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Journalism (US)

Journalism. Zack. Wie viele Comic-Zeichner können ein Buch herausbringen, auf dessen Deckel einfach nur „Journalismus“ steht? Der erste, der mir einfällt, ist Joe Sacco. Dass er es tatsächlich macht, zeugt von Selbstbewusstsein. Das ist erfreulich.

Die komplette Rezension zu Journalism lest Ihr in Folge 7 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

2gegen1: Gratisrevue von Neunte Künst, Aufzug 7

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Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Immer wieder kommt es vor, dass Comics veröffentlicht werden, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gelesen: Journalism von Joe Sacco und Chroniques de Jérusalem von Guy Delisle.

Cover Journalism

FRISCH: Journalism. Zack. Wie viele Comic-Zeichner können ein Buch herausbringen, auf dessen Deckel einfach nur „Journalismus“ steht? Der erste, der mir einfällt, ist Joe Sacco. Dass er es tatsächlich macht, zeugt von Selbstbewusstsein. Das ist erfreulich. Noch erfreulicher ist, dass Sacco diese Sammlung von Reportagen aus den Jahren 1998 bis 2011 trotzdem zum Anlass nimmt, sich in seinem Vorwort grundsätzlich zu erklären: hier die inhärent subjektive Arbeit des Cartoonisten, dort das nach Objektivität verlangende Handwerk des Journalisten – lässt sich das miteinander vereinbaren?

Das geht schon bei der Erwägung los, was eigentlich gezeichnet werden soll. Denn anders als eine Fotografie oder ein Film fängt eine Zeichnung keine visuellen Details „automatisch“ ein. Und anders als reine Prosa kann der Comic visuelle Details nicht einfach der Fantasie des Lesers überlassen. Die Darstellung in Saccos Comics beinhaltet nur genau das, was er selbst hineinzeichnet. Jeder Strich ist das Resultat einer subjektiven Entscheidung. Um dennoch das zu erreichen, was er „bildliche Wahrhaftigkeit“ nennt, unterscheidet Sacco zwischen „konkreter Wahrheit“ und „essenzieller Wahrheit“. Ein Cartoonist, so Sacco, orientiere sich an Letzterem, was ihm – unabhängig von der Art seines Zeichenstils – eine subjektive Interpretation der Wirklichkeit zugestehe. (Und das ist, wie in unserer Besprechung von Kleists Boxer erwähnt, vom Prinzip her ja gar nicht so weit weg von der Philosophie eines Dokumentarfilmers.)

Immer wieder hebt Sacco dabei die Wichtigkeit der Fakten hervor, beschreibt seine gezielten Nachfragen nach allen möglichen visuellen Details bei Augenzeugenberichten, betont seine Überzeugung, alles so wirklichkeitsgetreu wie möglich darstellen zu müssen. In der Tat: Gerade die visuellen Details sind es, die Saccos Berichterstattung lebendig werden lassen und den dargestellten Szenen eine in Comics selten spürbare Intensität verleihen: der Zigarettenqualm eines mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers beim Gespräch mit einem Journalisten; die Brosche am bizarr überdimensionalen Hemdkragen eines maltesischen Nationalisten; die Muster der Decken und Teppiche, die tschetschenische Flüchtlinge in ihren klammen, erbärmlich maroden Notunterkünften aufgehängt haben; der opulente Fingerschmuck eines Verwaltungsbeamten in der indischen Provinz, der von den vielen Programmen schwärmt, die nominell zum Wohle der völlig verarmten Dorfbewohner dort existieren. Es sind unzählige Details wie diese, die mir als Leser das Glauben und Begreifen des Gezeigten ermöglichen.

Sacco weist auch darauf hin, dass Faktentreue und Subjektivität sich nicht ausschließen. Er empfinde es als befreiend, schreibt er, sich selbst als aktiven Teilnehmer des Geschehens in seinen Geschichten darstellen zu können, denn es entbinde ihn von dem Zwang, so zu tun, als habe seine Präsenz als Reporter keine Auswirkungen auf die Menschen und Ereignisse, über die er berichtet.

Diese befreiende Wirkung bleibt einem als Leser nicht verborgen. Sacco zeichnet sich im Internationalen Gerichtshof in Den Haag, zwischen den Ruinen palästinensischer Häuser im Gazastreifen oder in einem Flüchtlingslager in Inguschetien. Man sieht ihn im Gespräch mit israelischen Soldaten, afrikanischen Flüchtlingen und irakischen Folteropfern. Und er nutzt solche Gelegenheiten, um offenzulegen, welche Hoffnungen und Ängste seine schiere Anwesenheit bei seinen Gesprächspartnern und in ihrem Umfeld auslösen kann. Natürlich gehört auch das ständige eigene Auftreten zu Saccos subjektiver Darstellung. Aber jene Reflexivität hat eben, in bester Tradition Norman Mailers und Hunter S. Thompsons, auch den im Sinne der journalistischen Transparenz wünschenswerten Nebeneffekt, den Leser mit der Nase auf die gegebene Subjektivität zu stoßen.

Schlagwörtern wie „Objektivität“ oder „Ausgewogenheit“ steht Sacco indes misstrauisch gegenüber. Ein Reporter könne schließlich nicht aus seiner Haut, argumentiert er, könne die Weltanschauung, die sich aus seinem eigenen kulturellen und sozialen Hintergrund ergebe, nicht einfach abstreifen, um wahrhaft „objektiv“ zu werden. Und ein Journalist, so Sacco weiter, solle auch nicht glauben, im Sinne der Ausgewogenheit darauf verzichten zu dürfen, die Aussagen gegnerischer Seiten auf ihren jeweiligen Wahrheitsgehalt zu überprüfen und für sein Publikum entsprechend einzuordnen. „Die Wahrheit liegt in der Mitte“? Oft ein gefährlicher Fehlschluss, findet Sacco. „Ausgewogenheit sollte kein Deckmantel für Nachlässigkeit sein. […] Ziel des Journalisten muss es sein, herauszufinden und zu berichten, was geschieht, und nicht, die Wahrheit im Namen der Gleichbehandlung zu kastrieren.“

Der von Sacco offen formulierte Anspruch, die Sorgen und Entbehrungen notleidender Menschen nicht mit – wie er es nennt – der „geschickten Apologetik der Mächtigen“ aufwiegen zu müssen, ist zumindest diskussionswürdig. Sicher: Es schockiert, wenn er berichtet, wie beiläufig die Häuser palästinensischer Familien von Israel zerstört werden, unter welchen Bedingungen Flüchtlinge in Malta oder Inguschetien hausen müssen, oder dass Dalit-Familien in Indien darauf angewiesen sind, ihre Nahrung von den Ratten zurückzustehlen, um nicht zu verhungern. Und soweit ich es beurteilen kann, ist Sacco auch nicht vorzuwerfen, er würde Fakten verzerren oder außer Acht lassen, oder er würde nicht alle Seiten anhören und ihre Aussagen entsprechend gegenrecherchieren.

Aber Sacco ergreift eben Partei für die Schwachen – oder die, die er dafür hält. Er kündigt das im Vorwort an, und es schlägt auch in seinen Reportagen unübersehbar durch. „Reporter sollten neutral und unvoreingenommen für jene eintreten, die leiden“, zitiert er den englischen Journalisten Robert Fisk. Daran ist auf den ersten Blick wenig auszusetzen. Doch leider sind die Schwachen und die Leidenden nicht immer eindeutig identifizier- und von den Starken und Mächtigen trennbar. Und – das wird etwa im Nahostkonflikt oder auf Malta deutlich – die Tatsache, dass eine Seite leidet, muss auch nicht bedeuten, dass die andere Seite zwangsläufig im Unrecht ist oder den Konflikt durch anderes Verhalten gegenüber den Notleidenden lösen könnte.

Das weiß natürlich auch Sacco, bei aller Anteilnahme für die Betroffenen der Konflikte, über die er berichtet. Und er weiß ebenso um die schlichte Unmöglichkeit, all die Widersprüche, die sich aus seiner Berichterstattung ergeben, vollständig auflösen zu können: einerseits die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit und das Streben nach bestmöglicher Faktentreue, im Großen wie im Kleinen; andererseits die zutiefst subjektiven Sympathien, Interpretationen und Entscheidungen des Berichterstatters. Lässt sich das miteinander vereinbaren? Nein, aber man muss es trotzdem versuchen, und man muss dabei bestmöglich über die sich ergebenden Widersprüche des eigenen Tuns aufklären.

Das ist die Antwort, die Journalism gibt, und das Buch lässt schließlich auch erahnen, dass vielleicht gerade ein Comic – vielleicht mehr noch als Film, Fotografie oder Prosa – in der Lage sein könnte, diesem Anspruch bestmöglich gerecht zu werden.

Hab ich was übersehen, Wederhake?

 

9 von 10 Punkten

 

***

WEDERHAKE: Übersehen nicht, Frisch, aber wohl anders gewertet als ich. Denn es ist genau der Teil mit der Chimäre „Ausgewogenheit“, an dem Sacco und Journalism für mich straucheln. Sacco sieht sich, wie du schon sagst, als jemand, der denen in der Welt eine Stimme gibt, die diese Stimme sonst nicht besitzen: Displaced Persons aus Tschetschenien, die Unberührbaren in der indischen Provinz, Flüchtlinge auf Malta, palästinensiche Familien in der West Bank. Sacco ist interessiert an den einfachen Menschen, nicht den Politikern oder Soldaten. Und er verzichtet darauf, den Mächtigen den gleichen Raum wie den Schwachen zu bieten, da die Mächtigen „von den Mainstream-Medien und den Propagandaorganen“ schon hervorragend bedient würden. Aber davon bin ich noch nicht in jedem Fall überzeugt. Besonders, weil nicht immer klar ist, wer denn nun überhaupt die Mächtigen sind.

Nimm zum Beispiel seine Reportage aus Hebron, die mir beim Lesen ein wenig zu einseitig vorkam, da Sacco verschiedene palästinensische Familien zu Wort kommen lässt, die jüdische Perspektive aber nur von einem ultra-orthodoxen Siedler vertreten wird. Womit sich die Frage stellt, ob denn die jüdischen Siedler in der West Bank tatsächlich schon die Mächtigen sind, denen Sacco nicht dienen will. (Oder ob der Kriegsverbrecher in Den Haag noch zu den Mächtigen gehört, jetzt wo er vor Gericht steht.) Und im Nachwort zu diesem Teil erklärt Sacco sogar noch, dass er den Text heute als missglückt empfinde, weil er noch zu sehr der Idee der Ausgewogenheit nachgehangen habe, die ihm im Journalismusstudium eingebläut wurde.

Wirklich aufgefallen ist es mir aber in seiner Reportage über Flüchtlinge aus Malta, die für mich das Kunststück vollbracht hat, gleichzeitig das beste Kapitel in Journalism und trotzdem stellenweise arg problematisch zu sein. Sacco selbst ist hier zufrieden mit der Balance, die er gefunden hat: Er stelle das Leiden und das Elend der Flüchtlinge dar, die ganz eindeutig seine Sympathien haben, lasse aber auch die Malteser mit ihren Sorgen und Nöten ernsthaft zu Wort kommen. Aber das Gefühl hatte ich beim Lesen nicht. Es mag durchaus sein, dass das Stimmungsbild, das Sacco hier einfängt, den tatsächlichen Begebenheiten entspricht. Von den weißen Maltesern, die hier für VoxPops herhalten, gibt es nur einen, der so etwas wie Verständnis oder sogar Sympathie für die Flüchtlinge aufbringt, der Rest ergeht sich einfach darin, ein rassistisches Stereotyp nach dem anderen über West- und Ostafrikaner und ihre Lebensweise herunterzubeten. Einige der übelsten Sätze werden im Panel nochmal dadurch unterstrichen, dass sich weiße „Blitze“ explosionsartig vom Kopf des Sprechers wegbewegen und den ansonsten völlig schwarzen Hintergrund aufbrechen. Zugleich werden dadurch aber auch meiner Ansicht nach legitime Sorgen – etwa die Frage, wieviel Gewicht organisierte Kriminalität in zunehmend größer werdenden Flüchtlingslagern spielt, wenn der Staat hier kein Interesse an Kontrolle hat – in diesem Kontext eines Dauerfeuers an rassistischen Vorurteilen zu schnell weggewischt oder vom Leser mental in die selbe Kategorie eingeordnet. Sacco hat natürlich Recht, diese Sorgen kann man in den großen Tageszeitungen lesen, und er hat natürlich das Recht, hier vorrangig den Flüchtlingen eine Stimme zu geben; aber gerade in dieser Passage scheint mir die Problematik des unvoreingenommenen Eintretens für die Leidenden seine Schwachstellen zu zeigen.

Journalism. Zack? Nach dem Lesen dieses Buches würde ich – der von Sacco ja kritisch hinterfragten Ausgewogenheit wegen – eher zu „Journalism & Essayism“ tendieren, denn Teile der hier zu findenden Werke sind eindeutig Kommentare, so wie die letzte Seite seines Tschetschenien-Berichts, auf der er ganz offen, direkt und sarkastisch die Situation der Flüchtlinge darstellt, um Wladimir Putins Erfolgspropaganda zu konterkarieren.

Jenseits dieser Elemente pflichte ich dir aber wieder bei, Frisch: Was Joe Sacco hier vorlegt, sind hochrelevante Arbeiten, die deutlich machen, welche Rolle Comics im journalistisch-essayistischen Bereich jenseits politischer Karikaturen spielen können. An einer Stelle greift Sacco sogar etwas aus Zeitungen des 19. Jahrhunderts auf, wenn er ganzseitige Bilder der Occupied Territories zeichnet, die man heute eigentlich der Fotoreportage überlassen würde. Das sind natürlich komponierte Stimmungsbilder, aber bei den Zeichnungen ist uns das zumindest bewusst, während Fotos – trotz Photoshop, trotz über eines Jahrhunderts der Manipulation – immer noch eine nicht existierende Objektivität vorgaukeln.

Da Journalism Saccos Arbeiten aus fast fünfzehn Jahren und für verschiedenste Organe sammelt, wird deutlich, wie sehr Sacco sein Handwerk perfektioniert hat, aber auch, wie abhängig er davon ist, Raum zu erhalten. Sein Bericht über das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (übrigens auch weniger Reportage und eher allegorischer Kommentar über die Verantwortung der westlichen Welt, die im Bürgerkrieg in Jugoslawien nicht eingriff) und seine Reportage aus Hebron leiden noch darunter, dass sie wie ein „bebilderter Text“ wirken und teilweise sogar ohne die Bilder als Fließtext funktionieren würden. Was auch daran liegt, dass Sacco hier auf eng abgesteckter Seitenzahl arbeiten musste. Für die folgenden Arbeiten hatte Sacco dann mehr Raum zugesprochen bekommen und profitiert davon. Sacco verwendet ab der dritten Sektion des Buches verschiedenste Stilmittel: Ganzseitige Darstellungen der Verzweiflung, größere Panels, die die Einsamkeit einer Frau in ihrer Unterkunft hervorheben, der Zoom auf die Augen eines von der Folter in den Wahnsinn getriebenen Flüchtlings, eine Seite mit statischer Kamera, die unnachgiebig und unablässig auf das Gesicht der erzählenden Frau hält, auch wenn diese zwischendrin in einem wortlosen Panel in Tränen ausbricht. Hätte Claude Lanzmann seine Shoah in Comicform abgeliefert, er hätte so gearbeitet. Ein Photo, das dieser Frau so unglaublich wichtig ist, zeigt Sacco derweil nicht. Es ist für ihn „nur ein Foto“. Die emotionale Bedeutung des Bildes liegt im Auge der Betrachterin, weder Sacco noch wir könnten den Wert verstehen. Das tatsächliche Bild nicht zu zeigen, damit aber den Abzug als greifbares Objekt zu universalisieren, zeigt, wie groß Saccos handwerkliches Repertoire ist.

Ohnehin beginnt Sacco ab dem dritten Teil wirkliche Comic-Reportage zu betreiben, nicht nur einen Fließtext zu bebildern: sequentielle Sequenzen zu nutzen, seinen Bildern auch ohne begleitenden Text Aussagekraft zuzugestehen, seine Reportage mit einem Cold open zu beginnen, Elemente zu kontrastieren (so stellt Sacco etwa in „Trauma“ die Geschichte der vermutlich misshandelten Iraker der medialen Aufbereitung ihrer Geschichte in Washington D.C. gegenüber).

Sacco hat mit dem Blick auf die Marginalisierten eine Nische gefunden, in der er sehr gut arbeitet. Das macht für mich gerade seine erste Irak-Reportage sehr interessant, in der er als „embedded journalist“ für den Guardian gezwungen ist, seine Nische zu verlassen, und über amerikanische Soldaten berichten muss, während ihm der Kontakt zum einfachen Volk verwehrt bleibt. Und obwohl Sacco vereinzelt Einblicke in das Innenleben der Soldaten und deren Schwierigkeiten bietet, merkt man der Geschichte an, dass es nicht Saccos Metier ist, dass er lieber über etwas anderes berichten würde. Über einfache Menschen. „Complacency Kills“ wird so zu einem der schwächsten Beiträge in Journalism. Konsequenterweise berichtet er in der zweiten Irak-Reportage von einfachen Irakern, die im Sgt.-Hartman-Stil für den Dienst in der irakischen Nationalgarde ausgebildet werden und abschließend von zwei Irakern, die wegen der ihnen widerfahrenen Menschenrechtsverletzungen gegen den ehemaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld klagen. Und beide Reportagen funktionieren sofort deutlich besser, was ich fast schon bedauerlich finde, weil ich von Sacco gerne mehr Reportagen sehen würde, die ihn aus seiner Routine herauszwingen.

Letztlich muss ich aber auch konstatieren, dass mein Wunsch hier völlig sekundärrelevant ist, denn seine Routine – im U-Comix-Stil, mit schiefen Captions und schiefen Panelrändern von den Marginalisierten zu berichten – hat Sacco inzwischen so weit perfektioniert, dass er, sofern er den Raum dafür erhält und es ihm nicht kaputt-koloriert wird, seinen Lesern ungeschönt und unnachgiebig die Lebensbedingungen und inneren Traumata jener aufzeigt, die wir ansonsten gerne ignorieren. Ich gebe zu, weder über die Flüchtlinge auf Malta, noch die tschetschenischen Frauen, noch die Unberührbaren in Indien habe ich vor Journalism jemals wirklich nachgedacht. Das überwiegt meine Gedanken zu den Schwächen seiner gezielten „Nicht-Neutralität“ bei Weitem. Sacco leistet einen öffentlichen Dienst wie derzeit kein zweiter im Comicbereich und dafür gebührt ihm großer Respekt.

 

8 von 10 Punkten

Journalism
von Joe Sacco
Metropolitan Books, 2012
Hardcover, teilweise farbig, englisch, 190 Seiten, 29,00 USD
ISBN: 978-0-8050-9486-2

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Cover Jerusalem: Chronicles from the Holy City

WEDERHAKE: Journalism. Zack. Bei Sacco ist’s einfach, da steht’s ja schon auf der Dose. Aber was macht eigentlich Guy Delisle, Frisch? Der hat uns ja schon mit seinen Aufzeichnungen aus Shenzen und Pjöngjang Einblicke in teils völlig fremde Kulturen geboten, arbeitet aber eindeutig weder als Journalist noch als Essayist. Chronicles from the Holy City klingt nach Chronist, aber das trifft es ebenso wenig richtig wie das sperrige „Memoirist“, das der Verlag auf der Rückseite des Buches verwendet. Und über das Kochalka’sche Comic-Tagebuch geht er auch hinaus. Aber eben nicht immer. Dann wiederum: Muss wirklich alles fein säuberlich in eine Schublade passen?

Die Vielschubladigkeit des Werkes kann, je nach Betrachter, Stärke oder Schwäche sein: Wer auf Einblicke in den Alltag im Nahen Osten Wert legt, der ist vielleicht nicht so angetan von den untergemischten politisch-historischen Grundlagen. Wer auf politische Einsichten hofft, der mag von Delisles konstanter Suche nach Spielplätzen für seine Kinder gelangweilt sein. Und wer auf besagtes Kochalka’sches Comic-Tagebuch baut, dem gefällt sicher die Seite, auf der Delisle über sein Lieblingsmüsli schwadroniert, den wird der ganze Rest aber nicht begeistern. Eine zusätzliche Hürde ist auch, dass Delisle hier nicht mehr aus einem Land berichtet, das der Mehrheit der Leser völlig fremd ist: Seien wir ehrlich, Frisch, wieviel wussten und wissen wir schon von verschlossenen Staaten wie Myanmar, Nordkorea oder China in seinen Sonderbewirtschaftungszonen? Aber Israel? Das konstant in den Nachrichten ist? Was will uns dieser Frankokanadier da noch Neues erzählen?

Mit all dem aus dem Weg: Für mich persönlich funktioniert Jerusalem wirklich gut; was auch daran liegt, dass ich die Art mag, wie sich Delisle hier als völlig unbeleckter Naivling gibt, der scheinbar bis vor kurzem nicht einmal wusste, dass es so etwas wie einen Nahen Osten gibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Lesern sauer aufstößt, an einigen Stellen wirkt es zu konstruiert und in gewissen Momenten wirkt es geradezu arrogant. Aber die Art, wie sich Delisle Columbo-haft durch Israel tölpelt, fand ich durchaus sympathisch und auch zu seinem naiven, sehr abstrahierenden Zeichenstil passend.

Delisle mixt, wie schon gesagt, Familienberichte (endlich eingeschlafenes Kind wird vom Muezzin geweckt) und Anekdoten (Hochzeit, bei der keine Frauen anwesend sind und Männer mit Männern tanzen) mit Teilen, die den Leser über Geschichte, Politik oder Religion in Israel informieren, ohne dabei in ihrer informierenden Art aufdringlich zu sein. Ich nutze mal das schwer vorbelastete Wort „Edutainment“.

Das Schöne an Jerusalem ist, dass Delisle ein guter Anekdoten-Erzähler ist, der mich auch bei den belanglosen Parts nicht langweilt. Die Geschichte, in der er erzählt, wie er mit einem Kleiderbügel seine Schlüssel aus dem Aufzugsschacht fischt (und dabei das Verb „macGyvern“ verwendet), hat mich beim Lesen lachen lassen. Und auch in ernsteren Momenten behält Delisles Erzählung meist ihren humorvollen Unterton, egal ob er von einem Zeichenworkshop berichtet, bei dem Teilnehmer aus religiösen Gründen das Zeichnen von Menschen ablehnen, von Hellsing lesenden Pfarrern, der Normalität aller Beteiligten, wenn ein israelischer Checkpoint mit Steinen beworfen wird, oder von einem Moment des Zögerns, als er einen Apfel mampfend im Ramadan durch die Straßen zieht. Daraus hervor geht das vielleicht größte Lob, das ich Delisle für Jerusalem aussprechen kann: Dass er es schafft, einen Comic aus und über Nahost vorzulegen, der charmant und unaufgeregt daherkommt.

Jerusalem ist Delisles bisher längstes Werk und gerät gelegentlich ins Territorium des selbstgefälligen Abschweifens. Entweder, weil ihm ein durchsetzungsfähiger Redakteur fehlte oder, weil Jerusalem kein Leitmotiv hat, das die Einzelelemente verbindet, wie es der Papierflieger in Pjöngjang schaffte. Gleichzeitig nutzt Delisle die über 300 Seiten aber auch für formale Experimente, die er sich bei einer knapperen Erzählung vielleicht nicht trauen würde: Einmal passiert er einen israelischen Checkpoint zu Fuß und stellt das in einigen Panels wortlos aus der ersten Person dar, was ich als sehr beklemmend empfand. Auch die Art, wie er Zitate markiert, finde ich im Vergleich mit Joe Sacco interessant: Wir sehen unten am Panelrand einen Teil des Kopfes des Erzählers und das erzählte Element in die von diesem Kopf ausgehende Sprechblase gezeichnet. Der Umstand, dass wir es nicht mit Delisles Erfahrungen, sondern mit einer Erzählung zu tun haben, ist somit visuell immer präsent. Eine spannende Idee. Und sein gebrochenes Hebräisch durch völlig verkrickelte hebräische Lettern zu symbolisieren, ist simpel aber smart. Handwerklich ist Jerusalem längst nicht so schlicht, wie es auf den ersten Blick wirken mag.

Einzig die Monate des Gaza-Krieges fallen mir hier negativ auf: Der Ton des Comics wird ernster, aber Delisles Alter Ego behält seine völlige Naivität, die in dieser Situation auf einmal nicht mehr charmant sondern dekadent wirkt. Allerdings würde ein plötzlicher Bruch mit seinem Alter Ego (in der Branche nennen wir das: einen Spiegelman-beim-Psychologen abziehen) vermutlich noch weniger funktionieren. Außerhalb dieser Passage hat mich die Erzählweise nämlich völlig bei der Stange gehalten: Jerusalem schafft es selbst nach 300 Seiten noch, mir neue Seiten an Israel nahe zu bringen und mich zu überraschen, egal ob mit Kleinigkeiten wie den Spider-Man-Kippas, mit Absonderlichkeiten wie den roten Färsen (die mir aus Michael Chabons The Yiddish Policemen’s Union noch hätten bekannt sein sollen) oder mit größeren Momenten wie dem Purim-Besäufnis der orthodoxen Juden.

Es ist ein politisches Werk, weil jedes Werk über den Nahen Osten automatisch politisch wird, das versucht, nicht politisch zu sein (obwohl Delisle versucht, einen Workshopteilnehmer zum Zeichnen politischer Comics zu bewegen), sondern stattdessen einfach nur einen kaleidoskopartigen Blick auf das Alltagsleben in einem völlig fragmentarisierten Land zu werfen. Und auf der Ebene ist Jerusalem wirklich gelungen.

Es mag nicht Joe Sacco sein, aber – wie Delisle in einem Scherz auf Seite 301 selbst anmerkt – das ist auch gar nicht seine Absicht.

 

7 von 10 Punkten

Jerusalem: Chronicles from the Holy City
von Guy Delisle
aus dem kanadischen Französisch von Helge Dascher
Drawn & Quarterly, 2012
Hardcover, farbig, englisch, 330 Seiten, 24,95 USD
ISBN: 978-1-7704-6071-3

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Chroniques de Jérusalem

FRISCH: Was macht Delisle? Delisle macht Reiseberichte, Wederhake. Und gerade Jerusalem ist, nicht zuletzt dank der Kreuzzüge, eigentlich das Ziel schlechthin, was dieses Genre anbelangt. Tausende von Kreuzfahrern waren in Jerusalem. Marco Polo war in Jerusalem. Ida Pfeiffer war in Jerusalem, und Saul Bellow war in Jerusalem. Die Comicmacher Joe Sacco, Sarah Glidden und Maximilien Le Roy? Waren in Jerusalem. Sogar ich war in Jerusalem.

Und Guy Delisle war auch in Jerusalem, und im Gegensatz zu mir hat er ein Buch daraus gemacht. Ich gehöre nämlich offenbar zu den wenigen Menschen, die in Jerusalem waren und kein Buch daraus gemacht haben, Wederhake, und ich muss sagen: Ich stehe nach wie vor zu dieser Entscheidung. Nicht, dass es in Israel nicht viel zu erleben gäbe. Der Blick auf die Hafenstadt Haifa. Das Wadi David in seiner paradiesischen Schönheit. Die schwindelerregende Wüstenfestung Masada. Von den kulturellen, kommerziellen und religiösen Eindrücken, die in einer Stadt wie Jerusalem wirken, einmal ganz abgesehen.

Aber ich war ja nicht lange dort, und so toll es damals war, mit Taxifahrern um ein paar Schekel zu feilschen, weibliche Mitreisende in Kamele umrechnen zu lassen, in einem arabischen Viertel größere Mengen Bier zu suchen (und zu finden) oder in Gotteshäusern, die man nicht in kurzen Hosen betreten darf, „Heilige Marmelade“ kaufen zu können, sollte man doch nicht vergessen: So ein Buch hat ziemlich viele Seiten.

Guy Delisles Buch, zum Beispiel, ist auch so eins mit ziemlich vielen Seiten. Das muss kein Problem sein, denn Israel ist ein geschichtsträchtiges Land, Jerusalem einer der reichsten, bewegtesten und wichtigsten Schauplätze westlicher Kultur.

Wie du nun richtig anmerkst, Wederhake, ist Delisle nicht Sacco, und das ist auch gut so. Sacco ist Krisenberichterstatter. Er sucht sich gezielt Orte aus, an denen viel im Argen liegt, und er begibt sich dorthin, um von direkt betroffenen Menschen Dinge zu erfahren, die er dann in seinen Comic-Reportagen journalistisch, politisch und literarisch aufbereitet.

Delisle hingegen ist einfach Tourist, und daraus macht er gar keinen Hehl. Nach Jerusalem verschlägt es ihn, weil seine Frau beruflich ein Jahr lang dort zu tun hat. Delisles Chroniques de Jérusalem, so der Original-Titel, ist eben ein streng chronologischer, nach Monaten sortierter Bericht dessen, was Delisle während dieser Zeit in Israel gesehen und erlebt hat.

Auch das muss nicht verkehrt sein. Jeder Mensch bringt eine eigene Perspektive mit, die selbst dem hunderttausendsten Buch über ein Land, eine Region, eine Stadt noch zu lesenswerten und faszinierenden Erkenntnissen verhelfen kann. Allein die gewaltigen menschlichen Abgründe, die sich im Nahen Osten immer wieder auftun – ein Blick in die Nachrichten genügt dieser Tage wieder –, bieten jemandem, dem ernsthaft an Beobachtung und Kontemplation gelegen ist, mehr als genügend Stoff.

Und gelegentlich lässt Chroniques auch eine Ahnung dessen aufflackern, was es hätte sein können. In einer der besten Szenen, nach etwa 50 Seiten, entdeckt Delisles gezeichnetes Alter Ego seine Lieblingsfrühstücksflocken in einem Supermarkt. Weil der Laden sich in einem von Israel nach internationalem Recht illegal annektierten Bereich Jerusalems befindet, entschließt sich Delisle schweren Herzens, ihn zu boykottieren, nur um draußen überrascht festzustellen, dass ein paar muslimische Frauen überhaupt kein Problem damit haben, dort einzukaufen.

Es ist eine schöne Anekdote, die vieles auf den Punkt bringt: den Fakt der völkerrechtswidrigen israelischen Besetzungen, die Schwierigkeit des internationalen Umgangs mit dem Nahostkonflikt und der konkrete, offenbar frappierend pragmatische Lebensalltag vor Ort. Ein weiteres Highlight, vor allem erzählerischer Natur, ist die von dir bereits erwähnte Szene, in der Delisle den Checkpoint zu Fuß passiert.

Solche Stellen kommen also vor. Doch leider sind sie nur traurige Croutons in einer schwachen Suppe aus überdehnten Belanglosigkeiten in der Endlosschleife, weichgekochten autobiographischen Standardsituationen, billigen Witzchen, faden Anekdötchen und jeder Menge Bilder, für die man gar nicht irgendwo hinfliegen muss, weil sie aus den Nachrichten schon sattsam bekannt sind.

Guy sitzt am Schreibtisch. Guy fährt eine leere Straße entlang. Guy sucht einen Spielplatz für die Kinder. Guy steht im Berufsverkehr. Guy geht ins Treppenhaus. Guy sucht einen Spielplatz für die Kinder. Religiöse Fanatiker sind fanatisch. Guy sitzt am Schreibtisch. Guy sitzt auf einem Betonklotz und zeichnet eine Mauer. Guy hält einen Vortrag. Guy steht im Berufsverkehr. Guy geht ins Treppenhaus. Religiöse Fanatiker sind fanatisch. Guy sieht eine Schildkröte. Guy sitzt auf einem Betonklotz und zeichnet eine Mauer. Die Schildkröte ist weg, hihihi. Guy fährt eine leere Straße entlang. Komische Religion ist komisch. Schlimme Sachen da, im Nahen Osten. Guy sucht einen Spielplatz für die Kinder. Guy sitzt am Schreibtisch. Guy schaut einen Horrorfilm und fürchtet sich im Dunkeln, hihihi. Guy geht ins Treppenhaus. Religiöse Fanatiker sind fanatisch. Guy steht im Berufsverkehr. Schon schlimm da, im Nahen Osten, nicht wahr? Guy zeigt einer Bekannten eine Zeichnung einer Mauer. Guy sitzt auf einer Mauer und zeichnet einen Betonklotz.

Sagenhaft, dieses Jerusalem.

Die guten, pointiert erzählten Beobachtungen, auf die man in diesem 300-seitigen Heuhaufen von einem schlechten Buch stößt, scheinen am Ende eher der statistischen Unvermeidbarkeit geschuldet als einem irgendwie gearteten Auswahlprozess Delisles.

Ist Chroniques de Jérusalem ein politisch oder journalistisch motiviertes Buch? Eine Haltung sucht man vergebens, und Delisle sagt dem Leser nichts von Belang, was jemand, der ein solches Buch liest, nicht schon längst wissen wird. Ist es persönlich motiviert? Obwohl er andauernd durchs Bild latscht, gibt Delisle nichts von sich Preis, was der Rede wert wäre. Zu einer faszinierenden Figur fehlt ihm ungefähr alles, was seine permanente Gegenwart nicht erträglicher macht. Offenbar muss man ihn einfach lieben. Seine Frau und Kinder bleiben ohnehin konturlose Statisten. Ist die Motivation vielleicht eine literarische? Dazu fehlt es Delisle an dem geschärften Blick und der Neugier, die beispielsweise auch Sacco auszeichnen. Delisle selektiert nicht, verdichtet nicht, verändert nicht die Perspektive, sucht nicht die Auseinandersetzung. Delisle reiht nur wahllos aneinander. Und zeigt Delisle.

Dass du die Stelle mit dem „MacGyvern“ als besonders lustig erwähnst, ist bezeichnend, denn im französischen Original findet man nichts dergleichen. Da steht nur lapidar „bricoler“, was einfach „basteln“ oder „fummeln“ bedeutet. MacGyvern tut hier nicht Guy Delisle, mein lieber Wederhake, sondern Helge Dascher, die den traurigen Schinken ins Englische übersetzt hat.

Alle paar Seiten bekundet Delisle implizit oder explizit, etwas nicht zu verstehen – und belässt es dann demonstrativ dabei. Angebote und Gelegenheiten, etwas über seine Umgebung zu erfahren, sucht er nicht, schlägt sie gar aus, wenn sie ihn trotzdem finden. Gesprächen mit Einheimischen geht er meist aus dem Weg, er lässt sie versanden oder blendet sie in seiner Darstellung kurzerhand aus. Hätte ihn seine Putzfrau (die ihm komisch vorkommt, mit der er aber auch lieber nicht redet) nicht beizeiten von seinem Schreibtisch vertrieben, wären es wohl 330 Seiten über Guy Delisle an seinem Schreibtisch in einem Hochhaus in Jerusalem geworden. Delisle stilisiert sich zum stolzen Ignoranten, zu einem bekennenden Einfaltspinsel, der seine arrogante Uninteressiertheit an allem, was um ihn herum geschieht, wie ein Pfau zur Schau trägt und sie als Charme verkaufen will.

Es scheint so, als wolle Delisle seinen Lesern Ansprüche wie Haltung oder Neugier lieber nicht zumuten. So muss etwa die Tatsache, dass Zuhörer eines seiner Kurse Tintin nicht kennen oder aus religiösen Gründen keine nackten Figuren sehen wollen, im sehr grauen und sehr schlichten Kosmos des Guy Delisle als Pointe herhalten. Zynismus aus Angst vor der eigenen Courage?

Mit am schlimmsten an der durch und durch lustlosen Präsentation dieses bauchnabelfixierten Einerleis ist die hässliche graue Tunke, in die Delisle seine abgestandenen Oberflächlichkeiten taucht. In Pyongyang konnte man ihm diesen Schleier des Todes noch als Stilmittel auslegen, hier kündet er vom morbiden Desinteresse eines Autors an seiner Arbeit, an der Welt und an sich selbst.

Es herrscht ein beklemmender Mangel an Kreativität in Chroniques de Jérusalem, an künstlerischer, menschlicher und politischer Glaubwürdigkeit, an Vertrauen in den Leser, an erzählerischem Mumm. Und es fehlt hinten und vorn an Wahrhaftigkeit und Einsicht, weil das Naheliegendste immer gut genug ist für Guy Delisle. Am allermeisten aber fehlt es an einem Thema, was vielleicht das größte Kunststück ist, das Delisle bislang vollbracht hat: dreihundert Seiten über Israel – und kein Thema in Sicht.

In Saccos Journalism finden sich klug beobachtete, literarisch verdichtete und pointierte Episoden, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben, sich auf den zweiten Blick aber zu einer Weltkarte menschlicher Belange fügen, die eine klare Haltung zum Menschsein und zur eigenen Rolle erkennen lässt und zur Diskussion stellt. Bei Delisle ist es genau umgekehrt. Er serviert einen Stapel unsortierter, unmotivierter und meist banaler Beobachtungen, die durch ihre Kulisse einen Zusammenhang simulieren, letztlich aber nicht den Hauch einer Idee transportieren.

Fast jeder Szene ist anzumerken, dass Delisle nicht aus eigenem Antrieb in Jerusalem ist, als sei es ihm ein besonderes Anliegen, da keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Land und Leute interessieren ihn nicht die Bohne, aber er bringt dennoch genügend Disziplin mit, jeden Tag brav seine Seite runterzuzeichnen, komme, was da wolle – und so versteht man denn auch, wieso es am Ende fast 365 geworden sind. Unter den Cartoonisten macht ihn das zu so etwas wie dem Beamten vom alten Schlag, der seine Arbeit streng nach Vorschrift verrichtet, ohne Liebe und mit einem Minimum an Aufwand – und keine Sekunde länger, als er muss.

Du bist einem Scharlatan aufgesessen, Wederhake, und du bist leider in guter Gesellschaft. Delisle ist ein Windbeutel und dieser Comic eine Strafe für jeden Leser. Chroniques de Jérusalem wirkt, als habe sich sein Autor nur deshalb durch die 300 Seiten gequält, um nicht über ihren Inhalt nachdenken zu müssen. Es ist ein Buch, das die Menschen nicht nur dümmer macht, sondern ihnen dabei auch noch das Gefühl gibt, etwas gelernt zu haben.

 

2 von 10 Punkten

Chroniques de Jérusalem
von Guy Delisle
Delcourt, 2011
Softcover, farbig, französisch, 330 Seiten, etwa 24,00 Euro
ISBN: 978-2-7560-2569-8

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Anmerkung: Die deutsche Fassung, Aufzeichnungen aus Jerusalem, ist bei Reprodukt erschienen und wurde bei Comicgate hier besprochen.

 

Abbildungen: © Joe Sacco/Metropolitan und Guy Delisle/Drawn & Quarterly/Delcourt

 

Love Song 1 – Manu

Cover Love Song 1Christopher liebt die Rock- und Popmusik. Der französische Autor und Zeichner liebt sie sogar dermaßen, dass er eine komplette Albenserie daraus macht. Aber kann das gut gehen, wenn ein so völlig anderes Medium wie die Musik in einem bildhaften Medium wie dem Comic umgesetzt wird? Schließlich sprechen sie völlig verschiedene Sinne an: die Musik das Gehör und der Comic die Augen. Ähnlich schwer ist es, Gerüche sprachlich zu beschreiben. Wie soll man dann Musik in Bilder umsetzen? Viele haben es versucht und fast ebenso viele sind daran gescheitert. Die überzeugendsten Versuche stammen aus dem amerikanischen Underground, indem sie die LSD-Trips aufzeichneten, welche im Verbund mit Musik zu bildhaften Räuschen führte. Hier sei nur Robert Crumb erwähnt. Aber Christopher macht es genau richtig, indem er gar nicht erst versucht, die Medien zu überführen. Dabei gelingt ihm das Glanzstück, das Erleben, welches mit der Musik einhergeht, einzufangen und somit den Kern der Musik zu erfassen. Musik ist ein flüchtig Ding, aber die Emotionen, die Situationen und das Erleben der Musik kann man mit Bildern einfangen. Und somit die Gefühle transportieren.

In der Serie Love Song schildert Christopher das Leben von vier Freunden, welche als Jugendliche eine Band gegründet haben. Auch als Erwachsene frönen sie der Musik noch als Hobby, das sie untereinander verbindet und durch ihre Lebensstadien begleitet. Dabei sind die vier doch recht unterschiedlich. In jedem der (insgesamt vier) Einzelbände wird einer der Freunde im Fokus stehen und somit unterschiedliche Sichtweisen auf die anderen Figuren liefern. Im ersten Band ist es Manu, der dabei ist, in den Hafen der Ehe einzulaufen. Da kommen ihm nicht nur Zweifel, sondern auch wehmütige Sehnsucht nach der Zeit, als Rock und Pop noch Zeichen der Freiheit waren.

Seite aus Love Song 1Dabei ist das Album nicht nur etwas für Rockmusikfans. Denn zumindest der erste Teil handelt vom Erwachsenwerden. Manu muss mittlerweile Verantwortung übernehmen. Nicht nur im Beruf, sondern auch als Ehemann und als werdender Vater. Manu zieht sich dabei gerne in die Musik als Fluchtwelt zurück. Pop ist die Verweigerung gegenüber der Verantwortung. Aber eine solche Verweigerung liegt häufig in der Unsicherheit einer Person begründet. Weniger in der mangelnden Bereitschaft, sondern eher im Zweifel, ob man der Verantwortung gerecht wird. Und so geht man sie lieber gar nicht erst ein. Man schwankt zwischen Reifeprozess und juvenilem Verhalten und und die Bewusstwerdung dessen löst schon fast eine Identitätskrise aus.

Die Unsicherheit des Protagonisten kommt dabei besonders schön zur Geltung, wenn er sich vor Angst an Statistiken festhält. Die nackten und nüchternen Zahlen dienen ihm dazu, seine Angst vor der Verantwortung einzufangen und die Emotionen durch Ratio zu bändigen. Die Musik spielt dabei eine ebenso große wie paradoxe Rolle. Vor allem ist sie eine Möglichkeit zum Ausdruck und prägend für die wichtigsten Stationen des Lebens. So enthält der Comic einige schöne Situationen, in denen man sich als Leser gut verlieren und hineinversetzen kann. Love Song ist zwar sehr dialoglastig, aber insgesamt gelungen. Die Rückblenden sind manchmal sehr verwirrend, verdeutlichen andererseits auf eine sehr geschickte Art und Weise den emotionalen Stillstand mancher Figuren. Hier bekommt man Drama, Witz und einen kantigen frankobelgischen Zeichenstil geboten.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Christopher versteht es, die emotionale Wirkung der Musik einzufangen und einen Reifungsprozess anschaulich, nachvollziehbar und unterhaltsam darzulegen.

 

Love Song 1 – Manu
Salleck Publications, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Christopher
Übersetzung: Horst Berner
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 12,90 Euro
ISBN: 978-3-89908-455-9

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Abbildung aus der frz. Originalausgabe: © Le Lombard

Golias 1 – Der verlorene König

Cover Golias 1Im antiken Griechenland, genauer gesagt auf der Insel Ankinoe, steht König Farstal vor einem Problem: Nach alter Tradition muss die Königin ihm bis zum 50. Lebensjahr einen männlichen Thronfolger gebären. Dies gelingt ihm schließlich nur mithilfe des weisen Magiers Sarhan. 16 Jahre später kämpft der blonde Prinz Golias um das Leben seines Vaters.

Durch ein Komplott seines Bruders Polynos verfällt König Farstal in einen komatösen Zustand, die einzige Rettung besteht darin, die sagenumwobene Blume der Erinnerung zu finden. Damit ist Golias gezwungen, seine Heimat zu verlassen, während sein sinistrer Onkel Polynos so lange das Königreich regiert.

Seite aus Golias 1Die neue Serie von Autor Serge Le Tendre (Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit, Takuan) und Zeichner Jérôme Lereculey (Arthur) ist ein klassischer Historien-Abenteuer-Comic. Als zentrale Hauptfigur fungiert der noch unerfahrene Prinz Golias, der um die Ehre und das Vermächtnis seines Vaters kämpfen muss. Mit Polynos, dem machthungrigen Onkel, gibt es daneben gleich den dazugehörigen Antagonisten des Albums. Die Story gewinnt dadurch eine gewisse Spannung, ohne mit allzu viel Überraschungen aufzuwarten. Die Künstler verlassen sich auf ein bewährtes Grundkonzept und machen dabei wenig falsch.

Aber nein, das Rad des Genres wird dabei sicher nicht neu erfunden. Fans von historisch basierten Stoffen mit Schwert- oder Pfeil-und-Bogen-Gefechten werden dennoch nicht enttäuscht sein, zumal auch Lereculeys Bilder recht gefällig sind.

Man darf gespannt sein, auf welchen Weg Szenarist Serge Le Tendre seinen Protagonisten noch schicken mag und wann er zurückkehren wird, um Polynos zu vertreiben, respektive seinen Thron zu beanspruchen.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Solider Genretitel mit klassischem Ansatz

 

Golias 1 – Der verlorene König 
Ehapa Comic Collection, Oktober 2012
Text: Serge Le Tendre
Zeichnungen: Jérôme Lereculey
Übersetzung: Rossi Schreiber
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15 Euro
ISBN: 978-3-7704-3684-2

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Abbildung aus der frz. Originalausgabe: © Le Lombard

„Jede Lektüre beginnt mit Demut“: Interview mit Denis Scheck

Denis ScheckSeit bald zehn Jahren moderiert Denis Scheck das Literaturmagazin Druckfrisch (einmal pro Monat im Ersten) und gehört damit zu den prominentesten Literaturkritikern des Landes. Immer wieder präsentiert er sich auch als bekennender Liebhaber von Comics, etwa bei der Verleihung des Erlanger Max-und-Moritz-Preises, den er von 2006 bis 2010 dreimal moderiert hat und auch der Jury angehörte. Derzeit ist Scheck, der auch als Übersetzer und Herausgeber arbeitet, unterwegs auf einer Lesereise, auf der er zusammen mit dem Synchronsprecher Andreas Fröhlich den Hobbit von J.R.R. Tolkien präsentiert. Stefan Svik hat Denis Scheck per eMail befragt, es ging unter anderem um Erika Fuchs, Graphic Novels und den ewigen Kampf zwischen E und U. Und Scheck beweist in seinen Antworten, dass er seinen süffisanten Humor nicht nur vor Fernsehkameras einsetzen kann.

 

COMICGATE: Sie hatten in einer Ausgabe von Druckfrisch das Buch „Alles was ein Mann wissen muss“ mit dem Handbuch von Fähnlein Fieselschweif verglichen. Kluge Menschen wie Max Goldt und Klaus Jöken (Übersetzer von Lucky Luke und Asterix) loben die Übersetzer-Legende Dr. Erika Fuchs für ihre Bereicherung der deutschen Sprache. Als eifriger Leser sind Sie wahrscheinlich mit den Disney-Heften groß geworden? Geschadet hat es offensichtlich nicht, ganz im Gegenteil! Lesen Sie heute noch Comics?

Denis Scheck: Natürlich. Als Kritiker ist mir offen gestanden jeder suspekt, der ein Genre aus welchen Gründen auch immer ganz und gar ausschließt und zum Beispiel keine Krimis, keine Fantasy oder keine Comics liest. Da nimmt man der literarischen Palette doch ohne Not einige Farben weg. Oder um ein anderes Bild zu wählen: wenn jemand nun partout keinen Fisch oder kein Fleisch mag, wird aus diesem Menschen selten ein guter Gastrokritiker. Ich hatte in den 90ern das große Vergnügen, Dr. Erika Fuchs persönlich kennenzulernen, und durfte dazu beitragen, dass sie, noch zu Lebzeiten, einen Literaturpreis erhielt. Erst nach ihrem Tod bemerkte ich, dass sie sich dafür revanchierte, indem sie einen Spielzeughändler in Entenhausen nach mir benannte. Seither weiß ich, was literarische Unsterblichkeit heißt.

 

Comic-Literatur dürfte für manche Verfechter der Hochkultur eher ein Euphemismus sein. Stan Lee sagte in einem Interview, dass in den 1950er Jahren das Image der Comic-Leser wie folgt aussah: Kinder und geistig minderbemittelte Erwachsene. Dieses Image hält sich bis heute bei vielen Außenstehenden, denke ich.

Diese uralten U- versus E-Kontroversen sind in meinen Augen längst geschlagene Schlachten. Heutzutage scheint mir die sogenannte Hochkultur ein viel schutzbedürftigeres Pflänzlein als etwa der Comic. Aber für beide gilt: jede Lektüre beginnt mit Demut. Ressentiments sollte man anderswo pflegen.

 

Manche Menschen sind der Meinung, dass Musik- und Literaturgeschmack etwas über Intelligenz und die Werte eines Menschen aussagen. Wer seichten Pop hört, ist selbst seicht und wer Klassik hört, ist kultivierter und gebildeter. Anthony Burgess hat in seinem Buch A Clockwork Orange das Vorbild von Dr. Mengele in seine Geschichte eingebaut. Ein Mann, der gerne schöne klassische Musik hörte, und dennoch in die Barbarei zurückfiel. Was meinen Sie dazu?

Auch wenn ich nicht glaube, dass ein bestimmter Literatur- oder Musikgeschmack das untrügliche Merkmal schöner Seelen ist, kann ich aus eigener Lebenserfahrung nur empfehlen, sehr darauf zu achten, was bei den Menschen, mit denen man das Bett teilt, auf dem Nachttisch liegt. Im Grunde ermöglicht Liebe die leichteste Transzendierung der eigenen Beschränktheit.

 

Sie fliegen nach Santa Fe und reden dort zwei Minuten über den neuen Haas. Sie loben 75 Jahre DC-Comics. Steigen die Leser von Martin Walser und anderen Literatur- Größen nach solchen Beiträgen auf die Barrikaden? Etwa: Warum fliegt Denis Scheck auf GEZ-Kosten in die USA und warum redet er über „Schundliteratur“ – gibt es solche Reaktionen?

Von solchen Reaktionen ist mir nichts bekannt. Die Postmoderne ist längst auch in den Köpfen der Fernsehzuschauer angekommen. Im übrigen halte ich diese Frontstellung von Walser-Lesern gegen Comic-Afficionados auch für absurd. Martin Walser hat, wie man seinen Tagebüchern entnehmen kann, selbst mal mit dem Gedanken gespielt, einen Science-Fiction-Roman zu schreiben. Wer verkörpert die Idee des radikalen Pops im Moment denn glaubwürdiger als der Autor von Muttersohn? Im Kölner Museum Ludwig ist zur Zeit eine Art-Spiegelman-Ausstellung zu sehen, gleichzeitig feiert das Stadtmuseum Ralf Königs Ursula.

 

Denis Scheck als Moderator des Max-und-Moritz-Preises 2008Der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney lobt den US-Rapper Eminem für die „Energie seiner Worte“. Undenkbar, dass Günter Grass Fettes Brot, Fanta 4 oder Fünf Sterne Deluxe lobt oder überhaupt den Eindruck vermitteln würde, dass er sich mit den Werken jüngerer Menschen beschäftigt oder mal einen Tag in seinem Leben Spaß hat. In Deutschland haben Literatur und Kunst trocken, sperrig und freudlos zu sein, oder? Wäre ein Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan ein längst überfälliger Durchbruch oder der Untergang des Abendlandes?

Ein Nobelpreis für Dylan erscheint mir so albern wie ein Michelinstern für eine Currywurstbude. Einer der für mich wichtigsten Sätze stammt aus einem Comic, aus Pogo von Walt Kelly: „We have met the enemy and he is us.“ Das ist die amerikanische Antwort auf Carl Schmitts berühmte Formulierung, wonach der Feind unsere Frage in Gestalt sei. Wir selbst sind die Barbaren, die das Abendland untergehen zu lassen drohen, und wir selbst haben es durch einen Akt fortwährender Selbstzivilisation auch in der Hand, das Abendland zu retten.

 

Prousts Opus Magnum Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wurde, ebenso wie Kafkas Verwandlung, auch als Graphic Novel umgesetzt. Der Pionier dieser Gattung ist der Amerikaner Will Eisner. Die Franzosen sprechen von Comics als Neunte Kunst. Die Peanuts-Werkausgabe wird mit Lobeshymnen von Umberto Eco und einem Vorwort von Jonathan Franzen „aufgewertet“. Nur die Deutschen, das Volk der Dichter und Denker (und Wilhelm Busch!) und Erfinder des Buchdrucks, teilen die Welt in U und E ein, verwenden Fix und Foxi-Heftchen als Schimpfwort und betrachten Comics als Kinderkram, um es mal sehr stark zu verallgemeinern. Warum sind die Amerikaner, Japaner und Franzosen so viel unverkrampfter im Umgang mit Comics oder sind sie das gar nicht?

Fix und Foxi war ja auch ein ziemlicher Murks als Comic  so wie die Hervorbringungen in allen Künsten zu 90 Prozent erbärmlich wenig taugen. Der amerikanische Schriftsteller Theodore Sturgeon verwahrte sich einmal dagegen, dass Science Fiction immer nur an ihren dämlichsten Repräsentanten gemessen wurde, mit dem schönen Hinweis: „ninety percent of everything is crap.“ Das wurde als Sturgeon’s Law sprichwörtlich. Ähnliches gilt für den Comic. Aber man muss dann schon auch in der Lage sein, so viel Selbstkritik aufzubringen, diese 90 murksigen Comics zu benennen. Was die Übersetzungen literarischer Meisterwerke in die Form des buchlangen Comics angeht, erscheint mir das eher ein Zeichen mangelnden Selbstbewußtseins, ein Leuchten im geborgtem Licht. Auch ist es mir ziemlich gleichgültig, ob es der Comic in Japan leichter hat. Das sind so Passepartouts der Kulturkritik: „Anderswo ist besser“ und „Früher war mehr Lametta.“ Schon wahr, dann sollen die Leute eben anderswo leben oder meinetwegen auch gern früher.

 

Ähnlich wie Comics leidet auch das Genre Fantasy unter großen Vorurteilen. J. R. R. Tolkien hat es, ebenso wie Hermann Hesse, wahrscheinlich ungewollt, geschafft, zu einem  Helden der Hippie-Generation zu werden. Aus der Vorliebe für „pipe weed“ wurde eine Metapher für Gras und der Ring könnte für die Geld- und Machtgier der älteren Generation stehen. In Tolkiens Werken steckt so viel mehr als nur Unterhaltung für Kinder. War Ihnen deshalb der Termin in Hannover eine Herzensangelegenheit? Meiden andere Berufskritiker dieses Genre, um nicht ihren Ruf zu gefährden?

Meine Herzensangelegenheiten trage ich nicht in Hannover aus. Und daß die Fantasy „leidet“, wäre mir neu. Harry Potter ist der größte Bucherfolg des 21. Jahrhunderts, Der Herr der Ringe wurde von den Briten zum populärster Roman aller Zeiten gewählt, Dietmar Dath schreibt jeden zweiten Tag das FAZ-Feuilleton voll, den Rest erledigen Andreas Platthaus und Patrick Bahners, im Kino läuft gerade Cloud Atlas, die halbe Welt wartet auf die dritte Staffel von Game of Thrones. Wen scheren da die Limitierungen in den Hirnen von ein paar deutschen Literaturkritikern?

 

Denis Scheck mit Hella von Sinnen beim Max-und-Moritz-Preis 2010Sie haben als Übersetzer (u.a. von Alison Bechdels Fun Home) gearbeitet: war es sehr anders, einen Comic zu übersetzen als einen Roman? Und gab es dabei Schwierigkeiten, mit denen Sie nicht gerechnet hätten?

Mich hat bei der Übersetzung des Bechdel-Comics sehr die Zusammenarbeit mit Sabine Küchler gereizt. Stärker noch als bei anderen Übersetzungen legte uns die Größe der Sprechblasen einen Zwang auf, mit dem es zu spielen galt. Ganz furchtbar verhauen haben wir uns mit der Umfangberechnung – dieser Comic ist schrecklich textlastig.

 

Wie ist Ihre Meinung zum Stand der Comic-Kritik (in Deutschland)?

Sie hält jeden Vergleich mit der Lyrikkritik Molwaniens aus. Im Ernst: Es gibt sagenhaft fundierte Sachen und jede Menge oberflächlichen Mist. Wie heißt’s im Rosenkavalier? „Ist doch der Lauf der Welt …“

 

Sie waren auch Moderator und Jury-Mitglied beim Max-und-Moritz-Preis. Wie wichtig sind Preise für Bücher allgemein und für Comics im Besonderen? Gibt es etwas, was Ihnen auf dem Gebiet der Comicpreise fehlt?

Erstens gibt es zu viele, und zweitens sind sie zu schlecht dotiert.

 

Sollten Comics im Fernsehen mehr stattfinden? Wenn ja, auf welche Weise?

Selbstverständlich sollte jedes Erscheinen eines außergewöhnlich guten Comics im Anschluß an die Tagesschau um 20:15 durch eine mindestens viertelstündige Sondersendung gewürdigt werden. Aber außergewöhnlich gute Comics sind sehr, sehr selten.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Abbildungen: Elke Wetzig/CC-BY-SA, Torsten Goltz/CC BY-NC-SA, Bernd Glasstetter/CC BY-NC-SA

Crossed 1

Cover Crossed 1Diesem Comic ist ein gewisses Unbehagen anzumerken. The Walking Dead, die dazugehörige TV-Adaption und der damit zusammenhängende Boom von Zombiecomics und -filmen hat Garth Ennis anscheinend etwas verärgert. Oder zumindest ein Unbehagen bei ihm verursacht. Und so entwarf er seine eigene Version einer Zombieapokalypse und holt das Genre wieder auf den Boden zurück.

Ein hochansteckendes Virus befällt die Menschen und macht aus ihnen rasende Bestien. Alle Hemmungen fallen und die Zivilisation versinkt in Gewalt. Durch blutige Striemen im Gesicht gekennzeichnet, welche die Form eines Kreuzes haben, morden, schänden, verstümmeln und jagen die Infizierten alle anderen Menschen. Eine kleine Gruppe von Unversehrten kann ihnen entkommen und streift durch die USA auf der Suche nach einem sicheren Ort.

Diese Inhaltsangabe klingt nach einem x-beliebigen Zombiefilm. Mit dem Unterschied, dass die Bestien nicht tot sind, sondern lebende Menschen. Wie in fast allen von Ennis‘ Comics verdecken auch hier die Gewalt und die Spannung leicht die dazugehörige soziale und psychologische Aussage. Vielleicht ist Ennis ja auch einfach nur bescheiden und will mit seiner offensichtlichen Intelligenz nicht hausieren gehen. Wohl verpackt kritisiert er alle Zombiefilme und -comics. Im Kern lautet die Aussage von Crossed: man braucht keine Naturkatastrophen oder Zombies, um die Menschheit auszurotten. Das machen die Menschen schon selber. Das dem Morden zugrundeliegende Virus macht die Menschen nicht genregemäß zu Zombies, sondern entfacht einfach die ihnen latent innewohnenden Triebe und es fallen alle Hemmungen. Angesichts dieses alltäglichen Horrors überschreiten auch die Nicht-Infizierten ihre Grenzen und werden immer unmenschlicher.

Zombies, Aliens, Vampire, Naturkatastrophen, Atom-GAUs? Vergesst es. Nehmt einfach das Böse in jedem Menschen und lasst es frei. Das ist eine eindeutige Kritik am Zombiegenre und gleichzeitig weitaus beängstigender. Denn man hat unwillkürlich Nachbarn, Freunde, Kollegen und Familienmitglieder vor Augen und fragt sich, was die wohl tun würden, wenn das Virus sie befallen würde. Schließlich leben die Infizierten einfach den Wahnsinn und Triebe aller aus. Garth Ennis sagte einmal gegenüber dem Autor Steven A. Grant, dass Alien ein Film sei, der ihn sehr geängstigt hätte, aber kein Horrorfilm und keine Geschichte ihn auf den realen Schrecken der Vergewaltigungslager im jugoslawischen Bürgerkrieg hätte vorbereiten können. Und diese Auffassung sieht man in diesem ganzen Band.

„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“. Diesen Satz aus Dantes Inferno hat man beim Lesen immer im Hinterkopf. Vielleicht ist dies der düsterste Comic von Ennis (auch aufgrund des fehlenden sarkastischen Humors), weil er der pessimistischste ist, was seine Haltung zur Natur des Menschen und gegenüber der Religion angeht. Nicht umsonst sind die Infizierten durch ein symbolisches Kreuz gekennzeichnet, was im Grunde eine Weiterentwicklung des Kainsmals darstellt und somit für die Erbsünde steht. Wieder einmal tritt der kritisch-katholische Hintergrund des irischen Autors zutage. Jedenfalls ist Crossed in seiner Schockwirkung beeindruckend, illustriert in detailreichen Scheußlichkeiten von Jacen Burrows, der sich langsam zu einem Spezialisten in diesem Bereich mausert (Die Chroniken von Wormwood), und unterfüttert mit den typisch meisterhaften Dialogen von Ennis. Und nach all dem Horror, der hier nicht nur graphisch Grenzen überschreitet, sondern Genrekonventionen sprengt, gibt es unerwartet am Ende doch ein kleines Zeichen der Hoffnung, was man in den Bildern leicht übersehen kann. Eine kleine Geste reicht, um zu zeigen, dass es noch nicht zu spät ist. Nicht nur für die Überlebenden, sondern für die gesamte Menschheit. Und diese letzte Szene ist angesichts des sehr auf Schockeffekt angelegten Comics ungeheuer bewegend.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ennis‘ Kommentar zum Zombiegenre ist vielleicht nicht sein bestes Werk, da es zu sehr auf Effekt angelegt ist, aber spannend, brutal, bewegend und sehr kritisch gegenüber Menschen und Religion.

 

Crossed 1
Panini Comics, September 2012
Text: Garth Ennis
Zeichnungen: Jacen Burrows
Übersetzung: Bluna Williams
260 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-86201-434-7

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Grandville

Ciover GrandvilleEine „Retro-Utopie voller Blut und Liebreiz“ kündigt der Untertitel auf dem Cover an, und der Schmutztitel beschwört „Eine Fantasie“: Ist Grandville von Bryan Talbot also ein ganz und gar ungewöhnlicher Comic? Eigentlich nicht, diese Untertitel sind vielmehr Teil der akribischen Buchgestaltung, mit der der britische Comicveteran dieses Album zu einem Objekt machen möchte, das selbst aus der retro-futuristischen Steampunkwelt stammen könnte, in der die Geschichte spielt.

Diese Welt ist eine alternative Version der Erde, in der die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat. Napoleon hat die Schlacht von Waterloo gegen die Briten nicht verloren, sondern gewonnen, und 200 Jahre später herrscht Frankreich als großes Empire über Europa, während Britannien sich als kleine Sozialistische Republik gegen die Großmacht auflehnt, mit der es durch eine Brücke über den Ärmelkanal verbunden ist.

Der mysteriöse Tod eines britischen Diplomaten sorgt dafür, dass der Scotland-Yard-Ermittler Inspektor LeBrock für seine Nachforschungen in die französische Hauptstadt Grandville reisen muss, wo seine Landsleute alles andere als beliebt sind. Dort kommt er einer großen Verschwörung auf die Schliche, deren Spuren in die höchsten Räume der Macht reichen. Viel mehr muss man gar nicht wissen über die Handlung, die Talbot sehr geradlinig und leider auch etwas überraschungsarm erzählt.

Seite aus GrandvilleDass Grandville dennoch kein langweiliger Comic geworden ist, liegt an mehreren Faktoren: Da ist zunächst mal die Tatsache, dass (fast) alle Protagonisten vermenschlichte Tiere sind, deren Köpfe aber nicht cartoonesk gezeichnet sind, sondern eher realistisch daherkommen. Vom Dachs bis zum Nashorn, vom Papagei bis zum Krokodil. Das ergibt einen wirkungsvollen Verfremdungseffekt. Zum zweiten würzt Bryan Talbot sein Szenario mit allerlei kleinen Anspielungen, nicht zuletzt auf einige berühmte europäische Comics: Einer der ganz wenigen Menschen in der Geschichte ist ein Hotelpage im unverkennbaren roten Anzug, und eine nicht unwichtige Nebenrolle spielt ein ein alter, drogensüchtiger Foxterrier namens Snowy Milou. Und drittens ist da die fantastische Welt, in der die Geschichte spielt: Ausstattung, Kostüme und Bauwerke erinnern an die Jahrhundertwende, nur eben angereichert mit Technik wie z.B. dampfbetriebenen Robotern. Klassischer Steampunk also, wie er nicht zuletzt auch von Bryan Talbot selbst im Comic populär gemacht wurde (The Adventures of Luther Arkwright).

Eingangs zählt der Autor und Zeichner jene auf, die ihn zu Grandville inspiriert haben: Allen voran der Zeichner Jean Ignace Isidore Gérard, der unter dem Pseudonym Grandville mit Karikaturen bekannt wurde, die vor allem anthropomorphe Tiere zeigten. Außerdem Albert Robida, der französische Autor, der sich in den 1880er Jahren in seinen illustrierten Romanen die Zukunft des 20. Jahrhunderts ausmalte, Sherlock-Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle und Rupert the Bear, Titelfigur eines berühmten britischen Kindercomics. Und nicht zuletzt Quentin Tarantino, jenen Meister des Zitierens und der Remix-Kunst, auf dessen Pfaden Bryan Talbot hier lustvoll wandelt. Denn wie Tarantinos Filme ist auch Grandville voll von Zitaten und Anspielungen, mal mehr, mal weniger subtil. Die Freude, die Talbot bei seinem Ritt durch diverse Genres und popkulturelle Epochen hatte, ist in diesem Comic spürbar, und das macht seinen eigentlichen Reiz aus.

Das tröstet dann sowohl über die mittelmäßige Kriminalstory und die eher eindimensionalen Figuren hinweg als auch über die unpassende Kolorierung, die mit überdeutlichen Digitaleffekten mehr Glanz in den Comic bringt als ihm guttut. Eine flache, dezentere Farbgebung oder gar ein völliger oder teilweiser Verzicht auf Farben wäre hier sehr viel wirkungsvoller gewesen, wie man an dem sehr gelungenen Cover sehen kann. Trotzdem macht die Lektüre Spaß, was nicht zuletzt daran liegt, dass Talbot ein exzellentes Händchen für Storytelling hat – seine Panelfolgen und Seitenlayouts sind niemals verwirrend, die Geschichte liest sich glasklar und überaus flüssig. Und am Ende wünscht man sich dann doch, mehr von diesem interessanten Weltenentwurf lesen zu dürfen. In England erscheint in diesen Tagen bereits der dritte Grandville-Band, die Chancen stehen also nicht schlecht.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Lustvolle Mischung aus Popkultur-Zitaten, deren liebvoll-detaillierter Weltentwurf über eine durchschnittliche Handlung hinwegtröstet

 

Grandville
Schreiber & Leser, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Bryan Talbot
Übersetzung: Resel Rebiersch
102 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-87.6
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser

Links der Woche: Mit Verlagsprogrammen, europäisch-japanischer Verständigung und neuen Bestenlisten

Unsere Links der Woche, Ausgabe 37/2012:

 

Neuer Comicverlag: dani books – Interview Jano Rohleder
Comic Report, Matthias Hofmann
Der neue Comicverlag Dani Books geht an den Start. Dahinter steckt Jano Rohleder, Übersetzer und Betreuer der Disney-Comics von Don Rosa. Zunächst erscheinen dort zwei per Crowdfunding finanzierte Ausgaben alter Comics von Don Rosa auf Englisch, ab Anfang 2013 dann deutschsprachige Lizenzausgaben – unter anderem gibt es ein Wiedersehen mit Monster Allergy und Danger Girl. Beim Comic-Report gibt es ein Interview mit dem Verleger.

Some questions you always wanted to ask Reprodukt
Reprodukt Blog, Christian Maiwald
Reprodukt beantwortet (auf Englisch) Fragen eines belgischen Studenten, der ein Referat über den Verlag halten möchte. Darin geht es vor allem darum, wie das Verlagsprogramm zusammengestellt wird.

Anne Frank im Land der Mangas
Arte, Alain Lewkowicz, Vincent Bourgeau et al.
Auf der Website des französisch-deutschen Kulturkanals Arte gibt es einen interaktiven Comic mit Audio-Elementen. Es handelt sich um einen dokumentarischen Comic, der davon handelt, wie das Tagebuch der Anne Frank in Japan rezipiert wird und wie anders die japanische Kultur mit dem Zweiten Weltkrieg umgeht.

„100 % gaúcho“
Mawil
Auch Mawil hat in diesem Jahr wieder beim 24-Stunden-Comic-Tag mitgemacht, und zwar im brasilianischen Porto Alegre. Seine Geschichte, die natürlich auch in Brasilien spielt, kann man nun auf seiner Website lesen.

Best Books of 2012: Comics & Graphic Novels
amazon.com
Der Buchgigant Amazon hat seine jährlichen Bestenlisten veröffentlicht. In der Kategorie „Comics & Graphic Novels“ thront Chris Wares Building Stories ganz oben, ein Werk, das wir sicher noch sehr viel öfter in derlei Listen sehen werden. Zum Beispiel auch in der vom Amazon-Konkurrenten Barnes & Noble, das die Comics zusammen mit Kochbüchern und Bildbänden unter der Rubrik „Best Quirky, Beautiful, Different Books of 2012“ auflistet.

Der Vampir von Benares 1-3

Cover Vampir von Benares 1 Vampire tragen ihren Beinamen „die Untoten“ mit Recht. Richtig verschwunden waren sie in der Popkultur nie, aber gerade in den letzten Jahren haben sie nun wahrlich einen enormen Boom erlebt. Sei es in Romanen, in Filmen oder in Comics: Vampire sind wieder en vogue, nicht zuletzt durch verkitschte Romantisierungen à la Twilight. Angesichts dessen und der langen, nicht nur popkulturellen, Tradition dieses Themas fragt man sich, ob es überhaupt noch möglich ist, den Blutsaugern noch neue Facetten abzuringen. Doch dem Franzosen Georges Bess gelingt das in seiner Alben-Trilogie durchaus.

Dabei ist der erste Band noch nicht einmal ein reiner Horrorcomic, sondern zunächst ein Krimi. Der Journalist Mircea (nicht zufällig ein Name aus Rumänien, der Heimat von Dracula) reist nach Benares, einer heiligen Stadt der Hindus, weil ihn sein Schwiegervater in spe darum gebeten hat. Doch nach einem Bombenattentat ist der alte Mann verschwunden und Mircea macht sich mit seiner Verlobten und einem gemeinsamen Freund daran, herauszufinden, warum ihn Deepak in die Stadt gebeten hatte. Ging es wirklich nur um den Mörder, welcher der „Vampir von Benares“ genannt wird? Oder lauern noch ganz andere Schrecken in der Stadt?

Georges Bess fügt mit diesem Comic die Vampire in das hinduistische Pantheon ein. Der erste Band lebt vor allem vom Lokalkolorit, durch die Ermittlungen werden zeitgleich mit den Journalisten auch die Leser durch die Gassen und Sehenswürdigkeiten von Benares geführt. Quasi ein Reiseführer im Comicformat mit einer fiktiven Handlung.

Seite aus Der Vampir von Benares 1 Nach der Krimihandlung im Auftaktband spielen Band 2 und 3 (die löblicherweise in sehr kurzem Abstand erschienen sind) fast ausschließlich im Horrorbereich und sogar in einer fremden Dimension. Dabei ist der zweite Band sehr spannend, obwohl auf der inhaltlichen Ebene eigentlich gar nichts passiert. Stattdessen wird in dem ganzen Album nur geredet. Mircea ist zusammen mit Gopal in einer parallelen Dimension gelandet und trifft dort auf die Vampire, wobei einer von denen so nett ist, sich den beiden Menschen zu erklären. Im Folgenden werden die Geschichte, die gesellschaftliche Struktur und das Wesen der Vampire erläutert. Diese Informationsflut dient vor allem der Vorbereitung auf den dritten und letzten Band, den man ohne den zweiten nicht verstehen kann. Im dritten Teil nämlich gerät Mirceas Verlobte Anji in Lebensgefahr und nur er kann sie retten, doch dafür muss er die Vampire von Benares komplett vernichten. Also lässt er sich auf ein waghalsiges Spiel ein.

Während also in „Der Ursprung des Bösen“ die Dialoge die Handlung voranbringen, so ist es in „Das Herz der Finsternis“ die Action, wobei sich Georges Bess zum Ende hin noch einiges offen hält. Zwar werden die Vampire doch nicht so sehr in die hinduistische Götterwelt eingegliedert, wie anfangs noch vermutet, aber dafür tritt die Göttin Kali höchstpersönlich auf. Stattdessen stellt Bess die Vampire als reine Parasiten dar, die sich am Elend der Welt laben. Dieser Aspekt ist nun alles andere als neu, denn was soll das Bluttrinken von Fremden anderes sein, als parasitär? Dass die klassischen Vampire zumeist Adlige waren, die das einfache Volk ausbluten ließen, ist schon seit Dracula ein Gemeinplatz. Hier verkleiden sich die Vampire noch in höfische Uniformen und frönen einem ähnlich dekadenten Leben wie der Adel. Wer genau hinsieht, kann bekannte Uniformen und damit Bezugnahmen zu realen historischen Persönlichkeiten, wie etwa Königin Victoria von England, finden. Das ist zwar eine gute Idee, wenngleich nicht gerade neu. Zudem kommt diese Kritik über 100 Jahre zu spät, denn was gehen uns heutzutage noch die Vertreter des Adels an, abgesehen von den Seiten der Klatschspalten? So verpufft die Kritik. Bess macht damit immerhin deutlich, dass die Vampire schon ewig existieren und Änderungen nicht positiv gegenüberstehen.

Cover Der Vampir von Benares 3 Dennoch liest man den Band mit recht großem Vergnügen. Das liegt vor allem an den Zeichnungen, die bisweilen Moebius und Jodorowsky mit ihrem Incal zitieren. Allein das Cover des dritten Teils erinnert sehr an Titelbilder der Incal-Saga. Auch der satirische Tonfall gemahnt an Jodorowsky, mit dem George Bess auch schon mehrfach zusammengearbeitet hat (u.a. bei Juan Solo). Etwas störend wirkt die Geschwätzigkeit des Comics, auch im actionreichen dritten Band, aber sehr viel schwerwiegender ist die emotionale Kälte. Denn die Protagonisten und ihre Beziehungen, vor allem die zwischen Mircea und seiner Verlobten Anji, lassen den Leser verhängnisvoll kalt. So kann man sich nicht mit den Figuren identifizieren und klammert sich an die graphische Gestaltung einer surrealen, alptraumhaften Welt. Die ist sehr düster und phantastisch und damit hätte die Serie noch vor einigen Jahren hervorragend in das verblichene Magazin Schwermetall gepasst.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Etwas zu geschwätzig und emotionslos, aber mit überzeugender Optik und einigen neuen Aspekten der Vampirthematik.

 

Der Vampir von Benares
Ehapa Comic Collection
Text und Zeichnungen: Georges Bess
Übersetzung: Marcel Le Comte
Preis: je 13,99 Euro

Band 1: Die Bestien der Nacht
Mai 2012
48 Seiten, farbig, Hardcover

ISBN: 978-3-7704-3545-6
Leseprobe (PDF)

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Band 2: Der Ursprung des Bösen
Juni 2012
48 Seiten, farbig, Hardcover

ISBN: 978-3-7704-3546-3

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Band 3: Das Herz der Finsternis
August 2012
56 Seiten, farbig, Hardcover

ISBN: 978-3-7704-3547-0

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Dredd 3D

Dredd 3D FilmplakatDredd
GB / USA /Indien 2012
Regie: Pete Travis

Hauptdarsteller: Karl Urban (Judge Dredd), Olivia Thirlby (Cassandra Anderon), Lena Headey (Ma-Ma)

 

Mega-City One, die Multimillionenstadt im postapokalyptischen Amerika. Verbrechen sind an der Tagesordnung, doch die „Judges“ versuchen, die strengen Gesetze durchzusetzen. Judge Anderson, eine junge weibliche Nachwuchskraft, hat zwar nicht alle Tests bestanden, gilt aber als sehr talentiert – nicht zuletzt, weil sie offenbar Gedanken lesen kann. Als Aufnahmeprüfung soll sie einen kompletten Einsatztag zusammen mit dem erfahrenen Judge Dredd verbringen, der anschließend beurteilen wird, ob sie für den Dienst geeignet ist. Ihr erster gemeinsamer Einsatz führt die beiden in ein gigantisches Hochhaus, das von der Drogenmafia unter der Führung der skrupellosen Ma-Ma kontrolliert wird. Dort sind sie sehr bald von der Außenwelt abgeschlossen und müssen einen gnadenlosen Kampf ums Überleben führen.

Szene aus Dredd 3DDie Figur des Judge Dredd – Polizist, Staatsanwalt, Richter und Vollstrecker in Personalunion – ist seit Jahrzehnten das Aushängeschild des populären britischen Comicmagazins 2000 AD, das seit 1977 jede Woche neue Dredd-Episoden druckt. 1995 gab es eine erste Verfilmung mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle – ein völlig missglückter Versuch, der an den Kinokassen floppte und bei den Fans ebenso durchfiel wie bei der Kritik. Nun will man alles besser machen: Der neue Film hält sich sehr viel enger an die Comicvorlage, zum Beispiel wurde penibel darauf geachtet, dass Judge Dredd niemals ohne seinen Helm zu sehen ist. Für das Design ist der Comiczeichner Jock zuständig, der selbst schon etliche Dredd-Comics gezeichnet hat. Auch für Regie und Drehbuch wurden Briten verpflichtet, die die Figur vermutlich schon seit ihrer Jugend kennen: Pete Travis (8 Blickwinkel) führte Regie, das Skript stammt vom renommierten Autor Alex Garland (The Beach, Sunshine, 28 Days Later).

Dredd ist extrem konzentriert – sowohl zeitlich als auch räumlich. Die komplette Handlung spielt sich im Verlauf eines Tages ab, und fast alles findet innerhalb eines Gebäudes statt: im Peachtree-Komplex, einem gigantischen Hochhaus mit 75.000 Bewohnern. Außerdem beschränkt sich der Film auf eine Laufzeit von 95 Minuten. Das sorgt für ein straffes Korsett, das dem Film sehr gut tut. Ein kurzer Text aus dem Off erklärt dem Zuschauer zu Beginn die Grundlagen der Welt von Mega-City One, und dann geht’s auch schon direkt los. Keine umständliche Origin-Story, Kindheitsanekdoten oder ähnliches, sondern ein sofortiger Sprung in die Story. Und die ist schnell, actionreich und brutal.

Szene aus Dredd 3DSehr brutal sogar. Der Film spart nicht mit Blut und Gewalt und hat sich seine 18er-Freigabe redlich verdient. Ein zahmerer, weniger gewalthaltiger Ansatz wäre dem Comic wohl kaum gerecht geworden, denn die Judges, das wird hier schnell deutlich, gehen buchstäblich über Leichen, wenn sie kompromisslos für Recht und Ordnung sorgen und die Todesstrafe an Ort und Stelle vollstrecken. Nun ist so ein harter Hund wie Dredd, der eine knallharte Law-and-Order-Politik vertritt und dem man dabei nicht mal in die Augen schauen kann (der charakteristische Helm verdeckt das gesamte Gesicht bis auf Mund und Kinn), nicht gerade eine sympathische Figur. Umso wichtiger ist also die Rolle von Judge Anderson. Die sorgt nicht nur dafür, dass wir es hier mit der klassischen Konstellation „alter Cop und junger Rookie“ zu tun haben, sondern bietet auch Identifikationspotential für den Zuschauer. Sie ist diejenige, die etwas Menschlichkeit in diese zynische Welt bringt. Sie ist die Person, die eine Entwicklung durchmacht, während Dredd am Ende des Films der selbe ist wie am Anfang.

Szene aus Dredd 3DEin wesenliches Element in Dredd ist der visuelle Effekt, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn es um die Designerdroge „Slo-Mo“ geht, die gerade der neue heiße Scheiß in Mega-City One ist. Wer sie nimmt, für den fühlt sich alles extrem verzögert, wie in Superzeitlupe an. Das ist toll, wenn man gerade Sex hat, und ziemlich furchtbar, wenn man gerade von den Schergen der Drogenbaronin gehäutet und ein paar hundert Stockwerke nach unten geworfen wird. Travis inszeniert diese Drogenszenen in einem Look, der sich stark von der ansonsten sehr düsteren Optik des Films abhebt: bunte, extrem gesättigte Farben, viel Gelb, Rot und Orange, dazu ein gewisses Wabern der Bilder wie in einer Lavalampe und natürlich extrem verlangsamte Zeitlupe. Damit wird auch der Zuschauer auf einen Trip geschickt – ein wirkungsvolles Gimmick, das auch dem (eigentlich wie so oft überflüssigen) 3D eine gewisse Berechtigung verleiht.

Was den Plot angeht, so dürfte bei einigen Genrefreunden ein Déja-Vu-Effekt eintreten: Gesetzeshüter, die sich durch ein Hochhaus kämpfen, das von fiesen Kriminellen kontrolliert wird – genau die gleiche Konstellation hatte kürzlich der indonesische Martial-Arts-Kracher The Raid. Im direkten Vergleich, um den man bei der Ähnlichkeit der Handlung nicht herumkommt, schneidet Dredd schwächer ab, da er nicht mit der intensiven Körperlichkeit von The Raid mithalten kann und weniger filmische Überraschungen bietet. Trotzdem kann man nicht von einem schamlosen Abkupfern sprechen – wahrscheinlich handelt es sich hier wirklich um einen blöden Zufall.

Szene aus Dredd 3DHauptdarsteller Karl Urban (bekannt aus Der Herr der Ringe und dem letzten Reboot von Star Trek) hat in der Titelrolle wenig Gelegenheit zu glänzen, schließlich sieht man immer nur sein Kinn. Er verkörpert Judge Dredd aber sehr überzeugend als supertrockenen, abgehärteten, humorlosen Bastard, dem nie ein Lächeln über die Lippen kommt und der fast ausschließlich in Form von One-Linern kommuniziert.

Dredd ist ein handwerklich toll gemachter Actionfilm der härteren Gangart, der dem Geist der Comicvorlage viel näher kommt als die Stallone-Katastrophe von 1995 und der dank seiner Knappheit gut unterhält. Eines gelingt ihm allerdings kaum: die in den 2000 AD-Comics angelegte Satire, ihren zynisch-sozialkritischen Ansatz auf die Leinwand zu bringen. Da wäre weit mehr drin gewesen, doch der Film bleibt leider sehr oberflächlich und verlässt sich lieber auf Ballerorgien und cool inszenierte Drogentrips. Bleibt also noch Luft nach oben – vielleicht für einen möglichen zweiten Teil?

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Konsequent, kompromisslos, knochentrocken: Ein sehr solider Action-SF-Reißer, nicht mehr, nicht weniger.

 

Abbildungen: © Universum Film