Neueste Artikel

Die Bekehrung

alt

bekehrung1Mit Die Bekehrung legt der Schweizer Comickünstler und Architekt Matthias Gnehm sein neuestes Buch vor, an dem er immerhin drei Jahre gearbeitet hat. Über 300 Seiten entstanden im Zuge dessen. Es ist Gnehms Versuch, seine eigenen Erfahrungen mit der Zersiedelung des Schweizer Mittellandes zu verarbeiten und sie in eine emotionale Geschichte über Familie, Religion, erste Liebe und Missbrauch zu verweben.

Nach dem Lesen des umfangreichen Bandes bin ich der Meinung: Zum einen funktioniert die geplante Vernetzung der beiden thematischen Fäden nicht wirklich, zum anderen beweist sich Matthias Gnehm hier erneut als brillanter Geschichtenerzähler und Zeichner.

Aber der Reihe nach. In Die Bekehrung dreht sich alles um Kurt Koller, einen Architekturkritiker, der sich 2009 in sein schweizerisches Heimatdorf zurückbegibt, um den Verlauf der Zersiedlung seit den 80er Jahren bis heute zu dokumentieren. Dabei begegnet er einem alten Freund aus Kindheitstagen und dem Leser wird nach und nach das Leben des 14-jährigen Kurt durch Rückblenden enthüllt.

Es ist die Geschichte einer jungen Liebe: Der pubertierende Kurt schwärmt für die ein Jahr ältere Patricia. Um ihr näher zu kommen, beschließt er, sich der Bibelgruppe des leicht fanatischen Pfarrers Obrist anzuschließen. Daraus resultiert schließlich hohes Konfliktpotential zwischen den nichtgläubigen Eltern und der Religionsgemeinschaft, welches sich durch schlimme Vorkommnisse in Patricias Familie noch umso mehr verschärft. Der unsichere Kurt steht zwischen allen Fronten, möchte sich vom Bann des Pfarrers lösen, aber eben nicht von Patricia.

Matthias Gnehm gelingt die Darstellung des zerrissenen Kurt hervorragend, noch besser glückt ihm in diesem Comic nur die Darstellung des Pfarrers Obrist, der von seiner ganzen Mimik und Sprache eine gespenstische Ausstrahlung besitzt. Obrist wird hier nicht als Böser charakterisiert und auch bis zum Ende des Buches von Gnehm nicht mit seinen Fehlern konfrontiert. Umso deutlich wirken religiöser Wahn und angedeutete Perversität, die womöglich unter der freundlichen Oberfläche brodeln, beim Betrachter nach.

Die Bekehrung ist ein emotional höchst aufgeladener Comic, der das Geschehen in der kleinen Dorfgemeinschaft mit viel Nachdruck aufdeckt, ohne explizit auf die Probleme hinzuweisen.

bekehrung2Relativ lose, und leider wesentlich expliziter, schwingt nebenher die Thematik der Zersiedelung. Immer wieder zeichnet Gnehm breit angelegte Landschaften aus der Vogelperspektive, desöfteren wird man mit der Nase auf den Missstand der überbordenden Bebauung hingewiesen. Zum Schluss verabschiedet sich Kurt Koller gar mit seinem Bedauern darüber, wie sehr sich hier, in seinem Heimatort, doch alles verändert habe.

So schön der Schweizer Künstler auch Landschaften zeichnen kann und so sehr sein privates und berufliches Interesse an diesem Thema auch nachvollziehbar sein mag, hätte er sich doch lieber auf einen Bereich beschränken sollen.

Dann hätte auch der erwachsene Kurt Koller nicht Architekturkritiker sein müssen und man hätte nicht das Gefühl, dass Matthias Gnehm hier seine eigene Kindheit verarbeitet (was in Ordnung wäre, wenn der Comic als autobiografische Erzählung angelegt worden wäre).

In dieser Form fällt das Thema Zersiedelung jedenfalls eher als Störvariable auf, denn als zweiter ernstzunehmender Handlungsbogen. Man muss in diesem Zuge auch berücksichtigen, das nicht jeder Leser über Schweizer Landbebauung so gut Bescheid weiß und demnach auch nicht emotional daran gebunden ist. Gnehm setzt seine eigentlich fast schon poltische oder aufklärerische Intention nur ansatzweise um und schafft es nicht, diese für den Leser richtig greifbar zu gestalten.

Abseits davon ist Die Bekehrung ein ausnehmend gut gemachter Comic, weitaus weniger komplex und verstörend als das Vorgängerwerk Das Selbstexperiment, dafür sehr realistisch und emotional.

 

Wertung8 von 10 Punkten

Gefühlvolle Erzählung über Religion, Pubertät, Familie. Nur die Zusatzintention scheitert an ihrem eigenen Anspruch

 

Die Bekehrung
Edition Moderne, April 2011
Text und Zeichnungen: Matthias Gnehm
 304 Seiten, s/w, Softcover
Preis: 28,00 Euro
ISBN: 978-3-03731-074-8
Leseprobe

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen: © Matthias Gnehm / Edition Moderne

52 mal berührt: Captain Atom #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 32 von 52: CAPTAIN ATOM #1 von J.T. Krul und Freddie Williams II.

captain_atom
MARC-OLIVER: Der Held der Serie wird hier so mächtig, dass die Gefahr besteht, er könnte sich das eigene Hirn auflösen. Der Comic selbst ist nun nicht so furchtbar, als dass dem Leser das gleiche Schicksal blühen könnte, aber in einem undefinierten Schwebezustand bewegt sich die Geschichte leider schon. Captain Atom – der immerhin als Inspiration für Dr. Manhattan aus Watchmen Pate stand – ist mächtig mächtig, und er ist ein Held, und die beiden Fakten werden hier als gegeben definiert und nicht weiter hinterfragt. In der Praxis heißt das, er fliegt unmotiviert durch die Gegend, philosophiert in Gedankenmonologen vor sich hin und bekämpft nebenbei schlecht definierte generische Superschurken.

Wer er ist, was ihn zum Helden macht, warum er rumfliegt – alles Fragen, mit denen sich Autor J.T. Krul nicht aufhält, sehr zum Nachteil seiner Geschichte. Er will einen Comic über einen Helden machen, der aus mysteriösen Gründen so mächtig wird, dass er über seinen eigenen Aggregatszustand die Kontrolle verliert – so weit, so interessant, möchte man meinen. Aber leider ist da sonst so gut wie nichts dran, weder an der Figur noch an der Story: ein nacktes Konzept ohne so ziemlich alles, was eine Geschichte ausmacht.

Die Zeichnungen von Freddie Williams II und die Farben von Jose Villarrubia sind … seltsam. Einerseits sieht ihre Interpretation von Captain Atom schick und faszinierend aus, und es ist sicher auch absolut gewollt, dass er sich farblich und stilistisch stark von der Welt um ihn herum abhebt. Bis dahin ist es den Künstlern fraglos gelungen, ihre Vision umzusetzen. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass es Absicht ist, dass alles in diesem Comic – bis auf den Helden – so komisch und hässlich aussieht, als wäre bei der Produktion irgendwas schiefgegangen.

Will sagen: Hier existieren ein, zwei vielversprechende Ideen, aber weder der Autor noch die Künstler schaffen es, daraus eine auch nur halbwegs gelungene Comic-Story zu machen. Alles schwebt irgendwie unmotiviert im Raum rum, ohne dass irgendwas zu greifen wäre. Insofern hat man den Zustand völliger geistiger Schwerelosigkeit, vor dem sich Captain Atom fürchten muss, bei der Lektüre von Captain Atom eigentlich doch schon irgendwie erreicht.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


BJÖRN: Auf der ersten Seite philosophiert Captain Atom uninspiriert über das Menschsein herum, um zu verdeutlichen, dass der mächtige Held seinen Bezug zur Menschheit verliert. Das ist wichtig, weil J.T. Krul den Menschen hinter Captain Atom in diesem Heft völlig ignoriert. Derweil deutet ein Close-Up auf ein Rattenauge an, dass wir bald ein Rattenmonster als Schurken erleben dürfen. Auf der zweiten Seite kloppt sich ein sehr toll gezeichneter Captain Atom mit einem absolut nicht toll gezeichneten Riesenroboter. Kurz vor Schluss taucht das Rattenmonster auf und sieht auch spektakulär aus. Alles dazwischen geht dank völliger Übertuschung optisch den Bach runter.

Erzählerisch folgt uninspiriertes Technogeplapper auf uninspirierte Philosophie, am schlimmsten auf Seite 10, als Dr. Megala – des Comics Stephen Hawking mit Kaiju-Namen – fast eine volle Seite technopalavert, nur um den alten Witz vorzubereiten, dass Captain Atom das in einem Satz zusammenfassen kann: „Verwende ich meine Kräfte, sterbe ich.“ Uiuiui. Dann versucht er einen Vulkanausbruch in New York aufzuhalten. Ein echter Konflikt mit einem Antagonisten kann von Krul nämlich noch nicht präsentiert werden. Aber wurde Captain Atom nicht gewarnt, das seine Kräfte ihn umbringen könnten? Egal. Er ist ein Held und wat mutt, dat mutt. Und, tatsächlich, auf der letzten Seite stirbt er scheinbar.

Ist die Serie jetzt vorbei? Ist Captain Atom wirklich tot? Vielleicht wird er mächtiger denn je zurückkehren. So wie Obi-Wan Kenobi. Oder Jesus. Immerhin heißt die nächste Geschichte „Messiah Complex“. Und immerhin hätte J.T. Krul den Comic auch Dr. Manhattan: Year One nennen können. Und statt Captain Atom könnte man auch Watchmen nochmal lesen. Da hätte man mehr von.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Links der Woche: Mit Protesten gegen Persepolis, Frankfurter Preisträgern und Comicpiraten

Unsere Links der Woche, Ausgabe 37/2011:

 

Salafisten gegen Persepolis, Teil 2
Telepolis, Thomas Pany
Der tunesische Privatsender Nessma TV hat die Zeichentrickverfilmung von Marjane Satrapis preisgekröntem Comic Persepolis ausgestrahlt. In einer Szene gibt es ein Zwiegespräch zwischen der kleinen Marjane und Gott, der als bärtiger Mann dargestellt wird. Für bestimmte Strömungen des Islam (wie die in diesem Fall tonangebenden Salafisten) verstößt dies gegen das Verbot, Gott bildlich darzustellen. Mehrere hundert Menschen waren so empört, dass sie vorletztes Wochenende vor der Zentrale des Senders demonstrierten und offenbar beabsichtigten, das Gebäude in Brand zu stecken. In der vergangenen Woche zeigte der Sender nun eine Wiederholung des Films, was am letzten Freitag zu noch größeren Demonstrationen in mehreren tunesischen Städten führte. Interessant ist hier auch der Nachtrag in dem Telepolis-Beitrag, in dem betont wird, dass die Ausschreitungen das Meinungsbild einer kleinen Minderheit darstellen, die man jetzt, nach dem Ende des Ben-Ali-Regimes, öffentlich deutlicher zu sehen bekommt.

Sondermann 2011 – Bericht und Fotos
Splashcomics, Skrollan Kannengießer
Auf der Frankfurter Buchmesse wurde am Samstag wie jedes Jahr der Comic-Publikumspreis „Sondermann“ verliehen. Splashcomics listet alle Preisträger auf und fasst die Verleihung zusammen.

Deutscher Cartoonpreis 2011
Ebenfalls auf der Buchmesse wurde der vom Calrsen Verlag gestiftete Deutsche Cartoonpreis vergeben. Gewonnen hat in diesem Jahr Piero Masztalerz.

Das Comic-Stipendium 2012 der Ehapa Comic Collection!
Ehapa Comic Collection
Auch Ehapa schreibt einen Wettbewerb aus: Wer bis zum 16. April 2012 ein Exposé sowie acht fertige Seiten eines Comics zum Thema „Heimat 2.0“ einreicht und die Jury überzeugen kann, erhält ein Stipendium von 5.000 Euro, das dem Künstler ermöglichen soll, den Comic in Ruhe fertigzustellen. Dieser soll dann in der ECC veröffentlicht werden.

 

The Comic Book Pirate Interviews, Part I
iFanboy, Jim Mroczkowski
Das US-Comicportal iFanboy hat ein ehemaliges Mitglied der Comic-Raubkopierszene kontaktiert und anonym interviewt. Mittlerweile ist er ausgestiegen, davor hat er jahrelang pro Woche bis zu 20 Comichefte eingescannt und in Filesharing-Netzwerken verteilt. Das Interview gibt einen interessanten Einblick in die Motivationen der Filesharer und zeigt auch, dass die sich langsam durchsetzende Strategie der Verlage, ihre Comics von Anfang an auch (legal) digital anzubieten, ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Following Up
Fleen
Im Frühjahr machte die Studentin Mia Wiesner von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig eine Online-Umfrage unter Lesern von digitalen Comics. Unter anderem wurde gefragt, welche Genres die Leser bevorzugen und welchen Preis sie für digtale Comics zu zahlen bereit sind. Das Webcomic-Newsblog Fleen zeigt und interpretiert die interessanten Ergebnisse.

THE AVENGERS (2012) – erster offizieller Trailer – deutsch
YouTube, marvelde
Letzte Woche wurde der erste Trailer für das große Superhelden-Kiino-Event 2012 vorgestellt: The Avengers, das Zusammentreffen der Helden, auf das Marvels Filmstudio in zahlreichen Filmen hingearbeitet hat. Die ersten Bildern sehen ehrlich gesagt noch nicht nach dem ganz großen Wurf aus, aber wir vertrauen einfach mal auf das Händchen von Regisseur und Nerd-Liebling Joss Whedon, dass das trotzdem was wird.

{source}
<iframe width=“590″ height=“330″ src=“http://www.youtube.com/embed/cF-oI-jJlqE“ frameborder=“0″ allowfullscreen></iframe>
{/source}

52 mal berührt: Blue Beetle #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 31 von 52: BLUE BEETLE #1 von Tony Bedard und Ig Guara.

blue_beetle
MARC-OLIVER: Man sollte meinen, dass es für „junge, unverbrauchte Figuren“ – oder zumindest für das, was man bei DC darunter versteht – mehr Ansatzpunkte gäbe, als das Spider-Man-Konzept zu klauen und daraus irgendeine blutarme Kopie zusammenzuklabüstern. Leider schlägt nach Static Shock aber auch Blue Beetle in diese Kerbe – bloß, dass man hier statt kübelweise schlechter Exposition zur Abwechslung mal wieder auf Blut, Gedärme, Massenmord und grausig entstellte Leichen setzt.

Gab’s ja auch erst so selten bei den „New 52“.

Das alles ist insbesondere deshalb so tragisch, weil es sich bei Held Jaime Reyes um eine Figur handelt, die mal ausnahmsweise nicht weiß und anders als die meisten anderen DC-Helden auch noch nicht im fortgeschrittenen Rentenalter ist. Und am Ende heißt’s wieder, schwarze oder hispanische Figuren würden sich schlecht verkaufen. Bedard und Guara sind rein handwerklich gerade so im grünen Bereich, aber das ist auch schon das größte Kompliment, das man Blue Beetle aussprechen kann. Was hier angeboten wird, ist uninspiriertes, seelenlos runtergespultes schlechtes Mittelmaß, das durch übertriebene Brutalität von seiner Einfallslosigkeit abzulenken versucht. Braucht kein Mensch.

ZOOM-FAKTOR: 3 von 10!


BJÖRN: Hola, Señor Fresco. Hast du eigentlich gemerkt, dass der Comic an der Grenze zu Mexiko spielt?

Ich kann an Blue Beetle schon positivere Seiten erkennen als du: Das Grundkonzept ist nicht verkehrt. Der blaue Käfer ist keine Superkraft, sondern eine Waffe, die den Besitzer völlig übernimmt und ihn zwingt, Dinge zu tun, die er nicht tun möchte. Das ist althergebracht, aber durchaus tragfähig und wird ordentlich eingeführt. Außerdem werden Monsieur Mallah und The Brain erwähnt. Und jeder Comic, der meine Lieblingsromanze zwischen sprechendem Menschenaffen und Gehirn im Glas zurückbringt, kann nicht ganz schlimm sein.

Er kann aber trotzdem schlimm genug sein, was daran liegt, dass Tony Bedard hier mit verkorksten Dialogen epischen Ausmaßes um sich wirft. Was auf den ersten paar Seiten das völlig übertriebene Alien-Sprech ist, werden später spanische Worte und Phrasen, die bis zum Erbrechen in jeden Dialog eingestreut werden. ¡Ay, caramba! Außer die Figuren kommen aus Deutschland oder Frankreich, dann müssen sinnlose Brocken Deutsch oder Französisch eingestreut werden („The verdammt thing is cursed“). Dabei will Bedard claremontiger als Claremont sein und schafft es, den Lesefluss völlig zu zerstören. Ich bin mir sicher, es gibt eine subtilere Art zu zeigen, dass dieser Comic einen Helden hat, der Chicano ist.

Immerhin geschieht in dieser Ausgabe etwas, ein Plot ist erkennbar und den Splatteranteil empfinde ich als deutlich annehmbarer als in anderen Neustarts. Nur ist beides nicht genug, um mich dafür zu interessieren, wie es weitergeht. Und für das unsinnige „Fußball ist ein Mädchensport“-Klischee gibt’s auch keine Liebe von mir. Ich glaube, stattdessen kaufe ich mal lieber die Hefte aus Keith Giffens und Cully Hamners Neustart von vor ein paar Jahren, die sollen nämlich wirklich gut sein. Will sagen: ¡Váyase, Escarabajo azul!

ZOOM-FAKTOR: 2 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

52 mal berührt: Birds of Prey #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 30 von 52: BIRDS OF PREY #1 von Duane Swierczynski und Jesus Saiz.

birds
MARC-OLIVER: Die Vorgängerserie lief kommerziell recht gut und hatte in Gail Simone zudem eine Autorin mit einem guten Ruf und einer gewissen Anhängerschaft. Da sollte man eigentlich meinen, dass es einen triftigen Grund geben müsste, wenn DC trotzdem nach nur einem Jahr und vollkommen ohne Not die Pferde wechselt, Birds of Prey generalüberholt und mit neuem Personal wieder ins Rennen schickt.

Leider lässt sich dieser triftige Grund hier nicht feststellen. Die erste Ausgabe zeigt einen weitgehend kompetent ausgeführten Allerwelts-Action-Thriller mit leider sehr austauschbar wirkenden Hauptfiguren – nicht mehr und nicht weniger. „Weitgehend“ kompetent, weil es zweimal holprig wird: das erste Mal, wenn Black Canary vier Seiten lang an einer ins Fleisch schneidenden Schlinge baumelt, zwischendurch offenbar vom Autor vergessen wird und dann Zeit für ein ausgiebiges Flashback hat, bevor sie gemächlich ein Messer zückt, mit dem sie sich losschneidet; das zweite Mal, wenn einer der Angreifer am Schluss seine Maske verliert und das Gesicht darunter dem seines Opfers ähnelt – ist das Absicht von Seiten des Autors und Zeichners? Oder ist es nur zufällige Ähnlichkeit? Ich bin an der Stelle als Leser verwirrt, denn es wird nicht ersichtlich, was ich mit der Szene anfangen soll. Schlechtes Storytelling, das.

Das Ende kommt zwar überraschend, verhallt aber im leeren Raum, denn man lernt hier keine Figur gut genug kennen, mit ihr fiebern zu können, und der Plot selbst bleibt auch vage und generisch. Vollkommen verzichtbare Nummer.

ZOOM-FAKTOR: 4 von 10!


BJÖRN: Angeblich hat Bill Jemas damals bei Marvel die Rückblende als Erzähltechnik verboten. Sollte dem so sein: Kann DC bitte, bitte, bitte endlich Bill Jemas anheuern? Birds of Prey ist beileibe nicht der einzige Neustartcomic, der mit Rückblenden durchsetzt ist, aber er ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Besonders wenn die Rückblenden völlig sinnlos sind, so wie es die zweite Rückblende ist, die zu zwei weiteren unnötigen Rückblenden führt.

Insgesamt ist Birds of Prey einmal mehr solide Hausmannskost. Nicht wirklich schlecht, nicht wirklich groß. Saiz‘ Zeichnungen sind ordentlich, aber unspektakulär. Das Heft sieht aus wie dutzende andere Hefte des Neustarts. Die Handlung bewegt sich langsam voran, aber wenigstens bekommen wir eine große Actionszene, auch wenn die nicht so kickt, wie es die Einzelteile (unsichtbare Attentäter, zwei Actionheldinnen und ein Oldtimer in einer Kirche) versprechen. Black Canary bleibt weitgehend undefiniert, aber ich mag ihre Partnerin Starling, die ein neues Element im DC-Universum darstellt. Pistolenschießende Action-Lady, die ganz eindeutig Spaß an der Sache hat? Gefällt mir. Gerne mehr davon. Wobei auch Swierczynski es nicht schafft, mehr als zwei seiner vier Hauptfiguren (wenn ich dem Titelbild glauben darf) in dieser Ausgabe unterzubringen. Auch daran sollte man arbeiten.

Oh ja. Und was es mit dem Angreifer auf sich hat, habe ich auch nicht verstanden. Ich dachte auch zuerst, dass er das selbe Gesicht wie sein Opfer haben sollte. Aber Black Canary geht danach nicht weiter darauf ein. Insofern …

Insgesamt ist Birds of Prey solide, aber dröge. Ein Einzeltitel mit Starling in den richtigen Händen (doch wieder Gail Simone?) könnte hingegen wirklich Spaß machen.

ZOOM-FAKTOR: 4 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

52 mal berührt: Batman #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 29 von 52: BATMAN #1 von Scott Snyder und Greg Capullo.

batman

MARC-OLIVER: Hey, ist Capullo nicht der Typ von Spawn und X-Force? Ist er, und er hat sich beachtlich entwickelt. Was umso erstaunlicher ist, als er sich verhältnismäßig rar gemacht hat und seit den frühen 1990ern nur an etwas mehr als einer Handvoll Serien substanziell beteiligt war. Capullos Stil hat zwar natürlich von Jim Lee, Andy Kubert und Co. kräftig was mitbekommen, ist aber trotzdem noch als „Capullo“ identifizierbar und ganz schön anzuschauen – und eine Geschichte unfallfrei in Bildern erzählen kann der Mann auch, wie man hier sieht. Zumindest bis auf die Szene, in der Bruce Wayne seine Zukunftsvision für Gotham City vorstellt, die im Bild dann doch arg weniger spektakulär aussieht, als die Story es zu erfordern scheint.

Davon abgesehen, ist es aber eher Scott Snyder, der etwas enttäuscht. Den Verkaufszahlen nach toppt Batman #1 die September-Charts im US-Markt, und man muss das fast schon wieder als vertane Chance einordnen. Nimmt der Geschichte irgendjemand den Mordverdacht gegen Dick Grayson ab, den Snyder hier konstruiert? Da bin ich selbst bei kompletten Neueinsteigern skeptisch. Wenn man mit Batman halbwegs vertraut ist, kann einem diese Finte jedenfalls höchstens ein Augenrollen entlocken. Schlimmer noch: Wenn das Snyders Ernst ist, dann lässt er sogar Batman als Deppen dastehen, wenn der – im Gegensatz zur versammelten Leserschaft – als einziger seinen Partner verdächtigt.

Auch der Rest der Geschichte gibt nicht viel her. Es ist prinzipiell ’ne gute Idee, neben Batman auch Bruce Wayne mal so etwas wie einen Auftrag für Gotham zu geben. Aber erschöpft der sich wirklich in ein paar großen, Dubai-mäßigen Mega-Wolkenkratzern? Was soll das bringen?

Ich hab hier den Eindruck, dass Snyder seinen Lesern und sich selbst viel zu wenig zutraut. Der Mann kann doch schreiben, wie man am Szenenaufbau oder den Dialogen (oder an Swamp Thing) erkennt – warum also so eine lahme Geschichte als Einstieg? Man kann das Heft nicht mal als schlecht bezeichnen, eher als mutlos und etwas unglücklich. Ich werd hier dranbleiben, aber das ist eher ein Vertrauensvorschuss, der sich aus Snyders anderen Sachen speist. Vielleicht kommt der überraschende Kniff ja in der nächsten Ausgabe.

Selbst wenn’s so ist, wäre das allerdings immer noch mindestens einen Monat zu spät, um von einem wirklich gelungenen Start sprechen zu können.

ZOOM-FAKTOR: 6 von 10!


BJÖRN: Den Vertrauensbonus gebe ich Snyder auch, aber auf Grundlage des Heftes: Direkt am Anfang darf Batman sich im Arkham Asylum einmal durch die Greatest Hits seiner Schurkengalerie prügeln (plus Professor Pyg), ohne dabei ins Schwitzen zu geraten. Das sieht schick aus und macht Lust auf mehr. Vor allem aber sagt es: Wenn Batman sich so leicht durch eine Sammlung seiner wichtigsten Gegner möbelt, dann hat Snyder hier Größeres mit ihm vor. Und ich vertraue ihm da so weit, dass Größeres nicht in einem Debakel enden wird, wie damals die Einführung von Hush durch Jeph Loeb.

Insgesamt empfand ich Batman als einen ansprechenden Mix aus Superheldenaction, Detektivarbeit und Einblick ins Leben Bruce Waynes, der keine größere Schwäche zeigt. Und Snyder schafft es sogar, die „Wer ist wer“-Boxen sinnvoll zu erklären, die in Legion of Super-Heroes am Ende so lächerlich werden.

Ich persönlich mochte den Cliffhanger: Ja, es ist völlig klar, dass Dick Grayson nicht der Schurke ist. Aber als Anreiz, die nächste Ausgabe zu kaufen, reicht es mir. Die Frage für mich war: Wieso taucht Dicks Name da auf? Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das befriedigend zu erklären, vielleicht sogar unter Rückgriff auf die Actionszene am Anfang des Comics, und ich denke, Snyder schafft das.

Greg Capullo beeindruckt mich schwer: Das Spawn-Element kommt der Darstellung des nächtlichen Gotham City sehr entgegen, die Actionsequenz fetzt und ich mag die leicht übertriebene, cartoonhafte Mimik von Jim Gordon und Harvey Bullock. Nur in den Bruce-Wayne-Passagen – also: bei Licht betrachtet – knickt Capullos Artwork ein. Bruce, Dick, Damian und Tim sehen sich jenseits von Haarschnitt und Körpergröße viel zu ähnlich. Und dann kommt auch noch Lincoln March dazu, der ebenfalls Bruce Wayne mit etwas glatterer Frisur ist? An der Stelle muss Capullo nachbessern. Dafür zeichnet er einen großartigen Batman. Die Art, wie Batman kurz vor Schluss durch das nächtliche Gotham schwingt, ist richtig schnieke. Noch dazu schafft der Mann es, das doof aussehende neue Kostüm durch geschickten Einsatz von Schatten und Cape in fast jedem Panel zu verbergen. Auch das halte ich ihm zugute.

Für meinen Geschmack ein sehr zufriedenstellender Einstieg in die Welt des Batman.

ZOOM-FAKTOR: 7 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Holy Terror (US) – Rezension von Björn Wederhake

Holy TerrorDie Vorgeschichte zu Holy Terror dürfte weitgehend bekannt sein. Frank Miller entscheidet irgendwann nach dem 11. September 2001 (der ihn offensichtlich stark bewegte, wie z.B. die klar an 9/11 angelehnte Doppelseite in The Dark Knight Strikes Again zeigte), dass er einen Comic machen möchte, in dem Batman Herrn Bin Laden so richtig schön aufs Maul haut. So wie das Captain America im Zweiten Weltkrieg mit Adolf Hitler gemacht hat. Dann wurde es still um das Projekt. Man vermutete, es wäre inzwischen begraben, nur um dann zu erfahren, dass es immer noch lebt. Aber nun ohne Batman, da Miller meint, mit der Figur des Batman nicht so weit gehen zu können, wie es für diesen Comic nötig wäre. Und nun, etwas zu spät für den 10. Jahrestag der Attentate vom 11. September und einige Monate nach dem Ableben Osama Bin Ladens, ist Holy Terror bei Legendary Comics erschienen.

Kollege Wüllner hat den Comicgate-Rezensionsreigen eröffnet und ist meiner Ansicht nach ein wenig zu vorsichtig vorgegangen, da er keine klare abschließende Bewertung vornehmen möchte, auch wenn er die Handwerkskraft lobt und das Islambild kritisiert. Ich finde, man kann Holy Terror allen Umständen zum Trotz als „Ding an sich“ bewerten. Und das unter zwei Maßstäben:

1. Ist Holy Terror ein guter Comic?
2. Ist Holy Terror erfolgreiche Propaganda?

Denn genau das soll Holy Terror ja laut Frank Miller selbst sein: Propaganda.

Und in dieser Hinsicht beginnt Miller direkt mal sehr wuchtig, mit einem Mohammed-Zitat: „If you meet the Infidel, kill the Infidel.“ Damit sind die Samthandschuhe ausgezogen und noch ehe die Geschichte beginnt, ist klar, dass es hier nicht vorrangig um oder gegen Al-Quaida geht, sondern um oder gegen den Islam im Ganzen. Sonst hätte Miller mit einem sicher ähnlich saftigen Zitat von Mullah Omar oder Osama Bin Laden begonnen. Das Zitat nutzt er ohne Quellenangabe. Keine Sure, kein Vers. Und in dieser exakten Ausformung findet es sich bei Google nur in Verbindung mit Holy Terror. Möglich, dass Miller hier Sure 9 Vers 5 des Koran („Und wenn die verbotenen Monate verflossen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt.“) propagandistisch direkt nochmal verschärft.

Ich versuche die zwei Fragen mal voneinander zu trennen.

Frage 1: Ist Holy Terror ein guter Comic?

Seite aus Holy TerrorKollege Wüllner hat absolut Recht. Es gibt Passagen in Holy Terror, in denen man sieht, warum Miller noch immer als Meister seines Fachs und einer der wichtigsten Comicmacher des letzten Vierteljahrhunderts gilt. Am Anfang des Comics haben wir eine Verfolgungsjagd mit anschließendem Kampf/Sex zwischen dem Fixer (vormals Batman) und Natalie Stack (vormals Catwoman), die absolut atemberaubend ist. Ganzseitige Zeichnungen, in denen Miller Bewegungen in einer Art und Weise andeutet, in der ihm immer noch kaum jemand das Wasser reichen kann. Die Wucht und Explosivität der Schläge und Tritte ist beim Lesen fast fühlbar. Und die Art, wie er ganze Städte in wenigen Strichen abstrahiert zu Papier bringt, ist ebenfalls noch immer spektakulär. Dazu verteilt er Regen und Blut inzwischen per Pinselschlag so kräftig auf den Seiten, dass mir das Adjektiv „pollock’sch“ in den Sinn kommt.

Ein anderer … nein, der andere grandiose Moment in Holy Terror folgt, wenn Miller die Opfer eines Terroranschlags in vielen Panels portraitiert, dann ein langsames Fade Out folgt und er anschließend über zwei Seiten immer mehr und kleinere leere Panels präsentiert. Das ist ein ungeheuer wirkmächtiger Moment und visuell eine richtig starke Idee.

Nur haben wir einen Fachbegriff für solche Momente in Holy Terror: Ausnahmen.

Für jede Seite, auf der Miller zeigt, dass er es immer noch drauf hat, bekommen wir vier Seiten vorgesetzt, auf denen Miller zeigt, warum man ihm in den letzten Jahren zunehmend skeptisch begegnet ist. Jedes Miller-Klischee lässt sich in Holy Terror finden. Die farbigen Schuhe und Lippen, die Regensequenz, Sex und Gewalt als Einheit, Abziehbilder der Schreibweise eines Hard-Boiled-Groschenromans, die Converse-Sneaker, nuttig gekleidete Frauen, die Metallgegenstände werfen, sexy Ninjas und fliegende Autos. Wäre das hier kein Frank-Miller-Comic, ich wäre felsenfest überzeugt, die Parodie eines Frank-Miller-Comics in den Händen zu halten.

An seiner Schreibe aus All-Star Batman & Robin, The Boy Wonder scheint Miller auf jeden Fall Gefallen gefunden zu haben. Überall müssen möglichst viele „gottverdammts“ untergebracht werden („What the hell’s a goddamn nail doing stuck in my goddamn leg?“), alle Figuren widerholen ihre Sätze zwei oder drei Mal („He’s right on my ass. Right. On. My. Ass. What is his goddamn problem. All I did was steal a diamond bracelet. And now he’s right on my ass.“) und die Interpunktion. Ist. Vielfach. Völlig. Willkürlich.

Seite aus Holy TerrorEinzig die totale Fixierung auf Schuhsohlen, wenn auch vorher schon in Ansätzen vorhanden, erreicht eine neue Stufe. Wenn ihr Fans von Schuhsohlen aus jeder möglichen Perspektive seid, von Großaufnahme bis Weitwinkelperspektive, dann ist Holy Terror ab jetzt euer Heiliger Gral.

Dazu kommt, dass Millers Begeisterung für Pinselkleckse, mehr Linien und hinterlassene Fingerabdrücke wunderbar funktioniert, wenn er eine ganze Seite als Panel nutzt und Raum hat, um um die Linien herumzuerzählen. Aber in den kleineren Panels stört es den Lesefluss, weil Miller eine Pause erzwingt, in der man erst einmal identifizieren muss, was da überhaupt auf der Seite zu sehen ist. Und dann kommt der Aspekt, dass das Artwork auf den späteren Seiten immer liebloser wird, immer uneleganter, hässlicher, geschluderter. Wer an Millers Zeichnungen in The Dark Knight Strikes Again Anstoß nahm, der wird auch hier nicht glücklich werden. Das kann man wie Daniel als visuelles Signal interpretieren, dass ab diesem Zeitpunkt der „Krieg“ beginnt. Ich interpretiere es als visuelles Signal, dass Miller jetzt bewusst war, dass er den Comic nicht bei DC verlegen wird und darum über weite Strecken angefangen hat, an Details und Mühe zu sparen.

Hinzu kommt, dass viele Seiten anmuten wie Designpornographie: Schick anzusehen, ja, aber der Story nicht eben zuträglich. In Eisner/Miller hat Frank Miller gesagt, er brauche „hunderte Seiten“ um diese Geschichte zu erzählen: Tatsächlich kommt er mit deutlich weniger Seiten aus. Und realistisch wäre er mit noch weniger Seiten ausgekommen, würde er nicht so oft ganze Seiten für Bewegungsstudien nutzen, die als Print sicher unheimlich toll, aber für den Verlauf der Geschichte nicht wichtig sind. Und das öfter erwähnte 24-Panel-Gitter? Ja, Miller nutzt 24 Panels auf einer Seite. Aber es sind 24 Panels mit fast identischen Talking Heads. Es ist eine völlig mit Text überflutete Seite. So was würde ich anderen Künstlern nicht durchgehen lassen, warum also Miller dafür einen Blankoscheck ausstellen?

Wobei „für den Verlauf der Geschichte“ impliziert, dass es einen sinnigen Plot gibt. Dem ist aber nicht so. Der Aufhänger der Geschichte ist klar: Pseudo-Batman jagt Pseudo-Catwoman, Kampf, Sex, Terroranschlag, Rache. Aber ab dem Moment, in dem der Rache-Part beginnt, versucht Holy Terror nicht einmal mehr, stringent zu erzählen: Dinge passieren, weil Miller sie auf dieser Seite gerade braucht. Und damit das nicht so abrupt geschieht, führt Miller sie auf der Seite davor kurz ein. Übrigens, ich habe einen Mann bei der Polizei. Übrigens, die Armee arbeitet mit mir zusammen. Hier ist der jüdische Geheimdienst-Superheld mit seinen Ninja-Schnecken, die wir nie wieder sehen werden.

Seite aus Holy TerrorEin Glanzstück ist die Szene, in der Fixer warnt, dass die Terroristen Stinger-Raketen haben und genau wissen, wo jeder andere Terrorist gerade ist. Warum Fixer das weiß? Weil es der Plot erfordert. Denn bis dahin hat er weder einen Terroristen getroffen, noch gesehen was passiert ist. Alles was er mitbekommen hat, ist, dass mehrere Nagelbomben explodiert sind. Und nur aus dieser Beobachtung heraus weiß Fixer alles, was er über den weiteren Verlauf der Handlung wissen muss. Nichts wird eingeführt, nirgendwo wird hingeleitet, alles taucht auf, wenn Miller danach ist und verschwindet dann wieder im Nichts. Plötzlich haben die Moslems ein Kampfflugzeug, weil man ja mit irgendwas die Gerechtigkeitsstatue in die Luft jagen muss. Die Handlung springt von Hölzchen nach Stöckchen, ohne erkennbaren Sinn und irgendwann kommt aus dem Nichts das große Finale, weil ein großes Finale da sein muss.

In derselben Liga spielt die Charakterisierung: Der Fixer ist zunächst Batman, Natalie Stack ist zunächst Catwoman und irgendwann verhalten sie sich nicht mehr wie ihre DC-Konterparts, aber weiter charakterisiert werden sie auch nicht. Sie sind die Avatare, welche Millers Rachephantasien ausleben, sprechen wie jede Frank-Miller-Figur der letzten sechs Jahre, aber sie sind keine Figuren, die in irgendeiner Form interessant wären. Profillose Figuren funktionieren in einer packenden Geschichte. Aber profillose Figuren in einer Geschichte ohne erzählerische Meriten? Funktioniert nicht.

Als Comic ist Holy Terror also nicht völlig wertlos, dafür sind einige Sequenzen zu schön umgesetzt, aber Miller bleibt hier ganz klar meilenweit hinter seinen Möglichkeiten. Insgesamt gerät Holy Terror nicht einmal in den Verdacht, etwas anderes als schlecht zu sein.

Ich habe dazu in einigen Kommentarsektionen den Verweis gesehen, dass jedwede Kritik an Handlung und Figuren die Sache falsch anginge, da Miller hier ja Propaganda mache. So als gälten für Propaganda keine qualitativen Standards. Das stimmt allerdings nicht.

Casablanca ist ein Propagandafilm. Und Propaganda hin oder her, er gilt zu Recht als einer der besten Filme aller Zeiten. Weil er als Film funktioniert. Weil sein Zentrum ein romantischer Konflikt zwischen interessanten Figuren ist. Oder die Propaganda-Cartoons des Zweiten Weltkriegs. Bugs Bunny Nips the Nips, Herr meets Hare. Gerade der erste Cartoon vermittelt ein heute völlig inakzeptables Bild des damaligen Feindes als Untermensch … aber er funktioniert trotzdem als Bugs-Bunny-Cartoon und bietet all das, was ein Bugs-Bunny-Fan erwartet. Und Holy Terror funktioniert als Comic schlichtweg nicht.

Funktioniert er trotzdem als Propaganda?

 

Frage 2: Ist Holy Terror erfolgreiche Propaganda?

 

Seite aus Holy TerrorIch würde argumentieren, dass Holy Terror auch als Propagandastück nicht funktioniert. Wenn ich das Prinzip richtig verstehe, soll Propaganda den Leser dazu bringen, einer Idee oder These zuzustimmen, die der Autor vertritt. Idealerweise, ohne dass dem Leser dies überhaupt bewusst wird. Gut, bei Holy Terror war die Katze aus dem Sack, als Miller anfing den Comic offen als Propaganda zu bewerben.

Und, zugegeben, mit dem oben erwähnten Epigraphen legt Miller die Messlatte direkt mal ziemlich hoch und alle Moslems, die in Holy Terror vorkommen, entsprechen dem Feindbildschema: Wahnsinnig, heuchlerisch, mörderisch. Und alle in den USA. Die alte Angst vor der Invasion kommt wieder hoch. Das hier ist Red Dawn mit Moslems.

Amina, die Austauschstudentin aus einem nie genannten arabischen Land, kritisiert die Verkommenheit der USA, trinkt dann aber Alkohol und flirtet mit einem Mädel, ehe sie sich in die Luft jagt. Und die Moslems am Ende des Comics fesseln „Catwoman“ in bester Bondage-Manier, was diese in einer Caption nochmal explizit anmerkt. Nur haben wir hier ein gemischtes Doppel der Heuchelei. Diese zwei Passagen würden ihr Ziel dann erreichen, wenn es nicht das Element der sexy Lesbe und die Bondage-Fantasie (wir erinnern uns an Millers und Sienkiewiczs Idee für Wonder Woman: Bondage) wären. Beides bekannte Autorenfetische Millers.

Klar, Propaganda kann völlig verlogen sein. Der Propagierende darf anderen vorhalten, was er selbst zelebriert. Nur verliert es seine Wirkung, wenn die Doppelmoral so offen zu Tage gefördert wird.

Propaganda sollte zudem eindeutig sein. Aber Holy Terror enthält immer wieder Passagen, deren Bedeutung ich nicht verstehe. Millers Grundaussage (der Moslem an sich ist böse und will uns alle töten) ist deutlich genug und die Bilder von wütenden Moslem-Demonstranten, Muslimas mit Raketenwerfern, Sturmgewehren und Sprengstoffgürteln, die Szenen, in denen Daniel Pearl (?) enthauptet wird, ein Moslem seine Frau schlägt und Moslems an einer öffentlichen Steinigung teilnehmen, unterstreichen diese Aussage noch.

Seite aus Holy TerrorAber welche Funktion haben die Bilder von Politikern wie George W. Bush, Dick Cheney, Condoleezza Rice, Ariel Scharon, Hillary Clinton, Sarah Palin und Barack Obama? Seinem bisherigen Werk folgend, würde ich vermuten, dass Miller damit die gesamte Riege der Politiker als unfähig und damit ebenso gefährlich wie den Islam darstellen will. Ersichtlich wird das aber nicht. Diese Figuren tauchen – so wie ebenfalls Hamid Karzai, Kim Jong-il, Wladimir Putin und Michael Moore – plötzlich für ein Panel auf. Ich verstehe die Aussage nicht.

Und auch an anderer Stelle ist die Aussage unklar: Miller stellt Amerikaner, die einen Transformers-Film gucken, einer öffentlichen Steinigung gegenüber. Das Publikum des Transformers-Films sagt Dinge wie „epic“, „awesome“ und „kewl“, bei denen ich mir vorstellen kann, dass sie Miller missfallen. Aber auch hier: Was ist die Aussage? Hat der Westen für Miller seine primitiven Instinkte ins Kino verlagert? Oder will Miller damit die Popkultur des Westens kritisieren? Würde er damit nicht seinen propagandistischen „wir gegen die“-Anspruch untergraben?

Ich gebe zu, immer wieder erlebte ich solche Panels, die mich völlig verwirrt zurückließen: Da ist ein Panel, in dem sich ein Tor (?) mit einem Davidsstern öffnet. Dahinter: Feuer? Chaos? Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch hier nicht, was es bedeutet: Soll das symbolisieren, dass das Chaos des Islam den Judaismus zerstören wird? Ist das Kritik an Palästina? Soll es zeigen, dass Israel das „Tor“ ist, das den Westen vor dem chaotischen Islam beschützt?

Vielleicht hätte ein Propaganda-Comic einen anderen Zeichner gebraucht, möglicherweise Jim Lee. Denn visuelle Propaganda arbeitet oft mit klaren Gut-/Böse-Darstellungen. Der blonde Held, der dunkelhaarige Schurke. Man denke an Storm Saxon aus V for Vendetta. Und, ja, Millers Moslems sind visuelle Stereotypen. Aber seine Amerikaner, die Opfer des islamischen Terrorismus, sind visuell ebenfalls in weiten Teilen nicht attraktiv dargestellt. Mit Ausnahme der niedlichen Katze (die sich in die Reihe der Opfer einfügt) vielleicht sogar ganz im Gegenteil.

Zwei der größten Probleme für Holy Terror als Propagandastück sind dabei noch nicht einmal genannt.

Das erste Problem ist, dass Miller sich scheinbar überhaupt nicht darüber im Klaren ist, welche Art von Propaganda er hier präsentieren möchte. Soll Holy Terror ein Propagandacomic im naiven Stile Captain Americas aus den Kriegsjahren sein? Oder soll der Comic als wirklich aktuelle, zeitgenössische Propaganda fungieren, die den realen Islam attackiert? Miller scheint in beide Richtungen gleichzeitig fahren zu wollen und dabei zerreißt es ihn.

Die letzte Seite von Holy Terror ist wie ein Schlag ins Gesicht. Und das meine ich im Guten. Es ist ein emotional aufwühlender Epilog über die menschlichen Folgen des Terrorismus. Über das, was nicht weggeht, den Schrecken, der nicht mit einem gezielten Schlag in die Kauleiste gelöst werden kann. Nur kommt diese wirklich großartige Seite nach fünfzehn Seiten, auf denen Miller uns gezeigt hat, wie weitere Terrorakte mit gezielten Schlägen in die Kauleiste, Kugeln ins Cranium, mit Raketen und Granaten verhindert werden können. In einer Kampfszene, die sich unter einer Moschee in einer von Archäologen freigelegten, uralten Stadt abspielt, die ein Volk von Wahnsinnigen erbaut hat. Das nenne ich mal einen Stilbruch.

Seite aus Holy TerrorUnd Politsatire, Wut und das Vermitteln echter Angst vor den „Feinden“ (und das soll die Propaganda hier doch scheinbar bewirken) werden dadurch konterkariert, dass die Feinde völlige Abziehbilder sind. Visuell als Muslime erkennbar, aber Amina könnte vom inneren Monolog her auch jede beliebige andere weibliche Frank-Miller-Figur sein und im Endkampf könnte man die islamischen Terroristen ohne weiteres durch Hydra oder A.I.M. ersetzen und es würde keinen Unterschied machen. Wir reden hier von „Durka Durka Mohammed Dschihad“-Terroristen à la Team America. Das hat vor fünfzig Jahren funktioniert, aber heute wirkt es so plump, dass es die ernsthaften Aspekte seines Comics (z.B. die Steinigung) direkt mit entwertet. Auch auf der Ebene ist Holy Terror also als Propaganda ineffektiv.

Das andere große Problem ist: Holy Terror kommt Jahre zu spät. Als zweites Ziel seines Comics hat Miller auf der diesjährigen Comic-Con angegeben, dass er hofft, der Comic würde die Leute so richtig anpissen! Und bei der Erregbarkeit des Comic-Internets wäre das ehrlich keine Leistung. Nur: So sehr Holy Terror unappetitliche Züge hat und ein mir überhaupt nicht gefälliges Welt- und Heldenbild entwirft (alle Moslems sind böse, während der Fixer begründet Terroristen explodieren lässt und sich ihnen gegenüber offen rassistisch gibt) … im Vergleich zu so vielen anderen Dingen, die seit 9/11 das Licht der Welt erblickt haben, nimmt sich Holy Terror erschreckend harmlos aus.

Es ist längst nicht so bewusst geschmacklos wie Team America. Die Folterszene ist unschön, aber im Vergleich zu der Art, in der Jack Bauer Islamisten und andere -isten (inklusive Zivilisten) „verschärften Verhören“ unterzogen hat, benimmt sich der Fixer wie ein Schulbub. Im Videospiel Homefront, in dem die USA von Nordkoreanern überrannt werden, kann man erleben, wie Feinde per Phosphor in Brand gesteckt werden und ihnen dann zusehen, wie sie unter Schmerzensschreien verbrennen. Wofür man das Achievement „Let ‚em Burn“ erhält. Homefront ist geschmacklose Propaganda für eine neue Generation, nicht Holy Terror.

Und das sind nur Beispiele aus dem Bereich Fiktion. Kann Millers Propaganda die öffentliche Diskussion überhaupt bewegen? Wenn man sich anguckt, welches Islambild ein Sender wie FOX News verbreitet, wenn man bedenkt, dass wirklich Stimmung mit der Sorge gemacht wurde, Barack Obama könne insgeheim ein Moslem sein, wenn man überlegt was im Forum von Spiegel Online selbst in Deutschland die Mitte der Gesellschaft von sich gibt, wenn man sich das Huibuh um die „Siegesmoschee“ betrachtet, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass viele Konservative Millers Holy Terror sogar als deutlich zu handzahm und harmlos ansehen könnten. Hey, ich habe schon vor einigen Jahren Watch on the Rhine gelesen, wo Aliens stellvertretend für den Islam Europa eroberten und nur die reaktivierte Waffen-SS den Isla… äh… die Aliens und die Linken, Grünen und sonstigen „verweichlichten Gutmenschen“ ausrotten konnte.

Und ganz ehrlich, im Vergleich dazu ist Frank Miller ein Waisenknabe.

 

Wertung: wertung2

Ein schlechter Comic und ineffektive Propaganda. Ein Fehlschlag auf ganzer Linie.

(Aber: Mit der abschließenden Widmung des Comics an Theo van Gogh weiß ich jetzt wenigstens, wie ich 300 aufzufassen habe. Damit war Holy Terror immerhin nicht ganz sinnlos.)

Zweite Meinung: Holy Terror-Rezension von Daniel Wüllner

 

Holy Terror
Legendary Comics
Text und Zeichungen: Frank Miller
120 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,99 US-Dollar
ISBN: 978-1937278007
Leseprobe (PDF)

Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!  Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Frank Miller, Legendary Comics LCC

52 mal berührt: Green Lantern Corps #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 28 von 52: GREEN LANTERN CORPS #1 von Peter J. Tomasi und Fernando Pasarin.

green_lantern_corps
MARC-OLIVER: Da ist ein Tippfehler auf der ersten Seite dieses Comics, in der ersten Sprechblase überhaupt, im allerersten Satz, den irgendeine Figur sagt. „If my weapon hadn’t have run out of juice“, sagt er. Spricht er vielleicht generell komisch? Nein, tut er nicht. Erste Eindrücke und so.

Auf den nächsten beiden Seiten glänzt das Heft dann mit einer Enthauptung und zwei … äh … Entrumpfungen. Blut spritzt, Gedärme spritzen. Am Ende folgt noch ein Genozid, inklusive blutig aufgespießter, knuffig aussehender Sympathie-Aliens. Man glaubt wohl, das Publikum am ehesten mit roher Brutalität beeindrucken zu können. Wobei sich natürlich die Frage stellt: Schockt uns noch irgendwas groß, wenn gleich am Anfang schon so wild drauflosgemetzelt wird? Gibt’s wirklich nur diesen einen, abgelutschten Weg, dem Leser mitzuteilen, dass der mysteriöse Schurke jetzt aber wirklich kreuzteufelsböse ist? Egal, die Macher scheinen sich die Frage jedenfalls nicht gestellt zu haben. Und ich schweife ab, wir waren ja erst auf Seite 3. Umblättern! Und dann? Blutiger abgetrennter Finger in Großaufnahme, sowie der Titel der Geschichte: „Triumph of the Will“. Man scheint sich beim Erdenken der Story also allgemein nicht so viele Fragen gestellt zu haben. Hilfe, es ist Seite 4. Noch so viel zu entdecken, so oft umzublättern.

Aber dankenswerterweise ist das, was sich zwischen der vierten und der letzten Seite des Hefts abspielt, viel besser als man vermuten würde, wenn man nur die ersten vier und die letzte Seite lesen würde. Hauptfiguren sind hier die beiden B-Green-Lanterns John Stewart (nicht zu verwechseln mit Jon Stewart) und Guy Gardner, und es macht unerwartet viel Spaß, denen zuzuschauen. Der Aufhänger ist dabei für die erste Ausgabe ausreichend, wenn auch längerfristig etwas wacklig: Die zwei – erfrischend unterschiedliche Typen – verfügen über keine Geheimidentitäten und haben’s deshalb nicht unbedingt ganz einfach auf der Erde, wenn sie mal nicht gerade ihre Kostüme tragen. Sie verstehen ihre Heldenrollen bei der paramilitärischen intergalaktischen Polizeibehörde, bekannt als Green Lantern Corps, daher auch als Ventil.

Zeichner Pasarin macht einen sehr ordentlichen Job und kann manchmal sogar richtig glänzen mit seinem polierten, J.-G.-Jonesigen Stil – auch Dinge wie Mimik, Gestik oder Alltagsklamotten überfordern ihn nicht. Tomasis Schreibe ist gelegentlich wieder etwas zu stelzbeinig und starr (siehe auch Batman and Robin), aber insgesamt nehme ich ihm seine Figuren hier ab. Der Comic gefällt mir viel besser als erwartet, trotz der bösen Schnitzer am Anfang und der unbeholfenen, als Originalitätsersatz zur Schau gestellten Brutalität. Wenn man langfristig nicht mit Crossover-Orgien rechnen müsste (immerhin gibt’s noch drei andere Green-Lantern-Serien) wäre ich einem Abo vielleicht nicht abgeneigt. Schade eigentlich.

ZOOM-FAKTOR: 5 von 10!


BJÖRN: Hey, wir gehen hier wirklich völlig d’accord. Bis auf den Schreibfehler, der fiel mir nicht auf. Mag daran liegen, dass ich davon abgelenkt war, dass auf den ersten vier Seiten volle sechs von 13 Panels Splatter in irgendeiner Form enthalten.

Und weil wir so übereinstimmen, hier ein Manifest: Ich habe das Gefühl, dass die Autoren der Hefte aus dem Spektrum Green Lantern an mangelndem Selbstbewusstsein leiden. Dass sie irgendwie das Gefühl haben, sich für ein Konzept rechtfertigen zu müssen, das oft als albern abgestempelt wird, besonders wenn die Leute auf die Gelbschwäche, die Holzschwäche oder Ch’p das Weltraumeichhörnchen verweisen. Und um zu zeigen, dass Green Lantern kein Kinderkram ist, sondern voll die Erwachsenenliteratur, muss man die Gewalt so stark aufdrehen, dass jeder mögliche Spaß verschwindet. Was eine echte Schande ist, weil das Konzept eigentlich gut ist: Weltraumbulle mit Zauberring. Und das in einem Comic! Einem Medium, wo keine Budgetgrenzen verhindern, volle Kanüle alles umzusetzen, was einem in den Sinn kommt. Und, mit Verlaub, scheiß auf die verächtlichen Schmunzler. Haters gonna hate. In einem Franchise, das immerhin vier von 52 Titeln umfasst (plus Justice League) sollte doch der Raum für eine Reihe sein – eine einzige Reihe! – die sagt: Wir verzichten auf die ganze düstergrimme Gewalt und hauen einfach mit dem Konzept voll auf die Kacke und haben Spaß dabei!

Und das Traurige ist: Green Lantern Corps könnte diese Reihe sein. John Stewart und Guy Gardner geben ein schön gegensätzliches Team ab. Logik und Hosenboden. Und beide sind gewillt, ihre Ringe direkt einzusetzen, um große, abstruse Konstruktionen zu erschaffen. Und Guy hat erkennbaren Spaß daran, eine Green Lantern zu sein und den Weltraumsheriff zu geben. Und dann ist da die Szene, in der Guy und John auf einem Satelliten sitzen und sich die Erde aus dem Weltraum angucken, was etwas ist, das ich auch tun würde, wenn ich so einen Ring hätte. Und Tomasi gibt Neulesern eine Chance in die Serie einzusteigen, statt so zu tun, als müssten alle schon alles über das Green Lantern Corps wissen. Ja, verdammte Axt, da ist so viel cooles Zeug zwischen Seite 4 und Seite 20, zumal noch echt schön von Fernando Pasarin und Scott Hanna aufs Papier gebracht, dass ich dieser Serie wirklich, wirklich, wirklich gerne eine Chance geben würde.

Und dann kommt die letzte Seite und wir haben wieder Genozid und Gedärm, weil unter Genozid und Gedärm kein Lantern-Heft mehr geht. Und das ist es, was mich an diesem Heft wirklich aufregt.

ZOOM-FAKTOR: 5 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

52 mal berührt: Grifter #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 27 von 52: GRIFTER #1 von Nathan Edmondson und Cafu.

grifter
altMARC-OLIVER: Nathan Edmondson hat mit Who Is Jake Ellis? einen ganz annehmbaren, wenn auch stark an die Bourne-Filme erinnernden Action-Thriller geschrieben – zumindest, was die ersten vier Hefte angeht, denn die letzte Ausgabe erscheint gerade erst diese Woche. Grifter geht in eine ähnliche Richtung: Ein Hochstapler und Trickbetrüger wird kurz nach seinem letzten Streifzug von mysteriösen Dritten entführt, die irgendwas mit ihm anstellen, bevor er wieder entkommen kann. Dieses Irgendwas führt dazu, dass er ihre Gedanken in seinem Kopf hört. Und los geht eine wilde Action-Spionage-Schnitzeljagd.

Grifter ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits mag ich Edmondsons und Cafus Art, diese Geschichte zu erzählen, durchaus. Das Heft liest sich gut und sieht recht schick aus. Andererseits fehlt es zu sehr an Originalität, und die Figuren bleiben allesamt – trotz vielversprechender Andeutungen – dann doch zu blass. Klar, eine Geschichte wie diese lebt auch davon, dass man als Leser genauso in der Luft hängt wie der Held. Aber insgesamt hält Edmondson dann doch etwas zu sehr hinterm Berg, was die Hauptfigur angeht. Und das letzte Panel ist auch wenig überzeugend.

Gut möglich, dass sich daraus noch ein guter, spannender Comic entwickelt. Aber nach dem Lesen des ersten Hefts sollte man sich diesbezüglich nicht mehr auf einen bloßen Verdacht verlassen müssen.

ZOOM-FAKTOR: 5 von 10!


 

BJÖRN: Fangen wir mit Cafus Zeichnungen und Jason Gorders Inks an, die sind nämlich echt schick anzusehen und die Kampfszene im Flugzeug (mal wieder) ist ziemlich gelungen. Auch ansonsten ist Grifter ein wirklich hübscher Comic.

Die Frage ist nur: Was will er mir erzählen? Ein Trickbetrüger wird von Energiewesen entführt, entkommt ihnen und wird nun gejagt. Sein Bruder ist beim Militär. Und der Trickbetrüger hat entweder 17 Minuten, 17 Stunden oder 17 Tage verloren, während die Energiewesen an ihm herumdoktorten. Mehr erfahren wir bisher weder über ihn, noch über eine andere Figur, noch über die Geschichte an sich. Die Action kommt zu kurz und die Mysterien sind nicht mysteriös genug, um Interesse zu wecken. Alles in allem fühlt sich das Heft sehr wie ein Prolog an, der erst in die eigentliche Geschichte einführt.

Fällt mir sonst noch was zu Grifter ein? Hm.

Habe ich schon gesagt, dass Cafu und Gorder einen guten Job machen?

ZOOM-FAKTOR: 3 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Interview mit Stephan Hagenow

Stephan Hagenow gehört seit vielen Jahren zu den produktivsten deutschen Comiczeichnern. Nachdem er sich lange Zeit eher trashigen Stoffen wie Rattenmeute, Samurella oder Joe Darling gewidmet hat, wendet er sich mit seiner Serie Kommissar Fröhlich dem klassischen Krimi zu. Thomas Kögel unterhielt sich per E-Mail mit dem norddeutschen Autor und Zeichner und traf auf einen selbstbewussten Künstler, der von sich und dem, was er tut, sehr überzeugt ist. Mit dem zynischen Kommissar Fröhlich hat er eine Figur geschaffen, die er als „eine Art großer Bruder“ bezeichnet, und einen Comic, von dem er sagt: „Ich habe zum ersten Mal im Leben das Gefühl, das absolut Richtige zu tun.“

 

Comicgate: Ich kenne dein Werk ehrlich gesagt noch gar nicht so lange. Der erste Hagenow-Comic, an den ich mich erinnern kann, stammt aus einem der ersten Perry-Hefte der Alligator Farm, glaube ich. Aber du bist ja schon viel länger dabei. Kannst du ein bisschen von deiner Comic-Laufbahn erzählen? Wie fing sie an und was waren die wichtigsten Eckpunkte?

Cover RattenfalleStephan Hagenow: Dabei bin ich seit 1986, von der ersten Veröffentlichung an gerechnet. Ich hatte aber schon vorher zehn Jahre lang Comics für die Schublade gezeichnet. Ich komme also noch aus dem alten Jahrtausend und habe somit die vielen Wandlungen und Trends in diesem Medium mitverfolgen können. Ein Eckpunkt war das Farbalbum Rattenfalle für den Alpha-Verlag … sowie diverse Veröffentlichungen im Magazin Schwermetall. Ab circa 1991 war ich einigen Lesern ein Begriff. Dann ging der Verlag leider in Konkurs. Das war eine sehr bittere Erfahrung, mitten im Karriere-Aufwind abgewürgt zu werden. Es hatte dann neun endlos lange Jahre gedauert, bis ich an meinen neuen Verleger Holger (Gringo Comics) Bommer geraten bin. Gringo Comics ist jetzt seit über elf Jahren mein Hausverlag. Seitdem sind dort viele (zum Teil recht wüste) Serien in unterschiedlichen Formaten erschienen.

Vor zwei Jahren habe ich dann endlich meinen klügsten, seriösesten und für mich wichtigsten Charakter geschaffen: Kommissar Fröhlich. Diese Figur zeigt eine andere Seite von mir, die des gnadenlosen Zynikers. Hier werden die psychologischen Duelle nicht mit Waffen, sondern mit Worten ausgetragen. Dies wird vermutlich die Serie sein, die mich die nächsten Dekaden beschäftigen wird … auch deswegen, weil es sich hier um meine persönlichste Figur handelt.

 

CG: Gemessen am Output könnte man denken, dass du rund um die Uhr Comics zeichnest. Würdest du sagen, dass das Comiczeichnen deine Hauptbeschäftigung ist? Und wenn ja, ist es auch deine Haupteinnahmequelle?

Seite aus Kommissar Fröhlich 4SH: So entstehen Legenden. Ich bin gar nicht so produktiv, wie viele glauben. Ich bin nur eher ein wirklich exzellenter Koordinator. Ich reiße in der Woche an fünf Tagen zu je vier bis fünf Stunden am Vormittag meine Comic-Zeit ab, inzwischen auch im Team mit Carsten Dörr (Fröhlich für ZACK) und Jürgen „Geier“ Speh (Tumba für Gringo Comics). Comics schreiben ist zwar nach wie vor meine Hauptbeschäftigung, aber nicht zwingend meine Haupteinnahmequelle. Ich war noch nie davon begeistert, mich von einer Quelle abhängig zu machen … Somit stehen mir viele Türen offen, wie zum Beispiel TV und Kino sowie diverse andere visuelle Medien. Nach über 30 Jahren treten zudem Ermüdungserscheinungen im Zeichnen auf … Darum ziehe ich das Schreiben bei Kommissar Fröhlich seit zwei Jahren deutlich vor. Hier liegt der wirkliche Kitzel und die dramaturgische Herausforderung. Die inzwischen fünf erschienenen Fröhlich-Bände bei Gringo unterstreichen dies recht gut – hoffe ich zumindest.

 

CG: Das bringt mich direkt zur nächsten Frage: Wie gehst du beim Schreiben eines Fröhlich-Comics vor und wie unterscheidet sich der Prozess (von der ersten Idee zum fertigen Buch) von deinen bisherigen Comics?

Seite aus einer Fröhlich-Story in ZACKSH: Der Prozess, also die Vorgehensweise, ändert sich eigentlich nicht groß. Ein Krimi folgt ja einer gewissen Logik im Ablauf. Ich fische mir meist eine interessante aktuelle Boulevard-Grundidee raus und erstelle dann ein Gerüst aus Anfang, Mitte und Ende. Der Rest ist dann Stückwerk. Manchmal entsteht sogar der Schluss zuerst. Das Puzzle setzt sich also aus vereinzelten Mosaiksteinen zusammen. Die Fröhlich-Shortstories für ZACK funktionieren inhaltlich allerdings etwas anders. Da mir pro Heft nur sieben Seiten zur Verfügung stehen, habe ich mich für einen Mix aus Realität und Fiktion entschieden. Hier liegt der Fixpunkt mehr auf den Charakteren, die sich dialogtechnisch traumwandlerisch die Bälle zuwerfen können. Ab Story Nummer 3 werden auch weitere interessante Nebenfiguren wie der leicht morbide Pathologe Wuttke eingeführt. Das ist dann nochmal etwas mehr Salz in der Suppe.

 

CG: Kommissar Fröhlich ist ja deutlich erkennbar in einer bestimmten Region (Landkreis Stade) angesiedelt und schmiegt sich damit auch an den Trend der Regionalkrimis auf dem Buchmarkt an. Wie wichtig ist der Schauplatz für die Kommissar-Fröhlich-Geschichten?

SH: Ja, Kommissar Fröhlich spielt unmittelbar bei mir vor der Haustür (durchs Küchenfenster blicke ich direkt auf einen von Möwen umkreisten Leuchtturm). Allerdings ist der Ermittlungsradius etwas weiter angelegt als bei Martins Eisele, der ja überwiegend in Stuttgart spielt [gemeint ist der Krimi-Comic Kommissar Eisele von Martin Frei, der ebenfalls bei Gringo Comics erscheint – Anm. der Red.]. Fröhlich ermittelt da zum Beispiel wie in Band 5, „Mord intern“, auch schon mal in Hamburg, wenn sein autonomer Sohn Max in eine neue Konfliktsituation mit der Polizei gerät. Es kann somit passieren, dass Fröhlich auch mal in Cuxhaven ermittelt … auf jeden Fall immer in Deich- und Elbnähe. Da wir mit Fröhlich auch gleichermaßen neben dem Comic- auch den Buchmarkt anpeilen, ist ein Regionalkrimi schon wichtig – auch damit man den Kommissar an einem bestimmten Standort festmachen kann.

Cover Kommissar Fröhlich 4CG: Hast du mal überlegt, Dialekt zu verwenden? Und verkaufen sich die Fröhlich-Comics im Norden Deutschlands besser als im Süden?

SH: An einen Dialekt wie Plattdeutsch hatte ich natürlich auch schon gedacht … bin aber letztendlich doch für eine sprachlich neutrale Variante, um Fröhlich für jeden gepflegten nord- und süddeutschen Zyniker ohne Kommunikationsprobleme zugänglich zu machen. Der unerbittliche, altersweise, trockene, humorige Sarkasmus, aus dem die Serie ihre Kraft zieht, ist ja Gottseidank nicht ortsgebunden. Da gibt es keine Landesschranken. Das ist die auf Dauer heimliche Erfolgsformel. Hier ist alles genau kalkuliert, denn nach Fröhlich kommen für mich inhaltlich keine weiteren Serien mehr in Frage, insofern nehme ich Fröhlich nicht auf die leichte Schulter. Früher hab ich eben Hermann und Giraud gelesen … heute sind es Tardi, Pratt und Baru. Die sind relativ zeitlos.

 

CG: Ich würde gerne noch kurz beim Handwerklichen bleiben: Folgst du bei Kommissar Fröhlich dem klassischen Workflow (erst ein ausgearbeitetes Skript, dann Thumbnails, Bleistift, Tusche) oder läuft das bei dir anders?

SH: Ich habe meist eine Grundidee und lege dann los. Der Rest ergibt sich dann automatisch. So verbaue ich mir auch nicht im Vorfeld schon weitere interessante Ideen, von denen ich am Start noch nix weiß. Bei einem fertigen Skript ist es kompliziert, im Nachhinein noch etwas zu verändern. Ich arbeite jedenfalls jeden Band oder jede Kurzgeschichte für ZACK in Bleistift und Text vor. In beiden Prozessen höre ich dazu Musik. Seite für Seite komplett fertigzustellen wird es bei mir nicht geben – da würde ich durchdrehen, weil ich das Gefühl hätte, auf der Stelle zu treten. Das ist wohl mehr etwas für ausdauernde Autisten.

 

CG: Kommissar Fröhlich ist ja, man kann’s nicht anders sagen, ein ziemlicher Stinkstiefel, schlecht gelaunt, unfreundlich, nicht gerade sympathisch. Man merkt schon, dass es dir Spaß macht, diese Figur zu formen. Wie sorgst du dafür, dass der Leser diesem Unsympathen trotzdem folgt und ihn vielleicht sogar ein Stück weit ins Herz schließt?

Seite aus Kommissar Fröhlich 4SH: Ich sehe Kommissar Fröhlich etwas anders. Fröhlich ist für mich eher ein sehr aufrichtiger Mensch, der nicht in der Lage ist zu lügen. In normalen Alltagssituationen lügt ja jeder von uns ein wenig … schon um sich manchmal leichten Ärger vom Hals zu halten. Der Kommissar hingegen sagt immer, was er denkt, was ihn automatisch in Schwierigkeiten bringen muss. Er tut dies zwar in kultivierter, ironischer, doppeldeutiger Form, aber er tut es.

Man darf auch nicht vergessen, dass der Kommissar mit 62 Jahren über sehr viel Lebenserfahrung verfügt (immerhin ist er dreimal geschieden!). Er ist also vom Leben schon ganz schön getreten worden in seiner langen Beamtenlaufbahn und hat jetzt im gesetzten Alter eben keine Lust mehr drauf. Somit geht er jetzt in die Offensive und bekämpft menschliche Dummheit und Arroganz mit Zynismus. Sozusagen das alte Spiel der guten alten Gegensätze. Hinter diesem Schutzpanzer verbirgt sich aber trotz allem eine sehr sensible Seele, die auch schon mal gegen die eigenen Gesetze verstößt, wenn es die Situation erfordert, so zum Beispiel in Fall 3 „Stumme Zeugin“.

Wer in Fröhlich also nur einen Unsympathen sehen will, macht es sich zu einfach … Die Sache hier geht psychologisch betrachtet wesentlich tiefer. Und je mehr Bände und Shortstories man gelesen hat, desto besser wird man diese Figur verstehen. Ich verrate mit jeder laufenden Geschichte immer ein Stück mehr vom Kommissar … und es sind noch mindestens 150 Bücher geplant, bis ich den Löffel abgebe. Hier kommt es jetzt also endlich – das weise, reife Lebenswerk von Stephan Hagenow. Etwas spät, aber es kommt, und nichts und niemand wird mich aufhalten. Ich hab zum ersten Mal im Leben das Gefühl, das absolut Richtige zu tun.

 

CG: Wow, hundertfünfzig? Ich staune. Aber okay, es sieht so aus, als hättest du hiermit tatsächlich genau das gefunden, was „dein Ding“ ist. Wirst du weiterhin beim relativ kurzen 52-Seiten-Format bleiben oder könntest du dir auch längere Geschichten vorstellen? Ich frage deshalb, weil zumindest aus meiner Sicht die Krimihandlung ein bisschen zu kurz zu kommen droht. Im Vordergrund steht ja meist die Persönlichkeit des Kommissars und für die Auflösung des Falls bleibt dann nicht mehr viel Platz übrig, so dass das Ende etwas überstürzt wirkt. Ich habe bisher zwei Fröhlich– und einen Tumba-Comic gelesen, aber ein wirklich komplexer Krimi war ehrlich gesagt noch nicht dabei.

Cover Kommissar Fröhlich 5SH: Na, ich sollte meine berühmt-berüchtigte Klappe vielleicht nicht zu weit aufreißen, was die Anzahl der Veröffentlichungen betrifft … aber es soll schon bis zum Lebenswinter weitergehen mit Fröhlich. Fröhlich ist ein wichtiger Teil von mir, ähnlich wie Corto Maltese ein Teil von Hugo Pratt war. Diese charismatischen Charaktere entwickeln schon nach kurzer Zeit eine Eigendynamik, die einem manchmal schon selbst etwas gruselig erscheint, weil man als Autor das Gefühl hat, die Kontrolle über sie zu verlieren. Andererseits vertraue ich seinem und meinem Gefühl im Ablauf der Geschichten.

Das hört sich jetzt an als wäre die Figur lebendig … und na ja … aus meiner Sicht ist sie es wohl auch. Fast schon eine Art großer Bruder, den ich als Einzelkind ja nie hatte. Das mit dem 52-Seiten-Format ist eine Sache, an der wir lange überlegt haben. Klar bietet sich eine Figur wie Fröhlich an für episch weitangelegte Dramen – um dann auch noch mehr die Schimpfwortbezeichnung „Graphic Novel“ zu erhalten, grins. Letztendlich könnte Fröhlich dann aber nur einmal pro Jahr erscheinen und ich würde untergehen in der Anzahl der vielen internationalen Konkurrenzprodukte. Der deutsche Comicmarkt ist hart umkämpft und funktioniert nach dem K.O.-System, häufig mit Mitteln unter der Gürtellinie, obwohl oder gerade weil es sich hier um ein wirtschaftlich unbedeutendes Randmedium in unserer Gesellschaft handelt. Ich weiß jetzt nicht, welche zwei von den fünf Fröhlich-Geschichten du gelesen hast, aber ich bin bemüht, das Niveau der Serie zu steigern. Dabei muss ich immer wieder den Platz aufteilen – in den Fall und in den Privatbereich von Fröhlich, damit die Leser auch etwas über die Charaktere erfahren. Dieser Aspekt ist mir sehr wichtig, da gerade die vertrauten Alltagssituationen der Serie Leben einhauchen.

Seite aus Tumba 1 

CG: Mit Tumba hat deine Serie ja schon nach kurzer Zeit ein erstes Spin-Off bekommen. Hier arbeitest du mit Geier zusammen, der Tusche und Graustufen macht und dem Comic auch einen anderen Look gibt. Was sind die Unterschiede zwischen der Hauptserie und dem Spin-Off? Wird noch mehr Tumba kommen und sind vielleicht sogar weitere Nebenreihen geplant?

SH: Ja, es hätte keinen Sinn gemacht, zweimal denselben Hagenow-Look zu präsentieren. Tumba dient uns ein wenig als Experimentierfeld, wo wir ein paar Sachen ausprobieren können. Ich hatte diese Geschichten schon in meiner Anfangsphase bei Gringo geschaffen, also vor über zehn Jahren. da hat Tumba als eine Art okulter Ermittler das Sagen und Fröhlich fungiert als humoriger Nebenpart. Damals steckte ich noch in meiner pubertären Rebellenphase und wollte in meiner Überheblichkeit der ganzen Welt in den Hintern treten. Ich hatte somit den Wert der Figur Fröhlich noch überhaupt nicht erkannt. Ich habe mir diese Geschichten jetzt nochmal vorgeknöpft und circa 40 Prozent Splatterszenen eliminiert, um die Sache medientauglich zu machen. Vor dem Münchner Comicfestival haben wir dann dem erstaunten Geier die überarbeiteten Tumba-Bände 2 bis 5 in die Hände gedrückt. Zur Zeit arbeite ich nebenbei an Tumba 6 und 7. Pro Jahr erscheinen zwei Bände!

Seite aus Tumba 1Ich zeichne sie in meinem Stil vor und Geier entfremdet die Seiten später beim Inking. Er wollte gar nicht erst den Versuch wagen, meinen Stil zu kopieren … da letztendlich nur Hagenow wie Hagenow zeichnen kann. Diese Entscheidung war klug und weise, weil dadurch eine Art Zwitter entstanden ist und somit etwas Neues. Der Geier macht das sehr geschickt und ich bin froh, dass wir ihn für die Serie gewinnen konnten. Inzwischen fühlt er sich auch recht wohl bei Gringo und ist schon fast sowas wie unser Maskottchen, grins.

Weitere Nebenreihen? Du bist lustig … Sind zwei Serien mit fünf Büchern pro Jahr plus die ganzen Fröhlich-Stories für ZACK denn noch nicht genug? Man hält mich ja jetzt schon wegen des Outputs für den Geist von Jack Kirby und Hansrudi Wäscher in einer Person, grins.

 

CG: Du sagtest vorher, Fröhlich sei „ein wichtiger Teil von dir“ und „fast schon eine Art großer Bruder“. Wieviel von dir selbst, von deinem eigenen Charakter, steckt denn in dem Kommissar?

SH: Ich musste lange Zeit viele meiner Entscheidungen im Beruf selber fällen, ohne um Rat fragen zu können. Inzwischen ist das anders, ich habe viele Kontakte zu anderen klugen Künstlern, die mir häufig weise, reife Tipps geben, wenn ich mir in meinen Handlungsweisen nicht ganz sicher bin. Auch wenn ich mich eher als Technikmuffel verstehe, ist das Internet schon eine große Hilfe für den schnellen Austausch. Mit Fröhlich verhält es sich ähnlich … er sagt mir quasi, was ich zu tun habe, was falsch und was richtig ist. Also eine Art Lebensbegleiter, obwohl er nicht real ist. Ich hatte auch den Ironiefaktor bei mir nie wirklich zum Vorschein kommen lassen, bis er durch Fröhlich forciert wurde. Ich brauche mich jetzt nicht mehr weiter verleugnen, sondern kann mein wahres Ich erstmals nach außen kehren. Ein ehrlicher Umgang mit sich selbst und den eigenen Gefühlen … was etwas extrem Befreiendes hat, da man sich endlich aller äußeren Zwänge entledigen kann. Grob gesagt: Fröhlich ist sowas wie mein eigener Psychoanalytiker!

Cover Tumba 1CG: Nachdem du also mit Fröhlich, Tumba und den ZACK-Kurzgeschichten gut ausgelastet bist und das noch eine Weile so weitergehen soll: Darf man annehmen, dass du mit der derzeitigen Situation ganz zufrieden bist? Also auch was Feedback, Medienresonanz und Verkaufszahlen angeht?

SH: Sagen wir: ich bin mit „mir“ endlich im Reinen. Als Künstler ist man mit seiner Arbeit nie wirklich zufrieden. Das ist der persönliche kreative Ehrgeiz, immer noch mehr aus der eigenen Materie herauszuquetschen. Die richtige Figur hab ich jetzt zwar gefunden, aber die eigentliche harte Arbeit beginnt damit erst. Nach Phase 1 bei ZACK spekuliere ich jetzt nach sieben Kurzgeschichten auf die erste albumlange Story für ZACK, die vermutlich ohne phantastische Elemente auskommt und sich somit in einem sehr realen Umfeld bewegt. Erste Fragmente hab ich bereits skizzenmäßig niedergeschrieben. In einer längeren Geschichte kann man schon im Storygerüst ganz anders zu Werke gehen als in einer 7-Seiten-Story. Phase 2 wird also sozusagen vermutlich die inhaltliche Steigerung zu Phase 1.

Das Feedback ist sicherlich gemischt. Es gibt Leser, denen mein Balboa-Kampfgeist imponiert und die den Fröhlich in ihr Herz geschlossen haben, es gibt aber natürlich auch die Leser, die meine Arbeiten nicht mit der Kneifzange anfassen würden. Aus welchen Gründen auch immer. Einer meiner Fans hatte da mal das passende Zitat parat: „Einen Hagenow muss man persönlich kennen, um ihn und seine Arbeiten zu verstehen und zu mögen!“ Da ist vielleicht was Wahres dran, wer weiß!

A Portrait of the Artist as a Young ManCG: Abschlussfrage: Wenn man mal die realen Rahmenbedingungen ausblendet und sich vorstellt, es gäbe keine finanziellen und thematischen Grenzen: Was wäre dein Traumprojekt? Gibt es etwas, was dich schon immer gereizt hat (egal ob im Comic oder in einem anderen Medium), das sich aber einfach nicht verwirklichen lässt?

SH: Eine schwierige Frage. Ein persönlicher Wunschtraum von mir wäre es, einmal ein minimalistisches, ruhiges, dialogarmes, intensives Low-Budget-Kinodrama mit ganz eigener Note zu drehen. Also quasi hinter der Kamera nach eigenem Storyboard mit einer Handvoll Akteure. Sowas wäre sicherlich nochmal eine große Herausforderung in der Zukunft.

CG: Vielen Dank für das Interview, Stephan!

 

Kommissar Fröhlich erscheint seit 2009 in kleinen Einzelbänden (je 52 Seiten, schwarz-weiß, Softcover, 7,90 Euro, z. B. bei Amazon) bei Gringo Comics. Bislang sind fünf Bände erschienen, weitere sind in Vorbereitung. Von der Spin-Off-Reihe Tumba liegt bislang ein Band vor. Leseproben gibt es bei myComics.

Abbildungen: © Stephan Hagenow / Gringo Comics / Geier