DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 26 von 52: SUPERBOY #1 von Scott Lobdell und R.B. Silva.

MARC-OLIVER: Superboy ist ein Klon aus menschlicher und kryptonischer DNS, der im Rahmen eines geheimen Regierungsprojekts in einem Tank gezüchtet wird, dann vernichtet werden soll, aber durch die Zuneigung seiner biologischen „Mutter“, die an dem Projekt beteiligt ist, unverhofft zur Rebellion bewogen wird, was ihm das Leben rettet. Dass die Figur seine Mutter sein soll, wird im Comic übrigens nicht erwähnt, aber so plump angedeutet, dass es fast schon peinlich ist. Lobdell und Silva liefern hier einen Comic ab, der an Schlafmützigkeit und Belanglosigkeit leider kaum zu überbieten ist. Unoriginelle Plots sind ja kein Verbrechen, nur sollte man dann nicht so tun, als hätte man diese Geschichte eben erfunden und würde sie zum ersten mal einer frisch aus dem Ei geschlüpften Leserschaft verkünden.
Schön auch, dass in den hügelweise aufgetürmten Textboxen alles so kleingekaut wird, bis es auch der letzte Hinterbänkler geschnallt hat. Aber wenn einem beim Lesen die Füße einschlafen, reicht’s auch mal. Vielleicht hätte man der „Mutterfigur“ ein Privatleben verpassen oder irgendwas tun sollen, das die Geschichte etwas aufgepeppt hätte, ich weiß es nicht. Weder Lobdell noch Silva machen bei der Ausführung ihrer wild zusammengeklauten und robust zusammengeschusterten Geschichte einen groben Fehler. Sie begehen trotzdem eine Todsünde: Das Heft ist einfach nur strunzlangweilig. Und die Androhung eines Crossovers mit Teen Titans auf der letzten Seite ist auch nicht unbedingt ein Argument, dranzubleiben.
ZOOM-FAKTOR: 2 von 10!
BJÖRN: Endlich eine neue Superboy-Interpretation, endlich mal wieder ein kryptonischer Klon im Tank. Wenn du direkt nach Seite 1 eine doppelseitige Splashpage nutzt, auf der Leute einfach nur rumstehen und labern, während dutzende Captions den Rest der Seite überfluten, dann ist ein ganz schlechtes Vorzeichen für den folgenden Comic.
Das Konzept „gottgleicher Klon ohne menschlichen Anker“ hat ’nen so langen Bart, aber man kann damit was machen. Stattdessen bekommt Superboy weder Persönlichkeit noch Attitüde verpasst. Stattdessen gibt man uns Textwülste, die in mir das Bedürfnis ausgelöst haben, mir die Haare auszureißen. Keine einzige Figur spricht wie ein normaler Mensch, die Teenager nicht, die Wissenschaftler nicht, Lois Lane nicht, niemand!
Und alle Figuren monologisieren. Konstant! Ohne Pause! Ohne Unterlass! Bis zum Erbrechen! Bei so vielen Captions und Sprechblasen war natürlich kein Platz mehr für so was wie etwas Action, obwohl man diese „Geschichte“ locker in einem Drittelheft hätte erzählen können.
Dass die Wissenschaftlerin (übrigens Caitlin Fairchild aus Wildstorms Gen 13; während die weißhaarige Dame Ravager ist, die Tochter von Deathstroke) seine „Zellmutter“ sein könnte, ist mir beim Lesen als Idee nicht gekommen. Meine Vermutung war, dass Lex Luthor als Zellspender diente, damit Lobdell hier mit einem Superboy arbeiten kann, in dem sich Eigenschaften von Lex und Clark vereinen. Beim zweiten Lesen würde ich deiner Einschätzung zustimmen.
Ob aber überhaupt einer von uns beiden richtig liegt, werde ich nicht erfahren. Superboy hat mich so angeödet, dass ich mir nur dann weitere Ausgaben zulegen werde, falls ich mal längere Zeiten an schwerer Schlafstörung leiden sollte.
ZOOM-FAKTOR: 2 von 10!
Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.





Joseph Bell, seines Zeichens Chirurg, Kinder- und Militärarzt, inspirierte Arthur Conan Doyle zu seiner Figur des Sherlock Holmes. Der französische Allrounder Joann Sfar konzipierte rund um den Schotten Bell eine Comicserie, die die bislang angeblich unbekannte Seite der realen Person aufdecken soll.
Bemerkenswert sind auch die Zeichnungen von Hervé Tanquerelle, der Joann Sfar bereits seit dem dritten Band zur Seite steht (die ersten beiden Alben hatte Sfar sowohl getextet als auch gezeichnet). Sein Stil ist dem des Autors verblüffend ähnlich – wüsste man vorher nicht dass ein anderer Künstler verantwortlich ist, man würde den Unterschied zu den vorherigen Bänden kaum merken. Einzig, dass Tanquerelles Bilder noch einen Tick detailierter und filigraner sind, könnte beim näheren Hinsehen auffallen. Das macht die Grafik noch gelungener, die Serie zu einem, auch optischen, Highlight.

In seiner Formatreihe „Splitter Books“ bringt der Verlag die im Original vierteilige Serie Dixie Road in einem Band gesammelt heraus. Jean Dufaux ist ein so viel beschäftigter Schreiber, dass man sich nicht nur fragt, woher er die ganze Zeit und die ganzen Ideen nimmt, sondern auch, warum fast alle seine Serien so gut sind. Diese ausgezeichnete Serie hebt sich von den meisten anderen Dufaux-Stoffen ab. Er tummelt sich ja in den unterschiedlichsten Genres, wobei die meisten einen historischen Bezug haben. Was aber hier neu ist, sind die deutlichen soziakkritischen Aspekte. Wenn überhaupt ein Vergleich innerhalb von Dufaux‘ Werk gezogen werden soll, dann muss schon
Die Charaktere in der Geschichte sind fast gänzlich verdorben (und merkwürdigerweise bleibt ausgerechnet die Hauptfigur, Dixie, etwas blass). Dabei sind sie, von einem Profikiller abgesehen, nicht von Grund auf böse, sondern hängen nur dem amerikanischen Traum, dem Streben nach Glück, nach. Aber wenn ein Traum mit der Realität konfrontiert wird, zerstiebt er. Dixie Road hat etwas von einem Western und einem Roadmovie und vereint dabei weitere uramerikanische Welten. Das Versprechen der Freiheit und der Weite des Roadmovies und der Zivilisationsaufbau und der gewaltbereite Individualismus des Western geben sich hier die Hand.