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Links der Woche: Mit dem Sondermann 2011, Comics im Radio und ersten Reaktionen auf „DCnu“

Unsere Links der Woche, Ausgabe 32/2011

 

Sondermann-Publikumspreis 2011
Frankfurter Rundschau
Die Abstimmung zum Comic-Publikumspreis Sondermann, der auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird, läuft seit Anfang letzter Woche. Abgestimmt werden kann im Comicforum. Der Mitveranstalter Frankfurter Rundschau stellt in einem umfangreichen Special den Preis und die nominierten Comics vor. Die Autoren der Texte kommen von der Arbeitsstelle für Graphische Literatur an der Uni Hamburg, der ArGL.

Der wunder- und sonderbare Sondermann – wer bekommt ihn 2011?
Frankfurter Buchmesse
Wie aus der offiziellen Pressemitteilung der Buchmesse hervorgeht, stehen für die beiden Sondermann-Kategorien, die per Juryentscheid vergeben werden, bereits die Preisträger fest: Als Newcomer 2011 wird Asja Wiegand ausgezeichnet, die das Webomic-Tagebuch Gestern noch führt (eine Print-Edition ist beim Schwarzen Turm in Vorbereitung). Der Bernd Pfarr-Sondermann für Komische Kunst 2011 geht an Eugen Egner (u.a. Bunte Welt des Frohsinns).

Rolle rückwärts in die Zukunft
tagesspiegel.de, Lutz Göllner
Am 31. August fiel der Startschuss für den großen Neustart bei DC Comics. Alle bisherigen Superheldenserien des Verlags endeten im August, in den kommenden Wochen starten 52 neue Serien jeweils mit der Nummer 1. Den Auftakt machte letzte Woche das Flaggschiff Justice League von Geoff Johns und Jim Lee, in den USA gab es in einigen Comicshops eigene Mitternachtsverkäufe nach dem Vorbild von Harry Potter. Im Tagesspiegel stellt Lutz Göllner die Aktion und ihre Hintergründe vor und merkt an: „Auf die Idee, weniger zu produzieren, dafür mehr auf Qualität zu achten kommt keiner. Denn auch dieser neue Reboot kommt als alter Wein in neuen Schläuchen daher.“

DC Neustart – der Countdown läuft sozusagen
Grober Unfug
Cleveres Marketing betreibt der Comicladen Grober Unfug, der auch viele Kunden mit US-Comics versorgt. Zum DC-Neustart stattet er sechs Berliner Blogger (die wohl alle zur Kundschaft des Ladens gehören) mit allen 52 Nummer-1-Ausgaben aus, die Hefte sollen dann auf den jeweiligen Blogs vorgestellt werden. Auf Nilz Bokelbergs Weltfrieden, Nerdcore, nerdzweipunktnull, Minds Delight, Ein Comic Leben und Ti_Leo meint liegen bereits Reviews von Justice League #1 vor.

Heroes Take Flight, Again
The New York Times, Dave Itzkoff
Natürlich gab es zu DCs Neustart auch viel Resonanz in den amerikanischen Medien. Der Artikel in der New York Times sei hier exemplarisch genannt. Dort wird auch die Zahl von mehr als 200.000 Vorbestellungen für Justice League #1 erwähnt, auch von weiteren sechs Nummer-1-Hefte sollen die Comichändler mehr als 100.000 Stück geordert haben. Die 100.00er-Marke galt zuletzt als eine magische Hürde, die nur noch ganz wenige Bestseller (meist nur noch ein Heft pro Monat) erreichen konnten.

It’s All Changed Forever — Again: Thoughts on the New DCU 52
Comics Worth Reading, Johanna Draper Carlson
Eine kritische Einschätzung, garniert mit vielen interessanten Links von der US-Bloggerin Johanna Draper Carlson: „Alles über Bord zu werfen und neu anzufangen ist die leichteste Lösung. Jeder kann das. Die schwierigere – aber nachhaltigere – Lösung, wäre, ein kriselndes Projekt zu nehmen, zu analysieren was falsch lief und wie man zurück auf die Erfolgsspur kommt. Das wäre auch der erwachsenere Ansatz.“

Trash oder Geniestreich? Die Welt der Comics
Deutschlandradio Kultur, Gisela Steinhauer und Andreas Platthaus
Die Call-in-Sendung Radiofeuilleton- Im Gespräch widmete sich am vorletzten Samstag anlässlich des 60. Geburtstags der Zeitschrift Micky Maus dem Thema Comics und lud Andreas Platthaus als Experten ins Studio. Die Hörer waren eingeladen, anzurufen. Die vollständige Sendung steht als Download (2 MP3-Files, je 45 min) zur Verfügung.

Drehbuchautor und Regisseur in einem
zeit.de, Markus Schleufe
In der Serie „Beruf der Woche“ widmet sich Zeit Online dem Comiczeichner („Gehalt: variiert, je nach Auftragslage und Verkaufszahlen; Arbeitszeit: variiert, je nach Auftragslage“) und stellt als Beispiel Mawil und dessen Arbeitsalltag vor.

Read Comics in Public 2011 in Berlin
flickr, TiberiusTarante  
Am 28. August war der „International Read Comics in Public Day“ an dem die Inititatoren Comicfans weltweit dazu aufrufen, Comics in der Öffentlichkeit zu lesen und dies zu dokumentieren. Zum Beispiel so wie TiberiusTarante, der an bekannten Plätzen in Berlin gelesen hat und sich auf schicken Bildern fotografieren ließ.

Fräulein Rühr-mich-nicht-an 3 & 4

Da die Veröffentlichungen und die entsprechenden Rezensionen der ersten beiden Bände bereits etwas in der Vergangenheit liegen, kann eine kurze Einführung in die Welt von Fräulein Rühr-mich-nicht-an sicherlich nicht schaden: Wir befinden uns irgendwann in den 1920ern in Paris. Nach dem Mord an ihrer Schwester Agathe hat sich die junge Blanche mit dem Pariser Nachtleben eingelassen, um den Fall aufzuklären. In zwei Bänden entbrennt ein erotischer Krimi, der mit gewitzten Dialogen und raschen Tempowechseln in der Erzählung aufwarten kann. Die stimmungsvolle Atmosphäre hält bis zum Showdown, was vor allem an der kontrastreichen Kolorierung der dunklen, abgründigen Nacht- und Kellerszenen und den hellerleuchteten Zimmern des Nobelbordells Pampadour liegt.  

 

Fräulein Rühr-mich-nicht-an 3 – Der Märchenprinz
Cover von Fräulein Rühr-mich-nicht-an 3Zu Beginn der zweiten Storyline von Fräulein Rühr-mich-nicht-an gelingt Autor Hubert mit der Einführung des „Märchenprinzen“ eine erzählerische Auffrischung. Auch das Zeichnerteam Kerascoët erfindet das Paris der 1920er noch einmal neu, indem es ein helles Paris durch die schweren Vorhänge des Pompadour schimmern lässt.

Eigentlich hätte die Geschichte nach dem zweiten Band enden können. Die Mörder von Agathe wurden bestraft, somit scheint die Handlung abgeschlossen. Da Blanches Schulden im Edelbordell sich aber nicht so einfach in Luft auflösen, muss die schüchterne Vorzeigedomina gegen ihren Willen bleiben. Doch Autor Hubert hat sich eine sinnvolle Weiterleitung der Handlung ausgedacht und lässt Blanche nicht lang allein. Sie bekommt Besuch vom jungen Antoine, der nicht an ihren exklusiven Dienstleistungen interessiert ist, sondern lieber das Tanzbein mit Fräulein Rühr-mich-nicht-an schwingen möchte. Während alle Interna des Pompadour in den ersten beiden Teilen ausgereizt wurden, dringt nun das Außen ein.

Der Märchenprinz im FreudenhausAuch grafisch finden sich diese Grenzüberschreitungen wieder. Für das Bordell verwendet das Zeichnerteam Kerascoët wieder schillernde Rot- und Purpurtöne. Doch diesmal wechselt sich diese bunte Pracht nicht mit dem Dunkel der Unterwelt, sondern mit den scheinbar freundlichen Pastelltönen der Außenwelt ab. Statt nur durch die Vorhänge des Pompadour nach draußen zu schauen, wird die Heldin auch in feine Gesellschaft eingeführt.

Diese grafische Dialogizität spiegelt sich auch in zweideutigen Unterhaltungen wider. Blanche, das unschuldige Mädchen vom Lande, muss sich nur nicht nur verbal mit unzüchtigen Hostessen schlagen, sondern auch mit dem versnobten Freunden von Antoine und seiner Familie. Obgleich der junge Mann Blanche seine Liebe gesteht, lebt der dritte Band von Fräulein Rühr-mich-nicht-an von eben diesem gewissen Gefühl der Ungewissheit. Man will unbedingt wissen, was das Problem mit Antoine ist.

Zum fulminanten Abschluss des dritten Band wird ein Ball im Bordell gefeiert, eine drogentrunkene Walpurgisnacht. Der Ball soll dem Plot noch eine letzte unerwartete Wendung geben, doch das Gegenteil ist der Fall: Es ist das Ende vom Anfang des Endes.

 

Wertungalt

Gelungene Weiterführung der Serie

Fräulein-Rühr-mich-nicht-an 4 – Bis dass der Tod uns scheidet

Cover von Fräulein Rühr-mich-nicht-an 4Bedeutungsschwanger kommt der Untertitel des vierten und letzten Bandes  daher: „Bis dass der Tod uns scheidet“. Von einem vorzeitigen Ableben kann aber nicht die Rede sein, eher von einer schmerzhaften Trennung: Fräulein-Rühr-mich-nicht-an und das spannende Leseerlebnis gehen von nun an getrennter Wege.

Es ist der Morgen nach der großen Feier und allmählich kommt die Erinnerung zurück: Hat Blanche nicht in den ersten drei Teilen von Fräulein Rühr-mich-nicht-an im Pariser Rotlichtmilieu den Mörder ihrer Schwester zur Strecke gebracht und die lang ersehnte Liebe gefunden? Obwohl all das kein Traum war, erwacht die junge Heldin zu Beginn des vierten Bandes in Fetzen gehüllt in irgendeiner Gasse von Paris. Während sie einen letzten Blick hinter die Kulissen des Pompadour wirft, setzt eine schmerzende Ernüchterung ein.

Das Finale kleidet sich zwar erzählerisch wie der Rest der Serie, doch sieht alles so fremd aus. An der Arbeit des Zeichnerduos Kerascoët kann es nicht liegen. Sie lassen die Heldin wie gewohnt vor jeder Gefahr zunächst hochachtungsvoll die Augenbrauen hochziehen, nur um sie dann behände in Aktion treten zu lassen. Es ist derselbe eingängliche Stil, der die Alben von Trondheim und Manu Larcenet bevölkert. Frei von allen Zwängen der École Marcinelle oder der Ligne Claire verleihen die Zeichner dem Strich eine Lebendigkeit, die gerade der ungestümen Heldin gut zu Gesicht steht. Nur die Hintergründe heute die bevorstehende Ernüchterung an: Immer weniger Details sind in den Panels zu sehen.

Das blasse ParisDas Setting, welches dem erotischen Krimi bisher seine würzige Note verliehen hat, scheint für Blanche für immer verschlossen zu sein. In „Bis dass der Tod uns scheidet“ steht sie vor der Tür des Nobelbordells Pompadour. Sie ist aber nicht mehr länger Teil des Etablissements. Gerade in dem Wechselspiel zwischen Edelprostituierter und unschuldiger Landmaus lag der Reiz der ersten drei Bände. Das interessante Nachtleben ist im vierten Band vollends dem langweiligen Alltag von Paris gewichen. Vorbei sind die nächtlichen Eskapaden im Pompadour, die humoresken Sexeinlagen und die dicken roten Vorhänge, hinter denen so manches Geheimnis steckt. Das letzte Geheimnis dreht sich auch gar nicht mehr um Blanche, sondern nur noch um ihren Märchenprinz, um Antoine.

Die Abenteuer, die Blanche bestehen muss, wirken auch nicht mehr spannend, sondern sind absehbar. Direkt und zielstrebig lüftet sie ein Geheimnis nach dem anderen. Doch ihr naiver Charakter zerbricht an der letzten entscheidenden Frage. Was hinter ihrer braven Fassade zum Vorschein kommt, ist eine engstirnige konservative Haltung, die den Leser der ersten drei Bänden erschrecken lassen muss. An die Stelle ihres verständnisvollen Blickes ist die selbstsüchtige Fratze eines kleinen Mädchens getreten, das ihr Spielzeug nicht bekommt.

Wie ein Soufflé sackt das große Finale von Fräulein Rühr-mich-nicht-an in sich zusammen. Natürlich kann man sich nicht erwehren, den Abschluss dieser Reihe zu suchen, doch liest sich Band vier eher wie ein überflüssiger Epilog denn wie ein spannendes Finale.

 

Wertungalt

Enttäuschendes Finale einer ansonsten schönen Serie

 

Fräulein Rühr-mich-nicht-an
Reprodukt
Text: Hubert
Zeichnungen: Kerascoët
je 48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: je 12,- Euro
 

Band 3: Der Märchenprinz
Januar 2011
ISBN: 978-3941099654
Leseprobe

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Band 4: Bis dass der Tod uns scheidet
April 2011
 ISBN: 978-3941099876
Leseprobe

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Abbildungen © Kerascoët, der dt. Ausgabe: Reprodukt

Prinz Eisenherz Gesamtausgabe 15 – Jahrgang 1965/1966

Cover Prinz Eisenherz 15Seit einiger Zeit hat es der Bocola-Verlag übernommen, alle 1788 Seiten, die Hal Foster zwischen 1937 und 1971 von Prinz Eisenherz schuf, auf Deutsch zu veröffentlichen. Dabei werden die Originalseiten digital restauriert und in den Originalfarben veröffentlicht. Auch das Papier der Bände erinnert entfernt an das gröbere Papier von Zeitungen, hat aber nicht dessen extrem raue Qualität. Das Papier ist schon hochwertiger und vermittelt ein gewisses nostalgisches Gefühl, indem es haptisch den Eindruck erweckt, die Strips im Originaldruck zu lesen – eine gute Idee. Nun erscheint der fünfzehnte der insgesamt 18 geplanten Bände; der inhaltliche Schwerpunkt liegt diesmal auf Prinz Arn, des Prinzen Eisenherz Sohn.

Der Sohn von Eisenherz und Aleta erfährt von ihrem damaligen Versprechen den Indianern in Amerika gegenüber, dass einst ihr Sohn zurückkommen werde. Nur so ließen die Indianer Aleta, die sie für eine Göttin hielten, und ihre Familie ziehen. Prinz Arn entschließt sich nun, dieses Versprechen zu erfüllen. Angefangen von der Organisation der Überfahrt bis zu den ersten Begegnungen, gestaltet sich die Reise alles andere als einfach und bald muss der Jüngling beweisen, was in ihm steckt. Auch Vater Eisenherz hat einiges zu tun. So muss er eine Verschwörung Mordreds aufdecken und verhindern, dass die Skoten und Pikten in England einfallen.

Üblicherweise sind die Vorworte des Bocola-Verlages sehr interessant und bieten eine gute Einführung in die Serie. Dieses ist ziemlich enttäuschend. Es ist vielmehr eine inhaltliche Zusammenfassung dessen, was man ohnehin gleich lesen wird und bietet nur bedingt eine inhaltliche Gesamteinordnung oder Hintergründe. Die Gegenüberstellung der amerikanischen Abenteuer von Prinz Eisenherz und seinem Sohn ist aber gut gelungen. Es ist ja eine der Besonderheiten der Serie, dass der Held und seine Familie zugleich mit den Lesern altern. Eisenherz wird reifer und auch die gesellschaftliche Entwicklung innerhalb des erzählerischen Kosmos steht nicht still. Das ermöglicht es Foster, in diesem konkreten Fall zu zeigen, wie unterschiedliche Herangehensweisen bei den Indianern zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Während die Abenteuer von Eisenherz, ausgehend von den Gründen seiner damaligen Reise, sehr kriegerisch waren, fährt Arn in einer Art diplomatischer Mission nach Amerika. Er muss sich nicht komplett in die Sitten und Gebräuche einlernen und kennt manches schon durch seine Amme. Das macht die Abenteuer einerseits frisch.  andererseits sind sie Stammlesern auch ein bisschen vertraut. Da der Sohn hier im Zentrum steht, gerät zwangsläufig die charakterliche Entwicklung in den Fokus.

Seite aus Prinz Eisenherz 15Interessant ist, dass trotz kultureller Verständigung eine gewisse Arroganz gegenüber den Indianern spürbar ist. Auch wenn manche Gaben scheitern und der Zivilisationsaspekt eine gegenteilige Folge hat (im Übrigen der einzige Bruch zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit), so steht doch ein gewisser missionarischer Habitus in Vordergrund: Den Indianern wird durch die Wikinger die Zivilisation gebracht. Ausgerechnet von den Wikingern, mögen manche rufen. Immerhin wird in einer Szene deutlich, dass Arn nichts davon erfährt, dass seine guten Absichten negative Folgen haben werden. So schränkt Foster den Aspekt der Zivilisierung ein.

Seine Zeichnungen können generell überzeugen, wenngleich das Altmodische daran an allen Ecken und Enden spürbar ist. Die Schurken sind plakativ und Eisenherz widersetzt sich den Grauschattierungen der 1960er Jahre. Nur der Blick auf die Indianer ist etwas freundlicher. Der Witz ist ironisch und wie gehabt werden Intrigen und Abenteuer geschildert. Das ist das, was die Fans wollen, erschöpft sich aber im Altbewährten und somit bleibt nicht sonderlich viel wirklich hängen. Fans werden auf jeden Fall zugreifen.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Auch Abenteuer in der neuen Welt bieten nicht immer Neues, sondern nur bei Fans beliebtes Althergebrachtes.

Prinz Eisenherz Gesamtausgabe 15 – Jahrgang 1965/1966
Bocola Verlag, Juli 2011
Text und Zeichnungen: Hal Foster
112 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,90 Euro
ISBN: 978-3-939625-16-2

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Bocola Verlag

Sokrates der Halbhund 1 & 2

Cover Sokrates der Halbhund 1Herakles, die sagenumwobene griechische Heldenfigur, ist der Sohn des Zeus und damit ein echter Halbgott. Sein getreuer Begleiter und bester Freund Sokrates ist nach eigenem Bekunden ein Halbhund: halb Hund, halb Philosoph. Dass dieser dabei den Namen eines berühmten philosophischen Vorbildes trägt, ist natürlich ein deutlicher Hinweis auf die Rolle des sprechenden Kläffers in der neuen Serie von Joann Sfar und Christophe Blain.

Das Konzept trägt schon auf den ersten Blick die Handschrift Sfars, genauer gesagt könnte man Sokrates der Halbhund als historisches Äquivalent zu Die Katze des Rabbiners (Avant-Verlag) bezeichnen. Statt einer mitteilsamen Katze, setzt Sfar dem Leser nunmehr einen gesprächigen Hund vor.

Seite aus Sokrates der Halbhund 2Allerdings gibt es entscheidende Unterschiede zwischen beiden Werken: Als erstes wäre hier das zeitgeschichtliche Setting zu nennen. Der Autor bereitet in Sokrates der Halbhund die griechische Antike auf, taucht tief ein in deren Mythologie und schlägt allgemein einen wesentlich raueren, wenn auch zwangsweise oberflächlicheren Ton an als es bei den Geschichten um den Rabbiner und seine Katze der Fall ist. Erzählt werden Herakles‘ Abenteuer, seine Kämpfe gegen Monster, seine Frauengeschichten. Innerhalb dieses fantasievollen Rahmens nimmt sich Joann Sfar auch mal Freiheiten fernab von tiefschürfenden Dialogen. Letztlich ist das auch der Pluspunkt: Sokrates der Halbhund liest sich trotz aller Ähnlichkeiten überhaupt nicht wie Die Katze des Rabbiners, aber eben immer noch wie ein Sfar-Comic. Im gleichen Zug tragen auch Christophe Blains expressionistische Zeichnungen zu einem flüssigen und farbenreichen Gesamtbild bei. Auch hier unterscheidet sich diese Comicreihe von der gewohnten aquarelligen Arbeitsweise des Szenaristen.

Der wesentliche Knackpunkt ist jedoch die Konstellation zwischen dem titelgebenden Tier und seinem Herrchen. Sokrates, dem klugen und eloquenten Halbphilosophen, mangelt es an niveauvollen Gesprächspartnern. Sein Herr, der plumpe, sexgierige Analphabet Herakles, ist wenig kommunikativ. Im Gegensatz zur Katze des Rabbiners, die in ähnlicher Weise die Rolle des Erzählers für den Leser übernahm, ist der Hund Sokrates eher Kommentator der Handlungen von Herakles. Durch das andauernde Monologisieren, gerade in Band 1, schafft es die Serie nicht, an die textliche Tiefe heranzukommen, die man sonst von Sfar gewohnt ist.

Cover Sokrates der Halbhund 2Im zweiten Band, als Herakles mit seinem Hund nach Ithaka reist und auf Odysseus und den Zyklopen trifft, nimmt die Serie eine dynamischere Struktur an, die Figuren interagieren auf komplexere Weise und werden differenzierter dargestellt. Überhaupt darf man darauf gespannt sein, wie es nach dem Geschehen der ersten beiden Alben mit dieser Reihe weitergeht. Denn so wie Sfar und Blain in ihrem zweiten Comic Fahrt aufgenommen haben, darf man sicherlich noch einige Überraschungen erwarten.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Nicht so anspruchsvoll wie Die Katze des Rabbiners, dafür flüssiger erzählt und unterhaltsamer

 

Sokrates der Halbhund
Reprodukt
Text: Joann Sfar

Zeichnungen: Christophe Blain
je 48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: je 12 Euro

Band 1: Herakles
März 2011
ISBN: 978-3-941099-81-4
Leseprobe

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Band 2: Odysseus
Juni 2011
ISBN: 978-3-941099-82-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Reprodukt

Frisch aus der Druckerei: Juli 2011

Unser monatlicher Rückblick auf die aktuellen Comic-Novitäten: Diesmal mit einem zum Album gewordenenen Webcomic, mehreren deutschen Manga, Cartoons auf Schwäbisch und ausgegrabenen Perlen aus den USA.

HIGHLIGHT DES MONATS 

Deae ex machina 1Man kann das, wenn auch in dem bescheidenem Rahmen des kleinen Nischenmarkts namens Comic, als Erfolgsgeschichte bezeichnen: Der Grafiker Frank Weißmüller, der sich als Comiczeichner einfach nur Erik nennt, nimmt sich ein Sabbatjahr, um an einer eigenen, epischen Comicgeschichte zu arbeiten, die er sukzessive online veröffentlicht. Sein markanter, unverwechselbarer Stil und das originelle Szenario sorgen schnell für Aufmerksamkeit. Später wird Deae ex machina zu einer der Flaggschiffserien im neuen Magazin Comix und nun liegt bei Epsilon endlich das erste Album der auf insgesamt fünf Ausgaben angelegten Reihe vor. Deae verquickt sehr geschickt verschiedene Genres und diverse Zeitebenen von der Antike bis zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Zusammengehalten wird das Geflecht durch die drei Göttinnnen, die nicht nur als sexy Blickfang dienen, sondern auch für eine humorvoll-ironische Ebene sorgen. Sehr zu empfehlen. Eine Leseprobe der Albenausgabe steht bei myComics, außerdem steht die Webcomic-Version mit bisher 167 Seiten nach wie vor kostenlos zur Verfügung.

EIGENPRODUKTIONEN

Das könnte Ihnen gefallen, wenn Sie die Comics und Witzbildchen von Katz & Goldt mögen: Der Kasseler Zeichner Leonard Riegel veröffentlicht seit einer Weile ebenfalls in der Titanic. Sein erstes Buch heißt Die Jagd nach der zündenden Idee und erschien bei der Edition Moderne, die auch eine Leseprobe anbietet.

Der Grimms Manga Sonderband von Tokyopop enthält Kurzgeschichten diverser Mangaka, die als Tribut an die erfolgreiche Reihe von Kei Ishiyama eigene Umsetzungen von Märchen der Brüder Grimm (darunter Rumpelstizchen, Die Bremer Stadtmusikanten u.a.) beisteuern. Vertreten sind unter anderem Anike Hage und Nina Werner.

Royal Lip ServiceMit Royal Lip Service legt die Dresdnerin Marika Paul (Daftball) bei Carlsen ihren ersten Boys-Love-Manga vor. Romantik und Intrigen an der Dresdner Universität!

Die Hamburger Firma Twintime entwickelt zur Zeit das Action-Videospiel Odessa Twins. Noch bevor das Game auf den Markt kommt, gibt es bei Carlsen den begleitenden Manga, der die Vorgeschichte zur Spielehandlung erzählt. Das Skript stammt von Stefan Brönneke, der auch Autor und Regisseur des Spiels ist, die Zeichnungen von der Wuppertaler Künstlerin Tamasaburo.

Comicveteran Helmut Nickel, der auf dem Comicfestival München geehrt und von vielen Besuchern ganz neu entdeckt wurde, gestaltete in den späten Fünfziger Jahren die Serie Peters seltsame Reisen für die Zeitschrift Harry – Die bunte Jugendzeitung. In den jeweils nur eine Seite langen Episoden traf die Hauptfigur Peter, ein „ganz normaler Junge“, auf viele fiktive Gestalten der populären Literatur (z.B. Sindbad, Baron Münchhausen oder auch Nick, den Weltraumfahrer). Bei Salleck Publications erschien nun eine Gesamtausgabe dieser Geschichten in einem Hardcover-Band. Gerhard Schlegel (Laska Comix) betreute diesen liebevoll gestalteten Band, restaurierte das Material und kolorierte einige Episoden neu. Kostproben sind hier zu sehen.

Schwäbische Mundart gab es im Juli gleich doppelt: Beim Esslinger Verlag erschien ein Band mit neuen Cartoons und Kurzcomics rund um Äffle und Pferdle, die Trickfiguren aus der Fernsehwerbung, die im Südwesten Kultstatus haben (Fragen Sie einen beliebigen Baden-Württemberger, der in den 70er oder 80er Jahren groß wurde!). Hier ein Blick ins Buch. Und bei Carlsen erschien erstmals eine Dialekt-Ausgabe von Ralph-Ruthe-Cartoons: aus Shit happens! wurde Scheissdregg bassiert halt. Ruthe kreierte dieses Buch zusammen mit seinem Freund Dominik Kuhn, der mit zahlreichen „Schwaben-Synchros“ bei YouTube bekannt wurde. Hier der Clip zum Buch:

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AUS DEN USA

GazaEdition Moderne bringt mit Gaza von Joe Sacco den Nachfolgeband zu Palästina. Nachdem er in Neunziger Jahren Palästina bereist und in Comics darüber berichtet hatte, und später nach Ex-Jugoslawien ging, begab sich der Meister des Reportagecomics 2002/2003 erneut in den Nahen Osten. Er recherchierte zwei wenig bekannte historische Tatsachen, die zu den Wurzeln des Nahostkonflikts führen: zwei Erschießungsaktionen im Jahr 1956, bei der hunderte Palästinenser von israelischen Soldaten getötet wurden (Leseprobe).

Zwei kleine amerikanische Perlen hat Nona Arte ausgegraben: Fell ist der Versuch von Autor Warren Ellis und Zeichner Ben Templesmith, kleine, in sich abgeschlossene Kurzgeschichten von 16 Seiten zu erzählen, wobei sich aber im Hintergrund trotzdem ein „großes Ganzes“ entspinnt. Die Hauptfigur Richard Fell, ein desillusionierter Polizist, der in das verkommenste Viertel der Stadt Snowtown versetzt wird, ist eine typische Ellis-Figur, genau wie das dreckige Snowtown ein typischer Ellis-Schauplatz ist. Mit den Fell-Episoden, die durch strenge formale Vorgaben geprägt sind, kehrte der Autor, der zwischendurch viel mittelmäßige Selbst-Kopien abgeliefert hatte, zur erzählerischen Stärke von Transmetropolitan zurück. Leider blieb die Serie nach nur 9 Ausgaben mittendrin hängen und wartet seit dreineinhalb Jahren auf weitere Fortsetzungen. Immerhin die ersten acht Kapitel sind aber nun endlich auf Deutsch verfügbar. (US-Preview)

Supreme 1Eine noch unglücklichere Publikationsgeschichte hat Supreme erfahren: Entstanden war die Serie als Teil des großen Image-Spektakels der Neunziger Jahre, geschaffen vom damaligen Zeichner-Superstar Rob Liefeld als Superman-Kopie. Wie in jenen Tagen üblich, stand vor allem visuelles Spektakel im Vordergrund, die Story war zweitrangig. Bis im Jahr 1997 mit der Nummer 41 ein gewisser Alan Moore als Autor verpflichtet wurde und der Serie eine völlig neue Richtung gab. Fortan war Supreme ein Metacomic, eine Hommage an den klassischen Superman des Silver Age, ein Spiel mit dem Genre Superheldencomic und seiner Historie. Moores Supreme-Run endete nach zwei Dutzend Heften abrupt, weil Liefelds Verlag Awesome dicht machen musste (ein sehr ähnliches Konzept verfolgte er dann später in Tom Strong). Nona Arte sammelt die komplette Moore-Storyline „The Story of the Year“ in zwei Paperbacks, deren erster im Juli erschienen ist. Diese basieren auf den Sammelbänden von Checker Publishing, die vor allem wegen ihrer schlechten Bildqualität gerügt wurden (die Originalvorlagen aus den Neunzigern sind verschwunden, daher mussten die Seiten neu eingescannt werden), wobei man sich für die deutsche Ausgabe eigens bemüht hat, die Grafik so gut wie möglich zu restaurieren.

The Unwritten 1Panini brachte im Juli den ersten Band einer bemerkenswerten Vertigo-Serie auf den Markt: The Unwritten von Mike Carey und Peter Gross erzählt von dem Sohn eines berühmten Autors, der eine sehr erfolgreiche Buchreihe á la Harry Potter geschaffen hat, aber nun verschwunden ist. Es geht „um die Literatur als Ganzes, um ihr Verhältnis zu und ihre Auswirkungen auf unsere Realität“, schreibt Björn Wederhake im Comicgate-Magazin 5, und weiter: „Ein intelligenter Comic, der kein Interesse daran hat, sich freiwillig dumm zu stellen und der sich besonders an Menschen richtet, die Bücher und Literatur lieben.“ Kapitel 1 gibt’s bei myComics.

Außerdem holte Panini ein paar ältere Werke aus dem Dachboden von DC Comics: Sandman präsentiert 4: Destiny von Alisa Kwitney und diversen Zeichnern ist ein weiterer Sandman-Spin-Off, der in den USA 1996 erschien (Leseprobe). Camelot 3000 stammt aus den frühen 80er Jahren, der Zwölfteiler war laut Wikipedia DCs erste Maxiserie. Autor Mike W. Barr und Zeichner Brian Bolland lassen darin König Arthur und seine Ritter der Tafelrunde im Jahr 3000 gegen Außerirdische antreten. Die deutsche Ausgabe sammelt die komplette Reihe in einem Hardcover-Band. Hier das erste Kapitel. Batman: Dark Victory schließlich kam 1999/2000 als 14-teilige Maxiserie auf den Markt (und erschien vor einigen Jahren schonmal in Einzelausgaben bei Panini). Das Kreativteam Jeph Loeb und Tim Sale knüpft darin an seine erfolgreiche Batman-Storyline The Long Halloween an. Es geht um Batmans frühe Jahre, den Kampf gegen Two-Face und wie er zu seinem jugendlichen Partner Robin kommt (Leseprobe).

In der Marvel-Abteilung stand im Juli das Crossover-Event Shadowland im Mittelpunkt, das sich rund um die Serie Daredevil drehte. Daredevil ist darin zum Anführer der einst von ihm bekämpften Organisation „Die Hand“ geworden und ist ein noch düstererer Geselle geworden als er ohnehin schon war. Die Shadowland-Hauptserie von Andy Diggle und die diversen Specials und Tie-Ins sammelt Panini in zwei Ausgaben der Daredevil-Reihe (Nr. 9 und 10), sowie einem Shadowland Special und einer Marvel Monster Edition.

Zum Filmstart von Captain America erschien als Marvel Exklusiv 93 die Miniserie Captain America: Der Auserwählte aus dem Jahr 2007, geschrieben von David Morrell, dem Autor jener Romane, aus denen später die Rambo-Filme wurden. Kapitel 1 gibt’s bei myComics.

Ordentlich zur Sache geht es in Deathlok der Zerstörer (Band 41 in Paninis „Marvel Max“-Reihe): Charlie Huston und Lan Medina erzählen ein Zukunftsszenario, in dem Kriege als Actionsport in Arenen stattfinden. Hier die Leseprobe.

Wenn Popkultur sich im Kreis dreht, entsteht ein Comic zum Videospiel zum Comic: Der Konzern Sony betreibt seit Anfang dieses Jahres das Online-Rollenspiel (MMORPG) DC Universe Online, basierend auf den Superhelden aus dem DC-Universum. Bei DC Comics erscheint dazu ein Jahr lang die 14-tägliche Serie DC Universe Online Legends von Marv Wolfman und Tony Bedard, die bei Panini in Form von sechs Sammelbänden herauskommt. Heft 1 kann man bei myComics lesen.

Tokyopop ergänzt seine Edition von Jeff Smiths Fantasy-Klassiker Bone mit dem Sonderband Rose, gezeichnet von Charles Vess. In dem Prequel (das 2002 schon mal bei Carlsen auf Deutsch erschien) wird die Vorgeschichte von Gran’ma Ben erzählt, die sich als junge Prinzessin Rose mit einem Drachen auseinandersetzen muss (US-Leseprobe bei Amazon).

AUS GROSSBRITANNIEN

Ein Klassiker des britischen Zeitungscomics ist Andy Capp von Reg Smythe, dessen Strips seit 1957 im Daily Mirror erscheinen. Bei uns heißt der Arbeitslose mit der ins Gesicht gerutschten Mütze Willi Wacker. In den vergangenen Jahrzehnten erschienen Strips in diversen deutschen Zeitungen und immer wieder auch mal Sammelbände. Beim BSE Verlag gibt es jetzt neue Buchausgaben, Band 1 heißt „Das Leben ist hart… hicks!“

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Der Mörder weinteZwei neue Einzelbände bei Schreiber & Leser: Der Mörder weinte von Thierry Murat ist die Adaption eines Romans von Anne-Laure Bondoux. Er erzählt von einem Jungen, der in Patagonien recht einsam mit seinen Eltern lebt, bis eines Tages ein Fremder kommt, seine Eltern tötet und bei dem Jungen bleibt (Leseprobe). Sarane vom Zeichner Lax, in Frankreich schon 1994 erschienen, spielt in den 20er Jahren in der Sahara und hat wohl Ähnlichkeiten mit Der Englische Patient (Leseprobe).

Die Ehapa Comic Collection bringt einen neuen Comic von Enki Bilal: Julia & Roem, eine Fortsetzung des Vorgängerwerks Animal’z, das in einer postapokalyptischen Welt spielt. Diesmal mischt er noch eine ordentliche Portion Shakespeare bei.

Nero (ebenfalls bei Ehapa) ist ein All-in-One-Band, der eine Albenreihe des italienischen Kreativteams Alex Crippa, Andrea Mutti und Angelo Bussacchini enthält. Die Titelfigur Nero ist ein Privatdetektiv, der es mit einem Serienmörder zu tun bekommt. Eine PDF-Leseprobe gibt es hier.

Zur erfolgreichen Serie Das dritte Testament von Xavier Dorison und Alex Alice startet bei Carlsen die Prequel-Serie Das dritte Testament: Julius. Diese spielt im alten Rom der Antike und erzählt die Ursprünge der im Mittelalter angesiedelten Hauptstory. Es gibt eine französische Leseprobe sowie diesen Trailer:

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Das ausschweifende Leben des NylonmannsBeim Splitter Verlag gibt’s einen Einzelband mit dem seltsamen Titel  . Der Titel ist aber bei weitem nicht das ungewöhnlichste an diesem Comic des belgischen Zeichnerstars Hermann. Autor ist der Deutsche Hans-Michael Kirstein, der über viele Jahre vom Fanboy zum Freund von Hermann wurde und ihm schließlich ein Szenario schreiben durfte, das man als surreale, sehr absurde, überdrehte Science-Fiction-Parodie bezeichnen könnte. Die Kostprobe auf splitter.de enthält auch den ersten Teil eines aufschlussreichen Interviews mit dem Autor.

Klassischer geht es da in den übrigen neuen Splitter-Serien zu: Black Jack von Steve Cuzor (O’Boys) erzählt die Geschichte von Al Capone und anderen Mafiagrößen aus der Sicht von Kindern (Leseprobe). Mit Lancelot gibt’s neuen Stoff für Ritterfans: Jean-Luc Istin (Die Druiden) versucht sich an einer Neuinterpretation der Artus-Sage (Leseprobe). Und mit dem Zweiteiler Die Geister von Troy erscheint ein weiterer Spin-Off aus Christophe Arlestons erfolgreichem Troy-Universum (Leseprobe).

Bei dem für Humor zuständigen Splitter-Label Toonfish wird das Schlümpfe-Programm um die Reihe Schlumpfereien ergänzt. Die Bände im kleinen quadratischen Format enthalten kurze Gagstrips, One-Pager und Cartoons. Auch hier gibt’s eine Leseprobe.

AUS ASIEN

Tokyopop startet eine neue Serie von Kauro Mori (Emma): Young Bride’s Story spielt im 19. Jahrhundert und handelt von einer jungen Frau, die nach einer arrangierten Hochzeit mit einem viel jüngeren Jungen in ein anderes Dorf geht, aber später von ihrer Familie wieder zurückbeordert wird. Laut Verlag „ein berührendes Märchen in opulenten Bildern“.

Fußball, Fantasy und Teenageromanze vermischt EMAs neue Mangaserie Love Chains von Mayu Shinjo: hier die Leseprobe (PDF).

Links der Woche: Mit Neuem und Altem aus Entenhausen und einem lauten Abgang

Unsere Links der Woche, Ausgabe 31/2011


Familienbande – über die konfliktreiche Beziehung von Comics zu ihren Verfilmungen
epd Film, Andreas Platthaus
Im Fachmagazin epd Film beleuchtet Andreas Platthaus den anhaltenden Boom der Comicverfilmungen, blickt in die Historie und zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Kunstformen auf.

Patriot mit Eigensinn
tagesspiegel.de, Lars von Törne
Lars von Törne erklärt anlässlich des neuen Kinofilms, dass Captain America keineswegs nur ein simples Symbol für übertriebenen amerikanischen Patriotismus ist: „In seinem eigentlichen Medium […] hat sich Captain America im Laufe seiner sieben Jahrzehnte zu einer viel komplexeren Figur entwickelt, als es der Kinofilm ahnen lässt.“

Comicladen-Report: Was den Handel bewegt
Comic-Report, Ekki Helbig und Björn Steckmeier
Der Comic-Report startet eine neue Kolumnenreihe, deren Autoren Comichändler sind und die den Comicmarkt aus der Sicht des Fachhandels beleuchten soll. In der ersten Folge stellen Ekki Helbig vom T3 in Frankfurt und Björn Steckmeier vom Bonner Comic-Laden sich und ihre Fachgeschäfte gegenseitig vor.

 

micky-maus.de
Die Micky Maus ist Deutschlands traditionsreichstes und immer noch auflagenstärkstes Magazin für Kinder und Jugendliche. Kurz nach Gründung der Bundesrepublik brachte es die Disney-Comics zu uns und prägte damit einige Generationen. Egmont Ehapa feiert den 60. Geburtstag des Magazins, das erstmals am 29. August 1951 erschienen ist mit einem Web-Special, das u.a. ein Gewinnspiel, eine Menge sogenannte „Staunfakten“ und eine digitale Version von Don Rosas Duck-Stammbaum enthält.

Lifestyle made in Entenhausen
Frankfurter Allgemeine, Andreas Platthaus
Ganz neu bei Ehapa ist dagegen die Zeitschrift DONALD, der zunächst einmalige Versuch, die Entenhausen-Welt mit einem Männer-Lifestyle-Magazin zu kreuzen. Donaldist Andreas Platthaus meint dazu: „Mehr als die erste Ausgabe muss es nicht sein.“ Weitere Besprechungen des Haftes gibt es u.a. beim Tagesspiegel, beim Comic-Report und beim Medienjunkie.

Die Botschaft
Splitter Blog, Matthias Schultheiss
Auf seinem Autorenblog beim Splitter-Verlag schreibt Matthias Schultheiss regelmäßig über die Entstehung seines aktuellen Comicprojekts. Jetzt hat er eine 30 Jahre alte Geschichte ausgegraben, die seinerzeit in Menschenblut erschien und nun auch online zu lesen ist.

 

Robot 6, Kevin Melrose
Der Berliner Künstler Marko Djurdjevic der seit einigen Jahren für Marvel Comics zeichnet (überwiegend Cover-Abbildungen) und einen Exklusivvertrag mit dem Verlag hatte, hat auf der Fan Expo in Toronto bei einer Vorstellung der (von ihm gestalteten) neuen Kostüme der Fantastic Four seinen Abgang verkündet. Dies geschah auf recht ungewöhnliche und nicht gerade elegante Weise: Mit öffentlichen Beschimpfungen gegen die Marvel-Redakteure, die ihm keine kreative Freiheit ließen, und Comicautoren („J. Michael Straczynski schreibt wie Klopapier“). Fürs erste will Djurdjevic nicht mehr im Comicbereich arbeiten, sondern sich auf seine Design-Agentur Six More Vodka konzentrieren. Ganz so feindselig, wie es in diesem Artikel bei CBR rüberkommt, scheint die Stimmung jedoch nicht gewesen zu sein. Bei anderen Quellen klingt das Geschehen weitaus entspannter und auch FF-Autor Jonathan Hickman, der neben Djurdjevic auf dem Podium saß, dementiert.

 

Nach dem Erfolg von Persepolis wird ein weiterer Comic von Marjane Satrapi verflimt: Huhn mit Pflaumen. Regie führen wieder Satrapi selbst und Vincent Parronaud (alias Winshluss). Diesmal allerdings nicht als Zeichentrick- sondern als Realfilm mit Isabella Rosselini und Mathieu Amalric. Hier ein erster französischer Trailer:
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DC Fifty-Too
dcfifty-too.blogspot.com, Jon Morris
So kann man den DC-Reboot, bei dem demnächst 52 Serien mit einer neuen Nummer 1 starten, auch verarbeiten: Für das Blog DC Fifty-Too steuern zahlreiche Indie-Zeichner eigene Vorschläge in Form von fiktiven Comic-Covern bei: „Wenn DC dir angeboten hätte, eine beliebige Serie neu zu erfinden, wie würde das erste Heft aussehen?“

Hemingway

Hemingway CoverIn Hemingway führt Jason mit viel Humor durch ein recht pragmatisches Paris der Zwanziger Jahre. Der Comic bleibt trotz der fabulierten Geschichte und gerade wegen der kauzigen Charaktere bis zum Ende spannend.

Es ist Mitternacht in Paris, zumindest schlägt die Uhr zwölf, als Woody Allen in seinem neuen Film Midnight in Paris Owen Wilson auf magische Weise zurück in die Zwanziger Jahre schickt. Der norwegische Autor und Zeichner Jason hingegen braucht in seinem Comic Hemingway keinen Zaubertrick, um seine Leser ins Zeitalter des Modernisten zuführen. Bei der Anzahl von Geschichten muss es so langsam eng im Paris der Autoren und Maler werden. Auch diesem Problem kann Jason Abhilfe schaffen; er gibt sich selbst den Freiraum, die Geschichte nach Belieben zu gestalten, ohne dabei zu vergessen, den bekannten Akteuren ihre neuen Rollen zuzuteilen.

Während der Norweger seinen Minimalismus in seinen Debüt-Werken Hey, warte mal und Psssst! … auf den Höhepunkt gebracht hat, gewährt Jason seinen Figuren in Hemingway mehr Redefreiheit. Schließlich arbeitet er diesmal mit großen Künstlern zusammen. Und so unterhalten sich die Künstler über ihre Zunft, das Zeichnen von Comics. Wie bereits in Blutchs Blotch: Der König von Paris wird der Comic zur Kunstform der Jahrhundertwende erhoben. In Hemingway können die anthropomorphen F. Scott Fitzgerald, Ezra Pound, James Joyce und eben Ernest höchstselbst aber kaum von ihrer Kunst leben.

Hemingway: Pragmatisches ParisObwohl sich die Figuren nun selbst artikulieren können, nimmt Jason sie weiterhin an die Hand und geht sehr behutsam mit ihnen um. Das tut er nicht, weil sie heute gefeierte Persönlichkeiten sind, sondern weil sie damals eben nur arme Künstler waren, die ums Überleben kämpfen mussten. Es wird ganz alltäglich über Radiergummis und Bleistifte diskutiert, genauso selbstverständlich geht man abends zum Boxkampf und schlägt sich recht männlich mit seinen Kritikern. Kurzum: In Jasons Paris der Zwanziger Jahre hat die Gentrifizierung noch nicht stattgefunden.

Weil aber Hemingway Frau und Kind versorgen muss und auch Zelda Fitzgerald bespasst werden möchte, müssen die Männer Geld heranschaffen. Sie machen sich auf, eine Bank zu überfallen. Für diesen fabulierten Teil der Geschichte spaltet Jason in die Perspektiven der einzelnen Figuren auf; jeder darf vom Coup aus seiner Sicht berichten und so fügen sich die einzelnen Erzählstränge langsam, aber dennoch spannend zu einem Ganzen zusammen.

DHemingway: Ausgefeilte Dialogeas Layout der einzelnen Seiten und die Dialoge der Figuren gleichen einem Stierkampf. Auf jeweils neun Panels umkreisen sich die Gegner und tasten sich demagogisch ab. Im achten Bild lässt Jason sie noch einmal kurz innehalten – hierdurch erzeugt er genau das richtige Timing – nur um am Ende der Seite eine tödliche Pointe zu landen. Gerade weil die Figuren keine Pupillen besitzen und ihre Mimik auf ein Minimum reduziert ist, funktioniert Jasons deadpan-Humor in diesen dialogischen Scharmützeln so ausgezeichnet.

Es sind eben nicht, wie Woody Allen uns vormachen will, die ausschweifenden Parties, auf denen der Charleston getanzt wird, die das Paris der Zwanziger Jahre ausmachten. Vielmehr geht es um ein paar Gleichgesinnte, die sich in Paris trafen, gemeinsam tranken, über das Leben und über Comics redeten und mit ihren Leben nicht immer zurechtkamen. Dass diese Männer heutzutage als literarische Größen gefeiert werden, liegt nur daran, dass sie ihren Kampf mit dem Leben und der Kunst mal minimalistisch, mal ausschweifend in Worte gefasst haben. Auf seine unnachahmliche Weise nimmt Jason in Hemingway dieser Zeit den mystischen Zauber, aber gibt ihr dafür das eigentliche Gefühl der Bohème zurück.

 

Wertung8 von 10 Punkten

Ein Comic voll wunderbarer Dialoge und grafischem Minimalismus


Hemingway 
Reprodukt, Juni 2011
Text und Zeichungen: Jason
48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 13 Euro
ISBN: 978-3941099746
Leseprobe

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Abbildungen © Jason, der dt. Ausgabe: Reprodukt 

Gingerbread Girl (US)

Cover Gingerbread GirlSchonmal vom „Penfield Homunculus“ gehört? Der Neurochirurg Wilder Penfield visualisierte mit einer grotesk aussehenden menschlichen Gestalt die Anatomie des Gehirns – welche sensorischen Reize werden an welcher Stelle des Gehirns wahrgenommen und wie stark sind diese Empfindungen? Dieser Homunculus spielt eine zentrale Rolle in Gingerbread Girl.

So heißt der Comic vom Ehepaar Paul Tobin und Colleen Coover (Banana Sunday), der zunächst als Fortsetzungsgeschichte auf dem Webcomicportal von TopShelf Productions veröffentlicht wurde und nun beim selben Verlag als gebundenes Buch erschienen ist. Es geht um Annah, eine 27-jährige, lebenslustige junge Frau, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie eher auf Männer oder auf Frauen steht und die für den Abend, an dem wir sie begleiten dürfen, gleich zwei Dates vereinbart hat: eins mit der lockenköpfigen Chili und eins mit Jerry, der aber das Nachsehen hat, weil er später eintrifft als Chili.

Seite aus Gingerbread GirlViel mehr äußere Handlung gibt es nicht: Ein Abend in Portland, Oregon, an dem zwei Frauen, die ein bisschen verliebt ineinander sind, gemeinsam ausgehen. Dieser Plot spielt aber kaum eine Rolle, vielmehr soll der Charakter der Hauptfigur Annah und ihre Besonderheit erforscht werden: Sie behauptet nämlich, dass ihr als Kind von ihrem Vater, einem Wissenschaftler, der Penfield Homunculus entfernt und als eigenständiges Wesen zum Leben erweckt wurde. Seitdem hat Annah eine Art Zwillingsschwester, die sie „Gingerbread Girl“, Lebkuchenmädchen, nennt. Wenn Annah etwas berührt oder berührt wird, fühlt sie kaum etwas, stattdessen kommen diese Empfindungen bei ihrer Schwester Ginger an. Diese ist allerdings seit Jahren verschwunden, genau wie Annahs Eltern. Es drängt sich also der Verdacht auf, dass Annah mächtig einen an der Klatsche hat.

Ist es ein Trauma, verursacht durch die Scheidung ihrer Eltern, ist es ein harmloses Hirngespinst oder ein schwerer psychischer Schaden, oder ist womöglich doch etwas wahres dran an Annahs Geschichte? Eine endgültige Antwort, soviel sei verraten, gibt der Comic nicht. Der Leser bekommt lediglich eine Menge Puzzlestücke angeboten, aus denen er sich sein eigenes Bild basteln muss. Dies geschieht in einer recht ungewöhnlichen Form, die den eigentlichen Reiz von Gingerbread Girl ausmacht: Der Leser wird nämlich fast durchgehend direkt angesprochen, zunächst von Annah selbst, später von Chili und weiteren Nebenfiguren, aber auch von gänzlich unbeteiligten Personen wie einem Wahrsager und sogar einer Taube und einer Bulldogge. Sie alle geben Informationshäppchen über Annah und ihre eigenartige Geschichte preis, geben Erinnerungen wider und stellen Vermutungen und Theorien auf. Niemand von ihnen weiß wirklich, was genau mit Annah los ist, aber am Ende hat man zumindest soviel Einblick in ihr Innenleben, um eigene Mutmaßungen anstellen zu können.

Seite aus Gingerbread GirlLeser, die eine endgültige Klärung aller offenen Fragen erwarten, werden von diesem Comic, der keine echte Lösung anbietet, enttäuscht sein. Man muss akzeptieren, nur Brotkrumen serviert zu bekommen. In einer Episode greift Chili zu einer passenden Metapher: Wirft man Tauben ein paar Brotkrumen hin, sind sie begeistert, mit einem ganzen Laib Brot dagegen können sie wenig anfangen. Und so ähnlich sei es auch bei unseren Mitmenschen: Wir können und wollen niemals alles von ihnen wissen, ein bisschen Rätselraten und Mysterium bleibt immer, und, so Chili, das sei auch gut so.

Paul Tobin und Colleen Coover gelingt es, diese Erforschung von Annah äußerst charmant und unterhaltsam zu gestalten. Der Kunstgriff, immer wieder die „vierte Wand“ zu durchbrechen, indem die Figuren direkt zum Leser sprechen, funktioniert. Dass sich dabei zahlreiche verschiedene Figuren, darunter auch Tiere, die Klinke in die Hand geben, sorgt für Abwechslung, und – ganz wichtig – den nötigen Schuss Humor. Gingerbread Girl soll nämlich Spaß machen, auch wenn sich hinter der Oberfläche das Psychogramm einer möglicherweise kranken Person verbirgt. Für die gutgelaunte Grundstimmung sorgen auch die charmanten, Cartoon-artigen Zeichnungen von Colleen Coover.

Wie ein Ermittler in einem Krimi setzt man all die bruchstückhaften Informationen zusammen, die aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln stammen und schafft sich sein eigenes Bild. Und so beginnt man am Ende der Lektüre, Annah ins Herz zu schließen. Man würde gerne noch länger bei ihr verweilen und mehr über sie erfahren. Und wenn ein Buch so etwas erreicht, ist es gelungen.

 

Wertung8 von 10 Punkten

„Slice of Life“ trifft Psychologie: sehr charmantes Puzzlespiel zur Erforschung einer fiktiven Figur


Gingerbread Girl
Top Shelf Productions, Juni 2011
Text: Paul Tobin
Zeichnungen: Colleen Coover
112 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 12,95 US-Dollar
ISBN: 978-1-60309-080-3
Gingerbread Girl als Webcomic

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Abbildungen © Colleen Coover, Paul Tobin, TopShelf

Links der Woche: Mit einer 4-Wochen-Aufholjagd

Unsere Links der Woche, Ausgabe 30/2011

Urlaubsbedingt musste diese kleine Reihe die letzten vier Wochen ausfallen. Ich habe mich inzwischen durch Newsfeeds, Webseiten und ein volles E-Mail-Postfach gewühlt und dabei zumindest einen Teil der wichtigsten und/oder interessantesten Links herausgefischt (ganz sicher ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

 

Fünf Fragen: Flix | aufgezeichnet.tv
graphic-novel.info
Am 31. Juli ging die erste Folge von aufgezeichnet.tv online, ein professionell produziertes, halbstündiges Videomagazin über Comics, moderiert von Zeichner Flix. Die erste Folge ist, aufgeteilt auf neun Kapitel, unter www.aufgezeichnet.tv oder auf dem youtube-Channel www.youtube.com/aufgezeichnetTV zu sehen. Unter anderem geht es ums Comicfestival München, um Ralf König und den Neustart bei DC Comics. Im oben verlinkten Kurzinterview beantwortet Flix einige Fragen zu dem Format, das langfristig auch bei einem Fernsehsender unterkommen möchte.

Back in black
Spiegel Online, Stefan Pannor
Das Comicthema mit der größten Medienresonanz der letzten Wochen: Bei Marvel schlüpft ein Neuer ins Kostüm von Spider-Man, und er hat – holladiewaldfee – dunkle Haut! Allerdings nicht in der regulären Spider-Man-Serie, sondern nur im Ultimate-Universum, wo Peter Parker zuletzt in der Storyline „Death of Spider-Man“ ins Gras beißen musste. Trotzdem sorgt sowas immer für großes Medienecho, dumme Kommentare und – so hofft man zumindest bei Marvel – für bessere Verkaufszahlen.

Generationswechsel, beim Teutates!
Spiegel Online, Stefan Pannor
Albert Uderzo hat sich entschieden: Asterix wird weitergehen, Autor Jean-Ives Ferri (Die Rückkehr aufs Land) und der Zeichner Frédérik Mébarki, bislang Uderzos Assistent, werden ihn beerben. Stefan Pannor stellt die Nachfolger vor.

AFKAT: Der Hamburger Graphic-Novel-Förderpreis
afkat-foerderpreis.de
Der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Martin Bahr, bekennender Comicfan und Justiziar des Interessenverbandes Comic (ICOM), stiftet einen Förderpreis (bei dessen Namen es sich nicht um eine kryptische Abkürzung handelt, sondern um den plattdeutschen Ausdruck für „Anwalt“): Bis zum 11. November können Arbeiten eingereicht werden, die sich vom Umfang her für eine Buchveröffentlichung eignen. Dem Gewinner winkt ein Publikationsvertrag und somit die Buch-Veröffentlichung der eingereichten Graphic Novel. Sämtliche Rechte sollen dabei beim Künstler verbleiben. Dieses Modell erinnert ein wenig an den amerikanischen „Xeric Grant“, der nur noch ein letztes Mal vergeben wird, wie vor wenigen Wochen angekündigt wurde.

Titanen Trilogie
mySherpas, Peter Wiechmann
Die Comics von Peter Wiechmann, die dieser in den 70er und 80er Jahren für Magazine wie Primo textete, haben durch die hochwertigen Neuauflagen bei Cross Cult eine kleine Renaissance erfahren. Neben dem dort veröffentlichten Material (Andrax, Thomas der Trommler u.a.) gibt es noch eine Menge weiteren Stoff, den Wiechmann nun selbst neu herausbringen will, digital restauriert und mit überarbeiteten Texten. Drei Hardcoverbände sollen Serien wie Capitan Terror oder Die Pichelsteiner sammeln – falls es Wiechmann gelingt, über die Crowdfunding-Plattform mySherpas das benötigte Kapital von 62.000 Euro einzusammeln. Mehr dazu im ausführlichen Interview beim Comic-Report.

Nona Arte zieht eine Startbilanz
PPM Vertrieb, Achim E. Stuehler
Interview mit Andrea Rivi, Verleger des italienischen Publishers Nona Arte, der seit September 2010 auf dem deutschen Markt aktiv ist, mit einigen interessanten Aussagen: „Der deutsche Comicmarkt ist vielleicht der schwierigste in ganz Europa. […] Neue Themen oder andere Formate als die, an die das Publikum bereits gewöhnt ist, auf den Markt zu bringen, schaffen für den Verlag gewisse Probleme. […] Außerdem ist das Durchschnittsalter der Leser in Deutschland sehr hoch. Der Eindruck, dass es in den letzten 15 Jahren zu keinem Generationswechsel in der Leserschaft gekommen ist, ist stark. […] Bei meinen Besuchen in Deutschland, in den Comicshops oder auf Messen bzw. Festivals, kommt es mir vor, als würde ich eine Situation anzutreffen, wie sie in Italien vor 20-25 Jahren vorzufinden war.“

Zombies im Bilderrausch
Spiegel Online, Christian Werner
Der „UniSpiegel“ stellt vier neue Comics vor, die als Abschlussarbeiten an deutschen Hochschulen entstanden sind, vom Zombie-Comic bis zur autobiographischen Zividienst-Erinnerung.

VROOOAAAR oder über Freud und Leid eines Comic-Übersetzers
Splashcomics, Horst Berner
Auf Splashcomics ist der Auszug eines Artikels aus ZACK zu lesen, in dem Michel Vaillant-Übersetzer Horst Berner die Originale mit den alten Übersetzungen aus dem ZACK der 70er Jahre vergleicht und feststellt, was für ein teilweise haarsträubender Unsinn damals übersetzt wurde.

Manga Madness
manga-madness.de, David Füleki
David Füleki bekommt vom Verlag Tokyopop ein eigenes Webportal spendiert, auf dem sowohl Cartoons als auch eine Menge Comics veröffentlicht werden, die zuvor bei Fülekis eigenem Kleinverlag Delfinium Prints oder anderswo erschienen sind (darunter auch eine Kurzgeschichte aus dem Comicgate Magazin 3). 

The International Best Comics Poll–Index and Introduction
The Hooded Utilitarian, Robert Stanley Martin
Im Jahr 1999 stellte das Comics Journal eine Liste der „100 besten Comics“ zusammen. Jetzt versuchte das Blog The Hooded Utilitarian (das bis vor kurzem mit dem Comics Journal verbandelt war) eine ähnliche Aufstellung. Dazu wurden über 200 Fachleute (Comicmacher, Journalisten, Wissenschaftler, Händler) gebeten, ihre persönlichen Top Ten aufzulisten. Das Endergebnis (mit den Zeitungscomics Peanuts, Krazy Kat und Calvin and Hobbes auf dem Siegertreppchen) ist natürlich sehr Amerika-zentrisch und nicht allzu überraschend. Es lohnt sich aber, die zahlreichen Texte zu lesen, die bei HU dazu veröffentlicht wurden. Es gibt dort nicht nur Würdigungen für die Titel aus den Top Ten, sondern auch die vollständigen Antworten der 211 Umfrageteilnehmer sowie begleitende Essays zu dem Projekt.

Comic Book Easter Eggs Archive!
Comics Should Be Good, Brian Cronin
Beim Blog Comics Should Be Good gab es im Juli täglich mehrere „Easter Eggs“ zu bestaunen, kleinere und größere, mehr oder weniger gut versteckte Anspielungen und Insider-Gags in neuen und alten Comics. Eine Sammlung, die sehr viel Spaß macht.

The Secret Story Behind Cowboys And Aliens
Bleeding Cool, Rich Johnston
Cowboys & Aliens kommt demnächst als Film mit Harrison Ford und Daniel Craig ins Kino. Ist es eine Comicverfilmung und war dieser Comic ein Bestseller? Nein, meint Rich Johnston, und erklärt die skurrile Hintergrundgeschichte des Projekts.

Plonk
Spreeblick, Bernd Plontsch
Auf dem Spreeblick-Blog läuft gerade die zweite Staffel von Bernd Plotschs Experimental-Interview-Reihe „Plonk“. Darin legt er verschiedenen Comiczeichnern Fotos vor und gibt ein Stichwort dazu, woraufhin das Foto zeichnerisch bearbeitet wird. Das ganze ist dann jeweils als Film zu sehen. Bisher sind „Plonk“-Ausgaben mit Brecht Evens, Sascha Hommer, Martina Lenzin und Naomi Fearn online, weitere sollen folgen. Hier die Episode mit Naomi Fearn:

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Captain America – The First Avenger

Poster Captain America – The First AvengerCaptain America – The first Avenger
USA 2011
Regie: Joe Johnston
Hauptdarsteller: Chris Evans (Steve Rogers / Captain America), Hugo Weaving (Johann Schmidt/The Red Skull), Stanley Tucci (Dr. Abraham Erskine), Tommy Lee Jones (Colonel Chester Phillips), Hayley Atwell (Peggy Carter)

Zum Captain America-Gewinnspiel geht es hier!

Neben seinen Superkollegen nimmt Captain America eine Sonderstellung ein: Er vertritt nicht nur sinnvolle Moralvorstellungen, sondern steht mit seinem guten Namen und seiner rot-blau-weißen Kostümierung auch für die Vereinigten Staaten von Amerika ein wie kein anderer Held (des Marvel-Universums). Etwas spitzer formuliert, Captain America ist Propaganda. Acht Monate vor dem Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg, bezog Captain America – von seinen Fans liebevoll Cap genannt – bereits Stellung: Auf dem Cover seines ersten Comics verpasste er Hitler gleich mal einen Kinnhaken. Kann ein amerikanisches Aushängeschild einen unterhaltsamen Kinoabend bescheren?

Ja, kann es. Mit Captain America – The First Avenger gelingt es Regisseur Joe Johnston (Wolfman) jegliche Gedanken an Propaganda vorzusorgen, einen unterhaltsamen Actionfilm zu drehen und ihn mit glaubhaften Charakteren zu bestücken. Wie es funktionieren kann, hat uns bereits der erste Iron-Man-Film gezeigt, doch anstatt die Unterhaltung nur an Robert Downey Jr. alias Tony Stark aufzuhängen, verkauft Johnston den ersten Avengers-Film als in sich schlüssiges Gesamtpaket.

Szene aus Captain America – The First AvengerSein „total package“ (Muskelpaket) kann Chris Evans in der Rolle als Steve Rogers zu Beginn des Filmes jedoch nicht präsentieren. Die Special-Effects-Abteilung hat seinen Körper eingedampft und ihn zu einem schwachbrüstigen Zwerg gemacht, dessen einzige Waffe sein eiserner Wille und sein Glauben an das Gute ist. Ein bisschen pathetisch vielleicht, doch muss er für diese Haltung auch ordentlich Haue und Erniedrigung einstecken. Nach der vierten Ausmusterung scheint Steves Traum, der Armee beizutreten, endgültig ausgeträumt. Erst als Dr. Erskine (Stanley Tucci) seine inneren Werte entdeckt und ihn für das „Project Rebirth“ auswählt, beginnt seine Ausbildung.

Obwohl Steve bereits zu Beginn seiner Ausbildung das Zeug zum Helden hat, durchleben wir mit ihm ein paar typische Trainingsszenen in der U.S. Army. Ziel dieser Übung ist nicht die Werbung für die amerikanische Armee oder Steves Formung zu einem Supersoldaten, sondern eine stilechte Einstimmung auf die 1940er Jahre. Natürlich dreht sich alles um den Zweiten Weltkrieg, doch es ist auch die Zeit, in der knochenharte Ausbilder wie Colonel Chester Phillips (Tommy Lee Jones) ihre zynischen Kommentare zwischen Zähnen und Zigarre herauspressen. Eine Zeit, in der sich die britische Agentin Peggy Carter in den schwachbrüstigen Steve verliebt. Der Film umschreibt die Vergangenheit ausgiebig. Die Ausbildung dient somit vielmehr dem Zuschauer, der lernen muss, sich in das Zeitalter einzufühlen.

Szene aus Captain America – The First AvengerMan erwartet nach dem Abschluss von „Project Rebirth“, der Verwandlung von Steve Rogers in einen Supersoldaten, eine Zäsur. Doch bleibt Johnston seinen Figuren treu: Zwar sieht Evans jetzt aus wie ein Supersoldat, doch behandeln alle ihn so, als sei er einfach nur Steve. Phillips macht ein paar schlechte Witze, Carter guckt ihn noch immer verliebt an und Steve ist so naiv wie zuvor. Wenn da nicht dieser aufgepumpte Körper wäre. Doch auch den setzt der Regisseur sinnvoll ein: Er schickt Steve gleich mit gestähltem Oberkörper, aber ohne Kostüm in seinen ersten Kampf. Es macht einfach Spaß, Steve bei der Arbeit zuzugucken, wie er rennt, springt und den Bösewicht verprügelt. Endlich kann er sich wehren. Doch die Freude ist nicht von großer Dauer, denn in den Krieg darf das Geheimprojekt immer noch nicht ziehen. Zuerst muss er als buntes Werbeplakat herumlaufen.

Ebenso wie die Captain-America-Erfinder Joe Simon und Jack Kirby vor ihnen, machen die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely (Die Chroniken von Narnia) keinen Hehl daraus, dass der Supersoldat auch immer ein Superplakat ist. Im Gegensatz zu pathetischen Filmen wie Pearl Harbor führt Johnston den Patriotismus in Captain America vor, indem er ihn einfach in die erste Reihe stellt. Da Rogers trotz neuer Muskelpakete nicht in den Krieg ziehen darf, macht er kurzerhand Werbung für Kriegsanleihen; er verkauft seinen Körper. Wunderschön trashig sieht die gesamte Bühnenshow aus. Erst bei seinen Auftritten an der Front wird Steve bewusst, was er verloren hat: seine Überzeugung gegen das Böse zu kämpfen. Also zieht er los, um Nazis zu verhauen und seinen Kumpel Bucky zu befreien. Natürlich ist Captain America auch nach dem Ende seiner Karriere im Showbusiness noch immer eine amerikanische Werbeikone. Doch hat der Film in der erst Hälfte geschafft, uns das unschuldige Gesicht von Steve Rogers in die Retina zu brennen. Wir sehen nicht mehr nur Cap, wir sehen Steve.

Szene aus Captain America – The First AvengerCaps Gegner hat eher weniger Interesse an Werbung, obwohl er das Gesicht dafür hätte. Langjährig geschult als das ultimative Böse in der Matrix-Trilogie, passt Hugo Weaving die Rolle des Nazis Johann Schmidt wie angegossen. Der Film vollführt eine wunderbare Doppelung: Je mehr sich Steve in Captain America verwandelt, desto mehr blättert Schmidts Maske. Zum Vorschein kommt Red Skull. Auch nach der endgültigen Aufdeckung seiner Identität kann man hinter der blutroten Fratze noch immer Weavings harte Wangenknochen und sein fieses Grinsen erkennen. Nach einer kurzen philosophischen Debatte über Gut und Böse kann der spaßige Teil des Films losgehen, der sich wie folgt zusammenfassen lässt: Cap verprügelt Nazis.

Für den Rest des Filmes sollte man die 3D-Brille noch einmal zurechtrücken und sich zurücklehnen. Es gilt in Europa die Fabriken von Hydra zu zerstören und den teuflischen Plan von Red Skull zu durchkreuzen. Nicht wirklich einfallsreich, aber dafür actiongeladen. Ebenso lange wie Steve ausgeharrt hat, der Armee beitreten zu dürfen, musste der Zuschauer warten, um Captain America bei seiner Arbeit zuzusehen. Das Warten hat sich gelohnt: Sein Schild fliegt durch die Gegend, Strahlenkanonen und Flammenwerfer werden abgefeuert und Panzer, die eben noch den Weg versperrten, werden kurzerhand gekapert. Ob sich Steve den Krieg so vorgestellt hat, bleibt fraglich. Zumindest stellt man sich so eine Comicverfilmung von Captain America vor.

Szene aus Captain America – The First AvengerWährend andere Actionfilme sich damit begnügen, eine einigermaßen glaubhafte Rahmenhandlung zu präsentieren, hat das Team von Captain America – The First Avenger die nächste logische Hürde genommen: Weder Vorgeschichte noch Epilog werden zur simplen Wartezeit vor und nach der eigentlichen Action degradiert. Vielmehr werden die Figuren, wie in jedem guten Film, zu elementaren Bindegliedern zwischen den verschiedenen Handlungselemente der Geschichte. Das gilt in Johnstons Film sowohl für die Guten wie auch für die Bösen.

Zusätzlich hält der Film für den eingefleischten Comicfan noch ein paar versteckte Anspielungen bereit, die jeder selber finden muss. Wenn Captain America der Gründervater des Marvel-Universums ist, dann legt die Verfilmung seiner Entstehung passenderweise den perfekten Grundstein für das kommende Marvel-Kinocrossover: The Avengers

 

 

8 von 10 Punkten

Gelungene Comicverfilmung mit spaßiger Action und runden Figuren.

 


Offizielle Film-Website (englisch)
Offizielle Film-Website (deutsch)
Captain America bei Marvel Comics
Captain America in der Wikipedia

 

Abbildungen © Marvel Studios / Paramaount Pictures

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