Und weiter gehts mit dem 4. Kapitel im 3. Akt unserer erfolgreichen Webcomicserie.
Die Situation eskaliert – Jans Kommilitonen haben die Polizei gerufen. Wie wird das ausgehen?
Und weiter gehts mit dem 4. Kapitel im 3. Akt unserer erfolgreichen Webcomicserie.
Die Situation eskaliert – Jans Kommilitonen haben die Polizei gerufen. Wie wird das ausgehen?
Als täglicher Comicstrip erscheint Im Museum von Sascha Hommer und Jan-Frederik Bandel bereits seit 2007 in der Frankfurter Rundschau, jetzt liegt der erste Sammelband bei Reprodukt vor. Auf fast 140 Seiten entführt uns das kreative Duo in eine unbegrenzte, verschachtelte Fantasiewelt, in eine mehrebige Collage aus popkulturellen, historischen, politischen Anspielungen, oder einfach gesagt: ins Museum.
Im Museum ist die Geschichte zweier Geschwister – der Junge neunmalklug, das Mädchen stur – die nachts in einem Museum eingesperrt sind und auf der Suche nach einem Ausgang die Gänge durchstreifen. Den Möglichkeiten sind dabei offenbar keine Grenzen gesetzt, denn die beiden geraten immer tiefer in die hintersten Winkel des zahlreich bevölkerten Museums. Dieses entpuppt sich quasi als magische Box, die alles Vorstellbare und nicht mehr Vorstellbare bereithält und deren Erforschung nie enden will. Die Protagonisten müssen sich u.a. mit dem immer mal wieder auftauchenden Nachtwächter herumschlagen, begegnen bekannten Persönlichkeiten wie Fidel Castro, begeben sich auf einen Drogentrip mit Charles Manson, besuchen ein Wolkenvolk und die Osterinseln und werden Teil einer Videospieldimension.
Dies sind nur wenige der der absurden Ideen, die Bandel und Hommer in ihrem uferlosen Museum stattfinden lassen. Zwar funktioniert der Comic sowohl als zergliederter Strip mit kurzen Pointen als auch als durchgehender Comicband, eine wirklich sinnhafte, stringente Handlung sucht man trotzdem vergebens. Vielmehr beruht das Konzept auf seinem anarchischen Charakter, der hinter jedem neuen Eck, bzw. in jedem neuen Ausstellungsraum des Museums eine weitere, unvorhergesehene Überraschung bereithält. Zudem bedient sich der Comic mehrerer verschachtelter Handlungsebenen, bei denen die Hauptakteure nicht zwangsweise auftauchen müssen. Dafür stehen weitere Charaktere wie der gleichermaßen charismatische wie verschrobene W. Kaninchen bereit.
Im Museum macht einfach richtig Spaß, auch wenn die lustigen Szenen nicht immer so zum Brüllen sind, wie sie sein könnten, und die Dialoge für den ein oder anderen zu verworren und anstrengend geraten sein dürften. Vor allem die diversen Referenzen bleiben in Erinnerung, mit denen man sich einfach identifizieren kann und die dem Leser schließlich auch das Gefühl geben, tatsächlich an einem völlig abgehobenen und unrealistischen Museumsbesuch teilgenommen zu haben.
Sascha Hommer gelingt es besonders gut, durch die sehr simplen, klaren Zeichnungen einen Kontrast zu den oftmals sehr textlastigen Dialogen zu schaffen. Damit ist Im Museum ein hintergründiger und lustiger Comicstrip, der sich in keine bestehende Kategorie einordnen lässt.
Im Museum- Die Treppe zum Himmel
Text: Jan-Frederik Bandel
Zeichnungen: Sascha Hommer
Reprodukt, Oktober 2008
144 Seiten; farbig; Klappenbroschur; 18,00€
ISBN 978-3-941099-00-5
© der Abbildungen: Sascha Hommer, Jan-Frederik Bandel
Die französische Schriftstellerin Fred Vargas (die eigentlich Frédérique Audoin-Rouzeau heißt), gehört seit etlichen Jahren zu den beliebtesten Krimi-Autoren, nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns. Ihre Krimis um den Kommissar Adamsberg bzw. um „Die drei Evangelisten“ stehen regelmäßig auf den Bestsellerlisten und haben etliche Preise gewonnen. Ihr deutscher Verlag Aufbau hat sämtliche in Frankreich erschienenen Romane auf deutsch veröffentlicht, nur bei einem hat er lange gezögert: Das Zeichen des Widders, in Frankreich im Jahr 2000 erschienen, ist nämlich ein Comic.
Diese Tatsache schien dem Aufbau-Verlag ein wenig peinlich gewesen zu sein. Als man im Herbst 2008 den Titel nun doch auf den deutschen Markt brachte, wollte man das Wort Comic lieber vermeiden, und auch der in letzter Zeit so modisch gewordene Begriff „Graphic Novel“ wurde nicht verwendet: Der Ankündigungstext blieb im Ungefähren und auf dem Cover steht lediglich: „Mit Zeichnungen von Baudoin“. Was einige Vargas-Stammleser wohl ziemlich verärgert hat, wenn man sich die Kundenrezensionen bei Amazon ansieht. Erst durch den Promo-Trailer, der einige Wochen nach Erscheinen des Buches veröffentlicht wurde, wurde klar, worum es sich handelt. Das Zeichen des Widders ist nicht etwa eine der momentan beliebten Comic-Adaptionen eines bestehenden Romans, sondern ein eigenständiges Werk, das Fred Vargas eigens für den Zeichner Baudoin schrieb.
Der 1942 geborene Edmond Baudoin blickt auf eine lange Karriere als Comiczeichner in Frankreich zurück, aber kaum eines seiner Werke ist bisher auf Deutsch erschienen. Das liegt vielleicht auch an seinem Stil: Mit grobem Strich gezeichnete Schwarz-Weiß-Bilder, eher sparsam in den Details und nicht im klassischen Sinne „schön“. Baudoins Artwork ist sperrig, es macht es dem Leser zunächst nicht ganz einfach, in die Geschichte einzutauchen. Wenn man sich aber darauf eingelassen hat, bekommt man von Baudoin eine extreme Vielfalt an erzählerischen Mitteln zu sehen. Seine Seitenlayouts und Darstellungsformen ändern sich ständig. Mal gibt es stumme Sequenzen über mehrere Seiten, mal gibt es Seiten, die fast nur aus Text bestehen, weite Panoramen wechseln mit extremen Nahaufnahmen, an manchen Stelle verfließen die Panelgrenzen und die Bilder gehen ineinander über. Dabei zeichnet Baudoin nie einen Strich zuviel, bleibt sehr reduziert, aber ohne allzu minimalistisch zu werden.
Aber worum geht's eigentlich? Erzählt wird von einem Mordfall, den der Pariser Kommissar Adamsberg aufklären muss, ein Protagonist zahlreicher Vargas-Romane. Dieser ist hier jedoch fast eine Nebenfigur. Im Mittelpunkt steht Grégoire, ein junger Gelegenheitsgauner und ein Freund des Mordopfers. Zu Beginn sehen wir ihn gemeinsam mit seinem Kumpel Vincent bei einem kleinen Raubüberfall – doch die Beute ist wertvoller als erwartet, und ihr Besitzer versteht keinen Spaß. Bald ist Vincent tot, und Grégoire hat nun gleich mehrere Probleme. Er will nicht, dass die Polizei von seiner Existenz als Kleingangster erfährt, gleichzeitig soll sie aber den Mordfall lösen. Und obendrein ist der Mörder nun auch hinter Grégoire her.
Fred Vargas erzählt kein klassisches Whodunnit, wir Leser wissen von Anfang an, wer der Mörder war. Viel spannender als die Frage, wie und wann dieser überführt wird, ist die Bedrohungslage, in der Grégoire sich befindet. Dieser Charakter ist sehr schön herausgearbeitet. Ein Einzelgänger, der nie eine Freundin hatte und stets auf Rollschuhen unterwegs ist. Er ist Sohn eines Lebenskünstlers, der seine Lebensaufgabe darin sieht, den in Rom stehenden Vierströmebrunnen aus Bierdosen und Kronkorken nachzubauen, und hat drei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einen Bankbeamten, einen Landwirt und einen Schauspieler. Die Darstellung dieser kauzigen Familie, die trotz aller Unterschiede einen großen Zusammenhalt pflegt, ist die große Stärke dieser Graphic Novel. Ebenso gelungen ist die Figur des bedrohlichen, finsteren Kerls, der beklaut wurde und nun Grégoire auf den Versen ist.
Im Vergleich dazu bleiben der Kommissar Adamsberg und sein Vorgesetzter eher blass. Wer die Figuren nicht aus Vargas' Romanen kennt, wird nicht recht warm mit ihnen. Die Geschichte selbst ist spannend erzählt und hebt sich angenehm von üblicher Krimi-Standardkost ab. Sehr gewöhnungsbedürftig ist allerdings das Storytelling von Vargas und Baudoin. Immer wieder gibt es Beschreibungen, die sich wie eine Regieanweisung aus einem Drehbuch lesen (bzw. wie das Skript, in dem der Autor dem Künstler sagt, was er zeichnen soll). Beispiel: „Man sieht Adamsberg in dem verwüsteten Zimmer, in dem der Mord geschehen ist (…) Er kniet neben der Leiche, beugt sich über sie und besieht sich die Schnittwunden auf Vincents linkem Oberschenkel.“ Das wirkt doch arg befremdlich. Vertraut Fred Vargas den Bildern nicht? Oder ihren Lesern? Viel zu oft werden Informationen schriftlich dargelegt, die man auch leicht hätte bildlich darstellen können. Etwas problematisch sind auch die zahlreichen langen Dialogpassagen. Baudoin bemüht sich zwar sichtlich, abwechslungsreiche Formen dafür zu finden, aber ein wirklich graphisches Erzählen bleibt dadurch leider oft auf der Strecke.
Alles in allem ist Das Zeichen des Widders ein interessantes Experiment: Eine Romanschriftstellerin trifft auf einen eigenwilligen Comic-Künstler. Das Ergebnis ist zwar nicht in jeder Hinsicht gelungen, aber für jeden, der gerne mal über den Tellerrand blickt, durchaus einen Versuch wert.
Das Zeichen des Widders
Aufbau Verlagsgruppe, September 2008
Text: Fred Vargas
Zeichnungen: Edmond Baudoin
Hardcover; schwarz-weiß; 224 Seiten; 22,95 Euro
ISBN: 978-3-351-03250-0

© der Abbildungen: Aufbau Verlagsgruppe GmbH
Ehapa versucht sich seit kurzem an so genannten „all in one“-Ausgaben, sprich eine Miniserie oder ein Zyklus wird komplett in einem Stück herausgegeben. Damit soll auch das Vertrauen der Käufer zurückgewonnen werden, die öfters auf abgebrochenen Serien sitzengeblieben sind und dementsprechend skeptisch neuen Comicserien bei ECC gegenüberstehen. Nachdem mit dem Mafiosi-Krimi Hell's Kitchen dieser Ansatz gut angenommen wurde, erscheint mit Die Chroniken von Centrum – im französischen Original dreibändig – eine weitere abgeschlossene Erzählung, diesmal in einem düsteren Europa der nahen Zukunft angesiedelt.
Die Gesellschaft dieser Zukunft hat ein Problem: Es gibt viel zu viele Menschen, für die die vorhandenen Ressourcen nicht mehr ausreichen. Allein in der europäischen Riesenmetropole Centrum leben über eine Milliarde Menschen. Also hat sich die Regierung was einfallen lassen. Jedes Jahr werden eine Million Bürger rein zufällig ausgelost, die von Killerkommandos, den so genannten Frettchen, liquidiert werden. Es kann jeden jederzeit treffen, von den Obdachlosen in den „Nekrozone“ genannten Slums bis hin zu Geschäftsführern von Megakonzernen.
Der Protagonist Juan wundert sich zwar ein wenig, warum er als einer dieser Killer so oft in der Nekrozone unterwegs ist, schiebt dies aber auf die Bevölkerungsverteilung – schließlich leben 98% der Bürger Centrums dort. Juan erhält jeden Morgen eine Liste seiner aktuellen Aufträge und arbeitet diese im Lauf des Tages stoisch ab. Schließlich ist sein Job bei der Volkskontrolle so normal wie der anderer Leute bei der Müllabfuhr.
Natürlich passiert eines Tages etwas, was unser Frettchen ein wenig aus der Fassung bringt, sonst würden das recht eintönige 144 Seiten werden. Ein ehemaliger Kollege sucht ihn in seiner Wohnung auf und sät den Samen des Zweifels in ihm, dass das Losverfahren doch gar nicht so zufällig verfährt, wie es den Einwohnern von Centrum glaubhaft gemacht werden soll. Er kann Juan aber keine Details seiner Vermutungen erzählen, denn dummerweise steht er selber auf Juans Liste und … Auftrag ist Auftrag. Juan lässt der Gedanke aber nicht los, und so macht er sich nach einigem Zögern auf, der Geschichte nachzugehen. Als dann noch der Name seiner Nachbarin Jos, an die er sich vorsichtig annäherte, auf seiner To-Do-Liste erscheint, eskaliert die Situation.
Autor Jean-Pierre Andrevon ist ein alter Hase im Geschäft. Verfasser etlicher Science-Fiction-Romane, hat er das Skript zur Comicadaption selber geschrieben, deren drei Bände in Frankreich 2004, 2005 und 2007 erschienen. Die düstere Metropole Centrum lässt einen sofort an den Film-Meilenstein Blade Runner denken – diesen Vergleich wird man sicher in jeder Besprechung zu Die Chroniken von Centrum finden. Die Resignation und Apathie der Gesellschaft in beiden Werken ist sich einfach zu ähnlich. Auch ein weiterer Klassiker der Science-Fiction-Verfilmungen, Soylent Green, springt einem geradezu entgegen, auch wenn im Film die menschliche Auslese nicht durch das Los, sondern durch das Lebensalter bestimmt wird und so niemand der gezielten -getarnten – Tötung entkommen kann.
Andrevon gelingt es, die Einsamkeit, die man in einer Milliardenstadt empfinden kann, überzeugend darzustellen, und geht damit mehr auf die Menschen als auf die Technik der Zukunft ein. Kleine Details tun ihr Übriges: Als einzige Gesprächs“partner“ können nur Juans Haustier, ein Fisch, und sein tragbarer Computer Jules herhalten. Die bedächtigen Beschnupperungsversuche des wortkargen Killers an die benachbarte Prostituierte Jos wirken unbeholfen und unsicher, und immer wieder kommt es zu Rückziehern.
Die Handlung des Comics selber wirkt aufgrund der Ähnlichkeiten zu bereits vorhandenen Erzählungen im Ganzen nicht besonders innovativ, wobei das Ende ungewöhnlich und erstaunlich offen daherkommt. Problematisch für den Leser ist, dass das Erzähltempo stark schwankt und man die ursprünglichen drei Einzelbände herauslesen kann. Der erste Teil ist sehr bedächtig. Juans Arbeitsalltag wird ausführlich beschrieben, man bekommt ein Gefühl für die Stadt und den nicht übermäßig sympathischen Protagonisten vermittelt. Dieses elegische Erzählen reicht noch bis in den zweiten Band hinein, wo auf einmal das Tempo angezogen wird – als ob dem Autor eingefallen ist, dass er ja auch noch einen Plot behandeln wollte (z.B. wird in einer Rückblende ein kurzer Ausschnitt aus Juans Vergangenheit schnell abgearbeitet, von der man hätte mehr erfahren wollen). Bei der anschließenden Jagd nach dem Geheimnis der Auslosung kommt man nur schwer hinterher, und die Auflösung wird so rasch runtergekurbelt, wie ich es selten erlebt habe.
Hier hätte eine etwas ausgewogenere Gewichtung der Erzählung und den Lesern gut getan.
Die Stimmung wird gut durch die meist düstere Farbpalette und die ausführlichen Stadt-Hintergründe des Zeichners Afif Khaled transportiert. Die im Comic des öfteren vorkommenden ganzseitigen Panels im Großformat sind sehr hübsch anzuschauen. Ein großes Manko von Khaled ist allerdings seine inkonsistente Darstellung von Menschen. Wenn er gut drauf war, könnten seine Figuren aus einem moderneren Zeichentrickfilm entnommen worden sein, was durch die Cellshading-Kolorierung noch verstärkt wird. In schlechten Panels wirken die Menschen wie bessere Amateur-Zeichnungen, umrahmt von eintönigen Tuschelinien, die viel zu viel eingesetzt wurden und bei denen man kaum eine Abwandlung in der Strichstärke erkennen kann. Dies führt direkt zu einem weiteren Manko: Seine Zeichnungen lassen an Dynamik fehlen, oft wirken die Szenen steif. Dies verstärkt natürlich einerseits den kalten Eindruck der Stadt und der Gesellschaft, ist aber in Actionszenen ärgerlich. In manchen Panels, wie z.B. einer Traumsequenz, lässt Khaled die Tusche einfach weg und, schwupps, ist das Ergebnis deutlich besser. Schade, von dieser Art Zeichnungen hätte ich gerne mehr gehabt in diesem Comic.
Einen Abend auf dem Sofa kann man bequem mit diesem atmosphärischen Comic verbringen, aber viel Neues oder gar einen Meilenstein sollte man nicht erwarten.
Die Chroniken von Centrum
Ehapa Comic Collection, November 2008
Text: Jean-Pierre Andrevon
Zeichnungen: Afif Khaled
144 Seiten, farbig, Hardcover, ca. DIN A4-Format; 39,95 Euro
ISBN: 978-3770432547

Die Chroniken von Centrum © Ehapa Comic Collection
Den Stuttgarter Martin Frei darf man mittlerweile schon fast zu den Veteranen unter den deutschen Comic-Zeichnern zählen. Seit bald 25 Jahren veröffentlicht er Comics und legt dabei eine erstaunliche stilistische und inhaltliche Palette an den Tag: Science Fiction (Gregor Ka), Horror (Kurzer Prozess), Fantasy (Asanghia), aber auch Krimi- (Tatort) und Funny-Comics (Superbabe) hat Frei bereits gezeichnet. Sein neuestes Werk ist eine Mischung aus den beiden letztgenannten.
Mit Kommissar Eisele – Kripo Stuttgart greifen Martin Frei und der Gringo-Verlag das Prinzip der im Buchmarkt höchst erfolgreichen Regional-Krimis auf: Krimigeschichten, die stark mit dem Ort der Handlung verknüpft sind und entsprechend auch vorwiegend ein Publikum ansprechen, das mit jenem Ort vertraut ist. In diesem Fall ist das natürlich Stuttgart – hier ist Martin Frei geboren, hier lebt und arbeitet er, und auch sein Verlag ist in der Region ansässig.
Dass Kommissar Eisele keinen allzu ernsthaften Ton anschlägt, sondern eher in Richtung Parodie geht, wird schon an den Einleitungsseiten klar: In einer kleinen Hommage an Asterix wird zuerst der Handlungsort vorgestellt („Ganz Baden-Württemberg?“), dann die Hauptpersonen („Unsere Stuttgarter“). Der Band enthält drei in sich abgeschlossene, relativ kurze Geschichten, in denen der leicht knorrige, schwäbelnde Kripo-Kommmissar Eisele je einen Mordfall aufklären muss. Dabei unterstützen ihn eine junge, aus Hamburg zugereiste Kollegin und der schwäbische Pathologe Nockel.
Alle Fälle haben gemeinsam, dass sie zum Teil an bekannten Punkten der Landeshauptstadt spielen. Das gibt Martin Frei Gelegenheit, markante Hot Spots seiner Stadt (z.B. den Schlossplatz oder die Musikhochschule) in Szene zu setzen und sorgt bei Lesern, die Stuttgart kennen, für einen hohen Wiedererkennungswert. Lokalkolorit ist die große Stärke der Eisele-Comics: Frei erzählt Geschichten, die nicht nur zufällig in Stuttgart spielen, sondern gründlich mit dieser Stadt, mit ihrer Geschichte und mit der Mentalität ihrer Bewohner verknüpft sind. Zwei der drei Geschichten bauen auf historischen Fakten auf, die in einem informativen Anhang auch näher erläutert werden.
Zum Lokalkolorit gehört natürlich auch der Dialekt, der hier etwas inkonsequent zum Einsatz kommt. Zahlreiche Figuren im Comic sprechen ein sanftes Schwäbisch, fallen aber zwischendurch immer wieder mal ins Hochdeutsche. Das macht die Lektüre für Nicht-Schwaben einfacher, lässt die Sprache aber ein bisschen inhomogen wirken.
Was die Krimihandlung angeht, sind die Geschichten recht simpel gestrickt. Aufgrund ihrer Kürze können und wollen sie keine ausgefeilten, cleveren Krimi-Plots erzählen, stattdessen geht es recht geradlinig zur Sache, die Fälle werden sehr schnell und nicht allzu originell gelöst. Ein packender Thriller will der Comic aber auch gar nicht sein, er will unterhalten und Spaß machen und enthält eine große Prise Humor. Wie man diesen beurteilt, ist Geschmackssache. Die meisten Gags sind eher brav und bieder und neigen bisweilen zum Kalauer („Sieh es ei, dass wir dich überführt haben“). Ein gemütlicher, harmloser (vielleicht: schwäbischer?) Humor, dem ein bisschen mehr satirischer Biss gut getan hätte.
Zeichnerisch gibt es dagegen gar nichts zu meckern. Freis Figuren sind in einem karikierenden Semi-Funny-Stil gehalten, während die Hintergründe, vor allem bei Außenszenen, sehr realistisch und detailreich gezeichnet sind. Mit seinen fast fotorealistischen Stuttgart-Ansichten lässt Frei keinen Zweifel daran, dass diese Geschichten wirklich dort spielen und nirgendwo sonst. Die Hintergründe wurden im Gegensatz zu den Figuren nicht getuscht, sondern als Bleistiftskizzen belassen – ein sehr gelungener grafischer Effekt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Verbindung zum Handlungsort Stuttgart hier ganz ausgezeichnet funktioniert. Der Comic atmet echtes Lokalkolorit und ist eine Empfehlung für alle, die im Raum Stuttgart leben oder eine Verbindung zu der Stadt haben. Der Krimi-Aspekt und der Humor funktionieren bei Kommissar Eisele leider weniger gut, so dass Nicht-Schwaben nicht ganz so viel Freude an dem Band haben dürften.
Kommissar Eisele – Kripo Stuttgart 1
Gringo Comics, Dezember 2008
Text und Zeichnungen: Martin Frei
Softcover; schwarz-weiß; 118 Seiten; 9,80 Euro
ISBN: 978-3-940047-84-7

© der Abbildungen: Martin Frei / Gringo Comics
Der erste Band von Jason Lutes‘ Berlin-Saga erschien im September 2003 in Deutschland. Ganze fünf Jahre vergingen, bis nun endlich der Folgeband vorliegt. Weil Zeichner und Autor Lutes nicht allein von der Produktion seiner Berlin-Comics leben kann, ist das Veröffentlichungstempo sehr gemächlich. In den USA erscheint jedes Kapitel als einzelnes Heft, der Carlsen Verlag wartete dagegen ab, bis er einen Sammelband veröffentlichen konnte. Das Warten hat sich gelohnt.
Bleierne Stadt, der zweite Band von Berlin, macht dort weiter, wo der erste Teil (Steinerne Stadt) aufhörte: Der Comic ist eine Chronik aus dem Berlin am Ende der Weimarer Republik (dieser Band spielt zwischen Juni 1929 und September 1930), erzählt aus der Perspektive verschiedener Individuen. Neben fiktiven Charakteren werden auch reale Personen in die Geschichte eingeflochten, z.B. Literaten wie Kurt Tucholsky, Politiker wie Ernst Thälmann oder die Tänzerin Josephine Baker.
Gleich zu Beginn des Bandes führt Jason Lutes einen neuen Handlungsstrang und damit auch neues Personal ein: die amerikanische Jazzband Cocoa Kids kommt zu einem längeren Gastspiel nach Berlin. Durch diesen zusätzlichen Blickwinkel kann Lutes aus der Perspektive ausländischer Besucher erzählen, die Berlin als einen lukrativen und spannenden Auftrittsort erleben, aber als Schwarze auch mit mehr oder weniger subtilem Rassismus konfrontiert werden.
Während im ersten Band noch ein klarer Schwerpunkt auf dem politischen Geschehen lag (die schleichende Aushöhlung der Demokratie, die Radikalisierung der Bevölkerung, der Kampf zwischen linken und rechten Gruppierungen), legt Lutes den Fokus diesmal auch etwas stärker auf gesellschaftliche Aspekte: Der liberale Zeitgeist, der hier seinen Höhepunkt erreichte und von dem kurze Zeit später leider nicht mehr viel übrig blieb, erblüht auf den Comicseiten: Man hört Jazzmusik, feiert aussschweifende Parties und experimentiert mit seiner Sexualität. Die Künstlerin Marthe Müller, seit dem ersten Kapitel eine der Hauptfiguren, beendet ihre Beziehung mit dem Journalisten Kurt Severing und verliebt sich in ihre Ex-Kommilitonin Anna.
Obwohl die Nationalsozialisten nur eine Nebenrolle spielen und Adolf Hitler kaum einmal namentlich genannt wird, steuert der Comic deutlich auf Hitlers Machtergreifung zu. In den persönlichen, fiktiven Schicksalen einfacher Leute wird begreiflich, wie sich die Geschichte so entwickeln konnte. Dabei ist es erstaunlich, wie authentisch sich die Erzählung anfühlt, obwohl sie von einem 41-jährigen Künstler aus New Jersey kommt: Lutes hat akribisch recherchiert und achtet bis ins Detail auf die Stimmigkeit seiner Bilder. Auch die deutsche Übersetzung von Heinrich Anders ist bemerkenswert gut gelungen. Viele Figuren sprechen mit Berliner Akzent, die Sprache wirkt niemals gekünstelt, so dass man fast vergisst, einen Comic zu lesen, der aus einer Fremdsprache übersetzt wurde.
Bei seinen Zeichnungen folgt Lutes deutlich dem Vorbild der Ligne Claire. Das macht die Bilder manchmal etwas statisch, dafür erleichtert dieser Stil das Verfolgen der Geschichte: Auch wer nur selten Comics liest, wird der Handlung mühelos folgen können. Geschickt setzt Lutes verschiedene Mittel ein, die nur im Medium Comic möglich sind. Das Verwenden unterschiedlicher Schrifttypen, das Spiel mit grafischen Symbolen (an einer Stelle verwandeln sich Musiknoten in Vögel) und auch die Kunst des Weglassens: Zu den Höhepunkten des Bandes gehört eine Seite, die fast vollständig weiß ist und den Leser überrascht, wenn nicht sogar schockiert.
Leider wird es wieder mehrere Jahre dauern, bis man den abschließenden dritten Band lesen kann. Wenn es Jason Lutes jedoch gelingt, weiterhin diese Qualität zu liefern, dann wird er am Ende ein Meisterwerk geschaffen haben. Ein Amerikaner macht deutsche Geschichte lebendig, lebendiger als viele Geschichtsbücher es können. Bei all dem Lob muss eine kleine Erbsenzählerei erlaubt sein: Der Grafiker, der den Buchrücken gestaltet hat, hat nicht aufgepasst – der Schriftzug läuft von unten nach oben, genau andersrum als beim ersten Band. Nicht schlimm, aber für Regal-Ästheten ein Minuspunkt.
Berlin Bd. 2: Bleierne Stadt
Carlsen, Oktober 2008
Text und Zeichnungen: Jason Lutes
Softcover mit Klappenbroschur; schwarz-weiß; 214 Seiten; 14,- Euro
ISBN: 978-3-551-76676-2

Bildquelle: carlsen.de
Hört man das Stichwort Piraten, so fallen einem entweder die aktuellen Ereignisse vor der Küste Somalias ein, oder jene Piraten, die wir aus dem Kino kennen: die verwegenen Freibeuter der Meere, nur echt mit Augenklappe, Holzbein und Papagei auf der Schulter. Die Piraten, von denen Lewis Trondheim in seinem neuen Comicroman Insel Bourbon 1730 erzählt, gehören weder zur einen noch zur anderen Fraktion. Gemeinsam mit dem Szenaristen Appollo versucht er ein realistisches Bild von der Zeit zu zeichnen, als die große Ära der Piraterie zu Ende ging.
Die Insel Bourbon, die dem Buch ihren Namen gibt, heißt heute La Réunion, liegt in der Nähe von Madagascar und gehört zu Frankreich. Appollo, der die Geschichte zusammen mit Trondheim geschrieben hat, lebt seit Jahren auf dieser Insel. Ausgehend von zahlreichen historischen Fakten (die in einem aufschlussreichen Glossar erklärt werden), erzählen Appollo und Trondheim in mehreren parallelen Handlungssträngen von den letzten Tagen der Piraterie in dieser Region: Ein Ornithologe aus Frankreich und sein junger Assistent sind auf der Suche nach dem Dodo, die Marrons (ins Bergland geflohene Sklaven) sind auf der Flucht vor Kopfgeldjägern, die Gouverneurstochter Virginie sucht Freiheit und Abenteuer. Und dann ist da noch La Buse, ein legendärer Pirat, der auf Bourbon im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Einige Kollegen wollen ihn befreien, doch die meisten ehemaligen Piraten haben diesen Beruf an den Nagel gehängt und verdienen, nach einer Amnestie der Regierung, gutes Geld als Plantagenbesitzer.
Aus einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel kann sich der Leser ein Bild davon machen, wie sich das Leben zu jener Zeit auf der Insel abgespielt hat. Es geht dabei weniger um eine geschlossene, zielstrebig erzählte Handlung, vielmehr setzen Appollo und Trondheim einzelne Schlaglichter, die nach und nach geschickt miteinander verknüpft werden. Insofern ist Insel Bourbon 1730 eher eine Sammlung von Episoden als ein großes, durchgängiges Epos. Trotz der großen Faktentreue ist dies kein dokumentarischer Comic, die Autoren erlauben sich viele künstlerische Freiheiten und nicht zuletzt sorgt Trondheims typischer Zeichenstil für einen Verfremdungseffekt.
Wie üblich zeichnet Trondheim alle Figuren als Personen mit menschlichen Körpern, aber tierischen Köpfen. So erschafft er mit wenigen Strichen unterscheidbare Charaktere – dabei ist immer wieder erstaunlich, wie gut es ihm gelingt, mit (scheinbar) einfachen grafischen MItteln äußerst ausdruckstarke Figuren zu kreieren. Die Zeichnungen in diesem Band sind noch einen Tick krakeliger als man es von Trondheim kennt, die meisten Seiten entstanden ohne jede Vorzeichnung. Nur durch diese unglaublich schnelle und effiziente Arbeitsweise ist es überhaupt möglich, dass der vielbeschäftigte Zeichner zwischen seinen unzähligen Projekten mal eben in kurzer Zeit einen knapp 280 Seiten langen Comic abliefern kann; eine Strecke, mit der andere Zeichner jahrelang beschäftigt wären.
Es fällt schwer, diesen Comic in Genre-Schubladen einzuordnen, Eine klassische Abenteuergeschichte ist er mit Sicherheit nicht, eher ein historischer Roman, ein Zeiten- und Sittenbild. Der Humor spielt eine kleinere Rolle als in den meisten anderen Werken Trondheims, schimmert aber immer durch. Selten in Form von offensichtlichen Gags, meist in Gestalt von subtilem Dialogwitz oder skurillen Schlenkern in der Handlung.
Ob man zu Insel Bourbon 1730 greift, weil man an der Geschichte der Piraterie interessiert ist, oder ob man es als Fan von Lewis Trondheim tut: Die Lektüre lohnt sich in jedem Fall. Man bekommt ein sehr eigenständiges Werk, das auf originelle und unterhaltsame Weise von einer Welt erzählt, die man sonst allenfalls als verzerrtes Klischeebild kennt.
Insel Bourbon 1730
Reprodukt, Oktober 2008
Text: Appollo, Lewis Trondheim
Zeichnungen: Lewis Trondheim
Softcover mit Klappenbroschur; schwarz-weiß; 288 Seiten; 17,- Euro
ISBN: 978-3938511879

Bildquelle: reprodukt.com
Nach Sin City und 300 legt Cross Cult nun also auch Hard Boiled, ein weiteres Werk von Frank Miller, als edle Gesamtausgabe neu auf. Die ursprünglich dreiteilige US-Serie lässt sich am ehesten als eine überbordende, pompös inszenierte Kurzgeschichte begreifen, in der ausgefeiltes Storytelling und tiefgehende Dialoge bewusst in den Hintergrund gerückt sind und Miller viel über großflächige, spektakuläre Szenen mit dem Leser kommuniziert.
Im Protagonisten Nixon, einem nach eigenem Befinden normalen, pflichtbewussten Steuerfahnder, findet Miller ein Werkzeug zur völligen Zerstörung, denn Nixon schlittert in ein nicht zu kontrollierendes Massaker, das ihm schlussendlich zum Bewusstwerden seiner eigenen Identität verhilft.
Angesiedelt ist dieses sehr explizite und brutale Werk in einer futuristisch anmutenden Großstadt, die sehr detailiert von Zeichner Geof Darrow dargestellt wird. Er ist es auch, der den abstrusen Plot, der im Grunde aus einem einzigen Schlachtfest besteht, zu einer noch surrealeren Ebene verhilft. Ob Straßenjagden, Massentötungen oder zerfetzte Leichen, die Millersche Vorgabe geht hier in Punkto Gewalt wirklich an die Grenzen und Darrow spart auch nicht damit, sich aller abstoßenden Details auch ausführlich anzunehmen.
Auffällig ist dabei auch, dass immer wieder die gerade agierenden Personen aus der Weitsicht betrachtet werden und sich dem Leser, sozusagen aus der Panoramaeinstellung, eine wimmelbildartige Ansicht bietet, die das völlig uferlose Gemetzel in diesem Kontext gesehen noch unglaublicher macht.
Hard Boiled ist so gut, weil es bewusst auf einen zu komplexen Inhalt verzichtet und sich auf außergewöhnliche Gewaltdarstellungen beschränkt. Das mag zuweilen abstoßend wirken, ist aber viel zu unrealistisch und übertrieben, um moralisch verwerflich sein zu können. Zumal Geof Darrow hier wirklich eine überragende Arbeit abliefert: Seine präzisen, detailverliebten Bilder sind allein schon die Anschaffung des Bandes wert, selbst wenn man die wenigen Textstellen und die magere Handlung außen vorlässt.
Natürlich war sich Miller seiner Prämisse, auf coole, harte Antihelden zu setzen, die sich durch die Gegend ballern, schon damals bewusst, so wirkt sein manteltragender Nixon auch ähnlich wie Hartigan aus Sin City. Was Hard Boiled abtrennt von Millers anderen Werken, ist auch die Tatsache, dass es mit voller Absicht übers Ziel hinausschießt und dieses nicht im Ansatz versucht ist zu verschleiern. So bleibt Hard Boiled auch in der neu überarbeiteten Fassung ein Comicbuch, das bemerkenswert und wohl einzigartig ist.
Hard Boiled
Cross Cult, Dezember 2008
Text: Frank Miller
Zeichnungen: Geof Darrow
Hardcover; farbig; 128 Seiten; 24,- Euro
ISBN: 978-3-936480-90-0

Bildquelle: crosscult.de
In Liebe und andere Lügengeschichten erzählt die herausragende Autorin Kiriko Nananan in dem zeitgenössischen Manga in unheimlich verdichteter Form über Sexualität, Gefühls- und Liebesleben von japanischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, meistens Frauen, in 23 Facetten.
Die 23 Episoden sind kurz und prägnant. Sie drehen sich um
– die Sehnsucht nach dem Ex,
– Sorgen beim Liebesspiel, ob es ihm wirklich um sie gehe,
– Eifersüchteleien, Bluffen und Wohlwollen zwischen Freundinnen beim Gespräch im Café und vieles mehr.
Chikada prostituiert sich bei über 60-jährigen Frauen, um Geld zu verdienen, das er mit Mädchen ausgibt. Shizuku verführt auf einer Party händchenhaltend einen Schwarm, während ihr Freund betrunken in einer Ecke liegt. Eine junge Frau merkt beim Fremdgehen, wie sehr sie ihren Freund liebt. Ein junger Mann wird vor die Entscheidung gestellt, sich zwischen seiner finanzstarken Freundin und einer attraktiven Nebenbuhlerin zu entscheiden und alles kommt anders. Manchmal werden einzelne Erzählstränge aufgegriffen und die Entwicklung der Beziehung weitergeführt.
Die Geschichten selber sind toll. Erstaunlich, wie schnell man in die jeweilige Gefühlslage und die komplizierten Umstände hineingezogen wird. Und das immer wieder aufs Neue. Obwohl 23 Geschichten erzählt werden, sind die Einfälle und Variationen der Japanerin Nananan unerschöpflich und originell, jenseits vieler Klischees. Sie gehen ans Herz, sind packend erzählt, machen nachdenklich. Es geht Schlag auf Schlag. Die Darstellung von Sex und Erotik ist genau richtig getroffen, nicht effekthaschend, nicht übertrieben prüde im US-American-Style, sondern so, wie es die Erzählung benötigt, offen und ohne falsche Tabus, nie voyeuristisch. Die Zeichnungen sind schwarz-weiß, schnörkellos und manchmal fügt Nananan Porträts ihrer Hauptfiguren ein. Die schnell in die Tiefe gehenden Episoden geben mir als Leser am Ende der Lektüre das Gefühl, das Buch müsste eigentlich dicker sein, so viel hat man beim Lesen erlebt.
Ein Mini-Manko: Ein mir nur schwer lösbares Problem war es, die Namen den handelnden Personen zuzuordnen. Da die Kurzgeschichten schnell zum Erzählen kommen, bleibt nicht viel Zeit, die mal weiblichen, mal männlichen Hauptpersonen langsam einzuführen. Und da mir die japanischen Vornamen (leider!) keinen Aufschluss geben, ob es sich um Männlein oder Weiblein handelt, musste ich höllisch aufpassen, um manche Dialoge korrekt zu verfolgen.
Fazit: Ein wirklich guter Manga für Erwachsene mit einem vielschichtigen Frauen- und Männerbild. Das Buch macht definitiv Lust auf mehr von der japanischen Autorin Kiriko Nananan, die auch Blue bei Shodoku veröffentlicht hat.
Liebe und andere Lügengeschichten
shodoku / Schreiber & Leser, September 2008
Zeichnungen/Text: Kiriko Nananan
212 Seiten, Softcover, schwarz-weiß
14,95 Euro
ISBN 978-3937102955
Bildquelle: schreiberundleser.de
Die Behörde mit dem komischen Namen ist wieder zurück. Wer es noch nicht weiß: B.U.A.P. steht für: Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen. Der Hauptsitz der Organisation wider die bösen Mächte liegt in Colorado, das prominenteste Mitglied ist Hellboy. Der ist jedoch inzwischen ausgestiegen und untergetaucht. Er geht seine eigenen Wege. Zuletzt wurde er mit der Hexe Babajaga in der Zwischenwelt gesehen. Ohne ihn bleiben zum Böse-Monster-Verkloppen: der Fischmensch Abe Sapien, die Feuerteufelin Liz Sherman, der Untote Captain Daimo, Dr. Kate Corrigan und die Ektoplasma-Projektion Johann Kraus. Früher gab es noch den Homunkulus Roger, aber der ist mittlerweile passé, ausgeschieden ins Totenreich, wenn es denn solch einen Ort für künstliche Lebensformen überhaupt gibt.
Wer jetzt das Gefühl bekommen hat, dass es vorab einen ganzen Haufen Figuren, Ereignisse, Orte und anderes Zeug zu erklären gibt, liegt gar nicht so falsch. Denn B.U.A.P. ist ein Spinoff der Hellboy-Serie und tut genau das, was man eben von einem Spinoff erwarten kann: Es füllt Lücken und konsolidiert die bestehende Welt, spinnt sie dabei ein bisschen weiter und gibt den Fans der Serie Lesefutter, das so ähnlich schmeckt und aussieht wie das Original. B.U.A.P. ist eine großartige Spinoff-Serie, vielleicht eine der besten fortlaufenden US-Horror-Serien dieser Tage.
Das neue Abenteuer »Garten der Seelen« dreht sich um die Vergangenheit von Abe Sapien. Er reist nach Indonesien, wo er einige sehr alte Bekannte aus dem 19. Jahrhundert wiedertrifft. Sie können ihm Auskunft über seine nicht sonderlich rühmliche Vergangenheit geben. Andeutungen auf Abes menschliche Existenz hatte es in früheren B.U.A.P.-Bänden schon gegeben. Die Versprechen, die dem Leser dort gemacht wurden, werden jetzt eingelöst. Wer jedoch finsteren Horror sucht, für den Hellboy und seine Kumpels so bekannt sind, wird sich mit »Garten der Seelen« keinen Gefallen tun. Die Handlung ist nicht sonderlich komplex, Hintergründe und Figuren sind gut und mit genügend Platz dargestellt, doch geht die ganze Sache dieses Mal eher in Richtung Abenteuergeschichte: Inseln, Urwälder, exotische Tiere – da winken Indiana Jones oder Corto Maltese aus der Ferne. Die gesamte Geschichte ist rund, gut erzählt, voller origineller Details und grafisch toll von Guy Davis umgesetzt. Wer sich also nicht an dem Weniger an Horror und dem Mehr an Abenteuer stört, wird an diesem Band seine Freude haben.
Den einzigen Kritikpunkt gibt’s zum Schluss: Obwohl »Garten der Seelen« ein rundum gut gemachter Comic ist, fällt die Selbstreferenzialität ins Auge, die schon viele fortlaufende Serien ereilt hat. Neben den Abenteuern geht es dann oft auf vielen Seiten um die Vergangenheit der einzelnen Figuren oder um das sie verbindende Beziehungsgeflecht, frei nach dem Motto: »Ein bisschen Soap muss sein.« Im Gegensatz dazu entstand beim Lesen der ersten Hellboy-Geschichten immer wieder das Gefühl, einem unendlich mysteriösen Kosmos gegenüber zu stehen, in dem sich die Figuren fast verlieren und der nie völlig ergründet und erklärt werden kann. In den B.U.A.P.-Geschichten hingegen sind die Figuren größer, sie bekommen mehr Raum. Als Folge wird die Welt, in der sie agieren, kleiner und übersichtlicher. Einige Leser werden diesen Unterschied wahrscheinlich als Geschmackssache empfinden, was er mit Sicherheit ist. Sicher ist aber auch: Eine selbstreferenzielle Geschichte, die kaum über sich hinauszeigt und hauptsächlich um die eigenen Figuren kreist, ist viel häufiger zu finden als ein komplexer, unendlich mysteriöser Kosmos. Was Mignola in den ersten Hellboy-Tagen schuf, wird unvergessen bleiben. Ob das bei »Garten der Seelen« auch der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.
B.U.A.P. 6 – Garten der Seelen
Cross Cult, November 2008
Autoren: Mike Mignola, John Arcudi
Zeichnungen: Guy Davis
160 Seiten; vierfarbig; Hardcover; 19,80 Euro
ISBN 9783936480856

© Abbildungen aus der deutschen Ausgabe: Cross Cult