Rezensionen

Essex County 3 – Die Krankenschwester

Cover Essex County 3Während sich der Kanadier Jeff Lemire zur Zeit einen Namen als Architekt des neuen DC-Universums macht und nicht nur einige Storylines für verschiedene Superhelden (wie etwa Superboy) verfasst, sondern auch mit Sweet Tooth für Vertigo eine schöne Verbindung zwischen Mainstream und Independent schuf, erscheint bei uns nun auch der dritte und abschließende Band seiner Trilogie mit Geschichten aus Essex County. Diese Trilogie ebnete dem jungen Autor und Zeichner den Weg und brachte ihm auch mehrere Preise ein. Und das völlig zu Recht, schließlich ist die Serie ein Beispiel dafür, wie sehr Comics es vermögen, durch die Bilder dem Text zusätzlichen Inhalt zu geben und auch schon ohne jeden Dialog Charakterisierungen zu liefern.

Ein zentrales Thema ist dabei die Einsamkeit – sowohl die geographische mit weiten Entfernungen zwischen Häusern und Höfen, als auch die individuelle. Es ist auffällig, dass sich alle Figuren nach Nähe sehnen, aber unfähig sind, wirkliche Bindungen einzugehen. Die Seele hat eine Hornhaut und erlittene Kränkungen und Verletzungen haben dazu geführt, dass sich die Figuren einigeln. Deshalb versucht die titelgebende Krankenschwester nicht nur körperliche Verletzungen zu mildern, sondern auch in fremde Leben einzugreifen. Sie mischt sich ein, und zwar bewusst, obwohl sie selber nicht die glücklichste Frau ist.

Seite aus Essex County 3Anne Quenneville ist die ambulante Krankenschwester von Essex County und durch ihre Tätigkeit weiß sie viel von der Geschichte der Bewohner. Sie pflegt den alten Lou Lebeuf, den wir aus dem zweiten Band kennen. Er ist der Onkel von Jimmy Lebeuf aus Band 1, und Anne versucht, Neffe und Onkel wieder einander näher zu bringen. Doch der Tod von Lou wirft nicht nur sie aus der Bahn. Vielmehr sieht Anne diese verpasste Chance als Aufforderung, eine geheim gehaltene Familienkonstellation zu offenbaren. Parallel dazu wird ein Blick zurück auf die Vergangenheit geworfen und die Familienverflechtungen damit verdeutlicht.

Der Abschlussband der Trilogie fungiert gleich in mehrfacher Hinsicht als verbindendes Element. Er verknüpft alle inhaltlichen Fäden, obwohl die ersten beiden Teile auch separat zu lesen sind. Lemire führt die Figuren und die zeitlichen Ebenen aus Geschichten vom Land und Geistergeschichten zusammen. Ein zentrales Element dafür ist die Krähe: Sie bietet einen auktorial umfassenden Blick, da sie von oben her die Figuren beobachtet. Dabei ist sie nicht allwissend, sondern schließt ihre Folgerungen aus Handlungen und Körperhaltungen der Figuren und nimmt somit in gewisser Weise die Rolle des Lesers ein. Und sie verbindet auch die Zeitebenen: In der Vergangenheit rettet eine Krähe mehrere Menschenleben und dient am Ende der Geschichte, deren Ausgang Lemire offen lässt, auch als Zeichen der Hoffnung.

Auch einzelne Panels bilden eine Verknüpfung zu den Vorgängern. Etwa wenn das Bettlaken eines Jungen exakt so im Wind flattert wie das Cape von Lester im ersten Band oder wenn die Nonne in der Rückblende exakt dieselbe Mimik und Traurigkeit trägt wie die Krankenschwester. So fügt sich die Trilogie zu einem sehr harmonischen Ganzen mit einer wahren Einheit von Zeit, Raum und Dramaturgie, was man so nur noch selten findet. Dabei wirkt alles leicht hingeworfen, unangestrengt und flüchtig, obwohl wirklich jedes Bild genau durchdacht ist. Insgesamt eine hervorragend konzipierte und umgesetzte Serie, die einfach bezaubernd ist.

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Würdiger Abschlussband einer hervorragend konzipierten und umgesetzten Reihe eines neuen Meisters seines Fachs

 

Essex County 3 – Die Krankenschwester
Edition 52, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Jeff Lemire
Übersetzung: Thomas Schützinger
112 Seiten, schwarzweiß, Softcover
ISBN: 978-3-935229-91-3
Preis: 13,- Euro
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Edition 52