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52 mal berührt: Superboy #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 26 von 52: SUPERBOY #1 von Scott Lobdell und R.B. Silva.

superboy
MARC-OLIVER: Superboy ist ein Klon aus menschlicher und kryptonischer DNS, der im Rahmen eines geheimen Regierungsprojekts in einem Tank gezüchtet wird, dann vernichtet werden soll, aber durch die Zuneigung seiner biologischen „Mutter“, die an dem Projekt beteiligt ist, unverhofft zur Rebellion bewogen wird, was ihm das Leben rettet. Dass die Figur seine Mutter sein soll, wird im Comic übrigens nicht erwähnt, aber so plump angedeutet, dass es fast schon peinlich ist. Lobdell und Silva liefern hier einen Comic ab, der an Schlafmützigkeit und Belanglosigkeit leider kaum zu überbieten ist. Unoriginelle Plots sind ja kein Verbrechen, nur sollte man dann nicht so tun, als hätte man diese Geschichte eben erfunden und würde sie zum ersten mal einer frisch aus dem Ei geschlüpften Leserschaft verkünden.

Schön auch, dass in den hügelweise aufgetürmten Textboxen alles so kleingekaut wird, bis es auch der letzte Hinterbänkler geschnallt hat. Aber wenn einem beim Lesen die Füße einschlafen, reicht’s auch mal. Vielleicht hätte man der „Mutterfigur“ ein Privatleben verpassen oder irgendwas tun sollen, das die Geschichte etwas aufgepeppt hätte, ich weiß es nicht. Weder Lobdell noch Silva machen bei der Ausführung ihrer wild zusammengeklauten und robust zusammengeschusterten Geschichte einen groben Fehler. Sie begehen trotzdem eine Todsünde: Das Heft ist einfach nur strunzlangweilig. Und die Androhung eines Crossovers mit Teen Titans auf der letzten Seite ist auch nicht unbedingt ein Argument, dranzubleiben.

ZOOM-FAKTOR: 2 von 10!


 

BJÖRN: Endlich eine neue Superboy-Interpretation, endlich mal wieder ein kryptonischer Klon im Tank. Wenn du direkt nach Seite 1 eine doppelseitige Splashpage nutzt, auf der Leute einfach nur rumstehen und labern, während dutzende Captions den Rest der Seite überfluten, dann ist ein ganz schlechtes Vorzeichen für den folgenden Comic.

Das Konzept „gottgleicher Klon ohne menschlichen Anker“ hat ’nen so langen Bart, aber man kann damit was machen. Stattdessen bekommt Superboy weder Persönlichkeit noch Attitüde verpasst. Stattdessen gibt man uns Textwülste, die in mir das Bedürfnis ausgelöst haben, mir die Haare auszureißen. Keine einzige Figur spricht wie ein normaler Mensch, die Teenager nicht, die Wissenschaftler nicht, Lois Lane nicht, niemand!

Und alle Figuren monologisieren. Konstant! Ohne Pause! Ohne Unterlass! Bis zum Erbrechen! Bei so vielen Captions und Sprechblasen war natürlich kein Platz mehr für so was wie etwas Action, obwohl man diese „Geschichte“ locker in einem Drittelheft hätte erzählen können.

Dass die Wissenschaftlerin (übrigens Caitlin Fairchild aus Wildstorms Gen 13; während die weißhaarige Dame Ravager ist, die Tochter von Deathstroke) seine „Zellmutter“ sein könnte, ist mir beim Lesen als Idee nicht gekommen. Meine Vermutung war, dass Lex Luthor als Zellspender diente, damit Lobdell hier mit einem Superboy arbeiten kann, in dem sich Eigenschaften von Lex und Clark vereinen. Beim zweiten Lesen würde ich deiner Einschätzung zustimmen.

Ob aber überhaupt einer von uns beiden richtig liegt, werde ich nicht erfahren. Superboy hat mich so angeödet, dass ich mir nur dann weitere Ausgaben zulegen werde, falls ich mal längere Zeiten an schwerer Schlafstörung leiden sollte.

ZOOM-FAKTOR: 2 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

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52 mal berührt: Suicide Squad #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 25 von 52: SUICIDE SQUAD #1 von Adam Glass, Federico Dallocchio und Ransom Getty.

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MARC-OLIVER: Zu meiner eigenen Überraschung hat mich dieser Comic ganz passabel unterhalten. Adam Glass schreibt hier nichts, was einen aus den Socken haut. Federico Dallocchio und Ransom Getty sind beileibe keine Weltklassezeichner. Und wie vormals doch recht markant ausschauende Figuren wie Harley Quinn oder Amanda Waller davon profitieren sollen, dass man ihnen ein sehr viel beliebigeres Äußeres verpasst, bleibt mir verborgen. Aber davon abgesehen: Glass und Co. haben sich hier eine ebenso schlichte wie effiziente Einführung ihres Konzepts und ihrer Figuren überlegt, und sie schaffen’s, sie bei der Umsetzung nicht zu vermasseln. Die Geschichte ist nichts für zarte Gemüter, und sie wird auch keine Preise gewinnen, aber sie funktioniert – und das sowohl als Einzelheft als auch als erste Episode einer Serie. Ganz okay also, summa summarum.

ZOOM-FAKTOR: 6 von 10!


 

BJÖRN: John Ostranders Suicide Squad ist eine meiner Lieblings-Serien von DC. Ein Haufen B-Schurken, gut charakterisiert, die auf lebensgefährliche Missionen geschickt werden und bei denen die Gruppendynamik eine ebenso große Gefahr wie die eigentliche Mission ist. Ich mochte auch Gail Simones Interpretation der Suicide Squad in Secret Six. Adam Glass‘ erstes Heft hingegen ging gar nicht.

Nichts für zarte Gemüter? Nett gesagt für ein Heft, das erstmal 19 Seiten lang aus Folterszenen und nur bedingt nützlichen Flashbacks besteht, nur um dann mit einem Outer-Limits-Twist anzukommen, den man kilometerweit gegen den Wind riechen konnte. Aber, okay, zumindest erfahren wir, warum die Leute hier sind und bekommen eine grobe Motivation für die Mehrheit der Figuren. Nur dass die allesamt so erbärmlich und unsympathisch sind, dass mich nichts daran reizt, mit ihnen zu fiebern. Kann zwar noch kommen, aber hätte unbedingt in diesem Heft geliefert werden sollen. Wenn ich für die Figuren nichts empfinde, dann wirkt das ganze Konzept nicht.

Selbst Figuren, die funktionieren sollten, funktionieren nicht. Ich mochte Deadshot immer, aber hier bekomme ich keinerlei Gefühl für die Figur. Dass ausgerechnet ein „deine Mutter“-Spruch zeigen soll, wie hart der Mann ist, wirkt so frisch wie ein Treffen der CSU-Führungsriege. Harley Quinn war immer wahnsinnig und gefährlich, aber dabei zumindest unterhaltsam. Hier ist sie eine masochistische Emo-Schranze. Und dass man aus Amanda Waller eine attraktive junge Frau machen musste, die einen Hauch von BH durchblitzen lässt, nimmt der Figur viel von dem, was sie ausgemacht hat. Es ist interessant, dass das Credo „es kommt auf die Figuren an, nicht darauf wie sie aussehen“ nur in Richtung „unattraktiv => attraktiv“, nicht aber in die Gegenrichtung zu gelten scheint.

Suicide Squad ist ein hässlicher, freudloser Comic mit durchweg unsympathischen Figuren, der all das verfehlt, was die meisten bisherigen Suicide-Squad-Auftritte hat funktionieren lassen. Der Cliffhanger verspricht immerhin eine Geschichte, die interessant werden könnte. Nur fand ich das gesamte Heft davor so unglaublich unnütz, dass ich nicht gewillt bin, Glass hier einen Vertrauensvorschuß zu gewähren.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

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52 mal berührt: Red Lanterns #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 24 von 52: RED LANTERNS #1 von Peter Milligan und Ed Benes.

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altMARC-OLIVER: Auch auf die Gefahr hin, vom lieben Kollegen Wederhake wieder als entenschubsender Spaßhasser verschrien zu werden, muss ich gestehen, dass ich selten so eine Moppelkotze gelesen habe. Gut, dass hier mit Hirnriss zu rechnen war, ist klar: Autor Peter Milligan lässt das Publikum schließlich gerne mal seine tiefe Bestürzung spüren, sich mit Superhelden überhaupt abgeben zu müssen. Zeichner Ed Benes ist ein besonders dreister Jim-Lee-Imitator. Und bei den Red Lanterns handelt es sich um eine Splittergruppe Außerirdischer aus dem Green-Lantern-Universum, die wegen ihrer ganz speziellen Ringe unablässig so aussehen, als würden sie – es ist tatsächlich so – Blut erbrechen. Man war also vorgewarnt. Immerhin hätte es ja sein können, dass uns hier wenigstens die Art von Wahnsinn aufgetischt wird, die wir alle so lieben.

Zumindest auf den Beginn des Hefts trifft das sogar zu. Wenn eine Blut kotzende blaue Katze im Strampelanzug (grandios in zweiseitiger Großaufnahme), die ihren magischen Ring am Schwanz trägt, ein paar außerirdische Unholde vermöbelt, dann hat das durchaus Seltenheitswert – gerade auch weil Benes‘ bierernster Rambo-Stil so gar nicht dazu passen will. Als alten Tom-&-Jerry-Fan mit schlichtem Gemüt kann man mich mit sowas schon locken.

Doch was macht Milligan? Behält er diesen Kurs bei? Er behält ihn nicht bei. Stattdessen tut er nach sieben Seiten unvermittelt so, als würde er eine ernsthafte Geschichte schreiben: Szenenwechsel zur Erde, sozialer Brennpunkt, Gewalt und Bruderzwist. Und, als wäre das nicht schlimm genug, stehen wir kurz darauf auch noch hüftttief im (blutgetränkten) Morast des Green-Lantern-Universums, dessen Vorzüge uns eine (blutspeiende) Figur mit dem klangvollen Namen „Atrocitus“ auf mehreren anstrengenden (und blutigen) Blutseiten in Form einer wenig erbaulichen Nacherzählung näherbringen will.

Anders gesagt: Worum es genau geht im hinteren Teil des Comics, hab ich vergessen, und er ist zu langweilig und zu schlecht gezeichnet, als dass ich nochmal nachschauen wollen würde. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Ed Benes mehr außerirdische Monster zeichnen sollte und weniger Menschen, und dass die Story an dem Punkt den Bach runtergeht, an dem Milligan anfängt, sie ernstzunehmen.

Und ein Punkt, für die Kotzekatze im Strampler.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


BJÖRN: Ich kann dich für diesen Comic keinen „Spaßhasser“ schimpfen, das geht nur für Comics die auch Spaß machen. Red Lanterns tut das nicht. Und ich weiß auch nicht, was das Gerödel hier überhaupt will.

Ein Comic, der mit einem so ultrapeinlichen Titelbild beginnt und damit weitergeht, dass die von dir erwähnte Weltraumkatze (Dex-Starr!) Weltraumpiraten im Weltraumsektor 666 (!) zerfetzt? Klingt so daneben, dass es von Milligan wirklich als Parodie gemeint sein könnte. Wäre dem so, könnte ich sogar damit leben, dass die Schurken so etwas stöhnen, wie: „S-scalp … t-torn my damned s-scalp off.“ Wenn man Ed Benes als Zeichner hat, ist es legitim, in den Dialogen nochmal zur Sicherheit zu erklären, was der Leser mit einem ordentlichen Künstler an Bord im Panel erkennen könnte.

Und nach der Actionszene mag der Comic immer noch als Parodie gemeint sein, aber jetzt folgen 13 Seiten „Motivationserklärung“ und ein Nebenplot mit zwei ganz normalen Menschen, von dem ich nicht einmal erahne, wohin er führen soll. Das erste Auftreten einer weiblichen Figur erfolgt dann Benes-üblich, indem diese erst einmal ihren Arsch in die Kamera hält. Und danach folgen, in loser Reihenfolge: Mehr Blut, mehr Eiter, noch mehr Eiter, weiteres Blut und die fürchterlichste purple prose aller Zeiten. „In many ways … we are like lovers. I am married to you in my rage, Krona. Married for all time. You slaughtered my people.”

Dagegen war Daniels Batman ja nüchtern-sachlich.

Es bleibt also die Frage: Comicsprechblase oder Emo-Lyrics? Und die nächste Frage, ob das besser oder schlimmer ist als Sätze wie der folgende, die sich der Leser ebenfalls bieten lassen muss: „Fighting? Lantern … rage … we … ggnnn … napalm hearts … can’t … stop … gnnn … think?“

In all dem soll wohl etwas wie Tragik drinstecken, um uns die Beweggründe von Atrocitus (ist der Name wirklich so viel schlimmer als „Sinestro“?) spüren zu lassen, aber im Vergleich zu Red Lanterns wirken die Frühen Image-Comics, als wären sie von Tolstoi geschrieben worden.

Vielleicht will uns Superhelden-Skeptiker Milligan mit Red Lanterns tatsächlich an die schlimmsten Auswüchse der letzten 20 Jahre erinnern. Falls dem so sein sollte, ist ihm das hervorragend gelungen; denn Red Lanterns ist ein so beschissener Comic, dass man Geld dafür bekommen müsste, ihn zu lesen.

ZOOM-FAKTOR: 0 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Links der Woche: Mit neuen (Web-) Comics und ersten DCnU-Resumees

Unsere Links der Woche, Ausgabe 36/2011:

 

Comic-Reisejournal Kairo
Goethe-Institut, Barbara Yelin
Comiczeichnerin Barbara Yelin ist derzeit im Auftrag des Goethe-Instituts für fünf Wochen in Ägypten. Sie leitet dort einen Comicworkshop mit einer Gruppe von Zeichnern aus Kairo. Ihre Eindrücke hält sie in einem gezeichneten Tagebuch fest, das täglich auf der Website des Goethe-Instituts veröffentlicht wird.

Von der lustigsten Gestalt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Im Feuilleton der F.A.Z. ist wieder eine neue Comicstrip-Serie gestartet. Mit Don Quijote überträgt Flix nach Goethes Faust schon zum zweiten Mal einen literarischen Klassiker in die Moderne. Sein Zeitungsstrip (der 2012 auch als Buch bei Carlsen erscheinen wird) beginnt damit, dass Alonso Quijano einen Leserbrief an die F.A.Z. schreibt. Ein Einführungsartikel von Andreas Platthaus stellt die Serie vor, die einzelnen Episoden sind sowohl auf faz.net als auch bei derflix.de online abrufbar.

Die DC 52’s – Persönliches Resümee
animexx.de, RoterKater
Die erste Runde des DC-Neustarts mit seinen 52 neuen Nummer-1-Ausgaben ist durch, alle #1-Hefte sind inzwischen erschienen. Der Relaunch wurde auch von verschiedenen deutschen Lesern ausgiebig begleitet. Unsere eigene Serie 52 mal berührt ist noch mittendrin und wird noch einige Tage laufen. Besonders interessant sind die Beiträge von RoterKater beim Mangaportal Animexx, der ein echter DC-Erstleser ist und damit zu der begehrten Zielgruppe gehört, die DC (auch) erreichen möchte. Sein Fazit des ersten Monats, begleitet von einer umfangreichen Zahlenstatistik, steht im oben verlinkten Beitrag.
Weitere DC-New-52-Fazits gibt es bei Nerdcore (DC-Reboot-Standoff: Marketingbullshit in Tights) und bei nerdzweipunktnull (Auswirkungen von The New 52 auf mein Abofach). Und Blogger Jean Fischer von Ein Comic Leben fasst die Angelegenheit in insgesamt acht Teilen zusammen: Was vom Reboot übrig blieb: Willkommen im Abo (Teil 1, Teil2), Knapp daneben…, Nett, euch kennengelernt zu haben, Irgendwie… meh, (Teil 1, Teil 2), Nein, danke! und Soll das ein Witz sein?

Chew – Bulle mit Biss!
Der Marker, Alexandser Glodzinski
zdf.kultur lädt Chew-Autor John Layman in Frankfurt zu Äppelwoi und Bratwurst mit Sauerkraut ein und stellt nebenbei seine Serie vor.

52 mal berührt: Demon Knights #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 23 von 52: DEMON KNIGHTS #1 von Paul Cornell und Diógenes Neves.

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MARC-OLIVER: Hier wird vor allem deutlich, wie schizophren der US-Markt inzwischen ist. Einerseits versucht man bei DC auf Teufel komm raus, den Preis eines Einzelhefts bei 2,99 US-Dollar zu halten, und kürzt deswegen sogar den Inhalt um zehn Prozent auf 20 Seiten. Andererseits tut hier selbst ein gestandener Autor wie Paul Cornell so, als hätte er allen Platz der Welt, und haut dem Leser in Demon Knights #1 erst mal zehn Seiten – zur Erinnerung: das halbe Heft – Vorgeplänkel um die Ohren, bevor er sich ohne Hast an seine eigentliche Geschichte rantastet. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass 13 Seiten der Ausgabe aus maximal drei Panels bestehen (inklusive drei Splash-Seiten, die sich auf ein einziges Motiv beschränken), möchte man ihn fragen, ob er vielleicht den Schuss nicht gehört hat.

Zeichner Diógenes Neves macht zwar einen ordentlichen Job und nutzt seine Freiräume für ein paar nette Motive, aber er ist halt auch keiner, der allein aufgrund seines Stils für offene Mäuler sorgt. Das Problem ist nicht, dass hier zu wenig Plot vermittelt würde. Plot ist schließlich auch nur ein Mittel zum Zweck. Das Problem ist, dass die erzählte Geschichte und die erzählerischen Mittel nicht zusammenpassen. Die erste Hälfte dieses Comics ist nichts weiter als dramaturgisches Gepäck: Camelot fällt, Merlin „entschärft“ den Dämon Etrigan, eine böse Horde reitet durchs Land. Mag sein, dass dieses Gepäck später einmal relevant wird, aber als Einstieg ist es ungefähr so spannend wie die ostfriesischen Urlaubsbilder von Tante Annelies.

Wenn man die Hauptfiguren – ab Seite 11 – erst einmal trifft, deuten sich auch gleich ein paar interessante Verwicklungen an. Aber wer genau diese Leute sind oder was sie wollen, das erfährt man dann auch nicht mehr – Platzmangel, vermutlich, denn es sind ja mindestens fünf Protagonisten. Und so kann die Geschichte nie richtig Fahrt aufnehmen. Über diese Schludrigkeit liest man nächstes Jahr im Sammelband vielleicht hinweg, aber als erstes Heft einer Serie ist es ein Fehlschlag.

ZOOM-FAKTOR: 4 von 10!


 

BJÖRN: Ich stimme dir im Hinblick auf die erste Hälfte des Hefts völlig zu, das hätte Paul Cornell in zwei oder drei Seiten ohne Platznot unterbringen können. Gleichzeitig finde ich es interessant, dass Cornell in seinem zweiten Team book die genaue Gegenrichtung zu Stormwatch einschlägt und bisher keine Figur wirklich vorstellt. Empfand ich aber nicht als allzu störend, weil ich den zweiten Teil des Heftes für unterhaltsam genug hielt: Wir haben Schurken, die ganze Schlösser auf Dinosaurierrücken rumschleppen lassen, ein (vermutlich bewusst gewähltes) typisches Rollenspiel-Setting von „ihr alle trefft euch in einer Taverne“ und am Ende haben wir Velociraptoren mit Dolchen in den Händen, die sich mit unseren Helden prügeln werden. Die Verbindung von Superheldengeschichte und Fantasysetting funktioniert, die momentane Welle der komplett spaßfreien Dark Fantasy wird geschickt umschifft und die Figuren zwar nicht explizit charakterisiert, aber jede einzelne Figur hat einen definierenden Moment, der ihre Grundattitüde zeigt. (Vandal Savage rennt die Tür mit dem Kopf ein, Madame Xanadu legt sich mit der Dame des Sees an, Shining Knight ist sehr von sich selbst eingenommen, etc.) Das reicht für mich als Start der Serie und ist meilenweit besser als die vollgerümpelten Pseudo-Dialoge in Stormwatch.

Die Dreiecksbeziehung zwischen dem Dämonen Etrigan, Madame Xanadu und Etrigans menschlichem Wirt Jason Blood ist als Idee sogar richtig Klasse, und die Zeichnungen von Neves treiben das alles ordentlich voran und lassen es dabei ziemlich schick aussehen. Für einen Action-Fantasy-Comic genau der richtige Stil. Wenn Etrigan jetzt noch reimen würde, dann wäre ich wirklich glücklich. Aber auch so war das eine erste Ausgabe, die mich als Leser nicht verjagt hat.

ZOOM-FAKTOR: 7 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

52 mal berührt: Resurrection Man #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 22 von 52: RESURRECTION MAN #1 von Dan Abnett, Andy Lanning und Fernando Dagnino.

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BJÖRN: Der alte 2000AD-Haudegen Dan Abnett kehrt zusammen mit Andy Lanning zu einer Figur zurück, die sie vor fast 15 Jahren erfunden haben und die mir in einem Tie-in zu DC One Million als ewiger Gegenspieler von Vandal Savage sehr gut gefallen hat. Das Gimmick des Resurrection Man Mitch Shelly ist, dass er stirbt, aber wieder ins Leben zurückfindet. Und zwar jedes Mal mit neuen Kräften. Welche das allerdings sind, kann er nicht kontrollieren.

Als weiteres Element führt Abnett ein, dass Mitch mit jeder Wiederbelebung den Drang verspürt, irgendwo hinzugehen und dort zu helfen. Die Serie könnte also in Richtung Quantum Leap (dt. Zurück in die Vergangenheit) geführt werden, wenn man sie emotional im Leben normaler Menschen verankern möchte. Was als Gegengewicht ganz gut sein könnte, denn Himmel und Hölle wollen Mitchs längst überfällige Seele einkassieren. Dazu passt Dagnino als Zeichner wirklich gut, der ohne weiteres auch Sandman-Comics in den 1990ern hätte produzieren können.

Unsicher bin ich noch bezüglich der Body Doubles, die Abnett und Lanning ebenfalls in dieser Ausgabe aus der Versenkung zurückholen und deren Rolle noch nicht deutlich wird. Supermodelserienkiller. Hm. Und dass Mitch den Absturz eines Flugzeugs der Lazarus Airlines herbeiführt: Ist das nur ein schlechter Kalauer oder ein Hinweis auf ein baldiges Treffen mit R’as al Ghul, das ja thematisch sinnig wäre?

Abnett und Lanning hätten den Protagonisten zwar noch deutlich stärker ins Bild setzen sollen – dazu, wer Mitch ist, kann ich nach dieser Ausgabe überhaupt nichts sagen –, aber sie verdeutlichen das Konzept seiner Serie und präsentieren gleich einige Richtungen, die das Heft jetzt einschlagen kann. Für Resurrection Man erscheint mir zwar das Format einer Miniserie sinnvoller, aber ich werde ein paar weitere Ausgaben abwarten, um zu sehen, was Abnett und Lanning aus dem Konzept machen.

ZOOM-FAKTOR: 6 von 10!


MARC-OLIVER: Ich habe die Original-Serie nie gelesen, aber von der Machart und der Atmosphäre her erinnert mich das Ganze an die Sachen, die Warren Ellis Mitte der 1990er für Marvel gemacht hat – speziell Hellstorm und Druid, samt der im Vergleich leicht aufpolierten Leonardo-Manco-Optik von Fernando Dagninos Zeichnungen: ein Comic über einen langhaarigen, entwurzelten Trenchcoat-Träger mit skurrilen Kräften vor düsterer Kulisse, der’s im wahrsten Sinn mit Himmel und Hölle zu tun bekommt. Neu ist das alles nicht. Beim Auftauchen des „Kampfengels“ (?) fühlte ich mich auch an Spawn erinnert.

Nun ja, Abnett, Lanning und Dagnino sind gute Erzähler, was die Führung von Seite zu Seite angeht, aber unterm Strich bleiben die Figuren doch arg blass, die Story arg vage. Man kann den Machern keine Schnitzer vorwerfen, aber sie fallen eben auch nicht durch besondere positive Akzente auf. Für eine Erstausgabe ist das eigentlich zu wenig, beim besten Willen.

ZOOM-FAKTOR: 5 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Professor Bell 4 – Die Gesellschaft der toten Königinnen

Cover Professor Bell 4Joseph Bell, seines Zeichens Chirurg, Kinder- und Militärarzt, inspirierte Arthur Conan Doyle zu seiner Figur des Sherlock Holmes. Der französische Allrounder Joann Sfar konzipierte rund um den Schotten Bell eine Comicserie, die die bislang angeblich unbekannte Seite der realen Person aufdecken soll.

Joseph Bell, flankiert von dem Gespenst Eliphas und seinem Protegé Humpty Dumpty, löst bizzare, mystische, übernatürliche Fälle. So wie im vorliegenden vierten Band der Reihe, „Die Gesellschaft der toten Königinnen“: Königin Viktoria ersucht Bells Hilfe aufgrund ihrer maroden Gesundheit. Deshalb lässt sich der Professor zu einer Urlaubsreise an einen Unterwasserstrand hinreißen. Und ja, das ist mindestens so verrückt, wie es sich anhört.

Der Geschichte ist mitunter schwer zu folgen, fabuliert Sfar doch munter um jede der Haupt- wie Randfiguren herum und eröffnet viele kleine Schauplätze. Bells Verhalten ist undurchsichtig. Er frönt Sex und Drogen, ist ein zynischer Junkie. Wie die gesamte Serie, ist auch das vierte Album nur schwer zu beschreiben, es sinnvoll zu sezieren, fast unmöglich. In Professor Bell geht es aus meiner Sicht eher um die vom Verfasser intendierte Atmosphäre. Sfars Comic ist aufwühlend, abgründig, mystisch; die Figur des Bell eine Art John Constantine des frühen 20. Jahrhunderts. Nur noch kaputter, gebildeter und anhand eines realen Vorbilds modelliert.

Seite aus Professor Bell 4Bemerkenswert sind auch die Zeichnungen von Hervé Tanquerelle, der Joann Sfar bereits seit dem dritten Band zur Seite steht (die ersten beiden Alben hatte Sfar sowohl getextet als auch gezeichnet). Sein Stil ist dem des Autors verblüffend ähnlich – wüsste man vorher nicht dass ein anderer Künstler verantwortlich ist, man würde den Unterschied zu den vorherigen Bänden kaum merken. Einzig, dass Tanquerelles Bilder noch einen Tick detailierter und filigraner sind, könnte beim näheren Hinsehen auffallen. Das macht die Grafik noch gelungener, die Serie zu einem, auch optischen, Highlight.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Gewohnt schräge Geschichte mit Sfar-typischer Erzählrhythmik und ausdrucksstarken Zeichnungen

 

 Professor Bell 4 – Die Gesellschaft der toten Königinnen
Avant-Verlag, April 2011
Text: Joann Sfar
Zeichnungen: Hervé Tanquerelle
46 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-50-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Avant-Verlag

52 mal berührt: Frankenstein #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 21 von 52: FRANKENSTEIN, AGENT OF S.H.A.D.E. #1 von Jeff Lemire und Alberto Ponticelli.

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altBJÖRN: Unter den bisher von mir gelesenen Titeln ganz klar mein Favorit: Ein Comic der Frankenstein, Agent of S.H.A.D.E. heißt und auf dem Titelbild Frankenstein mit Schwert und Gatling präsentiert, schlägt in meinem inneren Vergnügungszentrum auf die richtigen Nervenknoten.

Lemire haut eine verschrobene Idee nach der nächsten raus: Das Geheimquartier der Organisation ist eine wenige Zentimeter große Kugel, in der Dr. Palmer (The Atom im alten DCU) eine Kandor-artige Mini-Stadt gebaut hat, Father Time ist ein kleines Mädchen mit Zöpfen, Frankenstein kritisiert die Gefahren künstliches Leben zu schaffen und Frankensteins von ihm entfremdete Braut ist eine vierarmige Superagentin. Wenn dann auch noch die Creature Commandos auftauchen und einer dieser Kommandos einfach nur als „mummy and medic“ (in dieser Reihenfolge) beschrieben wird, hat mich die Serie endgültig als Leser gewonnen.

Das hier scheint DCs Antwort auf Dark Horses B.P.R.D. zu werden, eine Art Stormwatch für Horror- statt für Science-Fiction-Bedrohungen, und damit lässt sich doch einiges machen. Die erste Ausgabe öffnet auf jeden Fall direkt ein ordentliches Fass, da Frankenstein und die Creature Commandos es sofort mit einer ganzen Stadt voller Monster aufnehmen müssen. Und die Wesensart der ersten paar Protagonisten wird auch direkt deutlich. Nur bei Alberto Ponticelli bin ich mir noch nicht ganz sicher: Zielt er ganz bewusst auf einen unruhigen, unsauberen Zeichenstil ab oder ist das Heft unter Zeitdruck entstanden?

Egal. Jeff Lemire ist dabei, sich in endgültig in der ersten Riege der Comicautoren festzuschreiben und Frankenstein hat mich als Leser für die weiteren Ausgaben an Bord.

ZOOM-FAKTOR: 8 von 10!


MARC-OLIVER: Was Ponticellis ungewöhnlich rauen Stil angeht, tippe ich mal auf Zeitdruck. Momentan läuft noch eine Godzilla-Miniserie bei IDW, die ebenfalls aus Ponticellis Bleistift stammt, und es wäre ungewöhnlich für die US-Branche (wenn auch nicht ausgeschlossen), wenn er die schon seit Monaten abgeschlossen hätte. Macht aber nicht wirklich was, denn wenn einer Comics zeichnen kann, dann macht sich das auch unter Zeitdruck noch bemerkbar. Und Ponticelli ist einer, der kann. Grandios etwa die Doppelseite, auf der man sieht, wie S.H.A.D.E. die von den Monstern eingenommene Stadt abgeriegelt hat und von außen beschießt. Da werden Kleine-Jungen-Träume wahr…

Auch Jeff Lemire liefert hier einen weiteren kreativen Erfolg ab, obwohl Frankenstein wohl wesentlich trashiger daher kommt als die meisten seiner bisherigen Comics. Aber auch dieses Metier liegt ihm offenbar: Er drückt im Seitentakt skurril-abgedrehte Ideen ab, die zwar für sich genommen nicht revolutionär sind, in ihrer Gesamtheit aber einen attraktiven Pott an Seltsamkeiten ergeben. Und wie cool ist es, dass die Bösen einfach mal als „Monster“ bezeichnet werden, ohne dass es weiterer Erklärungen bedarf? Ja mei, Monster halt. Geht’s raus und spuit’s Fußball. Neben den Reizen des Genres hat Lemire aber auch seine Figuren fest im Griff. Da wird schon vieles angedeutet, wofür es sich lohnt, langfristig dranzubleiben. Wenn man mit dieser Art von Story auch nur annähernd was anfangen kann, dann ist man hier richtig.

ZOOM-FAKTOR: 8 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

52 mal berührt: Deathstroke #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 20 von 52: DEATHSTROKE #1 von Kyle Higgins und Joe Bennett.

deathstroke
BJÖRN: Junge, muss auf Simon Bisleys Titelbild ein scharfer Wind von rechts wehen. Oder wieso stehen Deathstrokes Hundemarken so stramm im 90°-Winkel?

Ich habe eine Schwäche für das Konzept des alten, einäugigen Hinternversohlers (weshalb ich auch Ennis’ Fury mehr mochte, als der Comic verdient hat) und das bietet mir Deathstroke. Slade ist ein professioneller Auftragsmörder, dessen Klienten glauben, er habe es nicht mehr drauf. Also wird er ihnen das Gegenteil beweisen. Und Leichen werden seinen Weg pflastern.

Wobei es nicht gerade selbstsicher wirkt, dass Higgins auf den ersten zwei Seiten wiederholt in Captions betonen muss, dass Deathstroke der „scariest badass“ auf dem Planeten ist. Als Beleg dafür ermordet Slade einen fetten Russen und ein Dutzend Soldaten, aber im großen Zusammenhang des DC-Universums: Jeder mit Superkräften kann sowas. Die Inferior Five hätten sowas gekonnt. Dass er später eine Fliege mit einer Büroklammer abschießt, sieht zwar arg nach Marvels Bullseye aus, hilft seiner Charakterfindung aber deutlich mehr. Beeindruckend, wenn man überlegt, dass der einäugige Terminator keine Tiefenwahrnehmung haben dürfte.

Im weiteren Verlauf des Heftes bekommen wir einen Kampf mit Monstern in einem Flugzeug (der zweite im DCnU nach Hawk & Dove) und eine Wendung serviert, die uns deutlich machen soll, dass Slade kein netter Typ, sondern eine völlig amoralische Figur ist. Nichts davon ist weltbewegend und in weiteren Ausgaben sollte Slade ein paar Hindernisse präsentiert bekommen, die es zu überwinden gilt; denn nur „badass“ dürfte als Konzept schnell öde werden.

Aber wenn Higgins hier plant, einen dreckigen Superhelden-Spionagethriller mit hohem Actionanteil zu schreiben, dann hat er mich erstmal als Leser gewonnen. An dem Genre habe ich nämlich durchaus meinen Spaß. Und Bennett als Zeichner überzeugt mich auch, obwohl seine erste Splashpage etwas steif wirkt und er und Jason Wright bei der Kolorierung zu sehr auf Braun-, Rot- und Orangetöne setzen.

Als Vorstellung der Hauptfigur und des generellen Tonfalls der Serie auf jeden Fall erfolgreich.

ZOOM-FAKTOR: 6 von 10!


MARC-OLIVER: Am meisten freue ich mich hier über Joe Bennett, der wirklich bessere, höher dotierte Jobs verdient hat, als die, die er die letzten zehn Jahre meistens machen musste. Zumindest The Crew mit Christopher Priest war aber ziemlich klasse, auch wenn die Serie sich leider nur sieben Ausgaben lang hielt.

Und, tja, das ist leider das Netteste, was ich über Deathstroke sagen kann. Du erwähnst Ennis, und speziell im Vergleich mit ihm fällt auf, was Kyle Higgins hier für eine Rumpelnummer vorlegt. „Nicht gerade selbstsicher“ ist da noch ein Euphemismus. Die Handlung funktioniert eh nach dem gut abgehangenen Schema F, was prinzipiell auch legitim ist. Aber dann muss halt die Ausführung stimmen, und selbst damit ist Higgins noch überfordert. Da ist meistens nichts, außer diesem wenig spektakulären Knochengerüst eines Plots. Und wenn Higgins sich doch mal zu einer Interaktion zwischen Deathstroke und seinen jugendlichen Sidekicks durchringen kann, dann hat sie null Glaubwürdigkeit und entlarvt nur, wie flach seine Figuren sind. Dementsprechend nichtssagend ist auch das Ende. Es überrascht nicht, es lässt nichts in einem anderen Licht erscheinen als zuvor, es verpufft einfach im leeren Raum. Ich nehme Higgins seinen Protagonisten nicht mal für eine Sekunde ab, geschweige denn die Nebenfiguren.

Insgesamt eine ziemlich trostlose Vorstellung, die bei mir bloß ein angeödetes Schulterzucken ausgelöst hat. Das gab’s alles schon etwa zehntausend mal, und meistens besser als hier.

ZOOM-FAKTOR: 2 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Dixie Road

Cover Dixie RoadIn seiner Formatreihe „Splitter Books“ bringt der Verlag die im Original vierteilige Serie Dixie Road in einem Band gesammelt heraus. Jean Dufaux ist ein so viel beschäftigter Schreiber, dass man sich nicht nur fragt, woher er die ganze Zeit und die ganzen Ideen nimmt, sondern auch, warum fast alle seine Serien so gut sind. Diese ausgezeichnete Serie hebt sich von den meisten anderen Dufaux-Stoffen ab. Er tummelt sich ja in den unterschiedlichsten Genres, wobei die meisten einen historischen Bezug haben. Was aber hier neu ist, sind die deutlichen soziakkritischen Aspekte. Wenn überhaupt ein Vergleich innerhalb von Dufaux‘ Werk gezogen werden soll, dann muss schon Jessica Blandy herhalten. Dabei haben die beiden inhaltlich nichts gemeinsam.

Dixie Road steht auf großen Schultern der Kulturgeschichte: Deutliche Einflüsse von John Steinbecks Roman Früchte des Zorns und der gleichnamigen Verfilmung von John Ford sowie von dem Film Bonnie und Clyde sind zu spüren. Beides gibt Dufaux im Anhang auch deutlich zu. Geschildert wird die Odyssee der jungen Dixie mit ihren Eltern durch die US-Südstaaten der Dreißiger Jahre. Die Wirtschaftskrise hat das Land fest im Griff und die Gegensätze zwischen Arm und Reich schlagen oft in Gewalt um. Dixie hat sich mit einem jungen Schwarzen angefreundet, während die Mutter sich im Arbeitskampf bei ihren Bossen unbeliebt macht. Als Dixies lange verschollener Vater, Jones, wieder auftaucht, kommt es zu einer Eskalation. Denn Jones hat eine Tasche voller Geld aus einem Bankraub bei sich und wird von seinem Partner verfolgt. Durch unglückliche Umstände stirbt ein einflussreicher Industrieller und die Familie Jones muss fliehen. Gejagt von Milizen, der Polizei, einem Profikiller und einem geheimnisvollen Fremden, müssen die Jones durch den verarmten Süden reisen und bekommen Not und Elend der Arbeitslosen und Entrechteten aus nächster Nähe mit.

Wie gesagt: Es sind große Fußstapfen, in die sich Dixie und ihre Familie und ihre Schöpfer begeben. Aber Dufaux und Labiano schaffen es, für den Comicbereich das Äquivalent zu Früchte des Zorns herzustellen. Dabei wird glücklicherweise auf einen moralisch-pädagogischen Zeigefinger verzichtet, die Handlung spricht für sich. Und diese ist aufwühlend und bewegend. Dazu trägt Labiano mit seinem sehr realistischen Strich bei, der den Leser richtig in das Buch zieht. Besonders die Landschaftszeichnungen sind sehr stimmungsvoll. Er stellt sich dabei ganz in den Dienst der Story und verzichtet er auf ausgefallene Ideen. Und das ist geglückt.

Seite aus Dixie RoadDie Charaktere in der Geschichte sind fast gänzlich verdorben (und merkwürdigerweise bleibt ausgerechnet die Hauptfigur, Dixie, etwas blass). Dabei sind sie, von einem Profikiller abgesehen, nicht von Grund auf böse, sondern hängen nur dem amerikanischen Traum, dem Streben nach Glück, nach. Aber wenn ein Traum mit der Realität konfrontiert wird, zerstiebt er. Dixie Road hat etwas von einem Western und einem Roadmovie und vereint dabei weitere uramerikanische Welten. Das Versprechen der Freiheit und der Weite des Roadmovies und der Zivilisationsaufbau und der gewaltbereite Individualismus des Western geben sich hier die Hand.

Der Kapitalismus wird in seiner schonungslosesten Form geschildert: Wirtschaftsbosse halten sich Privatmilizen und Profikiller, um ihre Arbeiter unterdrückt zu halten. So sagt etwa der Killer von sich, dass er eine Nachfrage befriedigt und somit den Marktgesetzen gehorcht. Aber auch die Gewerkschaftler und die politischen Parteigänger (hier vor allem der kommunistischen Partei) sind zynisch und skrupellos und opfern Menschenleben, um ihre Ziele zu erreichen. Besonders im Hinblick auf heutige Entwicklungen in der Wirtschaft und der politischen Landschaft der USA kann der Band schon beängstigend wirken. So ist es fast schon zynisch, wenn Dufaux seinen Zeichner Werbetafeln für den amerikanischen Traum in die Wüste stellen lässt. In der kargen, öden Landschaft sind sie mehr als fehl am Platz und wirken angesichts der teils brutalen, sehr düsteren Handlung wie ein Hohn. Das macht auch die große Enttäuschung von Dufaux deutlich. Man merkt, dass er Amerika mag, aber von der Gesellschaft, der Politik und den Institutionen enttäuscht und angewidert ist. Dass unter dem schönen Schein alles verrottet ist, ist auch das zentrale Thema seiner Serie Jessica Blandy. Und damit schließt sich der Kreis.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte, aufwühlend und bewegend erzählt, was düstere Vergleiche zur Gegenwart evoziert.

 

Dixie Road
Splitter Verlag, August 2011
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Hugues Labiano
Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,80
ISBN: 978-3-86869-333-1
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag