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Demo 1

Cover von Demo 1Wie mag es wohl sein, wenn man anders ist als die anderen? Also, so richtig anders. Kein Außenseiter, weil man den falschen Namen hat oder einen Sprachfehler. Nein, sondern weil man merkt, dass man wirklich anders ist. Autor Brian Wood (DMZ) entwirft zusammen mit der jungen Zeichnerin Becky Cloonan zwölf Geschichten über Teenager und junge Erwachsene, die irgendwie mit der Situation klarkommen müssen, dass sie eine besondere Gabe haben, sei es Unverwundbarkeit oder immense Stärke. Die Erzählungen kommen dabei so abwechslungsreich daher wie es Cloonans Zeichenstil ist.

Im ersten Band von Demo werden die ersten sechs Geschichten gesammelt. Da geht es um Marie, die von ihrer Mutter gezwungen wird, Pillen gegen ihre Andersartigkeit zu nehmen, von der sie noch nicht mal genau weiß, was „es“ eigentlich ist; Emmy schweigt meistens, seit sie bemerkt hat, dass alle anderen genau das machen, was sie sagt; Samantha lernt in „Böses Blut“ auf die harte Tour, dass sie wie ein Teil ihrer Familie nicht so leicht unter die Erde zu bekommen ist; der junge Fabrikarbeiter James muss sich entscheiden, ob ihm seine Kumpels, die ihn aufgrund seiner enormen Stärke zu schätzen wissen, oder seine uncoole Familie wichtiger ist; Kate hat keine eigene Identität, weil sich ständig ihr Äußeres ungewollt den Erwartungen ihrer Mitmenschen anpasst und Ken kehrt mit seiner frisch vermählten Braut auf eine Stippvisite an den Ort seiner Kindheit zurück, an dem er ein einziges Mal seiner Wut freien Lauf ließ und dabei seine Nachbarschaft fast dem Erdboden gleich gemacht hat.

Obwohl die Erzählungen also nur Superkräfte als gemeinsamen Nenner aufweisen, stehen diese nie im Mittelpunkt. Für die meisten Protagonisten ist es eher ein lästiges Anhängsel, denn es unterscheidet sie von den normalen Menschen. Wood erkundet in Ruhe ihre Unsicherheit und die Angst vor dem Unbekannten – vor einer Seite an sich, die man nicht einschätzen kann. Man wird sich selber unheimlich. Und das in einem Lebensabschnitt, in dem man eh nicht weiß, wohin mit sich.

Zeichnerin Becky Cloonan, mit Mitte zwanzig fast noch selber im Alter der Hauptfiguren, hat für jeden Abschnitt einen etwas anderen Stil parat. Mal experimentiert sie mit Rasterfolie, mal setzt sie scharfe Schwarz-Weiß-Kontraste, mal erinnert sie mit ihrem Tuschestrich an das Flatterhafte, Offene von Craig Thompsons Blankets. An einigen Stellen wirkt die Darstellung von Bewegung noch etwas steif, insgesamt aber überzeugen ihre ansehnlichen Zeichnungen und kommen frisch und sympathisch rüber.

Durch die ursprüngliche Veröffentlichungsform – jeweils abgeschlossene Einzelhefte – existiert jede Geschichte für sich, es gibt keine Verbindung. Das mag zwar ein Vorteil gewesen sein für die Erstvermarktung in den USA und ist dort gerade auch etwas in Mode, hat aber für neugierige Leser den Nachteil, dass nur kleine Fetzen aus dem Leben der Protagonisten gezeigt werden können. Es gibt keinen Ursprung der Kräfte, sie sind einfach da. Manche interessanten Punkte werden zwangsläufig nur in einem Satz oder Panel angerissen: wie geht die Familie oder generell die Umwelt damit um, welches Ausmaß haben die Kräfte, können sie irgendwann mal beherrscht oder sogar nützlich eingesetzt werden? Wood lässt jedes Ende offen. Das ist bei manchen der sechs Erzählungen okay, bei anderen, wie z.B. „Sei stark“, ist man nun aber neugierig geworden, wie es weitergehen würde.

Dies hat aber nichts mit der Qualität der Reihe an sich zu tun. Demo bietet einen zurückhaltenden und dennoch eindringlichen Blick auf etwas, das man meistens nur mit Kostümen, Höchstleistungen und Welt retten in Verbindung bringt. „Superhelden“ sind aber von den Personen in Demo genauso weit weg wie von uns. Die oftmals unsichere, fast scheue Art der jugendlichen Protagonisten lässt sie beinahe real erscheinen, während sie ihr ungewöhnliches Leben erkunden. Dementsprechend wurde die Serie 2005 für zwei Eisner-Awards (Serie: Best Limited Series; Demo Einzelheft 7: Best Single Issue (or One-Shot)) nominiert.

Den Lesern der zwei deutschsprachigen Sammelbände spendiert Modern Tales noch ein schönes Schmankerl: Jede US-Einzelausgabe enthielt zur jeweiligen Geschichte Skizzen, Kommentare und eine Playlist von Brian und Becky. Im US-Sammelband wurden diese nicht mitabgedruckt. Hier in dieser Ausgabe erhalten die Leser nicht nur diese interessanten Einblicke, sondern auch noch ein übersetztes Interview mit Becky Cloonan.

Der zweite und abschließende Band ist für Mai 2007 angekündigt.

Demo 1
Modern Tales, Februar 2007 (Leseprobe)
Text: Brian Wood
Zeichnungen: Becky Cloonan
184 Seiten, schwarz-weiß, Softcover; 15,90 Euro
ISBN: 9783939585008

Zurückhaltend und dennoch eindringlich

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© Demo: Brian Wood, Becky Cloonan

Rex Mundi 1 – Der Wächter des Tempels

Cover von Rex Mundi 1In den Vereinigten Staaten ist Rex Mundi längst ein Hit. Nun kommt der Newcomer auch nach Deutschland. Der Thriller von Arvid Nelson und Eric Johnson entführt den Leser in ein alternatives Paris des Jahres 1933, in der die Kirche die Staatsangelegenheiten beeinflusst und die Inquisition hart durchgreift. Im Januar erschien der erste Band „Der Wächter des Tempels“ bei der Ehapa Comic Collection, über den sich Frauke und Christopher unterhalten.


Christopher:
Ich muss zugeben, dass ich zunächst zurückhaltend reagiert habe, als ich das erste Mal von Rex Mundi hörte. Ein Verschwörungsthriller mit christlich-religiösem Hintergrund, dann noch in einer alternativen Welt … Puh! Irgendwie denke ich da sofort an den DaVinci-Code oder an Die Offenbarung. Da hat jemand einen Trend erkannt und möchte mitmischen. Seit ich aber den ersten Band „Der Wächter des Tempels“ gelesen habe, ist meine Meinung deutlich besser. Mir hat der erste Teil überraschend viel Spaß gemacht, und ich freue mich schon auf den zweiten.

Frauke: Ich bin zugegebenermaßen kein Freund von der Verwendung religöser Aspekte in Comics, auch wenn es nur Mittel zum Zweck ist wie in Magdalena oder Trinity Blood. Das kann ja mal schnell ins Pathetische oder Peinliche abrutschen – als jemand, der Religionen sowieso nichts abgewinnen kann, sitzt man dann nach dem Lesen solcher Werke irgendwo zwischen ratlos und enttäuscht herum. Deswegen bin ich sehr skeptisch an Rex Mundi gegangen. Und ich wurde, wie Du, positiv überrascht. Hier geht es nicht um irgendwelche blutenden Madonnen, Jungfrauen oder tapfere Inquisitoren gegen das Böse in der Welt, sondern um einfache Menschen in einer von der christlichen Kirche dominierten Welt. Die Kirche ist in diesem Comic nichts anderes als eine recht rigide agierende Regierung, die nicht vor Unterdrückung kritischer Meinungen zurückschreckt. Jemand, der sich den Comic wegen des religösen Bezugs kauft, dürfte sogar enttäuscht sein.
Was hast Du denn vorher erwartet, und wie hat Dich der Comic überzeugt?

Christopher: Erwartet hatte ich ein Produkt von der Stange. Irgendwas Aalglattes ohne Innenleben. Ich meine, bei DER Aufmachung! Hardcover, dicke 200 Seiten, gute Bindung. Macht sich recht anständig im Regal. Überzeugt hat mich am Ende die Atmosphäre. Der Zeichenstil von Eric Johnson ist realistisch, düster und nicht überzogen. Dazu Zeitungsseiten zwischen den Kapiteln, die etwas mehr über die Ereignisse, die politische Lage und die staatliche Ideologie verraten. Die ganze Sache wird dann auch nicht holprig, sondern ruhig und fließend erzählt. Bei mir entwickelte sich ein leicht paranoides Gefühl im Nacken, ähnlich wie bei 100 Bullets. Und dann alles vor dieser herrlich morbid-gotischen Kulisse – Paris 1933!
Da fällt mir ein: Wollen wir eigentlich etwas über die Handlung verraten?

Frauke: Wäre bei einer Rezension vielleicht ganz angebracht, das haben wir bis jetzt vor lauter Überraschtsein ganz verschlafen.
Protagonist ist der Arzt Dr. Julien Saunière, der von dem befreundeten Pater Gérard Marin in ein Geheimnis eingeweiht wird: Marin ist der Wächter eines Archivs von Schriftrollen über den Orden der Tempelritter und über die Merowinger, welches sich unterhalb seiner Kirche (“L'église de la Madeleine“) befindet. Vor kurzem wurde eine Schriftrolle gestohlen, obwohl nur er und der Erzbischof von dem Archiv wussten. Die schützende Gittertür ist erstaunlicherweise unversehrt. Dies und der Geruch von Sandelholz und Schwefel wecken den Verdacht, dass Zauberei mit ihm Spiel war. Der verzweifelte Pater wendet sich mit Saunière nun an einen der wenigen Menschen, denen er vertrauen kann. Julien findet durch Gespräche mit ihm heraus, dass doch ein dritter Mensch von dem Archiv wusste – Marie-Christine, mit der sich der Pater in einer Magdalene, einem Haus für ehemalige Prostituierte und in dem er Seelsorge betrieb, anfreundete. Der Arzt macht sich auf, um die Frau zu befragen, findet schlussendlich aber nur ihren durch einen Ritualmord getöteten Körper vor. An diesem Punkt wird ihm bewusst, dass es sich wohl um mehr als nur um einen unerheblichen Diebstahl gehandelt haben muss, und er muss um sein und das Leben des Paters fürchten. Zu allem Überfluss taucht auch noch seine frühere Geliebte auf, an der er immer noch sehr hängt, die aber ein doppeltes Spiel zu treiben scheint …
Mehr möchte ich jetzt nicht verraten. Die Handlung saugt einen immer mehr in das Geschehen hinein. Was am Anfang noch relativ konventionell erscheint, entpuppt sich mehr und mehr als durchtriebene Welt, in der neben der Diktatur der Kirche auch Magie bestehen kann. Geheimbünde im Zusammenhang mit kirchlichen Elementen ist zwar nichts Neues, wird aber hier in einem spannenden Kontext angeboten.
Vor allem die von Dir erwähnten Zeitungsausschnitte sind erstaunlich. Wer sich darauf einlässt, der erfährt eine Menge darüber, wie die Kirche in Rex Mundi Nachrichten steuert – einerseits solche, die wir selber als „Zeugen“ der Ereignisse ganz anders mitbekommen haben, andererseits für die Handlung erstmal unwichtige Bröckchen, mit deren Hilfe man sich aber ein besseres Bild der heraufbeschworenen Welt machen kann. Man darf schließlich nicht vergessen, dass die Kirche auch in der Realität für eine gewisse Zeit sehr viel Macht hatte, was einen Teil des Reizes dieses Serie ausmacht.

Christopher: Vielleicht sollte man noch zwei Details erwähnen, um potenzielle Leser nicht abzuschrecken. Obwohl es sich um einen Thriller voller Verschwörungen und Geheimbünde handelt, ist der Plot nicht verwirrend, sondern übersichtlich und gut zu verfolgen. Ich erkenne im Prinzip zwei Erzählstränge. Zum einen ist da Dr. Saunière, der nach dem Mörder des Paters sucht, zum anderen ist da seine ehemalige Geliebte Genevieve, die hart an ihrem gesellschaftlichen Aufstieg arbeitet. Sie führt den Leser in die höheren Gefilde der Politik, so dass größere Zusammenhänge deutlich werden. Und noch ein Wort zum Thema Magie. Es hat mir gefallen, dass Zauberei sparsam verwendet wird. So bleibt die Geschichte am Boden und wirkt grundsätzlich recht geerdet.

Frauke: Stimme Dir voll zu mit dem übersichtlichen Plot. Selten habe ich einen Comic gelesen, dessen Handlung so gut zu verfolgen war wie die von Rex Mundi 1 und die trotzdem die Spannung über die gesamte Länge behält. Ein großes Lob an den Autor Arvid Nelson! So nebenbei: der Name ist mir neu, kennst Du was von ihm?

Christopher: Nein, ich kenne von ihm auch nicht mehr. Vielleicht ein Debut? Ein neuer Stern?

Noch einmal zur Story: Hat Dich das Ende auch so unbefriedigt zurückgelassen? Gut, die Story findet ein Ende, aber … Am Ende von „Der Wächter des Tempels“ ist quasi überhaupt nichts geklärt. War ein tolles Gefühl, sich so auf den zweiten Band zu freuen.

Frauke: Du meinst „unbefriedigt“ in einem positiven Sinne? Natürlich, der Cliffhanger ist hervorragend angelegt. Man möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht und was es jetzt mit der Verschwörung auf sich hat. Vor allem, da das Ganze richtig ernst wird und Julien nur knapp seinem Tod entrinnen konnte. Und durch die Parallelhandlung, in der der Leser Genevieve folgt, erhofft man sich für Band 2 (der die Tage erschienen ist), etwas über den Geheimbund von einer anderen Warte aus zu erfahren. Clever angelegt, die Geschichte!

Christopher:
Was die Fortsetzungen angeht: In den USA liegt die Serie ja in den Händen von zwei Verlagen, Image und Dark Horse. Meinst Du, das könnte Auswirkungen haben auf die Veröffentlichungen hierzulande?

Frauke: Das glaube ich weniger. So lange nicht DC oder Marvel ihre Hände im Spiel haben (und damit die Volllizenzen für deutsche Ausgaben bei Panini liegt) und sich Band 1 hier in Deutschland & Co nicht unterirdisch verkauft, sollte es meiner Einschätzung nach keine Probleme für weitere Veröffentlichungen geben. Hoffen wir es!
Sind denn Gründe bekannt für den Verlagswechsel in den USA? Und wie viele Bände sind in den USA erschienen, weißt Du da was drüber?

Christopher: Meines Wissens nach gibt es in den USA bisher 24 Hefte bzw. entsprechend vier Paperbacks. Die ersten sechs Hefte finden sich ja nun auf Deutsch in Der Wächter des Tempels, was dem ersten US-Paperback entspricht. Laut der offiziellen Website sollen insgesamt etwa 36 Einzelausgaben erscheinen, dementsprechend sind zwei weitere Paperbacks von Rex Mundi bereits angekündigt. Die Gründe für den Wechsel zu Dark Horse kenne ich auch nicht. Übrigens schwirren gerade Gerüchte durchs Netz, dass über eine Verfilmung mit Johnny Depp nachgedacht wird.

Frauke: Ah, diese Art von Rollen passt ja zu ihm. Von der Atmosphäre her würde das dann sicher in Richtung seiner Filme wie Die neun Pforten, From Hell oder Sleepy Hollow gehen.

Christopher: Habe ich auch gedacht. Warten wir mal ab, was kommt. Das Drehbuch ist noch nicht fertig, alles andere sind Gerüchte, sprich: Es kann noch eine Weile dauern, bis die Geschichte im Kino zu sehen sein wird.
Ich habe den Eindruck, wir beide sind uns ziemlich einig, was Rex Mundi angeht. Spannender Verschwörungsthriller, übersichtlich, facettenreich, geheimnisvoll, mit einer schönen Atmosphäre und genug offenen Fragen, die der Beantwortung harren. Und dazu eine tolle Aufmachung inklusive einer Galerie von Gastzeichnern. Die Serie sollte man im Auge behalten.

Rex Mundi 1: Der Wächter des Tempels
Ehapa Comic Collection, Januar 2007
Text: Arvid Nelson
Zeichnungen: Eric Johnson
192 Seiten, Hardcover, farbig; 20,- Euro
ISBN: 3770466101
hervorragend aufgemachter, spannender Verschwörungsthriller in einem wunderschönen Setting

Links zum Thema

www.ehapa-comic-collection.de

PDF-Leseprobe auf ECC

ausführliche, offizielle Rex Mundi-Website (US)

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© Rex Mundi: Arvid Nelson und Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH

Comicmovie Datenbank: 300

teaser_300.jpgSeit dem letzten Wochenende läuft Zack Snyders bildgewaltige Verfilmung von Frank Millers Graphic Novel 300 in Deutschland, die von der Thermopylenschlacht zwischen Persern und Spartanern im Jahr 480 v.Chr. erzählt.
Die Reaktionen in Internet und Presse variieren zwischen fanboyhafter, uneingeschränkter Begeisterung und totaler Ablehnung, meist begründet mit der politischen und ästhetischen Haltung, die man im Film sehen kann (oder eben nicht). Comicgate bietet zwei verschiedene Besprechungen von 300, die sich differenziert mit dem Film auseinandersetzen.

Die Besprechung von Daniel Wüllner betrachtet u.a. die Figuren Leonidas und Xerxes, die sich im Film als Gegner gegenüberstehen und die Werte, für die sie stehen.

Ein zweiter, sehr ausführlicher und persönlich gefärbter Text von Björn Wederhake setzt sich sowohl mit der Ästhetik von 300 auseinander als auch mit der Frage, ob und wie der Film politisch interpretierbar ist. Außerdem nimmt er Bezug auf Frank Millers Comicvorlage und auf Herodots Überlieferung der Thermopylenschlacht, auf der Comic und Film beruhen.

Der Kri-Ticker #63

Diesmal mit dabei: Scooter Girl, Louis fährt Ski, Keine Macht für Niemand, Die heilige Krankheit: Geister, Orang 6, Bigbeatland, Ex Machina 1, Der Tod und das Mädchen 3, Tod eines Mörders, Santaman – Patron der Gerechtigkeit, B.U.A.P. 2: Die Froschplage und Die Schiffbrüchigen von Ythaq 2.

Besprochen von Benjamin Vogt (bv), Simon Weinert (sw)und Thomas Kögel (tk).

SCOOTER GIRL
scooter.jpgModern Tales
Ashton Archer ist ein Teenager, wie es ihn an jeder Schule gibt: beliebt, gutaussehend, erfolgreich, kriegt jede Frau rum. Die heile Welt des Ashton Archer findet sich aber plötzlich in einer völligen Wandlung wieder, als die schöne Margaret Sheldon in sein Leben tritt. Neu an der Schule verdreht sie ihm schnell den Kopf. Doch zu Ashtons Unglück gibt Margaret sich nicht nur unnahbar, sondern verursacht bei ihm zudem eine Pechsträhne sondergleichen. Als sein zuvor sauberes Image völlig am Boden ist und er allein Margaret dafür verantwortlich macht, beschließt Ashton, die Stadt resigniert zu verlassen. Doch damit ist die Beziehung der beiden noch lange nicht am Ende…
Scooter Girl ist eine Liebeskomödie, die vor dem Hintergrund der 70er interessante Erzählkomponenten beherbergt. Chynna Clugston (Blue Monday) erzählt aus Sicht von Ashton, der charakterlich zwischen Prolet und Tollpatsch, Fiesling und Romantiker wandeln darf. Die vielen komödiantischen Szenen stehen oftmals im Gegensatz zur eigentlich momentanen Betrüblichkeit seines seelischen Befindens. Das Verhältnis zwischen Ashton und Margaret stellt sich bis zum Ende auf den Kopf, was die Raffinesse der Autorin in diesem Band schließlich ausmacht. Aussagekräftige, deutlich an Mangas angelehnte s/w-Bilder und eingeblendete Musiktipps für die jeweiligen Szenen unterstreichen ein gelungenes zeitgenössisches Ambiente, das moralische Höhen und Tiefen einer Liebesannäherung transportiert. bv

 

LOUIS FÄHRT SKI
louis.jpgReprodukt
Der kleine Louis macht einen Skiausflug, zusammen mit seinem Vater, dessen Kumpel und dem Sohn des Kumpels, der allerdings ein paar Jahre älter ist als Louis und sich mehr für seinen Gameboy und cooles Gepose auf dem Snowboard interessiert. Wir begleiten Louis bei seinem Tag auf der Skipiste: Beim Kampf gegen die Tücken verschiedener Lift-Systeme, beim Umgang mit rücksichtlosen Erwachsenen und beim Meistern kniffliger Situationen, die beinahe mit gebrochenen Knochen enden. Es geht aber alles gut, denn Louis hat noch einen kleinen Begleiter: eine von ihm gezeichnete Kuh (Oder ist es ein Schwein? Ein Hund?), die immer dann auftaucht, wenn's brenzlig wird.
Louis' Episoden im Schnee werden von Guy Delisle (Shenzhen) unglaublich charmant und liebenswürdig umgesetzt, wobei sich der Zeichner strenge formale Vorgaben gegeben hat: Jede Seite besteht aus 20 kleinen quadratischen Panels, und es wird ganz ohne Worte erzählt, ähnlich wie das auch Lewis Trondheim schon in einigen seiner Comics gemacht hat. Delisles Zeichnungen sind recht simpel und minimalistisch, aber ungemein ausdrucksstark, was nicht zuletzt an der sehr stimmigen Kolorierung liegt. Ein schönes winterliches Kleinod für Leser jeden Alters. Zum Mitleiden und Mitlachen. tk

KEINE MACHT FÜR NIEMAND
macht.jpgDavid Volksmund Produktion
Seit Jahren ist der Berliner Grafiker und Illustrator Wolle ein Fan der Band Ton Steine Scherben und ihres Albums „Keine Macht für Niemand“. Er veröffentlichte im Selbstverlag einen Comic, der auf diesem Album basiert. Band und Album stehen mit Songs wie „Macht kaputt was euch kaputt macht“ exemplarisch für die Gegenkultur der 68er und deren Ideen. Wobei sich die Musik dieser Generation besser gehalten hat als die meisten ihrer Protagonisten. Wolle selbst ist Jahrgang 1979, ist also der simplen Verklärung von „guten, alten Zeiten“ unverdächtig. Stattdessen erzählt er eine Geschichte, die in der Gegenwart spielt, wobei er seinen Figuren immer wieder Scherben-Zitate in den Mund legt. Es geht um den Kampf einiger Hausbesetzer gegen Polizei und Justiz und um die Gruppe der braven Spießbürger, die zwischen den beiden Seiten stehen.
Trotz aller Bemühungen, die Geschichte aktuell wirken zu lassen, fühlt sich Keine Macht für Niemand über weite Strecken anachronistisch an. Hausbesetzende Punks, willenlos marschierende Polizisten, deren fanatischer Anführer, der natürlich Adolf heißen muss, der Spießbürger mit Schnauzer und Hut und der arbeitslose Unterschichtentyp im Unterhemd: alles altbekannte Klischeefiguren, die wir schon hundertmal gesehen haben (z.B. bei Seyfried oder auch bei Brösel) und die heute einfach nicht mehr originell sind.
Wer sich daran nicht stört, bekommt eine unterhaltsame Geschichte mit einigen schönen Storytelling-Ideen und mit Zeichnungen, bei denen vor allem die Hintergründe und die Aquarell-Graustufen überzeugen. Eine liebevolle Hommage an eine großartige Band, die nicht das Niveau der Platte erreicht, der man aber das Herzblut und die Leidenschaft anmerkt, mit der sie entstanden ist. tk
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DIE HEILIGE KRANKHEIT: GEISTER
heilige.jpgEdition Moderne
„Ich umarme dich ganz fest. Ich liebe dich“. Die Sätze richten sich an David B., dessen Schwester im Vorwort auf emotionalste Weise ankündigt, was den Leser im Folgenden erwartet. Der Franzose David B. reproduziert akribisch seine Erinnerungen. Dabei geht er auf bislang ungewohnte Weise bis ins kleinste Detail auf seine Kindheit ein, auf sein Verhältnis zu seiner Familie, den Geschehnissen zur damaligen Zeit, im jeweils wichtig erscheinenden Kontext. Aber allen voran möchte Pierre-Francois Beauchard, so David B.s echter Name, eine bestimmte Geschichte erzählen, es ist die Geschichte seines älteren Bruders Jean-Christophe, der an schwerer Epilepsie leidet. Es ist der Bericht eines Künstlers, der bis ins Tiefste vordringt und die Vergangenheit mit seinem Zeichnungen zu bekämpfen versucht.
Eine Seite lang gewährt der Autor den Blick in die Gegenwart, man sieht seinen Bruder, nunmehr ein dicker, bärtiger Mann, von Narben übersät, ohne Vorderzähne und von Leben und Krankheit sichtlich gezeichnet. Danach beginnt David B. den ersten Teil seiner langen Autobiografie, die stets von der Epilepsie des Bruders überschattet wird. Er dokumentiert mit nur wenigen Sprechblasen die Tortur der Krankheit, die seine Eltern von Ärzten zu Wunderheilern und Meistern der Makrobiotik führt. David B. selbst erzählt von sich als kritischer Beobachter jener Kindheitstage, in denen er auch seine Leidenschaft fürs Zeichnen (bevorzugt Kriegsbilder oder Darstellungen großer Schlachten begeistern ihn) entdeckte. Die heilige Krankheit ist ein Buch, das nicht als eine normale Biografie zu bezeichnen ist, dafür schweift der Autor zuviel ab, umreißt bildgewaltige Vergleiche zwischen Realität und Vorstellung, vermittelt Emotionen auf subversiv bedachte, beinahe sarkastische Art und Weise. Mit Hilfe von Geistern, Drachen und Lehrmeistern in Katzengestalt vermittelt der Franzose seine eigene Welt, die sehr präzise und mitfühlend ist. Ein atemberaubendes, wichtiges Comicbuch, das man gelesen haben sollte. bv

 

ORANG 6
orang.jpgReprodukt
„Zwielicht“ lautet das vorgegebene Motto, vor dessen Hintergrund sich die Hamburger Anthologie Orang bereits zum sechsten Mal zu präsentieren weiß. Erstmals unter der Flagge des Verlages Reprodukt, wo auch unlängst die Comicbände der Orang-Initiatoren Sascha Hommer und Arne Bellstorf erschienen, und innerhalb des ursprünglichen Labels Kiki Post, gibt es dabei 14 grundverschiedene Geschichten deutsprachiger wie vermehrt auch internationaler Künstler zu bestaunen. Orang ist ein Aushängeschild der Hamburger Comicschule, das mit Arbeiten von Verena Braun, Anke Feuchtenberger, Moki, Klaas Neumann, Stefano Ricci, Till Thomas, so wie den bereits erwähnten Hommer und Bellstorf in dieser s/w-Sammlung eine eindrucksvolle Gegenüberstellung mit asiatischen Gastzeichnern (Chihoi Lee,Yan Cong , Cola King) präsentiert. Die Bandbreite der Kurzgeschichten reicht von prägnant visueller Metaphorik (Feuchtenberger) über wunderbar inszenierte Fabelmärchen (Ricci, Moki) bis hin zu zu Klaas Neumanns erstaunlicher Neuschöpfung eines, wie ich es nennen würde, narrativen Wut-Diagramms. Man merkt also, mit kreativen Einfällen muss man im Norden nicht hinterm Berg halten, sei es in der Hamburger Gegend oder gar in Finnland, wo das Duo Hagelberg/Nissen ein dramatisches Gedankenspiel für diese Ausgabe konzipierte und stimmungsvoll umsetzte. Alles in allem ist Orang 6 kein einfaches Werk, was vor allem an der in den meisten Beiträgen vorhandenen Hintergründigkeit liegt. Demnach macht es das Konzept der Shortstories einige Male nur allzu schwer, den Sinn der Erzählung und die Intention des Künstlers herauszufiltern. Allerdings muss man klar sagen, dass das Potential der hier versammelten Künstler locker darüber hinwegsehen lässt und damit eine gute und wichtige Plattform für anspruchsvolle Kleinkunstwerke zu Recht aufrechterhalten und sogar beständig ausgebaut wird. bv

 

BIGBEATLAND
big.jpgReprodukt
Seit 2002 erscheinen in der Wochenzeitung Jungle World nun schon die Bigbeatland-Strips von Andreas Michalke, Grund genug also, sie in einem hübschen Hardcover-Band zu bündeln. Dabei ergibt sich auch automatisch der Vorteil für den Leser, die oft auf kurze, prägnante, gar zynische Pointen und Querverweise zu Politik und Gesellschaft abzielenden Episoden, ein vordergründig abgehackt wirkendes Stückwerk, an einem Stück genießen zu können. Denn eins ist klar, die Welt von Bigbeatland ist ein verwinkelter, hintergründiger Kosmos, der sich diverser abstruser Figuren bedient und diese gleichzeitig geschickt ins reale Umfeld tagesaktueller Themen versetzt. Michalke zeigt ein Abbild, bzw. einen Ausschnitt des linken Spektrums, der Punk- und Rockkultur. Er vernetzt dabei die Charaktere, z.B. den übellaunigen Subkommandante Markus, die Radiosendung-ambitionierten Sandro und Johnny oder Sandra vom Musiksender Blabla, indem er sie sich nur flüchtig begegnen lässt. Die einzelnen Strips bleiben in sich stimmig und erzählen parallel auf mehreren Ebenen aus der Welt der ungewöhnlichen WG, verlassen sich aber nicht nur auf den ironischen und humoristischen subkulturellen Aspekt, sondern flechten sich auch abstrakt ins tagesaktuelle Geschehen ein. Bigbeatland lässt sich letztlich als eine wunderbare Arbeit begreifen, mit der Michalke die Kunst der Comicstrips durch seine besondere Eigenart eindrucksvoll vertritt. Entstanden ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, um es verstehen und im Endeffekt genießen zu können. bv

 

EX MACHINA 1: DIE ERSTEN HUNDERT TAGE
ex.jpgPanini Comics/Wildstorm
Brian K. Vaughan (Y – The Last Man) und Tony Harris (Starman) erzählen von Mitchell Hundred, der durch einen Zufall Kräfte bekam und dadurch zum ersten realen Superhelden „The Great Machine“ wurde. Nach dem 11. September hing er sein Kostüm jedoch an den Nagel und kandidierte als Bürgermeister der Metropole. Auf hervorragende Art und Weise gelingt es Vaughan, die Mischung aus Superhero und Politik durch Bürgermeister Hundreds Augen vor und während seiner Amtszeit zu konzipieren. Wenn ein ehemaliger Vigilant die Geschicke einer Stadt lenken soll, hört sich das schließlich nur so lange unglaubwürdig an, bis man die ersten Seiten gelesen hat. Hier stimmt einfach alles, die Zeitsprünge, die Schilderung des Politikalltags und die Charakterisierung sämtlicher Figuren. Zudem veredelt Tony Harris die Erzählung mit seinen eindrucksvollen Bildern, die immer wieder perfekt diesen Zwiespalt der zwei bestimmenden Thematiken nachverfolgen und abbilden. Ex Machina nimmt man nach den hier enthaltenen ersten fünf Kapiteln das neuartige Gesamtkonzept komplett ab und der Sammelband macht Lust auf mehr. Für mich einer der schönsten und intelligentesten Serienstarts seit langem. bv

 

DER TOD UND DAS MÄDCHEN 3
tod.jpgDie Biblyothek
Mit dem dritten Album beendet die Österreicherin Nina Ruzicka das erste Kapitel ihrer komödiantischen Geschichte, in der die ungewöhnliche Beziehung eines Mädchens zum leibhaftigen Tod thematisiert wird. Als der Sensenmann dem Mädchen mit dem Namen Mercedes zu Beginn noch nach dem Leben trachtete, einfach weil sie auf seiner „Abholliste“ stand, war für den Leser noch kaum abzusehen, wie vertrackt sich die nahe Zukunft der beiden im weiteren Verlauf miteinander verzahnen würde. Aus naturgemäßer Feindeshaltung entsprang irgendwann Zuneigung und beinahe eine, natürlich nicht verbal formulierte, Freundschaft. Während Mercedes Beziehungsprobleme plagen, engagiert sich der Tod als Kinobegleitschaft und unsichtbarer Spion. Obwohl die Story, aufs vorläufige Ende zusteuernd, wieder mit etlichen Gags aufwarten kann, bietet Band 3 auch einen ernsthafteren, traurig angehauchten Grundton, der den finalen Abschied untermalt. Nina Ruzickas Zeichnungen sind klar und farbenfroh, dabei nicht überwältigend aufwendig, unterstützen aber sehr gut die anvisierte Situationskomik. Eine neue Kurzgeschichte und die gewohnt aufschlussreichen Einblicke in die Hintergründe erweitern dabei den Inhalt um zwei weitere nennenswerte Elemente. Der Tod und das Mädchen (Website) ist und bleibt absolute Kaufempfehlung und Geheimtipp der deutschsprachigen Comicszene. bv

 

TOD EINES MÖRDERS
tod_moerders.jpgSchreiber & Leser
Der eiskalte Killer Louis bemerkt nach Erledigung eines Auftrags, dass Blut aus seinem Mund tropft. Wochen später findet er sich in einem Krankenheim wieder, wo sie ihn, nach seiner nüchternen Auffassung, zum Sterben geparkt haben, bevor sie seine Leiche abtransportieren. Denn er weiß, dass er dem Tod entgegensieht, Louis hat Krebs im Endstadium. Doch ein letztes Mal rafft er sich aus seinem Bett auf, flüchtet aus der Klinik. Eine letzte Mission treibt ihn an, er rechnet mit vergangen Weggenossen ab, gönnt sich noch einmal den Genuss einer Zigarette, eines Drinks und die Gesellschaft einer Hure. Doch sein tatsächliches Ziel bleibt bis zum Schluss verborgen.
Die Franzosen Jaques Loustal und Philippe Paringaux kreierten mit Tod eines Mörders eine gnadenlose und brutale Geschichte um einen Killer, der nach den vielen Morden in seinem Leben nun selbst dem Tod entgegensieht. Daraus resultiert sein letzter Rachefeldzug, der aber in einer Überraschung endet, die in Louis doch noch eine menschlichere Seite zum Vorschein bringt. Mit dicken, kantigen Strichen wird eine kühle Atmosphäre erschaffen, die zur Kaltblütigkeit des Plots passt. Erzählt wird überwiegend in Monologform, die viel über das Innenleben des Mörders offenbart, ansonsten sind die Texte sehr prägnant und auf den Punkt gebracht. Alles in allem ist Tod eines Mörders also sehr überzeugend und durchaus eine Anschaffung wert. bv

SANTAMAN – PATRON DER GERECHTIGKEIT
santaman.jpgEhapa Comic Collection
Man nehme den altgedienten Weihnachtsmann und verwandele ihn in einen stählernen Superhelden, der auf seinem Rentier-Motorbike obskure Superschurken jagt. Daniel N. Djanie alias Gilmec entwarf für den Comic Santaman ein Konzept, das den Mythos des weihnachtlichen Rauschebartes auf humoristische Weise mit rasanter Superhero-Action verbindet. Die zahlreichen Anspielungen funktionieren; so heißt die bedrohte Stadt Philanthropolis und ist als gutmütiger Erholungsort bekannt, und der mit scharfen Vorderzähnen ausgestatte Bösewicht Lord Beaver findet sich in einer Hommage an Hannibal Lector wieder. Leider ist mir persönlich das alles inhaltlich too much: Vieles wirkt zu lächerlich bzw. zu gewollt. Einiges kann man natürlich dem funnymäßigen Konzept zuschreiben, zu dem überbordernde parodistische Elemente zweifelsfrei passen, aber im Endeffekt ist Santaman zu überladen und, noch viel schlimmer, trotz dieser Masse an Gags zu unlustig. Was von Daniel N. Djanies Versuch, einen fantastischen Superhelden zu kreieren, positiv in Erinnerung bleibt, ist vor allem die Grafik, die nicht zu geschniegelt, sondern sehr ambitioniert wirkt. Ansonsten kann man Santaman – Patron der Gerechtigkeit als ausbaufähiges Debut eines deutschen Künstlers betrachten. bv

B.U.A.P. 2: DIE FROSCHPLAGE
BUAP2.jpg CrossCult
Nach „Hohle Erde“, dem ersten Band des Hellboy-Ablegers, lassen sich die Abenteuer der B.U.A.P. (Behörde zur Untersuchung und Abwehr Paranormaler Ereignisse) nun erstmals in Farbe bestaunen. Und nicht nur wegen dieser Neuerung muss man „Die Froschplage“ als hervorragenden Comic-Band einstufen. Mike Mignola versucht hier, seiner Schöpfung wieder mehr künstlerische Substanz beizufügen und die Geschehnisse in einen größeren Gesamtkontext des Hellboy-Kosmos einzufügen. Mit der längeren Geschichte „Die Froschplage“ gelingt es Mignola als verantwortlichem Autor, die Handlung auf frühere Storys von Hellboy zu beziehen. Mit Hilfe bewährter Horrorelemente lässt er nicht nur die Invasion der Froschmonster und Riesenpilze am Ende offen, sondern auch die endgültige Herkunft von Abe Sapien, die hier weiter vorangetrieben wird. Weiterhin perfekte Arbeit leistet Zeichner Guy Davis, dessen Detailreichtum und Monstergestaltung zu B.U.A.P. passen wie die Faust aufs Auge. Besonders schön zur Geltung kommen die Bilder dann auch aufgrund der Kolorierung von Dave Stewart. Zusammengenommen erzeugen Stewart und Davis eine besonders feine und stimmige Atmosphäre. Ob nun in dunklen Gewölben oder tief unter der Meeresoberfläche, jede Seite ist und bleibt ein Hingucker. Deshalb ist die Entscheidung für eine farbige Veröffentlichung der Serie sicherlich nicht verkehrt gewesen. Auch die beiden vorangehenden Shortstories in dieser Ausgabe, „Dunkle Wasser“ von Brian Augustyn und Guy Davis sowie „Im Osten nichts Neues“ von Mike Mignola und Cameron Stewart, bieten konstant gute und gewohnte Qualität und liefern neben den obligatorischen Pin-Ups materiefremder Künstler (z.B. Ralf Ruthe!) einen weiteren Kaufanreiz. bv

DIE SCHIFFBRÜCHIGEN VON YTHAQ 2: DIE FALSCHE OPHYDE
ythaq.jpgSplitter
Doch, mittlerweile kann ich wohl sagen, dass Die Schiffbrüchigen von Ythaq meine Lieblingsserie aus dem niegelnagelneuen Splitter-Verlag ist. Denn der zweite Band „Die falsche Ophyde“ klärt alle Unentschlossenheiten, die es im ersten Band noch gab. Zur Erinnerung: Offizierin Granit, der Mechaniker Narvarth und die verzogene Passagierin Callista landeten nach der Havarie des Weltraumkreuzers Kometenstaub auf dem Planeten Ythaq. Callista geriet in die Hände des Schurken Dhokas, der sie seiner Herrin, der bösen Markgräfin Ophyde, auslieferte. Nun, also im zweiten Band, machen sich Granit und Narvarth mit einheimischer Hilfe auf die Suche nach der zickigen Passagierin, nicht ahnend, dass… Das sei nicht verraten wegen all derer, die den ersten Band noch nicht gelesen haben.
Aus dieser Situation macht Autor Arleston einen formidablen Abenteuerplot mit turbulenten Missgeschicken, brenzligen Situationen und komischen Momenten. Er erreicht dabei mit einer erfrischenden Leichtigkeit die Qualität, die sein früheres Opus, Lanfeust von Troy, zu einem Klassiker gemacht hat. Im ersten Band plätscherte noch manches etwas episodenhaft dahin, doch hier gelingt eine Bündelung der Handlungsstränge auf einen großen und spannenden Plot, in den allmählich alle Figuren verstrickt werden. Die Zeichnungen von Adrien Floch lassen eine phantastische Welt funkelnd auf dem Papier erstehen und sie sind mit viel Schwung und Leben erfüllt. Die Bilder stimmen, die Figuren stimmen, die Witze stimmen, dazu Abenteuer, Spannung, sense of wonder — tja, eben meine Lieblingsserie aus dem Splitterprogramm, und das aus guten Gründen, was soll man mehr sagen? sw

Bildquellen: comiccombo.de und die jeweiligen Verlage

Travis 1: Huracan

Travis 1 – Huracan Der Orkan Valentin droht über Jamaica hinwegzufegen und Millionen Opfer zu fordern. Das soll Science Fiction sein? Nein, das ist bereits Gegenwart. Dass die Firma Baxter & Martin im Orbit eine Raumstation unterhält, die mit Hilfe eines gigantischen Laserstrahls die oberen Luftschichten erwärmt und dadurch in der Lage ist, diesen Orkan zu neutralisieren, das ist allerdings Science Fiction. Das ist die Welt, in der „Huracan“, der erste Band der Serie Travis spielt.

Der Pilot Travis betreibt eine Ein-Mann-Spedition und transportiert mit seinem Raumschiff Versorgungsgüter von der Erde zu der Raumstation Huracan. Oben erwartet ihn die Wissenschaftlerin Anna, mit der er ein Verhältnis zu haben scheint. Dieses Mal haben die „Schauerleute“ im Weltraumhafen ihm allerdings ohne sein Wissen eine gefährliche und illegale Fracht an Bord geschmuggelt: eine Gruppe brutaler Terroristen unter der Führung eines gewissen Vlad. Die scheinen bestens mit der Station vertraut zu sein, dort sogar einen Undercover-Komplizen eingeschleust zu haben, so dass sie den Satelliten in kürzester Zeit unter ihre Kontrolle bringen.

Wie so viele technische Errungenschaften kann der Laser nicht nur zur Vermeidung von Naturkatastrophen benutzt werden, sondern auch als schreckliche Waffe. Die Terroristen drohen, den Laser derart einzusetzen, sollten sie die geforderte Geldsumme nicht erhalten. Zu überbringen ist die Summe vom Erfinder Inger Carlsen, mit dem Vlad noch eine Rechnung offen hat. In der Tat kennen sich Carlsen, Vlad und Anna anscheinend von früher her schon sehr gut, und bald stellt sich die Frage: Wer von den dreien ist der größte Verbrecher?

Travis entgeht in der Zwischenzeit der Zerstörung seines Transportschiffs und versucht, Anna mit dem Beistand seiner attraktiven Holo-KI Peggy zu retten. Als Carlsen mit dem Geld eintrifft und in die Hände Vlads gerät, stellt der Erpresser Anna und den Erfinder vor eine grausame Wahl und es kommt zum nervenaufreibenden Showdown, in dem Travis und Peggy sich als Helden erweisen.

Man merkt dem Comic an, dass seine Autoren aus dem Umfeld Olivier Vatines (Aquablue, Star Wars – The Trawn Trilogy) kommen: Kräftige, atmosphärische Farben, schöne Zeichnungen aber keine spektakulären Layouts, gute, spannende Unterhaltung, die neben Action auch eine durchdachte Geschichte ohne Schwarzweißmalerei bietet. Als Vergleich drängt sich mir Golden City von Pecqueur und Malfin (deutsch bei Epsilon) auf. Was daran liegen mag, dass beide Serien dasselbe Koloristenteam, Schelle & Rosa, haben.

Erfreulich ist die Tatsache, dass dem Szenaristen Fred Duval ein spannender, temporeicher SF-Thriller gelingt, der thematisch und zeitlich sehr nahe an der derzeitigen globalen Situation liegt. Klimakatastrophen und Terrorismus statt Weltraumschlachten und exotischer Aliens. Was nicht heißt, dass der Comic auf Knalleffekte wie explodierende Shuttles oder einen Kampfroboter verzichtet.

Die Weltraumszenen sind vom Zeichner Christophe Quet dementsprechend überzeugend umgesetzt. Auch wenn die Geschichte layoutmäßig weitgehend traditionell erzählt wird, auf aufwändig verschachtelte und überblendete Panels also verzichtet und sich nicht – wie zum Beispiel Bajram in Universal War One – in seitenlangen Weltraumpanoramen ergeht, so weiß die Grafik doch eine beeindruckende Stimmung zu erzeugen. Besondere Aufmerksamkeit erhalten technische Details und Hintergründe, wie zum Beispiel das Innere der Raumstation oder eines Aufzuges. Alles in allem: schöne Bilder, sehr viel Bewegung, atmosphärische Settings. Und das zusammen mit einer klugen und unterhaltsamen Geschichte, das ist vorbildlicher frankobelgischer Comicgenuss.

Dieser erste Band der Serie war vor Jahren übrigens schon bei Splitter – dem alten Splitter Verlag, wohlgemerkt! – angekündigt, aber meines Wissens ist er dort nicht mehr erschienen. Ein Glück, denn bei Bunte Dimensionen ist er weitaus besser aufgehoben und hat eine vorbildliche Ausstattung und ein sauberes Lettering erhalten. Der zweite Band ist mittlerweile übrigens auch erschienen. Obwohl „Huracan“ in sich einigermaßen abgeschlossen ist, gibt es einige lose Enden, die mit Spannung auf die Fortsetzung blicken lassen. Ein sehr erfreulicher frankobelgischer SF-Titel!

 

Travis 1: Huracan
Bunte Dimensionen, Oktober 2006
Text: Fred Duval
Zeichnungen: Christophe Quet
Farben: Pierre Schelle & Stéphane Rosa
48 Seiten, farbig, Hardcover; 13,- Euro
ISBN: 978-3-938698-51-8

spannend und schön umgesetzter SF-Thriller

 

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Bildquelle: comiccombo.de