Der amerikanische Webcomic XKCD ist einer der erfolgreichsten Webcomics weltweit. Das erkennt man schon daran, dass der Autor des Strips, Randall Munroe, inzwischen von seinem Strip und den zugehörigen Merchandising-Artikeln gut leben kann. Die Figuren in XKCD werden mit primitivsten Mitteln als Strichmännchen dargestellt, doch merkt man sehr schnell, dass die Qualitäten von Munroes Schaffen sich nicht unbedingt im Zeichnen erschöpfen. Seine Stärken liegen vor allem in einer geschickten und äußerst ansprechenden Netzpräsentation, mit dezent, aber effektiv eingesetzten Spielereien und vor allem seiner Gabe, absurde Schaubilder und Diagramme zu gestalten, die jeden nur erdenklichen Sachverhalt witzig oder originell darstellen können. Häufig sind diese Schaubilder nicht einfach zu entschlüsseln, daher gibt es zu diesem Webcomic Diskussionsforen und sogar Wikipedia-Einträge. Man kann sagen, dass XKCD eine sehr nerdige Stripreihe ist, und auch Randall Munroe, ehemaliger NASA-Programmierer, kann sicher mit Fug und Recht als Nerd bezeichnet werden.
Im Folgenden ein Auszug des aktuellen Eintrags über Nerds aus Wikipedia (Stand 11.11.2012): „Charakteristisch für Menschen, die gerne als Nerds bezeichnet werden, oder die sich selbst gerne so bezeichnen, sind [! ist, Anm. d. Verf.] ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Interesse an der Erlangung von Fach- oder Allgemeinwissen sowie auffällig rational geprägte Denk- und Verhaltensweisen. Dies lässt sie aus Sicht ihrer Altersgenossen oft unangepasst und eigenbrötlerisch erscheinen. Viele Nerds zeigen deutlich wenig Interesse an den vorherrschenden Jugend- oder gesellschaftlichen Trends. Im weiteren Sinn konzentrieren sich Nerds auf Spezielles, das anderen Menschen langweilig oder abstrus erscheinen kann, aber nicht muss.“ Demzufolge ist die extensive Beschäftigung mit einem Webcomic per definitionem schon etwas Nerdiges. Die Figuren aus XKCD agieren darüberhinaus wie prototypische Nerds und bieten damit natürlich auch eine perfekte Identifikationsmöglichkeit für nerdige Leser.

Zu dieser Reihe existiert nun auch ein wissenschaftlicher Aufsatz, der XKCD mit der Wissenschaft der Diagrammatik und der Humortheorie verknüpft. Verfasst hat die Arbeit Der Witz der Relationen: Komische Inkongruenz und diagrammatisches Schlussfolgern im Webcomic XKCD Lukas R. A. Wilde, ehemaliger Student für Theater- und Medienwissenschaften, Japanologie und Philosophie mit Schwerpunkt Medientheorie. Wildes Interessen liegen ferner in der Diagrammatik sowie des anschaulichen Denkens und Schlussfolgerns, aber auch der Theoriegeschichte der Comicforschung.
Laut Klappentext des Buches erschließt die Untersuchung Wildes mit dem Thema ‚komische Infografik‘ „nicht nur einen originellen und hochaktuellen Gegenstandsbereich, sondern bietet auch einen einsteigerfreundlichen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Diagrammforschung – mit einem Fokus auf semiotischen und erkenntnistheoretischen Perspektiven.“ Und tatsächlich, einen kleinen Einblick in die Diagrammforschung habe ich durch die Lektüre auch erhalten, allerdings in einer Sprache, vor allem einer Terminologie, die für Laien gelinde gesagt eine Herausforderung darstellt. Nur so viel: Jede Umrisszeichnung eines Pferdes, das heißt letztlich jede Comiczeichnung, die mit Tusche arbeitet, kann bereits als Diagramm bezeichnet werden, da sie eine graduelle Reduktion des beschriebenen Gegenstands darstellt, was ein einendes Charakteristikum jeden Diagramms ist. Um diese sehr weite Definition des Begriffs Diagramms einzugrenzen, werden Tortendiagramme, Achsendiagramme etc. als diagram proper bezeichnet, das heißt auch die in XKCD verwendeten Diagramme sind eigentlich diagrams proper.
Beispiele:

Man muss sich bei der Lektüre über Diagrammatik durch allerhand Definitionen und Eingrenzungen wälzen; darüberhinaus arbeitet sich Wilde noch am Themenkomplex der „Inkongruenz zwischen Hypothesenbildung und Witz“ ab: Wann führt eine Hypothese zu einer brauchbaren Schlussfolgerung und welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit diese Schlussfolgerung als Witz erkannt werden kann? Natürlich streifen beide Themenbereiche auch Inhalte der Webcomicreihe XKCD, und Wilde bemüht sich redlich, alles in einen Zusammenhang zu setzen. All dies ist in der vorliegenden Informationsdichte für den Laien allerdings nur eingeschränkt nachvollziehbar und insgesamt wird leider nur sehr punktuell auf sehr wenige Strips der Reihe eingegangen. Die wenigen Menschen, für die diese wissenschaftliche Fingerübung von Interesse sein dürfte, dürften die Schnittmenge von XKCD-Lesern und Diagrammatikern abbilden (auch davon ließe sich ein schönens Schaubild zeichnen). Leicht amüsant kommt mir dabei der Umstand vor, dass die angewandten wissenschaftlichen Methoden in etwa dem entsprechen, was Munroe in seinem Webcomic aufs Korn nimmt: Auch die wissenschaftliche Forschung erscheint nerdig auf dem Gebiet der Diagrammatik, vor allem im Zusammenspiel mit gewollt absurd-ironischen Schaubildern. Dabei sind die wenigen Interpretationen von XKCD-Diagrammen vor diesem Hintergrund nicht einmal uninteressant. Dem Laien reicht es aber völlig, auf ganz ähnliche Schlussfolgerungen durch common sense zu kommen, durch gesunden Menschenverstand – Kontextsensibilität würde der Diagrammatiker sagen.
Vor wenigen Wochen erschien als 1110. Episode von XKCD ein Strip mit der Überschrift „Click and Drag“. In ihm räsoniert ein Strichmännchen „I expected the world to be sad and it was. And I expected it to be wonderful. It was. I just didn’t expect it to be so big.“ Währenddessen greift das Männchen nach einem Luftballon und hebt damit vom Boden ab. In dem Panel mit dem Textfeld „I just didn’t expect it to be so big“ bekommt man einen Eindruck von der Weitläufigkeit der Umgebung. Der Clou: Nimmt man die Maus und klickt das Panel an, kann man die Landschaft scrollen. Man entdeckt dabei immer wieder neue kleine Gags, das Beeindruckende ist aber tatsächlich, wie ausufernd groß Munroe seine Landschaft angelegt hat (mittlerweile gibt es einige Übersichtskarten, zum Beispiel hier). Die meisten Interpretationen, die ich bisher zu diesem Bild gelesen habe, erschöpfen sich in der Erkenntnis, dass Munroe mit dem mühsamen „Click and Drag“ eine treffliche Analogie zum wahren Leben in seinen Strip eingebaut hat, das ja ebenfalls manchmal mühsam ist. Man kann darin aber auch eine ziemlich gelungene Antithese zum einengenden Denken in Graphen, Diagrammen und Hypothesen sehen. Tatsächlich ist die Welt viel zu groß, um sie in Raster pressen zu können. Randall Munroe mag ein Nerd sein, aber er ist reflektiert genug, sich über seine eigenen Manien lustig zu machen und denkt den Gegenentwurf ebenfalls mit.
Die Arbeit von Lukas R. A. Wilde mag für Spezialisten aus seinem Fachbereich wie Bildwissenschaftler einen gewissen Reiz haben, für Fans, die nach Interpretationen und Erklärungen der manchmal kryptischen XKCD-Strips suchen, sind die Websites und Foren zur Reihe aber sicher die bessere Wahl.
Wertung: Ohne Bewertung
Der Witz der Relationen: Komische Inkongruenz und diagrammatisches Schlussfolgern im Webcomic XKCD
ibidem-Verlag, Oktober 2012
Text: Lukas R. A. Wilde
169 Seiten
Preis: 29,90 Euro
ISBN: 978-3838204062
Klappentext und Inhaltsverzeichnis
Abbildungen © Randall Munroe, Buchcover: ibidem-Verlag

Der
Wie gesagt, nun gibt es also sogar eine Geschichte und der Cliffhanger am Ende verweist auch auf eine Erweiterung der ganzen inhaltlichen Dimension. Aber neu wirkt das Ganze immer noch nicht. Was mancher als Selbstzitat, oder sogar Kopie, bezeichnen könnte, wird Fans von Jodorowsky erfreuen, da er seine Fans zufrieden stellt. Showman Killer erinnert stellenweise fatal an die Meta-Barone, die ja auch schon ein Spin-Off vom Incal waren. Ein übermächtiger Killer gegen eine ganze Galaxis, wie soll da noch Spannung entstehen?
After almost four years, the English version of Jots webcomic She !s me!finally continues!
Vor gut 30 Jahren begann die Arbeit an dieser Comicadaption von Homers Odyssee. Nun liegt das Werk endlich in einem deutschen Album vor. Die beiden Spanier Pèrez Navarro und Martìn Sauri halten sich eng an die Vorlage, aber verdichten die Handlung natürlich sehr stark, beziehungsweise reduzieren sie auf die wesentlichen Eckpunkte: Odysseus, Held der Schlacht um Troja, möchte mit seinen Männern nach dem Krieg auf seine Heimatinsel Ithaka zurückkehren. Doch die zornigen Götter meinen es nicht gut mit Odysseus und verwandeln seine Reise in eine jahrelange Tortur. Während er sich mit Zyklopen, Sirenen und mehr herumschlagen muss, muss sich seine Frau Penelope allerlei Verehrern erwehren, die nur zu gerne die Rolle des Königs in dessen Abwesenheit einnehmen würden.
In erster Linie ist Die Odyssee in dieser Comicversion jedoch ein grafisch herausragendes Projekt. In schlichtem Schwarzweiß gehalten, entwirft Martìn Sauri wuchtige und ausdrucksstarke Bilder. Die Striche sind grazil mit ganz feinen Schraffuren, was im krassen Widerspruch zur expliziten Gewaltdarstellung und zur Überbetonung menschlicher Körper steht. Sauris Zeichenstil ist nicht auf künstliche Dynamik ausgelegt, sondern setzt, dem Stoff angemessen, auf eine ruhige, fast statische Charakterisierung. Sauri bewegt sich damit in einem Feld zwischen Frank Miller und Hal Foster, von beiden vereint er gewisse Merkmale ohne seine Eigenständigkeit einzubüßen.
Johanna Baumann ist Illustratorin, Animatorin und Comiczeichnerin. Als Bachelorarbeit im Studiengang Medien und Informationswesen an der FH Offenburg zeichnete sie den Comic danach, in dem zehn Personen von der „Zeit nach einer Trennung“ erzählen. Nachdem sie einige dieser Episoden auch beim Portal
Du schreibst in danach, das Dir die TV-Serie How I Met Your Mother ein treuer Begleiter war. Welche Figur in der Serie gefällt Dir am besten?
In danach gefallen mir einige visuelle Ideen wie „Der Alltag“ sehr gut. Die Szene auf Seite 64 hat etwas sehr verstörendes, wie ich finde. Das ist eine Vergewaltigung, die dann mal eben so eingestreut wird. Möglicherweise wird diese Stelle sogar übersehen. Was denkst Du darüber?
Das Nicht-Reden-Können ist generell ein Problem in Beziehungen. Das ganze Jahr über häufen sich Probleme an, die nicht angesprochen werden und Weihnachten soll man dann auf Kommando glücklich und friedlich sein, dabei merkt man, das man nicht dem „Ideal“ aus den kitschigen Romantik-Komödien entspricht und leidet dann darunter. Ich denke, das Problem haben Männer und Frauen gleichermaßen. Eventuell reagieren Männer dann darauf eher roher als Frauen. Was meinst Du dazu?
Was kam bei Dir „danach“, also nach einer Trennung? Eine Mischung aus allen Geschichten im Buch oder gibt es eine, die besonders stark auf Dich zutrifft?
Während sich der Kanadier Jeff Lemire zur Zeit einen Namen als Architekt des neuen DC-Universums macht und nicht nur einige Storylines für verschiedene Superhelden (wie etwa Superboy) verfasst, sondern auch mit Sweet Tooth für Vertigo eine schöne Verbindung zwischen Mainstream und Independent schuf, erscheint bei uns nun auch der dritte und abschließende Band seiner Trilogie mit Geschichten aus Essex County. Diese Trilogie ebnete dem jungen Autor und Zeichner den Weg und brachte ihm auch mehrere Preise ein. Und das völlig zu Recht, schließlich ist die Serie ein Beispiel dafür, wie sehr Comics es vermögen, durch die Bilder dem Text zusätzlichen Inhalt zu geben und auch schon ohne jeden Dialog Charakterisierungen zu liefern.
Anne Quenneville ist die ambulante Krankenschwester von Essex County und durch ihre Tätigkeit weiß sie viel von der Geschichte der Bewohner. Sie pflegt den alten Lou Lebeuf, den wir aus dem zweiten Band kennen. Er ist der Onkel von Jimmy Lebeuf aus Band 1, und Anne versucht, Neffe und Onkel wieder einander näher zu bringen. Doch der Tod von Lou wirft nicht nur sie aus der Bahn. Vielmehr sieht Anne diese verpasste Chance als Aufforderung, eine geheim gehaltene Familienkonstellation zu offenbaren. Parallel dazu wird ein Blick zurück auf die Vergangenheit geworfen und die Familienverflechtungen damit verdeutlicht.
Wäre dieser Comic ein Werk von David B., man würde sich über den martialischen Titel nicht wundern. Anders als sein französischer Kollege ist der bei Das Gemetzel federführende Bastien Vivès (
Zeichnerisch darf man sich erneut an Vivès‘ Buntstiftschraffuren erfreuen, gebrochen wird die Optik des Bandes durch weitwinklige Aufnahmen von Figuren beim Tanzen, Streiten oder Tischtennis-Spielen, deren Bewegungen sehr präzise eingefangen wurden (Ähnliches praktizierte der Künstler auch bei Polina). Der Hintergrund ist oft rein weiß gehalten und damit ähnlich karg und reduziert wie Mimik und Rhetorik der handelnden Personen.





Zur Übersetzung muss ich sagen, dass sie eher frei ist. Gottfredson war ein Virtuose im Einsatz von Slang und Soziolekten, was seinen Geschichten Lokal- und Zeitkolorit verleiht. Gerade seine frühen Geschichten, z.B. das im besprochenen Buch abgedruckte „Micky als Boxer“ (Bild 6), zeigen ein noch stark von der Weltwirtschaftskrise geprägtes Amerika, in dem es von Landstreichern, Tagedieben und Ganoven nur so wimmelt und in dem es den Akteuren vor allem darum geht, ihr Geld irgendwie zusammenzuhalten – nicht wie in späteren Mauscomics, in denen Micky Maus regelmäßig einen Goldschatz findet und ihn ebenso regelmäßig für Flugreisen aller Art verbrät. Genau dieses Lokal- und Zeitkolorit geht durch die Übersetzung weitgehend verloren. Dennoch ist sie akzeptabel, denn gerade die Übersetzung von Slang war schon in zu vielen Fällen eher gut gemeint als gut gemacht. Sprachlich ist die vorliegende Ausgabe zu keiner Zeit ein Ärgernis, im Gegenteil: Man liest das Buch gerne.