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Nextwave: Agents of H.A.T.E. Vol. 1 (US)

nextwave_cover.jpgFür unsere nächste Vier-Augen-Besprechung haben sich Björn und Thomas über einen eher ungewöhnlichen Titel aus dem Hause Marvel unterhalten. Mit Nextwave: Agents of H.A.T.E. (in Deutschland leider bisher nicht erschienen) hat Starautor Warren Ellis eine völlig überdrehte, actionlastige Superhelden-Parodie geschaffen. Die erste Hälfte der 12-teiligen Maxiserie ist als Trade Paperback erhältlich.

Thomas: „Action! Excitement! Explosions!“ schreit der Klappentext. Wie Recht er hat! Autor Warren Ellis hat mit seiner Marvel-Serie Nextwave ein Statement abgegeben: Lasst mich einen Superheldencomic schreiben, in dem es ordentlich rummst und kracht, in dem kein Wert auf Substanz oder tiefgehende Charaktere gelegt wird, dafür umso mehr auf Action und Humor. Nextwave hat nur einen Zweck: es soll Spaß machen. Und das ist Ellis verdammt gut gelungen, finde ich.

Björn: Definitiv, wobei ich das Zitat noch besser finde, mit dem Ellis den Comic bei Marvel beworben hat: „Healing America by beating people up.“ Ich bin zwar nicht Amerika, fühlte mich nach Nextwave aber trotzdem ziemlich gut. Seit Formerly Known as the Justice League hat mich glaube ich kein Superheldencomic so durchgängig zum lachen gebracht wie Nextwave. Das ist ein echt nettes Gegengift zu den endlosen Heul- und Jammerorgien in Civil War. Und in Anbetracht der Tatsache, dass „tiefgehende“ Charaktere bei Marvel derzeit heißt „Psychopathen, Soziopathen, Mörder, Jammerlappen“ bin ich sogar froh, dass die Figuren hier so oberflächlich bleiben. Überraschenderweise funktioniert der Comic damit ja trotzdem.

Thomas: Wobei der Humor ein anderer ist als bei der „lustigen Justice League“. Diese pflegt eher den Humor einer Sitcom, die meisten Gags liegen in den Dialogen. Nextwave arbeitet mit einem eher grellen Over-the-top-Humor: hier wird generell alles übertrieben, gnadenlos auf die Spitze getrieben und ins komplett Absurde übersteigert. Und vieles davon findet auf der visuellen Ebene statt, also direkt in den Zeichnungen. Bei den benutzten Waffen, zum Beispiel. Und Stuart Immonen ist dafür der perfekte Zeichner, finde ich.

 Björn: Yep, viele der Gags werden in den Zeichnungen festgehalten, etwa dass der Cyborg Aaron auch als übergroßes Schweizer Offiziersmesser fungiert, und da macht Immonen seinen Job sehr gut. Auch bei den ziemlich brachialen Actionszenen macht Immonen eine verdammt gute Figur. Was wichtig ist, immerhin geht es in den ersten beiden Stories um Jack Kirbys Fin Fang Foom und einen übergroßen Transformer: Da ist die ausgiebige Sachbeschädigung von Wohneigentum natürlich Pflicht.

Aber ich stimme dir nur bedingt bei deiner Sitcom-Einschätzung zu. Sicher, da wird viel über visuellen Humor gespielt, aber dabei solltest du nicht übersehen, wie viel Humor auch noch in den Dialogen vorhanden ist: Vor allem die Dialoge in denen Aaron über seine Kameraden herzieht sind oft pures Comedygold. Obwohl sie mich zum Teil etwas stark an Benders Monologe aus Futurama erinnern.

Ich denke, Formerly Known As The Justice League ähnelt eher den klassischen Sitcoms: Eine Schrecklich Nette Familie, Black Books, Fawlty Towers. Lacher vom Band und alles. In Nextwave borgt sich Warren Ellis sehr viele Elemente aus modernen Sitcoms wie Scrubs, Malcom Mittendrin oder Arrested Development.

Besonders die Sache mit den Cutaway Gags fällt da auf: Da hast du dann eine Szene, in der Photon erwähnt, dass ihr sowas nie passiert ist, als sie noch bei den Avengers war, und im nächsten Panel siehst du, dass ihr tatsächlich noch viel schlimmeres passiert ist, als sie bei den Avengers war. Aber nur für ein Panel, danach geht es sofort mit der Haupthandlung weiter. Oder die Frage, wie dumm der Captain eigentlich ist, führt dazu, dass man kurz die – eher peinliche – Orgin des Captains erzählt und dann auch sofort zur eigentlichen Handlung zurückkehrt. Genau diese Technik hat sich auch bei den eben genannten modernen Sitcoms inzwischen als Standard etabliert.

 Thomas: Stimmt, bei meinem Vergleich oben hatte ich auch die klassischen Sitcoms im Kopf. Die mit den Wohnzimmersofas in der Mitte. Aber lass mich nochmal kurz zurück zu den Zeichnungen kommen. Ich staunte nicht schlecht, als ich las, dass dies der gleiche Stuart Immonen ist, der auch Kurt Busieks Superman-Miniserie Secret Identity gezeichnet hat. Wow, der Typ ist wirklich variabel. Für Nextwave verwendet er einen an Zeichentrickfilmen orientierten Stil, der in den Actionszenen sehr dynamisch rüberkommt und auch perfekt zur Naivität der Geschichte passt. Zudem ist Immonen ein erstklassiger Designer und Illustrator: Seine Cover zu den Einzelheften sind großartig.

Björn: Dazu kann ich jetzt wirklich nichts sagen, weil mir der Vergleich fehlt. Immonen kenne ich zwar vom Namen her, habe aber bisher keinen anderen Comic gelesen, bei dem er als Zeichner unterwegs war. Ich kann da nur seine Arbeit in den ersten sechs Ausgaben von Nextwave beurteilen und da würde ich dir voll zustimmen. Ich würde auch sagen, dass der Zeichentrickstil gut zur Überzogenheit der Geschichte passt. Aber: „Naivität der Geschichte“? Mein Wörterbuch definiert „naiv“ als „arglos, kindisch, unwissend“. Das sind drei Adjektive, die ich nicht für das verwenden würde, was Ellis hier vorgelegt hat.

Thomas: “Naiv“ ist wohl wirklich der falsche Ausdruck. Ich meinte eher sowas wie „bewusst simpel“ oder „absichtlich plakativ und oberflächlich“. Wenns nicht so dämlich klänge, könnte man auch sagen: „comichaft“. Wie auch immer, Nextwave ist ein Action-Spaß-Popcorn-Comic in seiner reinsten Form. Und gleichzeitig natürlich eine Parodie auf das Genre Superheldencomic. Die dümmste Figur der Geschichte ist Dirk Anger, der Chef der Terrorbekämpfungstruppe H.A.T.E., ein cholerischer Irrer, der unschwer als Variation des S.H.I.E.L.D.-Bosses Nick Fury zu erkennen ist. Und die Nextwave-Helden retten zwar den Tag, kommen aber auch nicht besonders sympathisch oder ehrenwert rüber, sondern eher als ziemlich kaputte Typen. Vielleicht lieg's daran, dass die Serie bei den klassischen Superheldenfans kein großer Verkaufserfolg war. Zumindest was die Einzelhefte angeht.

 Björn: Sag „comichaft“. Das macht einen großen Teil des Charmes von Nextwave aus, zumindest für mich. Ellis verpasst dem Leser hier eine echt schöne Melange an typischen Ellis-Dialogen, postmodernen Albernheiten (einer von Kirbys stoischen Celestials macht das Loser-L) und bitterster Verarsche von Dingen, die Marvel heilig sind. Ich bin teilweise schon überrascht, was die Redakteure Ellis da durchgehen lassen. Immerhin benutzt er hier keine Stellvertreter-Charaktere, sondern die Marvel-Originale. Mit Ausnahme von Dirk Anger. Aber der Mann ist so jenseits von Gut und Böse, dass ich verstehe, warum Marvel da nicht den echten Nick Fury sehen wollte. Anyway, zu all dem kommt dann noch etwas, das viele Comicnerds noch immer schätzen: Total überzogene Action, die so in fast keinem anderen Medium funktioniert, die aber in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr hinter den neuen Realismus zurückgetreten ist.

Cyborgsamurais? Killerkoalas? Mörderkrabben mit Raketenantrieb? Superhelden gegen Riesenroboter? Explosionen? F*@% Yeah! Das schöne dabei ist, dass die total überzogene Action nicht von den parodistischen oder zynischen Elementen ertränkt wird. Und in der Form macht Nextwave einfach einen Heidenspaß. Hatten wir das Titellied schon erwähnt? Das passt nämlich auch verdammt gut zu der Serie, weil es diesen Over-the-Top-Aspekt noch deutlicher hervorhebt. (It's like Shakespeare, but with much more punching.)

Thomas: Herrlich. Nicht nur im Text, sondern auch musikalisch. Eine postmoderne Irrsinns-Variante der üblichen Titelmelodien von Samstagvormittags-Trickserien. Hier geht's zum MP3-Download bei marvel.com!

Björn: Aber ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum die Hefte nicht so ziehen: Ich bin eigentlich ein absoluter Verfechter des Paperbacks. Ich kaufe vielleicht alle paar Monate mal ein Einzelheft und sonst kaufe ich nur Trades, weil ich die in jeder Hinsicht vorteilhafter finde. Aber bei Nextwave hatte ich erstmals seit langem das Gefühl, dass das eine Serie ist, die fürs Heftformat geschrieben wurde, nicht fürs Paperback. Diese Kurz-Arcs (drei Ecken, ein Elfer und zwei Hefte, eine Geschichte) sind eindeutig für den Heftchenmarkt gedacht. Auch der Verzicht auf eine echte, langfristige Charakterentwicklung oder eine größere Continuity. Du hast vier Hefte verpasst? Kein Problem, du kannst sofort wieder einsteigen. Selbst wenn du die erste Hälfte einer Story verpasst hast, weißt du, worum es geht: Nextwave bekämpft… irgendwas. That's all folks. In der Hinsicht ist Nextwave dann wieder extrem Retro.

Nur hatte ich – beim Paperback – halt das Gefühl, dass das zuviel Wahnsinn in zu kurzer Zeit war. Einzeln hätte ich die Geschichten wahrscheinlich besser gefunden als drei in zwei Stunden. Ist ein bisschen wie mit den Marvel-Essential-Bänden. Wenn du zuviel am Stück liest, verlierst du die Freude daran. War das bei dir anders?

Thomas: Jein. Der Sammelband hat bei mir noch nicht zu Ermüdungserscheinungen geführt, dazu war er einfach zu unterhaltsam. Aber umgekehrt hast du völlig recht: Während heute viele Serien als Einzelhefte praktisch unlesbar sind, weil sie immer nur ein Kapitel eines größeren Ganzen sind, funktioniert Nextwave sicher auch ganz prächtig als Heftchen. Der Grund für die mauen Verkaufszahlen liegt wohl eher woanders. Kritiker Paul O'Brien meint dazu :

The problem with this book is that it's aimed at the sort of people who enjoy laughing at (or at least with) the excesses of the superhero genre, but also have a thorough enough knowledge to get jokes about Forbush-Man. That's really quite a narrow audience, and the book's modest sales don't surprise me.

Ich kenne zwar Forbush-Man nicht, aber im Grunde gebe ich Paul O'Brien recht. Man muss Superheldencomics kennen und auch ein bisschen mögen, um Nextwave zu mögen. Wer aber ein absoluter Superhelden-Fanboy ist, dem gefällt es natürlich nicht, wenn man sich drüber lustig macht.

Nun gut, dann gehören wir beide eben zu dieser schmalen Gruppe, die Spaß an solchen Dingen hat. Ob Nextwave je auf deutsch erscheinen wird, wage ich aus genau diesem Grund zu bezweifeln. Da Nextwave aber nicht gerade dialoglastig ist, muss man kein Doktor der Anglistik sein, um das Original zu verstehen.

Björn: Forbush Man war das Marvel-Maskottchen der „Not Brand Echh“-Serie. Was sowas wie der Vorläufer der „What the…“-Serie war. War so ein Kerl mit Nachttopf oder ähnlichem auf Kopf und 'nem Strampelanzug, wie ihn Supergoof in den Lustigen Taschenbüchern getragen hat.

Und das wusste ich jetzt sogar ohne zu googlen. Soviel zur Nerdigkeit.

Nextwave: Agents of H.A.T.E. Vol. 1: This Is What They Want
Marvel Comics, Februar 2007
Text: Warren Ellis
Zeichnungen: Stuart Immonen
144Seiten, Paperback, farbig; 14,99 US-$
ISBN: 978-0785119098

Action-Spaß-Popcorn-Comic in seiner reinsten Form

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Bildquelle: marvel.com

Desolation Jones 1 – Made in England

Desolation Jones 1Wenn man sagt, dass Warren Ellis gut darin ist, eine Menge abgefahrener, kranker Ideen auf engstem Raum zu versammeln, dann ist das in etwa so, als würde man die Bemerkung fallen lassen, dass es im Sommer in der Sahara ganz schön heiß werden kann. Warren Transmetropolitan Ellis ist als Schöpfer abgefahrener, kranker Ideen hinlänglich bekannt. Sie sind gewissermaßen sein Aushängeschild.

Gemeinsam mit dem Zeichner J. H. Williams III holt er jetzt eine neue Serie aus der Kiste. Desolation Jones, so der Titel, erscheint seit März 2007 auf Deutsch bei Panini. Band 1 heißt Made in England und enthält die ersten sechs Hefte der Serie, die seit Juli 2005 bei DC Wildstorm erschienen sind.

Hauptfigur und Namensgeber der Serie ist Michael Jones, ein ehemaliger MI6-Agent, der aus dem regulären Dienst entlassen wurde und nun ein Schattendasein in Los Angeles führt. In der Stadt der Engel existiert eine verborgene Enklave ehemaliger Geheimagenten, die weder ihren Dienst tun noch ins normale Leben zurückkehren können. Die Behörden haben sie auf das Abstellgleis geschoben. Nun hängen die Ex-Agenten fest in einem Zwischenraum und sammeln die verbliebenen Stücke ihres menschlichen Wesens ein. Jeder schleppt seine eigene, sehr spezielle und verhängnisvolle Vergangenheit mit sich herum.

Die Community der Ex-Agenten ist zugleich eine Community der Freaks. Jones selbst ist der einzige Überlebende eines biochemischen Versuchs mit dem Namen Desolation-Test. Durch den Test ist sein Körper ausgezehrt und bleich. Er verträgt kein Sonnenlicht mehr und schläft höchstens noch eine Stunde am Tag. Emotional ist Jones ausgebrannt und total am Ende. Hinzu gesellen sich eine Handvoll ausgeflippter Nebenfiguren. Da ist beispielsweise Jeronimus, Jones’ Auftraggeber, der nur einmal im Jahr essen muss, dann aber jede Menge und am besten rohes Fleisch. Mit einem Gebiss aus Stahl jagt er Kühe. Oder Colonel Nigh, Jones’ anderer Auftraggeber, ein sexabhängiger Militär, mit siebzig Krankheiten gestraft, der seinen Penis in Bombay sicher weiß.

So abgefahren die Protagonisten, so krank ist auch der Plot. Jeronimus bittet Jones, unter den Mitgliedern der Enklave zu ermitteln. Colonel Nigh hat die Vermutung, dass drei junge Ex-Soldaten der US-Army aus seiner Privatsammlung einen Porno-Film mit Adolf Hitler gestohlen haben. Er möchte ihn um jeden Preis wieder zurück bekommen. So zieht Jones los und klopft an die Türen des örtlichen Porno-Businesses. Während seiner Ermittlungen handelt er sich nicht nur einen Haufen Ärger ein, sondern entdeckt zugleich, dass der Hitler-Porno nicht mehr als eine Finte ist. Um den Fall zu lösen, muss er in anderen Gefilden herumschnüffeln. Zum Beispiel in den Familienverhältnissen von Colonel Nigh. Oder in dem Projekt „Temple Farm“, das der Colonel zu seinen aktiven Zeiten geleitet hat.

Im Vergleich mit Warren Ellis’ bekannter Serie Transmetropolitan fällt Desolation Jones ruhiger und gesetzter aus. Die Welt ist nicht so bunt und quietschig wie zu Spider Jerusalems Zeiten, sondern eher dunkel und melancholisch. Wer die abgefahrenen, kranken Ideen einmal beiseite lässt, bemerkt, dass es bei Desolation Jones im Kern um die Themen Manipulation und Abhängigkeit geht. Als hätte der Autor zu oft Eurythmics Sweet Dreams gehört: „Some of them want to use you, some of them wanna get used by you…“ Wer nutzt letzten Endes wen aus? Wer wird wie benutzt? Das ist die Triebfeder, die hinter Made in England steckt. Das Porno-Business als Metapher bietet sich dafür ganz gut an.

Kranke, abgefahrene Ideen sind natürlich nicht jedermanns Geschmack. Was gibt es sonst noch? Leider kommt der Humor in Desolation Jones etwas zu kurz. Gerade die völlig maßlosen Übertreibungen von Spider Jerusalem haben mir bei Transmetropolitan immer am meisten Spaß gemacht. Die Zeichnungen sind toll, realistischer Stil, dynamisch und abwechslungsreich. Insgesamt ist Made in England ein gutes Stück Comic, eine dunkle Mischung aus Thriller-, Agenten- und Action-Comic, bei der die Satire leider ein bisschen zu kurz geraten ist. Wenn man abgefahrene, dreckige Szenarios gern hat, dürfte man auf dem deutschen Comic-Markt derzeit kaum etwas Vergleichbares finden.

Desolation Jones 1 – Made in England
Panini Comics, März 2007
Text: Warren Ellis
Zeichnungen: J. H. Williams III
144 Seiten, Softcover, vierfarbig; 16,95 Euro
ISBN: 9783866074200

Warren Ellis Homepage

Interview mit Warren Ellis über Desolation Jones (auf Englisch)

Panini Comics

DC Wildstorm

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Das Nest 1

 Unglaublich: Ein neuer Loisel ist erschienen! Wenn das mal kein großes Ereignis ist! Denn, wer sich mit der Szene beschäftigt, weiß zweierlei: Zum einen ist Régis Loisel der Schöpfer zweier umjubelter Comicklassiker, zum anderen braucht er rekordverdächtige Zeiten, um seine Alben fertig zu stellen. An den sechs Alben seiner bezaubernd schönen, erfolgreichen und mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten Serie Peter Pan arbeitete er läppische fünfzehn Jahre. Seinen Ruhm begründete er bereits in den 80er Jahren mit dem Fantasy-Zyklus Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit (Szenarist: Serge Le Tendre), der einen regelrechten Boom auslöste und zum Vorbild für das Gros frankobelgischer Fantasyserien wurde. Noch heute ist das an den Werken von Autoren wie Scott Arleston oder Didier Crisse deutlich zu sehen.

Jean-Louis Tripp, dessen Oeuvre auf Deutsch bei Edition Moderne erschien (bzw. dort mittlerweile schon vergriffen ist), ist — wenn auch nicht so populär — ebenfalls ein alter, berühmter Hase im Zeichnergeschäft. Kooperationen zwischen großen Namen der Comicwelt sind nichts Ungewöhnliches, aber meistens wird die Arbeit so aufgeteilt, dass einer das Szenario schreibt und der andere zeichnet. Bei Das Nest verhält es sich aber so, dass beide Künstler Beides machen. Und das ist durchaus ungewöhnlich bei Zeichnern mit so ausgeprägten persönlichen Stilen und Erfahrungen.

In einem kurzen Vorwort wird dem Leser erläutert, wie die ungewöhnliche Kooperation zustande kam. Und wie sie funktioniert: Loisel entwirft die Geschichten „von leichter Hand“, während Tripp „Strichführung und Lichtsetzung“ übernimmt. Und dabei kommen Bilder heraus, deren Figuren und Dynamik ganz eindeutig das Gepräge Loisels aufweisen, die aber insgesamt viel weichere Konturen haben, als man es zum Beispiel aus Peter Pan kennt, und die bei aller Expressivität mehr Ruhe und Tiefe ausstrahlen. Die Gegenüberstellung einer schwarzweißen Seite von Loisels Erstfassung und der — ebenfalls schwarzweißen — Endfassung durch Tripp im Vorwort zeigt auf faszinierende Weise, wie immens der Beitrag des Letzteren am grafischen Eindruck des Comics ist.

Und es ist ein verdammt guter Eindruck. Schon beim ersten Durchblättern nimmt einen die dichte Atmosphäre gefangen. Die Figuren sind köstlich, eine perfekte Balance zwischen Karikatur und Realismus, mal niedlich, mal monströs, sehr comichaft und doch wie aus dem Leben gegriffen. Die Hintergründe sind liebevoll detailliert und alles ist in feine, warme, vielfach abgestufte und etwas „körnige“ Farben von Francois Lapierre getaucht. Wie gemalt, könnte man sagen. Vor allem hat das gar nichts mit der derzeit so beliebten Hochglanz-Computer-Kolorierung zu tun.

Und damit passt die Optik insgesamt wunderbar zum Stoff: Das Leben in einem Dorf im kanadischen frankophonen Québec der 1920er und 1930er Jahre. Das Nest heißt Notre-Dame am See und hat einen Einkaufsladen, den „Magasin Général“, wie die zweibändige Serie im französischen Original heißt. Dessen Besitzer, Felix Ducharme, der als Erzähler der Geschichte fungiert, wird zu Beginn des Comics zu Grabe getragen. Relativ früh verstorben, lässt er seine nicht aus Notre-Dame stammende Frau Marie mit dem Geschäft allein zurück. Als Toter kann er nichts mehr für sie oder das Dorf tun, er kann nur noch uns davon berichten, wie seine Witwe ihre Trauer runterkämpft und den Laden alleine zu schmeißen versucht.

Kurz zuvor ist auch schon der alte Pfarrer gestorben, jetzt ist ein neuer da, der für die alten Omis nicht fromm genug ist, dessen Erfindergeist und Liberalität ihn aber dem kauzigen Bastler und eingefleischten Atheisten Noel sehr sympathisch machen. Die junge Dorfschullehrerin ist schwanger, Jean-Baptiste hat sich das Bein gebrochen und muss in die Stadt gefahren werden, weil der alte Doktor auch nicht mehr lebt. Der zurückgebliebene Gaetan hilft Marie im Laden, Maurice säuft in seiner Destille, wie immer, Catherine bringt ihren Mann vor Eifersucht fast zur Weißglut, die Pelzjäger-Brüder Latulippe kehren zurück und spielen am Johannistag zum Tanz auf. Der endet in einer Schlägerei, in die selbst der Pfarrer verwickelt wird. Freche Kinder ärgern den Ziegenbock, neue Schuhe aus der Stadt werden bewundert, Antonin erwischt seine große Schwester beim verbotenen Schäferstündchen, es kommt der Herbst, und auf der letzten Seite fallen die ersten Schneeflocken.

Einen Plot im Sinne einer Abenteuer- oder Thrillerhandlung oder eines Krimis gibt es nicht. Szenen, Gespräche und Episoden, teilweise verknüpft oder ineinander verschachtelt, dienen nicht dazu, eine Handlung voran zu treiben, sondern ein Bild von dem Dorf und seiner Bewohner zu zeichnen. Als Leser möchte man da nicht wissen, wie es weiter geht, sondern man möchte die Figuren und das ganze Drumherum genauer kennen lernen. Da lohnt es sich auch, das Album ein zweites und drittes Mal durchzulesen, um den einzelnen Typen noch näher zu kommen.

Das Portrait Notre-Dames ist sehr eindringlich, manchmal etwas zu idyllisch, aber dafür auch wieder herb realistisch und zuweilen frech. Und es kommt ohne sensationelle Ereignisse aus, es weiß hervorragend mit den Alltäglichkeiten des Lebens zu unterhalten. So unaufgeregt, so unspektakulär ergreifend und überzeugend, so gelungen, dass man sich mit Lob schwer tut. Überschwängliche Begeisterung, zu der die Zeichnungen durchaus Anlass geben, scheint angesichts dieses stillen Meisterwerks unangebracht. Passender ist eine vergnügliche, innere Bewunderung, die nicht viele Worte braucht und macht.

Und so verfalle auch ich nun glücklich lächelnd ins Schweigen, anstatt länger das Lob erschallen zu lassen, und empfehle: Selber lesen und stillvergnügt genießen!

Eins aber doch noch: Auf den zweiten Band muss ausnahmsweise keine zwei, drei Jahre gewartet werden, er ist auf Französisch bereits erschienen und auf Deutsch für August angekündigt. Unglaublich!

 

Das Nest 1: Marie
Carlsen, Februar 2007
Szenario und Dialoge: Régis Loisel & Jean-Louis Tripp
Zeichnungen: Régis Loisel & Jean-Louis Tripp
Farben: Francois Lapierre
80 Seiten; farbig; Hardcover; 18,- Euro
ISBN: 978-3-551-76051-7

Kitschlos schön!

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Der Globus ist unser Pony. Der Kosmos unser richtiges Pferd

biblio_globus_cover2.gifMit Der Globus ist unser Pony. Der Kosmos unser richtiges Pferd legten Stephan Katz und Max Goldt im März 2007 ihren achten Sammelband von Cartoon-Strips, die sich in den letzten vier Jahren bei der Wochenzeitung Die Zeit angehäuft haben, vor. Neu sind nicht nur einige unveröffentlichte Strips, die es in der Zeitung nicht zu sehen gab, sondern auch der Verlag: Edition Moderne.

Vorangestellt ist dem neuen Band vom Autor und Wahlberliner Max Goldt und seinem langjährigen Freund und Zeichner Stephan Katz ein lateinisches Motto: „Duoviri Duumviralibus Faciundis“. Übersetzten lässt sich dieser Ausspruch wortgemäß als: „Das Duo, das macht, was Duos machen sollten“. Das Motto steht stellvertretend für die Zusammenarbeit der beiden Künstler, die nun schon seit zehn Jahren fruchtet und gedeiht. Während Max Goldt vielen durch seine grotesken Kurzgeschichten und -porträts bekannt sein mag, erreicht seine Arbeit erst durch die Bebilderung seines Kollegen Katz eine höhere Ebene der Verrücktheit. Denn erst durch die Verbindung von Wort und Bild entsteht ein kleines verschrobenes Universum samt Bedienungsanleitung.

lp_katz_01.gifIn den Strip-Welten von Katz&Goldt tummeln sich kleine, dickliche Figuren, die stets versuchen, die schreckliche Welt des Alltags zu verstehen oder diese sogar anderen philosophierend zu erläutern. Dabei werden die scheinbar so simplen Abläufe plötzlich zu komplexen mathematischen Gleichungen. Aus den dumm, aber liebevoll dreinblickenden Männlein werden allzu oft nicht nur Zielscheiben für Goldts Humor, sondern auch Spiegelbilder unserer Gesellschaft, ja unserer selbst. So mag es gut sein, dass eine humorvolle Frage wie „Gibt's vom Innereienteller auch eine Kinderportion?“ noch keinen Lacher beim Lesen hervorruft, doch wenn die aktuelle Raucher-Debatte auf den Höhepunkt getrieben wird: „Sie haben wohl wenig Kontakt zu anderen militanten Nichtrauchern“, kann man nicht anders als losbrüllen. Erst als das schallende Lachen sich so langsam verzogen hat, merkt man, dass man diesen kleinen einfältigen Figuren von Katz&Goldt gar nicht so unähnlich ist. Wenn man nicht aufpasst und den Strip als sinnlose Wortklauberei verstehen will, kann es ganz leicht passieren, dass man die kleinen Nuancen verpasst und selbst als „immobiler Bretzelverkäufer“ am Bahnhof von Kassel-Wilhelmshöhe zurückbleibt.

Um diese kleinen Porträts mit Worten zu illustrieren, greifen die beiden in die Trickkiste, wobei ihre Tricks nicht auffallen. Zu Katz&Goldts Repertoire gehören sowohl innovative Sprachkreationen wie z.B. „dem gemeinsamen Vollbart“ oder auch der „Mars-Riegel-Vollzug“, aber auch kleine Randbemerkungen wie „So ´ne Seitenschinderei! Zweimal derselbe Strip mit unterschiedlichem Text“, die noch aus der Ära der MAD-Hefte stammen und nähere Erläuterungen über Sinn und Zweck der Strips geben sollen.

lp_katz_02.gifObwohl die Aktualität der Themen wie Rauchverbot oder auch ICE-Fahren zu den Stärken der beiden Wahlberliner gehören, macht die Reiseserie „Bolko schreibt Karten an Bronko“ die Hälfte der Strips aus. In scheinbar wahlloser Reihenfolge werden hier deutsche, aber auch ausländische Städte von Annaberg bis Wolfenbüttel porträtiert. Dabei mag die Handlung nebensächlich sein; sie erstrecken sich vom Klingelstreich in Fulda bis hin zu den hässlichen Rattenfiguren in Hameln. Dabei geben sie einen ungewöhnlichen Querschnitt durch Deutschland.

Die beiden beenden den Band mit einem Strip, der alles gepflegt zusammenfasst: „Katz&Goldt wünschen, dass ihr nächstes Buch in der Bundesdruckerei gedruckt wird, weil sie von der Qualität der Geldscheine und Briefmarken so begeistert sind.“ Und da ich auch so begeistert von ihrem Druckerzeugnis bin, möchte ich es Euch gerne weiterempfehlen.


DER GLOBUS IST UNSER PONY. DER KOSMOS UNSER RICHTIGES PFERD.
Edition Moderne, März 2007
Text und Zeichnungen: Katz&Goldt.
96 Seiten,
Hardcover, farbig; 19,80 Euro
ISBN: 978-3037310151
Offizielle Homepage

Groteske Alltagskritik in lustig

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Die Blueberry-Chroniken 4

Cover Blueberry-Chroniken 4 Der vierte Band der Blueberry Chroniken, „Das eiserne Pferd und die Sioux“, ist der bisher umfangreichste der Reihe. Er vereinigt gleich vier Alben statt der drei Stück, die in den Vorgängerbänden jeweils enthalten waren. Das erfreut nicht nur deshalb, weil man für dasselbe Geld satte 206 Seiten Comic bekommt statt 160, sondern auch, weil damit ein Erzählzyklus kompakt in einem Band präsentiert wird. Dieser vierte Teil der Chroniken lässt sich somit wunderbar auch ohne Kenntnis der Vorgänger genießen und ist handlungsmäßig so weit abgeschlossen, dass die Lektüre nicht zur Anschaffung der Folgebände verpflichtet. Wer also mal in die Blueberry Geschichten reinschnuppern möchte, ist mit diesem Wälzer bestens bedient.

Die Handlung dieser vier Alben kreist um den Bau der transkontinentalen Eisenbahn, einem Milieu, in das das Zusatzmaterial zu Beginn des Bandes mit Text und Bild einführt. Und das durch viele andere Comics – vor allem Lucky Luke -, Bücher und Filme recht geläufig ist: der erbitterte Wettkampf der konkurrierenden Gesellschaften Central Pacific und Union Pacific. In diesen Wettkampf werden in „Das eiserne Pferd und die Sioux“ ebenjene, die Sioux, samt ihren Nachbarn, den Cheyenne, hineingezogen.

Die Plots der einzelnen Alben gehen ungefähr so:

„Das eiserne Pferd“
Blueberry bekommt den Auftrag, die Streitigkeiten der Eisenbahngesellschaft Union Pacific mit den Cheyenne und Sioux zu schlichten. Er stellt fest, dass die Indianer durch gezielte Provokationen zu einem großen Krieg angestachelt worden sind. Im Camp trifft er den unlauteren Steelfingers, der, wie sich herausstellt, ein Agent der Konkurrenz, der Central Pacific, ist. Steelfingers wird verhaftet, kann sich aber wieder befreien. Und als Blueberry die Häuptlinge Red Cloud und Sitting Bull zu Verhandlungen trifft, taucht der Ganove auf, um alle Bemühungen um Frieden unwiederbringlich zunichte zu machen.

„Steelfingers“
Blueberry bekommt von General Dodge, der das Baucamp der Union Pacific leitet, den Auftrag, sich nach Julesburg durchzuschlagen und dort um Hilfe zu bitten. Leider hat sich auch die korpulente Schauspielerin Guffie mit ihrer Truppe auf den Weg aus dem Camp und in das Gebiet der kriegerischen Indianer gemacht. Und so muss Blueberry erst mal Guffies Gruppe retten. In der Not sendet er die Geretteten mit einem Brief nach Julesburg, während er selbst die Indianer auf eine falsche Spur lockt. Doch der Brief wird von Steelfingers abgefangen. Der nutzt die gewonnenen Informationen, um einen schurkischen Plan auszutüfteln, den erbetenen Versorgungskonvoi auszurauben. Für den Überfall verbündet er sich mit den Indianern, denn die sind scharf auf die Gewehre, die in dem Zug sein sollen. Steelfingers dagegen hat es auf die 300 000 Dollar, den ausstehenden Sold für die Arbeiter im Camp, abgesehen.
Als Blueberry in Julesburg ankommt, ist der Konvoi bereit und macht sich auf den gefährlichen Weg. Der geplante Überfall findet statt und gelingt bis auf den Umstand, dass die Waffen in einer Explosion in die Luft gehen, und dass Blueberry mit dem Geld entkommt und es an einem geheimen Ort vergräbt.

„Die Fährte der Sioux“
Blueberry hat schlechte Karten: Erst ist er Gefangener von Steelfingers und den Indianern, dann kommt er in Julesburg ins Kittchen, weil man ihm vorwirft, die Lohngelder geraubt zu haben, während in Wahrheit Steelfingers mit der Kohle abzuhauen gedenkt. Wie meistens entgeht er verschiedenen Arten des Todes nur knapp. Doch schließlich wird er von Sitting Bull gerettet, der als Entlastungszeuge auftritt. Die Indianer vertrauen dem Leutnant und sind zu Friedensverhandlungen bereit. So könnte sich alles noch zum Guten wenden. Doch zurück in Julesburg erwartet Blueberry der ehrgeizige und verblendete General Allister, der ihn zwangsrekrutiert, zum Schweigen verdammt und statt Friedensverhandlungen eine Offensive gegen die Indianer eröffnet.

„General Gelbhaar“
Im Winter macht sich der egozentrische General mit seiner Armee in die Gebiete der „Rothäute“ auf, um ihre wehrlosen Lager zu überfallen. Blueberry ist gezwungen, dabei mitzumachen. Seine Lage ist unerträglich; er versucht, die Indianer zu schonen oder zu warnen, gleichzeitig möchte er aber seine eigenen Leute vor dem Leichtsinn und der Unfähigkeit des Generals schützen, der ihn mehrmals zu aussichtslosen Himmelfahrtskommandos verdonnert. Doch am Ende tragen Blueberrys Bemühungen allesamt Früchte und der Feldzug kann beendet werden.

Szenarist Jean-Michel Charlier ist mit diesem Band auf der olympischen Höhe seiner Kunst angekommen. Immer noch wird im Text ein bisschen zu viel erklärt, was man auch in den Bildern zeigen könnte, und immer noch droht die Sprache bisweilen in Adjektiv-Fluten zu ersticken – eine stilistisch den Traditionen des Abenteuercomics geschuldete Erzählweise -, aber insgesamt sind die Dialoge schon viel organischer und das Tempo stark angezogen. Man merkt deutlich, wie sich die Serie von den herkömmlichen, heute oft sehr behäbig wirkenden Abenteuercomics der Sechzigerjahre löst und ganz leicht in Richtung Subkultur abdriftet.

Da haben wir längst keinen gehorsamen Leutnant der amerikanischen Armee mehr vor uns, sondern einen unrasierten Dickkopf, Idealist und Eigenbrötler, der sich mit Indianern und herunter gekommenen Gestalten zusammen tut. Blueberry trifft viel zu viele eigenmächtige Entscheidungen, ist viel zu verschwitzt und verwahrlost, um noch ein braver Comicheld der alten Schule zu sein.

Charlier kombiniert die historische Realität des Eisenbahnbaus geschickt mit Indianerkriegen und den Umtrieben der fiktiven Ganoven und der an G. A. Custer (1839 – 1876) angelehnten Figur des Generals „Gelbhaar“. Erstaunlich ist vor allem auch sein langer Atem, der den Spannungsbogen über vier Alben und über etliche vorläufige Auflösungen hinweg zu halten vermag. Kein anderer – das wurde bereits in der Rezension zum dritten Band der Chroniken gesagt – versteht es so meisterhaft, brenzlige Situationen herbeizuführen, die erst durch eine Kette oft noch brenzligerer Situationen gelöst werden können.

Darüber hinaus präsentiert Charlier in diesem Zyklus zwei sehr gelungene Bösewichter, Steelfingers und General Allister, von denen hauptsächlich letzterer ein Kabinettstück darstellt: Seine Indianerjagd ist nämlich nicht in erster Linie von schnödem Hass motiviert, wie man erwarten könnte, sondern vielmehr von der Gier nach einem vorzeigbaren militärischen Erfolg. Arroganz und Dummheit runden den Charakter perfekt ab. Der erste Auftritt Guffies ist – ganz nebenbei bemerkt – übrigens ebenfalls bemerkenswert.

Auch und vor allem zeigen die Bilder, dass der Zeichner Jean Giraud ebenfalls auf der Höhe seines Schaffens angekommen ist. Freilich sollen ihm in späteren Bänden und in seiner zweiten Identität als Moebius noch bessere Arbeiten gelingen, aber dennoch beweisen diese Bilder hier, dass er seinen eigenen Stil gemeistert hat. Und sie sind mitunter umwerfend. In den Actionszenen sprühen sie vor Dramatik und Spannung, das Licht-und-Schatten-Spiel ist großartig, die Figuren sind schier unglaublich in ihrer Plastik, in ihrem Abwechslungsreichtum, ihrer Tiefe und Vielschichtigkeit. Die Landschaften geraten häufig schlicht atemberaubend und die Hintergründe sind so detailliert und wirkungsvoll, dass man meint, man könne sich durch den Comic riechen und fühlen: triefender Regen, brennende Sonne, Zigarettenqualm, Schweiß, Blut, rauchende Colts.

Oft sind – wie nicht anders zu erwarten – schon die ersten, großformatigen Eingangspanels der einzelnen Alben ein Augenschmaus. Ganz besonders faszinierend aber ist die Grafik des vierten Albums „General Gelbhaar“. In der verschneiten, bergigen Winterlandschaft realisiert Giraud hier Bilder von unheimlich dichter Atmosphäre. Indianerscouts im Schneegestöber, das am vereisten Fluss still liegende Tipidorf, Indianer, die durch ein weißes Nirgendwo galoppieren. Und dann umso kräftiger im Kontrast die düstere, rot glühende Explosion einer Versorgungskutsche in der Nacht, was für ein toller Effekt! Oder Flammen im Schneegestöber. Dann die winterlichen Abendstimmungen, und alles immer wieder kontrastiert mit Szenen voller Bewegung und Gewalt, von denen vor allem das Bild ergreift, auf dem eine Squaw zu sehen ist, die von einem Kanonenschuss vom Pony gerissen wird: Ihre Haare fliegen waagrecht und verdecken ihr Gesicht. So viel Bewegung und Drama in ein Bild gepackt!

Genug geschwärmt. Zur Aufmachung: Die neue Übersetzung und vor allem das Lettering erfrischen die Lektüre ungemein. Und sie bieten den ganzen Text, während in den bisherigen Alben häufig gekürzt und zusammen gestrichen worden war. So haben zum Beispiel die „Animierbetriebe“ – was für ein schönes Wort! – gleich auf der ersten Seite in dieser Ausgabe ihren ersten Auftritt, da sie in der alten unterschlagen wurden. Wie konnten wir ohne sie nur die ganzen Jahre leben?

Mit der Kolorierung verhält es sich ähnlich, sie erfreut nicht nur durch ihre Frische und Kraft, sondern sie bringt die Brillanz und Dramatik der Zeichnungen auch klarer zur Geltung als die bisherige, oft etwas ermattete Variante, die häufig verunklarte. Ich habe die bisher erhältlichen Alben sehr gemocht, aber ich bin überaus dankbar für diese sorgfältige Neuausgabe des Meisterwerks, denn sie bereitet tatsächlich ein gesteigertes Lesevergnügen.

Im gerade erschienenen fünften Band der Blueberry-Chroniken werden erstmal die Abenteuer des Marshall Blueberry erscheinen, die viel später entstanden, von Giraud nur getextet und von William Vance und Michel Rouge gezeichnet sind. Dann aber müsste es mit dem Zweiteiler über die Jagd nach einer verlassenen Goldmine weiter gehen, die direkt im Anschluss an die Geschichten aus Band vier entstanden sind, einem der absoluten Höhepunkte der Serie. Gespannt darf man übrigens auch darauf sein, den 300.000 Dollars wieder zu begegnen. Typisch für Charlier, dass er lose und vermeintlich abgeschlossene Handlungsenden immer wieder aufnimmt und weiter spinnt.

Ein glücklicher Rezensent harrt freudestrahlend der Fortsetzung!!

Die Blueberry-Chroniken 4: Das eiserne Pferd und die Sioux
Ehapa Comic Collection, Januar 2007
Text: Jean-Michel Charlier
Zeichnungen: Jean Giraud
206 Seiten; farbig, Hardcover; 29,- Euro
ISBN: 978-3-7704-3051-2

Hochspannendes Meisterwerk

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