Alle Artikel in: Rezensionen

In dieser Rubrik finden sich alle Arten von Comic-Besprechungen, von den Kurzrezensionen im „Kri-Ticker“ bis hin zu ausführlicheren Einzelvorstellungen bestimmter Titel.

Aufzeichnungen aus Birma

 Aufzeichnungen aus Birma ist der dritte Teil der Trilogie von Guy Delisle, die mit autobiografischen Berichten aus dem chinesischen Shenzhen und dem nordkoreanischen Pjöngjang begann. Und es scheint mir das Dickste und Beste der Drei zu sein! Von daher meine empfohlene Lesereihenfolge 1. Birma, 2. Pjöngjang, 3. Shenzhen.

Gustav und Albo vom Aldebaran

 Kein Comic, sondern ein klassisches Bilderbuch für kleinere Kinder, aber für uns trotzdem interessant, denn Autor und Zeichner sind im Comicland keine Unbekannten: Die Story stammt von Haimo Kinzler (Herr Wüttner, Krigstein), die Zeichnungen von Leo Leowald (Zwarwald). Gemeinsam erzählen die beiden eine liebevoll-schräge Geschichte von einem außerirdischen Besucher.

Unter dem Hakenkreuz 1: Der letzte Frühling

 Das erste Comicalbum der Reihe Unter dem Hakenkreuz porträtiert das Leben der Menschen in einer rheinischen Kleinstadt zu Zeiten der sich in der Endphase befindlichen Weimarer Republik. Im Mittelpunkt der 1932 einsetzenden Handlung steht der Jugendliche Martin Mahner, der im Gegensatz zu seinem Vater dem Aufstieg der Nationalsozialisten skeptisch bis ablehnend gegenübersteht. Dann gibt es da noch Gunther, seinen besten Freund und eigentlich eine politisch wenig interessierte Persönlichkeit. Martin, der kulturbegeisterte Schüler, bekommt aber spätestens ab der Machtübernahme Hitlers 1933 hautnah mit, dass sich die Windrichtung auch in seinem Heimatort gedreht hat: ein Boykott jüdischer Geschäfte wird ausgerufen, SA-Männer kontrollieren die Straßen und auch Gunther scheint an der Nazi-Ideologie zunehmend Gefallen zu finden. Am meisten trifft ihn aber sicherlich die Tatsache, dass Katharina, die Tochter der neuen Nachbarn, auf die Martin ein Auge geworfen hat, jüdischer Herkunft ist und deswegen entsprechend in Gefahr lebt.

Paralleluniversum 2 – Quantenschaum

Ivo Kircheis veröffentlicht bereits seit über drei Jahren – früher täglich, nun wöchentlich – auf paralleluniversum.net  Comicstrips, aktuell sind es 447 an der Zahl. Oft stehen die einzelnen Folgen im Zusammenhang und es tauchen immer mal wieder etablierte Nebenfiguren auf. In den Paralleluniversum-Alben werden die Folgen dann gesammelt und gedruckt. Der zweite Band „Quantenschaum“ (nach „Urknall“, für den es eine lobende Erwähnung im Rahmen des ICOM Independent Comic Preises 2009 gab) ist im Frühjahr erschienen und wieder absolut lesenswert. Vom Format und dem autobiografischen Ansatz her wird hier zwar nicht das Rad neu erfunden, aber Ivos gnadenlose Selbstdarstellung, die ihm nicht immer zu seinem Vorteil gereicht, ist wahnsinnig sympathisch. Das Besondere an seiner Arbeit machen aber für mich zwei Dinge aus: erstens die für Comicstrips zum Teil sehr detaillierten und schön getuschten, schraffierten Zeichnungen. Und zweitens eine Achterbahnfahrt, was die Themen und vor allem den Tenor der einzelnen Folgen betrifft. Denn nicht nur von seinen Leben und seinem Familienalltag mit zwei Kindern erzählt Ivo, sondern zwischendrin auch gerne mal vom Welttoilettentag, von der fliegenden Kuh …

Das Ende der Welt

 In einer regnerischen Nacht geschieht ein schrecklicher Unfall: Eine Familie ist mit ihrem Wagen gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, da bei der Mutter die Wehen eingesetzt haben, als ein Baumstamm, durch das Unwetter entwurzelt, auf das Fahrzeug fällt.

Der Jude von New York

 Ein Mann im Gummianzug, der bevorzugt im Wasser spazierengeht. Ein wohlhabender Händler, der sich nur mit einem Handtuch kleidet und im Freien schläft. Ein Mann, der Geräusche sammelt, die die Menschen beim Essen und Trinken machen, um daraus ein Wörterbuch zu erstellen. Ein Unternehmer, der den Eriesee mit Kohlensäure anreichern und das Wasser per Pipeline direkt nach New York leiten will. Diese skurillen Gestalten (und das sind längst nicht alle) bevölkern Ben Katchors Comic Der Jude von New York, der im Jahr 1830 spielt.

Thomas der Trommler

 Ich muss gestehen, dass die Yps-Hefte nicht wirklich Teil meiner Kindheit waren. Die Rangfolge war damals vielmehr ungefähr so: Micky Maus-Magazin, unregelmäßig Fix & Foxi und ganz selten mal ein Yps-Heft in den Händen gehalten. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich Yps mehr mit Gimmicks als mit Comicgeschichten assoziiert habe. Urzeitkrebse und andere legendäre Beilagen sind aber selbst mir geläufig gewesen. Es ist jedoch erstaunlich, dass die jetzt erschienene Neuauflage von Thomas der Trommler den Nachweis liefert, dass ich offenbar früher doch richtig gute Stories verpasst habe.

Sleeper 3 – Die Gretchenfrage

Runde drei im exzellenten Thriller von Ed Brubaker und Sean Phillips. Während Doppelagent Holden Carver mehr denn je zwischen den Fronten steht, scheint er der Vorstellung, dass die Infiltrierung des Syndikats von Superverbrecher Tao ihn selbst zu einem realen Gefolgsmann von diesem macht, immer mehr abgewinnen zu können. Währenddessen entfacht der Kampf zwischen I.O.-Agent John Lynch, Carvers ehemaliger Auftraggeber, und Tao und nimmt deutlich an Brisanz zu. Denn eins ist klar: Lynch und Tao wollen endgültig mit dem anderen abrechnen, und beide versuchen, zu diesem Zwecke Carver für sich einzuspannen. Autor Ed Brubaker verleiht in diesem Band der Beziehung der beiden mächtigen Männer im Hintergrund eine zusätzliche Tiefe, besonders, indem er die langjährige Rivalität durch Rückblenden beleuchtet. Zudem steht die vorletzte deutsche Sleeper-Ausgabe für einen Schritt in der Entwicklung von Carvers Charakter, der von seiner ursprünglichen Rolle als Verbrecher eingeholt wird. Die Serie leistet sich keinen Durchhänger und weiß konsequent zu überzeugen. Da ist es tröstlich, dass nach dem Abschluss im Herbst rechtzeitig bei Panini (neben Criminal) die nächste Comicreihe vom Dreamteam Brubaker/Phillips parat steht: …

Reading Comics (US)

 Der amerikanische Journalist Douglas Wolk dürfte den meisten deutschsprachigen Comic-Liebhabern kaum ein Begriff sein. Auch in Nordamerika ist Wolk dem Mainstream-Comicleser wohl eher ein Unbekannter, da seine Rezensionen nicht auf den szene-üblichen Webseiten veröffentlicht werden, sondern vielmehr in Publikationen wie der New York Times, dem Rolling Stones Magazin oder auf Salon.com erscheinen. Dort schreibt Wolk regelmäßig Beiträge zu den Themen Comics – und Jazz. Seine Rezensionen zeugen von einer genauen Kenntnis des Stoffes und belegen, dass Douglas Wolk kein eingestaubter Feuilletonist ist, der notgedrungen das Medium Comics rezensiert, weil dieses immer mehr zum „ernst zu nehmenden“ Kulturgut wird. Wolk arbeitete bereits als Jugendlicher in den 80er Jahren hinter der Kasse eines Comicladens und ist ein großer Fan, wodurch er immer wieder voller Begeisterung von Comics zu berichten weiß.

The Life Eaters

 Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, Deutschland hat gewonnen. Gelingen konnte ihnen dies allerdings nur, weil im Juni 1944, kurz vor dem Sieg der Alliierten (zu dem es ja in der Realität dann auch kam), die nordischen Götter wahrhaftig auftauchten und den Krieg zugunsten der Nazis entschieden. Jahre später ist das erscheinen der Asen noch immer ungeklärt, die echte Identität der Götter ungewiss. Die Nationalsozialisten sind nunmehr nur noch formal die herrschende Gruppierung, denn eigentlich sind Odin und Thor die amtierenden Machthaber. Amerika ist wie weite Teile der Weltkarte okkupiert worden, lediglich verzweifelte Kampfhandlungen um die Freiheit führen wenige US-Soldaten noch. Unter ihnen befindet sich  auch Chris Turing, der sich zu Beginn des Bandes in einem U-Boot mit dem verbündeten Loki befindet, derm einzigen der Götter, der sich gegen seinesgleichen stellt.