne 
Comic-Zeichner im Kampf-Modus
Spiegel Online, Stefan Pannor 
Er zeichnete das Überleben
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus 
Joe Kubert – Ein Nachruf von Mary Hildebrandt
Splashcomics, Mary Hildebrandt 
Joe Kubert, 1926-2012
The Comics Journal, Bill Schelly 
Joe Kubert, R.I.P.
News From Me, Mark Evanier 
Joe Kubert, 1926-2012
The Comics Reporter, Tom Spurgeon 
Eine Auswahl von Nachrufen auf Joe Kubert, einen der großen US-Comiczeichner, der bis zuletzt mit 85 Jahren noch sehr aktiv war. Der in Polen geborene Kubert kam als Kind in die USA und zeichnete schon in den 1940er Jahren professionell Comics. Die bekanntesten (u.a. Sgt. Rock und Hawkman) schuf er für DC Comics, für die er bis zuletzt tätig war. 1976 gründete er die Joe Kubert School of Cartoon and Graphic Art, die bis heute Comiczeichner ausbildet. Unter Kuberts Schülern an dieser Einrichtung waren auch der Schweizer Zeichner David Boller und seine Ehefrau Mary Hildebrandt, deren Nachruf oben verlinkt ist.

When Obituaries Go Wrong
Bleeding Cool, Rich Johnston
Viel Empörung gab es über den Umgang von DC Comics mit dem Tod von Joe Kubert. In einem kurzen Nachruf, der auf der DC-Website veröffentlicht wurde, fiel kein Wort von den legendären Comics, die Kubert in all den Jahrzehnten für DC zeichnete, stattdessen wurde auf die derzeit laufende Miniserie Nite Owl hingewiesen, an der Kubert als Tuscher beteiligt war, und die zum heiß umstrittenen Before Watchmen-Projekt gehört. Nach zahlreichen Protesten änderte DC schließlich den Text. Bleeding Cool dokumentiert den Originaltext und die Reaktionen darauf.

Rest In Peace: Sergio Toppi (11.10.1932 – 21.08.2012)
Comic Report
Sergio Toppi, 1932-2012
The Comics Reporter, Tom Spurgeon 
Nicht so legendär wie Joe Kubert, aber für zahlreiche Comickünstler äußerst einflussreich: der Italiener Sergio Toppi, der am 21. August mit 79 Jahren verstarb.

MUST LISTEN: Audio of the 1954 Senate Comic Book hearings
The Beat, Heidi MacDonald
Die legendären Senatsanhörungen aus dem Jahr 1954, in denen der Psychologe Frederic Wertham seine Thesen von der Verführung der unschuldigen Kinder durch Comics vertrat und die zu extremen Veränderungen auf dem US-Comicmarkt führten, kann man sich jetzt als Audiomitschnitt anhören. Der Hörfunksender WNYC stellt zwei Mitschnitte im Rahmen des „NEH Preservation Project“ zur Verfügung.

Was bleibt vom Hype um die Graphic Novels?
Profil, Philip Dulle
Die Überschrift des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil klingt bereits sehr nach Abgesang, doch der Tenor des Artikels ist eher optimistisch. Auch wenn durchaus kritische Stimmen zu Wort kommen, z.B. zu den „Sekundärveröffentlichungen, also jenen Comics, denen Klassiker der Literatur zugrunde liegen.“

Sondermann 2012
Splashcomics, Henning Kockerbeck
Wie in jedem Jahr darf wieder für den Sondermann abgestimmt werden. Der Comicpreis der Frankfurter Buchmesse versteht sich ausdrücklich als Publikumspreis. In fünf Kategorien sind jeweils drei Titel nominiert, basierend auf Verkaufszahlen (bzw. Zugriffszahlen bei den Webcomics). Splashcomics stellt alle Nominierten vor, abstimmen kann man noch bis 16. September.

Don’t tweet angry – Rob Liefeld, eine Kündigung und ein Twitteraccount
Ein Comic Leben, Jean Fischer
Rob Liefeld, der zuletzt an einigen DC-Serien als Zeichner und Autor beteilligt war, wirft das Handtuch. Und meckert auf Twitter öffentlich über aus seiner Sicht unfähige Redakteure. Das ganze steigert sich im weiteren Verlauf zu Wortscharmützeln mit etlichen Branchenkollegen, an deren Ende vor allem einer schlecht aussieht: Liefeld selber. Ein Comic Leben fasst das Geschehen zusammen, mehr dazu steht bei ComicsAlliance und Robot 6.

Die Weihnachtsgeschichte als Comic zeichnen
kirche-hamburg.de, Monika Rulfs und Mechthild Klein
Die evangelische Kirche in Hamburg schreibt einen Wettbewerb aus, bei dem die biblische Weihnachtsgeschichte als Comic umgesetzt werden soll. Der erste Preis ist mit 2.500 Euro dotiert.

PPM-Interview mit Frauke Pfeiffer von Comicgate
PPM, Michael Hüster
Last but not least: Auf den Redaktionsseiten des Comicvertriebs PPM, der auch unser Printmagazin vertreibt, gibt unsere Chefredakteurin einen Einblick hinter die Kulissen, bei dem es vor allem um die Entstehung des gedruckten Magazins geht.

Wormworld Saga: Interview mit Daniel Lieske

 

Scheinbar aus dem Nichts rüttelte Weihnachten 2010 ein deutscher Zeichner die internationale Webcomicszene auf: Mit dem ersten Kapitel seiner Wormworld Saga erregte Daniel Lieske die Aufmerksamkeit der ganz Großen wie Scott McCloud, einem Pionier der digitalen Comicwelt. Was war so ungewöhnlich an seinen Arbeiten? Neben seinen technisch versierten, detailreichen Zeichnungen, der professionellen Kolorierung und der mehrsprachigen Veröffentlichung zeichnet seinen Webcomic die Nutzung der digitalen Möglichkeiten aus: Lieske verwendet konsequent die so genannte unendliche Leinwand (von McCloud als „infinite canvas“ bezeichnet). Im Gegensatz zu den klassischen Panel- und Leseanordnungen in Comics scrollt sich hierbei der Leser von links nach rechts oder – wie im Fall der Wormworld Saga – von oben nach unten durch die Geschichte, anstatt von einer Seite zur nächsten zu blättern. Die einzelnen Szenen fließen häufig ineinander über, was ein ganz neues Lesegefühl vermittelt. Da Daniel Lieske nicht wie viele andere Webcomiczeichner eine spätere Printveröffentlichung im Auge hatte, kann er sich diesen künstlerischen Luxus leisten. Nachdem mehrere Verlage auf Daniel Lieske zugegangen waren, machte er sich dann aber doch Gedanken über eine mögliche gedruckte Ausgabe. Den Zuschlag erhielt schlussendlich Tokyopop Deutschland, die die erste Printausgabe im November 2012 herausbringen.

Anlässlich der Online-Veröffentlichung des vierten Kapitels haben wir uns mit Daniel unter anderem über seinen Comic, sein neues Leben als Vollzeitcomiczeichner und moderne Finanzierungsmöglichkeiten unterhalten.

 Panel aus Wormworld Saga von Daniel Lieske

Frauke Pfeiffer: Hallo Daniel, heute ging das 4. Kapitel Deiner Wormworld Saga online. Wie fühlst Du Dich jetzt nach der Fertigstellung?

Daniel Lieske: Nach dem Kapitel-Release ist vor dem Kapitel-Release! 🙂 Aber es ist schon so, dass ich nach der Fertigstellung eines Kapitels erstmal entspannter bin und alles ein bisschen langsamer angehen lasse. Normalerweise gönne ich mir dann immer eine knappe Woche, um erstmal in Ruhe die Reaktionen im Internet zu verfolgen, auf meinem Blog und der Facebookseite mit den Fans zu kommunizieren, bevor ich dann langsam mit der Vorversion des nächsten Kapitels anfange. Dieses Release ist allerdings in der Hinsicht speziell, dass wir gleichzeitig auch eine Kickstarter-Kampagne gestartet haben, die jetzt 30 Tage betreut werden muss, und außerdem steht auch die Veröffentlichung des ersten Wormworld-Bandes bei Tokyopop an, weshalb meine kommenden Wochen ein bisschen anders aussehen werden als bei den vorangegangenen Kapiteln.

Lag zwischen 1. und 2. Kapitel noch ein Jahr, hast Du Kapitel 3 und 4 in jeweils vier Monaten fertiggestellt. Eine Wahnsinnsleistung! Meine Hochachtung dafür. Du arbeitest jetzt Vollzeit an der Geschichte, oder?

Besten Dank! Genau, ich arbeite seit Juli 2011 Vollzeit an dem Projekt und anders wäre es natürlich auch gar nicht möglich, ein Kapitel in vier Monaten umzusetzen.

Eine enorme Umstellung, wenn das Hobby zum Beruf wird. Hat sich sonst noch etwas verändert zwischen den Arbeiten am 1. Kapitel und dem letzten Jahr?

Ja, gut, ich bin kurz nach Veröffentlichung des ersten Kapitels noch Vater geworden. Da kamen schon einige heftige Veränderungen zusammen im letzten Jahr. Ich bin daher auch extrem glücklich, dass ich derzeit von zu Hause arbeiten kann und so viel von meinem kleinen Sohn mitbekomme. Das kann mir im Endeffekt auch keiner mehr nehmen, egal welchen Verlauf die Dinge noch nehmen sollten.

Hast Du eigentlich die Möglichkeit, wieder in Deinen alten Job einzusteigen, falls irgendwas nicht so laufen sollte wie geplant?

Ich würde nicht in meinen alten Job zurückgehen wollen. Die Wormworld Sage würde ja, selbst wenn sie schlecht liefe, schon mal einen Teil meines Einkommens decken. Den Rest würde ich dann als Freelancer dazuverdienen und die Kapitel eben etwas langsamer veröffentlichen. Das wäre tatsächlich schon mein Worst-Case-Szenario. In meinem alten Job habe ich Grafiken für drittklassige Computerspiele erstellt und dabei seit zehn Jahren auf der Stelle getreten. Da zieht mich wirklich nichts mehr hin zurück.

Wie sehr setzt Du Dich selber unter Druck? Verfluchst Du mittlerweile Deine Entscheidung, Wormworld Saga so straff durchziehen zu wollen, oder macht es immer noch Spaß?

Also, grundsätzlich habe ich den Zeitplan so angelegt, dass ich mich nicht totarbeiten muss. Vier Monate sind ausreichend, um ein Kapitel fertigzustellen, ohne dass ich an den Wochenenden arbeiten muss. Das Ganze soll ja langfristig funktionieren und ich möchte keinen Burnout riskieren. Ich genieße den schnellen Fortschritt derzeit sehr und freue mich immer wieder aufs nächste Kapitel.

Die Frage ist sicherlich eine der häufigsten, die Dir gestellt wird: Wie lange sitzt Du eigentlich an einem Panel? Der Detailreichtum und die beeindruckende Kolorierung hat ja im Lauf der Geschichte eher noch zu- als abgenommen. Arbeitest Du auch mit Techniken wie digitale Stempel o. ä., um Dir die Arbeit etwas zu erleichtern?

Das ist natürlich sehr abhängig vom jeweiligen Bild. Das aufwendigste Panel bisher hat mich 18 Stunden gekostet, es gibt aber auch Panels, die in einer halben Stunde fertig werden. Durchschnittlich sitze ich so zwischen zwei und drei Stunden an einem Panel. Wenn es geht, verwende ich Hintergründe wieder und hin und wieder dupliziere ich auch Charaktere, wenn sich bei denen zum Beispiel nur Details im Gesichtsausdruck ändern. Grundsätzlich versuche ich aber, dass jedes Panel seinen eigenen Charakter hat und nicht der Eindruck von Copy & Paste entsteht. Zeit spare ich dann eher durch den digitalen Arbeitsprozess an sich, weil er viel schneller ist als die analogen Techniken.

Panel aus Wormworld Saga von Daniel Lieske

Gibt es überhaupt noch irgendwas Analoges bei Deinen Arbeiten, Scribbles zum Beispiel?

Kapitel 1 ist ja entstanden, während ich noch als Angestellter gearbeitet habe. Da habe ich dann auf dem Weg zur Arbeit im Zug schon mal mit Bleistift in mein Notizbuch gezeichnet. Jetzt arbeite ich aber die ganze Zeit zu Hause und da nutze ich analoge Werkzeuge nur noch, um mir kleine ToDo-Listen auf einem Clipboard zu schreiben.

Entwickelt sich die Geschichte in eine andere Richtung, als Du dachtest, oder hast Du schon alles detailliert vorgeskriptet?

Überraschungen erlebe ich eher im Detail. Vor jedem Kapitel designe ich Charaktere und Locations, von denen ich bis zu diesem Zeitpunkt nur vage Vorstellungen habe. Die Story selbst ist schon recht ausgereift, und da stellt sich dann meistens eher die Frage, wie ich den vorgesehenen Inhalt des Kapitels dramaturgisch löse. Mein Ziel ist es, dass jedes Kapitel für sich eine befriedigende Einheit bildet und dies zu erreichen erfordert manchmal, dass ich Inhalte zum Beispiel in das Folgekapitel verschiebe oder umgekehrt.

Bist Du da mehr der Einzelkämpfer oder holst Du Dir zwischendurch Feedback von Freunden und Kollegen ein?

Ich brauche dringend das Feedback von einigen Eingeweihten, da ich nicht immer garantieren kann, dass ich verständlich schreibe für jemanden, der nicht mein Hintergrundwissen besitzt. Meine Frau ist da meine wichtigste Verbündete und sie hat teilweise schon echte Katastrophen verhindert.

Kannst Du ein Beispiel nennen? Nur im Bereich Storytelling oder auch grafischer Natur?

Grafisch bin ich eigentlich releativ sicher, obwohl es auch da schon vorgekommen ist, dass meine Frau eine Pose bemängelt hat, die ich dann abgeändert habe. Das beste Beispiel für die wichtige Rolle meiner Frau in dem Prozess ist sicher das aktuelle Kapitel 4, dessen Vorversion (quasi das Storyboard) ich noch einmal komplett überarbeiten musste, nachdem die erste Version komplett bei meiner Frau durchgefallen war. Erst nachdem ich ungefähr die Hälfte aller Sachen, die ich in das Kapitel quetschen wollte, herausgeworfen hatte, habe ich zu einer Version gefunden, mit der wir beide letztendlich zufrieden waren.

Einen kleinen Rückblick kannst Du Dir vielleicht schon erlauben: Würdest Du nun etwas anders angehen mit den Erfahrungswerten, die Du mittlerweile gesammelt hast?

Ich habe mich mit dem Grundsatz an dieses Projekt gewagt, dass ich immer den nächsten möglichen Schritt tun möchte. Wenn ich irgendwo Potenzial erspähe, dann bewege ich mich darauf zu. Bisher habe ich nicht das Gefühl, dabei in eine Falle getappt zu sein. Ich stehe allerdings auch noch sehr weit am Anfang und die Optionen werden erst langsam komplexer. Ich denke, dass ich noch einiges an Lehrgeld zahlen werde aber dafür ist dieses Projekt ja auch ein Experiment. Im Detail gibt es natürlich die ein oder anderen Erkenntnisse, die ich mittlerweile dazu nutze, meinen Arbeitsablauf zu verbessern. Kapitel 4 ist zum Beispiel das erste Kapitel, das ich auf Deutsch schreibe und dann erst ins Englische übersetze. Ich denke, das hätte auch bei den ersten drei Kapiteln Sinn gemacht.

Inwiefern – hätte Dir das Arbeit gespart oder hast Du einfach das Gefühl, dass es sich für Dich auf Deutsch natürlicher, runder schreiben lässt?

Kapitel 1 habe ich ursprünglich auf Englisch geschrieben, weil ich von Anfang an eine internationale Verbreitung der Geschichte angestrebt hatte. Nach dem ersten Kapitel gab es dann ja viel Unterstützung von den Fans, die fleißig Übersetzungen beigesteuert haben, und bereits Kapitel 2 wurde von zwei Muttersprachlern lektoriert. Kapitel 3 habe ich auch noch gut auf Englisch schreiben können, aber in Kapitel 4 wurde die Sprache jetzt so schwierig, dass ich es lieber auf Deutsch geschrieben habe. Dann habe ich es sinngemäß ins Englische übersetzt und meinen Lektoren die Feinarbeit überlassen. Ich denke, auf diese Weise ist die deutsche Version besser geworden als bei den vorangegangenen Kapiteln, bei denen ich mich hier und da vielleicht noch etwas zu stark an die englische Version angelehnt habe. Auf jeden Fall werde ich den Arbeitsablauf jetzt so beibehalten.

Panel aus Wormworld Saga von Daniel Lieske

Wenn ich mich richtig erinnere, ging es bei Deiner ersten Kickstarter-Kampagne “nur” um die Umsetzung von Wormworld-Apps, durch deren Verkauf Du wiederum die Fortsetzung des Comics ermöglichen wolltest. Das war allerdings, bevor Du die Veröffentlichung von Tokyopop angeboten bekommen hast. Lebst Du nun trotzdem von den direkten und indirekten Kickstarter-Einnahmen oder hat der Vertrag einiges verändert?

Die App steuert ihren Anteil zu meinem Auskommen bei, allerdings noch nicht in dem Maße, wie ich es mir erhofft hatte. Meiner ursprünglichen Planung nach sollte die App schon nach einem halben Jahr mein gesamtes Auskommen sichern. Da sind wir zur Zeit noch recht weit von entfernt, obwohl es gerade in den letzten Wochen ein paar erfreuliche Entwicklungen rund um die App gab. Ein Feature auf Google Play hat dafür gesorgt, dass die App mittlerweile über 150.000 User hat, und aus dieser Menge rekrutiere ich ja quasi diejenigen Leser,  die in der App den Special Content kaufen und dadurch Einnahmen für mich erzielen. Nach dem jetzigen Stand gehe ich davon aus, dass die App mittelfristig noch nicht mein komplettes Auskommen decken, aber ein stabiles und ständig anwachsendes Standbein sein wird. Gegenüber meiner ursprünglichen Planung muss ich jetzt aber natürlich noch ein paar mehr Standbeine aufstellen, um das Projekt auf voller Kraft weiterlaufen lassen zu können. Der Buchvertrag ist eines davon und fängt derzeit glücklicherweise einiges auf.

Und worum geht es bei Deiner neuen Kickstarter-Kampagne?

Mit der aktuellen Kickstarter-Kampagne wollen wir die Startinvestition für einen Bereich finanzieren, der bis jetzt noch komplett brach liegt. Wir wollen Fan-Artikel produzieren, deren Verkauf ein weiteres Standbein für das Projekt darstellen wird. Das ist bei vielen Comicprojekten ja der Standard aber ich habe mich bisher nie da herrangewagt, weil ich es zeitlich einfach nicht stemmen konnte. Jetzt, wo der Nachwuchs langsam aus dem Gröbsten raus ist, kann allerdings meine Frau diesen Part übernehmen und wir sind sehr gespannt, wie die Resonanz bei den Fans sein wird. Ich würde mich freuen, wenn es uns hier gelänge, ein weiteres Standbein aufzustellen. Je mehr, je besser!

Wann soll diese Kampagne denn starten – zusammen mit dem 4. Kapitel?

Ja, die Kampagne startet direkt mit dem vierten Kapitel. Wer das vierte Kapitel liest, wird am Ende quasi direkt auf das Präsentationsvideo der Kampagne stoßen.

Wie siehst Du allgemein die Entwicklung bei Crowdfunding-Projekten? Mein Eindruck ist, dass es immer voller und dadurch beliebiger wird. Aufgrund der größeren Konkurrenz werden es einzelne Projekte immer schwerer haben, kann ich mir vorstellen.

Ich denke, man muss bezüglich Crowdfunding langsam von einem Paradigmenwechsel sprechen. Besonders, was den Einstieg in die Professionalität angeht. Ich beobachte mittlerweile Independent-Autoren, die mit vielleicht 1000 Unterstützern Budgets von knapp 100.000 Dollars erzielen. Das reicht im Grunde aus, um jedes Jahr ein neues Buch zu veröffentlichen und neben den Kosten auch noch ein gutes Auskommen zu haben. Der Knackpunkt ist hier, dass wenn man die gleichen Einnahmen über einen Verlag erzielen wollte, man ja knapp die hundertfache Anzahl an Büchern verkaufen müsste. Besonders wenn man als Künstler nicht unbedingt im Mainstream verortet ist, sollte man sich wirklich fragen, welcher der viel versprechendere Weg ist. Ich denke aber, dass gerade etablierte Künstler den Verlagen noch lange die Treue halten werden, denn die nehmen einem ja auch einfach eine Menge Arbeit ab, und wenn es läuft …

Wenn man es extrem sehen will, könnte es darauf hinauslaufen, dass Künstler und ihre Leser in Zukunft weder Verlag noch Vertriebe oder Läden brauchen – nicht nur bei Comics, sondern auch bei Büchern, Musik usw. Allerdings ist die Auswahl für die Kunden bei solchen digitalen Angeboten oft schwieriger; der Künstler ist einer von ganz, ganz vielen. Um massive Selbstvermarktung käme wohl niemand mehr drumherum.

Ich denke, die Situation sieht in den Buchläden nicht großartig anders aus. Dort ist man auch ein Buch unter Tausenden und verschärft wird die Konkurrenz noch durch den begrenzten Regalplatz. Irgendwann verschwindet man einfach aus den Regalen und kann dann gar nicht mehr gefunden werden. Das passiert einem im Internet nicht. Auch das Argument, dass man im Internet mit viel mehr Künstlern konkurriere, würde ich differenziert betrachten. Der Großteil der im Internet vertretenen Künstler sind Anfänger, die ihre ersten Gehversuche im Internet veröffentlichen. Mit diesen Werken wird keine große Aufmerksamkeit erzielt und sie lenken nicht wirklich von den hervorstechenden Werken ab. Ich mache eher die Erfahrung, dass wenn man einen gewissen Level an Professionalität erreicht, es sehr leicht fällt, im Internet ein Publikum zu finden. Qualität spricht sich schnell rum. Um eine gewisse Selbstvermarktung kommt man natürlich dabei nicht herum. Aber die braucht man ja heute auch schon, um einen Verlag für sich zu interessieren.

Panel aus Wormworld Saga von Daniel Lieske

Wie ist das eigentlich allgemein mit der Printveröffentlichung und im speziellen mit Tokyopop gelaufen? Hast Du länger darüber nachdenken müssen? Schließlich ist die „unendliche Leinwand“ eines der Merkmale der Wormworld Saga. Und hast Du eher mit Angeboten US-amerikanischer Verlage gerechnet, vielleicht sogar erhalten?

Ich habe angefangen, mich mit der Idee einer Buchausgabe zu beschäftigen, nachdem verschiedene Verlage aus unterschiedlichen Ländern an mich herangetreten waren. Auch vorher schon hatte ich viele Anfragen von Fans erhalten, aber ich habe es für mich immer ausgeschlossen, neben der Online-Ausgabe auch noch in Eigenregie eine Printausgabe zu organisieren. Darauf hatte ich auch einfach nicht abgezielt. Als die Angebote der Verlage dann kamen, war es mein Hauptinteresse dafür zu sorgen, dass ich mit der Printausgabe so wenig wie möglich zu tun habe. Da ich mir mit Tokyopop einig werden konnte, dass sie das komplette Layout der Printausgabe übernehmen, war das letztendlich eine schöne Sache. Ganz grundsätzlich bin ich sehr mit der Zusammenarbeit mit Tokyopop zufrieden. Auf deren Seite herrscht eine große Offenheit gegenüber der Online-Ausgabe und dem gedanklichen Ansatz, dass man sich eher gegenseitig pushen wird, anstatt sich Konkurrenz zu machen.

Auf was können wir uns bezüglich Format, Seitenanzahl, Extras freuen? Wann genau wird es erscheinen, welcher Erscheinungsrhythmus ist geplant?

Ich bin ja auf eigenen Wunsch nicht sehr intensiv in diese Entscheidungen eingebunden und überlasse den Profis da die Einschätzung, welches Format am Markt die besten Chancen haben könnte. Was ich sagen kann ist, dass mich die Umgestaltung des Layouts bisher völlig überzeugt hat und ich mich sehr auf die Buchausgabe freue. Von der Größe her lehnt sich das Buch am Mangaformat an, was mir persönlich sehr sympathisch ist, da ich viele meiner liebsten Comicerfahrungen – sei es jetzt Akira, Hellboy oder Bone – auch in diesem Format gemacht habe. Was ich, glaube ich, auch schon sagen kann ist, dass der erste Band die ersten drei Kapitel beinhalten und deutlich über 100 Seiten haben wird. Skizzen und Concepts wird es in einem großzügigen Anhang geben, und eine Fan-Art-Galerie ist auch vorgesehen. Ob die Folgebände den gleichen Umfang haben werden, ist noch nicht final entschieden, aber ich denke der Ansatz, jedes Jahr ein Buch mit den drei Kapiteln des jeweiligen Jahres rauszubringen, würde zumindest stimmig klingen. Wir werden es sehen.

Sind auch Lizenzausgaben ins Ausland – über Tokyopop oder von Dir selber aus – angedacht?

Kurz gesagt: ja. Ich will die Printrechte in so viele Länder wie möglich vergeben. Die Zugriffsstatistiken auf der Webseite geben da ja einen wunderbaren Indikator, in welchen Ländern Fans zu finden sind. Ich denke, der deutschen Ausgabe wird sehr schnell eine englische Version folgen. Im englischen Sprachraum sitzt der größte Teil der Wormworld-Saga-Fans.

Liest Du eigentlich selber noch Comics – und wenn ja, nur digital?

Ich hatte in meiner Teenagerzeit meine intensivste Comicphase. Zur der Zeit habe ich hauptsächlich Mangas wie Akira oder Appleseed gelesen. Danach bin ich von Comics etwas abgekommen, was mir allerdings auch die Möglichkeit gegeben hat, mit frischem Blick an mein eigenes Projekt heranzugehen. Als ich mit Kapitel 1 begann, wusste ich quasi gar nicht, wie Comics mittlerweile produziert und vermarktet werden. Daher habe ich alles einfach so gemacht, wie es mir selbst am sinnvollsten erschien und habe so vielleicht zu Lösungswegen gefunden, die ich mit mehr Erfahrung im Comicgeschäft vielleicht von vornherein ausgeschlossen hätte. Zur Zeit lese ich eigentlich fast kaum Comics (wie ich auch während meiner Zeit in der Computerspieleindustrie kaum Computerspiele gespielt habe …), aber was ich absolut verschlinge, sind alle Sachen von Mike Mignola. Allerdings nur die, die er auch selbst gezeichnet hat.

Vielen Dank für die ausführliche Beantwortung unserer Fragen und viel (oder besser gesagt: noch mehr!) Erfolg mit Wormworld Saga!

Hier klicken, um zur Wormworld Saga zu gelangen.

 

Young Bride’s Story 1

Cover von Young Bride's Story 1Der aktuelle Manga von Kaoru Mori Young Bride’s Story ist, um es kurz zu benennen, eines dieser liebevollen Werke, deren Figuren einem sofort sympathisch sind und das man nicht der Spannung wegen liest, sondern weil das Lesen an sich Spaß macht.

Wie schon in Moris vorheriger Serie Emma – eine viktorianische Liebe (in der es um die standesübergreifende Beziehung zwischen einem Dienstmädchen und einem Adligen aus der Mittelschicht im London Ende des 19. Jahrhunderts geht) geht es um eine ungewöhnliche Liebesbeziehung in einem mangauntypischen Umfeld. Der Leser steigt direkt in die Geschichte ein und wird von ihr an die Hand genommen.

Die Handlung beginnt sinnigerweise mit einer Hochzeit, wobei das Setting erfrischend unverbraucht für eine Manga-Liebesgeschichte ist: Man befindet sich in einem eurasischen Dorf im 19. Jahrhundert. Das Brautpaar steht sich bei der Feierlichkeit gegenüber und als der Schleier gelüftet wird, sehen sich die 20-jährige Amira und ihr 12-jähriger Bräutigam Karluk zum ersten Mal. Ihre Reaktionen spiegeln die Überraschung des Lesers wider, denn während Amira als reife Frau dargestellt wird, ist Karluk nun mal ein Kind. Dieser Umstand dürfte bei einigen Lesern Skepsis hervorrufen, allerdings sei gesagt, dass die Geschichte (bis auf eine zarte Kussszene zwischen den beiden) keine körperliche oder sexuelle Ebene in der jungen Ehe zum Thema macht. Dies wird schon zu Beginn umgangen, indem man Karluk neben die fast gleichaltrigen Kinder seiner Schwester stellt. Diese scheint nur etwas älter als Amira zu sein, wurde also recht jung schwanger. Durch diese Familienverflechtungen wird offensichtlich, dass der kulturelle Kontext, in dem die Geschichte spielt, keine Grundlage für eventuelle kontroverse Diskussionen bieten soll. Für den Erzählfluss ist das umso angenehmer, würde eine Thematisierung hier doch eher künstlich und moralpredigend auf den ansonsten sehr „weichen“ Charakter des Manga wirken.

Es wird lediglich die Geschichte von Amira erzählt, die aus einem Nomadenstamm in eine dörfliche Familie einheiratet und sich dort nach und nach einlebt. Die Handlung an sich bleibt dabei recht dünn. Größtenteils werden alltägliche Szenen aus Amiras Leben als Teil einer neuen Familie geschildert: nur zum Schluss des Bands wird ein Konflikt angedeutet. Das mag belanglos klingen, doch Mori erzählt ihre kleinen Brautgeschichten auf so liebevolle Weise und hohem handwerklichen Niveau, dass der fehlende Spannungsbogen kaum ins Gewicht fällt.

Beispiel aus Young Bride's Story 1Seit ihrer Vorgängerserie Emma – eine viktorianische Liebe hat Moris Stil noch einmal einen Sprung nach vorn gemacht: Die Kleidung ist noch detaillierter, die Hintergründe noch ausgefüllter, die Landschaften noch lebendiger, die Figuren noch markanter und ihre Bewegungen noch kraftvoller und ausdrucksstärker. Selbst wenn seitenweise kein Text vorkommt, verweilt man gerne, um die Bilder wirken zu lassen. Sind die Muster eines Kleidungsstückes beispielsweise noch so klein, so kann man sie dennoch immer klar und fein bis in jede Faser erkennen. Dabei sind die meist klassisch aufgeteilten Seiten aber nie überladen.

Beispielseite von Young Bride's Story 1Mori offenbart im Nachwort ihre Faszination für die Kultur der Seidenstraße, doch wird die Geschichte mit ihren gesellschaftlich-kulturellen Verweisen nicht unnötig erdrückt. Szenen wie die zwischen Karluks Neffen und einem Holzschnitzer oder Amiras Hasenjagd zeigen, mit wie viel Liebe und Sorgfalt Mori an ihrem Werk gearbeitet hat. Sie spiegelt sich hier auch in ihren Figuren wider. Wenn der Leser mit den Augen des kleinen Jungen den Schnitzer bei seiner Arbeit beobachtet und dabei genau den Bewegungen seiner Hand folgt; oder wenn Karluk Amiras Hasenjagd verfolgt, wie diese sich dem Tier angespannt und konzentriert nähert, dabei immer wieder die Perspektive wechselt und man das Gefühl hat, man könnte die Bewegung von Amiras Kleid geradezu hören; dann überträgt sich Moris Leidenschaft auf den Leser und das anfänglich ungewohnte Thema steckt zum Weiterlesen an. Man wird von der atmosphärischen Dichte der Geschichte aufgesogen und freut sich zusammen mit Amira über die erfolgreiche Jagd und das Staunen der Familienmitglieder.

Hinzu kommt, dass die Protagonisten einem unverzüglich ans Herz wachsen. Aus Amiras Sicht lernt man nach und nach die Familie kennen, in der jeder mit so viel Offenheit und Gefühl agiert, dass die Geschichte sehr bewegend und lebendig erscheint. Dieser Punkt zeichnet den Manga im Besonderen aus und macht ihn zu einem Juwel. Der Meinung war man in diesem Jahr auch bei der Vergabe des Prix Intergénérations beim 39. Internationalen Comic-Salon in Angoulême 2012.

Auf Deutsch liegen bei Tokyopop mittlerweile die ersten drei Bände der Serie vor. In späteren Bänden widmet sich Mori außer Amira und Karluk noch weiteren Figuren und ihren Young Bride‘s Stories. Die Zeichnerin kann dadurch auch aus verschiedenen Blickwinkeln von der Lebensart Eurasiens erzählen und zur Freude des Lesers tobt sie sich dabei weiterhin auf gewohnt charmante Weise aus.


Wertung
: 9 von 10 Punkten

Erfrischend ausgefallene Lovestory mit einem klasse Artwork

 

Young Bride’s Story 1
Tokyopop, August 2011
Text und Zeichnungen: Kaori Mori
Übersetzung: Alexandra Keerl
196 Seiten; Softcover, schwarz-weiß
Preis: 6,95 Euro
ISBN: 978-3842002296

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Kaori Mori, der dt. Ausgabe: Tokyopop

Kraa 2 – Der Schatten des Adlers

Cover Kraa 2Endlich legt Benoit Sokal den nächsten Teil von Kraa vor. Ursprünglich auf zwei Bände angelegt, ist der Stoff mittlerweile zu einer Trilogie herangewachsen. Aber auf den ersten Blick hat das der Serie nicht sonderlich gut getan. Denn dem grandiosen Einstieg in die Trilogie von Kraa kann der zweite Band nicht ganz das Wasser reichen. Das liegt vorrangig daran, dass hier inhaltlich kaum eine Entwicklung stattfindet, sondern nur der Status Quo, der am Ende des ersten Bandes vorlag, genauer dargestellt wird.

Die selben Schurken hantieren immer noch und versuchen Reichtum und Macht auf Kosten der Natur und der Menschen zu erreichen. Rücksichtlos, voller Verachtung, streben sie einzig nach Profit. Da soll ein Staudamm gebaut werden, welcher das heilige Tal der Indianer bedroht. Während die Arbeiter sich im unwirtlichen Wetter abmühen, eine Straße in der Wildnis anzulegen, inklusive schwerer Unfälle, leben der Indianerjunge Yuma und sein Adler in einer starken Symbiose, die nicht ganz ungefährlich ist. Hier setzt Sokal eines seiner zentralen Schaffensmotive, das Anthropomorphisieren von Tieren, fort. Aber diese Symbiose zwischen Mensch und Tier birgt auch Gefahren, und zwar nicht nur die Eifersucht des Adlers auf Yuma. Denn es entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Und die Stadt, die aufgrund des Raubtierkapitalismus errichtet wird, steht auf tönernen Füßen.

Seite aus Kraa 2Sokal schildert also nur, was unmittelbar auf die Geschehnisse des ersten Teils folgt. Die Unzufriedenheit der Arbeiter aufgrund ihrer Ausnutzung und Rechtlosigkeit, Korruption, Rassismus, Gewalt, et cetera. All das war schon im Auftaktband vorhanden, und so enttäuscht der zweite in einem gewissen Sinne. Aber er ist immer noch stark. Der Raubtierkapitalismus auf Kosten der Natur wird hier noch deutlicher herausgestellt. Der Mensch ist dabei, sich die Natur Untertan zu machen. Allerdings ohne Respekt und im starken, vielleicht irrigen Glauben, dass die Technik alles beherrschen kann. Auch Leben und Sicherheit haben im Angesicht des Kapitals keine Chance, es zählen nur Profit und Macht.

Doch im Grunde sind sich der freie Kapitalismus und die Natur sogar ähnlich, schließlich zählt immer nur das Gesetz des Stärkeren. Der Schwächere wird gefressen. Indem Sokal diese beiden Ebenen deutlich macht, verhindert er eine Glorifizierung der Natur, ohne sie mit dem Kapitalismus gleichzeitig zu verdammen. Er vermeidet eine klare Gut-und-Böse-Sichtweise, sondern sieht immer auch die Schattenseiten. Der Held Yuma und sein Adler sind ebenso brutal wie die Schurken, wenngleich deren Motive (Rache und das Beschützen der Natur) edler wirken. Aber diese Symbiose ist gefährlich, da der eine eben ein Mensch und der andere ein Tier ist. Die Instinkte drohen die Oberhand zu gewinnen. Stellenweise erinnert das an das Dschungelbuch von Kipling, wo Mowgli zwischen Tieren und Menschen hin und her gerissen ist und in diesem Zwiespalt alle in die Katastrophe führen könnte. Die Natur schlägt hier zurück und zeigt den Menschen die Grenzen der Machbarkeit auf. Merkwürdigerweise sind die beiden Hauptpersonen, Yuma und Kraa, kaum zu sehen und ein Großteil der Handlung beschränkt sich auf die Arzthelferin und die Entwicklungen in der Stadt.

Die Helden werden ziemlich an den Rand gedrängt. Im Gegensatz zum ersten Band arbeitet Sokal weniger mit gedeckten Farben. Die Panels auf der Baustelle und in der Stadt versinken zwar quasi mit ihrem Braun-und-Schwarz-Tönen im Dreck, aber die Naturschilderungen sind sehr klar gezeichnet und weisen manchmal ironische Elemente auf (zwei sich jagende, paarungswillige Biber, während über den Frühling geredet wird). Die wunderschönen, sehr stimmungsvollen Zeichnungen haben zwar manchmal leichte Perspektivfehler, die man aber aufgrund der überwältigenden Gemälde gerne ab und zu in Kauf nimmt.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Immer noch stark, doch leider kommt die Handlung nicht recht voran.

 

Kraa 2 – Der Schatten des Adlers
Splitter Verlag, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Benoit Sokal
Übersetzung: Resel Rebirsch
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-261-7
Leseprobe

 Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Hauteville House 1&2

Cover Hauteville House 1Wir schreiben das Jahr 1864. Napoleon III. ist mit seiner kaiserlichen Armee gerade im Begriff, sein Reich über ganz Amerika auszudehnen. Doch England und Preußen wollen diesen Plan vereiteln und den Kaiser stürzen. Vom Wohnhaus des Exilanten Victor Hugo, dem „Hauteville House“, aus operiert der republikanische Widerstand. Einer ihrer Agenten ist Gabriel Valentin la Rochelle, Codename Gavroche.

Die Mission führt Gavroche zusammen mit der attraktiven Kollegin Zelda nach Mexiko, wo Napoleons Geheimdienst nach den geheimnisumwitterten Chroniken des Bernal Diaz del Castillo, des Chronisten der Konquistadoren, sucht. Das Manuskript soll Hinweise auf eine übernatürliche Waffe liefern, die den endgültigen Sieg des Kaisers herbeiführen könnte.

Hauteville House ist die erste komplett neue Serie für Finix Comics. Und deren Parallelstart mit den ersten beiden Alben lässt sich gleich mal richtig gut an. Der Comic von Fred Duval (Freibeuter, Travis) und Thierry Gioux (Der Wind der Götter) versetzt den Leser in eine historische Alternativwelt, zusammengebaut aus Action-, Abenteuer- und Steampunk-Versatzstücken. Die Handlung ist atmosphärisch dicht gestrickt und spannend geschrieben. Hauptdarsteller Gavroche wandelt Seite aus Hauteville House 1zwischen riesigen Zepellinfestungen, Robotern und Opferritualen höchst dynamisch auf dem Grat zwischen Abenteurer und Spion. Ein bunter, aber homogener Mix aus dampfbetriebener Technologie und Okkultismus herrscht in dieser Serie vor. Gavroche wird dabei als Schnittmenge aus James Bond und Indiana Jones skizziert. Und das durchaus überzeugend.

Die Zeichnungen von Thierry Gioux warten mit einigen sehr eindrucksvollen Szenen auf. Der Künstler versteht sich auf historisches Ambiente und bringt sehr detailreiche Bilder zu Papier. Leider sind nicht alle davon perfekt gelungen, gerade was unsaubere Figurenzeichnungen in manchen Panels angeht. Zudem wird die ernsthafte Story hin und wieder zugunsten einer möglichst rasanten, actionreichen Darstellung geopfert, die den Realismus gerne mal hinten anstellt. Andererseits macht dieser kurzweilige Stilwechsel die ersten beiden Bände von Hauteville House auch ein Stück weit aus. Letztlich bleibt dieser Umstand Geschmacksache.

Vom Gesamteindruck her gefällt mir die Serie bislang sehr gut. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es im Kampf gegen Napoleon weitergeht.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Sehenswerte Agentenstory im Steampunk-Gewand


Hauteville House
Finix Comics, Juni 2012
Text: Fred Duval
Zeichnungen: Thierry Gioux
Übersetzung: Tobias Haßdenteufel
je 48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 13,80 Euro

Band 1: Zelda
ISBN: 9783941236677
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Band 2: Reiseziel Tulum
ISBN: 9783941236684
Leseprobe

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics