Rezensionen

Das Nest 1

 Unglaublich: Ein neuer Loisel ist erschienen! Wenn das mal kein großes Ereignis ist! Denn, wer sich mit der Szene beschäftigt, weiß zweierlei: Zum einen ist Régis Loisel der Schöpfer zweier umjubelter Comicklassiker, zum anderen braucht er rekordverdächtige Zeiten, um seine Alben fertig zu stellen. An den sechs Alben seiner bezaubernd schönen, erfolgreichen und mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten Serie Peter Pan arbeitete er läppische fünfzehn Jahre. Seinen Ruhm begründete er bereits in den 80er Jahren mit dem Fantasy-Zyklus Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit (Szenarist: Serge Le Tendre), der einen regelrechten Boom auslöste und zum Vorbild für das Gros frankobelgischer Fantasyserien wurde. Noch heute ist das an den Werken von Autoren wie Scott Arleston oder Didier Crisse deutlich zu sehen.

Jean-Louis Tripp, dessen Oeuvre auf Deutsch bei Edition Moderne erschien (bzw. dort mittlerweile schon vergriffen ist), ist — wenn auch nicht so populär — ebenfalls ein alter, berühmter Hase im Zeichnergeschäft. Kooperationen zwischen großen Namen der Comicwelt sind nichts Ungewöhnliches, aber meistens wird die Arbeit so aufgeteilt, dass einer das Szenario schreibt und der andere zeichnet. Bei Das Nest verhält es sich aber so, dass beide Künstler Beides machen. Und das ist durchaus ungewöhnlich bei Zeichnern mit so ausgeprägten persönlichen Stilen und Erfahrungen.

In einem kurzen Vorwort wird dem Leser erläutert, wie die ungewöhnliche Kooperation zustande kam. Und wie sie funktioniert: Loisel entwirft die Geschichten „von leichter Hand“, während Tripp „Strichführung und Lichtsetzung“ übernimmt. Und dabei kommen Bilder heraus, deren Figuren und Dynamik ganz eindeutig das Gepräge Loisels aufweisen, die aber insgesamt viel weichere Konturen haben, als man es zum Beispiel aus Peter Pan kennt, und die bei aller Expressivität mehr Ruhe und Tiefe ausstrahlen. Die Gegenüberstellung einer schwarzweißen Seite von Loisels Erstfassung und der — ebenfalls schwarzweißen — Endfassung durch Tripp im Vorwort zeigt auf faszinierende Weise, wie immens der Beitrag des Letzteren am grafischen Eindruck des Comics ist.

Und es ist ein verdammt guter Eindruck. Schon beim ersten Durchblättern nimmt einen die dichte Atmosphäre gefangen. Die Figuren sind köstlich, eine perfekte Balance zwischen Karikatur und Realismus, mal niedlich, mal monströs, sehr comichaft und doch wie aus dem Leben gegriffen. Die Hintergründe sind liebevoll detailliert und alles ist in feine, warme, vielfach abgestufte und etwas „körnige“ Farben von Francois Lapierre getaucht. Wie gemalt, könnte man sagen. Vor allem hat das gar nichts mit der derzeit so beliebten Hochglanz-Computer-Kolorierung zu tun.

Und damit passt die Optik insgesamt wunderbar zum Stoff: Das Leben in einem Dorf im kanadischen frankophonen Québec der 1920er und 1930er Jahre. Das Nest heißt Notre-Dame am See und hat einen Einkaufsladen, den „Magasin Général“, wie die zweibändige Serie im französischen Original heißt. Dessen Besitzer, Felix Ducharme, der als Erzähler der Geschichte fungiert, wird zu Beginn des Comics zu Grabe getragen. Relativ früh verstorben, lässt er seine nicht aus Notre-Dame stammende Frau Marie mit dem Geschäft allein zurück. Als Toter kann er nichts mehr für sie oder das Dorf tun, er kann nur noch uns davon berichten, wie seine Witwe ihre Trauer runterkämpft und den Laden alleine zu schmeißen versucht.

Kurz zuvor ist auch schon der alte Pfarrer gestorben, jetzt ist ein neuer da, der für die alten Omis nicht fromm genug ist, dessen Erfindergeist und Liberalität ihn aber dem kauzigen Bastler und eingefleischten Atheisten Noel sehr sympathisch machen. Die junge Dorfschullehrerin ist schwanger, Jean-Baptiste hat sich das Bein gebrochen und muss in die Stadt gefahren werden, weil der alte Doktor auch nicht mehr lebt. Der zurückgebliebene Gaetan hilft Marie im Laden, Maurice säuft in seiner Destille, wie immer, Catherine bringt ihren Mann vor Eifersucht fast zur Weißglut, die Pelzjäger-Brüder Latulippe kehren zurück und spielen am Johannistag zum Tanz auf. Der endet in einer Schlägerei, in die selbst der Pfarrer verwickelt wird. Freche Kinder ärgern den Ziegenbock, neue Schuhe aus der Stadt werden bewundert, Antonin erwischt seine große Schwester beim verbotenen Schäferstündchen, es kommt der Herbst, und auf der letzten Seite fallen die ersten Schneeflocken.

Einen Plot im Sinne einer Abenteuer- oder Thrillerhandlung oder eines Krimis gibt es nicht. Szenen, Gespräche und Episoden, teilweise verknüpft oder ineinander verschachtelt, dienen nicht dazu, eine Handlung voran zu treiben, sondern ein Bild von dem Dorf und seiner Bewohner zu zeichnen. Als Leser möchte man da nicht wissen, wie es weiter geht, sondern man möchte die Figuren und das ganze Drumherum genauer kennen lernen. Da lohnt es sich auch, das Album ein zweites und drittes Mal durchzulesen, um den einzelnen Typen noch näher zu kommen.

Das Portrait Notre-Dames ist sehr eindringlich, manchmal etwas zu idyllisch, aber dafür auch wieder herb realistisch und zuweilen frech. Und es kommt ohne sensationelle Ereignisse aus, es weiß hervorragend mit den Alltäglichkeiten des Lebens zu unterhalten. So unaufgeregt, so unspektakulär ergreifend und überzeugend, so gelungen, dass man sich mit Lob schwer tut. Überschwängliche Begeisterung, zu der die Zeichnungen durchaus Anlass geben, scheint angesichts dieses stillen Meisterwerks unangebracht. Passender ist eine vergnügliche, innere Bewunderung, die nicht viele Worte braucht und macht.

Und so verfalle auch ich nun glücklich lächelnd ins Schweigen, anstatt länger das Lob erschallen zu lassen, und empfehle: Selber lesen und stillvergnügt genießen!

Eins aber doch noch: Auf den zweiten Band muss ausnahmsweise keine zwei, drei Jahre gewartet werden, er ist auf Französisch bereits erschienen und auf Deutsch für August angekündigt. Unglaublich!

 

Das Nest 1: Marie
Carlsen, Februar 2007
Szenario und Dialoge: Régis Loisel & Jean-Louis Tripp
Zeichnungen: Régis Loisel & Jean-Louis Tripp
Farben: Francois Lapierre
80 Seiten; farbig; Hardcover; 18,- Euro
ISBN: 978-3-551-76051-7

Kitschlos schön!

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