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Links der Woche: Mit Art Spiegelman, Wimmelbildern und unendlichen Weiten

Unsere Links der Woche, Ausgabe 30/2012 (die mal wieder knapp zwei Wochen abdeckt):

 

Art Spiegelman in den Medien
graphic-novel.info
Das klar beherrschende Comic-Thema in den deutschen Medien war zuletzt Art Spiegelman. Im Kölner Museum Ludwig wurde am 21.9. die große Retrospektive des Maus-Zeichners eröffnet, die zuvor schon in ähnlicher Form beim Festival von Angoulême zu sehen war. Zur Eröffnung war Spiegelman persönlich anwesend, außerdem nahm er in Berlin den Siegfried-Unseld-Preis entgegen. Aus diesem Anlass berichtet die deutsche Kulturpresse praktisch flächendeckend. Sogar ein kurzer Beitrag in der 20-Uhr-Tagesschau war dabei. graphic-novel.de hat eine Linkübersicht.

Meister der subtilen Kritzelei – Art Spiegelmans geniale Comic-Kunst
Das Erste Mediathek, titel thesen temperamente, Brigitte Kleine
Auch das ARD-Kulturmagazin ttt widmete Spiegelman einen Beitrag und besuchte ihn in New York.

Im Kreuzfeuer der Weltreligionen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
FAZ-Redakteur Andreas Platthaus hat schon lange einen guten Draht zu Art Spiegelman und begleitete ihn auch auf seinem Deutschland-Besuch. Im Mittelpunkt dieses Artikels steht die religionskritische Haltung in Spiegelmans Werk.

Der Comiczeichner Ulf K. über „Co-Mix“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ulf K.
Comiczeicher Ulf K. berichtet in der FAZ über seine Eindrücke nach dem Besuch der Ausstellung – in Comicform!

Perry – COMIX – Wimmelbild – Deutsche Zeichner Auswahl
comicguide.net, Gerhard Schlegel
In der September-Ausgabe des Magazins COMIX erscheint ein Perry Rhodan-Comic von Gerhard Schlegel. Ein großformatiges Panel darin lehnt sich an das Cover des DC-Comics Superman vs. Muhammad Ali an, bei dem Zeichner Neal Adams zahlreiche Prominente als Zuschauer rund um den Boxring herum zeichnete. Bei Schlegels Hommage besteht das Publikum aus 139 Vertretern der deutschsprachigen Comicszene: Zeichner, Verleger und sonstige Verdächtige (auch die Comicgate-Chefredaktion ist vertreten). Eine „Who is who“-Legende des Bildes ist hier zu finden.

Laudatio zum Deutschen Biographiepreis 2012 für den Comic-Zeichner Willi Blöß
Biographie-Zentrum, Andreas Mäckler
Im Rahmen der 5. Nordwalder Biografietage erhielt der Aachener Zeichner Willi Blöß den Deutschen Biographiepreis, ein undotierter „Kollegenpreis von Biographen für Biographen“ für seine Künstlerbiographien in Comicform, von denen es inzwischen schon 21 Ausgaben gibt.

Fumetto-Wettbewerb 2013
Fumetto Festival Luzern
Wie in jedem Jahr schreibt das Schweizer Comicfestival wieder einen Comicwettbewerb aus, diesmal in Kooperation mit der Katholischen und der Reformierten Kirche. Das Thema für 2013 lautet „Gerechtigkeit“.

Click and Drag
xkcd, Randall Munroe
In einer spektakulären Episode des berühmten Strichmännchen-Webcomics xkcd muss sich der Leser durch eine riesige unbekannte Welt klicken, in der er allerhand entdecken kann. Dabei sieht man im Comic-Panel immer nur einen kleinen Ausschnitt eines monströs großen Bildes. Unbedingt sehenswert! Dank der Creative-Commons-Lizenz, unter der Randall Munroe seinen Comic veröffentlicht, tauchten im Netz schnell alternative Versionen auf wie diese hier, die das komplette Bild in ein Browserfenster lädt und den Überblick erleichtert. Noch leichter geht das mit dieser interaktiven Karte, auf der man wie bei Google Maps zoomen und navigieren kann.

How Not To Write Comics Criticism
Dylan Meconis
Der US-Comiczeichner Dylan Meconis beklagt in seinem Blog die Qualität vieler Artikel und Rezensionen, die über Comics geschrieben werden. Das gewachsene Interesse an Graphic Novels und Comics sei zwar erfreulich, führe aber dazu, dass es viele „faule, wirre, herablassende, ahnungslose, nicht hilfreiche und teilweise feindselige Texte“ über Comics gebe, vor allem von Rezensenten, die nur wenig Erfahrung mit Comics haben. Deshalb listet er die „Top Ten Comics Criticism Mistakes“ auf – eine kommentierte und illustrierte Liste der nervigsten Klischees beim (schlechten) Schreiben über Comics.

The Wormworld Saga Treasure Chest
Kickstarter, Daniel Lieske
Noch bis morgen, 30.9. läuft die zweite Crowdfunding-Kampagne von Daniel Lieske, mit der er die Arbeit an seinem multimedialen Fantasy-Comic Wormworld Saga finanziert. Nachdem es bei der ersten Aktion 2011 vor allem darum ging, die Finanzierung einer App zu ermöglichen, sammelt Lieske nun für die Produktion von Merchandise-Material, dessen Spektrum von einer einfachen Pappfigur zum Selberbasteln über T-Shirts bis zu einem Holzschwert reicht. Das Ziel von 15.000 US-Dollar ist bereits erreicht, man kann sich aber noch bis morgen finanziell beteiligen. Als Dankeschön an die „Backers“ hat Lieske einen kleinen Realfilm gedreht, der eine kurze Wormworld-Szene zeigt:

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Die Sputnik-Jahre

Cover Die Sputnik-JahreDie Sputnik-Jahre erzählt vom kleinen Jungen Igor, der im Jahr 1957 in einer kleinen lothringischen Industriestadt lebt. Dort liefern sich Kinderbanden nach der Schule Wettkämpfe um die Vorherrschaft, als Indianer verkleidet mit Pfeil und Bogen oder auf dem Fußballplatz. Zur Not auch mit Gewalt. Beeinflusst vom Klassenkampf der Arbeiter, dem Vormarsch der kommunistischen Ideologie und fasziniert vom Satelliten, den die Russen in die Erdumlaufbahn entsendet haben, wächst Igor in einer Umgebung auf, in der er sich seinen Platz erst noch erkämpfen muss.

Igor fordert den Führungsposten seiner Bande im Streit gegen die „da unten“, verliebt sich und versucht mit seinen Freunden Schwarzpulver zu stehlen, um Professor Bienleins Rakete aus dem Tim & Struppi-Comic „Reiseziel Mond“ nachzubauen.

Das klingt im ersten Moment wie eine harmlose Jugenderinnerung, was Die Sputnik-Jahre zweifellos ebenfalls ist. Nur geht Baru (Autoroute du Soleil, Wut im Bauch) hier wieder ein ganzes Stück weiter. Der Comic zeichnet sich, wie so oft bei seinen Werken, durch eine permanent mitschwingende Sozial- und Gesellschaftskritik aus. Baru porträtiert das Leben in den 50er Jahren sehr präzise, er thematisiert die Probleme der Unter- bis Mittelschicht, zerlegt die französische Kleinstadt in ihre kleinsten Bestandteile: die typische Arbeiterfamilie. Dass vor alldem auch noch eine sehr amüsante und anschauliche Kindheitserzählung in all ihren realistischen Details abläuft, ist ein großes Verdienst des Künstlers.

Seite aus Die Sputnik-JahreWelch großartiger Geschichtenschreiber er ist, hat der Franzose in zahlreichen Publikationen bewiesen, Die Sputnik-Jahre ist vielleicht seine stärkste Arbeit. Ein besonderes Kennzeichen sind dabei auch immer die äußerst plastischen Bilder, die jede Emotion mühevoll herausstellen und schon so realistisch sind, dass sie zuweilen an der Grenze zur Überzeichnung stehen. Baru ist ein Meister der karikierenden Authentizität.

Die Sputnik-Jahre wurde bereits vor einigen Jahren von Carlsen in vier Alben veröffentlicht, Reprodukt hat nun eine etwas kleinformatigere Gesamtausgabe vorgelegt. Die kleineren Korrekturen am Lettering und die Einarbeitung grafischer Details sind marginal und dürften nur den wenigsten auf den ersten Blick auffallen, dennoch gebührt dem Verlag Respekt dafür, dass er sich in vielen Arbeitsstunden um die mühevolle Perfektionierung dieser hervorragenden Ausgabe gekümmert hat (Details dazu werden im Verlagsblog beschrieben).

Ein weiterer Vorteil gegenüber den Carlsen-Alben ist ein achtseitiges Nachwort, respektive ein gezeichneter Epilog, in welchem Igor erklärt, wie man einen Bogen baut.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Der vielleicht beste Comic von Baru, eine empfehlenswerte Neu-Edition


Die Sputnik-Jahre
Reprodukt, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Baru
Übersetzung: Martin Budde
208 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 978-3-943143-10-2
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt

Der Rattenfänger von Hameln

Cover Der Rattenfänger von HamelnMan muss nicht extra die Danksagung lesen, um zu merken, dass sich der Autor und Zeichner André Houot sehr auf die Schultern von François Bourgeon stellt. Man ist sogar schon nach dem ersten Blick versucht, auf das Cover zu schauen, ob nicht doch der französische Meister selbst diesen Band geschaffen hat. Gerade die Figuren und vor allem ihre Gesichter sind Bourgeons Zeichnungen so ähnlich, als ob man sie abgepaust hätte. Die andere Danksagung an Albrecht Dürer überrascht ein bisschen, auch wenn Houot dessen Insignie zitiert, denn auch das Dekor ist mehr Bourgeon als Dürer. Man kann aber auch schwächere Zeichner kopieren und Houots Zeichnungen sind, auch wenn kein eigener Stil erkennbar ist, sehr gelungen. Vor allem das Dekor ist überwältigend.

Nun hätte sich Houot aber auch in der Story emanzipieren müssen. Gut, der Band ist eine Adaption des klassischen Märchens um den Rattenfänger und wie er die Kinder der undankbaren Stadt Hameln entführt. Somit ist der Storybogen vorgegeben. Leider gibt die Sage nicht sonderlich viel her für eine ausufernde Geschichte von 48 Seiten im Albenformat, und so reicherte Houot notwendigerweise die Geschichte um einige neue inhaltliche Aspekte an, die zugleich typisch mittelalterlich sind. So wird die Geschichte von jemandem erzählt, der sie damals miterlebt hat und die Geschehnisse um den Rattenfänger werden mit einer dramatischen Liebesgeschichte verknüpft. Damit kommt indirekt der Hexenwahn zur Sprache, wobei die Reduzierung der Motive auf sexuelle Frustration recht platt und banal ist, wenngleich das durchaus plausibel und wohl in Einzelfällen historisch korrekt sein dürfte. Schließlich wird hier ein junges Mädchen denunziert, da sie den amourösen Avancen eines Mannes nicht nachgegeben hat.

Seite aus Der Rattenfänger von HamelnAber auch der generelle Aberglaube und skurrile Anthropomorphisierungen, welche im Mittelalter tatsächlich stattgefunden haben, kommen hier zur Sprache. Es ist verbürgt, dass auch Tiere vor Gericht gestellt, gefoltert und hingerichtet wurden. Ebenfalls zur Geltung kommen jene ewig menschlichen Aspekte, die ja schon die Eskalation in der Ursprungssage herbeiführten: die Gier und die Ignoranz der Mächtigen. Aber auch die Macht der Gerüchte und der damit zusammenhängende Neid spielen eine große Rolle, wenn sich die ganze Stadt gegen die zu Unrecht denunzierte Frau stellt.

Liebe und Hass ergeben auch hier wieder ein großes Drama, das nur am Rande etwas mit dem Rattenfänger zu tun hat. Houot sah die Notwendigkeit, die eigentliche Geschichte anzureichern und persönliche Schicksale einzuflechten, um den Leser emotional zu involvieren, nur passt das alles nicht ganz harmonisch zusammen. Der Band zerfällt deutlich in seine einzelnen Teile, was ihn nicht gerade flüssig und kongruent macht.

Sieht man über die dramaturgischen Schwächen und die altbekannten Motive und Aspekte hinweg, sind es vor allem die Stadtzeichnungen, welche den Betrachter zum Versinken einladen. Mittelalterfans werden sich am Dekor begeistern, während andere wohl die holprige Story zum Stolpern bringen wird.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Houot liefert eine zeichnerische Kopie von Bourgeon mit holpriger Story und absolut überzeugendem Dekor.

 

Der Rattenfänger von Hameln
Ehapa Comic Collection, Mai 2012
Text und Zeichnungen: André Houot
Übersetzung: Rossi Schreiber
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,99 Euro

ISBN: 978-3-7704-3573-9
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Star Trek 6 – Die neue Zeit 1

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Cover Star Trek 6J.J. Abrams‘ bemerkenswerter Reboot des Star Trek-Franchise geht in nicht allzu ferner Zukunft in die zweite Runde. Die Zeit bis zum nächsten Kinostreifen lässt sich indes mit einer neuen Ongoing-Serie des US-Verlages IDW überbrücken, welche die Abenteuer der jungen Crew weiterführt.

Autor Mike Johnson zeichnet für die neue Comicreihe verantwortlich, deren erste zwei Stories von Cross Cult in einem Band gesammelt wurden. Die Geschichten lesen sich angenehm und weitaus souveräner als die Comics, die rund um den ersten Film bzw. als Ergänzung zu diesem veröffentlicht wurden. Was noch dazukommt: Die beiden Zeichner Stephen Molnar und Joe Phillips gehen zwar ähnlich vor wie seinerzeit David Messina (Countdown, Nero), indem sie mit sparsamen Hintergründen operieren und die Figuren möglichst nah zu den echten Schauspielers anlegen, aber die Gesichtszüge und Perspektiven gelingen, insbesondere Molnar, zumeist besser. Damit wird der schmale Grat, die der Zwang zum Realismus bei filmischen Vorlagen mit sich bringt, zwar nicht eliminiert, aber selten auf peinliche Weise überschritten. Insgesamt passt die etwas nüchterne, spartanisch ausgestattete Kulisse natürlich gut zum Sci-Fi-Ambiente (was aber auch bei Messina schon der Fall war).

Kritischer sehe ich hingegen die Storys an sich. Mike Johnson hat sich die beiden Episoden „Die Spitze des Eisbergs“ und „Notlandung der Galileo 7“ der ersten Staffel der Original Star Trek-TV-Serie aus den 1960er Jahren herausgepickt und sie als Comic-Remake dem aktuellen Abrams-Look angepasst. „Neuinterpretation“ heißt das auf dem Backcover. Nun kann man Johnsons Comics nicht vorwerfen, dass sie schlecht gemacht sind. Im Gegenteil, Leser, die die Serie um Shatner, Nimoy und Co. nicht kennen, werden hier ihren Spaß haben. Die Stories sind größtenteils unverändert geblieben, die größte Veränderung ist das Design und das Aussehen der Akteure. Insofern geht Johnson hier einen nachvollziehbaren Weg, der die Geschehnisse des Kinofilms mit einer jungen modernen Enterprise-Crew konsequent fortführt.

Seite aus Star Trek 6Nur: Warum hat man sich die Mühe erspart, sich neue Plots auszudenken? Denn mit dem Remake der Original TV-Serie setzt man zumindest den alten Fans des Franchise im besten Fall Redundanz vor, da die Handlung ja bereits fast 1:1 bekannt ist, im schlechtesten Fall muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, man respektiere die Urserie nicht.

So ist „Die neue Zeit“ ein qualitativ kaum zu beanstandender Comic, vor allen Dingen für neue Fans des Franchise bzw. für alle, die mit Star Trek erst nach dem jüngsten Reboot in Berührung kamen. Was Kenner des ursprünglichen Kirk angeht, so bleibe ich jedoch skeptisch, ob diese auf Remakes alter Episoden mit jüngeren „Schauspielern“ unbedingt gewartet haben.

Positiv anzumerken sind übrigens die Einzelcover der neuen Ongoing. Hyperrealistische Bilder von Tim Bradstreet, Retro-Werbeplakate von Joe Corronay, einfach toll.

 

Wertung7 von 10 Punkten

Comic-Neuinterpretation alter TV-Folgen im Look der filmischen Neuinterpretation

 

Star Trek 6 – Die neue Zeit 1
Cross Cult, Juli 2012
Text: Mike Johnson
Zeichnungen: Stephen Molnar, Joe Phillips
Übersetzung: Christian Langhagen
112 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3-942649-34-6
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Chimaira 1887 1 – Die purpurrote Perle

Cover Chimaira 1887 1 Christophe Arleston ist schon ein kleines Phänomen. Woher nimmt der Mann bloß die Zeit, um all seine Alben zu schreiben? Mittlerweile hat er so viele Serien (u.a. Troll von Troy, Lanfeust von Troy) und ihre jeweiligen Einzelbände auf dem Konto, dass er inzwischen als einer der Produktivsten des franko-belgischen Comics gelten muss. Insofern überrascht es nur wenig, dass er seit einiger Zeit von der Autorin Melanyn unterstützt wird. Irgendwann muss er ja auch einmal schlafen.

Chimaira 1887 ist nun allerdings relativ untypisch für Arleston. Was seine Fans vielleicht enttäuschen dürfte, wird wiederum wohl alle erfreuen, die dem Autor mittlerweile ständige Selbstzitate und Wiederholungen vorwerfen. Denn die üblichen Zutaten, wie etwa Witz verbunden mit Brutalität und sozialkritischen Einwürfen, sind hier nicht zu finden. Vielmehr ist der Band eine Liebeserklärung an das Paris von 1887, auch wenn es inhaltlich nicht unbedingt harmonisch zugeht. Das junge Mädchen Chimaira wird in Paris an ein Bordell verkauft, nachdem die Pflegeltern es nicht mehr „durchfüttern“ wollen. Während die freche Chimaira versucht, sich in dem Haus zurechtzufinden, muss sie sich auch zwischen diversen Intrigen hindurch lavieren. Doch diese finden nicht nur zwischen den Mädchen statt, sondern auch bei den Besuchern. Denn Frankreich befindet sich im Umbruch und im Bordell finden auch wichtige Geschäftsessen statt. Insbesondere der Bau des Panamakanals führt zu folgenreichen Entwicklungen.

Seite aus Chimaira 1887 1 Schon an der Handlung kann man ersehen, wie sehr sich Arleston von seinem angestammten Bereich der Fantasy entfernt hat. Chimaira 1887 ist in bedingtem Maße eine Historienserie und der Schauplatz eines Bordells ermöglicht auch wenig Humor, da man einerseits den Prostituierten mit Respekt begegnen und andererseits das soziale Elend nicht verharmlosen sollte. Vielmehr ermöglicht der Schauplatz ein Sittengemälde des Paris von 1887, bei dem Geschäfte und Politik gerne in Salons oder wie hier in Bordellen getätigt wurden. Dementsprechend steht „Die purpurrote Perle“ (der Name sowohl des Auftaktbandes als auch des Bordells) im Mittelpunkt. Aber es geht nicht nur um Intrigen zwischen den Mädchen, was schon spannend genug ist, aber etwas an eine Seifenoper erinnert, sondern auch um die Ränkespiele der Politik, welche auch vor kriminellen Handlungen nicht Halt machen. Die Mädchen können da schnell zwischen alle Fronten geraten und da sie relativ rechtlos sind, können sie sich auch nicht wehren.

Diese bedrohliche Stimmung, begraben unter all dem Plüsch, macht die Serie schon recht spannend. Hinter all dem Glitzer und der Pracht herrscht tiefes Elend und Missbrauch. Es ist schon sehr geschickt, anhand der Hauptigur, die noch die offenen Augen eines Kindes hat, den Leser in das Haus und das Milieu einzuführen. Und da Chimaira noch ein Kind ist, ist der Band im Hinblick auf (explizite) Erotik auch sehr zurückhaltend. Was das Ganze aber noch spannender macht, ist, dass die Heldin wohl weit weniger naiv ist, als es scheint, sondern ihre eigenen Pläne verfolgt. Sie ist wohl nicht ganz so unschuldig wie es ihr Äußeres vermuten lässt.

Faszinierend ist auch der Blick auf das Milieu und in die geschilderte Welt. Denn Zeichner Vincent gestaltet dieses Setting sehr atmosphärisch und sehnsuchtsvoll. Jedem Panel merkt man die Liebe zu der damaligen Zeit an. Auch die Farbgebung von Piero ist exzellent. Die eigentliche Handlung und wie sich die einzelnen Handlungsstränge miteinander verknüpfen, wird in diesem Band noch nicht sehr offensichtlich, so dass man auf die Fortsetzung gespannt sein kann. Es gehört übrigens auch zu den Vorzügen des Bandes, dass hier keine Sozialromantik (Stichwort: Hure mit goldenem Herzen) etabliert wird. 

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Atmosphärische und faszinierende Liebeserklärung an das Paris von 1887, deren Handlung erst noch richtig starten muss.

 

Chimaira 1887 1 – Die purpurrote Perle
Splitter Verlag, August 2012
Text: Christophe Arleston, Melanyn
Zeichnungen: Vincent
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-503-8
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

„The Boys“ von Garth Ennis – und warum es so schwer ist, die Serie zu mögen

Garth Ennis war noch nie zimperlich mit Gewaltdarstellungen und Geschmacklosigkeiten, doch sind es vor allem die Comics der letzten Jahre, die seine Fans spalten, allen voran The Boys, seine epische Abrechnung mit dem Superheldengenre. Ganz nach der Frage „Who watches the Watchmen?“ lautet die Antwort von Garth Ennis „The Boys“. Sie sind die Einzigen, die in der Lage sind, größenwahnsinnige Superhelden bei Bedarf aus dem Verkehr zu ziehen, und sie sind die Einzigen, die dem Konzern „Vought American“ die Stirn bieten – ein skrupelloser Konzern, der Superhelden als militärische Verteidigungswaffe einführen möchte.

The Boys bieten Superhelden die Stirn 
Manche Fans hielten die frühen Ausgaben der Boys für derben Spaß und bekamen später das Gefühl, die Serie nähme sich zu ernst. Andere waren vom „derben Vergnügen“ der ersten Hefte bereits so abgestoßen, dass sie kein Interesse mehr hatten, sich überhaupt weiter mit der Serie auseinanderzusetzen.

Preacher war mit seiner klaren Linie eher cartoonhaft, was für eine grundlegend andere Atmosphäre sorgte. Aus Preacher 29, Seite 19.Dabei ist Garth Ennis nur sich selbst treu geblieben und als Erzähler eher noch gereift. Der Unterschied zu früheren Reihen, vor allem Preacher, liegt eher in den Zeichnungen und der Kolorierung. Steve Dillon hat Preacher mit klarer Linie beinahe schon cartoonhaft umgesetzt und damit einen sinnvollen Kontrast zur ebenso grimmigen wie durchgeknallten Handlung hergestellt. Auch die Farben sind bei Preacher noch flächig und aufgeräumt; die Serie wirkt dadurch sehr comichaft im klassischen Sinne.

Darick Robertson setzt The Boys deutlich anders um. Auch er kann Charakterköpfe zeichnen, die sich am Rande zur Karikatur befinden, doch sind seine Zeichnungen im Gegensatz zu denen von Dillon düster und grimmig, und auch die Kolorierung ist – dem Trend entsprechend – dunkel und nähert sich mit ihren Farbverläufen dem Fotorealismus an. Dadurch nimmt man gerade die grotesken Darstellungen und Ekelszenen völlig anders wahr als damals in den 1990ern bei Preacher.

Annie Januarys Initiation bei den „Seven“. Aus The Boys 3, S. 4.Betrachten wir eine typische Szene aus The Boys etwas genauer. In Heft Nr. 3 wird Annie January a.k.a. Starlight, eine naiv-blauäugige Superheldin, vom übermächtigen Homelander in der Station des Superheldenteams „The Seven“ – einem Pendant zur Justice League – auf ihre Tauglichkeit für das Team „The Seven“ überprüft.

Annie: This … you know, it’s the the very pinnacle of everything I’ve ever hoped for. To serve with The Seven, I mean there’s just no higher a superperson can go.
(Das … Weißt du, das ist mehr, als ich mir je erträumt habe. Mitglied bei The Seven zu sein ist einfach das Beste, was einem Supermenschen passieren kann.)

Homelander: There’s just one final test for you to pass, and I know you’re going to excel at that, too.
(Da wäre nur noch eine allerletzte Prüfung für dich. Ich bin mir sicher, dass du auch die hervorragend abschließen wirst.)

(Der Homelander lässt seine Hosen runter, Annie ist entsetzt.)

Homelander: Suck it.
(Los. Blasen.)

Und während die bisherigen Bilder im Hauptquartier noch recht niedlich und freundlich ausgesehen haben, sieht man jetzt im ganzseitigen Splashpanel den hyperrealistisch gezeichneten Hintern vom Homelander samt sich kräuselnder Härchen. Die Szene geht aber noch weiter, und auch die Teammitglieder Black Noir und A-Train gesellen sich mit heruntergelassenen Hosen in erwartungsvoller Haltung dazu. Später, nach getaner Verrichtung, sieht man Annie January kotzen.

Vergleicht man diese Szenen mit den ebenfalls detaillierten Darstellungen in der Preacher-Story „Hunters“, so sieht man zwischen Dillons und Robertsons Darstellung eine deutliche Akzentverschiebung, weg vom Karikierenden hin zum Expliziten, und so wird aus einer Karikatur von Pornographie schon eher tatsächliche Pornographie, was nahezu einer Umkehrung der Bedeutung gleichkommt. Daher stößt vieles, was bei Preacher noch akzeptabel war, bei The Boys plötzlich ab.

Photorealistische Kolorierung, aber Darick Robertson hat die Größenverhältnisse seiner Figuren nicht immer in Griff. Aus The Boys Nr. 1, S. 7.Sehr extrem dargestellt ist auch die eindeutig sado-masochistische Beziehung zwischen dem Anführer der Boys, Billy the Butcher, und seiner CIA-Kontaktperson, Director Susan Rayner. Ein typischer Dialog beim Sex:

Susan: You disgust me! You dirty, filthy, repulsive son of a bitch, you make me want to puke!!
(Du ekelst mich an! Du bist ein dreckiger, widerwärtiger Hurensohn. Ich könnte kotzen!!)        

Billy: Wait’ll you see where I wipe my dick, luv.
(Dann wart mal ab, wo ich meinen Schwanz abwischen werde, Süße.)

Bei solchen Dialogen wird jede noch explizitere Darstellung hinfällig. Extremer und hässlicher geht es kaum, und dazu ein Zeichenstil, der die Stimmung verstärkt und nicht konterkariert.

Teilweise unglaublich derbe Gewaltdarstellungen. Aus The Boys Nr. 6, S. 2.Es gäbe noch einige weitere Beispiele dieser Art zu nennen, und auch bei der Darstellung von Gewalt kennt die Serie natürlich keine Zurückhaltung. Bereits das erste Bild zeigt in ganzseitiger, detailverliebter Pracht, wie Billy the Butcher mit dem Stiefel den Kopf eines Superhelden zerquetscht. Überraschenderweise sind die Teammitglieder fürs Grobe aber Frenchman and The Female. Frenchman ist ein cholerischer Psychopath, der aus mehr oder weniger nichtigem Anlass bereits in seiner ersten Szene drei Männer äußerst blutig zusammenschlägt; die Zeichnungen lassen sich fast schon als ein Abschlachten interpretieren. The Female ist eine offensichtlich traumatisierte junge, asiatische Frau, die nie spricht und die man auf keinen Fall berühren sollte. Sie kratzt ihren Opfern gerne das Gesicht herunter. Bevor Billy the Butcher sein Team zu Anfang der Reihe wieder zusammentrommelt, arbeitet The Female als Eintreiberin für die Mafia.

Aber egal wie abstrus die Figurenkonstellation erscheint, auch hier wiederholen sich die Muster aus Preacher. Tulip in Preacher hat ihren ersten Auftritt als Mafia-Hitgirl, die ihr erstes Ziel versehentlich verstümmelt, und auch Jesse Custer und Cassidy werden immer wieder als passionierte Kneipenschläger aus niederem Anlass dargestellt. Der Zeichenstil macht den Unterschied. Fraglich nur, ob Garth Ennis das überhaupt bewusst ist.

Nun zeigen sich aber gerade die erklärten Freunde des schlechten Geschmacks teils enttäuscht von der Entwicklung in The Boys, und tatsächlich entpuppt sich die Reihe trotz aller Ruppigkeit als lesenswert.

Billy the Butcher wird von der ersten Szene an als absolut skrupellos und manipulativ dargestellt. Je nach Bedarf gibt er sich kumpelhaft, herzlich und verantwortungsvoll, doch ist er vor allem eiskalt, gehässig, sexistisch, zynisch und mörderisch. Eine derart ambivalente Hauptfigur hat man selten gesehen. Interessant ist aber auch The Female, in der trotz aller Gewaltausbrüche ein liebesbedürftiges Kind schlummert und zu dem einzig der Frenchman eine zärtliche Beziehung aufbauen kann. Mother’s Milk, der vierte der Boys, ist der scheinbare Ruhepol, der als einziger das Zusammenspiel in der Gruppe reflektieren kann. Er ist in vielerlei Weise das Gegenstück zu Butcher, aber auch er hat natürlich seine Gründe, mit Butcher zusammenzuarbeiten.

Wee Hughie, einer der Boys, wurde nach dem Schauspieler Simon Pegg gestaltet.Der tatsächliche Sympathieträger aber ist Wee Hughie, der zu Beginn der Serie durch ein Gefecht zwischen Supermenschen seine Freundin verloren hat und deshalb von Butcher für die Boys rekrutiert wird. Wee Hughie, für dessen Aussehen Schauspieler Simon Pegg (Shaun of the Dead) Pate stand, ist der eigentliche Protagonist, ein sympathischer kleiner Niemand, um den man sich gerne Sorgen macht, gerade bei dem Umgang, den er pflegt. Kernstück seiner Geschichte ist aber natürlich seine Liebesbeziehung zur eingangs erwähnten Superheldin Annie January a.k.a. Starlight, eine verbotene Liebe, denn sowohl die Boys als auch die Seven wollen sich gegenseitig vernichten. Ein Großteil der Spannung entsteht aus eben diesem klassischen Plot.

Die Reihe wird in ihrem Verlauf immer wieder auf frühe Derbheiten zurückfallen, doch entfaltet sich mit zunehmender Dauer eine überaus gut strukturierte Haupthandlung, und streckenweise ist sogar der Humor recht amüsant. Auch die Zeichnungen werden mit der Zeit glatter und gefälliger, was auch daran liegt, dass Darick Robertson später Unterstützung von seinen Kollegen Russ Braun und John McCrea bekommt. Zwar wird Darick Robertson unter Boys-Fans häufig als der beste Zeichner der Reihe gehandelt, doch stört mich seine Schwäche, die er mit der richtigen perspektivischen Darstellung von Personen im Raum hat. Russ Braun ist dagegen vom Stil her weitaus unspektakulärer und zahmer, ohne freilich die Klasse eines Steve Dillon zu haben. Am meisten hat mich überrascht, wie gut John McCrea inzwischen geworden ist.

Sehr atmosphärische Bilder von John McCrea Aus The Boys – Herogasm 2, S.21.Garth Ennis und Darick Robertson haben bei The Boys mit einer derartigen Derbheit losgelegt, dass man keinem böse sein kann, der diesen Weg nicht mitgehen will. Auch DC Wildstorm, der ursprüngliche Verleger der Boys, wollte diese Reihe nicht weiter tragen, obwohl sie zuvor großspurig angekündigt hatten, es wäre die Serie „to out-Preacher Preacher“. Das war die Serie in der Tat, aber dann eben doch auch zu heftig für DC. Dynamite sprang in die Bresche, DC gab sich kooperativ, und Garth Ennis und seine Mitarbeiter konnten weitermachen, ohne weitere Einschränkungen befürchten zu müssen.

Stellt sich nur noch die Frage, ob der Serie einige redaktionelle Einschränkungen nicht vielleicht doch gut getan hätten, denn zweifellos ist Ennis auch ohne Tabubrüche von der Stange ein sehr guter Erzähler. Sicherlich sind explizite Sex- und Gewaltdarstellungen bei Ennis ein Stück weit Imagepflege, doch sind seine Derbheiten nicht immer Selbstzweck, sondern oft auch Thema der Geschichten beziehungsweise Teil der Figuren. Die eine oder andere Szene mag zwar dann tatsächlich etwas over the top sein, doch war es tatsächlich bei The Boys im Rückblick weniger oft der Fall als zuerst vermutet. Es mag auch überraschen, dass Garth Ennis gerade den weiblichen Superhelden am ehesten sympathische Attribute zuerkennt. Vielleicht ist seine Darstellung von männlicher Dominanz in einer gewalttätigen Welt doch kritischer und reflektierter, als man zunächst glauben möchte.

Trotzdem: Man muss The Boys nicht mögen. Es gibt andere, weniger sperrige Serien, die ebenfalls hervorragend sind. Man muss aber trotzdem das erzählerische Talent von Garth Ennis loben, der mit den Boys trotz aller Wildheit einen hervorragenden Thriller gestrickt hat. Man sollte die Reihe mit ihren Eigenheiten einfach akzeptieren: Der Spruch „You can’t judge a book by its cover“ trifft hier zu. You can’t judge a series by the first few issues, either.

The Boys © Spitfire Productions Ltd. und Darick Robertson. Abbildungen © Darick Robertson, Steve Dillon, Russ Braun und John McCrea

Links der Woche: Von Leipzig bis nach Maryland

Unsere Links der Woche, Ausgabe 29/2012:

 

Schwarwel „Schweinevogel TOTAL-O-RAMA 2“
VisionBakery, Glücklicher Montag
Ein weiterer deutscher Comicmacher erforscht das noch junge Feld des Crowdfunding: Auf der Plattform VisionBakery versucht Schwarwel die Summe von 4.200 Euro einzusammeln, die er benötigt, um einen zweiten dicken Band von Schweinevogel Total-O-Rama zu drucken. Darin sollen alle Schweinevogel-Auftritte der Jahre 2008 bis 2012 gesammelt werden. Als Unterstützer bekommt man, je nach Betrag, bestimmte Goodies, die von Namensnennung im Buch (für 1 Euro) bis zu einem zweitägigen Workshop mit dem Zeichner (für 500 Euro) reichen.

Die Gewinner des Goldenen Gartenzwerg 2012 (mit Laudatio)
Stefan Pannor
Vorletztes Wochenende fand in Leipzig zum vierten Mal der „Comicgarten“ statt, ein mit viel Herzblut organisiertes, kleines 1-Tages-Festival. Dort wurde der vom örtlichen Comicstammtisch initiierte Preis, der Goldene Gartenzwerg verliehen. Gewonnen haben ihn Ulf Graupner und Sascha Wüstefeld für den ersten Band von Das UPgrade. Stefan Pannor schrieb die Laudationes für diesen Comic, wie auch für den Zweit- und Drittplatzierten, und dokumentiert sie auf seinem Blog.

Comic Review
comicreview.de, Daniel Raetsch
Aus Leipzig kommt ein weiterer neuer Comic-Podcast, der in den letzten Wochen in schneller Folge bereits sieben Folgen veröffentlicht hat. In der Regel wird pro Folge in 10 bis 20 Minuten ein einzelner Comic besprochen (bisher ausschließlich deutsche Eigenproduktionen aus dem Indie-Bereich), die neueste Folge ist deutlich länger und enthält eine Handvoll von Interviews, die beim oben schon erwähnten Leipziger Comicgarten entstanden sind.

Your 2012 Harvey Awards Winners
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
Der neben den Eisner Awards wohl zweitwichtigste Comicpreis im amerikanischen Mainstreambereich wurde vor kurzem bei der Baltimore Comic-Con in 22 Kategorien verliehen. Gleich mehrfach ausgezeichnet wurden dabei diese Comics: Daredevil (Best New Series, Best Continuing Series, Best Writer für Mark Waid, Best Inker für Joe Rivera, Hark! A Vagrant (Best On-Line Comics Work, Special Award for Humor in Comics, Best Cartoonist für Kate Beaton), Jim Henson’s Tale of Sand (Best Single Issue or Story und Best Graphic Album Original) und Walt Simonson’s The Mighty Thor Artist’s Edition (Best Domestic Reprint Project und Special Award for Excellence in Presentation).

Your 2012 Ignatz Award Winners
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
Eine Woche später wurde auf der Small Press Expo in Besthesda, Maryland die Ignatz Awards vergeben, ein Preis der Independent-Comicszene. In insgesamt neun Kategorien konnte Altmeister Jaime Hernandez (Love and Rockets) drei Awards einheimsen (Outstanding Artist, Outstanding Story und Outstanding Series).

Award Winning Manga to be Freely Used by Anyone for Anything Anytime, Author Will Not Request Royalties
RocketNews 24, Master Blaster
Der Mangaka Shuho Sata gibt eine inzwischen abgeschlossene Mangaserie frei und gestattet offiziell dessen weitere Verwendung. Burakku Jyakku ni Yoroshiku (Say Hello to Black Jack), darf damit nicht nur von jedermann kopiert werden, auch Scanlations, Adaptionen oder Merchandise-Produkte wären möglich, ohne dass Lizenzen nötig würden. Den Manga selbst stellt Shuho Sata im Web kostenlos zur Verfügung, eine englische Übersetzung gibt es auf Facebook. Der Autor und Zeichner sieht die Aktion als einen Versuch, der dabei helfen soll, neue Wege abseits des traditionellen Copyrights zu finden.

Blackburn Burrow Comic Issue #1
Amazon Studios, Ron Marz und Matthew Dow Smith
Amazon verschenkt einen Comic? So ist es, und für die ersten Teilnehmer einer inzwischen beendeten Leserbefragung gab es sogar noch einen 5-Dollar-Gutschein obendrauf. Blackburn Burrow ist ein Comic, der auf einem bisher unverfilmten Drehbuch basiert. Die Western-Horror-Story wurde vom Verlag 12 Gauge Comics als vierteilige Comicserie umgesetzt, die man in digitaler Form bei Amazon kostenlos bekommt. Die „Amazon Studios“, die hinter diesem Projekt stecken, sind ein Zweig des Online-Händlers, der versucht, Projekte für Film und Fernsehen zu entwickeln. Solche Comics, bei denen es letztlich mehr darum geht, einen Filmdeal abzuschließen als einen guten Comic zu machen, gab es in den letzten Jahren immer öfter, meistens sind sie eher vergessenswert. Hier kommt die Adaption zumindest vom soliden, altgedienten Ron Marz und Matthew Dow Smiths Zeichnungen, die sehr eindeutig von Mike Mignola inspiriert sind, passen prima zur Atmosphäre der Story.

Die Opalverschwörung

Cover Die OpalverschwörungNeben den gewohnten überformatigen Alben bietet der Splitter-Verlag einige seiner Comics als sogenannte „Splitter Books“ an, die häufig eine komplette Serie in sich vereinen. Dieses Prinzip wird nun auch auf das große Albenformat angewandt: Die Opalverschwörung beinhaltet dann auch gleich alle vier Ausgaben der französischen Reihe. So kann Splitter durchaus mit den Komplettausgaben („All in One“) der Ehapa Comic Collection gleichziehen.

Die Opalverschwörung ist vom Thema her durchaus bei Splitter zuhause. Nicht nur, weil der Comic ziemlich an bereits bei dem Verlag ansässige Serien wie Das Einhorn und Das fünfte Evangelium erinnert, sondern, da hier History wieder mit etwas Fantasy und Mystery à la Dan Brown vermischt wird. Die Fantasyanteile sind aber deutlich geringer als bei vergleichbaren Serien. Nachdem drei Männer von einem geheimnisvollen Mann von der Pest geheilt worden sind, gibt dieser ihnen jeweils einen Opal und verlangt einen Schwur von ihnen, den diese an ihre Kinder weiterreichen sollen. Zur Zeit des 30-jährigen Krieges lenkt das Schicksal die drei Opalträger zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: ein schwedischer Söldner im Dienst der Hugenotten, ein Medikus, der gleichzeitig politischer Berater des Kardinals Richelieu ist, und eine junge schwarze Freibeuterin. Einer will von dem anderen nicht viel wissen, nur werden sie direkt nach ihrem Zusammentreffen von geheimnisvollen Kriegern gejagt. Die Bedrohung durch diese Wächter einer Geheimloge bringt das Trio dazu, seinem Los nachzugehen. Dafür müssen sie aber einige Schriftseiten finden, die kein Geringerer als Nostradamus geschrieben hat.

Action, Historie, leichte Fantasyeinflüsse, Manuskripte, die gefunden werden müssen und an denen auch feindliche Mächte Interesse haben, sowie Abstecher in die Medizinhistorie – wie schon erwähnt: Die Opalverschwörung hat deutliche Ähnlichkeiten zu anderen Comics dieses Genres. Auch sonst kommt einem manches bekannt vor: So erinnern die Zeichnungen manchmal etwas an die Comics von Francois Bourgeon, insbesondere was die Augenpartien angeht. Ansonsten sind die Zeichnungen von Grun aber sehr detailliert und dementsprechend faszinierend. Er versteht es, die alten Städte wie Antwerpen wieder zum Leben zu erwecken und kann absolut überzeugen. Die Action ist dynamisch, wirklich jede Figur kann man leicht anhand ihrer Physiognomie erkennen und alles ist sehr plastisch. Vor allem die Farbgebung muss separat gelobt werden. Nicht nur werden die Stimmungen und die unterschiedlichen Lichtquellen hervorragend eingesetzt, es gibt hier auch eine der am besten gestalteten Szenen im Nebel, die ich je in einem Comic gesehen habe. 

Seite aus Die OpalverschwörungDie Fantasyeinflüsse sind sehr gering gehalten und werden nur angedeutet, was der Serie insgesamt recht gut tut. Denn sie suggeriert, dass sich diese Ereignisse durchaus wirklich zugetragen haben könnten, da viele historische Personen auftreten. Da wären etwa Kardinal Richelieu, General Wallenstein, die Maler Rubens und Van Dyck, sowie Galilei und natürlich Nostradamus, aber auch der Dramatiker Corneille. Starke Fantasyelemente hätten da sehr gestört. Dabei erinnern die Grundstruktur und die Figurenkonstellation sehr an die typische Heroic Fantasy: Es geht um eine Queste und das Heldentrio besteht aus einem etwas tumben Krieger, einem weisen Gelehrten und einer schönen, jungen und wehrhaften Frau. Dabei sind die Figuren jedoch tiefgründiger, als man erst gedacht hätte. Im Laufe der Erzählung erfährt man ihre Geschichte und sieht sie dann mit anderen Augen. Die Selbstständigkeit der Protagonisten, welche sie von Geburt an haben mussten und ihre Zusammenarbeit bisweilen arg erschwert, ist natürlich alles andere als zufällig und erfährt im Zusammenhang mit dem Schluss eine ganz eigene Bedeutung.

Die Auflösung am Ende, die hier nicht verraten werden soll, ist auf den ersten Blick sehr enttäuschend und banal. Wenn man aber nun den historischen Hintergrund nimmt, vor dessen Leinwand diese Aussage der Lösung getroffen wird, so erfährt sie eine andere Bedeutung. Schließlich gehören zu den Auslösern des Dreißigjährigen Krieges die religiösen Konflikte, und so ist die Botschaft hoch politisch und macht leichter verständlich, warum die geheimnisvolle Loge hinter den Manuskripten her ist. Doch diese Liga ist ein dramaturgischer Schwachpunkt. Man braucht zwar Gegner, sonst wäre die Suche nach Manuskripten nicht sonderlich spannend, aber im Grunde haben sowohl die Helden als auch die Gegner das selbe Ziel. Beide Seiten wollen den Status Quo nicht ändern, nur wollen die Helden die Botschaft später offenbaren, während die Schurken sie vernichten wollen. Die Motivation der Schurken wird nicht sonderlich klar und wirkt etwas bemüht. Erst gegen Ende wird sie im historischen Licht etwas deutlicher, aber nicht überzeugender. Vielmehr sind die begehrten Objekte nichts anderes als das, was überhaupt die Handlung in Gang bringt.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Graphisch überzeugendes Abenteuer mit Schwächen im dramaturgischen Aufbau

 

Die Opalverschwörung
Splitter Verlag, August 2012
Text: Eric Corbeyran, Nicolas Hamm
Zeichnungen: Grun
Übersetzung: Tanja Krämling
224 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-500-7
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Batman: Die Welt des dunklen Ritters & Spider-Man: Die spannende Welt des Superhelden

Cover Batman: Die Welt des dunklen RittersJedes Comic-Heft ist für irgendeinen Leser das allererste Comic-Heft. Deshalb sollte auf dessen fehlende Kenntnisse Rücksicht genommen und die bisherige Handlung am Anfang des Heftes zusammengefasst werden, um den Einstieg zu erleichtern – so hat es Stan Lee mal vorgegeben. Inzwischen gibt es seine Figur Spider-Man seit 50 Jahren und den Konkurrenten Batman sogar bald seit 75 Jahren. Es ist bereits so viel passiert, dass eine Kurzzusammenfassung aller bisherigen Abenteuer nicht mehr möglich ist, dafür braucht es schon ein ganzes Buch. Mit Spider-Man: Die spannende Welt des Superhelden und Batman: Die Welt des dunklen Ritters sind 2012 die ersten beiden Ausgaben einer Reihe von Sachbüchern über Superhelden auf Deutsch erschienen, die in den USA auch noch Bände über The Avengers, Iron Man und andere Figuren umfasst. Der nächste Band in deutscher Übersetzung wird Anfang 2013 ein Superman-Buch sein, teilt der Verlag Dorling Kindersley mit. Im Regal sieht das dann ganz schick aus: Der Buchrücken zeigt oben das jeweilige Verlagslogo und unten ein Bild des jeweiligen Helden.

200 Seiten für 50 beziehungsweise über 70 Jahre Comic-Geschichte sind nicht viel, zumal diese Bücher, wie eben Comics, zum Großteil mit Bildern gefüllt sind. Es werden ausschließlich Comics behandelt und auch davon werden nur ausgewählte Werke vorgestellt. Das allumfassende Super-Lexikon der Superhelden findet sich hier also nicht. Filme, Spiele und Merchandise wären weitere spannende Themen, die es leider nicht in diese Bücher geschafft haben. Allein schon Batman-Nippes könnte als Basis für interessante Einblicke dienen – so hat z.B. der Designer und Batman-Sammler Chip Kidd in einer TV-Doku darauf hingewiesen, dass Batman in den frühen Comics wie selbstverständlich Pistolen benutzte und auch das Merchandising noch nicht so durchorganisiert und professionell war wie in späteren Jahren: Da durfte jedes Unternehmen mit dem Aussehen des Kostüms herumexperimentieren und es gab sogar eine Figur, die sich als Batman und Spider-Man verkleiden ließ. Schönste Erkenntnis dieser Sendung: Das liebste Sammlerstück ist nicht das seltenste und kostbarste, sondern das allererste Geschenk seines Vaters: ein Batman-Nachtlicht. Und so wie das Nachtlicht wirke auch Batman, sagt Chip Kidd – er nähme uns die Angst vor der Dunkelheit.

Doppelseite aus Batman: Die Welt des dunklen RittersBeide Bücher wurden offensichtlich von den Verlagen Marvel beziehungsweise DC abgesegnet. Für den Band über Spider-Man schrieb Stan Lee das Vorwort, bei Batman wurde Scott Snyder diese Ehre zuteil. Übermäßig gehaltvoll sind beide Einführungen nicht, ganz im Gegensatz zum Rest der Bücher. Ein Sachbuch mit Schwerpunkt auf den Texten und nur wenigen Illustrationen wäre wahrscheinlich noch ergiebiger gewesen, wenn es darum geht, möglichst viele Details zu erfahren. Eine Einordnung in die Zeitgeschichte fehlt hier völlig, bedauerlicherweise kommen keine Zeichner und Autoren direkt zu Wort, es gibt keine Bilder der Herren Stan Lee, Steve Ditko, Bob Kane und Bill Finger, sondern lediglich Zeichnungen der Comicfiguren. Vielleicht ist das so, um die Illusion der Phantasie-Welt aufrechtzuerhalten und weil sich diese Bücher vor allem an jüngere Leser richten? So profane Angaben wie die Preise der Hefte, die nur für wohlhabende Sammler relevant sein dürften, finden sich in diesen Büchern nicht. Informationen zu Werken, die von den Superhelden inspiriert wurden, wie Watchmen oder Kick-Ass, oder auch einige kritische Anmerkungen über Übermenschen oder Law-and-Order-Mentalität wären für ein erwachsenes Publikum sicher interessant. Auch die Meinung von Superhelden-Verächtern wie Garth Ennis hätte ich sehr gerne in diesen Büchern gelesen. Interessant wäre es, zu erfahren, welche Leitfäden Autoren und Zeichner an die Hand gelegt bekommen, wenn sie sich an eigenen Batman- oder Spider-Man-Geschichten versuchen. Welche Einschränkungen gibt es dabei und wie erfüllend ist es, innerhalb dieser Grenzen kreativ zu sein? Ist es wirklich das Größte einen neuen Batman-Gürtel erfinden zu dürfen, wie es in einer Simpsons-Episode mit Alan Moore so bissig beschrieben wurde?

Die Auswahl der Bilder ist sehr gelungen. Nicht erschlossen hat sich mir hingegen, warum die wenigen doppelseitigen Bilder ohne Text nicht genutzt wurden, um besonders markante Zeichnungen zu zeigen. Die hier gezeigten Bilder will sich wohl kaum jemand an die Wand hängen. Zumindest vermittelt manche dieser Abbildungen, wie sehr sich inzwischen Papier- und Druckqualität der Comics verbessert haben – der Spider-Man auf Seite 58/59 würde jedenfalls heute nicht mehr so aussehen. Warum sich manche Info mehrfach in diesen Büchern findet, mag nicht ganz einleuchten, etwa dann, wenn ein Schurke erst bei den Gegenspielern aufgeführt und später nochmals einzeln auf einer Doppelseite vorgestellt wird. Diese Dopplungen sind sinnvoll für Leser, die schnell etwas nachschlagen wollen, die Register sind für diesen Zweck sehr hilfreich! Ohnehin ist es mühsam, diese Bücher am Stück zu lesen. Die Schrift könnte etwas größer und das Layout etwas ruhiger sein, manches wirkt zu sprunghaft. Bei den Zeitschienen hätte ich mir gewünscht, dass zu jedem Ereignis (z.B. die ersten Auftritte von Nebenfiguren wie Catwoman) das entsprechende Heft plus dessen Erscheinungsjahr aufgeführt worden wäre. 

Nach der Lektüre dieser Bücher weiß man mehr denn je über das, was in den bisherigen Dekaden beim Wandkletterer und dem Mitternachtsdetektiv passiert ist. Gut zu informieren, gut zu unterhalten und noch dazu sehr viele schöne, bunte Bilder zu zeigen zeichnet diese Nachschlagewerke aus. Hängen geblieben ist bei mir, dass bei Spider-Man auffällig viele Figuren osteuropäische Wurzeln haben und dass Batman offenbar weniger, dafür beeindruckendere Schurken hat.

Doppelseite aus Spider-Man: Die spannende Welt des SuperheldenDie Kontroverse um Bob Kane und Bill Finger, von denen in den Comics nur ersterer als Erfinder von Batman genannt wurde, wird zumindest kurz erwähnt und Finger als Co-Schöpfer Batmans gewürdigt. Sehr viel tiefer wird dieses Thema nicht behandelt, ebenso wenig wird das Verhältnis zwischen Jack Kirby und Stan Lee beleuchtet. Im Vordergrund stehen die Comics und nach der Lektüre dieser Bücher ist man fit genug in den jeweiligen Welten. Trotz vieler neuer Anregungen konnten die Texte nicht den sofortigen Wunsch in mir wecken, nun sofort loszurennen und mir alle relevanten Comics zu kaufen. Die fehlende überspringende Begeisterung hat aber auch etwas sehr Positives: Man fühlt sich sachlich informiert und nicht wie in einer platten, albern-übertriebenen Lobpreisung und Werbung. Die absoluten Highlights dieser Bücher sind dabei die Zusammenfassungen der Schlüsselhefte. Hier wirken Bild und Text, wie in einem sehr guten Comic, hervorragend zusammen. Auf jeweils einer Doppelseite werden Geschichten wie „Knightfall“, „The Long Halloween“ oder eben The Amazing Spider-Man 248 (siehe Abbildung, eine Geschichte über Spider-Mans größten Fan, der sein Idol treffen darf) so gut zusammengefasst, dass man beinahe das das Gefühl hat, die Hefte gelesen zu haben. Sehr, sehr gut umgesetzt!

Das Batman-Buch wiederum rettet ein wenig die Ehre des für seine beiden Batman-Filme viel geschmähten Regisseurs Joel Schumacher. Denn hier wird deutlich, dass Dark Knight beileibe nicht immer so ernst und düster war wie in Christopher Nolans aktueller FIlmtrilogie. Der Leserschwund bei Superheldencomics nach dem Zweiten Weltkrieg und der strenge Comics Code ließen Batman in den 1950er und 1960er Jahren zum Weltraumdetektiv und zum hellen, freundlichen Retter werden. Ein kleiner außerirdischer Sidekick namens Bat-Mite und Dinge wie das Bat-U-Boot wirken heute wohl ähnlich befremdlich wie Supermans Hund Krpyto und andere grellbunte Auswüchse, die ihren Höhepunkt in der trashigen Batman-TV-Serie der 1960er Jahre fanden.

Cover Spider-Man: Die spannende Welt des SuperheldenBatmans Ernährungs- und Trainingsplan, ein Besuch in Peter Parkers Redaktion im Daily Bugle, eine Führung durch Wayne Manor samt Bat-Höhle, oder ein Stadtplan von Gotham City – die Bücher sind voll von grafischen Beiträgen, die das Fan-Herz höher schlagen lassen. Das reicht von den Kostümen der Helden im Wandel der Zeit bis zu den zahlreichen Variationen des ersten Spider-Man-Covers. Beide Bände stellen Haupt- und Nebenfiguren vor, porträtieren Schurken, schildern Erlebnisse in Parallelwelten und zeigen auf gut gegliederten Doppelseiten die Schlüsselfiguren und die Schlüsselhefte der Serien. Im direkten Vergleich werden auch die Unterschiede zwischen den beiden Superhelden deutlich: Batmans Welt zeigt mit Gotham City eine übersteigerte, sehr extreme Version von New York. Psychologisch möglicherweise die ergiebigere Welt, in der menschliche Abgründe, hässliche Seiten und die Überwindung von Angst und das Verarbeiten von Verlusten im Vordergrund steht. Spider-Mans Welt ist dagegen heller und freundlicher, mitunter geht es stark in Richtung Seifenoper.

Handelt es sich bei diesen Büchern nun um Sachbücher für Kinder? Nein, dafür sind sie zu detailliert! Sind es Lexika, die auch anspruchsvollsten Kennern standhalten? Auch nicht, denn dafür ist der Umfang von 200 Seiten bei weitem zu kurz. Am meisten Spaß dürften Leser haben, die Lust auf mehr Superhelden haben und mehr über die Geschichte(n) ihrer Lieblingsfiguren erfahren möchten, dabei aber auch nicht jedes noch so winzige Detail wissen müssen. Nach der Lektüre ist man bereit, wieder der Handlung der neuen Abenteuer von Spider-Man und Batman zu folgen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Über 70 Jahre Batman und 50 Jahre Spider-Man im sehr informativen, üppig illustrierten Schnelldurchlauf

 

Spider-Man: Die spannende Welt des Superhelden
Dorling Kindersley, Juni 2012
200 Seiten, farbig, Hardcover
Autor: Matthew K. Manning
Übersetzung: Thorsten Külper
Vorwort von Stan Lee, Register
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3831020652

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Batman: Die Welt des dunklen Ritters
Dorling Kindersley, Juni 2012
200 Seiten, farbig, Hardcover
Autor: Daniel Wallace
Übersetzung: Joachim Körber
Vorwort von Scott Snyder, Register
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3831020645

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Abbildungen: © Dorling Kindersley

3 Sekunden

Cover 3 SekundenEin normaler Comic ist für Marc-Antoine Mathieu scheinbar nicht genug. Der Mann experimentiert einfach zu gerne und verschiebt mit jedem neuen Werk die Grenzen des Mediums wieder ein kleines Stück nach außen. Das bewies er nicht zuletzt bei seinen Arbeiten über Julius Corentin Acquefacques, den Angestellten im ominösen Ministerium für Humor, wo Mathieu mit Farben und Formen spielte, den Comic als Vehikel benutzte, um für den Leser neue Dimensionen zu erkunden, das Korsett der linearen Panel-Erzählstruktur aufzubrechen und auf den Kopf zu stellen.

Sein neues Buch, 3 Sekunden, ist ein weiterer, allerdings noch radikalerer Schritt in die selbe Richtung: Das Projekt lässt sich als eine Art grafisches Verwirrspiel, als optisches Rätsel begreifen. Mathieu schickt den Leser in Echtzeit auf die Reise eines einzigen Blickes, genauer gesagt verkörpert der Betrachter den Blick und zoomt damit ins Geschehen. Über den gesamten Band hinweg reflektiert sich das gesehene Bild so durch alle Panels, in dem es immer wieder auf mal mehr, mal weniger offensichtliche Spiegelflächen trifft und zurückgeworfen wird.

Das allein klingt verrückt, aber es ist in Wahrheit noch viel verwirrender. Denn obwohl die Handlung in diesem Comic nur drei Sekunden dauert (und man damit de facto nur Standbilder zu sehen bekommt) gibt es sowohl eine ausufernde Story als auch einige tragende Figuren. Dass der Inhalt überhaupt transportiert wird, ist dem einzigen beweglichen Element zu verdanken, dem fortwährenden Zoomblick. Durch dessen zufällig hin- und hergeworfene Richtung, entblößt sich durch die verschiedenen Perspektiven allmählich ein Puzzle, das der Leser im Kopf nur noch kriminologisch zusammenfügen muss. Das Ziel ist, das Motiv eines gerade stattfindenden Verbrechens (ein Mann bedroht einen anderen hinterrücks mit einer Pistole) herauszufinden.

Seite aus 3 SekundenDa hat sich Marc-Antoine Mathieu also erneut mit viel experimentellem Engagement an ein ungewöhnliches, innovatives Comicprojekt gewagt. Ein Unterfangen, das dem Franzosen wohl mindestens genau so viel Konzentration abverlangt hat, wie es bei potentiellen Lesern der Fall sein wird.

Wie soll man einen Comic bewerten, der ohne Worte und ohne Farbe auskommt und in dem Handlung und Bewegung nur über indirekte Wege zum Tragen kommen? Am Besten, man stuft Mathieu als brillanten Comicschaffenden dort ein, wo er ohnehin schon immer gespielt hat: in seiner ganz eigenen Kategorie.

Als Bonus gibt es auf den Verlagsseiten von Reprodukt den Comic als animierte Digitalversion. Dazu benötigt man allerdings das sich in der gedruckten Ausgabe befindliche Passwort. Der real ablaufende Zoom dauert zwar länger als drei Sekunden, dafür ist immerhin die Geschwindigkeit frei einstellbar. Eine nette und sehr anschauliche Variante, die den Comic zusätzlich zu etwas Besonderem macht.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Fantastisches Comicrätsel mit einer aufwendigen grafischen Idee

 

3 Sekunden
Reprodukt, Juli 2012
Text und Zeichnungen: Marc Antoine Mathieu
Übersetzung: Martin Budde
80 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-943143-06-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt