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Pandämonium

pan1Autor und Zeichner Christophe Bec tritt mit seiner dreiteiligen Erzählung Pandämonium hierzulande ausnahmsweise mal nicht beim Splitter Verlag auf, wo bereits zahlreiche seiner Serien wie Prometheus, Carthago oder Heiligtum veröffentlicht wurden. Diesmal möchte er uns also in einem von Ehapas All-in-one-Bänden das Gruseln lehren.

Bec selbst ist in der auf Tatsachen beruhenden Story nur Szenarist, für die Zeichnungen ist Stefano Raffaele (Prometheus, Conan) zuständig. Das ist, um es vorwegzunehmen, auch einer der wenigen Pluspunkte bei der Bewertung von Pandämonium.

Die Handlung bezieht sich auf die Ereignisse im (real existierenden) Waverly Hills Sanatorium in Louisville, Kentucky zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Bis heute berüchtigt und geheimnisumwittert ist die Einrichtung, weil sie zur damaligen Zeit eine extrem hohe Zahl an Tuberkulosepatienten beherbergte und die Sterberate besonders hoch war. Zusätzlich soll ein „Todestunnel“ existiert haben, durch den die Leichen heimlich abtransportiert wurden und die Behandlungsmethoden der Ärzte sollen auffällig grausam, weil veraltet, gewesen sein.

Christophe Bec strickt aus all diesen Elementen einen Horror-Thriller. Erzählt wird vom Schicksal von Doris Greathouse und ihrer Tochter. Im Jahr 1951 liefert Doris die an Tuberkulose erkrankte Tochter Cora ins Sanatorium ein. Die Mutter war selbst früher Patientin in der Anstalt und wurde schließlich kuriert. Weil sie sich die Behandlung von Cora jedoch nicht leisten kann, bietet sie dem Leiter an, als Schwester zu arbeiten, um die Rechnungen zu bezahlen. Schon bald sieht Cora tote Menschen und die Ärzte entpuppen sich als zwielichtige Personen.

Seite aus PandämoniumEines muss man dem Comic zugute halten: Die Atmosphäre rund um das gespenstische Anwesen ist richtig gut geglückt und nichts für schwache Nerven. Das liegt wie bereits erwähnt zu einem guten Teil auch an den fantastischen, eindringlichen Bildern von Stefano Raffaele. Soweit lässt Pandämonium auch eine gehörige Portion Spannung aufkommen. Über das grundsätzliche Setting hinausgehend, ist der Band jedoch wenig überzeugend. Bec verrennt sich vollends in einer Mixtur aus Klischees des Horror-Genres einerseits und halbgaren Charakterisierungen andererseits. So verhält sich die Hauptfigur Doris Greathouse reichlich irrational und auch die Rollen der weiteren Figuren sind zweifelhaft bzw. nicht nachvollziehbar. Coras Vater zum Beispiel, der nur zweckmäßig plötzlich auftaucht, oder der gute Arzt, der selbst nicht so recht weiß, warum er bei den Bösen mitspielt. Der böse Arzt, der aber für seine Taten gar kein Motiv hat, der noch bösere Anstaltsleiter, der Teil einer Verschwörung zu sein scheint, der deplatzierte Journalist, und so weiter.

Das Potenzial zu einem richtig guten Comic wäre sicherlich vorhanden gewesen: Die Atmosphäre ist top, die Zeichnungen lobenswert und selbst einzelne Szenen sind für sich genommen stark umgesetzt. Nur die Handlung ist in ihrer Gesamtheit viel zu unausgereift und fatalerweise auch unlogisch. Auch in einer mysteriösen, übernatürlichen Umgebung sollten sich Menschen halbwegs realistisch verhalten. Und mit diesem Anspruch ging Christophe Bec in Hinblick auf die Thematisierung realer Begebenheiten sicherlich zu Werke.

 

Wertung: 4 von 10 Punkten

Für Horror-Freunde einen Blick wert, allerdings die vielleicht schwächste Serie des Autoren

 

Pandämonium
Ehapa Comic Collection, April 2012
Text: Christophe Bec
Zeichnungen: Stefano Raffaele
Übersetzung: Rossi Schreiber
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-3544-9
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Links der Woche: Mit Ministern, Zeitungen und 24-Stunden-Comics

Unsere Links der Woche, Ausgabe 34/2012:

 

„Darüber kann man nachdenken“
Der Tagesspiegel, Lars von Törne
Ein Interview mit Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, der sich hier erstmals ausführlicher zum Thema Comics äußert. Die Überschrift des Interviews (dem man deutlich anmerkt, dass es schriftlich geführt wurde) bezieht sich auf staatliche Förderung für den Comicbereich, die in Deutschland im Vergleich zu Ländern wie Frankreich sehr bescheiden ist.

„Zeichnungen bleiben im Kopf“: Red Box-Interview zur Comic-‚B.Z.‘
Red Box
Die Berliner Boulevardzeitung B.Z. feiert 135. Geburtstag und bringt aus diesem Anlass mehrere Sonderausgaben (eine Ausgabe nur auf Berlinerisch, eine von den Lesern gestaltet). Die Ausgabe vom letzten Sonntag erschien als „Comic-Ausgabe“, ohne Fotos und aussschließlich bebildert von etwa 30 Illustratoren und Comiczeichnern (u.a. Reinhard Kleist, Thilo Krapp oder Arne Jysch). Die Werbebranchen-Website Red Box sprach dazu mit den beiden verantwortlichen Redakteuren und zeigt Beispiele. Ein paar Seiten sind auch auf Page Online zu sehen.
Dass die Zeitung beim Stammpublikum teilweise Befremden und Ablehnung auslöste, zeigen Blogeinträge wie der von Matthias Heine oder auf Journalistenwatch.com.

„DCs NEW 52“: Alter Wein in neuen Schläuchen – – – „Clark Kent“ ‚mal wieder mit neuem Job…!?!
Grober Unfug-Blog, Mike
In der aktuellen Ausgabe von Superman (bei der Scott Lobdell als Autor die Reihe übernimmt) kündigt Superman alias Clark Kent seinen Job als Reporter bei der Zeitung Daily Planet und wird selbständiger Blogger. Ein Thema, auf das Journalisten weltweit anspringen, und das deshalb überall in Zeitungen und auf Websites verbreitet wurde (z.B. in dieser dpa-Meldung beim Tagesspiegel. Der Berliner Sender Radio Eins suchte nach den Stichworten „Comics“ und „Blog“ und fand Jean Fischer von Ein Comic Leben für ein kurzes Telefon-Interview zum Thema. Der oben verlinkte Beitrag vom Comicladen Grober Unfug regt sich mit einigem Recht darüber auf, dass sich die Medien auf solch eine Nicht-Nachricht stürzen (immerhin handelt es hier nur um ein fiktives Ereignis, das als Nachricht verkauft wird), dagegen das viel interessantere (aber eben auch viel kompliziertere) aktuelle Superman-Thema ignorieren: Das unlängst gefallene Gerichtsurteil, nach dem DCs Konzernmutter Warner Bros. der legale Eigentümer von 50% der Superman-Rechte ist, und nicht die Familie von Superman-Miterfinder Joe Shuster.

Sommer
doppeltim.de, Tim Gaedke
24-Hour Comic: Traumrauschen
Flausen, Ulf Salzmann 
Letztes Wochenende war wieder 24-Stunden-Comic-Tag, unter anderem traf sich ein Haufen Comiczeichner in Weimar. Dabei entstanden unter anderem diese beiden schönen Comics von Tim Gaedke und Ulf Salzmann.

Comics in Frankfurt: Ein Tag auf der Buchmesse 2012

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Zum inzwischen 13. Mal widmet die Frankfurter Buchmesse mit der „Faszination Comic“ den Comics einen eigenen Bereich, in dem neben klassischen Messeständen der Verlage auch eine breite Palette von Veranstaltungen geboten wird: Diskussionsrunden, Vorträge, Preisverleihungen und Signierstunden internationaler Gäste. Für Comicgate ist Stefan Svik nach Frankfurt gereist, der zum ersten Mal auf der Buchmesse war. Von seinen Eindrücken am Messesamstag, dem ersten der beiden Publikumstage, berichtet er hier.

 

buchmesse 2012 logoSamstag, 23.10.2012, ich betrete um 9.45 Uhr die Messehalle 3 und suche das Comic-Zentrum. Vorab konnte ich bequem am PC einen individuellen Plan zusammenstellen, mit den Terminen, die mich besonders interessieren. Ich kam auf sechs Seiten mit gut 40 Terminen. Am Ende des Messetages um 18.20 Uhr hatte ich nur einen Bruchteil von dem gesehen, was allein nur an diesem Tag und nur in einer einzigen Messehalle geboten wurde. Es war voll, es war warm, es war anstrengend und es war herrlich!

Der Weg zum Comic-Zentrum führt über Kinderbuch-Verlage wie Arena und Vorführungen von fidelen bayerischen Köchinnen. Dazwischen immer wieder Cosplay-Kids, aber auch ein Mann im Anzug mit aufgemalter Kopfverletzung.

Für eine Beschreibung des Comic-Zentrums verweise ich gerne auf den Comicgate-Artikel über die Frankfurter Buchmesse 2010. Was darin steht, gilt auch 2012 noch. Etwas verwunderlich: Der sehr große Ehapa-Stand ist relativ weit entfernt vom Comic-Zentrum, während die anderen großen und kleineren Verlage sich in dessen Nähe befinden. Man kann übrigens zu drei völlig verschiedenen Eindrücken kommen: Wer den Flyer der „Faszination Comic“ betrachtet, bekommt das Gefühl, dass Panini-Künstler die Messe dominieren. Bei der Preisverleihung des Sondermann am Nachmittag hingegen fällt vor allem der Reprodukt-Verlag auf, der gleich zwei Preise entgegennehmen durfte, etwa für Habibi als besten internationalen Comic. Beim Gang über die Messe besticht, rein was das Design betrifft, der helle, freundliche Stand von Carlsen. Sehr klein war im Vergleich dazu der Stand von Cross Cult, an dem Autorin Verena Klinke und Zeichner Felix Mertikat, die Schöpfer von Steam Noir 2 – Das Kupferherz, auch nach ihrer Signierstunde weiter für Interessierte zur Verfügung standen und schon mal Fragen beantworten mussten wie: „Was kostet es, wenn Sie mir eine Karikatur zeichnen?“, die Felix damit beantwortete, dass Karikaturen nicht unbedingt seine Stärke sind.

Samstag und Sonntag sind die Besuchertage auf der Buchmesse und dementsprechend voll war es. Freunde von Giveaways kamen durchaus auch auf ihre Kosten. Bei Ehapa gab es Luftballons, aber das Wichtigste war wohl: An den Ständen und an den eng aneinandergereihten Signiertischen gab es immer wieder Gelegenheiten, an Zeichnungen und Signaturen zu kommen. Von Mordillo, der von seinem Verlag per Transparent zu seinem 80. Geburtstag beglückwünscht wurde, über Joscha Sauer, Ralf Ruthe, Roger Langridge, Oguz Yilmaz, Johanna Baumann bis zu Martin Perscheid und vielen anderen Künstlern – hier dürften ganz unterschiedliche Fans auf ihre Kosten gekommen sein.

Ein Thema, das ich leider völlig verpasst habe (auch weil der Stand offenbar sehr gut versteckt war) waren tschechische Comics, die auf dieser Messe besonderes Augenmerk genießen sollten und im Programm hervorgehoben wurden. Wirklich groß aufgezogen wurde das Thema dann aber nicht – wie gesagt, ich habe den Stand schlicht nicht gefunden im dauerhaften Gewühl der massenhaften Besucherströme. Stattdessen lief ich dreimal am Stand mit iranischen Comics vorbei, der wenig einladend aussah (iranische Staatsflagge auf dem Tisch und ernst dreinblickende Mitarbeiter am Stand) und immer recht verwaist wirkte.

Beim Flanieren, besser: beim Durchquetschen durch die Messe gibt es immer mal wieder Neues zu entdecken. Ein Kamerateam interviewt eine junge Frau im engen Black-Widow-Kostüm, sie sieht von hinten ebenso täuschend echt aus wie später am Tag ein Double von Austin Powers. Vorherrschende Figuren sind offensichtlich Manga-inspiriert, obwohl eigentlich Neuseeland und die Hobbits Thema des diesjährigen Cosplay-Wettbewerbs sind. In der Masse der Besucher gehen die Cosplay-Fans ziemlich unter. Nirgends ist jemand zu sehen, der aussieht wie das Klischee vom „Comic Book Guy“ aus den Simpsons oder wie ein Nerd wirkt. Erst auf der Heimfahrt entdecke ich jemanden im Wolverine-Shirt, ein kleiner Junge, der im ICE seine Mutter auf Trab hält. In der Messehalle aber vermischen sich Comicleser mit gänzlich anderen Besuchern, die etwa ihren Kindern Hörbücher von einem Schauspieler vorlesen lassen oder auch nur auf Durchreise durch die vielen, großen Hallen sind. Eine bunte Mischung. „Erlangen ist familiärer“, sagt Autor Benjamin Schreuder später dazu. Auch ihm ist aufgefallen, dass hier sehr unterschiedliche Anbieter nebeneinander stehen.

Bei Zack frage ich nach Aktionen für den Comic Grand Prix. Es gibt keine. Im Zentrum der Messe steht hier ein anderer Rennfahrer-Comic: Michel Vaillant. Das mit reichlich Bildmaterial untermalte Panel zu diesem Thema ist sehr interessant und auch sehr gut besucht. Voller Stolz wird bekanntgegeben, dass der neueste Vaillant-Comic in Deutschland zuerst in Fortsetzungsgeschichten im Zack-Magazin erscheinen wird, bevor er als Album herauskommt.

Im Anschluss folgt ein 45-minütiger Auftritt von Lucky Luke-Zeichner Achdé und seinem Übersetzer Klaus Jöken, bei dem man am Ende leider vergessen hat, noch genug Zeit einzuplanen, um den Künstler live am Grafiktablett zeichnen zu lassen – schade. Im Gespräch gibt Achdé zu, nicht besonders von Hergé beeindruckt zu sein, weil er persönlich Zeichnungen mit mehr Action bevorzugt, etwa die von Franquin. Auf die Frage, ob er Lucky Luke gerne wieder mit Zigarette statt Grashalm zeichnen würde, antwortet er, dass Lucky Luke seit 1982 rauchfrei ist und dass es heute einfach nicht mehr passt, weil Helden inzwischen keine Raucher mehr sind. Denkbar wären Zigaretten nur noch für Schurken.
Achdé hat den legendären Lucky Luke-Zeichner Morris persönlich kennengelernt und gerne würde er ihn auch heute noch um Rat fragen, etwa wenn er wissen möchte, welcher Stift für eine bestimmte Zeichnung benutzt wurde. Bedauerlicherweise geht das nicht mehr, da Morris verstorben ist und Achdé nun seine Arbeit fortführt, gemeinsam mit wechselnden Autoren, oder im Fall von Lucky Kid auch im Alleingang. Mitgebracht hat der Franzose Bilder aus seinem neuesten Lucky Luke-Album, in dem die Daltons, inklusive Mom Dalton, eine Hauptrolle spielen. Zur Zeit erscheint die Geschichte im belgischen Spirou-Magazin, in Deutschland wird das Album 2013 herauskommen.

Bei einigen Verlagen habe ich mich erkundigt, wie ihr Jahr 2012 bislang war und was für sie die Highlights im kommenden Herbst und Winter werden. Bei Ehapa etwa gilt der Comic-Salon Erlangen als besonders erfreuliches Ereignis in diesem Jahr, mit dem man soweit auch sehr zufrieden ist und das so ein Werk wie Arzak von Moebius zu bieten hat. Panini hat mit Deluxe-Ausgaben, inklusive limitierten und signierten Drucken, von Frank Millers umstrittenem Holy Terror und dem Kriegscomic Battler Britton von Garth Ennis und Colin Wilson sehr exklusive, potenzielle Weihnachtsgeschenke im Programm. Cross Cult plant eine Kooperation mit dem DVD/BluRay-Vertrieb der Walking Dead-TV-Serie: Von der zweiten Staffel soll es eine Ausgabe geben, die sowohl die Filme als auch den Comic im BluRay-Format enthält. Beatrice Beckmann von Schreiber & Leser betont besonders die mittlerweile auf 13 Bände angewachsene „noir“-Reihe, die sich vor allem durch ihre Romanadaptionen als Einstieg für Neuleser eignet. Als Überraschungshit bezeichnet sie Ein philosophisch-pornografischer Sommer von Jimmy Beaulieu, von dem im nächsten Jahr ein weiterer Band erscheinen soll. Beim Carlsen Verlag steht in nächster Zeit die „Graphic Novel Ladies Edition“ mit drei französischen Comics im Mittelpunkt, die mit Buchhandelsaktionen und über Frauen- und Modemagazine promotet wird. Außerdem weist Pressedame Claudia Jerusalem-Groenewald auf drei kommende Eigenproduktionen hin: Kriegszeiten von David Schraven und Vincent Burmeister, eine Sammlung der Ferdinand-Comics von Ralph Ruthe und Flix aus dem Kindermagazin Dein Spiegel sowie Vasmers Bruder, der Abschluss von Peer Meters Serienmörder-Trilogie.

Highlight des Tages war wohl eindeutig die Verleihung des Sondermann 2012. Nach der Veranstaltung gab es im übrigen Freibier: 100 Flaschen Duff! Tolle Idee für eine Zeremonie, die angenehmerweise wenig an die Oscar-Preisverleihung erinnerte – erfreulich familiär und ungekünstelt ging es zu! Der Preis in der Kategorie „Comic National“ ging an Benjamin Schreuder und Felix Mertikat für Steam Noir 1. Ein ungewohnter Anblick: Bei der Entgegennahme des Preises war Felix mal ohne Hut unterwegs und freute sich sichtlich über die Auszeichnung. Vielleicht etwas wehmütig war Benjamin, der sich inzwischen mehr Filmen und Kinderbüchern widmet als Comics. Die weiteren Preisträger:

Comic international: Habibi, Craig Thompson (Reprodukt)
Manga international: Pretty Guardian Sailor Moon 1, Naoko Takeuchi, (EMA)
Manga national: Stupid Story 3, Anna Hollmann (Tokyopop)
Web-Sondermann: Das Leben ist kein Ponyhof, Sarah Burrini
Newcomer 2012: Brigitte und der Perlenhort, Aisha Franz (Reprodukt)
Bernd-Pfarr-Sondermann für Komische Kunst: Abstract City, Christoph Niemann (Knesebeck)

Auffällig war für mich der hohe Anteil an weiblichen Preisträgerinnen. Das immer noch stark männlich geprägt scheinende Superheldengenre oder die frankobelgischen Comics sind zwar ein gutes Gegenbeispiel, aber mein Eindruck ist, dass die Frauen im Bereich Comics stark auf dem Vormarsch sind. Auf der Messe hatte ich Gelegenheit zu Gesprächen mit Johanna „Schlogger“ Baumann, der Autorin und Zeichnerin von danach, und Steam Noir-Autorin Verena Klinke sowie ihren männlichen Kollegen Colin Wilson, Achdé, Christoph Niemann, Felix Mertikat und Benjamin Schreuder (diese Interviews erscheinen in den nächsten Wochen bei Comicgate). Jeder dieser Künstler steht für ganz unterschiedliche Arten von Comics und so ist es wohl auch mit einem Besuch der Frankfurter Buchmesse: jeder stellt sich ein ganz individuelles Programm zusammen und verlässt das riesige Messegelände in Sichtweite der Frankfurter Bankentürme mit ganz anderen Eindrücken.

 

Fotos: © Stefan Svik

Freud

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Cover Freud56 Seiten brutto. So viel Platz haben Corinne Maier und Anne Simon für ihre Comicversion des Lebens und Schaffens einer der wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts benötigt. Ehrlich gesagt war ich skeptisch, ob sie Sigmund Freud damit gerecht werden können. Zumal das Buch mit dem schlichten Titel „Freud“ anders als zum Beispiel Manu Larcenets Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud (Reprodukt) nicht eine einzige (noch dazu fiktive) Anekdote aus dem Leben des Begründers der Psychoanalyse erzählt, sondern die historische Figur in ihrer Gesamtheit abzubilden versucht.

Interessanterweise liegen Maier und Simon stilistisch dennoch nicht allzu weit von Larcenets Comic-Annäherung entfernt. Während jener Freud mit schwarzem Humor karikiert, spielen die beiden Künstlerinnen bei ihrer Biografie mit Symbolen und Metaeben, wodurch sie ihrerseits ein unverkrampft-humoristisches Lehrbuch abliefern.

Was man der Autorin von Freud, Corinne Maier, am Ende in jedem Fall bescheinigen muss, ist, dass sie erstens alle wichtigen privaten und beruflichen Aspekte aus Freuds Leben ohne Probleme auf den 56 Seiten unterbringt und zweitens als Psychologin, Historikerin und Soziologin sicherlich eine gewisse Expertise in die Entstehung des Comics einbringen konnte.

Seite aus FreudFreud selbst tritt als Erzähler auf, springt als Miniatur durch die Seiten (analog zu den Büchern von Scott McCloud) und berichtet über sich selbst, angefangen bei seiner Geburt in eine jüdische Familie, dem frühen Umzug nach Wien bis hin zur Flucht vor den Nationalsozialisten und seinem Tod in London. Dazwischen sind Freuds Theorien (Ödipuskomplex, Instanzenmodell, Psychopathologie usw.) oder berühmte Fallbeispiele (zum Beispiel Anna O.) chronologisch und oftmals auch grafisch abgegrenzt eingepflegt. An den komplexeren Modellen und Ideen Freuds wird dann auch der Kritikpunkt an diesem Comic sichtbar: Zu vieles ist nur angedeutet oder absichtlich überbordend dargestellt, eine angemessene Behandlung der zentralen Konstrukte bleibt damit aus. Im Ergebnis dürften sich Leser mit geringem Vorwissen bezüglich der Arbeit Sigmund Freuds überfordert fühlen; wer einen gewissen Kenntnisstand mitbringt, wird sich ärgern ob einer gewissen Oberflächlichkeit. Trotz gegliedertem Aufbau und guter thematischer Aufteilung über weite Strecken bleiben viele Kernpunkte im Gesamtgefüge konfus.

Mit dieser Kritik möchte ich den Machern Maier und Simon aber nicht ihr Engagement in Abrede stellen. Im Gegenteil: Der Ansatz ist clever gewählt. Mit überdimensionalen Gehirnen oder Phallussymbolen wird das Denken Freuds, seine Beweggründe und Ideen auf möglichst nachvollziehbare Weise veranschaulicht, ja vielleicht sogar auf die kleinste zeichnerische Ebene gebracht; mit viel Witz und überschäumenden Bildkompositionen.

Allerdings ist das Album einfach nicht lustig genug und in der Nachbetrachtung sind 56 Seiten wahrscheinlich doch nicht genug, um an Freuds Arbeit nicht nur oberflächlich zu kratzen.

 

Wertung: Bewertung: 5 von 10 Punkten

Biografie, Cartoon, Satire? Ein bisschen von allem. Ein vielversprechendes Grundkonzept mit wenig Durchschlagskraft

 

Freud
Knesebeck, Mai 2012
Text: Corinne Maier
Zeichnungen: Anne Simon
Übersetzung: Anja Kootz
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-86873-510-9

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Abbildungen © Anne Simon/Dargaud, der dt. Ausgabe Knesebeck

Himmel in Trümmern 1 – Über den Wolken

Cover Himmel in Trümmern 1Nach einem gelungenen Einstand mit dem Zweiteiler Touna Mara legt der noch junge All Verlag nun den Auftaktband seiner zweiten Serie vor. Himmel in Trümmern macht zunächst den Eindruck eines typischen Fliegercomics, wie man ihn etwa von den Klassikern Buck Danny oder Tanguy und Laverdure kennt. Und doch ist diese Reihe in mancherlei Hinsicht anders: Zum einen kommen genrefremde Elemente zum Einsatz, zum anderen sind die Helden am Anfang recht dubios.

Kann es gut gehen, dass der Held ein Pilot der deutschen Luftwaffe während des Zweiten Weltkrieges ist? Droht da nicht die Gefahr, dass der ganze Band in eine gefährliche politische Richtung driftet? Kann man das vermeiden, allein dadurch, dass die Autoren Franzosen sind und nicht schon per se des Revisionismus verdächtigt werden können, wie es schnell der Fall gewesen wäre, wenn es sich um deutsche Autoren handelte?

Zum Glück ist eine Verherrlichung des „Dritten Reichs“ hier nicht zu finden. Denn der jugendliche Held Nikolaus Wedekind, ein Pilot der Luftwaffe, ist der Bruder eines Offiziers, der nach dem Scheitern des versuchten Hitler-Attentats von Stauffenberg Selbstmord begangen hat, folglich dem Widerstand angehörte. Auch gehört der Pilot zum Freundeskreis von Sophie Scholl und ihrer Widerstandsgruppe der „Weißen Rose“. Dass er bei seinem ersten wesentlichen Einsatz sofort an Fahnenflucht denkt, macht ihn zwar nicht zu einem aktiven Widerstandskämpfer, positioniert ihn aber als kritischen Geist, der dem Nazi-Regime zumindest skeptisch gegenübersteht.

1945 liegt das „Deutsche Reich“ in den letzten Zügen. Nikolaus Wedekind soll an dem neuen Düsenjäger ME 262 zum Piloten ausgebildet werden. Doch schon der erste Flug droht zu einer Katastrophe zu werden. Zudem plagen den jungen Offizier starke Gewissensnöte, was mit dem politischen Widerstand seines Bruders und seiner Freundin Sophie Scholl zu tun hat.

Seite aus Himmel in Trümmern 1Die Story verzichtet im Gegensatz zu anderen Fliegerserien auf die Anhäufung vieler technischer Einzelheiten, die nur Fans des Genres ansprechen würde. Eine Szene gerät dann allerdings doch zu einer Vorlesung über die technischen Aspekte der ME 262 – nicht nur für den Protagonisten, sondern auch für den Leser. Das hätte Autor Philippe Pinard etwas eleganter lösen können.

Der Plot ist bislang recht übersichtlich, ein direkter Handlungsablauf ist noch nicht abzusehen, aber als Einstiegsband ist „Über den Wolken“ dennoch gelungen. Die Hauptfigur wird gut eingeführt und Pinard spinnt einige Fäden, die sich noch entwickeln müssen und auf die man gespannt ist. Dafür sorgt nicht zuletzt ein sprechender Hund – so eine metaphysische Figur ist in diesem von Technik dominierten Genre der Fliegercomics zuerst überraschend, dann befremdlich und schlussendlich neugierig machend. Der Hund trägt nicht umsonst den Namen Fisto, was ein geradezu genialer Einfall ist. Nicht nur ist das ein glaubwürdiger Hundename, sondern eine schöne Verbindung von Mephisto und Faust. Der Comic verweist mehrfach auf Faust, zum Beispiel bei einer Theateraufführung mit dem legendären Gustav Gründgens, oder auch dadurch, dass Nikolaus und zuvor schon sein Bruder einen faustischen Pakt mit diesem dämonischen Vierbeiner eingehen. Wozu und warum und was hat dieser Hund (respektive der Teufel) vor? Keine Ahnung, das wird sich frühestens im zweiten von insgesamt fünf Bänden zeigen.

Um dem Revisionismusverdacht entgegenzutreten, wird noch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sogar der Teufel seine liebe Not mit den Nazis hat. Selbst ihm sind sie zu fanatisch und böse, als dass er sie lenken könne – zugegeben eine etwas platte Distanzierung, aber doch eine schöne Idee. Graphisch reiht sich der Band ganz klassisch ein: Olivier Dauger setzt auf die Ligne Claire und nutzt sie souverän, wobei vor allem die Perspektivenauswahl (etwa bei den Badewannenszenen) besonders erwähnenswert ist. 

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Klassischer Fliegercomic in gefährlichen historischen Fahrwassern, die er mit paranormalen Elementen erfolgreich umschifft.

 

Himmel in Trümmern 1 – Über den Wolken
All Verlag, September 2012

Text: Philippe Pinard
Zeichnungen: Olivier Dauger
Übersetzung: Dr. Marcus Schweizer

48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-926970-12-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: All Verlag

The Adventures of Leeroy and Popo (UK)

The Adventures of Leeroy and Popo, geschrieben und gezeichnet von Louis Roskosch, gibt uns Einblick in das Leben zweier Slacker in den Frühzwanzigern, einer ein Bär, der andere ein Dinosaurier und das ist auch schon das Interessanteste, was ich über den Comic zu berichten weiß.

Die komplette Rezension zu The Adventures of Leeroy and Popo lest Ihr in Folge 6 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

2gegen1: Gratisrevue von Neunte Künst, Aufzug 6

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Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: Leeroy and Popo von Louis Roskosch und Krepier oder stirb von Bela Sobottke.

Cover Leeroy and Popo

WEDERHAKE: Oh Mann, Frisch, da lässt du mich aber ganz schön hängen! Aus strukturellen Gründen muss ich hier gleich für zwei Comics vorlegen (womit die Semiselbstgespräche zum reinen Selbstgespräch werden), was mir die Chance nimmt, dir mal ausführlich zu erklären, warum deine Meinung falsch ist. In Wave and Smile würde man sowas Fahnenflucht oder Feigheit vor dem Feind nennen.

Na schön. The Adventures of Leeroy and Popo, geschrieben und gezeichnet von Louis Roskosch, gibt uns Einblick in das Leben zweier Slacker in den Frühzwanzigern, einer ein Bär, der andere ein Dinosaurier und das ist auch schon das Interessanteste, was ich über den Comic zu berichten weiß. Leeroy und Popo hängen antriebslos im Coffee Shop herum, in dem eine Modestudentin als Objekt der Begierde fungieren darf, spielen Zelda für die Wii, rauchen Pot in ihrem DeLorien, zocken Superman fürs Nintendo 64 oder spielen Game Boy in der Monorail. All das ist vom Zeichenstil und der leicht gedeckten Farbgebung her zumindest nett umgesetzt, aber in jeder anderen Hinsicht ist Leeroy and Popo ein massiver Fehlschlag.

Als würden die Hipsterklamotten und Hobbys der Hauptfiguren noch nicht ausreichen, um meinen Hass zu wecken, legt Roskosch seinen Protagonisten hier spärliche Dialoge von solch einschläfernder Jammerlappigkeit in den Mund, dass ich in den Comic hereingreifen und alle beteiligten Figuren ohrfeigen möchte, dass sie endlich ihren Arsch hochbekommen und das selbstgefällige Rumgejammer aufgeben sollen. Die Antriebslosigkeit der „Geschichte“, die so vor sich hintröpfelt und sich dann im völligen Nichts verliert, ist vielleicht als clevere Parallele zur Antriebslosigkeit der Figuren gedacht, aber das macht das Leseerlebnis nicht angenehmer.

The Adventures of Leeroy and Popo ist ein Comic, von dem ich glaube, dass ihn sehr gut jemand in einem Zach-Braff-Film lesen könnte, was für sich genommen schon ein vernichtendes Urteil ist. Wenn man aber in seinem Freundeskreis keine sozial-verklemmten, egozentrischen, heulsusigen Langweiler kennt, von denen man sich nach wenigen Minuten wünscht, sie nie wieder sehen zu müssen, dann ist dieser Comic ein hervorragender Ersatz. Das „In the next book…“ fasse ich jedenfalls als Drohung auf.

 

1 von 10 Punkten

***

FRISCH: Ich glaube, ich muss hier mal eine Lanze für strukturschwache Erzählungen über weinerliche Oberschichten- und gehobene-Mittelstands-Pseudoerwachsene brechen, die ständig bekifft oder auf Medikamenten sind, weil sie entweder an einem schlimmen Kindheitstrauma leiden oder sich einfach nur so, ohne näheren Grund, einer gepflegten Existenz als neurotisch-passive Waschlappen hingeben (s. auch: „GardenState-Syndrom“), sich einem irgendwie gearteten Sozialverhalten aus Furcht vor Entlarvung als neurotisch-passive Waschlappen konsequent verweigernd, deren dementsprechende pomadige Lätschertheit und beinahe schon coldplayhafte Leere durch übermäßige Referenzen an die Populärkultur oder einen bisweilen verstörenden, weil pathologisch – um nicht zu sagen: soziopathisch – anmutenden Hang zur Flucht in aufgesetzte Niedlichkeit, etwa auch in der zeichnerischen Darstellung als anthropomorphe Kuscheltierchen (s. auch: „Kochalka-Komplex“), zu kompensieren versucht wird.

Denn stell dir einmal vor, mein lieber Wederhake, Louis Roskosch wandelte hier auf Becketts Spuren: Lavendel und Popov säßen herum, wartend auf jemanden oder etwas, von dem sie keine genaue Vorstellung hätten, führten dabei allenthalben philosophisch tief schürfende, wenn auch stilistisch schlichte Gespräche über die Bürde ihrer Existenz, vertrieben sich die Zeit damit, in die Rollen ihrer Bekanntschaften Lucky und Pozzo schlüpfen zu wollen, erkennten aber: Sie können nicht tanzen, sie können nicht denken, und entschlössen sich sodann, sich mittels des lavendelschen Hosenbunds an einer Trauerweide zu erhenken, nur um mangels Antriebs doch wieder in abwartender Untätigkeit und vollendeter Abhängigkeit vom Unwägbaren zu verharren.

Wäre das nicht ein Kracher geworden?

Auch eine Gus-Van-Sant-Version wäre denkbar: Popo und Popo, zwei amerikanische Studenten, brächen zu Fuß in die Wüste auf, unterhielten sich zunächst angeregt auf ihrem Marsch, veranstalteten Wettrennen, bemerkten, sich verlaufen zu haben, und schließlich, bedingt durch nichts weiter als einen Mangel an Gesprächsstoff und eine ebenso spontane wie überwältigende reziproke Verzweiflung ob der Erkenntnis des Umstands, mit sich selbst alleine zu sein und nichts, aber auch gar nichts zu bereden zu haben, erschlüge Popo Popo mit Popos Wii, verscharrte ihn halbherzig im Dreck und kehrte wortlos und durstig – so unglaublich durstig! – nach Hause zurück.

Ich hätte in die Hände geklatscht vor Begeisterung.

Oder nehmen wir an, LeRoi und Pópo wären zwei Brüder aus Nancy auf Sommerurlaub in der trügerischen Idylle eines bretonischen Ferienhauses im Jahre 1968. Inmitten der unerträglichen, zermürbenden, kopf- und schwanzlosen Ereignislosigkeit, hier dank des Standortvorteils schnell als Ennui ausgemacht, lernten sie am Strand die schöne sechzehnjährige Cécilia aus Paris kennen, in die sich LeRoi sogleich verliebte. Der ältere, erfahrene Richárd, ein Segelfreund von Cécilias Vater aus Avignon und zugleich ihr Patenonkel, erschiene und machte in der ihm eigenen, unrasierten, von barschem Matrosencharme geprägten Façon Pópo den Hof. Eines lauen Nachts verführte die durchtriebene Cécilia dann den willigen Pópo, welcher in jenem Augenblick der Fleischesschwäche seine Freundschaft zu LeRoi nur allzu gerne zu vergessen bereit wäre, nicht zuletzt auch in dem Verlangen, sich eingedenk der doch nicht gänzlich fruchtlosen Avancen Richárds seiner eigenen Heterosexualität aufs Neue versichern zu wollen – ja zu müssen, um nicht den Gram seines Vaters, eines Gewürzhändlers aus Marseille, und den Kummer seiner todkranken Mutter zu wecken. LeRoi entdeckte den wollüstigen Reigen der beiden zufällig, während er an Pópos Fenster vorüber lustwandelte, und tränke aus Protest von einer Flasche herben Rotweins, deren Rest er im fahlen Schein einer flackernden Kerze zornig gegen die Küchenwand schleuderte, das launige Grunzen der Liebenden nebenan so jäh beendend, um im Gegenzug, ermuntert nun durch das strenge Bouquet, den unglücklich verliebten Richárd zu verführen und in sein kaltes Bett zu zerren. LeRoi und Richárd hätten schlechten Sex und weinten, und am nächsten Tage wäre die sprachlos-erschöpfte Atmosphäre des kleinen Ferienhauses in der Bretagne zum Bersten schwanger mit Missgunst. Im abendlichen Dämmerlicht dann der große Knall: LeRoi, Pópo, Cécilia und Richárd stritten erbittert, leerten und zerschmetterten gemeinsam mehrere Flaschen des steilen Gesöffs, sie hätten – wie bei Franzosen im Sommerurlaub üblich – alle miteinander schlechten Sex, weinten und führen am darauffolgenden Tage wund und stumm nach Hause zurück, um dann, sich einander nunmehr unabänderlich der Scham um die eigene Schlechtheit erinnernd, für immer auseinander zu gehen – ein mit zarter Wehmut wie auch bitterböser Ironie getränkter gnadenloser Abgesang auf die verlogene Gesellschaft der späten 1960er, zugleich zeitloses Sittengemälde von wegweisender Relevanz für das Europa des 21. Jahrhunderts.

Und das mit anthropomorphen Tierfiguren. In Angoulême, San Diego und Erlangen hätten bei Nobrow die Korken geknallt, und bei Reprodukt wären sie Spalier gestanden.

Aber es hilft ja nichts. Diesseits der Wunderwelten des Konjunktivs II sehen wir uns in der harten Realität zwei Figuren ausgesetzt, die von ihrem Schöpfer mit ihrer Rammdösigkeit ganz alleine gelassen werden. Brot kann schimmeln; Leeroy und Popo können gar nichts. Obwohl die beiden zockenden Spättroglodyten nix drauf haben außer Zahnbelag, landet Leeroy irgendwie ein Date mit der holden Cecilia – und vergeigt die Liaison natürlich, lange bevor an schlechten, oder sonstwie gearteten, Sex zu denken wäre. Es hätte irgendwie eine nette Geschichte werden können, aber keine Ahnung, was Cecilia an Leeroy finden sollte. Man mag ihn als Leser ja selber nicht leiden. Wobei es schon ein Kunststück ist, einen Comic zu machen, in dem einer der slackenden „Helden“ dank eines kaum plausiblen Maßes an Glück fast das Mädchen seiner Träume abbekommen könnte, und es dann letztlich auch noch als große Ungerechtigkeit des Lebens dargestellt wird, wenn sie sich doch lieber einen Typen sucht, der seinen Weg hinaus aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zumindest schon mal insofern angetreten hat, als er sich überhaupt hin und wieder auf seinen Füßen in eine ihm nicht vollkommen unbewusste Richtung zu bewegen scheint.

Will sagen: Es liegt nicht an Leeroy und Popo, Roskosch ist schuld. Schopenhauersche Weltverneinung gut und schön, aber auch das Nirwana will verdient werden.

Sonst heißt es nachher: War gar nicht so toll.

Hübsch gezeichnet, immerhin.

 

1 von 10 Punkten

The Adventures of Leeroy and Popo
von Louis Roskosch
Nobrow, 2012
Paperback, farbig, englisch, 50 Seiten, 8,50 GBP/13,95 USD
ISBN: 978-1-907704-32-1

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Cover Krepier oder Stirb

WEDERHAKE: An dieser Stelle musst du dir jetzt eine gezwungen lustige Antwort auf deine Meinung zu Leeroy and Popo vorstellen, auf die du dann antworten kannst, Frisch. In der nächsten Runde kehren zum alten Format zurück, klar?

Ähnlich wie Leeroy and Popo ist auch Bela Sobottkes Krepier oder stirb eher eine Zwischenmahlzeit denn ein komplettes Hauptgericht. Sobottke führt uns in den wilden, wilden Westen – genauer gesagt in die Gegend rund um New Berlin – wo sein stotternder Unterhemdenträger mit dem arg bemühten Namen S.T.R.Anger blutige Abenteuer erlebt. Und anders als bei Leeroy and Popo passiert hier wenigstens etwas.

Sobottkes Figuren rangieren irgendwo im Grenzgebiet zwischen Monkey Punch und Richard Corben, der U-Comix-Einschlag ist nicht zu übersehen und die mit viel flächigem Schwarz erzeugten Westernlandschaften sind stimmig genug, um Visionen von Spanien und Jugoslawien hervorzurufen, wo immerhin die besten Italowestern entstanden. Auch in sonstiger Hinsicht fängt Sobottke den siffigen Charme der Spaghettis gekonnt ein. Die einzige im Comic vorkommende Frauenrolle allerdings sieht physiognomisch völlig deformiert aus. Kein Vergleich zur göttlichen Cardinale. Den Figuren fehlt in den – deutlich zu wenigen – Actionszenen zudem die Dynamik in der Bewegung, was aber durch einen großen Kübel an ins Lächerliche überzogener Gewalt kompensiert wird.

Die Geschichte selbst erreicht ihren Höhepunkt leider schon in der Mitte in einer solide-unterhaltsamen Schundorgie und verfranst sich danach in einem unnötigen psychotropen Schlussdrittel, das in der altbackensten und nullachtfuffzehnigsten Art „aufgelöst“ wird, die ich im Comic echt nicht mehr sehen muss. Zudem tendiert Sobottke dazu, einzelne Panels mit viel zu viel Palaver zu überfrachten statt sich – dem Vorbild der Leone-Western folgend – auf wenige aber dafür pointierte Sätze zu beschränken. Und das Gimmick des reimenden Protagonisten funktioniert auch nicht, dafür sind die Reime zu stumpf und zu wenig unterhaltsam. Ein Schuss Rainer Brandt hätte dem Comic im Hinblick auf die Dialoge nicht geschadet.

Krepier oder stirb ist immerhin unterhaltsam genug, um über die kurze Lesedauer zu tragen, aber Sobottke ist – um mal im Genre zu bleiben – dann eben doch eher ein Ferdinando Baldi oder Osvaldo Civirani und kein Sergio Corbucci oder Sergio Leone.

 

4 von 10 Punkten

 

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FRISCH: Ja, nicht wahr. Im ersten Drittel ein, zwei Mal gelacht, danach noch das eine oder andere Schmunzeln – unterm Strich prickelt Sobottkes berlinernder Schund-Punk-Western leider nur bedingt.

Dabei ist es vor allem die rührende und völlig entwaffnende Dämlichkeit des teils stotternden, teils reimenden S.T.R.Anger, mit der Sobottke einige Pluspunkte landen kann – die herrliche Szene zu Beginn mit den Pilzen etwa fällt da besonders auf. Aber auch hier muss man sagen: „S.T.R.Anger“? Puh. Witze auf Kosten von Stotterern? Oje. Und die Reime sind auch eher so mittelgut. Der Rest des Comics – die letzten 40 der 48 Seiten also – fällt dann nochmal leicht ab.

Nichts gegen Schund, aber auch Schund lebt von guten Einfällen, die pointiert zu Papier gebracht werden wollen, sowie von Figuren, die zwar nicht durch ihre große Tiefe auffallen müssen, aber doch auf irgendeine Weise faszinierend sein sollten. Und da hapert’s eben. Das hat man alles schon mal besser, pointierter, lustiger und origineller gesehen. Krepier oder stirb will nicht mehr als Schund sein, versäumt es aber leider auch, sich in seiner Schundhaftigkeit irgendwie besonders hervorzutun.

Immerhin kann man Sobottke zugute halten, dass er durch den wilden Mix von Underground-Ästhetik, Italowestern-Einflüssen und Lokalkolorit trotz allem eine eigene Duftmarke setzt, die mit Sicherheit ihre Fans finden wird. Aber insgesamt fällt dann doch alles zu beliebig und in der Ausführung zu durchschnittlich aus, um wirklich zu überzeugen. Derber Genre-Klamauk darf gerne etwas einfallsreicher und denkwürdiger ausfallen.

Schade eigentlich, denn auch hier gilt: Die Zutaten für einen Kult-Schundcomic wären durchaus vorhanden, und Sobottke hätte auch grafisch genug Tinte auf dem Füller.

 

3 von 10 Punkten

Krepier oder stirb
von Bela Sobottke
Gringo Comics, 2012
Paperback, schwarz-weiß, 48 Seiten, 7,90 Euro
ISBN: 978-3-940047-74-8

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Abbildungen: © Louis Roskosch/Nobrow und Bela Sobottke/Gringo Comics

Links der Woche: Mit Brasilien-Austausch, der Buchmesse und Little Nemo bei Google

Unsere Links der Woche, Ausgabe 33/2012:

Osmose
Goethe-Institut, diverse Künstler
Das Goethe-Institut macht wieder Kulturaustausch mit Comiczeichnern, diesmal zwischen Deutschland und Brasilien. Drei brasilianische und drei deutsche Künstler gehen für jeweils vier Wochen ins andere Land und halten ihre Erlebnisse in gezeichneter Form fest, die auf dem „Osmose“-Blog dokumentiert werden. Zur Zeit lebt Aisha Franz in Salvador und Mawil in Porto Alegre. Bereits im August war Birgit Weyhe zu Gast in São Paulo.

Frankfurter Buchmesse – Faszination Comic 2012
Splashcomics
Wie üblich berichtet Splashcomics wieder umfangreich und mit vielen Fotos, Audio- und Videobeiträgen von der „Faszination Comic“ im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Unter anderem gibt es Interviews mit den Gästen Achdé, Dylan Horrocks, Daniel Lieske und Daan Jippes.

Sondermänner, Bier und Nüsschen
buchmesse.ARD.de, nrc / than
Auf der Buchmesse wurde wie in jedem Jahr der Publikumspreis Sondermann verliehen. Der Hessische Rundfunk berichtet über die Preisverleihung.

Geschrumpft, gewachsen
Titel-Magazin, Andreas Alt
Andreas Alt hat sich bei seinem Streifzug über die Buchmesse auf jene Verlage konzentriert, die Comicmaterial anbieten, aber weder als klassischer Comicverlag gelten, noch im Comicbereich der Messe angesiedelt sind.

Francfort 2012 : Fluctuat Nec Mergitur
ActuaBD, Didier Pasamonik
Der Blick aus Frankreich: Auch die französische Comic-Website ActuaBD berichtet in einem längeren Artikel von der Frankfurter Buchmesse.

Kindercomics bei Reprodukt
Reprodukt Blog, Dirk Rehm
Der Berliner Comicverlag Reprodukt kündigte auf der Buchmesse eine Erweiterung seines Programms an: Ab dem nächsten Jahr erscheinen dort auch Comics, die sich ausdrücklich an Kinder richten. Geplant sind nicht nur Lizenztitel aus Frankreich und Großbritannien (Luke Pearsons Hilda, hier sehr euphorisch besprochen), sondern auch eigenproduzierte Comics von deutschen Autoren wie Ulf K. und Patrick Wirbeleit.

Im Bann der Bildgeschichten
Der Tagesspiegel, Lars von Törne
Anlässlich der zweiten Ausgabe von Alfonz widmet sich Lars von Törne dem wachsenden, aber finanziell wenig lukrativen Markt der Comic-Fachzeitschriften: Es zeichne sich „langsam eine Ausdifferenzierung und partielle Professionalisierung ab, wie sie einst auch bei Musik- oder Sportzeitschriften zu beobachten war, die sich zumindest teilweise von Fanzines zu General-Interest-Titeln entwickelten.“ Der Artikel erschien heute auf der Medienseite des gedruckten Tagesspiegel.

107th Anniversary of Little Nemo in Slumberland
Google, Jennifer Horn
Am 15. Oktober gab es auf der Google-Startseite ein „Google Doodle“ (also ein angepasstes Logo) zum Geburtstag von Winsor McCays berühmtem Comicstrip. Das Doodle ist ein interaktiver Comic, der sich beim Klicken zu einem längeren Geschichte erweitert. Auf der hier verlinkten Seite gibt die Illustratorin Jennifer Hom einen kleinen Einblick in dessen Entstehung.

„The Goon“ Movie… let’s KICKSTART this sucker!!!
Kickstarter, Blur Studio
Schon seit einigen Jahren bemüht sich The Goon-Schöpfer Eric Powell um eine Trickfilmversion seines Comics. Als Produzent des Films ist David Fincher an Bord, doch der nicht sehr kindgerechte Stoff scheint bei den Hollywood-Bossen nur schwer vermittelbar zu sein. Nun wenden sich Powell und das Animationsstudio Blur über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter an die Fans. 400.000 Dollar sollen eingesammelt werden, um ein „Story Reel“ zu produzieren, eine Art vertontes Storyboard in Filmlänge. Mithilfe dieses Story Reels soll dann ein Studio zur Finanzierung eines Films gefunden werden.

Aufzeichnungen aus Jerusalem

Cover Aufzeichnungen aus JerusalemDer Franko-Kanadier Guy Delisle hat sich in den vergangenen Jahren als Spezialist für persönlich gefärbte Reisereportagen in Comicform etabliert. Nachdem er in Shenzhen und Pjöngjang von seinen Erfahrungen als Abgesandter der westlichen Trickfilmindustrie in Asien berichtete, begleitete er seine Frau, die für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet, zuerst bei einer Mission in Myanmar (Aufzeichnungen aus Birma) und später auf einem einjährigen Einsatz in Israel. Seine dort entstandenen tagebuchartigen Beobachtungen sind in Delisles bisher dickstem Band Aufzeichnungen aus Jerusalem gesammelt.

Episodenhaft, ohne dramatischen Spannungsaufbau (den es hier aber gar nicht braucht) schildert er kleine Szenen aus einem Jahr in Jerusalem, von banalen Kleinigkeiten wie einem verlorenen Schlüssel über den sicherheitstechnisch brisanten Papstbesuch bis zu einer politisch heiklen Eskalation des Nahost-Konflikts, als die israelische Armee am Jahresende 2008 Luftangriffe auf Gaza fliegt.

Seite aus Aufzeichnungen aus JerusalemGanz entscheidend für alle seine Reiseberichte ist die Perspektive, die Guy Delisle einnimmt: Stets ist er der etwas unbedarfte, eher schlecht informierte und schlecht vorbereitete Fremde, der mit einer fast kindlichen Naivität auf eine unbekannte Welt trifft, sich mit großen, neugierigen Augen umsieht und seine Eindrücke als Comic notiert. Delisle kommt nicht als Reporter mit journalistischem Auftrag oder politischen Interessen, auch nicht als wissbegieriger Globetrotter auf Weltreise. Er ist eher unfreiwillig da – weil ihn sein Arbeitgeber hergeschickt hat (wie bei den Berichten aus China und Nordkorea) oder weil seine Frau hergeschickt wurde, die er als Hausmann und Kinderbetreuer begleitet. Durch diese Perspektive entsteht eine große Nähe zum Leser, denn auch der hat in der Regel wenig Ahnung von Delisles Reisezielen und findet sich in dessen naiver Betrachtungsweise mühelos wieder.

Bei Jerusalem sieht die Sache nun jedoch erstmals anders aus. Während wir von der chinesischen Boomtown Shenzhen, vom ehemaligen Birma und erst recht vom abgeschotteten Nordkorea nur wenig wissen, geschweige denn selbst dort waren, ist der nahe Osten und die dortigen Konflikte seit Jahrzehnten ein Dauerthema in den Medien, das in Filmen, Büchern, Nachrichtensendungen und zuletzt auch vermehrt in Comics aus verschiedensten Blickwinkeln immer wieder behandelt wird. Und anders als bei Delisles früheren Reisezielen, über die man im Westen eine ziemlich einheitliche Meinung hat, ist Jerusalem ein höchst aufgeladener Gegenstand von kontroversen Standpunkten jeglicher Couleur. Wie kaum an einem anderen Ort der Welt konzentrieren sich hier politische, religiöse und militärische Auseinandersetzungen wie in einem Brennglas. Eine Situation, in die man nicht mehr so leicht mit staunenden Kinderaugen hineinspazieren kann.

Seite aus Aufzeichnungen aus JerusalemUnd doch gelingt es Guy Delisle auch hier, sich seinem Gegenstand mit entwaffnender Unbedarftheit zu nähern und damit beim Leser immer wieder für Aha-Momente zu sorgen. Wie üblich positioniert er sich auch an diesem weltpolitischen Brennpunkt als ein ganz unbeteiligter Außenstehender, der einfach nur Familienvater und Zeichner ist. Es geht um scheinbar alltägliche Fragen wie „In welchen Kindergarten kann ich meine Kinder bringen?“, „Wie und wann hole ich sie am besten dort ab?“, „Wo kaufe ich Brot?“ oder „Ich möchte diese Wand zeichnen, weil sie interessant aussieht“. Aus diesen Alltagsszenen, von Delisle in gewohnt lakonischer Weise skizziert, entstehen tiefe Einblicke in die besondere Gemengelage im Nahen Osten. Das wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass Familie Delisle im Ostteil Jerusalems wohnt, der zu den israelisch besetzten palästinensischen Gebieten zählt. Damit ist sie ständig konfrontiert mit Grenzposten, Soldaten und einem allgegenwärtigen Gefühl der Trennung und der Ungleichheit.

Wo andere vielleicht in empörte Anklagen ausbrechen würden, bleibt Delisle stets ein leiser Beobachter, der nicht anprangert, sondern einfach feststellt. Die teils hochgradig absurden Auswirkungen der politischen Situation Jerusalems unterlegt er immer wieder mit sanfter Ironie; der Humor ist sein Mittel, damit fertig zu werden. Anders als bei den Vorgängern setzt Delisle hier auch Farbe ein, allerdings extrem reduziert: Die Seiten sind nicht bunt, sondern mit sehr dezenten Farbtönen unterlegt, die oft nur den Unterschied zwischen Tag und Nacht betonen oder gelegentlich einen kleinen Akzent setzen. Am Zeichenstil hat sich nichts geändert, der bleibt so minimalistisch und präzise wie gewohnt.

Das Buch hinterlässt keinen ganz so starken Eindruck wie etwa Shenzen und Pjöngjang. Das mag daran liegen, dass der Ort des Geschehens weniger fremd und exotisch ist, könnte aber auch mit dem Umfang zu tun haben. Auf 334 Seiten schleichen sich doch hin und wieder gewisse Längen ein, eine Straffung hätte dem Buch womöglich gut getan. Trotzdem bleibt der Comic höchst lesenswert und wurde nicht umsonst Anfang des Jahres in Angoulême mit dem wichtigen Preis „Fauve d’Or“ für das beste Album des Jahres ausgezeichnet.

Delisle ergreift nicht Partei und nimmt nicht politisch Stellung (anders als etwa Joe Sacco in seinen preisgekrönten Reportagecomics Gaza und Palästina), auch wenn er hin und wieder durchscheinen lässt, wem seine Sympathien eher gelten. Man wird in den Aufzeichnungen aus Jerusalem kein Rezept dafür finden, wie sich die komplexen Probleme um Israel und Palästina lösen lassen. Vielmehr bekommt man eine Ahnung davon, dass es einen leichten und eindeutigen Lösungsweg nicht geben kann. Es wird deutlich, dass der Nahostkonflikt kein abstraktes Problem für Diplomaten und Politiker ist, sondern sich tagtäglich unmittelbar auf die dort lebenden Menschen auswirkt. Und dass es deshalb umso wichtiger ist, weiter nach Lösungen zu suchen, auch wenn diese schier unerreichbar scheinen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Der Nahost-Konflikt aus ungewohnter Perspektive, die für sehr erhellende Einblicke sorgt

 

Aufzeichnungen aus Jerusalem
Reprodukt, März 2012
Text und Zeichnungen: Guy Delisle
Übersetzung: Martin Budde
334 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 29,- Euro
ISBN: 978-3-943143-04-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt