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Bourbon Street 1 – Die Geister des Cornelius

Cover Bourbon Street 1Schon das Cover gibt die stimmungsmäßige Richtung der Erzählung vor: Es geht um einen vergangenen Traum, und damit um die Vergangenheit generell, was die Sepiaeinfärbung deutlich macht, um die Liebe (das Foto einer schönen jungen Frau) und um Musik (die Trompete). Dennoch hat das Cover etwas Melancholisches, was nicht nur an der Farbgebung liegt, sondern eher durch die herbstliche Stimmung, welche durch das offenbar niedrig stehende Sonnenlicht und das einzelne Blatt auf dem Instrumentenkoffer suggeriert wird.

In der Tat kann man alle diese Elemente in dem Comic wiederfinden. Alvin ist ein alternder Jazzmusiker in New Orleans, der aufgrund eines Artikels über den Erfolg des Buena Vista Social Club auf die Idee kommt, seine alten Bandgefährten wieder zusammen zu bringen. Denn was für die Kubaner zutreffen kann, die im hohen Alter musikalische und finanzielle Erfolge feiern, warum sollte das nicht für alte Musiker des Swing gelten? Nach einigem Zögern stimmen die anderen beiden zu. Doch es fehlt der einzige Schwarze in der einstigen Runde: Cornelius. Nur mit Mühe stöbern sie ihn auf. Doch Cornelius ist viel zu sehr in der Vergangenheit gefangen, als dass er bereitwillig mitmachen würde. Erst der Geist von Louis Armstrong erkennt die Nöte des Trompeters.

Man merkt schon anhand der recht dürftigen Inhaltsbeschreibung: Bourbon Street ist in erster Linie für Freunde des Jazz gedacht. Der ganze Band ist eine einzige Liebeserklärung, und wie es so mit diesen Huldigungen ist, sollte man als Leser den Gegenstand schon selber mögen. Der Rezensent kann mit Jazz nichts anfangen und so bleiben doch manche Anspielungen und Verweise auf dem Trockenen liegen und sind nicht fruchtbar. Dennoch können auch Leser, die die Musik nicht mögen, etwas mit dem Comic anfangen. Das liegt vor allem an der melancholischen, aber doch hoffnungsvollen Atmosphäre der Geschichte und ihres Settings. Die Hitze, die Schwüle, die Trägheit, aber auch die Energie der Stadt sind geradezu fühlbar und versetzen den Leser und Betrachter in diese Umgebung.

Seite aus Bourbon Street 1New Orleans wird hier eindeutig mystifiziert und seine Stellung als Hochburg des Jazz weiter fortgeschrieben. Autor Philippe Charlot stellt die Stadt als Ideal dar und blendet alles Negative aus. So spielen die Stadtszenen auch ausnahmslos im Stadtviertel Vieux Carré und die immer noch sichtbaren Folgen des Hurrikans Katrina kommen hier nicht vor.

Wie es sich für eine solche mystische und vergangenheitsreiche Stadt gehört (eine der wenigen in den USA), ist die Verflechtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stark. Das wird nicht nur deutlich, wenn Zeichner Alexis Chabert die Sepiatöne auch in der Gegenwart anwendet, sondern vor allem durch die Psyche der alten Musiker, die ihre Vergangenheit aufleben lassen und endlich ihre Träume in der Zukunft verwirklicht wissen wollen. Manches geschieht geschickterweise im Hintergrund, weswegen man auch in die Tiefe der Panels einsteigen sollte, und man ahnt bis zur Gewissheit, wie schwer es diese Männer im Alter haben müssen. Da muss man nicht munter drauf los psychologisieren, es reicht, einfach das verbrauchte, verbitterte Gesicht am Tresen anzusehen. Manche der Musiker wollen ihr Alter nicht wahrhaben – das hat dramatisches Potential, wenn sie mit denjenigen konfrontiert werden, die sich mit ihrem Alter abgefunden haben und etwa ihrer verlorenen Liebe nachtrauern.

Die deutsche Ausgabe der Ehapa Comic Collection wartet mit interessanten Extras auf, die Story allerdings bleibt doch recht überschaubar und gibt nicht sonderlich viel her. Ein Film könnte von den Darstellern und der Musik leben, aber ein Comic kann das nicht. Und dennoch liest man es gerne und fasziniert. Und fragt sich am Ende doch eigentlich warum.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Atmosphärisch dichte Liebeserklärung an den Jazz, storymäßig etwas dürftig, aber auf gewisse Art faszinierend

 

Bourbon Street 1: Die Geister des Cornelius
Ehapa Comic Collection, Juni 2012
Text: Philippe Charlot
Zeichnungen: Alexis Chabert
Übersetzung: Marcel Le Comte
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-3550-0
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

30 Days of Night 1 – Die Barrow-Trilogie

30days130 Days of Night ist zweifelsohne als moderner Horror-Klassiker zu bezeichnen, eine Marke, die sich nicht nur aufgrund des in den vergangenen Jahren aufgetretenen, medialen Vampir-Booms festgesetzt hat. 2002 erschien beim US-Verlag IDW die erste Miniserie namens „30 Days of Night“. Zentraler Handlungsort ist das beschauliche Städtchen Barrow in Alaska, das nahe des Nordpols gelegen im Winter 30 Tage am Stück ohne jegliches Sonnenlicht auskommen muss. Kein Wunder also, dass das unvorbereitete Örtchen von einer Horde Vampire heimgesucht wird.

Schon damals stach die Serie stilistisch völlig aus der Masse vergleichbarer Horror-Comics heraus. Die Verquickung von Blut und Schnee, von Dunkelheit und eisiger Kälte sorgt für eine extrem schaurige Atmosphäre. Steve Niles‘ Durchbruch als Verfasser düsterer Stories begann mit 30 Days of Night, welches im Nachhinein der erste Teil seines opus magnum werden sollte. Zudem wird der intelligente Plot von Zeichner Ben Templesmith in wunderschöne Bilder umgesetzt. Templesmith überzeichnet die verwaschenen Hintergründe mit dünnen Strichen und schafft so einen perfekten Kontrast, um die Vampir-Saga auf explizite und schockierende Weise wirken zu lassen.

Niles‘ Arbeit begründete einen Erfolg, der bis heute andauert. Abseits jeglichen Teeniekitsches à la Twilight wurde die erste Miniserie 2007 sogar fürs Kino verfilmt (u.a. mit Josh Hartnett in der Hauptrolle). Diesem sollten noch einige weitere, weniger erfolgreiche Filme folgen, die direkt für den DVD-Markt oder das Fernsehen produziert wurden. Dem entgegen wurde bei den Comic-Fortsetzungen mehr auf die Qualität geachtet: Mit den beiden weiteren Miniserien (ebenfalls von Niles und Templesmith) Dark Days und Return to Barrow wurde der erzählerische und optische Grundton des Vorgängers beibehalten.

30days2Die drei Miniserien lassen sich als „Barrow-Trilogie“ zusammenfassen und bilden den Inhalt des ersten umfangreichen, deutschen Sammelbandes von Cross Cult, dem weitere folgen sollen. Alle drei Geschichten wurden übrigens bereits zuvor einzeln von Infinity veröffentlicht. Exklusiv ist lediglich das angehängte Porträt über Steve Niles von Christian Endres.

Bei Infinity sind damals auch noch einige weitere Einzelbände publiziert worden – inwieweit diese Bestandteil der weiteren Sammelbände sein werden oder ob es dann auch deutsche Erstveröffentlichungen geben wird, bleibt abzuwarten.

Der erste Teil der Reihe besticht in jedem Fall durch die gewohnte Cross-Cult-Qualität, das heißt auch, dass es die Comics erstmals als Hardcover-Ausgabe gibt. Das Format ist das vom Verlag bisweilen benutzte Zwischenformat (wie z.B. bei From Hell oder Life Eaters), das etwas kleiner ist als das gängige US-Format, was dem Lesespaß überhaupt keinen Abbruch tut.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Tolle Vampir-Saga, komplett in einem schicken Buch

 

30 Days of Night 1 – Die Barrow-Trilogie
Cross Cult, August 2012
Text: Steve Niles
Zeichnungen: Ben Templesmith
Übersetzung: Frank Neubauer
400 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 35 Euro
ISBN: 978-3-86425-041-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Links der Woche: Mit Urzeitkrebsen, reichen Enten und einem Manga-Hörspiel

Unsere Links der Woche, Ausgabe 32/2012:

 

YPS #1258 – Ausgabe 1/2012
thestiller.de, Martin Korbach
Diese Woche brachte Egmont Ehapa die Zeitschrift Yps zurück an den Kiosk. Nachdem ein Relaunch als Kindermagazin vor ein paar Jahren gescheitert ist, setzt man beim neuen Versuch voll auf Nostalgie und peilt als Zielgruppe die über 30-jährigen, vornehmlich männlichen Leser an, die das klassische Yps als Kinder und Jugendliche gelesen haben. Das neue Yps wird von diversen Bloggern aus eben dieser Zielgruppe unter die Lupe genommen, deren Begeisterung sich in Grenzen hält. Neben thestiller schreiben u.a. auch der Medienjunkie („Insgesamt hat die neue Redaktion vieles richtig gemacht“), Nilz Bokelberg („Die neue Yps will männliche Singles als Leser, die sich das Heft aus Gag aufs Klo legen“) und Nerdcore („Das Heft ist ein Ärgernis“) über das neue Yps. Auch auf größeren Websites fand der Relaunch reichlich Resonanz, z.B. bei Meedia, dem Tagesspiegel und der Welt.

Vertraute Fremde
NDR Kultur, Martin Heindel
Jiro Taniguchis preisgekrönter Manga Vertraute Fremde wurde vom Norddeutschen Rundfunk als Hörspiel umgesetzt. Die Produktion (82 Minuten) lief am Mittwoch auf dem Sender NDR Kultur und ist noch bis zum 17.10. online verfügbar.

Dagobert Duck: Vom Griesgram zum Fantastilliardär
Forschung Frankfurt, Bernd Dolle-Weinkauf
Im Magazin Forschung Frankfurt der Goethe-Universität beschreibt Comicforscher Bernd Dolle-Weinkauf wie Scrooge McDuck alias Onkel Dagobert, dessen Charakter in den ersten Comics von Carl Barks noch nicht genau definiert war, nach und nach zum Sinnbild des skrupellosen Kapitalisten wurde.

La Douce: Aus dem Comic entspringt ein Zug – François Schuiten im Interview
literaturcafe.de, Wolfgang Tischer
Unter den internationalen Pressevertretern, die im Sommer zur Vorstellung von François Schuitens neuem Comic Atlantic 12 eingeladen wurden, war (neben Comicgate und satt.org) auch Wolfgang Tischer, der die Besonderheiten des Comics und seiner Augmented-Reality-Erweiterung im Video vorstellt.

Nur ein Fanboytraum?
PPM Vertrieb, Michael Hüster
In der aktuellen Ausgabe des Magazins Alfonz beschäftigt sich ein Artikel mit dem Konzept des Vereins Finix Comics, der schwerpunktmäßig abgebrochene Comicserien vervollständigt, und findet dabei auch kritische Worte. Im Interview auf der Website des Vertriebs PPM (der die Finix-Comics in die Läden bringt) stellt Finix-Macher Marc Schnackers ein paar Dinge klar, zeigt sich aber insgesamt sehr gelassen.

Comics und Graphic Novels – Intern. Buchmesse in Frankfurt 2012
Nachtmagazin, Alex Jakubowski
Die ARD-Nachrichtensendung Nachtmagazin widmet sich in einem kurzen Beitrag von der Frankfurter Buchmesse dem Trend zu aufwendig gestalteten Gesamtausgaben klassischer Comics:

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Marvel’s Bottom Line
The Comics Journal, Sean Howe
Ein interessanter Auszug aus dem eben neu erschienenen Buch Marvel Comics: The Untold Story, in dem es um die Phase zu Beginn der Neunziger Jahre geht, als die sehr erfolgreichen Marvel-Zeichner Lee, McFarlane, Liefeld und Co. sich vom Verlag abwandten und mit Image Comics ihr eigenes Ding machten, während die Marvel-Chefs einige entscheidende strategische Fehler begingen. Ein Interview mit Autor Sean Howe über sein Buch ist bei Publishers Weekly zu finden.

Reconquista 1 – Die Horde der Lebenden

Cover Reconquista 1Schon der Titel im Verbund mit dem Cover kann irritieren, gibt aber aus historischer Perspektive gleich die Richtung vor. „Die Horde der Lebenden“ erinnert vom Namen her vage an die Goldene Horde, nur war diese die Streitmacht des Dschingis Khan. Und was hätte das dann mit der leicht indianisch anmutenden Frau auf dem Cover zu tun? Der Serientitel verwirrt denn auch zusätzlich. Schließlich beteichnet „Reconquista“ die christliche Rückeroberung Spaniens von den Mauren, die erst 1492 abgeschlossen war. Wie sollen diese drei Aspekte zusammenpassen? Gar nicht, denn inhaltlich geht es dann auch gar nicht um Spanien, Dschingis Khan oder Indianer, sondern vielmehr um die Skythen.

Und das ist schon recht spannend, denn um dieses Reitervolk weiß man relativ wenig. Zwar gibt es einige archäologische Artefakte, aber deren Geschichte selbst bleibt im Schatten. Viel Raum also für einen historischen Comic, um gesicherte Kenntnisse mit Fantasie anzureichern. Doch darauf verzichtet das Autorenduo Sylvain Runberg (Orbital, Konungar) und François Miville-Deschênes, obwohl die dramaturgischen Aussichten gut sind. Die Hethiter sind auf einem Eroberungsfeldzug und bedrohen die Skythen, die von drei Königen beherrscht werden. Alle Könige haben unterschiedliche nomadische Stämme unter sich, die sehr unterschiedliche Eigenheiten und Sitten besitzen. Eine babylonische Schriftgelehrte reist zu den Skythen, um das Volk und den Feldzug zu beobachten. Diese Perspektive ermöglicht einen relativ objektiven Blick auf die Völker und kann unterschiedliche Themen und Gebräuche erfassen. Doch historisch ist das nicht, denn hier werden einige Aspekte durcheinander gewürfelt.

Seite aus Reconquista 1Der Comic macht einen Schritt in Richtung Fantasy, aber nur ansatzweise. Es treten Amazonen und Atlanter auf, deren tatsächliche Existenz zwar noch glaubhaft, aber nicht letztendlich gesichert ist. Dass einer der Stämme „Kimmerer“ heißt, kann dann auch glatt eine Hommage an Conan sein, der einem gleichnamigen Stamm angehört. Aber Runberg und Miville-Deschênes verbleiben im Historiengenre und erzählen glaubhaft und logisch. Inhaltlich passiert hier nicht viel, außer Kämpfen, Beobachtungen und Gesprächen, welche das Leben, die Religion und die gesellschaftlichen Sitten der Stämme erläutern. Da seine Story ziemlich flach ist, muss der Comic auf einer anderen Ebene überzeugen. Und in der Tat kann hier die grafische Gestaltung, für die François Miville-Deschênes als Zeichner zuständig ist, sehr punkten und einiges rausreißen. Diese ist nämlich umwerfend.

Die Panels und Perspektiven sind sehr effektvoll angeordnet – das zeigt sich schon zu Beginn, wenn der Leser erst einmal auf eine falsche Fährte gelockt wird. Immer wieder werden große Panels und Splashpages sehr wirkungsvoll eingebaut. Blutig und erotisch geht es auch im Dekor sehr detailgetreu zur Sache und Miville-Deschênes gelingt es, diese sehr entfernte Epoche wirklich lebendig zu machen. Die Grafik reißt also alle inhaltlichem Schwächen mehr als raus und lohnt definitiv einen Blick in den Band. Und wer weiß: Vielleicht gibt es im nächsten Band ja auch eine richtige Dramaturgie.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Flache und spekulative Story auf dem Weg Richtung Fantasy, deren Grafik jedoch in jeglicher Hinsicht überzeugt.

 

Reconquista 1 – Die Horde der Lebenden
Splitter Verlag, September 2012
Text: Sylvain Runberg, François Miville-Deschênes
Zeichnungen: François Miville-Deschênes
Übersetzung: Tanja Krämling
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-483-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Blast 1 – Masse

blast1Manu Larcenet bewies sein erzählerisches Talent bereits mit den Comics Der alltägliche Kampf, Die Rückkehr aufs Land und Die wundersamen Abenteuer (in welchem er berühmte Persönlichkeiten persiflierte). Für sein Mammut-Projekt Blast führt er seine knubbelnäsigen Figuren ins realistische Metier über; wo sich Larcenets Arbeit zuvor durch Unbeschwertheit und Farbe auszeichnete, herrscht hier düsterer Realismus vor. Was nicht heißen soll, dass der französische Künstler bei Blast auf jedweden Humor verzichtet. Dieser ist nur abstrakter verpackt.

Ein Mann namens Polza Manzini steht unter Mordverdacht. Im Rahmen der polizeilichen Vernehmung berichtet er ausführlich von seinem Leben und den Ereignissen, die ihn an diesen Punkt gebracht haben. Es ist die pessimistische Geschichte eines ungeliebten, von der Gesellschaft aufgrund seines auffälligen Äußeren verachteten Mannes. Nur, wer ist diese Person? Und kann man ihr glauben? Manzini schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters verloren durch die Welt irrt, Frau und bürgerliches Leben unvermittelt hinter sich lässt. Getrieben wird er nach eigenen Aussagen von einer omnipräsenten Moai-Statue, er sei auf der Suche nach dem Blast, einer Art visionären Erfahrung, seitdem diese ihm zum ersten Mal widerfahren ist.

Ist Manzini nun ein eiskalter Mörder? Und wenn ja, ist die Frage, was ihn zu dieser Tat befähigt haben könnte. Larcenet versteht es meisterhaft, die Antwort auf diese Frage im Unklaren zu lassen. Es scheint so, als wolle er dem Leser nahelegen, er solle sich in die Psyche der Hauptfigur sukzessive vortasten, um selbst die Antworten für sich zu entdecken. Diese skizziert der Franzose vordergründig als grotesken Witz, als Opfer der Zivilgesellschaft. Mit seiner fast kindlich-naiven Art erweckt Manzini zwangsläufig Sympathie beim Leser. Nur in kurzen Momenten bricht die Gerissenheit und der Wankelmut des fülligen Mannes durch und der Zweifel an seine Glaubwürdigkeit wächst. Ein beachtliches Reservoir an glaubwürdigen Nebenfiguren flankiert die zentrale Lebensgeschichte des Mordverdächtigen und eröffnet manch interessanten Kontext.

blast2Ob Manzini nun auf einem Stuhl in der Polizeiwache sitzt oder sich in seiner Erzählung durch den Wald schlägt, immer herrscht in diesem Comic das Grau vor. Das erzeugt ein beklemmendes Gefühl beim Verfolgen der Handlung. Manu Larcenet begibt sich auf völlig neues Terrain und konzipiert damit einen brillanten Psychothriller. Durchbrochen wird die grafische Monotonie durch den titelgebenden Blast. Dieser bahnt sich langsam an und durchflutet dann die Szenerie mit quietschbuntem Wachsmal- und Flizstift-Gekrakel (von Larcenets Kindern Lille und Lenni gezeichnet). Ein optischer Stilbruch, der durch seinen extremen Kontrast soghaft wirkt.

Die Serie ist auf mehrere Bände angelegt, jeder 200 Seiten lang. Wohin Larcenet damit steuern wird, bleibt abzuwarten. Die erste Ausgabe ist inhaltlich und grafisch bereits unheimlich stark, mit Sicherheit eines der ganz großen Comic-Highlights in diesem Jahr. Und es braucht, auch im Hinblick auf die anderen Werke des Künstlers, nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, das Blast am Ende ein hervorragendes Epos ergeben wird.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Eindrucksvoller Psychothriller, der Manu Larcenets Können erneut unterstreicht

 

Blast 1 – Masse
Reprodukt, September 2012
Text und Zeichnungen: Manu Larcenet
Übersetzung: Uli Pröfrock
208 Seiten, s/w + farbig, Hardcover
Preis: 29 Euro
ISBN: 978-3-943143-12-6
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt

Berlin – Geteilte Stadt

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Cover Berlin – GeteilteStadt„Sieht didaktisch aus“, war mein erster Gedanke, als ich Berlin – Geteilte Stadt durchblätterte, und bei einer Koproduktion des Avant-Verlags mit der Bundesstiftung Aufarbeitung ist das wohl auch so gewollt. Für das Projekt hat man einen ebenso simplen wie bewährten Ansatz gewählt: Man lässt Zeitzeugen sprechen und untermauert deren Anekdoten mit wissenschaftlichen Artikeln. Der einfache, geradlinige Aufbau der Anekdoten korrespondiert dabei aufs Trefflichste mit der Klarheit der Zeichnungen. Diese sind unspektakulär und mit reduziertem Strich, aber trotzdem dokumentarisch genau und zweckmäßig angelegt; ein Stil, der ja gerade bei den kleinformatigen Graphic Novels gerne verwendet wird und der oft etwas langweilig wirkt. Bei so einem Stil, selbst wenn er handwerklich ausgereift ist, muss der Text das Buch tragen können.

Berlin – GeteilteStadt (Bild 1)Auf jeden Fall beherrschen Susanne Buddenberg und Thomas Henseler das Einmaleins des grafischen Erzählens: Text und Bild ergänzen sich und bereichern sich gegenseitig. Redundanzen, die sich immer dann ergeben, wenn ein Bild nur zeigt, was der Text bereits beschreibt, beschränken sich auf Szenen, in denen die Dopplung von Bild und Text durchaus sinnvoll ist, zum Beispiel wenn am Tag des Mauerfalls ein Panel die Menschenmassen zeigt, die über die Brücke nach Westen gehen, und der Text ebenfalls genau diesen Vorgang beschreibt. Aber zunächst ist diese Dopplung der anekdotischen Erzählhaltung geschuldet, schließlich soll der Zeitzeuge auch eine gewisse Präsenz bekommen und sein Text auch wahrgenommen werden. Außerdem ist diese Art des Erzählens angenehm unprätentiös und schlicht. (Bild 1)

Berlin – GeteilteStadt (Bild 2)Gerade diese Zurückhaltung beweist aber auch das erzählerische Geschick von Buddenberg und Henseler, die es immer wieder schaffen, mit minimalen Mitteln Spannung zu erzeugen. Künstlich aufgebauschte Suspense-Momente sucht man vergeblich, sämtliche Spannung entsteht aus dem Alltag und den daraus resultierenden Situationen, die eben im Schatten der Berliner Mauer und des Zusammenpralls der Machtblöcke stehen. So zum Beispiel in der Geschichte der Ostberliner Abiturientin Regina Zywietz, die am Tag der Grenzschließung mit einigen Lehrern aus dem Westen unter falschem Namen die Ausreise schafft. Am Bahnsteig der S-Bahn in den Westen hat sie einen langen Blickkontakt mit einem DDR-Soldaten, den sie aus ihrer Jugend kennt. Die Begegnung ist folgenlos, aber allein das Verharren in diesem Moment macht die unheimliche Anspannung spürbar, die auf allen Akteuren lastet. Als Folge kann der Leser dann auch die Erleichterung mit den Flüchtenden teilen, als die S-Bahn im Westen ankommt. (Bild 2)

Berlin – GeteilteStadt (Bild 3)Ähnlich ist es bei der Geschichte des SED-Funktionärs Heinz Holzapfel. Er flüchtet mit seiner Familie spektakulär aus dem mauernahen Haus der Ministerien, indem er eine Seilbahn von Ost nach West spannt. Die Flucht wird von einem sowjetischen Beobachtungsposten wahrgenommen, aber da sie von einem Regierungsgebäude aus stattfindet, interpretiert dieser sie fälschlicherweise als Versuch der Stasi, unbemerkt Agenten in den Westen zu schleusen. Ein einziges Panel mit dem beobachtenden Wächter reicht, um das tatsächliche Gefahrenpotential dieses ohnehin waghalsigen Unterfangens deutlich zu machen. Würde das Panel fehlen, wäre die Flucht immer noch eine gute Geschichte, doch die tatsächliche Gefährdung wäre abstrakter, weniger greifbar und weniger furchterregend. (Bild 3) .

Berlin – GeteilteStadt (Bild 4)Jede der fünf Geschichten spielt zu einem anderen Zeitpunkt der Ära der Berliner Mauer, von der Grenzschließung, der langsamen Gewöhnung an den empörenden Zustand der Teilung bis zum Mauerfall. Dabei halten sich Berichte über individuelle Handlungen die Waage mit Berichten von aus nächster Nähe beobachteten Massenbewegungen. Am unglaublichsten davon ist vielleicht eine Geschichte von 1961: Sie handelt von der Flucht über Häuser, die zum Osten gehören, aber Ausgänge auf westlicher Seite haben. Ausgänge, die noch nicht zugemauert waren. Und während Grenzposten versuchen, die durch die Fenster Flüchtenden nach oben zu zerren, versuchen Helfer aus dem Westen die Verzweifelten nach unten zu ziehen. Westliche und östliche Polizisten stehen sich dabei immer wieder mit der Waffe gegenüber. Gerade hier offenbart sich der Irrsinn der ganzen Konstellation. Jeder einzelne hat einen vernünftigen Grund für seine Handlungen: Der Flüchtling, der helfende Westler und der Grenzsoldat, der seinen Dienst tut. Hier gibt es keine Gewinner und Verlierer, nur Menschen in der Tretmühle, die höchstens versuchen können, sich einen Rest an Selbstachtung zu bewahren. (Bild 4)

Man hat als Leser durchwegs das Gefühl, authentische Berichte zu lesen. Die einfachen Zeichnungen vermeiden darüber hinaus jede Art von Manipulation des Lesers, wie sie beim Film zum Beispiel durch den Einsatz von Musik stattfinden könnte. Die Einfachheit und Wahrhaftigkeit der Geschichten sind ihre große Stärke und machen Berlin – Geteilte Stadt zu einem Musterbeispiel des didaktischen, Wissen vermittelnden Comics. Die Gefühle, die beim Lesen entstehen, wirken lange nach.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein Musterbeispiel des Wissen vermittelnden Comics

 

Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten
Avant-Verlag, Juli 2012
Text: Susanne Buddenberg, Thomas Henseler
Zeichnungen: Thomas Henseler

96 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-70-1
Leseprobe

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Abbildungen: © Susanne Buddenberg, Thomas Henseler, Avant-Verlag

Links der Woche: Mit zufriedenen Händlern, übereifrigen Bibliothekaren und engagierten Wienern

Unsere Links der Woche, Ausgabe 31/2012:

 

Der Comicsommer 2012 – ein Stimmungsbarometer
Comic Report, Ekki Helbig und Björn Steckmeier
In einer neuen Folge ihrer Kolumne „Comicladen-Report“ ziehen die beiden Comichändler Helbig (T3, Frankfurt) und Steckmeier (Bonner Comic-Laden) ein Resumee ihrer Geschäfte in den Sommermonaten. Und der lief sehr gut, nicht zuletzt wegen des DC-Neustarts bei Panini, der „eingeschlagen hat wie eine Bombe. Die neuen Hefte wurden und werden uns förmlich aus den Händen gerissen, wir kamen mit dem Nachbestellen (in jeweils großen Stückzahlen wohlgemerkt) kaum nach.“

Arm, aber kreativ
Jungle World, Andreas Michalke und Minou Zaribaf
Die Berliner Comicmacher Andreas Michalke und Minou Zaribaf sind nach Griechenland gereist und haben für die Jungle World aufgeschrieben, wie es der dortigen Comicszene in der großen Wirtschaftskrise ergeht. Außerdem kündigen sie einen „Interview-Comic-Jam“ mit griechischen Zeichnern an.

Streit um Sein oder Nichtsein für Tim und Struppi
Radio Schweden, Anne Rentzsch
Das Auslandsprogramm des schwedischen Rundfunks berichtet auf Deutsch über eine aktuelle Debatte, die sich entzündet hat, nachdem Behrang Miri, der neue Chef der Stockholmer Kinder- und Jugendbibliothek die komplette Tim und Struppi-Serie aus dem Bestand nahm. Die (zum Teil noch aus der Kolonialzeit stammenden) Comics seien mit ihren rassistischen Zerrbildern jungen Lesern von heute nicht mehr zuzumuten. Nach vielstimmigen Protesten gegen dieses Vorgehen ist Miri inzwischen zurückgerudert.

Comics-Box
Facebook, Comics-Box
Schöne Idee: Im 5. Bezirk von Wien wird am 11. Oktober für knapp zwei Monate eine öffentliche Comic-Bibliothek im Freien aufgestellt. Die „Comics-Box“ ist ein umgebauter Jahrmarktwagen, der mit 400 Comics bestückt wird, die man vor Ort zum Lesen ausleihen kann. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf österreichischen Zeichnern, außerdem gibt es ein Rahmenprogramm. Infos dazu gibt’s auf der Facebook-Seite und bei der zuständigen kommunalen Gebietsbetreuung, die das Projekt verantwortet.

Aces Weekly
acesweekly.com
Mit Aces Weekly geht eine neue britische Comicanthologie an den Start. Initiiert wurde das Projekt, das nicht gedruckt, sondern ausschließlich in digitaler Form erscheint, vom Zeichner David Lloyd (V for Vendetta). Etliche bekannte internationale Künstler wie Phil Hester, John McCrea, Kyle Baker, Bill Sienkiewicz, Steve Bissette, Marc Hempel oder Colleen Doran sind dabei oder sind für künftige Ausgaben angekündigt. Für 7,99 Euro bekommt man Zugang zu sieben wöchentlich erscheindenden Ausgaben, die zusammen ein „Volume“ bilden. Innerhalb dieser sieben Ausgaben werden alle darin enthaltenen Fortsetzungsgeschichten abgeschlossen.

Honest Trailers – The Avengers
YouTube, ScreenJunkies
Der „ehrliche Trailer“ zum Avengers-Film (der erbarmungslos alle Schwächen des Films aufzählt und natürlich auch gnadenlos spoilert):

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Das verbotene Manuskript

Cover Das verbotene Manuskript1951: In einem tibetischen Kloster erforscht der Anthropologieprofessor Egon Bauer ein brisantes Manuskript, welches beweisen könnte, das Jesus sich nach seiner Kreuzigung unter dem Namen Yus Asaf in Tibet aufgehalten hat. Doch das Kloster wird kurzerhand von der chinesischen Armee angegriffen und dem Erdboden gleich gemacht. Bauer und das Manuskript gelten als vermisst. In Los Angeles beschließt seine Tochter Ellen, sich in Begleitung des Privatdetektivs Kevin McBride auf den Weg nach Tibet zu machen, um ihren Vater zu suchen. Verfolgt werden sie dabei von einer Geheimorganisation, die den Inhalt des Manuskript mit allen Mitteln unter Verschluss halten will.

Das verbotene Manuskript ist im Original ursprünglich in drei Alben erschienen, Ehapa veröffentlicht die Geschichte komplett in einem Sammelband. Autor Roberto Dal Pra’s Ansatz war es, einen Verschwörungskrimi vor dem Hintergrund der 50er Jahre zu konzipieren: Mit Anspielungen auf Chandler und Hammett und dem coolen, jungen Privatdetektiv McBride im Mittelpunkt, der seiner Reisegefährtin schöne Augen macht und seinen Feinden immer einen Schritt voraus ist, wird das Hard-Boiled-Genre bedient; das Jesus-Manuskript und die mystische Erfahrung des Professors verweisen auf das in Medien oft benutzte Motiv der klerikalen Konspiration und dank der Thematisierung des Konfliktes zwischen Tibet und China, sowie den Anspielungen auf die McCarthy-Ära wird ein beklemmend-bedrohliches Szenario aufgespannt, welches die politische Einordnung erleichtern soll.

Seite aus Das verbotene ManuskriptÜber all diesen einzelnen Punkten hat Dal Pra‘ nur leider vergessen, eine wirklich tiefgehende, homogene Story zu entwickeln. Die Figuren handeln sehr schematisch und vorhersehbar, das große Geheimnis um den Inhalt des Manuskriptes ist eigentlich gar keines, da es schon ganz früh vorweggenommen wird (und enttäuschenderweise gar nichts weiter dahintersteckt), und die Story pendelt mit all ihren Klischees zwischen den beiden Handlungsorten und zwischen den genannten Genres.

Dal Pra‘ schafft es nicht, seine vielen Ansätze zu einem großen Ganzen zu verschmelzen. Zudem wirken die Dialoge zuweilen sehr oberflächlich und unauthentisch. Überhaupt ist es ein Kernproblem dieses Comics, dass er nicht sehr durchdacht erscheint, dass ihm schlichtweg die erzählerische Tiefe fehlt. Ganz nett ist z.B., um nur einen Punkt zu nennen, der Gastauftritt von Humphrey Bogart (Egon Bauers Bruder arbeitet in der Filmbranche Hollywoods), der aber bezeichnenderweise keine Relevanz für die Story an sich hat. Der Autor versucht hier, wie an vielen weiteren Stellen, die Aufmerksamkeit des Leser mit Gewalt auf eine bestimmte Tatsache zu lenken.

Überzeugend sind hingegen die malerischen Bilder von Paolo Grella. Seine erdigen Pinselstriche passen ausgezeichnet zum Ambiente der 1950er Jahre, können jedoch die dünne Handlung nicht überdecken.

 

Wertung: 4 von 10 Punkten

Ambitionierter Stilmix, der an seinem eigenen Anspruch scheitert. Übrig bleibt die schöne Bebilderung

 

Das verbotene Manuskript
Ehapa Comic Collection, Juni 2012
Text: Roberto dal Pra‘
Zeichnungen: Paolo Grella
Übersetzung: Uwe Löhmann
176 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-3548-7
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Vinland Saga 1-3

Cover Vinland SagaCarlsen lässt die Wikinger aufmarschieren! In Japan ist die seit 2005 laufende Vinland Saga längst ein Erfolg bei Publikum und Kritik, gewann unter anderem dieses Jahr den Hauptpreis bei den prestigeträchtigen Kodansha Manga Awards. Jetzt bekommen wir den ambitionierten Historienmanga von Autor Makoto Yukimura (Planets) endlich auch in Deutschland zu lesen.

Europa zu Beginn des 11. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der Wikingerfeldzüge: Nach andauernden Provokationen plant der Dänenkönig Sven einen Eroberungszug gegen England und versammelt dafür seine Truppen. Auch der kampfesmüde Jomsburger Krieger Thors, der sich auf Island zurückgezogen hat, wird gegen seinen Willen in den Feldzug verwickelt. Doch die Jomskrieger haben selbst noch eine Rechnung mit Thors offen und beauftragen den Söldner Askeladd mit einem Attentat auf den ehemaligen Kriegsherrn, vor den Augen dessen sechsjährigen Sohnes Thorfinn.

Zehn Jahre später: Thorfinn hat sich Askeladds Söldnertrupp angeschlossen. Sein einziger Wunsch: Askeladd in einem Duell töten. Wann immer der junge Krieger einen gegnerischen Feldherren für Askeladd tötet, bekommt er eine neue Chance auf seine persönliche Rache …

Seite aus Vinland SagaVinland Saga ist sehr flott, unterhaltsam und spannend erzählt, lässt aber trotzdem genug Raum für epische Breite und dynamische Figurenentwicklung. Entsprechend ausgedehnt ist die Serie auch angelegt: Weit über 2000 Seiten sind bisher veröffentlicht, Band 12 erscheint demnächst in Japan. So flüssig, wie sich der Manga liest, hätte man diese am liebsten am Stück serviert bekommen. Denn auch wenn die Geschichte auf den ersten Blick weder sonderlich spektakulär noch originell daherkommt, taucht man doch sehr schnell tief in Thorfinns Welt ein, und am Ende eines jeden Bandes fällt das Warten auf die Fortsetzung umso schwerer.

Yukimura überzeugt auch optisch mit aufwendig schraffierten, detailverliebten und vergleichsweise realistischen Zeichnungen. Der Vergleich zu Kentaro Miuras zeichnerisch ähnlich angelegter, brachialer Fantasy-Serie Berserk liegt nahe. Teilweise übernimmt Yukimura auch dessen grotesk übersteigerte Anatomie, verzichtet dabei aber auf sämtliche übernatürlichen Elemente und hält sich bei aller übertriebener Ausschmückung seiner Heldenfiguren doch eng an sein gewähltes historisches Setting. Dankenswerterweise driften auch die durchaus harten Actionszenen nie in groteske Splatterorgien ab. Im Vergleich zu Berserk wirken Yukimuras Zeichnungen zwar grafisch etwas steifer und zahnloser, dafür aber auch deutlich zugänglicher.

Seite aus Vinland SagaVinland Saga erfindet das Rad zwar nicht neu, überzeugt aber mit einer spannend erzählten und beeindruckend gezeichneten Abenteuergeschichte, einem verschwiegenen, aber sympathischen jungen Helden und einem aufwendig recherchierten europäischen Historiensetting, zu dem sich im ausführlichen Anhang auch noch weitere Informationen finden. Das übersichtliche Paneling sollte auch Manga-ungewohnten Comicfreunden trotz japanischer Leserichtung das Lesen nicht sonderlich schwer machen. Die deutsche Übersetzung liest sich bis auf Kleinigkeiten weitestgehend flüssig. Lediglich die etwas lieblos geletterten deutschen Soundwords trüben den Gesamteindruck der Carlsen-Ausgabe ein wenig. Für alle Fans historischer Comicstoffe ist Vinland Saga also definitiv einen Blick wert und ein empfehlenswerter Beitrag in Carlsens aktueller Reihe von Manga-Publikationen für ältere Leser.

Ach ja, „Vinland“ ist übrigens der Name, den der auch im Manga in Rückblenden auftauchende isländische Entdecker Leif Eriksson Nordamerika gab, als er dieses vor über 1000 Jahren als erster Europäer besegelte. In den ersten Bänden verschlägt es Thorfinn allerdings noch nicht über den Großen Teich. Aber es ziehen ja auch noch einige Kapitel ins Land.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Munteres Wikingerabenteuer mit aufwendigen Zeichnungen und spannender Story. Historienfreunde werden bestens bedient.

 

Vinland Saga, Band 1-3
Carlsen Manga, zweimonatlich seit April 2012, wird fortgesetzt
Text & Zeichnungen: Makoto Yukimura
Übersetzung: Hirofumi Yamada
je 228-240 Seiten, schwarz-weiß (Band 1&3 je 4 Farbseiten), Softcover, japanische Leserichtung
Preis je: 7,95 Euro
ISBN: 978-3-551-75842-2 (Band 1)

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978-3-551-75843-9 (Band 2)

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978-3-551-75844-6 (Band 3)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag

Barracuda 2 – Narben

Cover Barracuda 2Der Titel des zweiten Bandes der interessanten Piratenserie Barracuda, „Narben“, betrifft nicht nur die äußerlich sichtbaren, etwa die des Cover“helden“, sondern vor allem die psychischen Verletzungen, an denen so gut wie alle Figuren leiden.

Drei Jahre nach den Ereignissen des ersten Bandes beauftragt der spanische König einen Hauptmann, die Edeldame del Suebo und deren wertvollen Diamanten wieder zu beschaffen. Derweil sind ihre Kinder in einer schwierigen Lage, aus der sie jedoch das Beste machen. Flynns Mündel Emilio wird im Schwertkampf unterrichtet und erfährt so einiges über seinen Besitzer (schließlich wurde er als Sklave gekauft). Maria hingegen hat mittlerweile den Sklavenhändler geheiratet und hat große Macht über ihn, die sie auch weidlich ausnutzt, um ihn zu demütigen und selber gesellschaftliche Macht zu bekommen. Derweil verzweifelt der junge Raffy, da sein Vater ohne ihn mit der Barracuda losgesegelt ist. Doch nicht nur er macht eine folgenschwere Begegnung, denn mit dem Piraten Markam kommt ein Geist aus Flynns Vergangenheit wieder zum Vorschein und alles wird sich ändern.

Jean Dufaux versteht es wirklich meisterhaft, Spannung zu schüren. Und das nicht bloß auf herkömmliche Art und Weise, wenn er seine Helden von Aufgabe zu Herausforderung hetzt, sondern auch, indem er ungewöhnliche Wege geht. So fängt er einfach mal neue Handlungsstränge an … und ignoriert sie zunächst, um sie in späteren Bänden wieder aufzugreifen. So kommt der spanische Hauptmann nach Erhalt seines Auftrages gar nicht mehr vor, obwohl er mit Sicherheit noch eine wesentliche Rolle spielen wird. Das Titelschiff der Serie, die Barracuda, und deren Kapitän Blackdog (der ja, wenn schon sein Schiff der Name der Serie ist, die vermeintliche Hauptperson darstellt) kommen in diesem Teil sogar überhaupt nicht vor und man erfährt auch nichts von ihnen. Geschickt gemacht, denn so fragt sich der Leser, was mit denen ist, und harrt gespannt schon während des Lesens des zweiten Bandes auf den dritten.

Seite aus Barracuda 2Für eine Piratenserie überraschend spielt dieser Band überhaupt nicht auf der See, sondern fast nur auf der Pirateninsel, und hat eher den Charakter einer Soap Opera, wenn die Folgen des ersten Teils für die drei so unterschiedlichen Kinder und deren Schicksale betrachtet werden. Dass es hier durchaus blutig zur Sache geht, ändert nichts an dem Soap-Charakter. Durchaus mutig von Autor Dufaux ist es, in einem testosterongesteuerten Genre wie dem Piratenabenteuer einen homosexuellen Helden einzuführen. Latenter Inzest wird in einer psychologisch glaubhaften und dichten Szene ebenfalls thematisiert.

Dass einer der Helden, Flynn, nicht nur namentlich, sondern auch optisch einem der prägendsten Piratendarsteller im Film gleicht, nämlich Errol Flynn, macht die Innovationen nur umso deutlicher, wenn sie mit der Genrevergangenheit konfrontiert werden. Der Comic ist trotz seiner Dialoglastigkeit spannend, atmosphärisch und actionreich, erzählt von schönen Frauen, Liebe und Hass. Das Ganze hat etwas Opernhaftes und in der Tat erinnern manche Panels, gerade wenn sie neue Szenen und Handlungsorte eröffnen, an ein Bühnenbild, dessen Ränder nicht nur eine optische Symmetrie schaffen, sondern auch Vorhängen ähneln. Manchmal sind sie deutlich zu sehen (der Galaabend oder das Gemach des königlichen Beichtvaters), manchmal symbolisch (die steinernen Flügel des Doms, oder Palmen am Strand). Die Geschehnisse werden also deutlich als fiktional charakterisiert und in Szenen untergliedert, was das Theatralische noch unterstreicht und der Erzählung in gewisser Art und Weise einen Metacharakter verleiht.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Oper im Piratengewand, die unter Verweis auf die Klischees des Genres neue Wege geht.

 

Barracuda 2 – Narben
Ehapa Comic Collection, Dezember 2011
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Jeremy
Übersetzung: Uwe Löhmann
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-3515-9

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Abbildung aus der frz. Originalausgabe, © Dargaud