Rezensionen

Spirou: Porträt eines Helden als junger Tor

 Spirou und Fantasio gehören, neben Tim und Struppi, Asterix und Lucky Luke zu den ganz großen Klassikern des frankobelgischen Comics. Seit gut 70 Jahren erscheinen Geschichten mit dem kleinen Hotelpagen im gleichnamigen Magazin und als Comicalbum. Neben der Hauptserie gibt es seit 2006 eine Parallel-Reihe, die in Frankreich Une Aventure de Spirou et Fantasio par… heißt. Namhafte Zeichner und Autoren können dort ihre ganz eigene Vision von Spirou umsetzen, abseits von den Zwängen der Hauptserie.

Bei Carlsen erscheinen diese Bände (gemischt mit anderen) in der Reihe Spirou & Fantasio Spezial. Als deren achter Band gibt es nun das Album Porträt eines Helden als junger Tor von Emile Bravo. Bravo, der aus einem ähnlichen Independent-Umfeld stammt wie seine Kollegen Trondheim, Sfar oder David B., erzählt eine sehr untypische -Geschichte. Sommer 1939 im Brüsseler Hotel Moustic. Der kleine Hotelpage Spirou freut sich über einen prominenten Gast – einen Boxchampion – und lernt einen aufdringlichen Journalisten kennen, der verzweifelt auf der Suche nach Insiderinformationen über diesen Promi ist. Dieser Journalist, der in diesem Comic keine sehr sympathische Rolle spielt, entpuppt sich als Fantasio, Spirous späterer Freund und Mit-Abenteurer.

 Anders als die regulären Alben ist Bravos Geschichte tief verwurzelt in der Zeit, zu der sie spielt: Im Sommer 1939 stand Europa kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Comic zeigt Verhandlungsrunden zwischen einer deutschen und einer polnischen Delegation, die im Hotel Moustic stattfinden. Der reale historische Hintergrund ist hier stets präsent: ob bei Streitereien zwischen den Jungs, die mit Spirou auf der Straße Fußball spielen und sich als Faschisten und Kommunisten beschimpfen, oder bei Gesprächen mit dem Zimmermädchen, das aus Polen stammt und dem naiven Spirou eine Portion politisches Bewusstsein beibringt.

Es ist bewundernswert, mit welcher Leichtigkeit Emile Bravo es hinbekommt, eine bislang eher unpolitische Comicfigur mit dem ernsten Hintergrund jener Zeit zu verknüpfen, in der sie entstand – 1938 erschien die erste Spirou-Geschichte von Zeichner Rob-Vel. Die Freundschaft (oder ist es schon Verliebtheit?) zu dem namenlosen Zimmermädchen zwingt Spirou dazu, eine Haltung einzunehmen. Es kann ihm nicht mehr egal sein, worüber Polen und Deutsche in seinem Hotel debattieren, er muss sich einmischen.

Der drohende Kriegsausbruch spielt also eine wichtige Rolle, und trotzdem ist das Porträt eines Helden als junger Tor kein bleischwerer Historiencomic, sondern funktioniert vor allem auch als lockere, humorvolle Unterhaltung. Dafür sorgt unter anderem das Eichhörnchen Pips, das eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Nebenbei erklärt Emile Bravo auch, warum Pips anders als seine Artgenossen ein Bewusstsein hat und warum Spirou auch außerhalb des Hotels ständig seine rote Uniform trägt.

 Eine Art Origin-Story also, die zurück zu den Wurzeln der Serie geht und dabei etwas Neues schafft. Bravos Spirou ist gleichzeitig nostalgisch und innovativ, was auch für die Zeichnungen gilt – Bravos Strich orientiert sich an klassischen Vorbildern, hat aber eine deutliche individuelle Note. Anders als bei den regulären Spirou-Alben verzichtet Bravo auf grelle Farben, stattdessen überwiegen dezente Braun- oder Sepiatöne.

Langjährige Fans der Serie finden zahlreiche Querverweise und Anspielungen, auch auf andere Comics (z.B. outet sich Spirou als treuer Leser von Tim und Struppi), der Band eignet sich aber auch problemlos für jene, die noch nie ein Spirou und Fantasio-Album gelesen haben. Für Orientierung sorgen gut gemachte und informative Redaktionsseiten. Als Bonus gibt es noch eine bemerkenswert gute Kurzgeschichte, ebenfalls von Bravo, die Spirou an seinem allerersten Arbeitstag im Hotel zeigt. Ein Fünfseiter, der auch vor dem heiklen Thema Pädophilie bei Priestern nicht zurückschreckt.

Spirou: Porträt eines Helden als junger Tor ist ein überaus gelungenes Album. Emile Bravo gelingt eine Verbeugung vor einem Genre-Klassiker, die nicht in Ehrfurcht und Nostalgie erstarrt, sondern viel Frisches und Neues bietet und auch für Nicht-Fans empfehlenswert ist.

Spirou und Fantasio Spezial 8 –
Spirou: Porträt eines Helden als junger Tor
Carlsen Comics
, Januar 2009
Text und Zeichnungen: Emile Bravo
Softcover; 80 Seiten; 10,- Euro
ISBN: 978-3-551-77696-9

Eine exzellente Hommage

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Abbildungen: © Carlsen Comics