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Abersen 3 & 4

 Es ist bereits fünf Jahre her, dass der Carlsen Verlag mit Abersen eine der vielleicht ungewöhnlichsten Fantasyserien startete. Aber nicht zuletzt die verworrene und fordernde Handlung dürfte dafür gesorgt haben, dass Abersen bereits nach zwei Alben ein vorzeitiges Ende beschert war.

Jetzt haben sich die Jungs von Finix Comics ein Herz gefasst und dem außergewöhnlichen Comic endlich ein Ende gegönnt. Finix ist ein Club, der sich darauf spezialisiert hat, Albenreihen, die bei anderen Verlagen, oftmals kurz vor Vollendung der Serie oder eines Zyklus, abgebrochen wurden, zu einem würdigen Abschluss zu verhelfen. Mit den jüngst erschienenen Bänden 3 und 4 von Abersen ist ihnen dies wieder einmal gelungen und Sammler können sich die komplette vierteilige Saga von Zeichner und Szenarist Marc N`Guessan in einheitlicher Aufmachung ins Regal stellen.

 Der Verdienst von Finix als vorbildliche „Lückenfüller“ des deutschen Comicmarktes und ihre professionelle Arbeit für Komplettisten und Leser, die wissen wollen, wie eine Geschichte ohne das Fallenlassen anderer Verlage bis zum vorgesehenen Ende ausgesehen hätte, ist in diesem Zusammenhang nicht hoch genug einzuschätzen. Größere Probleme gibt es da schon eher für potentielle Quereinsteiger wie mich, die die ersten beiden Carlsen-Nummern nicht kennen und mit der ersten Finix-Ausgabe, also Ausgabe 3 von Abersen, gestartet sind. Dabei wird vor allem eines deutlich: Abersen ist ein zu komplexer Comic, als dass man ihn ohne Vorkenntnisse der Carlsen-Alben vollends erfassen und verstehen könnte (und auch dann dürfte es noch schwer genug sein). Es ist aber auch ein viel zu schönes Comicerlebnis, als dass man darauf verzichten möchte, irgendwann nochmals alle vier Alben an einem Stück lesen zu wollen.

Seite aus Abersen 4Abersen ist sicherlich eine der Comicreihen, die damals nicht aufgrund ihrer mangelnden Qualität eingestellt wurden, sondern wohl u.a. auch deswegen, weil die Leserschaft sich nicht in ausreichender Zahl auf die Story einlassen wollte. Marc N'Guessan, der kreative Kopf hinter Abersen, macht es einem aber auch wahrlich nicht leicht. Sein Werk ist nicht als klassischer Fantasystoff einzustufen. Vielmehr handelt es sich um ein hintergründiges und vielschichtiges Verwirrspiel, in welchem eine Gruppe vermenschlichter Tiere agieren, darunter der vermeintlich auserwählte Bär Hotis, der sich zusammen mit seinen Kumpanen in einer abenteuerlichen wie gefährlichen Welt fortbewegt und zwischen Traum, Tod und Realität wandelt. Dementsprechend verbindet N'Guessan jene Motive und gestaltet sie in ausschweifenden Bildern ansprechend aus, besonders die unwirklichen Unterwasser-Visionen, in denen unheimliche Kreaturen hausen und immer wieder die Erdbewohner heimsuchen.

Die monströse Bedrohung wird zur allgegenwärtigen, unbekannten Gefahr, der sich die Weggefährten stellen müssen. Zwischen Hotis' sich erfüllendem Schicksal und erkennbarer Zeitparadoxien ist Abersen ein nicht einfach zu goutierender Comic, der aber umso mehr dazu einlädt, einen zweiten oder dritten Blick zu riskieren. Bereuen wird man diesen sicher nicht.

 

Abersen
Finix Comics
Text und Zeichnungen: Marc N'Guessan

Fantasycomic mit Tiefgang

Band 3: Jenseits der trockenen Meere
Softcover; farbig; 48 Seiten; 11,80€
ISBN: 9783941236011

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Band 4: Über die Zeiten hinweg
Softcover; farbig;
64 Seiten; 13,80€
ISBN: 9783941236035

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe Finix Comics

 

The New Brighton Archeological Society (US)

Please click here for the English review.


CoverAuf dem Cover blicken dem Leser vier Augenpaare entgegen. Die Augen gehören zu vier adrett in Schuluniformen gekleideten Kindern: zwei Jungen und zwei Mädchen, zwei Geschwisterpärchen. Etwas unsicher, aber auch entdeckungslustig, schauen die Augen in die Kamera, in ihre Zukunft, aber auch in eine mysteriöse Vergangenheit. Diese interessierten Beobachter sind die vier kleinen Hauptdarsteller von Image Comics' neuem Comic The New Brighton Archeological Society Book One: The Castle of Galomar von Autor Mark Andrew Smith (Aqua Leung, The Amazing Joy Buzzards, PopGun) und Zeichnerneuling Matthew Weldon; eine phantastische Reise im Comicformat, die junge Leser dazu einlädt magische Welten zu betreten und ältere Leser wieder daran erinnert, was es bedeutet die Welt mit Kinderaugen zu sehen.

Die Erzählung beginnt dort, wo fast alle guten Kindergeschichten beginnen, nämlich mit einem traurigen Anfang. Ebenso wie die Reise der drei Baudelaire-Waisen in Lemony Snickets Eine Reihe betrübliche Ereignisse, so haben auch unsere vier mutigen Jungforscher (Cooper, Joss, Becca und Benny) einen schlechten Start erwischt: So ereignet es sich in der Vorgeschichte zu The New Brighton Archeological Society, dass die ebenfalls befreundeten Eltern der vier Jugendlichen bei einer Expedition im Eis spurlos verschwinden. Während uns Snicket jedoch in jedem Band aufs Neue versichert, dass es immer noch schlimmer kommen wird und keine Hoffnung in Sicht ist, lernen die vier Kinder im Comic bald, dass dort draußen eine unbekannte Welt der Mythen und Legenden auf sie wartet, die es zu erforschen gilt.

SchneeballschlachtDoch hat der Comic hat nicht nur auf thematischer Ebene mit Lemony Snickets Romanen viel gemein. Obwohl sich Autor Mark Andrew Smith zwar ein paar Seiten Zeit nimmt, um einige mysteriöse Ereignisse für spätere Ausgaben in Position zu bringen, überlässt er das Feld ganz der Imagination seiner kleinen Helden, lässt sie phantasieren, spielend wieder zu sich kommen und ein neues Ziel finden: ihre Abenteuer als New Brighton Archeological Society. Nachdem die einzelnen Figuren sich fast modellhaft in ihrer jeweilige Rolle eingefunden haben, vom selbstbewussten Anführer bis zur langweiligen Stimme der Vernunft, stößt Smith den neu gegründeten Entdeckerclub auch gleich in sein erstes Abenteuer, das vom Spiel mit Stereotypen der phantastischen Literatur nur so durchtränkt ist. Der Autor ringt dabei all diesen bekannten Wesen immer wieder eine neue Facette ab: Bösartige, kleine Elfen treffen auf friedliche Goblins, deren einziges Manko eine Schwäche für Butterscotch-Bonbons zu sein scheint. Smith ergänzt diesen Fundus aber auch durch neue Kreationen wie die japanisch sprechenden Zwillingszombies, die einem Musikvideo der Gorillaz entstiegen sind, und einer Killerkröte mit Manieren.

Der Zeichenstil erinnert eher an gute Kinderbuchillustrationen, die nur illustrieren und  nicht selbst erzählen. Zwar nimmt die Action in den  Panels immer dann an Fahrt auf, wenn die Geschichte zu stagnieren droht, doch wirkt die Darstellung dieser Welt etwas zu süß, zu vollendet. Weldons Umsetzung von Smiths Szenario passt dabei genau in eine Nische, die Image Comics irgendwo zwischen Manga und „niedlich“ für sich etabliert hat. Während sich Smith für sein Aqua Lueng mit Paul Maybury für einen eher kantigen Zeichenstil entschieden hat, der dabei auch wirklich Raum für Phantasie lässt, tendiert Weldon dazu, es zu gut machen zu wollen. Selbstverständlich ist Weldon ein exzellenter Künstler: Seine Elfen sehen aus, wie Elfen eben aussehen sollten. Auch die Darstellung der Monster im Keller von Schloss Galomar erfreuen sich der graphischen Erfindungskraft eines Donjon. Nur lässt die Welt keinen Spielraum mehr für Phantasie. Nur durch Freiraum, in dem Kinder ihrer Phantasie freien Laufen lassen können, wurden Romane wie Lemony Snickets Eine Reihe betrübliche Ereignisse und C.S. Lewis' Die Chroniken von Narnia zu grDer Katzenmolochoßartigen Werken der Kinder- und Jugendliteratur.

Obwohl die Geschichte mit Band eins, The Castle of Galomar, für eine epische Breite angelegt zu sein scheint, überzeugt der Comic wirklich nur mit seinen kleinen Nebenschauplätzen, wie der Gruselgeschichte über den gefräßigen Katzenmoloch, den Höflichkeitstrick, mit dem die Kinder die Riesenkröte überlisten, oder auch dem Menschenkasperletheater. Alles andere wirkt wie ein nettes Märchen, das man gerne einmal hören möchte, aber auch nicht öfter.  Es ist einfach zu statisch, zu gewollt, um wirklich mitzureißen. Vielleicht sollte man Kindern sowohl erzählerisch als auch graphisch etwas mehr zumuten, wenn man die Phantasie in einem Comic schon so groß schreibt wie hier.

The New Brighton Archeological Society Book One: The Castle of Galomar
Image Comics, März 2009
Text: Mark Andrew Smith
Zeichnungen: Matthew Weldon 
176 Seiten, Softcover, farbig; 24,95 Euro
ISBN: 9781582409733

Ein nettes Comicmärchen, das nicht wirklich mitreißt

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Abbildungen: © Mark Andrew Smith, Matthew Weldon

{mospagebreak title=Review in English}

CoverFour pair of eyes adorn the cover of this comic; eyes that belong to four little children neatly dressed in school uniforms: two boys and two girls, two pairs of siblings. A little unsure, but still quite adventurous, they gaze into the camera, into their future and into a mysterious past. These four curious observers are the protagonists of Image Comic's new comic book The New Brighton Archeological Society Book One: The Castle of Galomar by author Mark Andrew Smith (Aqua Leung, The Amazing Joy Buzzards, Popgun) and newcomer-artist Matthew Weldon. In the pages of the comic a fantastic journey begins that invites young readers to enter a magical world, but that should also remind grown-ups what it was like seeing the world through the eyes of a child.

The story starts off as most good childrens' literature does: with a bad beginning. Similar to the journey of the three Baudelaire-orphans in Lemony Snicket's A series of unfortunate events our four brave explorers (Cooper, Joss, Becca, and Benny) receive some sad news: In the prologue of The New Brighton Archeological Society the two befriended couples and parents of the children go missing after an expedition and are pronounced to be dead. While Snicket reminds us at every new turn that the story will only become sadder, our heroes are soon offered a vision of hope. Right in front of them an unknown magical world opens up ready to be explored.

SnowballfestThe comic not only shares thematic parallels to Lemony Snicket's novels. Although author Mark Andrew Smith takes a few pages to prepare the larger plots for the upcoming issues, he reserves the first half of the comic entirely for the kids. His little heroes start to make up stories of friendly ghosts, they turn their godparents into zombies, and recover through their fantastic games from the shock of losing their loved ones. They finally find even a new vocation: their adventures as The New Brighton Archeological Society. After each character has found his role in the group somewhat too mechanically, from the self-assured leader to the boring voice of reason, Smith pushes his new explorer-club right into its first adventure. The world the kids enter is crowded with familiar stereotypes from fantastic literature, yet Smith is always able to add a new facet to his ensemble: Mean little fairies attack friendly goblins whose only weakness is a constant craving for butterscotch-toffees. The author also expands this pool of creatures by his own creations: a pair of Japanese speaking twin-zombies that stepped right out of a Gorillaz's music video and a well-mannered killer toad.

While Smith seems to be capable to portray this fantastical world from a new point of view, the drawing-style lacks the same freshness. Although the action in the panels is well-timed in correspondence to the plot, the complete representation of this world is too sweet, almost too perfect. Weldon's conversion of Smith's scenario fits perfectly into the niche-programme of Image Comics, located somewhere between manga and „cute“. While Smith's decision for Paul Maybury's edged drawing-style in Aqua Lueng proved to be the right choice, Weldon has overdone his work. It is beyond dispute that Weldon is an excellent artist: His elves look as elfy as they should. The monsters in the cellar of castle Galomar are as nicely illutrated as the creatures inhabting the world of Trondheim's and Sfar's Donjon. Yet Weldon's world leaves no space for the imagination. Exactly this certain space can be used by children to spin their own tales as part of the displayed world. Only the freedom for fantastic imaginings turned novels such as Lemony Snicket's A series of unfortunate events and C.S. Lewis's The Chronicles of Narnia into magical sagas for the young and old alike.

The Cat-Moloch Although the over 170 pages of The New Brighton Archeological Society, Book One: The Castle of Galomar are only the first instalment of a tale planned in an epic scale, the only really convincing passages in the book are the little sideshows such as the tale of the gluttonous cat-moloch, the touch of politeness that seduces the giant toad or even the small human Punch and Judy show performed by the Goblins. Everything else looks like a nice little fairy tale that turns stale after listening to it for the first time. The whole book is simply too static, too volitional, to enchant its readers. If a comic spells the word „fantasy“ in such capital letters, it should challenge readers narrative and graphical alike.

The New Brighton Archeological Society Book One: The Castle of Galomar
Image Comics, March 2009
Writer: Mark Andrew Smith
Artist: Matthew Weldon 
176 pages, Softcover, colored; 17,99 US-Dollar
ISBN: 9781582409733

A cute comic-fairy-tale that does not electrify

Images: © Mark Andrew Smith, Matthew Weldon

 

Comicmovie Datenbank: Watchmen – Die Wächter

 Mit der Verfilmung von Watchmen hat sich Regisseur Zack Snyder an einen der größten Superheldencomics aller Zeiten gewagt. Die Vorlage von Alan Moore und Dave Gibbons aus den 80ern gilt allgemein als Meisterwerk, wurde aber auch lange Zeit als „unverfilmbar“ bezeichnet, nicht zuletzt auch vom Autor selbst. Was daraus geworden ist, klären wir in der Comicmovie Datenbank. Und  wie es sich für ein Comicmagazin gehört, legen wir besonderes Augenmerk auf den Vergleich zwischen Adaption und Vorlage.

New York, 1985, in einer Welt, die der unseren stark ähnelt, aber in Einzelheiten anders ist. Es herrscht der Kalte Krieg, doch die Anspannung zwischen Ost und West ist noch viel stärker, als sie in unserer Realität je war. Der Atomkrieg steht praktisch vor der Tür,  Richard Nixon geht bereits in seine dritte Amtszeit. Und: Es gibt Superhelden. Die meisten davon sind nicht mehr als gut trainierte, kostümierte Verbrecherjäger, und obendrein sind sie mittlerweile offiziell verboten. Hier weiterlesen…

The Umbrella Academy 1: Weltuntergangs-Suite

 Gerard Way war in Comic-Kreisen bislang eher ein Unbekannter. Jetzt dreht der Sänger der Band My Chemical Romance ganz gut auf. Seine neu gestartete Serie The Umbrella Academy war ein Überraschungshit bei den Eisner Awards. Und das ganz zu Recht.

Als treuer Comic-Leser ist man sich im tiefsten Inneren seines Herzens der traurigen Tatsache bewusst, dass circa fünfundneunzig Prozent der Hefte, Alben und Trades, die man liest, irgendwo zwischen den Kategorien Schrott, Mist, Langweilig oder Geht-so rangieren. Das ist nichts Comic-Spezifisches, das gibt es überall, in der Musik, in der Belletristik, im Film, eben überall.

Unterhalten wir uns also über die verbleibenden fünf Prozent. (Gut, vielleicht sind es auch sechs, wer weiß…) Sie machen den Kern der Sache aus. Es sind Comics, die sich von den anderen durch irgendeine Qualität oder Originalität abheben, dass man sie immer wieder liest, zitiert und kopiert. Wer diesem Text bis hierhin gefolgt ist, wird bemerkt haben, dass es mir nur schwer fällt, meine Begeisterung im Zaum zu halten. Denn es passiert höchstens ein- oder zweimal im Jahr (jedenfalls äußerst selten), dass man einen Comic liest, der so elegant und effektsicher ist, dass er den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann zieht. Die Rede ist vom ersten Band der Umbrella Academy, jüngst erschienen bei Cross Cult.

 Dabei ist das Cover eher langweilig, weiß, schlicht, eine Frauenfigur, die Geige spielt und deren Körper einem Kontrabass entlehnt ist. Noch halten meine Synapsen Winterschlaf. Der Klappentext reizt mich noch immer wenig. Es geht um eine Familie von Superhelden, genauer: um sieben Kinder, die von einem Multimillionär adoptiert wurden und die sich im Erwachsenenalter zerstritten haben. Jetzt droht der Weltuntergang, und sie müssen ihren alten Zank vergessen und sich wieder zusammenraufen. Kampfroboter fliegen durch die Gegend, der Eifelturm läuft Amok und ein Meteorit ist auf Kollisionskurs mit der Erde. Die Umbrella Academy muss helfen! Kinder mit Superkräften, das ist irgendwie Akira, vielleicht auch Teen-Titans, meinetwegen ein wenig Batman, die Welt geht unter, ach ja, mal wieder, danke, hatten wir schon.

Aber die Überraschung gehört zum Lesen dazu. Und sie war groß. Als erstes aufgrund des Artworks. Denn Zeichner Gabriel Bá ist phantastisch, so nah an Mignola, dass man sich ab und zu fragt, ob nicht Hellboy gleich ins Panel gesprungen kommt. Auch ein bisschen Eduardo Risso mag man finden, auf jeden Fall herrlich klare, verspielte Linien, mutige Schwarzflächen und Liebe zum Detail ohne Überfrachtung. Ein weiterer Höhepunkt sind die Cover, gezeichnet von James Jean, der auch für die Cover von Fables verantwortlich zeichnet, damit schon diverse Eisner-Awards abgeräumt hat und wohl der beste Cover-Illustrator ist, den man derzeit für derart phantastisch-verträumte Projekte bekommen kann. (Die weiße, nüchterne Frontdame gehört nicht dazu.)

 Und die Story? Mehr als die Andeutungen oben gebe ich nicht preis. Denn: Der Clou der Weltuntergangs-Suite ist nicht der Plot, der ließe sich in ein paar Sätzen abhandeln. Es ist die brillant verflochtene Erzählweise, die immer wieder kleine Schlenker macht, so dass man nie weiß, was auf den nächsten zwei Seiten passieren wird. The Umbrella Academy ist ein herrliches Amalgam aus Superhelden, Familiendrama, Horror, Action, Musik und Monsterszenario, eben aus so vielen Facetten unserer Popkultur komponiert, dass einmal lesen gar nicht reicht, um diese Arbeit zu würdigen. Wer auf der Suche nach Perlen im Comic-Meer ist, sollte diesen Band unbedingt ansteuern. Es könnte ein Volltreffer sein.

The Umbrella Academy 1: Weltuntergangs-Suite
Cross Cult, Januar 2009
Text: Gerard Way
Zeichnungen: Gabriel Bá
Übersetzung: Matthias Wieland
160 Seiten, Hardcover, farbig; 19,80 Euro
ISBN: 9783941248168

Genial erzählter Superhelden-Stoff!

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Abbildungen aus der dt. Ausgabe: © Cross Cult

Die drei Paradoxien

 Paul Hornschemeier dokumentiert einen Besuch bei seinen Eltern, während dessen er an einem Comic zeichnet, der ihm einfach nicht gelingen will. Immer wieder verwirft er die Seiten und sieht sich mit der Frage konfrontiert, wohin seine Geschichte um einen Jungen, der ebenfalls Paul heißt und einen Zauberbleistift besitzt, eigentlich führen soll. Während seines Aufenthaltes schweifen Hornschemeiers Gedanken aber auch immer wieder in seine Jugend ab.

In Flashbacks wird eine in der Kindheit erlebte Prügelei lebhaft dargestellt und fügt sich in Pauls momentane Realität ein. In Die Drei Paradoxien führt der Autor den Leser aber noch weiter in seine Biografie, etwa wenn ihm plötzlich die Erinnerung an den dramatischen Unfall eines früheren Mitschülers überkommt oder er in einem Exkurs den Lieblingscomic aus seiner Jugend, „Zeno und seine Freunde“, einbaut.

Hauptmotiv bilden aber drei Erzählebenen, die drei Paradoxien, die sich permanent überschneiden. Hornschemeier grenzt diese auch optisch klar voneinander ab, weshalb der kindliche Comic um Paul und den Zauberbleistift, an dessen Fertigstellung er im Laufe des Bandes verzweifelt, als grob skizzierter Entwurf ohne Schattierungen oder Farbe erscheint, während die Szenen von Pauls jugendlicher Sommererinnerung in grob gerastertem Retrolook daherkommen. Im Kontrast zu diesen beiden Ebenen bildet die Gegenwart mit ihrer realistischen, aber bezeichnenderweise nüchternsten Optik den übergreifenden Rahmen des Buches, der die einzelnen Versatzstücke zusammenhält. So ist die Handlung letztlich ein aus mehreren Ebenen bestehendes Experiment, das versucht zu zeigen, inwieweit Gedanken und Erinnerungen unser momentanes Handeln beeinflussen.

Seite aus der US-Ausgabe Besonders bemerkenswert ist der siebenseitige, originalgetreue „Abdruck“ eines der fiktiven Comics von Zeno, der als Philosoph in der Antike einen Vortrag über seine Theorien von Distanz, Bewegung und Veränderung hält und seine Kollegen über die drei Paradoxien aufzuklären versucht.

Paul Hornschemeiers Die Drei Paradoxien ist sicherlich kein einfaches Buch, da darin bewusst die Grenze zwischen biografischen und fiktiven Momenten verschwimmen soll. Trotzdem gelingt es dem Autor wie schon in seiner Graphic Novel Komm zurück, Mutter, Stimmungen zu vermitteln und den Leser tief in die Gefühlswelt seiner Charaktere eintauchen zu lassen. Wie viel von Hornschemeier selbst in diesem Band wiederzuentdecken ist, muss aber schließlich jeder selbst für sich entscheiden.

 

Die drei Paradoxien
Carlsen Graphic Novel,  Januar 2009
Text und Zeichnungen: Paul Hornschemeier
80 Seiten; Farbe; Hardcover; 16,90 €
ISBN 978-3-551-73436-5

ungewöhnlich, paradox, lebensnah

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Abbildungen © Paul Hornschemeier / Carlsen Verlag

Watchmen & Co.: Comicverfilmungen 2009

 Spätestens seit The Dark Knight im Jahr 2008 sämtliche Rekorde an den US-Kinokassen brach, ist es amtlich: Comicverfilmungen sind zum festen Bestandteil des Mainstream-Kinos geworden, keine Blockbuster-Saison kommt mehr ohne Superhelden aus. Und auch abseits der großen Namen haben sich Comics als Lieferanten für frische Story-Ideen etabliert, bei denen sich die Filmbranche gerne bedient – von großen Hollywoodstudios bis hin zu kleineren Independentfirmen. Dass die lange erwartete Watchmen-Verfilmung in ein paar Tagen ins Kino kommt, dürfte bekannt sein – in unserem Überblick erfahrt ihr, welche Comicfilme uns außerdem im Jahr 2009 ins Haus stehen (bzw. bereits angelaufen sind).

 Watchmen – Die Wächter

Kinostart: 5. März (D), 6. März (USA)

Der Comic: Mit ihrer Maxiserie Watchmen von 1986/87 setzten Alan Moore und Dave Gibbons einen Meilenstein, der das Superheldengenre bis heute beeinflusst. An der Oberfläche ist Watchmen ein Verschwörungskrimi um einen vermeintlichen Serienmörder, der es auf Superhelden abgesehen hat. Aber gleichzeitig ist der Comic ein Kommentar zum Kalten Krieg, eine Aufarbeitung des amerikanischen Superheldenmythos und der Comicgeschichte und ein geniales Spiel mit dem Medium, das nicht nur vorhandene Comicstilmittel virtuos einsetzt, sondern gleich noch neue dazuerfindet. Im Zuge der aufwendigen Marketingkampagne für die Verfilmung verkauft sich der Sammelband von DC Comics wieder ausgezeichnet. Eine deutsche Ausgabe gibt es bei Panini Comics.

Der Film: Lange Zeit galt Watchmen als unverfilmbar, selbst Größen wie Terry Gilliam scheiterten an dem immer wieder von neuem angeschobenen Filmprojekt. Nun wagt sich Warner Brothers (nach ausgestandenem Rechtsstreit mit Konkurrent Fox) doch noch an die Verfilmung. Möglicherweise zum richtigen Zeitpunkt: Erst jetzt, wo Superhelden im Kino selbstverständlich sind, ist ein Film sinnvoll, bei dem es um die Dekonstruktion von Superhelden geht.

Die Macher: Regisseur Zack Snyder hat mit der Verfilmung von Frank Millers 300 bereits eine umstrittene aber sehr erfolgreiche Comicverfilmung im Lebenslauf. Snyder steht für visuelle Wucht, überwältigende Bilder und eine detailgetreue Umsetzung der Comic-Bilder. Das Drehbuch stammt von David Hayter, der auch an den ersten beiden X-Men-Filmen mitgeschrieben hat, wurde aber von mehreren Autoren bearbeitet. Watchmen-Zeichner Dave Gibbons war als Creative Consultant dabei, während Alan Moore von Verfilmungen seiner Comics nichts mehr wissen will. Sein Name wird im Zusammenhang mit dem Film offiziell nicht erwähnt.

Die Aussichten: Zwiespältig. Die Fans des Comics dürften überwiegend zufrieden sein, denn Snyder adaptiert Watchmen mit großer Liebe zum Detail und bleibt der Vorlage extrem treu. Viele Bilder aus dem Comic findet man eins zu eins auf der Leinwand wieder. Die Vielschichtigkeit des Comics geht trotzdem verloren, außerdem dürfte die Komplexität der Handlung mit ihren Rückblenden und Zeitsprüngen einige Zuschauer verwirren, die den Comic noch nicht gelesen haben. Die große Frage, die über den Erfolg des Watchmen-Films entscheiden wird, ist, wie er bei den Nicht-Comic-Fans ankommt. (Eine Rezension des Films gibt es hier in unserer Comicmovie Datenbank, zum Comicgate-Gewinnspiel geht es hier.)
watchmenmovie.warnerbros.com

 The Spirit

Kinostart: 25.12.2008 (USA), 5. Februar (D)

Der Comic: Fragt man einen beliebigen Comiczeichner (erst recht in den USA) nach Vorbildern und Einflüssen, so wird man immer wieder die Namen Will Eisner und The Spirit hören. Diese Serie, die in den vierziger Jahren in den Sonntagsausgaben vieler US-Zeitungen erschien, veränderte die Kunstform Comic und prägt sie bis heute. Die klassischen Spirit-Comics erscheinen in der Reihe Die Spirit-Archive bei Salleck Publications. Vor kurzem gelang Darwyn Cooke für DC Comics eine beachtenswerte, sehr elegante Neubelebung des Comics, die auf Deutsch bei Panini erhältlich ist.

Der Film: Keine direkte Adaption von Eisner-Geschichten, sondern ein eher loser Umgang mit der Vorlage, die in einer ähnlichen Optik präsentiert wird wie Sin City. Neben dem kaum bekannten Hauptdarsteller Gabriel Macht spielen Hollywood-Stars wie Samuel L. Jackson, Scarlett Johansson und Eva Mendes mit.

Die Macher: Frank Miller dürfte jedem ein Begriff sein, der sich für Comics interessiert. Und seit seine Comics Sin City und 300 so erfolgreich verfilmt wurden, kennt man ihn auch im Filmgeschäft. Inzwischen ist er nicht mehr nur Comicautor und -zeichner, sondern auch Regisseur, seit ihn Robert Rodriguez am Set von Sin City zum Co-Regisseur gemacht hat. Look und Technik jenes Films greift Miller nun auch beim ersten Film auf, bei dem er selbst Regie führt. Auch das Drehbuch stammt von Miller.

Die Aussichten: Da der Film schon läuft, kann man nicht mehr von Aussichten sprechen. Kurz gesagt: Der Film hat seine Momente, ist über weite Strecken unterhaltsam, hat einen halbwegs interessanten Look und schöne Frauen. Insgesamt aber ist Frank Miller gescheitert: Sein Film hat keinerlei roten Faden, findet nie zu einem einheitllichen Ton und ist ein unausgegorener Mix aus Neo-Noir, Fantasy, Action und übertriebener Comedy. Eine ausführliche Comicgate-Besprechung von Jan Dinter gibt es hier.
www.mycityscreams.com

 The Punisher: War Zone

Kinostart: 5.12.2008 (USA), auf unbestimmte Zeit verschoben (D)

Der Comic: Der Punisher alias Frank Castle ist als waffenstarrender Vollstrecker seit 1974 im Marvel-Universum aktiv. Anders als die meisten seiner Marvel-Kollegen besitzt er keine Superkräfte, hat dafür aber auch keinerlei Skrupel, die Bösewichte umzulegen. Nach ersten großen Erfolgen in den 80er Jahren und einem Abstieg in den Neunzigern gelang es Autor Garth Ennis ab dem Jahr 2000, den Punisher wieder populär zu machen: zunächst mit überdrehter Gewalt-Comedy, später mit düsteren, noch gewalttätigeren Stories bei Marvels MAX-Label.

Der Film: Nach der 1989er-Verfilmung mit Dolph Lundgren und dem 2004er-Film mit Thomas Jane ist dies bereits der dritte Anlauf. Diesmal wird der Mann mit dem Totenkopf-T-Shirt von Ray Stevenson gespielt, der durch die TV-Serie Rome bekannt wurde. Erstmals bekommt es der Kino-Punisher mit seinem Erzfeind Jigsaw zu tun.

Die Macher: Zwei überraschende Tasachen: Der Regisseur von The Punisher: War Zone ist weiblich und kommt aus Deutschland. Lexi Alexander stammt aus Mannheim und war zunächst als Karate- und Kickbox-Kämpferin aktiv, ehe sie ins Filmgeschäft einstieg und dort als Stuntfrau arbeitete. Mit Action kennt sie sich also aus. Ihr erster größerer Film war Hooligans mit Elijah Wood.

Die Aussichten: An den amerikanischen Kinokassen war der Film ein Flop und spielte deutlich weniger Dollars ein als der Vorgänger. Ob der Film in Deutschland überhaupt ins Kino kommt, ist zweifelhaft. Der geplante Starttermin kurz vor Weihnachten 2008 wurde von Sony kurzfristig gestrichen, ein neuer Termin ist bislang nicht bekannt. In Filmforen wird spekuliert, dass dies auch mit der FSK und möglichen Schnittauflagen zu tun hat, denn wie schon seine Vorgänger spart auch dieser Punisher-Film nicht mit expliziten Gewaltdarstellungen. Könnte also sein, dass dies eine Direct-to-DVD-Veröffentlichung wird. Und möglicherweise wird dies der Qualität des Films auch gerecht.
www.punisherwarzonemovie.com

 X-Men Origins: Wolverine

Kinostart: 30. April (D), 1. Mai (USA)

Der Comic: Seit Mitte der 70er Jahre gehört der Kanadier mit den Klauen und dem Skelett aus Adamantium zur Stammbesetzung der X-Men, bis heute ist er oft parallel in mehreren gleichzeitig laufenden Comicserien vertreten. Im Gegensatz zu anderen X-Men ist Wolverine kein Mutant, sondern das Produkt eines geheimen Forschungsprojekts der Regierung mit Namen „Weapon X“.
EDIT: Der letzte Satz war Quatsch (danke an den Hinweis von J. Felix in den Kommentaren!). Wolverine ist, wie die anderen X-Men auch, ein Mutant. Daher hat er die Fähigkeit, dass sein Körper stets sehr schnell wieder heilt. Zusätzlich wurde ihm bei dem Projekt „Weapon X“ ein Skelett implantiert, das ihn quasi unzerstörbar macht.

Der Film: Nach dem großen kommerziellen Erfolg der drei X-Men-Filme macht Hollywood genau das, was in der Comicwelt gang und gäbe ist und in diesem Fall bei Marvel schon 1982 passierte: Es gibt ein Spin-Off. Wolverine, der populärste der X-Men, bekommt seinen eigenen Film. Dieser spielt ca. 20 Jahre vor dem ersten Teil von X-Men und erzählt von Wolverines Herkunftsgeschichte und dem „Weapon X“-Projekt. Für den nötigen Star-Appeal sorgt Hauptdarsteller Hugh Jackman, der die Rolle schon in allen drei Team-Filmen spielte und inzwischen zu den ganz großen Namen in Hollywood zählt.

Die Macher: Regisseur Gavin Hood stammt aus Südafrika und gewann im Jahr 2005 den Auslandsoscar für seinen Film Tsotsi. Später wechselte er nach Hollywood und drehte dort den Politthriller Machtlos (Rendition). Auch der Drehbuchautor ist nicht ganz unbekannt: David Benioff schrieb das Skript zu Wolfgang Petersens Troja und zur Verfilmung des Romans Drachenläufer.

Die Aussichten: Dank Hugh Jackman hat Wolverine gute Chancen, ein großer Kassenerfolg zu werden. Die ersten Trailer, die veröffentlicht wurden, sehen nach einem ordentlichen Film aus, der im Vergleich zu den drei X-Men-Filmen etwas bodenständiger und weniger phantastisch ausfallen dürfte.
www.x-menorigins.com

 Dragonball Evolution

Kinostart: 8. April (USA), 9. April (D)

Der Comic: Die actionreiche Manga-Serie von Akira Toriyama gilt als Auslöser für den Mangaboom in Deutschland. 1997 war Dragonball bei Carlsen der erste Manga, der in der originalen japanischen Leserichtung veröffentlicht wurde. Im Mittelpunkt steht der affenschwänzige Held Son-Goku, der mit seinen Freunden insgesamt sieben Dragonballs einsammeln muss, um damit einen heiligen Drachen zu beschwören. Dabei kommt er ganz schön in der Welt herum und hat etliche Bösewichte zu bekämpfen.

Der Film:
Nach mehreren Anime-Serien und -Filmen und einem chinesischen Realfilm aus dem Jahr 1989 kommt nun erstmals eine große Realverfilmung aus Hollywood zu dem weltweit erfolgreichen Phänomen Dragonball ins Kino, um die Geschichte von den sieben Bällen zu erzählen. Ursprüngllch hätte der Film schon im Sommer 2008 starten sollen, es gab jedoch noch einige Nachdrehs und Änderungen.

Die Macher:
Regisseur und Drehbuchautor James Wong ist Erfinder der erfolgreichen Filmreihe Final Destination. Als Produzent ist auch Hongkong-Superstar Stephen Chow (Kung Fu Hustle) mit an Bord. In der Hauptrolle als Goku ist Justin Chatwin zu sehen, der in Steven Spielbergs Krieg der Welten den Sohn von Tom Cruise spielte.

Die Aussichten:
Auch wenn der Film ein teures Multimillionen-Projekt ist, kann man sich nur schwer vorstellen, dass Dragonball als Realfilm funktioniert. Im besten Fall wird es ein poppig-buntes Spektakel für Martial-Arts-Freunde, im schlimmsten ein übler Trashfilm zum Fremdschämen.
dbthemovie.com

 Whiteout

Kinostart: 11. September (USA), unbekannt (D)

Der Comic: Whiteout erschien 1998 als Miniserie beim Indieverlag Oni Press, geschrieben von Greg Rucka, der später mit Queen & Country bekannter wurde und heute viel für DC schreibt, und gezeichnet von Steve Lieber. Basis des Comics ist eine Krimigeschichte, die ihre Besonderheit vor allem aus dem Schauplatz speist: Sie spielt auf einer Forschungsstation in der Antarktis. Auf deutsch liegt Whiteout (und das Sequel Whiteout: Melt) als Hardcover-Sammelband bei Cross Cult vor.

Der Film: Die menschenfeindliche Szenerie des ewigen Eises dürfte auch auf der Leinwand gut aussehen – gedreht wurde allerdings nicht in der Antarktis, sondern im kanadischen Manitoba. Die Hauptrolle der Polizistin Carrie Stetko spielt Underworld-Star Kate Beckinsale, ihr zur Seite steht Gabriel Macht, den man gerade als Spirit im Kino sehen kann (siehe oben).

Die Macher: Obwohl sein erster Film (Kalifornia mit Brad Pitt) im Jahr 1993 gleich relativ erfolgreich war, hat Regisseur Dominic Sena seitdem erst zwei weitere Filme gemacht, beides eher mittelprächtige Action-Mainstram-Kost: Nur noch 60 Sekunden mit Nicolas Cage und Passwort: Swordfish mit John Travolta.

Die Aussichten: Die Vorlage eignet sich durch Stimmung, Länge und Handlung sehr gut für einen atmosphärischen Krimi. Etwas bedenklich ist allerdings die Tatsache, dass die Dreharbeiten schon seit Sommer 2007 abgeschlossen sind. Langes Herumdoktern an eigentlich fertigen Filmen ist meist kein gutes Zeichen.

 The Surrogates

Kinostart: 25. September (USA), 22. Oktober (D)

Der Comic: Beim kleinen, eher künstlerisch angehauchten Verlag Top Shelf erschien 2005 die Miniserie von Robert Venditti und Brett Weldele. Die Story spielt im Jahr 2054 in einer Welt, in der alle Menschen zurückgezogen zuhause leben. Interaktion mit der Außenwelt findet nur noch durch künstliche Ersatzkörper, die sogenannten Surrogates, statt. Es entspinnt sich eine Krimihandlung, als mehrere Surrogates ermordet aufgefunden werden. Eine Fortsetzung soll im Sommer 2009 erscheinen, rechtzeitig zum Filmstart wird es den Comic auch auf deutsch bei Cross Cult geben.

Der Film: In der Hauptrolle des ermittelnden Cops wird Bruce Willis zu sehen sein. Viel mehr weiß man noch nicht über die Filmversion. Szenenbilder oder Ausschnitte wurden noch nicht veröffentlicht.

Die Macher: Regie führt Jonathan Mostow, den man vor allem als Regisseur des dritten Terminator-Films Rebellion der Maschinen kennen dürfte. Auch die Drehbuchautoren, Michael Ferris und John Brancato, sind die gleichen wie bei T3.

Die Aussichten: Schwer zu sagen. Ein Science-Fiction-Krimi, basierend auf einer interessanten Idee, hat durchaus Potential. Vom Film ist bislang noch nicht viel zu sehen, es gibt aber eine Marketing-Website namens chooseyoursurrogate.com – die Fake-Website des Unternehmens Virtual Self, das die Surrogatkörper verkauft.

 Largo Winch

Kinostart: 17.12.2008 (FRA), unbekannt (D)

Der Comic: In Frankreich zählen die Largo Winch-Alben von Jean Van Hamme und Philippe Francq zu den Bestsellern auf dem Comicmarkt. Die klassische Abenteuerserie erzählt von einem reichen Unternehmer, der in internationale Verwicklungen gerät. Seit 1990 sind 16 Alben erschienen. Auf Deutsch gibt es  Largo Winch bei Schreiber & Leser. Noch vor den Comics allerdings gab es in den späten Siebzigern eine gleichnamige französische Romanreihe (ebenfalls von Van Hamme geschrieben). Wenn man ganz streng ist, ist Largo Winch also keine eindeutige Comicverfilmung.

Der Film: Nach einer Fernsehserie im Jahr 2001 gibt es nun auch einen Kinofilm mit Largo Winch. Dieser basiert auf den ersten vier Alben der Comicreihe.

Die Macher: Regisseur Jérôme Salle drehte 2005 den Thriller Anthony Zimmer mit Sophie Marceau. Die Hauptrolle spielt Tomer Sisley, der in Frankreich als Komiker recht bekannt ist. Außerdem ist Kristin Scott Thomas mit dabei.

Die Aussichten: Von einem deutschen Kinostart ist bislang nichts bekannt, aber auf DVD dürfte der Film ziemlich sicher auch bei uns veröffentlicht werden. Dem Trailer nach zu urteilen ist es ein solider, etwas trashiger Action-Thriller. In Frankreich ist bereits eine Fortsetzung im Gespräch.
www.largowinch-lefilm.com

 Astro Boy

Kinostart: 23. Oktober (USA)
Der Comic: Die legendäre, langlebige Mangaserie von Osamu Tezuka aus den 50er und 60er Jahren gehört zu den berühmtesten japanischen Comics. Im Mittelpunkt steht der künstlich geschaffene Androidenjunge Astro Boy, der über Superheldenkräfte verfügt und fliegen kann. Bereits 1963 gab es eine Anime-Fernsehserie (in schwarz-weiß), die laut Wikipedia „die erste Anime-Fernsehserie mit fortgesetzter Handlung“ war. Weitere TV-Serien (Zeichentrick und real) folgten.

Der Film: Die in Hongkong sitzende Firma Imagi Animation Studios, die zuletzt eine Neuverfilmung der  Teenage Mutant Ninja Turtles (TMNT) auf den Markt brachten, produziert einen aufwendigen, digital animierten Trickfilm in 3-D.

Die Macher: Als Regisseur wurde der Brite David Bowers verpflichtet, ein erfahrener Animationskünstler, der zuletzt bei Aardman Animations (Wallace & Gromit) arbeitete und dort bei Flutsch und weg Regie führte. Als Sprecher werden u.a. Nicolas Cage und Donald Sutherland mit am Start sein.

Die Aussichten: Es gibt einen ersten Teaser-Trailer, der aber noch nicht viel Aufschluss über den Inhalt gibt. Sieht nach einem technisch aufwendigen Trickfilm aus, der wohl vorwiegend Kinder ansprechen wird, und der vermutlich nicht den großartigen Charme der Pixar-Produktionen mitbringt.
www.astroboy-themovie.com

WAS KOMMT NOCH?

Einige Comicverfilmungen befinden sich derzeit in der Pre-Production-Phase oder werden gerade gedreht. Ob diese Filme noch 2009 erscheinen werden, ist offen. In der Mache sind u.a.:

Scott Pilgrim Vs. The World, nach den Comics von Bryan Lee O’Malley, adaptiert von Edgar Wright, dem Regisseur der Kultfilme Shaun of the Dead und Hot Fuzz. Die Hauptrolle spielt Michael Cera aus Juno.

Kick-Ass, nach dem gewaltreichen Comic von Mark Millar und John Romita Jr. Als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur fungiert Matthew Vaughn, Gatte von Claudia Schiffer, der zuletzt die Neil-Gaiman-Geschichte Stardust verfilmt hat.

Red Sonja, die knapp bekleidete Schwertkämpferin, die zuerst in einem Conan-Comic auftauchte und in den 80ern von Brigitte Nielsen verkörpert wurde (was der eine Goldene Himbeere einbrachte), wird neu verfilmt, diesmal produziert von Robert Rodriguez (Sin City) mit Rose McGowan in der Hauptrolle.

DIE WEITEREN AUSSICHTEN

Weltweit gespannt ist man auf die Verfilmung von Hergés Tim und Struppi, nicht zuletzt wegen der großen Namen hinter dem Filmprojekt: The Adventures of Tintin: Secret of the Unicorn wird produziert von Peter Jackson (Der Herr der Ringe) und Steven Spielberg, mit Spielberg als Regisseur. Ins Kino kommt der 3-D-Animationsfilm aber erst im Jahr 2011.

Für 2010 sind bereits einige große Superheldenverfilmungen angekündigt, z.B. Iron Man II und Thor. Aus Frankreich kommt nächstes Jahr eine 3-D-Version der Schlümpfe.

Außerdem tummeln sich dutzende von Comics in Hollywoods „Production Hell“ (z.B. Y – The Last Man, The Losers, The Umbrella Academy, Black Hole). Die Rechte sind verkauft, an Filmskripts wird geschrieben, mögliche Darsteller und Regisseure werden gerüchteweise gehandelt. Manche dieser Filme werden vielleicht nie erscheinen, bei anderen werden noch mehrmals Autoren, Regisseure und Besetzung ausgetauscht werden. In jedem Fall werden Filme, die auf Comics basieren, in den nächsten Jahren fester Bestandteil der Spielpläne bleiben.

Comic Book Comics 3 (US)

Please click here for the English review.

Comic Book Comics #3Die  Erfinder des glorreichen Comics Action Philosophers nehmen nun endlich mit dem dritten Teil ihrer Comic Book Comics-Reihe mehr Fahrt auf. Nachdem Fred van Lente an der Schreibmaschine und Ryan Dunlavey an der Zeichenfeder mit ihrem durchgeknallten Bildungscomics über das Leben und die Lehren berühmter Philosophen den Durchbruch geschafft haben, fand ihr neuestes Projekt über die Geschichte der Comics als Comic nur wenig Anklang. Während Rambo-Karl Marx mit seinen M-60 Gründen, warum Kapitalismus eine schlechte Sache sei, die Lacher definitiv auf seiner Seite hatte, wurden die beiden freischaffenden Künstler des Evil Twin Comic-Verlags für ihre Historie der neunten Kunst eher belächelt. In Ausgabe drei haben die beiden endlich wieder zu alter Aggressivität zurückgefunden.

Seduction of the InnocentDie Ausgangsfrage muss lauten: „Kann man von historischen Abhandlungen überhaupt erwarten, dass sie einen so köstlich amüsieren wie das Leben von französischen Philosophen mit Nelkenzigaretten?“ Wenn dies in einem Medium stattfindet, welches die Komik bereits in seinem Namen verankert hat, sollte die Antwort doch „ja“ lauten. Aber ich kann mich auch nicht daran erinnern bei der Lektüre von Scott McClouds Büchern je herzhaft gelacht zu haben. Die Action Philosophers haben im Vergleich zu der Comichistorie jedoch einen Vorteil: Da sie kein Steckenpferd der beiden Comickünstler ist, konnten diese sich über alles und jeden lustig machen. Die Geschichte der neunten Kunst jedoch liegt den beiden sehr am Herzen. Man versucht also alles möglichst akkurat zu berichten. Sie achteten bisher darauf, dass weder Zeichner noch Autoren zu kurz kommen. Das Resultat war ein Spagat zwischen Faktizität und Humor. Letzterer ist bei den bisherigen zwei Ausgaben leider auf der Strecke geblieben.

Selbstverständlich wäre es einfach, die ersten beiden nicht so guten Ausgaben von Comic Book Comics zu vergessen. Damit würde man zwei langweilige Comics aus dem Gedächtnis streichen, die sowohl durch graphische Einfallslosigkeit als auch durch langweilige Plots versucht haben, sich heimlich in unsere Hirne einzubrennen. Würde man diese Löschung aber wirklich durchführen, dann würde auch die dritte Ausgabe irgendwo halbgelesen in einer Longbox verschwinden, denn sie nutzt dasselbe Personal, das umständlich in den ersten beiden Ausgaben vorgestellte wurde. Dort taucht auf einmal wieder Comic Book Comics #4Jack Kirby auf, der sich nach den Querelen mit Stan Lee in Comic Book Comics 2 verkracht hatte und der als Zeichner von Science Fiction-Comics Ende der 50er noch einmal neu anfängt. Erfolglos, wie sich herausstellte, führt sein Weg wieder zurück zu Mister Marvel und ebnet den Weg für Ausgabe vier von Comic Book Comics. Langsam aber sicher finden diese Verzweigungen immer öfter statt. Dunlavey und van Lente scheinen ihre selbstgeschaffende groteske Comicwelt endlich mit Figuren bevölkert zu haben, denen man als Leser wirklich gerne folgt.

Seit der dritten Ausgabe ist Comic Book Comics keine kleine, abgeschlossene Welt mehr, wie es bei den Action Philosophers der Fall war, sondern wird zu einem Kontinuum, das sich beliebig erweitern lässt. Plötzlich scheint das Evil Twin Comics-Duo wieder Gefallen an abgefahrenen Wort- und Bildwitzen zu haben. Möglich scheint diese neue Lust an Blödeleien erst durch die  aberwitzige Aneinanderreihung von Andy Warhol, Batman, Frederic Wertham, Brillo-Putzschwämmen und Superheldenschmonz geworden zu sein.

Leseproben der ersten beiden Ausgaben.

Comic Book Comics 3
Evil Twin Comics, Juli 2008
Text: Fred van Lente
Zeichnungen: Ryan Dunlavey 
40 Seiten, schwarz-weiß; 3,95 US-Dollar
ISBN: 649241855132

Aberwitzige Comichistorie

Bilder © Evil Twin Comics

{mospagebreak title=English review of Comic Book Comics 3} 

Comic Book Comics #3The inventors of the famous Action Philosophers finally returned to their grotesque humor in the third instalment of their Comic Book Comics-series. After writer Fred van Lente and artist Ryan Dunlavey celebrated their breakthrough with the totally weird educational comics about the life and times of most popular philosophers, their new pet-project covering the history of comic books seemed to fall short of critical applause. While Rambo-like Karl Marx, who had M-60 reasons to hate capitalism, could score tons of laughter, the two freelance artists of Evil Twin Comics were only smiled at by critics for their illustrated history of the ninth art. In issue three they lifted the curse that hung over them for the two earlier issues and returned to their old aggressive storytelling qualities.

Seduction of the InnocentThe first question that needs to be solved can be summed up like this: „Is it even possible to write/draw a historical account of the medium comic that is as funny as the life and times of French philosophers smoking clover-perfumed cigarettes?“ When all this takes place in a medium that has subscribed to humor by its own name, a simple „yes“ should be the answer. But when I remind myself of reading the books of Scott McCloud, I don't remember any incidents when I laughed out loud. In contrast to the complete comic book history the Action Philosophers had a certain advantage: Because philosophy was not the hobbyhorse of the Evil Twins, the two comic-artists could make fun of everything and everyone without any restrictions. As they hold their 'weapon of choice' very dear, the first steps towards a hilarious history of the medium posed a problem. While trying to be as accurate as possible, they treated all comic creators alike, whether infamous writers or underappreciated artists. You got to find the balance between fact and humor. In case of the last two issues of Comic Book Comics the latter was left behind too often.

I would be very easy to simply forget that the first two issues Comic Book Comics ever existed. This would certainly rid us of two comics who tried to brand into our brains through graphic boredom and unimaginative plotlines. Yet the result of this erasure would be a half-read issue three of Comic Book Comics that would get lost in a longbox, too. The first two issues as boring as they are have to be seen as a kind of prologue for the recent issue. In Comic Book Comics #3 van Lente and Dunlavey use the already established personnel from the previous issues. Comic Book Comics #4After his quarrel with Stan Lee in Comic Book Comics #2, Jack Kirby returns, trying to make a career in science fiction-comics. After a very short-lived period Kirby has to resign and joins Mister Marvel in issue four. These interconnections increase in number and portray the comic book history as a lively field. Dunlavey and van Lente finally populate their grotesque comic-universe with familiar faces that readers enjoin following.

Since its third instalment Comic Book Comics regained its strength and turned into a continuum that can be added to at will. Suddenly the Evil Twin Comics-duo regained their desire for wicked word- and picture-jokes. It seemed as this well-liked oafishness was made possible only by the awkward sequence of Andy Warhol, Batman, Frederic Wertham, Brillo-pads, and superhero-burlesque in one comic.

Extracts from the first two issues of Comic Book Comics.

Comic Book Comics #3
Evil Twin Comics, July 2008
Writer: Fred van Lente
Artist: Ryan Dunlavey 
40 pages, black-and-white; 3.95 US-Dollar
ISBN: 649241855132

Genuinely grotesque History of Comics

Images © Evil Twin Comics

Jazam! 3 – Zeit

Cover Jazam 3In der dritten Ausgabe der Anthologie Jazam! geht es diesmal um das Thema „Zeit“ – und es ist wirklich kein böser Rezensentenscherz, dass es mit der Besprechung so lange gedauert hat, denn eines möchte ich von vornherein klarstellen: Die Comic-Kurzgeschichtensammlung Jazam 3 ist ein Fest des Comics.

Gemeinhin ist sowas ja gar nicht so leicht auf die Beine zu stellen, egal ob tolles Fest oder gelungene Sammlung, vor allem, wenn man eine Anthologie macht, vor allem, wenn die Zeichner teils Nachwuchstalente sind. Da wuchert dann normalerweise alles nach allen möglichen Richtungen und der Leser hat am Ende genauso gemischte Gefühle wie der Inhalt aussieht.
Nicht so hier. Mir unbekannt, wie es die Jungs und Mädels von Jazam hinbekommen haben, aber Jazam ist kohärent, schlüssig und unterhaltsam auf jeder umgeblätterten Seite. Sicherlich gibt es auch Geschichten, die mal etwas abfallen, aber das Grundniveau ist sehr hoch.

Martin Rathscheck bei Jazam 3 Wie immer bei Sammlungen findet jeder seine persönlichen Favoriten, und da der Platz nicht reicht, um auf alles einzugehen, will ich ein paar persönliche Highlights nennen:
Der Opener wird von Moritz von Wolzogen bestritten und erklärt, warum Ferien so verdammt schnell vorbei sind und was man mit der kurzen Zeit am besten machen sollte, wenn sie schon fast um sind.
Samuel Rapp liefert mit „Parkbank“ eine wunderbares Stück über das JETZT und das SPÄTER.
Ein ganz grosser Knaller ist „Tempus Fugit“ von Martin Rathscheck (s. links). Fängt auf Seite 24 an und zieht sich durch das ganze Buch, denn das Ferkel und der Golem benutzen eine Zeitmaschine. Und da Zeit im Comic durch das Lesen einer Seite erzeugt wird, wandern sie mal dorthin und mal da hin.
Ambroggio bei Jazam 3Viel besser erklärt Zeit im Comic aber Ambroggio mit einer hervorragenden Understanding-Comics-Scott-McLoud-artigen Schulstunde, welche mit sicherem Strich und einem enormen Bewusstsein für eben diese Problematik alles sehr leicht verständlich darstellt.
„Zeitdiebe“ ist dann das, was unbedingt sein muss: eine Geschichte über Zeitsprünge mit zahlreichen Doppeldeutigkeiten – es fängt schon mt dem Namen des Agenten an: „Justin Time“.

Ich könnte noch sehr lange so weiter machen, denn fast alle genannten Geschichten befinden sich erst im ersten Drittel des Bandes, welcher insgesamt 220 Seiten umfasst.
Noch ein Wort zum Objekt an sich. Es ist wirklich ein kleines, hervorragend gedrucktes Buch. Man glaubt kaum, dass man ein Independent-Produkt vor sich hat. Das hat wirklich so gar nichts mehr von den selbstkopierten Heftchen von früher, die man höchstselbst mit der Post vertreiben musste. Das hier ist ein fettes Gerät für gerade mal 13 Euro. Wer mehr wissen oder direkt den Band bestellen will, einfach mal auf jazam.de vorbei surfen. Das „es lohnt sich“ spar ich mir jetzt mal – die Zeit ist um.

Der vierte Jazam-Band mit dem Thema „Monster“ ist für das Comicfestival München (11.-14. Juni 2009) geplant. Im Blog von Jazam gibt es bereits erste Eindrücke.

Jazam! 3 – Zeit
Eigenverlag
Anthologie (52 Künstler)
Herausgeber: Adrian vom Baur, Nicolas Simon, David Koslowski
220 Seiten, s/w, SC; 13,- Euro
Leseprobe und Bestellmöglichkeiten aller bisherigen Bände auf der Website, aktuelles im Blog

exzellente Comic-Anthologie

Abbildungen © die jeweiligen Künstler

Bigfoot

Cover BigfootNessie, Yeti, Reinhold Messner – die mythische Verkörperung der Naturgewalten nimmt zuweil seltsame Formen an. Bigfoot ist auch so ein Fall. In dem Einzelband Bigfoot, der im Januar 2009 bei Cross Cult erschienen ist, wird der wilde Waldmensch äußerst unterhaltsam in Szene gesetzt.

Christian Endres stellt in seinem Appendix zu Cross Cults neuem Horror-One-Shot völlig zurecht fest, dass Bigfoot ein Mythos ist. Ein Mythos hat mit Glauben zu tun, nicht mit Wissen, bewegt sich also in jener immateriellen Sphäre, die wir auch oft mit Religion in Verbindung bringen. Es ist wie mit dem Himmelreich – man kann es nicht wissen, man kann es nur glauben.

Im Fahrwasser dieser Pseudo-Religion ist eine Merchandise-Maschinerie entstanden, die T-Shirts und Aufkleber, Tassen und Plüschtiere produziert und verkauft. Was da zu sehen ist, ist die Vermarktung eines Mythos an seine Anhänger. Früher, als Bigfoot noch ausschließlich ein Mythos der Naturvölker war, hat es eine Verwertung dieser Art nicht gegeben. Es gab keine Käufer und Verkäufer, nur Menschen, die an eine Verkörperung der Naturgewalt glaubten, weil es eben einfacher ist, eine einzelne Personifikation zu erfassen, als ständig die überwältigende Gefahr und Schönheit der riesigen nordamerikanischen Wälder vor Augen zu haben.

Was heute von so manchem Bigfoot-Experten als Wissen präsentiert wird, ist nichts anderes als spirituelle Nahrung für die Anhänger des behaarten Waldmenschen. Zugleich funktioniert dieses Wissen aber auch als Schmieröl, damit die profitable Merchandise-Maschinerie nicht zum Erliegen kommt.

Die Geschichte, die Steve Niles (30 Days of Night, Freaks of the Heartland), Musiker Rob Zombie (Haus der 1000 Leichen) und Richard Corben (Punisher, Hellblazer) hier über Bigfoot erzählen, ist ein Teil dieser Merchandise-Maschinerie. Die Autoren und Zeichner glauben nicht wahrhaft an den Mythos, fürchten nicht wirklich die Gewalten der Natur, sondern sie erkennen den funktionalen Wert, den Bigfoot für ihr Metier besitzt. Sie sind aufgeklärte Menschen, die sich von einem Mythos nur noch schwer beeindrucken lassen. Die Figuren in ihrem Comic sind dementsprechend auch alles andere als gläubig.

Beispiel aus BigfootBilly Fuller, dessen Eltern in den Siebzigern von Bigfoot getötet wurden, und Sheriff Hicks haben den Mythos gesehen. Sie standen dem Waldmenschen schon Auge in Auge gegenüber und bangten um ihr Leben. Nur durch Glück und Zufall blieben sie am Leben. Erfurcht verspüren sie nach dieser außergewöhnlichen Erfahrung keine, nur Angst. Es dauert bis zum Ende der Geschichte, bis sie diese Angst überwinden und sich zusammen tun, um dem Monster den Garaus zu machen. Es wird blutig, Schrotflinten und Bowie-Messer spielen eine Rolle, merkwürdig fleischlich-realistische Bilder, die irgendwie an Robert Crumb erinnern. Bigfoot ist in dieser Geschichte von Anfang an kein Gott, sondern bloß ein anfassbares Wesen, ein unterhaltsames Monster. Da fällt es den Figuren natürlich nicht schwer, in den Wald zu ziehen und ihm in den Hintern zu treten.

Der Mythos von dem Waldmenschen als Verkörperung der Naturgewalten ist verblasst. Auch dieser Comic kann ihn nicht zu neuem Leben erwecken. Allerdings kann man ihn unterhaltsam zwischen zwei Buchdeckel pressen. Und das haben Niles, Zombie und Corben exzellent hinbekommen.

Bigfoot
Cross Cult, Januar 2009
Autor: Steve Niles, Rob Zombie
Zeichnungen: Richard Corben
Übersetzung: Frank Neubauer
128 Seiten, vierfarbig, Hardcover; 16 Euro
ISBN: 9783936480986

Eine Leseprobe findet ihr auf www.cross-cult.de.

Unterhaltsamer Monster-Horror

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Bigfoot © dt. Ausgabe Cross Cult

Astro City: Local Heroes

Cover Astro City 2Kurt Busieks Astro City ist eine Hommage an die Superhelden aus der guten, alten Zeit. Der zweite deutsche Band „Local Heroes“ zeigt, was alles möglich ist, wenn man den Blickwinkel auf die fliegenden Strumpfhosenträger ein wenig verschiebt. Ein Superhelden-Comic für Leute, die eigentlich keine Superhelden-Comics mehr lesen wollten.

Als Frank Miller und Alan Moore in den Achtzigern Die Rückkehr des dunklen Ritters und Watchmen schrieben, konnte man den Eindruck gewinnen, das Superhelden-Genre wäre endgültig entlarvt und zum Tode verurteilt worden. Ab in den Sarg und unter die Erde damit! Die Superhelden waren dekonstruiert worden. Beim Lesen konnte man kaum noch anders als in ihnen faschistische, egomanische Persönlichkeiten zu sehen, selbsternannte Retter der Welt, die in gewöhnlichen Sterblichen bestenfalls Publikum sahen und sich sonst nicht weiter um sie scherten.

Die Klage ist nicht neu: Superhelden sollen wieder Spaß machen! Trotz Millers und Moores Arbeiten gibt es heute noch immer Superhelden. Oder vielleicht gerade deswegen. Denn das Superhelden-Genre steckte in einer Sackgasse. Es kam von dem selbst geschaffenen, klebrigen Untergrund der Naivität und Oberflächlichkeit nicht mehr los, sank ab ins Banale, so wie auch die Verkaufszahlen sanken. Ein Problem, das die Superhelden in Zyklen heimsucht, möchte man meinen. Moore und Miller dekonstruierten die Superhelden und zeigten so, was man aus den tot geglaubten Strumpfhosenträgern noch alles herausholen konnte.

Die Dekonstruktion von Superhelden läuft heute weiter in Serien wie Garth Ennis' The Boys, allerdings in zotiger und dümmerer Form als früher bei Moore und Miller. Es gibt jedoch auch andere, positivere Ansätze, den althergebrachten Superhelden etwas Neues abzugewinnen und sie zu entstauben. Einer der interessantesten ist sicherlich Kurt Busieks Astro City. In dem aktuellen Band „Local Heroes“ beschwört der Autor (u.a. Conan, Redhand) die „gute, alte Zeit“, das Golden Age und das Silver Age, ohne einen Hehl aus seiner Begeisterung dafür zu machen. In jeder der neun im Band enthaltenen Episoden spürt man die Liebe, mit der Busiek zu Werke geht, wenn er den Helden seiner Jugend nachspürt. In Astro City sind die Superhelden keine Faschisten oder Egozentriker, sondern sie sind wieder Götter, Figuren, zu denen man aufsehen kann. Und hier liegt Busieks Trick, der so einfach wie genial ist: Er verschiebt die Perspektive. Denn eigentlich erzählt er ziemlich kitschige Geschichten über Samaritan, Supersonic & Co. Warum sie trotzdem ganz hervorragend funktionieren, liegt daran, dass Busiek seine Geschichten von unten erzählt, aus den Augen einfacher Leute, für die die fliegenden Übermenschen nicht zu erreichen und nur selten berührbar sind. Die Superhelden stehen für das absolut Gute, die Schurken für das Böse – und der Mensch findet sich irgendwo dazwischen wieder. Hin und wieder lässt Busiek jedoch auch die Superhelden auf die Erde kommen und gibt ihnen eine ganz menschliche Seite, zum Beispiel wenn Roustabout mit einem Mädchen hinter der Scheune knutscht oder wenn der ehemalige Supersonic froh ist, endlich in Rente zu sein.

Wer aufgehört hat, Superhelden zu lesen, weil sie ihm zu dumm oder brutal waren, sollte mit Astro City wieder anfangen. Busieks Geschichten sind Perlen, rund und in sich abgeschlossen, manchmal rührend, manchmal nachdenklich, immer voller Wärme für die Heroen des Golden und Silver Age. Streng genommen ist Astro City ein sehr humanistischer Comic, weil Busiek an das Gute im Menschen glaubt. Er stellt so ein Gegengewicht dar zu den Zynikern Moore und Miller, nicht so rau und abgründig, aber mindestens ebenso voller Raffinesse und Leidenschaft.

Astro City: Local Heroes
Panini Comics, Juni 2008
Text: Kurt Busiek
Zeichnungen: Brent Anderson
Übersetzung: Gerlinde Althoff
232 Seiten, Softcover, farbig; 24,95 Euro
ISBN: 9781401202811

Fabelhafter Superhelden-Stoff

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Astro City © Kurt Busiek, dt. Ausgabe Panini Comics