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Surcouf 1 – Die Geburt einer Legende

Cover Surcouf 1Braucht man im Sommer 2013 wirklich noch ein neues Seefahrerabenteuer? Ist das Genre nicht ausgereizt und hat trotz des (bereits abflauenden) Revivals durch Fluch der Karibik nichts Neues mehr zu erzählen? Solche Abenteuergeschichten gibt es ja nun wie Sand am Meer und die Schiffe drohen aufgrund ihrer Überladenheit mit Klischees deutlich abzusaufen.

Schon die Fluch der Karibik-Filme mussten Elemente von Horror und Fantasy einbinden, um alles frisch aussehen zu lassen. Ansonsten ist doch eigentlich alles erzählt. Aber auf die Story kommt es ja oft gar nicht an, sondern mehr auf die Atmosphäre, den Geruch der Freiheit, ein ursprüngliches Leben, was vielleicht keiner mehr leben will, aber von dem man doch noch träumen darf. Da sind Männer noch ganze Männer und die Welt hat noch unbekannte und wilde Landstriche, welche die Fantasie anregen. Seefahrergeschichten sind immer auch Geschichten über den Kampf gegen die Natur, welche auch das Innere der Helden widerspiegeln, man nehme hier nur die genialen Romane von Joseph Conrad. Aber eine jahrtausendalte Sehnsucht, die mittlerweile fast zum reinen Eskapismus geworden ist, ist eben nicht totzukriegen. Und das ist auch gut so.

In Surcouf spürt der französische Schatzjäger und Schriftsteller Erick Surcouf, zusammen mit Co-Autor Arnaud Delalande, seinem Ururgroßvater Robert Surcouf nach, der von 1773 bis 1827 lebte und als legendärer Korsar gilt. Damit gelingt ihnen eine kleine Gratwanderung. Einerseits ist der Comic ein ganz traditionelles Seefahrerabenteuer im klassischen realistischen Zeichenstil, das typische Genreelemente benutzt und keinen neuen Weg einschlägt. Auf der anderen Seite gelingt es den Schöpfern jedoch, die Klischees zu umschiffen. Durch ein einfaches, aber wirkungsvolles Mittel, nämlich durch die gewählte Erzählperspektive.

Seite aus Surcouf 1Ein englischer Journalist bekommt den Auftrag, die Lebensgeschichte von einem der gefährlichsten Kaperfahrer auszuforschen: Robert Surcouf. Das napoleonische Frankreich liegt mit England im Krieg und Surcouf ist äußerst erfolgreich und listig darin, englische Schiffe aufzubringen. Der Journalist bereist Frankreich und die Inseln und erfährt immer mehr über den furchtlosen Kapitän. Doch bereitet er wirklich nur einen Artikel vor?

Indem sich der Journalist auf die Suche nach Hintergrundepisoden macht, ersparen es die Autoren sich, und damit dem Leser, den kompletten Werdegang des Helden zu erzählen. Stattdessen werden von anderen Leuten Schlaglichter und Episoden erzählt, aber da dies in eine übergeordnete Handlung eingebettet ist, zerfasert die Geschichte nicht im Episodenhaften. Dafür haben die Autoren die Fäden zu fest in der Hand, was natürlich hervorragend ist. Nachteilig ist allerdings, dass diese Erzähltechnik zu Lasten einer kontinuierlichen Spannung geht.

Dennoch ist der erste von insgesamt vier Teilen sehr kompakt und jede Episode an sich durchaus packend. Der sehr realistisch gehaltene Zeichenstil von Guy Michel unterstützt das hervorragend und lässt den Leser von jedem einzelnen Tau träumen und ihn die Gischt im Gesicht spüren. Zudem sind die Seiten sehr filmisch gestaltet, doppelseitig angeordnete Panels im Breitformat lassen die gute alte Cinemascopetechnik wieder aufleben. Das suggeriert Bombast und in der Tat ist allein schon der erste Teil prall gefüllt. Die Fortsetzung wird wohl stringenter ausfallen, aber man ist gespannt darauf, da bislang nur das Tableau bereitet wurde und die eigentliche Handlung erst noch beginnen muss.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Zwar relativ episodenhaft, aber dennoch packend und realistisch erzählt.

 

Surcouf 1 – Die Geburt einer Legende
Splitter Verlag, Juni 2013
Text: Arnaud Delalande, Erick Surcouf
Zeichner: Guy Michel
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-625-7
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 26/13: You can wrap it up in ribbons, you can slip it in your sock

Unsere Links der Woche, Ausgabe 26/2013:

 

Mit George R. R. Martin als Headliner
Buchreport
Der Onlinehändler Amazon mischt die Buchbranche schon seit längerem nicht nur mit dem Verkauf von Büchern auf, sondern beginnt auch selbst als Verlag aufzutreten. Nun hat Amazon mit Jet City Comics auch ein Comic-Label gegründet. Dort sollen in erster Linie Comics erscheinen, die auf bekannte Namen aus der Belletristik setzen. Als Zugpferd wurde Game of Thrones-Autor George R.R. Martin gewonnen, dessen Kurzgeschichte Meathouse Man von 1976 bei Jet City als Comicadaption erscheinen wird. Außerdem sind u.a. Comics zur Science-Fiction-Saga Wool von Hugh Howey geplant. Es soll sowohl e-Books für die Kindle-Lesegeräte als auch gedruckte Bücher geben. Los geht es mit Symposium, einem Comic, der in der von Neal Stephensons begründeten Welt der „Foreworld Saga“ spielt und dessen erste Ausgabe bereits für den Kindle zu haben ist. ICV2, die Branchen-Website für den Comichandel, beschäftigt sich im Artikel Amazon and Comics: How Close Is the Apocalypse? mit den möglichen Auswirkungen, die dieser neue Mitspieler auf die Branche haben könnte.

Im digitalen Comicdschungel – von digital first bis digital only
micomics, Stefan Johnson
Der Markt für digitale Comics wächst, vor allem in den USA, sehr stark. Dieser Artikel gibt einen Überblick über das aktuelle Angebot an US-Comics, die nicht nur parallel zur Printausgabe als Download verkauft werden, sondern primär und zuerst als digitaler Comic produziert werden.

Chris Ware räumt bei US-Comicpreisen ab
tagesspiegel.de, Lars von Törne
Im Rahmen der San Diego Comic Con wurden am Wochenende die Eisner Awards verliehen, der große Branchenpreis der US-Comicindustrie. Der Tagesspiegel zählt auf, wer gewonnen hat. Zu den großen Gewinnern zählt neben Chris Wares Building Stories auch die Image-Serie Saga von Brian K. Vaughan und Fiona Staples. Wer die Nominierungen mit den finalen Preisträgern vergleichen will, findet hier die komplette Liste.

2013 Harvey Award Nominees Announced
Comic Book Resources
Für die Harvey Awards, bei denen alle aktiven Comicmacher mit abstimmen dürfen, wurden die Nominierungen bekannt gegeben. Auch hier sind Chris Ware und Saga erwartungsgemäß stark vertreten, aber auch Hawkeye und Daredevil.

The Complete Penis
thecompletepenis.tumblr.com, Piwi
Christopher „Piwi“ Tauber will möglichst viele Synonyme für das männliche Geschlechtsteil zeichnerisch umsetzen. Also gibt es auf diesem sehr hübsch gestalteten Tumblr-Blog fast täglich ein neues Dödelbild. Und die Originale kann man kaufen!

The German Graphic Novel
germangraphicnovel.wordpress.com, Lynn M. Kutch
Ein Projekt der Kutztown University in Pennsylvania richtet sich an Lehrende, die im Deutschunterricht deutsche Comics einsetzen möchten. Die Website stellt zahlreiche Comics aus verschiedenen Themenkreisen vor und bringt Vorschläge und konkrete Beispiele zu deren Benutzung im Unterricht.

How to Scan Your Comics – Part 1
Comic Tools, Emily
Praktische Tipps für Comiczeichner, die auf Papier arbeiten und ihre Zeichnungen anschließend einscannen – was komplizierter ist, als man vielleicht denkt.

Wolverine – The Musical!
YouTube, Glove and Boots
Alles, was man über Wolverine wissen muss, präsentiert als Puppenmusical. Toll!

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Die Kinder des Kapitän Grant 1

Cover Die Kinder des Kapitän Grant 1Autor und Zeichner Alexis Nesme wagt sich an Jules Vernes Klassiker Die Kinder des Kapitän Grant. Die dreiteilige Albenreihe setzt den bereits 1868 veröffentlichten Roman grafisch um. Die Handlung dürfte vielen Lesern bekannt sein, auch in der Comicadaption hat sich diese nicht verändert:

Lord und Lady Glenarvan finden auf einer Segelfahrt im Magen eines Hais eine Flaschenpost. Die Nachricht darin ist dreisprachig und nur noch teilweise zu entziffern. Nach der Lösung dieses ersten kleinen Rätsels, der Entschlüsselung der Botschaft, wird klar, dass diese vom verschollenen Kapitän Grant stammt. Offenbar wurde er von Indios entführt. Das Paar beschließt, zusammen mit den Kindern des Kapitäns und einer Gruppe Getreuer, von England aus Richtung des amerikanischen Kontinents zu segeln. Etwas unfreiwillig befindet sich auch ein intellektueller Franzose an Bord.

Die eben geschilderten Ereignisse setzen eine beschauliche Abenteuerreise in Gang, bei der es im Konflikt mit der Natur und einheimischen Bewohnern zwar auch mal richtig gefährlich wird, aber bei der stets die Lust auf Entdeckung und Spannung im Vordergrund steht. Ansonsten ist die Erzählung sehr handzahm und fast schon zu sehr auf eine glatte, gut gelaunte Figurenschar bedacht. Das mag auch daran liegen, dass sich der Stoff auch ein ein jüngeres Publikum richten soll. Dementsprechend kinderfreundlich fällt auch der Gesamteindruck aus.

Seite aus Die Kinder des Kapitän Grant 1In diesem Zusammenhang lässt sich wohl auch die Erscheinung der Personen als antropomorphe Tiere verstehen. Einen wirklichen Sinn macht das inhaltlich nicht, hat aber eine enorme Wirkung in der Außendarstellung. Vor dem Hintergrund der malerischen Bilder mit ihrem gemäldeartigen Panorama sieht sich der Leser wie in ein schönes Bilder- oder Märchenbuch versetzt. In Verbindung mit der wunderschönen Kulisse entfalten die tierischen Figuren eine optische Sogwirkung. Da ist die zwar nette, aber nicht sehr frische Handlung ein Stück weit nur noch Beiwerk bzw. Rahmen für den grafischen Aspekt des Bandes.

Wie weit die Rettungsmission die illustre Crew um den Globus treibt, dafür bleiben ja noch zwei weitere Ausgaben Zeit. Allein aus zeichnerischen Gründen heraus kann Alexis Nesme mit seiner Adaption des Jules-Verne-Klassikers, so wie es bisher aussieht, wenig falsch machen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Empfehlenswerter Abenteuercomic mit tollen Bildern, auch für Kinder/Jugendliche geeignet

 

Die Kinder des Kapitän Grant 1
Splitter Verlag, März 2013
Text und Zeichnungen: Alexis Nesme
Übersetzung: Resel Rebiersch
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-578-6
Leseprobe

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Abbildungen © , der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Marvel NOW!, wow oder mau?

marvel now logoIm Juli beginnen bei Panini fünf neue Marvel-Heftserien mit Comics, die in den USA unter dem Motto „Marvel NOW!“ mit neuen Kreativteams neu gestartet wurden. Das Ziel: attraktive Einstiegspunkte für neue oder zurückkehrende Leser zu bieten und ein wenig frischen Wind ins Marvel-Universum zu bringen. Ob das gelungen ist, wollen wir uns in kurzen Rezensionen zu den fünf neuen Reihen ansehen.

 

Hier geht es zu den einzelnen Rezensionen:

Spider-Man 1
(Dan Slott, Ryan Stegman)
Avengers 1
(Jonathan Hickman, Jerome Opeña)
Wolverine/Deadpool 1
(Paul Cornell, Alan Davis / Brian Posehn, Gerry Duggan, Tony Moore)

Die neuen X-Men 1
(Brian Michael Bendis, Stuart Immonen)

Iron Man/Hulk 1
(Kieron Gillen, Greg Land / Mark Waid, Leinil Yu)

 

Wolverine/Deadpool 1

Cover Wolverine/Deadpool 1Im Juli beginnen bei Panini fünf neue Marvel-Heftserien mit Comics, die in den USA unter dem Motto „Marvel NOW!“ mit neuen Kreativteams neu gestartet wurden. Das Ziel: attraktive Einstiegspunkte für neue oder zurückkehrende Leser zu bieten und ein wenig frischen Wind ins Marvel-Universum zu bringen. Ob das gelungen ist, wollen wir uns in kurzen Rezensionen zu den fünf neuen Reihen ansehen. Heute: ein ungleiches Paar.

 

Worum geht’s?
In dieser neuen Heftreihe druckt Panini zwei US-Serien ab, die nur sehr entfernt miteinander zu tun haben: Neben Wolverine, der Solo-Serie mit dem aus diversen Hollywood-Filmen wohlbekannten X-Man mit den tollen Krallen, findet sich mit Deadpool ein waschechter Comedy-Comic, der sich in keinem Moment ernst nimmt.

Wolverine bekommt es mit einem kleinen Jungen zu tun, dem Sohn eines Amokläufers, der offenbar selber besondere Kräfte hat. Vor allem aber hat er die mächtige Waffe seines Vaters, und er ist es auf der Flucht. Da Wolverine in dem Jungen etwas Besonderes sieht, will er die Verfolgung nicht der Polizei überlassen.

Deadpool hingegen hat sich mit einer ganz anderen Bedrohung herumzuschlagen: Jemand hat sämtliche Ex-Präsidenten der USA wieder zum Leben erweckt und diese sind sehr schlecht gelaunt. 

Wer schreibt?
Bei Wolverine ist Paul Cornell der neue Autor. Der Brite wurde durch Drehbücher fürs Fernsehen (u.a. Doctor Who) sowie mehrere Doctor Who-Romane und auch -Comics bekannt, eher er 2007 bei Marvel landete, wo er viel Lob für die Serie Captain Britain and MI: 13 bekam. Beim „New 52“-Relaunch von DC war er mit den Serien Demon Knights und Stormwatch vertreten, für Vertigo schrieb er die Reihe Saucer Country. Hier darf er sich nun erstmals um eine richtig bekannte Hauptfigur kümmern und muss wenig Angst haben, dass die Reihe schon bald wieder eingestellt wird. 

Die Deadpool-Autoren Brian Posehn und Gerry Duggan sind ganz neu in der Comicwelt. Posehn ist eigentlich Schauspieler und Comedian und tritt regelmäßig in Shows wie The Sarah Silverman Program auf. Zusammen mit dem TV-Autor Duggan schreibt er nun eine Marvel-Serie, die immer schon eher eine Komödie war. Und die beiden versuchen gar nicht erst, eine ernsthafte Superheldenstory zu erzählen, sondern setzen voll auf Humor und gnadenlose Übertreibung. 

Wer zeichnet?
Wolverine wird gezeichnet vom Briten Alan Davis, einem Zeichner, den man mit Fug und Recht als Veteran im Comicgeschäft bezeichnen kann. Anfang der 1980er Jahre zeichnete er Alan Moores Captain Britain, schuf mit ihm zusammen D.R. and Quinch und arbeitet seit drei Jahrzehnten immer wieder für Marvel und DC. Davis ist ein erstklassiger Handwerker, aber seinen Seiten fehlt das gewisse Etwas. Sie sind absolut solide, aber ein bisschen altmodisch. Sein Wolverine sieht toll aus, das Grobschlächtige und Wilde dieser Figur setzt Davis sehr gut um, doch die Nebenfiguren bleiben blass und optisch eher langweilig. 

Den ersten Storybogen von Deadpool zeichnet Tony Moore, den man vor allem durch den ersten Band von The Walking Dead kennt. Sein Stil passt hier wie die Faust aufs Auge. Er hat ein Händchen für übergroße Action, liebt es, seine Panels mit vielen Details zu füllen und steigert mit seinen karikaturistischen Gesichtern noch den humorigen Ton des Comics. 

Seite aus Wolverine/Deadpool 1Was taugt’s?
Im Fall von Wolverine lässt sich das nach den ersten 20 Seiten noch nicht recht sagen. Cornell liefert hier nur die Einleitung zur ersten von mehreren Geschichten, die aufeinander aufbauen und schließlich zu einem entscheidenen Einschnitt im Leben des Titelhelden führen sollen. Wo das genau hingeht, muss sich erst noch zeigen. Das erste Heft sorgt aber nicht unbedingt dafür, dass man unbedingt wissen will, wie es weitergeht.  

Deadpool ist in erster Linie ein großer Spaß, vollkommen albern und sehr überdreht. Das liest sich sehr gut weg, auch wenn nicht jede Pointe zündet und die deutsche Übersetzung mit manchem Gag zu kämpfen hat.

Eine Gemeinsamkeit haben die beiden Serien: Man kann sie lesen, aber man verpasst auch nicht viel, wenn man es lässt. Vom erzählerischen Ton her passen die beiden Reihen aber überhaupt nicht zusammen und man versteht nicht so recht, warum Panini diese beiden Comics zu einem Bündel schnürt. Zumal bei „Marvel NOW!“ auch noch eine zweite Wolverine-Serie gestartet wurde, die man hier statt Deadpool hätte verwenden können. 

Einsteiger-Faktor:
Beide Comics lassen sich ohne viel Vorwissen lesen, die kurzen Basisinfos, die Panini im redaktionellen Material untergebracht hat, reichen locker aus. Man setzt natürlich auf bekannte Helden, erzählt aber neue Geschichten ohne Ballast aus der Vergangenheit. Und beide Serien führen neue weibliche Nebenfiguren ein, die noch eine interessante Rolle spielen könnten.  

Bester Moment:
Ganz klar die Doppelseite, auf der ein riesiges Godzilla-Monster auf Zerstörungstour durch Manhattan ist, ehe Deadpool seinen ersten Auftritt hat: Er kommt, begleitet von allerlei blutigen Innereien, aus dem Bauch des Monsters zum Vorschein. Tony Moore zelebriert diese Szene mit sichtlicher Lust am Zerstören und am ironischen Splatter und gibt dem verdutzten Reptil einen unbezahlbaren Gesichtsausdruck. 


Wertung
5 von 10 Punkten

Zwei Serien, die nicht zusammen passen: Witzige Superhelden-Gaudi mit Deadpool und ein eher mäßiger Auftakt für Wolverine.

 

Wolverine/Deadpool 1
Panini Comics, Juli 2013 
Text: Paul Cornell / Gerry Duggan & Brian Posehn
Zeichnungen: Alan Davis / Tony Moore
Übersetzung: Jürgen Petz / Michael Strittmatter
Seiten, farbig, Heft 
Preis: 4,99 Euro
Leseprobe (PDF)

Abbildungen © Marvel, der dt. Ausgabe: Panini Comics

 

Woman on the River

Cover Woman on the River Jeder neue Band von Matthias Schultheiss ist ein kleiner Aufreger. Schließlich war er einer der ersten deutschen Zeichner, die richtig professionell agierten und auch international mit Serien wie Die Haie von Lagos und Die Wahrheit über Shelby für Aufsehen sorgte. Dafür sorgte nicht immer nur sein unverkennbarer Zeichenstil, sondern auch die durchaus kontroversen Inhalte. Wenn jetzt mit Woman on the River ein neues Werk erscheint, ist man natürlich mehr als neugierig.

Nicht zuletzt deshalb, weil er bis vor kurzem eine lange Schaffenspause eingelegt hatte und dann mit Die Reise mit Bill und dem dem viel diskutierten Daddy wieder mit Vehemenz auf der Bildfläche auftauchte. Schon der kurze Abstand zwischen diesen neuen Comics ist etwas überraschend. Dabei ist Schultheiss‘ neuester Band bei weitem nicht so kontrovers wie andere Werke von ihm. Man denke nur an die religiösen Provokationen in Daddy oder an Die Haie von Lagos, dessen Unterton nicht ganz frei von einem gewissen Rassismus war. Dies, im Verbund mit viel Sex und Gewalt, wusste durchaus anzuecken.

Die neue Graphic Novel Woman on the River ist eine klassische Genreerzählung, die sich ganz nah am Neo Noir entlang bewegt. Wie es häufig bei Genregeschichten ist, kann dann die Story um Schuld und Vergebung und Gewissen nur wenig überzeugen. Oder anders formuliert: Die Erzählung verlässt nicht den Rahmen des Genres und vermag deswegen nicht sonderlich zu überraschen oder gar etwas Innovatives zu liefern. Ein älterer Mann wird aus dem Gefängnis entlassen, in dem er wegen Mordes gesessen hatte. Er kehrt in seine alte Heimat zurück und bezieht eine Hütte am Rande des Bayous. Seine Nächte sind erfüllt von Flashbacks, schließlich war er ein professioneller Mörder, und nur die Freundschaft mit den Nachbarn führt zu Glücksmomenten. Als er sich eines Tages auf den ersten Blick in eine geheimnisvolle Frau verliebt, holt ihn seine Vergangenheit allerdings wieder ein.

Seite aus Woman on the River Wenngleich diese Story alles andere als innovativ ist, hat Schultheiss immerhin viel Atmosphäre geschaffen. Zudem gibt es viele schöne visuelle Einfälle, welche hervorragend eines der Grundthemen des Noir verdeutlichen: die Gefangenschaft in der Situation und die Unentrinnbarkeit vor dem Schicksal, welches das Verbrechen für einen bereit hält. Vor allem der Beginn kann den Leser überzeugen und bei der Stange halten: Die Mischung von Wassereffekten, einem Pistolenlauf und der Zeitlupenflugbahn einer Pistolenkugel ist sehr beeindruckend. Manche späteren Szenen sind dann zwar weitaus konventioneller ausgefallen, aber allzu viele Experimente hätten dem realistischen Duktus der Geschichte widersprochen.

Ansonsten hat Schultheiss seinen berühmten verwaschenen Stil mit den langgliedrigen Figuren nicht geändert. Nur die deutlich sichtbare Rasterung in den Bildern stört und man fragt sich, ob sie gewollt ist. Ist es eine Hommage an alte Pulphefte mit ihrem groben Papier, ist es Manierismus oder scheint die Schraffur des Zeichenpapiers durch? Gegen letzteres spricht die Unschärfe mancher Zeichnungen. Insgesamt ist Woman on the River ein eher braves Produkt, das die Fans zwar nicht enttäuschen wird, aber eher das Flair einer Fingerübung hat. Interessant, unterhaltsam, aber nichts, was sonderlich im Gedächtnis haften bleibt.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Gute graphische Ideen und die souveräne Erzählung können nicht verdecken, dass hier eine typische Genreerzählung vorliegt, die wenig Neues bietet

 

Woman on the River
Splitter Verlag, Juni 2013
Text und Zeichnungen: Matthias Schultheiss
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-618-9
Leseprobe

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Abbildungen: © Matthias Schultheiss/Splitter Verlag

Man of Steel

Gib mir einen Ständer, der hart genug ist, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben. So oder so ähnlich muss sich das Zack Snyder wohl gedacht haben, als er entschied, aus Man of Steel einen Katastrophenporno zu machen – statt Sex gibt’s halt einstürzende Häuser, warum auch nicht. Aber um wirklich in die Gedankenwelt des Regisseurs eintauchen zu können, müssen wir erst seine Herkunft verstehen.

Die komplette Rezension zu Man of Steel lest Ihr in Folge 9 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake und Marc-Oliver Frisch.

Asterix & Obelix – Im Auftrag Ihrer Majestät

Die Trickfilme dümpeln seit Operation Hinkelstein im Wachkoma vor sich hin und der Sinn der ersten drei Realfilme hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Nun macht man im vierten Realfilm immerhin eine Sache, die nicht ganz unvernünftig erscheint: Man bedient sich da, wo was zu holen ist. Nämlich bei Asterix bei den Briten, welches ein guter Comic und – viel entscheidender und ohne Diskussionsspielraum – der beste Asterix-Zeichentrickfilm überhaupt ist.

Die komplette Rezension zu Asterix & Obelix – Im Auftrag Ihrer Majestät lest Ihr in Folge 9 der Kolumne 2gegen1 von Björn Wederhake, Marc-Oliver Frisch und Janus M. Hirsch.

Avengers 1

Cover Avengers 1Im Juli beginnen bei Panini fünf neue Marvel-Heftserien mit Comics, die in den USA unter dem Motto „Marvel NOW!“ mit neuen Kreativteams neu gestartet wurden. Das Ziel: attraktive Einstiegspunkte für neue oder zurückkehrende Leser zu bieten und ein wenig frischen Wind ins Marvel-Universum zu bringen. Ob das gelungen ist, wollen wir uns in kurzen Rezensionen zu den fünf neuen Reihen ansehen. Heute: ein auf zwei Dutzend Mitglieder aufgeblähtes Rächer-Team gegen die ultimative Bedrohung aus dem All.

 

Worum geht’s?
Auf dem Mars haben sich drei eigenartige Wesen angesiedelt, sogenannte „Gärtner“, die aus den Tiefen des Weltalls kommen und überall perfektes Leben erschaffen und nicht-perfektes auslöschen wollen. Als nächstes haben sie die Erde im Visier, wo sie einen Evolutionsschub auslösen und den Planeten besser machen möchten. Dabei würden sie wohl die komplette Menschheit vernichten, und um das zu verhindern, brechen die Avengers zum Mars auf. Ein paar Monate vorher haben Captain America und Iron Man beschlossen, dass das Team der Rächer expandieren und wachsen muss. Sie stellten eine Grupe von zwei Dutzend Helden zusammen, die auf Abruf einsatzbereit sein sollten. Und jetzt ist es soweit, dass sie alle gebraucht werden. 

Wer schreibt?
Jonathan Hickman ist noch vergleichsweise neu im Comicgeschäft. Der gelernte Werbegrafiker veröffentlichte 2006 mit The Nightly News bei Image seine erste Comicserie, die er auch selbst gezeichnet hatte, seit 2009 (Secret Warriors) schreibt er regelmäßig für Marvel, wo er schon bald zu den sogenannten „Architects“ gehörte, einer kleinen Gruppe von Autoren, die die wichtigsten Serien schreiben und damit die zentralen Lenker des Marvel-Universums sind. Mit „Marvel NOW!“ hat er neben den Avengers auch die New Avengers übernommen, in der die Gruppe der „Illuminati“ im Mittelpunkt steht. Er ist auch der Autor des großen Marvel-Sommerevents 2013, der Miniserie Infinity, in der der galaktische Über-Bösewicht Thanos besiegt werden muss. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass diese drei Serien sich erzählerisch recht stark ineinander verschränken werden.    

Wer zeichnet?
Die ersten drei Ausgaben kommen von Jerome Opeña, einem philippinischen Künstler, der oft und gerne mit Autor Rick Remender zusammenarbeitet (u.a. an Uncanny X-Force), danach folgen andere Künstler wie Adam Kubert, Dustin Weaver und Mike Deodato. Der hohe Erscheinungsrhythmus (zwei Hefte pro Monat) macht diesen ständigen Wechsel notwendig. Was schade ist, denn Opeñas Zeichnungen stehen diesem Comic prächtig zu Gesicht. Er bringt die von Hickman beabsichtigte Wuchtigkeit, das große, laute Blockbuster-Feeling der Serie sehr gut aufs Papier. Das Epische und Übermenschliche der Superhelden kommt bei ihm sehr gut zum Ausdruck, ohne ins Lächerliche abzudriften. Und seine Actionszenen sind dynamisch, ohne verwirrend zu sein. Sehr oft gehen seine Panels über die ganze Breite einer Seite, ein Stilmittel, das seit den ersten Authority-Ausgaben in Mode kam und inzwischen ein wenig abgenutzt ist, weil es oft von Zeichnern verwendet wurde, die damit wenig anzufangen wussten. Doch Opeña versteht es, die „Widescreen“-Ästhetik sehr wirkungsvoll einzusetzen.   

Seite aus Avengers 1 Was taugt’s?
Diese Version der Avengers ist eine Art Richard-Wagner-Oper in Comicform: Die Welt ist nicht genug – kleine Begebenheiten reichen hier nicht mehr aus, Hickman will die ganz große, mächtige, kosmische Bedrohung und eine entsprechend massive Anzahl an Helden, die ihr entgegentreten. Wenn man sich mit diesem Größenwahn und dem ziemlich pompösen Erzählton, der damit einhergeht, anfreunden kann, macht Avengers ziemlich viel Spaß. Die neuen Antagonisten, die „Gärtner“ auf dem Mars, sind interessante Figuren, die mehr sind als pure Bösewichte. Und auch mit den vielen neuen Mitgliedern im Team der Avengers lässt sich einiges anfangen. Hickman erzählt seine Geschichte nicht-linear, mit mehreren Zeitsprüngen und Rückblenden, was anfangs ein wenig anstregend wirkt, aber bewirkt, dass man als Leser nicht einfach berieseln lässt. Der Beginn dieses Storybogens ist jedenfalls sehr vielversprechend – wenn da nicht die leise Ahnung wäre, dass sich diese Geschichte unweigerlich in Crossovers mit anderen Serien verschränken wird und es wahrscheinlich nicht reichen wird, einfach nur diese Serie zu lesen. 

Einsteiger-Faktor:
Ziemlich gut! Hickman startet mit dem Kernteam der Avengers, das jeder aus dem letztjährigen Filmerfolg kennt und lässt uns dann dabei zusehen, wie Captain America und Iron Man ein neues, vielköpfiges Heldenteam aufbauen. Dabei fallen viele, viele Namen, mit denen man als Neuleser wenig anfangen kann, doch wenn es Hickman schafft, sich nicht in der großen Mannschaft dieser Avengers zu verzetteln, wird man sie nach und nach kennenlernen. 

Bester Moment:
Die ersten Seiten, auf denen es unter dem Titel „Was bisher geschah“ keine Zusammenfassung vergangener Geschichten gibt, sondern gleich zu Beginn das ganz große Fass aufgemacht wird: „Zuerst war nichts. Gefolgt von allem.“ Damit ist von Anfang an klar, dass hier keine kleinen Brötchen gebacken werden. 

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Starker Auftakt zu einer richtig großen, pompösen Superhelden-Oper

 

Avengers 1 
Panini Comics, Juli 2013 
Text: Jonatahan Hickman
Zeichnungen: Jerome Opeña
Übersetzung: Michael Strittmatter 
52 Seiten, farbig, Heft 
Preis: 4,99 Euro
Leseprobe (PDF)

Abbildungen © Marvel, der dt. Ausgabe: Panini Comics

 

2gegen1, Episode IX: Das ‚S‘ steht für Zack

Aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen: Seit einigen Wochen kommt es vor, dass Comic-Adaptionen auch im Kino zu sehen sind, oft sogar für Geld. Die Comicgate-Redakteure Wederhake und Frisch wollen diese neue Entwicklung nicht länger unkommentiert lassen. Heute gesehen: Man of Steel von Zack Snyder und Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät von Laurent Tirard.

Man of Steel

FRISCH: Gib mir einen Ständer, der hart genug ist, Wederhake, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben. So oder so ähnlich muss sich das Zack Snyder wohl gedacht haben, als er entschied, aus Man of Steel einen Katastrophenporno zu machen – statt Sex gibt’s halt einstürzende Häuser, warum auch nicht. Aber um wirklich in die Gedankenwelt des Regisseurs eintauchen zu können, müssen wir erst seine Herkunft verstehen.

Zack Snyder kam im Alter von zwölf Jahren auf dem Planeten Ytong zur Welt, der kurz davor war, zu zerbersten. Sein Vater Zack-Zack und seine Mutter Zicke-Zack, beide renommierte Wissenschaftler auf dem Gebiet der kalten Fission, hatten immer wieder vorm Zerbersten Ytongs gewarnt, doch die Ytongianer, ein starres und teilnahmsloses Volk, maßen den Kassandrarufen der Zacks nie die gebotene Bedeutung bei. Und so kam es, dass, als Snyder gerade zwölf war, Zack-Zack und Zicke-Zack ihn in ein Raumschiff setzten, welches ihn auf einen weniger starren und teilnahmslosen Planeten bringen sollte. Ytong zerbarst, und Snyder, der staubigen Katastrophe nur knapp entronnen, blieb der einzige Überlebende seiner Art.

Nach einem langen Flug durchs All, auf dem der zwölfjährige Exil-Ytongianer seine Leidenschaft für kalte Leere entdeckte, krachte seine Düsenkrippe in eine kleine Höhle in Ostsibirien. Es war das Zuhause der Schneiders, einer Familie grauer Wölfe preußischer Herkunft (Canis lupus borussia), die sich dort mit ihren fünf Welpen Tirck, Trirck und Trarck niedergelassen hatte. Der Vater, Romulus Schneider, war Zimmermann, seine Frau Renate hatte derweil alle Hände voll mit dem Haushalt zu tun. Es war ein bescheidenes Heim, doch die Schneiders nahmen den Zwölfjährigen auf und kümmerten sich so fürsorglich um ihn, als wäre er ihr eigenes Fleisch und Blut, denn um ihn fressen zu können, war er viel zu spröde. Und weil der Findling von den Sternen ein großes „S“ auf seiner Brust trug, nannten sie ihn – Streich des Schicksals – Zack. So wurde der gestrandete Außerirdische mit den Gepflogenheiten unserer Welt vertraut – aufgezogen von Wölfen, in einer Höhle in Ostsibirien, in der ein kaputtes Raumschiff ohne Lenkrad steckte.

An seinem zwölften Geburtstag fraß Zack aus Langeweile seine fünf Geschwister Tirck, Trirck und Trarck. Sie wollten ihm nicht recht bekommen und er spie ganz fürchterlich an jenem Abend, doch das liebliche Rot ihres warmen Blutes begeisterte ihn auf Anhieb. Als seine Zieheltern aus dem Theater nach Hause kamen – sie hatten sich Peter und der Wolf angesehen – und sich ob der Geschehnisse in ihrer Abwesenheit sehr grämten, fraß Zack auch sie, denn es gefiel ihm nicht, dass sich jemand grämte, wo die Welt doch so voller schöner Farben war. (Jene Ereignisse waren es auch, die später Thomas Hobbes zu seinem gerne zitierten Sinnspruch inspirierten: „Ein Mensch ist der Wolf dem Wolfen, nicht ein Wolf, auch wenn man sich kennt.“)

Nunmehr zwölf Jahre alt, fühlte sich der an bitterer Wolfsmilch gesäugte Troglodyt vom zerborstenen Planeten Ytong endlich bereit, in die Welt der Menschen hinauszugehen. Aus Zack Schneider wurde Zack Snyder, er zog nach Manhattan und ging in die Werbung. Dort feierte er einige Zeit große Erfolge, bis er im Alter von zwölf Jahren die Filme Leni Riefenstahls entdeckte. Der Regisseur Michael Bay – die beiden waren sich auf einer Fortbildung zum Thema kinematischer Brutalismus begegnet – hatte ihm frenetisch von der Berliner Ästhetin vorgeschwärmt, und sofort war auch Zack von den strammen Buben und Madeln aufs Fanatischste ergriffen. Er hatte seine Bestimmung gefunden. Zack ging nach Hollywood und fing an, Filme zu drehen – zutiefst humanistische Werke wie Dawn of the Dead, 300 oder Watchmen, die allesamt von seiner bewegenden Lebensgeschichte künden.

So auch Man of Steel, jenes semi-autobiographische Heldenepos, mit dem der zwölfjährige Ytongianer aus der ostsibirischen Wolfshöhle derzeit die Kinos bespielt. Es ist kein Zufall, dass Clark Kents Mutter zu Beginn des Films sagt: „Wenn dir die Welt zu groß ist, Clark, dann mach sie dir kleiner.“

Die Welt kleiner machen – das kann Zack Snyder, im konkreten wie im übertragenen Sinn. Auch bei Man of Steel entpuppt sich die Zerkleinerung der Welt als durchdringendes Leitmotiv – vor allem, was die philosophischen Fragen angeht, die Snyder seinem Publikum angedeihen lässt.

Was etwa ist Heldentum wert, wenn da neben den Schutt- und Leichenbergen kein verstümmelter, verwaister oder wenigstens bleibend traumatisierter Überlebender steht, der es beklatschen kann? Eine verdrießliche Vorstellung. Superman weiß, dass es eine Verschwendung seiner Großartigkeit wäre, den bösen General Zork ausgerechnet in einem leeren Kornfeld zu verprügeln. Was sind schon ein paar Dutzend namenlose Opfer, wenn man sich durch die Verlegung des Zwists in eine Kleinstadt den Respekt tapferer US-Soldaten verdienen kann? Ein rührender Augenblick, der auch in den nachfolgenden zwölf Stunden des Films immer wieder aufgegriffen wird.

Man muss das große Ganze eben erst sehen, um es zerkleinern zu können. Und Menschenleben zu retten, so lernen wir, ist kein Selbstzweck: Es ist nachgewiesene, von allen beobachtete Heldenhaftigkeit inmitten des Desasters, auf die es ankommt – und auf den richtigen Soundtrack dazu, am besten irgendeine schmierige Schwanzrock-Nummer der Marke Linkin Park oder Nickelback. Und den wahren Helden erkennt man auch daran, dass er die schwierige Entscheidung treffen kann, Wenige zum Wohl der Vielen über die Klinge springen zu lassen, ohne darüber seine gute Laune zu vergessen. Und zwar immer und immer wieder. Ein paar Tausend Leichen sind halb so wild – entscheidend ist, dass man Heldentum demonstrieren kann, indem man General Zompf siebzehnmal quer durch diverse Wolkenkratzerblocks schmeißt.

Snyder bleibt seinem Motto über die Länge des Filmes treu. Er macht nicht nur die Welt kleiner, sondern auch Superman. Das sieht man schon relativ früh, wenn Clark Kent in ein verbales Scharmützel mit einem übergriffigen Trucker gerät. Clarks Selbstwertgefühl wird von diesem bösen Unterdrücker so nachhaltig lädiert, dass der Held sich heimlich revanchiert: Süffisant demoliert er mit seinen Zauberkräften den LKW des Übeltäters und baut daraus eine lustige Skulptur.

HA! HA! HA! ICH NEHME DIR DIE LEBENSGRUNDLAGE, INDEM ICH DEINEN LASTER KAPUTTMACHE, DEN DU NOCH DIE NÄCHSTEN ZWANZIG JAHRE ABSTOTTERN WIRST! HA! HA! HA! DAS WIRD DICH LEHREN, PROLET, MICH MIT BIER ZU ÜBERGIESSEN! HA! HA! HA! scheint er sagen zu wollen. Diese sympathische Anwandlung hundsföttischer Niedertracht (vermutlich von J. Michael Straczynski inspiriert) ist natürlich ein Augenzwinkern Snyders an sein Publikum: Sieh her, der Übermensch vom Ytong, er ist innerlich auch nur so eine arme Wurst wie du, also sei heiter und lach, wie du es bei Bauer sucht Frau auch so gerne tust.

Wer wünscht sich nicht solche Helden?

Kevin Costner, in seiner Rolle als Clarks Vater Jonathan, resümiert: Es gibt Dinge, die größer und wichtiger sind als die Menschen und ihre Welt.

Zum Beispiel Helden. Zum Beispiel Filme. Zum Beispiel Warner, ein mittelarmer Großkonzern, der in Gestalt von DC Comics seit Jahrzehnten wacker die Rechte seiner Figur hütet und sich dabei bis heute der Abzockversuche zweier dreister Kerle erwehren muss, denen man bereits 1938 die Rechte an ihrem Superman vollkommen legal für eine knapp dreistellige Summe abgekauft hatte.

Man stelle sich nur vor, Jerry Siegel und Joe Shuster hätten sich noch zu Lebzeiten vor Gericht durchsetzen können – der Menschheit wäre womöglich ein Film wie Man of Steel vorenthalten geblieben, der den kulturellen Vorrang affengeiler bunter Helden und ihres wichtigen, weil für uns alle inspirierenden Tuns – also Laster verbiegen, Bösewichter durch Hochhäuser schmeißen, etc. – vor langweiligen Einzelmenschen noch einmal dick unterstreicht.

Nicht auszudenken.

Doch es gibt nicht nur Positives zu berichten. Trotz all der Stärken, die Man of Steel aus seinem unerschütterlichen moralischen Kern zieht, muss man leider auch Abstriche machen. Schon früh zeigt sich, dass auch in Hollywood nur mit Wasser gekocht wird. Der gemeine Pöbel im Kino muss sich etwa die plotbedingte Dummheit der Kryptonianer schönsaufen, die ihre schlimmsten Verbrecher derart unterbringen, dass die nach der absehbaren und kurz darauf eintretenden Apokalypse nicht nur die einzigen Überlebenden ihres Volkes sind, sondern bei der Zerstörung des Planeten gleich noch automatisch befreit werden. So dämlich waren nicht einmal die Dodos.

Die Spezialeffekte sind ausnahmslos so abgelutscht, dass man sich während der geschätzten sechs bis sieben Stunden des Films, die davon getragen werden müssen, ab und an ertappt, gedanklich schon einmal die Wäsche für den nächsten Morgen herauszulegen. Wenn Superman seine ersten großen Sprünge macht und dabei begeistert jauchzt, meint man, eingeschlafen und in Sam Raimis Spider-Man gelandet zu sein – aber nur kurz, dann geht der zähe Albtraum weiter. Die Raumschiffe haben ihre Waffen samt Angriffsstrategie bei Independence Day geklaut, die Nahkampfszenen der Kryptonianer sind ein Aufguss der Matrix-Trilogie, bei der Zerstörung von Metropolis lassen The Avengers, Transformers und Spielbergs War of the Worlds grüßen, und und und.

Die schlecht inszenierten und plump eingesetzten Expositions-Szenen sondern mehr wirren Techsprech ab als eine Folge von Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert. Da raunen sogar die Teenie-Pomeranzen auf der hintersten Bank, weil sie die Arbeitsverweigerung von Regie und Drehbuchschreiber augenblicklich durchschauen. Danach machen sie sich aber wieder vergnügt quiekend über den Film lustig, einen bleibenden Schaden hinterlassen Snyder und Goyer also wohl zumindest bei ihnen nicht. Ich hingegen frage mich in diesen Phasen des Films, wie viel angenehmer es jetzt wäre, mir ein Loch ins Knie zu bohren und Schmelzkäse hineinzufüllen.

Auch sonst ist man bemüht, möglichst viel Spielzeit mit lustlos verhackstückten Hollywood-Standards abzudecken. Es ist, als wären Jahrtausende menschlicher Erzählkunst mit einem Mal ausradiert. Aber man darf vielleicht auch nicht so streng sein. Zeugt es nicht von Sportsgeist, mit dem Staatshaushalt von Togo als Budget einen Film zu produzieren, der ohne eine auch nur ansatzweise neue oder interessant umgesetzte Idee auskommt?

So manche müßige Minute habe ich im Kinosessel mit zum Scheitern verurteilten Erwägungen zugebracht, wie etwa: Wenn Superman sich mit verkrampftem Mienenspiel vom Boden abstoßen muss, um fliegen zu können, wie kommen dann die darauffolgenden Schübe zustande, mittels derer ihn die CGI-Abteilung immer wieder beschleunigt? Frisst der Stählerne vor jedem Flug eine Dose Baked Beans mit Pork, um für die nächste Zündstufe entsprechend gewappnet zu sein? Oder wie bitteschön soll ich mir das vorstellen, Herr Schneider?

Jedenfalls muss die Welt bis auf Weiteres in ihren Angeln bleiben, denn archimedische Ständer gibt’s hier nirgendwo, schon gar nicht aus Stahl. Man of Steel ist kein Kinobesuch, sondern Katastrophentourismus – wobei selbst anspruchslose Gaffer noch enttäuscht sein werden. Den Stoff hat Kyle Baker in seinem grandiosen Browserspiel konsequenter und mitreißender umgesetzt, und einstürzende Häuser haben schon bei Save New York mehr Spaß gemacht als hier.

Snyder bleibt ein Luftikus, was das Handwerkliche betrifft – und ein zwölfjähriger Höhlenmensch vom Planeten Ytong, was alles andere betrifft, das einen guten Film ausmacht.

Oder wie ist’s um deinen Ständer bestellt, Wederhake?

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* * *

WEDERHAKE: Frisch, sag doch bitte nicht dauernd das S-Wort.

Also, jetzt nicht Ständer, sondern das andere. Du weißt schon. Warum nicht? Weil es lächerlich ist! Darum! Du hast in deiner Rezension fünf Mal das Wort „Superman“ verwendet, also doppelt so oft, wie das Wort in Man of Steel fällt, dem neuen Meisterwerk von Helge Schneider und Fracisco Goya. Was? Achso, Zack Snyder und David S. Goyer natürlich. Unter tatkräftiger Mithilfe von Christopher Nolan, der irgendwann auch mal seine Kaffeetasse auf dem Skript abgestellt hat.

Das ist natürlich ein Line-Up, das schon im Vorfeld die Spannung auf diesen Film ins Unermessliche wachsen ließ. Immerhin sind das hier zu zwei Dritteln die kreativen Genies, die es 2012 geschafft haben, uns einen Batman-Film zu geben, in dem Batman nicht auftaucht. (Wobei, vielleicht ja doch. Ich habe nämlich in den sieben Stunden, die The Dark Knight Rises dauerte, zwischendrin mal geblinzelt.) Was für ein Genius hinter diesem Konzept steckt. Einen Superman-Film ganz ohne Superman, soviel sei vorweg genommen (Spoiler!), haben die Herren in Man of Steel nicht geschafft.

Aber man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie es nicht versucht hätten.

Wie schon erwähnt: Der Name „Superman“ wird einmal übertönt und an einer einzigen anderen Stelle verwendet, wo man aber auch pflichtschuldig beim Publikum dafür Abbitte leistet, dass man den Namen jetzt doch benutzt hat. Der ist nämlich nicht auf dem Mist von Snyder, Goyer und Nolan gewachsen, der ist im Quellenmaterial so drin. Die können nichts dafür, dass ihre fliegende, Leute mit der Kraft einer explodierenden Atombombe vermöbelnde, pubertäre Allmachtsphantasie so einen blöden Namen hat. Wenigstens ermöglicht es die moderne Kinokunst, in der Farben nie kräftig sein dürfen, dass Supermans komplett in Primärfarben gehaltener Anzug (jetzt auch aus diesem Spider-Man-Material) nicht zu primärfarbig rüberkommt. Außer du gehst in die 3D-Version, da dürfte die Rot-Blau-Brille das wieder kompensieren.

Das Superman-Franchise hat natürlich das Gesamtkonzept auch schwer beschädigt. Der erste Superman-Film ließ uns glauben, dass ein Mann fliegen kann. Nämlich Regisseur Richard Donner vom Set von Superman II, als er sich mit den Produzenten verkrachte. Immerhin hat uns Superman II den guten General Zod schon einmal auf die Leinwand gebracht, in weiser Voraussicht, dass Snyder dreißig Jahre später auch einen Gegner für seinen Stahlemann brauchen würde. In Superman III erforschten dann Superman und Richard Pryor die Gefahren von Drogen und in Superman IV musste der Kryptonier den größten Boxkampf seines Lebens gegen den blonden, sowjetischen Supermann Ivan Drago bestehen, der kurz zuvor schon Supermans Kumpel Apollo Creed totgeschlagen hatte. Und dann kam Mitte der 2000er noch ein Superman-Film raus, an den sich aber keiner mehr erinnert und den ich auch nie gesehen habe.

Ehrlich, Frisch, mit so ’nem Mühlstein um den Hals, ist es da ein Wunder, dass Wesley Sneijder eigentlich gar keinen Bock auf dieses Franchise zu haben scheint, das ihm wohl Warner Brothers aufgezwungen hat, weil seine ursprüngliche Idee, einfach nur drei Stunden lang zu zeigen, wie Hochhäuser einstürzen und Flugzeuge explodieren, dem Studio nicht „Mainstream“ genug erschien? So als kunstfertiger Auteur hast du halt wenig Spielraum in Hollywood.

Immerhin konnte Zack Snyder die ersten dreißig Minuten des Filmes nutzen, um alten CGI-Müll loszuwerden, den er von Sucker Punch noch im Besenkabinett gelagert hatte. Und weil man schon Academy-Award™-Gewinner Russel Crowe als Jor-El gewinnen konnte, ist der ganze Teil, der auf Krypton spielt, natürlich total spiffig actionreich und so. Jor-El kloppt sich in der kryptonischen Ratskammer vor kryptonischen Politikern mit doofen Hüten, Jor-El reitet auf einem Drachenviech durch ’ne Luftschlacht mit den Reapers aus Mass Effect, Jor-El schwimmt sich durch diese Fötuslandschaft aus The Matrix, Jor-El kloppt sich auf ’ner Landeplattform, Jor-El kloppt sich in seinem Wohnzimmer. Gefallen hat mir da aber die Szene, in der Snyder uns als Publikum provoziert und unsere Lust an Zerstörung und Tod kritisch hinterfragt. Da haut Jor-El einem seiner Gegner die Rübe ab und hält sie dann in die Kamera und schreit, in 3D vermutlich besonders immersiv, das Publikum an, ob es nicht unterhalten sei und ob das hier nicht sei, warum man ins Kino ging. So bricht man die vierte Wand!

Ach, papperlapapp. Dieser Krypton-Teil ist auf jeden Fall irre wichtig, weil wir hier lernen, wer der Böse ist (Khan!), was seine Motivation ist (irgendwas mit ’nem Kodex, was ich zu dem Zeitpunkt nicht richtig verstanden habe) und warum eine Revolution scheinbar nicht klappt, wenn du nur so um die fünf Leute hast, die dich dabei unterstützen. Nachdem Jor-El dann seinen Sohn Karl mit einem besonders spermatozoisch aussehenden Raumschiff auf die Erde geschickt hat, beginnt die eigentliche Origin: Der Weg Clark Kents vom Außenseiterkind zum Mann ohne Namen, die wir – in einem gewagten Schachzug, den sich nur Großmeister des Kinos zutrauen – in Echtzeit miterleben. Denn immerhin ist Karl L. jetzt gefangen in einer Welt, die er niemals machte und die er beschützt, obwohl sie ihn hasst und fürchtet, wie ihm sein Adoptivvater beibringt.

Diese Origin ist wichtig, weil das hier für manche Leute vielleicht der erste Superman-Film ist und die seine Motivation verstehen müssen. Und weil es einfach nicht möglich ist, die in kürzerer Form zu erzählen. Weißt du, Frisch, manchmal wünschte ich mir, dass es doch möglich wäre, so kulturell etablierte Hintergrundgeschichten in kompakter Form zu erzählen. Quasi nur die Eckdaten: Doomed planet. Desperate scientists. Last hope. Kindly couple. Ich weiß aber auch, dass so etwas einfach erzählerisch nicht gestemmt werden kann und niemals funktionieren würde. Darum brauchte Smallville ja auch 11 Jahre dafür. Insofern: Hurrah für noch ein paar Stunden Origin.

Die Origin deckt all die bekannten Elemente ab, die Superman zu Superman machen: Superman lässt einen Dieb laufen, der dann kurz darauf bei den Kents einbricht und seinen Adoptivvater Jonathan erschießt. Clark versteht daraufhin, dass mit großer Macht auch große Verantwortung einhergeht, lässt sich einen Bart wachsen und wird Küstenfischer. Dann findet er ein altes kryptonisches Forschungsschiff, bekommt seinen Anzug (weil, äh, ist halt so), rasiert sich den Bart wieder ab und fliegt auf eine Weltreise. All das erzählt im Tempo und mit der Dramatik eines Gletschers, der sich auf eine Stadt zubewegt.

Die sympathischen jungen Herren neben mir im Kino, die offensichtlich die 4D-Vorstellung gebucht hatten und mit Superman direkt kommunizieren konnten („Hau ihm doch in die Fresse! Warum haust du ihm nicht in die Fresse? Ich hätte ihm in die Fresse gehauen!“), überzeugte das übrigens nicht: „Geeeee-nau! Der kann fliegen! Ist klar, so was geht!“ Hier wäre also für den zweiten Teil etwas mehr wissenschaftliche Aufarbeitung des Phänomens wünschenswert.

An dieser Stelle ist Man of Steel übrigens gefühlt etwas länger als Andy Warhols Empire. Aber ab jetzt geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, Schlag auf Schlag. Zod taucht wieder auf und wir beginnen mit einer Stunde Endkampf. Weil, zu zeigen wie Superman als Superman supermannige Dinge tut? Das wäre ja vielleicht erbaulich und erbaulich ist nicht Zack Snyders und David S. Goyers Duftmarke. Eher scheint beide ein großer Groll gegen alles Erbaute zu einigen. Aber ich greife vor.

Bevor es nämlich zum Schlagabtausch kommt, muss Superman sich erst einmal den Kryptoniern ausliefern, um die Welt zu retten. Der Karl ist nämlich Weltraumjesus. Das macht Zack Snyder aber leider nicht ganz so deutlich, wie er könnte. Denn während der 33 Jahre alte Superman in einer Kirche davon spricht, dass er gewillt ist, sein Leben zu geben, um die Menschheit zu retten, ist der Jesus auf dem Buntglasfenster im Hintergrund etwas unscharf. Hier hätte der Film vielleicht davon profitiert, wäre er in HFR gedreht worden. Oder vielleicht hätten alle Figuren Superman direkt als Jesus ansprechen können, da sie ihn ja eh nicht als Superman ansprechen.

Naja, auf jeden Fall kommt jetzt Butter bei die Fische und man präsentiert uns das, worauf Snyder in den ersten vier Tagen des Films hingearbeitet hat: Nachdem Superman in Jesuspose aus dem Raumschiff der Kryptonier fällt und kurz vorher noch erfahren hat, dass er „alle retten“ kann, folgt eine Stunde, in der Superman von vermutlich hunderttausenden verstorbenen Amerikanern so ziemlich keinen rettet, außer Lois Lane, einem Piloten und einer Kleinfamilie.

Superman prügelt sich nämlich mit einem Haufen Kryptonier, die die Erde in ein neues Krypton verwandeln wollen. Das wollen die, so erklärt uns General Zod donnernd, weil zwar die Superkräfte von Kryptoniern auf der Erde total töfte sind, aber man nicht wie Clark jahrelang leiden will, um zu lernen, wie man diese Kräfte meistert. Oder auch nur fünfzehn Minuten, denn viel länger braucht General Zod eigentlich nicht, um zu fliegen, balgen und hitzeblicken wie ein Profi. Aber, hey, fünfzehn Minuten können sich verflixt laaaaaaang anfühlen, wie dir jeder bestätigen kann, der sich diesen Film angeschaut hat. Immerhin hatte ich die Gelegenheit, ausgiebig darüber zu sinnieren, ob Dr. Hamilton eigentlich Toby Ziegler ist. (Spoiler: Ist er.)

Nachdem dann die Kleinstadt Product Placement, USA völlig zerlegt wurde (man prügelt sich vor dem 7-Eleven, man prügelt sich vor dem Sears, man haut sich Chryslers um die Ohren), geht es weiter mit ausschweifenden Bildern von der Zerstörung Metropolis‘. The Man of Steel, the Man of Power, is losing control by the hour. Dabei hat Snyder besonders viel Spaß daran, moderne Ikonographie zu verwenden. Wir bekommen hier Bilder kredenzt, die direkt aus dem Collateral-Murder-Video stammen könnten und die Zerstörung von Metropolis erweckt diesen wohligen Schauer, den du nur hinbekommst, wenn du dich ausgiebigst der seit 9/11 in unserem kollektiven Unterbewussten verankerten Bilder bedienst. Und ist es nicht genau das, was du von einem Superman-Film erwartest? Denn immerhin: Das S steht für Hoffnung.

Gut, Superman kann zu der Zeit auch nicht in Metropolis sein, weil man die Metropolis zerstörende Maschine mit einer Superbombe vernichten muss und da Kryptonier drin arbeiten. An deren Tötung kann Superman halt nicht beteiligt sein, darum schickt Snyder ihn erstmal auf die andere Seite der Welt. Er taucht dann aber immerhin rechtzeitig in Metropolis auf, um Lois Lane zu retten, die sich – mangels erkennbarer Charakterisierung – ohne Grund in Superman verliebt hat und die beiden teilen einen total romantischen Kuss mit lustigem Süßholzgeraspel mitten in dem Trümmerfeld, das vor einer Stunde noch Metropolis war, und wo vermutlich gerade zehntausende Tote, Sterbende und Schwerverletzte unter den Trümmern begraben liegen. Da wollte ich der Leinwand zurufen: „Hallo, ihr beiden Turteltauben? Hier sind vielleicht Menschen gestorben?“ Aber dann wurde mir klar, dass das Menschen sind, die wir im Film nie namentlich kennengelernt haben und die damit egal sind. Insofern: Hach schee, vielleicht die romantischste Superheldenszene seit dem Kuss zwischen Peter Parker und Mary Jane Watson im ersten Spider-Man.

Nur Zod, der läuft da halt immer noch rum und muss noch aus dem Weg geräumt werden. In einem klugen Schachzug verlagert Superman den Kampf mit Zod dann in den Teil von Metropolis, der noch nicht zerstört wurde, weil man da beim abschließenden blutleeren Gebalge noch mehr vollbesetzte Hochhäuser zum Einsturz bringen kann. Selbst nachdem Superman und Zod sich zwischendrin im Orbit prügeln, finden sie zielsicher in den noch bevölkerten Teil von Metropolis zurück, wo Superman dann Zods Genick bricht. Das führt dazu, dass Superman kurz Darth Vader am Ende von Episode III imitiert und dann in der nächsten Szene schon wieder lustige Witze darüber gemacht werden, wie unglaublich amerikanisch und heiß der Stählerne doch ist.

Man könnte fragen: What’s so funny about truth, justice and the American Way? Aber viel pointierter als es Snyder und Goyer hier gemacht haben, kann man Kritik an den Folgen amerikanisch-interventionistischer Außenpolitik und dem Desinteresse der westlichen Weltbevölkerung an diesem Komplex ja gar nicht darstellen. Chapeau. Ein Meisterstück, das die vollen sieben Stunden, in denen man darauf hingearbeitet hat, total wert war. Diese bittere Satire, ja ich möchte sie fast schon strangelove’sch nennen, ist der Unterschied zwischen dumpfen „Wir hassen Hochhäuser“-Zerstörungsorgien wie Star Trek: Into the Wrath of Khan und Transformers und filmischem Genius, wie es uns Snyder hier vorsetzt.

Whatever happened to the Man of Tomorrow, Frisch? Er hat uns gezeigt, das Superheldenfilme nicht mehr nur für Kinder sind!

Zack! Bumm! Peng!

wertung3

Man of Steel
von Zack Snyder (Regie), David Goyer (Drehbuch), Amir Mokri (Kamera), Hans Zimmer (Musik) u.a.
mit Henry Cavill, Amy Adams, Michael Shannon u.a.
Warner Bros. Pictures, 2013, etwa 143 Minuten, etwa 225 Millionen US-Dollar


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Asterix und Obelix im Auftrag ihrer Majestät

WEDERHAKE: Asterix, mein lieber Gelidus, Asterix. Ach, Ach. Asterix. Mir geht es ja, wie vielen von uns alten Lateinern: Asterix erinnert mich inzwischen an eine schöne Beziehung, die irgendwann endete und bei der man dann zunehmend merkt, dass die Partnerin seitdem so seltsam geworden ist, dass man froh sein muss, dass die Beziehung nicht mehr besteht. Weil die Ex jetzt Katzen laminiert, diese Plastikclips von Toastbrotverpackungen sammelt und ihren Freunden Links zu Martenstein-Kolumnen in der Zeit zuschickt. Während ja allgemein bekannt war, dass die Asterix-Bände seit Asterix bei den Belgiern nur noch ein Schatten ihrer selbst sind, hat Albert Uderzo mit Gallien in Gefahr die Marke Asterix ja so unangespitzt in den Boden gerammt, dass man schon fast von einem Gnadentod reden kann, der endlich die Frage beantwortete, wo eigentlich dieses Alesia ist, das niemand kennt.

Und auch in den anderen Bereichen sieht es seit inzwischen fast dreißig Jahren zappenduster aus. Die Trickfilme dümpeln seit Operation Hinkelstein im Wachkoma vor sich hin und der Sinn der ersten drei Realfilme hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Nun macht man im vierten Realfilm immerhin eine Sache, die nicht ganz unvernünftig erscheint: Man bedient sich da, wo was zu holen ist. Nämlich bei Asterix bei den Briten, welches ein guter Comic und – viel entscheidender und ohne Diskussionsspielraum – der beste Asterix-Zeichentrickfilm überhaupt ist.

Nur führt das natürlich auch dazu, dass böswillige Zeitgenossen, zu denen ich dich jetzt mal zähle, Frisch, auf einmal anfangen, Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät mit Asterix bei den Briten zu vergleichen. Und wie ein Broadway-Musical mal titulierte: Deine Arme sind zu kurz, um mit Gott zu boxen. So ein Vergleich ist ohnehin schon unglücklich, aber Im Auftrag ihrer Majestät forciert ihn noch zusätzlich, indem bestimmte Szenen – etwa die Weinverkostung im Tower – Einstellung für Einstellung aus dem alten Trickfilm übernommen werden. Und warum sollte ich im Realfilm etwas in mäßig sehen wollen, das ich aus dem Trickfilm längst in gut kenne?

Besonders, da der Film immer dann, wenn er versucht, eine eigene Note zu entwickeln, stottert und den eigenen Motor abwürgt. Das geht schon damit los, dass er nicht nur Asterix bei den Briten adaptiert, sondern auch noch Material aus Asterix und die Normannen hinzupackt. Unter anderem bedeutet das, dass man den ganzen Film hindurch Majestix‘ Neffen Grautvornix mitschleppt, der jetzt ein slackeriger Emomusiker statt Beatmusiker ist, und dafür Idefix daheim lässt. Sowas haben wir beim Bund, bei dem ich nie war, als sich in den eigenen Fuß schießen bezeichnet. Zumal die Normannen selbst auch nur mit der lockersten narrativen Schnur an den Hauptplot gebunden wurden (da bedient man sich ein wenig bei Asterix bei den Schweizern) und eigentlich an keiner Stelle wirklich wie ein organischer Teil des Ganzen wirken. Aber ohne diesen Einschub hätte der Film nicht an den zwei Stunden gekratzt, an denen heute ja jeder Film kratzen muss, egal wie sehr man sich wünscht, er wäre nach 80 oder weniger Minuten vorbei.

Ohnehin hat es der Film nicht mit Organik und fühlt sich eher wie eine große Nummernrevue mit ganz kleinen Nummern an, für die alle alten Briten-Klischees nochmal ausgepackt werden, weil die heutige Generation ja Hilfe, die Amis kommen vermutlich nicht mehr kennt. Die Briten wahren immer die Contenance, selbst wenn sie attackiert werden, die Briten und die Franzosen mögen sich nicht sonderlich, die Tea Time ist ihnen wichtig und ihre Hauptstadt sah schon 50 v. Chr. aus wie in den schwingenden 1960ern. Mit pferdegezogenen Doppeldeckerbussen. Das war im Feuerstein-Film in den 1990ern deutlich amüsanter, weil da wenigsten die Dinosauriereffekte überzeugten. Und andere aus dem Trickfilm bekannte Szenen, das Rugbyspiel, der Wagendieb, kommen vor um vorzukommen, werden dann aber genau so stiefmütterlich abgehandelt wie die Normannen.

Wenn man überlegt, wie gut Asterix bei den Briten war, dann sind auch die übrigen Neuerungen so, als wenn jemand entscheidet, dass er seinen Ferrari 275 locker aufwerten kann, indem er Haifischflossen, ’nen Heckspoiler und ’nen Fuchsschwanz dranmontiert und dann noch ’nen flammenden Totenschädel auf die Kühlerhaube malt. Das Leitmotiv, dass Asterix und Obelix sich verkrachen, wird hier zum Streit eines alten Ehepaars, Asterix – der völlig eigenschaftslos und dröge von Édouard Baer verkörpert wird – durchlebt eine Midlife Crisis, Teefax und Grautvornix geraten in eine Dreiecksbeziehung und man brennt, auch außerhalb des Titels, total zeitgemäße Anspielungen auf andere Filme der letzten paar, ähm, Jahrzehnte ab, wie etwa Das Imperium schlägt zurück, Uhrwerk Orange oder Kill Bill. All das ist so unnötig wie ungelenk in den Film eingearbeitet, dass im Vergleich deine bewährte Käse-ins-Bein-Tiefenbohrung als subtil und angenehm gelten darf, Frisch. Hatte ich eigentlich die rassistische Karikatur von einem Klischee-Inder erwähnt, die im Film vorkommt? Im Film kommt nämlich auch eine rassistische Karikatur von einem Klischee-Inder vor, um ein paar flaue Einwandererwitze machen zu können.

Immerhin, an einigen wenigen Stellen habe ich geschmunzelt, zumeist wenn körperliche Gewalt angewendet wurde, aber das können auch einfach nur Muskelzuckungen gewesen sein, die sich bei einem so endlos langen und langweiligen Unterfangen wie Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät früher oder später ja ohnehin einstellen müssen. Und nach diesem Film weiß ich noch deutlich mehr zu schätzen, wie hervorragend man in Asterix bei den Briten einen Comic in Filmform gebracht hat. So erfüllt der Film zumindest eine gesellschaftliche relevante Aufgabe.

Wenn der russische Paradeschauspieler Gérard Depardieu jetzt seinen Knebelvertrag als Obelix abgearbeitet hat, dann können wir hoffen, dass man das Franchise in Ruhe lässt und aufhört, auf diesem seit 1986 toten Pferd herumzuprügeln.

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FRISCH: Tja. Da wird alle paar Jahre weltweit heftig über den ollen Rassismus von Tim im Kongo gestritten, und dann steht da plötzlich ein – fast hätte ich geschrieben „waschechter“ – Blackface-Inder im neuen Asterix-Realfilm, dessen Nebenrolle sich auf übelste rassistische Klischees und zum Fremdschämen alberne Faxen beschränkt. Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät ist insgesamt nicht der Rede wert, aber an der Stelle kippst du aus den Latschen.

Was sich die Macher dabei gedacht haben, könnte man jetzt fragen, aber die Frage erübrigt sich, denn der Film zeigt in schmerzlicher Eindringlichkeit, dass sie sich gar nichts gedacht haben, bei irgendwas. Das Niveau der Darbietung schwankt zwischen Büttenrede und Theaterstadl, und der Streifen kennt dabei nur zwei Gangarten: Die meiste Zeit schläfert er ein, den Rest nervt er.

Letzteres immer dann, wenn der Blackface-Inder zu sehen ist, aber auch durch den affektierten Akzent der britischen Figuren. Das geht dir schon nach dem ersten Satz auf den Senkel, und es wird die ganzen 111 Minuten konsequent durchgezogen. Vielleicht wirkt das in der Originalversion auf französische Muttersprachler ja total charmant, in der Synchro ist es jedenfalls unerträglich. Es ist nicht amüsant. Es ist nicht originell. Es nervt einfach, sonst nichts.

Generell unterstreicht der Film vor allem die Qualität der Comics, auf denen er basiert. Denn was dank Goscinnys Wortwitz und Uderzos Strich lustig und leichtfüßig wirkt, gerät in diesem müden Klamauk zum Zeugnis bleierner Ungelenkheit. Das ist, als würdest du zwei Stunden lang jemandem bei dem Versuch zuschauen, einen Witz zu erzählen, der sich dabei ständig verhaspelt, die Pointe vergisst, kein Timing kennt und, als wäre nicht alles schon schlimm genug, dich auch noch dauernd dazu nötigt, ihm zu bestätigen, dass er witzig ist.

Das geschieht dann durch grotesk laute Popmusik-Einspieler in RTL-II-Dokusoap-Rumpelästhetik, die dir mit dem Presslufthammer signalisieren, dass das, was sich da gerade abspielt – meistens ist es irgendeine sauteure Choreographie – jetzt aber bitte total mitreißend zu sein und bei allen gute Laune zu verbreiten hat. Die Nummern wirken wie Fremdkörper in der Dramaturgie und sind so liederlich in den Film hineingeschnitten, dass du jedes Mal Angst kriegst, gleich könnten Enie van de Meiklokjes oder Vera Int-Veen vor der Tür stehen, um dir die Wohnung zu renovieren, oder dein Leben.

Ähnlich hilflos wirken die Darsteller, die selbst die flachsten Witzchen noch mit dem ganz großen Gong ankündigen, wobei man manchmal nicht unterscheiden kann, ob es an einem Mangel an schauspielerischem Talent oder am Totalversagen von Regie und Drehbuch liegt. Oft ist es beides, aber viel zu holen gibt es nicht – da hätte auch das beste Ensemble der Welt nicht mehr viel ausrichten können, und das hier ist nicht das beste Ensemble der Welt.

Optisch ist der Film ganz nett geworden, immerhin. Die Dörfer sind nicht unhübsch gestaltet, es gibt viel sattes Grün (Wiesen, Dächer, Wälder) und Blau (Meer) zu sehen, und wenn Handlung, Drehbuch und Figuren schon so wenig hergeben wie hier, dann sind viele Großeinstellungen von Küstenlandschaften bei schönem Wetter – gedreht wurde unter anderem in Irland, Malta und Frankreich – nicht das Allerverkehrteste.

Man muss nun nicht gleich mit Martenstein-Vergleichen kommen, Wederhake. Das hat der Film nicht verdient, und damit macht man ohnehin keine Späße – ich verweise auf Godwin’s Law. Irgendwas, das das Blut mal in Wallung bringt, hätte aber nicht geschadet, von mir aus auch laminierte Katzen.

So bin ich beim Anschauen des Streifens öfter eingeschlafen, als ich geschmunzelt habe, nämlich dreimal. Man hat’s gut gemeint, das schimmert ab und zu durch. Aber am Ende wird halt eine total abgegriffene 08/15-Nummer abgespult, und zwar mit Wurstfingern. Für den Blackface-Inder kannst du da fast dankbar sein, der reißt dich wenigstens kurz aus dem Sekundenschlaf.

Die Marke Astérix, die sich seit dem Tod René Goscinnys 1977 ohnehin in permanenter Erklärungsnot befindet, wird durch solche Filme weiter demontiert.

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Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät
von Laurent Tirard (Regie), Grégoire Vigneron (Drehbuch), Catherine Pujol und Denis Rouden (Kamera), Klaus Badelt (Musik) u.a.
mit Édouard Baer, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Catherine Deneuve u.a.
Fidélité Films, 2012, etwa 111 Minuten, etwa 60 Millionen Euro

Abbildungen: © Warner und Fidélité/Concorde