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Sleeper 1: Das Schaf im Wolfspelz

 Nach dem recht gelungenen Einzelband Point Blank liegt mittlerweile auch der erste deutschsprachige Sammelband der Wildstorm-Serie Sleeper vor, eine Reihe, die bestimmte Personen aus Point Blank tangiert und auf Geschehnisse daraus aufbaut, respektive fortführt. Trotzdem lässt sich Sleeper auch ohne Mühe losgelöst von seiner „Prolog-Story“  genießen.

In „Das Schaf im Wolfspelz“ beginnt die  Geschichte von Holden Carver, einem Doppelagenten der innerhalb des Verbrechersyndikats von Tao, einem genialen Schurken mit Superkräften, operiert. Als einer der besten Männer Taos gewinnt er schnell das Vertrauen seines Chefs, doch der geheime Auftrag, die Unterminierung und somit Zerschlagung der kriminellen Organisation, zieht Carver zunehmend selbst ins moralische Zwielicht, zumal sein Auftraggeber und einziger Kontaktmann John Lynch im Koma liegt (siehe Point Blank). Die Grenze zwischen Gut und Böse scheint für Carver allmählich zu verwischen, er wird zu einem Agenten, der ohne Orientierung zu tief in seine Rolle verfällt, als das er einfach aussteigen könnte.

 Ed Brubaker begibt sich mit Sleeper auf ein ihm wohl vertrautes Terrain, denn bereits andere Werke wie Gotham Central für DC oder Criminal für Marvel/Icon zeugten von seinem guten Händchen für griffige und packend erzählte Kriminalgeschichten. Sleeper stellt bereits im ersten Sammelband einen Höhepunkt im Schaffen des Autors dar, denn mit der unverbrauchten, facettenreichen Figur des Holden Carver lässt es sich gut bewegen im Wildstorm-Universum, in dem allerhand Superwesen ihre Daseinsberechtigung haben. Brubaker verleugnet diesen Hintergrund, also die Präsenz von Superhelden (und –schurken) nicht, auch Carver und Tao besitzen übernatürliche Kräfte, trotzdem ist dieser Aspekt innerhalb der Handlung nicht bestimmend. Vielmehr verfolgt man als Leser direkt den Identitätsverlust eines strauchelnden und verzweifelnden Agenten, der zu weit ins verbrecherische Milieu gerät, ohne sich allein befreien zu können. Erzählt ist das großartig, denn solch packende Texte und verschachtelte Charakterisierungen sind Brubaker vielleicht nie so gut gelungen wie hier.

 Passend zur Thematik sind Sean Phillips' Zeichnungen in  dunklere Farben getaucht, die leichten Schattierungen sowie die teilweise gemixte Panelaufteilung aus breitflächigeren Hintergrund-  und akzentuierten Kleinbildern lassen zusätzliches Noir-Feeling aufkommen.

Sleeper ist eine Story um Agenten, Ganoven und Superwesen; und bereits nach einem Band  ist sie hervorragend.

 


Sleeper 1: Das Schaf im Wolfspelz
Cross Cult, August 2008
Text: Ed Brubaker
Zeichnungen: Sean Phillips
A5; Hardcover; 144 Seiten
; 19,80 Euro
ISBN: 978-3-936480-71-9

wunderbarer Serienstart

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Bildquelle: cross-cult.de

Das Leben ist kein Ponyhof 3 – Dinge, die ich bereue

 Wer das Comicgate-Magazin 3 sein eigen nennt, der kennt diese hübsche Geschichte schon über Elenas größten Fehler … Wer nicht, der sei gespannt!

Jeden Donnerstag/Freitag werden zwei weitere Seiten hochgeladen. Insgesamt hat die Folge acht Seiten.

Update 01.11: Seiten 7 und 8: Die Folge ist nun vollständig online.

Eine Übersicht der Folgen sowie die Vorstellung der Hauptfiguren haben wir hier gesammelt.

She !s me – Act 1

 Here's how it all started …

The very first pages, i.e. chapter one, of „Oh nein! Ich bin ein Mädchen!“ have been translated into English and are now available.
Every few days from now on, a remaining chapter of the first act will be uploaded.

Please click here to start reading.

Updates of this first act will be announced exactly here, so check this site out.

Update 03.11.08: Seventh (final) chapter of the first act is online.

10.11.08: Sorry, we need some time for the translation of the next chapters, additionally the artist needs time to concentrate on the story itself. So no update this week, maybe also not the next weeks.

For some information about the comic and the artist, click here.

DC Premium 56: Green Arrow & Black Canary

 Oliver Queen und Dinah Lance, der grün gewandete Bogenschütze mit der linksliberalen Attitüde und die Netzstrumpf tragende Nahkampfexpertin mit dem Sonarschrei, gehören zu den langlebigsten Paarungen im Superheldengenre. Aber wir reden hier nicht von einer braven Bindung a la Reed und Susan Richards. Black Canary und Green Arrow sind eher Liz Taylor und Richard Burton des Superheldencomics mit ihrer ziemlich wilden, unstetigen Beziehungskiste inklusive zahlreicher Affären, Tod und Wiedererweckung eines Partners und wiederholter Trennung. Ob die Ehe da die beste Idee ist, bezweifelt dementsprechend nicht nur der Leser, sondern auch Black Canary selbst, nachdem sie von ihrem zielsicheren Verehrer mit einem Heiratsantrag überrascht wurde.

In den ersten vier Stories des vorliegenden Bands, der gesammelten Black Canary-Miniserie, obliegt es daher Autor Tony Bedard, diese Zweifel zu zerstreuen. Bedard und Zeichner Paulo Siqueira haben dazu eine Geschichte zusammengebastelt, in der Dinah sich nicht nur mit ihren Gefühlen, sondern auch der Mord-Liga und Green Arrows Erzfeind Merlyn rumschlagen muss, die es auf ihre Pflegetochter, die herzige Jung-Assassine Sin abgesehen haben. Keine außergewöhnliche Comickost, aber ein unterhaltsames und flott erzähltes Actiondrama, mit treffenden Charakterisierungen von Canary, Arrow und seinem Sidekick Speedy. Paulo Siqueiras gefälliger Stil erinnert dabei zuweilen stark an Terry Dodson. Was der Künstler zeichnerisch drauf hat, zeigt sich besonders, wenn man zwischendurch mit ein paar Seiten von Aushilfszeichner Tom Derenick konfrontiert wird, die im direkten Vergleich zu Siqueiras Arbeit recht statisch und altbacken daherkommen. Positiv fällt außerdem Bedards Bemühen auf, die Geschichte und Figuren auch für Leser zugänglich zu machen, die nichts oder kaum etwas über Green Arrow und Black Canary wissen.

Über die folgende Geschichte von J. Torres und dem Zeichnerteam Lee Ferguson und Karl Story gibt es leider nicht viel Positives zu notieren. Die Idee, einen Black Canary Wedding Planner-Comic über die Hochzeitsvorbereitungen zu veröffentlichen, ist ja noch leidlich originell, wenn auch die Frage bleibt, an welche Leser sich so ein Heft überhaupt richten soll. In den Händen des richtigen Kreativteams hätte die Sache wohl noch ganz witzig werden können, aber die gezwungen wirkenden Dialoge und unterdurchschnittlichen Zeichnungen schreien einem hier geradezu „völlig überflüssig!“ entgegen.

Das Finale des Comicalbums, das Wedding Special aus der Feder vom langjährigen Green Arrow-Serienautor Judd Winick und der Zeichnerin Amanda Conner, kann diesen Rohrkrepierer aber wieder einigermaßen ausbügeln. Winick hat sich für eine augenzwinkernd-humorvolle Erzählvariante entschieden und die glückt ihm auch größtenteils, was nicht zuletzt Amanda Conners Talent für witzige Gesichtsausdrücke und leicht cartoonige Actionszenen zu verdanken ist. Die Diskussion über Sex-Enthaltsamkeit bis zur Hochzeitsnacht, die vielfältigen Reaktionen der Heldenkollegen auf die Hochzeitseinladung und der Junggesellinnenabschied im Superhelden-Stripclub machen Spaß, nicht mehr und nicht weniger. Und das ist im Zeitalter all der hochdramatischen tränen- und opferreichen Epen wie Infinite Crisis eine mehr als willkommene Abwechslung. Dass die Hochzeitszeremonie in einer gigantischen Prügelei zwischen den versammelten Helden und einem Bataillon Schurken unter der Führung von Killerpapst Deathstroke gipfelt, dürfte für Leser von Superheldencomics keine große Überraschung sein. Das krasse Ende der Geschichte aber kommt dafür völlig unerwartet daher und erwischt den durch die lockere Erzählweise in Sicherheit eingelullten Leser eiskalt – ohne Chance für „Ich hab’s kommen sehen“-Besserwissertum. Als Kaufargument für den ersten Band der neuen Green Arrow & Black Canary-Serie von Judd Winick und Cliff Chiang, der Ende Oktober in Deutschland erscheint, ist dieses Schockerende auf perfide Weise unschlagbar.

Freunde des Heldenpaars, langjährige DC-Leser und Fans von großen Superheldenversammlungen kommen an diesem Sammelband, wahlweise als Soft- oder Hardcover erhältlich, schwerlich vorbei und werden größtenteils gut unterhalten. Für Leute, die nicht in eine dieser Kategorien gehören, ist das Ganze aber eher uninteressant.

DC Premium 56: Green Arrow & Black Canary
Panini, Juli 2008
Text: Tony Bedard, Judd Winick, J. Torres
Zeichnungen: Paulo Siqueira, Amanda Conner u.a.
164 Seiten, Softcover: 16,95 Euro; Hardcover: 25,- Euro
Überwiegend gelungene Superheldenkost für DC-Fans.

Softcover:
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Hardcover:
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Coverabbildung © paninicomics.de

Batman – Konstruktion eines Helden

 Während die Produktion von wissenschaftlichen Büchern über Comics in Amerika floriert, existiert auf dem deutschen Markt nur sehr wenig Literatur über die neunte Kunst. Verleger Christian A. Bachmann möchte das mit seinem gleichnamigen Verlag ändern und hat sich dazu mit Batman und dem Wissenschaftler Lars Banhold für ein recht dynamisches Duo entschieden, das pünktlich zum zweiten Batman-Film von Christopher Nolan bereits in die zweite Auflage geht. Der Band ist kein bloßer historischer Abriss über den Comic-Superhelden Batman, sondern vielmehr eine interessant zu lesende, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Konstruktion eines Helden.

Der dunkle Ritter – ein mysteriöser Name und ein nachtschwarzes Kostüm stehen im Mittelpunkt von Christopher Nolans zweitem Batman-Film The Dark Knight, in dem er den Comicheld dekonstruiert und nur das Grundkonzept, die eigentliche Idee hinter Batman, stehen lässt. Für das Vorhaben entfernt Nolan alle störenden Kleinigkeiten, um die Essenz von Batman auf der Leinwand einzufangen: Kein Robin, keine Jahrzehnte überdauernde Kontinuität, und auch das Quietschgelb des Batgürtels muss einem metallischen Schimmern weichen. Doch dabei sind es gerade diese Nuancen in der Konstruktion eines Helden, durch die sich das Bild von Batman in unserem kollektiven Gedächtnis für immer eingeschrieben hat.

Der Autor Lars Banhold hat sich die Aufgabe gesetzt, einen Sekundärband über den Dunklen Ritter zu schreiben, der die Entstehung der Figur von seinen Anfängen bis heute nachzeichnet und dabei auf eben diese Kleinigkeiten schaut. Ein sehr ambitioniertes Vorhaben, das durch den Verleger Christian A. Bachmann gestützt wird. Nachdem die erste relativ kleine Auflage bereits vergriffen ist, hat sich der Verleger dazu entschieden, eine zweite Auflage zu produzieren und durch eine Besprechung von Nolans Film zu erweitern.

Im Vorwort des kleinen, gelben Werks weist der Verleger auf die Tradition der Farbe Gelb hin, die vom ersten amerikanischen Comic, dem Yellow Kid, förmlich durch alle Comics bis hin zum Batgürtel sickert. Während eine solche Analogie noch etwas gekünstelt wirkt, liest man sich in Banholds Stil sehr schnell ein. Oft wurde der Comic-Wissenschaft vorgeworfen, entweder zu theorielastig oder zu populärwissenschaftlich zu sein. Banhold beginnt seinen Spagat ganz unbeirrt, indem er zunächst die literarischen Vorväter von Batman vorstellt: Neben bekannten Figuren wie Alexandre Dumas‘ Grafen von Monte Christo und Siegel und Schusters Superman gesellen sich eher unbekannte Figuren wie Walter B. Gibsons The Shadow oder auch der französische Freiheitskämpfer The Scarlet Pimpernel von der Baroness Orczy hinzu.

Banhold extrahiert fachmännisch die einzelnen Eigenschaften der literarischen Figuren und legt sie wie Schablonen über den dunklen Ritter. So zeigt er, wie die Autoren von Batman die verschiedenen Schablonen kombinieren und aus ihm einen runden Charakter machen. Neben der Figur des Batman und des Playboys Bruce Wayne stellt Banhold aber noch eine dritte Identität vor, die zwischen Batcave und Cocktailparty konstruiert wird. Erst durch Charaktere wie Alfred und Robin wird beim Leser das Bewusstsein geweckt, dass auch die „Bruce Wayne“-Persona eine Maske ist, die es zu entschlüsseln gilt.

Banhold beschreibt den Weg zur Geburt von Batman als einen kreativen Akt, den er immer wieder durch Querverweise geschickt erläutert. Einen weitaus größeren Teil des Buches nimmt die rein chronologische Zusammenfassung der Geschichte des Fledermausmannes ein: So folgen nach Batmans ersten Schritten in Detective Comics Nr. 27 von William „Bill“ Finger und Robert „Bob“ Kane seine Weiterentwicklung im Silver Age und modernere Inkarnationen des Superhelden wie in Frank Millers Batman – The Dark Knight Returns. Banhold bemüht sich dabei unaufhörlich, seine Historie nicht wie eine reine Wikipedia-Version in Buchformat aussehen zu lassen und ergänzt deshalb den Zeitstrahl durch historische Ereignisse, wie z.B. die civil rights movements von Afroamerikanern und Homosexuellen in den Sechziger Jahren, um mögliche Interpretation durch neue Subtexte zu erweitern.

In dem Kapitel „On Screen“ fügt der Autor einen weiteren Zeitstrahl hinzu: Batman auf der Leinwand. Während Tim Burtons und Christopher Nolans Ausflüge ins DC-Universum relativ bekannt sind, wird an dieser Stelle die Figur Batman noch vor solchen Blockbustern gezeigt. Etwas zu kurz geraten sind die sehr amüsant und informativ gestalteten Passagen über die frühen Kino-Serials und über die Auftritte Adam Wests im Fledermauskostüm. In seiner Beschreibung geht Banhold über eine simple Auflistung von onomatopoetischen Begriffen wie „Zack“ und „Pow“ hinaus, verweist auf die Bezüge zu den aktuellen Filmen dieser Zeit (wie Surferfilmen in der Episode Surf’s up, the Joker’s under) und stellt das offene Spiel mit der Homoerotik durch einem Gastauftritt von „Liberace als Bösewicht Chandell“ offen zur Diskussion. Die Erweiterung der zweiten Auflage durch das Kapitel The Dark Knight zu Nolans gleichnamigem Film geht dabei leider nicht über die Besprechungen im Feuilleton hinaus. Sie schließt mit der sehr durchsichtigen Erkenntnis: „Batman ist kein Held“.

Banholds Talent liegt nicht unbedingt in der chronologisch korrekten Wiedergabe, sondern in der Verwebung von populärer Geschichte und wissenschaftlichen Thesen. So gesellen sich zu Batman, Robin und dem Joker in Batman – Konstruktion eines Helden schon bald andere alte Bekannte wie Scott McCloud. An seine Seite stellt Banhold Roland Barthes (Das Reich der Zeichen) und Stephan Packard (Anatomie des Comics), deren Zeichensysteme in Verbindung mit McClouds Understanding Comics eine einleuchtende Theorie ergeben; Wie die Maske von Batman zum Identifikationsmodell für die breite Leserschaft wird, erläutert Banhold anhand des offenen und des geschlossenen Cartoons: Während ein „geschlossener Cartoon“ „die Identifikation durch ein stärkeres ikonisches Element [Batmans Maske] erschwert“, ermöglicht die Figur Bruce Wayne als unbestimmter „offener Cartoon“ den Lesern die Identifikation. Mit der Veränderung von Batmans Kostüm und durch die Ergänzung von weiteren Nebencharakteren verändert sich die Identifikationsmöglichkeit des Superhelden über die Jahre.

Lars Banhold hat mit der zweiten Auflage von Batman – Konstruktion eines Helden dem Original zwar nicht viel hinzuzufügen, präsentiert aber einen sowohl wissenschaftlich fundierten als auch sehr gut lesbaren Text. Der kleine, gelbe Band steht stellvertretend für eine Nische, die der Christian A. Bachmann Verlag für sich erschlossen hat und demnächst durch die Nachfolgetitel Ingenieur der Träume – Medienreflexe bei Marc-Antoine Mathieu und Bibliographie der Comicforschung erweitern wird. Man darf auf jeden Fall gespannt sein, was Verleger Bachmann noch für Gimmicks aus seinem gelben Verlagsgürtel holen wird.

Batman – Konstruktion eines Helden
Christian A. Bachmann Verlag, 2. Auflage, August 2008
Text: Lars Banhold
98 Seiten, Softcover; 10,90 Euro
ISBN: 978-3-941030-02-2

 

Wissenschaftlich und dennoch sehr interessant!

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Martin Luther King

Cover Martin Luther KingWer Martin Luther King begegnen möchte, muss zu einer Zeitreise antreten. Nur wer in das historische Ringen um Veränderungen in die Süd- und Nordstaaten der USA eintaucht, kann ermessen, welche Rolle MLK darin gefunden hat. Die Graphic Novel Martin Luther King von Ho Che Anderson ermöglicht seinen Lesern diese Zeitreise in die 60er-Jahre – als Afroamerikaner noch festgenommen wurden, wenn sie es wagten, sich im Bus vorne hinzusetzen, als sie im Süden systematisch aus Wählerlisten gestrichen wurden; eine Zeit als „Negros“ noch verprügelt wurden, wenn sie zur Wahl gingen, und als Bürgerrechtler durch das Land reisten, damit sich dunkelhäutige US-Bürger in die Wählerlisten eintrügen, und damit ihr Leben riskierten und nicht selten verloren: Rassentrennung, Rassengesetze und tiefwurzelnder Rassismus, mal als Fürsorge getarnt, mal brutal und gewalttätig durchgesetzt, durch offizielle Gesetze oder stillschweigende Übereinkommen gedeckt. Auf der anderen Seite: Bürgerrechtsbewegungen in großer Zahl, Schwarze und Weiße im Kampf um Menschenrechte vereint, das Ringen um soziale Gerechtigkeit, um effektiven Widerstand und immer wieder um die große Frage, ob jetzt Gewalt gerechtfertigt sei als letztes Mittel, als Frucht enttäuschter Geduld. Und mitten in diesem Strudel gesellschaftlicher Ereignisse: der schwarze Reverend als Bürgerrechtler und Prediger mit einer religiösen und politischen Botschaft.

Seite aus dem Comic Martin Luther KingEine große Stärke der Graphic Novel von Anderson liegt darin, dass sie den Leser in diese Zeitreise hineinträgt und Martin Luther King in seiner historischen zeit zeigt. Die Brutalität militanter, rassistischer Gruppen wird durch wenige Andeutungen in ihrer Dramatik vermittelt, die Ermordung von MLK und Präsident John F. Kennedy in künstlerisch ausgereiftem Wechsel der Erzählform dargeboten. Zahlreiche „Einspielungen“ der Gegner Kings profilieren den „Unruhestifter“ Martin Luther King in seinem Kampf, soziale Gerechtigkeit und Bürgerrechte gewaltfrei, aber wirkungsvoll durch intelligente Proteste Schritt um Schritt durchzusetzen. Dafür arbeitet Anderson virtuos eine ganze Reihe von Darstellungsformen ein: die stilgenaue Einbindung von verfremdeten Fotos, die den Leser immer wieder daran erinnern, dass die Personen und Ereignisse real sind; die raffinierte Art, Musik und Soundeffekte grafisch „hörbar“ zu machen; wortlastige Zeugenaussagen mit identischen Portraits in Schwarz-weiß, um den Blick auf Reverend King durch die Augen seiner Feinde und Kritiker einzubinden; bunte großflächige Gemälde, um die emotionalsten Momente mit stummem Schrecken zu erfassen.

Der abrupte Schluss, der wohl dem Charakter der Biografie geschuldet sein mag, hinterließ bei mir ein unbefriedigendes Gefühl, nachdem die ganze Erzählung immer mehr transportierte als nur die Lebensgeschichte eines herausragenden Mannes seiner Zeit. Die packende Lektüre macht den Leser wissbegierig und da wäre ein Glossar mit Zeittafel ein willkommener Service am Ende des Buches gewesen. Leider fehlt beides. Ein Wermutstropfen in einem wunderbaren Leseereignis!

Seite aus dem Comic Martin Luther KingHo Che Anderson beendete seine Arbeit an diesem Comic 2002, nach insgesamt zehn Jahren an den im Original drei Bänden. Er kannte keinen schwarzen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. In Martin Luther King verdammt Bull Connor noch die damals geforderte Integration von Weißen und Schwarzen und prophezeit: „Scheiße, demnächst wollen sie noch einen Nigger-Bürgermeister.“ Diese „düstere“ Prophezeiung ist durch Barack Obama übererfüllt und steht für weite Teile des Landes für die Hoffnung auf „Change“. Wer sich die 60er-Jahre als Teil der Geschichte der USA mit Hilfe von Ho Che Andersons Graphic Novel vor Augen führt, der versteht erst, welche Sensation die Nominierung des farbigen Senators aus Illinois im 40. Jahr nach der Ermordung von Martin Luther King darstellt und welcher Wandel sich seither vollzogen hat. Dieses Buch zu lesen – wann wäre ein besserer Zeitpunkt als jetzt?

Martin Luther King
Carlsen Comics, März 2008
Text und Zeichnungen: Ho Che Anderson
220 Seiten, s/w und Farbe, Hardcover; 29,90 Euro
ISBN: 978-3551779618

Mehr über Anderson, wie er zur Arbeit an MLK kam und seine Gedanken zum Erfolg der GN (englisch)

Ein Leseereignis!

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Martin Luther King © Fantagraphics und Ho Che Anderson, dt. Ausgabe 2008 Carlsen Comics

Der Dunkle Turm

 Über 30 Jahre lang hat Romanautor Stephen King an seinem Hauptwerk Der Dunkle Turm gearbeitet, das mit dem siebten vorgelegten Buch sein Ende fand. Es ist Kings wohl signifikantestes Werk, das auch für den Autor selbst von großer Bedeutung scheint. Den Schritt in den Bereich der Comics tritt Kings Schöpfung nicht mit einer Adaption der Romanstoffe, sondern mit einer Art Ergänzung zum Dunklen Turm an. Erzählt wird die Jugend des Revolvermannes Roland Deschain, der dem Mann in Schwarz zukünftig durch die Wüste folgen wird.

Früher als geplant muss Roland die Prüfung zum Revolvermann ablegen und sich mit seinen Freunden auf die Reise in die Baronie Majis begeben. Roland begegnet Susan Delgado und verliebt sich schließlich in sie, doch nicht nur diese Verwicklung erweist sich auf seiner Reise als weiterer Prüfstein, denn Gefahren lauern in der Welt des Dunklen Turms an allen Ecken.

 Die durch Superhelden-Comics bekannten Peter David (u.a. Hulk) und Jae Lee (u.a. The Sentry) bilden das Kreativduo für die erste von mehreren geplanten Miniserien um den Dunklen Turm, die bei Marvel erscheinen sollen. Die im ersten Sammelband enthaltene, siebenteilige Reihe „Gunslinger Born“ führt den Leser tief in eine atmosphärisch dichte und eigentümliche Welt, die sich King-Leser bislang nur in ihren Köpfen ausmalen durften. Kurz umrissen lässt sich Der Dunkle Turm, im Gegensatz zu vielen anderen Vorlagen Stephen Kings, als sehr realitätsfremd beschreiben. Es ist eine Realität, die Wildwest mit düsterer Fantasy verbindet, in der Revolvermänner gegen furchteinflößende Monster antreten, in der eben aber auch gruselige Schauer generiert werden, wie man sie von Kings Werken kennt.

Grafisch setzt Jae Lee diese Finsternis sehr stimmig um, ist er ohnehin ja ein Künstler, der stark auf großflächige Schattierungen setzt, dessen gezeichnete Personen oftmals in Dunkelheit zu versinken scheinen. Einzig die Kolorierung von Richard Isanove lässt mir den Spaß an Lees prächtigen Bildern etwas verleiden. Es mag aus meiner subjektiver Wahrnehmung resultieren, aber gerade bei den diffizilen Bleistiftzeichnungen von Jae Lee erzeugt die allzu deutlich erkennbare digitale Nachbearbeitung ein zu glattes und rundes Gesamtbild – im Anhang des Comics kann man übrigens einige von Lees Covern im Rohzustand direkt mit den kolorierten vergleichen.

 Inhaltlich liest sich Der Dunkle Turm als Comic sehr flüssig, weil auch schlicht deutlich wird, dass man zwei renommierte US-Künstler ans Ruder ließ. Dass nicht einfach die vorhandenen Romane adaptiert werden, sondern stattdessen großer Wert auf eine direkte Anknüpfung mit der von King über Jahrzehnte aufgebaute Kontinuität gelegt wird, kommt der Story zusätzlich zugute. Der Zyklus um den Dunklen Turm wird erweitert und, laut begeisterten Fans, klug in die bestehende Welt eingebaut, somit entstand ein eigenständiger Comic auf der einen, ein Schmankerl für Fans auf der anderen Seite.

Die wichtigste Frage resultiert aber sicherlich aus der Tatsache heraus, dass dem Comicband sieben Bücher und rund 30 Jahre Geschichte vorausgehen.  Wie reizvoll ist der Comic also für Leser, die zum ersten Mal mit dem Kosmos des Dunklen Turms konfrontiert werden? Nun, sicherlich kann man den Comic ohne Vorwissen lesen und seinen Spaß daran haben. Aber, und das ist im Fazit mit Sicherheit als größtes Manko zu bewerten, die mitunter komplexe Handlung macht es für Neueinsteiger schwierig, sich zurecht zu finden. Ich selbst kenne keinen der Romane und war sehr schnell sehr frustriert, da man von Beginn an das Gefühl hat, die größeren Zusammenhänge verpasst zu haben. Es ist wie bei vielen nachträglich produzierten Prequels, auch im Filmbereich: Zwar werden die Anfänge erzählt; aber ohne die anderen Teile zu kennen, macht's nur halb so viel Spaß.

Trotzdem besitzt der Comic genug Eigenständigkeit, um auch als gelungener Einzelband verstanden zu werden; am meisten Freude werden aber sicherlich die hartgesottenen King-Leser und Fans des Dunklen Turms haben. Freude macht in jedem Fall das gut ausgestattete deutsche Paperback von Heyne, das ein Poster mitliefert und als Anhang u.a. eine Palette der Cover und zahlreichen Variantcover (immerhin von Künstlern,wie John Romita jr., Billy Tan, J.Scott Campbell u.v.m.) enthält.

Anmerkung: Im Februar 2009 erscheint beim Splitter Verlag eine edle Sammlerausgabe von Der Dunkle Turm im großen Albenformat.

 

Der Dunkle Turm: Graphic Novel
Heyne; Juli 2008
Text: Robin Furth, Peter David
Zeichnungen: Jae Lee, Richard Isanove
240 Seiten; Softcover; farbig; 19,95€
ISBN: 3453265785

guter Comic, der aber ohne Vorwissen zu komplex ist

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Der Dunkle Turm © Stephen King, Marvel Comics, dt. Ausgabe Heyne

 


Juan Solo 1 & 2

Cover Juan Solo 1 Juan Solo ist ein vom Leben geschundener Mann, der nach eigener Aussage so heißt, wie er ist. Solo eben. Selbst am Ende seines Lebensweges, welches man zu Beginn bereits ohne Hintergrundwissen vorgesetzt bekommt, am Kreuze hängend, einsam in der Wüste zurückgelassen, meint er zurückblickend, schon immer allein gewesen zu sein.

Die Geschichte des Juan Solo beginnt in Huatalco City, irgendwo in Südamerika, wo er von seinen Eltern, wahrscheinlich aufgrund seiner anatomischen Besonderheit (er hat einen Hundeschwanz), auf einer Müllkippe ausgesetzt wird. Aufgezogen von einem zwergwüchsigen Transvestiten gelingt ihm eine beachtliche kriminelle Karriere, vom talentierten Killer zum Leibwächter eines korrupten Ministers. Juan Solo ist ein Mann mit Prinzipien, der sich zur Elite der illustren Garde des machtvollen Politikers hocharbeitet, eine Position in die er als Mann mit Schwanz hineingeboren zu sein scheint. Nicht nur, dass sich seine Kollegenschaft aus ziemlichen Freaks zusammensetzt, auch der Umstand, die Frau seines Bosses regelmäßig befriedigen zu dürfen, lässt eine schnelle Eingewöhnung zu.

Seite aus Juan Solo 1 Der schnelle und äußerst tiefe Absturz folgt, als Juan Solo mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und eine  gänzlich absurde Familienbande zufällig ans Tageslicht befördert wird. Vertrieben aufgrund seiner Taten und verfolgt vom rachsüchtigen Bruder landet er in Armut und Depression. Im Kampf ums Überleben ist vom einstig selbstbewussten Killer nicht mehr viel übrig. Wenig später wird er ohne sein Zutun in die Rolle eines Heiligen gedrängt wird und sieht schließlich seine Chance auf Vergebung für ein einsames Leben voller Sünde.

Juan Solo ist eine ursprünglich vierbändige Albenreihe, die von Splitter in zwei dicken Doppelbänden komplett veröffentlicht wurde. Und nach dem Lesen mus ich sagen, dass ich recht zwiegespalten bin, wie das Werk von Alexandro Jodorowsky (u.a. Meta-Barone, John Difool) und Georges Bess nun einzuschätzen ist. Zum einen ist es absolut erstaunlich, wie komprimiert die Geschichte geraten ist: Gerade noch war man Zeuge der frühesten Kindheit, am Ende des zweiten Bandes wurden im Verlauf nicht nur zig Menschen getötet und Frauen gevögelt, nein, auch Juan Solos Aufstieg und Niedergang ist bereits komplett vonstatten gegangen und die Story kulminiert schlussendlich in der Dokumentation seines recht erbärmlichen Todeskampfes. Seite aus Juan Solo 1Das ist Jodorowskys großer Verdienst, dass er eine eigentlich unvorstellbare Schicksalsgeschichte so schnell extremen Höhen und Tiefen auszusetzen vermag, dass im Grunde das ohnehin absurde Dasein des Protagonisten durch das Erlebte zusätzlich pervertiert wird. Die Figur des Juan Solo ist deshalb gut gelungen, weil sie mit ihrem grotesken Äußeren jene Hässlichkeit repräsentiert, die sie durch ihre Brutalität und Gewissenlosigkeit nach außen hin verkörpert. So ist sie für den Leser je nach Situation abstoßend oder mitleidserregend, in jedem Fall aber faszinierend. Am Ende sollte man in ihr dann vermutlich eine Art Antihelden sehen.

Gegen diese Faszination könnte man aber durchaus argumentieren, dass innerhalb des Plots plausible Motive zu vermissen sind, bzw. werden diese für meine Begriffe zu stark auf Kosten der sehr rasch ablaufenden Erzählung vernachlässigt. Warum erfährt Juan Solo eine so rasche Charakterwende, so dass er sogar seinen Körper für Geld zur Verfügung stellt? Für mich ist das einer unter mehren Punkten, die mich an den Beweggründen und der Persönlichkeit der Figur zweifeln ließen.

Seite aus Juan Solo 1 Allerdings gelingt es Jodorowsky trotz aus meiner Sicht kleinen Logikschwächen erstaunlicherweise gut, den Brückenschlag zum Anfangsgeschehen zu schaffen. Somit ist die Handlung rund und in sich schlüssig. Die Story beginnt und endet beim einsamen Mann in der Wüste, der die Wandlung zum Heiligen vollzogen hat. Rückblickend ist dieses Leitmotiv sicherlich ungewöhnlich und gut umgesetzt worden.

Juan Solo wartet mit allerlei schrägen Ideen auf, die regelmäßig ins Absurde abdriften und liefert ein lateinamerikanisches Gangsterdrama, das nicht mit Gewalt und offen praktiziertem Sex als stilsetzende Mittel geizt. Atmosphärische Dichte entsteht durch Bess‘ dreckigen Zeichenstil, der durch gediegene Farben in seiner expliziten und radikalen Darstellungsform etwas abgefedert wird. Seine Bilder wirken stimmig zur Mexiko-affinen Thematik und zum Charme der dortigen rauen Gangart. Cover Juan Solo 2


Juan Solo
Splitter;  Juli/September 2008
Text: Alexandro Jodorowsky
Zeichnungen:
Georges Bess
Je 112 Seiten; farbig; Hardcover; 22,80 Euro
Band 1: ISBN: 978-3-940864-14-7
Band 2: ISBN: 978-3-940864-16-1

Band 1: Sohn einer Hündin
ISBN: 978-3-940864-14-7
Leseprobe

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Band 2: Heiliger Schweinehund
ISBN: 978-3-940864-16-1
Leseprobe 

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Ungewöhnliches Leseerlebnis

 

Bildquelle: splitter-verlag.de