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Interview mit Bodo Birk zum Max-und-Moritz-Preis 2012

Eingang des 14. Comic-Salons 2010Vom 7. bis 10. Juni 2012 findet zum 15. Mal der Internationale Comic-Salon Erlangen statt, die größte und wichtigste Comicveranstaltung Deutschlands. Im Rahmen des Salons wird auch dieses Jahr wieder der Max-und-Moritz-Preis in einer eigenen Gala verliehen.

Die Organisation von Comic-Salon und Max-und-Moritz-Preis liegt in der Obhut Bodo Birks von der Stadt Erlangen (Referat für Kultur, Jugend und Freizeit). Comicgate-Redakteur Marc-Oliver Frisch hat sich mit Birk über den Max-und-Moritz-Preis, die kontrovers diskutierte Vergabe des 2010 eingeführten Max-und-Moritz-Publikumspreises und die Würdigung der Comic-Übersetzer im Rahmen des Preises unterhalten.

Das Gespräch fand Mitte bis Ende März 2012 per E-Mail statt.

 

Bodo Birk. © Kulturprojektbüro der Stadt Erlangen – Foto: Erich Malter, 2009COMICGATE: Herr Birk, können Sie zunächst kurz Ihre Rolle im Rahmen der Vergabe des Preises beschreiben?

BODO BIRK: Der Max-und-Moritz-Preis wird von der Stadt Erlangen verliehen. Für die Erlanger Festivals, also unter anderem für den Internationalen Comic-Salon und somit auch für den Max-und-Moritz-Preis, ist das Kulturprojektbüro der Stadt Erlangen verantwortlich. Konzeption, Planung und Organisation – und damit verbunden auch die Einladung der Juroren – liegen also bei mir und meinem Team. Alle inhaltlichen und konzeptionellen Fragestellungen hinsichtlich des Preises stimmen wir im Vorfeld mit den Mitgliedern der Max-und-Moritz-Jury ab, genauso natürlich mit dem Stifter des Max-und-Moritz-Preises, der Firma Bulls Press, Frankfurt. Daneben gibt es dankenswerterweise eine Reihe weiterer Comicmarkt-Experten, die uns – obwohl sie nicht der Jury angehören – mit ihrem wertvollen Rat zur Seite stehen.

Neben der Verantwortung für Planung und Durchführung des Preises bin ich auch Mitglied der Max-und-Moritz-Jury. In der Jury-Arbeit verstehe ich mich weniger als Comic-Experte – zumindest nicht als ebenbürtig mit Koryphäen wie Helbling, Heinzelmann, Gasser, Knigge oder Platthaus. Ich sehe mich vielmehr als Vertreter der Stadt Erlangen; ich versuche, die Interessen des Internationalen Comic-Salons zu berücksichtigen und – gemeinsam mit Jan Taussig, dem Vertreter von Bulls Press – die Wahrnehmung des Preises in der Öffentlichkeit, seine Entwicklung und Positionierung im Kulturbetrieb im Auge zu haben. Dazu gehört es zum Beispiel, darauf zu achten, dass bestimmte Prinzipien über die Jahre hinweg nicht immer wieder umgeworfen werden und dass – bei allen notwendigen Anpassungen – immer eine konzeptionelle Linie erkennbar bleibt. In diesem Punkt macht es uns die derzeitige Jury aber leicht, die ja in nur leicht veränderten Zusammensetzungen seit Jahren kontinuierlich zusammenarbeitet und dabei – wie ich finde – sehr verantwortungsvoll handelt.

 

COMICGATE: Sie sprechen die Wahrnehmung des Preises und seine Positionierung im Kulturbetrieb an. Können Sie näher darauf eingehen, welche Zielsetzung Sie diesbezüglich verfolgen?

BODO BIRK: Als der Max-und-Moritz-Preis vor beinahe 30 Jahren als erster Comic-Preis im deutschsprachigen Raum ins Leben gerufen wurde, wollte man damit einerseits herausragende Künstler würdigen, andererseits aber auch die verdienstvolle Arbeit der Verlage stärken und unterstützen. Im Vergleich zu den Pionierjahren mag sich die Verlagslandschaft heute im Bereich Comics bis zu einem gewissen Grad etabliert haben, aber wir wissen ja, dass die wenigen, teilweise trotz ihrer Bedeutung sehr kleinen deutschen Comic-Verlage heute immer noch jede Unterstützung gebrauchen können. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, ist es in Deutschland ja immer noch ein großes wirtschaftliches Wagnis, Comics zu publizieren. Insofern hat sich an diesem Ziel des Max-und-Moritz-Preises wenig geändert.

Darüber hinaus ist es von Beginn an ein Anliegen des Preises gewesen, die Auseinandersetzung über qualitative Kriterien zur Beurteilung der Comic-Kunst zu befördern. Auch wenn Comics – respektive Graphic Novels – in den Feuilletons einiger großer deutschsprachiger Zeitungen inzwischen häufig besprochen werden, steckt die Comic-Kritik bei uns insgesamt sicherlich noch in den Kinderschuhen. Ein wichtiger Preis regt immer auch zu Widerspruch und damit zur Diskussion an. Last but not least will der Max-und-Moritz-Preis auch auf die zahlreichen großartigen deutschen Comic-Künstler und in den letzten Jahren verstärkt auf den Comic-Nachwuchs aufmerksam machen. Vor diesem Hintergrund ist die Auszeichnung für die beste studentische Comic-Publikation entstanden.

Diese positiven Effekte kann ein Preis aber nur erzielen, wenn er entsprechend in der Öffentlichkeit ernst genommen wird. Bis vor einigen Jahren war der Max-und-Moritz-Preis zwar in der Comic-Szene ein Begriff, darüber hinaus wurde er aber kaum wahrgenommen. Ich denke, dass wir das in den letzten Jahren verbessern konnten. Inzwischen ist er – trotz seiner relativ bescheidenen Dotierung – als ein wichtiger deutscher Kulturpreis akzeptiert. Prominente Preisträger wie Albert Uderzo und über die Szene hinaus angesehene Juroren – wie zum Beispiel drei Mal in Folge Denis Scheck – haben dabei sehr geholfen. Der Preis und die Preisträger werden heute in erfreulicher Weise von den Medien kommuniziert. Die Bedeutung des Max-und-Moritz-Preises in der breiteren Öffentlichkeit hat man jetzt gerade im Zusammenhang mit dem Tod von Jean Giraud beobachten können. In fast allen Meldungen und Nachrufen wurde der Preis erwähnt.

Durch die hohe Aufmerksamkeit in den Medien empfinden wir aber auch eine große Verantwortung, die deutsche Comic-Landschaft in der Öffentlichkeit entsprechend zu repräsentieren. Die Max-und-Moritz-Jury bemüht sich sehr, in den Nominierungen die Vielfalt der deutschen Comic-Produktion widerzuspiegeln, ohne qualitative Kompromisse einzugehen, und sich in großer Unabhängigkeit auf würdige Preisträger zu einigen, ohne dabei den Markt aus den Augen zu verlieren. Schließlich soll der Max-und-Moritz-Preis ja auch Werbung für die nominierten und ausgezeichneten Titel sein.

 

Die Jury des Max-und-Moritz-Preises 2010COMICGATE: Die Vielfalt des Marktes ohne qualitative Kompromisse widerspiegeln und sich bei gleichzeitiger Beachtung des Marktes unabhängig auf würdige Preisträger einigen – das klingt nach einem Spagat. Können Sie anhand eines konkreten Beispiels aus der Vergangenheit zeigen, wie dieser Ansatz sich auf den Entscheidungsprozess der Jury auswirkt?

BODO BIRK: Natürlich ist das ein Spagat, um nicht zu sagen eine Unmöglichkeit. Ich hatte ja gesagt, dass sich die Jury sehr bemüht, solche Kriterien zu berücksichtigen und nicht, dass es immer gelingt. Und selbstverständlich kann man das nicht anhand eines einzelnen Titels oder Preisträgers nachweisen, sondern wenn, dann nur über Jahre hinweg in der Gesamtheit der Nominierungen und Auszeichnungen. Ohne interne Jury-Angelegenheiten in die Öffentlichkeit tragen zu wollen, können Sie davon ausgehen, dass die Diskussionen, die in der Comic-Szene insgesamt geführt werden – zur Wahrnehmung von Graphic Novels im Gegensatz zu Alben, US-Comics oder Mangas beispielsweise – auch in der Jury-Arbeit ihren Niederschlag finden.

Tatsächlich versucht die Max-und-Moritz-Jury, die Vielfalt der Comic-Kultur in ihren Nominierungen und Auszeichnungen zu berücksichtigen, soweit dies ohne Kompromisse bei der Qualität möglich ist. Mit anderen Worten, wenn zwei Titel von der Jury als qualitativ vergleichbar überzeugend eingeschätzt werden, dann werden wir sicherlich versuchen, die Vielfalt der Nominierungsliste im Auge zu haben. Aber eben nur dann. Und wenn wir glauben, förderungswürdige Tendenzen auf dem Markt zu beobachten, dann können wir versuchen, dies zu unterstützen, wie zum Beispiel vor zwei Jahren mit einem Spezialpreis für besonders verdienstvolle Klassiker-Pflege.

Natürlich hat niemand die Weisheit mit Löffeln gefressen, nicht einmal die Max-und-Moritz-Jury … Aber, was ich mit voller Überzeugung vertreten kann, ist, dass die Max-und-Moritz-Jury keinerlei partikulare Interessen vertritt, weder von Verlagen noch von anderen Gruppen, zu sechs Siebteln nicht einmal des Internationalen Comic-Salons bzw. des Stifters Bulls Press. Die Juroren, die unfasslich viel Zeit in die Jury-Arbeit investieren, obwohl sie alle in ihrem Berufsleben mehr als ausgelastet sind, tun dies, weil sie sich für qualitätsvolle Comics einsetzen wollen, egal aus welchem Genre oder von welchem Verlag.

 

Bodo Birk beim Max-und-Moritz-Preis 2010COMICGATE: Was macht für Sie persönlich als Jury-Mitglied einen qualitativ hochwertigen, preiswürdigen Comic aus? Und gibt es ein Beispiel, das die entsprechenden Eigenschaften für Sie besonders gut verkörpert?

BODO BIRK: Das ist – wie Sie sich wahrscheinlich vorstellen können – genau die Frage, die man nicht nur als Mitglied einer Jury, sondern auch als Veranstalter am meisten fürchtet. Was macht einen guten Comic, einen guten Roman, ein gutes Musikstück oder ein gutes Bild aus … Auch wenn man glaubt, einen einigermaßen verlässlichen Kompass für Qualität entwickelt zu haben, klingen die Antworten einerseits immer irgendwie banal und können andererseits auch jederzeit anhand eines anderen Beispiels widerlegt werden. Gerne werden ja auch immer wieder ausgewiesene Kunstexperten hinters Licht geführt, indem ihnen zum Beispiel Kinderbilder vorgelegt werden. Es ist wahnsinnig schwierig, wenn nicht gar unmöglich, allgemeingültige Kriterien für gute Kunst zu formulieren.

Ich will mich aber nicht um einen Antwort-Versuch drücken: Bei der grafischen Literatur geht es ja immer um so etwas wie ein Gesamtpaket. Bei einem Comic sind bekanntermaßen Form und Inhalt, also Artwork und Geschichte, gleichermaßen wichtig. Wobei ein Comic nicht unbedingt dann als gut gezeichnet gelten sollte, wenn er besonders opulent, besonders detailreich oder besonders naturalistisch ist. Ich finde es wichtig, dass der Stil der Zeichnungen dem Inhalt angemessen ist, dass also die richtige Form für die Geschichte gefunden wird. Noch so gutes Artwork alleine würde mir nicht genügen, wenn ich den Inhalt eines Comics nicht irgendwie relevant fände. Was kein Plädoyer dafür sein soll, dass nur weltbewegende oder besonders schwerwiegende Stoffe Geschichten für Comics bilden sollen. Es gibt schließlich zahlreiche Beispiele für packende Stories, die sich mit vergleichsweise unspektakulären autobiografischen Themen beschäftigen, oder speziellen Genres wie der Kriminalliteratur zuzuordnen sind. Originalität ist in diesem Zusammenhang sicherlich ein wichtiger Faktor.

Natürlich kann ich keine Beispiele aus den aktuellen Comic-Programmen nennen, damit würde ich ja der Jury-Sitzung vorgreifen. In den zurückliegenden Jahren sollten die nominierten Titel diesen Kriterien aber im Großen und Ganzen entsprochen haben. Nehmen wir doch einmal drei Nominierungen von 2010: Bei den Eigenproduktionen hatte Alpha. Directions von Jens Harder gewonnen. Ein Werk, dessen Wagemut und Originalität uns in Verbindung mit einem sehr intelligenten Umgang mit Schöpfungs- und Menschheitsmythen tief beeindruckt hat. Genauso hätte aber auch Barbara Yelins und Peer Meters Gift gewinnen können, eine dramaturgisch raffiniert gebaute und virtuos gezeichnete, aber eher konventionell erzählte Graphic Novel. Nicht weniger begeistert war ich aber auch von Pascal Rabattés Bäche und Flüsse, ein ganz und gar stilles und ungewöhnlich subtil erzähltes Comic-Abenteuer um Liebe im Alter in einem fast schon klassischen frankobelgischen Alben-Stil. Alle drei Titel erfüllen aus meiner Sicht auf ganz unterschiedliche Weise die formulierten Kriterien.

 

Logo Internationaler Comic-Salon ErlangenCOMICGATE: Auch 2012 wird es – bereits zum zweiten Mal nach 2010 – wieder einen Publikumspreis geben. Welche Überlegung steckt hinter dessen Einführung?

BODO BIRK: Zwei verschiedene Überlegungen: Zum einen sind wir schlicht und ergreifend daran interessiert zu erfahren, wie die Leser die Kriterien, über die wir gerade gesprochen haben, im Gegensatz zur … oder besser: im Vergleich mit der Jury einschätzen und gewichten. Auch wenn es aus meiner Sicht keinen Anlass gibt, die Entscheidungen der Juroren aus den letzten Jahren grundsätzlich in Frage zu stellen, kann ein Preis durch eine stärkere Partizipation der Leser und eine noch intensivere öffentliche Diskussion profitieren. Vor zwei Jahren sind wir dafür kritisiert worden, dass wir das Publikum nur über die Titel haben abstimmen lassen, die durch die Max-und-Moritz-Jury nominiert waren. Die Kritiker fühlten sich dadurch bevormundet. Auch wenn es im Kulturbetrieb einige Publikumspreise gibt, bei denen durch eine Jury eine Vorauswahl erfolgt, haben wir uns die Kritik zu Herzen genommen und den Publikumspreis in diesem Jahr weiter demokratisiert, indem wir die User verschiedener Comic-Diskussionsforen ihre eigenen Favoriten haben nominieren lassen.

Zum anderen wollen wir mit der Einführung des Publikumspreises den Max-und-Moritz-Preis noch bekannter machen. Die Vorschlag- und Abstimmungsrunden im Vorfeld der Jury-Sitzung, vor allem aber die breit angelegte Endabstimmung danach, die nicht nur im Internet, sondern auch wieder durch einige Magazine und Tageszeitungen begleitet wird, soll die Spannung noch einmal zusätzlich erhöhen, den Preis länger im Gespräch halten und so die öffentliche Wirksamkeit der Auszeichnung fördern. Und dies wiederum soll den Preis für die ausgezeichneten Künstler und die Verlage noch wertvoller machen. Und darum geht es ja – wie gesagt – im Endeffekt. Insofern ist der Max-und-Moritz-Publikumspreis beides: ein Angebot zur Teilnahme an die Leserschaft und ein Marketinginstrument für die deutsche Comic-Szene.

Aber ich will den Max-und-Moritz-Publikumspreis auch nicht zu sehr in den Vordergrund stellen. Mit dem Sondermann gibt es einen deutschen Comic-Preis, bei dem das Publikum im Mittelpunkt steht. Der Max-und-Moritz-Preis ist und bleibt in erster Linie ein Jury-Preis, bei dem mit der Publikums-Kategorie eine interessante zusätzliche Komponente hinzugekommen ist.

 

COMICGATE: Die ersten beiden Nominierungsrunden in den Diskussionsforen sind mittlerweile abgeschlossen, davon werden es drei Titel auf die finale Nominiertenliste schaffen. Die Mehrheit der Nominierten – etwa 20, heißt es – soll hingegen wieder von der Jury vorgegeben werden. Das scheint ein relativ großer Aufwand für ein relativ geringes Maß an Mitbestimmung des Publikums. Was spräche denn gegen eine Nominiertenliste zum Publikumspreis, die ausschließlich oder überwiegend vom Publikum gewählt wird?

BODO BIRK: Dagegen spräche gar nichts, unsere Entscheidung war eben nur eine andere. Wir wollten dem Max-und-Moritz-Preis eine weitere Komponente hinzufügen und keinen neuen Preis kreieren. Ein vom Max-und-Moritz-Preis abgekoppelter Publikumspreis müsste ja auch anders heißen. Das wäre nicht mit unseren beschriebenen Intentionen, den Max-und-Moritz-Preis zu öffnen und bekannter zu machen, in Einklang zu bringen. Aber natürlich spricht gar nichts gegen eine solche Konzeption eines Publikumspreises und jeder kann einen eigenen Wettbewerb ins Leben rufen. Die Schwierigkeit wird jedoch sein, wie man die große Menge in Frage kommender Vorschläge technisch, organisatorisch und inhaltlich in den Griff bekommt.

Die zentrale Fragestellung bei einem Publikumspreis ist doch die nach der Repräsentativität. Eine Konzeption, wie Sie sie vorschlagen, erweckt den Anschein absoluter Demokratie. Aber – je nachdem, welche Zielgruppen Sie ansprechen – wird das Ergebnis immer wieder anders ausfallen. Und wenn Sie versuchen, einen Preisträger wirklich im ganz breiten Publikum abzufragen, dann werden Sie wahrscheinlich wieder bei Asterix oder den wenigen anderen über die Comic-Szene hinaus bekannten Titeln landen. Aber ist das dann aussagekräftig, wenn die Leser für allseits bekannte Titel abstimmen, weil sie andere gar nicht kennen?

Wir haben uns deshalb dazu entschieden, mit einem vertretbaren Aufwand in den ersten zwei Runden eine Fach-Öffentlichkeit einzubeziehen. Die dritte und entscheidende Runde des Publikumspreises wird dann ja eine breite Öffentlichkeit suchen. Warum es nur ein geringes Maß an Mitbestimmung sein soll, aus voraussichtlich 24 Kandidaten einen Favoriten zu wählen, bleibt mir ein Rätsel. Auch wenn durch das Publikum selbst lediglich drei Titel für den Max-und-Moritz-Preis nominiert werden: Wer sagt denn, dass die Nominierungen der Jury nicht auch potenzielle Publikumspreisträger sind? Ich gehe jedenfalls davon aus, dass sich in den Publikums-Vorschlagslisten der ersten Runde Titel finden, die auch von den Juroren nominiert werden. Aber ich muss noch einmal auf meine letzte Antwort zurückkommen: Der Max-und-Moritz-Preis soll im Kern ein Jury-Preis bleiben, mit einer für einen Jury-Preis relativ stark ausgeprägten Publikums-Komponente. Mir ist jedenfalls kein anderer Jury-Preis bekannt, für den das Publikum nominieren kann.

 

Max-und-Moritz-Preis-MedailleCOMICGATE: Sie sagen, der Max-und-Moritz-Preis könne von einer stärkeren Partizipation der Leser profitieren, an Spannung gewinnen und noch bekannter werden. Ist es da kein Widerspruch, wenn man gleichzeitig gerne vermeiden möchte, dass unliebsame Titel vom Publikum nominiert werden? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, besteht der Reiz eines Publikumspreises doch gerade in dieser Reibung zwischen der Auswahl der fachkundigen Jury einerseits und dem tatsächlichen Geschmack der Leser auf der anderen Seite.

BODO BIRK: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie Sie darauf kommen, dass wir – wie Sie es formulieren – die Nominierung unliebsamer Titel vermeiden wollen. Das Publikum hätte schließlich jeden beliebigen Titel für den Max-und-Moritz-Preis nominieren können. In meiner letzten Antwort hatte ich lediglich gefragt, welche Aussagekraft es hat, wenn das breite Publikum Asterix und Co. für einen Publikumspreis nominieren würde, weil es andere Comics gar nicht kennt. Das ist dann eine Umfrage, welche Comics am bekanntesten sind und nicht, welche den Lesern am besten gefallen. Ersteres mag ja auch nicht uninteressant sein, wird aber schon durch die Verkaufscharts deutlich. Das ist der Grund, weshalb wir uns beim Publikumspreis des Max-und-Moritz-Preises für eine Nominierungsrunde an die sachkundige Zielgruppe der Foren-Nutzer gewandt haben.

Noch einmal zur Verdeutlichung: Alle anderen Formen von Publikumspreisen haben natürlich auch ihre Berechtigung. Zum Max-und-Moritz-Preis passen sie aber aus unserer Sicht weniger. Man muss auch den Kontext betrachten: Der Max-und-Moritz-Preis ist Bestandteil des Internationalen Comic-Salons, eines Festivals, das in seinem Programm – bei aller Bereitschaft, das Massenmedium Comic ernst zu nehmen und zu berücksichtigen – einen kulturellen Fokus hat. Der Publikumspreis der Berlinale beispielsweise wird ja auch nicht an Avatar verliehen. Das heißt doch aber nicht, dass man das große Hollywood-Kino nicht respektieren, vielleicht nicht sogar mögen würde.

Wenn Sie von der Reibung zwischen der Auswahl der Jury und dem tatsächlichen Geschmack der Leser sprechen, haben Sie mich nicht ganz richtig verstanden. Ich denke nicht, dass wir neue Gegensätze aufmachen sollten und schon gar nicht innerhalb eines einzigen Preises. Denn der Max-und-Moritz-Publikumspreis ist ja eben keine neue eigenständige Auszeichnung, sondern eine Kategorie des bestehenden Max-und-Moritz-Preises. Wir sehen darin – wie gesagt – eine interessante Ergänzung und spannende neue Komponente, keinen Wettstreit zwischen Mainstream und Hochkultur.

 

Die Moderatoren Denis Scheck (rechts) und Hella von Sinnen im Gespräch mit Ralf König beim Max-und-Moritz-Preis 2010COMICGATE: Als vor zwei Jahren der Preis in der Kategorie „Beste Comic-Publikation International“ vergeben wurde, sprach Denis Scheck in seiner Moderation zwar zunächst die besondere Leistung der Übersetzer an, der Name des entsprechenden Kollegen fiel dann aber leider gar nicht, was ich sehr schade fand. Gab oder gibt es Überlegungen, im Rahmen des Max-und-Moritz-Preises künftig auch die Arbeit der Übersetzer durch eine eigene Preiskategorie zu würdigen? Immerhin sind es ihre Texte, die die deutschsprachigen Leser bei Lizenztiteln aus dem Ausland zu lesen bekommen. (Offenlegung: Ich bin selbst auch Comic-Übersetzer.)

BODO BIRK: Wir sollten Denis Scheck keine Ignoranz unterstellen, ich denke es war ein Versehen, dass er im Eifer des Gefechts vergessen hat, den Namen zu nennen. Schließlich ist er ja auch selbst als Übersetzer tätig, bei Alison Bechdels Fun Home gemeinsam mit Sabine Küchler sogar als Comic-Übersetzer. Beim Übersetzer von Pinocchio [Gewinner des Preises in der angesprochenen Kategorie im Jahr 2010 –die Red.] handelte es sich um den im vergangenen Jahr verstorbenen Kai Wilksen. Er war einer der besten deutschen Comic-Übersetzer aus dem Französischen.

Sie rennen im Hinblick auf die Würdigung von Übersetzerleistungen bei uns wirklich offene Türen ein. Im Rahmen des Erlanger Poetenfests veranstalten wir seit 2004 jedes Jahr die „Erlanger Übersetzerwerkstatt“, die sich auch schon einmal dem Thema Comic-Übersetzung gewidmet hat. Außerdem vergeben wir – auch im Rahmen des Erlanger Poetenfests – alle zwei Jahre den „Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung“.

Dass die Übersetzung von Comics bislang nicht ausreichend gewürdigt wird, hat uns gerade in der letzten Sitzung der Max-und-Moritz-Jury sehr beschäftigt. Da sind aber auch die Verlage gefragt. Die speziellen Probleme der Comic-Übersetzung sind noch viel zu wenig bekannt. Viele denken wahrscheinlich: na ja, das bisschen Text … Die besonderen Herausforderungen, die sich aus dem Text-Bild-Verhältnis ergeben, die formalen Einschränkungen durch die Sprechblasen, typografische Feinheiten, Texte in Bildern, Soundwords usw. – das alles ist von der Komplexität her mit der Übersetzung von Lyrik vergleichbar. Wir haben uns in der Max-und-Moritz-Jury deshalb vorgenommen, das Thema Comic-Übersetzung zukünftig verstärkt im Auge zu haben. Ob das gleich zu einer eigenen Kategorie führen muss, sollten wir erst einmal abwarten.

 

COMICGATE: Sie sagen, die Verlage sind gefragt. In welcher Hinsicht genau? Ihre Ausführungen lassen durchblicken, dass Sie in der Qualität vieler Comic-Übersetzungen noch großen Nachholbedarf sehen. Täuscht dieser Eindruck?

BODO BIRK: So weit würde ich nicht gehen, dazu habe ich mich doch noch zu wenig mit der Thematik beschäftigt. Ich würde eher sagen, dass es – bei aller Schwankungsbreite – offensichtlich eine große Zahl sehr ordentlicher bis exzellenter Comic-Übersetzungen in Deutschland gibt, schließlich ist die Qualität der Übersetzung ein wesentlicher Faktor für den Erfolg eines internationalen Comics. Die Verlage könnten das meiner Meinung nach deutlicher herausstellen und die Übersetzer stärker würdigen, nicht nur was die Honorare anbelangt … Häufig sind ihre Namen nur im Kleingedruckten des Impressums zu finden, bei einigen Websites von Comic-Verlagen fehlen die Übersetzer-Angaben ganz. Das ist im klassischen Literaturbetrieb anders.

Sie haben mit ihrer vorangegangenen Frage nach einer Übersetzer-Kategorie beim Max-und-Moritz-Preis sicherlich insofern Recht, als dass eine angemessene Würdigung der Comic-Übersetzung erst einmal eine entsprechende kritische Auseinandersetzung voraussetzt. Da sind wir – glaube ich – obwohl es ja so mythische Comic-Übersetzer-Persönlichkeiten wie Erika Fuchs und Gudrun Penndorf gibt, noch ganz am Anfang. Im November diesen Jahres wird Andreas Platthaus gemeinsam mit Stefan Pannor am renommierten Europäischen Übersetzer-Kolleg in Straelen ein mehrtägiges Seminar zum Thema „Comic übersetzen“ moderieren. Das wird bestimmt ein bedeutender Schritt.

[Nachtrag: Comicjournalist Stefan Pannor machte sich am selben Tag Gedanken zur Konsistenz der Juryzusammensetzung und der möglichen Auswirkungen.]


Abbildungen: Foto 1 von Bodo Birk © Kulturprojektbüro der Stadt Erlangen – Foto: Erich Malter, 2009

Restliche Fotos © Frauke Pfeiffer/Comicgate

Frisch aus der Druckerei: Februar 2012

Huch, der März ist fast vorbei, aber wir sind euch noch die Novitäten des Februars schuldig! Nun denn, in letzter Minute: Unser Rückblick auf die interessantesten und wichtigsten Comic-Neuheiten des Vormonats.

HIGHLIGHT DES MONATS

SticheDer aus Detroit stammende David Small arbeitet hauptsächlich als Kinderbuchillustrator. 2009 erschien sein autobiographischer Comic Stitches, in dem er die Leidensgeschichte seiner Kindheit und Jugend in den Fünfziger Jahren erzählte. Small litt als Jugendlicher an Kehlkopfkrebs – was man ihm aber nicht sagte –, der auf ziemlich rabiate Weise behandelt wurde. In den USA erhielt das Buch viel Lob, wurde für diverse Preise nominiert und stand auf zahlreichen Bestenlisten. Die deutsche Ausgabe, Stiche, erschien nun beim Carlsen Verlag. Einen ausführlichen Auszug des Originals kann man hier lesen.

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EIGENPRODUKTIONEN

Es ist vielleicht der ungewöhnlichste deutschsprachige Webcomic, auf jeden Fall einer der skurrilsten und, wenn man absurden Humor mag, einer der witzigsten: Die Rede ist von Robin Vehrs‘ Enjambements. Mit MS Paint krakelig gezeichnete Episoden aus schrägen Alltagsbeobachtungen mit brillanten Dialogen. Einen Teil davon gibt es nun endlich gedruckt beim Zwerchfell Verlag unter dem Titel Western Touch. Wer mag, kann hier dem Autor beim Kaffeekochen und Meloneessen zusehen:

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Ebenfalls bei Zwerchfell erschien ein Comic des Schweizer Zeichners Walter Pfenninger, der auf historischen Ereignissen basiert: Feindgebiet erzählt als „Doku-Comic“ eine Geschichte aus dem Kalten Krieg – es geht um Francis Gary Powers, einen US-Piloten, der für die CIA Spionageflüge über der Sowjetunion machte, bis er 1960 von den Sowjets abgeschossen, und als Spion verurteilt wurde. Das Buch erschien passend zum 10. Jahrestag des Gefangenenaustauschs, bei dem Powers im Tausch gegen einen sowjetischen Spion freigelassen wurde. Ein paar Infos und Kostproben gibt’s auf agententausch.blogspot.de.

BlutrotkäppchenDavid Füleki gehört seit langem zu den umtriebigsten und originellsten Zeichnern im weiten Feld zwischen Manga und Comic. Vom Verlag Tokyopop wurde ihm im letzten Jahr die Webseite Manga Madness spendiert, der gleiche Name soll auch als Label für Fülekis künftige Print-Veröffentlichungen bei Tokyopop dienen. Den Auftakt dieser Reihe macht Blutrotkäppchen, eine sehr freie Adaption des berühmten Märchens, featuring Fülekis verrückte Eigenkreation Entoman. Der Comic erschien ursprünglich als Webcomic auf dem kurzlebigen Portal Comicstars, 2010 gab es dann eine erweiterte Druckversion beim Kleinverlag Delfinium Prints, die 2011 beim ICOM Independet Preis eine lobende Erwähnung bekam. Nun also die Volksausgabe von Tokyopop zum lächerlichen Preis von 5 Euro. Hier eine Leseprobe.

David Bollers Eigenverlag Zampano veröffentlichte im Februar Teil 1 der Printversion von Aïr, das zuvor schon als Webcomic und in Comix zu lesen war. Eine fiktive Geschichte vor realem Hintergrund, nämlich den Aufständen des Wüstenvolks der Tuareg im Niger. Ein Special bei Splashcomics bietet weitere Infos und ein Interview mit dem Autor und Zeichner.

Das InfernoMichael Meier (Die Menschenfabrik) hat ein knappes Jahr lang für die Frankfurter Rundschau den Fortsetzungsstrip Das Inferno gezeichnet, eine freie Adaption von Dantes Göttlicher Komödie „in wunderschönen, an modernistische Sixties-Poster erinnernden Bildern“ (Moritz Honert im Tagesspiegel). In dem von ihm mitbegründeten Kleinverlag Rotopolpress gibt es nun die gesammelte Ausgabe zum Am-Stück-Lesen. Eine hübsch gemachte Vorschau ist hier zu finden.

Yuko Ichimura, Illustratorin und Werbefilmerin aus Tokio, führte seit der Tsunami- und Erdbebenkatastrophe vom 11. März 2011 ein halbes Jahr lang ein illustriertes Tagebuch für die Website des Süddeutsche Zeitung Magazins. In einer Mischung aus Texten, Skizzen und kurzen Comicsequenzen berichtete sie vom Leben danach, vom japanischen Alltag nach einer historischen Zäsur. Der Carlsen Verlag hat 3/11 – Tagebuch nach Fukushima nun als Buch veröffentlicht. Hier ein Interview mit der Künstlerin.

Die Winnetou-Comics von Helmut Nickel dürfen spätestens seit der großen Ausstellung beim letzten Comicfestival in München als ein deutscher Comic-Klassiker gelten. Beim Verlag Comicplus+ erscheint jetzt ein Nachdruck dieser Comics aus den frühen Sechziger Jahren nun in einer angemessen edlen, aber streng limitierten zweibändigen Gesamtausgabe im Look der klassischen Karl-May-Romane. Mehr dazu hier.

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AUS ALLER WELT

Die Süddeutsche Zeitung Bibliothek – Graphic Novels geht in die zweite Runde: Weitere zehn Titel zu einem relativ günstigen Preis im Hardcover, die ersten fünf kamen im Februar in die Läden. Anders als die erste Staffel, in der fast nur dokumentarische und biografische Stoffe vertreten waren, sind diesmal mehr fiktive Comics dabei, u.a. auch ein Band aus Neil Gaimans Sandman-Reihe oder Gott höchstselbst von Marc-Antoine Mathieu. Einen Überblick über die gesamte Edition findet man hier.

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AUS TSCHECHIEN

Alois NebelComics aus Tschechien dürften bislang auch eher eine Rarität auf dem hiesigen Markt sein. Alois Nebel war im Nachbarland ein erfolgreicher Bestseller, der auch als Theaterstück adaptiert und als Zeichentrickfilm verfilmt wurde. Im Original erschienen drei Alben zwischen 2003 und 2005, diese gibt es nun in einem Band auf Deutsch. Autor Jaroslav Rudiš ist vor allem als Romanschriftsteller bekannt, während Zeichner Jaromír 99 auch als Sänger einer Punkband aktiv ist. Die titelgebende Hauptfigur des Comics ist ein Bahnwärter mit deutschen und tschechischen Wurzeln, dem in seinen Albträumen die bewegte deutsch-tschechische Geschichte begegnet, als 1989 der Eiserne Vorhang fällt. Klingt erstmal sehr anstrengend, soll aber von einem schrulllig-kauzigen Humor getragen werden, der Nebel in Tschechien zur Kultfigur gemacht hat. Der (bislang nicht mit Comics auffällig gewordene) Verlag Voland & Quist hat diesem Buch auch eine schicke Website spendiert, und eine Leseprobe gibt es hier.

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AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Das Zeichen des Mondes von Enrique Bonet ist eine Art düster-poetisches Märchen um ein Mädchen, das vom Mond fasziniert ist. Der spanische Zeichner José Luis Munuera, der zusammen mit Joann Sfar den Kindercomic Merlin gemacht hat, bringt die Geschichte in einem schwungvoll-modernen Strich in Schwarz-Weiß (das vereinzelt mit Rottönen ergänzt wird) zu Papier. Ein paar Seiten aus der französischen Ausgabe sind hier zu sehen.

Omni VisibilisEin Comic von Lewis Trondheim, der mal nicht bei seinem deutschen „Hausverlag“ Reprodukt, sondern bei Salleck Publications erscheint: Bei Omni-Visibilis stammt „nur“ das Szenario von Trondheim, gezeichnet hat ihn Matthieu Bonhomme (Der Marquis von Anaon). Eine Was-wäre-wenn-Geschichte um einen Mann, der eines Tages aufwacht und feststellt, dass alle Welt seine Empfindungen teilt: Jeder sieht, was er sieht, hört, was er hört, und spürt, was er spürt. Klingt nach einem grausamen Spaß (Französische Leseprobe bei Dupuis).

Mezek (ebenfalls bei Salleck) gehört zum Genre der Fliegercomics. Das Album von Zeichner André Juillard und Autor Yann handelt von jüdischen Piloten, die nach dem Zweiten Weltkrieg vom neugegründeten Staat Israel als Söldner angeworben wurden, weil es zu wenig einheimische Flieger gab. Hier gibt’s Auszüge auf Französisch.

Bei der Ehapa Comic Collection gab’s wieder eine gesammelte Albenreihe im „All in One“-Format: Galfalek von Jean-Charles Gaudin (Marlysa) und Franck Biancarelli ist eine Fantasygeschichte um einen verbannten Söldner, der mit Hilfe eines magischen Handschuhs, der ihm besondere Kräfte verleiht, Rache an seinem Herrn nehmen will (PDF-Leseprobe). 

In der StrafkolonieKnesebeck macht weiter mit Comicadaptionen von literarischen Vorlagen: In der Strafkolonie basiert auf Franz Kafkas Erzählung von 1914, in der ein Mann auf eine Insel kommt, auf der Verurteilte hingerichtet und gefoltert werden. Düsterer Stoff, umgesetzt von Sylvain Ricard und Zeichner Maël (Leseprobe). Und dann gabs keines mehr ist nach Tod auf dem Nil die zweite Agatha-Christie-Adaption von François Rivière, diesmal sehr old-school gezeichnet von Frank Leclercq. Der Krimi, in dem eine Gesellschaft von 10 Personen auf einer einsamen Insel nach und nach dezimiert werden, war früher bekannt unter dem Titel Zehn kleine Negerlein und steht laut Wikipedia auf der Liste der meistverkauften Bücher der Welt (Leseprobe).

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AUS DEN USA

David Petersens von Mäusen bevölkerte Fantasywelt wird um eine Nebenreihe bereichert: Mouse Guard: Legenden der Wächter ist im Prinzip eine Kurzgeschichtenanthologie. Verschiedene, zum Teil sehr prominente Zeichner (u.a. Guy Davis, Ted Naifeh und Terry Moore) erzählen kleine Mäusemärchen, die durch eine Rahmenhandlung von Petersen zusammengehalten werden. Eine Kostprobe gibt’s beim Verlag, unsere Rezension steht hier.

Powers 1Ein erfreuliches Comeback: Powers ist wieder da! Nach einem nicht sehr erfolgreichen Versuch (zusammen mit Savage Dragon in Hit Comics) vor einigen Jahren bringt Panini die Serie nun in der bewährten Form von Sammelbänden. Autor Brian Michael Bendis startete die Reihe im Jahr 2000, noch vor seinem Aufstieg als vielbeschäftigter Marvel-Schreiber. Zusammen mit Zeichner Michael Avon Oeming schuf er einen originellen, mal düsteren, mal humorvollen Mix aus Superhelden- und Krimicomic, in dem ein Polizistenduo Mordfälle aufklärt, die mit Superhelden zu tun haben. Bei myComics kann man reinlesen.

John Arcudi kennt man bisher vor allem als Co-Autor von Mike Mignola bei B.U.A.P. – 2010 erschien bei DCs Wildstorm-Label seine Graphic Novel A God Somewhere, gezeichnet von Peter Snejbjerg, die nun bei Panini auch auf Deutsch herauskam. Es geht um Superkräfte, aber etwas anders als üblich: Hauptfigur Eric bekommt eines Tages übermenschliche Kräfte, die er zunächst auch für gute Werke einsetzt – aber dann in einen üblen, finsteren Albtraum abgleitet (Leseprobe)

Hellblazer – Garth Ennis Collection 1Die Preacher-Gesamtausgabe von Panini ist abgeschlossen, aber wir werden weiter mit guten, klassischen Comics von Garth Ennis versorgt. Sein langer Run an Hellblazer aus den frühen Neunziger Jahren legte den Grundstein zu Ennis‘ Karriere und gehört nicht nur zu den besten Comics der langlebigen Vertigo-Serie, sondern auch zum Besten, was der Ire je geschrieben hat. Auch hier arbeitete er schon mit Zeichner Steve Dillon zusammen. Band 1 der Hardcover-Reihe Hellblazer: Garth Ennis Collection enthält die ersten neun US-Hefte aus Ennis‘ Feder (Leseprobe bei myComics).

Der US-Verlag Zenescope Entertainment ist seit Jahren erstaunlich erfolgreich mit seiner Reihe Grimm Fairy Tales, in der auf ziemlich uninspirierte Art und Weise klassische Märchen als Horrorstories neu erzählt werden. Das simple Schema „viel Blut, viel Gewalt und viele sexy Pin-Up-Figuren“ (siehe auch Wonderland) kann nun auch auf Deutsch bestaunt werden. Panini beginnt mit dem Band Grimm Fairy Tales: Mythen & Legenden, dessen Story lose auf Rotkäppchen basiert. Bei amazon.com kann man etliche Seiten aus der US-Ausgabe ansehen.

Ein uralter, immer wieder gerne betriebener Sport in amerikanischen Superheldencomics: Das Neuerzählen der Herkunftsgeschichte eines Helden. 2009 war es für Superman mal wieder soweit, Geoff Johns und Gary Frank zäumten in Superman: Secret Origin noch einmal die Historie des Ur-Superhelden auf, erzählt aus der Perspektive von Supermans Alter Ego Clark Kent. Bei uns erhältlich im Sammelband DC Premium 77, Kapitel 1 steht bei myComics online.

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AUS ASIEN

Gate 7 heißt die neue Serie vom erfolgreichen Künstlerkollektiv CLAMP, die bei EMA erscheint. Die Story spielt in der Welt der Träume, wo die Traumwesen versuchen, die Wünsche der träumenden Menschen zu kontrollieren. Die Hauptfigur ist eine Schülerin, der es gelingt, in ihre eigene Traumwelt hinüberzuwechseln.

Während die Serie Ga-Rei – Monster in Ketten von Hajime Segawa bei Tokyopop noch läuft, bringt der Verlag parallel auch gleich die Nachfolgeserie Tokyo ESP und rückt damit näher an den Veröffentlichungstermin des Originals in Japan heran (ein Trend, der sich voraussichtlich in nächster Zeit noch verstärken wird). Wie Ga-Rei erscheint auch Tokyo ESP in dicken „2 in 1“-Doppelbänden. Die Mystery-Story dreht sich um eine Schülerin, die sich eines Tages plötzlich durch festes Material bewegen kann. Hier kann man probelesen.

Talisman HimariPlanet Manga startete im Februar gleich vier neue Manga-Serien, alle mit mehr oder weniger erotischem Inhalt: der Boys-Love-Zweiteiler Liebe braucht keine Worte von Nase Yamato, Talisman Himari von Matra Milan, eine „Fantasy-Sex-Komödie“ (hier eine Leseprobe), sowie gleich zwei Reihen von Ryuta Amazume (Nana & Kaoru – Fesselnde Liebe): Die Traumfrau, laut Verlag eine „Mysterious Love Comedy“ und Ryuta Amazume präsentiert, eine Serie von Einzelgeschichten. Der erste Band, den man hier anlesen kann, heißt „Liebe ohne Deadline“. Genau mein Motto für diese Kolumne. Bis zum nächsten Monat!

Existenzen und andere Abgründe

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existenzen1Yoshihiro Tatsumi gilt als einer der ganz großen Mangaka. Umso erstaunlicher ist es, dass jetzt mit Existenzen und andere Abgründe bei Carlsen erstmals Material des Altmeisters in Deutschland veröffentlicht wird.

In den Fünfziger Jahren entwickelte er für seine Art des Comics den Begriff „Gekiga“, was so viel heißt wie „dramatische Bilder“ und eine deutliche Abgrenzung gegenüber der damals vorherrschenden Erwartung sein sollte, dass Comics immer komisch sein müssen. Im Vorwort übersetzt Stefan Pannor den Begriff als „das ernste Bild“.

Tatsumis 13 Geschichten, die im vorliegenden Band zum Abdruck kommen, sind jedoch mehr als nur ernst. Wie der Titel andeutet, geht es um Existenzielles, etwa um das Leben als Obdachloser oder die Wirren des Zweiten Weltkrieges. Der Autor lässt sehr tief in die Seele seiner Figuren blicken – dass dabei menschliche Abgründe zum Vorschein kommen, bleibt da natürlich nicht aus.

Die Hure, die sich Soldaten anbietet, der Sohn, der den Vater herausfordert, ein Mann, der eine Meerjungfrau zu lieben glaubt. Es sind beängstigende Szenarien, die Tatsumi entwirft. Die besondere Tragik, die diese Sammlung umgibt, resultiert zweifelsfrei auch aus der Kürze der Erzählungen heraus. Diese wurden in so knapper Form aufbereitet, dass sie den Leser zwingen, sich in ganz wenigen Panels mit den handelnden Personen vertraut zu machen. Das lässt einen die zumeist harten Endungen umso schwerer verdauen.

existenzen2Normalerweise nehmen sich Manga, die das Schicksal normaler Menschen zum Thema haben, sehr viel Zeit für die Charakterisierung und atmosphärische Nebengeräusche. Nicht so beim Gekiga. Und das ist gerade in Verbindung mit dem düsteren, realistischen Grundton eine wohltuende Ausnahme auf dem deutschen Markt.

Bleibt zu hoffen, dass Carlsen am Ball bleibt und noch einige weitere Werke von Yoshihiro Tatsumi in Planung hat. Zumindest ein weiterer Band, das umfangreiche, autobiografische Gegen den Strom, wird demnächst veröffentlicht.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Eine Sammlung intensiver und tragischer Kurzgeschichten

 

Existenzen und andere Abgründe
Carlsen Verlag, Oktober 2011
Text und Zeichnungen: Yoshihiro Tatsumi
320 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78689-0

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag

Canardo Sammelband 1

canardo1Es ist nur folgerichtig, dass der Verlag Schreiber & Leser im Zuge des übergreifenden Trends zu Comic-Gesamtausgaben, versucht sich sein Stück vom Kuchen zu sichern. Dafür schickt er die größeren Zugpferde seines Programms nach und nach ins Rennen. Im Anschluss an den Start der Komplettausgabe von Largo Winch wird mit Benoit Sokals Canardo gleich der nächste Klassiker auf den Markt losgelassen.

Das Format ist das gleiche: Drei Alben pro Sammelband, in einem verkleinerten Hardcover-Buch (man könnte es inoffiziell als das häufig von Verlagen benutzte Format von Graphic Novels bezeichnen). Im Gegensatz zur realistischen Serie Largo Winch funktioniert Canardo im Kleinformat ganz gut und ohne erkennbare Abstriche in der zeichnerischen Darstellung.

Der erste Sammelband beinhaltet, in chronologischer Reihenfolge, die Alben 1 bis 3, „Der aufrechte Hund“, „Das Zeichen des Rasputin“ und „Ein schöner Tod“. Benoit Sokals Schöpfung, der passive, zynische Enterich, löst darin als schrulliger Inspektor die Fälle auf seine ganz eigene Art. Der belgische Künstler lässt dabei kein Klischee des Genres aus, angefangen von der dauerpräsenten Kippe im Mund über den braunen Trenchcoat bis zur Femme Fatale in Not, die einen Profi anheuert und damit nur Ärger verursacht.

canardo2Canardos erste, in diesem Band versammelte Geschichten sind vor gut 30 Jahren entstanden und noch sehr ungezähmt und knallig gezeichnet. Doch schon nach wenigen Seiten zieht einen die stoische Ruhe Canardos, sein melancholischer Blick, gar die völlig durchgeknallte Handlung in ihren Bann. Benoit Sokals Comic ist wie eine zynische, schwarzhumorige Variante einer Disney-Idee.

Enttäuscht darf man allerdings von der redaktionellen Begleitung des ersten Sammelbands sein: Keine einleitenden Worte zur Entstehungsgeschichte der Serie, kein Abdruck der Einzelcover und das Bonusmaterial am Ende des Buches besteht aus ganzen zwei Seiten mit einem knappen, überflüssigen Kommentar, der über einen Werbetext kaum hinausgeht. Da betreuen andere Verlage ihre Gesamtausgaben einfach wesentlich besser.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Eine gute Gelegenheit, in diese klassische Serie einzusteigen, leider fast ohne redaktionelle Begleitung


Canardo Sammelband 1
Schreiber & Leser, Oktober 2011
Text und Zeichnungen: Benoit Sokal 
144 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-69-2
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser

Die Einladung

Cover Die Einladung

Eines Nachts klingelt Raphaels Telefon. Sein Freund Leo hat eine Panne und er möchte nun, dass Raphael ihm zu Hilfe eilt. Mehr schlecht als recht lässt sich dieser schließlich von seiner Freundin überzeugen, seinen Kumpel nicht im Stich zu lassen. An Leos stehendem Auto, mitten auf einer Landstraße, angekommen, erwartet den missmutigen Raphael jedoch eine Überraschung, mit der er niemals gerechnet hätte.

Wie die Handlung sich fortsetzt, möchte ich an dieser Stelle niemandem vorwegnehmen. Die Einladung ist keine spektakuläre Geschichte, kein großes Abenteuer. Es ist ein Comic über Freundschaft und Werte des Lebens. In diesem Punkt verfährt Autor Jim (alias Téhy) ganz ähnlich wie bei seinem Werk Sonnenfinsternis (ebenfalls bei Splitter im Book-Format erschienen), nur ein Stück weit reduzierter, wenn man so will. Statt eine Gruppe Freunde und Bekannte auf ihre Beziehungen zueinander zu beleuchten, steht hier mit Raphael eine einzige Person im Mittelpunkt, Leo mimt dabei den aufrüttelnden Wegweiser.

Reduzierter als Sonnenfinsternis ist dieser Band aber auch schon allein wegen des deutlich geringeren Seitenumfangs. Trotz langer Dialoge ist man schnell mit dem Lesen durch. Am Ende nimmt der Plot eine unvorhergesehene Wendung und der Leser wird mit einem wirklich gelungenen Ende konfrontiert, das Jims Geschichte zu einem runden Abschluss verhilft.

Seite aus Die EinladungDie Einladung hat bei mir zwar keinen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen wie Sonnenfinsternis, das sich in nahem Fahrwasser bewegt, aber es ist dennoch eine sauber konstruierte, einfallsreiche Anekdote aus dem Alltagsleben. Viel mehr muss es auch nicht sein, denn immerhin entstammt die Idee einer realen Begebenheit, die der Autor erlebt hat.

Dominique Mermouxs Zeichnungen sind auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig, weil sie aufgrund der klaren Konturen und der satten Farben ein bisschen in Richtung Zeichentrick-Optik gehen. Dieser Eindruck differenziert sich bei der weiteren Lektüre jedoch schnell aus. Sehr gut gefallen hat mir Mermouxs Gefühl für die natürlichen Lichtverhältnisse. Wenn man genauer aufpasst, wandelt sich die dunkle Nacht allmählich in hellere Töne, bis hin zum Sonnenaufgang. Ein Fakt, den man zwischen den langen Dialogen kaum bemerkt.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein Comic über Freundschaft und Beziehungen, ein Comic zum Nachdenken

Die Einladung
Splitter Verlag, Februar 2012
Text: Jim
Zeichnungen: Dominique Mermoux

160 Seiten, farbig, Hardcover

Preis: 22,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-445-1

Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche: Mit langen Radiosendungen, Katz und Maus und einem beschnittenen Klassiker

Unsere Links der Woche, Ausgabe 12/2012:

 

Besser als Gold
DRadio Wissen, Thomas Reintjes und Sebastian Sonntag
Jeden Samstag gibt es im Digitalradiosender DRadio Wissen den einstündigen Online Talk. Regelmäßig sind Gäste im Studio, die durch Aktivitäten im Internet bekannt geworden sind. Die letzte Ausgabe drehte sich komplett um Nichtlustig-Schöpfer Joscha Sauer, der von der Buchmesse Leipzig aus zugeschaltet war. 55 sehr unterhaltsame Minuten, hier als MP3-Download.

Flix und die sequenzielle Kunst
DRadio Wissen, Michael Böddeker
Beim gleichen Sender läuft wochentäglich die 90-minütige Sendung Redaktionskonferenz. Hier war am Mittwoch Flix zu Gast, sprach über seine Karriere als Comiczeichner, seine Arbeit an Don Quixote und den Webcomic-Pionier Kurt Schalker. Außerdem sorgte er für die Musikauswahl und empfahl seine liebsten Webcomics. Auch diese Sendung ist komplett als MP3 runterladbar.

Das Leben ist kein Ponyhof – und das Markenrecht schon mal gar nicht
infobroker.de Podcast, Michael Klems
Kann die Redewendung „Das Leben ist kein Ponyhof“ beim Deutschen Patent- und Markenamt als Marke eingetragen werden? Und wenn ja, welche Auswirkungen hat dies auf Sarah Burrinis gleichnamigen Webcomic bzw. die begleitenden Merchandise-Artikel? Darüber spricht die Zeichnerin in einem Podcast des Fachinformationsdienstes infobroker.de (MP3, 10 Minuten).

Zettgeist Classics
zettgeist-classics.podspot.de
Der Zettgeist, der Podcast vom Zwerchfell-Verlag, hat zum Jahresanfang 2012 sein Archiv von über 160 alten Folgen gelöscht. Neue Folgen gibt es nur noch als Video und nicht mehr als MP3-Audio. Ein User aus dem Comicforum will diese Lücke nun schließen: mit einer Wiederveröffentlichung der alten Folgen. Los geht es mit den ersten Folgen aus dem Herbst 2007. Jede Woche sollen zwei neue Folgen hochgeladen werden.

Detournement oder unverschämte Reduktion? Ole Frahm über “Katz”
Gesellschaft für Comicforschung, Ole Frahm
Ein Beitrag zu einem aktuellen Fall aus Frankreich, wo der Comic Katz für Aufsehen sorgt – eine nicht autorisierte Bearbeitung von Art Spiegelmans berühmtem Comic Maus, die die Originalzeichnungen und den Originaldialog beibehält, aber die Köpfe aller Figuren durch Katzenköpfe ersetzt. Bei Spiegelman stehen die Katzen für die Deutschen. „Katz„, so Frahm, „reduziert Spiegelmans Ästhetik auf die Tierköpfe, streicht diese Bezüge und gefällt sich in der Provokation, ein Werk über den Holocaust zu verändern.“ Wem die sehr wissenschaftliche Sprache dieses Beitrags zu komplex ist, tut sich womöglich auf Englisch beim Comics Reporter leichter.

How to Destroy a Comics Classic
Big Planet Comics, Jared
Beim Verlag Universe, der zum italienischen Rizzoli-Konzern gehört, ist eine neue englische Version des ersten Corto Maltese-Albums Una ballata del mare salato (deutscher Titel: Südseeballade) erschienen. Auf dem englischsprachigen Markt ist Hugo Pratts Klassiker nur sehr schwer verfügbar, da ist es besonders schade, dass diese Ausgabe vom Original in vielerlei Hinsicht abweicht. Das Format wurde verkleinert, Bilder wurden ummontiert und beschnitten. Einige Beispiele dokumentiert das Blog Big Planet Comics. Diese US-Ausgabe entspricht jener Ausgabe, die 2005 als 11. Band der F.A.Z.-Reihe „Klassiker der Comic-Bibliothek“ erschien und ist auch in Italien als offizielle, von Pratt abgesegnete Taschenbuchversion seit Jahren auf dem Markt, wie Rizzoli diese Woche in einem Statement erklärte. Dort ist aber, ebenso wie in Frankreich, auch eine Version im Originalformat erhältlich. In Deutschland dagegen ist die Albenausgabe aus dem Carlsen Verlag längst vergriffen und nur noch antiquarisch zu bekommmen.

„Tödliches Wolfsrudel“
finnzehender.zdf.de, Bernd Kissel
Der wohl erste vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzierte Webcomic: Diese Woche startete auf zdf.de ein Fortsetzungscomic zum TV-Krimi Finn Zehender. Ein erster Film mit dem in der norddeutschen Provinz ermittelnden Privatdetektiv lief Anfang 2011 im ZDF, am 16.4. wird ein zweiter Teil ausgestrahlt. Die Zeit bis dahin überbrückt das ZDF mit einem Kurzkrimi in Comicform, von dem jede Woche drei von insgesamt elf Episoden online gehen. Der Comic stammt vom Saarbrücker Zeichner Bernd Kissel (SaarLegenden).

Neil Gaiman and Todd McFarlane: The Story So Far (March 1993 – March 2012)
slovobooks.blogspot.co.uk, Pádraig Ó Méalóid
Ende Januar ging ein fast zehn Jahre andauernder Rechtsstreit zwischen Todd McFarlane, Schöpfer der Spawn-Serie, und Neil Gaiman, der im Jahr 1993 eine Spawn-Ausgabe geschrieben hatte, zuende. Der Blogger Pádraig Ó Méalóid fasst die komplexe Geschichte chronologisch zusammen.

Mouse Guard: Legenden der Wächter 1

Cover Mouse Guard: Legenden der Wächter 1Ein Ausflug ins wunderbare Fantasiereich von David Petersens Mouse Guard ist immer eine Besonderheit und ein mit Spannung erwartetes Leseerlebnis. Petersen führte seine Mauswächter in den beiden ersten, regulären Bänden der Reihe durch den stürmischen Herbst und den kalten Winter des Jahres 1152. Bevor jedoch die nächste Jahreszeit für die mit Umhang und Schwert ausgerüsteten Nager anbricht, liegt mit Legenden der Wächter eine illustre Anthologie vor.

Im gleichen Format wie bisher, beinhaltet das Buch Kurzgeschichten diverser Künstler, unter anderem Ted Naifeh (Courtney Crumrin), Guy Davis (B.U.A.P.), Terry Moore (Strangers in Paradise) oder Gene Ha (Top 10). David Petersen persönlich bettet die unterschiedlichen Beiträge in einen größeren Handlungsrahmen ein, indem er das June Alley Inn, ein beliebtes Gasthaus in den Mäuse-Territorien zum Ort eines Geschichten-Wettkampfes macht. Um die Kneipenrechnung  gestrichen zu bekommen, darf jeder der Gäste seine spannendste Legende erzählen. Besitzerin June kürt anschießend den Sieger. So werden die Beiträge der einzelnen Künstler durch ein bis zwei von Petersen gezeichneten Seiten zwischen den Episoden miteinander verbunden. Ein Konzept, das man fast 1:1 von Vertigos House of Mystery kennt.

Der Großteil der beteiligten Künstler orientiert sich stark an dem Stil des Schöpfers von Mouse Guard und agiert respektvoll im bestehenden Kosmos von David Petersen. Allerdings sind die Erzählungen dieser Anthologie reine Legenden und als solche können sie vom jeweiligen Erzähler auch ein gutes Stück weit übertrieben dargeboten werden. Mit dem deutlichen Hinweis, dass Legenden der Wächter ein Projekt außerhalb der fortlaufenden Kontinuität darstellt, sichert sich Petersen vor unglücklichen Eingriffen in sein Gesamtwerk ab.

Seite aus Mouse Guard: Legenden der Wächter 1Eine kluge Entscheidung einerseits, muss er somit nicht akribisch kontrollieren, ob jedes Detail in das große Ganze passt. Andererseits eine Chance für Experimente: Zeichnerin Katie Cook setzt ihre Episode „Eine Maus namens Fuchs“ in einem cartoonigen Stil um, der allein optisch Kontraste setzt, Guy Davis probiert in „Der Kritiker“ möglichst unrealistisch zu zeichnen und bringt eine stumme, humoristische Geschichte mit Pointe zu Papier und Jason Shawn Alexander adaptiert Edgar Allan Poes „Der Rabe“ auf Mäuseart.

Die Legenden der Wächter bieten eine gelungene Mischung an Kurzgeschichten und versüßen das Warten auf den nächsten „richtigen“ Band der Reihe. Richtig gelungen ist auch das umfangreiche Bonusmaterial: Covergalerie, Porträts der Figuren, Karten des June Alley Inn und der Mäuse-Territorien sowie Biografien aller beteilgten Künstler.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Eine Anthologie auf hohem Niveau, nicht nur für Mouse Guard-Kenner eine echte Kaufempfehlung

 

Mouse Guard: Legenden der Wächter 1
Cross Cult, Februar 2012
Text und Zeichnungen: diverse
144 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3-942649-68-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Ich habe Adolf Hitler getötet

Cover Ich habe Adolf Hitler getötetDer neue Comic des norwegischen Künstlers Jason (Pssssst!,Hey, warte mal…, Hemingway) verstört gleich in zweifacher Hinsicht (eigentlich in dreifacher, aber an die anthropomorphen Figuren hat man sich ja bereits gewöhnt): Zum einen existiert in seiner Geschichte das Zeitreisen, zum anderen zeichnet er eine Gesellschaft, in der Auftragskiller ein ganz normaler Beruf ist. Eben dies ist die Arbeit des namenlosen Protagonisten; ob Ehefrau, Verwandte oder Chef, fast jeder will irgendjemanden loswerden, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Das Geschäft floriert, aber der Killer ist desillusioniert, von seiner Tätigkeit und seiner Gattin gleichermaßen.

Doch dann erhält er von einem Wissenschaftler den Auftrag, eine ganz besondere Zielperson auszuschalten: Adolf Hitler. Spätestens hier wird dem Leser klar, dass ein Mörder mit dem Auftrag, in die Vergangenheit zu reisen, um den vielleicht größten Verbrecher der Menschheit umzulegen, in Zeitparadoxien enden muss. Und dass natürlich nichts so funktioniert wie geplant.

Seite aus Ich habe Adolf Hitler getötetJasons Ich habe Adolf Hitler getötet ist eine lakonisch-nüchterne Erzählung im Ligne-Claire-Stil. Seine unterschwellige Art des Humors ist sicher nicht jedermanns Sache – wer Jasons andere Werke kennt, der weiß aber, auf was er sich hier einlässt.

Die Begegnung mit Hitler ist grotesk, das düstere Zerrbild der mordgierigen Gesellschaft erschreckend in seiner Schlichtheit. Aus diesen Komponenten schafft es der Künstler, eine bizarr-komische Comicerzählung zu generieren. Die Atmosphäre ist unheimlich, der Humor schwarz. Eine sehr bemerkenswerte Kombination.

Nach Hemingway liegt mit Ich habe Adolf Hitler getötet also bereits das zweite Werk von Jason bei Reprodukt in kurzer Zeit vor. Es wäre zu wünschen, dass man noch viele weitere Comics von ihm hierzulande zu sehen bekommt.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Subtil komische Geschichte um einen Killer auf Zeitreise

 

Ich habe Adolf Hitler getötet
Reprodukt, März 2012

Text: und Zeichnungen Jason
48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 13 Euro
ISBN: 978-3-941099-95-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt

Schmetterlingsnetzwerk 3 – Stigmata

Cover Schmetterlingsnetzwerk 3Nun hat also Cecil, ursprünglich nur Zeichner der Serie, die alleinige Verantwortung für Schemtterlingsnetzwerk übernommen. Da er aber schon beim zweiten Band nicht nur die Zeichnungen erstellt, sondern auch am Szenario mitgewirkt hatte, fällt der Abgang des bisherigen Autors Eric Corbeyran kaum auf. Auch stilistisch gibt es keinen großen Bruch. In diesem Serienfinale werden alle gelungenen Stilmittel beibehalten. Wer sich mit diesen innovativen Ideen bislang nur schwer anfreunden konnte, sieht sich hier möglicherweise etwas überfordert, denn Cecil arbeitet mit sehr vielen Rückblenden, die durchaus verwirrend sein können.

Nachdem es im zweiten Teil hauptsächlich um den Herrn Mond ging, steht auch in diesem Band wieder einer der Helden im Mittelpunkt. Eustache und seine Zielsetzung werden hier genauer betrachtet. Er war immer schon auf der Suche nach einem Schatz und jetzt wird geklärt, worin dieser überhaupt besteht. Untrennbar mit seiner persönlichen Geschichte verbunden, werden manche seiner Verhaltensweisen auch jetzt erst vollkommen verständlich. Zunächst machen sich Eustache und Herr Mond auf die Suche nach Zibeline. Als sie diese finden, wollen sie nur noch eines: Rache. Währenddessen zieht sich die Schlinge um sie immer weiter zu. Der Baron Harcourd hat nicht nur die Polizei auf die beiden angesetzt, sondern auch eine militärische Eingreiftruppe kommen lassen. Aber auch die Unterwelt macht Jagd auf die Diebe, um das ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren.

Seite aus Schmetterlingsnetzwerk 3In diesem Band wird deutlich, wie sehr sich Steampunk mit Noir-Elementen verbinden kann. Dabei löst sich Cecil von Genrekonventionen des Actionabenteuers oder des Krimis, indem er seine Helden etwas vernachlässigt. Stattdessen legt er den Fokus auf die Jäger und zeigt damit ein zentrales Element des Film Noir auf: die Unentrinnbarkeit vor dem Schicksal, das Gefangensein in den eigenen Taten und den äußeren Umständen. Cecil treibt alle Figuren immer mehr in die Enge und zeigt die zunehmende Ausweglosigkeit, in die sie sich durch ihr eigenes Handeln gebracht haben. Gerade die beiden Helden wollen agieren und die Initiative ergreifen, sind aber schon zu sehr im Räderwerk gefangen und werden nur noch als Werkzeuge anderer Interessen eingesetzt. Aber das geht allen Figuren so. Die individuellen Interessen müssen scheitern, weil das System immer siegt.

Auch wenn man sich mit den zentralen Elementen des Noir-Genres auskennt, kommt das Ende dann doch ziemlich unerwartet und schockierend daher. War der erste Band dieser Trilogie schon sehr vielversprechend, machen die beiden Folgebände deutlich, wie mutig, innovativ, spannend und düster die ganze Serie ist. Diese Verbindung von Steampunk und Noir funktioniert hervorragend und rechtfertigt die Komplettanschaffung allemal.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Die Film-Noir-Story in Verbindung mit Steampunk kommt zu einem düsteren Ende, welches durch sehr gute graphische Ideen unterstützt wird.

 

Schmetterlingsnetzwerk 3 – Stigmata
Splitter Verlag, Februar 2012
Text und Zeichnungen: Cecil
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-288-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche: Mit dem Abschied von Moebius

Unsere Links der Woche, Ausgabe 11/2012:

 

Vergangenen Samstag starb im Alter von 73 Jahren Jean Giraud, der zunächst als Zeichner des Westerncomics Blueberry berühmt wurde und später unter dem Pseudonym Moebius die Comicwelt nachhaltig veränderte, als Mitbegründer des Magazins Métal Hurlant und als Schöpfer surrealer Science-Fiction-Geschichten wie Arzach oder Der Incal. Eine Spezialausgabe der „Links der Woche“ aus einem traurigen Anlass.

Im Banne der Meisterschaft
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Stellvertretend für die vielen Nachrufe, die auch in deutschen Medien erschienen, sei hier der von Andreas Platthaus genannt, dem Autor des Buches Moebius Zeichenwelt. Weitere deutschsprachige Nachrufe verlinkt graphic-novel.info in dem Eintrag Zum Tod von Jean Giraud / Moebius.

Collective Memory: Moebius, 1938-2012
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
Eine umfassende Sammlung von (überwiegend englischsprachigen) Links zum Tod von Moebius.

Hommages à Moebius
Le Blog des Humanos
Les Humanoïdes Accociés, der französische Verlag, zu dessen Mitbegründern Moebius zählt, ehrt ihn mit einer Sammlung von Hommage-Zeichnungen, die als Tribut an den Verstorbenen von vielen französischen Künstlern angefertigt wurden. Teil 2 gibt es hier.

The Comics Community Pays Tribute to Jean ‚Moebius‘ Giraud in Words and Pictures
Comics Alliance, Andy Khouri
Eine weitere Sammlung von Tribute-Zeichnungen, diesmal vor allem aus der amerikanischen Comicszene.

MOEBIUS
wittek0815comix, Wittek
Und auch hiesige Comickünstler verabschieden sich mit Zeichnungen vom Meister, beispielsweise Wittek, der auch weitere Kollegen verlinkt.