Neueste Artikel

The Complete D.R. & Quinch

Cover The Complete D.R. & QuinchSo groß das Angebot an deutschsprachigen Comicübersetzungen auch ist, so groß sind nach wie vor die Lücken. Eigentlich sollte man meinen, dass zumindest das Werk der ganz großen Namen inzwischen vollständig auf Deutsch vorliegen müsste. Dass dem nicht so ist, zeigt sich (nicht nur) am Beispiel von Alan Moore. Dessen Opus enthält neben den großen, selbstverständlich verfügbaren Klassikern wie Watchmen, From Hell oder V for Vendetta auch zahlreiche mehr oder minder obskure Seitenzweige sowie ein Frühstadium, bestehend aus Comics, die in den frühen 80er Jahren für die britischen Magazine Warrior und 2000 AD entstanden. Das meiste davon wurde nie auf Deutsch veröffentlicht.

Der italienische Verlag Nona Arte, der seit letztem Jahr auf dem hiesigen Markt mitmischt, hat sich vorgenommen, zumindest einen Teil dieser Lücken zu schließen. Nach den beiden Supreme-Bänden mit Material aus den Neunziger Jahren liegt nun der erste Teil der Reihe „Alan Moore Classics“ vor. D.R. & Quinch ist ein humoriger Science-Fiction-Comicstrip, der von 1983 bis 1985 in 2000 AD erschien, jener britischen Institution, die nicht nur harte SF-Helden wie Judge Dredd hervorgebracht hat, sondern auch als die Brutstätte all jener britischen Comicautoren- und Zeichner gelten kann, die in den letzten Jahrzehnten den US-Markt eroberten. Ob sie nun Neil Gaiman oder Garth Ennis, Mark Millar oder Grant Morrison heißen – sie alle machten einen Teil ihrer ersten Schritte bei 2000 AD.

Seite aus The Complete D.R. & QuinchSo auch Alan Moore, der, zusammen mit Zeichner Alan Davis, für Ausgabe 317 (Mai 1983) die sechsseitige Kurzgeschichte „D.R. & Quinch Have Fun on Earth“ schuf. Dafür erfand er die beiden Hauptfiguren Ernst Errol Quinch und Waldo Dobbs, genannt D.R. („Diminished Responsibility“, entspricht im Justizwesen dem deutschen Wort „Schuldunfähigkeit“). Das sind zwei jugendliche Alien-Rabauken, die sich ständig schlecht benehmen, ein Faible für Waffen aller Art haben und bei allem, was sie tun, eine Spur der Verwüstung hinterlassen – dabei aber eine kindliche Unschuld ausstrahlen und nie so recht merken, was sie gerade anrichten. D.R. und Quinch sind, könnte man sagen, ein Science-Fiction-Remix von Max und Moritz. In der Ursprungsepisode reisen sie einmal quer durch Raum und Zeit und durchleben im Zeitraffer die Geschichte des Planeten Erde. Am Ende weiß der Leser, wer für das Aussterben der Dinosaurier, die Pyramiden und die Mondlandung verantwortlich war.

Mehr als dieser eine Gag-Comic war ursprünglich nie geplant, aber die 2000-AD-Leser liebten das Chaotenduo und so kehrten D.R. und Quinch einige Monate später zurück und wurden zu einem regelmäßigen Bestandteil des Magazins. Alan Moore versuchte nun auch längere Fortsetzungsgeschichten zu erzählen, blieb dem Grundprinzip aber treu: Unsere beiden Helden stürzen sich mit den besten Absichten in eine Unternehmung (sie werden zum Militärdienst eingezogen, wollen einen Film drehen oder versuchen, die Geheimnisse des weiblichen Geschlechts zu ergründen), richten dabei aber regelmäßig das denkbar größte Chaos und massive Kollateralschäden an. Die Figurenkonstellation folgt dem klassischen Modell vieler Buddy-Komödien: D.R. ist der Smartere und Coolere, der die Zügel in der Hand hält (vgl. Asterix, Terence Hill), Quinch ist der dicke, gemütliche Sidekick, deutlich schlichter gestrickt aber liebenswert (vgl. Obelix, Bud Spencer).

Seite aus The Complete D.R. & QuinchAlan Davis – der im gleichen Zeitraum mit Moore auch an Captain Britain für Marvel UK arbeitete – zeichnet ihre Missetaten in einem relativ realistischen Stil, der aber bei den Gesichtern ins Grotesk-Karikaturhafte geht und damit deutlich komödiantischer wirkt als in seinen Superhelden-Comics, die er bis heute für Marvel zeichnet. Der Look erinnert bisweilen an die Filmparodien von Mort Drucker aus dem MAD-Magazin. Die Reproduktion des Artworks ist dabei leider recht uneinheitlich geraten. Während einige Seiten mit feinen, filigranen Linien daherkommen, wirken die Inks auf der nächsten Seite oft dick und klobig, so dass das Gesamtbild zu verschwimmen droht. Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Vorlagen schon relativ alt sind und natürlich noch aus vor-digitaler Zeit stammen.

Im Gegensatz zu Schwergewichten wie V for Vendetta ist D.R. & Quinch ein schlichter Unterhaltungscomic, der ohne großen Tiefgang in erster Linie amüsieren will. Die simple Grundidee trägt nicht allzu lange, und schon nach wenigen Episoden bekommt man das Gefühl, das Konzept sei langsam ausgereizt. Man merkt dem Comic durchaus an, dass er aus einem Magazin stammt, dessen Kernzielgruppe aus pubertierenden Jungs besteht – Moore wusste gut, für wen er da schrieb. Ein absolutes Glanzlicht seiner Karriere als Comicautor ist das sicher nicht, aber es zeigt sehr schön, dass Moore schon von Anfang an ein gutes Händchen für Humor hatte und sehr witzig schreiben kann (ein Aspekt, der in seinem Werk nicht an erster Stelle steht, aber bis heute immer wieder durchdringt). Der Witz entsteht hier zum einen durch den schwarzhumorig-überdrehten Einsatz von übertriebener Gewalt, zum anderen durch die Sprache. Moore lässt seine beiden Protagonisten in einem betont lässigen Jugendslang reden, im englischen Original angelehnt an den amerikanischen Dialekt der „Valley Girls“ (Man, you know, like, totally?). Die Übersetzung von Marc-Oliver Frisch müht sich redlich, dies angemessen ins Deutsche hinüber zu retten. Im großen und ganzen gelingt ihm das auch gut, aber ganz verlustfrei ist so eine Übersetzung wohl nicht möglich. So rutscht der Tonfall im Deutschen bei dem starken Gebrauch von „voll“ und „Mann“ gelegentlich in Richtung Kiezdeutsch.

Was der deutschen Ausgabe im Vergleich zu der in England erhältlichen Gesamtausgabe ebenfalls fehlt, sind Auszüge aus Alan Moores detailverliebten Skripts. Und die neun One-Pager von Jamie Delano, die im Original farbig waren, sind hier nur in Graustufen zu sehen. Ansonsten ist dieses Album ein gelungener Einstieg in die „Alan Moore Classics“. Man kann dem Verlag nur die Daumen drücken, dass er noch länger auf dem deutschen Markt aktiv bleibt und diese Reihe fortführen kann. Ein Kandidat für einen Folgeband wäre etwa The Ballad of Halo Jones, die nach Einschätzung des Autors beste seiner Serien, die er für 2000 AD schrieb.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Kein unsterblicher Klassiker, aber ein interessanter Blick ins schwarzhumorige Frühwerk eines Comic-Schwergewichts


Alan Moore Classics 1 – The Complete D.R. & Quinch
Nona Arte, November 2011
Text: Alan Moore, Jamie Delano
Zeichnungen: Alan Davis
112 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 13,90 Euro
ISBN: 978-88-97062-29-5 

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen! 

Abbildungen aus der Originalausgabe, © Rebellion A/S, Quelle: http://www.bbc.co.uk/cult/comics/2000adstrips/

 

Disclosure/Klarstellung: Der Übersetzer des besprochenen Bandes ist Mitglied der Comicgate-Redaktion.

Leipziger Buchmesse 2012: Mangavorschau

Deutsche Manga zur Leipziger Buchmesse 2012 – Was gibt’s Neues?

Leipziger Buchmesse 2012Die Leipziger Buchmesse ist Jahr für Jahr das Gravitationszentrum bei der Entstehung neuer Eigenproduktionen von deutschen Mangaverlagen und Doujinshi-Projekten. Grund genug, uns einmal anzuschauen, was uns dieses Jahr so alles erwartet.

Carlsen:

Feed Me Poison von Evelyne BöschSeit Ausgabe 3/12 läuft in der Daisuki die Serie Feed Me Poison von Evelyne evy_clocharde Bösch. Zur LBM erscheint das zweite Kapitel in der neuen April-Ausgabe (5,95 Euro). Ende August dann der Sammelband – bisher der einzige Germanga-Einzelband, den Carlsen für dieses Jahr angekündigt hat. Leider scheint sich Carlsen Manga aktuell aus dem Sektor Eigenproduktionen immer weiter zurückzuziehen. Von Evelyne Bösch, der dritten nennenswerten Schweizer Kulturerrungenschaft nach der Kuckucksuhr und Yello, findet ihr auch Beiträge in den neuen Doujinshi-Bänden A Story To Tell 3 und Baito Oh! 5. Dazu unten mehr. Zudem signiert sie für euch bei Carlsen und auf dem Doujinshi-Markt.

EMA:

Soeben erschienen ist der zweite und abschließende Band von Kim Tamasaburo Lierschs und René Paulesichs Soul Sanctum (6,50 Euro). Tamasaburo wird für euch für EMA signieren.

Tokyopop:

Bereits letzten Monat erschien die Neuauflage von David Yeo Fülekis Blutrotkäppchen (5 Euro). Nachdem die Delfinium-Prints-Ausgabe auf der letzten LBM in Windeseile ausverkauft war, ist der Entoman-Comic jetzt also wieder für die breite Masse verfügbar, erweitert um ein paar Bonusseiten.

Comic-Culture-Verlag:

Zwei neue Veröffentlichungen von Marika demoniacalchild Herzog gibt es zu ergattern: Da wäre zum einen der dritte Band der Fantasy-Serie Grimoire (6,90 Euro) sowie zum anderen der kurze Doujinshi-Band SuperCircus (2,50 Euro), in dem es die gleichnamige Newcomer-Band auf einen dämonischen Band-Contest verschlägt. Marika signiert ebenfalls im Signierbereich sowie auf dem Doujinshi-Markt. Am Sonntag gibt’s auch eine Signierstunde zusammen mit der Band.

Cursed Side:

Hier steht ein Re-Issue von KAE – 29th Secret (8,95 Euro) von Martina Chiron-san Peters an, vollständig überarbeitet und neu gerastert. Martina Peters wird ebenfalls für Carlsen und Cursed Side signieren.

Schwarzer Turm:

Subway to Sally Storybook 2Zwei neues Releases aus der Manga-Ecke vom Turm: Kamineo veröffentlicht nach Beware of the Dog mit Alpha² einen weiteren Yaoi-Einzelband. Zudem gibt es den zweiten Band der Band-Anthologie Subway to Sally Storybook zu erwerben, dessen Vorgänger seinerzeit sogar von EMA lizenziert wurde.

Delfinium Prints:

Zwei neue Hefte kann man sich auf dem Doujinshi-Markt anschaffen: Zum einen gibt es mit Der spaßige aber auch sinnlose Tod eines Einzelkinds von Marcel Hugi Hugenschütt den dritten Teil der Erzählung um seinen fleischfressenden Elefanten. Und David Yeo Füleki legt ein weiteres Kapitel von Super Epic Brawl Omega mit dem Titel „Angriff auf die Quantengeist NULL“ nach, das fleißige Shounen Go! Go!-Leser aber schon aus deren Ausgabe 6 kennen dürften. Voraussichtlich je 3 Euro.

Doujinshis:

Die fünfte (mit Sonderband sechste) Ausgabe der von der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Berlin herausgegebenen Anthologie Baito Oh! (8 Euro) ist ab der LBM im Jap@Com-Bereich erhältlich und kann dort auch signiert werden. Neben Gastzeichnerin Evelyne evy_clocharde Bösch gibt es auch neue Kurzgeschichten von unter anderem Margarita picchi Till und Katharina kacha Kirsch sowie die Gewinner der letztjährigen DJGB-Mangawettbewerbs.

Von der Shounen Go! Go!-Gang gibt es die beiden leider abschließenden Bände, Shounen Go! Go! 7.1 und 7.2 (je 8 Euro), auf dem Doujinshi-Markt zu erstehen. Wie üblich darf man sich auf neue Beiträge von David Yeo Füleki, Martin B1ackAs5 Geier, Michael lostsohl Wild, Marcel Hugi Hugenschütt und vielen anderen freuen, von denen sich natürlich auch wieder die meisten auf der Messe rumtummeln werden! Ich zücke bereits jetzt traurig die Taschentücher! (wegen meiner Erkältung …)

Von A Story To Tell (5 Euro?) gibt es einen neuen Band. In der Nummer 3 findet ihr unter anderem Beträge von Evelyne evy_clocharde Bösch, Désirée nayght-tsuki Kunstmann und Nana Yaa Kyere.

Lancha verkauft ihr neues Heft Die Geschichte eines Fuchskindes – in Vollfarbe und gewohnt hochwertiger Aufmachung (9 Euro). 

Basar der Erinnerungen von Diana LiesausDiana crow13 Liesaus hat die Druckversion ihres Doujinshis Basar der Erinnerungen angekündigt. Hoffentlich klappt’s mit dem Release, darauf freu ich mich nämlich ganz besonders.

Von Lisa Mullana Schmidt erscheint zudem der zweite Teil von Sugarland InFUSION (3 Euro).

Ach ja, GermangaWorld weist zudem auf die Veröffentlichung von Roxanne & George von Carolin Walch (ehemals Paper Theatre) bei Reprodukt hin. Da Reprodukt aber nach eigener Aussage keine Manga mehr veröffentlicht, wird das hier jetzt auch nicht erwähnt. So! Schicke Tiger gibt’s nebenbei gesagt auch in der neuen Baito Oh!

 

Dieser Artikel erschien zuerst als Blogeintrag auf dem Animexx-Blog von Michel. Danke für die Genehmigung zum Abdruck!

Links der Woche: Mit Ausblicken auf Erlangen, Mythen über deutsche Manga und einer Doktorarbeit als Comic

Unsere Links der Woche, Ausgabe 10/2012:

 

Mort du dessinateur Jean Giraud, alias Moebius
Le Monde, Frédéric Potet
Die Hauptnachricht der Woche wurde erst vor wenigen Stunden öffentlich: Der französische Comiczeichner Jean Giraud alias Moebius ist tot. Er starb am Samstag morgen im Alter von 73 Jahren. Mit ihm stirbt einer der größten und einflussreichsten Künstler des Comics. In den kommenden Tagen werden sicher zahlreiche Nachrufe erscheinen, diese werden in den nächsten Links der Woche nachgereicht.

Erstes Interview mit Bodo Birk
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Bodo Birk, Leiter und oberster Organisator des Comic-Salons Erlangen, gibt einen ersten Ausblick auf das Festival in diesem Jahr. Außerdem wird darin auch dieses Thema angesprochen:

Max und Moritz-Publikumspreis 2012, Runde 2
Comic-Salon Erlangen
In der erstern Runde durfte frei vorgeschlagen werden, aus diesen Vorschlägen wurden nun in den drei Kategorien Manga, Amerikanische Comics und Alben/Graphic Novels jeweils 20 (oder etwas mehr) Kandidaten ermittelt, über die nun in den Foren von Animexx, Panini und Comic-Salon abgestimmt werden darf. Die Abstimmung läuft noch bis Donnerstag, den 15. März. Die drei Sieger kommen gemeinsam mit 20 Vorschlägen der Jury auf eine gemeinsame Liste, aus der dann in einer letzten großen Abstimmung der Publikumspreisträger ermittelt wird.

7 Mythen rund um deutsche Mangazeichner
Melanie Schober
Die Mangazeichnerin Melanie Schober reagiert in ihrem Blog auf die immer wieder in Manga-Fankreisen auftauchende Kritik an deutschen Manga und ihren Künstlern, wie sie sich zuletzt z.B. hier geäußert hat.

„Willenlose Werkzeuge von Entenhausen“
einestages, Peter Maxwill
Das Zeitgeschichts-Portal von Spiegel Online führt ein launiges Interview mit Hans von Storch, der vor 35 Jahren die D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus) gegründet hat.

A Comics Dissertation
Diamond Bookshelf
Comics als Diplomarbeiten kennen wir mittlerweile. Der New Yorker Nick Sousanis arbeitet zur Zeit an einer Doktorarbeit in Comicform. Sein Thema ist der Einsatz von Comics im Bildungswesen. Im hier verlinkten Interview gibt er Auskunft zu seiner Arbeit und der geplanten Dissertation.

Is Manga Dying – Or Does It Simply Need Rebirth and Reinvention?
Sequential Tart, Rebecca Buchanan, Wolfen Moondaughter und Katherine Keller
Vor ein paar Wochen hatten wir den Artikel Why Manga Publishing Is Dying (And How It Could Get Better) über Abwärtstendenzen auf dem amerikanischen und dem japanischen Mangamarkt verlinkt. Nun machen sich drei Autorinnen des „weiblichen Comic-Magazins“ Sequential Tart Gedanken zu diesem Thema.

TRAILER WATCH – Marvel’s THE AVENGERS: Just Another Superhero Movie?
Indiewire, Matt Zoller Seitz und Simon Abrams
Anlässlich des neuen Trailers zu Marvels Sommer-Kinospektakel The Avengers unterhalten sich die Filmkritiker Matt Zoller Seitz und Simon Abrams ausführlich über das Genre des Superheldenfilms und seinen aktuellen Zustand. Eine lesenswerte Analyse.

Sang Royal 2 – Schuld und Sühne

Cover Sang Royal 2Auf den ersten Blick war der erste Band von Sang Royal eine wahre Schlachtplatte voller Blut und Sex. Das war nicht jedermanns Geschmack, obwohl es graphisch sehr ansprechend gestaltet war. Auf den zweiten Blick war dieser erste Teil aber auch eine Studie über Zeichen im semiotischen Sinne. Die Kraft der Symbole und der Zuschreibung von Bedeutung waren ein zentrales Thema. Auch in der Fortsetzung ist dieser Aspekt ein zentrales Thema, wenngleich noch weniger auffällig.

König Alvar hat seine vermeintliche Tochter Sambra geheiratet und es scheint endlich Frieden in das Land einzukehren. Doch seine verstoßene Frau und der Stiefsohn drängen auf Rache und wollen Alvar provozieren, um sein Glück zu zerstören. Allerdings läuft die grausame Rache für die Intriganten höchst unerwartet ab. Alvar und Sambra ziehen sich aufs Land zurück. Aber das Glück ist trügerisch und die traute Zweisamkeit ist nicht von langer Dauer. Das Schicksal sieht anderes für die beiden vor.

Das Kernthema der kurzen Serie, Symbole, ist hier sehr viel schwerer auszumachen. Allerdings wird der Aspekt auf die Spitze getrieben. Und folgerichtig. Der Titel „Sang Royal“ (königliches Blut) beschreibt ja bereits eine körperimmanente Symbolik und hier wird der Körper an sich als Symbol angesehen. Der König ist natürlich nicht nur eine Person, sondern auch ein Symbol für das Land und für den Staat. Hier geht es aber unmittelbarer um die Haut und den materiellen Körper als Symbol für das Innere, für das Wesen der Person. Also ist der nächste Schritt die Befreiung der Figuren von der körperlichen Symbolik. Der Schein des Äußeren soll überwunden werden. Erkenntnis soll erlangt und das Innere nach außen gekehrt, das Wesen des Menschen an sich verfestigt werden.

Seite aus Sang Royal 2Hier versteigt sich Jodorowsky in etwas lang geratenen Dialogen leider in eine spirituell-esoterische Ebene, die man eher in seinen Werken aus den Siebzigern vermutet hätte. Dieser Aspekt wirkt mittlerweile etwas anachronistisch und dürfte so manche abschrecken. Dementsprechend sackt der Mittelteil etwas ab. Aber dieses Ziel der Aufgabe alles Äußerlichen entpuppt sich auch als Irrglauben. Denn auch wenn man den äußeren Schein überwunden zu haben glaubt, sind letztlich doch die Projektionen anderer stärker. Der Kraft der Symbole kann man nicht entkommen und wenn man schwächer ist, als man gedacht hat, so nimmt man diese Stärke gerne an. Vor allem, wenn aufeinander fallende Ereignisse als zusammengehörig gedeutet und so zu einem mythischen Element werden.

Das ist gegen Ende sehr stark und dramatisch und wiegt den schwachen Mittelteil etwas auf. Zarte Gemüter seien jedoch vorgewarnt: Der Band ist streckenweise sehr brutal ausgefallen. Vor allem die vollzogene Rache am Anfang ist heftig. Zeichner Dongzi Liu kann mit seinen wahrlich gemalten Bildern überzeugen, wobei besonders die Augen der Figuren den asiatischen Einfluss deutlich machen. Aber auch die satten Farben und die durchwegs dunkel gestalteten oder zwielichtig gehaltenen Landschaftsbetrachtungen lassen diesen Einfluss spüren. Zudem lassen die dunkel gehaltenen Zeichnungen keinen Zweifel am brüchigen Glück und schaffen eine sehr gelungene Atmosphäre für die düstere, pessimistische Geschichte. Deren Ende kommt dann zwar etwas abrupt, ist aber narrativ folgerichtig. Wegen des schwachen esoterischen Mittelteils gibt es Abzüge in der Haltungsnote für einen ansonsten überzeugenden und schockierenden Band.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Gelungene Optik in einer düsteren und stellenweise extrem brutalen Story verbindet sich mit der Untersuchung von Symbolen, wobei hier der Körper an sich an zentraler Stelle steht.

 

Sang Royal 2 – Schuld und Sühne
Ehapa Comic Collection, Dezember 2011
Text: Alejandro Jodorowsky
Zeichnungen: Dongzi Liu
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3535-7

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildung aus der frz. Originalausgabe, © Glénat

John Carter: Auf den Spuren eines Pulp-Helden

Das neueste 3D-Kinospektakel aus dem Hause Disney, John Carter – Zwischen zwei Welten, basiert auf einer Idee, die hundert Jahre alt ist. Die literarische Vorlage stammt von Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs. Obwohl John Carter nie so berühmt wurde wie sein geistiger Bruder aus dem Dschungel, beeinflusste er die Popkultur der letzten Jahrzehnte nachhaltig. Wir gehen auf Spurensuche und legen dabei besonderes Augenmerk auf die verschiedenen Comicversionen von John Carter.

 

Zum John Carter-Gewinnspiel geht es hier!


Buchcover A Princess of Mars (1917)Tarzan kennt jeder. Wer den Namen hört, denkt sofort an Lianen, Urschreie, Lendenschürze, Schimpansen und Johnny Weissmueller. Beim Namen John Carter klingelt jedoch bei den meisten von uns rein gar nichts. Dabei haben beide den gleichen geistigen Vater: Den amerikanischen Schrifsteller Edgar Rice Burroughs (1875-1950). Dieser war ab den 1910er Jahren mit Fortsetzungsgeschichten erfolgreich, die in den damals äußerst populären Romanheftchen erschienen, die wegen des billigen Papiers „pulp magazines“ genannt wurden.

Noch bevor Burroughs mit Tarzan of the Apes seinen Durchbruch als Autor hatte, erschien 1912 im Magazin The All-Story ein Fortsetzungsroman namens Under the Moons of Mars (später neu veröffentlicht als A Princess of Mars). Dieser spielte auf dem Planeten Barsoom, auf der Erde bekannt als der Mars, der von verschiedenen Völkern bewohnt wird, die sich gegenseitig bekriegen, während der Planet langsam stirbt. Bis zum Jahr 1941 schrieb Burroughs zehn weitere Romane, die in der Welt von Barsoom spielen. In den meisten davon spielt ein Erdenbürger die zentrale Rolle: John Carter, ein Captain der Konföderiertenarmee, der durch einen Zufall auf den Mars teleportiert wird, wo er wegen der geringeren Schwerkraft übermenschliche Kräfte hat.

Anders als Tarzan, der bald auch den Sprung auf die Kinoleinwände fand und weltweit berühmt wurde, erreichte die Welt von Barsoom nie den ganz großen, internationalen Bekanntheitsgrad. Trotzdem waren die Romane sehr beliebt, auch und gerade unter Wissenschaftlern und anderen Autoren. Zahlreiche Science-Fiction-Stories aus Literatur, Film und Comic sind von den John-Carter-Stories inspiriert und bedienen sich mehr oder weniger ausgiebig im Barsoom-Universum. Womöglich geht auch das geflügelte Wort von den „grünen Männchen“, die angeblich auf dem Mars leben, auf die Romane von Burroughs zurück.

Seite aus Dell-Comic von Jesse Marsh (1952)Elemente aus den Barsoom-Geschichten sind in Filmklassikern wie Star Wars, Dune oder Avatar zu finden. Bis zu einer „richtigen“ Kino-Adaption der Romanvorlage sollten jedoch hundert Jahre vergehen. Im Comicbereich ging es deutlich schneller: Schon ab dem Jahr 1939 erschienen Comics unter dem Titel John Carter of Mars im Magazin The Funnies, meist gezeichnet von Burroughs‘ Sohn John Coleman Burroughs. Dieser zeichnete auch die John Carter-Fortsetzungsstrips, die 1941 bis 1943 auf den Sonntagsseiten verschiedener Zeitungen abgedruckt wurden (Scans sind hier zu sehen). Der Verlag Dell Comics brachte 1952/53 in seiner Heftserie Four Colour mehrere John Carter-Stories, gezeichnet vom langjährigen Tarzan-Zeichner Jesse Marsh (Scans sind hier zu sehen).

Und auch in den folgenden Jahrzehnten erschienen immer wieder Comics, die mehr oder weniger vorlagentreu auf den Barsoom-Romanen aufbauten: DC Comics startete Anfang der 1970er Jahre eine Carter-Adaption von Marv Wolfman, zunächst in der Tarzan-Serie, später dann im Spin-Off Weird Worlds. Den Platz im Heft teilte sich John Carter mit einer Adaption des Romans At the Earth’s Core, der ebenfalls von Edgar Rice Burroughs stammt.

Cover von John Carter: Warlord of Mars #1 (Gil Kane, 1977)Beim Konkurrenten Marvel lief die Serie John Carter, Warlord of Mars von 1977 bis 1979, zunächst ebenfalls geschrieben von Marv Wolfman, später von Chris Claremont. Die Zeichnungen stammen in den ersten Ausgaben von Gil Kane, später von verschiedenen anderen Künstlern wie Carmine Infantino, Ernie Colon und in einem Heft sogar von einem jungen Nachwuchszeichner namens Frank Miller.

Der Großteil dieser alten Comics ist inzwischen wieder leicht zu bekommen, weil Dark Horse das Material in drei hochwertigen Hardcoverbänden nachgedruckt hat.

Ende der Siebziger Jahre war dann erstmal Schluss mit Carter-Comics, bis im Jahr 1996 ein kleines Lebenszeichen erschien: In der Miniserie Tarzan/John Carter: Warlords of Mars (Dark Horse Comics) ließen Autor Bruce Jones und Zeichner Bret Blevins die beiden berühmten Burroughs-Figuren erstmals aufeinander treffen: Den Herrn des Dschungels verschlägt es auf den Mars, wo er John Carter begegnet.

Cover des Sammelbands A Princess of Mars (Marvel, 2011)Seit Disney die millionenschwere Verfilmung (Kinostart in Deutschland: 8.3.2012) angekündigt hat, erwachte bei diversen Comicverlagen wieder das Interesse an dem Franchise. Die Disney-Tochter Marvel produziert rechtzeitig zum Filmstart gleich mehrere Miniserien: John Carter: The World of Mars von Peter David und Luke Ross läuft als „offizielles Prequel zum Kinofilm“. John Carter of Mars: A Princess of Mars von Roger Langridge und Filipe Andrade adaptiert ein weiteres Mal den Ursprungsroman, mit dem alles begann. Und ab März 2012 folgt die nächste Adaption, John Carter: The Gods of Mars von Sam Humphries und Ramon Perez.

Auch der britische Verlag Self Made Hero wird eine Comicversion von A Princess of Mars vorlegen, geschrieben von Ian Edgington und gezeichnet von Ian Culbard.

Cover Warlord Of Mars: Dejah Thoris Vol. 2Beim Verlag Dynamite Entertainment erscheinen ebenfalls mehrere Serien, meist geschrieben von Arvid Nelson (Rex Mundi). Diese sorgten unlängst für Schlagzeilen, weil die Erben von Edgar Rice Burroughs den Verlag wegen Markenrechtsverletzungen verklagen. Die rechtliche Situation ist nicht ganz leicht zu durchschauen: Nach dem Urheberrecht der USA ist das Copyright der Romane inzwischen abgelaufen, die Werke gehören der „Public Domain“, dürfen also im Prinzip von jedermann adaptiert werden. Das gilt so jedoch nicht in Europa. Außerdem hält die Firma ERB, Inc. die Rechte an Marken wie „Tarzan“, „John Carter of Mars“ undsoweiter. Dynamite Entertainment hat für seine Serien bewusst andere Namen verwendet (sie laufen unter dem Obertitel Warlord of Mars), veröffentlicht sie aber ohne Zustimmung von ERB, was schließlich zu der Klage führte. ERB stößt sich im übrigen auch an den teilweise sehr freizügigen Coverabbildungen der Dynamite-Serien (mehr dazu bei The Beat).

Keiner der hier genannten Comics ist – soweit wir richtig recherchiert haben – bisher auf Deutsch erschienen. Die einzige Ausnahme: In Teil 2 von Alan Moores League of Extraordinary Gentlemen (deutsch bei Panini) hat John Carter einen Gastauftritt. Der Comic beginnt damit, dass die Tripods aus H.G. Wells‘ Krieg der Welten John Carter und die von ihm geführten Marsbewohner angreifen, bevor sie sich die Erde vorknöpfen.

 

Bildquellen: Wikipedia, erbzine.com, Grand Comics Database, Marvel, Dynamite Entertainment

Interview mit David Füleki

 

David Füleki, kreatives Vielzeichnertalent und bisher eher für charmant-lockerflockige Unterhaltung wie Entoman, Studieren mit Rind oder die Neuinterpretation von Struwwelpeter bekannt, zeichnet seit etwa einem Jahr auch die Comicstripserie seitwärts für vorwärts – die Zeitung der deutschen Sozialdemokratie. Zehn Strips sind bis jetzt erschienen. Die Folge in der aktuellen Ausgabe März 2012 des vorwärts erregte allerdings heftig die Gemüter der Genossen (anzusehen auf der vorwärts-Website, rechte Spalte unter „Druckausgabe“, S. 27). Auf dem JuSo-Blog gab es einen offenen Brief an den vorwärts-Chefredakteur Uwe Knüpfer, die Facebook-Pinnwand des Magazins läuft heiß bis hin zur Androhung von Abonnementskündigungen und auch ins Lafontaine-Blog hat es die Folge geschafft. Dabei wird vor allem die Redaktion des vorwärts angegangen, weniger der Autor und Zeichner David Füleki.

Kritikpunkte sind unter anderem, dass in diesem Comicstrip ein „sozialistischer Jugendtreff“ als gewaltbereit dargestellt wird, dass zwischen den Zielen links und rechts Orientierter nicht differenziert wird sowie klischeehafte Darstellungen in Form eines sächselnden Rechtsradikalen und eines schweinsnasigen Linken.

Wir befragten David Füleki am 03.03.2012 zu diesem Thema.

 

Comicgate: David, kannst Du die Aufregung verstehen? Hast Du mit ihr gerechnet oder wolltest Du vielleicht sogar derart provozieren?

David Füleki – Foto: privatDavid Füleki: Gut, dass Du’s schreibst. Bisher hab ich davon nämlich noch gar nichts mitbekommen gehabt. Krass! Hab gerade mal nur die politische Blogosphäre tangiert und schon massig dazu gefunden. Okay. Sowas hatte ich ja noch nie!

Also vorerst: Provozieren kann man nur die, die sich angesprochen fühlen, also die, die sich mit den Figuren identifizieren. Und die Figuren des seitwärts-Comics sind so dermaßen überzeichnet, dass ich bis vor zehn Minuten noch gedacht hätte, dass allen klar ist, dass es sich dabei um eine satirische Übertreibung handelt. Im Kontext weiterer Kapitel erkennt man das auch sicher besser. Generell bin ich davon ausgegangen, dass satirische Überzeichnung hierzulande Tradition hat und klar geht, solange man den Koran außen vor lässt. Aber okay. Dann sind einige Vertreter der linken Ecke wohl nicht ganz der Meinung.

Und klar wird da nicht weiter differenziert – sonst wär die Pointe langweilig! Mein Comic erfüllt ja keinen Bildungsauftrag, er soll eher zum Nachdenken anregen. Das hat er ja auch. Insofern hab ich meine Arbeit wohl ganz gut gemacht, auch, wenn im Lafontaine-Blog steht, dass die Geschichte nicht lustig war. Geschmackssache.

Generell fühl ich mich gerade fast schon ein bisschen zu stolz drauf, dass das erste Mal eins meiner Werke so ein enormes Echo hat. Darf man das in dem Fall überhaupt sagen? Klar, mir tut’s leid für diejenigen, die das Ganze fehlinterpretieren oder sich auf den Schlips getreten fühlen. Und für die vorwärts-Redaktion tut mir die Kritik leid. Aber so ein Diskurs ist doch letztlich auch was wert und eigentlich für „politischen Witz“ erstrebenswert.

Ansonsten bleibt zu sagen, dass gegen die linke Gesinnung definitiv nichts zu sagen ist, aber sehr wohl gegen den – egal ob links oder rechts motivierten – ausartenden Extremismus, den ich als Tiefost-Kind nur zu gut kenne – von beiden Seiten gleichermaßen. Und eben das ist ja die Botschaft des Comics. Denn bei bloßer Anarchie und Zerstörungsgeilheit verschwimmen eh die politischen Motive.

Übrigens soll der Dialekt des Nazis nicht Ostdeutsch sein. Das ist vielmehr ein Mischmasch aus verschiedensten Dialekten und schlichtweg ironischerweise falschem Doitsch. Da find ich’s viel befremdlicher, in dieses Kauderwelsch Sächsisch reinzuinterpretieren, denn das bedeutet ja, dass man in gewisser Weise voreingenommen ist, was mein wunderschönes Heimat-Bundesland anbelangt. Wie man nur auf sowas kommt?

 

CG: Den Erzürnten geht es wohl hauptsächlich darum, dass jeder als (potenziell) gewalttätig dargestellt wird, der sich in einer politisch ambitionierten, demokratischen Jugendarbeit (eben zum Beispiel der „sozialistische Jugendtreff“) engagiert.

DF: Ja, ist auch verständlich, sich da aufzuregen, wenn man persönlich betroffen ist. Aber der Comic sollte halt auch echt nicht so oberflächlich gelesen werden, wie er auf den ersten Blick aussieht.

In dem offenen Brief kommt noch mal gut was an Meinungen zusammen – leider sehr einseitig, wenn alles von links kommt. Deswegen mach ich jetzt noch mal ’ne eigene Diskussionsrunde, ist auf meiner Facebook-Pinnwand zu verfolgen [nur mit FB-Account sichtbar – Anm. d. Red.].

 

Die seitwärts-Hauptfigur Def, Daivd Fülekis Alter EgoCG: Gab es einem konkreten Anlass für diese Folge?

DF: Ja, in jeder vorwärts-Ausgabe gibt’s ja ein Leitthema. Für die aktuelle Ausgabe war das „politische Jugend“.

Autobiografisch gesehen war der Anlass, genau diesen Stoff umzusetzen, die oben genannte Erfahrung auf dem Gebiet. Hier und da versuch ich in die seitwärts-Comics eigene Erfahrungen einzubauen – eben damit dann niemand meckern kann von wegen: „So is das aber nich!“ Klappt aber nicht immer.

 

CG: Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Zeitung aus: Besprichst Du Deine Ideen mit einem vorwärts-Redakteur, wurden auch schon mal Folgen abgelehnt?

DF: Jede Folge muss erst mal durch eine Kontrolle, bevor ich ins Reine zeichnen kann, und einige Folgen fallen auch durch. Das hat teils politische Hintergründe, teils aber auch einfach humoristische, wenn mal ’n Gag nicht so zündet.

 

CG: Ziehst Du irgendwelche Konsequenzen aus den heftigen Reaktionen?

DF: Noch keine Ahnung. Hab ja gerade erst davon erfahren.
Man könnte natürlich nachträglich noch mal ein „How to read“ zu dem Comic rausbringen, indem genau die ironischen Momente und die Satire erklärt wird. So was find ich dann immer traurig, weil man ja meinen könnte, dass sich das im gegebenen Kontext erübrigt, ohne dass man alles klein und kaputt redet.
Sollten sich aber wirklich enorm viele echauffieren, könnte man eine Entschuldigung anstreben. Schade eigentlich.

 

CG: Wie kam es überhaupt zu dem Kontakt mit vorwärts?

DF: Da hat Tokyopop [der Comicverlag, der David hauptsächlich publiziert – Anm. d. Red.] die Vermittlungsarbeit übernommen. Die vorwärts-Redaktion suchte jemanden für ’nen neuen Comic, Tokyopop hat mich vorgeschlagen, man hat sich in Berlin getroffen und letztlich ist auch was draus geworden. [Link: vorwärts-Interview mit David Füleki zum Einstand]

 

CG: Siehst Du Dich selber als politischen Menschen?

DF: Ja, schon. In gesund-gemäßigtem Rahmen.
Zwar bin ich nicht unbedingt jemand, der sämtliche aktuelle Nachrichten studiert und sich zu allem auf Krampf eine Meinung bildet, aber ich bin auch nicht gerade der, der den ganzen Tag unreflektiert schimpft: „Die [Politiker] machen doch eh mit uns, was sie wollen!“
Wenn mich ein Thema besonders stark betrifft oder interessiert, investiere ich gern die Zeit, mich darin zu belesen und versuche mir daraus ’ne ordentliche Meinung zu bilden.

 

Folge 5 von David Fülekis seitwärts im Magazin vorwärtsCG: Kann man sich eigentlich irgendwo alle bisherigen Folgen von seitwärts anschauen?

DF: Das wär natürlich toll, wenn sich jetzt viele die Frage stellen! 😀
Aber ich glaube, das ist nicht möglich. In Berlin werden die Ausgaben sicher in der Redaktion archiviert und ich behalte meine Belegexemplare in Ehren. Aber ein sonstiges Archiv, zum Beispiel online, ist mir ansonsten nicht bekannt. [rechts: eine der älteren Folgen von seitwärts]

NACHTRAG 05.03.2012: Der vorwärts-Chefredakteur Uwe Knüpfer hat sich mittlerweile ebenfalls zu dem Thema geäußert.

 

CG: Kommen wir zu einem ganz anderen Thema, nämlich Deiner Website Manga-Madness. (Folgende Fragen wurden bereits Ende 2011 gestellt und beantwortet.)
Im Impressum wird der Verlag Tokyopop als Inhaber genannt, obwohl es Deine eigene virtuelle Heimat ist. Was hat es damit auf sich?

DF: Dahinter steckt vor allem die weise Voraussicht eines Jo Kaps‘ [Verlagsleiter von Tokyopop – Anm. d. Red.], der sich das Ganze ausgedacht hat und sich sicher auch einen nachhaltigen Nutzen für meine Aktivitäten bei Tokyopop von dem Projekt verspricht. In der Tat schweben schon seit einigen Jahren Pläne durch die Tokyopop-Redaktion, wie man meine Internet-Präsenz besser in meine Print-Comic-Karriere einbinden könnte. Es gab sogar konkrete Pläne (unter anderem im Bereich interaktiver Comic), die dann allerdings an ihrer sehr schweren Realisierbarkeit scheiterten. Nun haben wir uns letztlich für einen – oberflächlich betrachtet – klassischen Mittelweg entschieden: Eine Internetseite, auf der ich meine Werke archivieren kann sozusagen. Zudem können nun meine Leser endlich mal einen Großteil meines Schaffens auf einer Seite finden, statt sich durch ein gutes Dutzend Web-Galerien zu klicken.

David Fülekis ButrotkäppchenDie eigentliche Idee hinter der Seite ist, dass ich von Tokyopop-Seiten aus Narrenfreiheit eingeräumt bekomme bei der Gestaltung und Verwaltung der Seite. Und diese Narrenfreiheit kann ich nun ausloten mit vielen Comic-Projekten, die nur mit Online-Publikum realisierbar sind. Das heißt, ich werd auch mein Bestes versuchen, mittels dieses Werkzeugs den Webcomic in irgendeine Richtung weiterzuentwickeln.
Der Nutzen für Tokyopop wird dann darin bestehen, dass meine Experimente eine Art Marktforschung sind, über die man wiederum den Erfolg von möglichen Buchprojekten abwägen kann. Daher sind auch schon erste Print-Umsetzungen solcher – erfolgreich verlaufener – Experimente, in Arbeit wie zum Beispiel die Veröffentlichung der ursprünglichen Webcomics „Blutrotkäppchen“ und „Serial Sausage Slaughter“ bei Tokyopop.

Die Seite wird regelmäßig aktualisiert und mit neuen Material versehen. Ich veröffentliche jetzt viele meiner Werke – auch solche, die nicht bei Tokyopop erscheinen – unter dem Label „Manga-Madness“, um deutlich zu machen, dass in meiner Comic-Welt irgendwie alles miteinander in Verbindung steht. Alles spielt sozusagen im selben Universum – auch, wenn es in der Regel nicht oder nur gering miteinander in Verbindung steht.

 

CG: Wird Tokyopop auch andere Künstler mit eigenen Seiten unterstützen oder hat es vielleicht schon?

DF: Also zumindest von der im Netz ebenfalls sehr aktiven Kollegin Natalie Wormsbecher gibts eine entsprechende Seite. Auch hier sieht man sehr gut den persönlichen Einfluss der Zeichnerin auf die Seiten-Gestaltung und den Aufbau. Es sind also tatsächlich Seiten, die die Künstler repräsentieren und weniger den Verlag, der dahinter steht.
Eventuell sind diese ersten Seiten der Probelauf für mögliche zukünftige Projekte dieser Art.

NACHTRAG 05.05.2012: Laut Natalie hat Tokyopop mit ihrer Website nichts zu tun. Trotzdem lassen wir den obigen Link stehen – einfach, weil die Seite sehr gut gemacht ist.

 

CG: Wie kam es zum Kontakt mit Nichtlustig, der Firma rund um Joscha Sauer, die Dir die Seite programmiert haben? Kannst Du selber updaten oder läuft das alles über Nichtlustig?

DF: Die Nichtlustig-Gang sind ja alte Homies vom Dr. Kaps und ich war auf alle Fälle arg geflasht, dass so hochkarätige Leute mit so ’nem Bummel-„Nachwuchszeichner“ wie mir zusammenarbeiten. War auf alle Fälle ’ne feine Sache, auch mit soviel Erfahrung zu tun zu haben. Eine meiner schlechteren Ideen konnten die Jungs mir zum Glück ausreden, einige Ideen, die ich mal besser gehabt hätte, aber nicht hatte, konnten sie mir nahelegen.

Momentan bin ich immer noch im Einarbeitungsprozess, was die Seitenverwaltung anbelangt. Mir wurde da ein Content Management System zurechtgewerkelt und da werd ich noch eingearbeitet. In Kürze kann ich dann hoffentlich das Wesentlichste selbst administrieren und somit auch das Tempo ganz nach meinem Ermessen vorgeben.

 

CG: Gibt es bestimmte Pläne für Manga-Madness (vielleicht Sneaks zu anstehenden Projekten bei Tokyopop) oder ist es auf absehbare Zeit einfach eine Portfolio-Seite von Dir?

DF: Fest steht, dass nach und nach immer wieder alte Sachen ihren Weg auf Manga-Madness finden werden – egal, ob Artwork, Cartoons, Comics oder sonstige Schmankerl. In der Hinsicht hat es also eine Archiv-Funktion. Das heißt, dass vor allem vergriffene und kaum mehr erhältliche Printcomics dort ihren zweiten Frühling erleben werden – stets in einer überarbeiteten, verschönten Form. Gerade für die aktuelle Verlagspolitik meines Kleinverlags Delfinium Prints sowie unsere Leser wird das eine wichtige Rolle spielen, da wir nach und nach unsere älteren Titel nun abverkaufen werden und die in Zukunft gratis online gelesen werden können. Die Idee dahinter ist, dass die Sachen ihr Geld drinhaben, wie man so schön sagt, und jetzt den Fans geschenkt werden.

David Fülekis Studieren mit RindFür mich aus künstlerischer Sicht wird allerdings das bereits angesprochene Experimentelle von zentralem Interesse sein. Wer letztes Jahr meine Entoman-Comics auf comicstars.de oder in den letzten Jahren meinen Animexx-Comic Studieren mit Rind verfolgt hat, wird vielleicht meine interaktiven Aktionen kennen, die ich regelmäßig mit meinen Lesern durchziehe. Bisher waren all diese „Happenings“ (so nenn ich das immer) schöne Erfolge, weshalb ich mich daran auch weiterhin versuchen will. Mir kommen auch ständig neue tolle Ideen, die Leser aktiv zu beschäftigen; mir fehlt nur die Zeit, all diese Projekte umzusetzen. Auf alle Fälle glaube ich, dass ebendiese Interaktivität einer der wichtigsten, wenn nicht gar der wichtigste Grundpfeiler des Webcomics in Zukunft sein wird.

 

CG: Kam der Namensvorschlag eigentlich von Dir? Dein Stil ist meiner Meinung nach ein ganz eigener und hat nicht viel mit dem klassischen Manga zu tun.

DF: Ich weiß gar nicht mehr, ob ich einen eigenen Vorschlag hatte. Manga-Madness war – wie mir berichtet wurde – das Ergebnis eines laaangen Kollektiv-Brainstormings. Ich selbst bezeichne meine Art des Comics ja auch nicht als Manga und mich selbst nicht als Mangaka, aber ich denke, dass es auf alle Fälle Sinn macht, das „Manga“ mit in den Titel reinzunehmen. Dabei erhoff ich mir natürlich auch einen gewissen Grad an Unvoreingenommenheit gegenüber japanischen Comics von Seiten potenzieller Leser, die sich sonst wahrscheinlich was entgehen lassen würden.

 

CG: Danke für die Beantwortung unserer Fragen, David!

Links der Woche: Mit dem Erika-Fuchs-Haus und einem jungsozialistischen Shitstorm

Unsere Links der Woche, Ausgabe 9/2012:

 

Räte sagen Ja zum Museum
Frankenpost, Andrea Hofmann
Im fränkischen Schwarzenbach an der Saale, nahe der tschechischen Grenze, wird ein Museum zu Ehren von Dr. Erika Fuchs errichtet, der legendären Übersetzerin, die von 1951 bis 1988 zahlreiche Disney-Comics, nicht zuletzt jene von Carl Barks, ins Deutsche übertragen hat. Der Stadtrat des langjährigen Wohnorts von Erika Fuchs hat diese Woche „den Grundsatzbeschluss für den Bau des Museums gefasst“, wie die Lokalpresse berichtet. Circa 4,4 Millionen Euro soll das Museum kosten. Diese werden weitgehend aus verschiedenen Fördertöpfen bestritten, 10 Prozent trägt die Stadt Schwarzenbach. Das Ausstellungskonzept stammt von der Berliner Agentur m.o.l.i.t.o.r., eine Präsentation des Konzepts als PDF steht auf der Website des Museums zur Verfügung.

Offener Leserbrief an den Chefredakteur des Vorwärts Uwe Knüpfer
Juso Blog, Julian Zado
In der SPD-Parteizeitung Vorwärts erscheint auf der satirischen Seite „Das Allerletzte“ regelmäßig ein kurzer Comic von David Füleki. In der aktuellen Ausgabe (hier im Flash-Format abrufbar) streitet sich die Karikatur eines Linksextremisten mit der Karikatur eines Neonazis. Das kommt bei Teilen der Leserschaft gar nicht gut an. Im Blog der Jusos, der Jugendorganisation der Partie, schreibt einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden einen offenen Brief an die Redaktion. Julian Zado erkennt in dem Comic eine „pauschale Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremisten“ und findet „diese Botschaft aus mehreren Gründen geradezu widerwärtig.“ In den Blog-Kommentaren und auch bei Facebook gibt es überwiegend Zustimmung zu dieser Position. Differenzierter äußert sich Kabarettist Martin Kaysh, dessen Kolumne auf der gleichen Seite erscheint, in seinem Kommentar: „Der Comic ist debil, verleumderisch und schlecht, ja. […] Aber natürlich darf Satire alles, sogar scheitern.“ Eine Reaktion der Vorwärts-Redaktion oder des Zeichners steht noch aus. Nachtrag: Wir haben mittlerweile David Füleki zu den Reaktionen befragt, die Antworten könnt Ihr hier lesen.

AFKAT: Die Gewinner
afkat-foerderpreis.de
Der von einer Hamburger Anwaltskanzlei ausgelobte Graphic-Novel-Förderpreis „AFKAT“ hat seine ersten Gewinner: Preisträger sind Tilo Richter und Jan Kottisch für ihren Comic Flash Preußen, außerdem geht ein Sonderpreis an Karin Kraemer für die Brüder-Grimm-Adaption Das Mädchen ohne Hände. Beide Titel werden im April beim Mairisch Verlag erscheinen.

Warten auf Onkel Stan – EinComicLeben auf der London Super Comic Con
EinComicLeben, Jean Fischer
In London fand vor kurzem die erste London Super Comic Convention statt. Wie aus dem Erlebnisbericht von „EinComicLeben“ hervorgeht, drehte sich das Event vor allem um den großen Stargast Stan Lee.

„Eyeshield 21“ Artist Posts Fun, Inventive Manga to Twitter
Crunchyroll, Joseph Luster
Der Onlinecomic der Woche kommt vom Mangaka Yūsuke Murata und wurde zuerst via Twitter veröffentlicht: In Maximum Impact wird ein Mangaautor, dessen Deadline vor der Tür steht, von seinem Redakteur verfolgt, weil er das Manuskript noch nicht abgegeben hat. Die Story beginnt mit einem wortwörtlichen Clliffhanger und nutzt die dritte Dimension auf eine Art und Weise, die man gesehen haben sollte …

Barracuda 1 – Sklaven

Cover Barracuda 1Kann man schon einen neuen Boom des Piratencomics ausrufen? Nach den Erfolgen der letzten Zeit mit durchwegs gelungenen Bänden wie JeronimusDas Testament des Captain Crown und An Bord der Morgenstern hat sich nun auch Comictausendsassa Jean Dufaux der Piraten angenommen. Und er gibt im Vorwort zu, dass er den Erfolg der Fluch der Karibik-Filme als Anlass genommen hat, seine kindlichen Freuden an den Errol-Flynn-Filmen wieder zu erwecken. Aber er ist sich bewusst, dass schon die Filmtetralogie alle Elemente des Genres vereint hat und mit fantastischen Elementen anreicherte, um nicht nur Klischees zu bieten. Was kann er also noch neues bieten? Dufaux‘ Strategie ist im Grunde sehr einfach, aber auch sehr geschickt: Er ignoriert eines der zentralsten Themen des Piratengenres. Es wird nämlich nicht geschildert, wie sie zur See fahren, der Fokus wird auf das Geschehen an Land gelegt. Was geschieht, wenn die Jagd erfolgreich war? Wo steuern die Piratenschiffe hin? Wie leben sie? Wie ist ihre Gemeinschaft organisiert?

Geschildert werden die Ereignisse nach einer erfolgreichen Beutefahrt des Schiffes „Barracuda“. Captain Blackdog und seine Männer haben ein spanisches Schiff aufgebracht. Abgesehen von dem spanischen Kapitän werden alle Mitglieder der Besatzung getötet. Nur die Passagiere werden gefangen genommen, um sie später als Sklaven verkaufen zu können. Da wären eine edle spanische Dame, ihre Tochter, ihr Beichtmönch und ein junger Mann, der, um sein Leben zu retten, in Frauenkleider gesteckt wird. Auf dem Sklavenmarkt der Pirateninsel Puerto Blanco wird die Schicksalsgemeinschaft auseinandergerissen. Doch die Fäden des Schicksals der Figuren sind fortan untrennbar miteinander verbunden. Vor allem, da es um die Suche nach einem fluchbeladenen Diamanten geht – und natürlich um Rache.

Seite aus Barracuda 1Es ist schon ungewohnt, dass Barracuda, abgesehen vom Beginn, auf Seefahrerelemente verzichtet. Dadurch kann Dufaux dem Genre aber neue Facetten abgewinnen, die auch nicht sonderlich stark von der historischen Realität abweichen. Natürlich muss man sich vor Augen halten, dass hier der erste Band einer auf drei Teile angelegten Serie vorliegt, so dass man über die letztendliche Qualität noch nichts Abschließendes sagen kann. Aber der erste Eindruck vom Leben und der Gesellschaftsstruktur der Piraten an Land ist gelungen und weitaus bedrohlicher als in dem Mikrokosmos auf einem Schiff.

Ist dort nämlich der Kapitän der alleinige Herrscher, so lauert an Land überall der Schrecken und die Loyalitäten wechseln. Manches wird nur angerissen, aber der Auftaktband dient vor allem dazu, die Figuren einzuführen und in Stellung zu bringen. Manche werden dabei noch vernachlässigt, was aber durchaus zur Spannung beiträgt. Über den jungen Mann, der als angebliches Mädchen gekauft wird, erfährt man praktisch nichts, das gleiche gilt für seinen Käufer. Die anderen Figuren sind schon etwas schärfer umrissen und zwei der zentralen Charaktere werden auch den Auftakt nicht überleben. So wird sich der narrative Fokus der Folgebände wohl auf die drei Kinder richten. Und deren Positionierung wird es erlauben, das künftige Geschehen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten.

Seite aus Barracuda 1Komplett auf Genrezutaten verzichten will der Autor natürlich nicht. Und, wie bei Dufaux üblich, der schöne Schein einer vermeintlichen Südseeromantik trügt. Es geht düster und blutig zu und Newcomer Jeremy liefert zeichnerisch schöne, glatte und gefällige Zeichnungen ab, wobei keine graphischen Experimente gemacht werden. So hält es eigentlich jeder der Zeichner von Dufaux und das ist natürlich ganz in seinem Sinne. Es geht bei ihm fast immer um die schöne Oberfläche, unter der sich vollkommene Verdorbenheit verbirgt. Das ist bei Jessica Blandy so und bei Barracuda ebenso. Man assoziiert die Graphik mit unschuldigen Kindheitsträumen, welche auf der narrativen Ebene mit historisch korrekten Tatsachen kollidieren: Vergewaltigung, Folter, Mord, Suff, Korruption und die vollkommene Abwesenheit jeglicher Moral.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein gelungener Einstieg in eine Piratenserie, welche den narrativen Fokus verschiebt und zunächst die Figuren in Stellung bringt.

 

Barracuda 1 – Sklaven
Ehapa Comic Collection, August 2011
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Jeremy
Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-3498-5
Leseprobe (PDF)

 

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Super – Shut Up Crime!

DVD-Cover „Super“Super – Shut Up, Crime!
USA, 2010
Regie: James Gunn

Hauptdarsteller: Rainn Wilson (Frank D’Arbo/Crimson Bolt), Ellen Page (Libby/Boltie), Liv Tyler (Sarah Helgeland), Kevin Bacon (Jacques), Michael Rooker (Abe)
Länge: 92 min
FSK: 18

Hier klicken fürs Gewinnspiel: Wir verlosen diverse DVD- und Blu-Ray-Editionen von Super!

Filmkritik:
»Reale« Superhelden funktionieren ja eigentlich gar nicht. Keinen Meter. Das Vorkommen von Menschen mit echten Superkräften ist bis jetzt noch nicht beweiskräftig belegt worden; und Typen, die sich tatsächlich Kostüme anziehen, um nächtens »das Böse« zu bekämpfen, sind mehrheitlich eher peinlich oder in psychiatrischer Behandlung. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist eine der weitest verbreiteten Fanboyfantasien die »Was wäre, wenn es wirklich Superhelden geben würde?«-Nummer. Wobei das Problem dabei ja nicht ist, was dann wäre und wie die Kräfte dieser Helden funktionieren sollten, sondern wen denn diese Helden aus welchem Grund bekämpfen sollten. »Das Böse«, soviel ist mal sicher, existiert nicht. Zumindest nicht in einer ganz bestimmten Form, Organisation oder Person. Obwohl es immer wieder Personen und Interessengruppen gibt, die der Menschheit vermitteln wollen, es gäbe eben jenes Böse und sie wüssten auch, was man dagegen tun kann.

Szene aus „Super“Und so sucht sich der »reale« Superheld in den drei zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienenen Filmen (Defendor, Kick-Ass und Super) auch jeweils seinen Gegner selbst. Wobei Woody Harrelsons »Arthur Poppington« in Defendor (übrigens ein sehr sehenswerter Film und eine großartige schauspielerische Leistung auf – nicht nur – Harrelsons Seite) ganz offensichtlich ein mentales Handicap hat, und »Dave Lizewski« in Kick-Ass tatsächlich verstärkte Kräfte bekommt, wir also irgendwann in einem echten Superheldenfilm landen. Super geht einen anderen Weg. Frank D’Arbo (Rainn Wilson), der »Held« in Super, wirft sich hauptsächlich in das Kostüm des Crimson Bolt, um seine Frau wiederzubekommen. Zumindest glaubt er das. Dass die Dinge sich anders entwickeln, macht den Film umso interessanter. Aber der Reihe nach.

ACHTUNG, AB HIER ENTHÄLT DER TEXT LEICHTE SPOILER.

Frittenkoch Frank D’Arbo hat, so erzählt er uns am Anfang des Filmes, genau zwei perfekte Momente in seinem Leben gehabt: die Heirat mit der Ex-Drogenabhängigen Sarah (Liv Tyler), und das eine, kurze Mal, als er einem Polizisten sagen konnte, in welche Richtung ein Dieb wegrannte. Das aus »Heirat mit Ex-Drogenabhängiger« nichts werden kann, ahnen wir schon, und tatsächlich verlässt Sarah Frank für den Drogendealer/Stripclubbesitzer/Bad Guy Jacques (Kevin Bacon). Frank möchte Sarah wieder zurück, aber gegen Jacques und dessen Bodyguards hat er keine Chance. So weit, so normal. Aber jetzt beginnt Regisseur und Drehbuchautor James Gunn an den Reglern zu drehen: Frank hat eine Vision. Und beileibe nicht irgendeine, Frank erlebt einen Mindfuck der besonderen Sorte, in dem sich Szenen des Tentakelpornanimes La Blue Girl mit den Figuren aus The Holy Avenger (einer Gunn’schen Parodie auf die christliche Superheldenserie Bibleman) vermengen, sein Gehirn freigelegt und vom Finger Gottes (!) berührt wird. Der Holy Avenger (Nathan Fillion) zeigt Frank das Zeichen des Crimson Bolt und sagt ihm, dass Gott ihn erwählt habe: »Some of His children are chosen.« Und Frank, der bis dahin keinerlei Berührungspunkte mit Superhelden hatte, geht in den nächsten Comicladen, um zu recherchieren, wie man einer wird. So ganz ohne Kräfte. Die Comicladenangestellte Libby (Ellen Page) berät ihn dabei, kommt aber auch ziemlich schnell darauf, was Frank vorhat. Spätestens, als er, nach dem Versuch, Sarah aus Jacques’ Anwesen zu befreien, angeschossen bei ihr auftaucht. Sie überredet ihn, sein Sidekick, Boltie, zu werden. Gemeinsam greifen sie Jacques an. Sarah kommt frei. Frank bekommt viele neue perfekte Momente.

Szene aus „Super“Das hört sich nach einer stinknormalen Wannabe-Superherostory an. Aber James Gunn kommt aus einer komplett anderen Tradition des Filmemachens. Er hat seine ersten Erfahrungen bei Lloyd Kaufmans Ultra-Low-Budget-Firma TROMA gemacht, für die er das Drehbuch zu Tromeo And Juliet schrieb (und Teile des Films inszenierte). Danach kennt man von ihm die Drehbücher zu den beiden Scooby Doo Live-Action-Filmen (die für das, was sie tun sollten, recht unterhaltsam waren), und des Remakes von Dawn Of The Dead (allerdings hier von Michael Tolkin und Scott Frank überarbeitet). Und seine erste eigene Regiearbeit, Slither, war ein fröhlicher Rückfall in 80er-Jahre-Creature-Horrorfilme. Ein echter Superheldenfilm war nach all dem kaum erwartbar. Und Super ist – zum Glück – eigentlich auch gar kein solcher. Gunn benutzt die Haut des Superhelden, um die innere Zerrissenheit seines Protagonisten umso stärker sichtbar zu machen. Ein Ideal, das kaum je erreicht werden kann und kaum je durchdacht wurde. Das selbstgebastelt ist, so wie Franks Superheldenkostüm zusammengeschustert aussieht. Super ist damit, mit seinen jähen Gewaltexzessen und seiner kompletten Dekonstruktion des »Helden«, näher an Taxi Driver als an Superman/Green Lantern/Wolverine. Frank strengt sich an, ein »guter« Held zu sein. Er möchte die Guten schützen und die Bösen bestrafen. Nur bieten Superhelden hauptsächlich Gewalt als Konfliktlösungsmittel an, und so besorgt sich Frank eine dicke Rohrzange als »Verteidigungsmittel«, hauptsächlich, weil er damit im Test eine mit einem Gesicht versehene Melone schnell und einfach zermatschen konnte. Dass Konfliktlösung damit zu einem schmerzhaften Prozess werden könnte, ist uns nicht nur klar, sondern wird dann auch sofort gezeigt; als nämlich Frank (nachdem er sich im Auto in sein Kostüm gewergelt hat) einen großmäuligen Vordrängler an der Kinokasse für sein Vergehen bestraft. Gunn weiß, dass wir Vordränglern die Pest wünschen. Wir wollen, dass der Drängler seine »gerechte« Strafe bekommt. Wir freuen uns schon drauf. Aber Gunn lässt Frank so zuschlagen, dass der Schädel des Mannes aufbricht, und er bleibt mit der Kamera an dem plötzlich zum Opfer gewordenen Drängler dran; er vertreibt unsere Freude an der Bestrafung durch die Präsentation ihrer Auswirkungen. Und hinterfragt damit, und mit anderen plötzlichen Stimmungswechseln, unsere Position zu Franks Handlungen immer wieder aufs Neue.

Szene aus „Super“Für Frank scheint die Gewalt ein notwendiges Übel zu sein, wenn er sie denn überhaupt reflektiert. Dass das Böse bestraft werden muss, ist für ihn klar, die Angemessenheit der Mittel ist zweitrangig. Für Libby hingegen wird die Gewalt zum Zweck des ganzen Superheldendaseins, sie schwelgt in ihr, ist von ihr in höchstem Maße erregt. So sehr, dass schon das erste Vergehen, das Crimson Bolt und Boltie bestrafen, von ihr erfunden ist, um endlich jemanden verprügeln zu können. Und Gunn steigert die Hassliebe zwischen Spaß und Gewalt immer weiter, bis am Ende des Films Gangster getötet werden, während die BIFF! BAM! POW!s der alten Batman TV-Serie als Animation um sie herum erscheinen. Am Ende des Films wird Jacques Frank sagen, dass er nicht anders sei als die »Bösen«. Dass er genausogut auf der anderen Seite stehen könnte. Und Frank wird ihm antworten, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht tut. Menschen drogenabhängig zu machen, Kinder missbrauchen, sich an der Kinokasse vordrängeln. »The rules were set a long time ago! They don’t change!« Beide haben recht. Und beide liegen total falsch. Gunn gibt keine Antwort darauf, wie denn alles besser gehen könnte, wer moralisch besser dasteht. Dazu muss der Zuschauer selbst Stellung nehmen. Und auch Frank bietet keine große Hilfe: zum Schluss ist er wieder »normal«. Und hat mehr perfekte Momente. Fast schon zu viele.

Die Besetzung des Films ist großartig. Rainn Wilson trägt mit Frank den gesamten Film, oszillierend zwischen anämischer Lethargie und unbändiger Wut. Frank könnte als dumm oder naiv gespielt werden, aber Wilson spielt ihn einfach. Un-besonders. Gesteigert normal. Und sehr einsam. Ellen Page gibt Libby eine körperliche Hilflosigkeit im normalen Leben, die durch ihr Superheldenkostüm noch gesteigert wird. Als sie Frank Bolties Kostüm präsentiert, versucht sie die unmöglichen Coverposen von Superheldinnen einzunehmen, was schrecklich gut und furchtbar peinlich ist. Libby ist allein vom Gedanken, Superheldin zu sein, sexuell schwerst erregt, tatsächlich fällt sie im Verlauf des Films im Kostüm über den sich wehrenden Frank her, eine hilflose Sexszene, die die Beziehungen zwischen Superhelden und unsere Fantasien dazu nochmals von einer ganz anderen Seite beleuchten. Und wir würden den beiden eine »echte« Beziehung gönnen. In einer der schönsten Szenen des Films stellen Frank und Libby fest, dass das normale Leben der Superhelden, das in ihrer Geheimidentität, »zwischen den Panels« stattfindet. Und Libby hofft, dass sie beide jetzt eben zwischen den Panels sind. Außerhalb des Comics. Aber beide kommen nicht aus den Restriktionen ihres Genres heraus.

Szene aus „Super“Dazu kommen großartige Leistungen von Kevin Bacon (als ein Böser, der versucht, so nett wie möglich zu sein, falls das geht), Gregg Henry, Michael Rooker, Andre Royo und Nathan Fillion. Liv Tyler bleibt etwas farblos, aber ihre Rolle ist auch nicht anders angelegt.

Koch Media bietet die DVD/Blu-Ray als Single-Disc-Normalversion und als 2-Disc-Mediabook an. Das Mediabook ist sehr zu empfehlen. Außer dem Regiekommentar, der auch auf der Single Disc zu finden ist, gibt es hier noch eine Menge (über drei Stunden) Bonusmaterial mit Making-Ofs, Mitschnitten von Presseauftritten und einem Besuch von James Gunn im Berliner Comicladen Grober Unfug, der hauptsächlich für Nicht-Comicleser Einiges an Erhellendem bringt – und Comiclesern zeigt, dass Gunn sich tatsächlich auskennt. Dazu kommt ein 16-seitiges Booklet mit einem »Reprint« des Holy Avenger Comics (im Stil angelehnt an Fletcher Hanks‘ Stardust The Super Wizard) sowie sämtliche der sehr unterhaltsamen Episoden von Gunns Webserie PG Porn (»For people who love everything about porn …except the sex«). Ein passenderes DVD-Cover wäre wünschenswert gewesen, aber man kann ja nun mal nicht alles haben.

Super ist kein Film für jedermann. Und er versucht es auch gar nicht zu sein. Wer mit Gunns Erzählweise und Sensibilitäten zurechtkommt, wird ihn sicher sehr mögen; wer sowas nicht mag, wird ihn wahrscheinlich nicht einmal zu Ende sehen. Ich habe ihn dreimal angesehen. Und werde ihn auch ein viertes Mal anschauen. Volle Punktzahl für Super.

 

Wertung: Zehn von zehn Punkten

 


Offizielle Film-Website (englisch)
Trailer
Wikipedia-Eintrag (deutsch)
Offizielle Facebook-Seite

Videointerview mit James Gunn über Super

 

DVD

Single-Disc-Version: Mediabook:
Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Blu-Ray-Disc

Single-Disc-Version: Mediabook:
Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 Abbildungen © Koch Media

Links der Woche: Mit dem M&M-Publikumspreis und Frauendarstellungen im Comic

Unsere Links der Woche, Ausgabe 8/2012:

 

Max und Moritz-Publikumspreis 2012
Comic-Salon Erlangen
Im Juni wird in Erlangen wieder der Max-und-Moritz-Preis vergeben. 2010 gab es erstmals einen Publikumspreis, damals konnten die Teilnehmer unter allen Comics abstimmen, die von der Jury für die regulären Kategorien nominiert waren. Diesmal wird das Prozedere geändert, dafür wird es etwas komplizierter: Für die endgültige Abstimmung soll die Liste der Jury diesmal um drei weitere Comics ergänzt werden, die das Publikum selbst vorschlagen darf. Die Ermittlung dieser drei Comics erfolgt in zwei Stufen. In Stufe 1 kann jeder seine eigenen Favoriten vorschlagen, aufgeteilt in drei Gruppen. Diese Runde (die noch bis Mittwoch, 29.3. läuft) findet in vier verschiedenen Foren statt: Bei CrossCult und Panini (US-Comics), im Forum des Comic-Salons (Alben/Graphic Novels) und bei Animexx (Manga). Pro Kategorie sollen auf diesem Weg 20 Comics ermittelt werden, über die dann in Runde 2 abgestimmt wird. Die Sieger jeder Kategorie landen dann, zusammen mit den offiziellen Jury-Nominierungen, auf dem endgültigen Wahlzettel.

Lebensfenster
Flausen, Ulf Salzmann
Auch der Webcomic-Preis „Lebensfenster – Der Kurt Schalker-Preis für grafisches Blogen“ wird in Erlangen wieder vergeben. Die Longlist von zehn Nominierten steht bereits fest. Diese Liste wird von einer Jury zu einer Shortlist aus vier Titeln eingedampft, aus der dann der endgültige Sieger gekürt wird.

Rich Burlew Talks About His $1 Million Kickstarter Book Project
Publishers Weekly, Todd Allen
Immer öfter verwenden Comicmacher das Instrument des „Crowdfunding“ zur Finanzierung ihrer Projekte, im amerikanischen Raum meist über die Plattform Kickstarter. Nun hat Rich Burlow, der seit knapp neun Jahren den erfolgreichen Webcomic The Order of the Stick macht, neue Maßstäbe gesetzt: seine Kickstarter-Kampagne zum Nachdruck der vergriffenen Printausgaben von OOTS brachte mehr als 1,2 Millionen US-Dollar zusammen. Der Artikel bei Publishers Weekly erklärt die Zusammenhänge und nennt die Faktoren, die zu diesem enormen Erfolg führen konnten.

SEXYCOMICS2012
ComicsAlliance
In einer zweiwöchigen Artikelreihe beackert ComicsAlliance das weite Feld der Erotik in Comics. Unter anderem werden einzelne Comics und ihre Macher vorgestellt. Besonders empfehlenswert ist David Brothers‘ Artikel Art and Superheroines: When Over-Sexualization Kills the Story. Er vergleicht Wonder Woman-Comics der Zeichner Ed Benes and Cliff Chiang und zeigt, wie unterschiedlich man Superheldinnen zeichnen kann und wie sich das auf den fertigen Comic auswirkt.

She Has No Head! – No, It’s Not Equal
Comics Should Be Good, Kelly Thompson
Kelly Thompson ist genervt: Immer dann, wenn es im Internet um sexistische Darstellung von Frauen in Comics geht, kommt mit großer Sicherheit das Gegenargument: „Die Männer werden doch genauso zu Objekten gemacht und auf ihren Körper reduziert.“ Nein, das ist nicht dasselbe, sagt die Autorin und belegt diese These, indem sie die Darstellung weiblicher Comicfiguren in vier Aspekte teilt: Körperbau, Kleidung, Schönheit und Posen. Sehr lesenswerter Artikel mit zahlreichen Bildbeispielen.