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Fee

 In einer düsteren Zukunftsgesellschaft lebt und arbeitet der exzentrische Sir Crumpett's in seiner großen Kathedrale. Es ist die vielleicht letzte Bastion eines kunstfertigen Handwerks, das die ungezügelte und brutale Welt außerhalb der Kathedrale auch Jahrhunderte nach dem Gelobten Jahr überdauert. Denn Crumpett's ist ein Automatenbauer, das heißt er fertigt märchenhafte Wesen – halb Puppe, halb Roboter – an und erweckt sie zum Leben. Seit 60 Jahren treibt ihn das Bestreben an, der Welt jenen verlorengegangenen, reinen Zustand der Magie wiederzugeben, den er in den möglichen Feenaugen seiner Automaten vermutet.

Aber auch sein neuester Versuch, die Erschaffung eines Jungen namens Jam, ist eine Enttäuschung und er bleibt verzweifelt auf der Suche nach den Feenaugen. Doch Jam ist anders als Crumpett's andere Geschöpfe, er hinterfragt die Dinge und findet schließlich selbst den vermissten Zauber in den Augen einer leblosen, unfertigen Fee. Aber noch bevor die Fee schließlich fertig gestellt werden kann, wird die Kathedrale von den Menschen angegriffen; eine brutale Bande, die die Festung stürmt und den Bewohnern nur die Möglichkeit zur Flucht lässt. In Kälteschlaf versetzt überleben Jam und die Fee den Angriff, aber es bedeutet auch die Trennung der beiden für eine sehr lange Zeit.

 Schon vor einiger Zeit wurde der erste Teil von Fee veröffentlicht, damals noch im alten Splitter-Verlag, jetzt ist also die Gesamtausgabe dieser Fantasy-Saga erschienen, in der alle drei Alben in einem Band versammelt sind. Gerade angesichts der epochalen und zum Teil auch verwirrenden Handlung ist diese Form der Veröffentlichung ein Gewinn, denn so kann der Leser die komplette Story nahtlos am Stück verfolgen.

Es ist zweifellos das ungewöhnliche Setting von Szenarist Téhy, das diese Erzählung bemerkenswert macht. In der futuristischen Metropole Carlotta spielend, bekommt man direkt einen Gesellschafts- und später einen politischen Konflikt vorgesetzt, ohne die genauen Hintergründe zu kennen. Die Automaten nehmen dabei eine bedeutende Rolle ein, repräsentieren sie doch sowas wie Fantasie und Magie, gegen die sich die drumherum lebenden Menschen auflehnen. Später in der Geschichte, unter  dem Herrscher Gunter Myake, nehmen Automaten vornehmlich ihren Platz als Konkubinen und Ausstellungsstücke ein. Ein Schicksal, in das auch die titelgebende Fee geraten ist. Jams Obsession zur Befreiung seiner geliebten Fee zieht sich durch den gesamten Comic. In der Handlung öfter mal springend, lässt Téhy das Leben von Jam vor dem Hintergrund einer sich im Verfall befindenden Welt ablaufen. Wichtigstes Element bleibt dabei stets die Liebe zwischen Jam und der mundlosen Fee. Das macht die Story mitunter auch sehr pathetisch, vielleicht  sogar zu pathetisch. Im Grunde bleibt es für den Leser eine nicht ganz nachzuvollziehende Zuneigung zwischen zwei Automaten, die eher abstrakt begriffen werden sollte, ist doch Jam sozusagen ein rebellierendes künstliches Wesen unter der Masse brutaler Menschen und die Fee eine Symbolik für alles Reine, Unschuldige, für die Magie der alten Welt, die Zeit des Gelobten Jahres.

 Beatrice Tillier (die im dritten Teil durch Frank Leclercq abgelöst wird) setzt Téhys unterhaltsames und durchdachtes Szenario in recht passender Atmosphäre um, die zum einen die Romanze in hellen, freundlichen Farben stilisiert, aber die auch raue Realität als einen Gegensatz optisch festzumachen weiß. 

Fee ist eine einfallsreiche apokalyptische Lovestory. Die Gegensätze eines nicht alltäglichen Settings machen den Band zu einer Kaufempfehlung.

 

Fee – Die Trilogie
Text:
Téhy
Zeichnungen: Béatrice Tillier, Frank Leclercq
Splitter, November 2008
Hardcover; farbig; Überformat;
160 Seiten; 29,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-89-6

schöne Lovestory in ungewohntem Kontext

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Bildquelle: splitter-verlag.de

 

Che

Cover von CheDie Kurzbiografie des Ernesto Che Guevara, dessen populäres Konterfei das Titelbild schmückt, ist in mehrerer Hinsicht etwas Besonderes, aber auch mit Vorsicht zu genießen. Über 40 Jahre alt ist die Graphic Novel, 1968 fertiggestellt. Das verleiht dem Comic die Exklusivität eines engagiert komponierten, historischen Zeitdokuments. Fantastische Bilder und Szenarien haben Alberto Breccia für die Lebensgeschichte Ernesto Guevaras und sein Sohn Enrique für Aufenthalt und Tod in Bolivien erfunden. Aus dem Aufenthalt in Bolivien heraus erfolgen im Wechsel die Rückblicke auf das frühere Leben Ernesto Guevaras. Zu den Bildern liefert Héctor Gérman Oesterheld – deutsche Übersetzung von Jutta Harms – ein Stakkato an prägnanten Textpassagen von selten gespürter Poesie. Und ganz nebenbei wird endlich erklärt, wie Ernesto Guevara zu seinem Spitznamen „Che“ gekommen ist.

Wo viele Filme trotz historischer Kostüme oft den Werthaltungen nach im Heute spielen müssten (um ein heutiges Publikum anzusprechen), da ist Che frei vom gegenwärtigen Zeitgeist, aber selbstredend durchtränkt vom Denken und Fühlen seines sozialen Umfelds – ein Beleg des Konflikts zwischen Arm und Reich während des Kalten Krieges: Die US-Regierung stuft sozialdemokratische und sozialistische Regierungen in Latein- und Mittelamerika als Sicherheitsrisiko ein, die CIA – heute offen dokumentiert – fördert rechte Putschisten in nahezu allen Ländern Lateinamerikas: Guatemala, Chile, El Salvador, Argentinien usw. (vgl. zum Beispiel Chile http://de.youtube.com/watch?v=iMFmKg0k8cY). In Guatemala wurde der demokratisch gewählte Präsident Arbenz Guzmán mit Hilfe der CIA geputscht, weil er die United Fruit Company (heute: Chiquita Brands International Inc.) enteignen wollte. In Chile „verschwanden“ nach dem Putsch Augusto Pinochets gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende in den 70er-Jahren über 3000 Oppositionelle, Gewerkschaftler und Sozialisten. In El Salvador wurden Favelas (Slums) bombardiert, die Arbeit der Kirche gegen Gewalt und gegen Armut führte zu dem rechten Slogan „Sei ein Patriot, töte einen Priester!“ Die Geschichte Ches in den 50er- und 60er-Jahren reiht sich ein in diese Konflikte mit immer gleichem Muster, das in Kuba als einziger Ausnahme einen anderen Verlauf genommen hat.

Seite 29 aus CheDies charakterisiert in aller Kürze die Zeit der grafischen Biografie des Ernesto Guevara. Führt man sich als Leser diese Zeit vor Augen, verwundern auch nicht die Biografien der Autoren. Der Texter Héctor Gérman Oesterheld (deutscher Vater) schloss sich später im Widerstand gegen die Diktatur in seinem Heimatland Argentinien einer Guerillagruppe an, wurde 1977 verschleppt und wahrscheinlich 1978 mitsamt seiner Familie – den vier 19 bis 25 Jahre alten Töchtern und ihren Ehemännern – umgebracht. Zur Erinnerung: 1978 –  das Jahr der Fußball-WM in Argentinien: Schreie der Gefolterten der Diktatur gehen im Jubel in den Fußballstadien unter. Alberto Breccia, Vater von Enrique Breccia, der viele sozialkritische Comics zeichnete, rettete sein Leben, indem er nach dem Militärputsch in Argentinien nur noch politisch ungefährliche Gruselstorys zeichnete. Enrique Breccia, der Jüngste im Trio, ist heute bekannt durch seine Mitarbeit bei den Verlagen Marvel und DC (X-Force, Uncanny X-Men, Swamp Thing u.a.).

In der Lebensgeschichte Guevaras ist seine Sorge um die verarmte Bevölkerung und ihr karges Leben im Elend ergreifend herausgearbeitet – Symbol für die allgegenwärtige Armut ist in der verdichteten Sprache Oesterhelds „die Laus, die dürren Arme, der geschwollene Bauch“. Die Armut der Mehrheit der Bevölkerung und die ungerechten Verhältnisse der Landverteilung angesichts großen Reichtums sind die Ursachen für die Konflikte, die diese Gewalt heraufspülen. Der Kalte Krieg und die sich daraus ergebenden Koalitionen haben zusätzliches Öl in dieses Feuer geschüttet. Und nicht zu vergessen: Die USA feierten die Revolution Fidel Castros unmittelbar nach dessen Machtübernahme. Das bis heute andauernde Embargo begann erst mit der Agrarreform und der Verstaatlichung von Vermögenswerten, also der Enteignung von US-Firmen und US-Bürgern.

Seite 55 aus CheDem Kontext seiner Entstehung ist es geschuldet, dass Che ein Propagandabuch ist, das sich gut im Deutschunterricht auf seine rhetorischen Mittel analysieren ließe. Es überhöht Ernesto Guevara und seinen Kampf: Nie wird gezeigt, wie die Guerillagruppe von Che jemanden tötet, dafür werden die Tode der Mitstreiter mitfühlend erzählt. In der statistischen Auswertung werden stets die Opfer auf der gegnerischen Seite höher als die eigenen Verluste angegeben, wie es in der Kriegsberichterstattung üblich ist. Während Guevara Gefangene verarztet, wird ihm als Gefangenem angeblich jede Gesundheitsversorgung verweigert. Immer ist Guevara der sich um die Menschen sorgende Übervater. Die Schwierigkeiten Guevaras in seinem Amt als Finanzminister, die Revolution nun politisch zum Erfog zu führen, werden ausgeblendet (“Von allen Bankiers ist er am besten organisiert.“). Diese Umstände spielen in Che folglich keine Rolle bei seiner Entscheidung, in den Kongo zu gehen. Pathetisch führt Oesterheld stattdessen aus, dass der Comandante aus reiner Menschenliebe erneut sein Leben riskiert, statt sein gutes Leben auf Kuba weiterzuführen. Mit diesen Darstellungsformen werden Haltungen verklärt und alles, was der Glorifizierung entgegenstünde ausgeblendet, ein menschlicheres Bild Guevaras vermieden. Der Tod Guevaras steht in dieser Linie nicht für seine Niederlage, sondern im Geist der propagierten Weltanschauung dafür, dass man sein Leben für den „neuen Menschen“ und die „Überwindung der Klassengesellschaft“ opfern müsse.

Diese Durchsicht hinterlässt bei mir widerstrebende Gefühle: Einerseits bin ich froh, dass die Kampf- und Tötungsszenen nicht glorifiziert und ästhetisiert werden (wie in nahezu allen Comics und Filmen der Genres „Krieg“ und „Action“). Andererseits ist diese durchgängige Grundhaltung des bewaffneten Kampfes und der freiwillig zu bringenden „Menschenopfer“ als vermeintlich unumgängliche Mittel auch dann widerwärtig, wenn es als Propaganda auf den Leser sanft einplätschert. Die bewusste Parteilichkeit der Autoren für Guevara und seine Sache ist im Kontext ihrer Zeit verständlich – die konfliktreiche Zeit war einfach nicht geeignet, um eine sachliche und unparteiische Biografie zu verfassen. Wer sich für die andere Sicht der Dinge interessiert, kann sich einfach den US-Spielfilm Thirteen Days ansehen, der die sog. „Kubakrise“ aus US-amerikanischer Sicht darstellt.
Dennoch: Etwas mehr Reflexion, ob tatsächlich alle friedlichen Mittel ausgeschöpft sind, oder Transparenz hinsichtlich dieser damaligen Einschätzung hätte – aus heutiger Sicht! – an diese Stelle gehört. Für eine sachliche und beide Seiten kritisch durchleuchtende Darstellung kommt man um ein klassisches Buch wohl nicht herum …

Seite 77 aus CheFür Che und seine Leser bedeutet dies nur, dass man sich mit dem Wissen um die Erzählung als Zeitdokument widmen sollte. Unumgänglich bei der knappen Darstellung und der zeitlichen Distanz zu den Ereignissen sind Erklärungen zu vielen erwähnten Personen. Sehr zu loben sind daher die 10-seitigen Anhänge der Buches – das Bonus-Material. „Anmerkungen zum Comic“ erklären hilfreich und kurz wichtige Namen und Begriffe, um sich zurecht zu finden. Ferner gibt es eine „Chronologie“ zu wichtigen Stationen im Leben Guevaras, Informationen zu den Autoren und ein „Gespräch mit Enrique Breccia“, die allesamt helfen, Zugang zu Che zu finden.

[Anmerkung: Aktualität und Gegenwartsbezug erhält Che durch die Einblicke in das Bolivien der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. In seiner poetischen Sprache beschreibt Oesterheld in aller Prägnanz die Situation des damaligen Boliviens: „La Paz, Bolivien, das Amerika, vor dem Buenos Aires den Blick verschließt, das die Erde unfruchtbar macht, das die Minen in die Berge treibt, der Profit gehört anderen, die Staublunge uns, alt mit 30 Jahren, nicht mal eine Frau, nur Koka und Schnaps.“ Indigene waren in Bolivien die Ausgebeuteten der reichen Oberschicht. Damals verweigerten sich die indigenen Bolivianer dem gewaltsamen Umsturz, den Guevara herbeiführen wollte. Über 40 Jahre später steht mit Evo Morales erstmalig dem Staat ein Indigener als Präsident vor und versucht mit demokratischen Mitteln eine gerechtere Verteilung des Reichtums des Landes zu erwirken, die der armen Bevölkerungsmehrheit zu Gute kommen soll und damit Entwicklungshilfe überflüssig machen könnte. Doch der Widerstand der wohlhabenden, weißen Oberschicht geht bis zu Schlägertrupps und Abspaltungsdrohungen. Derzeit (September 2008) wird wieder verhandelt. Diese Entwicklungen lassen sich mit mehr Verständnis verfolgen, wenn man Che gelesen hat. Sollte der aktuelle Dialog friedlich und mit einer gerechteren Staatsordnung zu Gunsten der indigenen Mehrheitsbevölkerung enden, dann wäre auch die Polemik Oesterhelds widerlegt, die er Che im Gespräch mit Arbenz Guzmán in den Mund legt: „Reden, diskutieren, werden wir je etwas anderes tun als reden? In Guatemala passiert was, da kann man was tun, Arbenz, ernsthafte Revolution.“ Wenn die Gespräche in Bolivien ohne faires Ergebnis enden, muss ich Che noch einmal lesen.]

Che
Carlsen Comics, April 2008 (bzw. original 1968)
Text: Héctor Oesterheld
Zeichnungen: Alberto Breccia / Enrique Breccia
95 Seiten, s/w, Hardcover; 16,90 Euro
ISBN: 978-3551776549

unverfälschtes, propagandistisches Zeitdokument mit fantastischen Bildern und einer poetischen Sprache

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Abbildungen Che © dt. Ausgabe 2008 Carlsen Comics

Die wundersamen Abenteuer von Vincent van Gogh – An vorderster Front

CoverWährend von Manu Larcenets vielbeachteter Comicreihe Der alltägliche Kampf in Kürze der abschließende vierte Band bei Reprodukt erscheint, liegt bereits ein weiteres Album Larcenets auf Deutsch vor. Es handelt sich um Larcenets zweiten Ausflug in Die wundersamen Abenteuer von …, für die er bekannte Persönlichkeiten in ungewöhnliche Szenarien versetzt und bislang unbekannte Episoden aus deren Leben erzählt. Wurde im ersten Band noch Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, nach Amerika geschickt um einen Hund zu therapieren (Rezension bei Comicgate), widmet sich der neue Comic dem niederländischen Maler Vincent van Gogh, den es an die Front des Ersten Weltkrieges verschlägt.

Nach einem vorgetäuschten Selbstmord wird van Gogh engagiert, um mit Hilfe seiner Gemälde das Geschehen des Krieges möglichst authentisch einzufangen und der Armeeführung dadurch eine Erklärung für die schwindende Moral ihrer Soldaten zu liefern. Widerwillig nimmt van Gogh die Aufgabe an und begibt sich als Gefreiter mit seinem Malerutensil direkt an die gefährliche Front.

BeispielseiteManu Larcenet gelang ein absurder Comic, der stark zwischen Komik und Kriegsschauen schwankt. Natürlich sind seine knubbelnäsigen Figuren nicht ganz ernst zu nehmen; sein van Gogh ist ein aufbrausender, wütender Kerl, der sich permanent als Künstler ausweisen und erklären muss. Überhaupt wird hier das Künstler- und das Soldatendasein direkt gegenübergestellt, was mit dem pinselschwingenden van Gogh mitten im zerbombten Kriegsgebiet zu einem mitunter starken Kontrast führt. Die wundersamen Abenteuer von Vincent van Gogh ist ein urkomischer, aber gleichsam sehr erschütternder Band, denn das Aufeinandertreffen mit Deserteuren aus den eigenen Reihen, zerfetzte Leichen, der Kampf ums Überleben – das alles ist glaubhaft dargestellt und wird von Larcenet auch durch ausdrucksstarkes Inszenieren Rechnung getragen.

BeispielseiteBeklemmend wirkt die Story zusätzlich durch einige tiefgehende, fast poetische Elemente. Van Goghs Fronteinsatz ist von Albträumen geprägt, in denen er Kollegen als vermenschlichte Vögel sieht. Zunehmend bekommen die beunruhigenden Träume für ihn Prophezeiungscharakter, zudem geht die Legende von der „Mutter der Granaten“ um. Van Goghs Visionen und die Unzufriedenheit der Armeeführung mit seiner bisherigen Arbeit treiben den berühmten Maler immer näher an den Schrecken des Krieges und an die vorderste Front.

Nun ist dieser Band sicherlich von der grundsätzlichen Ausrichtung her nicht weniger komisch als Larcenets andere Werke. Allerdings sind seine Comics auch immer von sehr traurigen, ernsten Elementen geprägt, was auch bei diesem Album zum Tragen kommt. Ähnlich wie sein Comic zu Sigmund Freud treibt er auch van Goghs Biografie auf die Spitze und spinnt sie fiktiv weiter. Besonders markant ist dabei das extreme Setting, dem die berühmten Persönlichkeiten sich ausgesetzt sehen. Der Frontverlauf des Ersten Weltkrieges bietet dafür eine gute Möglichkeit, die Larcenet wie gewohnt brillant nutzt.

 

Die wundersamen Abenteuer von Vincent van Gogh – An vorderster Front
Reprodukt, Oktober 2008
Text und Zeichnungen: Manu Larcent
48 Seiten, farbig, 29 x 21 cm, Softcover; 12,- Euro
ISBN 978-3-938511-94-7
Leseprobe bei Reprodukt

sensibel-lustiges Comicabenteuer

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Abbildungen © dt. Ausgabe Reprodukt

Comic-Analyse

Comic-Analyse CoverDie Geschichte der Comic-Wissenschaft ist eine Geschichte vieler Missverständnisse. Sicherlich verdient jede Bemühung, diese Missverständnisse aufzuklären, zunächst einmal unser Lob, ohne dabei auf Onomatopoesie im Titel („Pow! Peng! Die Welt der Comics“) zurückzugreifen. Jabok F. Dittmar hat gerade einen solchen Versuch mit dem simplen Titel Comic-Analyse bei der UVK Verlagsgesellschaft veröffentlicht. Bereits auf dem Klappentext verspricht der Verlag „eine Systematisierung des Blicks auf den Comic“, was ja im Prinzip eine gute Sache ist, doch leider vollzieht Dittmar diesen Blick nicht ganz so systematisch wie angekündigt.

Im Vorwort widmet sich der Autor erst einmal der wichtigsten Aufgabe: Er beschreibt, was er alles nicht mit seinem Buch bewerkstelligen möchte. Es soll also nicht um die Unterschiede zwischen Manga und europäischen Comics gehen. Auch wird „keine weitere Geschichte des Comics“ geschrieben. Die schwer zu beantwortende Frage, ob Comics nun Kunst sind, wird ebenso ausgeklammert wie „der subjektive Umgang mit Quellen“. Im Zentrum des Buches soll vielmehr „eine umfassende gemeinsame Grundlage für die Analyse von allen Arten von Comics“ stehen. Wir dürfen uns also auf eine wissenschaftliche „Auseinandersetzung mit dieser Erzählform“ freuen.

Leider wählt Dittmar für seine „Auseinandersetzung“ einen recht ungewöhnlichen Einstieg; um die allgemein sehr unliebsame Frage der Definition von Comics zu umgehen, entscheidet sich der Autor dazu, auf zwanzig Seiten das Verhältnis von Comics zu anderen Medien zu beschreiben. Es werden verschiedene Trägermedien und Erscheinungsformen  (Zeitungsstrips, Comic-Hefte oder auch Graphic Novels) besprochen, zeitliche Abstände in der Rezeption von Comics hinterfragt und auf moderne Inkarnationen, wie den digitalen Comic, hingewiesen. Was Dittmar nachzeichnet ist aber nichts anderes als eine „weitere Geschichte des Comics“, die sich zwar unter dem Deckmantel der Medienoberservation präsentiert, aber dennoch eben nur eine historische Einordnung eines medialen Gegenstandes ist. In epischer Breite wird beschrieben, wie der Rahmen eines panels (dieses Wort taucht komischerweise das erste Mal auf Seite 68 auf) den Bildschirm eines Fernsehers simuliert. Wie soll aber eine „Systematisierung des Blicks“ beim Leser stattfinden, wenn der Autor mediale Diskurse führt, ohne zuvor die einzelnen Bestandteile eines Comics erläutert zu haben?

Obwohl der Titel des nächsten Kapitels eine Definition verspricht, wird zunächst mit Zitaten von Wissenschaftlern und Kritikern etwas über das Erzählen als solches gefachsimpelt. Interessant ist hier zu beobachten, welchen Stimmen Dittmar Gehör verschafft. Neben bekannten Namen von Comic-Künstlern wie Will Eisner und Scott McCloud kommen vor allem Filmwissenschaftler wie David Bordwell, Knut Hickethier und James Monaco zu Wort. Selbstverständlich treffen ihre allgemeinen Aussagen über das Erzählen den richtigen Ton, doch verwendet Dittmar die Aussagen selbiger Autoren auch als direkte Zitate in Bezug auf die genuine Form des Comics. Während er selbst auf die Unterschiede zwischen den einzelnen Medien hinweist, scheinen diese für ausgewählte Fachleute nicht zu gelten.

Neben den Diskursen über verschiedene Erzählformen vergisst der Autor beinahe, seinem Leser eine passable Definition zu bieten. Ganz unprominent lässt er wissen, was einen Comic ausmacht: „Comic ist eine Sequenz von Bildern oder Bildelementen, die einen Handlungsstrang oder Gedankenflug erzählen.“ Ohne genauer darauf einzugehen, werden Gegenpositionen negiert, werden über 30 Jahre alte Definitionen des Comics hervorgekramt und kritisiert und es wird über den Status von Sprechblasen lamentiert. Nach der Gegenüberstellung der einzelnen Positionen ist eine eigene Definition einfach unabdingbar.

Die beiden nachfolgenden Kapitel „Rahmen“ und „Bild“ erfüllen zum ersten Mal die Absicht des Autors und setzen sich interessant mit dem gut gewählten Bildmaterial auseinander. Form und Gestaltung von Rahmen und Bildern werden an Fallbeispielen durchdekliniert. Doch auch hier lässt sich Dittmar zu Aussagen hinreißen, die nicht ganz nachzuvollziehen sind:

„Text und Bild stehen in Ergänzung zueinander, beides sind Elemente der Erzählung, die gemeinsam die Narration tragen. Wo eine Konkurrenz zwischen beiden festzustellen ist, bedeutet das eine entsprechende kompositorische Schwäche des Comics.“

Eine solch eingeschränkte Sichtweise bietet sich nicht zur strukturellen Analyse von Comics an, sondern verbaut die Möglichkeit, ein Medium mit sich ständig erneuernder Systematik zu verstehen und entsprechend zu erläutern.

Seine teils sehr komplexen Kommentare und teils widersprüchlichen Aussagen ergänzt der Autor durch das Fachwissen bekannter Medienkritiker. Leider wirken die Zitate von Jan Assmann oder auch Susan Sonntag aus dem Zusammenhang gerissen und Dittmar selbst kann diese durch kurze ergänzenden Bemerkung nicht ausreichend in seine Argumentation einbauen, beispielsweise Sonntags Zitat aus ihrem bekannten Werk On Photography: „Jedes Darstellen hat eine ästhetische Wirkung, völlig unabhängig von den dabei festgehaltenen Themen und Handlungen.“ Selbstverständlich lässt sich Sonntag kaum widersprechen, doch schafft es Dittmar nicht, dieses Zitat homogen mit seinen Argumenten zu verbinden. Der Leser wird mit dem Ausspruch alleingelassen.

Während auch Meinungen von Künstlern sicherlich wichtige Beiträge zur Debatte über den Comic darstellen könnten, nutzt Dittmar die Kommentare von zu vielen verschiedenen Künstlern, wobei deren Beiträge im Gehalt variieren. So meint z.B. Zeichner Dave Gibbons zu Comics, die von Text nur so überlagert sind: „Wichtig ist, dass die Geschichte stimmungsvoll transportiert wird.“ Ein Allgemeinplatz, der das Projekt der „Systematisierung des Blicks“ nicht wirklich voranbringt, da Comic-Analyse ja kein „How to“-Buch sein soll.

Es ist vor allem die Unschärfe, die das ambitionierte Projekt nicht gut aussehen lässt. Über das „Lesen von Bildern“ von links nach rechts wird zwar in aller Breite referiert, doch fehlt ein kurzer Satz, der dem Leser zu verstehen gibt, dass in Ländern wie Japan die Leserichtung eben von unten nach oben und von rechts nach links verläuft. Diese Tatsache wird als Allgemeingut angenommen und immer wieder als Verweis an späteren Stellen benutzt. Fachbegriffe wie lettering werden erst drei Seiten nach der eigentlichen Diskussion über verschiedene Wirkungen von Schrifttypen im Comic genannt. An anderer Stelle attestiert Dittmar zu Beginn eines Unterkapitels: „Texte in Blasen sind Denk- oder Sprechakte und damit nicht Teil der Bilder selbst“, nur um seine Aussage zwei Seiten später wieder zu revidieren „[…] da die Texte beziehungsweise Textträger zu grafischen Elementen des Bildes geworden sind“. Eben an diesen scheinbaren Allgemeinplätzen und Widersprüchen scheitert das Projekt der „Systematisierung des Blicks auf Comics“.

Erst im Kapitel „Konstruktion der Narration“ gelingt es Dittmar, seinen geschärften Blick in ein System umzuwandeln und dieses auch dem Leser entsprechend näher zu bringen. Während viel zu oft darüber gefeilscht wird, wie viel Text und wie viel Bild im Comic erlaubt sei, kommen die wichtigen Fragen zur Sequenz im Comic sehr oft zu kurz. Der Autor nimmt die richtige Distanz zum Anschauungsmaterial ein und erläutert anhand von verschiedensten Modellen die Möglichkeiten von Variation und Wiederholung für die einzigartige Erzählweise des Comics. Um den Überblick abzurunden, werden selbstverständlich auch Aspekte wie Farbe, Stil, Genre und die Darstellung der Zeit im Medium untersucht. Diese Untersuchungen werden kurz und knapp, aber dennoch zur Genüge durchgeführt.

Auch wenn jede wissenschaftliche Publikation zum Medium Comic auf dem deutschen Markt per se ein Grund zur Freude ist, muss dennoch der Blick auf die Art und Weise, wie mit den bunten Bildern umgegangen wird, geschärft werden. Während Jakob Dittmar in Comic-Analyse den Leser einlädt, Comics genauer unter die Lupe zu nehmen, gerät leider die Übermittlungsarbeit aus dem Fokus. So verfährt Dittmar wie mit einer Lupe, die er unentwegt schnell an sein Anschauungsmaterial heranführt, nur um sie sofort wieder wegzuziehen. Obwohl der Autor im Text auf sehr aktuelle Sekundärquellen verweist – die aktuellste von 2006 -, würde man sich als Leser bei dem Projekt die Konkretheit eines Thierry Groensteen wünschen, der bereits vor einigen Jahren mit The System of Comics das Medium systematisch betrachtete.

 

Comic-Analyse
UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2008
Text: Jakob F. Dittmar
210 Seiten, schwarz-weiß, Softcover; 29,- Euro
ISBN: 978-3-86764-123-4
Inhaltsverzeichnis (PDF)
Leseprobe (PDF)

Comic-Wissenschaft aus dem Fokus geraten

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Bilder © UVK-Verlagsgesellschaft mbH


The Goon 1 – Krudes Zeug

Cover von The Goon 1Lange musste man hierzulande auf die Veröffentlichung der US-Kultreihe The Goon warten, die Björn bereits vor über zwei Jahren in unserem ersten Printmagazin als einen der Tipps für die einsame Insel vorgestellt hatte, nun liegt der erste Sammelband der bereits fünffach mit dem Eisner Award ausgezeichneten Serie auf Deutsch und in gewohnter Cross-Cult-Aufmachung im A5-Hardcover vor.

Auch wenn Autor und Zeichner Eric Powell in seinem Vorwort darauf verweist, dass er mit der hier abgedruckten Story, quasi dem Frühstadium seiner Arbeit an The Goon, wenig zufrieden ist, so hält bereits Band 1 eine Menge abgedrehte Ideen und ein durchaus respektables Niveau bereit.

Seite aus The Goon 1Der Goon, der titelgebende Protagonist von Powells Werk, ist ein grober Schlägertyp, dessen Merkmale die hervorstehenden Zähne und die charakteristische tiefgezogene Mütze sind. Mit seinem kleinen Kumpel Franky – der „Erdnusskopf“, wie ihn Powell selbst bezeichnet – steht dem Goon ein aufbrausender, irrer Gefährte zur Seite. Im Namen des berüchtigten Mafioso Labrazio prügeln sich die beiden durch die untoten Horden des Zombie-Priesters.

The Goon ist keine reine Monsterprügelei, die Dialoge, die Figuren, die Situationen, alles wird von Powell gekonnt ins Absurde gezogen. Gerade im Zusammenspiel mit dem Sidekick Franky erhält die Story eine weitere interessante Komponente und vertieft damit auch den einzigartigen Humor dieser Serie. Mit Versatzstücken aus Horror, Comedy und Crime ist The Goon schließlich mehr als nur die Summe einiger gut erdachter Ansätze, sondern weiß durch seine abgedrehte Eigenheit zu überzeugen.

Seite aus The Goon 1Powells „Krudes Zeug“ (das vom Verlag erst „Grobes Zeug“ genannt wurde, was der Grund dafür ist, dass manche Anbieter noch einen anderen Namen anzeigen) enthält die allererste dreiteilige Miniserie, die im Original damals nicht beim jetzigen Verlag Dark Horse, sondern noch bei Avatar Press erschien, außerdem einige Kurzgeschichten und weiteres Bonusmaterial (Interview, Skizzen). Wenn man dem Künstler selbst glauben darf, wird The Goon in den folgenden Geschichten immer besser, was angesichts des ersten Bandes, der auch schon recht gut gelungen ist, kaum auszumalen ist. Da scheint man sich als Leser ja auf richtig tolles Material freuen zu können.

 

The Goon 1: Krudes Zeug
Cross Cult, November 2008
Text und Zeichnungen: von Eric Powell
A5, Hardcover, vierfarbig, 100 Seiten;14,80 Euro
ISBN: 978-3-936480-94-8
Leseprobe online auf cross-cult.de

erfrischender Genremix

 

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The Goon © Eric Powell, Abbildungen der dt. Ausgabe © Cross Cult

Das Leben ist kein Ponyhof 4 – Vergebene Liebesmüh

 Wie geht das nochmal mit den Männern und den Frauen?
Elena versucht sich an einer Erklärung …

Update 12.12: Seiten 9 und 10: Die Folge ist komplett!


Eine Übersicht der Folgen sowie die Vorstellung der Hauptfiguren haben wir hier gesammelt.

Frische News: Sarah hat in Zusammenarbeit mit Sara Ryan eine Episode zum Flytrap-Zirkus beigetragen, welche sich momentan im Druck befindet. Mehr zu der guten Neuigkeit in Sarahs Blog!

Das Selbstexperiment

 Matthias Gnehms neuester Comicband ist ganz und gar nicht einfach zu goutieren, und noch schwerer ist es dann, das darin Enthaltene angemessen zu beschreiben. Denn der Züricher Autor und Zeichner hat sich mit Das Selbstexperiment ein immens vielschichtiges Verwirrspiel erdacht, mit dem er die Konzentration des Lesers aufs höchste fordert.

Den Hauptplot, wenn man so will, denn so ganz präzise lässt sich das nicht benennen, bildet die Geschichte von Frank Karrer, einem Wissenschaftler, der mittels Gehirnscans und Übertragungen neuronaler Muster einen Wirkstoff gegen Eifersucht synthetisierte. Seine Forschung wird durch das Auftreten von Claudia Fischer jäh unterbrochen und sein Leben ändert sich radikal, denn Claudia berichtet ihm von ihrem Comic „Geist“, den sie zusammen mit Zeichnerlegende Peter Röller entwickelte und der tatsächlich in der Lage sein soll, Bewusstsein zu erklären. Irgendwo zwischen den sensationellen Entdeckungen, die dieser Comic beinhalten soll, den Gehirnscans und den ineinanderlaufenden Bewusstseinszuständen aller Beteiligten verläuft sich Frank Karrers Existenz, und alles zusammen führt letztlich zu seinem Verschwinden. Einzig der kauzige Kommissar Hans Drechsler glaubt den Hergang dieses hochkomplexen Puzzles nachvollziehen zu können und versucht Karrers Weg zu rekonstruieren …

 Auf über 300 Seiten führt Das Selbstexperiment immer tiefer in eine unglaubliche Erzählung hinein. Hier entpuppt sich Matthias Gnehm als äußerst geschickter Autor, der wirklich nichts dem Zufall überlässt und auf akribischste Weise an sein Werk heran ging. Psychologische, biologische und technische, fachsprachliche Ausführungen sind für ihn die Ausgangslage des zugrunde liegenden Themas, und noch weitaus cleverer ist die rasante Wandlung zum wirklich spannenden Kriminalfall, dessen Auflösung durch praktiziertes Kombinieren und schlüssige Rückblenden aus diversen Perspektiven für den Leser aufbereitet wird. Was sich in der kurzen Inhaltsbeschreibung bereits kompliziert anhören mag, ist in Wahrheit noch weitaus schwieriger zu verstehen. Schließlich ist Gnehms Comic dermaßen verschachtelt und teilweise verstörend, dass wohl nur er selbst das Gesamtbild zu erkennen vermag.

Das liegt auch daran, dass man oftmals zwischen zwei Dingen nicht mehr sauber trennen kann, beispielsweise zwischen der Bewusstseinsebene und dem Comic, den man gerade liest. Klingt vielleicht seltsam, ist aber tatsächlich so. So lässt sich z.B. unter dem Schutzumschlag ein grünliche  Hardcoverband mit dem Namen „Geist“ von Peter Röller aus dem Josh Veits Verlag erblicken, der von außen also die perfekte Täuschung erzeugt. Sogar die Biografie des fiktiven Künstlers Peter Röller, sowie ein erfundenes Presseecho findet sich auf der Rückseite. Nur mit Schutzumschlag sieht man demnach äußerlich, dass man Gnehms Selbstexperiment in den Händen halt. Zudem kann man Passagen aus Röllers „Geist“ tatsächlich innerhalb des Buches finden, somit sind diese Comic-im-Comic-Stellen ein zusätzlich verkomplizierendes Element.

Letztendlich ist Matthias Gnehm ein grandioses Werk gelungen, ein s/w-Psychokrimi, der zuweilen geneigt ist sich dem Verständnis des Lesers zu entziehen, ihn mit seiner umwerfenden und tiefgehenden Erzählweise aber trotzdem am Ball bleiben lässt. So kommt es wie es kommen muss, und Das Selbstexperiment bekommt von mir als vielschichtiges Meisterwerk die nur sehr selten zugeteilte Comicgate-Höchstwertung. Definitiv handelt es sich dabei um einen der besten Comics der letzten Jahre.

 

Das Selbstexperiment
Edition Moderne, April 2008
Text und Zeichnungen: Matthias Gnehm
336 Seiten, s/w, Hardcover mit Schutzumschlag; 25.-
Euro
ISBN 978-3-03731-028-1
 

Kluges Comic-Meisterwerk

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Bildquelle: editionmoderne.ch

 

Das Wolkenvolk 1: Seide und Schwert – Wisperwind

 Mit dem ersten Band von Seide und Schwert betritt der vor zwei Jahren ins Leben gerufene Splitter Verlag Neuland: Nach vielen Lizenzausgaben französischer Comics legt er erstmals eine Eigenproduktion vor und folgt gleichzeitig dem aktuellen Trend, Stoffe zu adaptieren, die bereits als Roman erfolgreich waren. In diesem Fall handelt es sich um eine Adaption der Romantrilogie Das Wolkenvolk von Kai Meyer, einer Fantasygeschichte, die im mittelalterlichen China spielt.

Für das Skript, das den Roman in Comicform bringt, engagierte Splitter Yann Krehl, der bereits Erfahrung mit Büchern von Kai Meyer hat, denn er adaptierte auch Die Wellenläufer (ein Comicprojekt, das bei Ehapa letztlich gescheitert ist). Die Zeichnungen stammen vom Bielefelder Ralf Schlüter (Schattengänger). Für Tusche, Kolorierung und Lettering waren dann die Verlagsgründer selber zuständig: Horst Gotta, Dirk Schulz und Delia Wüllner-Schulz.

Mit der Wolkenvolk-Trilogie wollte Kai Meyer seine Faszination für Wuxia-Filme aus Hongkong verarbeiten, für Martial-Arts-Kino mit historischem Hintergrund. Wehende Gewänder, wirbelnde Schwerter und federleichte Kämpfer spielen deshalb eine zentrale Rolle. Die Hauptfigur in Seide und Schwert jedoch ist kein Chinese, sondern ein Fremder: Der junge Niccolo entstammt einem Volk, das über den Lüften schwebt und auf einer fliegenden Insel lebt. Am Himmel gehalten wird diese Insel durch den Atem der Drachen, den sogenannten Aether. Doch die Drachen wurden lange nicht mehr gesehen und so geht dem Wolkenvolk praktisch der Sprit aus. Niccolo wird ausgesandt, um auf der Erde, in China, nach Spuren von Drachen zu suchen. Dort trifft er bald auf eine junge Frau namens Nugua, die als Kind von Drachen großgezogen wurde. Auch sie weiß nichts über deren Verbleib, will Niccolo aber auf der Suche helfen. Als dritter im Bunde gesellt sich Feiqing zu ihnen, der auch gleich den komischen Sidekick gibt. Er steckt in einem Drachenkostüm und sieht ein bisschen aus wie das uneheliche Kind von Goofy und Elliot, dem Schmunzelmonster.

 Eine klassische Queste also, das altbekannte Fantasy-Konzept, bei dem weite Strecken zurückgelegt, Gefahren überwunden und Gegner ausgeschaltet werden müssen. Die spektakulärsten Gegner in diesem ersten Band sind die Raunen, im Wald lebende Baumgeister, die ziemlich ungemütlich werden können und die im Verlauf der Handlung sicher noch eine Rolle spielen werden.

Da das Album mit seinen 68 Comicseiten keine ganze Geschichte erzählt, sondern nur das erste Sechstel davon, ist es naturgemäß erstmal damit beschäftigt, die Figuren einzuführen und die Welt, in der die Story spielt, vorzustellen. Die Handlung kommt im ersten Band noch nicht richtig in Fahrt, aber die Einführung in das Setting gelingt sehr gut. Man kann der Geschichte problemlos folgen, ohne die Buchvorlage zu kennen, das flüssige Storytelling führt den Leser mit Leichtigkeit durch den Band. Ralf Schlüters Zeichnungen orientieren sich, passend zum Verlagsprofil, an klassischen frankobelgischen Vorbildern und kommen im großen Albenformat sehr gut zur Geltung. Nicht jedes Panel ist gleich gut gelungen, vor allem bei Gesichtszügen der Charaktere schwankt die Qualität. Voll überzeugend wirken die Zeichnungen aber immer dann, wenn in großen Totalen die Handlungsorte eingefangen werden, wie zum Beispiel die Wolkeninsel. Auch für Actionszenen hat Schlüter ein gutes Händchen. Das Charakterdesign sowohl der Drachen als auch der finsteren Raunen ist sehr gut gelungen, und auch der Schwertkampf am Ende des Albums macht richtig Spaß. Wie Kai Meyer in seinem Nachwort andeutet, wird die Geschichte nach einem eher ruhigen Auftakt noch actionreicher werden, so dass die Stärken des Zeichners in den Folgebänden wohl noch besser zur Geltung kommen werden.

 Der erste Band schafft es auf jeden Fall, Interesse für diese Welt und ihre Charaktere zu wecken, und wie gesagt spricht manches dafür, dass in den nächsten Ausgaben visuell noch mehr geboten wird. Schließlich ist es vor allem die visuelle Komponente, die eine (inhaltlich sehr vorlagentreue) Comicadaption vom Original unterscheidet und ihr Berechtigung verleiht.

Die komplette Wolkenvolk-Serie wird es in zwei Varianten geben: Zum einen in der Albenversion, bei der jeweils zwei Alben den Inhalt eines Romans umfassen. Die Alben erscheinen in Splitters „Collector's Edition“, enthalten also neben dem üblichen Hardcover-Einband und dem großen Format zusätzlich noch einen Druck auf edlem Papier. Daneben wird es auch eine Variante im Buchformat geben, die jeweils zwei Alben im kleineren Format zu einem etwas günstigeren Preis enthält. Die Buchausgabe von Seide und Schwert soll, zeitgleich mit dem zweiten Album, im April 2009 erscheinen.


Das Wolkenvolk 1: Seide und Schwert. Erstes Buch: Wisperwind
Splitter Verlag, Oktober 2008
nach den Romanen von Kai Meyer
Textadaption: Yann Krehl
Zeichnungen: Ralf Schlüter
Hardcover; vierfarbig; 72 Seiten
inkl. Druck; 15,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-99-5

Vielversprechender Auftakt, der noch Steigerungspotential hat

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Bildquelle: splitter-verlag.de

Pitt Pistol Gesamtausgabe

Cover Gesamtausgabe Pitt PistolMit der Pitt Pistol-Gesamtausgabe bietet sich Comiclesern jetzt die Gelegenheit, sich einen echten Klassiker in einem sehr schön gestalteten Buch komplett zuzulegen. Pitt Pistol ist die Comicserie, die die erste längere Zusammenarbeit von René Goscinny und Albert Uderzo – einige Jahre, bevor die beiden den legendären Kulthit Asterix entwickelten und über lange Zeit betreuen sollten.

Der Band enthält fünf Geschichten, womit sich alle je erschienenen Abenteuer von Pitt Pistol vorfinden und am Stück lesen lassen, wobei es sich bei der fünften Story „Der verrückte Erfinder“ nicht wie bei den vier anderen um ein reguläres Comicalbum handelt, sondern um eine Kurzgeschichte. Vorangestellt enthält die Ehapa-Gesamtausgabe ein Vorwort von Horst Berner, in dem u.a. auch die undurchsichtige Veröffentlichungshistorie der Serie nochmals aufbereitet wird, sowie ein Vorwort von Albert Uderzo, dem Zeichner der Serie, der nochmal einen persönlichen Einblick in sein Frühwerk gewährt.

Pitt Pistol ist ein Piratencomic, der im Frankreich des 18. Jahrhunderts spielt. Zu jener Zeit startet der etwas naive Rotschopf Pitt Pistol in eine neue Herausforderung, er kauft sich das heruntergekommene Schiff „Seestern“, trommelt eine illustre Crew (bestehend aus seinen Freunden) zusammen und schickt sich an, in Freiheit die Weltmeere zu bereisen. Und tatsächlich wird der anfänglich von Unglück und Ungeschick geprägte Startversuch unverhofft honoriert, denn Pitt Pistol wird zum Korsar des Königs ernannt und nimmt fortan Aufträge im Namen seiner Hoheit entgegen.

Cover Pitt Pistol – Der unglaubliche KorsarGerade bei der ersten Geschichte „Der unglaubliche Korsar“ wird deutlich, dass Goscinny und Uderzo ihren kreativen Höhepunkt noch längst nicht erreicht hatten. Zu Beginn ist die Erzählung sogar ein Stück weit ernsthafter, in Richtung Abenteuer gestaltet; dazu passt auch, dass Uderzo sich an einem flächigeren und detaillierteren Stil versucht und Pitt Pistol selbst relativ erwachsen aussehen lässt. Diese frühen Züge erfahren aber schon bald eine sichtbare Veränderung, denn innerhalb der weiteren Geschichten verändert sich die Handlung immer mehr zum klugen Gagfeuerwerk und auch die Optik wird immer cartooniger. Am Ende der Gesamtausgabe scheinen immer deutlicher die Parallelen zum späteren Werk Asterix durch, Klischees des Piraten-Genres werden humorvoll bedient, die Figuren besetzen feste Rollen innerhalb der Erzähldynamik.

In den 50-er Jahren entstanden, ist Pitt Pistol sicherlich nicht auf dem Niveau der besten Asterix-Bände, weswegen die Reihe wohl auch nie die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wird. Allerdings bietet sich mit Goscinnys und Uderzos Frühwerk ein durchaus reizvolles Comicerlebnis. Es sind gute Geschichten, die zu lesen sich auf jeden Fall lohnt. Wer Asterix mag, wird auch an Pitt Pistol Gefallen finden, aber auch wer die Einzelbände von Pitt Pistol besitzt, sollte sich diese sehenswerte Gesamtausgabe mal ansehen, denn das Hardcover in Lederoptik ist ein wirklich schönes Schmuckstück für's Sammlerregal.

 

Pitt Pistol Gesamtausgabe
Ehapa Comic Collection, September 2008
Text: René Goscinny
Zeichnungen: Albert Uderzo

HC, farbig, 224 Seiten; 29,95 Euro
ISBN 978-3-7704-3220-2

 

Klassiker in hübscher Aufmachung

 

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Abbildungen © dt. Ausgabe 2008 Ehapa Comic Collection

 

Muchacho

Cover MuchachoUm es gleich vorweg zu sagen: Eine erstklassige Graphic Novel! Emmanuel Lepage hat nicht nur ein außergewöhnliches Thema aufgegriffen, sondern auch eine fantastische Erzählweise gefunden. Muchacho erzählt die Geschichte des jungen angehenden Priesters Gabriel im revolutionären Nicaragua von 1976, kurz vor dem Umsturz der Diktatur des Familienclans der Somozas und dem Sieg der Sandinisten 1979. Gabriel de la Serna stammt selber aus einer der Familien, die dem Somoza-Regime nahe stehen. In ein Dorf geschickt, um in der dortigen Kirche ein Wandbild zu malen, wird er mit dem prallen Leben der einfachen Menschen konfrontiert: verführerische Frauen, Träume und Hoffnungen der Dorfbewohner, Repression durch die Guardia Somozas und die heimliche Organisation des gewaltsamen Widerstands.
Bis das Dorf von der Guardia niedergebrannt wird, ist schon vieles passiert. Als Gabriel in den Dschungel flüchten muss und sich einer Gruppe von Guerilleros anschließt, trägt er schon seine eigene Vergangenheit in die verschworene Truppe hinein. Viel mehr möchte ich der Erzählung nicht vorweg greifen. Sie ist nur ein einziges Mal abgeschmackt (das billige Stilmittel, den kleinen Hund eines Kindes von einem Soldaten tot treten zu lassen, banalisiert die systematischen Gräueltaten des Regimes). Ansonsten entwickelt Lepage kaum vorhersehbare Wendungen und überrascht mit einzigartigen Momenten. Lesen und Betrachten werden zum Genuss, die Story zieht unversehens in den Bann.

Beispielseite aus MuchachoEine Vielzahl an Lebensthemen finden in Muchacho ihren wohlklingenden Resonanzkörper: Liebe und Entbehrung, Versagen und Schuld, Heldentum und Widerstand, Sexualität und gesellschaftliche Vorbehalte, Privilegien und der Kampf um eine bessere Gesellschaft, Kunst und Lebenswirklichkeit, Männerfreundschaften und das Erwachsenwerden. Lepage verbindet und verdichtet diese Elemente zu einer packenden Erzählung, die kenntnisreich in die Geschichte Nicaraguas eingebettet ist. Man merkt, dass dem Zeichner Lepage Nicaragua und seine Menschen bestens vertraut sind. Auf raffinierte Weise bindet er unterschiedliche Sichtweisen auf die Bewertung der Revolution ein, nie durch wortlastige Dialoge (etwa durch die Einwürfe des gefangenen Soldaten), manchmal nur durch die Wendung der Story oder durch markante Persönlichkeiten und ihrem Schicksal (etwa „Comandante“ Buenaventura). Und so reihen sich faszinierende Höhepunkte aneinander, getragen von herrlich verdichteten Szenerien wie die Widerstandsszene gegen die Guardia Somozas in der Kirche im Dschungeldorf San Juan und viele weitere.

Ausschnitt aus MuchachoKoloriert ist „Muchacho“ in gedeckten Farben, die abwechslungsreich getragene Momente nachdenklich einfangen und aufreibende Handlungsstränge packend vorantreiben. Eine tiefere Ebene des Persönlichen und des Religiösen öffnet sich dem aufmerksamen Leser durch raffinierte Akzente beim Zeichnen bestimmter Elemente, aber es soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

Meine persönlichen – wirklich kleinen – Wermutstropfen sind zwei: Zum einen erfährt der Leser vom Künstler Lepage kaum mehr als den Nachnamen. Zum anderen spielt im ersten Teil des Comics ein Wandbild in der Kirche eine bedeutende Rolle. Das Bild zieht seine magische und provokative Kraft aus Gabriels Eintauchen in die Lebenswelt der kleinen Leute und teils aus bedrohlichen Konfrontationen. Bedauerlicherweise wird das Bild nur in Fragmenten gezeigt. Als gespannter Leser hätte ich mir sehr gewünscht, es über eine ganze Seite und vollständig dargestellt zu finden.

Muchacho empfehle ich daher allen, die in schwierigen Umständen lieben, allen, die um Gerechtigkeit ringen, aber nicht immer Helden sind, jedem, der nach Nicaragua reisen möchte und allen, die sich an eindrucksvollen Bildern berauschen können und eine wirkliche gute Erzählung nicht versäumen möchten.

Muchacho
Carlsen Comics, Juni 2008
Text und Zeichnungen: Emmanuel Lepage
168 Seiten, farbig, Hardcover; 24,90 Euro
ISBN: 978-3551776556

eine beeindruckende Erzählung

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Bilder © dt. Ausgabe 2008 Carlsen Comics