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The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier (US)

 Die League of Extraordinary Gentlemen gehört, der furchtbaren Hollywood-Verfilmung zum Trotz, zu den interessantesten und spannendsten Schöpfungen von Comic-Mastermind Alan Moore. Nach langer Wartezeit und vielen Verschiebungen erschien Ende 2007 endlich neues Material für die Freunde der Liga. Allerdings gibt es das Black Dossier offiziell nur in den USA.

In zwei Miniserien (erschienen 1999/2000 bzw. 2002/2003) hatte Alan Moore, zusammen mit dem Zeichner Kevin O'Neill, eine viktorianische Version der Superhelden-Teams erschaffen. So wie in der JLA oder in den Avengers bekannte Comichelden zusammenarbeiten, kooperieren in der LOEG am Ende des 19. Jahrhunderts berühmte Schöpfungen der damaligen Unterhaltungsliteratur: Kapitän Nemo, Dr. Jekyll, der Unsichtbare und Allan Quatermain. Angeführt wird die Truppe von Mina Murray (geschiedene Harker) aus Dracula.

Moore und O'Neill machten sich einen Spaß daraus, alle möglichen bekannten und obskuren Figuren aus jener Zeit zu verwenden, in den LOEG-Abenteuern findet man Verweise auf Arthur Conan Doyle, Edgar Allan Poe, Jules Verne, H.G. Wells und viele mehr. Und in Andeutungen erfährt man auch, dass es in Alan Moores fiktionaler Welt nicht nur eine Liga gab, sondern viele, quer durch die Jahrhunderte.

Im Black Dossier, erschienen als aufwändiger Hardcoverband, erforschen Moore und O'Neill nun diese lange Geschichte der Heldentruppen des britischen Königreiches. Und was die beiden hier vorlegen, ist weit mehr als ein Comic, sondern vielmehr ein komplexes und intelligentes Spiel mit Literatur, Popkultur, ihrer Geschichte und ihren Formen.

 Beim titelgebenden „Black Dossier“ handelt es sich um eine Sammlung von Dokumenten, die gut verschlossen beim englischen Geheimdienst liegt und die allerhand Zeugnisse über verschiedene Versionen der Liga versammelt. Dabei spannt sich der Bogen vom Anbeginn der Zeit bis in die Gegenwart der Rahmenhandlung, die in den 1950er Jahren spielt. Nur diese Rahmenhandlung wird in Comicform erzählt: Darin erbeuten Mina und der Sohn von Allan Quatermain das Dossier, werden vom Geheimdienst verfolgt und bekommen es unter anderem mit Emma Peel und einem gewissen Agent 007 zu tun.

Der Schwerpunkt von Black Dossier allerdings liegt nicht auf dem Comic, sondern auf den einzelnen Dokumenten, die Alan Moore in unterschiedlichsten Stilrichtungen verfasst hat. Da gibt es ein Shakespeare-Theaterstück, Bildgeschichten, Romanfragmente, Postkarten, Zeitschriftenaufsätze, Tagebucheinträge, Briefwechsel, Beatnik-Prosa und eine Tijuana Bible , die so tut, als wäre sie während des Big-Brother-Regimes aus George Orwells 1984 entstanden.

 Aus alldem kann sich der Leser die umfassende Geschichte einer Welt zusammensetzen, in der alle fiktionalen Figuren wirklich leben, von griechischen Sagenhelden über Virginia Woolfs Orlando bis hin zu den „Elder Ones“ aus H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos. Einer Welt, in der der zweite Weltkrieg gegen Adenoid Hynkel geführt wurde und in der auch die Deutschen ihre Heldenliga hatten: Die „Zwielichthelden“, bestehend aus Dr. Caligari, Dr. Mabuse und Dr. Rotwang sowie dem Roboter aus Fritz Langs Metropolis.

Während die beiden LOEG-Miniserien trotz all der literarischen Anspielungen leicht konsumierbare, spannende Abenteuerstories waren, ist die Lektüre des Black Dossier (welches ausdrücklich nicht „Teil 3“ genannt wird) teilweise harte Arbeit. Wem der eng bedruckte Textanhang aus Volume 2 der League of Extraordinary Gentlemen zu anstrengend war, der braucht diesen Band gar nicht erst anzufassen. Wer sich jedoch auf die Herausforderung einlässt, wird reich belohnt. Moore und sein Illustrator O'Neill imitieren für jedes Segment den Stil der jeweiligen Zeit und schaffen es dennoch, überall ihre Markenzeichen unterzubringen: einen meist feinsinnigen, manchmal auch derben Humor und allerlei sexuelle Anspielungen, die sich, mal mehr und mal weniger subtil, wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Darüberhinaus ist es auch herausragend gestaltet: Letterer Todd Klein spielt virtuos mit unterschiedlichen Designs und Schriftarten und sogar unterschiedliche Papiersorten wurden verwendet.

 Visueller Höhepunkt des Buches ist die Schlussszene, die als 3D-Comic gestaltet wurde. Sowohl die handelnden Figuren als auch die Leser setzen ihre 3D-Brillen auf und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus…

Black Dossier ist also kein simpler Comic, sondern eine einzigartige multimediale Erfahrung, der man anmerkt, wie viel Zeit, Liebe und Akribie Moore und O'Neill hierfür investiert haben. Und auch der Leser muss Zeit und Mühe investieren. Für Neueinsteiger ist das Buch völlig ungeeignet, es richtet sich an Spezialisten, an Fans der League-Comics, die tiefer in diese Welt dringen wollen.

Leider hat sich der Verlag DC Comics, der den Band vertreibt, entschieden, das Black Dossier nur innerhalb der USA zu verkaufen. Der Grund dafür sind vor allem Copyright-Bedenken, da einige der verwendeten Figuren (noch) urheberrechtlich geschützt sind. Interessierte Leser müssen sich den Band also auf Import-Kanälen besorgen.

Eine deutsche Ausgabe wird wohl auf absehbare Zeit nicht erscheinen, nicht nur wegen der genannten Copyright-Problematik, sondern auch, weil einige Teile des Buches nahezu unübersetzbar sein dürften. So bleibt das Black Dossier hierzulande wohl ein außergewöhnlicher Leckerbissen für eine handvoll Alan-Moore-Fans mit guten Englischkenntnissen.

The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier
America's Best Comics, November 2007
Text: Alan Moore
Zeichnungen: Kevin O'Neill
Hardcover; farbig; 208 Seiten; 29,99 US-$
ISBN: 978-1-4012-0306-1

herausragend, Grenzend sprengend

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Bildquelle: ew.com

Albatros 1 und 2

 Eine Hafenstadt am Ende des 19. Jahrhunderts, geplagt von gewalttätigen Attacken von Seevögeln, die Alfred Hitchcock alle Ehre machen würden. In einem Nachtclub arbeitet die junge Ombeline als Tänzerin, soll der Kundschaft nach dem Willen ihrer Chefin aber auch für weitere Dienste zur Verfügung stehen. Gemeinsam mit einer anderen Tänzerin flieht sie aus dem Etablissement und landet wenig später auf einem Schiff namens Albatros.

Doch die Albatros ist kein gewöhnliches Schiff: Es ist ein fliegendes Schiff, das an einem überdimensionalen Ballon hängend durch die Lüfte schwebt. Und auch die Besatzung ist nicht gewöhnlich — es handelt sich um Piraten, angeführt von einem weiblichen Kapitän namens Emerance. Während Ombeline sich auf dem Schiff umsieht, nimmt am Boden der Gouverneur, der auch ihr Onkel ist, die Verfolgung auf.

 Und damit endet bereits das erste Album, was ein wenig schade ist. Denn es besteht fast vollständig aus Exposition. Der erste Band ist nicht viel mehr als eine Einleitung. Wer nur diesen Band liest, wird möglicherweise enttäuscht sein, denn man erfährt wenig Hintergrund über die Hauptfigur Ombeline und noch weniger über das Schiff Albatros, das der Serie ja immerhin den Namen gegeben hat.

Es war daher eine kluge, wenn auch ungewöhnliche Entscheidung des Splitter-Verlags, den zweiten Band nur wenige Wochen nach dem ersten zu veröffentlichen. Erst mit jenem Album steigt man tiefer in die Geschichte ein. Wir lernen, dass Emerance, die Kapitänin der Albatros, eine große Faszination für Vögel hat und dass auf dem Schiff Prototypen für Fluggeräte entwickelt wurden, mit denen einzelne Piraten fliegen können sollen.  Ombeline kommt ihr da gerade recht: als Testpilotin und Versuchskaninchen für die noch unausgereiften Fluggeräte. Und diese beschließt mitzuspielen und vielleicht diese neue Technik für ihre Zwecke zu nutzen. Mit dem Schiffskoch findet sie schnell einen Freund auf dem Schiff und beginnt sich dort wohl zu fühlen. Bei einer spektakulären Konfrontation zwischen Gesetzeshütern und Piraten kann Ombeline schließlich zeigen, was in ihr steckt…

Albatros ist die erste Serie des 1974 geborenen Franzosen Vincent, der hier sowohl als Autor als auch als Zeichner fungiert. Sein Zeichenstil erinnert an Régis Loisel, ist aber etwas schroffer und „schmutziger“. Vincent verwendet eine dunkle, erdige Farbpalette, zu der das knallrote Cabaret-Kleidchen, das Ombeline durchgehend trägt, einen schönen Kontrast ergibt. Ein besonderes Händchen hat Vincent für die monumentaleren Szenen. Immer wenn das fliegende Schiff zu sehen ist, gelingen Vincent tolle Bilder. Im zweiten Band sorgt das für einige spektakuläre Sequenzen, wenn das Schiff an einem Berg strandet und die Crew einen verwegenen Fluchtversuch startet. Und auch die blutigen Vogelangriffe in Band 1 sind tolles Augenfutter.

 Nach dem eher schwachen ersten Band gelingt Vincent in der Fortsetzung die Kurve zu einer soliden, unterhaltsamen Abenteuergeschichte. Die Protaginistin Ombeline bleibt trotzdem weiterhin eher blass, und man versteht auch nicht so recht, warum sie nach Tagen an Bord eines Piratenschiffs immer noch mit ihrem schulterfreien Cabaret-Kleidchen herumrennen muss. Ob Albatros insgesamt gelungen ist, wird sich im abschließenden dritten Band zeigen, der im Sommer 2008 erscheint. Wenn Vincent die positive Tendenz aus dem zweiten Album weiterführt, darf man optimistisch sein.

Albatros 1: Shanghait
Albatros 2: Der böse Blick

Splitter
, November/Dezember 2007
Text und Zeichnungen: Vincent
Hardcover; farbig; je 48 Seiten; je 12,80 Euro
ISBN:
978-3-939823-85-8 und 978-3-939823-86-5

Band 2 ist auch als Special Edition mit Figur erhältlich.

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Bildquelle: splitter-verlag.de

100 Bullets 7 – Samurai

 Brian Azzarello und Eduardo Risso werden seit einiger Zeit als Dream-Team des US-Action-Comics gehandelt. Nicht ohne Grund. Ihre Serie 100 Bullets ist ein Dauerbrenner und hat schon einen Haufen Preise abgeräumt. Hierzulande folgt Panini der Spur und veröffentlichte kürzlich Samurai, den siebten Band der Serie. Er enthält die Knastgeschichte Chillen im Ofen und die Parabel InStinkt.

Chillen im Ofen ist eine Gefängnisgeschichte, in der eigentlich nicht viel passiert. Die Handlung ist recht statisch und gleicht eher einem erzählten Gemälde als einer Achterbahnfahrt. Eingangs wird der Knastbruder Loop, die Hauptfigur dieses Vierteilers, aus der Einzelhaft entlassen. Mehrere Tage hat er in einer kakerlakenverseuchten Höhle ohne Fenster zugebracht. Nun wird er zurück in den Alltag hinter Mauern geschickt. Wieder unter Leuten muss er aufpassen, dass ihm niemand das Fell über die Ohren zieht. Loop ist nämlich gut darin, sich Feinde zu machen. Nacheinander werden nun die Figuren ins Feld geführt, die ihm ans Leder wollen. Ex-Minuteman Lono ist darunter, Aufseher Dirtz und schließlich Nine Train, dem Loop die Luftröhre brach, weswegen er in der Einzelhaft landete. Viel Platz zum Manövrieren bleibt ihm nicht, denn seine Gegner sind alle größer, stärker und einflussreicher als er. Was er braucht, ist eine List, einen Zaubertrick, um aus der Situation herauszukommen. Eine Geschichte ohne Agent Graves, ohne einhundert Kugeln, dafür aber mit Lono und Sheperd, die direkt an die Episode Die Nacht des Zahltags (100 Bullets 6: Sechs im Roten Kreis) anknüpft.

In dem Dreiteiler InStinkt dreht sich alles um Tiger, Mafiosi und zwei Junkies. Einer der Heroinabhängigen ist der ehemalige Minuteman Jack, ein großer Kerl mit zerschlissenen Hosen und einer Pistole, die ihm Agent Graves gab. Plus einhundert Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden können. Zu der Waffe gab Graves noch den Hinweis, dass Jack sich selber in die Scheisse geritten habe. So ist Jack also angehalten, über sich selbst nachzugrübeln. Zur Zeit kurvt er mit seinem Junkie-Freund Mikey durch’s nächtliche Nirgendwo. Als Mikey den Wagen zu seinem Cousin Garvey lenkt und Jack dort einen stolzen Tiger hinter Gittern erblickt, bekommt er den entscheidenden Denkanstoß. Der Tiger wird zum Spiegelbild seiner eigenen Situation. „Ob er glaubt, er hat’s verratzt?“ Während Jack auf solch geistigen Höhenflügen reitet, empfängt Cousin Garvey Besuch. Drei suspekte Herren aus der Großstadt mit italienischem Akzent sind angereist, um viel Geld auszugeben und dafür einen Tiger zu erschießen. In seinem Käfig, null Risiko. Der König des Dschungels als Schlachtvieh. Jack erkennt, dass für ihn der Zeitpunkt gekommen ist, um sein Leben zu ändern. Hätten sich die italienischen Herren doch besser einen anderen Tag für ihren Besuch ausgesucht…

Wer die Arbeiten von Azzarello und Risso mag, wird an Samurai seinen Spaß haben. Knallharte Macker, scharfe Babes, kurze, bissige Wortwechsel und ein schmierig-düsteres Ganoven-Milieu machen auch dieses Mal wieder den Flair der Stories aus. Etwas spannender kommt der erste Teil Chillen im Ofen weg, da die Handlung facettenreicher und weniger vorhersehbar ausfällt als InStinkt. Das zweite Szenario lahmt, weil der Leser zu schnell den Braten riecht, der ihm da vorgesetzt werden soll. Das Gleichnis zwischen Tiger und dem Minuteman Jack ist klar, die Konsequenz daraus folgt jedoch zu langsam. Die Geschichte hinkt etwas hinter den Gedanken des Lesers hinterher. So ist Samurai eine konsequente und gute Weiterführung der Serie 100 Bullets, aber sicherlich kein Meilenstein der Comic-Literatur.

100 Bullets 7 – Samurai
Panini September 2007
Autor: Brian Azzarello
Zeichnungen: Eduardo Risso
Übersetzung: Claudia Fliege
Originalausgabe: 100 Bullets #43-49 (DC Vertigo)
172 Seiten; vierfarbig; Softcover; 19,95 Euro
ISBN 978-3866074903

www.100bullets.sevenpennynightmare.co.uk

Guter Action-Comic

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Ausgetrickst

 Schon mit seinem ersten umfangreichen Comicroman Box Office Poison errang Alex Robinson reichlich Lobeshymnen und Nominierungen für Comic-Preise. Mit dem Nachfolgewerk Tricked zeigte er 2005, dass er keine Eintagsfliege ist. Während Box Office Poison noch nicht auf deutsch veröffentlicht wurde, bringt Edition 52 Robinsons Zweitwerk unter dem deutschen Titel Ausgetrickst auf den Markt. Ein hervorragender Comic, finden sowohl Benjamin als auch Thomas und nehmen den Band in einer gemeinsamen Rezension unter die Lupe.

Thomas: Ausgetrickst ist eine dicke, 350 Seiten starke Graphic Novel in schwarzweiß, an der man einige Zeit zu lesen hat. Robinson beginnt mit sechs Handlungssträngen, die anfangs noch gar nichts miteinander zu tun haben, aber schon bald aufeinander zulaufen und im Verlauf der Geschichte immer mehr zusammenwachsen.

Benjamin:
Wobei die Erzählstränge jeweils einer der sechs Hauptpersonen gewidmet sind. Es sind dies ein Rockstar, ein Fälscher, eine Büroangestellte, eine Bedienung in einem Diner, eine verlorene Tochter und ein fanatischer Musikfan. Das heißt, obwohl jeder seine eigene Geschichte besitzt, kreuzen sich ihre Wege, die einen begegnen sich früher als andere, aber in jedem Fall sind ihre Schicksale miteinander verbunden.

Zugegeben, Ausgetrickst ist für eine Comicerzählung ganz schön in die Länge gezogen und es dauert schon einige Zeit, bis man das Buch durchgelesen hat. Umso erstaunlicher war es für mich, wie intelligent Alex Robinson kleine und große Verknüpfungen strickt und mich damit doch völlig begeistert am Ball bleiben ließ. Also ich muss sagen, das ist nicht nur von der Seitenzahl her ganz groß, oder?

 Thomas: Absolut. Denn in Ausgetrickst steckt eine ganze Menge drin. Ich würde nicht behaupten, es sei „in die Länge gezogen“. Statt von „Länge“ würde ich eher von „Tiefe“ sprechen. Ausgetrickst ist nie langweilig, was auch daran liegt, dass ein einzelnes Kapitel immer nur wenige Seiten lang ist und man sehr schnell wieder zum nächsten Handlungsstrang springt. Aber die Länge des Buches gibt Alex Robinson Gelegenheit, seine Charaktere wirklich dreidimensional zu machen. Wir lernen die sechs Hauptprotagonisten wirklich kennen und selbst einige Nebenfiguren bekommen erstaunlich viel charakterliche Tiefe.

Benjamin: Die sechs Protagonisten sind so vielschichtig angelegt, dass man sich gut reinfühlen kann, oft sich sogar wiederfindet. Und das ist bei diesen komplexen Persönlichkeiten wahrlich kein einfacher Prozess. Zudem wird man von der Story unweigerlich mitgerissen, die Kapitel sind von 50 an rückwärts durchnummeriert, was die Wirkung des sich auch inhaltlich ablaufenden Countdowns bzw. das Hinauslaufen auf den Showdown noch verstärkt. Besonders gelungen finde ich die Darstellungen von Ray Beam, dem berühmten Musiker in der Schaffenskrise und Ex-Mitglied der Band „The Tricks“, sowie dem Büroangestellten Steve, der besessener Fan jener Band ist und missmutig durchs Leben geht. Beide sind schon zu Beginn des Bandes sowas die die tragischen Gestalten, deren Entwicklung dann aber völlig konträr laufen soll. Überhaupt hängt Ray Beam aus meiner Sicht mit den meisten Geschehnissen zusammen, ihm gegenüber steht der völlig neurotische, Ray-verehrende Steve.

Thomas:
Ja, Ray Beam ist vielleicht die wichtigste Figur von Ausgetrickst. Wenn sich die Fäden im Verlauf der Handlung mehr und mehr zusammenziehen, steht er im Zentrum, die Fäden ziehen sich quasi um ihn herum. Allerdings ist Ray Beam nicht gerade die originellste von Robinsons Figuren. In ihm stecken zahlreiche Rock-Klischees. Geniale Musiker, die mit ihrer Band einen Senkrechtstart hatten, sich später mit den Kollegen zerstritten und danach mit mehr oder weniger Erfolg eine Solokarriere anstrebten, kennt die Popgeschichte zur Genüge, ob sie nun John Lennon, Morrissey oder Roger Waters heißen. Und auch das Verhalten von Ray Beam als stinkreicher, aber ziemlich verzweifelter Typ mit hohem Nutten- und Koks-Verschleiß ist doch recht klischeehaft.

Da fand ich andere Figuren doch erfrischender, wie z.B. Caprice, die untersetzte Bedienung im Diner, die sich frisch verliebt und dennoch nicht ausschließlich im siebten Himmel schwebt.

 Benjamin: Ich bin allerdings durchaus der Meinung, dass Alex Robinson Ray ganz bewusst so klischeehaft angelegt hat, wo ich dir übrigens Recht gebe. Man muss sich meines Erachtens vor Augen führen, dass Musik innerhalb der Geschichte einen hohen Stellenwert einnimmt, und der Autor, obwohl sämtliche genannten Bands, Künstler, Alben, Songs nicht real existieren, dennoch akribisch Rays Vergangenheit darstellt, und ihn an jeder Stelle genau so darstellt, wie er ihn haben will. Schließlich ist Rays Leben sowas wie ein Grundthema des Bandes und er wird als Figur darin sehr überzeugend und clever für weitere Verwicklungen und Interaktionen mit den anderen Personen benutzt. Im Grunde sieht man gleich auf Seite 1, auf der Rays Karriere an ihm vorüberzieht und er einen inneren Monolog führt, dass Robinson den Charakter versteht und begreift, wie er ihn im Folgenden sezieren kann. Der Musiker, die Öffentlichkeit, sein soziales Umfeld, die Fans: Rays zentrale Rolle liegt auch in der perspektivisch angelegten Erzählweise begründet.

Thomas: Okay, dich hat also der Ray-Beam-Charakter mehr beeindruckt als mich. Vielleicht liegt es auch daran, dass für mich der große Höhepunkt, der Zusammenprall aller Handlungsstränge im Kapitel Eins (wie bereits erwähnt wird rückwärts von 50 bis 1 gezählt), nicht sonderlich überraschend kam. Was dort geschieht, zeichnet sich bereits frühzeitig ab. Nichtsdestotrotz ist diese Sequenz von Robinson wunderbar umgesetzt, er spielt hier virtuos mit diversen Stilmitteln des Comics.

Überhaupt ist Robinson ein äußert variantenreicher graphischer Erzähler. Das hat mir an Ausgetrickst mit am Besten gefallen: die Vielfalt der Stilmittel, die angewandt werden. Von völlig stummen Sequenzen bis zu äußerst textreichen Passagen, von sehr kleinteilig aufgebauten Seiten bis hin zu surrealen Splashpages. Alex Robinson mag vielleicht kein begnadetes Zeichengenie sein (seine Figuren und Gesichter wirken manchmal etwas unbeholfen), das spielt aber keine Rolle, da er in Sachen Storytelling und Seitenaufbau wirklich groß ist.

 Benjamin: Stimmt, gerade aufs Ende hin setzt er die Szenen variantenreich und überraschend um. Aber auch vorher werden die Panels immer wieder neu angeordnet und die Seiten sind mal textlastig, mal aufs Optische reduziert, wie du es beschrieben hast. Das ist, gerade mit Bedacht auf die hohe Seitenzahl, ganz groß. Im Übrigen fand ich persönlich die Mimik der Personen immer stimmig, was ja bei sozialer Interaktion auch wichtig ist, um die Gefühle gut vermitteln zu können. Nein, da hab ich nichts auszusetzen, die Zeichnungen kommen ohne viel Schnörkel und Farbe aus, aber bei diesem Band passt das einfach.

Thomas: Absolut. Alles in allem ist Ausgetrickst für mich eine der lesenswertesten Comic-Veröffentlichungen des Jahres 2007. Unter dem Schlagwort „Graphic Novel“ wird inzwischen ja alles mögliche verkauft, aber hier ist das Wort vom Roman in Comicform wirklich angemessen. Ein kleiner Makel ist höchstens die nicht immer elegante deutsche Übersetzung. Diese bleibt an einigen Stellen dem englischen Original so treu, dass recht ungelenk klingende deutsche Sätze herauskommen, die man so einfach nicht sagen würde.

Benjamin: Ist mir eigentlich nicht so aufgefallen. Solange solche ungelenken Satzkonstruktionen in der Übersetzung aber nicht überhand nehmen, würde ich sowas auch wenig Gewichtung in der Gesamtwertung beimessen. Für mich steht fest, dass Ausgetrickst eine der gelungensten Publikationen der letzten Jahre im Sektor Graphic Novel ist. In der Tat kann man das „Trendprädikat“ Graphic Novel hier getrost verwenden, da man sich in dieses dicke Buch wirklich wie in einen guten, langen Roman reinlesen und vertiefen kann. Ich persönlich war beim Lesen begeistert.

Ausgetrickst
Edition 52, Oktober 2007
Text und Zeichnungen: Alex Robinson
Softcover; schwarz-weiß; 352 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-935229-54-8

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Mehr Dialog-Rezensionen bei Comicgate:
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200g Hack
Fables – Legenden im Exil
Marvel Graphic Novels: Shanna

Bildquelle: Edition 52

Gipfel der Götter 1

gipfel_cover.jp 2007 könnte als das Jahr in die Comicgeschichtsschreibung eingehen, in der der deutsche Markt einen Meister aus Japan endgültig entdeckt hat: den Mangaka Jiro Taniguchi. Endlich, muss man sagen. Der inzwischen 60jährige veröffentlicht seit den siebziger Jahren und wurde international mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, doch erst jetzt trauen sich deutsche Verlage, seine Werke hier zu veröffentlichen.

Nach den großen Comicromanen Vertraute Fremde (Carlsen) und Die Stadt und das Mädchen sowie der Kurzgeschichten-Sammlung Der Wanderer im Eis (beide Shodoku) erscheint nun die erste längere Serie. Bei Gipfel der Götter, zuerst in der japanischen Zeitschrift Business Jump erschienen, fungierte Taniguchi allerdings „nur“ als Zeichner; das Szenario stammt von Baku Yumemakura.

Gipfel der Götter ist ein alpines Drama, dessen die Hauptrolle eigentlich die Berge einnehmen. Die höchsten und schwersten Gipfel der Erde, die für den Menschen gleichermaßen Faszination, Herausforderung und Bedrohung darstellen. Der menschliche Hauptdarsteller ist Habu Yoshi, ein legendärer japanischer Bergsteiger, der die meisten wichtigen Berge bestiegen hatte, aber eines Tages spurlos verschwunden war.

 Der Alpinfotograf Fukamachi Makoto begegnet ihm kurz und zufällig in Nepal, und beginnt daraufhin, das Leben von Habu Yoshi zu erforschen. Er sucht zahlreiche ehemalige Gefährten des Bergsteigergenies auf und bittet sie, ihm ihre Erinnerungen an ihn mitzuteilen. So rekonstruiert Fukamachi, und mit ihm der Leser, mit Hilfe von Rückblenden Habus Karriere und seinen Weg in die Einsamkeit. Wie sich bald herausstellt, war Habu ein äußert schwieriger Zeitgenosse, der sich mit Menschen immer schwertat und erst an der Wand so richtig aufblühte. Dieser erzählerische Kniff macht aus Gipfel der Götter weit mehr als eine simple Abenteuergeschichte in den Bergen: die komplexe (fiktive) Biographie eines manischen Genies, der wir uns aus der Sicht eines Fremden (nämlich des Fotografen) nähern, verbunden mit einer spannenden, kriminalistischen Spurensuche als Rahmenhandlung.

Doch der Manga ist nicht nur clever erzählt, sondern hat auch fürs Auge viel zu bieten. Die immer wieder eingestreuten Bergsteigerszenen sind optische Leckerbissen und sowohl dramaturgisch als auch grafisch die Höhepunkte der Geschichte. Hier entfalten sich dramatische Szenen, in denen es oft genug um Leben und Tod geht. Jiro Taniguchi gelingt es, Bergpanoramen von erschütternder Schönheit aufs Papier zu zaubern, die nahe am Fotorealismus sind, aber durch viele verschiedende Blickwinkel eine Spannung erzeugen, wie es Foto- oder Filmaufnahmen kaum könnten. Auch wer noch nie an einer Steilwand hing, kann in diesem Manga die Mischung aus Schönheit und Schrecken spüren, die berüchtigte Berge wie die Eiger-Nordwand auszeichnen.

 Die lange Zurückhaltung deutscher Verlage bezüglich Jiro Taniguchi lag wohl auch daran, dass sein Stil zwar erkennbar japanische Wurzeln hat, aber ganz und gar nicht dem entspricht, was junge Mangafans erwarten. Für Manga-Verhältnisse hat Taniguchi einen ausgeprägt westlichen Stil, sein feiner, filigraner Strich legt auf detailreiche Hintergründe mindestens so viel Wert wie auf die handelnden Personen, statt pausenloser Action gibt es immer wieder sehr ruhige und zurückhaltende Szenen.

Ob das Thema Alpinismus wirklich genug hergibt, um eine Geschichte zu tragen, die auf fünf dicke Bände ausgelegt ist, wird sich noch herausstellen. Doch wenn Yumemakura und Taniguchi die Spannung halten können, die sie im ersten Band aufbauen, könnte es am Ende auf ein Meisterwerk hinauslaufen. Der zweite Band soll in Kürze erscheinen, man darf sich darauf freuen.

Gipfel der Götter 1
Shodoku bei Schreiber & Leser, Oktober 2007
Text: Baku Yumemakura
Zeichnungen: Jiro Taniguchi
Broschiertes Softcover; schwarz-weiß; 326 Seiten; 16,95 Euro
ISBN: 978-3-937102-71-9

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Bildquelle: schreiberundleser.de

Der Kri-Ticker #66

 Kurz vor Weihnachten haben wir nochmal etliche Kurzrezensionen zusammengestellt. Und weil es schon seit vielen Wochen keine neue Folge des Kri-Tickers gab, bekommt ihr diesmal gleich 17 (!) Besprechungen zu lesen, wie gewohnt querbeet durch alle Genres, Stilrichtungen und Herkunftsländer.

Diesmal mit dabei: Robur, Der Heckenritter, Der Leuchtturm, Der Verlag, 5 Songs, Lenas Reise, Fables 4, B.U.A.P. 3, Hieronymus B., Einzelgänger, The Boys 1, Torpedo 3, Lin_c 3, Die Gilde 1, The Hills Have Eyes – Der Anfang, Jungle Town und The Red Star 2.

Besprochen von Christopher Bünte (cb), Benjamin Vogt (bv), Daniel Wüllner (dw) und Thomas Kögel (tk).

ROBUR 1
 Edition 52
Im Jahr 1931 befindet sich die Erde unter der Herrschaft der Seleniten, einer außerirdischen Metall-Spezies, und deren menschlichen Kollaborateuren. Der Widerstand formiert sich unter waghalsigen Piloten und den an vorderster Stelle stehenden Helden. Als aber Robur, die Galionsfigur des Widerstandes, scheinbar im Kampf fällt, scheint es kaum noch Hoffnung zu geben. Doch, man mag es ahnen, Robur, als der trickreiche Verwandlungskünstler der er ist, hält mit einer brisanten Disk nach seiner Auferstehung noch ein As im Ärmel.
Robur ist eine auf drei Bände angelegte Science-Fiction-Serie, die eine ungewöhnliche Mischung aus Futurismus- und Retro-Story bietet. So pendelt der Comic auch optisch stets zwischen charmanter Atmosphäre der 30er Jahre und überberstenden Kampfszenen mit den technologisch hoch entwickelten Invasoren. Am Himmel kreisen Doppeldecker und Zeppeline neben furchteinflößenden Raumschiffen, und das auf einer Erde, die den ersten Ausflug auf den Mond bereits Ende des 19. Jahrhunderts erlebte und deren geschichtlicher Verlauf nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand 1914 komplett anders verlief als in unserer Realität. Das parallele Universum von Randy und Jean-Marc Lofficier besitzt einen nachvollziehbaren und interessanten Hintergrund, vor dem Robur sich als Protagonist gegen eine imperiale Übermacht feurige Schlachten liefert. Das ist wenig mehr als pure Action, aber einfach überzeugend, insbesondere im historisch realen Kontext, dargereicht und zeichnerisch im großen Stile dargestellt von Gil Formosa. bv

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DER HECKENRITTER
 Panini Comics
Einen Comic zu etwas Geschriebenem von George R. R. Martin zu machen, dürfte für die meisten Fantasy-Fans einen ähnlichen Stellenwert besitzen, als würde jemand etwas von J. R. R. Tolkien verfilmen. (Nur als Beispiel jetzt…) Eine Sache äußerster Heiligkeit! Mit Der Heckenritter wird nämlich nicht auf irgendeinen Fließband-Schreiberling zurückgegriffen, sondern auf George A Game of Thrones Martin! Ganz folgerichtig erscheint der Name des Autors auf dem Panini-Cover auch in größerer Schrift als der Titel. Mitgearbeitet haben aber auch noch andere, zum Beispiel der Szenarist Ben Avery und der Zeichner Mike S. Miller (Lullaby, Superman).
In sechs Heften stellt er die Geschichte des fahrenden Ritters Duncan dar, der in die Fußstapfen seines verstorbenen Meisters treten und an einem großen Turnier teilnehmen will. Natürlich läuft dabei nicht alles glatt. Vom Beschaffen einer Rüstung über das Techtelmechtel mit einer Puppenspielerin bis hin zu einem blutigen Gottesurteil wird mit viel Ruhe und Liebe zum Detail ein Spannungsbogen aufgebaut. Dieser ist in sich sehr stimmig und solide, leidet aber unter zwei Dingen. Erstens wird der Leser von der großen Anzahl der Figuren überfordert. Viele verschiedene Charaktere agieren mit verschiedenen Motiven auf viel zu engem Raum. Was einerseits dazu dient, die Fiktion einer komplexen Ritter-Gesellschaft zu erzeugen, sorgt andererseits für Verwirrung. Zweiter Kritikpunkt: Das Ende ist unspektakulär.
Wer auf Fantasy-Comics steht, greift mit Der Heckenritter sicherlich nicht daneben. Die realistischen Figurenzeichnungen machen dem Auge Spaß, ohne anstrengend zu sein. Ein Höhenflug ist aber nicht drin. cb

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DER LEUCHTTURM
 Carlsen Comics
Ein ambitionierter Ingenieur wird 1911 in ein Küstendorf in die Bretagne geschickt. Er soll mithilfe der dortigen Arbeiterschaft einen Leuchtturm bauen. Das Problem dabei ist nur, dass die Wetterumstände sowie die schwankende Finanzierbarkeit die Pläne des Ingenieurs regelmäßig erschweren.
Eindrucksvoll gelingt es Bruno Le Floc’h, selbst aus der bretonischen Gegend stammend, die Atmosphäre des Küstenstädtchens, die Anziehungskraft des Meeres darzustellen. Mit deutlichen Anleihen an der zeichnerischen Präsenz eines Hugo Pratt, setzt der Franzose kräftige Farben wirkungsvoll ein und akzentuiert damit gelungen seine gröberen Striche. Seine Hauptfigur, den Ingenieur, stellt Le Floc’h als einen Mann dar, der sich zwischen der Erfüllung seiner Arbeit und den Ansprüchen an ihn immer mehr aufreibt bzw. sich sogar in wirkliche Schwierigkeiten manövriert. Die herbe Gangart, die er zu den Küstenbewohnern pflegt, steht im bewussten Gegensatz zu den äußerst formal gehaltenen, immer wieder auftauchenden Briefen und Notizen, die er ans Ministerium in Paris richtet. Und gerade dann, als der voranschreitende Leuchtturmbau immer weiter mit der Person des Ingenieurs zusammenhängt, löst sich die ruhige Erzählung um eine persönliche Lebensgeschichte auf und die ausgerufene allgemeine Mobilmachung (kurz vor dem 1. Weltkrieg) lässt Panik ausbrechen und die Geschehnisse um den Leuchtturm in den Hintergrund treten. Eine clevere, mehrschichtige Comicerzählung aus interessanten menschlichen Perspektiven. bv

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DER VERLAG
 Ehapa Comic Collection
Ob Volksbibel mit Centerfold, ein Pro-Walfang-Buch oder ein Buch, das Waffenbesitz für Kinder fordert, dieser Verlag publiziert einfach alles, solange die Fakten schönzureden sind und die Gewinne maximiert werden können. Roland Jungbluth persifliert ohne Hemmungen das, was sich viele Leute schon immer fragten: Was genau tut sich eigentlich hinter den Türen eines erfolgreichen Verlages? Erstaunlich ist tatsächlich, dass die Art und Weise, wie Jungbluth die Arbeit der Redakteure z.B. in den Sitzungen darstellt, der Realität sehr nahe kommt. Einzig die Inhalte sind natürlich völlig überspitzt, so verwundert es auch nicht, dass sein Verlag moralisch ganz und gar vorsätzlich entgegen dem guten Geschmack handelt, und das obwohl die L.M.A.A. als Kontrollinstanz für Anstand und Gerechtigkeit fungiert. Und warum der Chef des Verlags ein Hund ist, während alle anderen Personen menschlich sind? Auch das erklärt sich im Comicband von selbst, nämlich dann, wenn sich die Angestellten diese Frage selbst verwundert stellen. Die Antwort ist simpel, denn, so heißt es, einem Hund könne man nie lange böse sein, weshalb man sich diesen psychologischen Effekt auch u.a. bei Konferenzen zunutze macht, bei denen der Chef unbequeme Themen anspricht.
Die meisten der One-Pager des Künstlers sind genau nach jenem schrägen Humor gestrickt und reizen fast immer zum herzhaften Lachen. Ich war positiv überrascht und kann diesen Comic nur empfehlen. bv

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5 SONGS
 Avant-Verlag
Vier Freunde in einer kleinen italienischen Stadt verbindet vor allem eines: die Liebe zur Musik. Während der Proben ihrer Band in dem neu erworbenen Übungsraum träumen sie von der großen Karriere. Aber vor allem geht es darum, aus dem ärmlichen, lethargischen Leben in der Provinz auszubrechen. Alle vier haben typische Teenagerprobleme: Unverständnis seitens der Eltern, erste Erfahrungen mit Mädchen, die eigene Identifikation.
Jugendliche Tristesse, aber auch die Freundschaft, sind genauso wiederkehrende Themen von Gipi wie die Darstellung eines kleinbürgerlichen Italiens. Bereits in den Alben Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte und Die Unschuldigen setzt er auf ähnliche Szenarien. 5 Songs verlieh er allerdings nicht ganz diese Tiefe, trotzdem sind der Aufbau der Geschichte, die Sprünge in der Handlung, die gezielte Verlangsamung als narratives Stilmittel, sowie die in „Song 1“ bis „Song 5“ benannten Kapitel, atmosphärisch so gut gelungen, dass man sich sehr gut unterhalten fühlt. Erdige Aquarellfarben unterlegen die kantigen, sperrigen Striche. Ein mehrstufiger Zeichenstil, den man von Gipi bereits gewohnt ist und der sich sehr gut mit Elementen, die von ihm bevorzugt thematisiert werden, zu einem wunderbaren Comic verbindet. bv

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LENAS REISE
 Carlsen Comics
Die Reise, von der der Titel dieses Comics spricht, ist alles andere als ein Urlaub. Lena, eine sehr stille und etwas mysteriöse Frau, reist durch Europa und in den Nahen Osten als eine Art Dienstbotin in geheimem Auftrag. Erst nach und nach erfährt der Leser vom Zweck dieser Reise, von den Hintermännern und von Lenas Motiven, sich an der Sache zu beteiligen. Es geht, soviel sei verraten, um ein geschickt ausgetüfteltes Mordkomplott.
Autor Pierre Christin (Valerian und Véronique) erzählt diese Geschichte nicht als packenden, temporeichen Agententhriller, sondern in einem sehr ruhigen und bedächtigen Tonfall aus der Sicht von Lena, die lange Zeit selbst nicht so richtig weiß, zu welchem Zweck sie unterwegs ist. Die Zeichnungen von André Juillard sind passenderweise ebenso unaufgeregt, sehr ruhig, ein wenig statisch. Juillard hat ein Faible für Architektur und Landschaften, seine Hintergründe sind sehr detailliert und sehenswert. Die Figuren und ihre Gesichter wirken dagegen leider nicht besonders lebendig.
Lenas Reise ist ein bedächtiges, bisweilen behäbiges Road Movie auf Papier, in dem uns Christin und Juillard um den halben Globus führen und auch einen politischen Subtext zur Weltlage nach dem Ende des kalten Kriegs unterbringen. Wirklich brisant oder gewagt ist hier aber nichts. Die beiden Altmeister des frankobelgischen Comics präsentieren ihre Geschichte sehr souverän, mal mit vielen Textboxen, mal mit langen Dialogen, mal ganz ohne Text. Das kann man durchaus bewundern, und für Fans von Juillard und seiner Ligne Claire ist dieses Album sicher ein Meisterwerk. Mich persönlich hat die Story dagegen ziemlich kalt gelassen. So unnahbar und unterkühlt wie die Protagonistin Lena, so kühl und emotionslos bleibt letztlich auch dieser Comic. tk

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FABLES 4: DIE LETZTE FESTUNG
 Panini Comics/Vertigo
Bill Willinghams Fables gehen bei Panini in die vierte Runde. Der bisher seitenschwächste deutsche Band enthält eineinhalb Geschichten, nämlich „Die letzte Festung“ und die ersten drei Kapitel von „Aufmarsch der Holzsoldaten“. Inhaltlich wird an die vorangehenden Bände angeknüpft. Der Fables-Kosmos wird solider, und man spürt, dass Bill Willingham sich warm geschrieben hat.
In „Die letzte Festung“ gewährt er dem Leser endlich einen Blick in die Vergangenheit, als ein furchtbarer Krieg die Fabelwesen aus ihrer Heimat vertrieb. Blue Boy erzählt Snow White vom Kampf um die letzte Festung, den er als der letzte Überlebende hautnah miterlebt hat, bevor sich die Portale schlossen. In „Aufmarsch der Holzsoldaten“ wird an diese Erzählung von Blue Boy angeknüpft. Seine Freundin Rotkäppchen (Red Riding Hood) taucht plötzlich in Fabletown auf. Sie galt bislang als verschollen und behauptet, dem Feind durch eine List entkommen zu sein. Und das, obwohl alle Portale seit über zweihundert Jahren verschlossen sind. Bigby Wolf traut ihren Worten nicht und macht sich auf, um die Wahrheit herauszufinden. Neben dieser neuen Entwicklung gibt es natürlich auch noch diverse Altlasten, die offen herumliegen. Prince Charming will Bürgermeister von Fabletown werden, und Snow White ist schwanger.
Fables 4 vereint zwei Erzählbausteine miteinander. Zum Einen wird Hintergrundmaterial geliefert, das bislang fehlte und den Fables-Kosmos angenehm verdichtet. Zum Anderen werden mehrere richtig gute Cliffhanger aufgebaut: Intrige, Politik und Soap. Nicht unbefriedigt, aber doch extrem nervös bleibt der Leser nach der letzten Seite zurück. Vielleicht sollte man mal über ein Verbot von extrem gutem Storytelling und offenen Handlungssträngen nachdenken… cb

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B.U.A.P. 3: DIE TOTEN
 Cross Cult
Weiterhin beschäftigt die „Behörde zur Untersuchung und Abwehr Paranormaler Erscheinungen“ (B.U.A.P.) die Froschplage aus dem letzten Band, doch während sie deren Ausläufer untersuchen, werden die Mitglieder des Teams von ganz anderen Entwicklungen eingeholt: Ein neuer Vorgesetzter, eine neue Zentrale und ein verrückter Ex-Nazi-Forscher, der das neue Zuhause besetzt und diverse Geheimnisse verbirgt. Währenddessen begibt sich Abe Sapien weiter auf Spurensuche seines vergangenen Lebens…
Mit dem dritten Band „Die Toten“ holte sich Autor Mike Mignola mit John Arcudi einen Co-Schreiber ins Boot und man muss sagen, das tut der hohen Qualität der Erzählung absolut keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Dialoge sind noch markanter, die Charaktere noch profilierter dargestellt. Aber auch neben Arcudi als zweitem Mann bringt diese Ausgabe einige wichtige Veränderungen mit sich, die auch innerhalb der Story glänzend eingebunden sind. Mit dem „Captain Zombie“ genannten neuen Anführer der Gruppe, einem harten Militär, wandelt die Behörde noch mehr zwischen situationsbedingter Komik und ernsthafter Monsterbekämpfung, zudem liefert der Alleingang von Abe Sapien ein herzzereißendes Intermezzo, das von immenser Wichtigkeit ist.
Im Nachwort schwärmt Mignola von Guy Davis’ „aberwitzigem Genius“, dem kann man zweifelsfrei nur zustimmen. Seine Designs von Monstern, Umgebungen, die detailreichen, von Dave Stewart perfekt kolorierten Bilder, das ist Comickunst vom feinsten. Deswegen wird der Zeichner am Ende des Buches auch noch mit einem Auszug aus dem Sketchbook sowie einem Interview gewürdigt. Ich sag es gerne noch mal ganz deutlich, in dieser Form von Mignola, Arcudi, Davis und Stewart, bzw. deren perfektem Zusammenspiel ist B.U.A.P. eine der besten US-Serien der letzten Jahre, die es auch auf dem deutschen Markt gibt. bv

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HIERONYMUS B.
 Edition 52
Ein wenig erinnert die neu erschienene Sammelausgabe der Geschichten von Hieronymus B. an Kafka: ein durchaus positiv gestimmtes Individuum sieht sich mit einem Alltag konfrontiert, über den es letztlich immer die Kontrolle verlieren muss. Paradigmatisch ist die Unterordnung der ihm zustoßenden Skurrilitäten, die abstrusen Traumwelten entsprungen scheinen. In seinen kurzen Episoden durchstreift der Protagonist Welten voll von Akten und Büros, dabei wirft er immer einen zaghaften Blick um die nächste Ecke auf der Suche nach der nächsten Ausgeburt dieser Bürokratie. Der Stil des Zeichners und Autors Ulf K. ist wie immer sehr minimalistisch: in schlichten schwarz-weißen Panels und ohne Sprache, sondern nur mit kryptischen Zeichen gefüllten Sprechblasen wird die Überwältigung des Protagonisten durch somit unlesbare Situationen gezeichnet. Leider bekommt aber der Leser den Eindruck, dass Ulf K. hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Die Episoden sind nicht immer ausreichend pointiert und auch der Preis scheint der Lesedauer nicht angemessen. dw

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EINZELGÄNGER
 Edition Moderne
Mit der neu eingeführten „Erstpublikation für junge Künstler“ stellte Fumetto, das internationale Comix-Festival in Luzern, dieses Jahr das kleine Büchlein Einzelgänger einer größeren Öffentlichkeit vor. Hierin bestechen dunkle, anrüchige Wesen, erschaffen von der Schweizerin Laura Jurt. Ihre Porträts verhalten sich nicht stringent zueinander, erzählen keine aufeinander aufbauende Geschichte, auch Sprache an sich sucht man vergebens. Und auch wenn man keinen Comic im eigentlichen Sinne vor sich hat, so lassen sich zwischen den Seiten, die jeweils eine andere Person abbilden, Gemeinsamkeiten entdecken und dadurch wird die Aufmerksamkeit dahingehend gelenkt, dass die Einzelwirkung der Bilder in der Imagination des Betrachters fortdauern und zum weitergesponnenen (Gedanken-)Plot animieren soll. Aber auch ohne diesen Hintergrund wird man zumindest auf den zweiten Blick beeindruckt: Erscheinen die in schwarzes Acryl getränkten Pinselstriche zuerst sehr verwaschen, undeutlich oder unkoordiniert, so entscheiden über die Besonderheit der sich sehr ähnelnden Mischfiguren von Laura Jurt Nuancen, Details und vor allem die Simplizität, mit der die Künstlerin vorgeht. Ein interessantes Buch, das man schnell durchgeblättert hat, das man aber gerne ein zweites Mal in die Hand nimmt. bv

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THE BOYS 1: SPIELVERDERBER
 Panini Comics
„Achtung! Nur für harte Jungs!“ Der rote Button auf dem Umschlag von The Boys spricht wahr. Garth Preacher Ennis ist wieder da! Und mit ihm eine neue Bande von Kneipenschlägern, die der Welt mit abgefuckten Armeestiefeln in den Arsch treten will. Derbe Sprüche, Sex und Gewalt – davor soll der rote Button jeden potentiell uninformierten Leser warnen. Mit gutem Grund.
The Boys sind eine Gruppe von fünf Radaubrüdern der übelsten Sorte. Okay, eine Schwester – genannt: „Das Weibchen“ – ist auch dabei, sie spricht aber nicht, sondern beschränkt sich darauf, Anlass für mehr oder minder bescheuerte Sprüche zu sein. Oder sie zieht Machos die Haut vom Gesicht, kann auch vorkommen. Kopf und Anführer der Terrorbrigade ist Billy Butcher, der deklariert wird als „der vielleicht gefährlichste Mann, dem die C.I.A je begegnet ist“. Gefährlich macht ihn in erster Linie seine Rücksichtslosigkeit, mehr nicht. Superkräfte haben andere. Und zwar die Gegner von The Boys. Das sind Superhelden wie der Homelander oder A-Train, glänzende Übermenschen, Reminiszenzen an Superman und The Flash, die sich um das Schicksal und das Leben gewöhnlicher Leute einen feuchten Dreck kümmern. Stattdessen pflegen sie ihre Eitelkeiten und, im Verborgenen, ihre perversen Obsessionen. Die Superhelden sind degenerierte, arrogante Arschlöcher. Und ihre Widersacher, The Boys, sind plumpe, derbe Kneipenschläger. Zu einer optimistischen Weltsicht geben beide Gruppen nicht den geringsten Anlass. Hoffnung geben höchstens Hughie und Starlight, beides Neueinsteiger, aber auf unterschiedlichen Seiten der Front. Sie finden das Verhalten beider Gruppen nicht in Ordnung, laufen aber trotzdem mit. Vielleicht kommen sie irgendwann dahin und gehen ihren eigenen Weg. Bis es soweit ist, darf Garth Ennis es aber gerne noch ein bisschen krachen lassen. Wer seinen Preacher oder Die Schlampe mochte, wird an The Boys nicht vorbeikommen. cb

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TORPEDO 3
 Cross Cult
Auch im dritten Band der insgesamt fünfteiligen Gesamtausgabe des s/w-Klassikers Torpedo büßt die Serie nichts von ihrem Charme ein. So wandelt Luca Torelli, ein aus Italien stammender Killer, weiterhin durch die USA der 30er Jahre. Enrique Sanchez Abuli und Jordi Bernet verleihen der Figur Luca Torelli jetzt mehr Tiefgang und schweifen mehrmals in dessen Vergangenheit ab, und das ist richtig nett mitzuverfolgen. Die schwere Kindheit in Sizilien, die Gewalt und das Rachemotiv, sogar die Herkunft seines Vornamens wird hier porträtiert. Und obwohl die Zeitsprünge wichtige Aufschlüsse über die Hauptperson geben, verwehrt sich die Erzählung an keiner Stelle einem Augenzwinkern. Torpedo ist niemals zum Brüllen komisch, aber wird im weiterem Verlauf zunehmend pointierter. Kriminalität wird hier zur Situationskomik, die Dialoge ironisieren ein eigentlich recht brutales, gefühlloses Werk, eine präzisere Umschreibung dieser Gratwanderung lässt sich nur schwer finden. In diesem Sinne kann auch der dritte Band als sehr gelungen betrachtet werden, Abnutzungserscheinungen in einzelnen Episoden sind glücklicherweise nicht erkennbar. Es bleibt also dabei: Wer auf Sex und Crime steht, kommt an Torpedo einfach nicht vorbei. bv

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LIN_C 3
 Zum dritten Mal erscheint bereits das „Heft für Comics und Bildliteratur“. Die ambitionierte Publikation ist auch weiterhin ein wohltuendes Sammelbecken kreativer Menschen und lässt sich inhaltlich in keine Kategorie pressen. Vorrangig bietet man damit österreichischen Künstlern eine Plattform, überdies blicken die Beiträge aber oftmals auch über den Comictellerrand hinaus und gar Rubriken wie in einem grafisch orientiertem Magazin (Reportagen, Interviews) finden sich. Diesmal gibt es u.a. Abdrucke der Ausstellung „Zeitloch“ des Wiener „Kabinett für Wort und Bild“ zu bewundern, zudem die Wanderausstellung „Comic-Land Schweiz“ oder den 2007er „Linc_c Comic-Wettbewerb“. Porträts zu Carl Barks, einem Videospielprojekt oder dem kleinkünstlerischen Daumenkino-Festival erweitern das Spektrum und lassen das „Heft“ (Magazin? Anthologie?) in seinem Aufbau mitunter etwas wirr erscheinen. Letztlich ist aber gerade die Vielfalt der Beiträge und deren Unberechenbarkeit innerhalb des Gesamten das große Plus. Im Kern bleibt aber immer noch der Querschnitt der eindrucksvollen österreichischen Comicszene im Vordergrund, und vor allem das macht Lin_c für Leser wie mich so dankbar und reizvoll. bv

–> Direkt bestellen bei www.lin-c.net

 

DIE GILDE 1: ASTRABAN
 Ehapa Comic Collection
Astraban, ein junger aufstrebender Alchimist, rettet eines Nachts ein junges Mädchen vor einem versuchten Attentat und macht sich damit selbst zur Zielscheibe. Es dauert nicht lange, bis seine Freunde und seine Familie ermordet werden, er selbst jedoch hat Glück. Der Onkel des geretteten Mädchens bietet Astraban an, ihn offiziell sterben zu lassen und ihm eine neue Identität zu geben. Damit gerät er jedoch mitten in finstere Ränkespiele zwischen konkurrierenden Alchimisten, die erbittert um Macht und Einfluss streiten und dafür über Leichen gehen.
Der belgische Autor Miroslav Dragan hat ein interessantes mittelalterliches Szenario erschaffen, in der verschiedene Alchimistengilden ihre Fehden austragen und damit den Mafiaclans aus Kinothrillern à la Scorsese nicht unähnlich sind. Seine besondere Note bekommt Die Gilde durch die Zeichnungen des Spaniers Oscar Martín, der lange Jahre Tom-und-Jerry-Comics gezeichnet und auch für Disney gearbeitet hat, und mit seinen vermenschlichten Tierfiguren das dort gelernte weiterführt. Seine Bilder erinnern aber wegen ihrer Düsternis gar nicht so sehr an Disney, sondern eher an den Noir-Krimi-Comic Blacksad.
Leider bekommt der Leser in diesem ersten Album nicht viel mehr als den Auftakt zu einer längeren Geschichte. Man fühlt sich ein bisschen, als wäre der Tisch gerade aufwendig und festlich gedeckt worden, das Abendessen muss aber erstmal ausfallen. Ein zweiter Teil ist nämlich frühestens im Jahr 2009 zu erwarten. tk

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THE HILLS HAVE EYES – DER ANFANG
 Cross Cult
Wes Craven wird gerne als einer der noch lebenden Altmeister des US-Horror-Kinos gehandelt. Das Remake seines Films The Hills Have Eyes darf sich auf jeden Fall sehen lassen. Das Original kam 1977 in die Kinos, das Remake 2006. Die Geschichte über eine amerikanische Familie, die während einer Reise durch die Wüste von New Mexiko in die Fänge von Mutanten gerät, war hart, blutig und ungeheuer spannend. Endlich einmal wieder ein Horror-Film, bei dem man die Fingernägel ins Sitzpolster graben konnte! Im März diesen Jahres folgte dann die Fortsetzung des Remakes, The Hills Have Eyes 2. Wer Spaß an den Mutanten-Szenarios hatte, bekommt jetzt das passende Lesefutter dazu.
Der Comic-Band erzählt die Vorgeschichte und füllt die Lücke zwischen dem ersten Film und der Fortsetzung aus. Die Hauptfigur ist ein großer, kräftiger Mutant namens Hades, der sich zum Anführer der schlagkräftigen Truppe entwickelt, die sich in den verlassenen Bergwerken versteckt. Erzählt wird aus seiner Perspektive, der Leser blickt dem Monster sozusagen direkt über die Schulter. Viel Neues hat die Geschichte nicht zu bieten. Wer die Filme kennt, wird sich schnell in dem Comic-Szenario zurechtfinden und wissen, wohin der Hase läuft. Spaß macht das Lesen trotzdem. Die beiden streitenden Parteien, die Mutanten und das Militär, begegnen sich nämlich nicht als jeweils homogene Gruppe, sondern sie sind auch untereinander zerstritten. Eine gewisse Orientierungslosigkeit ist die Folge, die Schuld bleibt an der Atombombe hängen. Die Story ist durchdrungen von Grausamkeiten auf beiden Seiten der Kriegslinie. Die Dialoge sind akzeptabel und das Artwork und die Aufmachung des Comics sehen prima aus. Sicherlich eines der hochwertigeren Fan-Produkte, dem man nicht nur die Begeisterung für den Film, sondern auch für Comics – und das ist hier wichtiger – anmerkt. cb

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JUNGLE TOWN
 Ehapa Comic Collection
Wer nur kurz in Jungle Town reinblättert, die quietschbunten Farben und die vermenschlichten Tierfiguren sieht, wähnt sich in Entenhausen und wartet darauf, dass gleich Kater Karlo oder Kommissar Hunter auftaucht. Doch der erste Eindruck täuscht: Tito Faraci und Giorgio Cavazzano, die seit Jahren für die italienischen Disney-Studios arbeiten und dort zahlreiche Geschichten für die Lustigen Taschenbücher produzierten, haben hier eine erwachsene Version von Entenhausen erschaffen. In Jungle Town gibt es das, was es in Entenhausen nicht geben darf. Menschen (bzw. Tiere) werden umgebracht, sie haben Sex und sie fluchen. Und obendrein existiert in der Stadt ein latenter Rassismus: Autor Faraci benutzt in seiner Story die verschiedenen Tierarten als Synonym für menschliche Rassen. In der Stadt leben Hasen und Schweine, Katzen und Hunde offiziell zwar friedlich zusammen, aber unter der Oberfläche gibt es schwere Spannungen. So haben es auch die Kinder von Adam (einem Hund) und Maria (einer Katze) nicht ganz leicht. Adam ist Kriminalkommissar und hat muss den Mord an einer Ratte (die am wenigsten respektierte Bevölkerungsschicht) aufklären, während er nebenbei auch noch mit familiären Problemen zu kämpfen hat.
Eine klassische Krimi-Story also, mit der Faraci den großen Noir-Klassikern nacheifern möchte. Doch Cavazzanos Zeichnungen und die knallige Kolorierung verhindern, dass wirklich ein düsteres Noir-Feeling aufkommt. Auch ist die eigentliche Krimihandlung ein wenig zu simpel, um wirklich spannend zu sein. Trotzdem ist Jungle Town als stilistisches Experiment hochinteressant zu lesen. Plot und Dialoge sind flott und unterhaltsam, und die Rassimus-Thematik, die sich durch die Geschichte zieht, sorgt für inhaltliche Tiefe. Lobenswert ist außerdem die hübsche Aufmachung, die auf 15 Bonusseiten reichlich Hintergrundinfos und Skizzen liefert. tk

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THE RED STAR 2: NOKGORKA
 Cross Cult
In den Trümmern von Nokgorka müssen die Gegner der invasorischen Roten Armee ums Überleben kämpfen. Unter ihnen das kriegsgeschulte Mädchen Makita, das sich zwischen Spähtrupps und tödlichen Maschinen durchschlagen muss. Aber Makita kennt die Umgebung wie ihre Westentasche und nutzt deshalb ihren Vorteil, um ihren Beitrag für den Widerstand zu leisten. Währenddessen begegnen wir der Zauberin Maya Antares aus dem ersten Band, die ihre zurückgelassene Freundin sucht. Und natürlich dauert es nicht lange, bis sich die beiden Hauptfiguren dieser Geschichte begegnen…
Wo Christian Gossett und sein Team im ersten Teil noch den großen Krieg aufwändig inszenierten, geht es hier mehr um einzelne Personen. Obwohl die Action wieder nicht zu kurz kommt, steht der moralische Aspekt im Vordergrund, nämlich dadurch, dass beide Kriegsparteien durch glaubwürdige Personen verkörpert werden. So bleibt Red Star sich stilistisch jederzeit treu, konzentriert sich aber vorrangig auf Einzelschicksale, die in enger Beziehung zur Haupthandlung stehen. Optisch beeindruckt die Ausgabe wiederholt mit dem gezielten Einsatz von 3D-Grafiken, die die Bleistiftzeichnungen großzügig unterstützen. The Red Star ist und bleibt unvergleichlich und liest sich flüssig. bv

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Bildquellen: comiccombo.de und die jeweiligen Verlage

 

Liebe schaut weg

 Comics als Abschlussarbeiten an Kunsthochschulen sind seit Mawils Wir können ja Freunde bleiben kein Novum mehr. Neu dagegen ist an Line Hovens Liebe schaut weg die Wahl des Handwerkszeugs: der Schabkarton. Das Endprodukt ihrer dreijährigen Arbeit ist ein schwarz-weißes Familienalbum, das drei Generationen von Hovens Familie umspannt und sich von der Jugend ihres Großvaters während der NS-Zeit bis hin zu ihrer eigenen Kindheit erstreckt.

Noch bevor man aber an der Geschichte teilnehmen kann, die Hoven erzählen will, ja sogar noch bevor man das Zitat von Woody Allen („I wondered if a memory is something you have or something you lost.“) liest, betrachtet man perplex die Früchte ihrer Arbeit. Es ist die Technik, die zunächst im Vordergrund steht, und an die man sich erst mit zunehmender Seitenzahl gewöhnen muss. Wenn man an andere Comics denkt, die aus Schabkarton gekratzt wurden, fallen einem eigentlich nur die Arbeiten des Schweizers Thomas Ott ein. Ott hat sich im Laufe des letzen Jahrzehnts den Schabkarton für seine teilweise sehr blutrünstigen Geschichten zu eigen gemacht. Doch während er den schwarz-weißen Humor für seine makabren Horrorgeschichten ganz im Geiste der EC-Comics verwendet, geht Hoven dazu über, mit dem Schaber den Staub der Vergangenheit auf ihrer eigenen Familienbiographie wegzukratzen.

Man folgt Hovens Schaber über die Seiten und kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie präzise die Kunststudentin mit dem Gerät umgeht. Oft bleibt der Blick länger an der Konstruktion der Hausecke hängen als an der Handlung selbst. Auch die Sprechblasen wirken nicht wie ein Teil der Handlung. Diese schwarzen, geometrisch exakt geformten Gebilde tauchen vor einer Häuserwand und über dem Küchentisch auf, ganz als ob sie selbst Teil der Einrichtung wären. Sie erzeugen durch ihren schwarzen Hintergrund und ihre Formen ein Negativ der herkömmlichen Sprechblasen und reißen den Leser so aus der von Hoven erschaffenen Welt heraus.

 Die zweite Eigenart an Hovens Geschichte ist die Benutzung von Schriftstücken und Fotos, die sowohl Wendepunkte in der Handlung symbolisieren, aber auch den Fluss der Narration unterbrechen. Jedes neue Kapitel wird nicht durch eine Überschrift oder einen Titel eingeleitet, sondern durch ein voranstehendes Dokument. So beginnt die erste Geschichte mit dem Hitlerjugend-Ausweis des Jungen Erich Hoven, Lines Großvater. Dieses Schriftstück hat Hoven mit aller Sorgfalt gestaltet, so dass nicht nur Schrift und Foto auf dem Pass, sondern auch die Maserung und der HJ-Stempel detailgetreu nachempfunden sind.

Nach dem Abschluss der ersten Episode über die Nazizeit unterbricht Hoven den Fluss ihrer Erzählung und fügt weitere Familienfotos hinzu. Diese Bilder und andere Schriftstücke dienen aber nicht nur dazu, fixe Eckpunkte in einer Vergangenheit zu verorten, sondern gerade um bestimmte Erinnerungsfragmente von der Handlung auszuschließen. So weist gerade ein fehlendes Foto, gekennzeichnet durch die übrig gebliebenen Fotoecken und eine Beschriftung im Fotoalbum, auf Brüche innerhalb der Handlung hin. Der Text verrät uns, dass sich Hovens Großeltern im Sommerlager der Hitlerjugend kennen gelernt haben: „Erich & Irmgard im Sommerlager der Hitlerjugend“. Gerade dieser bewusste Akt der Ausblendung von Information hinterfragt jegliche Form von Erinnerung, die auf solche Fotos gestützt ist.

 Der Charakter des Fotoalbums wird mit der Einteilung der Kapitel durch Schriftstücke und Fotos verstärkt. So ist Hoven in der Lage, große Sprünge innerhalb der Chronologie durch diese Artefakte, wie z.B. den Bestellschein für einen Waschvollautomaten, zu überbrücken und der gesamten Geschichte so Konsistenz zu verleihen. Nachdem die Geschichte vom deutschen Jungen Erich Hoven endet, leiten zwei Tickets zum Eislaufen die Romanze der amerikanischen Großeltern mütterlicherseits ein. Im Gegensatz zu anderen Erzählern, bei denen gerade die Geschichten den Weg zum Vergessenen weisen, hat Hoven ihre eigene Form der Konservierung von Erinnerung gefunden. Während die Erinnerungen verblassen und die geschabten Spuren im Eis langsam verschwinden, hinterfragt Hoven gerade durch ihre fragmentierte Erzählung die Formen des Erinnerns. Erst durch diese Bruchstückhaftigkeit verwandelt sich Liebe schaut weg in eine Art Fotoalbum, dessen Handlung bei der ersten Lektüre recht verwirrend wirken mag, dem beim zweiten und dritten Lesen aber der ganze Charme einer verstaubten Familienchronik anhaftet.

Obwohl Line Hoven keine große Geschichtenerzählerin ist, verhilft sie mit ihrem Werk der Technik des Schabkartons im Medium Comic zu einer kleinen Renaissance. Der Comic liest sich wie ein altes Fotoalbum, das man irgendwo auf dem Dachboden gefunden und vom Staub befreit hat. Die Personen, die dort zu sehen sind, sehen einem auf eine fast schon unheimliche Weise ähnlich, doch kennt man sie nur entfernt. Ein kleines Manko an diesem Comic ist aber leider der Titel Liebe schaut weg: Obwohl die Geschichten vom Liebesuchen und -finden handeln, ist der von Hoven im Titel angesprochene Zwiespalt nicht wirklich existent.

Liebe schaut weg
Reprodukt, Oktober 2007
Szenario und Zeichnungen: Line Hoven
Softcover; schwarz-weiß; 80 Seiten; 14,00 Euro
ISBN: 3-7704-3121-9

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Bildquelle: www.reprodukt.com