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Links der Woche 28/13: There Is A Light That Never Goes Out

Zurück nach drei Wochen Pause – unsere Links der Woche, Ausgabe 28/2013:

 

Die Monster trauern um ihren Vater
Münchner Merkur, Michael Schleicher
Am 13. August starb ganz überraschend der Münchner Comiczeichner, Illustrator und Kabarettist Christian Moser, den man vor allem durch seine „Monster des Alltags“ kennt. Er wurde nur 47 Jahre alt. In seinem Nachruf erinnert Ralf Keiser im Namen des Carlsen Verlags an „einen leidenschaftlichen, perfektionistischen und vor allem humorvollen Menschen, mit dem wir die Ehre und das Vergnügen hatten, acht Bücher zu machen“. Und am Tag seiner Beisetzung erschien in der Süddeutschen Zeitung eine halbseitige Todesanzeige, unterzeichnet mit „Deine Freunde“. Im Jahr 2009 hatte sich Daniel Wüllner für Comicgate mit Christian Moser getroffen, das damals entstandende Interview kann man hier nachlesen.

„Lizenzgeber haben den europäischen Markt nicht verstanden“
buchreport.express
Interview mit Tokyopop-Chef Joachim Kaps zum Wachstum des Comicsegments im deutschen Buchhandel und dem hierzulande erst langsam in Gang kommenden Markt der digitalen Comics und Manga.

DManga News #1
Animexx, roterKater
Auf seinem Blog sammelt roterKater (der auch bei Comicgate mitarbeitet) aktuelle Neuigkeiten aus der Welt des in Deutschland selbst produzierten Mangas (gerne auch „Germanga“ genannt).

“Ach, so ist das?!” – Projektbericht Teil 1: Die Idee
Ach, so ist das?, Schradi
Ein Comicprojekt von Martina Schradi: Sie sammelt biografische Episoden von LGBTI* (Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transidenten, Transgender und Intersexuellen), die dann in kurzen Comics umgesetzt werden (ähnlich wie in Flix‘ Da war mal was). Daraus entsteht (zunächst?) kein Buch, sondern eine Plakatausstellung, die ab 21.9. in Nürnberg gezeigt wird und dann auf Reisen geht. Auch auf der Website werden die Comics ab September zu sehen sein.

Ignatz Award Nominations
SPX
Der „Ignatz“ ist der Preis der amerikanischen Independentcomicszene und wird jährlich auf der Small Press Expo in Bethseda, Maryland verliehen. In diesem Jahr gibt es je fünf Nominierungen in neun Kategorien. Darunter sind auch zwei Nominierungen („Outstanding Artist“ und „Outstanding Graphic Novel“) für Ulli Lust, deren Comic Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens kürzlich auch in den USA erschienen ist.

CBLDF’s Comic Market Speech On Manga Freedom
Comic Book Legal Defense Fund, Charles Brownstein
Der CBLDF setzt sich dafür ein, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung auch für Comickünstler, -verlage, -fans und -händler gilt und kämpft gegen Zensurversuche, Comicverbote und ähnliches. Die hier nachzulesende Rede hielt der Vorsitzende der Organisation auf der Comiket in Tokio, der weltgrößten Comicmesse. Es geht in der Rede vor allem um die Bemühungen des CBLDF, falsche Vorurteile über Manga zu bekämpfen, die z.B. dazu führten, dass ein US-Bürger bei der Einreise nach Kanada wegen angeblichen Besitzes von Kinderpornografie zu Unrecht verhaftet wurde.

Superhero Smackdown
Slate, Douglas Wolk
Schönes Stück über Rivalität, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden großen Superhelden-Verlage.

The Truth About Rejection…
Neptune City-Saturn Town, div. Autoren
Verschiedene Comicmacher (u.a. Evan Dorkin, Peter Bagge und Erik Larsen) schreiben auf, wie es ist, Absagen zu erhalten und geben Tipps, wie man damit umgeht.

This Duck is Tocotronic
thisduckistocotronic.tumblr.com
Vor ein paar Wochen ging der Tumblr This Charming Charlie durchs Netz, auf dem Zitate aus Songs von den Smiths in Panels aus den Peanuts eingebaut wurden. Das gefiel unter anderem den Leuten von Mit Vergnügen, die auf ihrem Blog das gleiche mit Tocotronic-Zitaten machten. Und schließlich startete wenig später ein weiterer Tumblr-Blog, der Zeilen aus Tocotronic-Liedern in Disney-Comics einbaut. Was hervorragend passt, weil die Bandmitglieder bekennende Duck-Fans sind, die immer wieder Schnittpunkte mit Entenhausen herstellen.

Die Amateure

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amateure1Bei seinem Debütwerk Am falschen Ort (Reprodukt, unsere Rezension) stürzte sich der belgische Zeichner Brecht Evens noch ins Nachtleben, jetzt porträtiert er die Kunstszene.
Die Amateure bewegt sich stilistisch sehr nahe am Vorgängerband, ist inhaltlich jedoch deutlich dichter und tiefschürfender.

Künstler Pieterjan kommt mit seinen Arbeiten gerade so über die Runden. Desillusioniert nimmt er die Einladung einer Gruppe Hobbykünstler an, die in einem Dorf eine Biennale auf die Beine stellen will. Dort eingetroffen wird Pieterjan nicht nur als Stargast behandelt, sondern übernimmt die Leitung zum Bau einer Skulptur (ein riesiger Gartenzwerg, wie sich herausstellt). Eine bunte Truppe teils skurriler Künstlerkollegen geht ihm dabei zur Hand.

Brecht Evens‘ Die Amateure ist hervorragende Metakunst. Als Leser ringt man mit den Seiten geradezu, weil Evens sie so vielschichtig und überraschend darstellt, während die Figuren in diesem Stück in jeder einzelnen Szene mit ihrem Leben und ihrer Arbeit hadern. Wie kann man eine künstlerische Vision realisieren? Wie erlangt man Anerkennung dafür? Diese Unsicherheiten thematisiert der Comic auf eindringliche Weise.

amateure2Die auffällig Zeichenkunst, eine farbenfrohe Aquarelltechnik, kennt man bereits aus Am falschen Ort. Hier passt sie aber noch etwas besser. Die einzelnen Künstler werden jeweils unterschiedlich koloriert und grenzen sich auch ansonsten grob voneinander ab. Das ist schon deshalb wichtig, weil man bei dem optischen Gewirre, den ineinander fließenden Strukturen und aufgrund der hohen Anzahl der Personen sonst schnell den Überblick verlieren würde. Evens schafft es darüber hinaus aber auch, die Figuren sehr markant zu charakterisieren und ihr Äußeres den exzentrischen Eigenschaften anzupassen.

Die Amateure ist erzählerisch eine Wucht. Man findet zwar nur schwer einen Zugang dazu, weil sich jede neue Seite plötzlich anders anfühlt als die vorherige und sich Evens Werk damit jeglicher starren Kategorisierung entzieht, aber mich persönlich haben diesmal nicht nur die tollen Bilder, sondern auch die Story fasziniert. Wohl selten hat man kunstvoller über das Wesen von Kunst berichtet. Bemerkenswerterweise ist die aufwändige Grafik kein Selbstzweck, keine effektvolle Hintergrundkulisse, sondern aufs Engste mit der Handlung, den Figuren und den Dialogen verwoben.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein äußerst eindringlicher Comicband, der auf mehreren Ebenen nachwirkt

 

Die Amateure
Reprodukt, Mai 2013
Text/Zeichnungen: Brecht Evens
Übersetzung: Andrea Kluitmann
224 Seiten, farbig, Flexcover
Preis: 34,- Euro
ISBN: 978-3-943143-46-1

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Abbildungen © Brecht Evens

Der Krieg der Orks 2 – Krieg und Frieden

Cover Der Krieg der Orks 2 Die Ankündigung einer Fortsetzung von Der Krieg der Orks konnte einen schon etwas verwundern, da die Story im Grunde schon im ersten Band abgeschlossen war. Wie soll es denn weitergehen, wenn alle Konflikte blutig gelöst sind und kaum einer der Konfliktpartner übrig ist? Und so erzählt der zweite Teil, der dann auch wirklich den Abschluss der Serie bildet, eine ganz neue Geschichte. Diese baut auf der ersten auf, ist aber im Grunde keine direkte Fortsetzung. Schließlich spielt sie 10 Jahre nach den bereits geschilderten Geschehnissen.

Kil´Tyrson ist nicht nur König der Orks, sondern der ganzen bekannten Welt. Die Menschen sind seine Untertanen, wohingegen die wenigen verbliebenen Elfen geflüchtet sind. Eines Morgens kommen zwei Menschen in die Hauptstadt, um den König der Orks um Hilfe zu bitten. Untote Krieger machen das Grenzland unsicher. Die Orks zögern, da es ihrem Wesen widerspricht, anderen zu helfen. Doch die Zombiekrieger gehörten mal zu ihnen. Der König stellt seine Armee auf und reist mit den Menschen in ihr Territorium. Auf dem Weg begegnen sie immer wieder den Großen Plagen. Haben sie etwa ihre Göttin höchstpersönlich zur Feindin?

Nun herrschen also die Orks und haben immer noch ihre Probleme, da die Herrschaft ihrem ursprünglichen und traditionellen Lebensstil vollkommen widerspricht. Autor Olivier Peru nutzt dies jedoch nur als Ausgangsbasis und untersucht weniger eine Gesellschaft, wenngleich eine fiktive, im Wandel der Zeit, sondern erzählt eine geradlinige, spannende Fantasy-Action-Abenteuergeschichte. Nur eben, wie im ersten Teil, unter anderen Vorzeichen. Es geht weniger um den Versuch, eine neue Zivilisation aufzubauen, sondern eher darum, wie man die Tradition bewahren kann. Gegen Ende kommt Peru dann zu dem überaus pessimistischen Schluss, dass eine Nation am Ende auch Ventile braucht. Sei es nun Sport, gelegentliche Gewaltausbrüche, oder eben ein Krieg wie bei den Orks. Was natürlich voraussetzt, dass es so etwas wie einen National- oder einen Volkscharakter gibt – etwas, das noch am ehesten im Fantasybereich behauptet werden kann (und darf).

Seite aus Der Krieg der Orks 2 Die Story ist zwar recht überschaubar, besitzt dafür erstaunlich viele Dialoge, als ob damit die mangelnde Substanz überdeckt werden soll. Oder traute Peru seinem neuen Zeichner Giovanni Lorusso nicht genug, um nur die Bilder sprechen zu lassen? Dennoch sind die Dialoge durchaus gelungen und tragen sowohl die Handlung als auch Charakterisierungen und die jeweiligen Mentalitäten. Damit rutscht der Band noch an der Grenze zur Geschwätzigkeit vorbei, aber immerhin geriet „Krieg und Frieden” sehr spannend und atmosphärisch. Man liest gebannt und stellt sich, wie die Protagonisten, lauter Fragen: Kann man den Figuren trauen? Was passiert hier eigentlich? Wer ist der Gegner? Was geht hier eigentlich vor?

Somit ist dieser Abschlussband, trotz einiger kleinerer Schwächen, eine positive Überraschung. Ein Bezug zur christlichen Apokalypse wird auch noch eingebaut, wenn die Orks mit Plagen konfrontiert werden. So wie die Ägypter einst von Gott gestraft wurden, müssen nun die Orks ähnliches durchmachen. Diese quasi-biblischen Plagen liefern den bislang häufig eindimensional geschilderten Orks einen weiteren, diesmal theologischen, Hintergrund. Gegen Ende klärt sich dann auch alles und es wird deutlich, dass eine Herrschaft nicht mit Tradiertem brechen soll, wenn sie sich behaupten will. Hat der Comic also eine konservative Botschaft?

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Spannung und Atmosphäre machen den Band zur überraschend guten Fortsetzung.

 

Der Krieg der Orks 2 – Krieg und Frieden
Splitter Verlag, Juni 2013
Text: Olivier Peru
Zeichnungen: Giovanni Lorusso
Übersetzung: Resel Rebiersch
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-582-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 27/13: Free fallin‘

Es ist Hochsommer, da geht es auch in der Comicwelt etwas ruhiger und langsamer zu. Seit der letzten LdW-Ausgabe hat sich nicht allzu viel Wichtiges getan, fast alle Links stammen diesmal aus dem englischen Sprachraum (sind aber trotzdem absolut klickenswert). Auch ich mache jetzt ein wenig Urlaub – die nächsten Links der Woche erscheinen voraussichtlich Ende August an dieser Stelle.

Unsere Links der Woche, Ausgabe 27/2013:

 

Sketching the Past – Vermittlung von Gewaltgeschichte im Comic
instytut.net, Mike Plitt
Das Institut für angewandte Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder veranstaltet Ende September eine Tagung zum Thema „Vermittlung von Gewaltgeschichte im Comic“. In Workshops und Podiumsdikussionen will man der Frage nachgehen, wie Gewalterfahrungen im Comic vermittelt werden und wie sich diese im Bildungsbereich einsetzen lassen. Die Tagung beginnt mit einer Lesung aus dem Comic 17. Juni – Die Geschichte von Armin und Eva, das als Projekt des Instituts entstanden ist und kürzlich als Buch bei Metrolit erschienen ist.

Manga Comics Manga
Deb Aoki, mangacomicsmanga.com
Die Comicjournalistin und Manga-Expertin Deb Aoki, die viele Jahre lang auf dem Portal about.com über Manga geschrieben hat, hat kürzlich ihre eigene neue Website gestartet, auf der sie über Comics aus Asien und anderswo schreibt. Das Rezept laut Untertitel der Website: „Man nehme zwei Drittel Manga und füge ein Drittel Comics hinzu“.

Creator of xkcd Reveals Secret Backstory of His Epic 3,099-Panel Comic
Wired Underwire, Laura Hudson
Randall Munroes Strichmännchen-Webcomic xkcd ist immer wieder für Überraschungen gut. So auch im März diesen Jahres, als Folge 1190 mit dem Titel „Time“ erschien. Zunächst war dort ein schweigend am Strand sitzendes Strichmännchen-Paar zu sehen, doch eine halbe Stunde später änderte sich das Bild ein wenig. Alle 30 Minuten wurde ein neues Panel hochgeladen und so entstand quasi ein unendlich langsamer Animationsfilm, der eine sehr lange und umfangreiche Geschichte voller Rätsel erzählt. Nach insgesamt 3.099 Einzelbildern mit Updates im 30-Minuten-Rhythmus endete „Time“ schließlich Ende Juli. Weil xkcd gerade in Nerd- und Geek-Kreisen viele Fans hat, entstand rasch ein spezieller Fankult rund um „Time“, der jede Änderung akribisch verfolgte, diskutierte, Theorien entwickelte, Infos sammelte und alles in einem eigenen Wiki festhielt. Und weil xkcd unter einer Creative-Commons-Lizenz steht, war es auch problemlos möglich, dass Fans eigene Varianten von „Time“ online stellten, zum Beispiel als Comic zum Selber-Durchscrollen oder als 40-minütiger Trickfilm. Erst nach Abschluss des Projekts sprach Randall Munroe selbst über „Time“ und ein paar Hintergründe des Comics.

The Long Journey
The Bouletcorp, Boulet
Der französische Zeichner Boulet zählt mit seinem Blog zu den interessantesten Webcomic-Machern weltweit, nicht zuletzt, weil er auch immer wieder formale Experimente wagt. So wie in diesem Pixel-Comic zum endlosen Herunterscrollen, der in jeder Hinsicht eine Menge Tiefgang besitzt (und bei dem vermutlich auch xkcd ein wenig Pate gestanden hat). Außerdem: Nazis und Dinosaurier! Unbedingt lesen.

(Untitled)
This Nonsens, Faith Erin Hicks
Comiczeichnerin Faith Erin Hicks war dieses Jahr als geladener Gast auf der San Diego Comic Con. Was sie dort erlebt hat, hat sie in einem Tagebuchcomic aufgezeichnet.

16-Bit Iron Man 3 – Movie Homage HD Video Game
YouTube, Movieclips Trailers
Die komplette Filmhandlung von Iron Man 3, nacherzählt in dreineinhalb Minuten – und zwar im Stil eines alten 16-Bit-Videospiels mit entsprechend nervigem Soundtrack:

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Fraternity 1

Cover Fraternity 1Dichter Nebel hängt in den Bäumen, hüllt sie in ein trübes Graublau. Doch trotz der schlechten Sichtverhältnisse wagen sich die Männer aus New Fraternity immer weiter in den Wald hinein. Heute jagen sie kein Wild, heute jagen sie etwas Größeres. Ein Reh wurde angefallen, Hühner wurden von ihren Höfen gestohlen. Plötzlich haben die Hunde eine Witterung aufgenommen, die wilde Hatz beginnt und endet ebenso plötzlich. Die Männer fangen ihre Beute lebend – einen kleinen Jungen, der in der Wildnis aufgewachsen ist.

Juan Díaz Canales und José Luis Munuera schreiben und zeichnen das Jahr 1863. Handlungsort ist die kleine Stadt New Fraternity im noch jungen Bundesstaat Indiana. Das Thema des ersten von zwei Comicbänden ist klar verortet: Die Figur des Außenseiters steht im Zentrum der Handlung.

Der Außenseiter: Seite aus Fraternity 1Der gefangene Wolfsjunge wird in die Stadt gebracht; seine Integration wird auf den nächsten Seiten vorangetrieben: Er trägt ihre Kleidung, wohnt bei ihnen. Doch warum sollte sich der kleine Junge an die Stadtbewohner anpassen, wenn die Gemeinde selbst so stolz auf ihre Rolle als Außenseiter ist? Als Projekt verstehe man sich, das noch unabhängiger sei als die USA selbst. Weder beteilige man sich am Bürgerkrieg, noch brauche man die Unterstützung der Regierung. Die Separatisten unter den Separatisten. Beide Projekte laufen parallel zueinander und die Erzählung funktioniert, aber leider nur auf den ersten zwanzig Seiten.

Canales scheint sich mit zwei funktionierenden Handlungssträngen nicht zufrieden geben zu wollen und beginnt damit, New Fraternity mit weiteren Plots vollzustopfen. Neben dem Wolfsjungen taucht der mysteriöse Minotaurus samt griechischer Mythologie als weiterer Außenseiter auf. Hinzu kommen weitere stereotype Plots: die Deserteure, der stolze Bürgerrechtler und die Intriganten, der Märchenprinz und natürlich auch die unerwiderte Liebe. Anstatt sich nebeneinander zu entwickeln, überlagern sich die Handlungsstränge: Die Deserteure sprengen das Volksfest, der Bürgerrechtler muss gleichzeitig unglücklich verliebt sein und der Minotaurus stellt sich als unnütze Doppelung des Außenseiter-Motivs dar – auch wenn Canales pflichtbewusst Labyrinth und Ariadne-Faden einflicht.

Drinnen und draußen: Seite aus Fraternity 1Mit seinen Zeichnungen versucht Munuera das Projekt noch zu retten: Obgleich seine Zeichnungen sehr aufwendig sind und die Emotionen der Figuren überzeugend zum Ausdruck bringen, überzeugt er vielmehr durch seine bewusst eintönige Kolorierung. Die ganze Stadt ist in Braun- und Ockertöne getaucht. So verleiht Munuera dem Comic wenigstens visuell die dringend notwendige Stringenz, welche die Erzählungen leider vermissen lassen.

Es tauchen fast keine grellen Farben auf, die die Eintönigkeit durchbrechen. Nur an ganz wenigen Stellen ist ein roter Blutklecks auf dem Braun zu sehen. Auch durch die graphische Darstellung der Nacht versucht Munuera das Leitmotiv des Außenseitertums einzufangen. Das blaugraue Zwielicht dringt von außen ein, kontrastiert die Eintönigkeit der Stadt und vermischt sich am Ende des ersten Bandes mit ihr.

Aus erzählerischer Sicht scheitert das Erzählexperiment Fraternity nach dem ersten Band ebenso wie das Gesellschaftsexperiment New Fraternity. Zu viele Handlungsstränge prasseln auf den Leser ein, überlagern sich und bieten auf 56 Seiten keinen Raum für Entwicklung. Für einen Pilotfilm oder den Auftakt eines fortlaufenden Comics wären die vielen losen Enden sicherlich sinnvoll, doch sprengen sie den Rahmen der komprimierten Form von zwei Comicbänden. Den rettenden Ariadne-Faden, mit dem man aus seinem Erzähllabyrinth entkommen könnte, liefert der Autor nicht.

 

Wertung: 4 von 10 Punkten

Der Comics ist so überladen, dass man vor lauter Handlungssträngen völlig den Ariadne-Faden verliert.

 

Fraternity 1
Ehapa Comic Collection, Juni 2013
Text: Juan Díaz Canales
Zeichnungen: José Luis Munuera
Übersetzung: Uwe Löhmann
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15 Euro
ISBN: 3770436996

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Abbildungen © José Luis Munuera, der dt. Ausgabe: Egmont Ehapa

Die große Odaliske

Cover Die große OdaliskeDie beiden attraktiven jungen Damen Carole und Alex sind Spezialistinnen für Kunstraub. Mit Einbruchsausrüstung und Feuerwaffen erleichtern sie Museen klammheimlich um wertvolle Originale. Für ihren jüngsten Auftrag, den Diebstahl des Gemäldes „Die grosse Odaliske” von Ingres, müssen sie gar den berühmten Louvre in Angriff nehmen. Da dieser Job für zwei Mädchen allein zu groß ist, entschließen sie sich, die Hilfe der Motorrad-Akrobatin Sam in Anspruch zu nehmen.

Für diesen ungewöhnlichen Comic hat sich das Künstlerduo Ruppert & Mulot (Affentheater) mit dem viel beschäftigten Bastien Vivès (In meinen Augen, Polina) zusammengetan. Herausgekommen ist ein Einzelband, der sich am ehesten als experimenteller europäischer Actioncomic beschreiben lässt. Das reizvolle Frauentrio erinnert stark an die US-Comicserie Danger Girl, wenngleich es bei Die große Odaliske ein Stück weit realistischer zugeht.

Die Story an sich ist sehr geradlinig und strukturiert, insgesamt lässt sich die fehlende Tiefe kritisieren. Dafür machen die Kreativen in Sachen Action keine Kompromisse: Selten waren Einbrüche so sexy, so rasant und aufwendig inszeniert wie hier. Helikopter, die abgeschossen werden, Motorräder, die durch den Louvre jagen. Das alles folgt einem Drehbuch wie aus einem James-Bond-Film. Deswegen ist man am Schluss auch ein bisschen enttäuscht, dass die Story schon so schnell vorbei ist und man „nur” einen guten Genrevertreter vorgesetzt bekam.

Seite aus Die große OdaliskeAls reiner Actioncomic ist der Band jedoch hervorragend, nicht nur weil er wegen durch Figuren und Handlungsort einen europäischen Einschlag hat, sondern weil jede einzelne Szene perfekt umgesetzt wurde. Ruppert, Mulot und Vivès variieren immer wieder mit Einstellungen, streuen mal kleine Panels ein und dann ganzseitige Bilder, zoomen heran, verändern Blickwinkel oder lenken die Aufmerksamkeit von den Figuren weg. Die ähnliche gelagerte Comicserie Danger Girl kann solch eine ungebundene Virtuosität nicht aufweisen, genauso wenig wie die allermeisten schematisch ablaufenden Hollywood-Produktionen.

Wäre dieses Comicprojekt nicht auf eine übersichtliche, in sich geschlossene Handlung ausgelegt, sondern würde sich mehr Freiheiten abseits der Action und mit mehr Tiefe gönnen, es wäre ein Meisterwerk. Weit überdurchschnittlich ist es auch so bereits. Nichts weniger konnte man von den beteiligten Künstlern aber auch erwarten.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Inhaltlich Genrekost, grafisch brillant. Ein ungewohnter Actioncomic.

 

Die große Odaliske
Reprodukt, Juni 2013
Text und Zeichnungen: Ruppert, Mulot, Bastien Vivès
Übersetzung: Mireille Onon
128 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-943143-43-0
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt

 

Earth Unplugged

 

Jennifer Daniels Earth Unplugged spielt in einer Welt, in der die Zivilisation sich nach dem Zusammenbruch sämtlicher elektrischer Stromversorgung neu orientieren muss. Der Comic erhielt eine lobende Erwähnung beim ICOM Independent-Comic-Preis 2013.

Earth Unplugged ist ein kartoniertes Heft mit 48 Seiten, das in gemalt wirkenden Bildern (tatsächlich sind die Zeichnungen am Computer entstanden) von einer jungen Frau erzählt, die sich in eben dieser Welt ohne Strom neu orientieren muss. Die ehemalige Consulting Managerin, deren Namen wir nicht erfahren, möchte sich von ihrer Nachbarin eine Kerze gegen die Dunkelheit leihen, und die Nachbarin, von Beruf Hausfrau und Mutter, bittet sie auf eine Tasse Tee in ihre Wohnung hinein. Die beiden Frauen kommen ins Gespräch und die junge Frau erzählt der älteren von einer Geschichte, an der sie gerade schreibt: Eine Science-Fiction-Story, in der die Heldin aus einer völlig durchtechnisierten Welt zurückgeworfen wird auf eine sehr ursprüngliche Lebensweise …

Die vollständige Rezension sowie die Wertung findet Ihr hier in der Doppelrezension zum Jaja Verlag: Hinter den sieben Burgen und Earth Unplugged.

 

Hinter den sieben Burgen

„Kleine feine illustrierte Machwerke“ verspricht uns der Jaja Verlag aus Berlin, der mit selbstproduzierten Comics sowie illustrierter Poesie und Prosa auf sich aufmerksam macht. Hinter Jaja steht die Grafikerin und Illustratorin Annette Köhn, die jungen, unbekannten Künstlern eine Plattform zur Veröffentlichung bieten möchte. Es ist das selbsterklärte Ziel des Verlags, allen Veröffentlichungen einen handverlesenen, selbstgemachten Charakter zu verleihen und sie über das Zusammenspiel von Inhalt, Format, Gestaltung und Haptik als kleine Gesamtkunstwerke wirken zu lassen.

Und tatsächlich: Die Produkte können sich sehen lassen. Da gibt es quadratische, dünne Heftchen im Umschlag aus Packpapier, die per Hand im Siebdruckverfahren hergestellt wurden, illustrierte Kartensets in der Kartonkiste und philosophische Bilderbücher für Kinder und Erwachsene – Produkte, denen man die Begeisterung und Hingabe ansieht, mit denen sie produziert worden sind. Die längeren Comicerzählungen dürften vor allem Leser ansprechen, die auch die Bücher des avant-Verlags oder Reprodukt mögen, und sie halten einem Vergleich mit deren Veröffentlichungen durchaus stand. 

Die beiden neueren Erscheinungen, die im Folgenden besprochen werden, sind gar für den Leipziger Comicgartenzwerg 2013 nominiert worden.

 

1.) Hinter den sieben Burgen

Cover von Hinter den sieben Burgen
Alexander von Knorres Hinter den Sieben Burgen gehört zum Subgenre der gezeichneten Reiseberichte. Darin beschreibt der Künstler in kleinen Episoden seine Eindrücke aus seiner Zeit als Zivildienstleistender in einem rumänischen Kinderheim. Es müssen nachhaltige Eindrücke gewesen sein in dieser Einöde mitten in Siebenbürgen, in der die alten Strukturen wegbrechen, ohne dass dafür etwas Neues entsteht. Das Leben bietet dort wenig Abwechslung, die Menschen leben in einem eintönigen Trott. Wer die Möglichkeit hat, zieht weg, die übrigen Menschen arrangieren sich mit den Verhältnissen. Außerdem ist der Ort auch ein Magnet für engagierte Helfer, Aussteiger und Zivilisationsverweigerer.

Seite aus Hinter den sieben BurgenVon Knorre skizziert mit lockerer Hand, seine Figuren wirken sympathisch. Dennoch wird deutlich, dass das Leben im Kinderheim vor allem von Unzulänglichkeiten geprägt ist: Das Personal ist unqualifiziert und überfordert, die Kinder sind schwierig und die Mittel knapp. Hier stößt man schnell an die Grenzen des Machbaren und unser Protagonist muss lernen, mit dem wenigen auszukommen, das ihm noch zur Verfügung steht.

Beispielseite aus Hinter den sieben BurgenIm Werbematerial des Verlags heißt es, Hinter den Sieben Burgen sei eine Graphic Novel über einen Landstrich, den es so nicht mehr gibt. Man mag das zunächst kaum bedauern, denn die Armut und Perspektivlosigkeit der Menschen ist sehr präsent, aber Alexander von Knorre lässt uns eben auch miterleben, wie er gerade in dieser Kargheit zu sich selbst findet und den Wert kleiner Gesten schätzen lernt. Entsprechend schwingt ein leichtes Bedauern mit, wenn er im Nachwort von der Währungsreform in Rumänien berichtet, von dem inzwischen in Kraft getretenen Verbot von Pferdekutschen auf Überlandstraßen und vom stark zunehmenden Verkehr, der das Trampen immer schwieriger werden lässt.

Beispielseite aus Hinter den sieben BurgenIch war mir zunächst nicht sicher, wie ich Hinter den sieben Burgen einschätzen soll. Alexander von Knorre verweilt stark im Alltagsgeschehen, kommentiert nicht und berichtet viel von Belanglosigkeiten wie dem Ansehen von Telenovelas, von Weihnachtsfeiern oder Spaziergängen. Aber es sind diese kleinen Details, die das Geschilderte plastisch und nachvollziehbar werden lassen. Deutlich wird das beispielsweise, wenn Alexander auf dem Plumpsklo sitzt und durch eine Lücke in der Tür den Mond beobachtet. Der Leser spürt an dieser Stelle förmlich, wie die Last des Tages von Alex‘ Schultern abfällt. Eine schönere Inszenierung von Beiläufigem muss man lange suchen.

Ein großer Vorteil ist auch, dass Alexander von Knorre auch Illustrator von Kinderbüchern ist. Er weiß, dass Bilder Raum zum Atmen haben müssen und gestaltet seine Panels und seine großflächigen Bilder großzügig. Das geht zwar einerseits auf Kosten der Erzählung, hilft aber, das Lebensgefühl der dort verlebten Zeit nachzuempfinden. Nach dem ersten Lesen des Buchs war ich etwas enttäuscht wegen der kaum vorhandenen Erzählung, aber die Lockerheit der Bilder, die mit skizzenhaftem Strich viel Atmosphäre vermitteln, ließ mich das Buch immer wieder zur Hand nehmen, und langsam wuchsen mir Alexander, seine Heimkinder und die schrulligen Dorfbewohner mit ihren Anekdoten ans Herz. Es wird spannend sein, zu verfolgen, wovon Alexander von Knorre in seinem nächsten Buch erzählen wird.

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein autobiografischer Bericht, der in seiner skizzenhaften und episodischen Darstellung erstaunlich viel Charme entwickelt. Ein beachtliches Comic-Debut.

Hinter den Sieben Burgen
Jaja Verlag, März 2013
Text und Zeichnungen: Alexander von Knorre
166 Seiten, zweifarbig, Softcover
Preis: 20,00 Euro
ISBN 978-3-943417-23-4
Leseprobe auf Splashcomics

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2.) Earth Unplugged

Cover von Earth UnpluggedJennifer Daniels Earth Unplugged spielt in einer Welt, in der sich die Zivilisation nach dem Zusammenbruch sämtlicher elektrischer Stromversorgung neu orientieren muss. Das ist zwar ein sehr unwahrscheinliches Szenario, aber manche Leute fragen sich, ob starke Sonnenwinde oder eine anstehende Umpolung des Erdmagnetfelds, der sogenannte Polsprung (in naher Zukunft, so in 2000 bis 4000 Jahren), eine derartige Auswirkung haben könnten.

Earth Unplugged ist ein kartoniertes Heft mit 48 Seiten, das in gemalt wirkenden Bildern (tatsächlich sind die Zeichnungen am Computer entstanden) von einer jungen Frau erzählt, die sich in eben dieser Welt ohne Strom neu orientieren muss. Die ehemalige Consulting Managerin, deren Namen wir nicht erfahren, möchte sich von ihrer Nachbarin eine Kerze gegen die Dunkelheit leihen, und die Nachbarin, von Beruf Hausfrau und Mutter, bittet sie auf eine Tasse Tee in ihre Wohnung hinein. Die beiden Frauen kommen ins Gespräch und die junge Frau erzählt der älteren von einer Geschichte, an der sie gerade schreibt: Eine Science-Fiction-Story, in der die Heldin aus einer völlig durchtechnisierten Welt zurückgeworfen wird auf eine sehr ursprüngliche Lebensweise.

Beispielseite aus Earth UnpluggedDie Heldin dieser Story strandet mit ihrem Raumschiff auf einem erdähnlichen Planeten. Dort tastet sie sich vorsichtig an eine Lebensweise heran, die nicht durch technische Hilfsmittel aufbereitet oder vereinfacht wird. Das simple Leben der Tiere und den natürlichen Kreislauf des Lebens nimmt sie mit kindlicher Unbefangenheit wahr und sie wird selbst ein Teil ihrer Umgebung. Dennoch wird deutlich, dass die Natur für den, der unvorbereitet ist, tödlich ist. Die letzten Seiten deuten den Zusammenhang zwischen Tod und Wiedergeburt an, gleichzeitig schließt sich der Erzählbogen und die Heldin der SF-Geschichte findet sich in der realen Welt des ursprünglichen Erzählstrangs wieder. Erzählte und tatsächliche Geschichte werden zur Einheit.

Jennifer Daniels präsentiert uns einen recht naiven Wunschtraum vom guten, einfachen Leben. Für sie scheinen sämtliche technologischen Errungenschaften das Leben zwar komfortabler gemacht zu haben, gleichzeitig haben sie das Leben aber ausgehöhlt und seines ursprünglichen Sinns beraubt. Diese Ansicht mag man teilen oder nicht, Tatsache ist, dass Jennifer Daniels äußerst stimmungsvoll erzählen kann. Die Zeichnerin versteht es, auch komplexe Gefühle ohne viele Worte darzustellen. Über ihre virtuose Arbeit mit kleinen und großen Panels lenkt sie gekonnt den Blick des Lesers und geht dabei recht bewusst auch mit der Wahrnehmung von Zeit im Comic um. Dabei springt die Zeichnerin zwischen Abstraktion und konkreter Darstellung hin und her und ordnet ihre Panels kreativ, aber stets schlüssig an, so dass sowohl der stimmigen Seitenkomposition als auch der Erzählung gedient ist.

Seite aus Earth UnpluggedEarth Unplugged hat keinen ausufernden Plot. Es ist eine kleine Graphic Short Novel (wie es die Künstlerin in einem Interview bei Comicreview.de selbst nannte), in der Jennifer Daniel über die Abhängigkeit des Menschen von einer künstlich geschaffenen Umwelt meditiert. Nicht alles erschließt sich sofort und manches bleibt auch bewusst in der Schwebe; dennoch bleibt ein überzeugender Leseeindruck, der vor allem Jennifer Daniels geschickter Konstruktion der Geschichte zu verdanken ist. Auch hier sollte man auf jeden Fall einen Blick riskieren, wofür auch die lobende Erwähnung von Earth Unplugged beim ICOM Independent-Comic-Preis 2013 steht.

Wertung: Bewertung: 8/10 Punkten

Earth Unplugged ist das stilsichere Debut einer Künstlerin, von der man gerne mehr sehen möchte.

Earth Unplugged
Jaja Verlag, September 2012
Text und Zeichnungen: Jennifer Daniel
48 Seiten, vierfarbig, geheftet
Preis: 10,00 Euro
ISBN 978-3-943417-16-6
Leseprobe

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Abbildungen © Alexander von Knorre (Hinter den sieben Burgen) und Jennifer Daniel (Earth Unplugged)

Iron Man/Hulk 1

Cover Iron Man/Hulk 1Im Juli beginnen bei Panini fünf neue Marvel-Heftserien mit Comics, die in den USA unter dem Motto „Marvel NOW!“ mit neuen Kreativteams neu gestartet wurden. Das Ziel: attraktive Einstiegspunkte für neue oder zurückkehrende Leser zu bieten und ein wenig frischen Wind ins Marvel-Universum zu bringen. Ob das gelungen ist, wollen wir uns in kurzen Rezensionen zu den fünf neuen Reihen ansehen. Heute: Hightech-Rüstungen und lila Hosen.

 

Worum geht’s?
Wie schon in Wolverine/Deadpool wirft Panini auch hier wieder zwei US-Serien zusammen, die eigentlich völlig unabhängig voneinander sind:

Das Extremis-Projekt (bekannt aus dem aktuellen Film Iron Man 3), mit dem sich der menschliche Organismus verbessern lässt, ist wieder da und soll von der Firma A.I.M. lukrativ vermarktet werden. Tony Stark kennt die Risiken und Gefahren dieser Technologie genau und will unbedingt vermeiden, dass sie in die Hände von Leuten gerät, die nur an Profit denken.

In der ersten Ausgabe von Der unverwüstliche Hulk sehen wir S.H.I.E.L.D.-Agentin Maria Hill, die auf der Suche nach dem Wissenschaftler Bruce Banner bzw. nach dessen Alter Ego, dem Hulk, ist. Dieser taucht allerdings von selbst auf und bietet ihr seine Dienste an – sowohl als überdurchschnittlicher Forscher als auch, für die speziellen Notfälle, als großer grüner Grunzer. Und da der Mad Thinker gerade etwas im Schilde führt, kann Banners Eignung für den S.H.I.E.L.D.-Dienst gleich mal gestestet werden.

Wer schreibt?
Neuer Iron Man-Autor, nach einem langen und erfolgreichen Run von Matt Fraction, ist der Brite Kieron Gillen, der 2006 mit der Indie-Serie Phonogram einen ersten nachhaltigen Eindruck in der Comicszene hinterließ. Seit vier Jahren schreibt er auch regelmäßig für Marvel, neben Iron Man betreut er im Rahmen von „Marvel NOW!“ auch den Neustart der Young Avengers. Ein Blick auf sein Workblog zeigt, dass Gillen nicht einfach irgendwelche Stories wegschreibt, sondern sich intensive Gedanken macht. Das ist auch in seiner ersten Iron Man-Ausgabe zu spüren, wo es sehr viel inneren Monolog gibt, in dem Tony Stark über sich und seine Motivation nachdenkt.

Indestructible Hulk wird geschrieben von Mark Waid, einem alten Haudegen des Superheldencomics, seit vielen Jahren im Geschäft und zuletzt bei Marvel mit einer neuen Interpretation von Daredevil sehr erfolgreich. Waid ist eher ein solider Handwerker als ein genialer Künstler, aber das muss nichts Schlechtes sein.

Wer zeichnet?
Die Zeichnungen in Iron Man kommen von Greg Land, jenem Künstler, der den Fotorealismus so weit treibt, dass er seine digital erstellten Bilder gerne mal direkt von Fotovorlagen abpaust. Oder er kopiert von anderen Zeichnern oder gleich von sich selbst. Das wäre noch nicht allzu schlimm, wenn das Ergebnis wenigstens toll aussehen würde. Aber Lands Comics sind in ihrer auf Hochglanz getrimmten Art extrem  steril und plastikartig, die Gesichter völlig leblos und maskenhaft, und bei den weiblichen Figuren kaum zu unterscheiden. Das Bemühen von Kieron Gillon, etwas philosophische Tiefe in den Comic zu bringen, muss an Lands gelacktem Artwork zwangsläufig abperlen wie Wassertropfen an einer Lotospflanze.

Bei Hulk-Zeichner Leinil Francis Yu dagegen gibt es auch Ecken und Kanten und den ein oder anderen schroffen Strich zu sehen. Yu versieht den typischen Superheldenstil mit einer individuellen, klar erkennbaren Note. Leider hat er eine Schwäche für unkonventionelle Seitenlayouts und verliert sich allzu oft in unnötigen Spielereien. Fast auf jeder Seite ragt irgendetwas über Panelgrenzen hinaus, was dazu führt, dass es immer wieder mal unübersichtlich wird. Das gleiche gilt für die Actionszenen, in denen man als Leser leicht den Überblick verlieren kann.

Seite aus Iron Man/Hulk 1Was taugt’s?
Iron Man enthält eine Menge interessante ethische Gedanken: Gleich zu Beginn referiert Tony Stark, woran er eigentlich glaubt, und später geht es vor allem um die Frage, wie große technische Errungenschaften zu den richtigen Zwecken eingesetzt werden können – das alte Atombomben-Dilemma. Leider passt Greg Lands aalglattes Artwork überhaupt nicht zu diesem Ansatz und reißt mit dem Hintern ein, was Gillen vorne aufgebaut hat. Allerdings, und das macht es dann doch wieder interessant, macht sich Autor Gillen sogar selbst Gedanken zu Lands Zeichenstil und wie er zu seinem Comic passt. Gut möglich also, dass dieser Iron Man-Run insgesamt lesenswert wird.

Der Auftakt der neuen Hulk-Story ist nicht mehr und nicht weniger als eine Exposition: Bruce Banner will jetzt freiwillig bei S.H.I.E.L.D mitmachen. Ordentlich erzählt, mit der obligatorischen Klopperei auf ein paar Seiten und einer doppelseitigen Splashpage zum Platzschinden. Fertig ist der Superhelden-Durchschnittscomic. Liest sich als erstes Kapitel in einem Sammelband wahrscheinlich besser als als Einzelheft.

Was beiden Stories ein wenig abgeht, ist die Ironie. Wer die beiden Hauptfiguren vor allem aus Joss Whedons Avengers-Film kennt und auf ähnlich schöne Wortgefechte, Frotzeleien und sarkastische Bemerkungen hofft, wird hier eher enttäuscht.

Einsteiger-Faktor:
Kein Problem. Auch bei diesen Reihen gilt wieder: Wer die Filme gesehen hat, tut sich leicht. Überhaupt ist es auffällig, wie die „Marvel NOW!“-Titel offenbar gezielt bei den Marvel-Kinohits andocken, um deren Publikum abzuholen. Nicht, indem sie direkte Fortsetzungen der Filmhandlung erzählen, sondern indem sie das Personal so auswählen, dass Neuleser die wichtigsten Figuren und deren Eigenschaften bereits aus dem Kino kennen.

Bester Moment:
Iron Mans Verhörmethode auf der letzten Seite, in der sogar Greg Land mal einen etwas anderen Gesichtsausdruck zustande bringt.

 

Wertung: 4 von 10 Punkten

Superhelden-Durchschnittskost: kein Totalausfall, aber bei weitem kein Muss. Und ein Punkt Abzug für Greg Land.

 

Iron Man/Hulk 1
Panini Comics, Juli 2013 
Text: Kieron Gillen/Mark Waid
Zeichnungen: Greg Land/Leinl Francis Yu
Übersetzung: Alexander Rösch
52 Seiten, farbig, Heft 
Preis: 4,99 Euro
Leseprobe (PDF)

Abbildungen © Marvel, der dt. Ausgabe: Panini Comics

 

Die neuen X-Men 1

Cover Die neuen X-Men 1Im Juli beginnen bei Panini fünf neue Marvel-Heftserien mit Comics, die in den USA unter dem Motto „Marvel NOW!“ mit neuen Kreativteams neu gestartet wurden. Das Ziel: attraktive Einstiegspunkte für neue oder zurückkehrende Leser zu bieten und ein wenig frischen Wind ins Marvel-Universum zu bringen. Ob das gelungen ist, wollen wir uns in kurzen Rezensionen zu den fünf neuen Reihen ansehen. Heute: Neue und alte, zeitreisende X-Men.

 

Worum geht’s?
Nachdem die Mutanten lange Zeit stark dezimiert waren, tauchen jetzt wieder vermehrt neue junge Mutanten auf. Cyclops, unterstützt von ein paar anderen, versucht diese neuen Mutanten einzusammeln und mit ihnen eine große Revolution anzuzetteln. Die X-Men um Hank McCoy alias Beast befürchten schlimmste Auswirkungen dieser gewaltsamen Eskalation. Also reist Beast in die Vergangenheit, zum allerersten Team der X-Men (darunter die jungen Ausgaben von Cyclops, Jean Grey und ihm selbst) und holt diese in die Gegenwart, damit sie Cyclops‘ Wüterei verhindern.

Wer schreibt?
Brian Michael Bendis, seit Jahren einer der Starautoren von Marvel, verabschiedet sich aus dem Avengers-Bereich, wo er seit 2004 mit ziemlich großem Erfolg ein halbes Dutzend Serien geschrieben hat, und wechselt in die X-Men-Ecke, die er bislang noch nicht beackert hat. Neben den All-New X-Men, die Panini hier abdruckt, schreibt Bendis auch die neu gestarteten Uncanny X-Men, wo die revolutionäre Gruppe rund um Cyclops die Hauptrolle spielt. Die beiden Serien dürften recht stark ineinander verflochten sein und führen folgerichtig zu einem großen Crossover-Event, nämlich Battle of the Atom, das im Herbst in den USA startet.

Wer zeichnet?
Stuart Immonen gehört zu den besten und beliebtesten aktuellen Zeichnern im Superhelden-Mainstream. Sein Artwork lässt eigentlich keine Wünsche offen. Charakteristische Gesichtszüge gelingen ihm ebenso gut wie dynamische Action und schicke Hintergründe, dabei ist sein Storytelling immer sehr klar und nie verwirrend. Dass er sich hier für einen sehr gefälligen, eher stromlinienförmigen Stil entscheidet, ist ein bisschen schade, wenn man weiß, wie vielseitig der Kanadier sein kann (siehe z.B. Nextwave, Superman: Secret Identity oder Moving Pictures).

Da All-New X-Men in den USA zweimal im Monat erscheint, werden sich hier verschiedene Zeichnerteams abwechseln, so dass nach dem ersten Storybogen David Marquez übernimmt, ehe Immonen dann wieder zurückkehrt.

Seite aus Die neuen X-Men 1Was taugt’s?
Bendis entwirft eine Art Zurück in die Zukunft-Szenario für die X-Men, das erstaunlich viel Spaß macht. Mit dem Auftritt der Original-X-Men-Besetzung aus dem Silver Age in ihrem damaligen Outfit kann er ein bisschen nostalgisches Flair in den Comic bringen und gleichzeitig eine frische Geschichte erzählen. Die Konfrontation der „alten“ X-Men mit ihrem jeweiligen Gegenstück der Jetztzeit hat sowohl dramatisches als auch komisches Potenzial und bietet sowohl für altgediente als auch für neue Leser interessante Ansätze. Brian Bendis, dessen Figuren manchmal zur Geschwätzigkeit neigen, hat sich hier gut im Griff und erzählt erfreulich straff. Und dank Immonens Zeichnungen sieht das alles auch richtig toll aus.

Allerdings birgt das Zeitreisethema natürlich jede Menge erzählerische Fallstricke, in denen man sich leicht verheddern kann. Und wer eine Allergie gegen Crossover hat, sollte von dieser Serie vielleicht lieber die Finger lassen, denn All-New X-Men wird sich schon bald mit anderen Serien verschränken.

Einsteiger-Faktor:
Überraschend hoch. Wer die X-Men-Kinofilme kennt, dürfte ausreichend gerüstet sein. Bendis gelingt es gut, Neueinsteiger ins Geschehen einzuführen, ohne komplett bei Null anzufangen.

Bester Moment:
Die Jean Grey aus der Vergangenheit schickt mit ihren mentalen Kräften den Wolverine von heute schlafen. Immonen zeigt in dieser Szene mit einem grandiosen Panel, dass bei ihm auch immer Platz für Humor ist.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Die alten X-Men aus dem Silver Age auf Zeitreise: Vielversprechender Auftakt zur neuen Serie

 

Die neuen X-Men 1
Panini Comics, Juli 2013 
Text: Brian Michael Bendis
Zeichnungen: Stuart Immonen
Übersetzung: Jürgen Petz
52 Seiten, farbig, Heft 
Preis: 4,99 Euro
Leseprobe (PDF)

Abbildungen © Marvel, der dt. Ausgabe: Panini Comics