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Zebra 17

Cover von Zebra 17Zebra, „das anspruchsvolle deutsche Comic-Magazin“, galoppiert nun seit mehr als unglaublichen 25 Jahren durch die lokale Comicsavanne, was es neben (dem häufiger erscheinenden) Plop zum langlebigsten deutschen Fanzine macht. Dieses Durchhaltevermögen verlangt natürlich erstmal eine Runde Respekt ab. Für die 52 Seiten der Jubiläumsausgabe, die letztes Jahr erschien, haben neben dem gesammelten Zebra-Gründungsteam Ludwig Kreutzner, Georg W. Berres, Bill GoGer und Rudolph Perez auch eine ganze Reihe anderer Zebra-erprobter Zeichner wie Haggi und Haimo Kinzler Comics beigesteuert. Die Comicbeiträge sind routiniert mit wenigen Ausreißern nach oben (Oliver Ferreiras Dreiseiter!) und unten (Martin Frei, zwei Seiten für diese Pointe?); das Fleißkärtchen gibt es für den umtriebigen Rudolph Perez, der mehr als ein Drittel der Comicseiten beigesteuert hat – mit ein paar wirklich schön abstrusen Einfällen, die aber auf den teils arg textlastigen und mit Mini-Panels überfüllten Seiten manchmal etwas unterzugehen drohen. Der Mann braucht offenbar noch mehr Platz zum Austoben.

Optisch kommt das Heft, abgesehen vom neuerdings farbigen Cover, auch heute noch in gewohnt gewollter Schlichtheit daher, was langjährige Fans wahrscheinlich erfreut. Doch angesichts der Tatsache, dass sich heutzutage jede vierzehnjährige Mangazeichnerin ein dickes Hochglanzfarbcover für die 50-Stück-Auflage ihres selbst verlegten Erstlingswerks gönnt, erscheint Zebra weniger zeitlos denn  hoffnungslos nostalgisch. Neue Leser außerhalb der Fraktion der grau- und silberhaarigen Comicfans wird man so wohl kaum dazu gewinnen können. Das altbackene Covermotiv ist in dieser Hinsicht auch eher kontraproduktiv. Nein, liebe Zebras, dies soll keine Aufforderung zu einer Radikalmodernisierung sein, nach der man das Magazin nicht mehr wieder erkennt, aber den gestiegenen Ansprüchen in Sachen Optik – auch was Fanprojekte angeht – sollte vielleicht ein wenig mehr Rechnung getragen werden. Das mag manch einem Puristen oberflächlich erscheinen, ist in unserer stark visuell dominierten Welt aber kaum umgehbar, wenn Zebra nicht zum reinen Nostalgieprojekt verkommen soll. Wäre doch äußerst schade. Daher: Jungs, gönnt Euch doch für die nächste Ausgabe mal einen schicken stabilen Coverumschlag und ein frisches Layout. Nach 25 Jahren habt Ihr und Zebra Euch das mehr als verdient!

Zebra 17
Eigenpublikation, August 2008
52 Seiten, s/w, Heft
Preis: 5,- Euro

Bestellbar bei GoGer(at)web.de, im Freibeutershop und im ICOM Independent Comic-Shop.

Sleeper 2: Die Schlinge zieht sich zu

 Holden Carver, der gestrandete Agent, der nach dem Tod seines einzigen Kontaktmannes John Lynch im Verbrechersyndikat des Superschurken Tao festsitzt, erhält eine Botschaft von einer Person, die möglicherweise die Fahrkarte aus seiner Misere bereithält. Doch kann er dieser Person trauen? Und was passiert, wenn Tao herausfindet, dass einer seiner besten Männer ein Spion ist? Die Luft für Carver wird immer dünner, bis er sich im Finale schließlich seinem gerissenen Boss und seinem eigenen Gewissen stellen muss.

Ed Brubaker setzt seinen Wildstorm-Thriller so rasant fort, wie er Band 1 beendete. Seit langem fand ich keine vergleichbare Reihe so spannend wie Sleeper. Das liegt zum einen an Brubakers Plot, der reich an Wendungen und Cliffhangern ist, aber auch an Sean Phillips (ein Interview mit ihm ist diesem Band enthalten), dessen düsterer Zeichenstil der Atmosphäre vollends gerecht wird. Rückblenden von Tao und Carvers Kollegen Genocide erweitern ein überraschendes Gesamtbild und vertiefen die Beziehung, die der Leser empfindet. Sleeper bleibt eine fast perfekte Comicserie, auf deren weitere zwei Fortsetzungen man sich freuen kann.

Sleeper 2: Die Schlinge zieht sich zu
Cross Cult, Januar 2009
144 Seiten, farbig, HC
Preis: 19,80 Euro  

ZWEITE MEINUNG: Kritik von Christopher Bünte

Sleeper 2: Die Schlinge zieht sich zu

 Irgendwie ist Ed Brubaker da angekommen, wo er hingehört: Auf der Erfolgswelle. Vom Talent des Autors zeugt auf Deutsch neben der fabelhaften Serie Criminal im Augenblick die Sleeper-Reihe bei Cross Cult. Obwohl Brubaker auch Superhelden macht (Welcher erfolgreiche US-Szenarist eigentlich nicht?), schlägt sein Herz schon immer für Kriminalstories. Schnörkellos und ohne Pathos geht es da zur Sache, so auch in Die Schlinge zieht sich zu. Hauptfigur Holden Carver ist es gelungen, sich in die Verbrecherorganisation des Superschurken Tao einzuschleusen. Als Doppelagent spielt er ein gefährliches Spiel, das noch gefährlicher wird, als er versucht auszusteigen. Dabei muss er sich auf fremde Ermittler verlassen, die bestochen worden sein könnten. Denn sein ehemaliger Kontaktmann Lynch hat das Zeitliche gesegnet und kann ihm nicht mehr helfen. Gewürzt mit einer Prise Sex und Superpower kreist Die Schlinge zieht sich zu um die Frage nach der persönlichen Identität, ein altbekanntes Thema in Verbindung mit Doppelagenten. Wer bin ich, wenn alle sagen, ich sei ein Verbrecher? Eine Top-Story, nicht überästhetisiert wie Sin City, sondern realistisch, rau und glaubwürdig. Am besten zu lesen nach dem vorangehenden Band Das Schaf im Wolfspelz, grafisch wunderbar umgesetzt von Sean Phillips.

Sleeper 2: Die Schlinge zieht sich zu
Cross Cult, Januar 2009
144 Seiten, farbig, HC
Preis: 19,80 Euro  

ZWEITE MEINUNG: Kritik von Benjamin Vogt

Spirou: Porträt eines Helden als junger Tor

 Spirou und Fantasio gehören, neben Tim und Struppi, Asterix und Lucky Luke zu den ganz großen Klassikern des frankobelgischen Comics. Seit gut 70 Jahren erscheinen Geschichten mit dem kleinen Hotelpagen im gleichnamigen Magazin und als Comicalbum. Neben der Hauptserie gibt es seit 2006 eine Parallel-Reihe, die in Frankreich Une Aventure de Spirou et Fantasio par… heißt. Namhafte Zeichner und Autoren können dort ihre ganz eigene Vision von Spirou umsetzen, abseits von den Zwängen der Hauptserie.

Bei Carlsen erscheinen diese Bände (gemischt mit anderen) in der Reihe Spirou & Fantasio Spezial. Als deren achter Band gibt es nun das Album Porträt eines Helden als junger Tor von Emile Bravo. Bravo, der aus einem ähnlichen Independent-Umfeld stammt wie seine Kollegen Trondheim, Sfar oder David B., erzählt eine sehr untypische -Geschichte. Sommer 1939 im Brüsseler Hotel Moustic. Der kleine Hotelpage Spirou freut sich über einen prominenten Gast – einen Boxchampion – und lernt einen aufdringlichen Journalisten kennen, der verzweifelt auf der Suche nach Insiderinformationen über diesen Promi ist. Dieser Journalist, der in diesem Comic keine sehr sympathische Rolle spielt, entpuppt sich als Fantasio, Spirous späterer Freund und Mit-Abenteurer.

 Anders als die regulären Alben ist Bravos Geschichte tief verwurzelt in der Zeit, zu der sie spielt: Im Sommer 1939 stand Europa kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Comic zeigt Verhandlungsrunden zwischen einer deutschen und einer polnischen Delegation, die im Hotel Moustic stattfinden. Der reale historische Hintergrund ist hier stets präsent: ob bei Streitereien zwischen den Jungs, die mit Spirou auf der Straße Fußball spielen und sich als Faschisten und Kommunisten beschimpfen, oder bei Gesprächen mit dem Zimmermädchen, das aus Polen stammt und dem naiven Spirou eine Portion politisches Bewusstsein beibringt.

Es ist bewundernswert, mit welcher Leichtigkeit Emile Bravo es hinbekommt, eine bislang eher unpolitische Comicfigur mit dem ernsten Hintergrund jener Zeit zu verknüpfen, in der sie entstand – 1938 erschien die erste Spirou-Geschichte von Zeichner Rob-Vel. Die Freundschaft (oder ist es schon Verliebtheit?) zu dem namenlosen Zimmermädchen zwingt Spirou dazu, eine Haltung einzunehmen. Es kann ihm nicht mehr egal sein, worüber Polen und Deutsche in seinem Hotel debattieren, er muss sich einmischen.

Der drohende Kriegsausbruch spielt also eine wichtige Rolle, und trotzdem ist das Porträt eines Helden als junger Tor kein bleischwerer Historiencomic, sondern funktioniert vor allem auch als lockere, humorvolle Unterhaltung. Dafür sorgt unter anderem das Eichhörnchen Pips, das eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Nebenbei erklärt Emile Bravo auch, warum Pips anders als seine Artgenossen ein Bewusstsein hat und warum Spirou auch außerhalb des Hotels ständig seine rote Uniform trägt.

 Eine Art Origin-Story also, die zurück zu den Wurzeln der Serie geht und dabei etwas Neues schafft. Bravos Spirou ist gleichzeitig nostalgisch und innovativ, was auch für die Zeichnungen gilt – Bravos Strich orientiert sich an klassischen Vorbildern, hat aber eine deutliche individuelle Note. Anders als bei den regulären Spirou-Alben verzichtet Bravo auf grelle Farben, stattdessen überwiegen dezente Braun- oder Sepiatöne.

Langjährige Fans der Serie finden zahlreiche Querverweise und Anspielungen, auch auf andere Comics (z.B. outet sich Spirou als treuer Leser von Tim und Struppi), der Band eignet sich aber auch problemlos für jene, die noch nie ein Spirou und Fantasio-Album gelesen haben. Für Orientierung sorgen gut gemachte und informative Redaktionsseiten. Als Bonus gibt es noch eine bemerkenswert gute Kurzgeschichte, ebenfalls von Bravo, die Spirou an seinem allerersten Arbeitstag im Hotel zeigt. Ein Fünfseiter, der auch vor dem heiklen Thema Pädophilie bei Priestern nicht zurückschreckt.

Spirou: Porträt eines Helden als junger Tor ist ein überaus gelungenes Album. Emile Bravo gelingt eine Verbeugung vor einem Genre-Klassiker, die nicht in Ehrfurcht und Nostalgie erstarrt, sondern viel Frisches und Neues bietet und auch für Nicht-Fans empfehlenswert ist.

Spirou und Fantasio Spezial 8 –
Spirou: Porträt eines Helden als junger Tor
Carlsen Comics
, Januar 2009
Text und Zeichnungen: Emile Bravo
Softcover; 80 Seiten; 10,- Euro
ISBN: 978-3-551-77696-9

Eine exzellente Hommage

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Abbildungen: © Carlsen Comics

Ultimates 3

 Vor dem Erscheinen so mancher Comics hat man zwar seine Zweifel, ob sich eine Anschaffung lohnen wird, aber greift dann doch zu, weil man auf ein zufriedenstellendes Leseerlebnis hofft. Im Falle von Ultimates 3 wurden meine ohnehin schon geringen Erwartungen noch unterboten. Der Band ist nicht das dritte deutsche Paperback der Ultimates (die Rächer-Version des „Ultimativen Universums“ von Marvel, die zuvor Die Ultimativen genannt wurden), sondern versammelt das komplette Volume 3 der US-Reihe und steht damit eigenständig.

Jeph Loeb und Joe Madureira beerben hierbei als neues Kreativduo die kongenialen Mark Millar und Bryan Hitch, sie können aber qualitativ in keinster Weise an die beiden heranreichen. Loeb, der ohnehin seit längerer Zeit eher unterdurchschnittliche Superheldenkost abliefert, ersann eine grausige Story um vermeintliche Spannungselemente wie einen sinnlos wütenden Venom, Geschwisterliebe, ein Sex-Video und Auftritte von Wolverine und Spider-Man. Was den Leser aber ohnehin wenig kümmert, weil die fadenscheinige Handlung neben den ausufernden Bildern des wiedergekehrten Joe Madureira (Battle Chasers) zum Beiwerk verkommt und so mehr Platz für die actionlastigen Szenen in Halb-Mangaoptik herrscht. So empfehlenswert Vol.1+2 von Millar/Hitch auch waren, so enttäuschend ist diese überflüssige Fortsetzung. Schade eigentlich.

The Ultimates 3
Panini Comics, Januar 2009
124 Seiten, farbig, SC
Preis: 14,95 Euro 

 

Geduld und Gorillas: Wie Illustratoren gemacht werden

Geduld und Gorillas CoverSchlägt man heutzutage ein beliebiges Interview mit einem Comic-Zeichner auf, so kann man mit ziemlicher Sicherheit mit dem Auftauchen des Wortes „Illustration“ rechnen. Im Comic-Jargon hat dieser Begriff einen faden Beigeschmack, denn in den Augen der Leser handelt es sich dabei um jene böse Arbeit, zu der Comiczeichner aus finanzieller Not heraus gezwungen werden. Illustrationen scheinen ihnen die kostbare Zeit für ihre eigentliche Arbeit, das Zeichnen von Comics, zu rauben. In dem im Februar erschienenen und herrlich illustrierten Band Geduld und Gorillas gelingt es Herausgeber Pierre Thomé, dieses Vorurteil Stück für Stück zu entkräften. Der Mitbegründer des Comic-Magazins Strapazin legt ein Buch – erschienen im Schweizer Niggli Verlag – vor, das neben Non-Fiction, Werbung und Design den Comic als nur ein mögliches Endprodukt unter vielen im Bereich der Illustration vorstellt. Wie bereits der Untertitel verrät, wird außerdem noch erläutert, warum und wie Illustratoren „gemacht werden“.

ScribblesAls Leiter der Abteilung Illustration der Hochschule Luzern – Design & Kunst hat Thomé all seine Erfahrung als Dozent, aber auch als praktizierender Illustrator in Geduld und Gorillas gesteckt. Man findet historisches Fachwissen über die Arbeiten des Comic-Vorvaters Rodolphe Töpffer neben Anekdoten über den Karikaturisten Saul Steinberg ebenso wie eigene Arbeiten des Künstlers. Um dem Leser die Reise in die Welt der Illustration zu erleichtern, präsentiert Thomé die Arbeiten von Studenten, lässt Kollegen über ihre Projekte erzählen und rundet das gesamte Bild durch Interviews mit Illustratoren und Dozenten ab. Dabei beweist Thomé als Herausgeber dieselbe Geduld, die es benötigt, um einen Gorilla zu zeichnen.

fossile Ameise, Armin CorayStändige Begleiter der Texte und Interviews sind Illustrationen, die das gesamte Spektrum der Darstellungsformen abdecken: Von den wilden Scribbles der Studenten und Dozenten, welche an Töpffers Idee des „mentalen Zickzacks“ erinnern, bis hin zu den Arbeitsmappen, Skizzenbüchern, Abschlussarbeiten und Auftragsarbeiten der Dozenten und Studenten des Instituts fungieren diese Illustrationen aber nicht nur als freundliche Unterstützung des Textes; wie in einem Comic unterstützen sie das Geschriebene, brechen mit den Aussagen der Befragten oder greifen aktiv in das Layout des Textes ein.

Aber auch ohne den begleitenden Text beweisen die grafischen Beispiele, dass Illustrationen nicht nur dazu dienen, eine bestimmte Ware in den Warenkorb zu bekommen, sondern das Erlebnis der visuellen Wahrnehmung zu zelebrieren. Dabei lässt sich Geduld und Gorillas auch als wundervolles Bilderbuch voller Ideen und Anregungen lesen. Beinahe jede neue Seite überrascht durch eine große Farbvielfalt, minimalistische Strips, subjektive Comicreportagen oder anatomisch korrekte Darstellungen von Käfern und Landschaften zu wissenschaftlichen Zwecken.

Um dem Leser den Studiengang als solchen näherzubringen, hat Thomé befreundete nationale und internationale Kollegen wie Henning Wagenbreth (Universität der Künste Berlin) und Jonathan Gibbs (Edinburgh College of Art) befragt, wie sie den Studiengang Illustration definieren würden, wie man „Kunst“ überhaupt studieren und benoten kann und was der Bachelor-Abschluss in diesem Bereich wirklich wert ist. Die Befragten waren sich darüber einig, dass man keine „kreativen Manager“ heranzüchten will, sondern jungen Menschen Bilder als Sprache begreifbar machen möchte. Neben diesen rein theoretischen Diskursen beschäftigen sich die Beteiligten in Geduld und Gorillas mit Non-Fiction als Form der grafischen Reportage (Christoph Göldlin und Roland Hausherr), mit der Biografie eines Buches (Hans ten Doornkaat und Valérie Losa), dem Nutzen eines Workshops (Ben Katchor) und dem postuniversitären Kampf der Illustratoren auf dem Arbeitsmarkt.

Im Dingi, Matthias Hachen


Harte Hunde, Christoph Vorlet
Die zweite Hälfte des 344 Seiten starken Buches illustriert den Werdegang der Auszubildenden an der Luzerner Kunsthochschule und dient somit als legitime Selbstdarstellung eines Studiengangs. Neben den teilweise noch naiven Bewerbungsmappen wirken die Skizzenbücher der Studenten am Lehrstuhl Kunst & Design überraschend kraftvoll. Obwohl die Projekte von den Themen her unterschiedlicher nicht sein könnten, lässt sich dennoch eine stetige Entwicklung in den Illustrationen, ein Gespür für das Bild als Sprachform, erkennen. Während die Skizzenbücher noch Dokumente des Ringens mit sich selbst in jeder Phase der Ausbildung zeigen, präsentieren sich die Abschlussarbeiten zumeist als selbstbewusste Projekte, welche praktische Arbeitsweisen mit kreativen Einfällen verbinden.

Ob die jungen Illustratoren jetzt den beschwerlichen Weg eines Comiczeichners einschlagen werden – wie vor ihnen die Absolventin Kati Rickenbach (Filmriss) oder die Gastdozenten Thomas Ott (t.o.t.t.) und Christophe Badoux (Klee) – bleibt abzuwarten. Geduld und Gorillas erläutert und dokumentiert äußerst eindrucksvoll, warum Illustrationen nicht die Wurzel allen Übels sind, sondern eine Sprache der Bilder darstellen, die es für die Anwendung in grafisch erzählenden Texten wie beispielsweise Comics zu erlernen und zu meistern gilt.

Geduld und Gorillas: Wie Illustratoren gemacht werden
Niggli Verlag, Februar 2009
Hrsg.: Pierre Thomé
Texte/Zeichnungen: diverse
A4, Softcover, farbig, 344 Seiten; 36,- Euro
ISBN 9783-7212-0696-8

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Auf der Suche nach Peter Pan


Dialog-Rezension

Cover Auf der Suche nach Peter PanChristopher: Mit Auf der Suche nach Peter Pan setzt Cross Cult seinen eigenwilligen Weg fort. Getreu dem Motto: Wir machen, was uns gefällt! Finde ich sympathisch. Der Band passt meines Erachtens überhaupt nicht in das bisherige Programm des Verlags. Vom Format her wie The Red Star, Hard Boiled oder Ich bin Legion, inhaltlich ganz und gar Franzose. Am ehesten sehe ich noch eine Nähe zu den beiden Moebius-Bänden Arzach und Die hermetische Garage, die ja auch bei Cross Cult laufen. Peter Pan ist schließlich auch so ein ewig vergriffener, halb vergessener frankobelgischer Klassiker. Sobald man die Alben aufschlägt, werden jedoch die Unterschiede deutlich: Arzach und die Garage sind so fantastisch, dass einem manchmal der Schädel brummt.
Peter Pan
hingegen ist sehr realistisch: Die Geschichte spielt in den Walliser Alpen um 1930. Ein toller Handlungsort, wie ich finde. Magst Du mal erzählen, worum's da geht, Ben? 

Benjamin: Ja, das Buch ist eigentlich eine Hommage an die Schweizer Landschaft, die der Künstler Cosey ja auch aus seiner eigener Biografie heraus erleben durfte. Coseys Hauptakteur ist dabei der englische Schriftsteller Melvin Woodsworth, der offiziell im verschneiten wallischen Dorf Ardolaz an seinem dritten Roman arbeitet. Doch in Wirklichkeit ist er auf den Spuren seines Bruders Dragan, der während seiner Reisen als Komponist in einem Hotel des Bergdorfes abgestiegen war. Wie du bereits gemeint hast, handelt es sich um ein realistisches Szenario, das für Cross Cults bisherige Albenproduktion eher untypisch ist. Denn Comics wie die Moebius-Bände, Red Star oder Redhand lassen sich doch eher dem fantastischeren Gefilde zuordnen. Im Endeffekt zeigt das aber, dass der Verlag einfach nicht auf ein durchgängiges Format oder gar ein einheitliches Genre festzulegen ist.

Aber zurück zu Auf der Suche nach Peter Pan, das ja mit der namensgebenden Romanfigur erst einmal so gut wie gar nichts zu tun hat. Eher kann man davon sprechen, dass Peter Pan hier als Inspirationsquelle für Cosey zur Verfügung stand, oder wie beurteilst du das?

Auf der Suche nach Peter PanChristopher: Tja, Auf der Suche nach Peter Pan … Der Titel legt irgendwie nahe, dass es um Peter Pan geht. In Wirklichkeit kommt Peter Pan kaum vor, bloß an einer einzigen Stelle, in der Cosey versucht, die Melodie eines Liedes durch Bilder auszudrücken. Bei Peter Pan denkt ohnehin jeder an Disney, also an kommerziellen Kinderstoff. Das ist hier aber irreführend. Cosey bezieht sich wohl eher auf die Originale des englischen Schriftstellers Barrie, den er auch zu Beginn jedes Kapitels zitiert. Außerdem scheint für Coseys Arbeit der Naturgott Pan aus der griechischen Mythologie eine nicht unwesentliche Rolle gespielt zu haben. Natur ist ein großes Thema in Auf der Suche nach Peter Pan. Ganz auflösen lässt sich wohl nicht, was Pan und Peter Pan mit Coseys Band zu tun haben.

Beachten wir doch Peter Pan mal einen Augenblick lang nicht. Dann bleibt vom Titel nur noch „Auf der Suche“, was meiner Ansicht nach die Motivation der Hauptfigur sehr gut umreißt. Melvin Woodsworth sucht ja eine ganze Menge: Seinen großen Bruder, ein Thema für seinen neuen Roman, eine wunderschöne Walliserin, die er zufällig beim Baden beobachtet hat … Vielleicht plagen ihn auch noch größere Sehnsüchte nach Freiheit oder einem wahren Zuhause, wer weiß? Die Hauptfigur ist jedenfalls auf der Suche, was wohl ein wiederkehrendes Thema in Coseys Arbeiten ist. Was meinst du: Findet Woodsworth, was er sucht?

Benjamin: Gerade im Epilog, der sich von der Atmosphäre her gehörig vom Rest des Werkes absetzt, lässt sich ein überzeichnetes Happy-End erkennen. Insofern denke ich schon, dass Woodsworth schlussendlich gefunden hat, wonach er suchte. Im Grunde kann man in diesem Zuge aber auch Coseys sehr optimistischen Ansatz kritisieren, der die eigentlich nachdenkliche Sinn- und Selbstfindungsreise der Figur zum Ende hin so dreht, dass Woodsworth sogar mehr findet, als zu erwarten gewesen wäre. Für meine Begriffe kommt das allgemeine Auflösen in Wohlgefallen zu überhastet und zu positiv rüber, wenn man den Protagonisten nicht vielleicht sogar besser rastlos und mit offenen Fragen hätte weiterziehen lassen sollen. Sicherlich hätte das eher zur melancholischen Stimmung gepasst, oder?


Christopher:
Ja, das Ende ist ein ganz schöner Bruch mit dem Rest. Zuerst Träumen und Herumtreiben à la Corto Maltese, dann glückliche Einkehr in eine feste Liebesbeziehung. Aber gut – wenn Cosey das wahrhaftig so empfindet … Zum Schluss gibt es einen Gletscherabgang, und eine Figur stirbt. Das lässt sich gut als das verbildlichte Ende von Woodsworths Junggesellentum deuten. Er hört auf, ein träumender und naturverbundener Vagabund zu sein, hört auf, nach Peter Pan zu suchen, weil er etwas Wichtiges über das Leben gelernt hat. In diesem Sinne denke ich nicht, dass er mehr findet, als er gesucht hat. Eher würde ich sagen, dass er eine Suche aufgibt. In der Folge findet er etwas anderes, als er erwartet hat, nämlich Liebe, Beziehung, Familie. Dem Leser ist der träumende Woodsworth vom Anfang der Handlung natürlich ungleich sympathischer … Die innere Entwicklung, die dem Leser da vorgeführt wird, ist schon klasse, die grafische Umsetzung und Vermittlung großartig.
Apropos Leser: Was glaubst Du, für welche Leser dieser Band zu empfehlen ist? Für jeden? Oder kann man das einschränken?

Auf der Suche nach Peter Pan
Benjamin:
Ich finde, dass allein der komplett weiße Einband und das unkonventionelle Cover sehr passend ankündigen, was den Leser erwarten wird. Insofern kann man sich darauf einstellen, dass man eine ruhige Geschichte präsentiert bekommt, in der Handlungsort und Szenario, und eben nicht die Figuren, eine zentrale Rolle einnehmen. Das ist bei Albenproduktionen nicht unbedingt Standard, umso höher ist das Ergebnis zu bewerten: Cosey beweist mit seinem naturverbundenen, malerischen Comicroman, dass auch ein Trip in die verschneiten Schweizer Alpen bezaubernd umgesetzt werden kann. Wer bereit ist, sich von dieser Atmosphäre einnehmen zu lassen, der wird mit diesem Band nicht viel falsch machen können.

Eine zurückhaltendere Kaufempfehlung würde ich Lesern klassischer frankobelgischer Stoffe erteilen: Auf der Suche nach Peter Pan geht einen nicht alltäglichen Weg, der eine ausgefeiltere Charakterisierung der Hauptperson sowie sämtlicher weiterer Personen zur Nebensache degradiert und deren stringente Erzählung sich eher an der gewaltigen Dominanz der Landschaft und der ständigen Präsenz des Gletschers orientiert als umgekehrt. Nicht zuletzt an der Evakuierung des Dorfes aufgrund der Gletscherbedrohung sieht man, welche bestimmende Rolle dieser für den Verlauf der Handlung besitzt. Für mich ist Coseys Werk damit ein wahrscheinlich einzigartiges Experiment, an dem jedoch Leser mit anderen Erwartungen vielleicht nicht so viel Freude haben werden wie wir beide. Denn fairerweise muss man im Umkehrschluss auch sagen, dass der Inhalt an vielen Stellen bewusst oberflächlich bleibt beziehungsweise  verglichen mit der Bergidylle eine untergeordnete Rolle spielt. Und der erwähnte überhastete Epilog dreht diese Positionen dann zu offensichtlich und zu schnell um, er bricht mit diesem Stil. Ich denke, man kann sich auf beide Varianten einlassen, aber dann müssen sie auch konsequent durchgezogen werden.

Christopher: Naja, Ben, das klingt jetzt ein bisschen so wie: Cosey sind Figuren nicht so wichtig, er will lieber Landschaften zeichnen. Vielleicht ist das so, keine Ahnung. Ich habe es anders verstanden. Es stimmt: Ein Großteil der Seiten wird von der Alpenlandschaft eingenommen, viel Schnee, also viel Weiß, ist zu sehen. Ich habe es so begriffen, dass die dargestellte Landschaft das Innenleben der Hauptfigur spiegelt. Die Emotionen von Woodsworth kann der Leser nachempfinden, wenn er Coseys Alpenbilder auf sich wirken lässt. Ist vielleicht ein wenig weit gegriffen, aber Goethes Werther funktioniert auch so. Natur als Spiegel von Gefühlen. Nicht ohne Grund verändert sich ja die Farbgebung in Auf der Suche nach Peter Pan drastisch, wenn zum Beispiel auf dem Klavier gespielt wird oder wenn Woodsworth und seine Freundin Evoleta nach Italien fahren.

Auf der Suche nach Peter PanBenjamin: Wenn überhaupt würde ich das gesamte Szenario noch als Spiegel für Woodsworth Emotionen begreifen können, denn die Nebenfiguren, also die Dorfbewohner, Evoleta, der Münzfälscher Baptistin oder die Polizisten, sind zwar vorhanden und spielen auch eine Rolle, aber eben für meine Begriffe keine essentielle. Nein, Cosey ist kein reiner Landschaftsmaler, natürlich nicht, immerhin gibt es eine Handlung, aber ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, mehr auf die Stille zu achten als auf die Dialoge, mehr auf die Umgebung als auf die Geschehnisse. Oder kurz gesagt, die Story und die Personen sollten für den Macher das Vehikel sein, um seinen Eindruck bezüglich der Walliser Bergregion vermitteln zu können. Und das eben nicht in starren Bildern, sondern auf komplexere Weise über die Comicerzählung. Zumindest könnte ich mir das gut vorstellen.

Christopher: Ist wahrscheinlich wie mit dem Huhn und dem Ei. Ob jetzt die Landschaft die Hauptfigur bestimmt – oder umgekehrt – wer weiß? Müssen wir ja auch nicht auflösen. Auf jeden Fall ist die Verbindung, die da entsteht, klasse. Die Stille ist in der Tat bemerkenswert, das habe ich auch so empfunden. Wenige Wochen bevor ich Auf der Suche nach Peter Pan gelesen habe, war ich zu Besuch bei einem Freund in der Schweiz. (Allerdings nicht im Wallis, sondern in St. Gallen.) Da haben wir eine Wanderung durch den Schnee gemacht. Und der Comic trifft’s tatsächlich! Diese unglaubliche Ruhe, die einem fast ein wenig auf die Ohren drückt! Das ist wirklich genau so, wie Cosey es darstellt! Ich war echt beeindruckt …

 

Benjamin: Mein Fazit: Auf der Suche nach Peter Pan ist ein bemerkenswertes Comicalbum (wobei man natürlich auch den mittlerweile oft benutzen Terminus „Graphic Novel“ verwenden könnte), das eine neu bearbeitete Edition wahrlich verdient hat, zumal die lange zurückliegenden Carlsen-Alben (erschienen von 1987-1992) der deutschen Erstveröffentlichung nur noch schwer erhältlich sein dürften. Einleitende Worte zur Geschichte des Wallis sowie Bonusseiten mit Hintergründen zu Coseys Arbeit und ein Interview machen den Band zu einer runden Sache. Da fühlt man sich als Leser einfach gut aufgehoben.


Auf der Suche nach Peter Pan
Cross Cult, März 2009
Text/Zeichnungen: Cosey
Übersetzung: Kai Wilksen
154 Seiten, Hardcover, farbig; 26 Euro
ISBN 978-3941248335
Leseprobe auf crosscult.de

Bemerkenswertes, ruhiges Comicalbum

Gemeinsame Bewertung:

  Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!  Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!   Bildquelle: cross-cult.de Auf der Suche nach Peter Pan © Cosey, dt. Ausgabe Cross Cult  

Comicmovie Datenbank: X-Men Origins: Wolverine

 Als im Jahr 2000 der erste X-Men-Film von Bryan Singer erfolgreich im Kino lief (und damit einen bis heute andauernden Boom von Comic- und Superheldenfilmen lostrat), war Hugh Jackman, der die Rolle des Wolverine spielte, höchstens in Australien und bei Musicalfans bekannt. Mittlerweile zählt er zu Hollywoods Topstars, wurde vom Magazin People zum „Sexiest Man Alive“ erklärt und durfte die letzte Oscar-Verleihung moderieren. So genügt mittlerweile schon sein Name, kombiniert mit dem der bekanntesten und beliebtesten X-Men-Figur, um als ordentliches Zugpferd für die Kinokassen zu dienen. Mit X-Men Origins: Wolverine versuchen Marvel und 20th Century Fox, ein im Comicbereich bewährtes Rezept – das Spin-Off – auch im Kino umzusetzen. Statt einer größeren Gruppe von Mutanten steht nun ein einzelner Charakter, dessen Herkunftsgeschichte näher beleuchtet wird, im Mittelpunkt. Hier weiterlesen…

B.U.A.P. 6: Garten der Seelen

 Wer diese Serie nicht kennt, der verpasst definitiv so einiges. Nämlich atemberaubend schöne Abenteuer, die den Leser durch eine eigentümliche Bildsprache für sich einzunehmen wissen, die die tiefgründigen Horror- und Fantasyelemente gekonnt verknüpft. Jetzt liegt bereits der sechste Sammelband der „Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen“, Garten der Seelen, vor, für den Mike Mignola und John Arcudi einen weitgehend für sich stehenden Plot entwarfen:

Abe Sapien, Mitglied der Behörde, wird mit seiner geheimnisumwitterten Vergangenheit, respektive seinem früheren Leben konfrontiert und begegnet alten Bekannten. Es handelt sich um ein aufwendig gestaltetes Soloabenteuer, ein Ausflug in Lovecraft'sche Gefilde, eine Story mit telepathierenden Mumienfrauen und viktorianischen Cyborgs. Kurzum, eine prima Vorlage für den prächtigen Strich von Guy Davis, der konstant auf künstlerisch hohem Niveau bleibt und nicht zuletzt dafür sorgt, dass B.U.A.P. schon seit einiger Zeit zu meinen Favoriten unter den fortlaufenden Comicreihen zählt. Zusätzliche Skizzen im Anhang und ein Artikel über die mediale Verwendung von Hellboy ergänzen dieses exzellente Buch.

B.U.A.P. 6: Garten der Seelen
Cross Cult, November 2008
152 Seiten, farbig, HC
Preis: 19,80 Euro 

 

Fables 8: Arabische Nächte (und Tage)

 Fans von Neil Gaimans Sandman könnten empört reagieren, wenn man kritisiert, die Serie sei zu episch, zu lang angelegt und für Neueinsteiger kaum zu überblicken. Zu viele Figuren, eine zu komplexe Handlung! Wer kann da noch folgen?! Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt und träfe sicherlich auch für Fables zu. Es scheint jedoch so, als würde sich Autor Bill Willingham Mühe geben, solchen Kritikern entgegen zu kommen und für mehr Kurzweil zu sorgen. Das neue Trade Arabische Nächte (und Tage) macht sich in dieser Hinsicht jedenfalls ganz gut.

Die Fables – Märchenfiguren im New Yorker Exil – haben zwar einen neuen Bürgermeister, sind aber ansonsten im Großen und Ganzen noch so, wie man sie auf den ersten Seiten kennen gelernt hat. Der neue Band enthält zwei Stories, „Arabische Nächte (und Tage)“ und „Die Ballade von Rodney und June“, beide rund, mit klarem Anfang und Ende, mit vielen Verweisen auf den Metaplot, aber noch immer eigenständig und zugleich wunderbar erzählt. Sindbad kommt aus Bagdad zu Besuch, im Gefolge ein Dschinn und ein böser Wesir, was in Fabletown für diplomatischen Ärger sorgt. Die zweite Geschichte spielt hinter der Front, im Feindesland, wo auch Holzpuppen Gefühle haben, jedoch nur sehr begrenzte Mittel, sie auszudrücken. Nicht so schön ist der von Jim Fern stammende Zeichenstrich dieser zweiten Geschichte, wenig plastisch, ohne Schatten und Märchen-Flair. Der verspielte Strich von Mark Buckingham in der ersten Story entschädigt jedoch dafür. Alles in allem: Ein toller Band einer tollen Serie!

Fables 8: Arabische Nächte (und Tage)
Panini, Februar 2009
148 Seiten, farbig, SC
Preis: 16,95 Euro