Neueste Artikel

Fables 9: Wölfe

 Im Juni ist der neunte Band von Fables auf deutsch erschienen. Die Serie wird derzeit als das Flaggschiff von DC Vertigo gehandelt, inoffizieller, weil märchenlastiger Nachfolger der Sandman-Reihe und im Laufe der letzten Jahre überschüttet mit Eisner Awards. Zu Recht? Vielleicht. Der erste Gedanke nach dem Lesen: Diese Serie wird und wird nicht schlechter. Sicherlich ist Fables Mainstream und muss dementsprechend gefällig bleiben. Doch Autor Bill Willingham erzählt so ruhig und sicher, so frisch und fantasievoll, dass es eine Freude ist, wieder und wieder das verzauberte New Yorker Exil der Märchenfiguren zu betreten.

Hinzu kommt das freundliche und wunderbare Artwork von Mark Buckingham, der seit den ersten Seiten federführend mit dabei ist. Die Handlung konzentriert sich dieses Mal auf Bigby Wolf und Snow White. Der große Plot der Serie wird vorangetrieben und endet in einem runden Abschluss der ersten Storyline. Das Verhältnis zwischen Bigby und Snow klärt sich, Prince Charming erntet Anerkennung als Bürgermeister und den Fables gelingt es, dem Feind gegenüber Land wieder gutzumachen. Eine Koalition mit dem Reich in den Wolken wird angestrebt. Regelmäßige Leser der Serie werden zufrieden sein. Als Einstieg für neue Leser ist der Band nicht zu empfehlen.

Fables 9: Wölfe
Panini Comics, Juni 2009
132 Seiten; farbig; Softcover
Preis:14,95 Euro

Softcover jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen! Softcover jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

Rotkäppchen

 Dass man in alten Märchen und Sagen, zum Beispiel in den von den Gebrüdern Grimm überlieferten, jede Menge sexuelle Untertöne entdecken kann, ist keine ganz neue Erkenntnis. Ob diese nun bewusst oder unbewusst dort hineingelangten, man kann sie zweifellos finden. Wer heute die Grimm'schen Texte liest, braucht nicht besonders viel Fantasie, um sie als Sex-and-Crime-Geschichten zu interpretieren. Diesen Ansatz verfolgt Mart Klein in seiner Comic-Version von Rotkäppchen konsequent. Das Ergebnis ist eine mehr oder weniger pornographische Exploitation-Story.

Mart Klein, Illustrator aus Mainz, der diesen Comic als Diplomarbeit an der dortigen FH schuf, hält sich streng an den Originaltext der Brüder Grimm. Und der beginnt schon im allerersten Satz mit der Vorstellung von Rotkäppchen als „kleine, süße Dirne“. Nun war „Dirne“ in früheren Zeiten zwar ein ganz normales Wort für Mädchen oder Jungfrau, heute versteht man jedoch meistens etwas anderes darunter. Das tut auch Mart Klein – sein Rotkäppchen ist eine Prostituierte, und genau diese Linie wird weiterverfolgt. Und das auf nicht besonders subtile Weise: die Großmutter ist dann eben die Chefin eines Bordells, der Wein ist selbstgebrannter Schnaps, der Kuchen wird mit Haschisch gebacken. Hauptsache hart und nicht jugendfrei. Wenn Rotkäppchen dann dem Wolf begegnet, der sie fragt „Was trägst du unter der Schürze?“ kann man sich schon vorstellen, wie der Hase läuft. Der Hinweis „Empfohlen ab 18“ prangt jedenfalls nicht umsonst auf dem Cover, denn der Comic bebildert die Grimm'schen Worte so explizit wie möglich.

Besonders geschmackvoll ist Kleins Hardcore-Märchen nicht geraten. Die Posen und Outfits seiner weiblichen Protagonisten folgen gängiger Porno-Ästhetik, Rotkäppchens Charakter bleibt oberflächlich und konturlos. Das Bemühen, eine derbe und heftige Geschichte zu erzählen, nutzt sich sehr schnell ab, und bis auf zwei, drei kleine Gags am Rande gibt es kaum Humor in der Geschichte. Dabei würde ihr eine ironische Brechung, ein Augenzwinkern sehr gut tun (was zum Beispiel in der Grimm-Serie beim Zwerchfell-Verlag, wo im Jahr 2000 ebenfalls eine Rotkäppchen-Version „für Erwachsene“ erschien, hervorragend funktioniert).

 Zeichnerisch ist das durchaus professionell und eigenständig: die schwarz-weißen, realistischen Zeichnungen arbeiten sehr viel mit Schraffuren und geben dem Comic die passende dreckige Atmosphäre. Dazu passt auch das betont skizzenhafte handschriftliche Lettering und die groben, kritzeligen Rahmen um Panels und Sprechblasen. Die Schmuckfarbe Rot setzt Akzente und kommt natürlich gegen Ende der Geschichte besonders zum Einsatz, wenn es blutig zur Sache geht. Was Seitenlayout und Storytelling angeht, wird viel experimentiert. Klein hat einige gute Ideen und bemüht sich, fast jede Seite anders aufzubauen als die vorhergehende, dabei bleibt allerdings eine einheitliche Linie und ein klarer Erzählfluss auf der Strecke.

Aufgemacht ist diese erste Veröffentlichung des Unfug Verlags sehr hochwertig als Album mit Hardcover-Einband und gutem Papier. Der 21-seitige Comic wird ergänzt durch eine kleine Pinup-Galerie, Skizzen und ein Nachwort, in dem Mart Klein beweist, dass er sich durchaus intensiv mit dem Rotkäppchen-Mythos und seinen verschiedenen Varianten beschäftigt hat. Insgesamt ist Rotkäppchen ein durchaus ambitioniertes Werk, dem man ansieht, wieviel Eifer und Energie hineingeflossen sind. Nur leider kommt Klein erzählerisch nicht über eine derbe Jungs-Fantasie hinaus. Vielleicht ändert sich das ja in der Fortsetzung – der Unfug Verlag plant bereits eine Adaption von Schneeweißchen und Rosenrot.

Rotkäppchen
Unfug Verlag
, Juni 2009
Text: Gebrüder Grimm
Zeichnungen: Mart Klein
Hardcover; 28 Seiten; schwarz-weiß + rot; 19,80 Euro
ISBN: 3-9812872-0-2

Wüster Comic in edler Aufmachung

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © Mart Klein

Affentheater

 Eines vorweg: Affentheater ist einer der unkonventionellsten aber brillantesten Comicbände der jüngsten Vergangenheit. Und er ist vor allem eines: Geschmackssache. Mir jedenfalls hat er extrem viel Spaß gemacht, weshalb ich jedem nur empfehlen kann, sich unbedingt selbst ein Bild zu verschaffen. 

Es handelt sich um das erste Werk des kreativen französischen Duos Florent Ruppert und Jerome Mulot im deutschsprachigen Raum. Die beiden sprengen den Rahmen üblicher Autorencomics und wurden deswegen bereits 2007 als vielversprechendste Newcomer in Frankreich ausgezeichnet. Zu Recht, wie ich finde, denn ihre verschiedenen Geschichten um zwei Portrait-Fotografen sind verstörend, intelligent und hart an der Grenze des guten Geschmacks. Ruppert und Mulot experimentieren mit einem wilden Mix aus Situationskomik, Sitcom und grafischer Vielfältigkeit und stehen dabei thematisch stark an der Grenze des Zumutbaren. Ihr Handwerkszeug ist die moralische Gratwanderung: So fängt der Band verhältnismäßig harmlos an, indem ein Kind im Studio der Fotografen von eben jenen als kleine Tunte denunziert wird, und steigert sich etwa zu einem geplanten Post-Mortem-Porträt eines Mannes mit aufgeschlitztem Gesicht oder dem Besuch eines Maskenballs von Behinderten mit anschließender Orgie. Hört sich bedenklich an, ist aber trotz aller bitterböser Morbidität so herrlich bizarr und urkomisch, dass einem nur der Vergleich mit den Comics von Nicolas Mahler einfallen will. Ähnlich wie dieser operieren auch Ruppert und Mulot mit einem reduzierten Strich – die Gesichter der Figuren sind wenig bis gar nicht vorhanden, die der beiden Porträtkünstler erst recht nicht.

 Einen besonderen Clou stellen die unkontrolliert eingestreuten Phenakistiskope (abgebildete Scheiben, die  beim Drehen einen Bewegungsablauf erzeugen) und Stereoskope (doppelte Bilder, die einen räumlichen Effekt erzeugen sollen) dar, die eigentlich relativ unnötig sind, aber irgendwie so in die Geschichten eingebaut werden, dass sie Teil dieser werden.

Es sind einfach zu viele innovative Ideen, was Erzähltechnik oder grafische Einfalt angeht, als hier aufgelistet werden können. Besonders hervorheben möchte ich aber noch zwei Elemente, die mir besonders gut gefallen haben: Zum einen eine Kurzgeschichte, die allein mit Gebärdensprache erzählt wird und für die sogar eine Legende abgedruckt wird, damit der Leser auch folgen kann, und zum anderen die Story „Im Land der Pharaonen“, ein rassistischer derber Ausflug zweier Männer, bei dem man auch schon mal von unten nach oben oder von links und rechts gleichzeitig lesen muss.

Und ja, auch an sowas wie eine kohärente Rahmenhandlung haben die beiden Franzosen gedacht, denn zwischendurch kann man verfolgen, wie die Fotografen in einen Zoo eindringen, um dort entsprechende Aufnahmen zu machen. Die zwischendurch eingeblendeten, verschlüsselten Rätselmotive, so wird am Ende verraten, verbergen tierpornografische Bilder, derer sich die erwachsene Leserschaft durch ein ausgeklügeltes Faltsystem bemächtigen kann. Und nein, ich habe es noch nicht ausprobiert.

 

Affentheater
Edition Moderne; April 2009
Text & Zeichnungen: Florent Ruppert und Jerome Mulot
112 S., s/w, Klappenbroschur, 14,80€
ISBN 978-3-03731-043-4

unkonventionell, clever, bitterböse

Jetzt bei ComicCombo anschauen und bestellen!
Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

Abbildungen: © Edition Moderne

 

Interview mit Adrian vom Baur (Jazam!)

Cover von Jazam! 4Comicgate: Warum dreht sich im vierten Jazam!-Band alles um das Thema Monster? Und warum habe ich so lange darauf warten müssen?

Adrian vom Baur: Das Thema für Jazam! Vol. 4 wurde, wie auch schon bei den vorherigen Ausgaben, durch eine Abstimmung im Comicforum bestimmt, da Jazam! ja ein Gemeinschaftsprojekt sein soll und wir den Beteiligten und Lesern gerne dieses Mitbestimmungsrecht lassen. Zuerst haben wir uns redaktionsintern einige Vorschläge überlegt, dann im Forum weitere Ideen gesammelt und schließlich eine Auswahl der besten Themenvorschläge zur Abstimmung freigegeben. „Monster“ konnte sich mit einer klaren Mehrheit durchsetzen (33 von 75 Stimmen). Der Erscheinungsrhythmus hat sich bei jährlich eingependelt, jeweils zu den großen Messen in Erlangen (Comic-Salon) und München (Comicfestival).

Die Jazam-Redaktion auf dem Comicfestival München 2009
Die Jazam!-Redaktion auf dem Comicfestival München 2009: Florian Steinl, David Koslowski, Nico Simon, Veronika Mischitz, Adrian vom Baur (v.l.n.r.)
Foto: Christopher Bünte


CG: Wer steckt hinter dem Jazam-Projekt?

AvB: Die Redaktion besteht momentan aus David Koslowski, Veronika Mischitz, Nico Simon, Florian Steinl und mir. Ich bin für das Layout des Buches, den Kontakt zu den Künstlern und den Versand verantwortlich. Nico kümmert sich um finanzielle und steuerliche Angelegenheiten. Flo gestaltet unsere Webseite. Und David und Véro übernehmen verschiedene andere Aufgaben wie Händlerkontakte und Messeauftritte. Die Entscheidung, welche Comics ins Buch kommen und welche nicht, trifft immer die gesamte Redaktion.

CG: Erzähl mal: Wie sah der Arbeitsprozess für Jazam! 4 aus? Inzwischen dürftet ihr ja einige Routine haben …

AvB: Nach Bekanntgabe des Themas im Dezember 2008 haben wir die Deadline und sonstige Teilnahmebedingungen festgelegt und im Folgenden Zusagen von Zeichnern gesammelt. Zur Deadline trudeln dann die meisten Beiträge von alleine bei mir ein, wobei man bei manchen Zeichnern natürlich ein paar Mal nachhaken muss. Wenn die Comics da sind, mache ich das Layout fertig und hole Angebote von Druckereien ein. Schließlich werden die Daten dann zum Druck gegeben und die Online-Vorbestellungen gesammelt. Bei den ersten drei Ausgaben lief das eigentlich so ähnlich, nur dass wir mittlerweile die Zeiträume etwas besser einschätzen können.

Monster von Dirk Erik SchulzCG: Was ist der Comic-Jam? Ihr kündigt das ja auf dem neuen Cover an …

AvB: Ja, richtig, Vol. 4 enthält einen Comic-Jam, bei dem verschiedene Künstler nacheinander je eine Seite eines Comics gestaltet haben. Dieser hatte keine vorgegebene Story, sondern konnte von jedem Teilnehmer nach Belieben weitergesponnen werden. Wir haben frühzeitig mit der Aktion begonnen und die Zeichner im Voraus kontaktiert und ausgewählt, so dass zur Deadline tatsächlich alle Seiten fertig waren, auch wenn es ein paar Mal zu Verzögerungen kam.

CG: Wer hat denn alles bei dem Comic-Jam mitgemacht? Und wie lang ist er am Ende geworden?

AvB: Die 14 Künstler sind alles Zeichner, die bereits in früheren Ausgaben etwas beigesteuert hatten. Da außer Nico Simon und Florian Steinl, die zusammen die erste Seite gestaltet haben, jeder Zeichner eine eigene Seite hatte, sind es am Ende 13 Seiten geworden (zuzüglich einer Einleitungsseite mit einer Illustration von Ambroggio). Die Teilnehmer – außer den schon genannten – waren Bastian „Lapinot“ Baier, Anna-Maria Jung, Ulf Salzmann, Dirk Erik Schulz, Till Felix, Robert „Groobert“ Mühlich, Beni Merk, Ray Subahri, David Koslowski, Veronika Mischitz, Moritz von Wolzogen und ich.

CG: Der dritte Jazam!-Band hatte stolze 220 Seiten. Schafft Ihr dieses Mal wieder so viel?

AvB: Dieses Mal werden es sogar ein paar mehr, nämlich circa 350! Wir haben einfach so viele gute Einsendungen bekommen, dass weniger nicht gereicht hätten. Und das, obwohl wir auch mehr Absagen geschrieben haben als bei den ersten drei Ausgaben.

Jazam4-Seite von VéroCG: Kennt ihr jeden eurer Zeichner persönlich?

AvB: Viele kennen wir von Messen oder anderen Gelegenheiten oder hatten zumindest über Webseiten wie das Comicforum und DeviantArt mit ihnen Kontakt. Ein großer Teil der Einsendungen kommt aber immer auch von Zeichnern, von denen wir zuvor noch nie gehört haben.

Jazam4-Seite von Boris ZatkoCG: Wie ist denn das ungefähre Verhältnis zwischen neuen und schon bekannten Zeichnern?

AvB: Etwa zwei Drittel der Zeichner in Vol. 4 waren schon einmal oder mehrmals dabei, das andere Drittel ist neu, wobei es für ein paar davon sogar die erste Print-Veröffentlichung darstellt (was man bei der hohen Qualität vieler Beiträge kaum glauben mag). Unter den Neuzugängen sind aber auch bekanntere Namen wie Boris Zatko (s. Seite rechts), Stefan Dinter und Michael Vogt.

CG: Wie finanziert sich Jazam? Rechnet sich das?

AvB: Bei den ersten beiden Ausgaben haben wir noch etwas Verlust gemacht, beim letzten Mal kamen wir etwa bei Null raus. Wir geben die Bücher immer erst kurz vor den Messen in Druck, so dass wir zur Bezahlungsfrist bereits einige Einnahmen durch Vorbestellungen und Messeverkäufe gemacht haben. Den Rest steuern wir zunächst aus eigener Kasse bei und hoffen, dass die Kosten durch die folgenden Online-Bestellungen gedeckt werden. Geld verdient wird mit Jazam! also nicht wirklich. Aber wir haben so viel Spaß dabei, dass wir gerne unsere Zeit investieren.

Jazam4-Panel von Till FelixCG: Wer kauft Jazam, wer sind Eure Leser?

AvB: Ein nicht gerade geringer Teil der Käufer besteht aus unseren Zeichnern, die zum Teil mehrere Exemplare kaufen, um sie in ihrem Bekanntenkreis weiter zu verkaufen oder zu verschenken. Auf Messen sind unter den Käufern auch viele Comicsammler, die sich auf die deutsche Szene spezialisiert haben. Über die restlichen Käufer weiß ich nichts Genaueres, vermutlich sind es einfach Comicinteressierte jeder Art.

CG: Wird es ein Jazam! 5 geben?

AvB: Bisher spricht nichts dagegen…

CG: Lieber Adrian, vielen Dank für das Gespräch!

Nachtrag der Redaktion: Aufgrund von Problemen der Druckerei wurde das Gros der Jazam!-4-Bände (PDF-Leseprobe) nicht rechtzeitig zum Comicfestival fertiggestellt (wir berichteten per Twitter). Seit dieser Woche sind endlich alle Exemplare angeliefert und können hier bei Jazam für 15,- Euro  zzgl. Versandkosten bestellt werden – wie natürlich auch die vorherigen Bände (Band 1 momentan ausverkauft).

Links zum Thema
Homepage: www.jazam.de
häufig aktualisiertes Blog: jazam.de/blog
Leseprobe des vierten Bandes (PDF)
Thread zu Jazam! 4 im Comicforum
Feedback-Thread zu Jazam! 4 im Comicforum

Jazam!-Logo © jazam.de
Abbildungen © die jeweiligen Künstler
Foto © Christopher Bünte

Donjon 6: Der verlorene Sohn

CoverVor mehr als zehn Jahren wurde in Frankreich die Idee eines äußerst ungewöhnlichen und dennoch sehr erfolgreichen Comics geboren, der in drei unterschiedlichen Epochen spielen sollte, der an seinem Ende über 300 Ausgaben zählen sollte und dessen Figuren als blutrünstige aber dämliche Monster und (un)heldenhafte Enten konzipiert waren. Seit diesem ursprünglichen Grundgedanken hat sich der Comic zu einer regelrechten Hydra entwickelt, der mit jeder neuen Veröffentlichung ein weiterer, grotesker Kopf wächst und so jeglicher Konzeption der Serie trotzt. Die Väter dieser Idee waren die französischen Comic-Künstler Lewis Trondheim und Joann Sfar und ihr Titel lautete Donjon. Im Hause Reprodukt erschien nun mit Donjon 6: „Der verlorene Sohn“ der neuste Spross in der Donjon-Familie.

Die Stadt VaucansonWährend sich die beiden ergänzenden Epochen, „Morgengrauen“ und „Abenddämmerung“, und die alternativen Einschübe der „Monster“-Reihe stets neuer Titel erfreuen durften, wartete man bei der „Zenith“-Reihe bereits seit Herbst 2007 auf die nächste deutsche Ausgabe. Diese Wartezeit hat nun ein Ende, denn mit „Der verlorene Sohn“ wächst der Donjon-Hydra ein neuer Kopf. Nachdem der letzte Band der Reihe etwas unglücklich für die Helden rund um den Protagonisten Herbert endete, macht sich die Gruppe auf den Weg nach Vaucanson, die Stadt der Enten und Heimat von Herbert. Der verstoßene Sohn sucht dort mit seinen Gefährten nach einer Möglichkeit den Donjon zurückzugewinnen.

Wie bereits bei seinem Vorgängerband, „Hochzeit mit Hindernissen“, hat auch diesmal wieder Boulet den Stift geschwungen. Im Gegensatz zu den vielen anderen französischen Zeichnern, die sich im Dienste der Monster und des Donjons verdingt haben, schafft es Boulet aber nicht, dem Comic seine ganz persönliche Note zu verleihen, wie er dies in anderen Comics, wie z.B. in La Rubrique scientifique, gemacht hat. Nur manchmal taucht ein wirklich expressives und explosives „Tong Deum“ aus dem Maul von Marvin auf, das den Leser aus der grafischen Monotonie herausreißen soll. Doch ansonsten hält sich Boulet an einen serienmäßigen Fahrplan, den es aber seit dem ersten Donjon-Band so nie gab.

In der ArenaDie Schuld an diesem nur mittelmäßigen Donjon-Album allein auf den Zeichner zu schieben, wäre aber nicht fair. Auch seine Schreiber-Kollegen, Lewis Trondheim und Joann Sfar, die ansonsten immer wieder durch schnelle Wechsel von Schauplätzen, philosophischen Diskursen im Schlachtgetümmel und verquerten Dialogen, die einen Quentin Tarantino beschämt zurücklassen würden, zu glänzen wussten, lassen ihren Einfallsreichtum hier missen. Bis auf ein kleines Logikspielchen zwischen den letzten beiden Automatenwesen,  die für den Ruhm von Vaucanson – benannt nach dem Erfinder der mechanischen Ente – bietet „Der verlorene Sohn“ nicht sonderlich viele neue Witze, Erkenntnisse oder Handlungsstränge. Die eigentliche Hauptplotline wird dabei sogar komplett in den Hintergrund gedrängt. So ist der sechste Band aus der Zenith-Reihe zwar Teil des Donjon-Universums, doch wirkt diese Episode zu sehr dem Gesetz der Serie angepasst. Die einzige Person, die wirklich etwas von dem Comic hat, ist der neue Nebencharakter, ein nach Abenteuer dürstender Postbeamter, der von den Erlebnissen der Protagonisten ganz überwältigt ist. Für den eingefleischten Leser ist jedoch nicht viel dabei, das ihn überraschen wird.

Donjon 6 „Der verlorene Sohn“
Reprodukt, Mai 2009
Text: Lewis Trondheim und Joann Sfar
Zeichnungen: Boulet

Softcover; 48 Seiten; 12,00 Euro

ISBN:3941099167

Leseprobe
Das Gesetz der Serie raubt den Spass

 

 

 

 

Jetzt bei ComicCombo anschauen und bestellen!
Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

 

Abbildungen: © Reprodukt


Criminal 3 – Grabgesang

Cover Criminal 3Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Ed Brubaker verdammt gute Crime-Storys schreiben kann. Das beweist er nicht nur momentan durch seine auf Deutsch erscheinende Wildstorm-Serie Sleeper (bei Cross Cult), sondern auch durch die bei Panini veröffentlichte Reihe Criminal, für die der der Autor abgeschlossene Kriminalgeschichten mit wechselnden Protagonisten konzipiert. Der jetzt vorgelegte dritte Band „Grabgesang“ beinhaltet drei Kurzgeschichten, die zwar jede für sich stehen, sich aber doch überschneiden, denn einige Personen tauchen auch in den anderen Erzählungen wieder auf. Der besondere Clou ist, dass sich alle drei Episoden im Nachhinein perfekt ergänzen und man als Leser bestimmte Geschehnisse chronologisch einordnen kann, weil sich manche Beziehungen und Hintergründe erst später offenbaren, wenn man mehrere Blickwinkel kennenlernt und sich Handlungsfäden überschneiden.
Ein wahres Glanzstück ist Brubaker damit geglückt, ist dieser Band, der in den 70ern spielt und die Geschichte von einem Boxer, einem Kriegsveteran und einer Femme Fatale enthält, nicht nur unheimlich gut und spannend geschrieben, sondern auch der beste der Serie bislang. Zeichner Sean Phillips ist natürlich der perfekte Partner für derart düstere und gewalttätige Comicumsetzungen, auch das macht Criminal immer wieder zum unaufgeregten aber brillanten Lesestoff.

Criminal 3: Grabgesang
Panini Comics, April 2009
104 Seiten, farbig, SC
Preis: 14,95 Euro

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

Wäscher – Pionier der Comics

Cover von Wäscher – Pionier der ComicsHansrudi Wäscher kommt in hohem Alter zu seinen Ehren. Für sein Lebenswerk erhielt er letztes Jahr einen Max-und-Moritz-Preis und dieses Jahr mit mittlerweile 81 Jahren den PENG!-Preis auf dem Comicfestival München; beide nahm er persönlich entgegen. Aus Anlass der letzteren Auszeichnung hatte Festivalleiter Gerhard Schlegel 42 der momentan erfolgreichsten deutschsprachigen Zeichner versammelt, um dem „Pionier der Comics“ in Deutschland Tribut zu zollen. Der Katalog zur Ausstellung enthält neben den Exponaten Vorworte von Gerhard Schlegel und Gerhard Förster (Wäschers Laudator beim PENG!) sowie ein Nachwort von Wäschers neuem Verleger Hartmut Becker.
Seine vielen großen Momente hat dieser Katalog, wenn sich die Zeichner von liebevoll über verspielt bis neckisch mit Wäschers Werk auseinandersetzen, seine Figuren neu interpretieren oder aber auf die Bedeutung eingehen, die seine Comics damals für die Kinder hatten. Dies führt jeweils zu sehr schönen und abwechslungsreichen Beiträgen. Des öfteren wurde auch das Konterfei oder gar komplett der Geehrte selber in die Zeichnungen eingebaut. Allerdings irritierten mich einige wenige Beiträge, die auf mich entweder uninspiriert oder für eine Hommage unpassend erschienen.
Ein insgesamt aber wunderbares, vielfältiges Album, das sicherlich jedem große Freude bereitet, der sich nur ansatzweise für die Geschichte der deutschsprachigen Comics interessiert. Denn neben der Vergangenheit in den Motiven zeigt es natürlich automatisch auch die enorme Stilvielfalt und Kreativität der Gegenwart. Lob an Gerhard Schlegel, die Künstler alle unter einen Hut zu bekommen.

Wäscher – Pionier des Comics
Edition 52, Mai 2009
60 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 13,- Euro

    

Paradise


Cover von ParadiseIm Splitter-Verlag macht man sich seit kurzem auch abseits des bewährten Programmes Gedanken und veröffentlicht jetzt auch abgeschlossene Serien im verkleinerten Format als sogenannte „Splitter-Books“ mit Hardcover und Schutzumschlag. Ob Zufall oder gewollt, das Vorhaben kommt einem doch bekannt vor, denn vermehrt setzen auch andere Verlage wie Ehapa mit den „All-in-one“-Editionen, Carlsen mit ihrer „Graphic Novel“-Abteilung oder aber auch Cross Cult auf abgeschlossene Einzelbände oder Gesamtausgaben kurzer Reihen in einem einzigen Band. Man wird abwarten müssen, ob auch diese Zweitschiene neben dem sehr gut etablierten Albenprogramm für Splitter zum Erfolg wird. Eine der ersten dieser Books heißt Paradise und ist eine ursprünglich vierteilige, französische Comicserie.

Darin stürzt die junge Ann Smith mit ihrem Flugzeug über Mauranien ab, einem der ertragreichsten Länder des afrikanischen Kontinents. Sie war ursprünglich unterwegs zu ihrem Vater, König Rodon, Herrscher von Mauranien, der sie kurz vor ihrem Ableben noch einmal zu sich bestellte. Als Ann Smith schließlich ohne Erinnerung an ihre eigene Identität in ihrer alten Heimat erwacht, muss sie sich auf die Suche nach ihrer Herkunft und dem Grund ihrer Reise begeben. Dass diese Suche nicht einfach verlaufen wird, machen die dort herrschenden Verhältnisse deutlich: Wilde Tiere und eigenwillige Eingeborene säumen ihren steinigen Weg, zudem befindet sich die Königstochter mitten in einem aufwogenden Krisengebiet, denn Amtsinhaber Rodon droht durch entschlossene Rebellen endgültig gestürzt zu werden.

Beispiel ParadiseNun, die Story von Benoit Sokal (Inspektor Canardo) hört sich letztlich spannender an, als sie tatsächlich ist. Vor allem fehlt es ihr an wirklich bemerkenswerten Wendungen und Spannungsbögen, stattdessen wirkt die Handlung vorhersehbar, besteht sie doch ausschließlich aus der Identitätssuche der Hauptperson. Leider recht uninspiriert hangelt sich die Erzählung durch diverse Plotelemente, wie etwa die Jagd auf die Thronerben, sowohl von den Gefolgsleuten ihres Vaters als auch von den Rebellen, oder aber auch das Mitschleppen eines schwarzen Leoparden durch den gesamten Band. Dann verwundert es auch nicht mehr, dass die designierte Thronerbin ohne Erinnerung eine verdächtige Kratzwunde auf ihrem Oberkörper bemerkt, von der jeder außer sie selbst weiß.

Interessanterweise hat Sokal zusätzlich an der Videospielumsetzung des Comics mitgearbeitet, und in der Tat erscheint die Story wie ein Videogame konzipiert. Nur verfolgt hier eben der Leser die Reise von Ann Smith durch deren Auge, ohne sie dabei selbst zu steuern. Der Weg führt durch diverse Szenarios, die gut als einzelne Level herhalten können und selbst Zwischen-und Endgegner (die unvermeidliche Konfrontation mit Rodon auf dessen Kriegsschiff) kann man mit ein wenig Fantasie ausmachen.

Beispiel ParadiseZwar ist die erzählerische Ebene etwas dünn für meinen Geschmack, von einem schlechten Comic möchte ich deswegen per se aber nicht reden. Denn gerade im grafischen Bereich macht Paradise einiges an Boden gut. Hier haben sich Benoit Sokal und Zeichner Brice Bingono viel Mühe gegeben, um das fiktive Land Mauranien so überraschend und abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. So ist der Comic zwar nahe dran an der afrikanischen Realität, dem Kreativduo gelingt es aber sehr gut, immer wieder kleine Details einzubauen, die davon abweichen und einem als Leser bewusst machen, dass man sich auf jeder neu aufgeschlagenen Seite nie sicher sein kann, welche neu entwickelten Elemente auf einen zukommen. Gerade einzelne Darstellungen, wie etwa die aus mehreren Ebenen bestehenden Mine, deren Aufzug von einem blinden Elefanten betrieben wird (!) oder das imposante Schiff Rodons, eine Art schwimmende Festung, deren Kanonen von Affen bedient werden, sind einfallsreich und imposant zugleich.

Insgesamt bietet sich in Paradise eine solide, aber letztlich zu seichte und vorhersehbare Geschichte, die Optik weiß allerdings durchaus zu überzeugen. Einen Blick ist dieser Band also allemal wert.


Paradise
Splitter-Verlag, April 2009
Text:
Benoit Sokal
Zeichnungen: Brice Bingono
208 Seiten, HC/Schutzumschlag; 24,80€
ISBN: 978-3-940864-15-4

gängige Story, einfallsreiche Darstellung

Jetzt bei ComicCombo anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!


Abbildungen aus Paradise ©
Benoit Sokal und Brice Bingono, der dt. Ausgabe Splitter Verlag

Die Legende vom Changeling 1

 Mit dem englischen Wort „Changeling“ bezeichnet die europäische Mythologie ein sogenanntes Wechselbalg, ein Baby also, das den Eltern ohne deren Wissen untergeschoben wird, während Elfen oder Geister das eigentliche Kind rauben. Ein solcher Changeling ist auch der kleine Peter Jobson, auch Scrubby genannt, von dem Pierre Dubois und Xavier Fourquemin in ihrem Comic erzählen.

Peter wächst bei seiner Familie in einer grünen Idylle auf, irgendwo auf den britischen Inseln während des 19. Jahrhunderts. Der Junge hat ein besonderes Verhältnis zur Natur, zu Pflanzen, Tieren und dem Wind. Eines Tages trifft er im Wald auf einen alten Magier, der ihm zeigt, dass es in der Welt zahlreiche Wesen gibt, die man auf den ersten Blick nicht sehen kann: Kobolde, Trolle, Elfen und so weiter. „Die Natur ist lebendig“, sagt der weise Mann zu Scrubby, „ die Wesen wohnen dort. Geh ein Bündnis mit ihnen ein und du wirst nie allein sein.“

 Doch das harmonisch-idyllische Landleben währt nicht lange. Scrubbys Familie beschließt, wegen Dürre und Hungersnot in die Stadt zu ziehen, nach London, wo dank der Industrialisierung gerade ein Aufschwung stattfindet, allerdings auf Kosten der schlecht bezahlten Arbeiter. Die Jobsons landen in einem erbärmlichen Elendsviertel, das von der grünen Natur nicht weiter entfernt sein könnte. Doch Scrubby findet sich schnell zurecht: Während sein Vater an kommunistischen Arbeiteraufständen teilnimmt, entdeckt er auch in der großen Stadt viele Spuren von fantastischen Wesen. Allerdings gibt es darunter auch solche, die nichts Gutes im Schilde führen, und die Stadt hat eindeutig mehr Grausamkeiten zu bieten als die freie Natur …

Die Legende vom Changeling ist eine äußerst angenehme Überraschung: Was äußerlich wie eine klassische Fantasygeschichte aussieht und zunächst auch so beginnt, entpuppt sich bald als ein Wechselspiel zweier Welten: der mystischen Sagenwelt und der harten Realität des Großstadtmolochs, wie sie z.B. auch Charles Dickens in Oliver Twist beschrieben hat. Beide Ebenen bringt Zeichner Xavier Fourquemin hervorragend zu Papier, sein bezaubernder Semi-Funny-Stil eignet sich bestens für diese Mischung aus fantastischen und realistischen Elementen, die durch die stimmungsvolle Kolorierung von Scarlett Mulkowski noch betont wird.

 Szenarist Pierre Dubois, der sich auch in anderen Publikationen schon eingehend mit Feen, Kobolden und anderen Fabelwesen beschäftigt hat, nimmt sich viel Zeit für die Einführung seiner Figuren und deren Lebenswelt. Das tut der Stimmung der Geschichte zwar gut, allerdings ist das Album, wenn die Handlung in Fahrt kommt und dramatisch wird, schon wieder zuende und lässt den Leser mit einem offenen Ende auf die Fortsetzung warten. Auf diese wird man zum Glück nicht lange warten müssen, der zweite Band (der aber noch nicht der letzte sein wird) erscheint bei Piredda bereits im August. Wenn Dubois und Fourquemin dann die Qualität halten, bekommt man mit ihrer Legende vom Changeling ein originelles Werk, das sich von gängiger Fantasy-Dutzendware abhebt und sowohl für (ältere) Kinder als auch für Erwachsene sehr lesenswert ist.

Die Legende vom Changeling 1: Die Missgeburt
Piredda Verlag
, April 2009
Text: Xavier Fourquemin
Zeichnungen: Pierre Dubois
Hardcover; 56 Seiten; farbig; 13,50 Euro
ISBN: 978-3-941279-27-8

Atmosphärische, originelle Fantasy

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

Abbildungen: © Piredda Verlag

Der kleine Christian

 Gleich mit zwei bemerkenswerten Bänden stürmt der französische Künstler Blutch (alias Christian Hincker) parallel die deutsche Comiclandschaft. Auffallend dabei ist die inhaltliche Annäherung von Blutchs Figuren zu seiner eigenen Biografie. So präsentiert sich in Blotch – Der König von Paris (erschienen im Avant-Verlag) ein überzeichnetes Alter Ego  des Franzosen, in Der kleine Christian, das bei Reprodukt erschien, finden Anekdoten aus Blutchs Vergangenheit ihren Platz.

Beiden Büchern ist aber ein gewisser offener Ansatz gemein, der den Leser rätseln lässt, welche Bruchstücke aus der Persönlichkeit des korpulenten Unsympathen Blotch oder eben des aufmüpfigen kleinen Christian direkt Aufschluss über die Realität des Künstlers geben. Allerdings kann man in diesem Fall stark davon ausgehen, dass viele Elemente der  Kurzgeschichten um den kleinen Christian sich an den wahren Erlebnissen des Autors zumindest orientieren und weniger völlig frei erfunden sind.

 Die Wahrnehmung des heranwachsenden Fünftklässlers ist geprägt von medialen Einflüssen, insbesondere von Comics und Fernsehen der 70er, völlig jungstypisch lauten seine Idole John Wayne, Lucky Luke oder Marlon Brando. Coole Helden also, die ihm als Vorlage dienen um seinen tristen Schul- und Familienalltag in Gedanken aufzupeppen. Blutch benutzt die ausufernde Fantasie von Christian dermaßen häufig als stilistisches Mittel, dass man kaum mehr Stellen findet, an denen Geschehnisse ohne Einblendung der infantilen Gedankenspiele stattfinden dürfen. Das ist letztlich aber genau der Punkt, der diesen Comic so interessant macht. Er ist nicht wirklich ernst zu nehmen, er ist aber auch nicht lustig (auch wenn sich ein subtiler Witz, der die Episoden durchzieht, nicht verleugnen lässt). Aber er weiß gekonnt mit überbordenden anarchischern Fantasiegeplänkeln seitens der Hauptfigur zu verstören und gleichsam zu unterhalten. Der kleine Christian ist auch eine Irrfahrt durch den kindlichen Geist, in dem beispielsweise die Frage, wie es denn aussähe, wenn Micky Maus nicht mit Minnie, sondern mit Klarabella zusammen wäre, durchaus auftauchen kann. Durch zahllose mediale und kulturelle Referenzen wird das nicht immer geradinige Erzählen anschaulich gemacht und das Lesen dadurch noch amüsanter.

 Blutchs Zeichnungen lassen sich nicht leicht klassifizieren, immerhin können seine schwarz-weißen Bilder schon mal mit unvorhersehbaren Details aufwarten oder vorherige Merkmale plötzlich variieren. Verzerrte Gesichter, je nachdem, ob eine Fantasie- oder Traumsequenz oder einfach nur eine spezifische Gemütslage ausgedrückt werden soll, sind da ebenso wenig eine Seltenheit wie ausgedehnte Sprechblasen oder unbestimmt eingeblendete Charaktere. Erst in der zweiten Hälfte des Bandes weisen die Zeichnungen eine rote Schmuckfarbe auf, die optisch frische Akzente setzen kann, aber wenig an dem verstörenden Gesamtkonzept ändert. Und das ist auch gut so.

 

Der kleine Christian
Reprodukt, April 2009
Text und Zeichnungen: Blutch
120 Seiten, schwarzweiß mit Schmuckfarbe
Klappenbroschur; 18€
ISBN 978-3-941099-15-9

Blühende Kindheitsfantasie

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen! 

Abbildungen: © Blutch / Reprodukt