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WildC.A.T.S 2: Bandenkrieg

 Wer Comics liest, kennt Alan Moore. Der Großmeister mit dem Vollbart und dem lilafarbenen Zylinder verfasste Meilensteine der Comic-Literatur wie z. B. From Hell, Watchmen oder Lost Girls. Zwischendurch hat er auch im WildStorm-Universum mitgemischt. Bei Panini erschienen in diesem Jahr zwei Bände, die schon etwas älter sind und auf das Konto der britischen Comic-Legende gehen.

Kern des Interesses sind dabei die WildC.A.T.S, ein Superhelden-Team, ganz ähnliche wie die JLA oder vergleichbare Vereine: Eine Gruppe von Übermenschen, ausgezogen um das Böse zu bekämpfen. So weit, so lächerlich. Aber schauen wir uns die Story vorerst etwas genauer an.

Zunächst gibt es nicht ein WildC.A.T.S-Team, sondern gleich zwei, nämlich das neue und das alte. Die alten WildC.A.T.S befinden sich auf der Reise zu ihrem Heimatplaneten Khera, bloß um dort enttäuscht festzustellen, dass der ewige Krieg mit den Erzfeinden, den Daemoniten, längst beendet ist. Die neuen WildC.A.T.S halten die alten WildC.A.T.S für tot oder abgereist, jedenfalls weg, und wollen sich neu formieren, was gar nicht so einfach ist, da integre Superhelden schwer zu finden sind. So rangieren die meisten Mitglieder des neuen Teams meistens irgendwo zwischen Ganove und Gelegenheitsheld, immer mit der Frage im Hinterkopf: »…und was springt für mich dabei raus?«. Zwischen den Zeilen klingt an, dass eigentlich niemand die WildC.A.T.S braucht und die Menschheit auch gut auf sie verzichten könnte. (Zur CG-Rezension von WildC.A.T.S 1)

Zu Beginn des zweiten Bandes sind die alten WildC.A.T.S wieder auf die Erde zurückgekehrt und müssen sich mit den neuen WildC.A.T.S arrangieren. Eigentlich roch alles nach einer Auflösung des Teams, doch anstatt aus dem Erlebten zu lernen und sich zurückzuziehen, wird einfach weitergemacht wie bisher. Die WildC.A.T.S sind Stressmacher im Heldenkostüm, die sonst nichts mit sich anzufangen wissen. Hin und wieder kommt einem der Heroen ein sehnsüchtiger Nebensatz über die Lippen, im Gedenken an die gute, alte Zeit, irgendwann in den sechziger Jahren, als Helden noch Helden und die Grenzen zwischen guten und bösen Jungs noch klar waren.

Der Rest ist ein ziemliches Gewusel mit unglaublich vielen Hochglanz-Charakteren, die den Großteil der Zeit damit beschäftigt sind, Raketen abzuwehren, Sturmfluten einzudämmen oder Kernschmelzen zu verhindern. Insgesamt viel viel Action, die damit endet, dass ein Missverständnis geklärt wird, das sich zum Auslöser für den Krieg entwickelt hatte. Was lernen wir daraus? Wenn man miteinander spricht, könnte man sich viele Prügeleien von Anfang an sparen.

Zum Schluss stellt sich heraus, dass der eigentliche Oberschurke in den eigenen Reihen sitzt und ein Meister der Intrige ist. In diesem Zusammenhang funktionieren die beiden WildC.A.T.S-Bände von Panini gut als Prequel zu Ed Brubakers Point Blank und Sleeper, die seit einiger Zeit bei Cross Cult zu haben sind. Denn der intrigante Verräter entkommt und baut ein weltweites Verbrechernetzwerk auf, das wiederum in den späteren Geschichten von Brubaker eine Rolle spielt. Außerdem ist Grifter überall dabei, es gibt also einen Charakter, den man durch alle Bände verfolgen kann.

Ganz so gut wie der erste WildC.A.T.S-Band ist Nummer 2 leider nicht. Alan Moores Seitenhiebe auf das Superhelden-Genre treten ein wenig in den Hintergrund. Es liest sich fast so, als hätte er beim Schreiben Zugeständnisse an die WildStorm-Redaktion machen und sein Interesse an der Dekonstruktion im Zaum halten müssen. Er hackt weniger als im ersten Band auf den Charakteren herum (obwohl er wahrscheinlich keinen besonders gut leiden kann), und auch schnippische Bemerkungen sind seltener. Stattdessen werden die Charaktere und der Meta-Plot des Wild-Storm-Universums vorangetrieben. Das wirkt manchmal wie eine Pflichtaufgabe, die irgendwie sein muss, aber nicht besonders unterhaltsam ist. Mitunter zeigt sich da Sympathie für die Charaktere, die sie eigentlich gar nicht verdienen.

WildC.A.T.S 2: „Bandenkrieg“ ist also ein bisschen inkonsequent, actionlastig, gelegentlich bissig, manchmal unübersichtlich und – das nebenbei bemerkt – sehr gut gezeichnet und koloriert. Wer Superhelden im Allgemeinen und die WildC.A.T.S im Besonderen mag, bekommt hier seine Action-Dröhnung weg. Wer Alan Moore mag, den großen Dekonstruktivisten, bekommt eher magere Kost geboten.

WildC.A.T.S 2: Bandenkrieg

Panini Juli 2008
Text: Alan Moore
Zeichnungen: Travis Charest u.a. in
Originalausgabe: WildC.A.T.S #28-34, 50 (DC WildStorm)
180 Seiten; Softcover; vierfarbig; 19,95 Euro

Superhelden-Story mit wenigen Höhen und einigen Tiefen

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Adeles ungewöhnliche Abenteuer 10: Das teuflische Labyrinth

 In Deutschland darf man sich auf einen neuen Ausschnitt aus Jacques Tardis wundersamen Erzählkosmos freuen, denn mit „Das teuflische Labyrinth“ erschien gerade der vorletzte Teil von Adeles ungewöhnlichen Abenteuern bei Edition Moderne. Wie bereits bei den vorangegangen Bänden (“Ende der Hoffnung“ oder auch „Alles Monster“) wurde der Titel des zehnten Albums wieder einmal sehr treffend gewählt, da sich die Geschichte selbst wie ein Irrgarten liest.

In der griechischen Antike lässt sich die ganze Geschichte recht einfach zusammenfassen; Im Labyrinth von Knossós treffen zwei ungleiche Figuren aufeinander: Der griechische Held Theseus und das Fabelwesen Minotaurus, halb Mensch, halb Stier. Mithilfe des orientierungsstiftendem Ariadnefadens, aus Liebe zum Helden von gleichnamiger kretischer Prinzessin gespendet, findet eben jener den Weg durch das Labyrinth und verlässt selbiges nach siegreichem Kampf mit dem Kopf des Minotaurus in der Hand.

Im Mikrokosmos des französischen Comic-Autors Jacques Tardi sieht Das teuflische Labyrinthallerdings ungleich komplizierter aus. Zunächst sei erklärt, dass die Protagonistin Adele Sec-Blanc vor mehr als 30 Jahren dieses Labyrinth, das sich in Paris befindet, zum ersten Mal betreten hat. Seither ist eine treue Leserschaft auf der Suche nach ihren Ariadnefäden. Obwohl die Orientierung auch im wirklichen Paris mit seinen kleinen Cafés und Kopfsteinpflasterstraßen nicht einfach ist, ist bei Tardi die Geschichte selbst der Irrgarten, den es zu meistern gilt. Im Gegensatz zu Theseus hat es der Prototyp der positiven Comicheldin, Adele, ungleich schwerer, da sie nicht einem Gegner gegenübersteht, sondern gleich einer Vielzahl von Widersachern trotzen muss.

Oftmals sind es aber gar nicht die Monster, angefangen vom Perotacylus bis hin zur Mumie, die der Heldin als Antagonisten gegenübergestellt werden. Es sind vielmehr menschliche Gegner. Auch wenn bereits einige dieser Gegenspieler in früheren Bänden das Zeitliche gesegnet haben, trifft Adele im zehnten Band immer noch auf ein halbes Dutzend dieser Zeitgenossen, die sie aus den verschiedensten Gründen umbringen wollen: Vom verrückten Fäulein Chevillard über die Entstellten Notar Moulinot und Professor Dieuleveult hin zum lispelnden Zahnarzt Dandelet und seinem fetten Komplizen Fluet. Während bei früheren Adele-Bänden  noch eine Handlung im Vordergrund stand, verlässt sich Tardi im vorletzten Band ganz auf seine Truppe, die er mühsam rekrutiert hat.

 Die Monster hingegen dienen wie auch in Das teuflische Labyrinth vielmehr als Motivation für die Heldin, sich der jeweiligen Angelegenheit anzunehmen. Da sie eigentlich Autorin für fantastische Geschichten ist, bietet sich die Recherche an, um an neues Material zu gelangen. Mit jedem weiteren Comic von Tardi scheint ihre Lust an der Gespensterjagd aber zu sinken. So interessiert es sie nicht sonderlich, dass der obligatorische Minotaurus im vorliegenden Band des Nachts durch Paris läuft und im Gegensatz zur griechischen Mythologie abgetrennte Hände statt abgetrennter Köpfe gefunden werden.

Neben den vielen Namen der Akteure und den verschiedensten Monstern sind es vor allem die Anspielungen auf vorangegangene Comicalben, die Tardis Geschichte wie ein Labyrinth wirken lassen. Fast auf jeder neuen Seite findet sich mindestens eine Fußnote am unteren Seitenrand, die den Leser verwirren, ihn von seinem eigentlichen Ziel abbringen sollen, den Ausgang des Labyrinths zu finden. Stattdessen versucht man bei der Lektüre unentwegt die losen Handlungsstränge wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen und in den richtigen Zusammenhang zu setzen. Das von Tardi konstruierte Labyrinth lässt dies aber nicht zu, da es in den entscheidenden Momenten immer wieder neue Öffnungen oder auch neue Sackgassen für den Leser bereithält.

Was den Comic wie auch seine Vorgänger zu so einer spannenden Lektüre macht, ist Tardis ungewöhnliche Fähigkeit, sein kleines Labyrinth hübsch zu dekorieren. Damit sind nicht nur die Zeichnungen als solche gemeint, mit denen Tardi geschickt das Leben in der französischen Metropole darstellt, sondern eben seine kleinen Anspielungen: So soll beispielsweise einem Säufer im Bistro eine Auszeichnung verliehen werden, da er nach Meinung der Figuren mit seinem Verhalten perfekt das französische savoir vivre einfängt. Es sind diese kleinen Spitzen, mit denen Tardi seinen Irrgarten ausstaffiert.

Tardis Zeichenstil ist dabei stets unverwechselbar.  So sind es gerade sowohl die Sprechblasen, deren Form das seuselige Französisch einfängt, als auch die Darstellung der Figuren selbst, deren simple Rundungen und Falten jederzeit in Mutationen ausbrechen können. Während die Figuren versuchen den Raum der Panels ganz in Beschlag zu nehmen, drängt sich der Hintergrund, das nächtliche Paris mit seinen Schornsteinen und Fassaden, immer mehr in den Mittelpunkt der Geschichte. So erzeugt Tardi nicht nur das Gefühl, wirklich über den Pont-Neuf zu spazieren, sondern führt seine Leser auch in jedes kleine Straßencafé und über die Dächer der Stadt.

Wenn man sich bereits sehr tief in Tardis Universum eingelesen hat, wundert man sich plötzlich, warum niemandem in der Geschichte mehr auffällt, dass Frau Blanc-Sec noch immer ihren hässlich-grünen Damenhut trägt. Doch wenn man eine solche Denke bei sich selbst entdeckt, weiß man, dass man bereits zu weit in das Labyrinth vorgedrungen ist. Man nimmt das Verhalten der Akteure auf einmal für bare Münze und ist verloren im Paris zwischen den Weltkriegen.

Treten Sie also ein in das Labyrinth des Herrn Tardi, aber beschweren Sie sich nachher nicht, wenn Sie nicht mehr herauskommen oder -wollen. Und verlieren Sie ihren Ariadnefaden nicht.

 

Adeles ungewöhnliche Abenteuer 10: Das teuflische Labyrinth
Edition Moderne, August 2008
Text und Zeichnungen: Jacques Tardi
Hardcover; 22×31; 48 Seiten
; farbig; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-03731-038-0
Leseprobe

“Papa, können wir nicht für immer in diesem Labyrinth bleiben?“

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Bildquelle: editionmoderne.ch

 

Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch

Comic Zur Lage der NationAn und für sich sind die Bayern ja oft ein Grund zur Freude, aber manchmal ärgert man sich auch über sie – letzte Woche in meiner neuen Stammkneipe in Idaho zum Beispiel. Bin ich den ganzen Weg hierher gekommen, um dann Anfang Oktober plötzlich mit lautstarker Blasmusik vom Fass beschallt und von Kellnern in Lederhosen belästigt zu werden, die mir zudem noch Bratwurst und Sauerkraut andrehen wollen? Doch eher nicht. Teil meines Marschgepäcks aus der Heimat war – pflichtbewusster Rezensent, der ich nun einmal bin – der neue Comic von Moritz Reischl, alias Mosbichler, und der ist leider auch so ein Fall.

In Zur Lage der Nation verballhornt Herr Reischl die Biografie des scheidenden US-Präsidenten, der, getreu dem Motto „Witzigkeit kennt keine Grenzen“, als Busch dargestellt wird. Wer sich jetzt die Äuglein reibt und sich ungläubig wundert, ob der auf den ersten Blick doch sehr platte Ansatz vielleicht bloss zum gewollt naiven Charme des Albums gehört, dem sei gesagt: Nein, der meint’s ernst, das Teil ist wirklich so schlecht. Auf sage und schreibe 48 Seiten, die sich grob am Leben des Republikaners von der Geburt bis zum Ende seiner Amtszeit orientieren, werden die Sache mit dem Busch und allerhand ähnlich geistreiche Kalauer totgetreten. Und dabei schafft es der Autor sogar, in dem ohnehin knöcheltief angelegten Niveau seines Unfugs noch schnorcheln zu gehen. Von der Tatsache, dass selbst gelungene Bush-Verunglimpfungen im Jahre 2008 nach Christus etwa so frisch anmuten wie der Teint von Franz Josef Strauß, reden wir erst gar nicht.

Okay, zugegeben, dass das immerhin schön produzierte Bändchen nicht so gut ankommt, mag auch ein Stück weit an mir selber liegen. Ich habe schliesslich keine Sonderschule besucht, kann schon seit Jahren mehr oder minder souverän mit Messer und Gabel essen und war auch nie Fan von Kalle Pohl. Ich bin also vielleicht einfach nicht Teil der Zielgruppe, die Herr Reischl anvisiert hat. Da bin ich ja gar nicht so, ganz im Gegenteil: Ich kann sogar trotz aller Kritik durchaus anerkennen, dass der Comic hübsch gezeichnet ist und ein, zwei mal – wenn auch wohl eher durch statistische Unvermeidbarkeit als durch humoristisches Talent – auf eine gelungene Pointe zusteuert, bevor er sie dann durch sein mieses Timing verstolpert. So weit, so harmlos.

Spätestens auf Seite zwanzig wird aus dem leicht peinlichen Rohrkrepierer dann allerdings eine herbe Zumutung, die jegliche Restsympathien verpuffen lässt. Hier nämlich meint Herr Reischl, seine alberne Einfaltspinselei mit einem kecken Seitenhieb auf die Tsunami-Katastrophe von 2004 aufpeppen zu müssen: Man sieht eine Zeitung mit der Schlagzeile „Asia’s deadly wave kills more than 300,000 people“, überschrieben mit dem Text: „Die fleißigen Neger gruben nämlich völlig falsch und bohrten eine der tektonischen Erdplatten im asiatischen Meer an …“

Leuchten wir zum besseren Verständnis kurz in die düsteren Abgründe des Plots hinab: Die erwähnten „fleißigen Neger“ sind afrikanische Flüchtlinge, die von der US-Regierung eingesetzt werden, um eine geheime Öl-Pipeline zu verlegen. Hat die Tsunami-Welle wenigstens was mit der weiteren Handlung zu tun? Nein, nicht mal das. Herr Reischl hält das ganze wohl einfach für eine spaßige Fussnote, die an dieser Stelle einfach mal gebracht werden musste. Ho ho ho, soll ich da als Leser wohl sagen, ja mei, was für eine zünftige Gaudi mir der Mosbichler da in die gute Stube gezaubert hat.

Beispiel für Mosbichlers Busch-Comics (online)Ich will hier nicht den Moralapostel spielen. Es mag ja durchaus Wege geben, eine Katastrophe, die Hunderttausende Menschen das Leben gekostet hat und noch nicht einmal vier Jahre zurückliegt, humoristisch aufzugreifen, wer weiß. Herr Reischl hat im Rahmen seines albernen Klamauks allerdings keinen davon zu bieten. Hier wirkt die Anspielung einfach nur befremdlich und ungemein dumm. (Der 11. September kommt natürlich auch vor und wird auf ähnlich witzige Art in der Handlung verwurstet. Über die Sache mit den Flüchtlingen – beziehungsweise, wie Herr Reischl etwas zusammenhangslos meint, „Negern“ – die mindestens genauso unnötig ist, schweigen wir mal. Ist das vielleicht so ein bayerisches Ding?)

Auch darum ist Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch ungefähr so lustig wie eine Gabel im Auge. Der Comic bietet dämlichen, erbärmlich einfallslosen Schwachsinn auf Oktoberfestniveau, der, wenn überhaupt, durch unterirdische Geschmacklosigkeiten auffällt. Außer Fremdschämen geht hier leider gar nix.

Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch
Mosbichler Comics, 2008
Text und Zeichnungen: Moritz Reischl alias
Mosbichler
Album, 48 Seiten, farbig; 10,- Euro
ISBN: 978-3-00-023773-7
Leseprobe (PDF) auf www.mosbichler.de
Mosbichlers Busch-Comics online

unterirdische Kalauer

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Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch © Mosbichler

Der alltägliche Kampf 3: Kostbarkeiten

Der alltägliche Kampf 3“Dies ist die Geschichte eines trauernden Fotografen, einer Werkstatt voller Erinnerungen, eines wichtigen Buches und vom lieben Augustin…“ Passende Klappentexte sind eine Kunst für sich, und im Falle von „Kostbarkeiten“ darf man das Unternehmen einmal als gelungen betrachten. Der dritte Band der Reihe Le combat ordinaire von Emmanuel Larcenet (CG-Rezension zu Band 2) hat tatsächlich einiges zu bieten. Um Väter und Söhne geht es, um die Natur und ums Erwachsenwerden, den Preis des Krieges, Sinn und Unsinn der Psychoanalyse, Mütter und Brüder, Eulen und Hackbraten und Dockarbeiter und Korken und Beziehungen und … na ja, den lieben Augustin eben.

Den Figuren des Comics – allen voran dem jungen Fotografen Marco, der sich mit dem unerwarteten Tod seines Vaters, dem Kinderwunsch seiner Freundin und einem Bruder auf Abwegen auseinandersetzen muss – verleiht der Autor eine Tiefe und Mehrdimensionalität, die nicht nur im Comic ihresgleichen sucht. Dass Larcenet das alles bis ins kleinste Detail durchdacht und verzahnt hat, ahnt man nur, denn sowohl die Geschichte als auch die Zeichnungen zeugen von einer verblüffenden Leichtfüßigkeit.

Es kommt vor, dass der Franzose bei diesem Balance-Akt stolpert und seinem Publikum zu wenig zutraut. „Ich hab meine ganze Jugend über geglaubt, Worte sind ein Zeichen von Schwäche,“ sagt Marco an einer Stelle. Das ist, beim besten Willen, dann doch zu viel Rosamunde Pilcher, und es bringt Marco als glaubwürdige Figur kurzzeitig zum Flimmern. Ähnliches passiert an anderer Stelle, wenn er einen Psychiater aufsucht. So bedauerlich diese Ausrutscher sein mögen, so schnell sind sie aber auch schon wieder vergessen, denn die meiste Zeit über beweist Larcenet ein ausgezeichnetes Gespür dafür, welche Linien, Wendungen oder Zeilen notwendig sind und welche nicht.

Was „Kostbarkeiten“ in seinen besten Momenten – und derer gibt es viele – auszeichnet, sind das schier unerschöpfliche Verständnis und die Großherzigkeit, mit denen Larcenet seinen Figuren begegnet. Marco und Co. begehen mal größere und mal kleinere Fehler, rasten komplett aus und sind gemein zueinander. Aber wenn's drauf ankommt, kriegen sie dann doch meistens irgendwie die Kurve und nehmen sich selbst und ihre Macken nicht allzu ernst. Ein befreiendes Lachen über die eigene Engstirnigkeit hier, eine kurze, kaum merkliche Berührung da – Larcenet trifft die richtigen Töne zur rechten Zeit. Das Ensemble der Geschichte wirkt dadurch authentisch, vertraut und menschlich, und insgesamt sympathisch auf eine unangestrengte und unaufdringliche Art. Man fühlt sich eingeladen, mit diesen Figuren – nein: Leuten – mitzudenken und zu fühlen, sich mit ihnen zu wundern und mit ihnen über Dinge zu grübeln, die uns doch alle irgendwie was angehen.

Zu dieser Wirkung trägt neben Larcenets eigener Arbeit auch die seiner Helfer bei. Die Farbgebung bemüht sich meist dezent um Realismus, ist aber auch mal so frei, die Innenwelt der Figuren nach außen zu transportieren. Die Übersetzung – auch das ist ein großes Kompliment – liest sich, als wäre sie keine (einzige Ausnahme: Ein Fotoapparat macht doch eher „Klick“ als „Klack“, oder? Insbesondere in einem Werkzeugschuppen, wo's genug andere „klackernde“ Sachen gibt). Das gelungene Lettering und Design des Bandes runden das Gesamtbild ab.

Ich finde den Begriff der graphic novel nun im Allgemeinen völlig untauglich, und weder Herr Larcenet noch seine Verleger scheinen ihn beanspruchen zu wollen. Findet man sich aber einmal kurz damit ab, dass das Etikett „grafischer Roman“ innerhalb der Comic-Branche zu einem beliebten Werbeinstrument geworden ist, dann verdient “Kostbarkeiten“ es wohl mehr als so mancher Band von doppelter oder dreifacher Seitenstärke.

Mitte November erscheint übrigens der vierte und letzte Band „Gewissheiten“ (Leseprobe bei Reprodukt). Zum Abschluss der Serie kann man diesen auch mit einem Schuber erhalten bzw. alle vier Bände mit Schuber erwerben.

Der alltägliche Kampf 3: Kostbarkeiten
Reprodukt, 2006
Text und Zeichnungen: Manu Larcenet
Farben: Patrice Larcenet
Übersetzung aus dem Französischen: Barbara Hartmann
Lettering: Dirk Rehm
Gestaltung: Minou Zaribaf
Album, Softcover, 64 Seiten, farbig; 13,- Euro
ISBN: 3-938511-73-7

fantastische Mischung

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© der dt. Ausgabe: Reprodukt

Allein 1: Verschwunden!

 Es sind gute Zeiten für Freunde franko-belgischer Comicalben. Die Durststrecke vergangener Jahre ist vorbei, das Angebot an neuer Comicware aus Frankreich ist so groß wie lange nicht mehr. Nach den erfolgreichen Neugründungen Bunte Dimensionen und Splitter reiht sich nun ein weiterer Verlag ein, um franko-belgisches Material an den Mann zu bringen. Der Piredda Verlag, gegründet vom ehemaligen ZACK-Chefredakteur Mirko Piredda, führt einerseits Reihen fort, die andere Verlage aufgegeben haben, bringt aber auch neue Serien auf den Markt. Die erste davon ist Allein.

Die Story beginnt (nach einem kurzen Prolog) mit einem Endzeitszenario: Wir befinden uns in der mittelgroßen Stadt Fortville, der Tag beginnt, doch die Stadt bleibt menschenleer. Niemand ist auf der Straße, alle sind verschwunden. Mit Ausnahme von fünf Kindern. Diese Kinder laufen sich über den Weg, und obwohl sie sehr unterschiedlich sind, merken sie schnell, dass sie eine Schicksalsgemeinschaft sind. Wenn sie überleben und herausfinden wollen, warum außer ihnen niemand mehr in der Stadt ist, müssen sie zusammenhalten.

 Autor Fabien Vehlmann (Green Manor, Der Marquis von Anaon) hat sich eine interessante Gruppe von Protagonisten zusammengestellt, deren unterschiedliche Charakterzüge viel Gruppendynamik versprechen. Die kleine Nervensäge, das schüchterne junge Mädchen, der Sohn reicher Eltern, ein selbstbewusstes Teenagermädchen, und Dodji, ein Einwandererjunge, der im Waisenhaus lebt. Er kennt also die Situation, ohne Eltern auskommen zu müssen, und weil er auch einer der ältesten ist, entwickelt er sich schnell zum Anführer der Gruppe.

Obwohl sich Vehlmann hier bekannter Versatzstücke bedient (ausgestorbene Städte sah man u.a. zuletzt im Film I am Legend und Kindergruppen, die auf sich gestellt sind, kennt man z.B. aus dem Klassiker Herr der Fliegen), bietet die Ausgangssituation von Allein genug Stoff für eine interessante und originelle Geschichte. Leider verschenkt der Autor im ersten Band viel Potential: Nachdem die fünf Protagonisten eingeführt wurden und sich kennengelernt haben, beginnt eine recht konventionelle Abenteuerhandlung, die nicht sehr überraschend ist. Die Kinder versuchen sich ohne elterliche Hilfe am Kochen oder am Autofahren, sie haben gefährliche Begegnungen mit ein paar Tieren, die aus dem verlassenen Zirkus ausgebrochen sind, und sie versuchen, einen sicheren Unterschlupf zu finden.

Mehr geschieht nicht im ersten Band. Noch gibt es keinerlei Hinweise, warum plötzlich alle Menschen bis auf diese fünf Kinder verschwunden sein könnten, ob sie noch leben und wo sie sich aufhalten. Auch in Sachen Gruppendynamik, was viel Potential bieten würde, geschieht nur wenig – zumindest im ersten Band (bisher sind in Frankreich zwei weitere erschienen, ein vierter Band ist in Arbeit). Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Comic stark auf eine junge Leserschaft zugeschnitten wurde, die nur wenig älter ist als die Protagonisten. Für junge Leser im Alter von etwa 10 Jahren ist Allein sicher eine sehr spannende und unterhaltsame Geschichte. Erwachsene, die etwas mehr Tiefgang erwarten, werden eher enttäuscht.

 Zeichnerisch immerhin gibt es nichts zu meckern. Bruno Gazzotti, den man durch seine Arbeit an Soda (deutsch bei Salleck Publications) kennt, benutzt einen Semi-Funny-Stil und kreierte für das Quintett der Hauptfiguren kleine Persönlichkeiten mit hohem Wiedererkennungswert. Neben den gelungenen Figuren legt er auch viel Wert auf die detailreiche Darstellung der menschenleeren Stadt. Dynamische Actionszenen liegen ihm ebenso wie die immer wieder eingesetzten stillen Panels, die dem Aufbau von Atmosphäre dienen. Auch in Sachen Seitenaufbau und Pacing ist seine Arbeit überzeugend, so dass sich das Album sehr flüssig liest.

Die deutsche Ausgabe des Piredda Verlags kommt im Standard-Albenformat mit einem sehr stabilen Hardcover auf gutem Papier und bewegt sich mit 13,50 Euro auf dem inzwischen üblichen Preisniveau für Albencomics. Wenn es dem Gespann Vehmann und Gazzotti nun noch gelingt, in den folgenden Bänden eine Geschichte zu entwickeln, die etwas mehr bietet als einen konventionellen Abenteuerplot, kann aus Allein noch eine richtig gute Serie werden.


Allein 1: Verschwunden!
Piredda Verlag, Oktober 2008
Text: Fabien Vehlmann
Zeichnungen: Bruno Gazzotti
Hardcover; vierfarbig; 56 Seiten
; 13,50 Euro
ISBN: 978-3-941279-60-5

Gute Zeichnungen, durchschnittlicher Plot mit Luft nach oben

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Bildquelle: piredda-verlag.de

Hellboy 9: Ruf der Finsternis

 Eigentlich ist Hellboy ein Comic für Intellektuelle. Für Schöpfer Mike Mignola jedenfalls waren die Geschichten um seinen Ermittler aus der Hölle schon immer mehr als nur ein Monster-Comic. Mit Hellboy steckte er sich selbst einen Rahmen ab, in dem er all die Geschichten erzählen konnte, auf die er Lust hatte. Das Ergebnis ist ein herrliches Amalgam: Internationale Folklore trifft auf Gothic und Groschenromane.

So ist auch der neueste Hellboy-Band „Ruf der Finsternis“ wieder eine Achterbahnfahrt durch Märchen und Geistergeschichten. Ein Schwerpunkt liegt dieses Mal auf der russischen Sagenwelt. Hellboy trifft einige alte Bekannte wieder, darunter Baba Jaga, Hekate und Igor Bromhead. Er muss sich mit einer Versammlung Hexen, mit einer Skelettarmee und mit dem unsterblichen Kriegerfürsten Koshchei herumschlagen. Nur die Nazis, die fehlen dieses Mal.

Solch ein Lieblingsprojekt des Autors muss jedoch noch lange nicht die liebste Comic-Lektüre der Leser werden. Dass Hellboy so viele Fans hat, liegt nicht in erster Linie an den Monstern, dem interessant geflochtenen Storytelling oder dem tollen Artwork. Es liegt an der Hauptfigur selbst. Denn auch der beste Horror-Comic, in dem sich immer nur Gut und Böse kräftig gegenseitig verdreschen, wird irgendwann langweilig.

 Die Zeichnungen stammen dieses Mal nicht aus der Feder von Mike Mignola, sondern von Duncan Fegredo (Enigma). Mignola hatte von der Anfertigung des Artworks für Hellboy Abstand genommen, weil er mit anderen Projekten zu beschäftigt ist. Es ist erstaunlich, wie gut Fegredo die Atmosphäre der Serie trifft, wie sanft und unmerklich der Übergang ist. Normalerweise nehmen es Fans übel, wenn bei lang andauernden Serien ein Zeichnerwechsel stattfindet. Mit der Wahl von Fegredo als neuer Zeichner der laufenden Serie dürfte dieses Problem auf ein Minimum eingedämmt worden sein. Um es deutlicher zu sagen: Hellboy-Fans werden Mignolas Artwork zwar vermissen, aber auch schnell Fegredos Strich schätzen lernen.

Auch in dem neuesten Band wird deutlich, dass Hellboy eine vielfach gebrochene Figur ist. Er befindet sich auf der Suche nach sich selbst, nach seinem Schicksal und seinem Platz in der Welt. Er ist weder gut noch böse, weil das viel zu einfache Parameter sind, um dieser Welt gerecht zu werden. Zugegeben, Sorgen wie Hellboy haben die Leser nicht. Seine rechte Hand ist der Schlüssel zur Apokalypse. Böse Mächte drängen ihn, einen Weltenbrand zu entfachen und die Erde zu verheeren. Sein Ringen ist das Ringen mit dem Schicksal selbst. Nur wenn es einen freien Willen gibt, kann er die Apokalypse abwenden. Dieser innere Konflikt der Hauptfigur sorgt dafür, dass man Hellboy immer weiter und weiter lesen möchte. Und es ist zum Glück noch nicht zuende.

Hellboy 9: Ruf der Finsternis
Cross Cult, August 2008
Autor: Mike Mignola
Zeichnungen: Duncan Fegredo
204 Seiten; vierfarbig; Hardcover; 19,80 Euro
ISBN 9783936480832

Fabelhafter Horror-Comic

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Bildquelle: cross-cult.de

Hell’s Kitchen

Cover Hells Kitchen Da man auch bei Ehapa feststellen musste, dass man frankobelgische Alben nicht mehr unbedingt so leicht an den Mann bringen kann wie noch vor einigen Jahren und einen erheblichen Einbruch erlitt, versucht man nun, solches Material behutsam wieder lukrativer zu machen. Offenbar geht man aber nicht den Weg von zum Beispiel Carlsen, Comics im verkleinerten Format unter dem Banner „Graphic Novel“ zu veröffentlichen. Ehapa zeigt mit dem Band Hell's Kitchen eine Alternative, denn dieser erscheint als so genannte „All in One“-Edition, das heißt, der Leser bekommt die ursprünglich vierteilige Albenreihe im Originalformat am Stück, also in einer abgeschlossenen Gesamtausgabe, präsentiert.

Aber worum gehts? Wie der Titel Hell's Kitchen andeutet, findet sich der Leser in den Straßen von New York wieder. Es ist 1931, die Zeit der Prohibition – die Zeit, in der Mafiabanden und Schmuggler korrupte Polizisten unterhalten. In diesem blutigen Zeitgeschehen muss der 13-jährige Anthony Poucet, der mit seinen sechs Brüdern in Little Italy lebt, mit ansehen, wie seine Eltern ermordet und seine Freundin Anne von einem Gangsterboss verschleppt wird. Anthony beschließt daraufhin, sich für den Tod der Eltern zu rächen, Anne aus den Krallen des teuflischen Kriminellen Double B zu entreißen und dem rivalisierenden Mafiosi „Der Kannibale“ ordentlich in die Suppe zu spucken. Viel Arbeit für einen Heranwachsenden, doch Anthony ist weit gerissener und routinierter, als es den Anschein hat. Ihm wird im Straßenkrieg zwar seine Kindheit unfreiwillig geraubt, aber er entflammt auch seinen eigenen, persönlichen Krieg …

Szene aus Hells Kitchen

Die Geschichte von Szenarist Damien Marie und Zeichner Karl T. ist ein klassischer Mafiosi-Krimi, der in den USA der 30er Jahre angesiedelt ist. Erzählt wird aus der Perspektive von Anthony Poucet; ein Junge, der selbst zum Kriminellen wird, um im Teich der ganz großen Fische mit schwimmen zu können. Was den beiden Kreativen hier wirklich zu verdanken ist, ist die sehr authentisch gehaltene Atmosphäre jener Zeit. New York, in dem die Handlung hauptsächlich angesiedelt ist, wird durch die ausgefeilten Charaktere, die man über die vier Episoden hinweg kennen lernt, äußerst lebendig, und mit dem Anknüpfen an historisch existierende Eckpfeiler, z.B. der Thematisierung von Elliot Ness' Kampf gegen Al Capone, ist die Außendarstellung wirklich gelungen.
Zur Handlung selbst: Man hat immer mal wieder das Gefühl, dass einzelne Elemente zu stark übertrieben werden, was den Band dann doch vom Realismus wegtreiben lässt. Natürlich ist Anthony ein starker kleiner Kerl, aber auch so stark, dass er mit Gangsterbossen verhandeln oder seine Freundin mit einer ausgeklügelten Rettungsaktion befreien kann? Natürlich gelingt ihm das, denn er ist sozusagen der Held der Geschichte, der umso heldenhafter wird, wenn man sich vor Augen führt, dass er ja noch ein Kind ist. Gut, das ist das Konzept, aber unbedingt glaubwürdig ist das in diesen Szenen nicht.

Insgesamt macht Hell's Kitchen aber Spaß; man bekommt einen packenden Crimethriller, den man gerne bis zum Ende liest. Es ist kein brillanter Comic, aber er ist qualitativ beständig und inhaltlich spannend genug, um ihn, insbesondere für Fans des Genres, empfehlen zu können. Der Preis hört sich natürlich für einen Comicband ganz schön happig an, aber man muss bedenken, dass man für dieses Geld vier Alben in einem bekommt und die ganze Story komplett und am Stück genießen kann. Insofern ist der Preis für diesen dicken Wälzer durchaus vertretbar.

PDF-Leseprobe (leider etwas unscharf): http://www.ehapa-comic-collection.de/media/Hells_Kitchen_Leseprobe.pdf

 

Hell's Kitchen
Ehapa Comic Collection; Oktober 2008
Zeichnungen: Karl T.
Text: Damien Marie
Hardcover; 192 Seiten; 39,95 Euro
ISBN 978-3-7704-3253-0

 

flüssige Story, an manchen Stellen etwas überzogen

 

 

 

 

 

 

 

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Abbildungen © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

 

 

Presidential Material


Die deutschsprachige Fassung dieses Artikels wurde bei sueddeutsche.de veröffentlicht.
Auf deutsch weiterlesen…

The American comic-publisher Idea and Design Work draws from past and prints the biographies of presidential candidates John McCain und Barack Obama as comic books.

Page from Presidential Material: Barack ObamaA whole range of different polls from various research institutes structures the everyday life of this year’s presidential election in the USA. On each new day, after each new debate, the voter’s reaction is being transferred into data and awaits analysis. Such predictions find their grotesque climax in the ongoing TV-debates: During the first debate at Harvard University, viewers could witness on the TV screen the audience’s reaction via a political barometer. The immidiate reaction to every word a candidate said was displayed as a peak. But how the reaction to words like „Iraq“ can be deciphered will be forever the researchers’ secret. A different kind of polling system was introduced by the American comic-publisher IDW.

Till 9th of October, IDW presented a poll on their homepage that saw Obama, the democratic candidate, with 48% in the lead. His rival John McCain, candidate of the Republicans, followed with only 34%. Yet the race was not decided as 17% were still unsure. These calculations came into being as the comic-publisher counted subscriptions of two new comic books announced by IDW three months earlier. Each comic offers a unique comic-book-version of the biography of one of the candidates. 

It has been some months ago, that Scott Dunbier, responsible for special projects at IDW, made a joke at a meeting about a comic book which could motivate the readers to vote. What started out as a joke soon became an actual project with the title Presidential Material. On 32 colored pages, the authors Jeff Mariotte (for Obama) and Andy Helfer (for McCain) produced their biographies for the candidates after thorough research. At the end, the lives of the candidates got the “comic book treatment”. Their words turned into speech balloons and their actions turned into images.

Page from Presidential Material: John McCain Both authors start out their comic-biographies at a moment of crisis in order to tell the histories of McCain and Obama. While in the case of Obama this moment is the Super Tuesday, Helfer depicts McCain’s desolate life in Hanoi’s military prison. It was always important to Dunbier to show both candidates as human beings with a history. The comics should offer the reader the possibility of an informed choice when they go to the ballot. Yet a decision solely based on the reception of these comics is not what Dunbier had in mind.

With the use of newspapers and quotes from Obama’s and McCain’s books, both comics are filled with information. Similar to ordinary biographies, general facts are recreated only to be completed with explanations and short interpretations. It was the sole decision of the authors to put further emphasis on chosen situations in each candidate’s life. While the youth of both of them is spread out in every detail, it takes McCain and Obama only two pages in the comic to get from a greenhorn politician to a seat in the Senate. Yet the authors take their time to slow down the narration at crucial moments in both candidates’ lives. Obama’s speech against the Iraq War turns into a graphic reminiscence of Martin Luther King’s famous „I had a dream“-speech in front of the Lincoln Memorial. Artist Stephen Thompson on the other hand paints the life of John McCain more colorfully. He displays action-sequences in which the young navy pilot escapes his exploding aircraft just in time to save his life. In another infamous incident McCain is said to have taken out half of Spain’s energy-supply by cutting a power line with his plane.

Page from Presidential Material: John McCainExcept these graphic excursions, both artists, Stephen Thompson and Tom Morgan, work hand-in-hand with their authors. The images should not distract the readers too much from the actual content but supply them with further information. Thus both comics include a large amount of captions and speech-balloons to add explanations. This mode of narration has a little setback; it turns its protagonists into robots who are guided through their past only to give the right quote at the right time.

Along with interesting information about the candidates, both comic-biographies highlight the candidates’ quotes. A young Obama gets told to „Embrace the difference!“ by his mother. What follows is a quest in order to find his true heritage, which puts the young would-be senator from Illinois on his road to presidency. Another quote can be read as a campaign slogan itself: „A story that could only happen in the United States of America“.

McCain’s biography, too, centers on an important rhetoric. Similar to Obama, McCain is introduced to his motto early in life: “Destiny to fulfill“. Yet this call for destiny seems to be more a burden than an actual choice if one looks at McCain’s life in retrospective. 

Page from Presidential Material: Barack Obama The most meticulous work, according to Dunbier, was the checking of facts. While IDW normally deals only with fictitious stories such as the comic book which ended up being adapted as the horror movie 30 Days of Night, this time the publisher had to assure that no legal action might follow up if they dig up any dark secrets the candidates had to hide. In order to highlight darker passages of Obama’s and McCain’s past, the biographers relied on the facts provided by newspapers. In McCain’s case, these passages are his not so glamorous time as a navy pilot but also his involvement in the „Keating Five“ scandal. Mr. Mariotte had to face similar obstacles in his biography of Obama. The senator of Illinois had problems of a rather different kind. Political friends and even his wife put Obama in a bad light. Michelle Obama was cited that she was really proud of America for the first time in her life when her husband entered the political stage. Both biographies seem to go against their protagonists in a similar fashion without overexaggerating the negatives.

Cover of Presidential Material: Barack Obama Cover of Presidential Material: John McCainAs impartial as the comic-biographies paint their candidates, as impartial acts Dunbier in his decision for the cover artist: Fans’ favorite J. Scott Campbell produced two striking images of both candidates in their respective colors, posing energeticly. While the young senator from Illinois looks to the right with a troubled expression on his face, McCain smiles self-assured into the opposite direction. This duality is further strengthened by a special issue of the comic book, a flip-book that puts the biographies of Obama and McCain side by side. Considering the many similarities of both personalities, this analogy is not out of the ordinary. Mariotte and Helfer display a similar interest in the wild times of both characters and in their bi-partisan decisions both made. But while the reader might expect such a history from Obama, McCain’s past, his rebel attitude as a young officer, is certainly a different side of the Republican’s past. Only with this flip-book both candidates turn into two sides of the same coin.

American popular culture and the presidential election campaign were closely intertwined since the 19th century. Starting from the political cartoons of Thomas Nast to the warmly fireside-chats of president Franklin D. Roosevelt, popular culture was used to motivate American citizens to take part in politics. Since the last election even the youth culture found its interest in the election. On MTV you could hear stars like Christina Aguilera shout out „Rock the Vote!” This was the reason for IDW to reach a larger audience. Since the 9th of October you were not only able to buy the comics but also to download them as online content for your mobile phone. Together with provider uclick, the publishing house offers the adventures of Barack Obama und John McCain as online entertainment.

A choice between the printed paper and the electronic version seems yet easier compared to the upcoming election. Regarding the question who he would like to see as the next president of the United States of America, Dunbier answered that he will not comment in order to remain neutral. Yet there was a wish he admitted to us: „I'd like to get inscribed copies from each!”

 

All pictures © IDW Publishing

Comicmovie Datenbank: Hellboy II – Die goldene Armee

teaser_hellboy2.jpgMit Hellboy II – Die goldene Armee kommt die letzte große Comicverfilmung dieses Jahres in unsere Kinos. Wie schon im ersten Teil unter der Regie von Guillermo del Toro und mit Ron Perlman in der Rolle von „Red“. Comicgate-Redakteur Thomas Kögel hat den Film gesehen und bespricht den Film in unserer Comicmovie Datenbank.

Zusätzlich verlosen wir zum Filmstart zahlreiche Preise rund um Hellboy.

HELLBOY II – DIE GOLDENE ARMEE
Schon der erste Hellboy-Film aus dem Jahr 2004 war eine sehr gelungene Comic-Verfilmung: Den Geist der Vorlage treffend und doch eigenständig, reich an Action und Schauwerten, aber trotzdem konzentriert auf seine Hauptfiguren mit ihren Stärken und Schwächen. Nun legt Regisseur Guillermo del Toro nach, und man muss sagen: Er hat sich selbst übertroffen.
Rezension weiterlesen in der CMDB


DAS HELLBOY-GEWINNSPIEL
In Kooperation mit 24U verlosen wir attraktive Hellboy-Pakete:

1. Preis:

Das PSP-Spiel Hellboy – The Science of Evil, der aktuelle Comicband Hellboy 9 – Ruf der Finsternis und das neue Hörbuch Hellboy – Saat der Zerstörung

2. Preis:
Das PSP-Spiel Hellboy – The Science of Evil sowie das neue Hörbuch Hellboy – Saat der Zerstörung

3. Preis:
Der (englischsprachige) Bildband Hellboy II – The Art of the Movie und das neue Hörbuch Hellboy – Saat der Zerstörung

4.-7. Preis:
Jeweils der aktuelle Comicband Hellboy 9 – Ruf der Finsternis und das neue Hörbuch Hellboy – Saat der Zerstörung

Wer gewinnen will, schreibt eine Mail an hellboy (at) comicgate.de und beantwortet die beiden folgenden Fragen:

1. Welche Tiere mag Hellboy am liebsten?
2. Welchen Film bereitet Hellboy-Regisseur Guillermo del Toro derzeit in Neuseeland vor?

Einsendeschluss ist Sonntag, der 26.10.2008.

Achtung: Jeder Haushalt darf nur einmal teilnehmen. Mehrfache Einsendungen mit der gleichen Adresse fliegen raus. Wichtig: Wer keine PSP besitzt und das Spiel nicht gewinnen will, vermerkt dies bitte in seiner Mail.

  Hellboy – The Science of Evil Hellboy – The Art of the Movie
Hellboy-Hörbuch Saat der Zerstörung Hellboy 9 – Ruf der Finsternis


Blutspuren

 Mit ihrer Graphic Novel Exit Wounds (so der Originaltitel) hat die Isralin Rutu Modan international etliche Preise eingeheimst. Nun ist bei der Edition Moderne eine deutsche Ausgabe erschienen. Blutspuren ist eine Geschichte aus dem Israel von heute, in der der Nahostkonflikt als Hintergrundrauschen mitschwingt, aber niemals in den Mittelpunkt der Handlung tritt.

Denn Blutspuren erzählt vor allem von drei Menschen: Vom Taxifahrer Kobi, der mit seinem Vater zerstritten ist und keinem Kontakt mehr zu ihm hat. Von der jungen Numi, einer Tochter aus reichem Hause, die sich in der High Society nicht wohl fühlt. Und von Kobis Vater Gabriel, der allerdings in der Geschichte niemals persönlich auftaucht. Ohne, dass er selbt mitspielt, erfahren wir nach und nach immer mehr über diesen Gabriel, der so ganz anders ist als das Bild, dass sein Sohn von ihm hatte.

Gabriel hatte eine Affäre mit der viel jüngeren Numi und sie ist es, die Kontakt zu dessen Sohn Kobi aufnimmt, denn Gabriel ist verschwunden. Numi vermutet, er sei bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen, bei dem eine Person nicht identifiziert werden konnte. Und so machen sich Kobi und Numi gemeinsam auf Spurensuche, um zu erfahren, wo Gabriel steckt und ob er das unbekannte Anschlagsopfer ist. Beide erfahren auf dieser Spurensuche sehr überraschende Fakten über den alten Mann. Wie hier mit der Zeit ein vielschichtiges Bild einer Person gezeichnet wird, die niemals selbst auftritt, ist die größte Stärke von Rutu Modans Comic. Und auch Kobi und Numi lernen lernen unterwegs viel über sich selbst — in dieser Hinsicht hat Blutspuren durchaus etwas von einem Entwicklungsroman. Bemerkenswert ist übrigens, dass Rutu Modan ihre Geschichte aus dem Blickwinkel von Kobi, also einer männlichen Perspektive, erzählt. Dass sich Kobi und Numi während ihrer Ermittlungen auch noch verlieben, hätte leicht in gängige Hollywoodklischees abdriften können, doch Modan gelingt es auch bei diesem Teil der Geschichte, den Leser zu überraschen und dieser Beziehung einige Ecken und Kanten zu verleihen.  

 Wie entscheidend ist nun der Handlungsort Israel für Blutspuren? Einerseits könnte die Geschichte in fast jedem Land spielen. Der Terroranschlag, der den Ausgangspunkt der Handlung darstellt, wird niemals näher erläutert. Es könnte auch ein Zugunglück oder ein Erdbeben gewesen sein, und alle Beteiligten nehmen den Anschlag als etwas beinahe selbstverständliches hin. Aber gerade diese Haltung, für die ein Attentat ein fast alltäglicher Vorgang ist, dem man mit Sarkasmus oder Gleichgültigkeit begegnet, dürfte eine sehr treffende Beschreibung für die israelische Gegenwart sein. Das äußere Gerüst der Handlung könnte überall spielen, der Kern jedoch ist ganz klar in Israel verortet.

In einem Interview im Comics Journal sagt Modan dazu: „Seit der zweiten Itifada und dem Attentat auf Rabin,haben die Leute die Hoffnung aufgegeben, eine Lösung zu finden oder auch nur die politische Situation zu verstehen. Also gehen sie damit um, als wäre es ein schweres Schicksal, mit dem man sich halt abfinden müsse und mit dem man möglichst wenig Kontakt haben will. Das ist eine sehr traurige und gefährliche Situation. […] In Blutspuren habe ich versucht, diese Realität widerzuspiegeln, ohne sie zu erklären oder meine Meinung dazu zu sagen – sie einfach zu zeigen.“

Für ihre Zeichnungen orientiert sich Rutu Modan deutlich an der von Hergé geprägten Ligne Claire. Scharfe Konturen, pünktchenförmige Augen und eine extrem flächige Kolorierung sorgen für einen zeitlosen Stil, der allerdings nicht gerade dynamisch wirkt. Doch Blutspuren zielt nicht darauf ab, den Leser grafisch zu beeindrucken. Vielmehr geht es um Emotionen und Charakterentwicklungen, und diese werden hervorragend transportiert.

Dass Rätsel um den Verbleib von Kobis Vater wird am Ende aufgelöst – aber nicht restlos. Es bleiben noch immer ein paar offene Fragen. Und auch das Verhältnis zwischen Kobi und Numi steht bis zum letzten Panel auf der Kippe. Rutu Modan überlässt es dem Leser, sich sein eigenes Ende auszumalen. Eine Offenheit, die sehr gut zu diesem Comic-Roman passt.

Die deutschsprachige Ausgabe der Edition Moderne ist mit 28 Euro leider nicht gerade billig, ist aber in Übersetzung, Druck, Papier und Aufmachung absolut zu empfehlen.


Blutspuren
Edition Moderne, August 2008
Text und Zeichnungen: Rutu Modan
Softcover mit Klappenbroschur; 168 Seiten
; 28,- Euro
ISBN: 978-3-03731-035-9

Emotionales Drama in Israel

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Bildquelle: editionmoderne.ch