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12 Gründe, dich zu lieben

 Jamie S. Rich war fünf Jahre lang Chefredakteur beim kleinen aber sehr feinen Independent-Comicverlag, Oni Press und hatte zuvor auch als Redakteur bei Dark Horse und anderen US-Verlagen gearbeitet. Gelegentlich tritt er auch als Autor in Erscheinung. Der erste seiner Comics, der auf deutsch erscheint, ist 12 Gründe, dich zu lieben. Wie der Titel schon andeutet, handelt es sich um eine romantische Liebesgeschichte. Wer aber eine kitschige Schnulze erwartet, liegt weit daneben …

Erzählt wird von der Beziehung zweier junger Großstädter, Gwen und Evan. In zwölf Kapiteln erfahren wir vom Auf und Ab ihrer Liebe: Das erste Date, die Schwierigkeiten und Unsicherheiten beim Kennenlernen, der erste Jahrestag, Eifersucht, Missverständnisse, und die Tatsache, dass jeder Teil eines Liebespaares auch eine Vorgeschichte hat. Der Comic kommt dabei ohne erklärende Texte eines Erzählers aus und verlässt sich auf Bilder und Dialoge. Die reichen aus, damit sich der Leser mit der Zeit ein Bild davon verschaffen kann, wie Evan und Gwen ticken. Einige der Kapitel fallen formal etwas aus dem Rahmen: Zeichnerin Joelle Jones variiert dann ihren Stil, sie verlässt die herkömmliche Seitenarchitektur und anstelle von Zwiegesprächen gibt es Monologe – mal von Gwen, mal von Evan.

 Der erzählerische Kniff an der Geschichte: Die Kapitel sind nicht chronologisch angeordnet, sondern springen scheinbar zufällig in der Zeit hin und her. Dadurch ist man als Leser gezwungen, selbständig Lücken zu füllen und das Geschehen für sich in eine Reihenfolge zu bringen. Das gibt dem Comic eine zusätzliche Ebene und erhöht den Lesespaß. Auch dass auch der Blickwinkel, aus dem erzählt wird, immer wieder wechselt, trägt dazu bei. Und irgendwie fühlt sich das an wie im echten Leben, wenn man das Liebesleben befreundeter Paare verfolgt: Denn auch dort bekommt man nicht lückenlos alles mit, erfährt manche Details aus der einen und manche aus der anderen Perspektive, manche sofort, andere erst viel später.

Die Zeichnungen von Joelle Jones arbeiten mit harten Schwarz-Weiß-Kontrasten und wirken sehr schwungvoll und dynamisch. Im Grunde passen sie perfekt zur Story: Nicht zu süßlich, sehr eigenständig, aber trotzdem leicht zugänglich.

 Wie schon erwähnt, ist das keine kitschige Lovestory, an deren Ende die Verliebten schmachtend in den Sonnenuntergang schreiten und sich gegenseitig für Märchenprinz und -prinzessin halten. 12 Gründe, dich zu lieben steht mit beiden Beinen im echten Leben und ist dabei auf eine sehr angenehme Art romantisch. Liebe ist hier nichts, was wie eine Sternschnuppe vom Himmel fällt, sondern ein Gefühl, an dem man gemeinsam täglich arbeiten muss. Was am Ende aus Gwen und Evan wird, bleibt offen und ist der Phantasie des Lesers überlassen.

Die deutsche Ausgabe erscheint beim Eidalon-Label Modern Tales, wo man den Comics seit Kurzem eine noch  hochwertigere Verpackung spendiert. Kompaktes Format, Hardcover-Einband und drumherum ein Schutzumschlag – das gefällt. Als Bonus gibt's noch ein Interview mit Autor und Zeichnerin.

12 Gründe, dich zu lieben
Modern Tales/Eidalon, Juli 2008
Text: Jamie S. Rich
Zeichnungen: Joëlle Jones
Hardcover; schwarz-weiß; 160 Seiten;
16,00 Euro
ISBN: 978-3-939585-11-4

 

Angenehm geerdete Lovestory

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Bildquelle: presse.eidalon.de

Sonne und Mond 1-3

 Es beginnt mit einem Arschloch. Gleich im allerersten Panel dieses Manhwas bekommen wir den Hinterausgang eines Pferdes zu sehen sowie das, was dort rauskommt. Ein bezeichnender Auftakt, denn Kwan Gaya schert sich einen Dreck um Konventionen. Sein Epos Sonne und Mond, das in drei Teilen bei Shodoku, dem Asien-Label von Schreiber & Leser, erschienen ist, passt in keine Schublade. Es verwendet zwar reichlich Klischees und Versatzstücke aus diversen Genres, setzt diese aber so dreist zusammen, dass etwas völlig Eigenständiges entsteht.

Die Hauptfigur von Sonne und Mond ist Baik Il Hong, ein bescheidener Fischerjunge, der eigentlich gar nicht zum Helden taugt. Völlig passiv tapert er durch die Gegend, will einfach nur in Ruhe gelassen werden und schläft auch mal zwischendurch ein, selbst wenn um ihn herum gerade gefürchtete Kopfgeldjäger mit dem gegenseitigen Abschlachten beschäftigt sind.

Sonne und Mond spielt in einem mittelalterlichen Asien, in einer Welt, in der drei rivalisierende Kriegerclans um die Vormachtstellung kämpfen. Einer der gefürchtetsten Krieger, Baik Bi, ist gestorben, und wie wir bald erfahren, ist unsere schluffige Hauptfigur Baik Il Hong dessen Sohn. Dank der guten Gene hat er die Gabe, sämtliche Krieger, die ihm ans Leder wollen, mit Leichtigkeit zu besiegen. Er selbst bekommt davon nur wenig mit, denn er hat nur Augen für Nang Lang, seine große Liebe. Nachdem Nang Lang bei einem Kampf tödlich verwundet wird, stellt Il Hong sein normales Leben ein: Still trauernd harrt er neben seiner toten Freundin aus, isst nichts, wäscht sich nicht. Stattdessen sinniert er über Leben und Tod, über Gott und die Welt und über das geistige Erbe seines Vaters. Und währenddessen tobt um ihn herum weiter der Kampf zwischen den verschiedenen Brüderschaften.

Seite aus Band 1 Was Kwan Gaya hier vorlegt, ist eine wilde Mischung. Im Vordergrund steht zunächst mal Action: Der erste Band strotzt vor Kampfszenen, eine Action-Einlage jagt die nächste, die Speedlines peitschen nur so über die Seiten. Aufgelockert wird die Action mit einem kruden Humor, der gerne mal auf Pipi- und Kacka-Ebene stattfindet. Nur selten gibt es auch ruhige Momente: Wortlose Panels, in denen geschwiegen und einfach nur eine Stimmung vermittelt wird.

Man kann jeden Leser verstehen, der nach dem ersten Band keine Lust mehr auf eine Fortsetzung verspürt, zumal die Story durch ständige Szenen- und Perspektivwechsel auch noch schwer zu verfolgen ist. Wer jedoch dranbleibt und zum zweiten Band greift, wird belohnt: Die Geschichte gewinnt deutlich an Tiefe, Il Hongs unglückliche Liebesbeziehung spielt eine tragende Rolle. Vermehrt gibt es philosophische Betrachtungen über den Sinn des Lebens, die durch stimmungsvolle Bilder begleitet werden. Und trotzdem gibt es weiterhin absurden Humor und reichlich Martial-Arts-Action. Der Autor fährt dabei ein großes (manchmal auch verwirrendes) Arsenal von Charakteren auf, die alle an typische Genrefiguren erinnern. Und doch hat jede Figur ihren eigenen Charme, ihren besonderen Touch, ihren speziellen Sprung in der Schüssel.

 Action, Philosophie und Humor: Zu einer homogenen Einheit wollen diese Elemente am Ende nicht recht zusammenfinden, und trotzdem ist man als Leser mit der Zeit fasziniert von Kwan Gayas eigenwilliger Mixtur. Sonne und Mond macht Spaß, wenn man sich darauf einlässt. Und wenn man damit leben kann, dass man bei manchen Szenen einfach nur „Hä?“ sagen kann. Wer im unübersichtlichen Angebot an Comics aus Fernost nach außergewöhnlicher Kost sucht, sollte hier zugreifen. Diese Serie war eine der ersten, die Schreiber & Leser unter dem Shodoku-Label gestartet hat, und man muss den Verlag loben, dass er die Reihe komplett veröffentlicht hat, auch wenn die Verkaufszahlen zunächst nicht so sonnig aussahen. Das kleine Detail, dass jeder der drei Bände auf einer anderen Papiersorte gedruckt ist, kann man getrost verschmerzen.

Sonne und Mond, Band 1 bis 3
Shodoku/Schreiber & Leser
Text und Zeichnungen: Kwan Gaya
Softcover; schwarz-weiß; jeweils ca. 300 Seiten;
14,95 Euro

 

Höchst eigenwilliger Genre-Mix

Band 1: ISBN 978-3-937102-47-4

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Band 2: ISBN 978-3-937102-56-6

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Band 3: ISBN 978-3-937102-78-8

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Bildquelle: schreiberundleser.de

Träume von Glück

Cover Träume von GlückTräume von Glück stammt aus der Schaffenszeit, in der Jiro Taniguchi hauptsächlich alltägliche Themen aufgreift und sie in einem ruhigen Erzählstil darbietet. Inhaltlich fasst Träume von Glück fünf recht unterschiedliche Kurzgeschichten zusammen: Die ersten vier Kurzgeschichten handeln von einer Familie und ihrem Umgang zuerst mit einem Hund, dann mit Katzen und später einer Verwandten, wobei in dieser letzten Geschichte die Katzen kaum noch eine Rolle spielen.

Die erste Kurzgeschichte erzählt die Leidens- und Sterbensgeschichte von Tamu, dem Hund eines kinder- und namenlosen Ehepaares. Die überbordend innige Zuwendung zu Tamu in seinen letzten Wochen erscheint mir stets als Parabel, wie man in der Familie oder Hospizarbeit Menschen auf ihrem letzten Gang begleiten sollte. Taniguchi selber spielt diese Bedeutungsdimension in die Erzählung hinein, indem er zweimal direkt Vergleiche und Erwägungen zu Tod und Sterben von alten Menschen aussprechen lässt. Das bringt zum Nachdenken über Tod und Sterben und bietet durch die anrührende Sorge des Paares für Tamu zugleich ein Vorbild für humanes Handeln an.

Seite aus Träume von GlückEinen sich nicht aufdrängenden Verweis muss ich noch enthüllen: Dasselbe Paar (auch Hund Tamu fehlt nicht und ist noch ein kräftiger Bursche) taucht in dem zwei Jahre später gezeichneten, aber chronologisch früher spielenden Band Die Sicht der Dinge (dt. bei Carlsen, 02/2008) wieder auf. In diesem Comic hatten Streitereien mit seinem verstorbenen Vater dazu geführt, dass Yoichi (hier haben beide Eheleute Namen) das Sterben seines Vaters ignoriert hat und bei der Totenwache zur Einsicht kommt, dass er seinem Vater Unrecht getan hat. Die aufopfernde Sterbebegleitung an Hund Tamu erscheint vor diesem Hintergrund in einem ganz anderen Licht.

Bei den beiden nächsten Kurzgeschichten – nach dem Tod des Hundes – über die Katzen fehlt eine solche Tiefendimension an Deutung, die Alltäglichkeit ist mit Händen zu greifen. Die Abenteuer bestehen darin, dass die Katze schwanger wird und dass die Familie entscheiden muss, wie viele Kätzchen sie weggeben darf, ohne lieblos zu sein. Zugegeben, diese Geschichten langweilten mich, auch weil der Umgang mit Katzen im fernen und kulturell angeblich so ganz anderen Japan mir den Eindruck vermittelten, ich würde ins Wohnzimmer katzenfanatischer, ältlicher Nachbarinnen hier in Deutschland kiebitzen. Deren Leben würde auch als Comic nicht aufregender. Die Darstellungsform im ruhigen und beschaulichen Stil ist ansprechend, aber irgendwie fehlte mir die Story, die des Erzählens lohnt. Die durchgängig liebevolle Harmonie im Umgang mit Mensch und Tier entzieht den Buchseiten doch eine Menge Spannung, auch wenn Schwierigkeiten beim Koten und Urinieren wiederholt in tabuloser Offenheit dargestellt werden.

Tiefsinniger werden die vier Kurzgeschichten erst, wenn man sie wie Short Stories im alten Stil liest. Dann erzählen sie nämlich das eigentliche Thema der Geschichte nicht im Vordergründigen, sondern in ihrer Tiefendimension. Tatsächlich verbindet alle vier Kurzgeschichten als Thema die Einsamkeit des kinderlosen Paares und ihre Sehnsucht, in irgendeiner Form für andere da zu sein. Dann findet dieses menschliche Bedürfnis nach gebender Zuwendung seine Entsprechung in der Aufopferung für den sterbenden Hund Tamu, für die Katzenmutter Boro und ihre Kleinen (das Gegenteil des kinderlosen Paares, das die Kleinen weggeben soll, weil vier ausgewachsene Katzen zuviel Arbeit machen würden!) und schließlich in der Begegnung mit ihrer 12-jährigen Nichte Aki. Diese Geschichte heißt bezeichnenderweise „Tage zu dritt“ – die Tiere im Haus werden nicht mehr mitgerechnet. Aki ist weggelaufen, weil ihre alleinstehende Mutter ihre Einsamkeit bei einem neuen Freund verliert und Aki mit der neuen Situation nicht zurecht kommt. Deshalb sucht sie Zuflucht bei unserem kinderlosen Paar. Auf diese Weise erschlossen, drehen sich alle Geschichten hintergründig und mit immer neuen Facetten um die Themen Einsamkeit, Fürsorge und Zuwendung. Allerdings fehlen den Taniguchi-Geschichten die Spannung, dramatic irony und aufreibende Überraschungsmomente, die für englische Short Stories typisch sind …

Seite aus Träume von GlückDie fünfte und letzte Geschichte fällt aus dem jetzt gezeichneten Rahmen ganz heraus. Sie ist abenteuerlich und beschreibt einen halsbrecherischen Himalayaaufstieg, der chronologisch ein Vorausblick auf Wanderer im Eis (dt. bei Schreiber und Leser, 10/2006) sein könnte. Mit den anderen Geschichten ist diese Geschichte nur lose dadurch verknüpft, dass darin auch ein Tier, ein Schneeleopard, eine zentrale Rolle bekommt.

Jiro Taniguchi ist ein renommierter und in Japan und Frankreich bekannter Mangaka, im Geschäft seit 1972, seit 1974 preisgekrönt. Träume von Glück ist der 3. Band in der Carlsen Edition zu Jiro Taniguchi. Die erste Graphic Novel bei Carlsen Vertraute Fremde (1998 gezeichnet, 2007 auf Deutsch erschienen) ist 2008 denn auch zum Comic des Jahres gekürt worden – eine lange Zeit, bis ein guter Comic es schafft, in die deutsche Sprache überzusiedeln. Der zweite Band bei Carlsen ist Die Sicht der Dinge (1994), das hier besprochene dritte Buch Träume von Glück stammt im Original aus dem Jahr 1992. Bekannt ist Taniguchi auch durch Werke beim Verlag Leser & Schreiber wie Der Wanderer im Eis (2004), Gipfel der Götter (2000) und Die Stadt und das Mädchen (1999) (die Jahreszahlen geben das Entstehungsdatum des japanischen Originals an).

Fazit: Mich hat es leider nicht gepackt, Tierfreunde vielleicht!

Träume von Glück
Carlsen Comics, Juni 2008
Text/Zeichnungen: Jiro Taniguchi
177 Seiten, Softcover, s/w; 14,- Euro
ISBN: 978-3551776594

Mich hat es leider nicht gepackt!

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Abbildungen © der dt. Ausgabe: Carlsen Comics

Ich bin Legion

Ich bin Legion CoverDer Comic-Verlag Cross Cult schaltete sich diesen November in den internationalen Dialog zwischen Frankreich und USA ein und brachte mit der Gesamtausgabe von Ich bin Legion einen äußerst blutigen Weltkriegscomic auf den deutschen Markt. Gestützt wird Fabien Nurys Erzählung über politische Intrigen und übernatürliche Phänomene während des Zweiten Weltkrieges durch den hyperrealistischen Zeichenstil des zweifachen Eisner-Award-Gewinners („Bester Zeichner/Tuscher“ 2004 und 2005) John Cassaday.

Die Geschichte von Ich bin Legion – der Titel  leitet sich von einem Ausspruch aus dem Markus-Evangelium ab – trägt sich während des Zweiten Weltkrieges zu. Die Ausgangsituation entspricht den historischen Gegebenheiten.

Dezember 1942: Nazideutschland sieht sich den Alliierten Truppen gegenüber und forscht deshalb nach übernatürlichen Geheimprojekten, die die Vorzeichen zugunsten von Hitlers Armee drehen sollen.

Blutige IntrigenEines dieser Projekte findet in Rumänien statt und trägt den Codenamen Legion. Dort arbeitet der deutsche Offizier Rudolf Heyzig mit Hilfe eines Mädchens mit übernatürlichen Kräften an einer Methode, für Hitler Supersoldaten zu erschaffen. Doch Rumänien bleibt nicht der einzige Schauplatz dieses mystischen Stoffes in historischem Gewand. Der Leser folgt den Ermittlungen von Inspektor Stanley Pilgrim, einem Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes, der mysteriöse Morde in England aufdecken soll, bei denen die Täter blutleer am Schauplatz verenden, während die Opfer plötzlich mit neuer Agenda in ganz Europa ihre Kreise ziehen. Doch jeder weitere Mord zieht Pilgrim weiter in politische Machenschaften hinein.

Der Herr fragte den Mann:“Wie heißt du?“
  Er antwortete: „Mein Name ist Legion. Denn wir sind viele.“
  Markus Evangelium 5,9.

Ich Bin Legion entstand aus einer transatlantischen Allianz zwischen den zwei Comic-Großmächten Frankreich und USA, deren Beziehungen der freie Redakteur Stefan Pannor im Anhang des Comics interessant aufarbeitet. Der Zeichner John Cassaday, der in Amerika durch Titel wie Astonishing X-Men und Planetary bekannt wurde, fertigte die Zeichnungen für das Szenario des französischen Autors Fabien Nury an. So erschien 2005 der dreibändige Comic beim französischen Traditionsverlag Les Humanoides Associes, dem Verleger des berühmten SciFi-Magazins Metal Húrlant.

Obwohl Nury für sein Szenario eine recht konventionelle Erzählweise verwendet, gewinnt  der Plot des mysteriösen Weltkriegskrimis durch raschen Wechsel der Schauplätze und immer neue Perspektiven seine Komplexität. So bleibt der Fokus selten mehr als fünf Seiten auf einer der vielen Parallelhandlungen. Die Stärke des Comics liegt eben in den Brüchen zwischen den einzelnen Erzählpassagen, die immer wieder das Interesse wecken und den Leser auffordern, die Lücken zwischen den einzelnen Handlungen zu ergänzen. Erst gegen Ende des Comics beginnen sich die losen Enden zusammenzufügen.

GesichterWährend Nurys fantastische Geschichte den Leser dazu auffordert, sich auf ein Intrigenspiel zwischen den Supermächten einzulassen, gewährt Cassaday durch seine hyperrealistischen Darstellungen zunächst wenig Einblicke in die Psyche der Figuren; Gesichter wirken wie Fassaden, die erst nach eingehender Betrachtung allmählich Informationen preisgeben. Durch das Vorenthalten von Hinweisen fügt sich Cassadays Zeichenstil passgenau in das Verwirrspiel von Nury ein. Während langsam erste Verbindungsmöglichkeiten zwischen den Plotelementen im Comic aufgedeckt werden, beginnen auch Cassadays Figuren unweigerlich mehr über sich zu verraten. So lassen sich Falten, die zuvor als unwichtige Details der hyperrealistischen Darstellung abgetan wurden, auf Handlungselemente zurückführen. Der Leser muss sich nicht nur auf die Geschichte konzentrieren, sondern auch genau auf die exzellent dargestellte Mimik der multiplen Protagonisten achten. Während es vielen Figuren, wie z.B. Winston Churchill, bis zum Ende gelingt, ihre Fassade zu wahren, kann man förmlich sehen, wie andere sich ein letztes Mal gewalttätig aufbäumen, bevor sie endgültig zusammenbrechen.

ActionsequenzenWenn man Ich bin Legion ein kleines Manko unterstellen möchte, dann ist dies sicherlich die Darstellung der Actionsequenzen, die durch überdimensionale Panels zwar bewusst in Szene gesetzt werden, doch durch ihre Präsenz ihre ganze Dynamik verlieren. Leider nehmen diese Szenen ab der zweiten Hälfte des Comics zu, da die Figuren nach der Preisgabe ihrer Informationen sich nur noch durch nackte Gewalt zu helfen wissen. Auch der Grad der Brutalität steigert sich, weshalb Cross Cult den Comic ganz zu Recht nur für ein Publikum über 16 Jahren empfiehlt.

Das faszinierende Comicalbum Ich bin Legion lädt den Leser auf eine ideenreiche Reise durch das Europa des Zweiten Weltkriegs ein und gewährt ihm dabei sowohl Einblick in das Machtgefüge der Geheimdienste als auch in übernatürliche Phänomene dieser Zeit. Die graphischen Eigenheiten von Zeichner John Cassaday fügen sich passgenau in das Skript von Fabien Nury ein. Gerade wegen der noch nicht vollends ausgeschöpften Darstellung der Actionszenen schreit der Comic förmlich nach einer Verfilmung, für die Cassaday bereits im Gespräch sein soll. Das neue Comicalbum aus dem Hause Cross Cult liegt zudem gut in der Hand, sieht nicht nur im Regal ansprechend aus und wird durch Stefan Pannors Aufsatz über die „Transatlantische Allianzen“ zwischen Amerika und Frankreich angemessen abgerundet.


Ich bin Legion
Cross Cult, November 2008
Text: Fabien Nury
Zeichnungen: John Cassaday
Hardcover; vierfarbig; 176 Seiten; 26,00 Euro
ISBN: 978-3-936480-66-5
Leseprobe 

hyperrealistischer Zweiter-Weltkriegscomic

 

 

 

 

 

 

 

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Bildquelle und © Abbildungen: cross-cult.de


Comicgeschenkideen 2008

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Weihnachtsmann
von David Füleki

Ihr wollt gerne Comics verschenken, wisst aber noch nicht genau, welche?
Wie schon in den vergangenen Jahren, so haben wir in der Redaktion wieder Ideen für diesen Zweck gesammelt: 17 aktuelle Comics oder -serien, zielgruppengerecht (von „Comicnerd“ bis „egal wer“) aufgearbeitet, empfehlen wir als Geschenke für den weihnachtlichen Gabentisch.
Und vielleicht entdeckt Ihr ja auch noch was Schönes für Euch selber…

Die 2005-er Tipps findet Ihr übrigens hier, die Ideen von 2006 hier.

Die Comics werden diesmal empfohlen von Christopher Bünte (cb), Stefan Dinter (sd), Thomas Kögel (tk), Frauke Pfeiffer (fp), Andreas Völlinger (av) und Daniel Wüllner (dw).


Der zu Beschenkende ist …

… kein Kind:

Mouse Guard 1Mouse Guard 1 – Herbst 1152
von David Petersen
Cross Cult
24,90 Euro
ISBN: 978-3936480559

Wahrscheinlich war ich nicht der Einzige, der mit der Stirn gerunzelt hat, als Mouse Guard für den Max-und-Moritz-Preis 2008 in der Kategorie Bester Comic für Kinder nominiert wurde. Der Comic ist klasse, aber für Kinder ist er nur bedingt geeignet. Die düstere Geschichte über die Mäusewache und ihre Abenteuer ist eher etwas für Jugendliche und älteres Publikum. Da treiben finstere Verräter ihr Unwesen im Mäusereich des Jahres 1152, gute Freunde lassen ihr Leben und die drei tapferen Mäusekrieger Lieam, Kenzie und Saxon bemühen sich mit aller Kraft, das Schlimmste zu verhindern. Grafisch außerordentlich anspruchsvolle Fantasy von dem Newcomer David Petersen, originell, mit durchgängig toller Atmosphäre und in edler Aufmachung, so dass der Band sich gut unterm Weihnachtsbaum macht. cb
[Rezension bei Comicgate]

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… ein Freund des neueren neuen französischen Comics:

Abenteuer von Vincent van GoghDie wundersamen Abenteuer von Vincent van Gogh: An vorderster Front
von Manu Larcenet
Reprodukt
12,- Euro
ISBN: 978-3938511947

Den neuen französischen Comic (nouvelle bande dessinée) gibt es nun schon seit über zehn Jahren und während dessen treibende Kräfte, wie Lewis Trondheim oder auch Joan Sfar, noch immer im Geschäft sind, erscheinen bereits neuere Gesichter auf der Bildfläche. Einer dieser Zeichner/Autoren ist Manu Larcenet, der als Zeichner von Comics wie Donjon Parade, Die Rückkehr aufs Land oder auch die Kosmonauten der Zukunft graphisch auf sich aufmerksam macht. Doch sein wirkliches Potential zeigt der junge Franzose erst in den Comics, die er auch selbst geschrieben hat: Wie bereits in seinem vor kurzem abgeschlossenen Vierteiler Der Alltägliche Kampf gelingt es Larcenet auch in Die wundersamen Abenteuer von Vincent van Gogh: An vorderster Front seine farbenfrohen Bilder und seine schiefnasigen Figuren mit der ganzen Tragweite der menschlichen Leidens zu belasten. Es ist gerade der Zwiespalt zwischen Trauer und Leid, zwischen Freude und Verlust, der die Comics von Larcenet mit Leben erfüllt und sie so zu einem unvergesslichen Leseerlebnis macht. dw
[Rezension bei Comicgate]

a1 a2

… frischgebackene(r) Mama/Papa oder auf dem besten Weg dorthin:

Raues SittenRaues Sitten
von Leo Leowald
Reprodukt
12 Euro
ISBN: 978-3938511862

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Mythos MuttiMythos Mutti
von Ingrid Sabisch
Schwarzer Turm
6 Euro
ISBN: 978-3934167421

Eigentlich ein perfektes Doppelpack für Paare: Während Leo Leowald in Raues Sitten von seinen ersten beiden Jahren als Vater erzählt, hat Ingrid Sabisch für Mythos Mutti das erste Jahr mit ihrem Sohn aus weiblicher Perspektive illustriert. So unterschiedlich der Stil der beiden sein mag, gemein ist ihnen die gesunde Portion Selbstironie, mit der sie die Höhen und Tiefen des Elternlebens jenseits vom unerträglichen „Ach-wie-niedlich“-Zuckerguss herkömmlicher Geschenkbücher beschreiben. Diese Comics werden Jungeltern mit Sicherheit den einen oder anderen Schmunzler und „Das kenn ich!“-Ausruf bescheren. av

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… ein Comicfan, der auch hinter die Kulissen blicken will:

Comic-Jahrbuch 2009Comic-Jahrbuch 2009
herausgegeben von Burkhard Ihme
ICOM – Interessenverband Comic e.V.
15,25 Euro
ISBN:

Wieder vollgestopft mit jeder Menge Wissen zum Thema Comics ist das aktuelle Jahrbuch des ICOMs, das im Oktober erschien. Die drei ausführlichsten Artikel behandeln „Comics von rechts“, „Graphic Novels“ und „Comic-Blogs“, dazu kommen noch jede Menge kürzere Beiträge, Interviews und Markteinblicke (Übersicht und Leseprobe). Selten erhält man für sein Geld so viel, so interessanten und so gut gestalteten Lesestoff wie hier. fp

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… jemand, der den Begriff „Graphic Novel“ nicht mehr hören kann:

Or Else 5Or Else 5 (englisch)
von Kevin Huizenga
Drawn & Quarterly
4,95 US-Dollar
ISBN: 978-1897299814

Betrachtet man den Comicmarkt in Deutschland, dann stellt man fest, dass hierzulande scheinbar auf jedem Comic der Aufkleber „Graphic Novel“ nicht mehr fehlen darf, damit sich das Produkt auch gut verkauft. In Amerika hingegen gibt es Autoren wie Kevin Huizenga, der mit seiner kleinen Minicomicserie Or Else den Pfad der Graphic Novel verlassen hat und den Leser in sein ganz privates Kuriositätenkabinett einlädt. Der aktuelle Band 5, erschienen im Oktober 2008, enthält eine persönliche Remineszenz (“Turtle Visit“), eine Auflistung von unwichtigen Persönlichkeiten (“The 100 Most People in America“), einen Bericht über Spinnen (“Spiders“), eine Umfrage (“How are we spending our Tuesday?“) und natürlich noch die Titelgeschichte (“Rumbling“). Erwartet man bei der post-apokalyptischen Titelgeschichte, die Huizengas Allerweltsmann Glenn Ganges als Protagonisten hat, eine zusammenhängende, sich selbst erläuternde Erzählung, so enttäuscht Huizenga auch hier den Leser. Mit seiner Anti-Graphic Novel Or Else gelingt es Huizenga auf wundervoll simple Art und Weise die bleischwere Ernsthaftigkeit, welche die Graphic Novel umgibt, einmal vergessen zu machen und erlaubt dem Leser einfach nur Freude an irrwitzigen, graphischen Erzählungen zu haben. dw

Or Else bei Drawn & Quarterly

… ein Superhelden- oder „Heroes“-Fan:

Rising Stars CompendiumRising Stars Compendium (englisch; HC erscheint am 15.12.08, SC am 29.12.08)
von J. Michael Straczynski, Fiona Avery und Brent Anderson
Image Comics
Softcover: 59,99 US-Dollar
Hardcover: 99,99 US-Dollar
ISBN: 978-1607060321

Rising Stars, von Babylon 5-Autor J. Michael Straczynski erdacht, gilt als eine der Inspirationsquellen für die TV-Serie Heroes. 1999 erschien die erste Ausgabe über 113 Menschen, die mit ungewöhnlichen „Kräften“ auf die Welt kommen. Wie die Gesellschaft auf sie reagiert, wie sie mit ihren Fähigkeiten und mit den normalen Menschen sowie Ihresgleichen umgehen, dass sich jeder anders verhält – der eine versteckt seine Besonderheit, der andere nutzt sie oder nutzt sie aus -, davon erzählt Rising Stars. Inklusive Highlander-Touch. Alle erschienenen Hefte sowie die drei Spin Offs, geschrieben von  Straczynskis Schützling Fiona Avery, sind in diesem Hardcoversammelband vereinigt.  Über 1000 Seiten – kompletter geht's nicht. Und wem die Preise doch etwas happig erscheinen sollte, der kann sich das gute Stück ja selber zu Weihnachten schenken. Achtung: Da dieses Kompendium schon vor über einem Jahr angekündigt wurde, sollte man das Erscheinungsdatum allerdings mit Vorsicht genießen.  fp

  Softcover:    Hardcover:
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… ein Hellboy-Fan:

Hellboy Animated Schwert der Stürme Hellboy Animated: „Schwert der Stürme“, „Blut & Eisen“ (DVDs, deutsch)
Sony Pictures Home Entertainment
jeweils 17,95 Euro

Wenn man Comics mag, ist der Weg zum Trickfilm nicht mehr weit. Schon seit Jahrzehnten flimmert Animiertes über den Bildschirm, das häufig so kommerziell ausgerichtet ist, dass schon im nächsten Jahr kein Hahn mehr danach kräht. Mit den beiden Hellboy-Animated-Folgen „Schwert der Stürme“ und „Blut & Eisen“ ist etwas mit einer längeren Halbwertszeit gelungen. Mignola und del Toro haben höchstpersönlich mitgearbeitet, dazu kommen die Originalstimmen und der Originalsound aus den Kinofilmen. Zwar ist die Animation aufs Fernsehen ausgerichtet, das heißt eher mittelmäßig und nicht mit Pixar zu vergleichen, aber dafür stimmen die Atmosphäre und die Story. Zweimal gucken fällt überhaupt nicht schwer. Wer den roten Höllenjungen mag, wird an diesen beiden Filmen seinen Spaß haben. cb

Schwert der Stürme:

Blut & Eisen:

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… ein Indie-Nerd:

Daniel und OlegDaniel & Oleg – Du weißt, ich weiß
von René Roggman und Olli Ferreira
Zwerchfell/Jackpot Baby
10,- Euro
ISBN: 978-3928387828

Der Mitbewohner, der ständig die heißesten neuen Acts bei MySpace sucht, damit er die Band noch in ganz kleinen Clubs sehen kann, bevor sie“zu bekannt“ werden. Der Kumpel, der sich für den größten Kenner der lokalen und globalen Musikszene kennt. Der Typ, der die Farbe seiner extrem hippen Schuhe exakt auf seine aktuelle Frisur abstimmt. Ihnen allen sollte man Daniel & Oleg schenken, und wenn sie ein bisschen Humor haben, werden sie darin sehr viel über sich selbst zu lachen haben. tk
[Rezension bei Comicgate]

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… ein echter Seebär:

Isaak der Pirat 5Isaak, der Pirat 5 – Jacques
von Christophe Blain
Reprodukt
12,- Euro
ISBN: 978-3938511633

Mit „Jacques“ hat der französische Zeichner Christophe Blain (Das Getriebe, Gus), Anfang dieses Jahres den fünften Teil seiner Seemannsgarns Isaak, der Pirat auf Deutsch bei Reprodukt nachgelegt. Blain erzählt die Abenteuer des Malers Isaak nach klassischem Muster der französischen Comicalben. Was Blain jedoch seinen Zeitgenossen voraus hat, ist die glaubhafte Sinnlichkeit, die er mit seinen Bildern transportiert. Sowohl der Kampf auf Leben und Tod als auch der ausschweifende Geschlechtsverkehr der Piraten werden nicht verschwiegen oder glorifiziert, sondern in all seiner Pracht dem Publikum präsentiert. Um den Seemannsabend perfekt abzurunden, ist das Album „Picaresque“ von The Decemberists als Soundtrack für diese Comicreihe zu empfehlen. dw

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… ein Bergbegeisterter:

Gipfel der Götter 1Gipfel der Götter 1-5
von Baku Yumemakura und Jiro Taniguchi
Schreiber und Leser
jeweils 16,95 Euro
ISBN Band 1: 978-3937102719

Mit dem fünfbändigen Manga-Epos Gipfel der Götter legen Baku Yumemakura und Zeichner Jiro Taniguchi ein meisterhaft erzähltes Bergsteiger-Drama vor. Die Geschichte um einen Fotografen auf den Spuren eines japanischen Extrembergsteigers ist spannend wie ein Krimi und bietet tiefgehende Charakterzeichnungen ebenso wie bildgewaltige und enorm fesselnde Szenen bei waghalsigen alpinen Expeditionen, in denen es um Leben und Tod geht. Dank Taniguchis Zeichnungen auch bestens für Leser geeignet, die Manga sonst eher meiden. tk
[Rezension Band 1 bei Comicgate]

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… ein Conan- und Thorgal-Fan:

RedhandRedhand
von Kurt Busiek und Mario Alberti
Cross Cult
12,80 Euro

Geschichten, in denen archaische Fantasy und Science-Fiction miteinander vermischt werden, gefallen mir normalerweise nicht so gut. Eine große Ausnahme in der Comic-Welt ist Thorgal, eine andere die (unbekanntere) dreiteilige Miniserie Redhand von Kurt Busiek und Mario Alberti. Im Grunde ist es Conan: Schwertkämpfer, mächtige Götter, rohe Magie, soziale Untertöne. Die Geschichte spielt Jahrhunderte nach der Apokalypse einer hochentwickelten Zivilisation, von der nur noch einige Überreste zurückgeblieben sind. Hier und da sieht der Leser Relikte aus einer längst vergangenen Zeit, unverständlich für die Menschen des Hier und Heute, die wieder mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen. Und mittendrin: Redhand, ein künstlicher Mensch, Superkämpfer, rätselhafter Widergänger zwischen der Welt von Heute und von Gestern. Solide, leicht erzählte Story, wahnsinnig tolles Artwork, gute Aufmachung, fairer Preis. Band 2 ist im Oktober erschienen. cb
[Rezension Band 1 bei Comicgate]

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… ein  postmoderner Pulp-Fan mit Hirn:

The Middle Man The Collected Series IndispensabilityThe Middle Man: The Collected Series Indispensability (englisch)
von Javier Grillo-Marxuach und Les McClaine
Viper Comics
14,99 Euro

Wendy Watson studiert Kunst, hat einen McJob, und trifft – den Middle Man. Der nun wieder arbeitet für eine Geheimorganisation, die die Welt vor Monstern, oberbösen Lucha Libre Kung Fu Wrestlern und Affen, die sich dem organisierten Verbrechen verschrieben haben, schützt.  Da wird es niemanden verwundern, dass Wendy die Assistentin des Middle Man wird. Von Javier Grillo-Marxuach auf mehreren Metaebenen manisch geschrieben und vom leider hierzulande fast komplett unbekannten Les (Jonny Crossbones) McClaine großartigst straight gezeichnet, ist The Middle Man ein wunderbarer Abenteuercomic alter Schule, der Fans des frühen Hellboy genauso erfreuen wird wie Cognoscenti von Paul Dini und Bruce Timms Batman Adventures. sd

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… ein Fußballfan:

Kai Falke 1Kai Falke 1: Kai und die Pablitos
von Raymond Reding und Francoise Hugues
Salleck Publications
12,90 Euro
ISBN Band 1: 978-3899082692

Den Klassiker des Fußballcomics, in den späten 1970ern für kurze Zeit im ZACK-Magazin veröffentlicht, gibt es jetzt in einer schnieken Hardcover-Neuauflage inklusive Handlettering und neuer Übersetzung. Nostalgiker werden Salti schlagen angesichts der Schlaghosen und kultigen Frisuren, den Auftritten realer Fußballprofis und den mit viel Detailliebe gezeichneten Fußballarenen. Und da laut Verlag die kompletten 16 Bände um die Abenteuer des jungen und dennoch weißgelockten Fußballprofis Kai beim FC Barcelona erscheinen (Band 2 ist bereits draußen), sind die Geschenkideen für die kommenden Jahre gesichert. av

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SchalkeSchalke – Helden von ganz unten: 1904-1954
von Michael Vogt
KonturBlau Verlag
12,- Euro
ISBN: 978-3939565048

Sollte als weihnachtliche Gabe für Anhänger der blau-weißen Knappen in allen Altersklassen ein absoluter Selbstläufer sein. In sieben Episoden beleuchtet Michael Vogt mit charmantem Zeichenstrich die ersten fünfzig Jahre des Arbeitervereins aus dem Ruhrgebiet: Von den Leiden des jungen Ernst Cuzorra über die Entstehung des legendären Schalker Kreisels bis zum ersten Spiel nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer zuviel Geld übrig hat, kann damit natürlich auch neidische Borussen ärgern, die ohne so einen feinen Vereinscomic leben müssen. av

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… ein comichistorisch interessierter Freund, dessen Coffee-Table verstärkte Beine hat:

Kirby – King of ComicsKirby – King of Comics (englisch)
von Mark Evanier
Abrams
28,99 Euro

Wer auch immer sich mit amerikanischen Superhelden und ihrer Geschichte beschäftigt, wird um einen Mann nicht herumkommen: Jakob Kurtzberg, aka Jack Kirby; und es will Wunder nehmen, dass es bis zum April diesen Jahres dauerte, bis eine adäquate Monografie über dieses ikonische und ikonografische Schwergewicht erschien. Mark Evanier hat sich seine süße Zeit damit gelassen, und ein Buch veröffentlicht, dass Fans von Kirby Tränen der Freude in die Augen treiben wird – und Lesern, die Kirby nicht kennen, mit seinen großformatigen Reproduktionen von des Comickönigs Zeichnungen eine Ahnung davon gibt, was an Kinetik, Überschwang und purer Schaffensfreude auf einer simplen Comicseite geschehen kann. Ich persönlich würde es allein wegen der Fotos von Kirbys Arbeitsplatz in den Ispizen kaufen, die restlichen 200 Seiten sind ein willkommener und wohlrecherchierter Bonus. sd

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… egal wer:

Kleiner Thor 1Kleiner Thor 1 und 2
von Patrick Wirbeleit und Kim Schmidt
Tokyopop
je 6,50 Euro
ISBN: 978-3867190299 und 978-3867190305

Es fing mit Bone an – Tokyopop streifte sein zu eng gewordenes Hemd des Mangaverlags ab. Mit der zweiteiligen Miniserie Kleiner Thor, dazu noch eine deutsche Eigenproduktion, zeigt der junge Verlag erneut sein gutes Händchen für einen westlich anmutenden Comic, der Klein und Groß begeistern kann. Patrick Wirbeleits Geschichte basiert auf den nordischen Göttersagen; die Hauptfigur ist Thor, der von seinem Vater Odin aus pädagogischen Gründen zu den Menschen geschickt wird. Der missmutige kleine Gott deckt während dieser Zeit eine Verschwörung auf und versucht daraufhin, seine Familie und die anderen Bewohner von Asgard zu retten. Kim Schmidt schafft es mit lockerem Strich, der zuweiligen an KNAX erinnert,  eine große Menge an Personen individuell zu gestalten und die Wikingerzeit auferstehen zu lassen. Charmant, kurzweilig, unverkrampft und doch respektvoll seinen Figuren gegenüber kommt Kleiner Thor daher, und der Spaß, den die beiden Künstler hatten, springt einem auf jeder Seite entgegen. fp

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 Abbildungen © die jeweiligen Künstler und Verlage


Interview mit Max (OmU)

Max beim Interview in Erlangen Die Comicwelt ist manchmal größer als man denkt. Aus diesem Grund hat es auch etwas länger gedauert, bis dieses Interview endlich fertig gestellt wurde. Nach einem kurzen Treffen auf der Frankfurter Buchmesse 2007 und dem Termin beim Comic-Salon in Erlangen 2008 erscheint nun endlich das Interview mit dem spanischen Comickünstler Max (alias Francesc Capdevila), der seit den 70er Jahren Europa mit seinen Comics bereichert. Er erklärt Comicgate, wie man unter dem Regime von Franco Comics veröffentlicht und durch Comics mit streng katholischer Erziehung fertig wird.

Wir bieten Euch das Interview im Original auf Englisch und übersetzt auf Deutsch an.

Für das Originalinterview bitte hier klicken – please click here for the English version.

EspiaSueños Comicgate: Max, du bist Comic-Künstler, du arbeitest als Illustrator, du gestaltest Cover für CDs und dann bist auch noch Verleger. Würdest du dennoch sagen, dass Comics dein Hauptbetätigungsfeld sind?

Max: Ja, Comics sind auf jeden Fall mein Hauptinteresse. Nur leider kann ich nicht die ganze Zeit an meinen Comics arbeiten.

CG: Was nimmt dann die meiste Zeit ein?

Max: Viel Zeit verbringe ich damit, als Illustrator zu arbeiten, denn damit verdiene ich mein Geld. Mit Comics lässt sich sicherlich nicht so viel Geld verdienen.

CG: Dennoch hast du ursprünglich als Comic-Künstler angefangen. Als du gerade mal 17 Jahre alt warst, hast du dich der Comic-Gruppe “El Rrollo enmascarado“ angeschlossen. Hast du damals irgendeine Art von künstlerischer Ausbildung genossen?

Max: Nein, damals gab es keine Ausbildung zum Comic-Zeichner oder etwas dergleichen. Ich habe als kleiner Junge schon immer Comics geschrieben und gezeichnet. Für mich war das also etwas Natürliches. Als ich dann die Leute von “El Rrollo” getroffen haben und sie mir die Comics von Robert Crumb zeigten, da war klar: „Oh ja! Genau das will ich machen!“

“El Rrollo enmascarado“ bestand aus einem Haufen Leute in Barcelona, die so um 1973 anfingen Comics zu zeichnen. Da Spanien damals noch vom Diktator Franco regiert wurde, mussten die Comics heimlich gedruckt und verkauft werden.

Gustavo contra la actividad del radio, 1982 CG: In den 70ern Comics zu zeichnen, hieß unter Francos Regime zu arbeiten. Kannst du kurz beschreiben, wie die Szene damals aussah?

Max: Ja, natürlich gab es damals schon eine Comicszene. Aber es wurden hauptsächlich Kinder- und Abenteuercomics verlegt. Viele talentierte Künstler arbeiteten aber für den europäischen oder auch den amerikanischen Markt. Spanische Comics wurden zensiert, was es unmöglich machte über Themen wie Politik, Religion und Sex zu schreiben. Erst meine Generation begann damit zu brechen. Inspiriert durch die amerikanischen Independent-Comics beschäftigten wir uns in unseren Comics mit eben diesen Tabus. Einige von uns mussten sogar vor Gericht; man warf uns Obszönität vor. Erst als Franco 1975 starb, entstanden kulturelle Explosionen in allen Feldern gleichzeitig. Dieser Moment war einfach großartig, man hatte das Gefühl, alles sei möglich! Ein paar Jahre lang konnte man wirklich alles machen; jeder war offen für alles Neue, Alternative und Experimentelle. Comics spielten damals eine wichtige Rolle; 1979 entstand diese neue Szene und mitten drin das monatliche Magazin El Víbora. Dort waren wirklich alle alternativen Comickünstler Spaniens vertreten. Das war die erste Renaissance der Comics nach dem Bürgerkrieg.

CG: Wie kamst du dann auf die Idee, mit Nostros somos los muertos deine eigene Anthologie herauszugeben?

Monólogo y alucinación del gigante blanco, 1996 Max: Die 80er waren super, aber gegen Ende des Jahrzehnts begann alles zusammenzubrechen. In den Neunzigern gab es dann fast gar nichts. Deshalb habe ich mir überlegt, was dagegen zu tun. Ich folgte dem Beispiel der französischen Künstler von L'Association, obwohl es sich schwer vergleichen lässt: Wir waren keine Gemeinschaft, keine Gruppe wie sie. Es gab am Anfang nur mich und Pere Joan. Deshalb haben wir uns zur Aufgabe gemacht, die Werke unserer Kollegen zu präsentieren, die nicht in der Lage waren, ihre Arbeiten zu veröffentlichen, Wir mussten Spanien einfach die Comics dieser Künstler zeigen, die man sonst nicht sehen konnte.

CG: Künstler wie Mattotti?

Max: Nein, Mattotti war zu dieser Zeit bereits sehr bekannt in Spanien. Ich meine eher Künstler wie Julie Doucet, Chris Ware und David B. Wir waren die ersten, die ihre Comics in Spanien veröffentlichten.

CG: Neben deiner Arbeit im Comicbereich, hast du gesagt, dass Illustrationen den Künstler am Leben erhalten. Du hast viele Illustrationen gemacht, zum Beispiel eine Werbekampagne für Swatch, aber du hast auch das neue Maskottchen für den Fußballclub FC Barcelona kreiert. Wurdest du speziell dafür von den Offiziellen des Klubs ausgesucht oder wie hat man sich diesen Prozess vorzustellen?

Max: Der Verein hat damals einen kleinen Wettbewerb ausgerufen. Dazu haben sie sich drei Illustratoren ausgesucht und ich habe am Ende gewonnen. Ich bin gegen zwei gute Bekannte von mir angetreten: Einer der beiden war der Graphik-Designer Peret und der andere war Jordi Labanda, der angesagteste Illustrator in Spanien zu der Zeit.

Bardín, Cover der englischen Ausgabe CG: Dann kannst Du diesen Job ja sicherlich als Erfolg verbuchen, als Wertschätzung deiner Fertigkeiten als Künstler? Wenn du jetzt auf dein ganzes Werk zurückblickst, würdest du es als Entwicklung bezeichnen, an deren Ende Bardín der Superrealist als Höhepunkt steht?

Max: Obwohl ich sehr stolz auf meine Arbeit bin, würde ich sicherlich nicht von einem Höhepunkt meiner Fähigkeiten sprechen. Ich klettere immer weiter. Dennoch steht Bardín für eine ganz wichtige Phase in meinem Leben als Künstler. In den Neunzigern habe ich größtenteils als Verleger gearbeitet, nicht als Künstler; Bardín hat das geändert. Auf einmal zeichnet Max wieder Comics. Man kann den Band also eher als mein persönliches Comeback sehen. Das einzige Buch, das ich in den Neunzigern noch gestaltet habe, war Der lange Traum des Herrn T. – habe ich das richtig ausgesprochen? – und dann hat es zehn Jahre gebraucht bis ich Bardín gemacht habe. Ich war sehr zufrieden mit der großen Resonanz.

CG: Bardín ist eine Sammlung von kürzeren Episoden; hast du die vor der Erscheinung des Comics anderswo veröffentlicht?

Max: Ich habe Bardín an den verschiedensten Stellen veröffentlicht. Immer wenn mich jemand gefragt hat, ob ich nicht etwas für ihn machen könnte, ist eine kleine Bardín-Geschichte draus geworden. Aus diesem Grund erschienen die einzelnen Geschichten in Comicmagazinen, in Anthologien und manchmal auch in der Tageszeitung.

CG: Lass uns ein bisschen über die Hommage an Dalí, Buñuel and Magritte in Bardín reden. Wie bist du darauf gekommen  Spielst du schon länger mit der Idee des Surrealismus, die ja sehr präsent in dem Comic ist? Glaubst du, dass der Surrealismus zurückkommt oder das wir etwas Ähnliches zu erwarten haben, das seinen Platz einnimmt?

Seite aus Bardín, spanische Ausgabe Max: Nein, ich glaube, dass es Surrealismus schon immer gab, selbst bevor es einen Begriff dafür gab. Wenn man sich die Kunstgeschichte einmal anguckt, dann wird man zu jeder Zeit komisches, abgedrehtes Zeug finden. Den Surrealisten ist es während der Jahrhundertwende nur gelungen, dem ganzen einen Namen zu geben und eine Theorie dazu anzufertigen. Aber das Gefühl, die Wahrheit der Menschheit durch Träume auszudrücken, diesen automatischen Weg des Schreibens, das gab es schon immer. Selbstverständlich waren sie nur in der Lage eine Theorie aufzustellen, da es auch die Zeit von Sigmund Freud war, die Zeit der Psychoanalyse. Die Entdeckung der Untiefen des menschlichen Gehirns hat zu diesen Gedanken geführt.

CG: Wenn wir schon über Träume sprechen, müssen wir noch einmal auf deinen Comic zu sprechen kommen, der ja voll von Träumen, aber auch von Alpträumen, ist. In der deutschen Ausgabe von Bardín der Superrealist haben sie dich sogar den neuen Winsor McCay genannt.

Max: Wer hat das gesagt?

CG: Hier steht es, im Vorwort der Reprodukt-Ausgabe.

Max: Oh Mann, dass wusste ich ja gar nicht!

Peter Pank, 1985 CG: Ich werde es dir übersetzen: “[…] hat der spanische Comiczeichner Max eine moderne Version von Winsor McCays legendärem Traumbuch The Rarebit Fiend veröffentlicht”. In McCays Comics wurden diese Träume, die wilden Alpträume, meist durch den Verzehr von warmem Käsetoast hervorgerufen. Gab es bei dir einen ähnlichen Katalysator für deine Träume?

Max: Nein, nein, nein … all diese Träume sind ja nicht meine, die sind nur ausgedacht. Aber die Atmosphäre, die Träume bieten, erlaubt es mir, die Realität aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Diese Technik habe ich schon immer benutzt, auch in der Zeit von Peter Pank. Peter Pank handelt eigentlich von den jungen städtischen Banden zu dieser Zeit in Spanien. Aber die Geschichten spielten nicht in einem städtischen Umfeld, sondern fanden im Dschungel statt. Das mag irgendwie komisch wirken, aber ich wollte die Dinge immer aus der absoluten Realität herausnehmen und sie in ein ganz anderes Setting setzen, damit man einen neuen Blickwinkel dafür bekommt. Aus diesem Grund benutzte ich auch die Träume. So kann dieses verrückte Zeug dennoch als Kritik am echten Leben verstanden werden.

CG: Wie sieht es dann mit anderen Themen in Bardín aus, die du ganz explizit beim Namen nennst, wie zum Beispiel die Religion? Ist das jetzt dein neues Thema, oder hast du dich bereits länger damit beschäftigt?

Max: Das kommt ohne Umwege aus meiner Kindheit. Ich habe eine verfickt katholische Ausbildung während Francos Regime genießen dürfen. Man kann sich das heute wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Aber es war ziemlich fies! Das hier ist meine Rache, mein Weg damit klar zu kommen.

Die tollen Hefte 27: Ein Hund ... CG: Wir haben bisher viel über Spanien gesprochen; siehst du dich eigentlich selbst als spanischen Künstler oder würdest du die Bezeichnung katalanischer Künstler bevorzugen? Du wurdest ja auch noch zur Ausstellung Masters of European comic artists eingeladen. Macht dich das dann nicht automatisch zum europäischen Künstler?

Max: Um dir die Wahrheit zu sagen, fühle ich mich nirgendwo zugehörig, außer vielleicht zu Barcelona, der Stadt, in der ich zur Welt kam und Mallorca, dem Ort, an dem ich seit 24 Jahre lebe. Ich fühle mich mehr mit Orten verbunden anstatt mit einem besonderen Gefühl, das man in Deutschland wohl „Heimat“ nennen würde. Dennoch ist meine kulturelle Heimat auf eine Art schon Katalonien und ich drücke mich selbst auf Katalan aus. Aus diesem Grund gehöre ich wohl mehr zur katalanischen Kultur als zu jeder anderen. Aber das schreibe ich mir nicht auf irgendeine Fahne.

CG: Du wurdest dieses Jahr als Dozent zum deutsch-französischen Zeichner-Seminar nach Erlangen eingeladen. Sprichst du überhaupt Französisch?

El prolongado sueño del Sr. T Max: Ja ich spreche zwar schon Französisch, aber vielleicht sollten sie demnächst den Namen des Seminars ändern. Es hat auf jeden Fall riesigen Spaß gemacht, mit diesen aufstrebenden Künstlern zusammenzuarbeiten.

CG: Was würdest du selbst als deinen größten Erfolg bezeichnen?

Max: Eine meiner Zeichnungen hat es einmal auf das Cover des New Yorker geschafft. Eigentlich waren es zwei Cover, aber diese Jobs sind wirklich sehr schwer zu kriegen. Ich glaube, das Magazin existiert seit 1921 oder so was, und seitdem waren nur die besten Illustratoren auf dem Cover dieses wöchentlichen Magazins. Erst seit kurzem sind Comic-Künstler dort regelmäßiger vertreten. Für mich war es wie die Besteigung des Olymps der Illustration!

CG: Úna ultima pregunta, por favor: Könntest du uns verraten, was du zur Zeit so liest? Welche Comics würdest du unseren Lesern empfehlen?

Totentanz Jukebox Max: Ich lese immer noch die Comics der Leute am liebsten, die ich auch früher schon gerne mochte; diese ganze Generation der amerikanischen Independent-Künstler: Robert Crumb, Art Spiegelman, Charles Burns und Chester Brown. In Europa mag ich die Arbeit von David B, er ist mein persönlicher Favorit, und Christophe Blain. In Deutschland habe ich gleich eine ganze Liste von Favoriten: Angefangen bei Hendrik Dorgathen, der ein sehr guter Freund von mir ist, bis hin zu Anke Feuchtenberger. Wenn man es mal genau betrachtet, haben wir die alle in Nosotros somos los muertos veröffentlicht. Markus Hubers Werk (auch Lehrer am diesjährigen Comicseminar in Erlangen) ist sehr interessant und Thomas Otts Stil ist einfach wundervoll. Ich halte die deutsche Independent-Comicszene gerade für stärker als die französische. Ich habe auf jeden Fall mehr Favoriten hier als in Frankreich.

CG: Das hört sich ja wirklich sehr positiv an, denn obwohl wir mit Wilhelm Busch zwar einen der Comicpioniere haben, sah es in den vergangen Jahre nicht so gut um die deutsche Comiclandschaft bestellt aus, verglichen mit Nationen wie Frankreich. Schön zu hören, dass du deutsche Comics wieder auf der Landkarte hast. Blicken wir noch einen Augenblick in die Zukunft. An was für Projekten arbeitest Du gerade?

Max: Ich arbeite gerade an einem neuen Bardín-Buch, aber das wird wahrscheinlich noch ein ganzes Jahr auf sich warten lassen. Ich habe bereits das gesamte Skript im Kopf, jetzt muss ich nur noch mit dem Zeichnen anfangen.

Daniel und Max beim Interview in Erlangen CG: Hoffentlich werden wir das dann auch bald in Deutschland zu sehen bekommen.

Max. Ich denke schon, dass die Jungs von Reprodukt daran interessiert sein werden, das zu veröffentlichen.

CG: Dann bleibt mir nichts mehr übrig, als mich bei dir für das Gespräch zu bedanken, Max.

Max: Danke dir.

maxbardin.com : Die offizielle Website von Max
Max
in der Wikipedia
Max bei Reprodukt

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Bardín der Superrealist | Der lange Traum des Herrn T.

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© für alle Abbildungen: Max
Fotos: © Thomas Kögel

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Max at our interview in Erlangen The world of comics is often larger than you might think. That is the reason why this interview took us a little longer to publish than expected. After a short meeting at the Frankfurt Bookfair in 2007 and the actual interview at this year’s Comicsalon in Erlangen, we are finally able to present you Spanish comic-artist Max (Francesc Capdevila) whose works can be enjoyed since the 1970s. He explains Comicgate how to produce comics under Franco’s regime and how to cope with a very strict catholic upbringing with the use of comics.


 

EspiaSueños

Comicgate: Max, you are a comic artist, you are working as an illustrator, you are designing covers for CDs, and you are working as a publisher. Would you say that doing comics is your main profession?

Max: Yes, making comics is my main profession, yet it doesn't take up most of my time.

CG: So what takes up most of your time then?

Max: Illustration does. Because that is where the money comes from. In comics you certainly do not make a lot of money.

CG: You started out as a comic book artist. When you were only 17, you joined a group of comic-artists called „El Rollo“. Did you have any kind of artistic education?

Max: No, I didn't have any education in arts or comics at all. I always wrote and drew comics as a kid. It was a natural form for me. When I met these people from “El Rrollo enmascarado”, they showed me the comics of Robert Crumb, and I said „Oh yes! That’s what I want do!”

El Rrollo was a bunch of people from Barcelona that started doing “underground” comics in 1973 – so, still under Franco’s dictatorship. The comics were printed and sold clandestinely in the streets.

Gustavo contra la actividad del radio, 1982 CG: Drawing comics in the 70es meant working during Franco’s regime. Can you describe the comic scene back then?

Max: Well yeah, there was certainly a comic scene. Lots of kids comics or adventure stuff was published. Many talented artists were working for the European and American market. But there was a strong censorship in our country for issues like politics, religion, and sex. My generation tried to break with previous ones. Inspired by the American underground we started doing comics on all these taboos. We had to go through some trials before court, accused of obscenity. But in ‘75 Franco died and there was a huge cultural explosion on all fields. That moment was really great, everything was possible. For some years everyone was open to anything that was new, alternative, and experimental. And comics were very important; A new scene appeared with the monthly magazine El Víbora in ‘79. All the underground artists were there. It was the first renaissance of comics after the civil war.

CG: How did the idea of publishing your own anthology Nostros somos los muertos came to your mind?

Monólogo y alucinación del gigante blanco, 1996 Max: The 80s were great, but at the end of the 80s everything started to fall apart. In the 90s there was almost nothing. That’s when I decided to do something about it. I followed the lead of French artists at L'Association, although it wasn't the same thing: We were not an association, no group, like them. There were only the two of us (CG: Max and Pere Joan). So it was up to us to shoulder the work of our colleagues who were not able to publish at the moment. We certainly had to show Spain the work of artists they were not able to see otherwise.

CG: Artists like Mattotti?

Max: No, Mattotti was already well known in Spain. I am talking about artists like Julie Doucet, Chris Ware and even David B. We were the first ones to publish them in Spain.

CG: Besides your work in the field of comics, you said that illustration fills the artist’s mouth. You did commercials for Swatch and you actually created the new mascot for the football club FC Barcelona. Were you specifically selected by the team’s officials or how do we have to imagine the process getting selected for such a campaign?

Max: They actually held a small contest back then. They called three illustrators and asked us to do a project and I won. I competed against two friends of mine: One of them was the graphic designer Peret and the other was Jordi Labanda the most hyped illustrator in Spain at that time.

Bardín, english edition CG: So you can definitely call that quite an appreciation of your skills as an artist. If you take a look back at your work, do you see it as a form of evolution, and would you call Bardín the Superrealist the climax of your work?

Max: Although I am proud of my work, it is certainly not the final stage of my abilities or even the peak of my work. I can still keep on climbing. Yet, Bardín marks a certain stage in my life as an artist. In the nineties, I was mostly working as a publisher more than an artist; Bardín changed that. Suddenly Max was back in comics again. So you can definitely call it my personal comeback. The only other book I created in the last ten years was Der lange Traum des Herrn T. – did I pronounce that right? – and then it took me ten years to do Bardín. I was very pleased with its great reception.

CG: Bardín is a collection of shorter pieces. Did you publish them separately somewhere before you encountered it as a complete comic book?

Max: I published it in all kinds of places. Anytime somebody asked me to do something for them, I produced a little Bardín-story. Thus he appeared everywhere, in comic magazines, anthologies and sometimes even in the daily press.

CG: Let’s talk a little about the homage to Dalí, Buñuel and Magritte in Bardín. How did you come up with that and do you think that surrealism – which is huge in this comic – is coming back nowadays or do we have to look out for something similar to take its place?

page from Bardín, spanish edition Max: No, I think surrealism has always been existing, even before the term was invented. If you look at the history of art you will find strange, weird stuff. The only thing the surrealists did at the turn of the century was to put a name on it and make a theory about it. But the feeling of expressing the truth of mankind through the dreams, through this automatic way of writing, always existed. Of course it was only possible to make up a theory because it was the time of Sigmund Freud and his psychoanalysis. The discovery of the depth of the human brain led to these thoughts.

CG: Regarding dreams, the book is full of them and it is also full of nightmares. In the German edition of Bardín the superrealist, you have been called the new Winsor McCay.

Max: Who said that?

CG: It is here, inside the foreword to the Reprodukt edition. Let me show you!

Max: Oh shit, I didn't know that!

Peter Pank, 1985 CG: Let me translate it for you: “[…] Spanish comic-artist Max published a modern version of Winsor McCay’s legendary dream-diary Dreams of the Rarebit Fiend.” In McCay's comic book these dreams, these wild nightmares, result from the consummation of warm cheese-toast. Do you have a similar catalyst for your dreams?

Max: No, no, no… All these dreams are made up, they are fictional. These are not my dreams. But the atmosphere of dreams offers me a way to talk about reality from a different point of view. This is a technique I have always used, even from the time of Peter Pank. Peter Pank was about the young urban tribes at that moment in Spain, but it didn't take place in an urban environment, it was set in a jungle. I always wanted to take things out from the absolute reality and put them into a different setting in order to look at them from a new point of view. That’s why I use dreams. It is crazy stuff that can be read as a critique of real life.

CG: Yet in Bardín you also discuss very real topics, for example religion. Is that a topic that is new to you or have you been thinking about that a long time now?

Max: This comes directly from my childhood. I received a fucking catholic education under Franco's regime. You can’t image how it was. It was really nasty! So that’s my revenge, and also my way of coping with it.

Die tollen Hefte 27: Ein Hund ... CG: We have been talking a lot about Spain. Do you see yourself as a Spanish artist or would your prefer the term Catalan artist? You were also invited to the exhibition „Masters of European Comic Artists“, which makes you a European artist,  technically speaking.

Max: To tell you the truth, I don't not feel belonging anywhere except Barcelona, which is the town where I was born, and Mallorca, which is the place where I been living for the past 24 years. I feel connections to places but not with a certain feeling, in German you call it Heimat. Anyway, my cultural heritage comes from Catalonia in someway and I express myself in Catalan. In a sense I belong more to the Catalan culture than anywhere else. But I never make a flag out of these things and I feel that is anywhere I am.

El prolongado sueño del Sr. T CG: You have been invited to this year's Comic Salon as a teacher for the German-French Comic Artist Seminar. Do you speak French?

Max: Although I speak French, too, they might have to change the name of the seminar. It was great fun working with these aspiring artists.

CG: What would you say was your biggest success personally?

Max: I did a cover for The New Yorker magazine once. Actually I did two of them, but these jobs were really hard to get. I think the magazine started in 1921 or something, and since than the weekly magazine had always had the world’s best illustrators on the cover. Only recently more comic book artist joined The New Yorker’s ranks of cover artists. To me it was like touching the mount Olympus of illustration.

CG: Úna ultima pregunta, por favor: Could you tell us what you are currently reading. What kind of comics would you suggest for our readers?

Totentanz Jukebox Max: I am still reading the comics of the people I like the most, this whole generation of American independent artists from Robert Crumb and Art Spiegelman, to Charles Burns and Chester Brown. In Europe I prefer the work of David B, who is one of my favorites, and Christophe Blain. And in Germany I also have a long list of favorites: Starting from Hendrik Dorgathen, who is a very close friend of mine, to Anke Feuchtenberger. In fact I published all of them in Nosotros somos los muertos. Markus Huber’s work (also teacher at the Comic Artist Seminar) is very interesting, for sure. And Thomas Ott’s style is wonderful. For me, the German independent comic scene is even stronger right now than the French one. I have more favorites here than in France.

CG: That sounds very promising. Although Germany’s Wilhelm Busch co-invented comics our comic-output compared to nations such as France is not that famous. It is nice to hear from you that German comics are back. Looking into the future, are you working on new projects right now?

Max: I am working on a new Bardín book, but I guess it will take me a year to complete that one. I already have the script in mind, so I just have to start drawing.

Daniel interviewing Max in Erlangen CG: Hope we will see it soon in Germany as well.

Max. I am sure the guys at Reprodukt will be interested in publishing it.

CG: Thank you very much for the interview, Max.

Max: Thanks to you.



RELATED LINKS:

maxbardin.com : Official Website
Max
at Wikipedia (spanish)

© for all pictures: Max
Photographs:
© Thomas Kögel

Oh nein! Ich bin ein Mädchen! 3. Akt, 2./3. Kapitel

Oh nein, ich bin ein Mädchen! 3. AktDer  3. Akt der erfolgreichen Webcomicserie wird mit den Kapiteln 2 und 3 in unserer Galerie fortgeführt.

Jan wandelt sich eindeutig zum Mädchen – denn was macht man in einer problematischen Situation? Genau, shoppen. Auch für ihre verdutzten Kommilitonen kommt dies unerwartet. Wie viele Merkwürdigkeiten lassen sie noch über sich ergehen, bis ihre Geduld erschöpft ist?

Übersicht aller bisherigen Akte.

We Are The Strange (DVD)

 Die Zukunft des digitalen Animationsfilms war gestern! Für alle, die diesen Schritt verpasst haben, gibt es jetzt We are the Strange als Doppel-DVD bei Rough Trade. Während der experimentierfreudige Autor und Produzent des Films, M dot Strange, sein fertiges Produkt komplett auf YouTube zur Schau bietet, lohnt sich die Anschaffung dieser Spezialausgabe allein wegen der scharfen Bildqualität, dem überragenden Soundtrack und dem umfangreichen Bonusmaterial (Making of, sechs alternative Soundtracks, unbekanntes Material von M dot Strange). Warum We are the Strange Teil der offiziellen Auswahl beim Sundance Film Festival 2007 war und wieso diese Perle des Animationsfilms erst bei genauerem Hinsehen ihr volles Potenzial entwickelt, verrät euch diese Besprechung.

Der Animationsfilm We are the Strange erzählt die Geschichte des Mädchens Blue, das in einer bizarren Welt von ihrem Zuhälter Him auf die Strasse gesetzt wird. Ein bisschen wie bei Alice im Wunderland mutet Blues Reise in den verlassenen Wald und nach Electric Land an, auf der die digitale Figur auf den kleinen Knetjungen Emmm trifft, der zu ihrem stetigen Begleiter wird. Zeitgleich verfolgt man die Geschichte des maskierten Vigilanten Rain, der sich zusammen mit dem Origamikünstler Ori immer wieder im Kampf gegen die absurdesten Monstrositäten beweist. Der Film entwickelt sich in rasanter Geschwindigkeit vom simplen Märchen zu einer surrealen Version von Peter und der Wolf und wird schließlich zur epochalen Schlacht von animierten Knetfiguren und digitalisierten 8-Bit-Charakteren.

 Dabei besitzt We are the Strange die unglaubliche Fähigkeit, seinen Zuschauer immer weiter in die digital konstruierte Welt hineinzuziehen und darin festzuhalten. Bereits nach wenigen Minuten des Zusehens wird man in die ganz subjektive Welt von M dot Strange eingeführt, welche der Regisseur in Anspielung auf die Aufnahmetechnik Cinemascope „Subliminascope“ nennt. Für die Vorstellung der Akteure benutzt M dot Strange den klassischen „Character Selection“-Modus, der ansonsten in Videospielen vorzufinden ist; so erzeugt der Regisseur  eine gelungene visuelle Hommage an die Computer- und Videospiele der Achtziger. Der imaginäre Spieler wählt die Figur Camera und verfolgt das Geschehen somit als unbeteiligter Zuschauer. Zunächst wird man sich sicherlich über die vielen Videospiel-Anspielungen, wie z.B. die Soundeffekte aus Super Mario Bros., erfreuen können. Doch dies ist nur ein kleiner Teil des Konzepts, das den Zuschauer über die Schiene der Vertrautheit langsam an diese grotesk anmutende Bilderwelt heranführt.

 Schnell wird klar, dass M dot Strange nicht einfach nur eine simple Hommage kreiert hat, sondern die Bilder aus ihrer Tradition herausreißt und dem Zuschauer auf dem Präsentierteller darbietet, nur um sie anschließend geschickt in seine Erzählung zu integrieren. Während einzelne Ausschnitte des Films wie ein Musikvideo von Jonas Åkerlund auf MTV anmuten mögen, geht die Darstellung in We are the Strange weit über die simple Erwähnung solcher populären Subtexte hinaus. Der Prolog des Films wird noch relativ klassisch erzählt, doch schon der Beginn der eigentlichen Handlung entpuppt sich als etwas völlig Unerwartetes: Die ach so schöne, zweidimensionale Welt der Videospiele hält sich nicht mehr länger an die Spielregeln ihrer Existenz. So werden einzelne Ausschnitte aus Spielen mit simplen Bleistiftskizzen des Regisseurs vermischt; zweidimensionale Abbildungen entwickeln ein Eigenleben und werden zu dreidimensionalen Wesen; Puppen und Knetfiguren, wie wir sie aus South Park kennen, stehen ihren digitalen Gegenspielern nicht im Kampf über die Vorherrschaft der jeweiligen Darstellungsformen gegenüber, sondern vereinen sich in einer epochalen Schlacht, die M dot Strange nur für seine Zuschauer kreiert hat.

 Trotz der Anleihen aus recht statischen Jump'n'Runs der Achtziger erwartet den Zuschauer aber keine hölzerne Welt, die langsam vor sich hin zuckelt, sondern ganz im Gegenteil: Mittles vieler übereinanderliegenden Bildebenen erschafft M dot Strange ein Sehvergnügen, das traditionelle Bildkonventionen in Frage. Langsame Kameraschwenks werden regelrecht mit Bildmaterial überladen. Solche langsam vorbeiziehenden Tableaus wechseln sich immer wieder ab mit Sequenzen in denen nur eine Figur und visuelle Speedlines zu sehen sind. Durch diesen Wechsel von ruhigen und hektischen Passagen erlangt We are the Strange seine ganz eigene Dynamik. 

 Die musikalische Grundstimmung wird größtenteils erzeugt durch den 8-Bit-Rhythmus der Videospielfanfaren, der gezielt auf Soundeffekte und Hymnen der Klassiker zurückgreift. Gemischt wird dieses musikalische Szenario abwechselnd mit monumentaler Orchestermusik und klassischen Streichkonzerten, aber auch mit gepflegtem Trip-Hop und technolastigen Passagen. Erst aus der Mischung von Musik und visuellen Eindrücken gewinnt We are the Strange seine unnachahmliche Spannung und Geschwindigkeit. Vergleichbar mit Actionsequenzen von Filmen wie Matrix oder den Schlachtenszenen in Herr der Ringe, erzeugt M dot Strange in seinem Film eine mitreißende Dynamik, die den Zuschauer vergessen lässt, dass auf seinem Bildschirm gerade ein Knetmännchen in einem Kampfroboter gegen eine digital kreierte Figur auf einem animierten Stahlkoloss kämpft.

Mit We are the Strange präsentiert M dot Strange ein neobarockes Schauspiel par exellence. Gerade wegen der Vermischung von bekannten Elementen aus der Videospielewelt und deren grotesker Entstellung auf der digitalen Leinwand lässt sich M dot Strange als digitaler Salvador Dalí bezeichnen; doch tut er dies stets mit einem gewissen Augenzwinkern. Der eigentliche Trick hinter diesem Trickfilm liegt nämlich in seiner Transparenz: Obwohl M dot Strange seine Zuschauer in eine fantastische Welt entführt, weist er immer wieder darauf hin, dass es sich hier um einen Animationsfilm handelt; er täuscht niemanden mit seinen Tricks und Kniffen, sondern lädt den Zuschauer ein, aktiv daran teilzuhaben. Ähnlich wie bei einem Bild von Dalí gilt auch für We are the Strange: Man kann es nicht beschreiben, man muss es selbst gesehen haben.

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We are the Strange-Homepage
Der Trailer
Der ganze Film auf YouTube

 

We are the Strange
Regie: M dot Strange
Spielzeit: 94 Minuten (PAL)
Rough Trade Distribution GmbH, Oktober 2008
2 DVDs, 21,98 Euro, ASIN: B000V6LT8U
 

Berauschendes, digitales Patchwork

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Bildquelle: wearethestrange.com

Havanna – Eine kubanische Reise

 Reinhard Kleist zählt wohl zu den bedeutendsten deutschsprachigen Comiczeichnern derzeit. Nicht zuletzt dank seiner Biografie über die Musiklegende Johnny Cash, Cash – I See a Darkness, fand Kleists über die Jahre stetig verbesserter Stil in letzter Zeit viel Beachtung.

Für seinen aktuellen Comicband Havanna nahm sich Kleist vor, Kuba nach dem kürzlichen Rückzug Fidel Castros zu porträtieren und in Comicform aufzubereiten. Im März 2008 ging seine Recherche vor Ort los, denn Havanna entstand aus seinen Eindrücken während eines vierwöchigen Aufenthalts in Kuba. Das so entstandene Buch ist kein durchgängiger Comic, sondern vielmehr ein Tagebuch, ein Reisejournal, in dem sich flüchtige Skizzen, Landschaftsporträts und erzählte Anekdoten abwechseln. Mit dieser Form des autobiografischen Reiseberichts findet sich Kleist in guter Gesellschaft wieder, denn es liegen bereits einige Comicbände vor, die sich an jener Form orientierten, so z.B. Craig Thompsons Tagebuch einer Reise, Guy Delisles Shenzhen (beide bei Reprodukt) oder die deutsch-israelische Comicreportage Cargo (im Avant-Verlag).

 Bei Havanna fällt der tatsächliche Comicanteil aber im Vergleich zu den anderen genannten Büchern deutlich geringer aus, denn Reinhard Kleist benutzt Comicpassagen eher, um Gespräche mit Einheimischen darzustellen oder um bestimmte Gedanken vor der Ankunft und während des Rückflugs auszubreiten. Die Stimmung und Atmosphäre des Landes fängt er zum Großteil mit ganzseitigen Gemälden von Straßenszenen, Menschengruppen oder Landstrichen ein. Diese sind mal in stimmigen, warmen Farben, mal in schwarz-weiß gehalten und verhelfen dem Comic mit ihrer anarchischen Einstreuung zu einem Ausbruch aus dem dokumentarischen Charakter. Gerade die oft präzisen Erklärungen zu den Skizzen vermitteln dem Leser ein zwar subjektives, aber doch sehr genaues Bild des kommunistischen Kuba. Die persönlichen Momente mit den Menschen interessierten Kleist dabei genauso wie bestehende Wert- und Gesellschaftssysteme, die auf der Insel vorzufinden sind.

 Er findet schließlich keine wirklichen Antworten auf die Probleme und die Fragen, die er sich vor dieser Reise stellte, aber er hinterlässt ein wunderbares Comicbuch voller intensiver Beobachtungen und Eindrücke und voller bezaubernder Illustrationen, die diese auf Papier bannen. Zudem war Kleist auch vom Niveau seiner Zeichnungen her selten so gut wie hier. Gerade wenn man sich seine frühen Werke ansieht, wirkt seine künstlerische Entwicklung bis heute erstaunlich.

Ebenfalls einen Blick wert ist ein Blog, das er während seines Aufenthaltes in Kuba und über diese Zeit hinaus führte: http://www.carlsen.de/blog/reinhard-kleist

 

Havanna
Carlsen Graphic Novel, Oktober 2008
Text und Zeichungen: Reinhard Kleist
80 Seiten; vierfarbig; Hardcover; 19,90 Euro
ISBN 978-3-551-73434-1
 

Gelungenes Reisetagebuch

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Bildquelle: carlsen.de/blog/reinhard-kleist

 

Der Kri-Ticker #69

 Wie immer schön durchgeschüttelt, querbeet durch alle Genres – hier ist eine neue Folge des beliebten Rundumschlags unserer Redaktion. 14 Kurz-Rezensionen zu diversen Comics, die in letzter Zeit bei uns gelesen wurden.

Diesmal mit dabei: Thor 1, Gespenster Geschichten #1655, Banana Sunday, Molch, Matrix Comics 1, Kreuzzug 1, Hack/Slash 2, XIMAG 2, Strichnin 2, Bruder Thadeus – Das Münchner Kindl, Tagebuch einer Reise, Torpedo 5, Der Schimpansenkomplex 2 und Aliens 3.

Besprochen von Christopher Bünte (cb), Andreas Fisch (af), Benjamin Vogt (bv) und Thomas Kögel (tk).



THOR 1: DIE RÜCKKEHR
Marvel Deutschland/Panini Comics
 Lange musste man auf die Rückkehr von Marvels Donnergott warten, denn vier Jahre gingen ins Land seit Thors vermeintlichem Tod im großen Göttersterben Ragnarök. Jetzt ist er in einer neu gestarteten Serie von J.M. Straczynski und Olivier Coipel zurück und macht sich in einem neuen Outfit gleich mal daran, Asgard neu zu errichten und seine Götterkollegen wieder zu erwecken.
Die erste Ausgabe der neuen Sonderband-Reihe von Panini versammelt die US-Hefte 1-4 der neuen Thor-Serie, die einen frischen Eindruck macht und mit neuen Ansätzen für den altgedienten Marvel-Charakter aufwartet. Anders als bei der ebenfalls neu gestarteten Serie des Hulk von Jeph Loeb, stehen Effekthascherei und große Kloppereien hier nicht im Vordergrund. Straczynski liefert eine routinierte und gut durchdachte Erzählung ab, die die Zukunft des Donnergottes innerhalb des Marvel-Universums definiert. Auch als jemand, der nicht immer der größte Fan von Thor war, fand ich genug Gefallen daran, um auch mal in kommende Ausgaben reinzuschauen. Zudem ist Band 1 für Gelegenheits-Marvelianer auch mal wieder ein richtig empfehlenswerter Einstiegspunkt. bv 

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GESPENSTER GESCHICHTEN #1655
Tigerpress
 Nach sage und schreibe 1654 Ausgaben hieß es im Frühjahr 1996 zum letzten Mal „Seltsam, aber so steht es geschrieben“, der Bastei-Verlag stellte seine langlebige Comicreihe Gespenster Geschichten ein. Nun erhebt sich die Serie zurück aus der Gruft, diesmal beim Tigerpress Verlag, wo schon Fix & Foxi Auferstehung feiern konnten. Format und Covergestaltung knüpfen nahtlos an die alten Ausgaben an, ebenso der Inhalt: Die abgedruckten Comic-Kurzgeschichten sind kein neues Material, sondern Nachdrucke älterer Geschichten, deren Kolorierung am Computer ein wenig aufgepeppt wurde. Das Lettering ist nicht mehr ganz so gruselig wie in den alten Heften, wirkt aber immer noch sehr steril. Die Comics wirken altbacken, langweilig und kein bisschen gruselig, manchmal unfreiwillig komisch, bieten aber letztlich genau das, was die Gespenster Geschichten immer geboten haben: Leicht konsumierbaren, günstig produzierten Horror-Trash. Altgediente Fans und Nostalgiker werden es lieben.
Zusätzlich zu den Comics gibt es ein paar redaktionelle Seiten, die in knappen Worten und bunten Bildern Themen rund um Fantasy und Horror behandeln. Nicht weiter der Rede wert. Aber dann ist da noch die Beilage, die auf dem Heft aufgeklebt ist: Eine CD mit dem 50minütigen Hörspiel Malcolm Max: Im Banne der Untoten. Dieses ist verhältnismäßig aufwendig produziert und entstand eigens für die Gespenster Geschichten. Die pulpige Story gewinnt zwar auch keinen Innovationspreis, ist aber deutlich zeitgemäßer und unterhaltsamer als die Comics. Heft und CD gibt es zusammen für lumpige 2,95 Euro, was ein mehr als fairer Preis ist. tk 

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BANANA SUNDAY
Modern Tales
 Kirby ist neu an der Highschool. Bei den Mitschülern erregt sie besondere Aufmerksamkeit, denn sie ist nicht allein. Begleitet wird Kirby nämlich von drei Affen. Sprechenden Affen. Der eine ist superintelligent und liest kluge Bücher, der zweite ist ein liebestoller Dandy, und der dritte ein eher simpler Typ, dem es hauptsächlich ums Fressen geht. Banana Sunday verrührt diesen originellen Nonsens in ein klassisches Highschool-Szenario, wie man es aus unzähligen Büchern, Filmen und Serien kennt. Kirby bekommt es mit der missgünstigen Cheerleaderin zu tun, findet eine beste Freundin und ein junger Mann macht ihr den Hof. Diese sattsam bekannten Highschool-Klischees werden durch die kindisch-überdrehten Aktionen der Affen jedoch immer wieder aufgebrochen, was den besonderen Effekt dieses Comics ausmacht.
Geschrieben wurde die Story von Root Nibot (einem Pseudonym für Paul Tobin) und umgesetzt von seiner Frau Colleen Coover (Small Favors), deren schwarz-weiße Zeichnungen unspektakulär und schnörkellos sind, was aber gut zur Geschichte passt, deren Protagonisten (von den Affen abgesehen) ganz normale Leute wie du und ich sind. Banana Sunday ist kurzweilige Unterhaltung, die nicht mehr will als gute Laune machen, was auch sehr gut gelingt. Dass die Geschichte am Ende einen Dreh ins Übernatürliche nimmt, wirkt allerdings etwas unpassend. Nicht immer gelungen ist auch die Übersetzung, die damit zu kämpfen hat, dass die Figuren im Original wohl einen sehr knappen und lockeren Jugendjargon sprechen. Die deutschen Dialoge klingen bisweilen ziemlich unnatürlich. Trotz dieser kleinen Schwächen bleibt Banana Sunday eine vergnügliche Lektüre für verregnete Sonntagnachmittage, von Modern Tales in einem hübsch aufgemachten Hardcover-Band präsentiert. tk 

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MOLCH
Luftschacht
 Ein Gebrauchtwagenhändler sitzt beim Friseur und wird Zeuge eines Mordes. Dieses unerfreuliche Ereignis bildet den Auftakt einer intensiven Suche nach dem Täter, in dessen Verlauf der Zeuge zum Verdächtigen wird und der ermittelnde Kommissar, ein schrulliger Kumpeltyp, jede professionelle Distanz zum Geschehen vermissen lässt. Molch ist eine Comicerzählung, die aufzeigt, inwieweit die Fähigkeit zu morden in jedem von uns schlummern kann. Erdacht wurden Handlung und Text von Nicolas Mahler, wobei dieser zur Abwechslung mal nicht selbst zum Zeichenstift griff, sondern seinem Wiener Kollegen Heinz Wolf die grafische Umsetzung überließ. Dabei heraus kam ein Band, der nur ansatzweise die typisch mahlersche Situationskomik bereithält, der dafür aber in sich geschlossen wirkt und im jeden Fall geradliniger als seine gewohnten Arbeiten verläuft. So bleibt Molch irgendwo in der Grauzone zwischen ernsthaftem Kriminalfall und humoristisch gestalteter Alltagsironie, ein Zwischending, dem Heinz Wolfs Schwarzweiß-Bilder in angemessener Weise Rechnung tragen. bv  

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MATRIX COMICS 1
Panini Comics
 Schon mit Animatrix bewiesen Andy und Larry Wachowski ihre Affinität zu Gezeichnetem. Zum Ende der Matrix-Trilogie 2003 kam eine DVD mit neun animierten Kurzfilmen heraus, nun folgt Unbewegtes auf Papier. Vieles blieb in den Matrix-Filmen auf der Strecke und wurde bloß angerissen. Dafür ist nun Platz. In bisher zwei Comic-Bänden spinnen die Erfinder von Neo, Trinity, Morpheus & Co ihr Universum weiter. Unter anderem geht es um den Aufstand der Maschinen, den Anfang vom Ende, den kahlköpfigen Jungen, der Löffel verbiegen kann und um das Überleben an der Erdoberfläche. Die Wachowskis lieferten die Ideen, renommierte Größen aus dem Comic-Business (Geoff Darrow, Bill Sienkiewicz, Neil Gaiman, Tim Sale u.a.) setzten sie um. Kleine Geschichten, die gut ins Matrix-Universum passen und denen es gelingt, die Atmosphäre der vorangegangenen Episoden einzufangen. An vielen Stellen gibt es Anknüpfungspunkte. Zudem macht die Vielfalt an guten Zeichnern und Autoren Spaß. Ein toller Comic für Fanboys und Freunde der Matrix. cb 

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KREUZZUG 1: SIMOUN DJA
Splitter
 Der Großteil der Comics, die bei Splitter erscheinen, entstammen entweder dem Science-Fiction- oder dem Fantasy-Genre. Bei Kreuzzug, so scheint es zumindest zu Beginn, handelt es sich eher um historische Fiktion, also eine Geschichte, die auf realen historischen Ereignissen beruht. Diesen Eindruck erwecken auch die Einführungsseiten, die einen kurzen Abriss der Kreuzzüge geben, die im 11. bis 13. Jahrhundert stattfanden. Der Kreuzzug, von dem Jean Dufaux und Zeichner Philippe Xavier erzählen, hat jedoch nie stattgefunden und schnell ist man bei der auf drei Bände angelegten Serie wieder im Reich der Fantastik angelangt. Denn hier bekommt man es nicht nur mit Kreuzrittern und den Kämpfern der muslimischen Gegenseite zu tun, sondern auch mit allerhand Mystischem und Übersinnlichem: Unsterbliche tauchen auf, übermächtige Winde, geheimnisvolle schöne Frauen und eine Grabstätte, in der ein gewisser X3 (nicht gerade ein mittelalterlicher Name) ruht. Außerdem ein Dämon namens Qa'dj, bei dem man sich fragt, wie man das wohl ausspricht und ob die naheliegendste Antwort vielleicht ganz gut zur Handlung passen würde.
Zeichnerisch ist das recht hübsch umgesetzt, Xavier zeichnet in einem sehr klassischen Stil und scheut auch vor blutigeren Szenen nicht zurück. Grafischer Höhepunkt des Albums ist eine große Schlachtenszene, bei der sich eine Doppelseite wie ein Altarbild ausklappen lässt, was einen sehr opulenten und monumentalen Eindruck hinterlässt. tk

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HACK/SLASH 2: TÖDLICHE FORTSETZUNG
Cross Cult
 Der zweite Band dieser nicht ganz ernst zu nehmenden Horrorserie, in der Cassie Hack und ihr Partner Vlad Jagd auf Slasher, also monströse Killer, machen, wirkt insgesamt in der Ausführung noch um einiges zäher als sein Vorgänger, von dem ich ja auch schon nicht sonderlich überzeugt war. Die beiden hauptverantwortlichen Autoren Tim Seeley und Stefano Caselli umgeben sich mit sage und schreibe elf Zeichnern und da, wie so oft, viele Köche den Brei verderben können, wirkt sich dieser Überschuss an Kreativen leider auch auf das Ergebnis in diesem Band aus. Die beiden längeren Stories in dieser Ausgabe bieten allerlei schräge Ideen und eine ordentliche Portion Ironie, so müssen sich Cassie und Vlad u.a. mit mörderischen Spielzeugen in der (Alb-) Traumwelt oder mit einer skrupellosen Kosmetikfirma, die an gefangenen Slashern experimentiert, herumschlagen. Allerdings kann ich mich beim Lesen vieler Stellen nicht des Eindrucks erwehren, dass so manches parodistisch oder witzig gemeinte Element unfreiwillig noch komischer oder kindlicher geraten ist als gedacht. Den Todesstoß erfahren diese zwei Geschichten durch den permanenten Wechsel der Zeichner. Von einer Seite zur nächsten sind so extreme, auch qualitative Unterschiede auszumachen, die so mit zu verfolgen wenig Spaß machen. Echtes Highlight des Buches: Eine sechsseitige Trailershow, in der Filmklassiker nachgespielt oder ungewöhnliche Szenarien kurz angerissen werden. Eine Tokio-Story im Mangastyle, Scifi-Slasher-Jagd im All … Diese ganz kurzen Episoden sind wirklich gut gelungen; schade, dass die Hauptstories jenen Charme vermissen lassen. bv 

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XIMAG 2
Vindlicht Verlag
 Als im Frühjahr 2008 die erste Ausgabe von XIMAG erschien, dem „neuen fantastischen Magazin für Comics, Stories und Artwork“, war die Skepsis groß. Ein Magazin mit Comics von unbekannten Nachwuchskünstlern, angetreten mit großen Ambitionen – das erste Cover und das vom Verlag verteilte Promo-Material wirkten jedoch nicht sehr überzeugend. Die zweite Ausgabe, mit Verspätung im Spätsommer erschienen, macht zumindest beim Titelbild schonmal einen besseren Eindruck. Die im Heft enthaltenen Kurzcomics sind überwiegend Fortsetzungen aus dem ersten Heft. Hier wäre eine kurze Zusammenfassung à la „Was bisher geschah“ sehr hilfreich gewesen, ohne sie bleiben Neueinsteiger fast völlig auf der Strecke. Leider sind die Comic-Episoden extrem kurz und fühlen sich weniger nach einem geschlossenen Kapitel einer Geschichte an, als vielmehr nach einem willkürlich aus der Story herausgerissenen Ausschnitt. Kaum findet man sich als Leser halbwegs zurecht, ist man auch gleich wieder am „Fortsetzung folgt“-Schild angelangt. Nicht umsonst ist es die mit acht Seiten längste Comicstrecke, die den besten Eindruck macht: Kathleen Pahlaus „Sterne“ überzeugt mit einer nicht zu komplizierten, nachvollziehbaren Handlung und klaren, simplen Zeichnungen im Mangastil. Angenehm bodenständig. „Pulp Hero City“ von Anjin Anhut überzeugt zwar mit coolem Artwork, das an Ben Templesmith erinnert, krankt aber wie die anderen Beiträge an der Kürze des Ausschnitts. Die übrigen Beiträge verlassen sich für meinen Geschmack zu sehr auf unausgegorene Gothic-Romantik, ohne wirklich eine interessante Geschichte zu erzählen. Zwischen den Comics gibt es kurze Rezensionen zu Filmen und Romanen und Spielen, ein paar Prosa-Kurzgeschichten und ein Interview mit Fantasy-Autor Tobias Meißner. Klarer Schwerpunkt sind jedoch die Comicbeiträge, und hier gibt es für XIMAG noch einiges zu verbessern. tk

 

STRICHNIN 2
FH Ausgburg/Burning Pen Production
 Anderthalb Jahre nach der ersten Ausgabe erscheint ein weiterer Band mit Arbeiten, die in der Fachklasse Illustration an der FH Augsburg bei Professor Mike Loos entstanden sind. Die Themenvorgabe lautete diesmal „Die Straße – darauf, darunter, daneben“. Die Palette der Comics, die die Studenten erarbeitet haben, reicht von klassischen Funnies über stumme Bildgeschichten bis hin zu Experimenten mit Grafik, Layout und Typographie. Letztere sind die stärksten Beiträge in dieser Strichnin-Ausgabe, man merkt den Beiträgen an, dass ihre Schöpfer an einer Fakultät für Gestaltung studieren. Gestalterisch und grafisch sind die meisten Beiträge absolut sehenswert, allerdings hapert es teilweise beim Erzählerischen. Am besten gelungen ist das Zusammenspiel von Grafik und Narration im Beitrag von Max Birkl, der auf neun Seiten eine originelle und witzige Geschichte erzählt, die mit wenigen Worten auskommt und hübsch gezeichnet und gestaltet ist. Auch wenn die anderen Beiträge nicht ganz so sehr überzeugen, bietet Strichnin 2 doch einen interessanten und erfrischenden Blick auf junge Talente, die mit den Erzählformen des Comics experimentieren und die stilistische Vielfalt zeigen, die in diesem Medium möglich ist. Kostproben aller Beiträge gibt es auf strichnin-comic.de.

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BRUDER THADEUS – DAS MÜNCHNER KINDL
Ehapa Comic Collection/City Comics
 Drei Kinder stehen mitten in München auf dem Marienplatz und treffen dort auf den Geist eines Mönchs, den Bruder Thadeus. Dieser kennt die komplette Geschichte der Stadt und hat obendrein sehr viel Ahnung von Bier. Thadeus führt die Kinder durch München und erzählt Episoden aus der Stadtgeschichte ebenso wie von der Geschichte des Biers. Das Münchner Kindl gehört zu den Comics, die einen bestimmten Zweck erfüllen sollen, nämlich auf unterhaltsame und humorvolle Weise Wissen vermitteln, in diesem Fall über die bayerische Landeshauptstadt. Eine originelle Geschichte darf man hier ebensowenig erwarten wie grafische Innovationen. Bruder Thadeus richtet sich weniger an den typischen Comicleser, vielmehr soll dieser Comic auch als Souvenir für München-Besucher dienen, die mal ein anderes Mitbringsel als Bierkrüge oder Trachtenhüte kaufen wollen.
Das Projekt stammt von Martin Cordemann und Ralf Paul, die mit Domspitzen bereits ein ganz ähnliches Konzept für die Stadt Köln verwirklicht haben. Zwar ist keiner beiden Münchner, sie haben aber akribisch recherchiert, so dass sich Wort und Bild tatsächlich münchnerisch anfühlen. Für die Dialogstellen, die in bairischem Dialekt gehalten sind, hat man sich glücklicherweise den fachmännischen Rat eines Experten geholt. Alles in allem ein professionelles Produkt, das genau das Erwartbare abliefert und brav die Münchner Stadtgeschichte wiedergibt. Nicht sonderlich originell, aber solide. Ein gutes Timing kann man der Veröffentlichung auch bescheinigen: Das Album erschien kurz vor dem Beginn des Oktoberfests im Jubiläumsjahr, in dem die Stadt ihren 850. Geburtstag feiert. Bonuspunkte gibt's für den wirklich schön gezeichneten Stadtplan, der dem Album auch als herausnehmbares Poster im A3-Format beiliegt. tk

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TAGEBUCH EINER REISE
Reprodukt
 Wer Blankets lieben gelernt hat, wird sich auf die jüngste Veröffentlichung von Craig Thompson stürzen: „Tagebuch einer Reise“. Schon im Vorwort „warnt“ Thompson die Leser(innen), dass dies nicht das nächste Buch sei, sondern ein persönliches Reisetagebuch mit Bildern statt Dias. Und tatsächlich liest sich das Tagebuch wie die Diashow einer aus dem Urlaub zurückkehrenden Familie, deren Erzählung sich zunehmend zäher hinzieht. Die kulturellen Eindrücke aus so spannenden Gegenden wie Europa (aus der Sicht eines US-Amerikaners) oder Marokko bleiben oberflächlich auf Touristenniveau, geben keine tiefergehenden Einblicke in Politik und Kultur dieser Länder, schaffen keine Zugänge zu Lebenlage und Mentalität der Menschen dort. Stattdessen erfährt man alle typischen Belanglosigkeiten, wie man sie als Tourist und als berühmter Comic-Autor auf Tournee erlebt. Die ehrliche Warnung Thompsons zu Beginn ist also unbedingt ernst zu nehmen. Fazit: Nur für eingefleischte Fans! Alle anderen sollten auf das nächste richtige Buch Habibi warten. af

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TORPEDO 5
Cross Cult
 Hat man Band 5 der Reihe Torpedo gelesen, kann man schon ein wenig trauern. Denn damit ist das Material endgültig aufgebraucht und die deutsche Gesamtausgabe, die erstmals alle Geschichten um Luca Torelli alias Torpedo in einheitlicher Aufmachung versammelt, liegt damit komplett vor. Buch 5 nimmt mit mal kurzen, mal längeren Stories nochmal ordentlich Fahrt auf und zeigt alle Qualitäten, die die Serie zuvor schon ausmachten: ungezügelte Amoralität, gewissenlose Gewaltanwendung und ordentliche Slapstick-Elemente. Nach einer Mission in Kuba kümmern sich Auftragskiller Torpedo und sein Kompagnon Rascal darum, einen Schönling so gar nicht mehr schön aussehen zu lassen, zudem erfahren wir weitere Puzzlestückeaus Lucas Jugendzeit, die ihn zu dem Mann machten, der er ist.
Enrique Sanchez Abuli und Jordi Bernet beschließen ihr Werk mit einer Geschichte, die dem Leser nochmal in aller Härte vor Augen führt, an welchen moralischen Grenzen man sich bei Torpedo eigentlich bewegt, denn in „Der Tag der Boshaftigkeit“ verfolgt man einen perfiden Racheplan, der die Vergewaltigung einer Mutter,sowie ihres Kindes beinhaltet. Allerdings wird auch das so überzeichnet und an die Seite gedrängt, dass man die eigentlich explizite Darstellung kriminellen Handelns kaum wahrnimmt. Vielleicht bleibt dieses Geschick im Erzählen abschließend als wichtigster Aspekt festzuhalten, wenn man über diesen bislang unvergleichbaren Klassiker spricht.. bv 

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DER SCHIMPANSENKOMPLEX 2: DIE SÖHNE VON ARES
Splitter
 Um es gleich vorwegzunehmen: Selten war ich auf die Fortsetzung einer Comicserie so gespannt wie bei Der Schimpansenkomplex. Der zweite Band setzt nahtlos die Geschichte um Helen Freeman fort, eine Astronautin, die im Jahr 2035 als erste Frau den Mars betreten soll, nachdem sie bereits seltsame Vorkommnisse auf dem Mond untersucht hat. Die Story wird hier nochmals um einige Ecken mysteriöser als bislang schon, denn wie es scheint, war auch die vor rund 70 Jahren gestartete russische Marsmission unter Juri Gagarins Leitung von unerklärlichen Vorkommnissen geprägt, die seitdem von Regierungsseite unter Verschluss gehalten werden. Als Helen und ihre Crew auf dem roten Planeten eintreffen, entdecken sie Unglaubliches …
Obwohl die Handlung von Richard Marazano sich sehr an einem klassischen Raumfahrtabenteuer orientiert, verbirgt sich dahinter vielmehr eine Mischung aus Drama und Mysterythriller. In Verbindung mit den wundervollen Bildern von Jean-Michel Ponzio bleibt diese Albenreihe auch weiterhin ein absoluter Kauftipp. Nur dass man jetzt tatsächlich ein halbes Jahr auf Band 3 warten muss, grenzt angesichts des Cliffhangers an wahre Folter. Ansonsten aber: Chapeau für die Veröffentlichung dieser tollen Serie. bv 

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ALIENS 3
Cross Cult
 Der dritte Sammelband um die blutrünstigen Aliens bietet sowohl Licht als auch Schatten. Mit den darin abgedruckten One Shots „Mondo Pest“ und „Mondo Heat“ hat man dem Leser nach meinem Empfinden nicht unbedingt einen Gefallen getan. Beide erzählen von den Aufträgen des professionellen (Alien)-Killer Herk Mondo, eines coolen und brutalen Typs, der hier sowas wie den Lobo des Aliens-Kosmos verkörpert. Die Stories von Henry Gilroy sind sehr actionlastig und bieten mit ihrem ironischen Grundtenor sowas wie die komödiantische Alternative zu all den anderen, bereits gelesenen Aliens-Stories. Schade nur, dass sowohl der Humor als auch die seichten Actionszenen nicht überzeugen können und man auch mit dem Artwork von Ronnie del Carmen am Ende das Gefühl hat, einer mittelmäßigen Zeichentrickserie beizuwohnen.
Komplettes Kontrastprogramm und Lichtblick dieses Bandes stellt die längere Erzählung „Das Nest“ dar. Darin entsenden zwei Wissenschaftler ein künstlich erzeugtes Alien in ein Nest, was jedoch schnell zu unvorhergesehenen Komplikationen führt. Jerry Prosser ist hier Autor einer beklemmenden Geschichte, die von Kelley Jones' einzigartigem Zeichenstil dominiert wird. Gerade in schwarz-weiß kommt dieser äußerst gut zur Geltung und passt einfach zu den Aliens. Insgesamt konnten die drei jetzt vorliegenden Bände sicherlich mehr überzeugen als enttäuschen, da kann man nur hoffen, dass noch mehr ausgewähltes s/w-Material folgen wird. bv 

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Bildquellen: Die jeweiligen Verlage