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Paying For It (US)

Der folgende Text erschien zunächst im gedruckten Comicgate-Magazin 6 (Thema: Erotik in Comics). Nun liegt der besprochene Comic auch auf Deutsch vor, er erschien beim Verlag Walde & Graf unter dem Titel Ich bezahle für Sex. Aus diesem Anlass stellen wir die Rezension nun auch online zur Verfügung.

Cover Paying For It

Chester Brown lässt die Hosen runter – im wahrsten Sinne des Wortes. Sein „comic-strip memoir about being a john“ (so der Untertitel) ist das autobiographische Bekenntnis eines Comiczeichners, regelmäßiger Kunde von Prostituierten zu sein. Und zwar nicht von irgendeinem Comiczeichner! Bei uns ist der Kanadier zwar nicht sehr bekannt, trotzdem zählt er mit Werken wie Ed the Happy Clown, Fuck und Louis Riel zu den wichtigsten Vertetern jener Generation von Independent-Künstlern, zu denen zum Beispiel auch Daniel Clowes, Chris Ware oder Seth gehören. Das im Mai 2011 erschienene Buch über sein Leben als Freier wurde daher mit großer Spannung erwartet. Mit Recht: Paying For It ist nicht nur ein Blick in den sexuellen Alltag seines Protagonisten, sondern auch eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit den Moralvorstellungen der Gesellschaft.

Eines ist der Comic ganz gewiss nicht: erotisch. Brown gestaltet seine Seiten betont nüchtern und spartanisch, hält sich an ein festes Raster von acht Panels pro Seite und ist stets bemüht, nie die Gesichter der verschiedenen Prostituierten zu zeigen. Die Erzählung beginnt im Jahr 1996, als sich seine Freundin von ihm trennt und er daraufhin zu der Erkenntnis gelangt, dass die klassische romantische Zweierbeziehung so gut wie nie funktioniert und praktisch immer zu Unglück, Streit und Missgunst führt. In Zukunft will Brown Liebe und Sex strikt trennen: Freunde und Familie liebt er im platonischen Sinne, die körperliche Liebe holt er sich auf dem Markt, auf dem sie gegen Geld angeboten wird. Und tatsächlich funktioniert diese Trennung für ihn sehr gut. Seine Besuche bei Prostituierten werden zur gewohnten Übung, und nach eigener Aussage ist er damit glücklicher als je zuvor.

Seite aus Paying For ItÜberaus ausführlich beschreibt Brown, wie der Alltag eines Freiers aussieht (unter den speziellen Gegebenheiten der kanadischen Gesetzgebung) und welche Gedanken vor, während und nach der Treffen in ihm vorgehen. Während Film, Fernsehen und Literatur die Prostitution meist entweder als verrucht-sinnliche, idealisierte Rotlichtwelt voller großartiger Sexgöttinnen oder als elenden Strich der Junkies und illegalen Einwanderer darstellen, lernen wir bei Brown ein ganz anderes Milieu kennen: ein überraschend normales, völlig unglamouröses, eigentlich ziemlich langweiliges Gewerbe, das auch nicht mehr oder weniger Tristesse verströmt als andere Dienstleistungsbranchen. Das ist mal witzig, mal verstörend, mal irritierend und mal fürchterlich traurig, vor allem aber ist es in all seiner Nüchternheit unheimlich gut erzählt. Der autobiographische Comic ist hier keine sentimentale Erinnerung an längst überwundene Peinlichkeiten der Jugend, sondern eine schonungslose Selbstentblößung, die den Leser in ihren Bann zieht und dazu zwingt, selbst Stellung zu beziehen.

Neben der Anbahnung und Durchführung der sexuellen Geschäftsbeziehungen sehen wir Chester Brown vor allem im Gespräch mit seinen Freunden und Kollegen, den ebenfalls nicht unbekannten kanadischen Zeichnern Joe Matt und Seth. Letzterer kommt im Anhang sogar noch selbst zu Wort, indem er ausgewählte Passagen aus seiner Sicht kommentiert. Überhaupt der Anhang: Auf 227 Comicseiten folgen weitere 50 Seiten mit Anmerkungen, in denen Brown seine spezielle Sicht der Dinge weiter vertieft, zum Beispiel indem er gängige Argumente, die gegen Prostitution sprechen, aufführt und zu entkräften versucht. Ob ihm dies gelingt, sei einmal dahingestellt. In seiner vehementen Ablehnung der „possessive monogamy“ und seinem Ideal von einer Welt, in der bezahlter Sex für alle eine Selbstverständlichkeit ist, macht Brown seine persönliche psychische Verfassung zur allgemeinen Norm. Man muss ihm hier nicht folgen, sondern kann es auch so sehen wie sein Freund Seth, der ihn wegen seiner sehr begrenzten emotionalen Bandbreite als „Roboter“ bezeichnet. Eine Szene, in der Chester und der bekennende Porno-Fan Joe Matt über romantische Liebe diskutieren, kommentiert Seth so: „Das ist so ähnlich, wie wenn zwei Blinde einen Sonnenuntergang malen“.

Egal, wie man zu den hier aufgeworfenen Themen steht: Paying For It ist wegen seiner ehrlich-direkten Offenheit und seinem ungewöhnlich sachlichen Umgang mit einem Tabuthema unbedingt lesenswert.


Wertung: 9 von 10 Punkten

Sowohl intimer Seelenstriptease als auch nüchterne Auseinandersetzung mit den Moralvorstellungen der Gesellschaft

 

Paying For It – a comic book memoir about being a john
Drawn & Quarterly, Mai 2011
Text und Zeichnungen: Chester Brown
272 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 24,95 US-Dollar
ISBN: 9781770460485
Leseprobe (PDF)

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DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABE:
Ich bezahle für Sex – Aufzeichnungen eines Freiers

Walde + Graf, März 2012
Text und Zeichnungen: Chester Brown
336 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 22,95 Euro
ISBN: 978-3-03774-045-3
 Leseprobe

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Abbildungen © Chester Brown / Drawn & Quarterly

Winzling 1 – Das Erwachen

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Cover Winzling 1Die erste Ausgabe von Winzling wurde bereits 1997 vom ersten Splitter-Verlag veröffentlicht. Finix hat sich jetzt dazu entschlossen, die damals abgebrochene Serie nicht wie gewohnt fortzuführen, sondern alle drei Alben von Beginn komplett im einheitlichen HC-Format und mit neuem Cover zu publizieren.

Die Serie von Autor Crisse (Luuna, Das Kristallschwert) und Zeichner Marc N’Guessan (Abersen) spielt in einer postapokalyptischen Zukunft und erzählt aus Sicht eines Hundes die Abenteuer dessen Herrchens. Dieser ist ein stummer schwarzhaariger Junge ohne Namen, dessen Familie vom finsteren Stammesanführer Shir Khan abgeschlachtet wurde. Zuflucht findet der Winzling beim Klan der Wölfe, dem auch der wohlgenährte Mediziner Balu und die freiheitsliebende Baghira angehören.

Spätestens bei den Namen der Protagonisten dürften die meisten stutzig werden. Und tatsächlich handelt es sich bei dem Jungen um Mowgli, denn Crisses und N’Guessans Comic ist eine sehr freie, moderne Adaption von Rudyard Kiplings Roman Das Dschungelbuch.

Die Vorstellung, dass das bunte Figurenensemble, das viele sicher als muntere Disney-Variante mit Tieren kennen, nun in eine zerstörte Dschungelwelt mit kaputten Industrieanlagen, Autowracks und Atomsprengköpfen hineinversetzt wird, dürfte nicht bei jedem Leser auf Anhieb Zustimmung genießen. Und sicherlich ist das Dschungelbuch à la Winzling keine kindgerechte Lektüre.

Seite aus Winzling 1Das Bild, das die beiden Künstler für diese Reihe entworfen haben, ist ungewohnt. Erstaunlicherweise halten sich die beiden aber so weit es geht an die literarische Vorlage. Mowgli wird zwar nicht von den Wölfen direkt aufgezogen, aber vom Klan der Wölfe aufgenommen, Shir Khan ist ein einäugiger Bösewicht mit Tigermantel, Balu ein dicker, sympathischer Mann, Baghira eine schwarze (!) Frau, Kaa ein Scharfschütze mit grünem Hemd und züngelndem S-Sprachfehler. An diesem Punkten merkt man, dass Story und die Charakterentwürfe inhaltlich wie optisch in enger Anlehnung an Kiplings Werk und mit viel Liebe zum Detail entstanden sind.

Band 1, „Das Erwachen“ ist in sich abgeschlossen, lässt aber ein Hintertürchen für weitere Abenteuer offen. Man darf also gespannt sein, wie diese einfallsreiche Comicserie weitergeführt wird.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Dschungelbuch trifft Mad Max, ein Märchen der brutaleren Art

 

Winzling 1 – Das Erwachen
Finix Comics, März 2012
Text: Crisse
Zeichnungen: Marc N’Guessan
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 9783941236547
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics

FVZA – Federal Vampire and Zombie Agency

Cover FVZADer neueste Comic in Splitters „Book-Format“ schwimmt einerseits ganz auf einer aktuellen Welle, kann aber andererseits, was mittlerweile schon sehr erstaunlich ist, dem Thema durchaus neue Aspekte abringen. Die Abkürzung „FVZA“ steht für die Federal Vampire and Zombie Agency, welche eine amerikanische Bundesbehörde darstellt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Zombies und Vampire zu bekämpfen.

Dabei sieht es ganz zu Beginn so aus, dass sich diese Behörde überlebt hat. Seit Jahren gab es keine Vampir- oder Zombieangriffe mehr, weswegen die Behörde einst von Präsident Kennedy aufgelöst worden ist. Der ehemalige Leiter, Dr. Pecos, trainiert nichtsdestotrotz seine beiden Enkel, um sie auf den möglicherweise kommenden Krieg vorzubereiten. Schließlich ist es so weit: Es tritt erneut ein Zombievirus auf, der ganz bewusst als Waffe benutzt worden war. Und zwar von einem Vampir, der sich seine eigene Gefolgschaft schafft und die USA zu einem Reich der Vampire machen will. Das kann die sich neu konstituierende FVZA natürlich nicht zulassen.

Natürlich erinnert das alles stark an die B.U.A.P.-Comics von Mike Mignola, an Robert Kirkmans The Walking Dead, an die Underworld-Filme und an vieles andere. Gerade in den letzten Jahren haben sowohl die Vampire als auch die Zombies einen regelrechten neuen Boom erlebt. Bei den Zombies kann Autor David Hine, dessen Comic im Übrigen auf einer Website basiert, durchaus einen schönen neuen Aspekt einführen. Bei den Vampiren nur bedingt, hier ist kaum ein Element zu finden, das nicht anderswo schon mal verwendet wurde.

Seite aus FVZAGlücklicherweise haben die Blutsauger hier nichts mit den unsäglichen Twilight-Geschichten zu tun, sondern sind wahre Monster, die eher an den klassischen Nosferatu-Mythos und an die Vertreter aus 30 Days of Night erinnern. Auf der grafischen Seite und strotzt die Story vor Spannung, Action und Blut. Da auch einiges an Gedärm zu sehen ist, ist der Band nur für volljährige Leser empfehlenswert. Extrem gelungen ist auch die Farbgebung, welche sogar Spiegelungen in Brillengläsern und Fensterscheiben funktionieren lässt.

Bei all dem Spektakel und dem hervorragend fotorealistischen Look kommen aber auch die persönlichen Aspekte der Figuren nie zu kurz. Eine der zentralen Fragen zieht sich gleich durch verschiedene Ebenen: Wann hört man auf, ein Mensch zu sein? Was macht das Menschsein eigentlich aus? Mitleid? Das empfinden manche Vampire hier mehr als die Agenten, die sie jagen.

Eine schöne Idee ist der Seitenhieb auf die Subkultur der Goths mit ihrer romantischen Idee vom Vampirdasein. An dem ist bei David Hine aber rein gar nichts romantisch, die Ideale der Gruftis werden vielmehr aufs Grausamste enttäuscht. Die von den Vampiren praktizierte Herabwürdigung des Gegners ist als psychologischer Schutz zwar notwendig, führt aber auch zur eigenen Entmenschlichung und vor allem zum Unterschätzen des Gegners.

FVZA bietet mit seiner originellen Genre-Variation einen Stoff, den man auch gut zu einer regulären Serie ausbauen könnte. Gerne mehr davon.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Spannender, blutiger Trip rund um die Frage, was das Menschsein ausmacht, der Vampire aller Romantik entkleidet.

 

FVZA – Federal Vampire and Zombie Agency
Splitter Verlag, Januar 2012
Text: David Hine
Zeichnungen: Roy Allen Martinez, Wayne Nichols
Seiten, farbig, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-444-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Betelgeuze Gesamtausgabe

Cover Betelgeuze Nachdem mich die Gesamtausgabe von Aldebaran geradezu begeistern konnte, war ich dementsprechend sehr gespannt, wie Leo (alias Luis Eduardo de Oliveira) seinen Sci-Fi-Comic im zweiten Zyklus fortgeführt hat. Betelgeuze heißt dieser, wiederum benannt nach dem Planeten, der den hauptsächlichen Ort des Geschehens markiert.

Kim Keller wird nach und nach in die Geheimnisse um die Mantrisse, eine gigantisches auf Aldebaran befindliche Lebensform, eingeweiht. Diese taucht immer wieder im Meer auf und ändert ihre Gestalt. Und sie kommuniziert offenbar mit anderen Planeten, darunter auch Betelgeuze, was unlängst unter vielen Verlusten von den Menschen kolonisiert wurde. Kim meldet sich zu einer Erkundungsmission nach Betelgeuze, um dem Ursprung der mysteriösen Mantrisse auf die Spur zu kommen. Immerhin ist sie eine der wenigen Auserwählten, die mit dieser Kontakt hatte.

Dort angekommen, gerät die junge Frau in den Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Lagern der Kolonisten. Hauptsächlicher Streitpunkt ist die Frage, ob man die einheimischen Iums (Wesen, die ein bisschen an Pandabären erinnern) als intelligente Lebensform einstufen soll. Denn aus dem Kolonisationsgesetz ergibt sich, dass nur Planeten besiedelt werden dürfen, auf der keine höher entwickelten Ureinwohner existieren. Kim Keller vermittelt zwischen beiden Parteien und erfährt schließlich von einem Zusammenhang zwischen Iums und Mantrisse.

Seite aus Betelgeuze Betelgeuze ist ein Ort, der sowohl karge Wüsten als auch dichte, unberührte Urwälder bereithält. Leo schafft es wirklich perfekt, wie schon bei Aldebaran, dem Planeten einen ganz eigenen Charakter zu verleihen. Und natürlich ist die blühende Flora und Fauna auch hier wieder prächtig in Szene gesetzt. Allein den seltsamen Iums widmet Leo eine vollkommen runde Konzeption, die die Anatomie, die kognitiven Fähigkeiten und die Verhaltensweisen beinhaltet. Diese Detailverliebtheit merkt man bei jeder Bewegung der niedlichen, aber irgendwie auch gespenstischen Tiere.

Überhaupt ist in diesem zweiten Zyklus alles noch mysteriöser, noch durchdachter, noch imposanter. Die Gesamtausgabe, die alle fünf Alben (sowie Skizzenmaterial und eine Kurzgeschichte) enthält, ist in sich relativ abgeschlossen, allerdings würde ich unbedingt empfehlen, dass man die Zyklen in chronologischer Reihenfolge und komplett liest. Einige Hauptfiguren aus Aldebaran tauchen auch in Betelgeuze auf und auch der große Handlungsrahmen um das Mantrissen-Geheimnis wird über die Zyklen hinweg fortgesponnen.

Mittlerweile liegen von Epsilon bereits vier Ausgaben des dritten Zyklus Antares als Hardcover-Alben vor. Es wäre allerdings wünschenswert, wenn auch dieser dritte Teil der Reihe in einheitlicher Form als Gesamtausgabe nachgereicht wird.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Klasse Fortsetzung der Sci-Fi-Serie, die den ersten Zyklus sogar noch übertrifft

 

Betelgeuze Gesamtausgabe
Epsilon Grafix, Februar 2012

Text und Zeichnungen: Leo
256 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 40 Euro
ISBN: 978-3-86693-027-8
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Epsilon

Links der Woche: Mit den Eisner Awards, Projekt Mangaka und neuen Motion Comics

Unsere Links der Woche, Ausgabe 14/2012:

 

Projekt Mangaka
mangaka.de
Nachdem sich der Verlag Droemer Knaur aus dem Comicgeschäft verabschiedet hat, übernahm der Carlsen Verlag die Online-Community mangaka.de. Er nutzt die Plattform nun für einen großen Nachwuchswettbewerb, der in insgesamt sechs Runden ausgetragen wird. Für die erste Runde sollen lediglich drei Zeichnungen eingeschickt werden, eine Jury wird dann 50 Kandidaten auswählen, die in die zweite Runde kommen. Als Hauptpreis winkt eine Reise nach Japan.

Auf Freiersfüßen
tagesspiegel.de, Lutz Göllner und Katja Schmitz-Dräger
Sieht man leider viel zu selten: Zwei gegensätzliche Meinungen zu einem Comic, in diesem Fall zu Chester Browns autobiographischem Bekenntnis Ich bezahle für Sex.

Nominees Announced for 2012 Will Eisner Comic Industry Awards
San Diego Comic-Con
Die Nominierungen für den prominentesten amerikanischen Comicpreis stehen fest. Eine fünfköpfige Jury benannte ihre Favoriten in 24 Kategorien. Die meisten Nominierungen entfielen auf die unlängst von Marvel neu gestartete Serie Daredevil von Mark Waid, Marcos Martin und Paolo Rivera. Die Sieger werden über eine Abstimmung ermittelt, für die sich jeder Comicprofi (Autoren, Zeichner, Verleger, Händler usw.) registrieren kann.

The 10 Most Glaring EISNER Nomination Omissions
Newsarama, Graeme McMillan
Wie bei jedem Preis gab es natürlich auch für die Eisner-Nominierungen umgehend eine Menge Kritik. Am lautesten bemängelt wurde die Streichung der Kategorie „Best New Series“ und das Fehlen bestimmter Titel, vor allem die Nicht-Nominierung von Love and Rockets Vol. 4, das im letzten Jahr von den Kritikern einhellig bejubelt worden war. Die verlinkte Klickstrecke nennt zehn Comics bzw. Künstler, die Newsarama auf der Nominierungsliste vermisst.

The Secret: Chapter 1
Geek & Sundry, Mike Richardson, Jason Shawn Alexander und Erik Bruhwiler
Schauspielerin Felicia Day, die großen Erfolg mit ihrer selbst-initiierten Webserie The Guild hat, startet mit dem Webchannel Geek & Sundry nun gleich ein ganzes Bündel von Webshows, die übers Internet gesendet werden. Neben der neuen Guild-Staffel zählt dazu auch eine Serie von „Motion Comics“ aus dem Hause Dark Horse. Dafür werden fertige Comics vertont und dezent animiert. Den Auftakt macht der Horrorcomic The Secret. Einen ersten Eindruck davon gibt dieser Trailer:

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Ronson Inc. 1 – Die Abrechnung

Cover Ronson Inc. 1Braucht man wirklich eine neue Westernserie? Nicht nur im Film, sondern auch im Comicbereich ist das Genre schließlich eines der beliebtesten und auch eines der ältesten. Schon der erste ernst zu nehmende Spielfilm (wenn man eine Dramaturgie voraussetzt), The Great Train Robbery, war schließlich ein Western. Da muss man in einer neuen Serie eigentlich schon einen ganz neuen Tonfall finden, um sich an die Spitze des Trecks setzen zu können. Die neue Serie Ronson Inc. bemüht sich auf eigenwillige Art und Weise um eben diesen Tonfall.

Dabei eignet sich die Grundidee zunächst eher für eine witzige Auseinandersetzung mit dem zugrunde liegenden Thema: Es geht um die Rivalitäten zweier Detektivagenturen, eben die titelgebende Ronson Inc. sowie die berühmte, historisch korrekte, Pinkerton-Agentur. Das klingt eher nach einem Lucky Luke-Abenteuer, der ja auch im letzten Band mit Pinkerton zu tun hatte. Die Detektive der Ronson Inc. haben jedenfalls in dem Goldgräberstädtchen Dalbart recht guten Erfolg. Sie schützen etwa Postkutschen und sind in ihren Methoden nicht gerade zimperlich. Aber die Rivalität zur berühmten Detektei Pinkerton führt zu einem Intrigenspiel und zu einem Kleinkrieg, der so manche Kugel fliegen lassen wird. Eine rein humoristische Herangehensweise sucht man hier aber vergebens.

Seite aus Ronson Inc. 1Irgendwie ist der aus den Niederlanden stammende Comic stellenweise ein recht merkwürdiger Zwitter. Der sehr glatte, flächige Stil der Zeichnungen von Minck Oosterveer erinnert eher an klassische Serien oder Zeitungscomics. Auch die optische Gestaltung der Figuren wirkt eher altmodisch. Dem gegenüber stehen aber die Erotik und vor allem die Brutalität, die durchaus modern wirken. Dadurch entsteht ein gewisser Zynismus, da die doch recht fröhliche, an Funnies angelehnte Art der Figurengestaltung (gerade der Sekretärin) die Gewalt der Geschichte schon fast nebensächlich erscheinen lässt.

Das hat durchaus seinen Reiz, als ob sich Jerry Spring mit Durango in einer Zeitmaschine verschmolzen hätten und sich nun auf den Seiten einer Zeitung aus den 1930ern wiederfinden würden. Allerdings ist das dann durchaus Geschmackssache. Für mich wirkt die Gestaltung etwas zu industriell und lässt einen persönlichen Stil zu kurz kommen. Dass die Story sehr dünn ist, fällt angesichts des hohen Tempos glücklicherweise kaum auf. Aber auch sonst gibt es durchaus Mängel. Einer der Protagonisten etwa dient anscheinend nur als Bildfüller – man erfährt nur dessen Namen und dass er ein Kollege der Helden ist,  weiter nichts. Auch die übrigen Figuren sind leider bislang nur recht rudimentär ausgeführt. Aber die Stimmung ist gut getroffen. Insgesamt also ein eher zwiespältiger Eindruck von einer neuen Serie, die offensichtlich noch sich selber und ihren Weg im Genre sucht. Allerdings wird nach dem zweiten Album bereits wieder Schluss sein, da Zeichner Oosterveer vor kurzem bei einem Motorradunfall verstarb.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Altmodisch und modern zugleich sucht die Serie ihren Weg im Genre und im Tonfall, was noch etwas unausgegoren wirkt.

 

Ronson Inc. 1 – Die Abrechnung
Splitter Verlag, März 2012
Text: Willem Ritstier
Zeichnungen: Minck Oosterveer
Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-446-8
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Onkel Dagobert: Milliardenraub in Entenhausen

 

Cover Onkel Dagobert: Milliardenraub in Entenhausen60 Jahre hatte Dagobert Ducks riesiger Geldspeicher bei Erscheinen dieses Bands Ende 2011 auf dem Buckel. Grund genug, dem Gebäude, das das gesammelte Vermögen der reichsten Ente der Welt beherbergt, einen Jubiläums-Band zu kredenzen. Natürlich setzt die Ehapa Comic Collection bei der Zusammenstellung der thematisch passenden Geschichten voll und ganz auf die beiden Zugpferde Carl Barks und Don Rosa; alle Stories in „Milliardenraub in Entenhausen“ stammen abwechselnd von den beiden Künstlern.

Wie zufällig fällt der 60. Geburtstag des Geldspeichers sogar noch mit zwei weiteren Jubiläen zusammen: Die Panzerknacker werden ebenfalls 60 Jahre alt, Gundel Gaukeley immerhin runde 50. Die drei Jubilare sind übrigens allesamt Kreationen von Carl Barks.

Bei Don Rosa gehören die immer wiederkehrenden Angriffe der Knastbrüder und der Hexe zu seinen besten Arbeiten, dabei achtete er detailverliebt auf die respektvolle Weiterführung von Barks‘ Kreationen. „Milliardenraub in Entenhausen“ bietet 22 wunderbare Geschichten der beiden Disney-Altmeister, die einfach wahnsinnig Spaß machen. Man hat das Gefühl, dass die Kreativen durch die Dynamik, die Gundel Gaukeley und die Panzerknacker mitbringen, und den absurd großen Geldspeicher als zusätzlichen Schauplatz auf ihren kreativen Zenit getrieben wurden.

Der Prachtband ist in der gleichen Aufmachung und dem gleichen Format gestaltet wie ähnliche Themenbände von Ehapa zuvor. Auch die Einleitung macht richtig Spaß, denn nicht nur arbeitet Andreas Platthaus die Historie des Speichers gekonnt auf, auch Don Rosa selbst verfasste ein Vorwort.

Wer die Geschichten in diesem Buch noch nicht kennt oder wer sich einen wirklich vorzeigbaren und gut zusammengestellten Themenband ins Regal stellen möchte, um immer mal wieder drin zu schmökern, dem sei „Milliardenraub in Entenhausen“ wärmstens empfohlen.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Barks plus Rosa in einem dreifachen Jubiläumsband – viel besser gehts kaum

 

Onkel Dagobert: Milliardenraub in Entenhausen
Ehapa Comic Collection, November 2011

Text und Zeichnungen: Carl Barks, Don Rosa
408 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,99 Euro
ISBN: 978-3-7704-3528-9

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

Yonen Buzz 0-5

Das Cover von Yonen Buzz 5Nach zehn Jahren liegt Yonen Buzz nun endlich vollständig vor. Die Serie startete seinerzeit noch als Prussian Blue bei Carlsen im frisch ins Leben gerufenen Shōjo-Magazin Daisuki. Doch 2004 folgte Christina Plaka ihrem Redakteur Joachim Kaps, der Geschäftsführer von Tokyopop Deutschland wurde, einem neu gegründeten Ableger des japanischen Tokyopop-Verlags. Dort führte sie die Serie unter dem Titel Yonen Buzz weiter. Der erste Band wurde, um einige Illustrationen erweitert, als Yonen Buzz 0 neu aufgelegt; die Serie liegt also mittlerweile vollständig bei Tokyopop vor. Der vor kurzem erschienene Band 5 ist damit eigentlich schon der sechste. Dazu kommt noch das 2007 erschienene Artbook Yonen Buzz United, das auch weitere Kurzgeschichten rund um die Figuren erhält. Yonen Buzz ist also nicht nur die bis dato langlebigste, sondern auch umfangreichste deutsche Mangaserie (gefolgt von Gothic Sports, Life’s Tree Guardian und Personal Paradise mit jeweils fünf Bänden).

 

Deutsche Manga-Eigenproduktionen: eine verfahrene Entwicklung

Seite aus Yonen Buzz 0Das sind natürlich alles noch keine vergleichbaren Verhältnisse zu japanischen Mangaserien. Dennoch lohnt es, hier einmal genauer hinzuschauen, denn die Serie umspannt nicht nur zehn Jahre Entstehungsgeschichte, sondern auch fast die vollständige Geschichte der Manga-Eigenproduktionen in Deutschland. Plaka war die erste deutsche Zeichnerin, die nach Robert Labs von Carlsen für den expandierenden Mangamarkt Anfang des Jahrtausends verpflichtet wurde. Zu jener Zeit zahlten sich viele mutige Innovationen von Carlsen Manga aus – das Veröffentlichen von Lizenztiteln in japanischer Leserichtung, die ersten Boys-Love-Titel, Manga-Anthologien nach japanischem Vorbild wie die Banzai oder eben die bis heute bestehende Daisuki. Und so konnte Carlsen auch mit den Eigenproduktionen blutjunger heimischer Nachwuchs-Mangaka (Labs war bei Erstveröffentlichung 18, Plaka 19) einen überraschenden Boom einfahren.

Insbesondere das Phänomen Judith Park, die kurz nach Plaka in der Daisuki veröffentlichte, löste eine stürmische Welle schnell nachgeschossener Eigenproduktionen und diverser Nachwuchsprojekte aus. Der Großteil der Publikation von Yonen Buzz fällt in diesen Zeitraum, und die Serie erfreute sich zeitweise einer hohen Beliebtheit. Mit Tokyopop machte ab 2004 erstmals ein spezialisierter Manga-Verlag ohne Rückendeckung durch einen europäischen Großverleger den etablierten Verlagen auf dem Mangamarkt Konkurrenz. Angesichts der Erfolge von Carlsen in den Jahren zuvor setzte man erneut auf Eigenproduktionen als Stütze im Verlagsprogramm, die neben den erhofften finanziellen Einnahmen besonders auch einen Image-Gewinn für die Verlage bedeuteten. Eigene Zeichner heißt eigene Stars auf Messen und Conventions; das ausgesprochen teure Einfliegen japanischer Autoren erübrigt sich. Eine Zeitlang konnte man sogar auf internationalen Lizenzmärkten mitmischen.

Seite aus Yonen Buzz 1Doch die übereifrige Newcomer-Förderung schadete der deutschen Zeichnerszene auf lange Sicht eher, als dass sie ihr nutzte. Zu mangelhaft war meist die Qualität, zu oberflächlich die notwendige redaktionelle Betreuung. Die viel zu jungen Zeichner wurden oftmals ins kalte Wasser geworfen statt behutsam betreut. Viele Resultate überzeugten dann weder Zeichner noch Verlage oder gar die Leser. Auflagen und Image der deutschen Eigenpublikationen sanken, die Newcomer-Projekte wurden eines nach dem anderen eingestellt. Noch bevor die ebenso junge wie produktive Szene deutschsprachiger Nachwuchs-Mangaka ihren kreativen Zenit erreichen konnte (der Altersdurchschnitt der publizierten Autoren liegt noch immer bei etwa Mitte 20), droht der Szene bereits die Publikationskernschmelze. Die Kleinverlage und von Zeichnern selbst geführten Dōjinshi-Projekte können zwar einen Teil des Veröffentlichungsdrangs heranwachsender Autoren auffangen, aber selbstverständlich niemanden über den Hobby-Status hinaus versorgen.

Christina Plaka und Yonen Buzz

Seite aus Yonen Buzz 2Plaka selbst ging Anfang 2010 nach Japan zum Studium an der auf Manga spezialisierten Kyōto Seika University. Der fünfte Band lag zu diesem Zeitpunkt, so leakte es rasch, bereits druckfertig bei Tokyopop vor. Dass die Veröffentlichung dann noch fast zwei Jahre auf sich warten ließ, kann man in diesem Kontext jetzt interpretieren, wie man mag. Fakt ist, dass Plaka nach dem vierten Band kurz zu Carlsens Daisuki zurückwechselte und dort das überaus unterhaltsame Fantasy-Abenteuer Herrscher aller Welten veröffentlichte, bevor sie das Ende ihrer Kultserie in Angriff nahm. Insgesamt entstand jedenfalls zwischen den letzten beiden Bänden ein gut dreijähriges Publikationsloch, was es dem Abschlussband natürlich ungemein schwer macht, jetzt noch ein Publikum zu finden.

Doch es wäre ausgesprochen schade, den Manga zu übersehen, denn Yonen Buzz zählt auch heute noch definitiv zu dem Besten, was die deutschsprachige Mangaszene bisher hervorgebracht hat. Der Anfang zumindest ist dabei recht typisch für damalige deutsche Manga. Tatsächlich scheint gerade Prussian Blue bzw. Yonen Buzz 0 einen der Hauptvorwürfe an frühe heimische Manga zu bestätigen: Die Handlung wird nach Japan verlegt – wovon man aber jenseits der Figurennamen nicht viel merkt -, um irgendwie mehr nach Manga auszusehen, was aber mangels Recherche des angeblichen Settings eher aufgesetzt wirkt.

Seite aus Yonen Buzz 3Allerdings liest sich Yonen Buzz bereits von Beginn an äußerst flott und unterhaltsam. Erzählt wird die Geschichte der jungen Rockband Prussian Blue (später in Plastic Chew umbenannt, um die Namensgleichheit mit einer real existierenden amerikanischen Nazi-Girlband zu umgehen), bestehend aus dem halbdeutschen Gitarristen und Sänger Jun, Bassist Atsushi, Drummer Keigo und der zweiten Sängerin Sayuri, die für Juns Jugendfreund Masanori, der die Band überraschend verlassen hat, einspringt. Jun und Masanori teilen eine dunkle Vergangenheit, die die Autorin allerdings erst im letzten Band entgültig aufdeckt. Hauptschwerpunkt der Erzählung liegt von Beginn an auf dem steinigen Weg der Band zum Plattenvertrag, welcher erschwert wird durch deren radikal-punkige und kompromisslose Grundeinstellung, die den Erfolg mindestens ebenso scheut, wie sie ihn sucht. Auf der Schneise zwischen Selbstverwirklichung und den Anforderungen der kommerziellen Plattenindustrie entspinnt sich dann auch das mitreißende Drama von Yonen Buzz, welches die Serien von anderen Musik-Manga abhebt.

Zu Beginn zieht Band-Neuling Sayuri mit in die Band-WG, wo sie ausgerechnet im Zimmer des introvertierten Sängers Jun unterkommen muss. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Romanze, die jedoch schon schon bald auf eine harte Probe gestellt wird. Denn mit der Zeit zeigt sich, dass Sayuris Gesang sich nicht mit dem rauen Sound von Plastic Chew verträgt, und als die Band nach zwei Jahren endlich bei einem Label vorstellig werden darf, bekommt Sayuri kurzerhand ein Angebot für eine Solokarriere im Mainstream. Sie verlässt die Band, um ihren Traum von der Musikkarriere umsetzen zu können. Für Jun bricht die Welt zusammen. Als Ausnahme-Drummer Keigo auch noch von der ungemein erfolgreichen Teenie-Band The Gab umworben wird und der angeschlagene Jun einen Gig vollkommen verpatzt, steht die Band vor dem Aus.

Seite aus Yonen Buzz 4Doch über alle Krisen hinweg schweißt die Jungs ihre Freundschaft und der Traum von ihrer eigenen Band zusammen, und sie wagen einen Neuanfang als The Yonen Buzz. Zudem schneit ihnen der Zufall die moralische Unterstützung von zwei rein weiblich besetzten europäischen Punk-Bands ins Haus: den Deathwar Doctors aus England und dem deutschen Duo Bach vs. Linke. Und auch die mittlerweile zum Star aufgestiegene Sayuri kann Jun nicht vergessen …

Was nach generischem Band-Drama klingt, wird mindestens durch zwei Aspekte zu etwas Besonderem: Zum einen wäre da der emotional unglaublich mitreißende Erzählstil, der das dramatische Potential der Handlung voll ausschöpft und den Leser immer stärker mit dem Schicksal der Band, die sich stetig am Abgrund des Scheiterns entlang hangelt, mitfiebern lässt. Plaka nutzt hier sehr geschickt die wahren Stärken der Erzählform Manga, indem sie durch Figurendramaturgie, innere Monologe und aussagekräftige Perspektiven und Gesichtsausdrücke eine ungemein eindringliche emotionale Wirkung erzielt.

Seite aus Yonen Buzz 5Die zweite große Besonderheit von Yonen Buzz sind die unglaublich intensiv dargestellten Musikszenen. Plaka trumpft bei den Band-Auftritten mit äußerst realistisch portraitierten Instrumenten und höchst spannenden Perspektiven und Seitenkompositionen auf. Oft hat man das Gefühl, die Musik von Yonen Buzz tatsächlich zu hören, während man den Manga liest, was auch an den großartigen, von Plaka selbst verfassten (englischen) Songtexten liegt. Die Luft scheint beim Lesen zu vibrieren; Gänsehaut ist vorprogrammiert. Die intensive Beziehung, die die Autorin selbst zu dem Sound hat, der Vorbild für den Manga steht, vermag sie in Yonen Buzz auf ganz wunderbare Weise zum Ausdruck zu bringen.

Überhaupt beeindrucken die Zeichnungen mit jedem Band mehr. Im gleichen Maße, wie sich die ehemalige Japanologiestudentin Plaka intensiver in ihr japanisches Setting einarbeitet, entfernt sich ihr Stil von den stereotypen Manga-Anfängen, wird realistischer, eckiger, individueller. Auf Rasterfolien verzichtet sie irgendwann fast vollständig. Ihr dynamisches Inking fängt trotzdem jeden ausgefransten Kleidungszipfel perfekt ein.

Nicht nur der Zeichenstil scheint Japan zunehmend den Rücken zu kehren. Auch die realen Bands, die über Plaka auch direkten Einfluss auf die Handlung von Yonen Buzz nehmen, sind zumeist westliche Bands aus den alternativen Rockgenres wie Punk oder Grunge, die zwischen den Kapiteln auch immer wieder liebevoll portraitiert werden, wie Flipper, die Queens of the Stone Age, die Ärzte und natürlich Nirvana, die auch als Katalysator für den traumatisisierten kindlichen Jun wirken. Und während die Autorin sich nach Abschluss der Serie nach Japan absetzt, das sie im Laufe der Serie auch immer authentischer portaitiert, ist es vielleicht bezeichnend, dass ihre Band den umgekehrten Weg geht und am Ende ihr Karriereglück in Deutschand sucht. Das Beste zweier Welten eben. Genau wie deutsche Manga. 


Wertung
: Wertung: 9 von 10 Punkten

Das Beste aus zwei Welten

 

Yonen Buzz
Tokyopop, 2005-2012
Text und Zeichnungen: Christina Plaka
Band 0-5: je 176-192 Seiten, schwarz-weiß mit 4 Farbseiten, Softcover
Preis: je 6,50 Euro
ISBN:
978-3-86580-125-8 (Band 0)
978-3-86580-121-0 (Band 1)
978-3-86580-122-7 (Band 2)
978-3-86580-123-4 (Band 3)
978-3-86580-124-1 (Band 4)
978-3-8420-0000-1 (Band 5)

Yonen Buzz United
128 Seiten, Farbe und schwarz-weiß, Großformat, Softcover
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-86719-350-4

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Abbildungen © Christina Plaka

Unter Schwarzer Flagge 1 – Gischt und Blut

Cover Unter Schwarzer Flagge 1 Unübersehbar erleben die Piraten nicht nur auf den realen Meeren eine Renaissance, sondern auch im Comic. Beschränken sie sich auf der großen Leinwand auf die Fluch der Karibik-Filme, so kamen im Comicbereich allein in den letzten Monaten gleich mehrere neue Serien auf den deutschen Markt, welche die Segel setzen. Barracuda und Das Testament des Captain Crown sind nur die neuesten. Mit Isaak der Pirat oder An Bord der Morgenstern gab es auch schon einige Monate vorher Comics, welche einen neuen Blickwinkel auf die Piraten suchten. Das macht Unter Schwarzer Flagge ebenso und auf ganz eigene Weise.

Der Piratenkapitän Dan Dark zwingt die Sklavin Mahalia auf sein Schiff, da er ihren Großvater dazu bringen will, eine geheimnisvolle Schatzkarte zu übersetzen. Zusammen mit seinen Begleitern Bonnie und Killing Howie will er den Schatz um jeden Preis. Doch nicht nur Mahalias Bedingungen lassen die Piraten verzweifeln, sondern auch deren Großvater, der noch eine Rechnung mit Dark offen hat.

Schon das erste Panel gibt vor, dass das alles nicht allzu ernst gemeint ist. Schließlich heißt die Taverne, der erste Schauplatz, „Die furzende Ratte“. Rechnet man nun mit einigen satirischen oder parodistischen Hieben, wird man schnell eines Besseren belehrt. Hier werden zwar Hiebe ausgeteilt, aber nur mit dem Säbel, der auch Glieder abtrennt. Es geht also stellenweise sehr blutig zu unter der schwarzen Flagge. Aber inkonsequenterweise auch recht humorvoll. Ein um das andere Mal drängt sich Dialogwitz in den Vordergrund. Der ist zwar sehr gelungen, wenngleich ein stark moralisierender Dialog über das Piratentum extrem unglaubwürdig und störend auffällt.

Seite aus Unter Schwarzer Flagge 1Die neuen Aspekte, welche die Serie sucht, um einen erweiterten Blick auf das Genre zu ermöglichen, finden Autor Eric Corbeyran und Zeichner Brice Bingono wohl im Fantasybereich. Denn im Laufe der Geschichte tauchen immer mehr dieser Aspekte auf. Das mag Puristen abschrecken, ist aber in diesem Auftaktband noch relativ dezent ausgearbeitet.

Selten wurde es allerdings so deutlich gemacht, dass eine Schatzkarte für das Genre im Grunde nur als McGuffin dient. Also als etwas, was völlig irrelevant ist, aber die Handlung erst in Gang bringt. Es dreht sich schließlich alles um die Suche an sich, um die Kämpfe und Bedrohungen auf dem Weg. So auch hier, denn die Suchenden wissen ja nicht einmal, woraus der Schatz eigentlich besteht. Sie haben nur eine unlesbare Karte. Und da es eben eine Karte ist, die chiffriert worden war, muss sie einfach zu etwas Wertvollem hinführen. Das ist die Logik der Piraten, und geschickterweise auch die des gesamten Genres.

Generell ist dieser Auftakt noch etwas zwiespältig und ausbaufähig. Mal sehen, wohin es in den Folgebänden der Albentrilogie geht. Auch die starke Konzentration auf die Hauptfiguren ist manchmal etwas merkwürdig. Man hat schon bisweilen den Eindruck, dass das Schiff von alleine segelt, da nur die relevanten Figuren zu sehen sind, aber nicht die Mannschaft.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Mit kleinen Fantasyelementen angereichertes Piratenabenteuer, das zwar das Genre gewissermaßen reflektiert, aber noch etwas zwiespältig ist.


Unter Schwarzer Flagge 1 – Gischt und Blut
Splitter Verlag, Januar 2012
Text: Eric Corbeyran
Zeichnungen: Brice Bingono
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-400-0
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche: Mit dem Max-und-Moritz-Preis, einem eingestellten Lexikon und ausverkauften Comics

Unsere Links der Woche, Ausgabe 13/2012:


„Die Comic-Szene ist absolut international“
Erlanger Nachrichten, Clemens Heydenreich
In Erlangen tagte in der vergangenen Woche die sechsköpfige Jury des Max-und-Moritz-Preises, um die Nominiertenliste für den im Zweijahresrhthymus beim Comic-Salon vergebenen Preis zu ermitteln. Die dortige Lokalzeitung sprach mit Jurymitglied Brigitte Helbling.

Stell dir vor, es gibt einen Preis, und jedes Jahr bekommt ihn derselbe
Stefan Pannor
Das Foto im oben verlinkten Artikel zur Jurysitzung veranlasst den Comicjournalisten Stefan Pannor zu einer umfassenden Kritik am Max-und-Moritz-Preis. Er kritisiert die Einreichungspolitik, ungleiche Chancen für die Verlage und vor allem die Kontinuität der Jury-Besetzung: „Es braucht mehr Flexibilität auf allen Seiten und ja – dare I say it? – eine stärkere Rotation der Jury statt einer festsitzenden Expertengruppe.“

(Eigentlich albern, sich an dieser Stelle selbst zu verlinken, aber weils so gut passt: Fast zeitgleich mit Pannors Beitrag ging bei uns heute das Interview mit Bodo Birk online, hauptamtlicher Organisator des Comic-Salons und selbst Mitglied der Jury.)

Bilder des Comics. Beiträge zur 5. Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung 2010
Medienobservationen, diverse Autoren
Die geisteswissenschaftliche Onlinezeitschrift der Ludwig-Maximilians-Universität München veröffentlicht acht Aufsätze zur Comicwissenschaft, die für die 5. Jahrestagung der ComFor im Jahr 2010 erschienen sind. Die umfangreichen Beiträge sind kostenlos als PDF abrufbar.

Für tot erklärt zum 20. Geburtstag – Ein Nachruf zum “Lexikon der Comics”
Gesellschaft für Comicforschung, René Mounajed
Das über 20 Jahre lang als Loseblattsammlung aktualisierte Lexikon der Comics hat sein Erscheinen im vergangenen Jahr eingestellt. Comicforscher René Mounajed, der selbst einige Beiträge zum Lexikon beigesteuert hatte, verabschiedet sich von dem Standardwerk und kritisiert den Corian-Verlag und Herausgeber Marcus Czerwionka für diese Entscheidung.

Free Digital Comic: LUTHER
Mark Waid
Der 50jährige Autor Mark Waid ist ein Veteran des amerikanischen Mainstream-Comics. Seit gut 20 Jahren schreibt er Comics, viele davon für Marvel und DC (u.a. das berühmte Kingdom Come). Jetzt hat er beschlossen, auf dem boomenden Markt der digitalen Comics mitzumischen – ohne Verlag, auf eigene Faust. Na und, tun das nicht zahllose Comicmacher? Ja, aber Mark Waid ist einer der ersten etablierten Autoren, die einen bekannten Namen haben und im Prinzip im klassischen Geschäft fest im Sattel sitzen, der sich auf das Wagnis einlässt. Im Mai startet er sein Angebot digitaler Comics auf einer neuen Website, die dort angebotenen Comics sollen spezifisch auf das Medium Bildschirm (ob Tablet, Handy oder PC) zugeschnitten sein. Als „proof of concept“ steht die Nullnummer von Luther als kostenloses PDF zum Download zur Verfügung, in den nächsten Wochen begleitet er den Vorbereitungsprozess auf seinem Blog. Was immer daraus wird, es wird interessant.

Selling Out
It Sparkles, Eric Stephenson
„Hurra, unser Comic ist ausverkauft!“ posaunen immer wieder Pressemitteilungen von Comicverlagen. Eric Stephenson, Verlagschef von Image Comics (bei deren Comics genau dies zuletzt recht oft der Fall war), sieht darin eher keinen Grund zum Jubeln. Denn wenn Comics, die die Leute lesen wollen, im Laden nicht zur Verfügung stehen, bedeutet das entgangene Einnahmen für Verlage und Händler. „Bottom line: We all lose when we sell out.“