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PlusPlus Comics

PlusPlus ComicsBei der Verleihung des Max-und-Moritz-Preises in Erlangen wurde in diesem Jahr zum ersten Mal eine Auszeichnung in der Kategorie „Beste studentische Publikation“ vergeben. Preisträger ist die schweizer Anthologie Plusplus Comics. Der handliche, ansprechend gestaltete Band vereint auf hundert schwarz-weiß-Seiten elf Autoren und Autorinnen aus der Schweiz und Deutschland mit bunt gemischten Beiträgen zum Thema „Haus“.

Im Rahmen eines Hörfunk-Seminars hat Marc-Oliver eine Audio-Besprechung des Comics produziert, die Ihr Euch hier, je nach Geschmack, per Streaming oder Download anhören könnt.

Download der Besprechung von PlusPlus Comics (3,1 MB)

MP3-Player für Stream weiter unten (Flash-PlugIn wird benötigt)

Besonderer Dank für die freundliche Unterstützung bei der Produktion der Besprechung gilt Nadine B. und Christian B.

Wenn Ihr Geschmack an dem Comic gefunden habt und ein Exemplar bestellen möchtet, schreibt einfach eine E-Mail an pluscomic (at) gmx.net, dann wird Euch weitergeholfen.

Einige der Plusplus-Autoren im Netz:
Milla Bartscht | Andy Fischli | Demian.5 | Kati Rickenbach | Felix Robert

Weitere Links:
Die beiden Ausgaben der Vorgängerreihe 18plus als kostenlose Downloads
Erlangen-Report bei Audimax Online

Kind des Blitzes 1 & 2

kind_des_blitzes1.jpgEin unter mysteriösen Umständen geborenes Waisenkind, das im Schoß eines Jägerclans aufwächst und als Jugendlicher unheimliche Kräfte entwickelt. Dazu zwei Parteien, die jene Kräfte für ihre eigennützigen Zwecke verwenden wollen. Das klingt nicht gerade neu und könnte Stoff für eine generische 0815-Fantasygeschichte sein, wie es sie seit Jahrzehnten zuhauf gibt. Dass „Blutsteine“ und „Wo Sich die Wege Kreuzen“, die ersten beiden Bände der Comic-Trilogie Kind des Blitzes, dennoch frisch daherkommen, liegt an der äußerst gelungenen Umsetzung des Themas.

Die Welt, in der der Titelheld Laith lebt, besteht aus einer bunten und dennoch organisch wirkenden Mixtur aus urwüchsiger Natur, Jules Verne’scher Technik, kunstvollen Baumhäusern, majestätischen Luftschiffen, exotischen Tieren, fliegenden Waldinseln und industrialisierten Städten. Bevölkert wird das Ganze von menschenähnlichen Geschöpfen, die aber auch Tierattribute besitzen. Scheint es in Band 1 noch, dass alle Figuren sich durch katzenhafte Züge auszeichnen, offenbart sich im zweiten Band, dass es auch andersartige Völker gibt.

kind_des_blitzes1_1.jpgDie Fantasyelemente halten sich dabei angenehm im Hintergrund. Wer nach der High-Fantasy-Renaissance im Zuge der Herr der Ringe-Verfilmungen die Nase auf längere Sicht gestrichen voll von Elfen, Drachen, Orks und Zwergen hat, ist hier also genau richtig aufgehoben. Ebenso richtig aufgehoben sind generell alle Fans gut erzählter Comicgeschichten, denn das Duo Bichebois und Poli macht mit den ersten beiden Bänden von Kind des Blitzes so gut wie alles richtig. Die Geschichte ist zwar recht konventionell erzählt, aber überzeugt mit viel gekonnt eingesetztem Drama und spannenden Wendungen. Die Stimmung ist von Beginn an unheilschwanger, aber nicht gänzlich ohne Hoffnungsschimmer und wird ein wenig durch den dynamischen frankobelgischen Semi-Funny-Stil, in dem die Figuren gehalten sind, aufgelockert. Didier Poliskind_des_blitztes1_2.jpg ausdrucksstarke Zeichnungen fließen perfekt am Auge vorbei und die gedämpfte Kolorierung erzeugt eine ganz eigene Atmosphäre. Mit dem Jungen Laith bekommt der Leser eine äußerst sympathische Hauptfigur vorgesetzt, deren Schicksal einen nicht kalt lässt, und die zahlreichen Nebenfiguren, von Laiths Ziehvater über seine Freunde aus dem Dorf bis zum jungen Arzt Dalün, wirken allesamt äußerst lebendig. Schön auch, dass die beiden Männer, die Laiths außergewöhnliche Fähigkeiten für sich nutzen wollen – der machtgierige Kriegsminister Algärd und der skrupellose und gleichzeitig tragische Wissenschaftler Finrhas – nicht einfach als charakterlose Antagonisten daherkommen, sondern ihre eigennützigen Beweggründe durchaus nachvollziehbar sind.

kind_des_blitzes2.jpgDie Welt, die Autor Manuel Bichebois erdachte, steckt voller Details und kommt in sich stimmig daher. Es macht Spaß, die zahlreichen Orte und Figuren zu entdecken, die allesamt wirken, als ob sie ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen hätten. Hier liegt auch das größte Manko von Kind des Blitzes: Drei Alben scheinen viel zu kurz, um diesen Ideenreichtum aufzunehmen. Man würde als Leser gerne länger an vielen der vorgestellten Orte verweilen, die teils nur kurz angeschnittenen Figuren besser kennen lernen. Aber gerade dies spricht ja dafür, wie sehr es den Machern gelungen ist, ihre Fantasiewelt auf dem Papier zum Leben zu erwecken. In Band 2 scheint es aber kurzzeitig so, als ob auch Bichebois der begrenzte Platz für seine Geschichte nicht ganz ausreichte. An einer Stelle überspringt er nämlich einen nicht unwichtigen Handlungsteil und lässt völlig offen, wie Laith ein nicht gerade einfach erscheinender Coup gelang, was einen etwas aus der ansonsten stimmigen Handlung reißt. (Um keine Wendungen zu verraten, nur soviel: es geht um die Szene mit König Bronthes Luftschiff im Canyon). Abgesehen davon gibt es aber so gar nichts zu kritisieren. Höchstens, dass der dritte und abschließende Band erst im Januar 2009 auf Deutsch erscheinen soll. Denn wie bereits Band 1 wartet auch Band 2 mit einem übel spannenden Cliffhanger auf, der die Wartezeit arg lang machen wird.

Kind des Blitzes
Splitter, Juni/August 2008
Text: Manuel Bichebois
Zeichnungen: Didier Poli
je 48 Seiten; farbig; Hardcover
; 12,80 Euro

Band 1: Blutsteine

ISBN: 978-3-94064-25-3
Leseprobe

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Band 2: Wo sich die Winde kreuzen
78-3-940864-26-0
Leseprobe
 

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Rundum gelungene Comickost

Bildquelle: splitter-verlag.de

Der Kri-Ticker #67

 Lange, viel zu lange haben wir diese schöne Rubrik vernachlässigt. Dabei haben sich in den letzten Monaten doch einige Kurz-Besprechungen angesammelt. Über 20 Mini-Rezensionen lagen auf Halde und warteten darauf, endlich veröffentlicht zu werden. Wir entschuldigen uns für die lange Wartezeit (und dafür, dass die besprochenen Comics zum Teil nicht mehr ganz taufrisch sind) und liefern dafür einen Doppelpack mit einer geballten Ladung Kri-Ticker. Nach der Ausgabe 67 folgt die Nummer 68 bereits in wenigen Tagen.

Diesmal mit dabei: Perpetuum, Whiteout, Moresukine, RASL #1 (US), Aliens 2, Nettmann: Bomben und Rosinen, B.U.A.P. 4,B.U.A.P. 5, Buffy the Vampire Slayer 1, Y: The Last Man #60 (US), Torpedo 4, Criminal 1 und Global Frequency 2.

Besprochen von Christopher Bünte (cb), Benjamin Vogt (bv) und Thomas Kögel (tk).

PERPETUUM
Luftschacht
 Im Verlag Luftschacht ist jetzt erstmalig eine umfassende Anthologie erschienen, die einen repräsentativen Querschnitt der österreichischen Comicszene zeigt. Auf 344 Seiten kommen darin 14 Künstler zum Abdruck, die zuvor zum Teil nur wenig bekannte Publikationen vorzuweisen hatten oder ihre Geschichten in Kleinauflagen selbst produzierten. Aber auch eine feste Größe wie Nicolas Mahler ist in Perpetuum vertreten. Die Bandbreite reicht von kurzen Strips (Christoph Abbrederis) über ganzseitige Sci-Fi Pop-Art (Michaela Konrad) bis zum genialen Cover-Projekt „Meta-Comics“ (Tommi). Insgesamt ist Perpetuum damit ein nicht nur äußerst lesenswerter Band, sondern liefert auch einen wichtigen Beitrag dazu, österreichische Comickunst, deren Ausdruck diese Publikation ja darstellt , eindrucksvoll zu Präsenz zu verhelfen. Überdies ist die Anthologie ansprechend mit einem gelungenen Coverdesign aufgemacht und man hat sich mit der Zusammenstellung der Beiträge, der Vorstellung der Künstler und einem Vorwort offensichtlich viel Mühe gegeben. Daraus ergibt sich ein wirklich schönes Buch. bv

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WHITEOUT
Cross Cult
 US-Marshal Carrie Stetko ist am Arsch – am Arsch der Welt, nämlich in der Antarktis. Noch dazu steht sie vor einer Leiche, ein Mann mittleren Alters, schneebedeckt und am Boden festgefroren. Keine Ahnung, wer er ist. Dass bei den unwirtlichen Temperaturen am Südpol hin und wieder ein Mensch sein Leben durch einen Unfall verliert, kommt vor. Das Leben am Ende der Welt ist kein Zuckerschlecken. Aber dieser Tote hatte keinen Unfall. Er wurde ermordet. Noch kann niemand genau sagen, was passiert ist. In ein paar Tagen wird die Leiche soweit aufgetaut sein, dass der Leichenbeschauer mit der Arbeit anfangen kann. Man wird feststellen, dass der Tote mit einem Eishammer erschlagen wurde, Dentaluntersuchung nicht mehr möglich. Ungefähr so beginnt Whiteout, der viel gelobte Krimi-Streich von Inde-Autor Greg Rucka (Queen & Country). Die Geschichte um Marshall Carrie Stetko und ihre Partnerin, die britische Agentin Lilly Sharpe, ist ein schnörkelloser Krimi mit einem Toten, einem Mörder, einem Motiv und einer Handvoll tragischer Zufälle und Verwicklungen. Die Dialoge sind hin und wieder sehr abgehackt und holprig, was speziell beim Einstieg in die Handlung etwas stört. Einen besonderen Touch erhält das Szenario durch den Schauplatz. Noch nie machte ein Schwarzweiß-Comic mehr Sinn. Im ewigen Eis dominiert das weite Weiß alles. In so einer Umgebung muss man sich vertrauen können. Der Mord droht, einen tiefen Riss in die internationale Gemeinschaft am Rande der Welt zu treiben. Am Ende ist der Fall gelöst, aber der Riss ist noch da. cb

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MORESUKINE
Reprodukt
 Als Dirk Schwieger im Jahr 2006 einige Monate in Tokyo verbrachte, hatte er die Idee für einen ungewöhnlichen Versuch: Über sein Internet-Blog ließ er sich von den Lesern Aufgaben stellen, die ihn direkt mit der japanischen Kultur konfrontieren sollten. Willig nahm Schwieger auch die kuriosesten Vorschläge an und verarbeitete die Erledigung dieser insgesamt 24 Aufgaben in Comicform. Die gesammelte Erfahrung liegt jetzt bei Reprodukt im Band Moresukine vor, der schon äußerlich stark an ein Notizbuch erinnert und auch von der zeichnerischen Umsetzung der einzelnen Episoden stark tagebuchartig wirkt. Mit dicken, schwarzen Strichen liefert Schwieger präzise Darstellungen davon ab, wie er unbedarft mit japanischer Musik, Essen und Mode und vielem mehr konfrontiert wird. Das Ergebnis ist eine gelungene gezeichnete Reportage, die dem Leser auf anschauliche und oftmals humoristische Weise die fernöstliche Kultur näherbringt. Zusätzlich interessant sind die anschließenden Erzählungen von Gastzeichnern wie etwa Leo Leowald, die dieses Buch abrunden. bv

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RASL #1 (US-Ausgabe)
Cartoon Books
 Ein Dieb, der auf wertvolle Kunstwerke spezialisiert ist und nach seinen Raubzügen ein Grafitti-Tag hinterlässt, ehe er den Tatort mit Hilfe seiner besonderen Fähigkeit verlässt: Er kann „driften“, sich in parallele Dimensionen versetzen, was allerdings sehr schmerzhaft ist. Ein schwarz-weißer Indie-Comic mit dem eben beschriebenen Inhalt würde wohl nur sehr wenige Käufer finden, wenn da nicht der Autor und Zeichner wäre. Denn RASL ist das neue Projekt von Jeff Smith, der mit Bone eine der erfolgreichsten Independent-Comicserien erschaffen hat. Nach einer kleinen Auszeit meldete er sich im Frühjahr mit einer neuen Serie zurück, die er wieder komplett selbst produziert und im Eigenverlag veröffentlicht. RASL ist komplett anders als Bone, hat einen deutlich dunkleren und erwachseneren Ton, der ein bisschen an Noir-Krimis erinnert.
RASL zeigt deutlich, dass Jeff Smith ein toller Zeichner ist und ein exzellentes Gespür für Timing und Storytelling hat. Als Einzelheft funktioniert RASL jedoch nicht besonders gut, man bekommt hier kaum mehr als die Einleitung zu einer Geschichte, von der man noch nicht recht sagen kann, in welche Richtung sie sich entwickeln wird. Krimi, Science-Fiction, Fantasy, von allem ein bisschen? Man wird sehen. tk

 

ALIENS 2
Cross Cult
 Der Band versammelt drei Geschichten aus dem Aliens-Universum, bei denen vor allem die verantwortlichen Zeichner herausstechen. Es sind dies Eduardo Rissso (100 Bullets) und die Comiclegende Richard Corben. Die Shortstory „Der Geist“ berichtet von einer Gruppe Teenager, die auf einem fremden Außenposten eine von Aliens bewohnte Höhle untersuchen. Neben den gewohnt überzeugenden Bildern von Risso bietet das Ende eine gehörige Überraschung.
Als zweite Story kommt hier die Filmadaption des vierten Aliens-Streifens „Die Wiedergeburt“ zum Abdruck. So schön es auch ist, Ripley mal wieder zu begegnen, so wenig Neues liefert diese Umsetzung. Lediglich Rissos Zeichnungen rechtfertigen für mich den Abdruck in der zweiten Ausgabe dieser Best-of Reihe. Einem ganz anderen Leseerlebnis sieht man sich da schon bei der etwas längeren dritten Erzählung „Alchemie“ ausgesetzt. Es handelt sich um eine von John Arcudi erdachte und von Richard Corben optisch umgesetzte Sci-Fi-Gesellschaft, die sich mit religiösen Fanatikern und Aliens herumschlagen muss. Insgesamt passt die Mischung, wie in Band 1, wieder ganz gut, gerade weil Rissos und Corbens Zeichnungen in schwarz-weiß bestens funktionieren. bv

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NETTMANN: BOMBEN UND ROSINEN
Edition 52
 Recht unscheinbar wirkt es, das kleine, neue Büchlein von Nettmann. Dabei verbergen sich dahinter jede Menge ganz große Episoden aus dem Alltag des Berliner Superhelden. Sie sind lustig, geistreich und in jedem Falle einzigartig. Hinter Nettmann steckt der Künstler Bärnd Schmucker, dessen Konzept es ist, einen schwarz gekleideten Jungen mit Atom-Herz-Logo auf der Brust als Hauptfigur und omnipräsenten Superhelden für seine Comicwerke zu installieren. In zahlreichen Onepagern steht Nettmann in „Bomben und Rosinen“ der Gesellschaft stets mit vorwitzigen, frechen, ironisierenden Kommentaren und Ratschlägen zur Verfügung. So ist  Nettmanns Hilfeleistung stets von belehrender Natur und an keiner Stelle allzu ernst zu nehmen. Bärnd Schmuckers Einfallsreichtum und die ungewöhnliche Herangehensweise sind einfach wunderbar, weshalb man spätestens nach ein paar Seiten den klugen Texten zu den vordergründig deplatzierten Bildern der Umgebung verfallen sein wird. Eine Hommage an Nettmann, gezeichnet von den Kollegen Mawil und CX Huth, sowie eine auf bayrisch vorgetragene Schimpftirade von Fil als Nachwort, runden diesen auf den ersten Blick unscheinbaren Band ab. bv

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B.U.A.P. 4: SCHWARZE FLAMME
Cross Cult
 Mit seinem neuen Chef, Captain Damio, an vorderster Front geht die Behörde auch weiterhin zielstrebig gegen die sich immer noch ausbreitende Froschplage vor. Während dessen tritt der der neue Superschurke „Die Schwarze Flamme“ auf und beschwört ein riesiges Ungeheuer. Es ist schon beeindruckend, auf welch konstant hohem Niveau Mike Mignola, John Arcudi und Guy Davis die Serie B.U.A.P. halten. Auch im vierten Band sind die Texte brillant, die Geschichte kompakt und interessant erzählt. Überdies sind Davis‘ Zeichnungen im Zusammenspiel mit der stilsicheren Kolorierung von Dave Stewart einfach eine Augenweide. Gerade die Darstellung der oftmals abstrusen Monster, aber auch die Inszenierung der Schwarzen Flamme sind mehr als gelungen. Inhaltlich wird der große Storybogen um die Froschplage konsequent weitergeführt, ohne aber auf die Einzelentwicklung der Charaktere zu verzichten. Alles in allem ist Teil 4 der B.U.A.P. also vollends überzeugend und lässt mich beeindruckt zurück. bv

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B.U.A.P. 5: DIE UNIVERSELLE MASCHINE
Cross Cult
 B.U.A.P. ist eine Abkürzung und steht für „Behörde zur Untersucung und Abwehr paranormaler Erscheinungen“. Klingt komisch, ist aber so. Prominentestes Mitglied der geheimen US-Behörde ist Hellboy, der kleine Teufel mit dem großen Herz. Im Laufe zahlreicher skurriler Abenteuer hat er Unmengen von Ungeheuern ins Jenseits befördert. Die B.U.A.P.-Serie ist eine Auskopplung aus der Serie Hellboy, sozusagen Hellboy ohne Hellboy. Der hatte nämlich irgendwann die Nase voll und ist gegangen. Monster gibt's immer noch, dazu jede Menge Atmosphäre à la Lovecraft. Die verbliebenen B.U.A.P.-Mitglieder – Abe Sapien, Liz Sherman, Johann Kraus, Captain Daimio und Doc Corrigan – geben ihr Bestes, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren. In „Die universelle Maschine“  versucht Doc Corrigan den toten Homunkulus Roger wieder zum Leben zu erwecken und gerät dabei in die Fänge eines verrückten Sammlers, der sie gerne an seine barocke Vampir-Herde verfüttern würde. Der Rest des Teams gibt Geschichten zum besten, was der Tod ist und ob seine angebliche Endgültigkeit nicht in Wahrheit eine diffuse Grauzone ist. Genug B.U.A.P.-Mitglieder waren nämlich schon einmal tot. Die Serie ist toll, auch dieser Band, vor allem wegen seiner interessanten Charaktere, wegen dem nicht ganz glatten Storytelling und dem schönen Strich von Guy Davis.  Verschroben, unheimlich und witzig – um ein paar Schlagworte einzustreuen. Eine der besten Horror-Serien, die derzeit auf dem Comic-Markt zu kriegen ist. cb

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BUFFY THE VAMPIRE SLAYER 1 – DIE RÜCKKEHR DER JÄGERIN
Panini Comics
 Die Fangemeinde war entsetzt, als 2003 die Nachricht bekannt wurde: Buffy – Im Bann der Dämonen sollte abgesetzt werden. Nach der siebten Staffel sollte endgültig Schluss sein mit der Horror-Serie. Sarah Michelle Gellar alias Buffy die Jägerin würde nun nicht mehr allwöchentlich über den Bildschirm flimmern und Dämonen und Vampiren die Seele aus dem Leib prügeln. Besonders traurig darüber dürfte Joss Whedon gewesen sein, der Erfinder von Buffy. Was sollte er nun mit dem Skript der achten Staffel anfangen, das in seiner Schreibtischschublade schlummerte und auf dessen Umsetzung tausende Buffy-Fans sehnsüchtig warteten? Nun erscheint in Zusammenarbeit mit Dark Horse die achte Buffy-Staffel als Comic, hierzulande verlegt von Panini. Buffy-Fans dürfte das Herz höher schlagen. Und wer nicht regelmäßig die TV-Serie geguckt hat, dürfte Schwierigkeiten haben, jeden Hinweis zu verstehen, der in den Sprechblasen untergebracht ist. Trotzdem funktioniert der erste Comic-Band recht gut. Den zwei enthaltenden Kurzgeschichten kann man auch als Newbie amüsiert folgen, ohne immer genau zu wissen, worum es eigentlich geht. Die Jägerinnen sind jetzt eine international agierende Eingreiftruppe, die sich dem ewigen Kampf mit dem so genannten Urbösen verschrieben hat. Konkret bedeutet das: Schlägereien mit Zombies, gehörnten Dämonen, bösen Hexen und anderen Unholden. Leider fehlt das Highschool-Flair. Dafür sind Dawn, Willow, Xander und der Rest der Bande wieder mit dabei. Und – was besonders wichtig ist – die Sprüche sitzen. (“Das ist der billigste Opferdolch, den ich je gesehen habe.“) So ist die Comic-Version von Buffy jedem Fan wärmstens zu empfehlen. Comic-Enthusiasten hingegen sollten vielleicht lieber noch einmal ihren liebsten Hellboy-Band lesen. Das ist dann weniger Merchandising und mehr sinistre Atmosphäre. cb

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Y: THE LAST MAN #60 (US-Ausgabe)
Vertigo
 Eine kleine Ära geht zuende: Knapp sechs Jahre nach Erscheinen des ersten Heftes beenden Brian K. Vaughan und Pia Guerra ihre Serie über den letzten verbliebenen Mann auf Erden, der (zusammen mit seinem Kapuzineräffchen) als einziger eine Katastrophe überlebt hat, die alle männlichen Säugetiere auf Erden das Leben gekostet hat.
In der extradicken finalen Ausgabe gibt es zum Ausklang einen Epilog, der nochmal ein paar handfeste Überraschungen enthält, und Vaughan bringt noch einmal all die Saiten zum Klingen, die seine Serie immer wieder angeschlagen hat: humorvolle und tragische, politische und philosophische. Y: The Last Man war einer jener seltenen Glücksfälle, die eine solide und originelle Grundidee mit einem spannenden Handlungsverlauf verbinden und vor allem großen Wert auf die Entwicklung und Ausarbeitung der Charaktere legen. Ein Mainstream-Comic für erwachsene Leser, wie er sein sollte. Mit einem klar definierten Ende, durchgehend vom Serienschöpfer geschrieben und auch fast immer von der Stammzeichnerin gezeichnet. Die Verantwortlichen des DC-Labels Vertigo werden über das Ende der Serie nicht allzu erfreut sein, sind sie doch auf langlebige Comics wie diese angewiesen, die in der gleichen Liga wie die Vertigo-Klassiker Preacher oder Transmetropolitan spielen. Deren Schöpfer (Garth Ennis und Warren Ellis) wurden durch diese Serien zu Starautoren, erreichten aber seitdem nur noch selten die gleiche Qualität. Brian K. Vaughan ist zu wünschen, dass er mehr Glück hat und wir weiterhin ähnlich gute Comics aus seiner Feder lesen dürfen. tk

 

TORPEDO 4
Cross Cult
 Auch im vierten Band gelingt es Enrique Sanchez Abuli, ständig neue Szenarien für den Auftragskiller Luca Torelli zu ersinnen. Die meist kurzen Erzählungen setzen oft aus immer neuen Blickwinkeln an und eröffnen damit neue Facetten. Dabei wird der Hauptperson einmal mehr eine aufreizende Dame zum Verhängnis, während eine kurzweilige Episode von Rascals (Torpedos Handlanger) Kindheit berichtet und u.a. der Auftragsmord an einem Schwerhörigen sich als eine der ungewöhnlicheren Erfahrungen des Killers herausstellt. Insgesamt sind hier 17 Geschichten versammelt, die auch für Torpedo-Verhältnisse noch nie so voller Sex und Crime, aber gleichzeitig so komödiantisch waren wie im vierten Teil des Gesamtwerkes. Torpedo ist und bleibt hervorragend erzählt, garniert mit Slapstick-Humor und nimmt sich trotz aller Darstellung skrupelloser Gewalt niemals allzu ernst. Zeichner Jordi Bernet weiß genau dieses Konzept kongenial in schwarz-weiße Bilder umzusetzen. Damit bleibt Torpedo auch vor dem letzten Band eine ungewöhnliche Serie und ein einzigartiger Klassiker auf seinem Gebiet. bv

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CRIMINAL 1: FEIGLING
Panini Comics
 „Ich will eine Geschichte erzählen, die sich wenigstens so anfühlt, als könnte sie wahr sein“, so Ed Brubaker (Daredevil) in einem CG-Interview. Was der Comic-Autor damit meint, versteht jeder, der seine neue Serie Criminal gelesen hat. Die Hauptfigur, Leo, ist ein Verbrecher von Geburt an. Sein Vater drehte schon krumme Dinger, jetzt tritt Leo in seine Fußstapfen. Er hat nichts anderes gelernt, beinahe hat das Verbrechen in seiner Familie Tradition. Es ist Leos Handwerk, und er geht gerne auf Nummer sicher. Deswegen heißt der erste Mehrteiler der Serie auch „Feigling“. Diesen Ruf genießt Leo nämlich im Milieu. Vorsichtig, vorsichtiger, Leo, lästern seine zwielichtigen Kollegen gerne hinter seinem Rücken. Über Brubakers erfolgreiche Eigenschöpfung dürfen vorab zwei Dinge verraten werden. Erstens: Die Leser werden Zeugen davon, wie Leo seine eisernen Regeln bricht. Er wirft alle Vorsicht über Bord und geht ein Risiko ein. Natürlich wird es dabei persönlich. Zweitens: Wenn es schon persönlich wird, geht es am besten um eine Frau. Sie heißt in diesem Fall Greta, ist ein Ex-Junkie und ein vollbusiger Traum mit kastanienbraunem Haar. Und damit das Ganze richtig in Fahrt kommt, gibt es eine fette Beute, eine Handvoll Tote und ein paar Verräter. Mit Scene of the Crime und Sleeper stieß Brubaker schon früher in ein ähnliches Horn. Jetzt hat er mit dem Zeichner Sean Phillips (Marvel Zombies) an seiner Seite einen weiteren beachtlichen Krimi nachgelegt. An Criminal sieht man: Nach den Superhelden ist Ed Brubaker soweit, sein eigenes Ding zu machen. Toll gezeichnet, spannend erzählt und durchweg überzeugend. cb

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GLOBAL FREQUENCY 2: … ODER WIE ICH LERNTE GEWALT ZU LIEBEN
Panini Comics
 „Are you on the Global Frequency?“ Das ist die Frage, die sich 1001 Spezialagenten rund um den Globus regelmäßig stellen müssen. Sie gehören zu einer weltweit operierenden Rettungsorganisation, die immer dann eingreift, wenn nationale Mechanismen versagen. Jeder von ihnen besitzt herausragende Fähigkeiten, ist beispielsweise Superhacker, Scharfschütze oder einfach nur verdammt hart im Nehmen. Gemeinsam verhindern kleine Teams globale Katastrophen. So hat sich das zumindest Autor Warren Ellis gedacht, der schon früher mit Comics wie Transmetropolitan, Ocean oder Desolation Jones in unserer nahen Zukunft herumrührte. Die Figuren im Mittelpunkt heißen Miranda Zero (die Einsatzleiterin) und Aleph (die Computer-Hexe). Alle anderen Figuren wechseln von Story zu Story. Hier dürfte auch der größte Schwachpunkt der Serie liegen. Hat man sich gerade mit einer Figur angefreundet, verschwindet sie und es kommt eine andere. Abgesehen davon handelt es sich bei Global Frequency um einen tollen SciFi-Action-Comic, nicht so grotesk wie Transmet und nicht so düster wie Desolation Jones. Panini hat nun den zweiten und abschließenden Band der Serie veröffentlicht. In den Staaten erschienen insgesamt nur zwölf Hefte. Anscheinend hat man der Serie keinen großen Erfolg prophezeit. Eine TV-Serie, basierend auf den Comics, wurde ebenfalls gecancelt. Schade, ich hätte gerne weitergelesen. cb

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Bildquellen: Die jeweiligen Verlage

 

Das Leben ist kein Ponyhof 2 – Last Christmas

 Passt vom Titel zwar nicht ganz zur Jahreszeit, aber Weihnachten lässt ja generell tief in die zerbrechlichen Familiengeflechte blicken und ist somit zu jeder Jahreszeit interessant …

Insgesamt hat die Folge 20 Seiten, wir laden jeden Donnerstag/Freitag einige neue Seiten hoch.
Die ersten drei Seiten sind jetzt online.

Update 26.09:  Mit den Seiten 18-20 ist die Episode abgeschlossen. Viel Spaß!

Übrigens: Die Künstlerin ist gespannt auf Feedback in den Kommentaren. 🙂 Wie gefällt Euch „Das Leben ist kein Ponyhof“?

Eine Übersicht der Folgen sowie die Vorstellung der Hauptfiguren haben wir hier gesammelt.

Point Blank

Cover Point BlankEd Brubaker ist momentan sicher einer der omipräsentesten Comicautoren auf dem deutschen Markt. Brubaker, der gerade zum zweiten Mal in Folge den Eisner-Award als bester Autor erhielt, ist sowohl bei klassischen Marvel-Helden wie Captain America, Daredevil oder den X-Men (auf Deutsch alle bei Panini), aber auch für die creator-owned-Serie Criminal zuständig, deren erster Band ebenfalls auf Deutsch bei Panini vorliegt. Der gerade erschienene One-Shot Point Blank, der quasi ein Prolog zur Reihe Sleeper (deutsch ebenfalls bei Cross Cult) darstellt, zeigt Brubakers Einstieg ins Wildstorm-Universum von DC.

Seite aus Point BlankEs handelt sich dabei um eine Verknüpfung des bestehendes Superheldenkosmos mit einer eigenständigen, realen Thrillerstory. Ein Kunstgriff, der Brubaker schon seit einigen Jahren gelingt, und den er, außer bei den bereits benannten Marvel-Serien, auch bei der überaus interessanten, Batman-affinen Reihe Gotham Central benutzt. Ihm gelingt es, das Prinzip der Superwesen dezent zu halten und Realismus in den Vordergrund zu setzen. Finsterer Noir-Stil und viel Crime sind Mittel, die dabei zum Einsatz kommen und eine klare Handschrift in seinen Werken erkennen lässt.

Hauptakteur von Point Blank ist Cole Cash, ein ehemaliger Soldat einer Spezialeinheit und als Mitglied der Wildc.a.t.s. lange Jahre eine Art Superheld. Vor einem verabredeten Treffen mit seinem alten Kumpel John Lynch (u.a. bekannt aus Gen13) wird auf diesen ein Anschlag verübt. Cash bemüht fortan seine Kontakte und begibt sich auf die Suche nach dem Attentäter und den Drahtziehern einer weiterführenden Verschwörung.

Seite aus Point BlankCole Cash ist ein Mann, der geistig momentan nicht ganz auf der Höhe ist, dessen actionreiche Zeit als Held längst hinter ihm liegt und der durch Loyalität und Kameradschaft in Machenschaften gezogen wird, die seine Fähigkeiten übersteigen. Trotzdem kämpft er sich allein zum obersten Boss einer Verbrecherorganisation vor, nur um herauszufinden, dass er und Lynch von Beginn an nur Marionetten waren.

Brubaker legt mit Point Blank keine herausragende Geschichte vor, vielmehr wird hier alles für die darauffolgende vierteilige Serie Sleeper vorbereitet (deren Handlung man aber auch ohne Point Blank folgen kann). So liest sich dieser Band zwar flüssig und erfreut den Leser neben einer soliden Thrillerhandlung mit einigen Gastauftritten, z.B. von Jack Hawksmoor, Midnighter, Savant und Tao. So wird an einigen Stellen sehr deutlich, dass die Story im Wildstorm-Universum verankert ist, sie verliert dadurch aber auch an Eigenständigkeit. Denn gerade die für sich stehende Soloaufklärungsmission des Cole Cash hätte man auch mit jeder anderen Figur schreiben können und gute Genre-Unterhaltung zum Ergebnis gehabt.

Seite aus Point BlankSo ist Point Blank gut, aber nicht so überragend, wie man es von einigen anderen Werken des Autors gewohnt ist. Vielmehr wird es dem Leser durch die vielen bekannten Gesichter verleidet, den Comic ohne Kenntnisse der Kontinuität zu genießen. Vorwissen aus der Wildstorm-Welt ist zwar nicht nötig, ein Mangel an diesem lässt die Auftritte etablierter Figuren aber schließlich etwas verpuffen.

Zu Gute halten muss man diesem Band die in sich abgeschlossene, aber trotzdem am Ende offen gestaltete Handlung, die ihn klar als Prolog definiert, sowie die passenden Zeichnungen von Colin Wilson, der mit seinem gediegenen, reduzierten Zeichenstil viel Anteil an einer allgegenwärtigen Atmosphäre aus Schmutz und Gewalt besitzt. Richtig toll ist der redaktionelle Anhang, in dem die Historie des Wildstorm-Labels nochmal zusammengefasst wird, was man, wie gesagt, zum Verständnis von Point Blank zwar nicht benötigt, über das man sich aber als Hinführung zum Comic trotzdem freut. Außerdem das eindeutige Highlight: Der Abdruck der brillanten US-Originalcover von niemand geringerem als Simon Bisley.

Übrigens: Wer sich für Ed Brubaker interessiert, den könnte das ausführliche Interview mit ihm in unserem 2. Printmagazin, geführt von unserem US-Comic-Fachmann Marc-Oliver Frisch, gefallen.

 

 

Point Blank
Cross Cult, März 2008
Text: Ed Brubaker
Zeichnungen: Colin Wilson
A5, Hardcover, vierfarbig, 144 Seiten; 19,80 Euro
ISBN: 978-3-936480-70-2

solider Stoff, recht unterhaltsam

 

 

 

 

 

 

 

 

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Abbildungen Point Blank © Cross Cult, Ed Brubaker, Colin Wilson

 

 

Der Schimpansenkomplex 1

 Im Jahr 2035 soll die erste bemannte Marsmission starten, allerdings wird diese kurzerhand um etliche Jahre verschoben. Damit ist der Traum von Helen Freeman, die als am besten geeignetste Astronautin der NASA gilt, vorbei. Parallel dazu wird im Indischen Ozean eine abgestürzte Raumkapsel entdeckt, deren Herkunft und Besatzung für große Aufregung sorgen und die US-Regierung veranlasst, die Angelegenheit unter höchster Geheimhaltung zu untersuchen.

Schließlich scheint es so, als wären die Männer aus der Kapsel tatsächlich Neil Armstrong und Buzz Aldrin, die  über 60 Jahre zuvor mit der Apollo 11 auf dem Mond landeten. Aber sind die beiden verwirrten Männer wirklich die, die sie glauben zu sein? Als Helen Freeman zur Beratung hinzugezogen wird, konstatiert sie bei den beiden den bei Weltraumflügen nicht unüblichen Schimpansenkomplex, ein Stresssyndrom, das aus einem innerpsychischen Widerspruch heraus Wahnvorstellungen auslösen kann. Um die Identität von Armstrong und Aldrin zu überprüfen, macht sich Helen doch noch auf die große Mission, doch statt zum Mars geht es erneut auf die Mondoberfläche, wo man hofft, die wahren Umstände der Apollo-Mission nachvollziehen zu können.

 Der Schimpansenkomplex versetzt den Leser in ein unheimlich spannendes Sci-Fi-Setting, bei dem wirklich viele Fragen aufgeworfen werden und das Mysterium um die beiden zurückgekehrten Astronauten beklemmende Gefühle auslösen. Es entsteht eine Situation, mit der auch die weiter technisierte Erde im Jahr 2035 nicht umzugehen vermag. Was ist damals tatsächlich passiert? Und wenn Apollo 11 Jahrzehnte unterwegs war, wer waren dann die Männer, die damals zurück zur Erde kamen und auch hier starben? Autor Richard Marazano gelingt es eine groß angelegte Geschichte um Raumfahrt mit wirkungsvollen Mysterelementen zu versetzen und lässt seine Handlung um Helen Freeman und ihre Tochter kreisen, die eine menschliche Komponente verkörpern. Überhaupt wechselt die Szenerie gekonnt zwischen Helens Aufklärungsarbeit mit Militärs, Ärzten, Technikern und der Erlebniswelt ihrer Tochter, die gerne mehr Zeit mit ihrer Mutter verbringen würde. Beide Seiten sind sehr authentisch und nachvollziehbar dargestellt.

 Das Artwork von Jean-Michel Ponzio wirkt an vielen Stellen wie ein durch Fotobearbeitung entstandenes Gesamtbild. Anders als bei vermeintlich fotorealistischen Bildern anderer Künstler (z.B. Greg Land), bei denen bestimmte Szenen deutlich von einem Realbild abgepaust erscheinen, schafft es Ponzio vorzüglich, die Zeichnungen dynamisch zu halten, variantenreiche Mimik aufrechtzuerhalten und die Konturen genau richtig mit der Kolorierung abzustimmen. Gerade im großen Albenformat lässt sich dieser Stil als sehr gelungen bezeichnen.

Dieser Band macht einfach Lust auf mehr, schade nur, dass man bei dieser spannenden Story noch gut ein Jahr warten muss, bis die dreiteilige Serie komplett vorliegt und das letzte Geheimnis um den Schimpansenkomplex endgültig gelöst ist.

 

Der Schimpansenkomplex 1: Paradoxon
Splitter; Juli 2008
Text: Richard Marazano
Zeichnungen:Jean-Michel Ponzio
56 Seiten; farbig; Hardcover; 13,80 Euro
ISBN: 978-3-940864-28-4

Sci-Fi-Mystery mit Gefühl

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Bildquelle: splitter-verlag.de

Die Entdeckung des Hugo Cabret

 Wenn man streng ist, ist dieses Buch kein Comic. Und trotzdem passt es hierher, denn ein Teil von Die Entdeckung des Hugo Cabret wird in Bilderfolgen erzählt, die eine Handlung beschreiben. Es handelt sich also um „sequentielle Kunst“ und somit passt es auch, dass die Jury des Max und Moritz-Preises diesen Titel als einen von drei Nominierten in der Kategorie „Bester Comic für Kinder“ aufstellte.

Brian Selznick, Autor und Illustrator des Buches, der abwechselnd in New York und San DIego lebt, sagt über sein Werk: „Es ist ein 550seitiger Roman in Worten und Bildern. Anders als in den meisten Romanen illustrieren die Bilder die Geschichte nicht nur; sie helfen, sie zu erzählen. […] Mein Buch ist nicht direkt ein Roman, auch kein Bilderbuch und keine Graphic Novel, kein Daumenkino und kein Film, sondern eine Kombination aus all diesen Dingen.“

 Und so ist es tatsächlich. Von außen sieht Die Entdeckung des Hugo Cabret wie ein dicker Wälzer à la Harry Potter aus. Es liest sich aber viel schneller, denn etwa 300 der knapp 550 Seiten sind Bilder. Die von Brian Selznick mit filigranem Bleistiftstrich gezeichneten schwarz-weißen Zeichnungen, fast immer doppelseitige Illustrationen (also quasi „Splashpages“, wenn man im Comic-Jargon bleiben will), erzählen einen Teil der Geschichte. Meist folgt auf einige Seiten Prosatext ein Abschnitt mit mehreren Zeichnungen, die – als Sequenz angeordnet – die Handlung weitererzählen. Sie wiederholen nicht das, was man vorher schon gelesen hat, sondern sind ein ganz eigenständiger Teil der Erzählung. Die Bild-Passagen, die komplett ohne Worte auskommen, treiben nicht nur die Handlung weiter, sondern transportieren auch sehr viel Stimmung und Atmosphäre. Zusätzlich kann Selznick auf den gezeichneten Seiten filmische Stilmittel wie Zooms oder Kamerafahrten imitieren. Der Wechsel zwischen Text und Bild gestaltet sich für den Leser völlig mühelos, schon nach wenigen Seiten nimmt man diese Erzählform so selbstverständlich an, als hätte man nie etwas anderes gelesen.

 Doch wovon erzählt Brian Selznick eigentlich? Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1931, wo unser Titelheld Hugo, ein 12jähriger Junge, in einem Bahnhof lebt. Sein Vater war dort als Wärter für sämtliche Uhren im Gebäude zuständig. Doch er ist gestorben, und nun kümmert sich Hugo um die Uhren. Dabei begegnet er einem mürrischen alten Mann, der im Bahnhof Spielzeug verkauft, und seiner Enkelin. Gemeinsam kommen die beiden Kinder einem erstaunlichen Geheimnis auf die Spur. Im Verlauf der Handlung (wobei wir hier nicht zuviel verraten wollen) wird das Buch mehr und mehr zu einer Hommage an Georges Méliès, den großen französischen Pionier des fantastischen Films (sein bekanntester Film dürfte Die Reise zum Mond von 1902 sein).

Selznick schrieb und zeichnete sein Buch eindeutig für eine junge Zielgruppe (als Altersempfehlung gibt der Verlag „ab 10 Jahre“ an), was man ihm auch anmerkt. Echte „All Ages“-Qualitäten erreicht Die Entdeckung des Hugo Cabret nicht. Für erwachsene Leser sind die Geschichte, ihre Protagonisten und Dialoge vielleicht doch eine Spur zu einfach gestrickt. Trotzdem weiß das Buch hervorragend zu unterhalten – schon allein die äußerst unkonventionelle Erzählweise, der ungewohnte Wechsel von Worten und Bildern, ist faszinierend und Selznicks Zeichnungen sind wirklich ein Augenschmaus. Außerdem ist die Hardcover-Ausgabe von cbj sehr hübsch und hochwertig aufgemacht, so dass es wirklich Spaß macht, sich mit diesem Buch zurückzuziehen und ins Paris der 30er Jahre abzutauchen.

Die Entdeckung des Hugo Cabret
cbj, Februar 2008
Text und Zeichnungen: Brian Selznick
544 Seiten; schwarzweiß; Hardcover; 19,95 Euro
ISBN: 978-3570133002

Außergewöhnlich erzählt, großartig illustriert

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Bildquelle: theinventionofhugocabret.com, randomhouse.de

Halbe Wahrheiten

 In Ben Tanakas Leben läuft gerade nicht alles so, wie er es sich vorstellt: Das Kino, das er leitet, wird kurzzeitig geschlossen, seine Freundin Miko zieht alleine nach New York, um sich beruflich weiterzuentwickeln und von der Beziehung eine Auszeit zu nehmen, und auch seine beste Freundin, die lesbische Studentin Alice, zieht es in den Big Apple. Für Ben, der seinem Umfeld ohnehin mit Engstirnigkeit und Sarkasmus entgegentritt, Grund genug, sich immer mehr in Pessimismus und Hoffnungslosigkeit zu verlieren.

Halbe Wahrheiten ist die erste Graphic Novel von Adrian Tomine (Optic Nerve, Sommerblond; beide bei Reprodukt erschienen). Wie von seinen anderen Werken bekannt, konzentriert er sich auch hier vornehmlich auf ein kleines Ensemble „normaler“ Menschen um die 30 Jahre. Dreht sich die Geschichte hauptsächlich um die Figur des Ben Tanaka, so ist dessen scheiternde Beziehung, sein Leben zwischen Film, Sex und Liebe, doch nur eine Verdeutlichung der Orientierungslosigkeit einer Generation.

 Ben, genau wie Miko und Alice, sind asiatisch-stämmige Amerikaner, die über die Klarheit der eigenen Identität ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Überdeutlich wird Bens kulturelle Identitätskrise dargestellt, so sieht sich schließlich auch Freundin Miko nach Bens sarkastischen Bemerkungen bezüglich des Asian-American Filmfestivals zur Aussage verleitet, dass er sich wohl für seine Herkunft schäme. Schließlich wird auch diese unzureichend definierte ethnische Frage zur zusätzlichen Belastung in der Beziehung, die darin gipfelt, dass Miko nach New York und Ben zurücklässt. Für ihn bietet sich jetzt die Gelegenheit, diese Auszeit zu nutzen, um seiner heimlichen Neigung nach weißen Frauen nachzukommen, was ihm aber auch nur solange im Kopf herumschwirrt, bis er von Alice nach New York bestellt wird, um Miko nachzustellen.

 Halbe Wahrheiten zeigt einen 30-jährigen Mann, dessen Leben von Zweifeln geprägt ist, der Mauern um sein Innerstes aufbaut und der auf der Suche nach sich selbst über soziale Stolpersteine fällt. Es ist ein Charakter, der, geleitet von Adrian Tomine, in der Lage ist, dem Leser Alltagssituationen möglichst gefühlsecht zu vermitteln. Mithilfe einer schlicht gehaltenen Panelanordnung und klaren, präzisen Schwarz-Weiß-Zeichnungen gelingt es Tomine, eine nachdenkliche Atmosphäre zu erzeugen, mit der sich jeder Leser identifizieren kann.

 

Halbe Wahrheiten
Reprodukt, Juli 2008
Text und Zeichnungen: Adrian Tomine
104 Seiten; schwarzweiß; Klappenbroschur; 13,00 Euro
ISBN: 978-3-938511-39-8

gut charakterisierte Graphic-Novel

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Abbildungen: © Adrian Tomine, Reprodukt

Lost Girls

 Kunst trifft Pornographie. Einer der besten und berühmtesten Comicautoren trifft drei berühmte Mädchenfiguren der Weltliteratur. Autor trifft Zeichnerin (woraus später ein Ehepaar wird). Lost Girls ist definitiv eine ganz besondere Veröffentlichung. Grund genug, über dieses Werk nicht nur eine „ganz normale“ Besprechung zu schreiben, sondern etwas genauer darauf einzugehen.

Lost Girls – Ein Annäherungsversuch

Eigentlich muss man über Lost Girls nicht mehr viel sagen. Über keine Comic-Veröffentlichung dieses Jahres wurde bisher mehr geschrieben als über das „Kunst meets Porno“-Projekt von Alan Moore und seiner Ehefrau Melinda Gebbie. Das Thema sorgte in den letzten Wochen für soviel Aufmerksamkeit, dass in der deutschsprachigen Presse – von Spiegel über den Stern bis zur Bild-Zeitung – eine ungeheure Menge von Artikeln erschien – auch in vielen Blättern, die Comics in der Regel eher ignorieren.

Für alle, die wider Erwarten nicht wissen sollten, worum es geht: Der Comic spielt im Jahr 1913 in einem Hotel am Bodensee. Dort lernen sich drei Frauen kennen, die zu den berühmtesten Figuren aus der angloamerikanischen Kinderliteratur gehören: Alice (aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland), Wendy (aus Peter Pan von James M. Barrie) und Dorothy (aus L. Frank Baums Zauberer von Oz). In dem Hotel herrscht eine äußerst freizügige, erotische Atmosphäre, so dass die drei Frauen (und andere Gäste) schnell beginnen, sich in sexuelle Abenteuer in allen denkbaren Variationen zu stürzen. Währenddessen und dazwischen erzählen sich Alice, Wendy und Dorothy gegenseitig ihre jeweilige (ebenfalls schwer sexuell aufgeladene) Herkunftsgeschichte.

Alan Moore ist kein Autor, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht und einmal erprobte Rezepte und Strickmuster immer wieder aufs Neue abspult. Moore ist ein Neugieriger, der erforschen möchte, was – und mit welchen Mitteln – man im Comic erzählen kann. Und auf dem Gebiet der Pornographie sah er eine echte Lücke: „Warum nicht mal ein pornographisches Werk, das genauso wertvoll und schön ist, wie man es von jedem anderen Kunstwerk auch erwarten würde?“ (Alan Moore im Interview auf mania.com)
Als Zeichnerin für dieses Projekt fand er Melinda Gebbie, die ihre ersten Comics in den 70er Jahren im Magazin Wimmen's Comix veröffentlichte, einer feministischen Underground-Comix-Anthologie aus San Francisco. Gebbie lebt seit 1984 in England und lernte Alan Moore durch Vermittlung ihres Comic-Kollegen Neil Gaiman kennen. Moore und Gebbie planten zunächst nur eine kurze, achtseitige erotische Geschichte, die sich erst im Laufe der Zeit zu einem 240-Seiten-Epos auswuchs. Aus dem Kreativteam wurde recht bald ein Paar, und seit 2007 sind die beiden auch verheiratet.

Eine schwere Geburt

 Die Entstehung von Lost Girls zog sich über insgesamt 15 Jahre hin. Die Veröffentlichungsgeschichte des Comics ist ähnlich abenteuerlich wie bei Moores Jack-the-Ripper-Saga From Hell, die viermal ihren Verlag wechseln musste: Zunächst erschienen ab 1991 einzelne Kapitel von Lost Girls in der amerikanischen Comic-Anthologie Taboo (wo auch die ersten Kapitel von From Hell erschienen). Nach der Einstellung von Taboo veröffentlichte der Verlag Kitchen Sink Press 1995/96 zwei Alben mit den bis dahin erschienen sechs Kapiteln. Anstatt die Serie in dieser Form fortzuführen, beschlossen Moore und Gebbie, das Werk zunächst komplett abzuschließen und erst dann zu veröffentlichen. Kitchen Sink schloss 1999 seine Tore, so dass Lost Girls verschiedenen Verlagen angeboten wurde und letztlich bei Top Shelf Productions landete. Auch dort verzögerte sich die Veröffentlichung noch einmal um ein paar Jahre, und schließlich kam Lost Girls in den USA im Sommer 2006 auf den Markt: in einer luxuriösen, hochwertigen Aufmachung zum stolzen Preis von 75 Dollar. Zunächst durfte das Werk nur in den USA vertrieben werden, nicht aber in Moores Heimat Großbritannien: Das Londoner Great Ormond Street Hospital, das die Rechte an Peter Pan hält, legte Einspruch ein. Ende 2007, 70 Jahre nach James M. Barries Tod, lief jedoch das Copyright an Peter Pan aus, so dass Lost Girls inzwischen auch auf der Insel erhältlich ist. Die deutschen Rechte sicherte sich Cross Cult, wo der Comic vor einigen Wochen in der gleichen edlen Aufmachung erschien wie das Original: Für 75 Euro bekommt der Leser einen Pappschuber mit drei in Leinen gebundenen Hardcoverbänden.

Kein Porno wie jeder andere

Obwohl Alan Moore in verschiedenen Statements klar und deutlich sagt, dass er hier ganz gezielt Pornographie produzieren wollte, hebt sich Lost Girls ganz klar von dem ab, was man sich landläufig darunter vorstellt und ist weder Schmuddel- noch Hochglanzporno. Bereits die hochwertige Aufmachung, aber auch der Zeichenstil und die Erzählweise machen unmissverständlich klar, dass die sexuelle Erregung des Konsumenten hier nicht allein im Vordergrund steht. „Was wir bieten wollten, ist ein Stück Pornographie, das so künstlerisch, intelligent und schön ist, dass es einige der möglichen Schamgefühle bei den Käufern umschifft“, so Alan Moore im Interview mit der FAZ.

Lost Girls ist ein literarisches Spiel, mit einer ganz ähnlichen Ausgangsbasis wie Alan Moores League of Extraordinary Gentlemen – nur eben mit sehr viel mehr Sex. Hier wie dort nimmt Moore berühmte Figuren der Unterhaltungsliteratur aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert, lässt sie aufeinandertreffen und gemeinsam etwas erleben. Während die Figuren in LOEG jedoch in ihrem angestammten Milieu bleiben (Action/Abenteuer/Fantasy), sieht es in Lost Girls ganz anders aus: Es sind Charaktere, die wir als junge Mädchen in Kinderbüchern kennengelernt haben und die wir jetzt plötzlich als Erwachsene bei sexuellen Ausschweifungen erleben. Jede der drei offenbart den anderen Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit, was Moore Gelegenheit gibt, die Klassiker Peter Pan, Alice im Wunderland und Der Zauberer von Oz sexuell zu interpretieren. In Sigmund Freuds Traumdeutung gelten Träume vom Fliegen als Ausdruck sexueller Wünsche, „und in Peter Pan wird viel geflogen“, sagt Alan Moore (ebenfalls im FAZ-Interview). In Form von Flashbacks erzählen die drei Protagonistinnen von ihren ersten sexuellen Erfahrungen. Bei Wendy gab es intime Begegnungen mit Peter Pan, aber auch mit Captain Hook, bei Dorothy mit Löwe, Blechmann und Vogelscheuche und bei Alice mit der Herzkönigin. Moore und Gebbie nehmen also bekannte Figuren und Motive aus den Kinderbuchklassikern und interpretieren sie (porno)grafisch. Das allein wäre aber kaum sonderlich innovativ – schon in den Tijuana Bibles der 20er Jahre Jahre vögelten bekannte Comicfiguren oder Filmstars in Comicform miteinander. Und in den unzähligen Fanfiction-Archiven im Internet findet man massenhaft erotische und/oder pornografische Geschichten mit bekannten Charakteren. Ist Lost Girls also nichts weiter als Femslash? Im Grunde ja, aber ein sehr ambitioniertes Exemplar.

Vor dem Orgasmus kommt der Formalismus

 Auf der zeichnerischen Ebene bekommt jede der drei Hauptfiguren einen ganz eigenen Look. Je nachdem, welche von ihnen gerade aus ihrer Vergangenheit erzählt, wechseln Zeichenstil und Seitenlayout. Melinda Gebbie orientiert sich grafisch stark am Jugendstil, dessen Popularität zum Zeitpunkt der Handlung von Lost Girls auf dem Höhepunkt war. In anderen Abschnitten imitiert sie die Stile bekannter Künstler jener Epoche, z.B. Alfons Mucha, Egon Schiele oder Aubrey Beardsley. Die bunten, oft lieblichen Farben und der naive, manchmal fast kindliche Look der Bilder ergeben immer wieder starke Kontraste zu den abgebildeten sexuellen Aktivitäten.

Formal ist Lost Girls ein waschechter Alan Moore. Wie in den meisten seiner Comics umgibt er seine ausufernden Geschichten mit einem strengen Rahmen: Jedes der drei Bücher besteht aus jeweils zehn achtseitigen Kapiteln, die stets in sich geschlossen sind und fast immer einen symmetrischen Aufbau aufweisen. In den meisten Kapiteln schließt sich nach acht Seiten ein kleiner Kreis, man kehrt wieder zurück an den Ausgangspunkt, was sowohl inhaltlich als auch grafisch deutlich wird. Symmetrie vom ersten bis zum letzten Kapitel. Und Moore wäre nicht Moore, wenn er nicht auch hier wieder mit ganz speziellen Ausdrucksmitteln spielen würde, die es so nur im Comic gibt. Am deutlichsten wird das in den Kapiteln 4 und 5, bei denen die Hälfte der Seiten exakt identisch ist, nur mit anderen Dialogen. Zunächst verfolgt man ein Gespräch zwischen Alice und Dorothy, dann „spulen“ Moore und Gebbie praktisch zurück und erzählen im 5. Kapitel noch einmal das gleiche Geschehen, diesmal aus der Perspektive von Wendy und ihrem Mann.

Es ist nicht zuletzt dieser Formalismus, der Lost Girls zu mehr als irgendeinem Sex-Comic macht. Dazu kommen natürlich die zahlreichen Verweise, nicht nur auf die drei großen Kinderbücher, sondern auf den kulturellen und historische Hintergrund. Das erste Buch endet mit einem Besuch der Premiere von Strawinskis Ballett Le sacre du printemps, am Ende von Buch Zwei erfährt man im Hotel vom Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und Buch Drei endet schließlich damit, dass der Erste Weltkrieg hereinbricht. Die Hotelinsassen müssen fliehen, das freie und ungezügelte Leben endet jäh wie eine geplatzte Seifenblase.

Bis es soweit ist, bekommt der Leser zahlreiche Geschlechtsorgane in Aktion zu sehen, was spätestens im dritten Band auch ziemlich ermüdend sein kann. Irgendwann wirkt es allzu schematisch, wie sich Alice, Wendy und Dorothy immer wieder brav abwechselnd von früher erzählen und nebenbei immer neue Sex-Spielarten ausprobieren. Das hat dann durchaus auch mal Längen, zumal die Dialoge an manchen Stellen auch nicht viel intelligenter sind als bei üblichen Pornos. Vielleicht hätten etwas weniger als 240 Seiten auch gereicht. Nein, Lost Girls ist nicht Alan Moores bester Comic, und nicht jeder Alan-Moore-Fan muss ihn unbedingt gelesen haben.

Wer den hohen Kaufpreis nicht scheut und sich von deutlich dargestelltem Sex nicht abgestoßen fühlt, sollte trotzdem einen Blick riskieren. Lost Girls ist ein Comic, wie es ihn so kein zweites Mal gibt und schon dieses offensichtliche Anders-Sein ist Grund genug, sich damit zu befassen. Und wie bei allen größeren Werken von Alan Moore gilt: Es lohnt sich, diesen Comic mehr als einmal zu lesen! Das britische Webmagazin The First Post veröffentlichte übrigens im Frühjahr 2008 eine Auswahl von sechs Kapiteln aus Lost Girls in Form eines Webcomics (Achtung, dieser Link ist nicht fürs Büro geeignet!).

 

Lost Girls
Cross Cult
, Mai 2008
Text: Alan Moore
Zeichnungen: Melinda Gebbie
3 Hardcover-Bände im Schuber; farbig; 3x 112 Seiten; 75,00 Euro
ISBN: 978-3936480009

In jeder Hinsicht außergewöhnlich

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Bildquelle: www.cross-cult.de
Abbildungen © Melinda Gebbie, Alan Moore, Cross Cult